© Uwe Fengler

Vom Tod des Rauchers

Schon vor ein paar Monaten bin ich aus dem Haus, in dem der Raucher unter mir wohnte, ausgezogen. Es war mir einfach zu viel; wenn er zu Hause war, habe ich es sogar in meiner eigenen Wohnung kaum ausgehalten. Der kalte Rauch von unzähligen Zigaretten lag nicht nur im Treppenhaus ständig in der Luft, nein – vor allen Dingen in den Abend- und Nachtstunden zog der unverkennbare Geruch in meine Wohnung und machte auch vor meinem Schlafzimmer nicht halt. Ich kann die Nächte in denen ich wach gelegen habe kaum noch zählen. Den Vermieter interessierte die ganze Angelegenheit überhaupt nicht. Solange die Miete pünktlich bezahlt werde, könne er nichts unternehmen, meinte er. Von uns Nichtrauchern wird immer Toleranz

und Verständnis erwartet. Welcher Raucher hat aber Verständnis dafür, dass es Menschen gibt, die es einfach unerträglich finden, ständig diese, auch für sie gefährlichen Dämpfe einzuatmen. Der Raucher aus dem Haus in dem ich einmal lebte, hatte auf jeden Fall kein Verständnis für Menschen, die anders dachten und handelten als er. Und jetzt habe ich vor ein paar Tagen beim Einkaufen gehört, dass er verstorben ist, der Raucher. Es ist wirklich war, der Raucher ist tot. Irgendwer hat sogar eine Anzeige für ihn in unserer Zeitung aufgegeben. Dabei habe ich gar nicht gewusst, dass es Menschen gab, die ihn kannten, den Raucher. Und er soll noch nicht einmal an den unmittelbaren Folgen seiner Sucht verstorben sein; nein, er ist bei einem Unfall ums Leben gekommen. Wie ich gehört habe, ist er am Tag seines Todes schon sehr früh aus dem Haus gegangen. Er soll sich am Kiosk gegenüber

eine Schachtel Zigaretten und eine Flasche Bier gekauft haben. Er habe sich dann an den Straßenrand gestellt und seine (ohne das er auch nur eine Ahnung davon hatte) nun wirklich letzte Schachtel aufgerissen. Nachdem er sich die Kippe in seinen Mundwinkel gesteckt, mit einem fast leeren Feuerzeug schließlich entzündet und endlich den ersten Zug getan hatte, betrat er unvermittelt die Straße, ohne auch nur auf den Verkehr zu achten. So hat sich der Raucher nun also aus meiner Erzählung stehlen können, ohne langsam zu ersticken, an Lungenkrebs dahin zu siechen oder sonst irgendwie an den Folgen seines Lasters zu leiden. Ganz schnell muss es gegangen sein … Und das Leben ist einfach so, dass so mancher der raucht und trinkt fast ein ewiges Leben hat, und eine andere Person, die sich fast nichts im Leben gönnt, plötzlich und

unerwartet (ich hasse gerade darum diese Floskel) sich aus diesem Leben stehlen muss, weil es einfach Schicksal ist... Ich will da jetzt keine bekannten Namen nennen …
© Uwe Fengler

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