Außer Spesen nichts gewesen

© Christof Wahner 2011 Gibt es ein Leben vor dem Tod? Renommierte Krebsforscher sagen klipp und klar: Nein. Aber wieso? In letzter Konsequenz hängt die Antwort ganz von der jeweils gewählten zeitlichen Perspektive ab und – völlig sachlich betrachtet – von der jeweils favorisierten Definition, was unter 'Leben' zu verstehen ist. Übrigens gibt es da noch einen sehr bedeutsamen Faktor: Wir stehen alle unter Drogen, egal ob unter körpereigenen oder äußerlich zugeführten. Und wir alle brauchen uns nicht einbilden, dass wir unsere Situation zureichend überblicken können, solange wir keine herausragende Machtposition inne haben. Machtrausch hebt nämlich die Wirkung von Drogen auf – nach der Regel Minus mal Minus ergibt Plus. Ghadhafi mag ja schon ein wenig durch den Wind geschossen sein, aber wo er recht hat, hat er recht. Dieser Typ hat wenigstens noch waschechte Eier, Eier aus Bodenhaltung, Eier von glücklichen Kühen. Wegen den erwähnten Drogen und dem dadurch bedingten Mangel an Intelligenz würde zum Beispiel hier niemand merken, wenn ich mir mit Geldgeschenken die Sympathie des Publikums erkaufen würde, genauso wie die wenigsten Leute Parfümwerbung, Quiz Shows und Olympische Spiele von politischer Propaganda unterscheiden können, was allerdings im Grunde insgesamt auf das gleiche hinaus läuft. Calvinistische, schiitische und sonstige Fundamentalisten pflichten den Krebsforschern einhellig bei: Geld regiert die Welt, auch wenn es nur um solche lächerlichen Summen geht wie auf dieser Bühne. Aber in der Krebsforschung geht es – ebenso wie z.B. im Erdölgeschäft – zu mehr als 90 Prozent um die Erforschung der Verfügbarkeit und Wandelbarkeit stattlicher Geldsummen, während der restliche Teil der wertvollen Forschungskapazitäten für humanmedizinischen Hippiescheiß zweckentfremdet wird. Übrigens leitet sich das Wort Hippie von Hippokrates ab. Das war irgend so ein ideologisch verblendeter und restlos naiver Medizinfuzzi, der seiner ungeprüften Hypothese verfallen war, dass Schlaf die beste Medizin sei. Auf so eine Schnapsidee kommt wirklich nur ein Penner im wahrsten Sinn des Wortes. Gelegentlich kommt heute noch der so genannte "hippokratische Neid" zur Sprache, wenn man in dezenter Weise zum Ausdruck bringen möchte, dass Hippokrates auf die heutigen Mediziner so neidisch wäre wie dieses ganze Hippievolk heute – und zwar sowohl in finanzieller Hinsicht als auch bezüglich der Tatsache, wie schnell und spielerisch man als Mediziner einen Doktortitel angehängt bekommt. Es dürfte wesentlich zum Verständnis von Krebsforschung beitragen, wenn man weiß, dass sich das Wort Krebs im Medizinerslang weniger auf die als Meeresfrüchte geschätzten Krustentiere bezieht, sondern soviel bedeutet wie "finanzielle Ressource", ähnlich wie das volkstümliche Wort Kröte. Außerdem sind beide Tiere Reptilien, wie auch die Natter im Symbol des griechischen Gottes der Heilkunst, Asklepios. Das Symbol der Heilkunst – der von einer Natter umschlungene Stab – wird wegen seiner Form sehr leicht mit dem Dollarzeichen verwechselt und inzwischen sogar mit diesem gleichgesetzt, seit man aus rein praktischen Gründen eine der drei Windungen der Schlange weg rationalisiert hat. So wurde das medizinische Helfersyndrom im Lauf der Jahrhunderte durch die Praxisgebühr ersetzt, ebenso wie man ernsthaft darum bemüht ist, effiziente Behandlungen (z.B. Therapie mit Aminosäuren, Vitaminen und Mineralstoffen) möglichst vollumfänglich durch kostspielige Behandlungen zu ersetzen, weil eben keine Sau von dem alternativen Hippiescheiß irgendeinen Nutzen hat, während die sowieso schon zur Genüge gebeutelten Pharmakonzerne systematisch ausbluten. Deswegen muss man alle möglichen therapeutischen Nebenwirkungen in quantitativer und qualitativer Hinsicht steigern, um in rein wissenschaftlichem Interesse die Überlebensfähigkeit der Patienten auszutesten, noch bevor sie dann im Endstadium ihrer Erkrankung auf die Erkenntnis kommen: "Außer Spesen nichts gewesen." Wo wir nun schon gerade bei der Ökonomie sind, sollten wir bei dieser Gelegenheit die ursprüngliche Frage "Gibt es ein Leben vor dem Tod?" ruhig einmal auch noch aus ökonomischer Sicht betrachten: Aus der Perspektive der Managementkonzepte gibt es nur eine Antwort: "Management by Helicopter".

Das heißt: (1) bei unangemeldeten Stippvisiten mit viel Medienspektakel jede Menge Staub aufwirbeln, (2) durch so genannte 'Eskalation' jede Menge Sand ins eigentlich funktionstüchtige Getriebe bringen, (3) in ebenso rührseliger wie polemischer Weise unproduktive Kommentare zur Hoffnungslosigkeit der gesamten Lage abgeben, und (4) anschließend mit wehenden Fahnen das sinkende Schiff verlassen. Da kommt Leben in die Bude. Da rollt der Rubel und die Aktionäre und Topmanager freuen sich über all die wertschöpfenden Aktivitäten – zumindest so lange bis die nächste Marktblase auftaucht, wenn wieder einmal diese unverbesserlichen Spielverderber konstatieren: "Außer Spesen nichts gewesen". Die anthropologische Antwort auf die Frage "Gibt es ein Leben vor dem Tod?" wäre folgende: Nun, der Mensch mag die Krone der Schöpfung sein. Aber diese Krone sitzt auf dem fast vollständig durchgefaulten Zahn der Zeit, der an uns nagt – das ist übrigens ein so genannter stilistischer Bildbruch – bis wir zu desorientierten Suchtkrüppeln verkommen, die sich vom Regen in die Traufe retten und sogar kläglichste Niederlagen zu Heldentaten umlügen, bis sich auch die dicksten Balken vor Lachen biegen. Bevor ICH aber hier auf dieser Bühne irgendeine Niederlage erleide, verrecke ich lieber noch qualvoll als Märtyrer der Poesie. So erwarte ich nun wie Don Carlos voller Freude, "der Beleidigte zu sein, denn Unrecht leiden schmeichelt großen Seelen". Diese Passage habe ich übrigens von Friedrich Schiller abgeschrieben. Aber keine Sorge, der hat bestimmt auch einiges von anderen Leuten abgeschrieben. Abschreiben ist gar nicht so schlecht wie es einem in der Schulzeit ständig ein- und ausgeredet wurde. Man kann sogar das gesamte Leben abschreiben, sofern überhaupt ein solches vor dem Tod existiert. Diese Tradition teilt die Lebensjahre in vier Jahreszeiten ein: Es beginnt mit der Frühjahrsmüdigkeit, die oft nahtlos ins Sommerloch übergeht und über die Herbstmelancholie in die Winterdepression mündet. Dies wird aber noch nicht einmal ansatzweise durch feiertägliche Konsumorgien abgemildert, sondern eher noch gefördert, weil eben dadurch die Erkenntnis zu Tage tritt: "Außer Spesen nichts gewesen." Die Frage "Warum lebe ich?" lässt sich für die meisten Fälle damit beantworten, dass ein Mann und eine Frau unter tödlicher Langeweile gelitten haben und/oder weil Elektrizität bzw. Heizung ausgefallen war. Auch die Frage nach dem Sinn des Lebens lässt sich sehr leicht beantworten: nämlich um zu sterben. Frei nach René Descartes kann man sagen "Ich sterbe, also bin ich". Dieser Mister Descartes übrigens hat am liebsten von Leuten abgeschrieben, die aus kulturell-ideologischen Gründen 'abgeschrieben' worden waren, z.B. vom lieben Herr Abu Hamid Muhammad al-Ghazali, der im 11. Jahrhundert an der damals weltberühmten Uni in Baghdad Philosophie und Theologie unterrichtete, bis er schließlich die Bahn brechende Erkenntnis hatte, dass ein Leben im Wohlstand allzu schnell nach dem Motto verläuft "Außer Spesen nichts gewesen". Weil er offenbar den Sinn der altbekannten schwäbischen Weisheit "Was nix kost, is nix wert" einfach nicht so recht verstehen wollte, schickte er sich konsequenterweise selber in die Wüste, aber ohne vergoldeten Fallschirm und ohne Karawane. Und nun die große Moral von dieser kleinen Geschichte: Warum sollte man einfach leben wollen, wenn man ebenso gut auf komplizierte Weise sterben kann? So freut euch über sämtliche Zivilisationskrankheiten, denn sie ebnen den Weg zu der einzig wahren Erlösung. So freut euch, ich sage, freut euch über Feinstaub, Zigarettenrauch, Elektrosmog, Dioxin, Ozon, Drogenabhängigkeit, therapieresistente Krankheitserreger, Impotenz, Schnarchen, Haarausfall, Osteoporose, Allergien, Krebserkrankungen, Diabetes, allerlei Milch- und Sojaprodukte, die eben diese Krankheiten fördern, Ess-, Verdauungs- und Stoffwechselstörungen aller Art, Persönlichkeitsstörungen aller Art, Demenz, Arteriosklerose, Bandscheibenprobleme, Bewegungsarmut, optische und mentale Kurzsichtigkeit, massive Informationsüberflutung, neurotische Entscheidungsunfähigkeit, Depression, Mobbing, Anonymität und Isolation, Verarmung durch Hartz IV, geistig-seelische Verarmung, Egomanie, Sinnlosbürokratie, Machbarkeits- und Größenwahn, Spekulation, Korruption, Wohlstandsverwahrlosung, Gaffertum, ausgeprägtes Achselzucken, fetischistische und materialistische Orientierungen aller Art, himmelhoch prunkende Elfenbeintürme und Ideologien aller Art wie zum Beispiel:

Positivismus: eine Orientierung, die im Grunde gar nicht so positiv ist und eher Negativismus genannt werden müsste, weil dadurch alles, was nicht nachgewiesen bzw. dokumentiert ist, als Hirngespinst gilt Genetizismus: der Irrglaube, dass alles Wohl und Weh bei Lebewesen genetisch vorprogrammiert ist – wobei diese Ansicht gerne in der Dittsche-Manier vorgetragen wird: "Es is alles reiiin geneeetisch!" – und dass allein statische Auffassungen über die menschliche Natur Gültigkeit beanspruchen können: "Dafür muss man halt einfach geboren sein." oder "Sein IQ ist 89, daran wird sich nichts mehr ändern." Monismus: der Irrglaube, dass es nur eine entscheidende Sache im Leben gibt, während alles andere zur absoluten Nebensache oder zur absoluten Tabuzone erklärt wird: Monokulturen, Monomanien, Monogamie, Monotheismus, Monarchien, Monopole, Monologe, monokausale Erklärungsansätze Rationalismus: der Irrglaube, dass es überhaupt nur ein einziges Endziel geben kann und dass aller Fortschritt darin besteht, für sämtliche komplizierten Problematiken eine simple Endlösung zu finden bzw. Proforma-Statistiken zu erfinden, um schrullige Phantasien über die Wirklichkeit zu untermauern Dualismus: der Irrglaube, dass immer nur ENTWEDER ODER existieren kann und nichts dazwischen, dass also die ganze Welt in entscheidender Hinsicht gespalten ist in Gut und Böse, Sein und Nichts, Subjekt und Objekt, Geist und Materie, Ursache und Wirkung, männlich und weiblich, und so weiter Pluralismus: die Überzeugung, dass die Menschen am besten nabeneinander her leben und jeder am besten seinen eigenen Brei macht, weil es sowieso keine verbindlichen Wahrheiten im Leben gibt Individualismus: ein besondersartiger "Dualismus" zwischen Individuum ODER Gesellschaft, der oft aus übermäßigem Konformitätsdruck resultiert und über die Hintertür den Konformitätsdruck verstärkt Sexismus: der Irrglaube, dass Männer und Frauen so unterschiedlich sein müssen, dass die einzig vernünftige Lösung in konsequenter Geschlechtertrennung und präziser Stereotypisierung besteht, bis man sich über homosexuelle Exzesse und über gesellschaftliche Zerfallserscheinungen wundert Kreationismus: der Irrglaube, dass die ganze Welt in sechs Werktagen erschaffen worden sein soll, während zwangsläufig unklar ist, wie viele Arbeitsstunden ein Werktag wohl gehabt haben muss und ob Gott am siebten Tag einen Burnout hatte, nachdem sich durch das pausenlose Herumwerkeln die Fehlerquote zunehmend erhöht hatte Fatalismus: die Überzeugung, dass man im Leben sowieso nur verlieren kann, und dass es dabei zwei Varianten gibt: (1) in Würde zu verlieren, indem man sich heldenhaft bis zum allerletzten Atemzug ins Zeug legt, oder (2) von Anfang an die Hände in den Schoß zu legen, weil ja sowieso alles nichts bringt Modernismus: der Irrglaube, dass neue Klamotten viel praktischer sind und dass sich zwangsläufig alles immer weiter entwickelt, dass die Menschen früher gar nicht so viel Ahnung gehabt haben können und dass sie dafür immer wieder erstaunlich gut überlebt haben, aber dass man sich eben von alten Zöpfen trennen muss, auch wenn weder in der Substanz noch im Erscheinungsbild irgendein Mangel erkennbar ist, um möglichst viel Platz für modernen Kultschnickschnack zu machen Traditionalismus: der Irrglaube, dass in früheren Zeiten immer alles besser gewesen sein muss als heutzutage, und dass man Traditionen auf keinen Fall kritisch hinterfragen darf, wenn man vermeiden will, dass die Welt mit Pauken und Trompeten oder – noch schlimmer – sang- und klanglos untergeht Fetischismus: die Überzeugung, dass die eigene Glückseligkeit von speziellen Phänomenen abhängt, die dadurch attraktiv werden, dass sie exotisch, verboten, primitiv oder 'abgefahren' sind, während in den schlimmsten Fällen ein solches Verhältnis zur Welt als 'absolut normal' betrachtet wird Perfektionismus (= Vollkommenheits-Fetischismus); jedes zwanghafte Bestreben, dass letztendlich dazu führt, dass man den Weg zum individuellen beziehungsweise kollektiven Tod perfektioniert, und zwar aus der höllischen Angst, dass bereits der allerkleinste Makel die "Jungfräulichkeit des Lebens" aufs Spiel setzen könnte

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