Humboldt-Symposium

Südkaukasien auf dem Weg zur europäischen Integration
(Voraussetzungen, Realität und Entwicklungsperspektiven unter kulturhistorischen, ökonomischen, gesellschaftspolitischen und anderen Aspekten)

24. - 26.Oktober 2005

Tbilisi /Georgien

Dr. David Paitschadse
(Vortrag)

Georgien auf dem Wege zur europäischen Integration – Mythos oder Realität?
Meine sehr geehrte Damen und Herren, das Hauptthema unseres Symposions, ebenso wie das Thema meines Vortrags, sind dermaßen aktuell, dass sie ohne weiteres als eine politische Frage gelten können. Desöfteren diskutierte ich mit meinen deutschen Kollegen über die angewandte Seite der Geschichtswissenschaft (welche meines Erachtens die Politik sein sollte). Desöfteren wurde mir vorgeworfen, dass ich die Geschichte politisiere. Aber der Gerechtigkeit wegen sollte man streng zwischen der Theorie und Praxis unterscheiden, zwischen der Wissenschaft und Politik, zwischen den Wissenschaftlern und Politikern. Diesen Unterschied, beziehungsweise diese Grenze zwischen den obengenannten Bereichen oder deren Vertretern, könnte man mit dem wohlbekannten geflügelten Ausdruck kennzeichnen,, Alles, was die Wissenschaft zu möglich macht, macht die Politik unmöglich“. Inwiefern reell ist die Integrierung Georgiens in die europäische Welt? Die Antwort auf diese Frage überlasse ich den Politikern und zum Teil den Organisatoren dieses Symposiums. Ich versuche nur die theoretische Seite anzugehen. Die Frage lässt sich ziemlich einfach stellen: - Was erhält Georgien
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durch die Integration in Europa? Inwiefern ist Georgien Träger der europäischen Kultur? Was erwartet georgische Gesellschaft von Europa? Was bringt Georgien der Europäischen Gesellschaft bei? Das langwierige zweihundertjahrealte politische Problem bleibt nach wie vor zu lösen, aber Georgien vermag es nicht mit seinen eigenen Kräften zu lösen. Dies ist das - ,,Klären der Beziehungen mit Russland“, das bedeutet, einen großen Vertrag mit Russland. Auf diesem Wege ist aber unbedingt ein Vermittler nötig. Russland ist fern davon, sich von seinen ehemaligen Kolonien auf dieselbe zivilisierte Weise zu trennen, wie es Großbritannien und Frankreich schafften. Es ist unmöglich mit Russland ein bilaterales Abkommen einzugehen, wenn Russland Unabhängigkeit eines anderen Staates nicht akzeptiert und respektiert. Dies haben die letzten 15 Jahre deutlich gezeigt. In der heutigen außenpolitischen Doktrin der USA ist die Vermittlerfunktion zwischen Russland und Georgien vorläufig nicht absehbar. Daher könnte die Europäische Union auf dieser Etappe als ein solcher Vermittler auftreten, was auch aus der Position der OSZE ablesbar ist. Man sollte auch beachten, dass es in dem georgischen Geschichtsgedächtnis solchen (ähnlichen) Präzedenzfall gibt. 1918 fungierte Deutschland zwischen Georgien und Russland und die Vermittlung der deutschen Regierung trug positives Ergebnis heraus. Nämlich, am 27. August 1918 wurde das deutsch-russische Zusatzabkommen von Brest-Litowsk unterzeichnet, dessen 13. Punkt lautet, dass Sowjetrussland die Anerkennung Georgiens als eines Unabhängigen politischen Organismus seitens der deutschen Regierung einwilligt. Auf dieser Grundlage erfolgte die Unterzeichnung des – russisch-georgischen Abkommens am 7. Mai 1920, auf derselben Grundlage wurde Georgien de jure von den führenden Ländern der Welt anerkannt. Die Antwort auf die Frage – inwiefern ist reell die Integration Georgiens in die europäische Welt? – hängt vor allem davon ab, inwiefern ist bereit der europäische politische Organismus und seine außenpolitische Doktrin die Funktion zu übernehmen, welche auch das Kaiserliche Deutsachland im Jahre 1918. Dabei ist es auch äußerst wichtig die Frage zu klären, inwiefern ist bereit selbst Georgien zur Integration mit Europa.

Die Angehörigkeit der uralter georgischer Sprache und Kultur zu dem sogenanten Meditteranischem Sprach- und Kulturraum ist zweifellos. Die Tatsache, dass Georgien seit uralter Zeit sich im Gebiet der Verbreitung der europäischen (hellenistischen) Zivilisation befand, ist archäologisch bestätigt und sie werden dazu einen extra Vortrag hören. Ich möchte etwas detalierter zur Frage der Genesis und der Form des georgischen Feudalismus sprechen. In der georgischen Historiographie wurde dieser Frage schon immer eine große Aufmerksamkeit geschenkt. Die
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Forschungen, die in dieser Richtung geführt wurden, bestätigten die Ähnlichkeit der Formen der georgischen Vassalität mit denen der französischen (klassischen) Vassalität. Die Ähnlichkeit mit dem deutschen Feudalen Institut des Kurfürsten bezeugt auch die Bildung des feudalen Heeres in Georgien zu der Zeit der feudalen Auflösung und die rechtliche Transformation des Instituts von Eristavi. Der georgische Feudalismus hat sich viel klassischer entwickelt als der Feudalismus in der Byzanz. Kurzgefasst, stellte die damalige georgische feudale Lebensweise die Lebensweise der damaligen europäischen Welt dar. Der KirchenZwist vom Jahre 1054 machte Georgien zu einem rein geographischen, dem äußersten kulturellen Grenzgebiet des östlichsten Christentums. Seit dem ist die Geschichte Georgiens die Geschichte des ständigen Kampfes gegen die Moslemischen Staaten für die Bewahrung des eigenen Staates und eigenen Identität. Diese Identität waren der Christliche Glauben und die feudale Lebensweise. In diesem Kampf waren die europäischen Staaten natürlichen Alliierten für Georgien. Das politische Streben Georgiens zum Westen, zur europäischen Zivilisation hat ihre eigene Geschichte. Der Konflikt zwischen dem Griechenland und Persien ermöglichte die Bildung des Königreichs Kolchis im VI Jh. v. Ch. Erst nach dem Siege Alexanders von Mazedonien über die Perser bildeten sich günstige Bedingungen heraus für die Bildung des Königreichs Iberien. Schon das Bündnis mit dem mächtigen, zu Georgien wohlgesinnten alten Roms von Augustus’ und Vespassianes brachte dem Königreich Iberien großen politischen und wirtschaftlichen Nutzen. Iberien wurde zu dem mächtigsten und reichsten Staat im Kaukasus. Die Erklärung des Christentums zur Staatsreligion Mitte des 4. Jh.-s gilt als politische und kulturelle Verwirklichung dieser Orientierung. Der König Wachtang Gorgasali nutzte die Auseinandersetzung der Byzantiner und Perser im V Jh. aus und begann einheitlichen georgischen politischen Organismus zu bilden. Auf derselben Grundlage gelang es David Kurapalat die Grenzen seines Reiches zu erweitern und die politische Vereinigung Georgiens zu beginnen. In der Schlacht bei Didgori besiegte David der Erbauer das durch die Aktivitäten der Kreuzritter geschwächte einheitliche Heer der Moslems, vereinigte den Kaukasus bildete einen der stärksten Staaten im damaligen nahen Osten und entwickelte die Königliche Macht bis zum Absolutismus. Bereits im 12. Jh. gab es in Georgien schon die Ansätze der Bildung eines Parlaments. Der Überfall der Mongolen spaltete das Land entzwei. Nach dem Fall von Byzanz löste sich das einheitliche georgische Königreich endgültig auf. Obwohl die Existenz der feudalen Einheiten noch 3 Jahrhunderte zählt. Dies deutet von der Lebensfähigkeit des georgischen Feudalismus.
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Das geschwächte Georgien versuchte vergebens nach europäischer Kraft zu suchen, die sich in das politische Leben des Kaukasus einschalten würde. Die Suche brachte die georgische Politiker vor die Tore, des „dritten Roms“. Tatsächlich aber für Georgien hatten diese zwei Alternativen (Europa und Russland) eine politisch gänzlich unterschiedliche Bedeutung. Die Politik der orientalischen Staaten in Georgien war traditionell auf die Schwächung der Zentralen Macht gerichtet. Dies äußerte sich darin, dass diese Staaten knüpften unmittelbaren Kontakt mit den Provinzverwaltern, unterstützten ihre separatistischen Bestrebungen, oder auch setzen, die ihnen gegenüber treu gesinnten Verwalter ein. Die Römer aber und die Byzantiner (wie weitentfernte Subjekte) bevorzugten sich auf die zentrale Macht zu stützen. Es ist nicht schwer zu erkennen, dass in einer solchen Lage ein politisches Bündnis mit dem Westen für Georgien viel günstiger war. Die europäischen Staaten aber maßen ihrerseits Georgien die Bedeutung eines politischen und kulturellen Vorpostens der römischbyzantinischen Welt bei. Der im 1783 von Erekle dem II mit Katarina unterzeichnete Vertrag stellte Teilweise eine Kapitulierung dar gegenüber dem ferneliegenden Christlichen Verbündeten; Erekle der II hoffte, dass ,,das III Rom“ der Vorsetzer und Erbe der Kaukasuspolitik seiner Vorgänger würde und demnach die zentrale Macht in Georgien unterstützen würde. Der Traktat von Georgievsk stellt hinsichtlich des internationalen Rechtes ein bedeutendes Dokument dar und hat eine dualistische Bedeutung. Er beinhaltet einerseits eine gewisse Einschränkung der Souveränität und andererseits bestimmt juristisch die georgische Staatlichkeit. Die erste von diesen zwei Seiten gab einer ganzen Reihe von den russischen und sowjetischen Wissenschaftlern und Politikern die Möglichkeit (aber ganz unbegründet) von dem freiwilligen Anschluss Georgiens an Russland zu sprechen; die andere Seite aber wurde zum Prüfstein der georgischen nationalen Bewegung des ganzen 19.Jh.-s und spielte eine bedeutende Rolle bei der Anerkennung Georgiens durch die europäischen Staaten in den Jahren 1918-1921. Russland schien für Georgien ein Staat zu sein, der Träger von europäischen politischen Traditionen war. In der Wirklichkeit aber übte Russland hier die Politik der orientalischen Staaten aus. Das heißt, Russland stellte sich auf dem Weg der Konfrontation mit der Zentralmacht und schürte gegen die letzte die Provinzen. Die georgischen Politiker spürten die Unvereinbarkeit der äußeren Form mit des Inhalts der russischen Verbündetenpolitik damals, als gleich nach dem Tode von Erekle den II, der russische Zar offen gegen die Zentralmacht auftrat und diese 1801 offiziell abschaffte. Der georgische Staat hörte in der Zeit des Feudalismus durch die Hand eines Christlich orthodoxen Staates auf. Der Georgische Adel und mit ihm auch der
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georgische Feudalismus, also die georgische Lebensart, wurden zerstört. Damit wurden die Georgier der Orientiere ihrer Identität beraubt. Auf der Etappe des Kampfes gegen die moslemischen Staaten bildete der Christliche Glauben den Leidfaden für die Georgier in der Sache ihrer Identität. Jedoch nach dem Anschluss an Russland wurde der Orthodoxe Glaube und die feudale Gesellschaftsordnung im Allgemeinen, zu störenden Faktoren bei der Suche nach der Identität. Die russische Herrschaft bot Georgiern die Gelegenheit der physischen Existenz, der Preis dafür war aber die Absage vom politischen und kulturellen Leben, was für eine Nation und einen Staat gleich des Todes ist. Demnach hörte die Entwicklung des georgischen Staates, der Identität, Lebensweise auf der Stufe des Feudalismus auf. Im laufe des 19. Jh.-s suchten die georgischen Intellektuellen nach neuen Orientierungen für die Identität der georgischen Nation. Eine neue Etappe in der georgischen nationalen Bewegung beginnt in den 60-er Jahren des 19.Jh.-s. Eine Generation von Georgiern, die an den Universitäten Russlands und Europas ihre Ausbildung erhalten haben, kehrt Heim. Sie Standen unter dem Einfluss der zu jener Zeit in Europa ablaufenden Prozesse und fanden Inspiration für Tätigkeit im Schaffen europäischer Intellektuellen. Die erste hälfte des 19. Jh.-s wird in der Geschichte des europäischen Denkens durch den Aufstieg der liberal-nationalen Bewegung gekennzeichnet. Der Nationalstaat war kein Selbstzweck. Man bestimmte die Rechte der Nation indem man diese von den Menschenrechten ableitete, die individuell und universell sind. Anstatt der bis dahin existierenden Staatlichen Interessen (was mit den dynastischen Interessen identifiziert wurde), tauchten die Interessen des Volkes und Nation auf. Die liberal-demokratischen nationalen Bewegungen des Beginns des 19.Jh.-s hofften in erster Linie auf die Verwirklichung der Ideale der Freiheit, Demokratie und des Parlamentarismus in einem Nationalstaat. Für sie war der Nationalstaat ein Synonym eines demokratischen Verfassungsstaates, der Parlamentarismus aber stellte für sie eines der Mittel der Verwirklichung dieser Ideale. Die Helden des europäischen „Risorgimento“ waren Dichter, Sprachwissenschaftler, Historiker, die mit Wort und Tat für das kulturelle Aufleben ihrer Völker und für die politische Selbststimmung in einem Nationalstaat strebten. Es waren die Deutschen: Johann Gottfried Herder, Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Ludwig Jahn, Ernst Moritz Arndt; die Griechen: Rigas Velestinis, Adamantio Korais; die Iren: Daniel O’Connell, Thomas Devis; die Polen: Joachim Lelevel, Adam Mitzkievich; der Tscheche: Frantischek Ballak; der Italiener: Juseppe Mazzini. Sie plädierten für die Reformierung der Nationalsprache und für die Festigung des nationales Bewusstseins. Sie betrachteten die Sprachgrenzen als natürliche Grenzen des Staates. Aus diesem Grunde bestrebten sie die Schaffung der Literatur in der Nationalsprache und deswegen galten sie als Reformatoren der Sprache.
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Die oben erwähnte Generation der Georgier, welche in den 60-er Jahren des 19.Jh.-s ihre Ausbildung in Russland und in Europa erhielt, stand unter diesem Einfluss und das Schaffen und die Tätigkeit ihres bedeutendsten Vertreters Ilia Tschavtschavadze vereint in sich all diese Bestrebungen. Die Schaffung der modernen georgischen Literatursprache, die Reformierung des Alphabets, das Motto ,,Vaterland, Sprache, Glauben“ stellte für die Georgier einen neuen Versuch der Bestimmung der Identitätsorientieren dar, die für die damalige Welt aktuell waren. Wie gesagt zum russischen Reich gehörend konnte das Orthodoxenthum nicht mehr zum Hauptorientier der Identität dienen. Aufgrund der Nichtexistenz der Staatlichkeit wurde für I. Tschavtschavadze die territoriale Frage – das Vaterland – zur vorrangigen Orientierung. Die georgische Lebensweise, die nationale Eigenartigkeit in der Zeit des russischen Kolonialismus wurden von Ihm mit der Sprache identifiziert. Gerade das Verbot der georgischen Sprache in den Schulen und Kirchen bildete den Anstoß für die Entstehung der Bewegung der 60er Jahre. Und schließlich - der Glauben – das Christentum, welches für Georgier im laufe von Jahrhunderte der allererste Orientier der Identität war, welcher Georgien von der orientalischer Welt abgrenzt und welcher es der westlichen, europäischen Welt zugehörig macht. Ilia Tschavtschavadze führte in Georgien die Ideale des liberaldemoktarischen Nationalismus als einer allgemein europäischen Erscheinung Konsequenz durch. Für Ihn war der Liberalismus der Weg und das Mittel zur Erlangung der nationalen Freiheit. Er verstand dass es unter gegebenen Bedingungen keine Rede von der völligen Unabhängigkeit Georgiens sein konnte; darum kämpfte er für die Erlangung der Selbstverwaltungsrechte (Autonomie). Aber leider wurde die Tätigkeit dieser ganzen Generation in ihren besten Bestrebungen nicht mehr fortgeführt.

Nach dem Zusammenbruch des Romanow-Reiches haben in Georgien die nationalen Orientiere den Platz geräumt dem allgemein russischem Problem - der sozialen Orientiere. Es wurde die Erste Republik Georgien ausgerufen, aber die Regierung erwies sich als unfähig den Staat zu leiten und zu verwalten. Auf ihrem Programm fand die unabhängige Staatlichkeit Georgiens und Kaukasus keinen Platz.

Die Wiederherstellung des georgischen Staates wurde durch die äußeren Faktoren, besonders durch die deutsche – also europäische - Außenpolitik bedingt und nicht durch die regierende Partei. Die Mitglieder der damaligen Regierung waren die Vertreter der allgemein-russischen Partei der Sozial-Demokraten, die georgische Fraktion der so genannten ,Menschewiki“. Die parteiliche Zugehörigkeit hat sie gestört im Interesse des Staates zu handeln und zu denken.
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Sie waren hauptsächlich damit beschäftigt um über die Richtigkeit der Rezeption und Wahrnehmung der marxistischen Lehre mit den Bolschewiki zu streiten. Um es kurz zu fassen, stellten sich 1918-1921 in Georgien ablaufenden Prozesse den innenparteilichen Kampf der Fraktionen der ,,Bolschewiki“ und ,,Menschewiki“ dar, dem völlig ,,unvoraussehbar“ die Wiederherstellung der Staatlichkeit in Georgien folgte.

Im Unterschied zur Sowjetregierung stellten sich die georgischen SozialDemokraten ihre Regierung als eine demokratische Regierung dar. In der Tat aber entsprach Georgien keinesfalls den Forderungen, die an einen Staat oder vertretenden Demokratie gestellt werden. Nur die Formen der letzteren deckten die Diktatur der sozial-demokratischen Partei in Georgien.

Beachtenswert ist die Einschätzung dieser Periode durch den Führenden Vertreter der damaligen georgischen Elite der Intellektuellen Surab Awalischwili: - Die damalige Regierung neigte sich mehr zu den ideologischen Doktrinen; - Die aus dem revolutionären Hintergrund aufgetauchte georgische Regierung blieb im Banne der sozialen Demagogie und konnte sich nicht zur demokratischen Regierung entwickeln, welche die nationalen Interessen des Staates zum Ausdruck bringt; - Sowohl die Agrar-Reform als auch die soziale Politik waren ihrem Inhalt nach nicht auf Europa und seiner bürgerlichen Gesetzgebung orientiert, sondern auf Moskau, das aber bildete einen Hindernis in der Sache der Orientation auf Europa, der Georgien bis 1921 folgte. Ein derart kardinales Nichtübereinstimmen der Außen- und Innenpolitik konnte selbstverständlich nicht im Interesse des georgischen Staates sein. - Im Ministerkabinett und in anderen, niedrigeren Stufen der Macht herrschte Korruption, das staatliche Eigentum wurde geplündert... Um es mit S. Awalischwili zu sagen: ,,Als im Februar-März 1921 Georgien auf den Operationstisch gelegt wurde und ihn ein erfahrender Chirurg – die Sowjetmacht – operierte, so wusste er (=der Chirurg), dass der Patient bereits betäubt und zur Operation vorbereitet wurde von der nicht minder erfahrener, aber weniger entschlossener georgischen Sozial-Demokratie“.

Nach der Errichtung der Sowjetmacht schwanden in Georgien für geraume Zeit die ephemere Unabhängigkeit und auch die Illusion der möglichen Bildung eines Nationalstaates. Diese Illusion wurde erst mit der Auflösung der Sowjetunion wieder ins Leben gerufen. Heute befindet sich Georgien auf dem Kreuzweg: Es beginnt sein politisches Leben.
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Für die georgische Historiographie ist das Durchdenken, die Analyse der neuesten, postsowjetischen georgischen Geschichte eine äußert zeitige und notwendige Aufgabe. Gerade heute, wo die emotionale Spannungstemperatur langsam senkt und dem Pragmatismus Platz schafft, ist an der Zeit mit der Ruhe, ohne Emotionen den vergangenen Weg zu Überblicken und zu durchdenken. Man muss die Fehler finden, man muss das nüchterne Auge auf die Perspektive der Zukunft werfen. Nach der Auflösung der Sowjetunion war die Identität der Georgier im geschichtlichen Gedächtnis immer noch beim Feudalismus und ist es immer noch dort. Die postsowjetische Geschichte aller postsowjetischen Staaten (die Staaten des Baltikums ausgeschlossen) ist ziemlich homogen.

Während der Sowjetzeit war der Prozess der eigenartigen Entwicklung dieser Länder eingeworfen, und deren Geschichte fror an dem Punkt ein, wo diese Länder von der Sowjetisierung eingeholt werden. Die Demontage des sowjetischen Systems in den Ländern des Baltikums geschah viel leichter wegen ihrer bürgerlichen Erfahrung. In anderen postsowjetischen Ländern, die einer solchen Erfahrung entlaubt waren, ging der Prozess der Demontage nach der bereits erprobten Form vor sich hin- die Suche eines alternativen Systems begann mit der Herausbildung des Autoritarismus. Die Geschichte Georgiens der letzten Jahre stellt ein klassisches Beispiel der für die postsowjetischen Länder neuesten Erfahrungen der Diktatur, Anarchie, des Autoritarismus und der Oligarchie dar. Man nannte Nicolo Machiavelli einen Zyniker wegen seiner Aussage über das böse Wesen des Menschengeschlechtes. Aber keiner seiner Kritiker konnte es sich vorstellen, inwieweit die Gedanken und Ansätze des großen Denkers des Mittelalters und des Begründers der politologischen Wissenschaft mit den Prozessen übereinstimmen, welche auf der Peripherie des aufgelösten sowjetischen Reiches ablaufen. Hier kurz zur Erinnerung über einige Ansätze von Machiavelli. Aristoteles und Polibius unterscheiden folgende drei Formen der Staatsordnung: 1.Monarchie, 2. Aristokratie, 3. Demokratie. Machiavelli meint jedoch dass diese Formen auch Gegenformen, negative Formen oder Antithesen besitzen. So wird die Monarchie zur Despotie abgeartet, nach der Niederlegung der Despotie kommt es zur Aristokratie, die sich in die Oligarchie transformiert. Die Oligarchie wird vom Volk niedergestürzt und die Demokratie wird errichtet, die ihrerseits zur Anarchie abartet. Danach muss der Staat niederstürzen, falls seine Erneuerung nicht erfolgt. Die Erneuerung aber sieht Machiavelli im Erscheinen eines starken Herrschers, der neue Gesetze verkündet wie etwa der Moses, Licurges, Solon. Machiavelli gibt uns auch das Bild von einer für ihn ideellen Form der Macht- das ist die gemischte Machtform, bei der das Volk (popolo) über gewisse Rechte verfügt. Diese Rechte sind – das Recht zu wählen und gewählt zu sein, der
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Machtkontrolle und das Recht auf das Gericht. Die feudale Aristokratie ist für Machiavelli der Staatsfeind und ein Stützpunkt der Despotie. Die Schicht der vornehmen Bürger (patritiat) ist für Machiavelli eine fortschrittliche, gebildete und schaffende Kraft. Nach seiner Meinung, sollten die Personen auf höhere Ämter aus deren Reihen gewählt werden. Das Staatsoberhaupt ist für Machiavelli Vertreter des Staates selbst wie der ,,Gonfalonier der Gerechtigkeit“ in der Florenz zu seinen Zeiten.

Wenn wir uns die uns interessierenden Geschehnisse aus der Sicht und im Lichte der Theorie von Machiavelli betrachten, so können wir die Auflösung des russischen Zarenreichs als Krach des Reiches einschätzen, eines Reiches, in dem alle Formen und Antithesen der Staatsordnung koexistierten.

Der kurzfristige Sieg der Demokratie (popolo) konnte dem Ansturm des Bolschewismus (plebs) nicht standhalten und im Lande herrschte Anarchie. Der Staat musste niederstürzen. Dem wurde aber durch das Erscheinen des Phänomens von Joseph Stalin haltgemacht. Stalin errichtet im Namen der Volksmassen (plebs) seine, eigene Diktatur, verkündet neue Gesetze. Historische Gesetzmäßigkeit wurde verletzt. In Russland setzt eine neue Etappe direkt mit Antithese ein. Anstatt der Monarchie wird Despotie hergestellt. Aus dem Schoße der Volksmassen (plebs) entspringt eine neue Aristokratie (nobile sowetico), deren Bedürfnisse nicht mehr mit dem Puritanismus des Plebs zusammenfallen. Die Aristokratie im sowjetischen Russland hatte gleich bei ihrem Entstehen die Form der Oligarchie bekommen, was auch eine Antithese darstellt. Die Breschnew-Epoche ist das Beispiel dafür. Eine Antithese wurde mit der anderen abgelöst und ihr Sturz war unvermeidlich.

Demnach stellt die neueste Geschichte Russlands die Aufeinanderfolge der Antithesen, was nicht als eine natürliche Entwicklung gelten mag. Obwohl die Auflösung des Sowjetreichs in den Peripherien scheinbar äußerlich gesetzmäßig abgelaufen war (die Peripherien wurden von den Diadochos bemächtigt - Schewardnadse, Alijew, Nijasow, Nasarbajew...), aber dem Inhalt nach blieb es bei den Antithesen, also bei den negativen Machtformen.

Nach der Auflösung des sowjetischen Reiches 1991 erlebte Georgien 3 Präsidentschaften. Aber ungeachtet dessen, dass alle drei Präsidenten sich persönlich und politisch voneinander unterscheiden, alle drei wählen denselben Weg - den Weg des Autoritatismus. Der Grund dafür besteht in der einfachen Wahrheit – nämlich darin, dass allen dreien kein anderes Modell der Machterhaltung und Regieren bekannt ist.
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Die im stalinischen Reich erprobten und aus den Lehrbüchern gelernten bolschewistischen Methoden sind für sie leichter anzueignen. Denn die Untertanen sind ja dieselben„Homo Sowjeticus“. Obwohl den Staatsmännern der georgischen postsowjetischen Regierungen folgende Wahrheiten sehr wohl bekannt sind, nämlich: - dass die Demokratie keine Ideologie ist, sondern ein Verfahren dazu, eine Entscheidung zu treffen (Friedrich von Hayek); - dass die Voraussetzung zur Bildung eines Staates das Privateigentum ist (John Lock); - dass der Freiheitsgedanke sich nur im Zusammenhang mit dem Eigentumsgedanken entwickelt und dass wir die eifrigste Tätigkeit lediglich dem Eigentum verdanken (Wilhelm von Humboldt). Diese „wir“ können nur Eigentümer, Bürger sein und keinesfalls der „Homo Sowjeticus.

Demnach bleibt die Frage unseres Vortrags nach wie vor offen – Hat denn der „Homo Sowjeticus“ einen Platz neben dem europäischem Bürgertum?!.. Also sollte der Weg durch die Transformation des „Homo Sowjeticus“ in den einfachen Bürger führen.

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