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VORWORT

Als Torakazu Doi vor 25 Jahren seine „Einführung in das Kegon Sutra” in den
„Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens”
(Band 39) veröffentlichte, hatte er schon einen großen Teil dieses für den in Japan
verbreiteten Mahayana Buddhismus grundlegenden Sutras ins Deutsche übersetzt.
Noch vor seinem Tode konnte er diese erste Übersetzung des Kegon Sutras in eine
europäische Sprache vollenden und das riesige Manuskript der Bibliothek des
Tempels Tōdaiji in Nara zur Aufbewahrung übergeben.
Nach seinem Tode waren Frau und Tochter bemüht, das Lebenswerk Dois zu
veröffentlichen.
Im Jahre 1978 konnte mit Hilfe treuer Schüler und Freunde des Verstorbenen
wenigstens das berühmte 34. Buch („Das Buch vom Eintreten in den Kosmos der
Wahrheit”) gedruckt werden. Die für den abendländischen Leser unschätzbare
„Einführung” Dois wurde dabei als Einleitung abgedruckt. Erst als jener von dem
japanischen Übersetzerverband preisgekrönte Band vorlag, wurde es möglich,
weitere finanzielle Unterstützung für den Druck der ganzen Übersetzung zu
erhalten, und zwar verteilt auf mehrere Jahre. Dadurch wird es verständlich, daß
der vierte Band zuerst gedruckt wurde, der erste zuletzt.
Für den Leser seien im Folgenden einige Hinweise gegeben:
1. Vor der Lektüre der Übersetzung sollte man unbedingt die „Einführung in
das Kegon Sutra” von T. Doi lesen, die im vierten Band abgedruckt ist.
2. Der Leser sollte sich durch die vielen Wiederholungen und die vielen
Buddhanamen nicht abschrecken lassen. Das Sutra ist eine heilige Schrift des
Buddhismus, und schon das laute Rezitieren der unzähligen Buddhanamen und
Lobpreisungen ist ein gutes Werk im religiösen Sinne. Diese Rezitation muß man
sich durch den Chor der Mönche in einer Tempelhalle vorstellen.
3. Der indische Urtext ist verloren; es handelt sich um die deutsche
Übersetzung der chinesischen Übersetzung, die auch in den japanischen Tempeln
als heiliger Text (in altjapanischer Lesart) rezitiert wird. Durch die doppelte
Übersetzung hindurch ist die Besonderheit des indischen Denkens spürbar. Z.B.
wird Vielheit durch „Wolke” oder „Meer” ausgedrückt, Größe

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durch „Berg” und Erhabenheit durch „König Abstraktes wird durch konkrete
Bilder ausgesagt”. Auch die Landschaft und die mythischen Gestalten des Sutras
sind indisch. Bei den „Dämonen” ist zu beachten, daß sie, durch Buddha belehrt, zu
starken Wächtern der „drei Kleinodien” (Buddha, Buddhas Lehre und Buddhas
Gemeinde) geworden sind.
4. Indisch ist auch die Verstellung, daß die Welt zeitlich und räumlich
unendlich ist, also ohne einen absoluten Anfang und ohne ein absolutes Ende. Nur
die unendlich vielen Weltzeitalter oder Äonen haben ihren Anfang und ihr Ende.
5. Für den Mahayana Buddhismus ist die Lehre charakteristisch, daß in den
unendlich vielen Welten und Weltzeitaltern unendlich viele Buddhas und
Bodhisattvas erscheinen, um alle Lebewesen (Tiere, Menschen, Dämonen und
Götter) zu erlösen. Durch die unendliche Vervielfältigung des Erlösers wird
sinnfällig gemacht, daß auch das letzte, scheinbar vergessene Lebewesen doch
endlich erlöst werden wird. „Erlösung” bedeutet Erlösung vom Leiden durch
völliges Heraustreten aus dem leidvollen Kreislauf von Geburt, Tod und
Wiedergeburt.
6. Das Neue im Mahayana Buddhismus ist der Bodhisattwa als Erlöser. Er hat
die eigene Erlösung zurückgestellt, bis alle anderen erlöst sein werden. Die
Umwendung des Erfolgs der eigenen religiösen Bemühungen zum Heil der andern
wird im 21. Buch des Kegon Sutras behandelt (vgl. Band II). Damit tritt die
Fremd-Erlösung an die Stelle der Selbst - Erlösung, wie sie der Ur - Buddhismus
lehrt. An die Stelle der Nachfolge Buddhas ist der Glaube an Buddha und an den
Bodhisattva getreten. „Mahayana” bedeutet „das große Fahrzeug”, mit dem die
große Menge an das andere Ufer gebracht wird. Daher spricht das Kegon Sutra von
den „Fahrkünsten” des Bodhisattva.
Zum Schluß sei der Tochter des Übersetzers dafür gedankt, daß sie die
ungeheure Mühe des Korrekturlesens auf sich genommen hat. Wenn man bedenkt,
daß das Manuskript mit der Hand geschrieben und mehrfach verbessert ist, und daß
der japanische Setzer kein Deutsch versteht, kann man sich vorstellen, in welchem
Zustand die Druckfahnen waren. Nur durch Zuhilfenahme des chinesischen
Originals konnte sie, die von Beruf Germanistin ist, die unzähligen Druckfehler
korrigieren.
Wie ich bereits in meinem Geleitwort zum vierten Band, der zuerst gedruckt
wurde, gesagt habe, haben Frau und Tochter Doi mit der Veröffentlichung dieses
Werkes dem verstorbenen Übersetzer ein bleibendes Denkmal gesetzt und der
internationalen Wissenschaft einen unschätzbaren Dienst erwiesen.

Yokohama, den 10. September 1983


Robert Schinzinger

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