You are on page 1of 172

DAS KREATIVE KONTINUUM

DAS
KREATIVE
KONTINUUM
Künstlerisch Begabten
Kindern Helfen

Peter Fritz Walter


Published by Sirius-C Media Galaxy LLC

Business Filings Incorporated

108 West 13th St., Wilmington, DE 19801

©2019 Peter Fritz Walter. Some rights reserved.

Creative Commons Attribution 4.0 International License

This publication may be distributed, used for an adaptation or for


derivative works, also for commercial purposes, as long as the
rights of the author are attributed. The attribution must be given to
the best of the user’s ability with the information available. Third
party licenses or copyright of quoted resources are untouched by
this license and remain under their own license.

The moral right of the author has been asserted

Set in Trajan Pro and ITC Berkeley Oldstyle Std

Designed by Peter Fritz Walter

Publishing Categories
Education / Pre-School & Kindergarten

Publisher Contact Information


publisher@sirius-c-publishing.com
http://sirius-c-publishing.com

Author Contact Information


pfw@peterfritzwalter.com

About Dr. Peter Fritz Walter


http://peterfritzwalter.com
Inhalt
Vorwort 7
Neue Erziehung für eine neue Ära 7

Einleitung 13
5 Prinzipien für die Entwicklung von früher Begabung 13
Der Individuelle Ansatz 13
Qualitätsfokus 14
Intelligenz Fördern 15
Ein Holistischer Lernansatz 17
Umfeld Privatschule 18

I 21
Das Systemisch Denkende Kind 21

II 31
Der Begeisterte Künstler 31

III 35
Das Kommunikative Kind 35

IV 41
Emotionen und Kognition 41

V 45
Musikalisches Talent Entwickeln 45

VI 59
Technologie Integrieren 59

VII 63
Die Weisheit der Wahl Lehren 63

VIII 67
Die Natur Heilt 67
DAS KREATIVE KONTINUUM

IX 71
Der Wert der Stille 71

X 83
Konzentration oder Kontemplation? 83

XI 87
Selbst-Akzeptanz Fördern 87

XII 93
Das Herz Heranbilden 93

XIII 101
Kunst, Kreativität und Spontanität 101

XIV 107
Eine Gehirngerechte Lernmethode 107

XV 125
Höhergradige Lehrerausbildung 125

Das Kreative Curriculum 137


Ein integraler Erziehungsansatz 137

Bibliographie 153
Kontextuelle Bibliographie 153

Anmerkungen 171

6
Vorwort
Neue Erziehung für eine neue Ära

Wir durchleben derzeit als menschliche Rasse eine


Zeit großer Herausforderungen und Abenteuer, die uns
neue Wege eröffnet, um die ganzheitliche Weisheit al-
ter Zivilisationen wiederzuentdecken und in unser
modernes Wissenschaftsparadigma zu integrieren.
Diese Zivilisationen florierten, bevor das Patriarchat
die Natur auf den Kopf stellte. Derzeit, mit dem
Aufkommen der vernetzten globalen Gesellschaft und
der Systemtheorie als wissenschaftlichem Paradigma,
schauen wir in eine andere Welt, mit einem Anstieg
der ‘horizontalen’ und ‘zukunftsfähigen’ Strukturen
sowohl in unserer Unternehmenskultur als auch in der
Wissenschaft und nicht zuletzt in der Bildung.

—Ein Paradigma, aus dem Griechischen ‘paradeigma,’ ist ein


Muster der Dinge, eine Konfiguration von Ideen, eine Reihe von
dominanten Überzeugungen, eine bestimmte Art, die Welt zu
DAS KREATIVE KONTINUUM

betrachten, eine Reihe von Annahmen, ein Bezugsrahmen oder


eine Linse und sogar eine ganze Weltanschauung.

Während der größte Teil dieses neuen und doch


alten Weges noch nicht gegangen ist, können wir die
Veränderungen, die praktisch jeden Tag um uns herum
stattfinden, nicht mehr übersehen.
Als Studenten, Wissenschaftler, Ärzte, Berater, Ju-
risten, Führungskräfte oder Pädagogen stehen wir
heute immer wieder vor Problemen, die so komplex,
verworren und neuartig sind, dass sie unmöglich auf
der Grundlage unseres alten Paradigmas und unserer
alten Denkweise gelöst werden können. Wie Albert
Einstein sagte, können wir ein Problem nicht auf der
gleichen Denkebene lösen, die es geschaffen hat – also
die Notwendigkeit, unsere Sichtweise der Dinge, der
Welt und unserer persönlichen und kollektiven Prob-
leme zu ändern.
Was vor etwa einem halben Jahrzehnt noch un-
wahrscheinlich schien, geschieht jetzt überall um uns
herum: Wir entdecken immer mehr Fragmente einer
integrativen und ganzheitlichen Weisheit wieder, die
den kulturellen und wissenschaftlichen Schatz vieler
alter Stämme und Königreiche darstellt, die auf einer
langjährigen Tradition basierten, die davon ausgeht,
dass alles in unserem Universum miteinander verbun-

8
VORWORT

den und vernetzt ist, und dass die Menschen in die


Welt kamen, um im Einklang mit der unendlichen
Weisheit zu leben, die der Schöpfung innewohnt, als
eine große Aufgabe, die Evolution voranzutreiben!
Es geschieht in der Wissenschaft, seit dem
Aufkommen der Relativitätstheorie, der Quanten-
physik und der Stringtheorie, es geschieht in der Neu-
rowissenschaft und der Systemtheorie, es geschieht in
der Molekularbiologie und in der Ökologie, und als
Ergebnis – und weil die Wissenschaft ein wichtiger
Motor in der Gesellschaft ist – geschieht es jetzt mit
zunehmender Geschwindigkeit in der Industrie- und
Geschäftswelt und in der Art und Weise, wie wir un-
sere Kinder erziehen.
Immer mehr Menschen beginnen zu erkennen,
dass wir unsere Welt nicht wirklich weiter zerstören
können, indem wir das Naturgesetz der Selbstregulierung
missachten, sowohl im äußeren Leben, indem wir Luft
und Wasser verschmutzen, als auch im Innenleben,
indem wir Emotionen tolerieren, die sich in einem Zu-
stand der Unterdrückung und des Aufruhrs befinden.
Selbstregulierung ist in die Lebensfunktion integri-
ert und kann als konsistentes Muster im Lebensstil der
Ureinwohner auf der ganzen Welt gefunden werden.
Es ist ähnlich mit unseren immensen intuitiven und

9
DAS KREATIVE KONTINUUM

imaginären Fähigkeiten, die in Jahrhunderten der


Dunkelheit und Fragmentierung heruntergespielt wur-
den und die nun wieder als wichtige Schlüsselsteine in
einer Weltanschauung auftauchen, die den ganzen
Menschen an die Frontlinie stellt, einen Menschen, der
sein ganzes Gehirn benutzt und der weiß, wie er seine
Emotionen und natürlichen Leidenschaften ausbal-
anciert, um zu einem Zustand des inneren Friedens
und synergetischer Beziehungen mit anderen zu gelan-
gen.
Damit jedoch dauerhafte Veränderungen stattfinden
können, um Jiddu Krishnamurti zu paraphrasieren,
müssen wir den Denker ändern, was bedeutet, dass
wir eine Transformation durchlaufen müssen, die
unser höheres Selbst zum Verwalter unseres Lebens
macht, nicht unser konditioniertes Ego.
Daher ist es notwendig, wirklich über den Teller-
rand hinauszuschauen und über die soziale, kulturelle
und rassische Konditionierung hinauszugehen, um
eine integrative und ganzheitliche Sichtweise der
Erziehung zu entwickeln, die mehr tut, als Probleme
zu lösen. Wir können uns entweder mit altherge-
brachten Erziehungsmethoden begnügen, die die
wahre Person des Kindes ignorieren, und die in
krassem Widerspruch steht zu der Art und Weise, wie

10
VORWORT

unser Gehirn lernt, oder wir können es wagen, eine


neue Erziehung für unsere Kinder zu schaffen, die in-
telligent, systemisch und in Übereinstimmung mit der
wahren Mission jedes Kindes ist, um die Gaben und
Talente des einzelnen Kindes zu entwickeln. Als Päda-
gogen und bildungspolitische Entscheidungsträger
liegt es in unserer gemeinsamen Verantwortung, die
besten und innovativsten Erziehungsmethoden, die es
heute gibt, zu studieren und umzusetzen.
Dieses Buch stellt eine von ihnen vor.

11
Einleitung
5 Prinzipien für die Entwicklung von früher Begabung

I
Der Individuelle Ansatz

Institutionelle Erziehung dient nicht dem talen-


tierten Kind, da sie die Existenz individueller und indi-
viduell begabter Kinder nicht anerkennt. Für die
Massenbildung gibt es eine Masse, eine Herde, eine
Menge Menschen, die erzogen werden müssen, und
nicht eine Vielzahl von einzigartigen Individuen.
In der heutigen hochentwickelten Netzwerkge-
sellschaft ist es relativ einfacher als je zuvor in der
Menschheitsgeschichte, Bildungsleistungen nicht mehr
standardisiert, sondern maßgeschneidert anzubieten,
um den Bedürfnissen und Erwartungen des einzelnen
Studierenden wirklich gerecht zu werden.
DAS KREATIVE KONTINUUM

Dies wird zu einer hohen Bildungseffizienz, einem


besseren Ressourcenmanagement und einer höheren
Lernmotivation für jeden einzelnen Schüler führen,
der an einem Programm, einer Klasse oder einem
Lehrplan teilnimmt.
Dieses neue Bildungsparadigma mag kosteninten-
siver sein, aber die höhere Effektivität und Erfolgsrate
dieses Ansatzes wird die Investition innerhalb einer
angemessenen Zeitspanne zurückzahlen.

II
Qualitätsfokus

Die Standardbildung konzentriert sich auf eine


Vielzahl von Kindern, die unterrichtet werden sollen,
und sie misst den Bildungserfolg anhand von Schüler-
gruppen auf schulischer, regionaler oder sogar na-
tionaler Ebene. Die Messung erfolgt mit statistischen
Methoden, ohne die Qualität des individuellen Bil-
dungserfolgs oder -versagens zu betrachten.
Die Konzentration auf jeden einzelnen Schüler ist
nur möglich, wenn wir von Anfang an einen qualitativ-
en und keinen quantitativen Bildungsansatz haben.

14
5 PRINZIPIEN FÜR DIE ENTWICKLUNG VON FRÜHER BEGABUNG

Der Qualitätsansatz verlangt nicht nach Effizienz, son-


dern nach integrierten Lösungen, die jedem einzelnen
Kind dienen. Der weitere Schritt besteht darin, die Bil-
dungseinrichtungen qualitätsorientiert zu halten, d.h.
den individuellen akademischen Erfolg in Bezug auf
Bildungszufriedenheit, Lernmotivation, Lernfähigkeit-
en, Lernerfolg allgemein zu beurteilen, ohne die Bew-
ertung der Lerninhalte zu betonen.
Lerninhalte werden mehr und mehr irrelevant, da
unsere Gesamtinformation längst die Kapazität des in-
dividuellen menschlichen Gehirns übertroffen hat; da-
her ist es notwendig, exzellente und hochmotivierte Ler-
nende und keine depressiven Superhirne hervorzubrin-
gen.

III
Intelligenz Fördern

Die Standardausbildung konzentriert sich auf die


Anhäufung von Wissen, während sie nicht wirklich
versteht, was Intelligenz ist. Die meisten Menschen
verwechseln Intelligenz mit Wissen und Intellektual-
ität, ohne zu verstehen, dass die Anhäufung von Wis-
sen rein mechanisch und nicht ein Zeichen von Intelli-

15
DAS KREATIVE KONTINUUM

genz ist. Wissen hatte in der Vergangenheit einen Wert,


als die Karrieren so waren, dass man mit einer einzigen
Ausbildung durchs Berufsleben kam, während man
sich mittels Seminaren oder Abendschule weiter-
bildete.
Heute ist Wissen noch weitaus wichtiger, muss aber
nicht mehr memoriert werden, da es überall verfügbar
ist, über Computernetze, Datenbanken und das Inter-
net.
Intelligenz unterscheidet sich voll und ganz von
Wissen. Sie ist nicht mechanisch, sondern ein natür-
liches Nebenprodukt emotionaler Integrität und
Ganzheit. Unser rationaler Verstand (linke Gehirnhälfte)
ist nur dann voll funktionsfähig, wenn er mit unserem
emotionalen Verstand (rechte Gehirnhälfte) verbunden
ist, so dass intellektuell/analytische und intuitiv/syn-
thetische Denkprozesse Hand in Hand gehen. Dann
sind regelmäßig die rationale und die emotionale Seite
in uns gut ausgewichtet und wir erleben einen Zustand
des dauerhaften inneren Friedens.
Daher konzentriert sich das neue Paradigma auf die
Förderung der Intelligenz durch die Gestaltung einer
Lernumgebung, die multisektoriell ist, in der emo-
tionale Werte respektiert werden und in der alle vier

16
5 PRINZIPIEN FÜR DIE ENTWICKLUNG VON FRÜHER BEGABUNG

Quadranten der Intelligenz entwickelt werden, die lo-


gische, intuitive, sequentielle und emotionale Intelligenz.
Wer wirklich intelligent ist, kann mit Wissen so
umgehen, dass er die kreative Leistung in jedem Studi-
enfach optimiert. Darüber hinaus fördert dieses neue
Paradigma die psychische Gesundheit, da es Lernstress
und Examensangst deutlich reduziert.

IV
Ein Holistischer Lernansatz

Die Gefahr des mechanistischen Wissenschaft-


sansatzes besteht darin, dass er die Natur mehr oder
weniger völlig ignoriert, oder der Natur Konzepte
auferlegt, anstatt zu versuchen, die der Natur in-
newohnende Wahrheit zu verstehen.
Dasselbe gilt natürlich auch für die Bildung. Wenn
Bildung reduktionistisch ist und Seelenwerte mis-
sachtet und nicht in emotionale Integrität eingebettet ist,
ist sie destruktiv und erzeugt Ängste, Depressionen
und sogar Selbstmord.
Ganzheitliches Denken geht einher mit emotionaler
Integrität. Intelligenz, Sensibilität und Verständnis für

17
DAS KREATIVE KONTINUUM

die komplexen Funktionen des Lebens können nur


entwickelt werden, wenn die Kognition in das
Gefühlsleben des Kindes eingebettet ist und somit ein
Ergebnis der Ganzheit und nicht der Fragmentierung
ist.
Da die Natur selbst in holographischen Mustern
kodiert ist, ist der ganzheitliche Ansatz am besten
geeignet, die der Natur innewohnende Wahrheit zu
verstehen und so integrierte, naturverträgliche und
nachhaltige Bildungslösungen zu ermöglichen.

V
Umfeld Privatschule

In den meisten Ländern liegt der größte Teil des


Bildungszyklus in den Händen der Regierungen, sei
dies ein kostenloser Service, sei es gegen eine Gebühr.
Die Erfahrung hat gezeigt, dass Regierungen eher
langsam und ineffektiv arbeiten, dass sie Ressourcen
verschwenden, anstatt sie wirtschaftlich zu nutzen,
dass sie eher ideologischen als funktionalen Manage-
mentprinzipien folgen und dass sie oft Jahre hinter
dem allgemeinen Standard der sozialen Entwicklung

18
5 PRINZIPIEN FÜR DIE ENTWICKLUNG VON FRÜHER BEGABUNG

zurückliegen. Darüber hinaus, wenn alles ‘kostenlos’


angeboten wird, neigen die Schüler dazu, alles ‘für
selbstverständlich’ zu halten, und die Lernmotivation
sinkt.
Talentförderung durch Privatschulen hingegen
führt zu einer professionelleren Bildung, zu besseren
und besser qualifizierten Lehrern und Professoren, zu
einer höheren Lernmotivation der Schüler und zu all-
gemein höheren Lernergebnissen.

19
I
Das Systemisch Denkende Kind

Ich habe den Begriff ‘Systemkompetenz’ für den


Rahmen einer Bildung geprägt, die auf das Verständnis
von lebenden Systemen und die funktionale Logik von
Netzwerken ausgerichtet ist. Wir wissen inzwischen,
was ‘Ökoliterarität’ ist, aber ich glaube, dass Kinder,
die nicht darauf vorbereitet sind, systemisch zu
denken, nicht im ökologischen Denken ausgebildet
werden können. Die erste Kompetenz ist die Grund-
lage der zweiten.
Ökologie ist kein Wissenschaftszweig, sondern ein
Versuch, die Wissenschaft neu zu definieren. Alle
Zweige des Baums der Wissenschaften sollten ‘ökolo-
gisch’ sein, denn das bedeutet einfach, dass sie
verpflichtet sind, die Natur zu respektieren und die
gemusterte Struktur der Natur zu verstehen.
DAS KREATIVE KONTINUUM

—Beachten Sie, dass der Begriff Ökologie aus dem Griechis-


chen ‘oikos’ stammt, was soviel wie ‘Haushalt’ bedeutet. Die
Ökologie beschäftigt sich also mit unserem Haushalt, dem
Haushalt des Planeten Erde.

Es gibt eine Reihe wichtiger Verzerrungen der


natürlichen systemischen Sichtweise des Lebens, die
unser kulturelles Erbe hervorgebracht hat. Ich werde
in einigen Abschnitten darlegen, wie diese fragmen-
tierte Wahrnehmung historisch entstanden ist.
—Vor etwa 2500 Jahren wandte sich der Mensch
von der bis dahin gültigen allumfassenden mystischen
Sicht des Lebens ab und begann, die Wahrnehmung zu
intellektualisieren und das ganzheitliche Verständnis
der Welt zu fragmentieren. So entstand der konzeptu-
alisierte und abgeschottete Blick auf die Welt.
—Die Spaltung dieser Wahrnehmungseinheit
wurde in der hellenischen Welt mit der Eleatischen
Schule markiert, die ein göttliches Prinzip annahm, das
über allen Göttern und Menschen steht. Dieses
Konzept entwickelte sich später zu der vielleicht
markantesten Erscheinung von monotheistischen Reli-
gionen: der Annahme eines allwissenden, überbiegen-
den, monolithischen, männlichen Gottes.
—Gleichzeitig nahmen Denken und deduktive
Logik eine wichtigere Rolle ein als Intuition und as-

22
DAS SYSTEMISCH DENKENDE KIND

soziative Logik und gaben damit den Qualitäten unser-


er linken Gehirnhälfte und dem Yang, dem männlichen
Prinzip, mehr Wert, zum Nachteil der rechten Gehirn-
hälfte und dem Yin, dem weiblichen Prinzip.
—Diese innere Fragmentierung spiegelte mehr und
mehr den Blick auf die ‘Welt da draußen’ wider, gese-
hen als eine Vielzahl von einzelnen Objekten und
Ereignissen. So wurde es überhaupt möglich, dass of-
fensichtliche organische Elemente im Aufbau der
Natur als separate Teile betrachtet wurden, die von
verschiedenen Wissenschaftszweigen erforscht werden
sollten; gleichzeitig wurde die Welt in verschiedene
Nationen, Rassen, Religionen und politische Gruppen
aufgeteilt.
—Die Konzeptualisierung des Lebens entwickelte
sich zu einer limitierenden Sichtweise in jeder wis-
senschaftlichen Beobachtung der Natur. Auf diese
Weise wurde die mentale und intellektuelle Repräsen-
tation der Realität wichtiger als die Realität selbst. Dies
wird sehr gut durch den Zen-Spruch ausgedrückt, dass
der Finger, der auf den Mond zeigt, nicht der Mond
ist. Mit anderen Worten, die verzerrte Wahrnehmung
der Realität führte zu einer Verwechslung zwischen
dem Gelände und der Karte, die es beschreibt.

23
DAS KREATIVE KONTINUUM

—Der nächste Schritt in dieser ‘Verarbeitung’ der


Realität war die Entwicklung einer mechanistischen Sicht
der Natur neben einem rigorosen Determinismus. Das
Universum wurde als riesige Maschine oder Uhrwerk
dargestellt, die als völlig kausal und vorbestimmt ange-
sehen wurde. Diese Sichtweise wiederum führte zu
einer grundlegenden Trennung zwischen ‘Ich’ und ‘Re-
alität.'
—Diese weitere Verzerrung der Wahrnehmung
führte zu der Annahme, dass Natur und Welt objektiv
beschrieben werden können, ohne dass die mentale
Verzerrung des Betrachters eine wesentliche Rolle
spielt.
—Anstatt zu verstehen, dass männliche und weib-
liche Attribute Elemente der menschlichen Persön-
lichkeit sind, führte die Trennung zwischen dem Ego
und der Natur zu einer statischen Ordnung, in der
Männer männlich und Frauen weiblich sein sollten.
Ebenso wurde Männern die Führungsrolle übertragen
und Frauen sollten als unterwürfige Dienerinnen fol-
gen.
—Diese Haltung hat zu einer Überbetonung der
Yang-Aspekte im menschlichen Setup geführt, wie Ak-
tivität, rationales Denken, deduktive Logik, Konkur-
renz, Aggressivität usw., während die Yin oder weib-

24
DAS SYSTEMISCH DENKENDE KIND

lichen Bewusstseinsmodi, die durch Ausdrücke wie


intuitive, religiöse, mystische, okkulte, psychische oder
assoziative Logik beschrieben werden können, ständig
unterdrückt wurden.
—In den letzten Jahrzehnten begann sich jedoch
dieses verzerrte wissenschaftliche und religiöse Welt-
bild, das sich in unseren stark fragmentierten Bil-
dungsplänen widerspiegelt, zu ändern.
—Mit dem Aufkommen zuerst der Relativitätstheo-
rie und dann der Quantenphysik lernten wir, dass alles
im Universum miteinander verbunden ist und dass wir
unsere fragmentierte Weltanschauung ändern und eine
integrative Sicht auf Leben und Natur einnehmen kön-
nen. Die rigorose Spaltung zwischen Ego und Realität
wurde als unvereinbar mit der von der Quantenphysik
gelieferten Wahrheit angesehen, dass nichts beobachtet
werden kann, ohne den ‘Beobachter’ zu berücksichti-
gen.

—Sehen Sie nur Fritjof Capra, The Systems View of Life: A


Unifying Vision, mit Pier Luigi Luisi, Cambridge: Cambridge
University Press, 2014.

Es wird noch mindestens ein Jahrzehnt dauern, bis


die Bildungsinhalte im Zuge der wiederhergestellten
und revitalisierten integrativen Weltanschauung, die der

25
DAS KREATIVE KONTINUUM

ursprüngliche kognitive Ansatz des Menschen


gegenüber der Natur war und die nun als ‘Systemsicht
des Lebens’ formuliert wurde, neu geschrieben wer-
den.
Das Leben nicht aus einzelnen Teilen oder Ele-
menten, sondern aus organischen Mustern im Ganzen
– oder als Systeme innerhalb von Systemen – zusam-
mengesetzt zu sehen, ist der Ausgangspunkt einer
wirklich ökologischen Wissenschaft.
Es kann keine ‘Ökoliterarität’ ohne Systemliterarität
geben; logischerweise muss ich die Systembetrachtung
des Lebens übernehmen, bevor ich in irgendeiner
Weise für unseren Haushalt, unsere Ökologie sorgen
kann. Mit anderen Worten, Ökologie ist ein Begriff, der
für die Entwicklung einer ganzheitlichen Wissenschaft
geprägt ist, während Systemkompetenz ein Begriff ist,
den ich für die Entwicklung einer ganzheitlichen Bil-
dung geprägt habe.
Kinder sind von Natur aus Systemdenker. Sie sind
aufmerksame Beobachter. Sie wollen wissen, wie die
Natur funktioniert und wie Dinge aus der Natur her-
vorgehen. Ihr Spiel spiegelt ihre mentale Flexibilität
und Offenheit für das Verständnis immer komplexerer
Zusammenhänge wider, abhängig nur von der Reifung
ihrer Intelligenz und ihres emotionalen Bewusstseins.

26
DAS SYSTEMISCH DENKENDE KIND

Durch die Betonung eines intellektuellen Bil-


dungskonzepts vermitteln Schulsysteme Kindern ein
weitgehend verzerrtes Naturbild, in dem alles zersplit-
tert, fragmentiert und unvollständig (unheilig) ist.
Lassen Sie mich hier nur erwähnen, wie Lesen und
Schreiben auch heute noch Kindern in öffentlichen
Schulen und sogar in den meisten Privatschulen
beigebracht wird. Die Buchstaben-Bausteine werden
auf quadratische Kartons geklebt und an eine Wand
gehängt. Diese und verwandte Verfahren erwecken den
Eindruck, dass Buchstaben, Wörter, Sätze,
Rechtschreibung und Grammatik alle getrennte Ele-
mente der Sprache sind, während die Sprache in
Wahrheit ein vollständiges Ganzes ist, und diese ‘Teile’
der Sprache in Wahrheit organische Elemente der sys-
temischen Logik der Sprache sind.
Das Unterrichten von etwas Ganzem in Frag-
menten ist wirklich nicht klug, denn die gleichen
Kinder, die das Lesen und Schreiben lernen wollen,
haben es doch schon gelernt, ohne all diese Werkzeuge
zu sprechen, indem sie einfach die Sprache, die um sie
herum gesprochen wird – ihre Muttersprache – ab-
sorbiert haben.
Untersuchungen darüber, wie Kinder ihre Mutter-
sprache lernen, zeigen deutlich, dass Kinder nicht ab-

27
DAS KREATIVE KONTINUUM

strakte Elemente einer Sprache lernen, sondern die


gesamte Sprache, einschließlich Syntax und Gram-
matik, und ohne zu wissen, was eine Syntax ist und
was Grammatik bedeutet. Daher ist das Lernen eines
Kindes von Natur aus ganzheitlich und systemisch.
Wenn Sie Kindern beibringen, dass wir von der
Natur getrennt sind, wie auch immer Sie eine solche
Ansicht rechtfertigen, werden Sie gegen das natürliche
und intuitive Verständnis handeln, das ein Kind vom
Leben und der Welt hat. Für Kinder ist nichts getrennt,
denn von Natur aus haben sie ein integratives Verständ-
nis von Leben und Natur. Sie schauen die Welt von
neuem an, mit Augen voller Wunder. Für kleine
Kinder ist die spaltende, fragmentierte und verzerrte
Sichtweise, die lebende Systeme beobachtet, wie man
eine Uhr demontieren würde, nicht verständlich.
Deshalb ist es eigentlich nicht so sehr, indem wir
etwas Konkretes tun, sondern indem wir viele Dinge
nicht tun, die die konventionelle Bildung tut, wie wir
bei Kindern die Systembetrachtung des Lebens, oder
die ‘Systemperspektive’ entwickeln.
Diese Lehre basiert in erster Linie auf einer unbe-
fangenen Beobachtung der Natur und unseres Planeten
als ein ganzheitliches lebendiges System. Der zweite
Schritt besteht darin, Kindern zu erklären, dass die

28
DAS SYSTEMISCH DENKENDE KIND

Lebenswelt aus verschachtelten Netzwerken, welche


lebende Systeme sind, besteht und dass es einen
ständigen Informationsfluss zwischen diesen Systemen
gibt.

29
II
Der Begeisterte Künstler

Sich selbst kennenzulernen durch die Entwicklung


angeborener Kreativität ist nur einer von mehreren Bere-
ichen echter Erfahrung, in die das Kind hineinwächst
und mit der Zeit vertraut wird, ohne dass es sich die
Mühe macht herauszufinden, ob die Eltern es wollen
oder nicht, es wissen oder es unterstützen.
Was das Kind vor allem durch künstlerisches
Schaffen lernt, ist die Dimension und die Bedeutung
der Ekstase im Leben, und die Ekstase wiederum führt
zum Erwecken von Begeisterung, die, wie wir aus der
Kunstforschung wissen, ein primärer Auslöser für
langfristige Kreativität ist.

—Siehe zum Beispiel Michelle Cassou, Life, Paint and Pas-


sion (1996), Andrew Flack, Art & Soul (1991), Pam Grout, Art
& Soul (2000), Shaun McNiff, Trust the Process (1998), Tony
Pearce Myers (Ed.), The Soul of Creativity (1999).
DAS KREATIVE KONTINUUM

Die Begeisterung entwickelt sich im Leben des


Kindes als Funktion der Ekstase auf täglicher Ebene,
und die Ekstase wird durch den sehr allmählichen und
weitreichenden Prozess der Selbstkenntnis genährt. Der
Erwerb von Selbstkenntnis sollte allmählich erfolgen,
nicht plötzlich, denn wenn der Erzieher versucht,
diesen Prozess im Kind zu beschleunigen, könnte dies
zu einem Bruch im natürlichen Kontinuum des Kindes
führen, und dann können die Dinge auf der Ebene des
Unbewussten durcheinander geraten und sich verfan-
gen.
Das Ideal ist die allmähliche, sanfte Entfaltung des
Erlebens der Welt und der allgemein angenehmen
Gefühle im Leben des Kindes. Diese Gefühle des
Vergnügens tragen zum Erwachen der Ekstase bei,
wenn es in der erzieherischen Atmosphäre genügend
Spielraum gibt, damit das Kind lernen kann, dass
Begeisterung und Fülle natürliche Erweiterungen des
Selbst sind und keine Schuld und Scham hervorrufen
sollten.
Mit dem Prozess des allmählichen Erwachens und
der täglichen Erfahrung der Ekstase durch die Begeg-
nung mit Kunst wächst in Kindern ihr kognitiver Ap-
parat, weil das Empfinden und Fühlen und damit die
direkte Wahrnehmung durch das natürliche Strömen

32
DER BEGEISTERTE KÜNSTLER

ihrer Emotionen stark erhöht wird, denn Emotionen


sind nichts anderes als die Lebenskraft selbst. Es gibt
ein Gefühl der Verbundenheit, das mit dem Werden
eines frühen Schöpfers einhergeht; es ist ein Gefühl der
Expansion und Umarmung, ein warmes, liebevolles
Gefühl gegenüber der Welt. Es ist wirklich die posi-
tivste Erfahrung, die ein Kind machen kann, aber es
muss in einen Raum der persönlichen und künst-
lerischen Freiheit eingebettet sein, der von Eltern und
Erziehern respektiert wird.
Das bedeutet darüber hinaus, dass die Erzieher
Wärme, Einfühlungsvermögen und Verständnis ver-
mitteln und dass sie Manipulation, pädagogische
Gewalt und Missbrauch peinlichst vermeiden.
Die Begeisterung entwickelt sich dann auf natür-
liche Weise und wird mit dem Erzieher geteilt, der
wiederum einen Pro-Lebensschub erhält, indem er mit
begeisterten Kindern zusammen ist; es ist einfach ein
gegenseitig bereichernder Prozess, und idealerweise
wird er auch mit den Eltern geteilt.
Das ist dann das, was wir Lebensfreude nennen, und
Lebensfreude ist immer reichlicher, wenn sie mit an-
deren geteilt wird. Dieses Gefühl der Fülle, des Über-
flusses, ist für das Kind sehr wichtig, denn es trägt
später im Leben zum materiellen Reichtum bei; es gibt

33
DAS KREATIVE KONTINUUM

keine andere Empfindung, die für den materiellen Er-


folg so wichtig ist, wie das frühzeitige Erleben der
Fülle.
Dazu braucht es weder teures Spielzeug noch
müssen die Eltern selbst reich sein; es genügt, dem
Kind seinen persönlichen Raum und seine Zeit für die
Entwicklung eines authentischen Selbstgefühls
einzuräumen; dann wird sich die freudige Erfahrung
des Überflusses natürlich im Leben des Kindes en-
twickeln.

34
III
Das Kommunikative Kind

Kommunizieren bedeutet Teilen! Und Teilen ist eine


Aktivität, die sich auf das Herz bezieht. Kinder sind
von Natur aus kommunikativ, und sie teilen; wenn sie
nicht kommunikativ sind und sich weigern zu teilen,
ist ihnen emotional etwas zugestoßen, oder sie sind in
einer unkommunikativen, stummen Familie
aufgewachsen – die leider im Regelfall eine gewalt-
tätige Familie ist.
Wenn die Kommunikation zwischen Eltern und
Erziehern gut und konstant ist, neigen Kinder dazu,
sich wohl zu fühlen und leicht Vertrauen aufzubauen.
Außerdem zahlt sich dieser Kommunikationsfluss in
jeder Krisensituation wirklich aus!
Ein weiteres Element im Bildungskontinuum ist
Dankbarkeit; ein Erzieher, der durch einen intakten
emotionalen Fluss mit den Kindern und ihren Eltern
DAS KREATIVE KONTINUUM

belohnt wird, entwickelt ein natürliches Gefühl der


Dankbarkeit.
Das ist etwas Wunderbares, denn Dankbarkeit ist
wirklich ein weitreichendes Gefühl, das sich, wenn es
konstant ist, zu einer Haltung entwickelt, die die Welt
und andere umarmt. Dankbarkeit ist daher stärker als
Mitgefühl, denn sie gibt anderen Freiheit, und es wird
keine Abhängigkeit begründet. Dies ist sehr wichtig für
die Beziehung Erzieher-Kind; der gute Erzieher ist in
der Lage, das Band der Komplizenschaft zu vermeiden,
das in die Kodependenz rutscht, denn das ist so unge-
fähr das Schlimmste, was in Erziehungsbeziehungen
passieren kann, und ist im Allgemeinen der Boden für
Missbrauch. Außerdem wird das Kind dieses Gefühl
der Dankbarkeit natürlich von Seiten des Erziehers
spüren, während es regelmäßig nicht über seine
Wahrnehmungen spricht. In diesem Zusammenhang
ist es wichtig zu erkennen, dass es nicht funktional ist,
Kinder zu ermahnen, dankbar zu sein; dann das führt
dazu, dass der spätere Jugendliche ein undankbarer
Spross sein wird.
Dankbarkeit kann nicht in Kinder gerammt wer-
den; sie kann nicht erzwungen werden, sie kann nicht
zur Entfaltung gebracht werden. Das Einzige, was man
tun kann, ist, selbst, als Elternteil oder Erzieher,

36
DAS KOMMUNIKATIVE KIND

dankbar zu sein, damit die Kinder es sich abschauen,


dankbar zu sein, denn sie spüren, wie gut es sich an-
fühlt und wie weitreichend und wunderbar dieses
Gefühl ist. Im Allgemeinen sprechen Kinder selten
über diese Dinge, und der weise Erzieher wird sie
nicht dazu bringen, psychologische Realitäten zu ver-
balisieren.
Begeisterung entsteht durch das Teilen; sie kann
das Teilen in einem Spiel oder einer Bildungsaktivität
sein, oder sie kann die Aktivität des Teilens als solche
sein. Das Teilen ist eine wunderbare Sache, die sich
zwischen Menschen entfalten kann, und für Kinder ist
es eines der wichtigsten Dinge, die man früh im Leben
lernen sollte.
Allerdings habe ich bei Kindern aus hochstehenden
Familien oft beobachtet, dass ihre natürliche Fähigkeit
zum Teilen durch ihre Eltern beeinträchtigt wurde.
Diese Kinder sind oft in ihren Emotionen blockiert,
weil ihre Teilungsfähigkeiten unentwickelt sind. Sie
sind ungeschickt beim Teilen von Aktivitäten, und das
wegen der hyperegoistischen Einstellungen, die sie zu
Hause verinnerlicht haben. Die Fähigkeit zu teilen ist
wahrhaft eine der größten Gaben, die wir als Men-
schen erhalten haben. Das Teilen bringt ein direktes
Feedback aus dem Universum, ein heißer Strom, der

37
DAS KREATIVE KONTINUUM

das Herz erfüllt und den Brustkorb und den Geist er-
weitert.
Menschen, die sich im Egoismus verrammen, kön-
nen bemitleidet werden, weil sie ihr Leben nur auf
halbem Weg leben; sie sind unglücklich und oft haben
sie einfach nicht die Gabe gelernt, in der Kindheit zu
teilen; das war vielleicht nicht ihre Schuld. Es ist nicht
ausgeschlossen, dass sich selbst der härteste Egoist
eines Tages ändern kann, nach einem spontanen Akt
des Teilens nämlich und angesichts der unbekannten
Gefühle, die er durch die Erfahrung lernt.
Ich denke, dass Teilen ein viszerales Bedürfnis und
gleichzeitig eine Tugend für den Menschen ist, und
wenn es vereitelt wird, sind psychische Pathologien
nicht weit entfernt. Das mag idealistisch klingen, aber
ich spreche hier nicht von einem sozialen Ideal, son-
dern von etwas so Natürlichem wie Atmen und
Schlafen. Wir alle sind Egoisten durch Unwissenheit,
und nur durch Unwissenheit, die Unwissenheit der
wahren Freude, die immer mit dem Teilen verbunden
ist!
Ein weiser Erzieher wird allerdings nie über Tugend
sprechen und das Kind nicht zum Teilen drängen,
denn er weiß, dass dies das Kind heuchlerisch machen
wird. Der einzige Weg, das Teilen zu lehren, ist, spon-

38
DAS KOMMUNIKATIVE KIND

tan zu teilen und es als eine natürliche Bewegung zu


tun; dann wird das Kind diese Fähigkeit durch
Beobachtung annehmen.

39
IV
Emotionen und Kognition

Intelligenz, Sensibilität und Verständnis für die


komplexen Funktionen des Lebens können nur en-
twickelt werden, wenn Kognition in das Gefühlsleben
des Kindes eingebettet ist und somit das Ergebnis von
Ganzheit und nicht von Fragmentierung ist.
Kognitive Fähigkeiten, die in die emotionale
Gesundheit eingebettet sind, können nur auf der
Grundlage von Bereitschaft, von emotionaler Reife
wachsen. Ein Kind nimmt freiwillig Anweisung entge-
gen, sobald es emotional dazu bereit ist, und nicht
unter anderen Umständen. Und hier spreche ich von
der individuellen Reife eines Kindes und nicht von
einem Standardkonzept, denn es gibt einfach keine
Standards in diesem Bereich.
Erziehung muss logischerweise in einer persön-
lichen Beziehung und Interaktion zwischen Erzieher
DAS KREATIVE KONTINUUM

und Kind ablaufen, denn nur dann kann die Einzigar-


tigkeit des Kindes bestätigt werden. Das emotionale
Band in dieser Beziehung ist von überragender Bedeutung.
Nur Liebe kann Brücke für die Übertragung von
Werten sein.
Gruppenerziehung ist daher eine unmögliche Auf-
gabe. Sie scheint effektiver zu sein, während sie es
wirklich viel weniger ist, da das Kind in einer Gruppe
auf der untersten Ebene behandelt wird und nicht
entsprechend seiner individuellen emotionalen und
intellektuellen Komplexität.
Der integrative Ansatz für Bildung betont auch, dass
sie bodenständig sein sollte, um einen ‘Elfenbeinturm-
Intellektualismus’ zu vermeiden. In alten Zeiten wurde
dies als ‘Erziehung des Herzens’ bezeichnet. Dies
geschieht, indem man den täglichen Aktivitäten Geist
gibt und sie nicht als gewöhnliche Pflichten, sondern
als bezauberte Pflichten erfüllt, die dazu dienen, Ord-
nung und Nüchternheit nicht nur der Umwelt, son-
dern auch dem Betrachter, der Seele, zu bringen.
Wenn die Natur nicht gestört wird, haben Kinder
einen geschmeidigen Körper, einen offenen Geist, ler-
nen leicht und freudig und sind emotional sehr aus-
geglichen. Der Intellekt des Kindes, der rationale Ver-
stand, wird sich auf natürliche Weise entfalten, wenn

42
EMOTIONEN UND KOGNITION

ihr emotionales Leben ausgeglichen und frei von ener-


getischen Blockaden und Ängsten ist. Unsere mentalen
Fähigkeiten können nicht von unserem emotionalen
Leben getrennt werden.

43
V
Musikalisches Talent Entwickeln

Musik spielt eine wichtige Rolle in unserer psychis-


chen Gelassenheit. Gute Musik bringt unser Emotion-
alleben ins Gleichgewicht und stärkt einen sensiblen
und offenen Geist.
Schlechte Musik treibt die Psyche in einen Zustand
der Übererregung; dieser Geisteszustand ist wie ein
geschlossener Kreislauf, indem er verhindert, dass wir
auf unser Zentrum, das Unendliche in uns, zugreifen.
Ein Geist, der regelmäßig mit moderner Musik bom-
bardiert wird, kann mit pädagogischer Weisheit nicht
erreicht werden, weil er keine Stille kennt, und es gibt
keinen inneren Raum der Ruhe und stillen Kontempla-
tion. Dies wiederum führt zu oberflächlichem Denken
und mangelndem Verständnis von Leben und Welt; ein
solcher Geist bleibt an der Peripherie von Dingen und
Ereignissen.
DAS KREATIVE KONTINUUM

Die Wirkung von Musik auf den Geist des Kindes


kann unter zwei Aspekten bewertet werden, aktiv und
passiv.
Wir alle leiden an bestimmten Orten passiv an
Musik, zum Beispiel im Café, im Kino, im Supermarkt,
in Kaufhäusern und heutzutage auch auf Flughäfen,
Postämtern, öffentlichen Hallen und U-Bahnhöfen,
ganz zu schweigen von Nachtclubs und Diskotheken,
in denen laute, aggressive Musik als Stimulans gilt.
Und doch scheint es, dass sich die meisten Men-
schen nie darum kümmern, wie sich solche Musik auf
ihre Psyche auswirkt! Die Forschung zur Klangheilung
hat gezeigt, dass Musik direkt unsere Emotionen, un-
seren Geist und unsere Gedanken beeinflusst.

—Siehe zum Beispiel, Jonathan Goldman, Healing Sounds


(2002) und Manly P. Hall, The Secret Teachings of All Ages
(1928/2003).

Aktiv spielt die Musik eine Rolle bei der Erziehung


zum Unterrichten der musikalischen Struktur, des
Zeitbegriffs und der Art und Weise, wie die Zeit den
emotionalen Raum verändert; dies war sogar ein The-
ma, das der traditionellen Erziehung am Herzen lag, zu
einer Zeit, als das Lesen und Spielen von Partituren
und das Spielen eines Musikinstruments noch als gut

46
MUSIKALISCHES TALENT ENTWICKELN

und nützlich für die Erziehung von Kindern aus


wohlhabenden Familien galten.
Aber leider ist diese positive und wichtige Tradition
heute in den meisten Ländern fast vollständig verloren
gegangen, außer in teuren privaten Institutionen zur
Bildung von Kindern der Oberschicht. Der Grund für
diese Verschlechterung liegt wahrscheinlich darin, dass
Kinder heute nur noch in seltenen Fällen über ein
Klavier, Cello oder eine Geige verfügen und die meis-
ten Eltern akustische Musikinstrumente sperrig, laut
oder zu teuer finden.
Da die Hausmusik-Tradition des 19. Jahrhunderts
ihr Ende gefunden hat, sehen die meisten Eltern
keinen Wert darin, ihr Kind in den Musikunterricht zu
schicken. Da das Fernsehen zu einem Ersatz für die
elterliche Fürsorge und den Unterricht geworden ist,
handelt es sich hier eindeutig um eine erhebliche kul-
turelle Verschlechterung, die Auswirkungen auf das
allgemeine Bildungsniveau und die Sensibilität unserer
gesamten Bevölkerung haben wird.
Bevor ich weiter auf die Bedeutung einer aktiven
musikalischen Ausbildung eingehe, möchte ich ein
paar Worte verwenden auf den passiven Einfluss der
Musik auf unsere Psyche. Es wurde von der Musikwis-
senschaft und Psychologie festgestellt, dass Musik

47
DAS KREATIVE KONTINUUM

einen weitaus größeren Einfluss auf unsere Psyche und


unsere Emotionen hat, als der Öffentlichkeit bewusst
ist; die Auswirkungen der Musik, die wir passiv an öf-
fentlichen Orten ertragen, sind beträchtlich, ernsthaft
und erstaunlich, gelinde gesagt. Von da an bis zur Ma-
nipulation ist wirklich nur ein winziger Schritt, denn
subtile Botschaften können leicht in den musikalischen
Teppich eingebettet werden, auch ohne Subliminals;
ein Soundclip kann Emotionen auslösen oder bes-
timmte Emotionen davon abhalten, sich zu entfalten.
Es wurde viel über die Auswirkungen von Musik
an strategischen Orten wie großen Kaufhäusern
geforscht, und es wurde festgestellt, dass Musik auch
ohne die Verwendung von Subliminals, die in den
meisten modernen Rechtsordnungen gesetzlich ver-
boten ist, einen Einfluss auf das Kaufvolumen haben
kann. Es würde zu weit führen, die Details hier zu erk-
lären, aber die Tatsache als solche wird durch wis-
senschaftliche Untersuchungen bestätigt.
Musik wird heute in den Medien, an den meisten
öffentlichen Orten, in Kaufhäusern und Modebou-
tiquen aktiv genutzt, die Kaufmotivation der Kon-
sumenten zu beeinflussen und positiv zu stimulieren.
Da das meiste dieses Wissens der Öffentlichkeit ver-
borgen bleibt und nur in Fachpublikationen zu finden

48
MUSIKALISCHES TALENT ENTWICKELN

ist, die einem wissenschaftlichen Publikum sowie


Marketingbüros und Werbeagenturen zur Verfügung
stehen, ist dem Durchschnittsverbraucher diese Art der
subtilen Manipulation durch Klangteppiche und
modische Musik, die anderen als musikalischen
Zwecken dient, kaum bewusst.
Wissenschaftliche Untersuchungen zu Klang und
Gedächtnis haben gezeigt, dass, wenn zwei ver-
schiedene Klangreize auf unsere Psyche einwirken,
unser Unterbewusstsein den zugrunde liegenden Stimu-
lus registriert, nicht den dominanten.
Dr. Georgi Lozanov, ein Psychiater aus Bulgarien,
hat diese spezifische Eigenschaft unseres Gehirns posi-
tiv genutzt, um eine revolutionäre Methode zum Er-
lernen von Fremdsprachen zu entwickeln, die ur-
sprünglich Suggestopedia genannt wurde und heute
unter dem Markennamen Superlearning® verkauft
wird.
Die Schüler werden in einen entspannten Geis-
teszustand versetzt, sitzen auf bequemen Sesseln und
hören barocke Streichmusik. Über diesen musikalis-
chen Teppich, der der dominante Klang ist, rezitiert
der Lehrer Texte in der Fremdsprache als Grundton,
während den Schülern gesagt wird, sie sollen sich auf

49
DAS KREATIVE KONTINUUM

die Musik konzentrieren und im Rhythmus der Musik


atmen.
Mit dieser revolutionären Methode lernen Men-
schen in zwei Monaten ohne Akzent schwierige
Sprachen wie Arabisch, Russisch oder Chinesisch.
Lozanov benutzte die Technik ursprünglich, um
Schulkindern das Lesen und Schreiben beizubringen,
und er stellte fest, dass ein Kind im Normalfall in nur
etwa sechs Monaten perfekt lesen und schreiben ler-
nen würde.
Dies erklärt sich damit, dass das Gehirn passiv
nicht nur die Worte der Fremdsprache registriert, son-
dern ganze Muster, Grammatik, Aussprache, Syntax
und alles, was benötigt wird, um diese Sprache zu
sprechen und zu verstehen, und das alles, ohne etwas
zu ‘lernen.’ Die Lerninhalte sind zunächst passiv und
werden am Ende des Kurses durch Konversation in der
Fremdsprache aktiviert.
Es gibt keine Übersetzungen, es gibt keine Gram-
matik zu lernen, und es gibt keine Fehler zu machen;
der gesamte Prozess ist reibungslos und es sind keine
Anstrengungen erforderlich, um komplexe Sprachen
zu lernen.

50
MUSIKALISCHES TALENT ENTWICKELN

Der Schlüssel zum schnellen Lernen ist unser Un-


terbewusstsein und auch unser Zugang während der
Selbsthypnose zur Universalbibliothek des kollektiven
Unbewussten, wo alle Grammatiken gespeichert sind,
und viel mehr anderes Wissen.
Was die meisten Menschen ignorieren, ist, dass wir
uns unfreiwillig oft in einem Zustand der Träumerei
befinden, der dem Alpha-Zustand ähnlich ist, der
vorherrschenden Wellenlänge, die für tiefe Entspan-
nung, Hypnose und Selbsthypnose charakteristisch ist.
Die Forschung fand auch heraus, dass sich Kinder
naturgemäß häufiger im Alpha-Zustand und sogar im
Theta-Zustand befinden, als dies bei Erwachsenen der
Fall ist; in diesen Momenten ist ihr Geist also leicht
beeinflussbar durch äußere Reize und wird mit diesen
geprägt. Daher werden Kinder in diesen Momenten
leicht mit Werbung manipuliert. Diese Tatsache ist ein-
er der Hauptgründe, warum Ärzte, Psychologen und
Elternorganisationen zunehmend aktiv sind für die
Sensibilisierung der Öffentlichkeit gegen die Gefahren
von Gewalt in unseren Fernsehsendungen.
Pädagogen, die die Kinder, um die sie sich küm-
mern, lieben, werden alles in ihrer Macht Stehende
tun, um sie vor einer solchen negativen und
gefährlichen Konditionierung zur Gewalt zu schützen.

51
DAS KREATIVE KONTINUUM

Die beste Methode, um zu vermeiden, dass ein


Kind durch eine bestimmte Art von Musik oder eine
bestimmte Art von Fernseh- oder Filmprogramm
gefährdet wird, besteht darin, die Aufmerksamkeit des
Kindes subtil von ihm abzulenken, indem man Alter-
nativen anbietet und nicht nur Scheinalternativen,
sondern Aktivitäten, von denen man weiß, dass sie das
Kind begeistern.
Warum die meisten Eltern und Erzieher diese
Strategie nicht nutzen, ist, dass sie Zeit und Mühe er-
fordert. Es ist einfacher, Kinder das genießen zu lassen,
was sie mögen, und darauf zu vertrauen, dass es nicht
so schlimm sein kann, weil ‘jeder es tut.’ Zum Beispiel,
wenn Sie wissen, dass die Kinder in Ihrer Klasse gerne
im Regen draußen laufen, und Sie sie von einer gewalt-
tätigen Fernsehsendung mit dem Vorschlag ablenken,
‘im Regen rauszugehen und zu spielen,’ sind Sie Teil
des Spiels, und es kann nicht vermieden werden, dass
Sie dabei nass werden.
Das ist der einfache Grund, warum die meisten
Erzieher und die meisten Eltern nicht das tun, was sie
für richtig halten. Sie wollen nicht nass werden, mit
dem Fahrrad in der heißen Sonne fahren, im kalten
Wasser schwimmen gehen, das Auto aus der Garage
nehmen, um zur ‘Eislaufarena’ zu fahren und so weiter

52
MUSIKALISCHES TALENT ENTWICKELN

und so fort. Die Macht des Fernsehens wäre keine,


wenn wir den Kindern auf einheitlicher Basis natür-
liche und vernünftige Alternativen anbieten könnten.
Nun, was die aktive musikalische Bildung betrifft, so
habe ich festgestellt, dass es heute ziemlich schwierig
ist, ein musikalisch begabtes Kind zu begleiten, wenn
die Familie nicht musikalisch ist und sich nicht die
Mühe macht, so etwas wie eine ‘Musikkultur’ in ihrem
Familienalltag aufzubauen. Dann, was passiert, und es
ist mir passiert, wird sich das Kind schnell als Außen-
seiter in seinem familiären Kontext fühlen.
Deshalb halte ich es in solchen Fällen für besser,
Kinder nicht in die aktive musikalische Praxis zu drän-
gen, ohne die volle Zusammenarbeit ihrer Eltern zu
gewährleisten, sondern Kindern die Schönheit der
Musik zu zeigen, indem man gute Musik hört und das
regelmäßig tut.
Ich bin mir bewusst, dass es in diesem Zusammen-
hang ein lächerliches Anliegen ist, über die Sensibil-
isierung von Kindern für musikalischen Input zu
sprechen, wie es oft in Bildungsforen praktiziert wird,
denn natürliche Kinder sind ohnehin empfänglich,
und sie sind besonders empfänglich für Musik. Was die
Erzieher tun müssen, ist, diese natürliche Sensibilität
des Kindes vor einer sehr unsensiblen Kultur zu

53
DAS KREATIVE KONTINUUM

schützen, die Kinder und Jugendliche systematisch de-


sensibliert und abstumpft.
Dies gilt umso mehr für begabte Kinder, und es
geht um die Kinder, von denen ich in diesem Buch
spreche, denn normale Kinder haben sehr wenig Inter-
esse daran, Zeit und Energie über Jahre hinweg zu in-
vestieren, um ein Musikinstrument zu erlernen und zu
beherrschen.
Ich habe aus Erfahrung gelernt, dass es für Kinder,
wenn sie nicht wirklich musikalisch begabt sind, eine
Qual ist, ein Instrument zu lernen, denn wie wir alle
wissen, erfordert musikalische Darbietung viel Opfer,
Beständigkeit und eine grundlegende Beherrschung
von Bühnenangst und negativen Emotionen in Form
von immer wiederkehrender Frustration. Erst wenn
das Kind einen echten Musikgenuss erlebt, baut es die
Ausdauer auf, ein Musikinstrument mit allem, was
dazu gehört, über lange Zeiträume hinweg zu erlernen.
Wenn das Talent vorhanden ist, muss das Kind
nicht viel gefördert werden, da das Genie eine einge-
baute Fähigkeit hat, sich selbst zu erkennen und her-
auszubilden. Ein weiterer wesentlicher Vorteil des
Musikstudiums ist, dass Kinder Musiklogik lernen, die
reine kosmische Logik ist, die mit mathematischer
Logik vergleichbar ist, und der Geist des Kindes wird

54
MUSIKALISCHES TALENT ENTWICKELN

an Klarheit und klarer Kommunikationsfähigkeit


gewinnen.
In meiner langjährigen Erfahrung mit musikalisch-
er Darbietung und Komposition und nachdem ich in
meinem Leben viele Musiker getroffen habe, kann ich
bestätigen, dass Musiker unter allen möglichen Men-
schen aus allen möglichen Kulturen bei weitem die
klarsten, intelligentesten und harmonischsten Men-
schen sind. Ihr emotionales Leben ist ausgeglichen.
Es gibt noch einen weiteren Vorteil für Kinder, die
ein Musikinstrument lernen; sie werden bescheidener,
weil sie lernen, dass alle großen Meisterleistungen mit
‘Schweiß und Tränen’ zu bezahlen sind. Während das
Genie sicherlich angeboren ist, muss es durch Meister-
schaft, Selbstdarstellung und viel Ausdauer entwickelt
werden! Dies erklärt, warum Kinder, die früh im Leben
auftreten, und umso mehr, wenn sie Wunderkinder
sind, sowohl disziplinierter, wie auch reifer und sensi-
bler sind als das Durchschnittskind. Sie neigen auch
dazu, in ihrem täglichen Umgang mit anderen verant-
wortungsvoller zu sein, und sie verstehen andere bess-
er als gewöhnliche Kinder.
Im Gegensatz dazu wird ein Kind, das nur den
ganzen Tag spielt und nie den harten Seiten des Lebens
ausgesetzt war, und welches keine Selbstdisziplin bei

55
DAS KREATIVE KONTINUUM

der Beherrschung eines Instruments, eines Sports,


eines Computers oder etwas anderem von Wert gelernt
hat, nie die Brillanz und Eleganz von Kindern erlan-
gen, die auf dem Weg zum Genie sind. In den meisten
Fällen bleiben diese Massen von Kindern mittelmäßige
Konsumenten, die das Leben als Residualbegriff oder
eine Serie von Standardverhaltensweisen betrachten,
ohne in die Tiefe von Leben und Seele einzudringen
und ohne am kosmischen Drama des Lebens
teilzunehmen.
Deshalb ist das Erlernen eines Musikinstruments
und die Beteiligung an musikalischen Darbietungen als
langfristiges Unterfangen eine der größten und intelli-
gentesten Möglichkeiten, um zu einem ganzheitlichen
Menschen zu werden.
Ich habe tatsächlich festgestellt, dass viele gewöhn-
liche Kinder, viele neurotische und hyperaktive Kinder
künstlerisches Talent haben, aber das Problem ist, dass
sie zu unruhig und zu flach sind, um etwas konsequent
zu tun. Es reicht nicht aus, dass ein Kind für Musik
oder Kunst begabt ist, wenn den Eltern ihre Einzigar-
tigkeit gleichgültig ist und wenn die Kinder selbst Eis-
creme und Fernsehen mehr zu schätzen gelernt haben
als Lernen. In einem solchen Fall ist die kostbare Es-
senz der Unschuld für immer verloren gegangen.

56
MUSIKALISCHES TALENT ENTWICKELN

Ich kam im Laufe der Jahre zu dem Schluss, dass


Genialität mehr aus der Revolte heraus wächst, als sie
aus Anpassung hervorgeht. Kinder, die sich leicht an
den Status quo anpassen können und mit allen
möglichen negativen Konditionierungen einhergehen,
ohne ihre Bedürfnisse einmal wirklich auszudrücken,
werden später im Leben oft depressiv sein. Denn De-
pression ist wirklich nichts anderes als die Unfähigkeit,
sich selbst, seinen tiefsten Willen und seine Emotionen
auszudrücken!
Das Genie Albert Einstein ist ein anschauliches
Beispiel, das einem in den Sinn kommt, denn es zeigt,
dass jemand, der Musik liebt und ein brillanter Geiger
war, keine ‘musikalische Karriere’ machen muss. Aber
das Genie Einstein ist undenkbar ohne den begabten
Musiker im Physiker und den rebellischen Freak im
Musiker.
Das ist das Geheimnis des Genies, es ist nicht Ein-
seitigkeit, sondern ein kosmisches inneres Gefüge, das
irgendwie die ganze Schöpfung in einem einzigen
Erkenntnisblitz umfasst, der ein Leben lang anhält!

57
VI
Technologie Integrieren

Unsere alte Vorstellung von ‘Allgemeinwissen’ kann


vernünftigerweise nicht aufrechterhalten werden, denn
der Wissensumfang ist heute so immens, dass kein
Mensch jemals auch nur annähernd in der Lage sein
wird, ihn intellektuell zu umgreifen.
Dies war noch anders vor zweihundertfünfzig
Jahren, zur Zeit der Aufklärung, als ein Mann wie Denis
Diderot eine Enzyklopädie schreiben konnte, die fast
die Integralität des damaligen Wissens umfasste.
Ein extremistischer Bildungsansatz, der versucht,
Technologie auszuschließen, ist ebenso falsch wie ein
Ansatz, der moderne Informationstechnologie exklusiv
zur Erziehung einsetzt. Wir brauchen Computer als
kreatives Werkzeug, und wir müssen sie klug einset-
zen; das ist es, was wir den Kindern zeigen müssen.
Gerade heute, in einer Zeit, in der die Technologie Teil
DAS KREATIVE KONTINUUM

der Netzwerktechnologie ist, mit der wir die Welt


miteinander verbinden, ist in der Bildung jede Art von
Rousseau’schem Zurück zur Natur eine Illusion und
funktioniert in der Praxis nicht. Und noch wichtiger
ist, dass diese Philosophie für die Kinder, die wir
erziehen, nicht nützlich ist; sie müssen in die Welt
hineinwachsen, nicht aus der Welt herauswachsen, und
zwar durch einen weisen Umgang mit allem, was sie
bekommen, einschließlich der Hypertechnologie.
Ich weiß, dass viele hochkarätige Eltern die Idee
der New-Age-Schule um die Ecke lieben, wo Kinder
dazu angehalten werden, vegetarische Gerichte zu es-
sen und mit Holzspielzeug zu spielen, wo es keinen
Fernseher und keine Computer gibt und wo sie über
die ‘Gefahren des modernen Lebens’ informiert wer-
den. Elternversammlungen finden natürlich in einem
bei Kerzenlicht beleuchteten Raum statt, weil ‘es
Kindern in armen Ländern die Möglichkeit nimmt, zu
viel Strom zu verbrauchen.’
Ich schätze Einfachheit, aber Erziehung zum Extrem-
ismus ist wirklich nicht nützlich! Wir brauchen keinen
Extremismus, um unseren Kindern eine vernünftige
Bildung zu geben. Extremismus, jede Art von Extrem-
ismus, mit Verlaub, ist so verrückt wie patriarchalische
Hybris – auch wenn es alles sehr anständig, intelligent

60
TECHNOLOGIE INTEGRIEREN

und natürlich aussieht. Unsere Büros werden nicht mit


Kerzen beleuchtet, und die Unbedarftheit von Kindern
ist nicht wirklich ein Faktor für ihre spätere Beschäfti-
gung, wenn sie nicht wissen, wie man mit einem
Computer umgeht. Was Extremismus tut, ist, den
angeborenen gesunden Menschenverstand der Kinder
zu verzerren. Haben Sie jemals ein extremistisches
Kind gesehen?
Ja, natürlich, wenn sie ihre Eltern nachahmen, die
Mitglieder der kommunistischen Partei sind und de-
shalb nur rotes Essen essen, nur rote Luft atmen, nur
rote Kleidung tragen und nur rote Gedanken denken!
Aber kein natürliches Kind. Niemals. Kinder sind er-
staunlich ausgeglichen, sie lehnen nichts ab, sie ver-
wenden Technologie, wenn sie nützlich ist und wenn
es Spaß macht, sie zu benutzen.
Und das ist schließlich eine gute und produktive
Einstellung. Jeder Künstler, jeder Intellektuelle hat die
gleiche Einstellung, außer, dass sie Rache an der
‘Gesellschaft’ geschworen haben, weil sie all ihre per-
sönlichen Probleme auf die Metagruppe projizieren.
Gute Erziehung ist nicht eine solche, die Dinge
ausschließt, ist keine, die Gedanken, Gefühle oder
Verhaltensweisen tabuisiert, sondern eine, die alles um-
fasst, während sie täglich und einen kleinen Schritt

61
DAS KREATIVE KONTINUUM

nach dem anderen die Weisheit lehrt, alles intelligent


zu nutzen, was wir haben.

62
VII
Die Weisheit der Wahl Lehren

Das Fernsehen enthält viele gute und nützliche


Programme, Informationen über Technologie, über
kulturelle Ereignisse, über großartige Menschen, über
Kulturen, die Sie vielleicht nie in Ihrem Leben be-
suchen werden, wegen des rauen Klimas, das dort
herrscht, oder über Orte, die zu abgelegen sind, um sie
ohne große Unannehmlichkeiten zu besuchen.
Und es gibt Filmmaterial, das für Kinder nützlich
ist, weil es nicht für Kinder produziert wurde. Ich
glaube ernsthaft, dass Kinder instinktiv die Informa-
tionen vorziehen, die nicht für Kinder gebacken,
gekocht und gewürzt wurden; sie mögen es nicht, als
‘Kinder’ angesprochen zu werden, sondern einfach als
Zuschauer, neben erwachsenen Zuschauern. Und dies
ist ganz besonders der Fall bei begabten Kindern, weil
sie emotional reifer sind als gewöhnliche Kinder.
DAS KREATIVE KONTINUUM

Und ehrlich gesagt, kann ich nicht sehen, wie


dumme, sinnlose, gewalttätige und leichtsinnige Car-
toons in irgendeiner Weise ‘erzieherisch’ oder ‘gut’ für
Kinder sein sollen? Sie sind ein Geschäft, das ist alles,
sie sind ein globales Geschäft in den Händen einiger
mächtiger Korporationen. Das ist alles, was es darüber
zu wissen gibt.
Beim Fernsehen ist alles Wahl; wenn es Wahl gibt,
ist das Fernsehen eine gute Sache, wenn es keine Wahl
gibt, ist das Fernsehen eine schlechte Sache; so einfach
ist das. Je größer Ihre Bildung ist und je weniger au-
toritär Sie sind, desto besser für die Entscheidungs-
fähigkeit Ihrer Kinder. Denn gute Entscheidungen zu
treffen muss auch gelernt sein; es wird uns nicht in die
Wiege gelegt.
Gute Entscheidungen im Leben zu treffen, ist nach
dem I Ging die eigentliche Crux im Leben und wo sich
normale Menschen und Weise am meisten in ihren
Einstellungen und Fähigkeiten unterscheiden. Das
Buch der Wandlungen definiert einen Weisen als eine
Person, die weiß, gute, vernünftige und nützliche
Entscheidungen für sich selbst und andere zu treffen,
während gewöhnliche Menschen dazu neigen,
schlechte oder falsche Entscheidungen zu treffen, die
Verfall und Zerstörung, Verlust und Misserfolg brin-

64
DIE WEISHEIT DER WAHL LEHREN

gen. Oft wissen wir nicht sicher, ob eine bestimmte


Entscheidung gut ist oder nicht, da wir nicht alle
Auswirkungen unserer Entscheidungen kennen; aber
jemand mit einer wirklich spirituellen Lebensvision
und viel Erfahrung kennt diese meist unsichtbaren
Faktoren und kann daher gute und tragfähige
Entscheidungen treffen.
Wenn man sieht, wie schwierig es für uns Erwach-
sene bereits ist, gute Entscheidungen zu treffen, wie
schwierig muss es für junge und unerfahrene Kinder
sein! Damit will ich sagen, dass es ist eines der wichtig-
sten Themen in der Bildung ist, Kindern dabei zu helfen,
allmählich eine gesunde Entscheidungsfähigkeit zu en-
twickeln.
Dies erfordert zwei Dinge von den Erziehern, die
beide gleichzeitig anwesend sein müssen; das erste ist,
dass der Erzieher selbst ein Leben führt, in dem die
grundlegenden Entscheidungen richtig und vernünftig
sind und mit einer gewissen Dankbarkeit in Erin-
nerung bleiben, und das zweite ist, dass der Erzieher
genügend Geduld hat, wenn Kinder anfangs viele
falsche Entscheidungen treffen; denn wenn man sie
nicht falsche Entscheidungen treffen lässt, Entschei-
dungen, die weh tun, wie glauben Sie, werden sie
später richtige Entscheidungen treffen?

65
DAS KREATIVE KONTINUUM

Oder gehören Sie etwa zu denen, die für Kinder


entscheiden, während Sie so tun, als wäre es die Wahl
des Kindes? Das ist, entschuldigen Sie, einfach un-
ehrlich. Sobald Sie das herausfinden, werden Sie ver-
stehen, dass es eine Herausforderung ist, ein Erzieher
zu sein, denn Kinder neigen dazu, Ihre schlechten
Eigenschaften zu widerspiegeln; sie können sehr wohl
auch Ihre Integrität grundsätzlich in Frage stellen.
Mittelmäßige Pädagogen werden in diesen Mo-
menten oft wütend, und das ist der Unterschied zu je-
nen leidenschaftlichen Erziehern, die für ihre Arbeit
wirklich begabt sind. Gute Erzieher reagieren, indem
sie sich kurzzeitig aufheitern, aber anschließend fra-
gen, ob in ihrem Gesamtverhalten nicht etwa Reste von
Selbstmitleid, Stolz oder Arroganz enthalten sind?
Wenn Sie diesen Ansatz als Pädagoge praktizieren,
kann er Ihnen helfen, eine persönliche Entwicklung
durch zu machen, die nicht unbedeutend ist. Und es
wird Sie verjüngen und von jeder Depression heilen, in
der Sie sich festgefahren haben; außerdem werden Sie
echte Entdeckungen über sich selbst machen.

66
VIII
Die Natur Heilt

Die Natur und das natürliche Leben haben


zweifellos eine besondere Anziehungskraft für
Kinder; während es auch gesund und gut für
Erwachsene ist, im Freien zu sein und die Natur zu
genießen, kann die Bedeutung des natürlichen
Lebens für Kinder nicht hoch genug eingeschätzt
werden.
Ich habe festgestellt, dass sich gestörte und
‘schwierige’ Kinder beruhigen und spontan
verbessern, nachdem sie ein paar Stunden im
Freien verbracht, den Wind und die Sonne
genossen und ihre Körper so viel wie möglich be-
wegt haben. Es scheint, dass diese einfache Tat-
sache bei Lehrern wenig bekannt ist.
DAS KREATIVE KONTINUUM

Ein einfacher Regen, ein Gewitter, Schnee und


Eis, ein Spaziergang am Flussufer, Waten durch
den Schlamm, ein Lauf über Strandsand, ein paar
Blumen am Straßenrand pflücken – all diese Aktiv-
itäten, die die meisten Erwachsenen als selbstver-
ständlich ansehen, ohne ihre Dimension für das
Kind zu sehen, haben heilende Eigenschaften.
Die Natur heilt. So einfach ist das. Die Natur
erweitert den inneren Raum, und sie macht innere
Knoten auf, sie heilt emotionalen Stress, und sie
lässt uns tief durchatmen, was an sich schon ein
starker Auslöser für Heilung ist.
Darüber hinaus muss man sehen, dass Kinder
im Gegensatz zu vielen Erwachsenen wahllos
bezüglich der Wetterbedingungen sind und die
Natur so nehmen, wie sie ist, und Freude an jedem
Wetter haben; und der Erzieher sollte lernen,
genauso zu denken.
Ich habe noch nie ein Kind getroffen, das
keinen Ausflug ans Meer oder an einen See
genossen hat. Außerdem sind die hohe Ionisation
und die salzhaltige Luft in der Nähe des Ozeans
natürlich sehr vorteilhaft für die Gesundheit der

68
DIE NATUR HEILT

Kinder, da sie unser Bronchialsystem reinigt und


unsere Vitalzellen wieder auflädt. Im Allgemeinen
hat der Ozean eine stark metaphorische Qualität; er
wird im Unterbewusstsein mit der Matrix assozi-
iert, und dem Ewig-Weiblichen, mit dem kosmis-
chen Fluss und mit der Sexualität.
Kinder lieben es, nach Muscheln und Schneck-
en zu suchen, die ihre intimen Organe symbol-
isieren, und sie werden dadurch in ihrer sexuellen
Identität bestätigt.
Ich habe immer wieder beobachtet, dass Kinder
in Meeresnähe unglaublich ausdrucksstark wer-
den, dass sie überschwänglich und voller Freude
sind, und energetisiert, und dass sie selbst wenn sie
von düsteren oder missbräuchlichen häuslichen
Bedingungen kommen, am Meer ihr trauriges Mi-
lieu für ein paar Stunden wirklich vergessen und
entspannen können.
Der innere Wert des Ozeans und der im Allge-
meinen wilden, unberührten Natur für Kinder
besteht darin, dass sie ihren vollen Entdeckungs-
drang, ihre Lust auf die Erweiterung des Bekannten
ausüben können. Kinder haben viel weniger Angst

69
DAS KREATIVE KONTINUUM

vor dem Neuen, dem Unbekannten als die meisten


Erwachsenen; deshalb sind sie in der Regel
mutiger als Erwachsene.
Wenn sie etwas erforschen, sei es die Natur um
sie herum, sei es die Natur in ihnen, wollen sie so
weit gehen, wie ihr Mut reicht. Sie gehen vielleicht
nicht durch, aber wenn sie es nicht tun, sollte das
in ihrem eigenen Ermessen liegen, nicht im Er-
messen des Erziehers.

70
IX
Der Wert der Stille

Stille ist für den Geist unerlässlich. Ohne Stille er-


trinkt der Geist in den Turbulenzen des täglichen
Lebens und in allen unseren widersprüchlichen Wün-
schen, Gedanken und Gefühlen.
Die traditionelle Erziehung hat von dieser Tatsache
nichts verstanden. Kinder werden gewaltsam zum
Schweigen gebracht und in Übereinstimmung mit
‘Recht und Ordnung’ und durch den Einsatz von
erzieherischer Gewalt ruhig gehalten, nur um dann in
Ausbrüchen von Hass und Dummheit zu explodieren,
wenn die Klasse vorbei ist und sie aus dem Schulhaus
kommen.
Schweigen kann dem Verstand nicht auferlegt werden.
Es ist ein grundlegender Fehler, Kinder für ihre Un-
ruhe zu bestrafen; wenn Kinder ein ausgeglichenes
Leben führen und wenn ihre Emotionen respektiert
DAS KREATIVE KONTINUUM

und bewusst gemacht werden, sind Kinder nicht lauter


als Erwachsene. Es ist typisch für unsere heutige Igno-
ranz, so etwas kundzugeben wie: ‘Nun, Kinder sind
nun einmal Kinder, und Kinder machen Krach!’
Nein. Das ist eine Projektion und ein Vorurteil. Es
gibt keinen Grund, warum Kinder wesentlich lauter
und turbulenter sein sollten als Erwachsene. Durch die
auferlegte Disziplin werden Kinder laut und wider-
spenstig, nicht durch eine vernünftige und verständ-
nisvolle Erziehung.
Wenn Kinder ständig laut sind, können Sie sicher
sein, dass auch ihre Eltern und Erzieher laut sind. Das
moderne Leben muss jedoch nicht laut sein. Einen
Fernseher zu haben bedeutet nicht, dass er brüllen
muss. Das Gleiche gilt für eine Stereoanlage, ein
Videospiel oder was auch immer. Aber ich habe immer
wieder gesehen, dass Eltern, die laute Kinder haben,
genauso laut sind, und dich zu einem Glas Wein ein-
laden, während der Fernseher in voller Lautstärke
läuft, und dich dann anschreien, weil ‘heute soviel
Krach’ ist im Haus, wir also ‘ein wenig lauter’ sprechen
müssen.
Viele von ihnen sind an ihre ständig laufenden
Fernseher so gewöhnt, dass sie sie nicht einmal mehr
bewusst hören; so beginnen sie aus Gründen des Au-

72
DER WERT DER STILLE

tomatismus zu schreien, anstatt zu reden. Und dann


will ich das Kind sehen, das ein solches Beispiel nicht
annimmt und eine laute Ratte wird!
Wenn Kinder laut sind, muss man flüstern, denn
das bringt sie wieder auf Kurs. Was auf lange Sicht hil-
ft, ist Meditation, oder stille Entspannung, oder Yoga,
jede Aktivität, die nur Sinn macht, wenn sie in Stille
durchgeführt wird. Und Sie werden sehen, wie viele
Kinder das mögen, wie viel sie danach geradezu ver-
langen!
Ich habe mit Pädagogen von Krishnamurti-Schulen
in Indien gesprochen, und sie haben mir gesagt, dass
aus ihrer Erfahrung heraus die meisten Probleme mit
der Disziplin dadurch entstehen, dass der Verstand zu
turbulent ist, und um dem abzuhelfen, ist Stille nötig,
nur Stille! Wenn sie ihren Tag beginnen, gehen sie mit
den Kindern nach draußen und beobachten den Son-
nenaufgang, nicht länger als etwa zehn Minuten, eben-
so abends, sie gehen hinaus und beobachten den Son-
nenuntergang, für weitere zehn Minuten.
Das bedeutet zwanzig Minuten pro Tag Stille, echte
Stille. Sie sagten mir, dass zwanzig Minuten Stille pro
Tag für ein Kind und sogar für die meisten Erwachse-
nen ausreichen, um den Geist für den ganzen Tag still
zu halten!

73
DAS KREATIVE KONTINUUM

Die Forschung hat gezeigt, dass ein stiller Geist


besser koordiniert ist, dass die Gehirnhälften syn-
chroner arbeiten, dass der Geist offener für die Auf-
nahme von Wissen ist und dass das emotionale Gle-
ichgewicht einfacher zu erhalten ist.
Ich denke, das kann jeder verstehen, es macht ein-
fach Sinn, und ist nichts, was ‘nur für Asiaten funk-
tioniert.’ Krishnamurti-Schulen sind nicht in die asi-
atische Kultur eingebettet, sie sind in die internationale
Kultur eingebettet. In den normalen Schulen in Indien
sind die Kinder genauso laut wie im Westen, und sie
werden genauso viel oder sogar noch mehr ermahnt,
‘nicht laut zu sein.’
Ein Erzieher überall auf der Welt, der Tag für Tag
laute Kinder um sich herum hat, ist ein lauter Mensch,
tun Sie, was Sie wollen; es ist ein Mensch mit einem
turbulenten Geist und unbändigen Emotionen! Das ist
einfach so, als eine Frage von Aktion und Reaktion!
Ordnen wir eine Gruppe von Kindern um einen
Weisen an, denken Sie, dass sie laut und turbulent
sind und auf ihren Stühlen hin- und herruschten? Das
werden sie nicht. Ich habe es bei mehreren Gelegenheit-
en in Asien, in Indonesien gesehen. Der Weise wird so
leise sprechen, dass jedes Kind, um zu verstehen, was
er sagt, eine völlig stille Haltung einnimmt, und man

74
DER WERT DER STILLE

kann eine Nadel auf den Boden fallen hören. Warum?


Es liegt daran, dass die Stille des Geistes des Weisen
alle Gedanken im Raum erfüllt; es ist seine Aura, seine
innere Energie, die das tut. Und sein Verhalten. Er
spricht leise und alle seine Gesten sind weich und
nachgiebig, und er lächelt. Es gibt kein einziges Wort,
das er nicht aus dem Gleichgewicht heraus hervor-
bringt, es gibt keine einzige Bewegung, die er macht,
die nicht anmutig und graziös zu beobachten ist.
Die Kinder nehmen den Mann auf, essen ihn
virtuell mit den Augen, in Ehrfurcht, beobachten
aufmerksam alles, was er tut und sagt, wie er eine
Frucht aufschneidet, um ein kleines Stück zu essen,
und dann den Rest den Kindern anzubieten. Und sie
gehen strahlend, aber still zurück, und ihre Gesichter
sagen: ‘Ich habe ein Geschenk empfangen!’
Es ist eine bezaubernde Erfahrung, eine Erfahrung,
die man nie vergisst, und sie lehrt ohne ein Wort, dass
für eine vernünftige Erziehung keine Disziplin er-
forderlich ist, sondern Weisheit und Stille – was genau
das ist, was Krishnamurti sein ganzes Leben lang sagte.
Und er sagte auch, dass Schweigen in keiner Weise
aufgezwungen werden kann, denn wenn es
aufgezwungen wird, ist das Ergebnis künstliches Verhal-
ten, nicht authentisches Verhalten. Das ist im Allge-

75
DAS KREATIVE KONTINUUM

meinen so, und es ist noch einsichtsvoller, wenn man


versucht, Kindern Schweigen aufzuzwingen. Denn Sie
werden totales Versagen einstecken müssen, Sie wer-
den sehen, dass alles in die entgegengesetzte Richtung
laufen wird und dass Sie das letzte bisschen Stille aus
den Köpfen der Kinder vertreiben werden.
Also sollten Sie das nicht einmal versuchen, son-
dern zunächst einmal üben, selbst zu schweigen, auch
wenn es nur für fünf Minuten am Tag ist. Bevor Sie das
regelmäßig tun, können Sie vergessen, um sich auch
nur einigermaßen ausgewogene und halbwegs stille
Kinder zu haben. Wenn Ihr eigener Verstand eine Rap-
pelkiste ist, denken Sie, dass Sie Ordnung im Verstand
der Kinder schaffen werden, die um Sie herum sitzen?
Und bedenken Sie auch, dass in allen Angelegen-
heiten der Kindererziehung geistiger Zwang nicht
funktioniert! Es ist nicht wichtig, wie man zu innerer
Stille findet, nur das Ergebnis zählt.
Eine gute Methode der Sensibilisierung von
Kindern ist, ihnen nahezulegen, einmal alle Geräusche
um sie herum bewusst anzuhören und jeden einzelnen
Klang zu identifizieren, und dann die ganze Symphonie
bewusster zu erfahren. Dies wird jedem Kind nach
gewisser Zeit ermöglichen, manipulativen Input, Wer-
bung, Unterhaltungsmusik und dergleichen sensibel

76
DER WERT DER STILLE

wahr zu nehmen und zu unterscheiden von guter und


wertfreier Musik.
Stille, jede Stille kommt spontan zustande, sie kann
nicht eingeladen werden. Im Dao De Jing schrieb
Laotse: ‘Wenn man etwas sehr stark ausdehnen will,
muss man es zuerst sehr stark zusammenziehen.’
Wenn Kinder diszipliniert werden, um still zu sein,
ist das Ergebnis, dass sie übermäßig laut werden, weil
sie sich in jedem Moment aus dem Zwang herausbe-
wegen wollen, und wenn sie den Raum verlassen, auf
die Toilette gehen oder was auch immer tun, nach
Hause gehen oder andere Kinder treffen, explodieren
sie. Dann kämpfen sie, verletzen sich gegenseitig,
schreien sie, treten sie, spucken sie, fluchen sie, mit
einem Wort, sie tun alles, was sie im Unterricht nicht
tun dürfen. Daher ist Disziplin nutzlos oder sogar kon-
traproduktiv, oder sagen wir, dass jede Art von Diszi-
plin nutzlos ist, wenn sie auf Zwang beruht.
Selbstdisziplin hingegen ist nicht nutzlos und nicht kon-
traproduktiv. Was wir daraus lernen, ist, dass das Ziel
nicht das Lehren von Disziplin ist, sondern der
Erzieher Selbstdisziplin für sich selbst lernt und ausübt,
und erst, wenn er dies geschafft hat, die Kinder dazu
anhält, ebenfalls Selbstdisziplin zu entwickeln.

77
DAS KREATIVE KONTINUUM

Ohne Selbstdisziplin gelernt zu haben, kann kein


Erzieher den Kindern vermitteln, was es bedeutet. Der
Erzieher muss seine Philosophie aktiv leben, bevor er
von ihm betreuten Kindern die geringste Verbesserung
erwarten kann. Dies ist umso mehr der Fall, als Selbst-
disziplin nicht wirklich ein Tun ist, sondern eine Ein-
stellung oder Haltung. Und Haltung kann nicht verbal
übertragen werden, sie wird immer nonverbal und
meistens unbewusst übertragen.
Wenn wir dem Zwang im gesamten Bildungsbere-
ich ihren Abschied geben, beenden wir den wahnsin-
nigen Dualismus, der unsere Kultur seit den Anfängen
des Patriarchats durchdrungen hat. Denn wenn wir mit
dem Zwang Schluss machen, öffnen wir die Tür zur
Selbstregulierung, die inhärent in allen lebenden Sys-
teme ist. Überall in der Natur, in unserem Organismus,
bei Gezeiten und Wetter, in den Wachstumszyklen von
Pflanzen, Tieren und Menschen, bei der Bewegung der
Planeten und sogar in unserer Weltwirtschaft ist Selb-
stregulierung zu beobachten. Ökonomische Selbstreg-
ulierung gilt als eines der wichtigsten Prinzipien für
das Funktionieren von Märkten, ob regional, national,
oder global.
Kinder, wenn man sie frei lässt, sind natürlich selb-
stregulierend in allem, was sie denken und tun. Sie

78
DER WERT DER STILLE

gehorchen einfach der Natur, und die Natur ist selb-


stregulierend. Und selbstregulierte Kinder sind stärker
und haben ein besseres Immunsystem, sie sind gesün-
der, und sie können mehr aushalten.
Kinder, die daran gehindert wurden, sich selbst zu
regulieren, sind emotional schwach und körperlich
krank, launisch und gebrechlich. Es sind die Babys,
die in dunkle Räume gebracht wurden, um allein zu
schlafen, anstatt das Bett ihrer Eltern zu teilen, es sind
diejenigen, die an der Wand aufgehängt wurden, als
Säuglinge, in Verbänden, und diejenigen, deren Hände
am Bett befestigt waren, um sie davon abzuhalten, sich
zu amüsieren. Es sind auch die modernen Kinder, die
ferngesteuert statt selbstreguliert sind, da der Fernseher
ihr Babysitter und ihr Schnuller war.
Da sie selbstregulierend sind, machen Kinder in
bestimmten Momenten Lärm, aber das ist nicht das
zwanghafte, laute Verhalten, das ich vordem diskutiert
habe. Es sind eher kurze Momente, in denen das Kind
sozusagen die Register zieht, wie ein Organist die Reg-
ister der Orgel zieht, bevor er mit dem Spielen beginnt.
Wenn Kinder zum Beispiel von der Schule nach Hause
kommen, schreien sie oft, oder sie werfen ihre Jacke in
eine Ecke, und das tun sie auf eine ‘laute’ Weise, und

79
DAS KREATIVE KONTINUUM

dieser Lärm sagt etwas aus. Er besagt: ‘Ich bin froh,


nach Hause zu kommen!’ Das ist alles.
Dem Lärm in diesem Moment zu widerstehen und
das Kind zu ermahnen, ist so gut wie dem Jungen oder
Mädchen zu sagen: ‘Ich mag es nicht, wenn du nach
Hause kommst, besser du bleibst in der Schule!’ Und
das tut wirklich weh.
Es ist also in Ordnung, wenn ein Kind für einen
Moment die Register zieht, was, um es zu wiederholen,
nicht ‘laut sein’ ist. Es ist eine andere Geschichte, kein
Geräusch, das von einem widerspenstigen Geist aus-
gelöst wird, sondern einfach der Körper, der einen
Moment lang sein Gleichgewicht wieder herstellt.
Haben Sie Kinder und Kleinkinder gesehen, die in
die Arme ihrer Mütter oder Väter springen? Und haben
Sie das Geräusch gehört, das sie dabei machen? Sie
heulen, oder sie schreien, oder sie singen, aber sie sind
fast nie still dabei. Diese Geräusche sind natürlich und
dürfen nicht beanstandet werden, oder Sie sagen dem
Kind implizit: ‘Ich will nicht, dass du lebst!’ Und das
ist dann das, was ich Todeserziehung nenne.
Oft, wenn Kinder die Register ziehen, machen sie
eine Reihe von schnellen Bewegungen hintereinander;
es ist irgendwie koordiniert, wie ein Bühnenclown, der

80
DER WERT DER STILLE

eine seiner Parodien übt: eine Drehung, ein Klick, ein


Aufstampfen, ein Schrei und ein Gähnen – all das in
schneller Abfolge.
Nach meiner Erfahrung ziehen Jungen öfter die
Register als Mädchen. Und diese Momente, bemerkte
ich ebenfalls, bringen das Kind fast immer in eine
nachgiebige, entspannte Stimmung; und was es dann
am liebsten mag, ist, gestreichelt zu werden und eine
zeitlang ruhig neben seinem bevorzugten Erzieher oder
zu Hause bei einem Elternteil zu sitzen.
So scheint es mir, dass das Ziehen der Register für
das Kind eine Entspannungswirkung hat, und das kann
der versteckte Grund sein, warum sie es tun. Es ist
nicht anders als das Sprichwort von Laotse, das ich
oben zitiert habe: zuerst ziehen sie sich zusammen und
spannen sich an, dann dehnen sie sich aus und
entspannen sich.
Aber ich spreche hier von grundsätzlich gesunden
Kindern, nicht von solchen, die in autoritären Schulen
und Häusern aufgewachsen sind, und die zwanghaft-
neurotisch laut sind.
Im Allgemeinen kann man sagen, dass das gesunde
Kind sich auf verschiedenartige Weise ausdrückt; es ist
nicht immer das gleiche Verhaltensmuster, sondern

81
DAS KREATIVE KONTINUUM

eine glatte Abfolge von Bewegungsmustern. Auf diese


Weise unterscheiden sich Kinder vielleicht am meisten
von Erwachsenen, da das Verhaltensmuster von
Erwachsenen viel einheitlicher ist, wenn man es mit
der reich gemusterten Struktur des Verhaltens von
Kindern vergleicht.
Und diese Vielfalt im Verhalten und die Schnel-
ligkeit sich ändernder Verhaltensmuster kann einen
ausgleichenden Effekt auf die Psyche und Emotionen
haben, und das kann einer der Gründe sein, warum
Kinder im Allgemeinen emotional ausgeglichener sind
als die meisten Erwachsenen.

82
X
Konzentration oder Kontemplation?

Die Fähigkeit zur Konzentration steht in direktem


Zusammenhang mit der Stille oder Turbulenz des
Geistes; je stiller der Geist ist, desto mehr und tiefer
kann sich der Mensch konzentrieren.
Die Fähigkeit zur Konzentration ist allerdings nicht
etwas, das das kleine Kind von unter sechs Jahren be-
sitzt, und es schadet Kleinkindern, wenn Erzieher sie
zur Konzentration zwingen. Kleine Kinder brauchen
keine Konzentrationsfähigkeit; die Fähigkeit zur
Konzentration ist von Natur aus etwas, das dem reifen
Geist angehört. Nur ein Geist, der trainiert, der fokussiert
ist, kann sich konzentrieren. Der Geist des Kindes ist
kontemplativ, das ist ein Geist, der immer frisch und
offen ist, es ist auch ein Geist, der ganzheitlich denkt,
weil er nicht fragmentiert ist.
DAS KREATIVE KONTINUUM

Krishnamurti sagte oft, dass die Konzentration den


Geist von der Kontemplation und der Meditation ab-
hält; dies liegt daran, dass die Konzentration zielorien-
tiert, während die Meditation spontan zustande
kommt, wenn der Geist offen und gelassen und nicht
fokussiert ist, oder wenn Konzentration durch
Entspannung aufgelöst wurde.
Kleine Kinder sind die meiste Zeit in diesem medi-
tativen Modus, und sie herauszuholen, indem man sie
trainiert, sich zu konzentrieren, ist wirklich ein Irrsinn,
da es sie ihrer inneren Weisheit beraubt; außerdem
kann es sie krank und deprimiert machen.
Typischerweise geht die Fähigkeit zur Konzentra-
tion mit der Tatsache einher, dass der Geist einen
Beobachter enthält. Im Kleinkind gibt es jedoch keinen
Beobachter, so sehr wie die anderen inneren Stimmen
noch nicht gebildet sind.
In der Regel wird der Beobachter in die Psyche
eingebaut, wenn sich soziales Bewusstsein und ein
Sinn für den Moralkodex der Gesellschaft im Alter von
etwa sieben bis zwölf Jahren zu bilden beginnt. Bevor
der Beobachter gebaut wird, befindet sich das Kind in
einem Zustand der Glückseligkeit, denn all seine
Wahrnehmung ist direkt und unmittelbar, weil der In-
tellekt umgangen wird.

84
KONZENTRATION ODER KONTEMPLATION?

Man kann auch sagen, dass Konzentration


gedanklich bedingt ist, und wo es noch keine Gedanken-
struktur gibt, weil der Geist kontemplativ ist und die
Realität direkt wahrnimmt, ist logischerweise keine
Konzentration erforderlich.

85
XI
Selbst-Akzeptanz Fördern

Niemand kann uns lehren, andere oder uns selbst zu


lieben. Es zu glauben, ist naiv. Wer sich selbst liebt,
liebt andere. Warum liebt der eine sich selbst und der
andere hasst sich? Es ist eine Frage der Selbstachtung.
Selbstachtung kann jedoch nicht gelehrt werden.
Wenn Kinder in einem Umfeld wachsen, in dem sie
respektiert und geliebt werden, haben sie genug Selb-
stachtung.
Man kann Selbstachtung nicht quantifizieren, man
kann Liebe nicht quantifizieren. Sie können sie nicht
lehren. Wenn Sie ehrlich sind, können Sie nicht einmal
darüber reden. Was Sie tun können, ist, Liebe zu leben,
indem Sie voller Liebe sind und andere respektieren,
und indem Sie sich selbst respektieren, indem Sie hohe
Selbstachtung haben.
DAS KREATIVE KONTINUUM

Wenn Sie das einsehen, werden Sie sich bewusst,


dass der Einzige, der für die Vermittlung dieser Werte
angesprochen werden kann, Sie selbst, der Erzieher,
sind! Menschen, die viel über Liebe reden, lieben
nicht. Kinder wissen zu lieben, und sie tun es täglich,
aber sprechen nie darüber. Sie tun es spontan, sie
lieben, wie sie atmen, wie sie essen, wie sie schlafen,
wie sie spielen.
Lieben ist etwas Reales, und etwas Lebendiges für
das natürliche Kind, nicht etwas, worüber man sich
Sorgen machen, worüber man nachdenken muss.
Wenn Sie Kinder kennen, wissen Sie, dass das, was ich
sage, richtig ist.
Wenn das Kind seinen Körper annimmt und ihn
kennt, inkarniert es sich vollständig in diesen Körper,
und das ist wiederum die Voraussetzung für ausgeze-
ichnete körperliche und geistige Gesundheit und des
emotionalen Gleichgewichts.
Kinder, die psychotisch sind oder an Schizophrenie
leiden, sind einfach nicht in ihrem Körper verkörpert;
sie schweben in der Luft und haben keine Erdung. Ihr
erstes Chakra ist blockiert und sie sind sich ihres Kör-
pers kaum bewusst.

88
SELBST-AKZEPTANZ FÖRDERN

Nur auf der Grundlage der vollen Akzeptanz des


Körpers können wir eine vernünftige Bildung und
damit eine vernünftige Gesellschaft aufbauen! Wie
bauen wir bei Kindern Selbstwertgefühl auf, wenn ihr
Geist von zwanghafter Moral durchdrungen ist?
Es sollte offensichtlich sein, dass Selbstwertgefühl
nicht auf Scham und Körperverleugnung aufgebaut
werden kann, sondern einzig auf Akzeptanz. Um emo-
tionale und geistige Gesundheit zu erreichen, muss
jede Verleugnung der Natur bewusst gemacht werden;
sobald man sich bewusst ist, dass man bei allem, was
man tut, tatsächlich gegen die Natur arbeitet, wird
man sich verändern. Das Bewusstsein Ihrer Verleug-
nungshaltung wird den Wandel bringen und Sie dafür
öffnen, die Natur als Folge davon zu akzeptieren.
Schönheit, körperliche Schönheit, ist auch kein Zu-
fallsereignis, sondern ein Ergebnis der Körperakzep-
tanz oder der Körperverleugnung. Es gibt keine ange-
borene Schönheit. Wir formen unseren Körper durch
unsere Gedanken. Wenn wir schöne Gedanken
denken, wird unser Körper schön sein, wenn wir
hässliche Gedanken denken, wird unser Körper
hässlich sein. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf
das Hässliche richten, machen wir unser Leben
hässlicher; in jedem Moment, in dem wir über Schön-

89
DAS KREATIVE KONTINUUM

heit nachdenken, werden wir dadurch schöner wer-


den. Das ist das Gesetz des Bewusstseins, das Gesetz
der Resonanz; worauf wir unsere Aufmerksamkeit
richten, das stärken wir in uns.
Die meisten von uns haben darunter gelitten, in
jungen Jahren der Gesellschaft, unseren Eltern, oder
religiösen Autoritäten angehört zu haben, aber nicht
uns selbst, und deshalb ist unsere Identität schwach
und zerbrechlich. Deshalb leiden so viele von uns
unter emotionalem Stress, unter wiederkehrenden
Ängsten und Depressionen, deshalb sind wir nur zufäl-
lig positiv zum Leben, wenn wir nicht jeden Tag für
einige Stunden voll und ganz negativ sind.
Vernunft kann nicht auf dem Boden eines verzer-
rten Gefühlslebens in der frühen Kindheit aufgebaut
werden, sie kann nicht auf dem Grab der Freiheit
aufgebaut werden, nicht auf der Unterdrückung und
Verleugnung unserer grundlegendsten Sehnsüchte.
Es gibt keine langfristige körperliche Gesundheit
ohne ein vernünftig ausbalanciertes Leben, in dem das
Selbst nicht von Schuld und Scham, noch von Obses-
sionen und Perversionen durchdrungen ist, sondern in
gesunde Beziehungen zu anderen eingebettet ist. Als
Slogan würde ich es ausdrücken mit: ‘Menschen sind
gesund, wenn sie vollständig menschlich sind.’

90
SELBST-AKZEPTANZ FÖRDERN

Das selbstregulierte Kind ist offensichtlich klüger,


reifer im Umgang mit anderen, respektvoller,
aufgeschlossener, sozialer, weniger egoistisch, und viel
ausgewogener als die Masse der unterdrückten und
emotional benachteiligten, unglücklichen Kinder, die
auch heute noch unser kulturelles Modell sind.

91
XII
Das Herz Heranbilden

Der göttliche Kapitän in uns ist das Herz, und mit


dem Herzen verbunden, ein natürliches Streben nach
Güte, nach positiver Wirkung auf sich selbst und an-
dere und nach Harmonie mit allem, was ist. Dies ist
ein spiritueller Wunsch, in uns allen und in allen
Kindern, während eine Erziehung, die ausschließlich
auf ‘materiellen’ Bedingungen beruht, nicht den
ganzen Menschen befriedigen wird.
Nicht nur meine Forschungen über den Schaman-
ismus und Tribalkulturen, sondern in gewisser Weise
mein ganzes Leben hat mir gezeigt, dass der Wunsch
nach Religio mit der ganzen Schöpfung, nennen wir sie
nun Gott oder anderswie, letztendlich die Suche nach
dem Verständnis der Bedeutung und des Zwecks der
eigenen Existenz ist.
DAS KREATIVE KONTINUUM

Alle Stammeskulturen schätzen Kunst und natür-


liche Spiritualität, während sie nach modernen
Maßstäben als ‘arm’ gelten. In Wahrheit sind sie spir-
ituell gesehen reicher als alle Konsumkulturen zusam-
men genommen!
Die menschliche Seele drückt ihre Originalität in
Paradoxen aus, und sie kann nicht nur auf soziale
Werte reduziert werden; das bedeutet, dass Kindesbe-
treuung sich nicht darauf beschränken kann, den
Bedürfnissen des Kindes gerecht zu werden; sie muss
weitergehend darauf hinzielen, dem Kinde zu helfen,
den wahren Sinn des Lebens zu entdecken, was na-
mentlich zu Lebensfreude, zum Erkennen des
Lebenssinnes und zu harmonischen sozialen
Beziehungen führt.
Es wäre ein Missverständnis, wenn der Leser
denken würde, dass ich mir so viel Zeit genommen
hätte, um zu erklären, wie man den wahren Bedürfnis-
sen der Kinder gerecht werden kann, um das gesamte
Bildungsvorhaben auf die bloße Befriedigung von
Bedürfnissen und natürlichen Verlangen zu reduzieren!
Nein, ich glaube, dass es nicht ausreicht, unsere
Bedürfnisse zu befriedigen, um uns die spirituelle
Richtung und Erfüllung zu geben, nach der wir uns

94
DAS HERZ HERANBILDEN

sehnen, als natürliche und authentische Suche der


menschlichen Seele.
Menschen, die im biologischen Kleinkram des
Lebens gefangen sind, vergessen oft, die Fenster ihres
Schneckenhauses zu öffnen, um das Gesamtbild zu se-
hen. Diese größere Sicht des Lebens ist nicht möglich,
wenn man auf der biologischen und sozialen Ebene
des Menschen hängen bleibt; während diese Ebenen,
um es zu wiederholen, wichtig sind, sind sie nicht
alles, was es gibt, um ein menschliches Leben sinnvoll
und letztlich erfolgreich zu gestalten.
Obwohl ich es nicht für sinnvoll halte, von ‘Spiri-
tualität’ als einer besonderen unabhängigen Suche des
Menschen zu sprechen, denn spirituelle Werte können
nicht von unseren Seelenwerten und nicht einmal von
unseren sozialen Werten getrennt werden, so gibt es
doch keinen Menschen auf dieser Erde, ob groß oder
klein, der nicht spirituell ist. Das ist einfach so.
In uns allen gibt es eine innere Suche, die in uns
neben unserem Streben nach Erfüllung unserer
Bedürfnisse lebt, und die beiden Suchebenen stehen im
Idealfall nicht im Widerspruch zueinander. Sie werden
nur dann widersprüchlich sein, wenn die Denkweise
schizoid ist und die Emotionen nicht ausgeglichen

95
DAS KREATIVE KONTINUUM

sind, aber nicht, wenn die Person eine positive und


lebensbejahende Erziehung erhalten hat.
Ich habe immer wieder gesehen, dass Menschen,
deren innere Struktur ausgeglichen ist, Spiritualität
oder Religion nicht als etwas anderes als grundlegende
Güte ansehen, und sie erwähnen diese Worte in den
meisten Fällen nicht einmal in ihrem täglichen Aus-
tausch mit anderen. Sie leben diese Werte durch ihre
Einstellung, ihre Art, anderen zu begegnen und andere
zu respektieren, und ihre Fähigkeit, anderen wirklich
zuzuhören!.
Das ist es, wozu uns alle unsere Religionen anhal-
ten, dass wir natürliche Güte ausstrahlen und positive,
sinnvolle Existenzen führen, die Spuren hinterlassen
und Licht in die Welt bringen. Nur, dass die meisten
Menschen sozusagen den Finger, der auf den Mond
zeigt, für den Mond halten, und sie sich um die spezi-
fischen Regeln ihrer jeweiligen Religion sorgen,
während sie übersehen, dass die Details im Vergleich
zum Endziel, zu dessen Verwirklichung sie beitragen,
von untergeordneter Bedeutung sind.
Nun, wie kann man das in der Erziehung verwirk-
lichen, ohne den Blick auf die gesamte Frage zu ver-
lieren, ohne arrogant zu trompeten, man sollte den
Kindern eine ‘spirituelle’ Erziehung geben, und ohne

96
DAS HERZ HERANBILDEN

sich um religiöse Dogmen und Rituale zu scheren?


Ehrlich gesagt, gibt es nicht viel, was wir dafür tun
können, aber ziemlich viel, was wir nicht mehr tun soll-
ten!
Erzieher, die keine vollständigen Menschen sind,
weil sie nicht auf ihre spirituelle Sehnsucht reagiert
haben, können die Aufgabe nicht erfüllen. Es ist ähn-
lich mit der schamanischen Heilung; unsere Ärzte
geben uns Medikamente zur Heilung, aber der
Schamane nimmt selbst die Medizin, die den Patienten
heilen wird.
Wenn der Erzieher ein vollständiger Mensch ist,
muss er nicht wirklich etwas tun, um den Kindern, die
er Tag für Tag um sich hat, spirituelle Werte na-
hezubringen. Das geschieht automatisch, als eine Frage
des persönlichen Charismas oder der Telepathie oder
der morphischen Resonanz, wie auch immer man es
erklären will. Aber wie ich bereits sagte, gibt es vieles,
was Erzieher aufgeben können, weil sie sich nicht neg-
ativ in die spirituelle Suche einmischen, die in jedem
einzelnen Kind schlummert. Die schädlichste Art der
Einmischung besteht in diesem Zusammenhang darin,
eine ‘Religionsklasse’ einzurichten oder gar die gesamte
Erziehungsmethode ‘Religionsunterricht’ zu nennen.

97
DAS KREATIVE KONTINUUM

Dies wird meiner Meinung nach von Anfang an den


Samen zerstören, den die natürlich liebenden
Beziehungen zur Förderung des geistigen Wachstums
säen. Wo Liebe ist, ist spirituelles Wachstum an beiden
Enden der Beziehung vorhanden, und es gibt nichts,
was zusätzlich notwendig wäre, damit das Kind zu
einer spirituellen und weisen Person wird.
Ich denke, es ist absoluter Unsinn, wenn Eltern
oder Erzieher plötzlich auf dem ‘spirituellen’ Weg sind
und vom ersten Tag ihres neuen Lebensstils an den
Kindern sagen, dass sie besser jeden Tag beten, besser
vegetarisches Essen essen, besser immer nett und
liebevoll zu anderen sein und immer Gutes tun sollten,
weil die Welt so schlecht ist.... es ist einfach lächerlich.
Die Welt ändert sich nicht, wenn Sie ein materialistis-
cher Freak oder ein erleuchteter Weiser sind; das
Einzige, was sich ändert, ist Ihre Sicht der Welt.
Sie können Ihren Lebensstil voll und ganz
beibehalten. Sie müssen nicht die anderen, materiellen,
sozialen und emotionalen Werte verstoßen, die Sie
vordem geschätzt haben. Wenn Sie das nicht einsehen,
führen Sie tatsächlich eine gespaltene Existenz.
Das Leben in einen spirituellen und einen nicht-
spirituellen Teil zu aufspalten, ist nicht philosophisch,
es ist schizoid, und wenn man das tut, wenn man

98
DAS HERZ HERANBILDEN

Kinder erzieht, wechselt man besser seinen Job oder


bleibt ein einfacher Mensch ohne ‘geistige’ Ansprüche.
Ich glaube, Religionen sind ein natürlicher Versuch
für einen integrativen Lebensstil, für Vollständigkeit,
nicht mehr und nicht weniger; sie sind ein Versuch,
die Spiritualität zu katalogisieren, sie zu einem Alpha-
bet zu machen, in dem man die Buchstaben von A bis
Z lesen kann, in dem man aufschreiben kann, was
eigentlich nicht geschrieben werden kann, nicht gesagt
werden kann und nicht in verbaler Sprache ausge-
drückt werden kann.
Tatsächlich sind Religionen also eine unmögliche
Sache, weil sie versuchen, etwas Unmögliches zu tun,
das heißt, das Göttliche mit den Worten der Welt
auszudrücken, die das Göttliche geschaffen hat, um
sich zu manifestieren. Natürlich kann das Göttliche
nur durch sich selbst, das Göttliche, ausgedrückt wer-
den; entsprechend drückt es sich durch die göttliche
Sprache aus. Das passiert, wenn zwei Weisen eine
Stunde lang zusammensitzen; sie brauchen nicht zu
reden, denn der innere Gott des einen spricht mit dem
inneren Gott des anderen, also spricht das Göttliche
mit dem Göttlichen. In einem solchen Fall gibt es spir-
ituelle Kommunikation.

99
DAS KREATIVE KONTINUUM

Beim Schreiben eines Buches namens Heilige Bibel


wollten diejenigen, die es geschrieben haben, sicher-
lich eine geistige Verbindung mit dem Leser herstellen;
aber dieser Versuch wird versehentlich unternommen,
einfach weil die Kommunikation unzureichend ist.
Ich möchte diese Idee auf die Bildung anwenden;
das bedeutet, dass Erzieher eigentlich nicht über Spiri-
tualität sprechen sollten, sondern so weit wie möglich in
Übereinstimmung mit den spirituellen Werten leben
sollten, denen sie sich verpflichten und die sie als Ver-
haltensrichtlinien akzeptiert haben. Dann werden sie,
als eine Frage der Resonanz, das Licht, die Freude und
die Güte hervorbringen, die in ihnen scheint.

100
XIII
Kunst, Kreativität und Spontanität

Spontanität ist nicht nur die Kunstwerkstatt, in der


die Kinder zeichnen können, was sie wollen, und in
der sie Formen und Farben komponieren können.
Der Sinn der Spontanität im Leben ist ein riesiger
Raum und kann nicht auf bestimmte Aktivitäten
beschränkt werden, während es wahr ist, dass die
Spontanität durch spontanes Handeln und jeden Tag
mehr spontanes Handeln verstärkt werden kann. Aber
die Bedeutung der Spontaneität kennt eine andere und
größere Dimension.
Lassen Sie mich ein Beispiel aus dem Konzept der
Krishnamurti-Schulen geben, welche ich bereits erwähnt
habe. In seinem Buch Education and the Significance of
Life (1978), Seite 128, schreibt Krishnamurti über
Spontanität, ohne das Wort Spontanität zu erwähnen,
und sieht Spontanität als direkten Ausfluss von
DAS KREATIVE KONTINUUM

Kreativität an: ‘Die Freiheit zu erschaffen kommt mit


Selbstkenntnis; aber Selbstkenntnis ist kein Geschenk.
Man kann kreativ sein, ohne ein besonderes Talent zu
haben. Kreativität ist ein Zustand des Seins, in dem die
Konflikte und Leiden des Selbst abwesend sind, ein
Zustand, in dem der Geist nicht von den Anforderun-
gen und Strebungen des Begehrens erfasst wird.’
Dies ist eine wunderbare Beschreibung dessen, was
Spontanität eigentlich ist und wie sie eingeladen wer-
den kann. Es ist reine Schöpferkraft, und sie entsteht,
wenn der Denker vorübergehend zur Ruhe gebracht
wird und wenn der Geist in Frieden ist.
Nun, was ich hier diskutieren möchte, ist, wie wir
spontan lernen können? Es besteht Einigkeit darüber,
dass Spontanität dem Selbstausdruck und natürlich
vor allem dem künstlerischen Ausdruck dient und
somit Teil der Kreativität ist. Aber kann der gesamte
Lernprozess, die Aktivität des Lernens, selbstreguliert
und spontan sein?
Ich halte die Frage für wichtig, um eine Alternative
zu den endlosen ‘obligatorischen Aktivitäten’ zu find-
en, die den allgemeinen Lehrplan durchziehen und die
ich selbst in meiner Arbeit in Kindergärten nicht nur
als schreckliche Langeweile, sondern auch als krasse

102
KUNST, KREATIVITÄT UND SPONTANITÄT

Verletzung der Selbststeuerung des Kindes und damit


als eine Form der Manipulation empfand.
Das Argument, das ich immer wieder zu hören
bekam, wenn ich diese Aktivitäten kritisierte, war, dass
‘Kinder nicht spontan lernen, sondern zum Lernen
geführt werden müssen.’ Ich bezweifle diese Annahme.
Vielleicht lernen nicht alle Kinder spontan, also fragen
wir uns, warum bestimmte nicht, und warum andere
es tun? Unter welchen Bedingungen kann ein Kind auf
die Spur des spontanen Lernens kommen? Gibt es et-
was, das dafür eingerichtet werden kann, oder ist es
unmöglich, den kreativen Fluss zu beeinflussen?
Nun, bevor ich diese Fragen im Folgenden beant-
worte, möchte ich auf eine weitere Besonderheit der
Krishnamurti-Schulen hinweisen. Der Weise schreibt
im gleichen Buch auf Seite 41: ‘Die meisten Kinder
sind neugierig, sie wollen alles wissen; aber ihre eifrige
Anfrage wird durch unsere päpstlichen Behauptungen,
unsere überragende Ungeduld und unsere beiläufige
Abwimmelung ihrer Neugierde getrübt. Wir ermutigen
sie nicht zu ihrer Untersuchung, denn wir haben eine
gewisse Angst vor dem, was von uns verlangt werden
könnte; wir fördern nicht ihre Unzufriedenheit, denn
wir selbst haben aufgehört zu hinterfragen.’

103
DAS KREATIVE KONTINUUM

Die Gefahr bei der ‘Übertragung’ von Wissen durch


die Lehrtätigkeit besteht darin, dass die Lehre das Wis-
sen verzerrt; die Lehrtätigkeit muss also eine gewisse
Qualität der Demut haben, um unaufdringlich genug zu
sein, damit der ursprüngliche Inhalt, das Wissen selb-
st, so übertragen wird, wie es ist, und nicht durch die
persönliche Linse des Lehrers verzerrt wird.
Das klingt recht theoretisch, und in der Praxis kann
eine so klare Unterscheidung nicht getroffen werden.
Dennoch gibt es einen Weg, den Lehrer zu umgehen,
und er wird in Krishnamurti-Schulen praktiziert. Alle
Fächer, die eine Technik erfordern, die entweder kün-
stlerisch sind oder zum Bereich des Handwerks
gehören, werden in Krishnamurti-Schulen nicht durch
Lehrer, sondern durch die Künstler und Handwerker oder
Musiker selbst unterrichtet.
Das bedeutet, dass ein Maler zum Malen kommt,
ein Musiker zum Spielen und ein Puppenmacher, um
vor den Kindern Puppen herzustellen. Die Kinder
schauen einfach zu, wenn sie wollen. Sie sitzen nicht
auf ihren Stühlen fest, um diesen Leuten zuzusehen,
wie sie ihre Kunst, ihre Musik oder ihr Handwerk
machen. Diese Menschen bringen einfach ihre Welt in
die Schule, nicht durch eloquenten Unterricht, nicht
durch etwas Bestimmtes ‘für die Kinder’ darzubieten;

104
KUNST, KREATIVITÄT UND SPONTANITÄT

sie sind einfach da, haben ihre Werkstatt oder ihr


Klavier, ihre Leinwände oder ihr Atelier, und sie tun,
was sie immer tun. Und die Kinder wissen, dass sie da
sind und dass sie sie für einen Moment oder länger
beobachten können, wenn sie wollen.
Dies ist wirklich eine intelligente Art, spontanes
Lernen einzubringen, ohne es tatsächlich einzubrin-
gen; durch die Anwesenheit von anderen Fachleuten
als den Lehrern geraten die Kinder in ein Resonanzfeld
mit jeder dieser mehr oder weniger charismatischen
oder berühmten Persönlichkeiten, mit jedem dieser
außergewöhnlich kreativen Menschen, mit jedem
dieser lebendigen Beispiele von Kreativität und Spon-
tanität.
So lernen die Kinder nicht nur spontan, während
sie in der Nähe dieser Künstler sind, was sie lernen
können, sondern sie können auch lernen, wie sich
Spontanität im Leben manifestiert, wie sie von einem
Künstler, von einem Schöpfer verwendet wird und wie
sie im kreativen Prozess und der individuellen Ar-
beitsweise aufgebaut wird.
Dies gibt der Spontanität also eine weitere, größere
Dimension; es zeigt, dass Spontanität etwas ist, das wir
kaum definieren können, das unsichtbar ist, das im
Alltag ‘gewöhnlicher Menschen’ nicht sehr verbreitet

105
DAS KREATIVE KONTINUUM

ist, und in einem zweiten Schritt kann dann gezeigt


werden, dass Spontanität eine Eigenschaft ist, die mit
dem spirituellen Erwachen zusammenhängt.
Krishnamurtis Lehre geht davon aus, dass spir-
ituelles Erwachen und spirituelle Einsicht nicht durch
Gedanken gewonnen werden, sondern durch den
Raum zwischen den Gedanken oder dem Reich, das jen-
seits der Gedanken liegt; und der Zugang zu diesem
Reich, so sagte der Weise immer, kann nur spontan
erfolgen, und er kann nicht eingeladen oder vorbereit-
et werden.
Von dieser Einsicht in die spontane Natur von
Kreativität, die Kinder für die größere Dimension der
Spontanität zu öffnen, macht wirklich Sinn, weil sie sie
auf das geistige Erwachen vorbereitet.

106
XIV
Eine Gehirngerechte Lernmethode

Gehirngerecht ist ein von Neurowissenschaftlern


geschaffener Neologismus, der bedeutet, dass der
Lernprozess an die strukturelle Funktion des Gehirns
und der Gedächtnisfunktion als passiver Lernmatrix
angepasst ist. Die Lernfunktion des menschlichen
Hirns und Gedächtnisses ist namentlich selbstorgan-
isiert und sie ordnet Lerninhalte in Mustern an, anstatt
einzelne Elemente von Lerninhalten zu speichern.
Lehrer in einer solchen Lernumgebung müssen
eine ziemlich andere Leistung erbringen, als in tradi-
tionellen Bildungseinrichtungen!
Allerdings können die Lehrer nicht für die aktuelle
Situation im Bildungsbereich verantwortlich gemacht
werden; es sind sicherlich nicht die Lehrer, die die
Schuldigen sind an der bedauerlichen Ineffizienz der
Bildungssysteme weltweit.
DAS KREATIVE KONTINUUM

Grundsätzlich werden Lehrer gerne diese neue


Erziehungsmethode akzeptieren, denn sie werden
erkennen, dass dieser Lehrplan als Arbeitsumfeld viel
entspannter und weitaus weniger stressgeladen ist als das
traditionelle Bildungssystem, und Lehrer auch viel
mehr für ihren kreativen Einsatz belohnt, als dies in
Bildungseinrichtungen bisher möglich war und ist.
Hier sind einige der grundlegenden Vorteile eines
solchen gehirngerechten Lehrplans:

‣ Erhöhte Intelligenz, Kreativität und Gedächtnisleistung

‣ Verbesserte akademische Leistungen

‣ Verstärkter Einsatz von versteckten Hirnreserven

‣ Erhöhte Kohärenz der Gehirnfunktion

‣ Vorteile für Gesundheit, Energie und Wohlbefinden

‣ Verminderte Müdigkeit und Schlaflosigkeit

‣ Reduzierte Kosten im Gesundheitswesen

‣ Vorteile für die Persönlichkeit und die Beziehungen

‣ Erhöhtes Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl

‣ Höhere Ebenen der Selbst-Entwicklung

‣ Verminderte Angst, Depressionen, Aggressionen, Feind-


seligkeiten

108
EINE GEHIRNGERECHTE LERNMETHODE

‣ Erhöhte emotionale Stabilität und Toleranz

‣ Erhöhte Wertschätzung anderer Personen

Unsere Schulsysteme sind nicht nur ineffizient,


sondern stehen auch der intellektuellen Bildung
schlichtweg entgegen. Bei all den Erkenntnissen, die
wir durch kluge Bildungsansätze wie Suggestopedia
gewonnen haben, wissen wir, dass Kinder, die aufrecht
auf harten Bänken sitzen müssen, in der schlechtesten
Position sind, um in entspannter Stimmung zu lernen,
so nämlich wie das menschliche Gehirn lernt.
Aber nicht nur, dass unsere Bildungssysteme nicht
klug sind, sie sind auch auf der sozialen Ebene nicht
förderlich für die Entwicklung der Kultur, sondern
sind vielmehr die Brutstätte für Chaos. Um diese
Wahrheit noch allgemeiner auszudrücken, können wir
sagen, dass unsere Schulen keine Integration von Wis-
sen, sondern die Auflösung von Intelligenz bewirken.
Auf der Sekundarstufe sind die Probleme von
Schulabbrechern, unsozialem Verhalten, mangelnder
Motivation, Trägheit und sogar Verzweiflung sympto-
matisch für die große Frustration, die Studenten er-
leben, wenn sie nicht ausgebildet wurden, um die
einzigartigen kreativen Möglichkeiten, die in jedem
von ihnen schlummern, systematisch zu entfalten.

109
DAS KREATIVE KONTINUUM

Die segmentierte und fragmentierte Erfahrung des


Studiums einzelner Disziplinen und der Spezial-
isierung auf ein akademisches Gebiet, ohne die beglei-
tende Erfahrung der Ganzheit des Wissens und der
Ganzheit des Lebens, behindert nicht nur das Lern-
potenzial des Gehirns, sondern auch die Entwicklung
des reifen Intellekts und der Persönlichkeit, indem sie
die Aufmerksamkeit der Studenten nur auf Teilbereiche
des Wissens lenkt.
Mit anderen Worten, ein weltweiter Überblick über
Bildungsinhalte liefert das Ergebnis, dass Bildung nicht
das Wissen zur Realisierung des menschlichen Poten-
zials bietet. Es reicht nicht aus, zu wachsen; wahres
Wachstum ist immer nichtlinear, ausgewogen und inte-
griert, nicht linear und krebsartig. Ausgewogen zu
wachsen bedeutet, dass die verschiedenen Elemente in
den Lernprozess integriert werden. Diese Elemente
finden sich auf der sozialen, wirtschaftlichen, ökolo-
gischen, technologischen und politischen Ebene.
Absolventen traditioneller Bildungseinrichtungen
fehlt in der Regel die Breite und Tiefe des Verständ-
nisses, um spontan Entscheidungen zu treffen, die dem
Fortschritt und dem Wohlbefinden aller in einer ver-
netzten globalen Kultur Befindlichen dienen.

110
EINE GEHIRNGERECHTE LERNMETHODE

Krishnamurti wies in seinem Buch Education or the


Significance of Life (1978) darauf hin, dass die formale
Bildung Schülern keinesfalls das Wissen und die Er-
fahrung vermittelt, den vollen Wert des Lebens zu
leben, sondern das Bewusstsein der Schüler auf enge
Grenzen beschränkt und so die totale Entwicklung des
Gehirns zu höheren Bewusstseinszuständen verhin-
dert.
Es ist nicht so, dass wir nicht wüssten, was wir
gegen den erbärmlichen Bildungsstand in der Welt tun
sollten. Wir wissen es sehr gut, denn die Forschung
hat gezeigt, dass Studenten an einigen Elite-Schulen im
Vergleich zu Studenten anderer Institutionen ihre
geistigen Fähigkeiten, akademischen Leistungen, ihre
Gesundheit sowie ihre sozialen Fähigkeiten und ihr
Verhalten deutlich verbessern.
Es ist aus Institutionen wie der Maharishi School of
Management in Fairfield, Iowa, USA und ihren Partner-
schulen bekannt, dass auf der Grund- und Sekun-
darstufe Jahr für Jahr Klassen von Schülern, die auf
einem durchschnittlichen Leistungsniveau einstiegen,
bei nationalen standardisierten Prüfungen zum Zeit-
punkt ihres Abschlusses zu den Besten in ihren Län-
dern gehören. Sie zeichnen sich auch dadurch aus,
dass sie Spitzenpreise in den Bereichen Naturwis-

111
DAS KREATIVE KONTINUUM

senschaften, Mathematik, Sprache, Geschichte, Poesie,


Theater, Kunst, Musik und Sport gewinnen.
Warum ist das so? Dieser Bildungsansatz schöpft
das Potenzial unseres Gehirns stärker aus, weswegen
ich ihn gehirngerecht nenne.
Die Forschung zur Gehirnentwicklung zeigt, dass
bestimmte Arten von Erfahrungen notwendig sind,
damit sich das Gehirn voll entwickeln kann. So sind
beispielsweise in den frühen Lebensphasen sensorische
Erfahrungen entscheidend für die Entwicklung der
entsprechenden sensorischen Strukturen des Gehirns.
Es wurde auch festgestellt, dass eine angereicherte sen-
sorische und motorische Umgebung im Säuglingsalter
zu einer deutlich verbesserten Entwicklung des
Gehirns beiträgt.
Die Gehirnentwicklung ist daher eng mit der Er-
fahrung verbunden. Aus dieser Perspektive gesehen,
sollte der Zweck der Erziehung, einschließlich der
frühkindlichen Erziehung in der Familie, darin beste-
hen, in jeder Phase des Wachstums die entsprechen-
den Erfahrungen zu vermitteln, die das volle Potenzial
von Geist und Körper entfalten helfen.
So stimulieren beispielsweise Vorschulerziehung
und Familieninteraktionen in den ersten Lebensjahren

112
EINE GEHIRNGERECHTE LERNMETHODE

eines Kindes auf natürliche Weise die Entwicklung von


sensorischen und motorischen Kompetenzen sowie
grundlegenden und wichtigen Sprachkenntnissen.
Leider hat Bildung bisher kein systematisches Mit-
tel zur direkten Förderung der integrierten Gehirnfunk-
tion enthalten. Vielmehr übt die Bildung in erster Linie
die logische Denkfähigkeit des Einzelnen in Bezug auf
bestimmte Wissensgebiete aus.
Demgegenüber jedoch hängt die Fähigkeit zum
Denken von der Reifung der integrativen Systeme des
Gehirns ab; es nicht aus, die Bildungserfahrungen der
Schüler nur auf die weitere Ausübung ihrer Argumen-
tationsfähigkeiten zu beschränken, denn damit wird
das gesamtintegrative Potenzial des Gehirns nicht entfal-
tet. Belege dafür, dass die aktuelle Bildung die volle
Entwicklung des Gehirns nicht fördert, finden sich in
der Forschung zur kognitiven Entwicklung des Men-
schen. Vom Säugling bis zur Adoleszenz, während der
Zeit, in der das Gehirn schnell reift, gibt es gleichzeit-
iges Wachstum der allgemeinen Intelligenz, der Ich-
Entwicklung, der Feldunabhängigkeit und anderer
verwandter kognitiver Variablen. Nach der Adoleszenz,
wenn die anfängliche Reifung der Gehirnprozesse
weitgehend abgeschlossen ist, entwickeln sich diese
kognitiven Fähigkeiten jedoch nicht weiter. Dies

113
DAS KREATIVE KONTINUUM

deutet darauf hin, dass trotz aller Bemühungen der


Sekundar- und Hochschulbildung keine höheren kog-
nitiven Prozesse und das entsprechende höhere Poten-
zial des Gehirns entwickelt werden.
Stagnation der Entwicklung wurde als ‘Erwachsen-
sein’ wegrationalisiert; es wird angenommen, dass mit
der physischen Reifung das Ende der grundlegenden
Entwicklung des Gehirns und der kognitiven Prozesse
kommt. Dementsprechend wenden Hochschulstuden-
ten ihre bereits entwickelten intellektuellen Fähigkeit-
en auf zunehmend spezialisierte Wissensgebiete an. Das
heißt, die Bildung bleibt ‘intellektuell-dominant,’ und
wenn die Schüler in ihrer Ausbildung vorankommen,
konzentrieren sie sich auf zunehmend getrennte oder
isolierte Wissensgebiete.
Da sich die pädagogische Erfahrung weiterhin auf
enge Kanäle beschränkt, verändert das erwachsene
Gehirn in der Tat weiterhin seine Funktion, um diese
spezifischen engen Kanäle der Aktivität aufzunehmen.
Zum Beispiel, wenn Wahrnehmungs- oder motorische
Fähigkeiten erlernt werden, wie zum Beispiel das
Klavierspielen, verändert das Gehirn des Erwachsenen
seine Funktionsfähigkeit: Der Kortex, so hat sich her-
ausgestellt, weist den Anteil seiner Fläche, der den am
häufigsten verwendeten sensorischen oder mo-

114
EINE GEHIRNGERECHTE LERNMETHODE

torischen Eingaben gewidmet ist, neu zu. In der Praxis


bedeutet dies, dass die im Klavierspiel oder in einer
anderen akademischen Disziplin erworbenen
Fähigkeiten nicht zu Fähigkeiten in allen anderen Ak-
tivitäten des Lebens führen.
Mit anderen Worten, das Gehirn entwickelt sich nicht
zur Beherrschung des gesamten Lebens.
Eine weitere Art von Forschung, die darauf hin-
weist, dass Bildungserfahrungen keine vollständige
Gehirnfunktion entwickeln, ist die Untersuchung der
Gehirnaktivität während mentaler Operationen. Die
Schlussfolgerung dieser Forschung ist, dass spezifische
kognitive Prozesse und spezifische Wissensbereiche
mit der Aktivität in bestimmten lokalisierten Bereichen
des Gehirns verbunden sind. Zum Beispiel zeigt die
Forschung, dass die mentalen Aktivitäten des Lesens
von Wörtern und des Sprechens dieser Wörter jeweils
verschiedene und sehr spezifische kortikale Bereiche
aktivieren. Ähnliche Studien zeigen, dass einzelne
Bereiche des Gehirns durch die Erinnerung an ver-
schiedene Kategorien wie Werkzeuge, Tiere und Na-
men von Personen aktiviert werden. So aktivieren die
pädagogischen Erfahrungen der Beherrschung bes-
timmter Wissensgebiete oder der Beteiligung an einer
Vielzahl von fokussierten kognitiven Leistungen nur

115
DAS KREATIVE KONTINUUM

ganz bestimmte Bereiche des Gehirns, anstatt eine


höhere Gesamtintegration der Gehirnfunktion zu en-
twickeln.
Welche Folgen hat ein solcher Bildungsansatz? Die
Ineffizienz der Bildung kann als Ergebnis der Konzen-
tration der Gehirnaktivität nur auf enge Kanäle ange-
sehen werden, ohne eine ganzheitliche Gehirnfunktion zu
entwickeln, insbesondere eine stärkere Integration der
Gehirnfunktion.
Die Forschungsergebnisse, die sich direkt auf eine
erhöhte Integration und Effektivität der Gehirnfunk-
tion beziehen, lassen sich wie folgt zusammenfassen:

‣ Größere Integration aller kortikalen Bereiche durch


Meditation, Yoga und Ganzhirnaktivitäten;

‣ Größere Integration verschiedener Arten der Gehirn-


funktion, gemessen an einer stärkeren Aktivierung
jeder Gehirnhälfte und an der Erfahrung höherer Be-
wusstseinszustände durch integriertes Lernen.

Aufgaben, die analytische kognitive Fähigkeiten


erfordern (verbale und mathematische Aufgaben),
beinhalten eine größere Aktivität der linken Gehirn-
hälfte; Aufgaben, die räumliche Fähigkeiten erfordern,
beinhalten eine größere Aktivität der rechten Gehirn-
hälfte. Diese Ergebnisse deuten auf eine flexiblere
Funktion des gesamten Kortex hin, in dem ver-

116
EINE GEHIRNGERECHTE LERNMETHODE

schiedene kortikale Bereiche, wie von der Aufgabe


gefordert, aktiver beteiligt sein können.
Die kognitive Verarbeitung beinhaltet eine Folge
von Reaktionen in einer Vielzahl von neuronalen
Strukturen; eine schnellere Verarbeitung spiegelt somit
eine stärker integrierte und effizientere Gehirnfunktion
wider. Die Forschung zeigt, dass die Erfahrung die En-
twicklung und Veränderung der Gehirnfunktion direkt
beeinflusst. Forschung deutet auch darauf hin, dass die
Art von Erfahrung, die für die Gehirnentwicklung
nach der Kindheit am wertvollsten ist, eine stärkere
Integration der Gehirnfunktion ist, die nicht systematisch
durch die heutige Bildung bereitgestellt wird.
Viele Aspekte der kognitiven Funktion haben ihre
Grundlage im Wachstum einer höheren und stärker
integrierten Gehirnfunktion. Trotz der Bemühungen
von Pädagogen, die eine Vielzahl von Lehrplanan-
sätzen anwenden, wurde festgestellt, dass sich diese
kognitiven Fähigkeiten nach der Adoleszenz nicht
mehr entwickeln.
Dieser Mangel an kontinuierlichem Wachstum der kog-
nitiven Fähigkeiten ist ein überzeugender Beweis dafür,
dass die heutige Bildung nicht das volle Hirnpotenzial jedes
einzelnen Schülers entfaltet.

117
DAS KREATIVE KONTINUUM

Die Forschung zeigt auch, dass das Gehirn seine


Funktion weiterhin an bestimmte Lern- und Verhal-
tenskanäle anpasst. Die kognitiven Aktivitäten, die typ-
ischerweise in der Bildung ausgeübt werden (Lesen,
Sprechen, Merken und Erinnern), sowie spezifische
Wissenskategorien aktivieren sehr spezifische Bereiche
des Gehirns, anstatt eine ganzheitlichere oder integri-
erte Gehirnfunktion zu fördern.
Die Schlussfolgerung aus der Forschung ist, dass
der segmentierte Ansatz für Wissen, der die Erziehung
heute charakterisiert, das Bewusstsein und die Gehirn-
funktion auf enge Handlungswege beschränkt. Ein
eingeschränktes Bewusstsein führt zu Problemen, Ein-
schätzungsfehlern und der Unfähigkeit, so zu handeln,
dass Fortschritt und Glück konsequent gefördert wer-
den.
Pädagogen, die aufrichtig sind in ihrem Wunsch,
das Beste für ihre Schüler zu tun und die Schwächen
der Bildung zu beseitigen, werden dieses Wissen
nutzen. Das Ergebnis werden Generationen von
Schülern sein, die ihre gesamte Gehirnfunktion beleben,
auf deren Grundlage sie ein zunehmend problemloses,
produktives und erfülltes Leben führen und direkt
zum Fortschritt in allen Bereichen des nationalen
Lebens beitragen werden.

118
EINE GEHIRNGERECHTE LERNMETHODE

Aber ein kluger Bildungsansatz ist nur halbwegs


effektiv, wenn er nicht auch die Lernmotivation berück-
sichtigt. Es ist offensichtlich, dass Kinder heute von
Natur aus zum elektronischen Lernen motiviert sind.
Sie sind begeistert vom Umgang mit elektronischen
Lerngeräten und haben die natürliche Fähigkeit, diese
Geräte besser und schneller zu bedienen als wir
Erwachsenen. Dies hat natürlich einen entscheidenden
Vorteil, denn es ist eindeutig ein Faktor der Lernmoti-
vation. Aber in diesem Zusammenhang ist es ebenso
wichtig, die Aufnahme von Strahlung nicht zu
übertreiben, die alle diese Geräte emittieren.
Ein weiterer Grund für den Erfolg der E-Learning-
Umgebung ist, dass die heute auf dem Markt verfüg-
baren Anwendungen einen hohen Standard erreicht
haben. Sie sind vielseitig und bieten Kindern nahezu
unbegrenzte Möglichkeiten, ihre kreativen und in-
tellektuellen Fähigkeiten zu entdecken und spielerisch
und ‘unterhaltsam’ zu nutzen.
Andererseits sind Kinder in hohem Maße von
diesen Geräten abhängig, wenn der Lehrer oder die
Eltern keine anderen, d.h. nicht-virtuellen Aktivitäten
anbieten, wie z.B. draußen zu spielen oder die Natur
anders zu entdecken als durch die Augen einer elek-

119
DAS KREATIVE KONTINUUM

tronischen Anwendung oder eines elektronischen


Geräts.
Der dritte Grund für den Erfolg der virtuellen Ler-
numgebung ist, dass Eltern problemlos mit ihren
Kindern über mobile Geräte interagieren und privi-
legierte Momente mit ihren Kindern um diese Geräte
herum teilen können, anstatt einen ganzen Raum
voller Lernmaterial kaufen zu müssen. Es ist alles ‘in
der Box,’ handlich und mobil. Darüber hinaus, da es
viele kostenlose Apps gibt und viele, die nicht mehr als
etwa fünf Euro kosten, ist die virtuelle Schule tatsäch-
lich schlauer als die altmodische Schule. Und es macht
sicher mehr Spaß!
Natürlich vertreten einige Lehrer und Eltern immer
noch die veraltete Auffassung, dass Bildung hart und
fast schmerzhaft sein muss. Statistiken zeigen jedoch,
dass hoher Lernerfolg das Ergebnis von spielerischem
Lernen ist, nicht das Ergebnis von Lernen unter Diszi-
plin! Während die Leute zustimmen würden, dass,
wenn etwas Spaß macht, wir motivierter sind, es zu
tun, wenden sie diese Weisheit seltsam nur auf sich
selbst an, nicht aber auf ihre Kinder.
Dies ist natürlich nur ein Schatten alter Traditio-
nen, die in einer säkularen und hoch organisierten

120
EINE GEHIRNGERECHTE LERNMETHODE

Gesellschaft, die schnelle und hochwirksame Lernende


braucht, keinen Platz mehr haben!
Wie können Kinder von der Spielfreiheit profi-
tieren? Das Spielen ist für Kinder unerlässlich, da es
ihre primäre und natürliche Lernweise ist.
Traditionelle Schulen haben das Spiel umgangen,
um die Natur zu verbessern, während das Ergebnis
genau das Gegenteil war.
Je mehr Kinder spielen, desto mehr lernen sie, und
das gilt auch für Erwachsene, denn wir alle haben ein
‘Inneres Kind.’
Mit anderen Worten, Spiel und Lernen können
nicht getrennt werden, oder die Lernerfahrung und der
Output des Kindes werden und bleiben arm.
Alle Forschungen über Frieden versus Gewalt haben
gezeigt, dass Menschen Freiheit brauchen, um ihr
kreatives Potenzial zu entfalten und ein glückliches
Leben zu führen! Wenn wir für eine reibungslose und
kreative Lernumgebung für unsere Kinder arbeiten,
arbeiten wir für den Frieden, für den Weltfrieden!
Alle intelligenten Menschen brauchen ein Min-
destmaß an Freiheit für ihre volle Entfaltung, und das
gilt auch für Kinder! Freiheit, gerne zu lernen, ist der
Ausgangspunkt!

121
DAS KREATIVE KONTINUUM

Was macht das Kinderhirn kreativer? Die Neu-


rowissenschaft hat in den letzten zwanzig Jahren große
Fortschritte gemacht. Sie hat uns ein Diagramm un-
seres Gehirns gegeben, das zeigt, wie wichtig es ist,
dass beide Gehirnhälften synchron arbeiten. Hoher Ler-
naufwand und kreativer Output sind nämlich das
Ergebnis einer mehr oder weniger perfekten Koordina-
tion unserer Gehirnhemisphären. Während die linke
Gehirnhälfte für deduktive Logik, den Gebrauch von
Sprache, Rationalität und Ordnung verantwortlich ist,
fördert die rechte Gehirnhälfte die induktive und as-
soziative Logik, die Verwendung von Traum, Irra-
tionalität und Unordnung. Beide Hirnbereiche sind
wichtig für unser Leben und Lernen.
Jeder Schöpfer weiß, dass wir, um etwas Neues zu
schaffen, die Ordnung des Alten auflösen müssen. In
solchen kleinen Momenten des Chaos wird die alte
Ordnung aufgelöst und Raum für neue Ordnung
geschaffen. So verlässt beispielsweise ein Maler oder
Komponist einen alten Stil, um für einen bestimmten
Zeitraum einen neuen zu finden.
Kinder lernen auf die gleiche Weise. Sie brauchen
sowohl Ordnung als auch Unordnung, Sprache und
Traum, Rationalität und Irrationalität. Wenn Kinder
daran gehindert werden, sich irrational zu verhalten,

122
EINE GEHIRNGERECHTE LERNMETHODE

werden sie gestört! Dies ist einer der Hauptgründe für


Lernbehinderungen, wie sie in der traditionellen
Schulbildung so oft vorkommen!
Wenn Kinder nach der inneren Logik und Struktur
ihres Gehirns lernen können, lernen sie leicht, schnell
und effektiv und mit viel Freude. Dann macht das Ler-
nen Spaß und es gibt einen endlosen kreativen Fluss,
der das Kind motiviert, weiterzumachen und auf der
Leiter des Lerninputs voranzuschreiten.
Was ist der Nutzen von E-Learning? E-Learning ist
wichtig, weil die Lernerfahrung entspannend und an-
genehm sein soll. Aber E-Learning ist für Kleinkinder
wichtiger als für größere Kinder, denn es ist zwischen
4 und 6 Jahren, dass die meisten der ‘bevorzugten’
neuronalen Verbindungen in unserem Gehirn angelegt
werden. Seit der bahnbrechenden Forschung des
britischen Neurologen Herbert James Campbell in den
siebziger Jahren wissen wir, dass alle unsere Charak-
termerkmale bis zur Vollendung des sechsten Lebens-
jahres gebildet werden, und zwar durch diese
‘bevorzugten neuronalen Verbindungen.’
Das Gehirn bildet alle wichtigen neurologischen
Pfade in unserem Gehirn sehr früh im Leben, und es
ist später ziemlich schwierig, diese ‘bevorzugten
Pfade’ (preferred pathways) wieder zu verändern. Das

123
DAS KREATIVE KONTINUUM

bedeutet, dass alle unsere Persönlichkeitsmerkmale vor


dem Alter von 7 Jahren festgelegt werden, dem soge-
nannten ‘Alter der Vernunft’ (Piaget).
Das bedeutet auch, dass unsere Einstellung zum
Lernen und wie wir den Lernprozess wahrnehmen und
bewerten, vor dem Zeitalter der Vernunft gebildet
wird. Wenn wir zum Beispiel im Kindergarten und in
der Vorschule das Lernen als schwierig empfinden,
besteht eine hohe Chance, dass wir es auch später
noch als schwierig und langweilig empfinden werden.
Hingegen, wenn wir das Lernen als einfach und
freudig erleben im Vorschulalter, sind wir positiv da-
rauf eingestellt, ein ‘leichter Lerner auch später im
Leben zu sein.
Dann bleiben wir ein leichter Lerner fürs ganze
Leben!

124
XV
Höhergradige Lehrerausbildung

Bildung kann als eine Verlängerung der Empfäng-


nis und der Schwangerschaft angesehen werden; es ist
ein organischer Prozess, der sich sowohl in der
Erziehung als auch im Kind widerspiegelt.
Ein Erzieher, der das Kind verstehen will, muss erst
einmal sich selbst verstehen. Dementsprechend sollte
ein Erzieher, der den Wunsch des Kindes nach Bildung
verstehen möchte, über seinen eigenen Wunsch,
Kinder zu erziehen, nachdenken. Das Geheimnis ist,
dass diese Wünsche voneinander abhängen und sich
gegenseitig ergänzen.
Das bedeutet, dass die Erzieher ihre Motivationen
für die Erziehung von Kindern bewusst machen
müssen, denn wenn sie es nicht tun, bleiben ihre Mo-
tivationen unreflektiert und können dadurch ihr
eigenes Leben führen; verdrängte Wünsche geraten le-
DAS KREATIVE KONTINUUM

icht außer Kontrolle, und sie können gewalttätig wer-


den, weil sich die im Begehren enthaltene Energiepo-
larität von positiv zu negativ ändern wird.
Das Verstecken der Motivationen unseres Handelns
erzeugt Schuld und Angst und ist nicht geeignet, ein
Kind verantwortungsbewusst zu erziehen. Darüber
hinaus werden Pädagogen, die kein emotionales Be-
wusstsein entwickeln wollen, größere Schwierigkeiten
haben, die Regeln des gesunden Bildungsumfeldes zu
übernehmen und einzuhalten.
Wir alle brauchen eine professionelle Ausbildung,
was auch immer wir tun, und irgendwie glaubt unsere
Gesellschaft, dass Pädagogen eine Bewusstseinsbildung
für den Umgang mit ihren Emotionen nicht brauchen.
Eine solche Bewusstseinsbildung ist jedoch uner-
lässlich, damit der Erzieher ein wahrer Begleiter des
Kindes wird, im Sinne eines Mentors und Freundes,
der nicht manipulativ ist.
Pädagogen, die ihre Körperwahrnehmungen ver-
stehen und mit ihnen vertraut sind, werden das Kind
effektiv in dem unterstützen können, was das
Wesentlichste im Leben des Kindes ist: ihre Gefühle,
ihre Wünsche und ihr grundlegendster Wunsch zu
lieben und geliebt zu werden. Nur Pädagogen, die sich
selbst wirklich kennen, werden in der Lage sein,

126
HÖHERGRADIGE LEHRERAUSBILDUNG

diesen Weg zu gehen, ohne sich von der Komplexität


der Aufgabe verwirren zu lassen oder versucht zu sein,
ihre eigenen sinnlichen Sehnsüchte zum Nachteil des
Kindes auszuleben.
In der bewußtseinsbasierten Erziehung ist die
Agenda der Berufsausbildung für Lehrer einerseits an-
ders, wie auch vielfältiger und erweiterter als in der
konventionellen Berufsausbildung für Lehrer und
Erzieher. Es gibt einige Verhaltensregeln, die sich in
einem solchen Bildungsumfeld deutlich von denen der
traditionellen Bildung unterscheiden. Der Schwer-
punkt liegt nämlich auf dem Bewusstsein, der Art und
Weise, wie ein Lehrer mit der Wahrnehmung umgeht
und sie ausdrückt, und der Entwicklung des Selbstbe-
wusstseins. In diesem Zusammenhang nimmt das emo-
tionale Bewusstsein eine sehr wichtige Rolle ein, um die
kontraproduktiven Projektionen zu vermeiden, die in
der traditionellen Erziehung Gang und Gäbe sind.
Projektionen sind nicht das Ergebnis von Reflexion,
sondern im Gegenteil das Ergebnis von Unterdrückung
von Wahrnehmung. Unterdrückung führt zu Regression
und Projektion. Alle Inhalte des Bewusstseins, die nicht
umarmt, sondern verdrängt werden, fallen aus dem
kulturellen Rahmen heraus und rekonstruieren so ar-
chaische Verhaltensmodelle, und darüber hinaus wird

127
DAS KREATIVE KONTINUUM

das verdrängte Begehren oder die Emotion an-


schließend auf andere projiziert. Das bedeutet für
Lehrer, die eine solche Einstellung haben, dass sie ihre
Wünsche und Fantasien auf die Kinder projizieren, so
dass die verbale und nonverbale Kommunikation verz-
errt wird und Kinder mehrdeutige Botschaften erhal-
ten.
In einem progressiven, bewusstseinsbasierten Bil-
dungsansatz ist Kommunikation eine wichtige Säule,
um Kindern zu helfen, ihre bewusste Wahrnehmung
des Lebens und ihrer selbst zu erweitern. Diese Kom-
munikation muss wahrheitsgemäß und ganzheitlich sein,
wenn sie ihrem Ziel dienen soll.
Infolgedessen müssen Lehrer lernen, mit ihren in-
neren Prüfungen, ihren widersprüchlichen Emotionen,
Gefühlen oder Wünschen und ihrem Schattenselbst
umzugehen. Dazu bedarf es eines angemessenen Train-
ings, das über die übliche Berufsausbildung der Lehrer
hinausgeht, und welches sich von den Erkenntnissen
der Neurowissenschaften, der Kinderpsychologie und
der Psychoanalyse nährt.
Der vorliegende Ansatz geht jedoch nicht so weit
wie der in den sogenannten ‘psychoanalytischen’
Kindergärten, wie sie im 20. Jahrhundert in Russland,
Deutschland und Frankreich existierten. So verlangte

128
HÖHERGRADIGE LEHRERAUSBILDUNG

beispielsweise die berühmte Maison Verte in Paris, die


von Dr. Françoise Dolto (1908-1988), damals Frankre-
ichs führender Kinderpsychotherapeutin, gegründet
wurde, dass Bewerber für die Arbeit mit Kindern und
Babys psychoanalysiert worden sind.
Ich besuchte die Maison Verte im Jahre 1986 und
wurde anschließend eingeladen, Madame Dolto in
ihrer Wohnung, Rue St. Jacques, in Paris zu inter-
viewen. Wir hatten ein ausführliches Gespräch über
verschiedene Themen und meine erste Frage war,
warum Lehrer oder Moderatoren in ihrem Kommu-
nikationszentrum qualifizierte Psychotherapeuten sein
mussten? Und Madame Dolto hat mir mehr oder
weniger das erzählt, was ich hier gerade geschrieben
habe. Sie sprach über Kindheitsprobleme und deren
Repression und Projektion.
Ich glaube jedoch, dass es nicht notwendig ist,
mehrere Jahre einer Psychoanalyse durchlaufen zu
haben, nur um emotionales Bewusstsein zu entwickeln.
Ich habe in meinem Leben Dutzende von Menschen
getroffen, die jahrelang ‘psychoanalysiert’ wurden,
ohne das geringste emotionale Bewusstsein zu bilden
und welche schreckliche Lehrer abgegeben hätten!

129
DAS KREATIVE KONTINUUM

Meiner Meinung nach brauchen wir also eine Fort-


bildung für Lehrer und nicht die Umwandlung des
Schulsystems in eine Blaupause der Psychoanalyse!
Wie sollen wir also das emotionale Bewusstsein in
unserem Leben als Lehrer fördern? Können wir etwas
dafür tun oder sollten wir warten, bis die Berufsausbil-
dung der Lehrer eine Totalrevision durchlaufen hat?
Ich glaube, dass wir individuell und mit einer Anstren-
gung, die jeder leisten kann, etwas dafür tun können,
ohne die manchmal lächerlichen Manierismen eines
‘Psychoanalytikers’ anzunehmen.
Eine verantwortungsbewusste Einstellung erfordert,
dass der Lehrer sensibel ist, die Komplexität der psy-
chologischen Feinheiten in der Beziehung, die er mit
jedem einzelnen Kind in seiner Klasse unterhält,
wahrzunehmen.
Wenn zum Beispiel das Verhalten eines Schülers
aus der sozialen Kodierung heraustritt, ist die
angemessene Antwort Beobachtung und damit Selbst-
beobachtung. In diesem Sinne ist Bildung immer auch
Selbstbildung, und das ist ein kontinuierlicher Prozess.
Wir sind nicht perfekt und wir wissen das. Aber als
Erzieher übersehen wir oft, dass ‘das Spiel spielen’, wie
es die Mehrheit definiert, letztendlich bedeutet,
Heuchler zu sein; es ist einfach, so zu tun, als ob und

130
HÖHERGRADIGE LEHRERAUSBILDUNG

so zu tun, als hätte man ein bestimmtes Maß an Per-


fektion erreicht, und dem Kind dadurch zu zeigen, wie
unvollkommen es doch ist. ‘Oh, armes Ding!’
Dieses Paradigma der alten Schule des Unterrichts
wurde nicht in Frage gestellt, da der Lehrer auf den
gleichen Sockel gestellt wurde wie der Vater, dessen
Omnia Potestas eine der Säulen des Patriarchats war.
Autoritätspersonen wurden idealisiert, gleichzeitig aber
stillschweigend gefürchtet. Carl Gustav Jungs Sprich-
wort kommt mir in den Sinn, dass ‘die Praxisräume
der Psychiater mit Menschen gefüllt sind, die ideale
Eltern hatten.’
Doch zu denken, dass wir all dies bereits hinter uns
hätten, wegen unseres ‘fortgeschrittenen psychologis-
chen Verständnisses’ ist ebenso ein Irrtum. Ein echtes
Verständnis von Kindern entsteht, wenn Lehrer sich
selbst, ihr Verhalten und ihre Reaktionen verstehen!
Dies kann weder gelehrt noch andersherum gelernt
werden als durch einen Prozess der kontinuierlichen
Selbstbeobachtung.
Siehe, ich habe den Begriff Selbstkritik nicht ver-
wendet, und zwar aus gutem Grund! Tatsächlich führt
Selbstkritik oft zu Schuld und giftiger Scham, denn wir
alle haben in uns einen inneren Kritiker, der ein Gegn-
er unseres gesunden Egos ist. Fortschritte können nur

131
DAS KREATIVE KONTINUUM

erzielt werden, wenn wir lernen, uns selbst passiv zu


beobachten, ohne die Klinge der abscheulichen Kritik
zu fühlen, die allzu schnell das Selbstwertgefühl zu un-
tergraben droht.
Die Person, die sehr selbstkritisch ist, ist auch sehr
kritisch gegenüber anderen, was zu einer doppelten
Toxizität führt. Die Person deren Selbstwertgefühl
durch ständige und schamvolle Selbstverleugnung ru-
iniert ist, wird dazu neigen, die Realität in allen an-
deren um sie herum zu leugnen; eine solche Person
wird unbewusst das Selbstwertgefühl anderer unter-
graben.
Also, um es zu wiederholen, müssen wir den Un-
terschied zwischen Selbstkritik und Selbstbeobachtung
erkennen. Das erste Verhalten ist negativ, das andere
positiv. Ich brauche mich nicht zu kritisieren, um mein
Verhalten und meine Einstellung zu verbessern; wenn
ich mir durch einfache Selbstbeobachtung dessen be-
wusst werde, wird es eine Veränderung geben. Das
liegt daran, dass das Bewusstsein immer selbstreini-
gend und selbstkorrigierend ist.
Passive Selbstbeobachtung ist der Schlüssel zu jed-
er Art von persönlicher Transformation; darüber hin-
aus sind Lehrer, die diese Technik beherrschen, in in-
formellen Situationen, insbesondere in der Tagesbe-

132
HÖHERGRADIGE LEHRERAUSBILDUNG

treuung und im Vorschulbereich, viel gelassener. Sie


sind nicht nur entspannter und erfahren viel weniger
emotionalen Stress, sondern neigen auch dazu, den
Kindern diese wertvolle Technik der Selbstbeobach-
tung zu vermitteln, die den inneren Frieden fördert.
Während Selbstkritik zu innerem Krieg führt!
Bildung ist ein fortlaufender Prozess, auch die Bil-
dung, die Sie sich selbst geben – auch Selbstbildung
genannt! Sie erfordert akutes Bewusstsein für die eige-
nen emotionalen Prozesse, das eigene Innenleben. Alle
unsere Wünsche und Fantasien haben Auswirkungen
auf die Menschen um uns herum, besonders auf kleine
Kinder. Diese Wirkung ist positiv, wenn wir unser In-
nenleben annehmen, und negativ, wenn wir es unter-
drücken und projizieren.
Deshalb ist die emotionale Selbstwahrnehmung für
Lehrer so wichtig. Natürlich ist dies nicht wirklich ein
Tagesordnungspunkt in der Berufsausbildung für
Erzieher, und deshalb betone ich es hier so sehr. Ich
glaube, dass Lehrer geschult werden müssen, um
dieses passive emotionale Bewusstsein zu entwickeln,
weshalb sie lernen sollten zu meditieren.
Meditation ist nur das: eine friedliche, stressfreie
und klare Form der Selbstbeobachtung, das Bewusst-
sein aller unserer Gedanken und Wünsche. Nicht

133
DAS KREATIVE KONTINUUM

zuletzt bedeutet Selbstbildung auch, dass Lehrer


ständig lernen müssen; es ist kaum vorstellbar, wie
Lehrer lebendig und charismatisch wirken können,
wenn sie sich als Weisheitsspender für unentwickelte
Jugendliche verstehen. Bildung ist keine Einbahnstraße,
wenn sie effektiv sein soll.
Wenn Kinder wahrnehmen, dass ihre Lehrer auf
der intellektuellen Ebene stagnieren, sind sie nicht
wirklich motiviert, an der Weisheitssuche
teilzunehmen.
Ich habe es immer wieder erlebt, dass in den
Schulen den Lehrern die größte Liebe und der größte
Respekt entgegengebracht wird, die bescheiden genug
sind, um gemeinsam mit ihren Schülern zu lernen!
Diese Lehrer erzielen auch die höchsten Lernergeb-
nisse pro Klasse und pro Schüler, wenn dies überhaupt
messbar ist! In diesem Sinne empfinde ich, dass Bil-
dung und Selbstbildung wirklich zusammenhängen,
denn die eine ist das Spiegelbild der anderen, und bei-
de sind nur die beiden Seiten einer Münze.
In diesem Sinne ist eine großartige Lerninstitution
eine, in der alle und jeder lernt, nicht nur die Studen-
ten. Dies ist eine Idee, die heute sogar in der Manage-
mentausbildung diskutiert wird, nicht nur für das
Management von Schulen, sondern für alle Arten von

134
HÖHERGRADIGE LEHRERAUSBILDUNG

Unternehmen. Sie wird als ‘Lernkultur’ bezeichnet.


Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass, wenn
dies auch auf der allgemeinen Führungsebene zutrifft,
es sicherlich ein untrennbarer Bestandteil des
Lehrplans einer fortschrittlichen Schule ist.

135
Das Kreative
Curriculum
Ein integraler Erziehungsansatz

Die Individuelle Integrität des Kindes


Jede Schule, die sowohl Kindern als auch ihren El-
tern dienen will, muss die Existenz individueller und
individuell begabter Kinder sehen und erkennen. Um
dem individuellen Kind zu dienen, müssen wir die
natürliche Sensibilität des Kindes bewahren und uns
auf die individuellen Talente konzentrieren, die dieses
Kind zeigt und entwickeln möchte.
Bildung sollte über die Vermittlung von Fähigkeit-
en hinausgehen, da jede Art von Fertigkeit in etwas
Größeres eingebettet ist, das wir als persönliches
Geschenk oder Talent bezeichnen können.
Daher ist die Vermittlung von Fertigkeiten im Ver-
gleich zum Erwachen der eigentlichen individuellen
DAS KREATIVE KONTINUUM

Talente des Kindes von untergeordneter Bedeutung.


Aus dieser Perspektive ist das Ziel der Bildung nicht
nur, einen guten Job zu finden und seinen Lebensun-
terhalt zu bestreiten, während dies für die meisten Bil-
dungseinrichtungen durchaus der Fall ist.
Die Kurzsichtigkeit der Erziehung von Menschen
zur ‘Anpassung’ an ein System bestehender Arbeit-
splätze besteht darin, dass dieses System morgen an-
ders ist und sich übermorgen noch einmal ändert! Dies
gilt heute mehr denn je zuvor in der Menschheits-
geschichte, und ein vernünftiger Lehrplan kann daher
nur auf den Talenten aufbauen, die jedem einzelnen
Kind innewohnen.
Tatsächlich wird das einzelne Kind selbst in sehr
teuren Privatschulen oft zum Jobsucher degradiert,
weil der Lehrplan keinen Versuch unternimmt, die
Seelenqualitäten des Kindes zu entwickeln, während er
sich gleichzeitig ganz auf die eher maskulinen Qual-
itäten der linken Gehirnhälfte (Yang) hin ausrichtet,
und Qualitäten der femininen rechten Gehirnhälfte
(Yin) fast völlig vernachlässigt.
Wenn wir Yin und Yang aus dem Gleichgewicht
bringen, wird das damit verbundene systemische und
ökologische Denken verstümmelt und das sogenannte

138
DAS KREATIVE CURRICULUM

rationale, logische, strategische Denken hypertro-


phiert, welches dann die Oberhand gewinnt.
Jedes einzelne Kind zu berücksichtigen, ist nur
möglich, wenn wir von Anfang an einen qualitativen
und keinen quantitativen Bildungsansatz haben. Der
Qualitätsansatz verlangt nicht nach Effizienz, sondern
nach integrierten Lösungen, die jedem Kind in der
Schule dienen. Ganzheitliches und systemisches
Denken kann nur auf der Grundlage der Integrität des
Kindes erreicht werden.
Intelligenz, Sensibilität und Verständnis für die
komplexen Funktionen des Lebens können nur en-
twickelt werden, wenn Kognition in das Gefühlsleben
des Kindes eingebettet ist und damit das Ergebnis von
Ganzheit und nicht von Fragmentierung ist.
Kognitive Fähigkeiten, die in die emotionale Ver-
nunft eingebettet sind, können nur auf der Grundlage
der Bereitschaft, der Reife wachsen. Ein Kind wird die
Unterweisung freiwillig annehmen, sobald es emotion-
al dazu bereit ist und nicht unter anderen Umständen.
Und hier sprechen wir von der individuellen Reife eines
Kindes, nicht von einem Standardkonzept, denn es
gibt einfach keine Standards in diesem Bereich.

139
DAS KREATIVE KONTINUUM

Die Erziehung muss logischerweise in eine persön-


liche Beziehung und Interaktion zwischen Erzieher
und Kind eingebettet sein, denn nur innerhalb einer
solchen emotionalen Beziehung kann die Einzigartigkeit
des Kindes voll entwickelt werden. Die emotionale
Bindung in dieser Beziehung ist von überragender Be-
deutung! Nur Liebe kann die Brücke für die Übertra-
gung von Werten sein.

Die Emotionale Integrität des Kindes


Moderne Bildung sollte verhindern, dass das Kind
nur intellektuell geschult wird. Ein Mensch, unab-
hängig vom Alter, besteht immer aus Intellekt und
Emotion, und was Erziehung tun sollte, ist, dem Kind
zu helfen, ein gesundes Gleichgewicht zwischen ihnen
zu halten. Es macht wenig Sinn, Kinder auszubilden,
um Problemlöser oder große Redner zu werden, wenn
der Preis, den wir für eine solche Dressur zahlen, darin
besteht, dass Kinder hyperaktiv, emotional unausge-
wogen und krank werden.
Darüber hinaus bedeutet Bildung nicht, Kinder in
die Fußstapfen ihrer Eltern zu pressen, sondern ihnen
zu ermöglichen, autonome Personen mit eigenen Tal-
enten und ihrer eigenen einzigartigen Intelligenz zu
werden.

140
DAS KREATIVE CURRICULUM

Aus Kindern Zinnsoldaten zu machen ignoriert


regelmäßig die wahren Bedürfnisse des Kindes und
löst früh im Leben Schuld und Angst aus, was
wiederum eine Barriere für die Selbstkenntnis aufbaut.
Um eine Vorstellung vom Gefühlsleben des Kindes
zu bekommen, müssen wir verstehen, was Intelligenz
ist. Die meisten Menschen verwechseln Intelligenz mit
Wissen und Intellektualität, ohne zu sehen, dass die
Ansammlung von Wissen mechanisch ist und nicht ein
Zeichen von Intelligenz. Intelligenz ist etwas ganz an-
deres als Wissen. Sie ist nicht mechanisch, sondern ein
dynamischer Prozess des Verstehens unserer Umgebung
und uns selbst in dieser Welt. Unsere Aufgabe bei der
Erziehung von Kindern ist es daher, diese natürliche
Intelligenz und diese Ganzheit des Kindes zu be-
wahren und Fragmentierung so weit wie möglich zu
verhindern.
Unser rationaler Verstand (linke Gehirnhälfte) ist nur
dann voll funktionsfähig, wenn er mit unserem emo-
tionalen Verstand (rechte Gehirnhälfte) verbunden ist,
so dass sich intellektuell/analytische und intuitiv/syn-
thetische Denkprozesse ergänzen. Dann befinden sich
der rationale und der emotionale Teil von uns
regelmäßig in einem Zustand der funktionalen Einheit,
was wiederum inneren Frieden schafft. Dies wird

141
DAS KREATIVE KONTINUUM

durch die Validierung der Rechtshirnkapazitäten des


Kindes und durch die Unterstützung des kleinen
Kindes beim Ausdruck seiner Emotionen, durch spon-
tanen Tanz, Malerei und Musik und später bei
Schulkindern durch kreatives Schreiben erreicht.

Die Soziale Integrität des Kindes


Innerhalb der Gruppe lernen Kinder soziales Ver-
halten, ohne in standardisierte Verhaltensmuster
eingewiesen zu werden. Wir müssen es vermeiden,
Kinder als Teilnehmer an einem Spiel des rücksicht-
slosen Wettbewerbs zu modellieren, wie es leider in
vielen Schulen üblich ist.
Wenn der Stress zu hoch ist, kann es einigen
Kindern helfen, höhere Leistung zu erreichen, aber es
wird auch einige andere Kinder in die Retardierung
treiben. Wettbewerbsdruck innerhalb der Gruppe
führt dazu, die Gruppe in mehrere Einheiten
aufzuteilen, einen kleinen Kreis von Leistungsträgern,
die die Gruppe ‘führen’ werden, einen größeren Teil
von eher mittelmäßigen Leistungsträgern, die fast au-
tomatisch dann die Rolle der ‘Anhänger’ übernehmen,
und die Randgruppe derer, die in Aufruhr und Nieder-
lage gedrängt werden – regelmäßig in der Ecke zu se-

142
DAS KREATIVE CURRICULUM

hen, oft weinend angetroffen und dabei, eher asoziale


Verhaltensmuster zu entwickeln.
Um diesen Fehler zu vermeiden, müssen wir
Gruppenaktivitäten entwickeln, die friedlich sind und
keinen emotionalen Stress auslösen. Das bedeutet in
erster Linie, dass die Lehrer selbst so stressfrei und
entspannt wie möglich sind und dass die Beziehungen
zwischen den Schülern ebenfalls so harmonisch wie
möglich sind.
Generell sollten Kinder nicht in verschiedene Al-
tersgruppen eingeteilt werden, sondern gemeinsam
spielen, während die Älteren sich natürlicherweise um
die Jüngeren kümmern. Das ideale Gleichgewicht ist
ein Kleingruppenumfeld, in dem Kinder in kreativen
Einheiten zusammenarbeiten und dennoch die fürsor-
gliche Aufmerksamkeit von Pädagogen erhalten, die
die Zeit und den Wunsch haben, jedes Kind zu seinem
vollen Potenzial zu verhelfen.
Die Gruppe wird dann nicht zu einer Rangfolge,
die jedes Kind in eine Schublade stecken will, sondern
zu einer interaktiven Umgebung, in der das Kind seine
Individualität entdecken und gleichzeitig wichtige
soziale Kompetenzen entwickeln kann.

143
DAS KREATIVE KONTINUUM

Die Kreative Integrität des Kindes


Ein ganzheitlicher Bildungsansatz besteht aus Ak-
tivitäten, die das Kind auf verschiedene Weise stim-
ulieren, körperlich, emotional und spirituell. Aktiv-
itäten sind immer in Verbindung mit Affektivität und
eingebettet in die einzigartige emotionale Beziehung
zwischen Lehrer und Kind. Es gibt grundsätzlich fünf
verschiedene Arten von Aktivitäten:

‣ visuelle Aktivitäten

‣ auditive Aktivitäten

‣ körperlich-sensorische Aktivitäten

‣ literarisch-poetische Aktivitäten

‣ mental-analytische Aktivitäten

Visuelle Aktivitäten sind solche, bei denen sich


Kinder durch Malen und Zeichnen sowie durch
Schminken und Maskenbau, spontanes Theaterspiel,
Fotografie oder Videoproduktion ausdrücken.
Auditive Aktivitäten sind solche, die sich auf
musikalischen Ausdruck, Instrumentenspiel, die Schaf-
fung und Erfahrung von Klangteppichen, Beziehungen
zwischen Farben und Klängen und Klangheilung
konzentrieren.

144
DAS KREATIVE CURRICULUM

Körperlich-sensorische Aktivitäten sind solche, die


sich auf den Körper, spontanen Tanz, rhythmischen
Selbstausdruck, affektive Berührung und taktile Kom-
munikation, Massage und wasserbezogene Aktivitäten
konzentrieren. Die psychosomatische Gesundheit des
kleinen Kindes verbessert sich erheblich mit reichlich
taktiler Stimulation. Für Kleinkinder sind Wasser und
Bewegung natürlich stimulierende Mittel, die ihre prä-
natale Umgebung in Erinnerung rufen.
Literarisch-poetische Aktivitäten integrieren Poesie
und literarische Imagination wieder in die Bildungs-
beziehung, zum Beispiel durch Märchen und die spon-
tane Gestaltung von Theaterstücken.
Mental-analytische Aktivitäten sind in den meisten
modernen Bildungseinrichtungen zwar deutlich über-
lastet, müssen aber nicht vollständig verworfen wer-
den. Viele Kinder genießen diese Art von Aktivitäten
und sie können auf vielfältige Weise vorgestellt wer-
den. Zum Beispiel ist das Apple Mac OS X Computer-
system sehr gut geeignet, um logisches und analytis-
ches sowie intuitives Denken zu vermitteln, da der
Computer einen praktischen Zweck erfüllt und gle-
ichzeitig logisches und analytisches Denken vermittelt.
Er ist zu einem technischen Werkzeug von Bedeutung
geworden, so dass er heute nicht mehr weggedacht

145
DAS KREATIVE KONTINUUM

werden kann, und es würde an Nachlässigkeit grenzen,


Kindern nicht beizubringen, wie man damit richtig
umgeht, und dem Kind zu helfen, seine mental-ana-
lytische Intelligenz auf höchstem Niveau zu trainieren.

Team Philosophie
Für einen effektiven Lehrplan ist es unerlässlich,
ein hochkreatives Arbeitsumfeld für Lehrer zu schaffen
und eine Unternehmenskultur aufzubauen, die den
Aufbau der Achtung von Diversität fördert.
Experten in der Personalarbeit fanden heraus, dass
beste Effektivität und optimierte Kundenzufriedenheit
das Ergebnis proaktiver und loyaler Personalbeziehun-
gen sind, die auf offenem Dialog, einfühlsamem Aus-
tausch und einem ausreichenden Maß an Befähigung
für jeden Mitarbeiter setzen, und die damit jedem Mi-
tarbeiter erlauben, ein Höchstmaß an Kreativität bei
der Ausübung der Arbeit zu entfalten.
Im schulischen Umfeld bedeutet das, dass es ein
hohes Maß an effektiver Kommunikation zwischen Päda-
gogen und Eltern für das Beste jedes in der Schule
eingeschriebenen Kindes geben muss. Dies bedeutet,
dass die Mitarbeiter täglich und mit einer ausreichen-
den Einarbeitungszeit geschult werden, um

146
DAS KREATIVE CURRICULUM

sicherzustellen, dass sie den in diesem Buch vorgestell-


ten kreativen Lehrplan vollständig umsetzen.

Ein auf Werte Gegründetes Curriculum


Experten entwickelten die Werte, die für Eltern
zählen, die sich in der Situation befinden, sich aus ein-
er Reihe von Karrieregründen nicht in der Lage sehen,
die notwendige Betreuung ihrer Kinder zu gewährleis-
ten. Ich habe lange über diese Werte und Bedürfnisse
nachgedacht und festgestellt, dass die Kommunikation
mit den Eltern ein wichtiges Thema bei der verantwor-
tungsvollen Betreuung ihrer Kinder ist. Zu diesem
Zweck halte ich es für sehr wichtig, einen ständigen
und fruchtbaren Dialog mit den Eltern zu führen, um
die folgenden Werte zu gewährleisten:
—Kontinuität und Reibungslosigkeit bei der Bereit-
stellung einer Erziehung für jedes Kind, die von An-
fang an im Einklang mit den tief empfundenen Werten
ihrer Eltern steht;
—Offenheit und Transparenz im täglichen Betrieb
der Schule für Eltern, die befähigt werden, durch ein
System der proaktiven Kommunikation einen direkten
Einfluss auf die Bildung ihres Kindes zu haben.

147
DAS KREATIVE KONTINUUM

—Diese Kommunikationsstruktur ermöglicht es


den Eltern, jederzeit Anregungen und spezielle Infor-
mationen über ihr Kind zu geben;
—Regelmäßige Elternversammlungen, die für sie die
Möglichkeit bieten, mehr über die professionelle
Kinderbetreuung zu erfahren, sowie für Erzieher, mehr
über Probleme und Anliegen zu erfahren, die Eltern in
Bezug auf die Bildung ihrer Kinder oder ihre Familien-
situation haben können; dies ermöglicht es Eltern und
Lehrern, Themen anzugehen, die zwar nicht von An-
fang an offensichtlich sind, aber dazu beitragen kön-
nen, jedes einzelne Kind und seine besonderen
Bedürfnisse besser zu verstehen;
—Ad-hoc-Meetings auf Wunsch der Eltern, die
sich mit einem für sie und ihr Kind wichtigen Thema,
Krankheiten ihres Kindes, die psychosomatische
Gründe haben könnten, Allergien oder besondere
Ernährungsbedürfnisse für die in unserer Schule ange-
botene Verpflegung oder andere Themen dieser Art
umfassen.

Edukative Ziele
—Vermittler für Hochbegabung und Begabung zu
sein, um sicherzustellen, dass das menschliche Poten-
zial in jeder Form, in der es sich manifestiert, respek-

148
DAS KREATIVE CURRICULUM

tiert, anerkannt, gefördert und zu seiner vollen Entfal-


tung entwickelt wird, und zwar unabhängig vom
sozialen Status, der religiösen, ideologischen oder poli-
tischen Orientierung und frei von jeglicher Diskrim-
inierung aufgrund von Rasse, Geschlecht, Kaste oder
Herkunft;
—Aufbau eines Geistes der Selbstaktivierung,
Reaktionsfähigkeit, Flexibilität, Synergie und aktive
Beteiligung;
—Erziehung zur Effektivität, Nutzung der Vernet-
zung mit anderen als primäres Werkzeug, um sichtbare
Ergebnisse zu erzielen;
—Dabei helfen, das Ego zu überwinden, indem
man einen Geist des Teilens und Beitrags und ein
Gefühl der Begeisterung für synergistische Lösungen
schafft;
—Erziehung zu einer positiven Denkweise, die auf
der Realität unbegrenzter Substanz basiert;
—Diskriminierungsfreie Unterstützung derjenigen,
die durch ihre Begabung und Motivation dringend
Support, Hilfe, Pflege oder Sponsoring für die En-
twicklung ihrer Talente benötigen;
—Hilfe beim Aufbau einer Generation von Men-
schen, die wissen, wie sie ihre Ressourcen effektiv

149
DAS KREATIVE KONTINUUM

nutzen können, während sie die Ressourcen anderer


respektieren und helfen, diese aufzubauen, so dass
schließlich eine ressourcenreiche Gemeinschaft
geschaffen werden kann.
Dieser Lehrplan basiert auf einer integralen Weltan-
schauung, die der gegenwärtigen fragmentierten
Weltanschauung deutlich entgegenwirkt. Diese
kreative Weltanschauung betrachtet Probleme und Lö-
sungen als ein miteinander verbundenes Feld.
Dementsprechend sind die Antworten auf aktuelle
Probleme systemisch und ganzheitlich.
Um ein einfaches Beispiel zu geben. Man kann
keine endgültige Lösung für unsere Umweltprobleme,
die globale Erwärmung, finden, ohne die Lehrpläne
unserer Schulen zu ändern. Nicht durch eine globale
Steuer oder strengere Gesetze erreichen wir, dass sich
die Menschen ökologisch kompetent verhalten, son-
dern nur durch die frühzeitige Erziehung der Kinder
zum Schutz der Umwelt.
Daher sind viele unserer globalen Probleme heute
auf die Notwendigkeit zurückzuführen, die Bildung zu
verbessern und damit die Bildungsbudgets zu erhöhen.
Der Systemansatz lehrt uns, dass so ziemlich alles, was
auf der menschlichen Agenda steht, eine direkte Funk-

150
DAS KREATIVE CURRICULUM

tion unserer Bildungsweisheit ist, die Weisheit, unsere


Kinder verantwortungsbewusst großzuziehen.
Aus diesem Grund betrachten viele Sozialwis-
senschaftler das 21. Jahrhundert als einen wichtigen
Wendepunkt in der menschlichen Entwicklung und
die Blütezeit der ‘Lerngesellschaft.’
Ich habe über jedes mögliche Problem in der heuti-
gen menschlichen Gesellschaft nachgedacht, von der
Kindererziehung bis zur Kriminalitätsstatistik, vom Ju-
gendselbstmord bis zur Gesundheitsreform, von der
neuen Wissenschaft bis zum Verständnis der Wirt-
schaft. Und ich habe gesehen, dass alles, wirklich alles,
eine direkte Funktion der Art und Weise ist, wie wir
gebildet und konditioniert wurden, um mit dem Leben
umzugehen, sowohl auf der individuellen als auch auf
der transpersonalen Ebene!

151
Bibliographie
Kontextuelle Bibliographie

Abrams, Jeremiah (Ed.)


Reclaiming the Inner Child
New York: Tarcher/Putnam, 1990

Appleton, Matthew
A Free Range Childhood
Self-Regulation at Summerhill School
Foundation for Educational Renewal, 2000

Ariès, Philippe
Centuries of Childhood
New York: Vintage Books, 1962

Bachelard, Gaston
The Poetics of Reverie
Translated by Daniel Russell
Boston: Beacon Press, 1971
DAS KREATIVE KONTINUUM

Barron, Frank X., Montuori, et al. (Eds.)


Creators on Creating
Awakening and Cultivating the Imaginative Mind
New York: P. Tarcher/Putnam, 1997

Bateson, Gregory
Steps to an Ecology of Mind
Chicago: University of Chicago Press, 2000
Originally published in 1972

Bettelheim, Bruno
A Good Enough Parent
New York: A. Knopf, 1987

The Uses of Enchantment


New York: Vintage Books, 1989

Boldt, Laurence G.
Zen and the Art of Making a Living
A Practical Guide to Creative Career Design
New York: Penguin Arkana, 1993

How to Find the Work You Love


New York: Penguin Arkana, 1996

Zen Soup
Tasty Morsels of Zen Wisdom From Great Minds East & West
New York: Penguin Arkana, 1997

The Tao of Abundance


Eight Ancient Principles For Abundant Living
New York: Penguin Arkana, 1999

154
KONTEXTUELLE BIBLIOGRAPHIE

Branden, Nathaniel
How to Raise Your Self-Esteem
New York: Bantam, 1987

Cain, Chelsea & Moon Unit Zappa


Wild Child
New York: Seal Press (Feminist Publishing), 1999

Campbell, Herbert James


The Pleasure Areas
London: Eyre Methuen Ltd., 1973

Campbell, Joseph
The Hero With A Thousand Faces
Princeton: Princeton University Press, 1973
(Bollingen Series XVII)
London: Orion Books, 1999

Occidental Mythology
Princeton: Princeton University Press, 1973
(Bollingen Series XVII)
New York: Penguin Arkana, 1991

The Masks of God


Oriental Mythology
New York: Penguin Arkana, 1992
Originally published 1962

The Power of Myth


With Bill Moyers
ed. by Sue Flowers
New York: Anchor Books, 1988

155
DAS KREATIVE KONTINUUM

Capacchione, Lucia
The Power of Your Other Hand
North Hollywood, CA: Newcastle Publishing, 1988

Capra, Fritjof
The Systems View of Life
A Unifying Vision
With Pier Luigi Luisi
Cambridge: Cambridge University Press, 2014

Cassou, Michelle & Cubley, Steward


Life, Paint and Passion
Reclaiming the Magic of Spontaneous Expression
New York: P. Tarcher/Putnam, 1996

Clarke-Steward, S., Friedman, S. & Koch, J.


Child Development, A Topical Approach
London: John Wiley, 1986

DeMause, Lloyd
The History of Childhood
New York, 1974
Foundations of Psychohistory
New York: Creative Roots, 1982

Diamond, Stephen A., May, Rollo


Anger, Madness, and the Daimonic
The Psychological Genesis of Violence, Evil and Creativity
New York: State University of New York Press, 1999

DiCarlo, Russell E. (Ed.)


Towards A New World View

156
KONTEXTUELLE BIBLIOGRAPHIE

Conversations at the Leading Edge


Erie, PA: Epic Publishing, 1996

Dürckheim, Karlfried Graf


Hara: The Vital Center of Man
Rochester: Inner Traditions, 2004

Zen and Us
New York: Penguin Arkana 1991

The Call for the Master


New York: Penguin Books, 1993
Absolute Living
The Otherworldly in the World and the Path to Maturity
New York: Penguin Arkana, 1992

The Way of Transformation


Daily Life as a Spiritual Exercise
London: Allen & Unwin, 1988

The Japanese Cult of Tranquility


London: Rider, 1960

Edmunds, Francis
An Introduction to Anthroposophy
Rudolf Steiner’s Worldview
London: Rudolf Steiner Press, 2005

Erikson, Erik H.
Childhood and Society
New York: Norton, 1993
First published in 1950

157
DAS KREATIVE KONTINUUM

Farson, Richard
Birthrights
A Bill of Rights for Children
Macmillan, New York, 1974

Fensterhalm, Herbert
Don’t Say Yes When You Want to Say No
With Jean Bear
New York: Dell, 1980

Flack, Audrey
Art & Soul
Notes on Creating
New York: E P Dutton, Reissue Edition, 1991

Freud, Sigmund
The Interpretation of Dreams
New York: Avon, Reissue Edition, 1980
and in: The Standard Edition of the Complete Psychological
Works of Sigmund Freud (24 Volumes), ed. by James Strachey
New York: W. W. Norton & Company, 1976

Ghiselin, Brewster (Ed.)


The Creative Process
Reflections on Invention in the Arts and Sciences
Berkeley: University of California Press, 1985
First published in 1952

Goldman, Jonathan & Goldman, Andi


Healing Sounds
The Power of Harmonies
Rochester: Healing Arts Press, 2002

158
KONTEXTUELLE BIBLIOGRAPHIE

Goleman, Daniel
Emotional Intelligence
New York, Bantam Books, 1995

Grof, Stanislav
Ancient Wisdom and Modern Science
New York: State University of New York Press, 1984

Beyond the Brain


Birth, Death and Transcendence in Psychotherapy
New York: State University of New York, 1985

Realms of the Human Unconscious


Observations from LSD Research
New York: E.P. Dutton, 1976

The Cosmic Game


Explorations of the Frontiers of Human Consciousness
New York: State University of New York Press, 1998

The Holotropic Mind


The Three Levels of Human Consciousness
New York: HarperCollins, 1993
When the Impossible Happens
Adventures in Non-Ordinary Reality
Louisville, CO: Sounds True, 2005

Grout, Pam
Art & Soul
New York: Andrews McMeel Publishing, 2000

Hall, Manly P.
The Secret Teachings of All Ages
New York: Tarcher/Penguin, 2003
Originally published in 1928

159
DAS KREATIVE KONTINUUM

Jaffe, Hans L.C.


Picasso
New York: Abradale Press, 1996

James, William
Writings 1902-1910
The Varieties of Religious Experience
Pragmatism
A Pluralistic Universe
The Meaning of Truth
Some Problems of Philosophy
Essays
New York: Library of America, 1988

Koestler, Arthur
The Act of Creation
New York: Penguin Arkana, 1989
Originally published in 1964

Krishnamurti, J.
Freedom From The Known
San Francisco: Harper & Row, 1969

The First and Last Freedom


San Francisco: Harper & Row, 1975

Education and the Significance of Life


London: Victor Gollancz, 1978

Commentaries on Living
First Series
London: Victor Gollancz, 1985

160
KONTEXTUELLE BIBLIOGRAPHIE

Commentaries on Living
Second Series
London: Victor Gollancz, 1986

Krishnamurti's Journal
London: Victor Gollancz, 1987

Krishnamurti's Notebook
London: Victor Gollancz, 1986

Beyond Violence
London: Victor Gollancz, 1985

Beginnings of Learning
New York: Penguin, 1986

The Penguin Krishnamurti Reader


New York: Penguin, 1987
On God
San Francisco: Harper & Row, 1992

On Fear
San Francisco: Harper & Row, 1995

The Essential Krishnamurti


San Francisco: Harper & Row, 1996

The Ending of Time


With Dr. David Bohm
San Francisco: Harper & Row, 1985

Laing, Ronald David


Divided Self
New York: Viking Press, 1991

161
DAS KREATIVE KONTINUUM

R.D. Laing and the Paths of Anti-Psychiatry


ed., by Z. Kotowicz
London: Routledge, 1997

The Politics of Experience


New York: Pantheon, 1983

Leadbeater, Charles Webster


Astral Plane
Its Scenery, Inhabitants and Phenomena
Kessinger Publishing Reprint Edition, 1997

Dreams
What they Are and How they are Caused
London: Theosophical Publishing Society, 1903
Kessinger Publishing Reprint Edition, 1998

The Inner Life


Chicago: The Rajput Press, 1911
Kessinger Publishing

Leboyer, Frederick
Birth Without Violence
New York, 1975

Inner Beauty, Inner Light


New York: Newmarket Press, 1997

Loving Hands
The Traditional Art of Baby Massage
New York: Newmarket Press, 1977

The Art of Breathing


New York: Newmarket Press, 1991

162
KONTEXTUELLE BIBLIOGRAPHIE

Liedloff, Jean
Continuum Concept
In Search of Happiness Lost
New York: Perseus Books, 1986
First published in 1977

Locke, John
Some Thoughts Concerning Education
London, 1690
Reprinted in: The Works of John Locke, 1823
Vol. IX., pp. 6-205

Lowen, Alexander
Bioenergetics
New York: Coward, McGoegham 1975

Depression and the Body


The Biological Basis of Faith and Reality
New York: Penguin, 1992

Fear of Life
New York: Bioenergetic Press, 2003
Honoring the Body
The Autobiography of Alexander Lowen
New York: Bioenergetic Press, 2004

Joy
The Surrender to the Body and to Life
New York: Penguin, 1995

Narcissism: Denial of the True Self


New York: Macmillan, Collier Books, 1983

Pleasure: A Creative Approach to Life


New York: Bioenergetics Press, 2004
First published in 1970

163
DAS KREATIVE KONTINUUM

The Language of the Body


Physical Dynamics of Character Structure
New York: Bioenergetics Press, 2006

Maisel, Eric
Fearless Creating
A Step-By-Step Guide to Starting and Completing
Work of Art
New York: Tarcher & Putnam, 1995

McCarey, William A.
In Search of Healing
Whole-Body Healing Through the Mind-Body-Spirit Connection
New York: Berkley Publishing, 1996

McNiff, Shaun
Art as Medicine
Boston: Shambhala, 1992

Art as Therapy
Creating a Therapy of the Imagination
Boston/London: Shambhala, 1992

Trust the Process


An Artist’s Guide to Letting Go
New York: Shambhala Publications, 1998

Miller, Alice
Four Your Own Good
Hidden Cruelty in Child-Rearing and the Roots of Violence
New York: Farrar, Straus & Giroux, 1983

Pictures of a Childhood
New York: Farrar, Straus & Giroux, 1986

164
KONTEXTUELLE BIBLIOGRAPHIE

The Drama of the Gifted Child


In Search for the True Self
translated by Ruth Ward
New York: Basic Books, 1996

Thou Shalt Not Be Aware


Society’s Betrayal of the Child
New York: Noonday, 1998

Montessori, Maria
The Absorbent Mind
Reprint Edition
New York: Buccaneer Books, 1995
First published in 1973

Moore, Thomas
Care of the Soul
A Guide for Cultivating Depth and Sacredness in Everyday Life
New York: Harper & Collins, 1994

Murphy, Joseph
The Power of Your Subconscious Mind
West Nyack, N.Y.: Parker, 1981, N.Y.: Bantam, 1982
Originally published in 1962

Murphy, Michael
The Future of the Body
Explorations into the Further Evolution of Human Nature
New York: Jeremy P. Tarcher/Putnam, 1992

Myers, Tony Pearce


The Soul of Creativity
Insights into the Creative Process
Novato, CA: New World Library, 1999

165
DAS KREATIVE KONTINUUM

Myss, Caroline
The Creation of Health
The Emotional, Psychological, and
Spiritual Responses that Promote Health and Healing
New York: Three Rivers Press, 1998

Naparstek, Belleruth
Your Sixth Sense
Unlocking the Power of Your Intuition
London: HarperCollins, 1998

Staying Well With Guided Imagery


New York: Warner Books, 1995

Neill, Alexander Sutherland


Neill! Neill! Orange-Peel!
New York: Hart Publishing Co., 1972

Summerhill
A Radical Approach to Child Rearing
New York: Hart Publishing, Reprint 1984
Originally published 1960

Summerhill School
A New View of Childhood
New York: St. Martin's Press
Reprint 1995

Odent, Michel
Birth Reborn
What Childbirth Should Be
London: Souvenir Press, 1994

The Scientification of Love


London: Free Association Books, 1999

166
KONTEXTUELLE BIBLIOGRAPHIE

Primal Health
Understanding the Critical Period Between Conception
and the First Birthday
London: Clairview Books, 2002
First Published in 1986 with Century Hutchinson in London

Ostrander, Sheila & Schroeder, Lynn


Superlearning 2000
New York: Delacorte Press, 1994

Supermemory
New York: Carroll & Graf, 1991

Ouspensky, Pyotr Demianovich


In Search of the Miraculous
New York: Mariner Books, 1949/2001

Pearce Myers, Tony (Editor)


The Soul of Creativity
Insights into the Creative Process
Novato: New World Library, 1999

Petrash, Jack
Understanding Waldorf Education
Teaching from the Inside Out
London: Floris Books, 2003

Rank, Otto
Art and Artist
With Charles Francis Atkinson and Anaïs Nin
New York: W.W. Norton, 1989
Originally published in 1932

167
DAS KREATIVE KONTINUUM

Rosen, Sydney (Ed.)


My Voice Will Go With You
The Teaching Tales of Milton H. Erickson
New York: Norton & Co., 1991

Rothschild & Wolf


Children of the Counterculture
New York: Garden City, 1976

Ruiz, Don Miguel


The Four Agreements
A Practical Guide to Personal Freedom
San Rafael, CA: Amber Allen Publishing, 1997

The Mastery of Love


A Practical Guide to the Art of Relationship
San Rafael, CA: Amber Allen Publishing, 1999

The Voice of Knowledge


A Practical Guide to Inner Peace
With Janet Mills
San Rafael, CA: Amber Allen Publishing, 2004

Schwartz, Andrew E.
Guided Imagery for Groups
Fifty Visualizations That Promote Relaxation, Problem-Solving,
Creativity, and Well-Being
Whole Person Associates, 1995

Shone, Ronald
Creative Visualization
Using Imagery and Imagination for Self-Transformation
New York: Destiny Books, 1998

168
KONTEXTUELLE BIBLIOGRAPHIE

Stein, Robert M.
Redeeming the Inner Child in Marriage and Therapy
in: Reclaiming the Inner Child
ed. by Jeremiah Abrams
New York: Tarcher/Putnam, 1990, 261 ff.

Steiner, Rudolf
Theosophy
An Introduction to the Spiritual Processes in Human Life
and in the Cosmos
New York: Anthroposophic Press, 1994

Stekel, Wilhelm
Auto-Eroticism
A Psychiatric Study of Onanism and Neurosis
Republished, London: Paul Kegan, 2004

Patterns of Psychosexual Infantilism


New York, 1959 (reprint edition)

Stone, Hal & Stone, Sidra


Embracing Our Selves
The Voice Dialogue Manual
San Rafael, CA: New World Library, 1989

Szasz, Thomas
The Myth of Mental Illness
New York: Harper & Row, 1984

Tart, Charles T.
Altered States of Consciousness
A Book of Readings
Hoboken, N.J.: Wiley & Sons, 1969

169
DAS KREATIVE KONTINUUM

Villoldo, Alberto
Healing States
A Journey Into the World of Spiritual Healing and Shamanism
With Stanley Krippner
New York: Simon & Schuster (Fireside), 1987

Dance of the Four Winds


Secrets of the Inca Medicine Wheel
With Eric Jendresen
Rochester: Destiny Books, 1995

Shaman, Healer, Sage


How to Heal Yourself and Others with the Energy Medicine
of the Americas
New York: Harmony, 2000

Healing the Luminous Body


The Way of the Shaman with Dr. Alberto Villoldo
DVD, Sacred Mysteries Productions, 2004

Mending The Past And Healing The Future with Soul Retrieval
New York: Hay House, 2005

Whitfield, Charles L.
Healing the Child Within
Deerfield Beach, Fl: Health Communications, 1987

Whiting, Beatrice B.
Children of Six Cultures
A Psycho-Cultural Analysis
Cambridge: Harvard University Press, 1975

170
Anmerkungen