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Kath. Religion 13, Sitzung 17: Montag, 31.

Januar 2011

Abschluss: Gotteslehre
Im ersten Teil der Doppelstunde schließen wir die Erarbeitung des Texts greifen wir erneut den Text „Gottes
Gegenwart in Israel und die Inkarnation: Ein christlich-jüdischer Dialog“ des jüdischen Theologen Edward Kess-
ler ab.

Zunächst konzentriert sich Kessler auf einen Hauptunterschied zwischen der jüdischen und der christlichen
Religion, die Inkarnation (Fleisch-/Menschwerdung Gottes in Christus), die er zunächst als Trennungslinie der
beiden Religionen markiert. Im Verlauf seiner Ausführungen (Abschnitt „Erwählung und Inkarnation“) wird die
Inkarnation als christliche Grundüberzeugung jedoch mit der jüdischen Grundüberzeugung, dass Gott in Israel
wohnt, vermittelt: In Anlehnung an Wyschogrod sieht Kessler christliche Erwählung als Konsequenz der Erwäh-
lung Israels – die Treue Gottes zu Israel wird dabei eben nicht aufgehoben oder reduziert, sondern ausgeweitet
auf alle Menschen: Israel ist damit eine Art Mittler zwischen Gott und den – aus jüdischer Sicht – heidnischen
Völkern, was wiederum mit der christlichen Überzeugung, dass Gott allen Menschen in Christus auf unver-
gleichliche Art nahe kommt, vermittelbar ist. Letzteres ist – soweit könnten dialogbereite Juden vielleicht ge-
hen – eben nur wegen Gottes ungebrochenem Bund mit Israel möglich, aus dem Christus hervorgeht.

Obwohl sich (nicht nur) die Grundüberzeugungen der jüdischen Erwählung und der christlichen Inkarnation
keineswegs „entsprechen“ oder gar „ähneln“, ist es durchaus möglich, Brücken des Verstehens zu bauen. Ge-
rade Christentum und Judentum erweisen sich aufgrund der Verwurzelung des Christentums im Judentum zum
– auf Respekt und Verständnis basierenden – Dialog auf theologischer Basis fähig und (wegen der im Holocaust
ihren entsetzlichen Höhepunkt nehmenden Unheilsgeschichte zwischen beiden Religionen) verpflichtet. Ein
Religionsdialog dieser Qualität unterscheidet sich von einem oberflächlichen Scheindialog, der bei der höflichen
Feststellung von Unterschieden stehen bleibt. Hier wird der Versuch unternommen, Sinn und Bedeutung hinter
den Begriffen neu zu ergründen, neu zu formulieren, auf diese Weise Wertschätzung der eigenen und auch der
fremden Glaubensüberzeugungen zu entwickeln und darüber hinaus Brücken zu bauen, die gemeinsames Han-
deln und vielleicht auch gemeinsames Glauben ermöglichen.

Kesslers Beitrag konkretisiert diese mühevolle aber lohnenswerte Dialogarbeit in drei Bereichen: Gottesbild
(Schekhina und Inkarnation, s.o.), Offenbarungsvorstellung (Tora und Logos) und Anthropologie (Teschuwa und
Sühne). Grundvoraussetzung dieses Dialogs ist es, der jeweils anderen Religion ihre Grundüberzeugungen nicht
strittig zu machen (was leider von christlicher Seite wiederholt geschehen ist, z.B. schon von den Kirchenvätern,
aber auch im Rahmen einer Schwarz/Weiß-Theologie, welche z.B. das Judentum lediglich als dunkle Negativfo-
lie versteht, vor der Jesus dann umso heller aufscheinen soll). Genau diese Prozessgestaltung und auch die
Verhältnisbestimmung zwischen Judentum und Christentum wird in Röm 9-11 modelliert und findet auch in der
Verklärungsperikope (Mk 9) Ausdruck, wo die Fokussierung von Gesetz (Mose) und Prophetie (Elija) in Christus
bzw. das Festhalten an der Verbindung mit diesen zentralen Säulen des Judentums als Wunsch der urchristli-
chen Gemeinden festgehalten und bis in die Gegenwart zur Verpflichtung gemacht wird. Kurz: Die Grundlage
dieser Gestaltung des christlich-jüdischen Dialogs ist bereits biblisch verankert und deswegen auch für Gegen-
wart und Zukunft verbindliche Herausforderung.

Hinsichtlich des Kursthemas „Gotteslehre“ kann die Beschäftigung mit Kesslers Dialogbeitrag wie folgt zuge-
spitzt werden: Christen und Juden glauben an denselben einen Gott, der auch der Gott Jesu ist. Christus ist dabei
gleichzeitig Trennlinie und Brücke zwischen Judentum und Christentum. Der jüdische Religionsgeschichtler Scha-
lom ben Chorin hat es einmal so ausgedrückt: Das Bekenntnis Jesu eint uns, das Bekenntnis zu Jesus trennt uns.

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Einstieg: Anthropologie
Im zweiten Teil der Doppelstunde wird die Anthropologie (gr.: anthropos: der Mensch; logos: Wort, Rede, Kun-
de), d.h. die Lehre vom Menschen als neues Thema für das zweite Halbjahr eingeleitet.

Als Grundlage dient der in der vorhergehenden Sitzung erarbeitete und anhand eigener Recherche und Reflexi-
on vertiefte Text „Determination durch Gene und Meme?“. Als Diskussionsbasis dienen Auszüge aus den gemäß
Arbeitsauftrag der letzten Sitzung dem Kursleiter zugestellten Arbeitsergebnissen (s.u.). Nach Studium der
Auszüge wird kontrovers diskutiert, inwiefern der Mensch als durch Genetik, Soziobiologie und Memetik de-
terminiert gelten kann:

• Der Mensch wird durch die Genetik gebildet. Gene bestimmen über Individualität und Gemeinsamkei-
ten.
• Es ist fraglich, ob die Genetik den Menschen determiniert: Die Ausbildung der Persönlichkeit eines
Menschen beruht auf Erfahrungen, die er im Laufe seines Lebens macht. Nicht zuletzt auch auf der Er-
ziehung.
• Durch die Position, dass der Mensch durch die Genetik bestimmt ist, entsteht ein Konflikt zwischen
der Genetik und dem freien Willen, denn dies würde bedeuten, dass der Mensch nur eingeschränkt
oder gar nicht selbstbestimmt ist.
• Die Memetik-Theorie des Evolutionsbiologen und erklärten Atheisten Richard Dawkins erscheint vie-
len Kursteilnehmenden, die sich intensiver mit dem Thema beschäftigt haben, als nicht überzeugend,
lückenhaft und widersprüchlich.
• Durch die Annahme, dass Menschen durch Meme determiniert sind, entstehen (von Dawkins beab-
sichtigte) Spannungen zum Verständnis des Menschen als Geschöpf Gottes: komplexe Überzeugungen
und Einstellungen, wie sie in spiritueller Praxis manifest sind, werden auf einen parallel zur Evolution
gedachten Prozess geschoben, der die Sinn- und Orientierungssuche des Menschen marginalisiert: Die
Besonderheit des Menschen hat aus Sicht Dawkins nichts mit Schöpfung im Besonderen oder Religion
im Allgemeinen zu tun, sondern mit einem Mem-„Virus“ (als das er Religion sieht).
• Kritik an Dawkins (weder evolutionsbiologisch noch philosophisch anerkannter) Theorie richtet sich
auf seine nicht selten polemische Verbindung seiner Theorie mit seiner atheistischen Weltanschauung,
welche sich durch Überschreiten seiner fachlichen Kompetenzbereiche, unhaltbare Verallgemeinerun-
gen und Unterschlagung wichtiger Differenzierungen aus theologischer Perspektive auszeichnet.

Hausaufgabe ist auf dem Hintergrund der bisherigen Diskussion und Recherchearbeit die Reflexion folgender
Fragen: Was heißt Menschsein heute? Inwiefern kann der christliche Glaube eigenständige und unterschei-
dende Impulse dafür geben? – Reflexionsergebnisse sind in Stichpunkten zu notieren, Bereitschaft und Fähig-
keit zur Präsentation der eigenen Ergebnisse wird erwartet.

Protokoll: sp, erhebliche Verbesserungsarbeiten: mh