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Wikis und Weblogs im Wissensmanagement

:
Nutzenklassen und Erfolgsfaktorenkategorien
Alexander Stocker

Institut Digital
Joanneum Research
Steyrergasse 17-19
A-8010 Graz
alexander.stocker@joanneum.at

Abstract: Dem Web 2.0 entstammen eine Vielzahl an Plattformen, welche
nutzergenerierte Inhalte als zentrales Element vorsehen. Das bei diesen
Plattformen vorherrschende Prinzip der freiwilligen und weitestgehend
selbstorientierten Teilung von Information begeistert schon länger neben den
Nutzern auch die Wissensmanager in Unternehmen. Durch Enterprise 2.0
gewannen zur Unterstützung des Wissensmanagements vor allem die beiden
Web-2.0-Anwendungen Wiki und Weblog vermehrt an Bedeutung. Obwohl bereits
zahlreiche empirische Untersuchungen über Phänomene im Zusammenhang mit
Wikis und Weblogs vorliegen, besteht aus Sicht des Autors nach wie vor
erheblicher Forschungsbedarf, vor allem hinsichtlich Nutzenklassen und
Erfolgsfaktoren. In diesem Beitrag werden daher zwei ausgewählte Ergebnisse von
15 Expertenbefragungen in zehn deutschsprachigen Unternehmen präsentiert: die
Nutzen- und die Erfolgsfaktorenmatrix.

1 Einleitung
Mit dem Begriff Web 2.0 [Or05, Or07] wird die soziale Evolution bezeichnet, welche
das Web revolutioniert. Kernelement dieses positiven Wandels ist die stetig zunehmende
Bedeutung der durch die Nutzer am Web freiwillig und weitestgehend selbstorientiert
geteilten Inhalte. So verwandeln sich Nutzer am Web von passiven
Informationskonsumenten zu aktiven Informationsproduzenten. Diese Entwicklung hat
einerseits zur Herausbildung einer Vielzahl an sozialen Web-Plattformen wie Wikipedia,
Youtube, Facebook, XING sowie der Blogosphäre als Sub-Netwerk geführt.
Andererseits sind durch die nutzernahe Weiterentwicklung der dieser Plattformen
zugrundeliegenden Technologien eine Vielzahl an neuen Anwendungen wie
beispielsweise Wikis, Weblogs, Media-Sharing Plattformen, und Social Networking
Services [KR08] entsprungen, welche auch abseits der privaten Nutzung im Web 2.0
Begeisterung wecken. Doch nicht nur die Quantität von nutzergenerierten Inhalten,
sondern auch deren Relevanz nimmt stetig zu. Im Hinblick auf die Quantität der Inhalte
nehmen Forscher an, dass Social-Media-Plattformen für ein Drittel aller Inhalte am Web
verantwortlich sind [FJK08] Im Hinblick auf die Relevanz der Inhalte erkennen
Unternehmen diese immer mehr als zentralen Bestandteil ihrer Web-Strategie [BGT08].
Angespornt vom Erfolg dieser neuen Web-Plattformen, vor allem im Hinblick auf die
Informations(ver)teilung, wollen auch Unternehmen Web 2.0 für sich nutzbar machen.
Als Corporate Web 2.0 [ST08, ST10] sollen Prinzipien und Muster von Web 2.0 in die
Unternehmenslandschaft integriert werden. Mit der CWeb-2.0-Profile-Map [SST09]
steht Unternehmen ein einfach handhabbares Tool dafür zur Verfügung. Entscheider in
Unternehmen müssen sich aber bewusst sein, dass das entstehende Spannungsfeld
zwischen Selbst- und Fremdorganisation, also Freiwilligkeit contra Hierarchie erst
beherrschbar gemacht werden will, um die Potenziale von Web 2.0 im Unternehmen
erfolgreich auszuschöpfen. Auch Jahnke [Ja09] führt an, dass Mitarbeiter in
Unternehmen als Nutzer der neuen Werkzeuge vor allem unternehmensspezifische
Herausforderungen meistern müssen, welche im „privaten Web“ nicht gelten.

Publikationen wie [BGT08] oder [KR07] untersuchen die Wirkung von Web-2.0-
Anwendungen und Technologien in Unternehmen im Rahmen zahlreicher Fallstudien.
Insbesondere die beiden dem Web 2.0 entstammenden Anwendungen Wiki [Bl08,
SGT09, ST10] und Weblog [EG07, SST08, STK09] erfreuen sich in Unternehmen
zunehmender Beliebtheit. So hat McAfee [Mc06] im Jahr 2006 angelehnt an „Web 2.0“
[Or05] den Begriff „Enterprise 2.0“ geprägt, um schon damals das Potenzial vor allem
dieser beiden Anwendungen für Unternehmen und die in Unternehmen stattfindende
Wissensarbeit zu bezeichnen.

In der Zwischenzeit hat sich der Begriff „Enterprise 2.0“ in Wissenschaft und Praxis
etabliert, um das sozio-technische Potenzial von Web-2.0-Anwendungen für
Unternehmen aufzuzeigen. Aktuelle Entwicklungen in der deutschsprachigen
wissenschaftlichen Community lassen vermuten, dass Enterprise 2.0 auch als
eigenständiges Forschungsthema verstärkt klassifiziert wird [RB10]. Obwohl in der
Zwischenzeit schon zahlreiche Studien über die im Zusammenhang mit Wiki und
Weblog in Unternehmen beobachteten Phänomene vorliegen, erkennt der Autor dieses
Beitrags nach wie vor erheblichen Forschungsbedarf, vor allem was die Analyse des von
Mitarbeitern und Entscheidern wahrgenommenen Nutzens und der aus den Projekten
gewonnenen Erfolgsfaktoren betrifft.

Zu diesem Zweck hat der Autor des vorliegenden Beitrags die für den Einsatz von Wiki
und Weblog verantwortlichen Experten aus zehn deutschsprachigen Unternehmen zu
Einführung, Betrieb, Ergebnissen und Erfolgsfaktoren interviewt. Die Beteiligung der
Unternehmen Fraport AG (Frankfurt, DE), Infineon Technologies Austria (Graz, AT),
IVM Technical Consultants Wien GmbH (Wien, AT), Maschinenfabrik Andritz AG
(Graz, AT), Microsoft Österreich GmbH (Wien, AT), Pentos AG (München, DE),
Raiffeisen Informatik GmbH (Wien, AT), Spirit-Link GmbH (Fürth, DE), Synaxon AG
(Bielefeld, DE) und TAO GmbH (Graz, AT) verspricht eine zufriedenstellende
Übersicht über Nutzenklassen und Erfolgsfaktorenkategorien.

2 Studiendesign
Wiki und Weblog unterstützen durch ihre Funktionsweise als spezielle Werkzeuge von
Web 2.0 primär die nutzerübergreifende Sammlung und Präsentation von Inhalten und
erst sekundär die Vernetzung zwischen den Inhaltslieferanten. Daher werden Wiki und
Weblog aufgrund ihrer konzeptionellen Verwandtschaft gemeinsam untersucht. Sie
unterscheiden sich konzeptionell von Werkzeugen zum IT-gestützten Social Networking
[KRS07].

Die in diesem Beitrag bearbeiteten Forschungsfragen wurden zum Teil aus der Literatur
zu Wissensmanagement und Informationssysteme abgeleitet, über eine Pilotstudie
[Stocker u.a., 2008] weiter detailliert und mit den Anforderungen der Praxis
abgeglichen:

 Welchen Nutzen generieren Wiki und Weblog im Unternehmen auf
individueller und organisationaler Ebene für den Wissenstransfer zwischen
Mitarbeitern? (Abbildung 2: Nutzenklassen)

 Wie sind Faktoren für einen erfolgreichen Einsatz von Wikis und Weblogs im
Unternehmen ausgestaltet? (Abbildung 3: Erfolgsfaktoren)

Als Datenerhebungsmethode wird durch den Autor in dieser Studie das semi-
strukturierte Experteninterview herangezogen. Insgesamt wurden so 15 Experten aus 10
Unternehmen (Abbildung 1) in den Jahren 2008 und 2009 befragt, welche für die
Durchführung der intraorganisationalen Wiki- und Weblog-Projekte verantwortlich
waren. Der verwendete Interview-Leitfaden umfasste rund 40 Fragen zu
Ausgangssituation, Einführung, Betrieb, Ergebnissen und Evaluierung. Die Interviews
wurden nicht aufgezeichnet, um die Beteiligten zu motivieren, möglichst offen über die
mit Wikis und Weblogs gemachten Erfahrungen und Probleme zu diskutieren.
Außerdem erhielten alle Befragten trotz der vorgegebenen Struktur des
Interviewleitfadens genügend Freiraum. Für jedes Unternehmen erstellte der Autor einen
Management-Report mit Ausgangssituation, Einführung, Ergebnissen und einer
Management-Summary. Dieser Report wurde an die befragten Experten zwar
übermittelt, jedoch nicht mit allen umfassend diskutiert.

Auf der Basis dieses Reports wurden unter anderem Einzelnutzen auf individueller
Ebene und organisationaler Ebene sowie Erfolgsfaktoren identifiziert. Diese wurden
einerseits direkt durch den befragten Experten in den Interviews als solche bezeichnet.
Andererseits wurden Einzelnutzen und Erfolgsfaktoren durch den Autor aus dem Report
durch das Einbeziehen des Kontexts als solche identifiziert. Einzelnutzen und
Erfolgsfaktoren wurden abschließend durch den Autor in Nutzenklassen und
Erfolgsfaktorenkategorien eingeteilt und in der Nutzenmatrix (Abbildung 2) bzw. in der
Erfolgsfaktorenmatrix (Abbildung 3) dargestellt.

Die als Studienteilnehmer gewählten Unternehmen zeichnen sich durch eine Reihe an
Gemeinsamkeiten aus. In allen zehn Unternehmen existieren namentlich bekannte
Verantwortliche für Wiki- und Weblog-Projekte. Alle zehn Unternehmen sind im
deutschsprachigen Raum angesiedelt, kulturell sehr ähnlich und für den Autor einfach zu
erreichen. In allen zehn Einzelfällen konnte trotz Novität und Komplexität des Themas
Web 2.0 im Unternehmen bereits hinreichend Erfahrungen mit den beiden Werkzeugen
Wiki und Weblog gesammelt werden. Nachfolgende Abbildung liefert eine Übersicht
über die an den Experteninterviews teilnehmenden Unternehmen. Zusätzlich werden
Metainformationen wie Branche, das eingesetzte Web 2.0 Werkzeug (Wiki oder
Weblog), die verwendete Technologie, die Gesamtanzahl der Mitarbeiter, die durch das
neue Werkzeug betroffenen Mitarbeiter sowie der Erfahrungsstand mit dem Werkzeug
angeführt.

Infineon IVM Technical
Maschinen-fabrik Microsoft
Unternehmen Fraport Technologies Consultants
Andritz Österreich
Austria Austria

Branche Luftfahrt Elektronik Dienstleister Produktion IT

Unternehmens- Support- Unternehmens- Projekt- Kommunikations-
Werkzeug
wiki wiki wiki wiki weblogs
Eingesetzte
MediaWiki MediaWiki Perspective MediaWiki Sharepoint
Technologie
Mitarbeiter
~19.000 ~2.900 ~250 ~14.000 ~340
insgesamt
Zielgruppe für das Primär Primär Spezifische Projekt-
Alle Alle
Werkzeug Support Techniker mitarbeiter
Erfahrung mit dem
~1,5 Jahre ~1,5 Jahre ~2 Jahre ~1 Jahr ~1,5 Jahre
Werkzeug

TAO
Raiffeisen
Unternehmen Pentos Spirit Link Synaxxon Management und
Informatik
Beratung

Branche IT IT Consulting IT Consulting

Mitarbeiter- Unternehmens- Themen- Unternehmens- Unternehmens-
Werkzeug
weblogs wiki weblogs wiki-blog wiki
Eingesetzte Lotus Notes /
JSPWiki Wordpress MediaWiki MediaWiki
Technologie Domino
Mitarbeiter
33 ~750 ~65 ~130 ~20
insgesamt
Zielgruppe für das
Alle Alle Alle Alle Alle
Werkzeug
Erfahrung mit dem
~6 Jahre ~2 Jahre ~4 Jahre ~2 Jahre ~2 Jahre
Werkzeug

Abbildung 1: Teilnehmende Unternehmen

3 Studienergebnisse
Im Folgenden werden die beiden zentralen Studienergebnisse Nutzenmatrix
(kategorisierte durch Experten wahrgenommene Nutzen, Abbildung 2) und
Erfolgsfaktorenmatrix (kategorisierte durch Experten wahrgenommene Erfolgsfaktoren,
Abbildung 3) vorgestellt und weiter diskutiert.
3.1 Nutzenklassen

In der Auswertung wurden die in Experteninterviews jeweils genannten Einzelnutzen in
Nutzenklassen für den Einsatz von Wiki und Weblog im Unternehmen überführt. Dabei
wurde bei der Klassifikation aus Basis des Information System Success Model von
DeLone und McLean [DM92] zwischen dem individuellem und dem organisationalem
Nutzen unterschieden. Auffallend ist, dass viele Aspekte nicht unmittelbar in den
Interviews bei den Fragen zum Nutzen von den Experten wirklich als Nutzen bezeichnet
wurden. Es stellte sich aber beim Schreiben des Reports heraus, dass manche Aspekte
Nutzen dargestellt wurden. Diese Aspekte wurden dann als „durch den Autor abgeleitete
Nutzen“ bezeichnet.

Als Nutzen für Mitarbeiter wurden aus Sicht der verantwortlichen Experten
beispielsweise „strukturiertes Arbeiten im eigenen Kontext“, „Zugang zu vorher nicht
vorhandenem Unternehmenswissen“ und vor allem im Zusammenhang mit Weblogs
„informiert sein über Aktuelles und Innovationen“ sowie „rasche Identifikation von
Wissensträgern“ genannt. Vor allem bei Wikis kommt die „nutzernahe Beschreibung
komplexer Inhalte“, die „einfache Suche nach Inhalten zum Kerngeschäft“ und die
„erhöhte Sichtbarkeit“ dazu. Vor allem der genannte Aspekt „erhöhte Sichtbarkeit“ lässt
eine Frage aufkommen: Ist Sichtbarkeit für den Beitragenden nicht vielmehr mit der
Nutzung von Weblogs verbunden, wo der Autor im Vordergrund steht, während bei
einem Wiki der einzelne Autor zugunsten einer kollektiven Autorenschaft verschwindet?
Daher ist aus Sicht des Autors in die zwei Aspekte „Transparenz von Wissen“ und
„Transparenz über Wissensträger“ zu unterscheiden.

Bei dem Nutzen für Team/Organisation wurden beispielsweise die Aspekte „Nutzung
freier Mitarbeiter-Kapazitäten zur Wissensdokumentation“, „Verbesserung der internen
Kommunikation“ und „Transparenz über Mitarbeiterkompetenzen“ genannt. Eine
Verbesserung der internen Kommunikation wurde hauptsächlich beim Einsatz von
Weblogs wahrgenommen. Weblogs werden durch die Experten in Bezug auf die
Aktualität der darin enthaltenen Information besser eingeschätzt, als Wikis.

Wissensidentifikation und demnach auch die Wissensakquisition spielen eine
bedeutende Rolle in Unternehmen, wenn Wiki und Weblog zum Einsatz kommen.
 Weblogs ermöglichen durch die eingebaute Chronologie explizit ein informiert
sein über aktuelle Entwicklungen und beschleunigen die Verteilung von
Informationen. Sie erzeugen demnach Transparenz über Wissensträger. Auf
organisationaler Ebene wurde zusätzlich von den Experten eine Verbesserung
der internen Unternehmenskommunikation wahrgenommen.
 Wikis werden stärker mit einem allgemeinen Zugang zu vorhandenem
Unternehmenswissen assoziiert. Sie ermöglichen eine gute Durchsuchbarkeit
der organisationalen Wissensbasis und erzeugen so eine Transparenz über das
Wissen einer Organisation, nicht jedoch unmittelbar über Wissensträger.
Nachfolgende Abbildung stellt die auf Basis der Daten aus den Experteninterviews
entwickelte Nutzenmatrix als Zusammenfassung der wahrgenommenen Einzelnutzen zu
Nutzenkategorien dar.
Wiki|Blog: Synaxon

Weblog: Spirit-Link
Weblog: Microsoft

Weblog: Pentos
Wiki: Infineon
Wiki: Fraport

Wiki: MFA

Wiki: TAO
Wiki: R-IT
Wiki: IVM
Nutzen für Mitarbeiter
Leistungen effektiver und effizienter erbracht 
Strukturiertes Arbeiten im eigenen Kontext    
Zugang zu vorher nicht zentralisiertem
      
(Unternehmens-)Wissen vorhanden
Informiert sein über Aktuelles und
Innovationen
   

Rasche Identifikation von Wissensträgern    
Reduktion der Informationsflut 
Nutzernahe Beschreibung komplexer
 
Sachverhalte
Einfache Suche nach Inhalten zum
     
Kerngeschäft
Mehr Sichtbarkeit im Unternehmen  
Nutzen für Team/ Organisation
Nutzung von freien Kapazitäten der
  
Mitarbeiter zu Wissensdokumentation
Verbesserung der internen Kommunikation      
Positive Eigenschaften auf Kultur  
Förderung der Eigeninitiative   
Qualität des Kerngeschäfts erhöht   
Qualität der Beiträge erhöht 
Nachhaltiger durch Mitarbeiter aktuell
  
gehaltener Wissenspool
Transparenz über Mitarbeiterkompetenzen
  
und Inhalte
Aktuelle Infos über jeweiligen Kontext    
Stimulation von Selbstorganisation und
Selbstreflexion

Verstärktes Bewusstmachen der
 
Wissensarbeit

 Durch die verantwortlichen Experten wahrgenommener Nutzen
 Durch den Autor zusätzlich abgeleiteter Nutzen

Abbildung 2: Nutzenmatrix
3.2 Erfolgsfaktorenklassen

Die in den Experteninterviews genannten Erfolgsfaktoren wurden extrahiert und in einer
Erfolgsfaktorenmatrix gegliedert in die Aspekte Management, Nutzer, Organisation,
Inhalte und Ressourcen kategorisiert. Durch die verantwortlichen Experten
wahrgenommene Erfolgsfaktoren sind Erfolgsfaktoren, welche aus Sicht der Experten
explizit maßgeblich zum Erfolg des Wiki bzw. des Weblog beigetragen haben. Durch die
Autoren abgeleitete Erfolgsfaktoren haben aus Sicht des Autors implizit zusätzlich zum
Erfolg beigetragen, wurden jedoch nicht durch die Experten als solche bezeichnet.
Ähnlich bei den Nutzenklassen fiel auf, dass weit mehr Erfolgsfaktoren existierten, als
durch die Experten genannt wurden.

Auf Managementebene wurde festgestellt, dass „Top-Down Akzeptanz“ bzw. „Top-
Down Engagement“ klare Erfolgsfaktoren bilden. Das ist vor dem Hintergrund der
Einführungsstrategie insofern nicht unspannend, da Web 2.0 sehr oft mit Bottom-Up und
Nutzergetriebenheit assoziiert wird. In der Praxis findet eine zunehmende Diskussion
statt, welche Einführungsstrategie besser ist.

Bezogen auf die Mitarbeiter als Wissensarbeiter zeigte sich folgendes Bild: Eine „rasche
Akquise erster überzeugter Nutzer“ sorgte für einen zufriedenstellenden Start der neuen
Lösung und erhöht langfristig den Erfolg. Ein „Grundverständnis für die Funktionsweise
von Web-Anwendungen“ ist wesentlich, damit Mitarbeiter die neuen Lösungen korrekt
einsetzen konnten. Technisches Grundverständnis stellt interessanterweise auch den
einzigen technologiebezogenen Erfolgsfaktor dar, welcher explizit von den Experten
genannt wurde.

Bezogen auf die erstellten Inhalte in Wiki und Weblog zeigte sich folgendes Bild: Bei
Wiki-Projekten war es hilfreich, bereits mit einem mit „ausreichend vielen Inhalten
bestückten Wiki“ zu starten und die inhaltliche Befüllung nicht allein den Mitarbeitern
im Unternehmen zu verantworten. Außerdem trug eine „aktive und persönliche
Ansprache der Autoren“ maßgeblich zum Erfolg der Projekte bei, weil dadurch
Mitarbeiter für die Erstellung von Wiki-Beiträgen begeistert werden konnten. Bei
Weblog-Projekten waren die Aspekte „Regelmäßigkeit“, „Ehrlichkeit und Tiefe“ der
Weblog-Beiträge entscheidend. Außerdem war es wesentlich, dass Mitarbeiter das
„Schreiben der Beiträge in ihren Arbeitsalltag integrieren“ konnten, um diese genannte
Regelmäßigkeit in der Beitragserstellung zu erzielen. Eine weitere Erkenntnis aus dieser
Mehrfachfallstudie ist auch, dass sich die Erfolgsfaktoren von Weblogs zum Teil
erheblich von den Erfolgsfaktoren von Wikis unterscheiden, vor allem was die
Organisation der Inhalte betrifft.

Auf organisationaler Ebene war bei beiden Werkzeugen wesentlich, unterschiedliche
Maßnahmen zur „unternehmensinternen Bewerbung“ und „Herstellung von Akzeptanz“
bei den Mitarbeitern zu setzen. „Klarheit über den Business-Case“ führte zu mehr
Akzeptanz bei den Mitarbeitenden und steigerte den Erfolg der neuen Lösungen. Was
die beteiligten Humanressourcen betrifft, zeigte sich ein vorhandenes „engagiertes und
frustrationsresistentes Kernteam“ für den Erfolg der Projekte maßgeblich verantwortlich.
Nachfolgende Abbildung stellt die auf Basis der Daten aus den Experteninterviews
entwickelte Erfolgsfaktorenmatrix als Zusammenfassung von einzelnen Erfolgsfaktoren
zu Erfolgsfaktorenklassen dar.

Wiki|Blog: Synaxon

Weblog: Spirit-Link
Weblog: Microsoft

Weblog: Pentos
Wiki: Infineon
Wiki: Fraport

Wiki: MFA

Wiki: TAO
Wiki: R-IT
Wiki: IVM
Management
Top-Down Einführung   
Engagement von Oben als Voraussetzung    
Akzeptanz beim Management   
„Sanfter Druck“ von Oben  
Nutzer
Aktive Akquise überzeugter Nutzer    
Rasche Begeisterung der Mitarbeiter  
Einbinden der Mitarbeiter in Entwicklung  
Grundverständnis zu Web Anwendungen   
Aktives Abbauen von Schreibbarrieren 
Initiierung einer Kommentarkultur 
Inhalte
Starten mit Inhalten    
Persönliche Ansprache von Autoren  
Gute und frühzeitige Strukturierung  
Regelmäßigkeit der Beiträge   
Ehrlichkeit und Tiefe der Beiträge  
Keine Falsche Perfektion contra Authentizität 
Schreiben über Privates für Synergien 
Integration in den Arbeitsalltag  
Organisation
Roll-Out auf breiter Nutzerbasis 
Bewerbung und Akzeptanzmaßnahmen     
Konkrete Einsatzszenarien   
Klarheit über Business-Case      
Organisatorische Verankerung 
Offene Firmenkultur | Change   
Ressourcen
Genügend Ressourcen 
Zeit nehmen und Zeit lassen 
Engagiertes Kernteam     

 Durch die verantwortlichen Experten wahrgenommene Erfolgsfaktoren
 Durch den Autor zusätzlich abgeleitete Erfolgsfaktoren

Abbildung 3: Erfolgsfaktorenmatrix
4 Zusammenfassung
Im vorliegenden Beitrag wurden ausgewählte Ergebnisse aus den Interviews mit 15 für
Einführung und Betrieb von Wikis und Weblogs verantwortlichen Experten zu
Nutzenkategorien und Erfolgsfaktoren präsentiert. Insgesamt nahmen zehn Unternehmen
unterschiedlicher Größen und Branchen aus Österreich und Deutschland an dieser Studie
teil.

Zwei wesentliche Beiträge für die Wissensmanagement-Forschung sind die
Nutzenmatrix als Darstellung von Einzelnutzen und Nutzenklassen, sowie die
Erfolgsfaktorenmatrix als Darstellung von Erfolgsfaktoren und Erfolgsfaktorenklassen.
Die in diesen beiden Matrizen genannten Aspekte wurden durch die befragten Experten
genannt, allerdings nicht immer explizit als „Nutzen“ oder „Erfolgsfaktor“ bezeichnet.
Daher wurde eine weitere Einteilung in durch die verantwortlichen Experten
wahrgenommene Nutzen/ Erfolgsfaktoren sowie durch den Autor dieses Beitrags
zusätzlich abgeleitete Nutzen/ Erfolgsfaktoren unterschieden.

Zusammenfassend zeigten die Interviews, dass Wiki und Weblog aus Sicht der befragten
Experten durch ihre spezielle Wirkungsweise dazu in der Lage sind, in unterschiedlichen
Aspekten zur Verbesserung des Wissenstransfers im Unternehmen beizutragen. Eine
Interpretation der Ergebnisse in diesem Beitrag muss jedoch vor dem Hintergrund
geschehen, dass die Darstellung von Nutzen und Erfolg immer aus Sicht der Experten
(als Verantwortliche für Wikis und Weblogs) erfolgte. Eine Befragung der Nutzer von
Wikis und Weblogs könnte somit ein völlig unterschiedliches Ergebnis ans Licht
bringen.

Literaturverzeichnis

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