Prof. Dr. Th.

Simon Vorlesung Privatrechtsentwicklung WS 2007/08

Teil A: Wissenschaftsgeschichte und gerichtliche Praxis I.) Die doppelte Rechtskultur des Mittelalters: Orales Laienrecht und wissenschaftliches Recht auf schriftlicher Basis 1.) Das „Mittelalter“: Einige „Basics“ zu Staat und Gesellschaft im Mittelalter 2.) Laienrecht: mündlich überliefertes Gewohnheitsrecht a) Entstehung und Überlieferung des Rechts b) Die mittelalterliche Gerichtsverfassung c) „Rechtsvielfalt“: Die „Rechtskreise“ d) Erste Ansätze beginnender Verschriftlichung: „Rechtsbücher“, „Weistümer“ und weitere Quellen 3.) Wissenschaftliches Recht: Verschriftlichung und Rationalisierung der Rechtskultur seit dem Hochmittelalter a) Rahmen: Die „kulturelle Revolution“ des Hochmittelalters: Ökonomische Expansion, Urbanisierung und die Entstehung eines säkularen Bildungswesens neben der Kirche b) Die Anfänge wissenschaftlicher Rechtskultur und ihre Textkorpora aa) Römisches Recht: Der „Corpus Juris Civilis“ und die „Legistik“ bb) Kanonisches Recht: Der „Corpus Juris Canonici“ und die Kanonistik cc) Der juristische Unterricht und die scholastische Methode 4.) Gesetzgebung im Mittelalter?

II.) Die „Rezeption des Römischen Rechts“ nördlich der Alpen 1.) Der Vorgang der „Rezeption“ und ihre Träger: Kleriker (Frührezeption), universitäre Rechtswissenschaft, Praxis (Räte, Stadtsyndici), Rezeptionsgesetzgebung 2.) rechtswissenschaftliche Methoden und Stile der Rezeption: Vom mos italicus zum usus modernus pandectarum 3.) Einige charakteristische Elemente der frühneuzeitlichen Rechtskultur im Reich: a) „Rechtsquellenpluralismus“: „Gemeines Recht“ und (heimisch-deutsches) Partikularrecht b) steigende Bedeutung der Gesetzgebung c) Gerichtsbarkeit: ihre Instanzen und die allmähliche Professionalisierung des Justizstabes

III.) Das Zeitalter der Aufklärung: Naturrecht und Kodifikationsbewegung 1.) Die Bedeutung des Naturrechts a) Neue (säkulare) Staats- und Rechtstheorie: Gesellschaftsvertragslehre als Staatstheorie, voluntas legislatoris als entscheidende Rechtsquelle b) Grund- und Menschenrechte als unverzichtbarer Kern menschlicher Freiheit, zentrale Bedeutung des Eigentums c) Gedanke der Gleichheit im Naturzustand d) Systemgedanke

2.) Der Aufstieg des Kodifikationsgedankens und seine Verwirklichung a) Eine kurze Kodifikationsgeschichte: Entstehung der naturrechtlichen Kodifikationen in Preußen (ALR), Frankreich (CC) und Österreich (ABGB) b) Implikationen der Kodifikationsidee für die Justiz: Neuartige „Gesetzesbindung“ der Justiz, Begründungszwang

IV.) Das 19., das „juristische“ Jahrhundert: Grundlegung der modernen Rechtswissenschaft im Zeitalter des Liberalismus 1.) Wissenschafts- und Kodifikationsgeschichte a) Die exegetischen Schulen in Frankreich und Österreich b) Historische Schule / Pandektistik in Deutschland und die pandektistischen Kodifikationen - die Pandektistik: Eine „zweite Rezeption“ des Römischen Rechts im 19. Jh. Warum? - der Weg zum BGB: Der Kodifikationsstreit und die Verwirklichung der Rechtseinheit im Deutschen Bund und im Deutschen Reich c) Die „Pandektisierung“ der österreichischen Rechtswissenschaft 2.) Privatrecht und politisches System: Das Privatrecht im Kontext des Liberalismus a) Das liberale Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell und seine Prämissen: Freiheit und rechtliche Gleichheit, Selbststeuerungsgedanke („Markt“ und „Laissez faire!“) b) konstitutioneller Schutz der Eigentums-/Testierfreiheit und der Gewerbefreiheit c) Der Gedanke der „Vertragsfreiheit“ und seine Implikationen

V.) Die Umbrüche seit dem Ende des „bürgerlichen Zeitalters“ (20. Jh.) 1.) Die „sociale Frage“ und ihre Implikationen für das Privatrecht a) ökonomische und soziale Defizite des liberalen Modells: - Beeinträchtigung der Marktmechanismen durch Kartellbildung und Marktbeherrschung durch einzelne Akteure - Ungleichgewichtslagen in den vertraglichen Beziehungen auf Grund extremer ökonomischer Ungleichheit: „Ausbeutung“ b) Die Wende zum (sozialen) Interventionsstaat und einige wesentliche Auswirkungen auf das Privatrecht: Schutz des schwächeren Vertragsteils im Wege der Einschränkungen der Vertragsfreiheit durch zwingendes Recht: - Arbeitsrecht als Sondermaterie außerhalb „des nach klassischen liberalen Grundsätzen geprägten Zivilrechts“, durchdrungen von sozialen Steuerungsnormen öffentl.-rechtl. Provenienz: Arbeitnehmerschutz - Mietrecht: Mieterschutz - Weitere Regelungsfelder im Zeichen des Schutzes „Schwächerer“: Abzahlungskauf, Verbraucherschutz einschl. „Schutz vor dem Kleingedruckten“ in AGB‘s 2.) Methodenwandel und Methodenskepsis: Von der „Begriffsjurisprudenz“ zu Interessenjurisprudenz und Freirechtsschule

Teil B: Entwicklung zentraler Institutionen des geltenden Privatrechts I.) Schuldrecht: Vertrag 1.) Die zentrale Stellenwert des Schuldrechts in der funktional differenzierten arbeitsteiligen Verkehrsgesellschaft der Moderne: „Vom Status zum Kontrakt“ 2.) Der Vertragsschluß a) Abschlußfreiheit b) Die Form des Vertragsschlusses: Der Weg zur grundsätzlichen Formfreiheit (Formal-, Konsensual- und Realvertrag) 3.) Der Vertragsinhalt a) Der Weg zur grundsätzlichen Inhalts- und Typenfreiheit b) Das Problem der Vertragsgerechtigkeit: Von der materiellen zur formellen Vertragsgerechtigkeit 4.) Die „Haftung“ des Schuldners: Persönliche Haftung und Vermögenshaftung II.) Sachenrecht: Eigentum und Besitz 1.) Individualisierung der Eigentumsordnung und Vordringen „absoluten Eigentums“ -> Mobilisierung und Kommerzialisierung der Bodenordnung a) Verschwinden geteilten Eigentums (Ober-/Untereigentum, Stockwerkseigentum?) b) Verschwinden der Anwartschaftsrechte der Erben zu Lebzeiten des Eigentümers c) Verschwinden traditioneller (gewohnheitsrechtlicher) Vorkaufsrechte (Zug- und Näherrechte) 2.) Bedeutungsschwund des Besitzes in der Moderne und sein Hintergrund III.) Eherecht 1.) Eheschluß a) Konsensualprinzip b) Der Eheschluß im Spannungsfeld zwischen Kirche und Staat: Der Weg zur Zivilehe 2.) Ehescheidung: Der Kampf um die Auflösbarkeit der Ehe IV.) Erbrecht 1.) Zentrale Bedeutung des Erbrechts in der alteuropäischen Sozialordnung – schwindende Bedeutung in der Moderne 2.) Testierfreiheit: Das Spannungsverhältnis zwischen individueller Freiheit zur Verfügung über das eigene Vermögen und familiären Bindungen und Verpflichtungen