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Für die gegenwärtige Situation wird es keine soziale Lösunggeben. Zunächst weil das vage Konglomerat von Milieus, Insti-tutionen und individuellen Blasen, das man ironisch „Gesell-schaft“ nennt, keine Konsistenz hat, außerdem, weil es keineSprache mehr für die gemeinsame Erfahrung gibt. Und manteilt keine Reichtümer, wenn man keine Sprache teilt. Es hatein halbes Jahrhundert Kämpfe um die Aufklärung gebraucht,um die Möglichkeit der Französischen Revolution zu schaffen,und ein Jahrhundert Kämpfe, um die Arbeit, um den furchter-regenden „Wohlfahrtsstaat“ hervorzubringen. Die Kämpfeschaffen die Sprache, in der man die neue Ordnung spricht. Nichts Ähnliches heute. Europa ist ein geldloser Kontinent,der heimlich bei Lidl einkaufen geht und „low cost“ reist, umüberhaupt noch zu reisen. Kein einziges der „Probleme“, diein der sozialen Sprache formuliert werden, lässt in ihr eine Lö-sung zu. Die „Frage der Renten“, die der „Prekarität“, der „Ju-gend“ und ihrer „Gewalt“ können nur im Raum stehen bleiben,
�  47/2010
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Castor-Gegner im Wendland
DOKUMENTATION
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Kultur
Eine linke Theorieschrift
erfährt derzeit eine ungewöhnlichgroße Aufmerksamkeit: Das Buch „Der kommende Aufstand“ wurde vonanonymen Autoren aus Frankreich verfasst, die sich „Unsichtbares Ko-mitee“ nennen. Dort ist das Buch mehr als 25000-mal verkauft worden,es zirkuliert in mehreren Sprachen im Internet, die deutsche Print-Aus-gabe erschien im August in der Edition Nautilus und war nach wenigenWochen vergriffen. Ein US-Fernsehkommentator nannte es „möglicher-weise das Böseste“, was er je gelesen habe. Bekannt wurde die Schriftim November 2008, als französische Behörden mehrere Bewohner ei-ner Kommune in dem Dorf Tarnac festnahmen, die beschuldigt wurden,einen Anschlag auf eine Eisenbahnstrecke begangen zu haben, um ei-nen Castor-Transport zu verhindern. Einer von ihnen, der 36-jährigenJulien Coupat, war in Verdacht geraten, Mitautor dieses „Handbuchsdes Terrorismus“ zu sein. Tatsächlich ruft „Der kommende Aufstand“ zuSabotage, Subversion und auch zu Gewalt auf. In einem glühenden Un-tergangsszenario wird der postmoderne Kapitalismus beschrieben, indem der Mensch nurmehr als ein ortloses, beziehungsarmes und maxi-mal entfremdetes Wesen vorkommt. Anders als die Schriften des ultra -linken Establishments verzichtet der Text auf theorieschwere Technokra-tenprosa. Manches klingt, als hätte es der Entfremdungsdichter MichelHouellebecq geschrieben. In ihren Anleitungen zum Aufstand empfeh-len die Autoren die Gründung von Kommunen, die aus der Unsichtbar-keit heraus agieren und den Staat durch eine umfassende Unterwande-rung zu Fall bringen sollen, ohne allerdings die frontale Konfrontation zusuchen. Die brennenden Vorstädte in Frankreich, die Straßengewalt inGriechenland seien Symptome des Zusammenbruchs der Demokratien.Dieser Text fällt in eine Zeit, in der auch hierzulande fast jede NachtAutos brennen, in der Bürger gegen Regierungsentscheidungen demon -strieren. „Der kommende Aufstand“ gilt als eine Art Manifest des mili-tanten Aussteigertums und als Abkehr von bisherigen Protest strategien.Es ist auch der radikalste und problematischste Ausdruck eines neuengesellschaftlichen Unbe hagens. DER SPIEGEL druckt Auszüge.
   C   A   R   S   T   E   N   K   O   A   L   L
I. WAS PASSIERT IST
Unter welchem Blickwinkel man sie auch betrachtet, die Ge-genwart ist ausweglos. Denen, die unbedingt hoffen wollen,raubt sie jeden Halt. Diejenigen, die vorgeben, Lösungen zubesitzen, werden auf der Stelle widerlegt. Es besteht Einver-ständnis, dass alles nur noch schlimmer werden kann. Der Kreis der politischen Vertretung schließt sich. Von linksbis rechts ist es dasselbe Nichts, das Champion-Posen einnimmtoder Unschuldsmienen aufsetzt, von links bis rechts sind esdie gleichen Gondelköpfe, die ihre Reden gemäß den neuestenFunden der Werbeabteilung austauschen. Diejenigen, die nochwählen, machen den Eindruck, nur noch die Urnen sprengenzu wollen, indem sie aus reinem Protest wählen. Der Deckeldes sozialen Kessels wird gesichert verschlossen, während derDruck im Inneren unaufhörlich steigt.
© Edition Nautilus, Hamburg 2010.
 
während man das immer unfassbarere Zur-Tat-Schreiten poli-zeilich verwaltet. Die Alten, die von ihren Leuten verlassenwurden und nichts zu sagen haben, bekommen für schändlicheLöhne den Hintern abgewischt. Diejenigen, die auf kriminellenWegen weniger Erniedrigung und mehr Gewinn gefunden ha-ben als in der Gebäudereinigung, werden ihre Waffen nichtniederlegen, und das Gefängnis wird ihnen nicht die Liebe zurGesellschaft einhämmern. Die Lustgier der Rentnerhorden wirdnicht untätig düstere Einschnitte in ihre monatlichen Rentenertragen und kann sich nur noch mehr über die Arbeitsverwei-gerung einer breiten Fraktion der Jugend erregen. Von einem Punkt extremer Isolation, extremer Ohnmachtbrechen wir auf. An einem aufständischen Prozess ist allesnoch aufzubauen. Nichts scheint unwahrscheinlicher als einAufstand, aber nichts ist notwendiger.Ein explosiv lautes Auflachen, das ist die passende Antwortauf all die ernsten „Fragen“, die die Aktualität aufzuwerfen be -liebt. Um mit der abgedroschensten zu beginnen: Es gibt keine„Einwanderungsfrage“. Wer wächst noch da auf, wo er geborenist? Wer wohnt da, wo er aufgewachsen ist? Wer arbeitet da,wo er wohnt? Wer lebt da, wo seine Vorfahren wohnten? Unddie Kinder dieser Epoche, wessen Kinder sind sie, die des Fern-sehens oder die ihrer Eltern? Die Wahrheit ist, dass wir in Mas-sen von jeder Zugehörigkeit los-gerissen wurden, dass wir vonnirgendwo mehr sind und dassdaraus ein unleugbares Leidenfolgt. Unsere Geschichte ist dieder Kolonisierungen, der Migra-tionen, der Kriege, der Exile, derZerstörung aller Verwurzelun-gen. Es ist die Geschichte all des-sen, was aus uns Fremde in dieserWelt, Gäste in unserer eigenenFamilie gemacht hat. Wir wurdenunserer Sprache enteignet durchden Unterricht, unserer Liederdurch die Schlagermusik, unse -rer Körperlichkeit durch die Mas-senpornografie, unserer Stadtdurch die Polizei, unserer Freun-de durch die Lohnarbeit. Das Volk von Fremden, in dessen Mitte wir leben, „Gesell-schaft“ zu nennen ist eine solche Anmaßung, dass selbst die So-ziologen erwägen, ein Konzept aufzugeben, das ein Jahrhundertlang ihr Broterwerb war. Sie bevorzugen jetzt die Metapher desNetzes, um die Art zu beschreiben, wie sich die kybernetischenEinsamkeiten verbinden, wie sich die schwa chen Interaktionenverknüpfen, die unter den Namen „Kolle ge“, „Kontakt“, „Kum-pel“, „Beziehung“ oder „Abenteuer“ bekannt sind. Es wäre Zeitverschwendung, einzeln aufzuführen, was allesin den bestehenden sozialen Beziehungen im Sterben liegt.Man sagt, dass die Familie wiederkommt, dass die Paarbezie-hung wiederkommt. Aber die Familie, die wiederkommt, istnicht diejenige, die weggegangen war. Ihre Rückkehr ist nureine Vertiefung der herrschenden Trennung, über die hinweg-zutäuschen sie hilft, wodurch sie selber zu einer Täuschungwird. Jeder kann die Mengen an Traurigkeit bezeugen, die dieFamilienfeste Jahr für Jahr kondensieren, diese mühsamen Er-innerungen, diese Verlegenheit, weil man sieht, wie alle vergeb -lich simulieren; dieses Gefühl, dass da, auf dem Tisch, ein Ka-daver liegt und dass alle so tun, als ob nichts wäre.Wir gehören zu einer Generation, die sich nie auf die Rente,auf das Arbeitsrecht und noch weniger auf das Recht auf Arbeitverlassen hat. Die nicht einmal „prekär“ ist, wie die fortschritt-lichsten Fraktionen des linksradikalen Aktivismus es gern theo-retisieren, weil prekär sein bedeutet, sich immer noch im Ver-hältnis zur Arbeitssphäre zu definieren, in diesem Falle: zuihrem Zerfall. Wir erkennen die Notwendigkeit an, Geld zu fin-den, ganz gleich mit welchen Mitteln, weil es gegenwärtig un-möglich ist, darauf zu verzichten, was wir aber nicht an erkennen,ist die Notwendigkeit zu arbeiten. Im Übrigen arbeiten wir nichtmehr: Wir jobben. Das Unternehmen ist kein Ort, in dem wirexistieren, es ist ein Ort, den wir durchqueren. Wir sind nichtzynisch, wir haben nur Vorbehalte, uns missbrauchen zu lassen. Die Vermehrung der Verkehrs- und Kommunikationsmittelreißt uns ununterbrochen aus dem Hier und Jetzt heraus –durch die Versuchung, immer anderswo zu sein. Einen TGV, ei-nen Regionalexpress, ein Telefon zu nehmen, um schon da zusein: Diese Mobilität bedeutet nur Herausreißen, Isolation, Exil.Die Metropole ist eine der verletzbarsten menschlichen For-mationen, die es je gegeben hat. Flexibel, subtil, aber verletzbar.Eine brutale Schließung der Grenzen aufgrund einer wütendenSeuche, irgendeine Lücke in einer lebenswichtigen Versorgungoder eine organisierte Blockade der Hauptverkehrswege, schonstürzt das ganze Bühnenbild ein. Diese Welt würde nicht soschnell rasen, wenn sie nicht ununterbrochen von ihrem nahen -den Einsturz verfolgt würde.Ihre Netzstruktur, ihre gesamte technologische Infrastrukturaus Knoten und Verbindungen, ihre dezentralisierte Architekturmöchten die Metropole vor ihren unvermeidlichen Funktions-störungen schützen. Das Internet muss einem Atomangriffstandhalten. Die permanenteKontrolle der Informations-,Menschen- und Warenflüsse solldie metropolitane Mobilität si-chern und garantieren, dass dieHerkunft zurückverfolgt werdenkann und niemals eine Palette imWarenlager fehlt, dass man nie-mals einen geklauten Geldscheinim Handel oder einen Terroristenim Flugzeug findet. Mit Hilfe ei-nes RFID-Mikrochips, eines bio-metrischen Reisepasses, einerDNA-Datei.Aber die Metropole produziertauch die Mittel zu ihrer eigenenZerstörung. Ein amerikanischer
Sicherheitsexperte erklärt die Nie
-derlage im Irak durch die Fähig-keit der Guerilla, sich die neuen Kommunikationswege zunutzezu machen. Mit ihrer Invasion haben die Vereinigten Staatennicht so sehr die Demokratie importiert als vielmehr die kyber-netischen Netze. Sie haben eine der Waffen für ihre Niederlagemitgebracht. Die Vervielfachung der Handys und der Internet-zugänge hat der Guerilla ganz neue Mittel geliefert, sich zu or-ganisieren und sich selber so schwer angreifbar zu machen.
II. WAS ZU TUN IST
Sich zu Kommunen zusammenschließen.
Die Kommune ist das,was passiert, wenn Wesen sich finden, sich verstehen und be-schließen, zusammen ihres Weges zu ziehen. Sie ist die Freudeder Begegnung, die ihr eigentlich vorgeschriebenes Erstickenüberlebt. Eine Kommune bildet sich jedes Mal, wenn einige –aus der individuellen Zwangsjacke Befreite – plötzlich anfangen,sich nur noch auf sich selbst zu verlassen und ihre Kraft an derWirklichkeit zu messen. Jeder wilde Streik ist eine Kommune, jedes auf klaren Grundlagen kol lektiv besetzte Haus eine Kom-mune, die Aktionskomitees von ’68 waren Kommunen, so wiees die Dörfer der entlaufenen Sklaven in den Vereinigten Staatenwaren. Jede Kommune will für sich selbst die eigene Basis sein.Sie will die Frage der Bedürfnisse auflösen. Sie will – gleichzeitigmit jeder öko nomischen Abhängigkeit – mit jeder politischenUnterwerfung brechen.
Sich organisieren, um nie wieder arbeiten zu müssen.
Die Zeitder Kommune entzieht sich von vornherein der Arbeit, sie fällt
Kultur
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Straßenschlacht in Athen
   G   E   R   A   S   I   M   O   S   K   O   I   L   A   K   O   S   /   G   R   E   E   C   E   I   N   V   I   S   I   O   N   /   L   A   I   F

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