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Gott und die Langweile

Das Grosse Evangelium Johannes Band 3 Kapitel 238 Jacob Lorber


Das innere Wort.
Deer Grund der Menschenwerdung Gottes

[GEJ 3.238.1] Als Mathael solche seine in sein Herz gelegte Antwort vor den dreien ausgeredet
hatte, erstaunte er selbst über solche in sich vernommene Wahrheit und früher nie so klar
empfundene innere Rede.
[GEJ 3.238.2] Raphael aber sagte zum Mathael: „Siehst du nun, wie sehr der Herr wach ist, so Er
nun auch dem Leibe nach schläft, und wie du nun in deinem Herzen des Herrn Rede klar und
deutlich vernommen und sie dann auch nachredig mit dem Fleischmunde laut ausgesprochen hast?!
Sieh, auf dieselbe Weise vernehmen auch wir des Herrn Wort und Willen lebendigst und tatkräftigst
in uns, und zwar also, daß wir dann ganz Sein Wort und Wille werden! Sind wir aber das, so sind
wir dann auch als Sein Wort und Sein Wille die dadurch vollbrachte Tat selbst, also Wort, Wille und
Tat in einer Form! – Verstehst du, Freund Mathael, nun solches alles rein und hell?“
[GEJ 3.238.3] Sagt Mathael: „Wenn man auch bei sich so einer beruhigenden Überzeugung
gewärtig wird, als verstünde man nun schon alles, was man nur gleich ansieht, so kommt aber
gleich wieder etwas, von dem man noch nie etwas geträumt hat! Aus allem ersehe ich, daß in der
göttlichen Weisheit eine so unermeßliche Fülle und Tiefe liegt, daß sie nie ein Geist völlig wird
erfassen können! Wir werden demnach ewig in Hülle und Fülle stets Neues zu erlernen und zu
begreifen haben! Das ist aber auch ganz gut also!
[GEJ 3.238.4] Mir wäre es wahrlich ganz und gar nicht recht, so mir nun alles so klar wie dem
Herrn Selbst wäre. Wenn es in der ganzen Unendlichkeit nichts mehr gäbe, das mir unbekannt
wäre, da würde ich des Lebens bald satt werden; aber so gibt es eine so endloseste Menge tiefst und
dichtest verhüllter Dinge, daß wir mit denselben auch ewig nicht fertig werden, und ich muß es nun
offen gestehen, daß danebst und dabei Gottes Seligkeit eine durchaus nicht beneidenswerte sein
müßte, wenn wir als Seine Geschöpfe und Kindlein alles so klar einsähen wie Er Selbst, und Seine
ewige und unendliche Totalweisheit müßte Ihm zur entsetzlichsten Langeweile werden, wenn Er
sie nur für Sich allein zu verwenden hätte!
[GEJ 3.238.5] Aber Er erfüllte deshalb den unendlichen Raum mit zahllosen Werken, die Seiner
endlosen Weisheit und Macht entsprechen, und erschuf denkende und auch mit vieler Weisheit
begabte Wesen. Diese, stets im höchsten Grade ergriffen von solcher Weisheitstiefe und Macht in
Gott, forschen und bewundern in einem fort die göttliche Weisheitstiefe und Macht des einen
Schöpfers und werden bei jeder neuen Enthüllung wieder zur Bewunderung und Anbetung und zur
intensivsten Liebe hingerissen!
[GEJ 3.238.6] Nun, dies einzige muß für Gott die eigentliche Seligkeit sein! Für Ihn als den
Schöpfer und Vater der Engel, Welten, Menschen und Kinder muß dies allein die größte Wonne
sein, alle jene, die Ihn und Seine Worte stets mehr und mehr erkennen und lieben, auch stets seliger
zu machen!
[GEJ 3.238.7] Um für uns Menschen dieser Erde, für euch Engel aller Himmel und für alle
Geschöpfe der ganzen Unendlichkeit eine desto größere Seligkeit zu bereiten, kam Er Selbst als ein
Mensch zu uns auf diese Erde, um Sich uns förmlich als Selbst Mensch mit Fleisch und Blut wie
ein Mensch dem andern zu offenbaren. Freund, Wesen oder Engel von Ewigkeit, oder Mensch wie
ich es bin, das tut der Herr nicht nur unsertwegen, das tut Er auch Seinetwegen; denn Er müßte mit
den Zeiten vor Langerweile vergehen, so Er mit Seiner Allwissenheit denn doch in Sich höchst klar
gewahren müßte, daß Er als eine im höchsten Grade formlose, ewige, wenn auch vollendetste
Intelligenz von Seinen Geschöpfen nie geschaut und noch weniger angesprochen werden könnte
und somit auch unerkannt bleiben müßte!
[GEJ 3.238.8] Wäre es denn nicht im höchsten Grade traurig für einen irdischen Vater, so er zum
Beispiel zwanzig Kinder von großer Lieblichkeit hätte, alle aber wären Blinde und Taube, mit
denen der liebevollste Vater nie ein Wort reden und sich ihnen auch als Mensch nicht zeigen
könnte?! Stelle man sich solch ein Verhältnis nur so recht lebendig vor: einen überaus
wohlhabenden Vater mit zwanzig der Gestalt nach gar wunderschön gebildeten Kindern beiderlei
Geschlechts, aber alle taub und blind! Frage: Würde solch ein Vater nicht die größten Summen
darauf verwenden, um seine sonst gar so lieben Kindlein hörend und sehend zu machen?! Welche
Trauer aber wird er empfinden, so es dafür in der ganzen Welt kein Mittel gäbe, um seine Kinder
hörend und sehend zu machen?!
[GEJ 3.238.9] Nun, wir Menschen sind zwar hörend und sehend für uns gegenseitig und finden
aneinander ein großes Vergnügen – manchmal sogar mehr als nötig –, daß wir sogar darüber des
Schöpfers vergessen können; aber der heilig gute Schöpfer, der allweiseste Vater, müßte dieses
seligsten Vergnügens für immer völlig entbehren, von Seinen Kindern je erkannt, gehört und
gesehen zu werden! Das ginge für einen ewigen Vater voll der höchsten und reinsten Liebe zu
Seinen Kindern gar nicht an!
[GEJ 3.238.10] In Ihm ist sicher die größere Sehnsucht, uns, Seine Kinder, in dem Stande zu
ersehen, der nach Seiner Ordnung uns fähig macht, Ihn zu sehen, persönlich zu lieben und sich Ihm
mitzuteilen ohne Schaden für unsere Existenz, – als in uns Kinder zu sehen, die wir noch keinen
Begriff vom eigentlichen Grundsein des ewigen Vaters haben.
[GEJ 3.238.11] Ich glaube darum keine gar zu sehr aus der Luft gegriffene Behauptung
aufzustellen, so ich sage: Der Herr hat nicht unsertwegen allein, sondern auch Seinetwegen Fleisch
und Blut angezogen und Sich also begeben auf diese Erde zu uns, Seinen noch freilich stark
ungehobelten Kindern! Er hatte dieses schon Ewigkeiten vorausgesehen, was Er tun werde; wir
aber sind nun Zeugen der Ausführung des ewig großen Planes! – Sage du, Raphael, ob ich nun
wahr oder falsch geurteilt habe!“

Kapitel 239
Der Gedanke der Langweile Gottes

[GEJ 3.239.1] Sagt Raphael: „Nicht du, Freund, hast nun also geurteilt, sondern der Herr Selbst hat
dir dieses Urteil ins Herz gelegt, und es muß somit ein richtiges sein!“
[GEJ 3.239.2] Sagt auch Murel: „Nein, was man aber hier alles vernimmt, das ist denn doch dieser
Welt sehr stark unähnlich! Und doch kann da keine reine Menschenvernunft etwas einwenden!
Unsere Langweile, so wir auf einmal Gott gleich weise und allwissend würden, und dagegen auch
die Langweile Gottes bei dem immerhin denkbaren Zustande, von Seinen Geschöpfen, Kindern
und sogar Engeln nie empfunden, gefühlt, gehört und gesehen zu werden, – nein, das sind wahrlich
zwei Ansichten und Urteile, vor denen der tiefer denkende Mensch notgedrungen allen Respekt
bekommen muß! So etwas hat wohl nie einem Templer geträumt; und doch ist es richtig! Ich kann
da denken nun und schließen, wie ich will, und dagegen keine Einwendung finden, obwohl der
Ausdruck ,Gottes Langweile‘ etwas sonderbar klingt! Aber ich kann ihn nun beleuchten, wie ich
will, so bleibt er wahr und sehr wahr! Es drängt sich mir nun noch ein recht passendes Beispiel zur
Beleuchtung dieser ganz neuen Wahrheit auf, und ich muß es euch zum besten geben!“
[GEJ 3.239.3] Sagt Mathael: „Bruder, nur gleich heraus damit! Denn aus einem mit so vielen
Erfahrungen bereicherten Gemüte läßt sich nur etwas Reelles, Gutes und für diese Sache sehr
Brauchbares erwarten!“
[GEJ 3.239.4] Sagt darauf Murel: „Nicht darum eigentlich, aber doch, damit ihr sehet, wie ich
dieses alles aufgefaßt habe! Ich stelle mir einen Menschen vor, der mit aller Weisheit begabt ganz
allein auf der lieben Gotteserde dastünde. Er möchte sich den andern Menschen, so sie irgend da
wären, sicher getreust mitteilen. Er sucht die Erde in allen ihren Winkeln klein durch und findet
kein lebendes und denkendes Wesen. Seine große Weisheit wird ihm zur Last; denn was er auch
macht und schafft, wird von niemand erkannt und bewundert. Wie müßte solch einem Menschen
mit der größern Länge der Zeit wohl zumute werden? Müßte er nicht verzweifeln? Würde ihn die
gräßlichste Langweile nicht völlig verzehren?
[GEJ 3.239.5] Wie unbeschreiblich angenehm müßte ihm zumute werden, so er endlich irgend nur
eine noch so geringe Magd oder auch nur einen derbsten Knecht fände! Mit welch einer
unbeschreiblichen Liebe würde er solch einen Fund ergreifen!
[GEJ 3.239.6] Oh, da zeigt es sich klar, was ein Mensch dem andern ist, und welch eine Seligkeit in
dem Wohltun dem Nächsten besteht!
[GEJ 3.239.7] Welch ein erschreckliches Los wäre das, so ein allein dastehender Mensch auf der
ganzen Erde keinen zweiten Menschen fände, um ihm eine Wohltat zu erweisen!? Schon darum ist
die Liebe ein rein himmlisches Lebenselement, weil die Unmöglichkeit, sich andern tätig
mitzuteilen, sie höchst unglücklich machen müßte!
[GEJ 3.239.8] Was nützte einem Sänger seiner Stimme ergreifender Klang, was das Erklingen einer
wohlgestimmten Harfe, so er sie ewig allein anhören müßte?! Wenn ein Vöglein einsam im Walde
von Baum zu Baum hüpft und durch gewisse klägliche Fragetöne seinesgleichen sucht und findet
es nicht, da wird es ängstlich, da verstummt es bald, wird traurig und verläßt bald den öden, für ihn
leeren Wald.
[GEJ 3.239.9] Schon dem Tiere ist so viel Liebe eigen, daß es sich sichtlich sehnt nach
seinesgleichen, um wieviel mehr einem mit tiefem Gefühl, mit Verstand und Vernunft begabten
Menschen! Was nützten ihm alle die großen Fähigkeiten und Talente, so er damit niemand als nur
sich selbst nützen könnte?!
[GEJ 3.239.10] Und so auch auf diese meine gegründete Wahrnehmung kann ich denn auch ganz
füglich annehmen – das heißt nach unseren menschlichen Begriffen –, daß es Gott dem Herrn am
Ende denn doch ganz entsetzlich langweilig werden müßte, trotzdem Er auch die ganze
Unendlichkeit voll der höchsten Wunderwelten um Sich hätte, auf ihnen aber kein Wesen bestünde,
das Den, der es erschaffen hatte aus Seiner Liebe, erkennete, liebte und eine große Freude hätte an
den zahllosen Wunderwerken Seiner Weisheit, Macht und Kraft. Um Ihn aber erkennen und lieben
zu können, muß der Schöpfer dem Geschöpfe und der Vater dem Kinde dahin entgegenkommen
und Sich ihm auf eine solche Weise offenbaren, bei der es dem Geschöpfe und besonders dem
Kinde möglich wird, den Schöpfer, den Vater als solchen zu erkennen.
[GEJ 3.239.11] Wird diese Bedingung nicht erfüllt, so hat Gott vergeblich Engel und Menschen,
auch alles, was da ist, vergeblich erschaffen; Er bliebe dann ewig so wie so (als Schöpfer wie als
Vater) allein, und Seine noch so wunderschönen Geschöpfe wüßten um Ihn ebensoviel, als das
Gras weiß um den Schnitter, der es abmäht und zu Heu trocknet.
[GEJ 3.239.12] Gott aber hat stets auf den geeignetsten Wegen Sich Seinen nach der wahren
Lebensfreiheit ringenden, mit aller Vernunft und allem Verstande begabten Wesen sehr vernehmbar
geoffenbart und hat sie auf diese Seine Ankunft vorbereitet. Mit dieser Ankunft ist nun aber auch
alles Verheißene erfüllt; die Geschöpfe sehen Ihn wie sich selbst im Fleische und Blute, Er geht
ganz als Mensch unter ihnen einher und lehrt sie als Vater von Ewigkeit ihre große und ewige
Bestimmung kennen.
[GEJ 3.239.13] Auf diese Weise denn ist nun aber auch alles in der größten Ordnung, und es hängt
nun allein nur von uns Menschen ab, die angeratenen Lebensmittel ganz gewissenhaft in
Anwendung zu bringen, und das große Doppelziel ist erreicht, nämlich: Das Kind hat seinen
ewigen, heiligen Vater erkannt, es schaut Ihn mit den liebetrunkenen Augen und freut sich Seiner
über alle Maßen; und der Vater freut Sich auch über alle Maßen, daß Er nun nicht mehr allein
dasteht, sondern in der lichtvollsten Mitte Seiner Kinder, die Ihn erkennen, loben, über alles lieben
und stets von neuem Seine Wunderwerke anstaunen, höchst bewundern und Seine unendliche
Macht und Weisheit anpreisen! Und das muß dann ja für den Schöpfer wie für das Geschöpf von
Seligkeit strotzen! – Habe ich da falsch oder richtig geurteilt?“

Quelle: http://www.jakob-lorber.cc/index.php?s=GEJ3.238&l=de