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Cornelia Nienhaus Einblicke

Einblicke Bei einem Stadtbummel sah ich in einer Buchhandlung mehrere Bücher und Ratgeber zu dem Thema Glück. Was man tun konnte, um glücklich zu werden, Tipps und Tricks zum Nachlesen, um ein glückliches Leben zu führen, falls man es nicht bereits gefunden hatte. Im ersten Moment war ich versucht, mir eines dieser Bücher zu kaufen. Lange blätterte ich durch die Seiten und las den Buchrücken. Dann jedoch, nach einiger Zeit stellte ich die Bücher wieder zurück in das Regal. Ich hielt inne und beschloss mir erst einmal Gedanken darüber zu machen, ob ich mit meinem bisherigen Leben zufrieden und auch, ob ich glücklich damit war. Also entschied ich mich gegen den Kauf eines Buches und ging wieder aus dem Laden und nach Hause. Was bedeutete das Glück für mich persönlich? Das Thema ließ mich einfach nicht mehr los. Mehrere Tage stellte ich ernsthafte und kritische Überlegungen an. Meine Gedanken kreisten hauptsächlich um die letzten paar Jahre. Viel hatte ich erlebt, viel war passiert. Was hatte ich durchgemacht und daraus gelernt, und was hatte ich alles erreicht? War ich glücklich? Nun, um das herauszufinden, kam ich auf die Idee alles niederzuschreiben, was in den vergangenen Jahren geschehen war. Dadurch erhoffte ich mir, eine ehrliche Antwort auf meine Frage zu finden. Bin ich glücklich? Zusammen mit meinen Tagebüchern, die ich seit meiner Jugendzeit mit allen meinen Gedanken, Hoffnungen und Wünschen gefüllt hatte, setzte ich mich hin und durchlebte beim Schreiben noch einmal die ganzen schönen und weniger schö-

nen Erfahrungen, die ich gesammelt hatte. Glück, das ist so ein relatives Wort. Findet man durch Zufall einen 100-Euro-Schein auf der Straße, so heißt es: „Wow, habe ich ein Glück.“ Wenn aus Versehen die Tür des Autos zuknallt, und man schaffte es noch rechtzeitig, die Finger wegzuziehen bevor man sie sich einklemmt, heißt es: „Da habe ich aber noch einmal Glück gehabt.“ Wenn man im Lotto einen sehr großen Gewinn ausgeschüttet bekommt, heißt es: „Wow, hast du ein Glück.“ Das alles bedeutet aber nicht, dass man auch wirklich ein glückliches Leben führt. Solche erlebten Situationen könnte man einen kurzen Augenblick des Glücks, sozusagen Momentaufnahmen nennen. Aber ist glücklich sein denn nicht genau das? Kurze Episoden des ultimativen Wohlgefühls? Wenn man durchgehend glücklich wäre, hätte das Wort Glück seine Bedeutung doch verloren. Glück, oder die Suche danach, treibt uns an, unser Bestes zu geben und alles dafür zu tun, um unsere Wünsche und Sehnsüchte so gut es geht zu erfüllen, so nah wie möglich an sie heranzukommen, um glücklich zu sein. Hat man dieses Ziel dann auch tatsächlich erreicht, ist man total glücklich, aber nur für eine gewisse Zeit. Zu schnell gewöhnt man sich an seine glückliche Situation und fühlt sich nur all zu bald wieder normal, das Besondere ist nicht mehr besonders. Daraufhin sucht man sich erneut ein Ziel, eine Herausforderung oder neue Wünsche, um sie zu erreichen, um das Glücksgefühl wieder zu erleben. Sind wir also alle Jäger auf der Suche nach Glück und das unser ganzes Leben lang? Gerade jetzt, in Zeiten der Wirtschaftskrise, der steigenden Arbeitslosenzahlen, Terroranschlägen und Naturkatastrophen

scheint dieses Glück ein wichtiges Thema, ja quasi überlebensnotwendig zu sein, um schwere Zeiten und Schicksalsschläge zu überstehen, die Hoffnung nicht zu verlieren und den Mut und die Kraft zu haben, weiter zu machen, egal wie aussichtslos die Probleme und wie schwer die vor einem liegenden Aufgaben auch sein mögen. Dabei bedeutet Glück für jeden etwas anderes, genau wie sich auch Wünsche und Hoffnungen, die man für sein persönliches Glück braucht, bei jedem anders gestalten. Für den einen ist es vielleicht ein schönes großes neues Haus, vielleicht ein schnelles, teures Auto, vielleicht ein toller, angesehener Job, das Herumreisen durch die Welt, genau dieses eine bestimmte Kleid, der perfekte Partner, Gesundheit, eine bestandene Prüfung, das Lächeln einer ganz besonderen Person oder vielleicht das viele Geld. Das Glück hat also viele verschiedene Gesichter, zeigt sich uns auf die unterschiedlichste Art und Weise und ist doch meist nur von kurzer Dauer. Wenn ich auf die letzten paar Jahre meines noch jungen Lebens zurückblicke, muss ich sagen, dass wirklich sehr schwere Zeiten dabei waren. Krankheit, eine verlorene, große Liebe, Feindseligkeiten und Vorurteile, die mir von anderen Menschen deutlich entgegengebracht wurden. Trotz dieser Schwierigkeiten und der teilweisen Hoffnungslosigkeit, die ich dabei empfand, habe ich gelernt das Beste aus diesen Situationen zu machen, die Kraft gefunden, mich durchzukämpfen und endlich auch wieder das Vertrauen zu meinem Bauchgefühl wiedererlangt. Es war ein hartes Stück Arbeit mit vielen Rückschlägen, aber nach sorgfältigem Überlegen, und nachdem ich alles aufgeschrieben und noch einmal durchlebt hatte, kann ich heute mit fester Überzeugung sagen, ja, ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben und habe auch viele Glücksmomente.

Nein, ich habe nicht das perfekte Häuschen, habe nicht den perfekten Partner, keinen gut bezahlten Job und auch nicht viel Geld. Im Gegenteil, ich wohne in einer winzigen Mietwohnung, bin seit längerer Zeit Single, aus gesundheitlichen Gründen seit einiger Zeit Rentnerin, beziehe einen Mini-Rentenbetrag, und dennoch geht es mir heute so gut wie seit Jahren nicht mehr, und ich habe wieder ein wundervolles Leben. Manch einer wird sich wohl jetzt denken, das kann doch gar nicht sein, wieso ist sie denn so glücklich? Lesen Sie weiter und ich sage es ihnen. Ich erzähle Ihnen gerne, was in den letzten paar Jahren geschehen ist, und lasse Sie, wenn Sie möchten, daran teilhaben, wie ich den Weg zu meinem persönlichen, zufriedenen Leben mit häufigen Glücksmomenten gefunden habe. Der Weg war lang und ziemlich unwegsam, quasi eine Reise in die Hölle, aber auch wieder zurück. Und wenn ich nun so an die Zeit zurückdenke, haben mir alle Hindernisse und Stolpersteine, die mir das Schicksal oder auch ich selber mir in den Weg stellten, geholfen, mein persönliches Glück zu finden, und ich bin ausgeglichener und zufriedener, als manch einer meiner Bekannten und Freunde, die alles haben: Gesundheit, genug Geld, einen festen Partner und ein tolles Haus. Wieso? Es heißt, dass die Erfahrungen und Erlebnisse, die man in der Kindheit gemacht hat, Einfluss auf das erwachsene Leben haben oder nehmen können. Gute wie Schlechte. Gerade in Bezug auf die psychische Entwicklung kann die Kindheit tief greifende Einblicke gewähren. Nun, meine Kindheit war, da ich im Ausland aufgewachsen bin, vielleicht ein bisschen anders oder ungewöhnlicher als die

meisten üblichen Kindheiten hier in Deutschland. Als ich fünf Jahre alt war, sind meine Eltern, zusammen mit meinen beiden älteren Brüdern, unserem Hund und mir, nach Namibia ausgewandert. Nicht aus irgendwelchen tollen beruflichen Gründen, nein, nur, weil meine Eltern Fernweh hatten. Es waren ziemlich turbulente, aber auch schöne Jahre, die damit endeten das wir, als ich sechzehn Jahre alt war, wieder zurück in die Heimat, nach Deutschland kamen. Wir Kinder wuchsen teilweise zu Hause, zum größten Teil aber im Internat auf. Manche sagen, im Internat groß zu werden sei furchtbar, ich fand es toll. Ich machte gute, aber auch negative Erfahrungen wie jeder andere Mensch auch. Das gehört zum Erwachsenwerden einfach dazu und man lernt, oder sollte es zumindest, aus seinen Fehlern. Wir zogen sehr oft um, ich wechselte öfter das Internat und die Schule, ein richtiges Zigeunerleben für manche, für mich aber völlig normal. Ständig wurden neue Freundschaften geschlossen und alte dafür beendet oder lockerer geführt. Als Teenie verliebte ich mich wie jedes andere Mädel auch unsterblich in einen Jungen, der meine Liebe aber niemals erwiderte und erlebte bei den Pfadfindern aufregende Abenteuer in der Wildnis und Wüste. In der Pubertät fing ich an zu rebellieren, ließ mir von nichts und niemanden etwas vorschreiben und tat mit meinen Freundinnen nur noch das, was ich wollte. Zusammen stahlen wir uns öfters aus dem Internat, um ein nächtliches Stelldichein mit den Jungs unten am Strand zu genießen. Wie leichtsinnig und gefährlich das für uns als junge

Mädels war, war uns natürlich nicht bewusst, fühlten wir uns doch in der Gruppe bärenstark und unbesiegbar. Oft wurden wir erwischt, und die saftigen Strafen ließen nicht lange auf sich warten, öfters aber konnten wir uns trotz der wachsamen Augen der Erzieherinnen hinaus schleichen und unsere Freiheit genießen. Dann der erste Freund, die große Liebe, gefolgt von der ersten Trennung, und ich meinte an zerbrochenem Herzen sterben zu müssen aber ein paar Wochen später himmelte ich bereits wieder einen anderen Jungen an. Ja, ich habe zusammen mit den anderen Mädels viel Mist gebaut und so manchen Schabernack getrieben, Dinge, auf die ich jetzt im Nachhinein nicht mehr ganz so stolz bin, und die ich deshalb auch gar nicht erst hier niederschreibe. Das hat mit der Geschichte meiner vergangenen Jahre auch nicht wirklich viel zu tun. Das würde auch einfach zu viel Zeit in Anspruch nehmen, denn es waren so einige Aktivitäten, die wir uns einfallen ließen, um Spaß und den ultimativen Nervenkitzel zu erleben. Typische Jugendsünden eben. Ob das Verhältnis zwischen uns Geschwistern und zu unseren Eltern „normal“ war, weiß ich nicht. Aber wir kamen gut miteinander aus. Während der Internatszeit sahen wir uns nur in den Ferien, und in der Zeit, in der ich bei ihnen wohnte, waren alle so beschäftigt und ständig nur unterwegs. Dann waren wir zurück in Deutschland, meine Brüder waren alt genug auf eigenen Füßen zu stehen, um nicht mehr bei unseren Eltern wohnen zu müssen, im Gegensatz zu mir. Erst jetzt

bekam ich mit, dass die Ehe meiner Eltern praktisch schon in den letzten Zügen lag. Die Situation war total unerträglich, und ich verbrachte meine Zeit so oft es ging außerhalb der Wohnung und war ständig unterwegs. Meistens war ich bei einer Freundin, und jedes Wochenende verbrachte ich in Diskotheken oder ging auf irgendwelche Partys, machte das, was ich wollte. Mein Vater sagte irgendwann einmal zu mir, es hätte nichts gebracht, mir damals irgendetwas zu verbieten oder mir ins Gewissen zu reden, ich hätte es sowieso nicht hören wollen. Wie wahr. Meinen Schulabschluss bekam ich mit Ach und Krach hin und hing dann in der Luft und wusste nicht so genau, was ich mit meinem Leben anfangen wollte. Eher durch Zufall und mithilfe meines Vaters bekam ich eine Lehrstelle als Arzthelferin und fand den Beruf einfach großartig. Diese Arbeit war genau das Richtige für mich. Abwechslungsreiche, anspruchsvolle Tätigkeiten und jeden Tag der Umgang mit vielen Menschen. Die Praxis, in der ich meine Lehrstelle ausübte, war ein echter Glücksgriff. Nette Chefs mit noch netteren Arbeitskolleginnen. Natürlich gab es dort ab und an auch Unstimmigkeiten, die aber immer schnell beseitigt wurden. Das Einzige, was ein bisschen nervenaufreibend war, war der Putzfimmel, den einer unserer Chefs hatte. Ständig mussten wir die komplette Praxis von oben bis unten putzen. Sämtliche Ritzen, jedes Rohr im Keller, einfach alles. Nach solch einer Putzaktion ging dann der Chef durch jeden einzelnen Raum und überprüfte ganz penibel jede Stelle, die ihm einfiel. Es war wirklich sehr schwierig, seinen Anforderungen in dieser Sache entsprechend zu genügen. Trotzdem liebte ich diese Arbeit und mit sehr viel Diszi-

plin und Fleiß schaffte ich einen sehr guten und erfolgreichen Abschluss. Die Ehe meiner Eltern war mittlerweile zerbrochen, und mein Vater war zurück in die Heimat seiner Kindheit gezogen. Zuerst hat er vorgehabt, mit dem Auszug solange zu warten, bis ich mit meiner Lehre fertig war, doch das hätte noch ein Jahr gedauert, und ich sah, wie sehr er unter der zerrütteten Ehe litt. Also drängte ich ihn schon früher fort und seiner Wege zu gehen, und nach einiger Zeit willigte er dann endlich ein. Ich weiß nicht, was meine Mutter den anderen Leuten erzählte, doch einige kamen auf mich zu und fragten mich, wie man sich denn fühlen würde, wenn der Vater so einfach über Nacht, mit Sack und Pack, abgehauen wäre. Diese Äußerung fand ich eine absolute Frechheit, hatte mein Vater ihr doch mehr als einmal gesagt, dass er sie verlassen würde, und das Verhältnis zu meiner Mutter kühlte merklich ab. Das eine Jahr, das ich noch da bleiben musste, um meine Lehre zu beenden, war nicht immer leicht gewesen und nur zu oft hätte ich gerne aufgegeben und die Brocken hin geschmissen. Regelmäßig telefonierte ich mit meinem Vater und er gab mir, durch gutes Zureden, die Kraft, die restliche Zeit auch noch durchzustehen. Am Tag der Abschlussprüfung, nachdem alle Formalitäten abgewickelt waren, fuhr ich mit meinem voll gepackten Auto meinem Vater hinterher. Mittlerweile hatte er sich ein neues Leben aufgebaut und auch eine nette, neue Partnerin gefunden.

Die nächsten Jahre waren normal, nichts Spektakuläres hatte sich ereignet. Nur das ganz normale Leben mit ein paar Aufs und Abs. Ich fand einen gut bezahlten, doch relativ anstrengenden Job und lebte in einer festen Beziehung. Dann veränderte sich mein Leben radikal und sollte nie wieder so sein wie zuvor. Was war geschehen? Alles begann vor ein paar Jahren, es war das Jahr 2004. Oder sagen wir mal lieber das Ich zu diesem Zeitpunkt merkte, dass irgendetwas mit mir nicht ganz in Ordnung war. Ich wohnte mit meinem damaligem Freund Thomas, mit dem ich schon länger zusammen war, in einer schönen gemütlichen Wohnung, wir hatten viele Freunde und waren ständig unterwegs und genossen das Leben, und wir beide arbeiteten im gleichen Großhandel für Veterinärbedarf. Thomas in der Buchhaltung, ich im Verkauf. Mit mir im Büro saß eine junge Frau, Sandra, die mir eine gute Freundin wurde. Es war ein relativ gut bezahlter Job und die Arbeit machte viel Spaß, auch wenn die Geschäftsleitung viel von uns verlangte und mit den Angestellten nicht gerade freundlich und gerecht verfuhr. Wenn der Chef mal wieder mit hochrotem Kopf vor versammelter Mannschaft stand und, gerechtfertigt oder nicht, mal wieder herum brüllte und persönliche Beleidigungen von sich gab, wünschte man sich weit weg, oder ein Loch, in das man sich verkriechen konnte. Nach so einer Angriffsattacke fühlte man sich wie der letzte Dreck, egal ob man im Mittelpunkt solch eines Gebrülls stand oder nicht. Das zerrte tierisch an den Nerven, störte die Konzentration und saugte einem die Energie aus den Knochen. Sobald ER in der Firma war, griff

eine spürbare Nervosität um sich, und alle gingen nur noch auf Zehenspitzen. Zu meiner Erleichterung und durch konzentriertes, gutes Arbeiten stand ich äußerst selten im „Anbrüllzentrum“. Also war im Großen und Ganzen alles in Ordnung mit den natürlichen Berg- und Talfahrten. So wie man sich ein „normales“ Leben nun ein Mal so vorstellt. Doch dann, langsam und sanft wie auf Katzenpfoten veränderte sich irgendetwas. Eine innere Unruhe ergriff mich, auch wenn ich es am Anfang nicht bemerkte. Meine Konzentration ließ nach und ich musste höllisch aufpassen, bei der Arbeit keinen Fehler durchrutschen zu lassen. Durch noch mehr Konzentration und Aufmerksamkeit war ich abends total ausgelaugt und hundemüde. Stimmungsschwankungen machten sich bemerkbar. Reizbarkeit und Ungeduld folgten und die Freizeitaktivitäten, die ich früher so toll fand, fingen an, mir auf die Nerven zu gehen. Lustlos ging ich mit zum Billard spielen und strengte mich auch nicht mehr wirklich an. Waren Thomas´ Kumpels schon immer so kindisch und anstrengend gewesen? Und immer ging es bei den Single-Männern um, wie sie es so schön ausdrückten, Weiber. Früher fand ich die Eroberungsgeschichten lustig und hörte mir sie gerne an, doch nun fand ich sie total doof und unreif. Kinobesuche, das war für mich früher das Größte, lösten bei mir auf einmal Unbehagen aus. Die vielen Menschen mit ihrem Geraschel der Chipstüten und das nervige Geflüster zwischendurch brachten mich sofort auf hundertachtzig.

Kneipentouren, die Thomas zwar nicht so gefielen, bei denen er aber mir zuliebe mitkam, hatten auf einmal ihren Reiz verloren. Dort waren so viele, für mich plötzlich zu viele Menschen und die Luft war mir zu dick und stickig von dem ganzen Zigarettenqualm. Auch die Trödelmärkte, Thomas und ich waren quasi jeden Sonntag unterwegs gewesen, um mehrere Märkte abzugrasen, konnten mich nicht mehr locken. Es war mir dort nun zu voll und viel zu eng. Es war so, dass alles das, was mir früher Spaß gemacht hatte, mich nun zutiefst anwiderte, und ich nur meine Ruhe haben wollte. Selbst meine so heiß geliebten Bücher - ich war eine totale Leseratte - lagen nun achtlos irgendwo herum. Es interessierte mich nichts mehr und ich konnte mich für nichts mehr begeistern. Morgens aufzustehen, zur Arbeit zu gehen und abends den Haushalt zu führen, kostete mich alles an Kraft, was ich noch hatte. Die Reizbarkeit machte sich natürlich auch in Thomas und meiner Beziehung bemerkbar. Alles wurde mir zu viel. Die Beziehung, die Arbeit und der Haushalt. Ich war völlig überfordert und mein Freund war mir keine große Hilfe. Er rührte nicht mal den kleinen Finger, um mir bei den Hausarbeiten zu helfen. Im Gegenteil, ich musste ständig hinter ihm herräumen. Da wo er stand, zog er sich aus und ließ die Klamotten genau dort liegen. Das machte mich rasend, vor allem weil der Wäschekorb genau zwei Schritte daneben stand. Wenn er sich die Zähne putzte, ließ er die Zahnpasta geöffnet liegen, überall standen benutzte Tassen und Teller herum und würden wohl heute noch da liegen, wenn ich sie nicht ständig

weggeräumt hätte. Gelesene Bücher stapelten sich überall und half er mir beim Spülen? Nein. Ich ließ es einmal darauf ankommen, und erst als kein sauberer Teller, keine Tasse, keine Gabel und auch kein Messer mehr da waren, fragte er mich, ob ich denn nicht endlich mal spülen wollte. Da bin ich dann natürlich ausgerastet. Erst nach dem zwanzigsten Mal Nachfragen trug er den Müll nach unten, also ließ ich es irgendwann sein, da mir das echt zu blöd wurde und trug den Müll selbst runter in den Keller. Und dass ich von ihm keine Hilfe beim Wäschewaschen zu erwarten hatte war ja wohl klar. Er war wie ein kleines Kind, das man ständig bemuttern musste. Zum Teufel noch mal, konnte der Typ nicht endlich mal erwachsen werden? Am Anfang hatte mir seine Unordentlichkeit und Bequemlichkeit nicht so viel ausgemacht, früher war ich selbst auch sehr unordentlich und faul gewesen, hatte mir dann aber selber in den Hintern getreten, um es besser zu machen, und mein Fehler war es gewesen, ihm von Anfang an alles durchgehen zu lassen. Doch nun, mit den Nerven am Ende und ohne Energie, machte es mich rasend und am liebsten hätte ich ihn den ganzen Tag nur angebrüllt.

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