Elektronische Trends

Es fällt nicht leicht, den Überblick auch nur halbwegs zu bewahren: laufend werden Gadgets, Geräte mit neuer technischer Funktionalität, in immer kürzer werdenden Produktzyklen auf den Markt gebracht. Die Frage, ob es sich dabei lediglich um Spielzeug für Freaks oder ernst zu nehmende Trends mit Auswirkungen auf die Medienlandschaft handelt, ist nicht einfach zu beantworten. Darüber hinaus entstehen neue Formen der Mediennutzung, die durch die interaktiven Tools möglich werden. Traditionelle Broadcasting-Modelle werden durch Dialog und Netzkulturen ergänzt. Wovon Bertolt Brecht in seiner sogenannten „Radiotheorie“ Anfang der Dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts noch träumte scheint mit der interaktiven Vernetzung des Web 2.0 Realität geworden zu sein: „Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur zu hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn auch in Beziehung zu setzen.“ Technische Entwicklungen und partizipative sich vernetzende Prosumenten (Personen, die gleichzeitig „Konsumenten“ als auch „Produzenten“ sind) werden zur treibenden Kraft des Wandels der Medienlandschaft. Der Kunde wird, wie die Open-Source-Bewegung oder auch Wikipedia zeigen, zum Co-Designer der Produkte und Dienstleistungen. Er kauft und nimmt sie nicht mehr nur in Anspruch, sondern liefert gleichzeitig Informationen für ihre Verbesserung mit dem Ergebnis, dass das selbst mitgestaltete Produkt besser gefällt. Das sich abzeichnende Bild ist uneinheitlich. Zu neu sind viele OnlineAnwendungen oder Geräte. Erst vor ca. 10 Jahren ist das Internet im Mainstream angekommen. Trotz rasantem technischen Fortschritt: die tatsächliche Innovation passiert an der Schnittstelle zwischen Technologie und Gesellschaft.

Exemplarisch seien einige Entwicklungen heraus gegriffen: Video – live und interaktiv Der Erfolg der Online-Videoplattform YouTube hat zahlreiche weitere Anbieter dazu motiviert noch innovativere Dienste zu entwickeln. Dazu gehört beispielsweise Kyte.tv, seit April 2007 online: „Starte mit kyte.tv ab sofort deinen interaktiven Fernsehkanal und produziere Shows live für Handys, Webseiten, Blogs und dein Social Network“ lautet die Aufforderung. Die selbst produzierten, interaktiven TV-Shows können gleichzeitig auf Webseiten, Blogs, die persönliche Social Networking-Seite oder auf Handys übertragen werden. Mittels Live-Chat und Voting-Möglichkeiten bleiben die Zuschauer jederzeit und überall live miteinander verbunden. Das Feature Videos mit dem Mobiltelefon aufzunehmen und an Kyte.tv zu senden funktioniert tatsächlich. Einzige Voraussetzung ist ein Pauschalpaket für den Transfer der Daten über das UMTS-Netz. Auch die

Interaktivität ist erstaunlich. Reaktionen per Chat lassen nicht lange auf sich warten. Einen Schritt weiter geht Mogulus.com. „Mogulus gives you everything you need to launch your own Live 24/7 television station.” Der Videodienst verfügt über eine Web-Oberfläche, die es ermöglicht Video online zu editieren, mit animierten Grafiken zu versehen und sogar Kanäle von unterschiedlichen Usern zu mixen. Zurzeit befindet sich Mogulus noch in einem nicht öffentlichen Beta-Test, funktioniert aber bereits gut. Weitere aktuelle Video-Dienste sind Ustream.tv sowie Justin.tv. Hier steht die Live-Übertragung von Video ins Internet im Vordergrund. Die Live-Aufnahmen können aufgezeichnet werden und in andere Web-Sites eingebettet werden. Mittlerweile dürfte es für einige Menschen zur digitalen Kultur gehören, täglich aus ihrem Wohnzimmer, Büro oder von unterwegs Video zu senden. So schreibt der junge Amerikaner Ronald Lewis: „This lifecast serves as the live component of my everyday digital lifestyle in Denver, Colorado. It's the perfect platform to engage the world, create new relationships, discover new opportunities and more.” 60.000 Besucher zählt er monatlich auf seinem Lifecast unter www.justin.tv/ronaldlewis. Unter Lifecasting versteht man eine möglichst durchgehende Übertragung des persönlichen Lebens. Oft kommt dabei mobiles Videoequipment zum Einsatz. Lifecasting ist eine umgekehrte Variante der Übewachungskameras, die an immer mehr öffentlichen Plätzen installiert werden. Wenn auch viele der Lifecasts schnell langweilig werden, so ziehen sie insgesamt doch Aufmerksamkeit auf sich und bieten Interaktivität und Synchronität wie kein anderes Medium.

High Definition Mit der Ankündigung von Adobe den Flashplayer in der nächsten Version auf HDFormat aufzurüsten wird Online-Video weitere Attraktivität gewinnen. Alle bedeutenden Video-Plattformen benutzen das Flash-Format. Youtube-Videos wird man in Europa möglicherweise eher in hochauflösendem Format zu sehen bekommen als öffentlich-rechtliches TV. Eine Vielzahl von HD-Videos lässt sich bereits über die Peer-to-Peer-Plattform des miro/Democracy-Players empfangen. Die Software der Participatory Culture Foundation basiert auf einem BitTorrent-Client, einem kollaborativen FilesharingProtokoll, das sich besonders für die schnelle Distribution großer Datenmengen eignet. Das Projekt hat das Ziel, in der Zukunft des Fernsehens jedem mit einem Internet-Anschluss eine Stimme zu geben. Mit offenen Standards soll ein alternatives Medienfenster geöffnet werden.

„Österreichs größtes und innovativstes Internetprojekt“ Besonders interessant ist es zu beobachten, wie traditionelle Medienunternehmen neue Technologien einsetzen. So wird das Vorarlberger

Medienhaus im November 2007 „Österreichs größtes und innovativstes Internetprojekt“ in Salzburg starten. Rund 20 Mitarbeiter werden die Plattform salzburg24.at betreiben. Es ist die erste Online-Expansion des Vorarlberger Medienhauses in eine Region ohne korrespondierendes Printprodukt. Lediglich zum Start des Online-Mediums wird es Gedrucktes zur Bewerbung von salzburg24.at geben, das eine regionale multimediale Tageszeitung ohne Papier werden soll. Live-Video wird dabei eine besondere Rolle spielen. Mobile Journalisten werden mit orangen Minis in Salzburg und Umgebung unterwegs sein und von aktuellen Events berichten. Auch dem Web 2.0-Trend wird man sich nicht verschließen. Integraler Bestandteil der Plattform werden User Generated Video sowie Fotos sein. Sogar unbegrenzter Speicherplatz wird dafür versprochen. Zusätzlich soll die Plattform als Social Network dienen und somit den aktuellen Hype um die soziale Vernetzungs-Website Facebook auf regionaler Ebene umsetzen. Geschäftsmodell für Citizen Media Ganz ohne bezahlte Journalisten kommt die Internetplattform Myheimat aus. Fröhlich-heimatliches aus bayrischen Kleinstädten findet sich auf myheimat.de. Politische Themen oder recherchierte Artikel sind dagegen kaum vorhanden. „Bürgerreporter“ berichten auf den recht lebendigen Weblogs und zeigen „was die Region für Jeden lebenswert macht und erleichtert, dass Menschen zusammenfinden um sich auszutauschen, gemeinsam zu feiern, zu helfen, zu unterhalten, kurz um schön vor Ort zu leben.“ Die Innovation von Myheimat ist das aus den Berichten der Bürgerreporter destillierte Printmagazin, das im Hochglanz-A4-Format monatlich, mit lokalen Werbeeinschaltungen finanziert, erscheint. „Die gedruckten myheimat-Magazine und die Online-Beiträge auf myheimat.de sind gemacht von den Menschen der Region. Denn sie wissen am besten, was los ist und sind ganz nah dran am Geschehen,“ kann man auf der Web-Site von myheimat.de lesen. Myheimat.de ist eines der wenigen kommerziell erfolgreichen Bürgerjournalismus-Projekte. Die gogol medien Gmbh arbeitet an einer Expansion ihres Angebots über den süddeutschen Raum hinaus.

Hyperlokaler Journalismus Myheimat.de kann wie viele Weblogs hyperlokal berichten. Nicht die Zahl der Leser, also Hits und Visits, ist ausschlaggebend sondern: „Success is often defined as impact on their community”, wie eine aktuelle Studie aus den USA das Phänomen beschreibt. Es geht um Vernetzung und eine enge Bindung der Prosumenten durch tatsächliche Betroffenheit im lokalen Kontext. Auch wenn viele Projekte wieder aufgegeben würden so sei dem Citizen Journalism Zukunft beschieden, wie der Gründer des NewHavenIndependent.org Paul Bass in der Studie zitiert wird: “I think you’re going to see four or five hyperlocal sites per city in a few years and none will be permanent. We’ll never be big operations. I think what will be long-term is the phenomenon of citizen journalism.“

Vernetzung durch Lifestories Das Web wird zum Ort der multimedialen Produktion von persönlichen Geschichten. Digital Storytelling ist eine der ältesten Kunst- und Ausdrucksformen der Menschheit – des Erzählens von Geschichten – in Version 2.0. In Deutschland versuchen zurzeit zwei Plattformen zeitgeschichtliche Erinnerungen von Internetnutzern zu sammeln. „einestages“ ist das neue Zeitgeschichte(n)-Portal von SPIEGEL ONLINE. „Hier können Sie Geschichte sehen, Geschichte lesen - und Geschichte schreiben. Denn einestages macht Sie, die Leser zu Partnern in einem neuen und einmaligen Projekt: dem Aufbau eines kollektiven Gedächtnisses unserer Geschichte.“ Einen ganz ähnlichen Ansatz verfolgt memoloop.de: „Stell Dir vor, dass Ereignisse, die in der Vergangenheit passiert sind, wie z. B. der Fall der Mauer oder 09/11, plötzlich eine ganz andere Dimension bekommen, weil jeder seine eigene Sicht der Ereignisse, so wie er sie individuell erlebt hat, niederschreibt. Und plötzlich ist es nicht mehr die Weltgeschichte, die an erster Stelle steht, sondern das Erleben des Einzelnen hinter jeder dieser Geschichten.“ Kürzlich startete auch das mit 100 Mio Dollar Venture Capital finanzierte User-Generated-History Portal miomi.com. Noch ist der Erfolg dieser und weiterer Plattformen nicht abzusehen. Auch die Geschäftsmodelle (Werbung, Verkauf von Inhalten, Premium Accounts) müssen sich erst als tragfähig erweisen. Lifestories werden zu einer weiteren Digitalisierung der Gesellschaft führen.

Vernetzung von Menschen Facebook ist in den letzten Monaten zum Hype – auch im deutschen Sprachraum geworden – nachdem das US-amerikanische Studierendennetzwerk sich vor rund einem Jahr geöffnet hat und nun auch für weitere Zielgruppen attraktiv ist. Es wird nicht nur für studiVZ, einem deutschsprachigen Facebook-Clone, das der Holtzbrinck-Konzern im Jänner 2007 für mehr als 50 Millionen Euro gekauft hat, sondern auch für die Business-Community XING (früher OpenBC) zur Konkurrenz. Facebook, gegründet 2004 vom Studenten Mark Zuckerberg, hat zurzeit 47 Millionen registrierte Nutzer bei einer monatlichen Steigerung von 4 Millionen. Facebook belegt Rang 7 auf der Liste der meistbesuchten Web-Sites. Der Wert der Web-Site wird auf bis zu 10 Milliarden Dollar geschätzt. Von Microsoft und Google wird berichtet, dass sie Interesse an einer teilweisen oder gänzlichen Übernahme hätten. Interessant für Medienunternehmen sind Applikationen, die sich in Facebook integrieren lassen. So ermöglichen es mehrere schwedische Verlage, dass Facebook-User ihre Nachrichten in ihr Profil übernehmen können. Ziel ist es, Traffic auf die eigene News-Site zu lenken und die Facebook-User zum Word of Mouth-Marketing zu animieren. Dieses Ziel hat auch die New York Times, die eine Quiz-Applikation für Facebook geschaffen hat. Auch über RSS lassen sich journalistische Inhalte über Facebook verbreiten.

Mobilität Medienkonsum und Mediengestaltung werden mobiler. Weltweit gibt es 3 Milliarden Mobiltelefone. Diese Zahl ist größer als die der weltweit existierenden Autos, Fernsehgeräte, Personalcomputer oder Festnetztelefone. Ein etwas besser ausgestattetes Mobiltelefon mit pauschalem Datentarif dient jetzt schon als praktikabler RSS-Reader, der es erlaubt, bevorzugte Nachrichtenquellen auch an der Bushaltestelle oder in der U-Bahn zu lesen. Fotos und Videos lassen sich mit Mobiltelefonen innerhalb von Sekunden online veröffentlichen. Das Apple iPhone oder der iPod Touch sind wie auch Nokias E61i oder N95 nur der Anfang eines Trends zu immer benutzerfreundlicheren mobilen Internetgeräten.

Zukunft „Web 3.0“ könnte das semantische Web umfassen, dessen Information nicht nur von Menschen lesbar sondern von Computern interpretierbar sein wird und es einfacher machen wird, sich in der oft unübersichtlichen Informationswelt zurecht zu finden. Ebenso könnten 3D-Welten – wobei Second Life lediglich ein Vorgeschmack war – Bestandteil eines „Web 3.0“ sein. Als „Web 4.0“ könnte ein Netz mit künstlicher Intelligenz angepriesen werden. Verleger Hubert Burda sieht die Medienbranche und damit auch die Gesellschaft vor gewaltigen Umbrüchen. „Wir befinden uns in der größten Medienrevolution seit Gutenberg“ sagte er kürzlich bei einem Vortrag in Freiburg. „Wenn sich die Medien verändern, dann verändert sich die Gesellschaft fundamental“. Die zukünftige Medienlandschaft wird durch ein vielfältiges Konglomerat technischer Innovation in Verbindung mit sich laufend verändernder gesellschaftlicher Medienpraxis charakterisiert sein.

Links Live-Videodienste www.kyte.tv www.mogulus.com www.justin.tv Miro/Democracy Player, Peer-to-Peer Video www.getmiro.com Studie zu Citizen Media des Institute for Interactive Journalism www.kcnn.org/research/citizen_media_report/

Zeitgeschichten auf Spiegel Online http://einestages.spiegel.de User Generated History www.miomi.com Social Network Facebook www.facebook.com

Autor: Mag. David Röthler Unternehmensberater & Seminarleiter (politischekommunikation.at) zum Thema neue Internetanwendungen sowie EU-finanzierter Medien-, Kultur- und Bildungsprojekte. Email: david@roethler.at, persönliches Weblog: politik.netzkompetenz.at