Also sprach Zarathustra von den Unterschieden

© Christof Wahner 2011 Ein verirrter Wanderer fragte Zarathustra nach dem Weg. Zarathustra aber hob zu einer großen Rede an und rückte flugs die schlichte Frage jenes Wanderers in ungewöhnliche Zusammenhänge: "Entweder bildest du dir ein, groß und stark und fürchterlich zu wirken – so giltst du als ein Mann. Oder: du bist in deinen Träumen klein und zart und anschmiegsam – so wirst du Weib genannt. Als Mann stellst du dich in das grellste Licht, damit du möglichst große, dunkle Schatten wirfst. Als Weib verbirgst du dich sehr gern im Schatten, um das Licht in deiner Seele wahrzunehmen. Als Mann bist du in dunklem Stahlgraublau gekleidet, um alle deine Lust als Keuschheit zu vermarkten. Als Weib hüllst du dich in ein helles Rosarot, um auch in aller Keuschheit lebenslustig zu erscheinen. Als Mann lügst du, nur um dein wahres Angesicht auf solche Art und Weise unverblümt zu offenbaren. Als Weib liebst du die eigentliche Wahrheit, um damit noch den letzten Lügner schamlos zu belügen. Als Mann machst du dir Feinde, weil du keine Freunde hast beziehungsweise ungern duldsam bist. Als Weib gewinnst du lieber Freunde, damit sie dich vor Feinden oder falschen Freunden schützen. Als Mann verschreibst du dich sehr gern dem Kriegertum, um dadurch endlich Frieden zu erzwingen. Als Weib meint Frieden für dich keine Langeweile, sondern Kriegertum durch heitere Gelassenheit. Als Mann fühlst du dich unabhängig, stolz und schlau genug, um alle Tücken selber zu bewältigen. Als Weib ersuchst du schamhaft Rat und Hilfe, um dich auf diese Weise gründlich abzusichern. Als Mann sorgst du dich um die ferne Zukunft, um darin die verlorene Vergangenheit zu überwinden. Als Weib erinnerst du dich gern an manche alte Zeiten, um daraus für die Zukunft Kraft zu schöpfen. Als Mann entscheidest du dich für den linken Weg, um später einmal auf den rechten Weg zu kommen. Als Weib wählst du den rechten Weg, um in Gedanken voller Spaß auf linken Wegen zu verweilen."

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Der Wanderer war daraufhin verwirrt und sprachlos, weil er im gleichen Maß das eine wie das andere in sich verspürte. Zarathustra hatte dies aber längst bemerkt und pendelte gemächlich seinen langen Wanderstab für eine Weile immerfort nach links und rechts und links und rechts, bevor er weitersprach: "Was aber macht dich überhaupt so sicher, dass du von deinem Wege abgekommen bist? – Nun denn – doch wenn du je vom Wege abkommst, so bitte sei ein selbstbewusster Abkömmling deines Weges! Begib dich wohlgemut auf eine lange Wanderschaft auf Graten und auf Grenzen aller Art und sei der große Regenbogen, der sich mächtig über diese Grate spannt und sie für Dehnübungen benützt!

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Und stärk dein Rückengrat, indem du selbst es zur Verlängerung von Graten machst und umgekehrt. Der Mittelweg wird immer wieder schwierig, einsam und gefährlich sein, obwohl er von Natur aus vorgezeichnet ist. So schau nicht viel nach links und rechts, zerstreu dich nicht und ruh nur in Dir selbst. Sei nicht verwirrt, wenn Wetterlagen links und rechts von einem Grat nur allzu unterschiedlich sind. So wandle langsam und bedächtig – und lass das alte Lied der Gratenwanderer in dir erklingen: E i n s e z w e i e d r e i e – Erhöre meine schlichten Schreie, v i e r e f ü n f e s e c h s e – sobald ich mit der Zauneidechse, s i e b e n a c h t e n e u n e – auf Grate steige und auf Zäune, z e h n e e l f e z w ö l f e – auf dass mir Mond und Sonne helfe, e i n s e z w e i e d r e i e – der Mitwelt klare Sicht verleihe, v i e r e f ü n f e s e c h s e – und ihren starren Geist verhexe, s i e b e n a c h t e n e u n e – in ihren Ländereien streune z e h n e e l f e z w ö l f e – so wie ein Rudel wilder Wölfe! Ja, hab nur keine Furcht, zu diesem wundersamen Lied beschwingt zu tanzen! Und wenn du einmal zwischendurch vom Wege abkommst, so sei ein tänzerisch-verspielter Abkömmling deines Weges!" Also sprach Zarathustra.

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