Mail SBB

NZZ am Sonntag

23. Januar 2011

Schweiz

13

Littering kostet 200 Millionen
..................................................................................

E-Mail der Woche

Städte verlangen von Handel und Zigarettenindustrie finanzielle Beiträge
Eine Studie zeigt erstmals auf, was achtlos weggeworfene Abfälle kosten. Zu Buche schlagen vor allem Zigaretten.
Katharina Bracher
..................................................................................

Von: schweiz.sonntag nzz.ch Gesendet: Sa 22. Januar 2011, 11:32 An: thierry.carrel insel.ch Betreff: Scharfe Schnitte Guten Tag Herr Carrel Ihre Kernkompetenz als prominenter Herzchirurg sind kühne Schnitte mit dem Skalpell. Jetzt drängt es Sie in die Politik. Gezielte Sparschnitte sind tatsächlich auch dort gefragt, schliesslich hat der Bund über 100 Milliarden Franken Schulden. Aber haben Sie mit der FDP die richtige Partei gewählt? Scharfe Schnitte, das ist doch die Domäne der SVP? Immer schnittig, Ihre NZZ am Sonntag Von: thierry.carrel insel.ch Gesendet: Sa 22. Januar 2011, 16:28 An: schweiz.sonntag nzz.ch Betreff: AW: Scharfe Schnitte Liebe NZZ am Sonntag Gerade als Herzchirurg muss ich mit dem Skalpell sparsam umgehen und nur krankes Gewebe entfernen. Nach dem Schnitt braucht es immer eine sorgfältige Naht. Schliesslich soll es dem Patienten – und auch dem Staat – nach dem Eingriff besser gehen. Mit ihrer offenen und ganzheitlichen Betrachtungsweise böte mir die FDP bei einer allfälligen Wahl sicher beste Voraussetzungen, mitzuhelfen, die Problemfälle unseres Landes zu lösen. Immer schnittig und «herzlich», Ihr Thierry Carrel

..................................................................................

Saubere Strassen und Plätze sind das Aushängeschild der sprichwörtlichen Schweizer Reinlichkeit. Für dieses Image zahlt die öffentliche Hand jedes Jahr 200 Millionen Franken. Dies zeigt

eine Studie im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt (Bafu) zum Thema «Littering», wie das Phänomen im Fachjargon heisst. Diese Zahl aus der noch unveröffentlichten Studie hat am Freitag die Fachorganisation Kommunale Infrastruktur auf ihrer Homepage publik gemacht. Für die Beseitigung von achtlos liegengelassenen Take-away-Verpackungen, Getränkeflaschen und Zigarettenstummeln bezahlen die Schweizer Städte und Gemeinden 150 Millio-

nen Franken, 50 Millionen entfallen auf den öffentlichen Verkehr. Die Studie hat in vierzig Stichproben genau erhoben, welche Art von Müll mit welchem Aufwand von den Reinigungskräften beseitigt werden muss. Dabei wurde laut Alex Bukowiecki, Geschäftsführer der Fachorganisation Kommunale Infrastruktur, sogar mit der Stoppuhr gemessen, wie das Personal in mühsamer Handarbeit Zigarettenkippen aus Blumenbeeten klaubt. Es habe sich gezeigt: «Der mit Abstand grösste AufSALVATORE DI NOLFI / KEYSTONE

Achtlos weggeworfener Müll verursacht hohe Kosten in Städten und Gemeinden. (Genf, Juli 2007)

wand entsteht durch weggeworfene Zigarettenstummel.» Die Städte versuchen schon länger, Take-away-Ketten und Detailhandel an diesen Kosten zu beteiligen. «Littering ist eine Sonderlast, die im letzten Jahrzehnt vor allem auf den Schultern der Städte enorm angewachsen ist», sagt Renate Amstutz vom Schweizer Städteverband. «Es ist darum sinnvoll, den Handel in Reinigungs- und Präventionsmassnahmen mit einzubeziehen.» In Zürich etwa beteiligen sich die Medienhäuser an der Reinigung von Trams und Haltestellen sowie an den Kosten für Aufklärungskampagnen gegen Littering. Laut Bukowiecki wollen die Städte künftig auch die Zigarettenindustrie in die Pflicht nehmen. Doch die Vertreter von Detailhandel und Take-away-Geschäften wehren sich gegen das Etikett des «Verursachers». In Bern kämpften Ladenbesitzer der Innenstadt gegen eine Sondergebühr, die ihnen von der Stadtverwaltung für die Müllbeseitigung auferlegt wurde. Ihr Argument: Nicht der Handel sei Verursacher des Littering-Problems, sondern der Konsument selbst. Das kantonale Verwaltungsgericht hat eine entsprechende Regelung im Stadtberner Abfallreglement letzte Woche für ungültig erklärt. Das Berner Urteil werfe den Städten «einen Knüppel zwischen die Beine» bei der Suche nach einer Lösung des Problems, sagt Bukowiecki, der sich auf Bundesebene für die Interessen der kommunalen Infrastrukturen einsetzt. Falls sich keine andere Lösung finden lasse, sagt Bukowiecki, sei eine vorgezogene Entsorgungsgebühr auf Verpackungen – wie man sie von der Recyclinggebühr auf Elektrogeräte her kennt – eine mögliche, aber drastische Massnahme. Die Realisierung einer solchen Gebühr wäre laut Bukowiecki jedoch «unendlich komplex».

Angriff auf Behinderten-Institutionen
Der Direktor des Bundesamts für Sozialversicherungen, Yves Rossier, kritisiert die Separation von auffälligen Kindern an den Schulen. Bei ausländischen Kindern grenze diese an Apartheid.
Stefan Bühler
GEORGIOS KEFALAS / KEYSTONE

..................................................................................

..................................................................................

Die Euphorie ist verflogen. Nachdem landauf, landab Kleinklassen geschlossen wurden mit dem Ziel, verhaltensauffällige und behinderte Kinder in Regelklassen zu integrieren, kehrte 2010 der Wind: Im Kanton Zürich scheiterte Erziehungsdirektorin Regine Aeppli mit ihrem ehrgeizigen Konzept zur Integration der Sonderpädagogik in Regelschulen am Widerstand von Schulbehörden, Lehrern, Behinderten- und Elternorganisationen. Und im Oktober präsentierte die SVP ihr Bildungs-Papier. Darin fordert sie «den sofortigen Stopp der Auflösung von Sonderklassen und Kleinklassen». Nun mischt sich Yves Rossier in die Debatte, Direktor des Bundesamts für Sozialversicherungen und damit Chef der Invalidenversicherung (IV). Die Position der SVP bezeichnet er rundweg als «Irrtum». Die Integration führe «nicht zu schlechten Schulen, sondern vielmehr zu einem besseren Ergebnis für alle Kinder». Rossier geht mit dem heutigen System hart ins Gericht: «Die Schweiz hat das segregativste Schulsystem Europas.» Jedoch mit riesigen Unterschieden: «Geht ein Kind im Tessin in die Regelklasse, gilt das gleiche Kind in Baselland als behindert und wird gesondert geschult.» Er wirft Schulen und Institutionen vor, sie würden nach eigenen Bedürfnissen entscheiden: «Die Beurteilung geht nicht vom Kind aus, sonst hätten wir überall etwa die gleiche Quote», argumentiert Rossier. «Es kann niemand ernsthaft behaupten, dass es in Baselland viermal mehr behinderte Kinder gibt als im Tessin.» (vgl. Grafik) Noch krasser sei es bei ausländischen Kindern: «Das Risiko für ausländische Kinder, separiert zu werden, ist überall höher – das riecht nicht nur nach Segregation, sondern nach Apart-

von störenden und schwierigen Kindern entlasten wollen. Eltern, die nicht wollen, dass ihr Kind mit einem verhaltensauffälligen Kind zur Schule gehen muss. Und die Behinderten-Institutionen, die um ihre Pfründen fürchten. «Wenn wir mit der laufenden IV-Revision von der Wirtschaft fordern, Behinderte in den Arbeitsmarkt zu integrieren, das aber nicht einmal in der öffentlichen Schule schaffen, die keinem Konkurrenzdruck ausgesetzt ist, haben wir ein Glaubwürdigkeitsproblem.» Rossier erläutert einen Vorschlag, den er kürzlich in der «Tribune de Gen`ve» skizziert hat: Sonderpäde agogen, «die es sicher braucht», sollen

Demonstration gegen Dick Marty angekündigt
Am Dienstag debattiert der Europarat über den Bericht von Dick Marty zum angeblichen Organhandel der kosovarischen Befreiungsarmee. Albaner rufen zu Protesten in Strassburg auf.
Heidi Gmür
..................................................................................

..................................................................................

Yves Rossier
«Besser für alle Kinder»: Unterricht in der Regelklasse. (Movelier, 17. Juni 2008)

Enorme Unterschiede
Anteil der Schüler in Sonderklassen nach Kantonen
8% 7 6 5 4 3 2 1 0

«Sonderschüler von heute sind IV-Rentner von morgen», sagt der Chef des Bundesamts für Sozialversicherungen.

BL AG SG SO SH BE LU TG NE AI SZ BS GL JU VD ZH UR ZG GE NW GR OW FR VS AR TI*
* Der Kanton Tessin kennt keine Sonderklassen

Quelle: Bundesamt für Statistik

heid», sagt er: «Staatszugehörigkeit wird zur Behinderung.» Rossier zieht den Nutzen von Sonderschulen grundsätzlich in Zweifel: «Durchlaufen Kinder eine Laufbahn in den Institutionen, haben sie später riesige Probleme bei der Eingliederung in den Arbeitsmarkt.» Sie seien nur Kleingruppen gewohnt, würden die Codes der Arbeitswelt nicht kennen: «Der Weg von der Sonderschule führt

viel zu oft in die geschützte Werkstatt», sagt der SozialversicherungsChef: «Sonderschüler von heute sind IV-Rentner von morgen.» Dies sei nicht allein das Problem der Schulen, sondern ein gesellschaftliches Problem. Denn viele Kräfte machten sich für die Separation stark: Eltern, die sich für ihr behindertes Kind einen möglichst geschützten Rahmen wünschen. Öffentliche Schulen, die sich

statt in Heimen in öffentlichen Schulen arbeiten. «Wollen wir, dass sich behinderte Kinder in der Mitte der Gesellschaft bewegen können und nicht an den Rand gedrängt werden, sind Sonderinstitutionen der falsche Weg.» Beim Heimverband Curaviva reagiert Markus Eisenring, Bereichsleiter für Kinder- und Jugendheime, skeptisch: «Es ist niemand gegen Integration, aber als Ideologie funktioniert sie nicht.» Sowohl die grundsätzliche Ablehnung durch die SVP wie Rossiers Ansatz führten nicht zum Ziel: «Es braucht Integration in den Regelschulen und gesonderte Betreuung in den Institutionen.» Dass Sonderschulen nach wie vor eine Berechtigung haben, zeigen laut Eisenring «die vielen Anfragen für die Placierung von Jugendlichen und Kindern». Die Institutionen stellten sich zunehmend in den Dienst der Integration. So führe der Weg zur Integration «oft über eine befristete Separation», sagt Eisenring. Klar ist für ihn: «Als Sparmassnahme taugt die Integration nicht. Wollen wir Integration an Schulen fördern, müssen wir zuerst einmal investieren.»

«Unsere Freiheit ist verdient, verteidigt sie!» – unter diesem Motto werden Albaner im Internet aufgerufen, am nächsten Dienstag in Strassburg gegen den Tessiner FDP-Ständerat und Europarat-Berichterstatter Dick Marty zu demonstrieren. Denn voraussichtlich am Dienstag berät der Europarat Martys Bericht über Kosovo. Es soll auch eine Petition eingereicht werden, die UCK-Veteranen und andere Organisationen Anfang Januar lanciert haben. Laut Online-Berichten haben sie innert wenigen Tagen über 200 000 Unterschriften gesammelt. Mit der Petition fordern sie den Europarat auf, Martys Bericht zurückzuweisen. Mit Spannung erwartet wird zudem die Rede des albanischen Premierministers Sali Berisha vor dem Europarat, die für Donnerstag traktandiert ist. Im Bericht wirft Marty der kosovarischen Befreiungsarmee UCK und dem heutigen Premierminister Hashim Thaci kriminelle Machenschaften vor. Schwer wiegt der Vorwurf, man habe Ende der neunziger Jahre Leute deportiert und erschossen, um ihnen Organe zu entnehmen und diese zu verkaufen. Die zuständige Kommission des Europarats hat Martys Bericht bereits im Dezember verabschiedet; sie verlangt insbesondere eine Untersuchung der Vorwürfe durch die Justizbehörden. Der Bericht hatte in Kosovo und Albanien heftige Reaktionen ausgelöst. Thaci verglich Marty mit Joseph Goebbels, Berisha schimpfte ihn einen Rassisten. Es ist ungewiss, ob Marty mit dem Interview, welches das albanische Nachrichtenportal albinfo.ch in der Schweiz initiiert hat und das im kosovarischen Fernsehen ausgestrahlt wurde, die Wogen etwas glätten konnte.

Sign up to vote on this title
UsefulNot useful