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Sollen, Wollen und Können

„Mangelndes Vertrauen ist nichts als das Ergebnis


von Schwierigkeiten. Schwierigkeiten haben ihren
Ursprung in mangelndem Vertrauen.“

Seneca

Stimmt die Annahme, dass Denken und Handeln zwei unterschiedliche Aktivitäten sind, welche von
unserem freien Willen ihren Ausgang nehmen – und welche dieser miteinander verbindet? Selten
wird diese Frage gestellt. Ich stelle sie jetzt.

Im Alltagsleben spielt gezieltes ‚Denken‘ nämlich für gewöhnlich die Rolle des Probehandelns. Wir
bereiten uns auf erwartbare kommende Situationen vor (planen den Unterricht, planen eine Rede,
etc.). Wir stellen uns eine künftige Situation vor, wobei wir unsere eignen bisherigen Erfahrungen
sowie diejenigen ‚kompetenter‘ Anderer zu Rate ziehen. Wir verfertigen dann Handlungspläne, die
wir dann in Folge ‚umzusetzen‘ haben. In Wirklichkeit kommt es dann doch immer etwas anders als
in unseren Vorstellungen, egal, jetzt müssen wir uns mal gut vorbereiten, sonst können wir nicht
bestehen …..

Jedenfalls liegt dieser Art des Vorgehens folgende – von fast allen Menschen geteilte – Annahme zu
Grunde: Vorbereitung braucht unser aktives Wollen, und damit dann aus diesen ‚theoretischen‘
Plänen später ‚konkrete‘ Handlungen werden, braucht es wieder unser Wollen. Denn jeder Plan ist
bloß eine Handlungsmöglichkeit, er wird erst wirklich, wenn wir ihn auch umsetzen. Wer wir? Oh….
unser ‚freies Wollen‘ natürlich.

Es gibt aber den Satz: „Man kann zwar tun, was man will; aber man kann sein Wollen nicht
wiederum wollen. Man will nämlich aufgrund der Bedeutung einer Situation.“

Ich schlage somit folgende Antwort auf die Frage von Denken und Handeln vor:

Leben ist, wie wenn jemand in einem Boot segelt. Du setzt das Segel und steuerst. Obwohl Du mit
dem Segel und dem Ruder manövrierst, trägt Dich doch das Boot und ohne es könntest Du nicht
segeln. Dennoch segelst du und dein Segeln macht das Boot zu dem, was es ist. ERFORSCHE EINEN
MOMENT WIE DIESEN. In so einem Moment gibt es nichts als die Welt des Bootes.

Beim Bootfahren sind dein Körper, dein Geist und die Umgebung miteinander das dynamische
Wirken des Bootes. Die ganze Erde und der ganze Himmel sind gemeinsam das dynamische Wirken
des Bootes. So ist das Leben nichts als du; und du bist nichts als das Leben.

Heute hingegen gelten aber ‚starker Wille und Kompetenz‘ als Ursachen für Leistungserfolg.

„Unter Kompetenz wird ein Netzwerk von Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, Strategien und
Routinen verstanden, das jeder Mensch zusätzlich zur Lernmotivation benötigt, um in
unterschiedlichen Situationen handlungsfähig zu sein. Der Motor für die Entwicklung von
Kompetenzen ist ein intrinsisches Bedürfnis des Kindes, mit der Welt in Kontakt zu treten, zu lernen
und die Umwelt zu verändern.“ – BRP 2009, S.6 unter Bezugnahme auf Weinert, Franz E. (1999).
Konzepte der Kompetenz. Paris: OECD.

„Geduld, Demut, Fleiß oder Solidarität waren früher die Werte, die den Schülern eingetrichtert
wurden. Jetzt hört man überall: Mehr Initiative! Mehr Motivation! An die Stelle des "Du sollst" ist
längst "Du kannst" getreten. "Du kannst" vermittelt nur am Anfang ein Gefühl der Freiheit. Bald
erzeugt es mehr Zwänge als "Du sollst". Ab einem bestimmten Punkt der Produktivität stößt "Du
sollst" schnell an seine Grenze. Zur Steigerung der Produktivität wird das Sollen durch das Können
ersetzt. Motivation, Initiative und Projekt sind für die Ausbeutung wirksamer als Peitsche und Befehle.
Als Unternehmer seiner selbst ist das Leistungssubjekt insofern frei, als es keinem gebietenden
Anderen unterworfen ist. Aber es ist nicht wirklich frei, denn es beutet nun sich selbst aus.
Ausbeutender ist Ausgebeuteter. Täter und Opfer sind nicht mehr unterscheidbar. Die
Selbstausbeutung ist viel effizienter als die Fremdausbeutung, weil sie mit dem Gefühl der Freiheit
einhergeht. Aber diese Freiheit bringt ungeheuere Zwänge mit sich, an denen das Leistungssubjekt
regelrecht zerbricht.

► Wer am Können scheitert, wird depressiv. Er schämt sich und isoliert sich. Er ist allein schuld für
sein Versagen. Er problematisiert nur sich selbst und nicht die Gesellschaft. So bildet sich kein Wir,
das sich gegen die Gesellschaft wenden könnte. In der von einer Fremdausbeutung beherrschten
Gesellschaft verhält es sich ganz anders. Die Ausgebeuteten können sich solidarisieren und
gemeinsam den Ausbeuter bekämpfen. Es entsteht ein Wir. Das neoliberalistische System stabilisiert
sich, indem es die Menschen als Leistungssubjekte vereinzelt und isoliert.

Wir sind heute nicht nur mit Burnout oder Depression, sondern auch mit einer neuen psychischen
Störung konfrontiert, die in Deutschland noch kaum bekannt ist. Sie heißt "Information Fatigue
Syndrom" (IFS), auf Deutsch Informationsmüdigkeit. Es handelt sich um eine psychische Erkrankung,
die durch ein Übermaß an Information verursacht wird. Die Betroffenen klagen über zunehmende
Lähmung analytischer Fähigkeit, Aufmerksamkeitsstörung, allgemeine Unruhe, Angst, Nervosität,
Selbstzweifel oder Unfähigkeit, Verantwortung zu übernehmen. 1996 prägte der britische Psychologe
David Lewis diesen Begriff. Zunächst betraf die Erkrankung jene Menschen, die im Beruf über längere
Zeit sehr viele Mengen an Informationen bearbeiten mussten. Heute sind von IFS alle Berufsgruppen
und Bevölkerungsschichten betroffen. Grund ist, dass die digitale Vernetzung die
Informationsmengen ernorm steigen ließen. Das Smartphone verschärft diese Entwicklung.“

Byung-Chul Han (2012), in: Südkorea - Eine Müdigkeitsgesellschaft im Endstadium. Seitz Verlag,
Berlin.