tun & lassen Nr. 292, 23. 2. - 8. 3.

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Ex-Strafverteidigerin beobachtete für den Augustin die Gerichtsfarce von Wr. Neustadt
Wer sabotiert hier die Justiz?
Sonja Arleth, die Richte-
rin im Wiener Neustädter
Tierschützerprozess, lässt .
sich durch die Bestimmun-
gen der Strafprozessord-
nung und der Menschen-
rechtskonvention in ihrer
Prozessführung nicht einen-
gen. Wie für Petra Velten vom
Institut für Strafrechtswissen-
schaften an der Uni Linz ist auch
for die ehemalige Rechtsanwäl-
tin und Strajverteidigerin Ka-
tharina Rueprecht das Verfah-
ren zur Farce geraten. Für den
Augustin beobachtete Rueprecht
das «permanente Unterlaufen
der Verteidiger-Rechte» durch
Frau Arleth.
I
eh würd' Sie bitten, nicht
« immer Paragrafen zu zitie-
ren, weil das sinnlos i s t ! ~ So ~
weist die Richterin die Verteidige- ~
rInnen im Tierschützerprozess zu- !
recht. Diese haben es ohnehin schon ~
bemerkt: Das Zitieren von gesetzli-
chen Bestimmungen zur Durchset-
zung ihrer Rechte in diesem Verfah-
ren ist tatsächlich sinnlos. Sie tun
es für das Protokoll, vermute ich.
Damit alles festgehalten ist, für den
Fall, dass der Europäische Gerichts-
hoffUr Menschenrechte einmal dar-
über zu befinden hat, ob das Gebot
des fairen Verfahrens nach der Men-
schenrechtskonvention eingehalten
wurde oder nicht.
Das Recht der Verteidigung, Fra-
gen an die Zeugen zu stellen, ist in
der Strafprozessordnung und in
Artikel 6 der Menschenrechtskon-
vention normiert und steht in Ös-
terreich damit in Verfassungsrang.
Gerade dieses Recht wird von der
Richterin permanent unterlaufen,
indem sie Antworten auf die Fra-
gen verhindert. So ließ sie die ver-
deckte Ermittlerin auf die Fragen
der Verteidigung meistens nicht
antworten, sondern las stattdessen
selbst aus dem Akt vor. Und zwar
lange. Seitenweise. Was einmal vom
Publikum mit dem Zwischenruf
~
Wenn ein Mann wie Ex-Minister Grasser frei herumläuft und Tierrechtsaktivis-
tinnen kriminalisiert werden, wachsen in Wien solche Sprüche •••
«Prozessverschleppung» quittiert
wurde.
Dies machte die Richterin etwa
bei jeder zweiten Frage. Es war läh-
mend. Ich konnte jedenfalls über-
haupt nicht erkennen, was die-
se endlos langen Vorlesungen aus
dem Gerichtsakt für einen Sinn ha-
ben sollten.
Oder sie unterbrach die Fragen mit
den Worten f(Sagen Sie konkret, wo-
rauf Sie Bezug nehmen» oder f(Das
ist nicht relevant» oder «Das hat-
ten wir schon». Einmal erklärte sie,
sie sei verpflichtet, Wiederholungen
nicht zuzulassen, was mir neu war.
Dazu ist zu sagen, dass sich oft erst
durch eine nachfolgende Frage er-
gibt, worauf eine Frage abzielt, oder
erst durch eine Folge von Fragen.
Dabei wird etwa in den ersten ein
bis zwei oder drei Fragen mitunter
bereits Aktenkundiges wiederholt,
um die Zeugin oder den Zeugen zu
einem ganz bestimmten Punkt hin-
zuführen, und erst dann wird eine
Frage gestellt, deren Beantwortung
möglicherweise einen Widerspruch
zu den auf die vorangehenden Fra-
gen gegebenen Antworten beinhal-
tet. Diese Aneinanderreihung von
aufeinander abgestimmten Fragen
gehört zum Handwerkszeug jeder
Verteidigung und ist aus den Ge-
richtsfilmen wohlbekannt. Die Rich-
terin in diesem Prozess ließ eine An-
einanderreihung von Fragen jedoch
so gut wie gar nicht zu.
Eine «Unschädlichmachung des
Fragerechts»
Manchmal hat sie auch noch auf
andere Weise den Fragenfluss un-
terbrochen, etwa indem sie sag-
te: «Langsam, langsam. damit sich
die Zeugin darauf einstellen kann»,
oder: «Sie müssen schon vorsichtig
sein bei der Befragung, damit Sie
sich nicht auf ein Gebiet begeben, zu
dem die Zeugin nichts sagen kann»,
oder auch indem sie den Wortlaut
der Frage umformulierte und selbst
fragte.
Petra Velten, Vorständin des In-
stituts für Strafrechtswissenschaf-
ten an der Uni UnI, hält ihre Ein-
drücke in einem Aufsatz im Journal
für Strafrecht 2010/6 fest. Nachfol-
gend gebe ich einige Passagen da-
von wieder.
Am 13. 12.2010 nahm ich an ei-
ner Einzelrichtersitzung am Landes-
gericht Wiener Neustadt teil - und
traute meine Augen und Ohren nicht.
Obwohl ich als ehemalige Strafvertei-
digerin so einiges gewöhnt bin, hätte
ich das, was sich am Landesgericht
Wiener Neustadt ereignete, nicht für
möglich gehalten ... Zur Vernehmung
eines Zeugen schreiben die §§ 248
Abs. 1, 161 Abs. 2 der Strafprozess-
ordnung vor; dass der Zeuge nach der
Vernehmung zur Person um eine zu-
sammenhängende Darstellung seiner
Wahrnehmungen zu ersuchen ist. Ob
die Richterin diese Vorschrift kann-
te, bezweifle ich. Sie leilete die Ver-
nehmung durch einen Katalog von
Fragen. die der Zeuge meist nur mit
einem Satz, oft sogar bloß mit ja be-
antworten konnte. Dieses enge Fra-
genkorsett wurde nie verlassen ...
Die Richterin unternahm nicht ein-
mal den Versuch (man war geneigt
zu mutmaßen: Sie ging nicht erst
das Risiko ein), zu erfahren, was der
Zeuge aus eigenem Wissen erzählen
würde ... Sodann durfte der Staats-
anwalt fragen - ungehindert, unmit-
telbar und kontinuierlich ... Darauf
folgte das krasseste Beispiel für den
vieldiskutierten Schulterschlusseffekt,
das ich je in der forensischen Praxis
erlebt habe. Als die Verteidiger und
Verteidigerinnen mit ihrer Befragung
begannen, wurden sie zunächst da-
rüber belehrt, dass sie sachlich und
ohne Emotionen zu fragen hätten.
Fortsetzung auf Seite 8
8
Nr. 292, 23. 2. - 8. 3. 2011
FQrtsetzung von Seite 9
Der Zeuge wurde darüber unterrichtet, dass zuerst die
Richterin über die Zulässigkeit der Fragen befinde, bevor
er sie beantworten müsse. Vielleicht trifft es diese Beleh-
rung besser. wenn man sie als Warnung an den Zeugen
charakterisiert, nicht voreilig zu antworten, bevor die
Frage nicht die Vorzensur durch das Gericht erfolgreich
passiert habe. Das nahm im Folgenden groteske Formen
an, die auch das Publikum - zu dem keineswegs nur Un-
terstützeT der Angeklagten zählten - nicht unberührt lie-
ßen. Bei vielen, vor allem bei jenen, die zum ersten Mal
diesen Prozess miterlebten, war Fassungslosigkeit zu be-
merken. Viele lachten, um nicht weinen zu müssen ...
Die Unterbrechungen liefen auf eine .Unschädlich-
machung» des Fragerechts hinaus. Hätte es etwas gege-
ben, was dem Zeugen hätte entlockt werden können, so
hat das Stör/euer an Unterbrechungen und Zurückwei·
sungen der Fragen dies gründlich unterbunden. Dass die
VerteidigerInnen gleichwohl weitgehend die Contenance
bewahrten, war bewundernswert ... Das Verfahren mag
eine Ausnahrneerscheinung sein (das wäre sehr zu hof-
fen). Mir scheint aber doch deutlich zum Ausdruck ge-
kommen zu sein, dass eine österreichische Richterin (irr-
tümlich) glaubt, sich nicht fürchten zu müssen, in aller
Öffentlichkeit mit den Angeklagten und ihren Verteidi-
gern so zu verfahren, als wären sie Saboteure. Was den
Zuschauern dabei die Sprache verschlug, war die Un-
verfrorenheit, mit der sich die Richterin als Instanz ver-
stand, die darüber befinden darf, welche Verteidigungs-
aktivitäten sie zulässt und welche nicht ...
Der feige Anschlag auf die Damentoilette
Seitdem Frau Prof. Velten an der Verhandlung
nahm, sind mehr als zwei Monate vergangen.
sehen hat einer der Angeklagten einen aus hundert
Punkten bestehenden Antrag auf Ausschließung der
Richterin eingebracht, und zwar mit der Begründung,
dass Zweifel an ihrer vollen Unvoreinge·
nommenheit und Unparteilichkeit bestehen)). Der Vor·
trag dieses Antrages dauerte gute drei Stunden. Unter
anderem wird darin die systematische Beschneidung
des Fragerechts und der Verteidigungsrechte gerügt.
Oder, dass die Richterin selbst Anzeige erstattet hatte,
weil sie sich als das Opfer einer Straftat fUhlt: Auf der
Damentoilette des Gerichts soll jemand geschrieben
haben, die Richterin habe sich kaufen lassen. (Die von
ihr erstattete Strafanzeige hat die Richterin damals in
der Verhandlung verlesen.)
Die Richterin entscheidet über den Antrag auf Aus·
schließung der Richterin selbst und weist ihn erwar·
tungsgemäß ab: «Es liegen keine Gründe vor, die Un·
voreingenommenheit in Frage zu stellen.» Sie sei dafür
verantwortlich, keine Fragen zu erlauben. die nicht
der Erörterung. sondern nur der Verfahrensverzöge·
rung dienen.
In diesem Verfahren stehen dreizehn Personen we·
gen angeblicher Mitgliedschaft in einer ktiminellen Or-
ganisation vor Gericht. Der Strafrahmen beträgt sechs
Monate bis fUnf Jahre. Wenn die Sache fUr die Ange-
klagten nicht so bitterernst wäre, würde ich sagen. das
Verfahren ist vollends zur Farce geraten. I

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