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PROLOG

AMIENS, SOMME; 8. AUGUST 1918, 05:21 UHR

I m kalten Licht des anbrechenden Tages wirkte das


Geschehen auf Carl seltsam unwirklich. In einiger
Entfernung glitzerte das Wasser der Somme, die aus
Amiens herausfloss. Als er den Blick zurückwandte,
konnte er sogar den Glockenturm der gotischen Kathe-
drale in Amiens sehen. Ein prachtvolles Bauwerk der
Hochgotik, eine der schönsten Kathedralen, die Carl
jemals zu Gesicht bekommen hatte. Wie gerne würde er
jetzt dort durch das Gewölbe wandeln. Aber er musste
seine Aufmerksamkeit wieder auf das Geschehen
konzentrieren, welches sich unmittelbar vor ihm
abspielte und der Schönheit der Landschaft ein für alle
mal auf groteske Art und Weise ein Ende setzte.
Die lodernde Feuerwalze bewegte sich rasch auf ihre
Stellung zu und einem gierigen Raubtier gleich
verschlang sie alles, was auf ihrem Weg lag. Carl sah
einige brennende Kameraden, die in der ersten Graben-
linie gelegen hatten, verzweifelt aus ihrer Stellung

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aufspringen und, entsetzliche Schreie ausstoßend,
schließlich zu Boden fallen. Der Geruch von
verbranntem Fleisch stieg ihm in die Nase, aber es war
kein angenehmer Duft, sondern mit das Widerwärtigste,
was er je in seinem ganzen Leben gerochen hatte.
Angst überkam ihn. Mit einer Vehemenz, die er nie
für möglich gehalten hätte. Die Schmerzensschreie der
sterbenden Kameraden verstummten, jegliche Geräu-
sche um ihn herum verstummten.
Die Feuerwalze hatte sich im ersten Graben festge-
bissen und verharrte dort. Aber nun folgten Trommel-
feuer und Granateneinsatz, die die Überlebenden des
Feuers in Stücke rissen. Carl wandte den Blick ab und
sah nach links, wo sein Freund Hans neben ihm stand.
Zuversichtlich zwinkerte dieser ihm zu. Carl sah noch,
wie sich die Lippen seines Freundes bewegten, aber er
hörte nichts. Dann verwandelte sich Hans’ Gesicht vor
seinen Augen in ein blutiges Inferno. Eine Gewehrkugel
trat in dessen linker Schläfe ein und zerfetzte den halben
Schädel. Das rechte Augenlid von Hans flatterte noch
einen Moment lang, bevor der Körper leblos zusammen-
sackte. Carl atmete heftig. Stoßweise presste er die Luft
aus seinen Lungen heraus und blickte wie paralysiert auf
seinen toten Freund. Dann spürte er einen Schlag auf
seinem Stahlhelm, ehe ihn jemand von hinten packte
und zu Boden riss, in Deckung hinter die Grabenwand.
Er landete mit dem Gesicht im von unzähligen Stiefeln
aufgeweichten, schlammigen Boden. Als er den Kopf
wieder hob, blickte er in den Spiegel. Erleichterung stieg
in ihm auf, inmitten dieses schrecklichen Szenarios. Sein
Hörvermögen kehrte zurück.

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»Ob alles in Ordnung ist, hab ich gefragt«, brüllte ihn
sein Zwillingsbruder Richard an. »Hey, Kleiner, komm
zu dir!« Sein Bruder verpasste ihm eine Ohrfeige.
»J-ja, es geht schon wieder«, stieß Carl benommen
hervor und rieb sich die Wange.
»Du hast verdammtes Glück gehabt, Kleiner«, sagte
Richard und deutete auf Carls Helm. Erst verstand er
nicht, wovon sein Bruder sprach, aber als er mit der
rechten Hand über den Helm fuhr, ertastete er die tiefe
Delle, wo eine Patrone gegen den stählernen Kopfschutz
geprallt war.
»Hör auf, mich Kleiner zu nennen, das ist lächer-
lich«, murmelte Carl. »Wir sind gleich alt.«
»Ich bin mindestens eine Minute älter als du«, erwi-
derte Richard grinsend.
»Dafür bin ich hübscher«, gab Carl zurück.
»Wenn du noch solche Scherze machen kannst, geht
es dir gut. Ich bin beruhigt.« Richard streckte ihm die
Hand entgegen und half ihm auf die Beine. »Komm, wir
sollten machen, dass wir abhauen, ehe die Engländer
hier durchbrechen.«
Carl folgte seinem Bruder in gebückter Haltung den
Graben entlang, bis sie zu einer Abzweigung kamen, die
zu einem tief eingegrabenen Bunker führte. Das Trom-
melfeuer und der Granatbeschuss hatten weitgehend
aufgehört, was bedeutete, dass die Alliierten auf sie zu
rückten.
»Wir müssen zum Bunker und durch den hinteren
Ausgang heraus.«
»Die lassen uns da niemals heraus«, keuchte Carl,
aber Richard eilte schon den Weg entlang. Kurz bevor sie

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den Bunker erreichten, kam ihnen ein Unteroffizier mit
blutverschmiertem Gesicht entgegen.
»Wenn das nicht meine beiden Lieblinge sind: die
Gefreiten Falkenburg«, sagte er mit einem sardonischen
Grinsen. »Was habt ihr zwei hier zu suchen? Warum seid
ihr nicht vorne und erwartet den Angriff?«
»Wir wollten Meldung machen«, erwiderte Richard
blitzschnell. »Es ist …«
»Du hast hier nichts zu melden, Gefreiter«, schnauzte
der Unteroffizier ihn an. »Kommt mit ihr zwei. Entweder
werdet ihr gleich zu echten Männern oder zu Leichen!«
Er packte sie beide an den Armen und zog sie mit sich,
zurück zu der vorderen Grabenlinie.
»Das ist Wahnsinn«, protestierte Richard, während
der Unteroffizier sie vor sich her trieb. »Wir können diese
Stellung nicht halten!«
»Das sieht die OHL aber anders. Und ich ebenso.
Solange noch ein Deutscher hier aufrecht steht, werden
wir die verfluchten Briten nicht durchbrechen lassen!
Verstanden?« Carl und Richard blickten einander an
und nickten schließlich. Eine Granate schlug nicht weit
entfernt von ihnen ein und ließ Sand und Steine auf sie
hinabregnen. Ein erfreutes Grinsen zeigte sich im
Gesicht des Unteroffiziers. »Heute ist der Tag, an dem
wir denen die Stärke des Kaiserreichs zeigen werden!« Er
zog seine Luger und richtete deren Lauf kurz auf
Richard, ehe er ihn gen Himmel hielt. »Euch zwei werde
ich im Auge behalten. Es gibt nur eine Richtung, in die
ihr euch bewegen dürft, und die liegt dort!« Der Lauf
seiner Pistole zeigte nun über den Grabenwall hinweg
zum Schlachtfeld, wo die erste Grabenreihe ausgebrannt

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dalag. »Also schnappt euch eure Gewehre und haltet
euch für unseren Ausfall bereit!«
Carl nickte dem Unteroffizier zu und nahm zur
Bekräftigung seine Mauser vom Rücken. Sein Bruder
zögerte einen Moment, nahm aber schließlich sein
Gewehr ebenfalls in die Hand und steckte das Bajonett
vorne an den Lauf.
»Und jetzt nach vorne mit euch, zu euren Kamera-
den«, zischte der Unteroffizier.
Langsam ging Carl voran, während das Trommel-
feuer der Alliierten wieder einsetzte. Die meisten ihrer
Kameraden hockten mit dem Rücken an die Graben-
wand gelehnt, die Hände umklammerten die Gewehre
und in den Augen sah er bei allen denselben Ausdruck.
Angst.
Richard hockte sich neben ihn und die anderen
Männer, von denen die meisten ebenso unerfahren
waren wie sie selbst mit ihren neunzehn Jahren. Carl
hatte die leise Befürchtung, dass weder er noch sein
Bruder ihren zwanzigsten Geburtstag erleben würden.
»Dieser verdammte Trottel«, flüsterte Richard. »Wir
werden alle sterben, wenn wir einen Ausfall wagen.« Wie
zur Bestätigung explodierte eine weitere Granate unweit
ihrer Stellung und bedeckte sie mit Sand und Steinen.
Carl beobachtete den Unteroffizier, der ein paar
Meter weitergegangen war, aus dem Augenwinkel.
»Aber wenn wir versuchen zu verschwinden,
erschießt er uns als Deserteure.«
»Und was schlägst du stattdessen vor? Willst du auf
diesem verdammten Schlachtfeld sterben? Das ist nicht
nur unser Ende, sondern auch das unserer Familie.«

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»Wir müssen eben überleben«, erwiderte Carl und
biss sich danach auf die Unterlippe. »Ich passe auf dich
auf und du auf mich. Gemeinsam werden wir diesen Tag
überleben!« Mit beschwörendem Blick sah er
Richard an.
»Manchmal kannst du ziemlich überzeugend sein,
Kleiner.« Ein Lächeln huschte über das Gesicht seines
Zwillingsbruders. »Also gut. Dann lass uns versuchen,
den Abend noch zu erleben.«
Für einen flüchtigen Moment lang glaubte Carl
daran, dass sie es schaffen konnten, lebend aus dieser
Hölle zu entkommen. Dann würden sie abends wieder
in das nette kleine Lokal unweit der Kathedrale von
Amiens einkehren und dort den köstlichen Rotwein trin-
ken, während sie sich des Lebens erfreuten. Doch die
Wirklichkeit holte ihn schnell wieder ein. Die Alliierten
hatten den Granatbeschuss eingestellt und das unab-
lässig ratternde Trommelfeuer war fast zur Gänze
verstummt.
»Sie kommen! Attacke!«, brüllte ihr Unteroffizier und
trieb die Soldaten des Infanteriebataillons der 2. Armee
aus dem Graben heraus. Auch Carl und Richard
sprangen auf und machten den Ausfall mit.
Dunkler Rauch waberte über der Landschaft, die von
der Feuerwalze der Alliierten verheert worden war. Aus
dem finsteren Qualm, der sich auch von den Sonnen-
strahlen nicht auflösen ließ, traten unzählige schatten-
hafte Gestalten hervor. Die Szenerie wirkte noch
unwirklicher auf Carl, als es noch zu Beginn des
Angriffes war. Er feuerte seine Mauser ab. Lud durch
und feuerte erneut. Einige der herannahenden Gestalten

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fielen zu Boden. Schrilles Pfeifen war zu hören, als die
Patronen aus den englischen Gewehren an seinen Ohren
vorbeizischten. Immer mehr Soldaten kamen durch die
dunklen Rauchschwaden auf sie zu. Für jeden Mann, der
zu Boden ging, folgten gleich zehn nach. Carls Zuver-
sicht sank, als er mehrere Engländer auf sich zulaufen
sah. Er konnte ihre Gesichter erkennen. Seine Hände
zitterten und er schaffte es nicht, den Abzug seines
Gewehres ein weiteres Mal zu betätigen. Plötzlich wurde
es unerträglich heiß neben ihm. Eine Feuerfontäne
schoss dicht an ihm vorbei und erfasste die heranstür-
menden Soldaten. Wie gelähmt sah Carl mit an, wie
Panik in die Gesichter der Männer trat. Viele waren
nicht älter als er. Sie warfen sich zu Boden, rissen sich
die Uniformen vom Leib, und versuchten, die tödlichen
Flammen zu ersticken, indem sie sich hin und her wälz-
ten. Vergeblich. Jeder, der nicht von dem Feuer dahinge-
rafft wurde, bekam eine Kugel verpasst. Carl spürte, wie
Tränen seine Wange hinabliefen. Der Flammenwerfer-
trupp, drei Soldaten für die Bedienung der Waffe und
zwei zur Absicherung, zog unbeeindruckt weiter auf die
Alliierten zu und deckte diese mit dem tödlichen Feuer-
strahl ein. Aber dann traf eine verirrte Kugel den zylin-
drischen Tank mit dem Flammöl auf dem Rücken eines
der Männer. Die Explosion riss den gesamten Trupp in
Stücke. Carl wurde von der Druckwelle zu Boden
geworfen und verlor das Bewusstsein.
Als er die Augen wieder aufschlug, hörte er nur noch
vereinzelte Schüsse und gequälte Todesschreie. Eine
Stimme erkannte er sofort und sprang panisch auf.
»Richard!«

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Er sah sich um. Unzählige Körper lagen verteilt auf
dem Boden. Deutsche Uniformen. Englische Uniformen.
Im Tod endlich friedlich vereint. Erneut vernahm er das
schmerzhafte Aufstöhnen seines Bruders und rannte in
die Richtung, aus der es kam. Er fand Richard zwischen
mehreren Leichen liegen, die linke Hand auf eine klaf-
fende Wunde am Oberschenkel gepresst, während er in
der rechten eine Pistole hielt, die er auf Carl richtete.
»Ich bin’s!«
Richard ließ die Waffe erleichtert sinken.
»Leider habe ich deinen Plan versaut. Das mit dem
Überleben könnte sich als schwierig erweisen«, stieß
Richard gequält hervor.
»Rede keinen Unsinn. Wir werden es gemeinsam
raus schaffen.« Carl kniete sich neben seinen Bruder hin
und betrachtete die Wunde in dessen Bein. Schnell zog
er ein Päckchen mit Verbandsmaterial aus der kleinen
Tasche, die er an seinem Koppel trug, und begann damit,
einen Verband anzulegen. Dieser war jedoch schon kurz
nachdem er damit fertig war, blutdurchtränkt.
»Es hat keinen Sinn, Carl. Lass mich liegen und rette
dich selbst!«
»Niemals! Entweder gehen wir beide oder keiner von
uns.«
»Verdammter Sturkopf! Siehst du denn nicht, dass
ich verblute? Es ist zu spät«, keuchte Richard. »Höre
wenigstens einmal im Leben auf mich und …«
Carl blickte verwundert in Richards Gesicht, als
dieser mitten im Satz verstummte. Sein Bruder sah an
ihm vorbei. Er drehte sich um und erblickte den Englän-
der, der auf sie zukam und ein Gewehr auf sie richtete.

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»Nimm die Luger«, wisperte Richard.
»Zu spät«, erwiderte Carl, stand langsam auf und hob
die Hände über den Kopf. »Do not shoot, we surrender«,
rief er dem englischen Soldaten zu.
Der kam stumm einige Schritte näher und blieb etwa
drei Meter von Carl entfernt stehen. Hasserfüllt blickte
er Carl an. Dann hob er sein Gewehr und legte den
Finger an den Abzug.
»Please … not«, stammelte Carl aus trockener Kehle.
Dann brach ein Schuss und der Engländer ließ das
Gewehr fallen, während aus seinem Hals das Blut
spritzte, bis vor Carls Füße.
»Schnapp dir sein Gewehr und komm«, brüllte eine
Stimme ihn an, während er noch fassungslos auf den
sterbenden Soldaten starrte. Carl drehte den Kopf zur
Seite und sah den Unteroffizier, der ihn und Richard vor
dem Bunker aufgehalten und zurück zum Schlachtfeld
geführt hatte. Aber ehe er etwas erwidern konnte, fielen
weitere Schüsse und der Körper des Unteroffiziers wurde
von mehreren Geschossen getroffen. Erst machte er wie
unter elektrischen Zuckungen ein paar Schritte zurück
und feuerte noch einmal seine Pistole ab, ehe er zu
Boden stürzte. Carl sah einen Trupp von mehreren
englischen Soldaten auf sich zukommen. Mit erhobenen
Händen kniete er sich auf den Boden neben Richard.
»Das war’s. Jetzt sind wir dran«, sagte Richard mit
erstaunlicher Gelassenheit. »War schön mir dir, Carl.«
Einer der Engländer blieb direkt vor ihnen stehen
und sah sie mit kühler Miene an. Seinen rechten Arm
hielt er ausgestreckt neben dem Körper, eine Pistole in
der Hand haltend.

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»Shoot them down, Henry!«, rief einer der anderen
Soldaten dem Mann zu.
Für einen kurzen Moment schien der Angespro-
chene gewillt, der Aufforderung Folge zu leisten, dann
steckte er die Pistole in sein Gürtelholster.
»Gentlemen, you are Prisoners of War now«, sagte er
zu Carl und Richard und beendete mit diesen Worten
den Krieg für die beiden Brüder.

Hundert Tage nach der Schlacht bei Amiens, am 11.


November 1918, endete der Krieg auch für alle anderen,
als das Kaiserreich den Vertrag über einen Waffenstill-
stand mit Frankreich und Großbritannien in einem
Eisenbahnwaggon nahe der Stadt Compiègne unter-
zeichnete.
Im Frühjahr des Jahres 1919 wurden die Brüder
Falkenburg aus englischer Kriegsgefangenschaft nach
Hause entlassen.

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TEIL EINS
DER FUND DES JAHRHUNDERTS
EINS
DER FUND DES JAHRHUNDERTS
BERLIN, 07. DEZEMBER 1922

D ie Marmorbank war angenehm kühl, als Carl


darauf Platz nahm. Er legte seinen Hut neben
sich ab. Von hier aus konnte er die wundervollen Säulen
mit ihren bunten Bemalungen und den blütenartigen
Kapitellen sowie die Sphinx und die Statue von Ramses
II. in all ihrer Herrlichkeit bewundern. Der ägyptische
Hof im neuen Museum war einer der schönsten Orte,
die er je besucht hatte. Normalerweise konnte er
Stunden damit verbringen, sich diese prachtvollen
Relikte der ägyptischen Hochkultur anzusehen, aber
heute war es anders. Seine Hände zitterten vor Aufre-
gung, als er auf das Titelblatt der Vossischen Zeitung
blickte. Er las die kurze Schlagzeile, die darauf verwies,
dass der heutigen Ausgabe der Zeitung aufgrund der
sensationellen Entdeckung eine Extra-Beilage zugefügt
war.
Das Grab des Pharao Tutanchamun.
Obwohl er bereits vor einer Woche den Bericht in

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der London Times gelesen hatte, war seine Aufregung
nicht geringer geworden. Im Gegenteil. Denn in dieser
Beilage gab es einen Beitrag von Ludwig Borchardt,
berühmter Ägyptologe und Direktor des Deutschen
Instituts für Ägyptische Altertumskunde in Kairo, dem
Sehnsuchtsziel von Carl. Eilig zog er die Beilage hervor.
Auf dem Titel prangte groß die Überschrift:
»D AS G RAB VON T UTANCHAMUN GEFUNDEN !«
Carl blätterte durch die Seiten, las verschiedene –
zumeist sensationslüsterne – Überschriften der Beiträge,
bis er den Artikel von Ludwig Borchardt fand. Dieser
war deutlich sachlicher betitelt.
»Howard Carters Entdeckung in Theben enthüllt
Ruhm und Reichtum der 18. Dynastie«, las Carl leise zu
sich selbst sprechend vor sich hin. Er sog den Inhalt des
knapp zwei Seiten umfassenden Artikels förmlich auf.
Als er damit geendet hatte, ließ er die Beilage sinken und
blickte sehnsuchtsvoll auf die mächtige Statue von
Ramses II. Der steinerne Blick des Pharao schien ihn
zwischen den Säulen hindurch zu fixieren. Dann sprach
das in Ewigkeit erstarrte Abbild des mächtigen Pharao
mit lauter, tiefer Stimme zu ihm.
»Ein Wandrer kam aus einem alten Land!«
Kurz zuckte Carl zusammen und sah sich um. Er
war alleine im ägyptischen Hof, kein anderer Besucher
hielt sich hier auf. Sein Blick ging wieder zur Ramses-
Statue.
»Und sprach: Ein riesig Trümmerbild von Stein steht
in der Wüste, rumpflos Bein an Bein, das Haupt dane-
ben, halb verdeckt von Sand«, führte er das ihm gut
bekannte Gedicht von Percy Shelley weiter fort, während

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er von der Marmorbank aufstand und durch die Säulen
zum Standbild ging.
»Seht meine Werke, Mächt’ge, und erbebt!«, dröhnte
es laut hinter dem Pharao hervor, gefolgt von einem
glucksenden Lachen. Dann trat Richard aus seinem
Versteck hervor. »Hallo Bruderherz.«
»Immer noch für einen Scherz zu haben«, sagte Carl
augenzwinkernd.
»Eigentlich hatte ich gehofft, dich ein wenig mehr zu
erschrecken.«
»Mich erschreckt so leicht nichts, das weißt du doch.«
Er umarmte seinen Zwillingsbruder. »Schön, dich
endlich wiederzusehen.«
»Geht mir ebenso. Wie lange lange ist es jetzt her?
Ein Jahr?«
»Ganze fünfzehn Monate«, erwiderte Carl. »Und
geschrieben hast du mir das letzte Mal vor vier Mona-
ten«, fügte er mit leicht vorwurfsvollem Tonfall hinzu.
»Du hättest mir auch schreiben können«, verteidigte
sich Richard.
»Das habe ich! Aber die letzten Briefe kamen alle
zurück, da kein Empfänger zu ermitteln war. Wo hast du
dich bloß wieder herumgetrieben?«
»Überall und nirgends«, lachte Richard. »Ich war
ziemlich beschäftigt, verzeih mir bitte. Ich lade dich zur
Wiedergutmachung zum Mittagessen ein, was hältst du
davon?«
»Als Anfang schon mal nicht schlecht. Du darfst
mich ins Weinhaus Rheingold einladen.«
»Rheingold? Klingt ganz nach unserem Zuhause«,
lachte Richard.

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»Es wird dir dort gefallen, komm.« Carl faltete seine
Zeitung zusammen und steckte sie in die Innentasche
seines Mantels. Dann ging er zur Marmorbank zurück,
nahm seinen Hut und wandte sich zum Ausgang aus
dem ägyptischen Hof.
Als sie aus dem Museum traten, rieselten feine
Schneeflocken vom Himmel herab und versuchten
vergeblich, den Boden dauerhaft unter einer weißen
Decke verschwinden zu lassen. Mit der Straßenbahn
dauerte es nur wenige Minuten, bis sie beim beliebten
Weinhaus Rheingold in der Potsdamer Straße ankamen.
Es war kurz vor Mittag und das Großrestaurant, das
knapp viertausend Menschen Platz bot, war dementspre-
chend gut besucht. Auf dem Weg ins Restaurant erläu-
terte Carl seinem Bruder die Geschichte des imposanten
Bauwerks. Ursprünglich sollte das Rheingold ein
Konzerthaus werden, was auch die Namenswahl
erklärte. Aber die Berliner Baupolizei hatte scharfe
Auflagen und schlussendlich untersagte sie den ange-
peilten Konzertbetrieb und erlaubte nur die Nutzung als
Restaurant. Dadurch, dass hinter dem ambitionierten
Bauprojekt der Berliner Gastronomiekonzern Aschinger
steckte, war die Umwidmung der Konzertsäle in Restau-
ranträume die logische Konsequenz und das Rheingold
erfreute sich aufgrund seiner ungewöhnlichen Aufma-
chung großer Beliebtheit bei den Berlinern sowie auch
bei den zahlreichen Touristen, die nach dem Ende des
Krieges wieder vermehrt in die Stadt strömten.
Sie betraten das Vestibül, von wo aus sich mehrere
Treppen und Durchgänge abzweigten. Ein Wegweiser
mit den Namen der zu erreichenden Säle stand an

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zentraler Position der Empfangshalle. Carl wusste genau,
in welchen Saal er wollte und ging durch den Gang zu
seiner Linken in den Galeriesaal, durchquerte diesen mit
schnellen Schritten, gefolgt von Richard, bis sie über
eine Treppe aus dunklem Marmor in den Mahagonisaal
traten.
»Wow, nicht schlecht«, sagte Richard anerkennend,
als er seinen Blick durch den Raum streifen ließ. Wände
und Decken waren mit bordeauxrotem Mahagoni vertä-
felt, dem der Saal seinen Namen verdankte. An beiden
Seiten des Saales waren große Fenster eingelassen,
durch die reichlich Licht in den dunkel wirkenden Raum
einfiel und so für eine angenehme, warme Atmosphäre
sorgte. Ein Kellner nahm sie in Empfang und führte sie
zu einem der wenigen freien Tische, der fast am Ende
des Saales gelegen war. Sie hängten ihre Mäntel und
Hüte an einen der zahlreichen Garderobenständer, die
in allen Ecken des Saales verteilt waren, und nahmen am
Tisch Platz. An der abschließenden Wand des Saales,
genau gegenüber von Richards Stuhl, war ein riesiges
Holzrelief eingelassen. Die obskure Darstellung auf dem
Relief würdigte Richard mit einem abfälligen Blick.
»Ja, es ist etwas gewöhnungsbedürftig«, sagte Carl, als
er den Ausdruck im Gesicht seines Bruders bemerkte.
»Aber lass dir dadurch den Appetit nicht verderben.«
»Keine Sorge, du weißt doch, Essen kann ich immer
und überall.« Richard nahm die Speisekarte in die Hand,
während der Kellner zurückkam und ihnen einen Korb
mit Schrippen auf den Tisch stellte. Carl bestellte eine
Flasche Rotwein für sie beide, was Richard mit dem
Hochziehen der linken Augenbraue quittierte.

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»Was denn, trinkst du keinen Rotwein mehr?«, fragte
Carl.
»Doch, aber ich habe gerade den Preis dafür in der
Karte gesehen. Ist das ernst gemeint? Zweihundert
Mark?«
»Du hast es wohl nicht mitbekommen, aber die Infla-
tion schreitet immer mehr voran. Würde mich nicht
wundern, wenn sie nächstes Jahr noch schlimmer wird
als dieses. Aber mach dir keine Sorgen, die nehmen auch
Fremdwährungen an und ich habe noch Britische Pfund
in der Tasche.«
»Ich hab doch gesagt, du bist eingeladen. Und wenn
man mit ausländischer Währung bezahlen kann, umso
besser. Ich habe Dollars. Reichlich.«
Jetzt war es an Carl, die Augenbrauen hochzuzie-
hen, als sein Bruder aus der Innentasche seines
Jacketts ein Bündel amerikanischer Banknoten
hervorzog.
»Was hast du gemacht? Eine Bank überfallen?«
In Richards Gesicht zeigte sich ein amüsiertes
Grinsen und er steckte das Geldscheinbündel
wieder ein.
»Aber nicht doch. Aber während du dich in Berlin
mit der grauen Theorie der Ägyptologie beschäftigst,
habe ich mich eher einigen praktischen Feldstudien der
Archäologie gewidmet – mit entsprechendem Erfolg.« Er
zwinkerte. »Ich war gemeinsam mit Mitarbeitern des
MMA in Mexiko unterwegs, zu einer Ausgrabungsstätte
der Aztekenkultur. Die müssen sich nicht hinter den
Ägyptern verstecken, sage ich dir! Auf jeden Fall gab es
einige Funde und die Amerikaner waren mit meiner

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Arbeit sehr zufrieden.« Mit einem selbstbewussten
Lächeln lehnte Richard sich zurück.
»Was ist das MMA?«, fragte Carl.
»Das New Yorker Metropolitan Museum of Art
natürlich«, belehrte Richard ihn großspurig. »Du musst
deinen Fokus unbedingt etwas erweitern, Bruderherz.
Diese Fixierung auf Ägypten tut dir nicht gut.«
»Ich kenne das Met«, knurrte Carl in seiner Ehre
verletzt. »Nur die Abkürzung MMA war mir in diesem
Zusammenhang nicht geläufig.«
»Aber sicher. Wie dem auch sei, die Amerikaner
haben gut bezahlt und nachdem die Ausgrabungen
beendet waren, dachte ich mir, es wäre schön, meinen
geliebten Bruder endlich einmal wiederzusehen.«
»Worüber ich mich wirklich sehr freue«, erwiderte
Carl im versöhnlichen Tonfall. »Es war eine viel zu lange
Zeit. Das letzte Mal, als wir uns gesehen haben, war auf
Mutters Beerdigung.«
»Ja.« Richard beugte sich vor und lehnte sich mit
beiden Armen auf den Tisch. Mit trauriger Miene sah er
Carl an. »Was ist mit unserem Familienstammsitz? Hast
du dir schon Gedanken gemacht, was damit geschehen
soll?«
»Nein, habe ich nicht. Wozu auch? Es ist Vaters
Vorrecht darüber zu entscheiden.«
»Der alte Mann wird auch nicht mehr lange leben,
das weißt du genauso gut wie ich, Carl.« Die Gesichts-
züge seines Bruders verhärteten sich und in seiner
Stimme schwang kühle Verachtung mit.
»Bist du deswegen nach Deutschland zurückgekehrt?
Um dir deinen Erbteil auszahlen zu lassen, Prinz von

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Falkenburg?« Carl schnaubte verächtlich, die ganze
Wiedersehensfreude war ihm schlagartig vergällt.
»Auf den Adelstitel verzichte ich gerne, der kann mit
Vater ins Grab gehen, soweit es mich betrifft. Ohne
diesen verdammten Titel wären wir nie gezwungen
worden, damals in den Krieg zu ziehen«, sagte Richard
bitter. Sein Blick wurde starr. »Ich träume manchmal von
den Schlachtfeldern, dann wache ich zitternd auf und
kann nicht mehr einschlafen, weil ich diesen Geruch
immer noch in der Nase habe, den Geruch von Tod.«
Richard sah Carl direkt in die Augen. »Geht es dir nicht
ähnlich? Du brauchst nicht zu antworten, ich weiß es
auch so.«
Der Kellner kam an ihren Tisch zurück, brachte den
Rotwein und nahm ihre Essensbestellung auf. Carl trank
einen großen Schluck vom Wein und versuchte damit
auch, seinen Ärger hinunterzuspülen. Richard nahm
sich währenddessen eine der Schrippen. Nachdem sie
sich über eine Minute schweigend gegenübergesessen
hatten, brach Richard das Schweigen schließlich.
»Ich bin nicht hergekommen, um mit dir zu streiten.
Obwohl mir das sehr gefehlt hat.« Spitzbübisch lächelte
er ihn an.
Carl atmete mit einem tiefen Seufzer aus. »Ja, darin
waren wir schon immer gut. Aber ich hatte gehofft, wir
halten es diesmal etwas länger aus, ohne erneut zu
streiten.«
»Dann lass uns einfach so tun, als hätten die letzten
Minuten gar nicht stattgefunden.« Richard hob sein
Weinglas und hielt es Carl entgegen. »Zum Wohl,
Bruderherz.«

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»Zum Wohl!«
»Diese Schnitzerei ist wirklich ziemlich hässlich und
verstörend«, lachte Richard und wies auf das Holzrelief.
Carl wandte sich um und betrachtete die Szene auf dem
Relief. Sie zeigte eine Frau, einen Mann und ein Kind.
Allerdings in fantasievoller Darstellung. Die Frau hatte
statt Füßen Vogelkrallen, während der Mann auf Bock-
füßen daher schritt. Das Kind war ohne solche Attribute,
jedoch ohne jeden Zweifel hässlich.
»Ein wahres Meisterwerk, nicht wahr?«, fragte ein
älterer Herr vom Nebentisch, als er bemerkte, wie einge-
hend Carl und sein Bruder die Schnitzerei betrachteten.
»Das ist ein Werk von Franz Metzner«, fuhr der Alte fort.
»Es stellt die wollüstige Frau und den geilen Mann dar
und das Produkt ihrer Fleischeslust: das Kind der Sünde,
ein Phantom von ausnehmender Hässlichkeit.«
»Ja, das ist ihm wirklich gut gelungen«, erwiderte
Richard mit sarkastischem Unterton, den der Alte
jedoch überhörte.
»Sie sollten sich unbedingt noch die Werke Metzners
an der Fassade beim Eingang an der Bellevuestraße
ansehen. Ganz wundervoll«, schwärmte der
Unbekannte.
Der Kellner brachte ihnen ihr Essen und unterbrach
somit das Gespräch, wofür Carl nicht undankbar war. Er
nickte dem Alten vom Nachbartisch zu und begann zu
essen.
»Also, jetzt erzähl du mal, wie kommst du mit
deinem Ägyptologiestudium voran?«, fragte Richard mit
halb vollem Mund.
»Es läuft ganz hervorragend. Mittlerweile beherrsche

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ich die Hieroglyphen schon mühelos und mein Arabisch
ist genauso gut wie unsere Muttersprache. Sogar
Professor Erman ist von meinen Fortschritten sehr
angetan und hat sich deswegen in meiner Bewerbung für
mich verwendet.« Stolz schwang in Carls Stimme mit.
Adolf Erman war einer der führenden deutschen Ägyp-
tologen, neben Ludwig Borchardt einer der prägendsten
Köpfe und dreißig Jahre lang der Direktor des Ägypti-
schen Museums Berlin gewesen. Die von ihm gegrün-
dete Berliner Schule der Ägyptologie war der Grund für
Carl, nach dem Krieg nach Berlin zu kommen und sich
an der Friedrich-Wilhelms-Universität einzuschreiben.
Es war das unbestrittene Zentrum der deutschen Ägyp-
tologie und wurde auch über die Landesgrenzen hinweg
anerkannt.
»Was für eine Bewerbung?«, wollte Richard wissen.
»Es wird Zeit, dass ich praktische Erfahrung
sammele, genau wie du. Und jetzt ist einer der aufre-
gendsten und besten Zeitpunkte, um nach Ägypten zu
gehen.«
»Du meinst wegen des Grabs von Tutanchamun, das
Howard Carter letzte Woche entdeckt hat?«
»Natürlich. Das ist der Fund des Jahrhunderts,
Richard! Ein intaktes Pharaonengrab, ungeplündert,
unangetastet! Eine Sensation, etwas nie Dagewesenes.«
Carl spürte, wie die Aufregung von seinem Körper Besitz
ergriff und er regelrecht zu zittern anfing.
»Sehr schön, aber was hat das mit dir und deiner
Bewerbung zu tun?«
»Henry«, erwiderte Carl knapp und führte sich mit
der Gabel ein weiteres Stück Bierwurst zum Mund.

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Richard sah ihn erstaunt an.
»Henry? Du meinst den Henry, der uns damals in
Amiens gefangen genommen hat?«
»Und uns damit das Leben gerettet hat. Ja, genau den
meine ich.« Carl lächelte. Sie konnten damals von Glück
sagen, dass es Henry gewesen war, der auf dem Schlacht-
feld vor ihnen gestanden hatte. Die meisten anderen
Engländer hätten sie wohl sofort erschossen. Aber
Henry war Lord eines alten englischen Adelsgeschlechts
und ein Ehrenmann durch und durch. Er setzte durch,
dass sie in Kriegsgefangenschaft genommen wurden und
rettete ihnen damit mit Sicherheit das Leben.
»Das du immer noch Kontakt zu diesem Engländer
hältst, überrascht mich. Aber was hat er mit deiner
Bewerbung zu tun?«
»Nun, wie dir vielleicht entgangen ist, hat Howard
Carter einen Sponsor, der die Ausgrabungen im Tal der
Könige finanziert und in Besitz der Grabungslizenz ist.«
Richard erwiderte nichts, sondern zuckte nur mit
den Schultern, während er weiter aß. »Und dieser hört
auf den Namen George Herbert, seines Zeichens der 5.
Earl of Carnarvon und er ist Henrys Vater.«

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