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Franz Kafka (1883-1924): Der Prozess von der Familie zu lösen ,nd ,-,,]" eigene zu bilden, ist wohl ein Gruncl ftir Schuldge-
Alle Deutungsbemühungen richten sich im Grunde genommen auf die Frage: Was ist fühle des Autors, der im Roman sich eine strafe phantasiert, ja sich sogar einer Hin-
mlt diesem merkwürdigen Gericht gemeint? richtung aussetzt.
K.s Schuld bzw. die Frage danach, ob er denn überhaupt schuldig ist, und wenn ja, In seinen Tagebuch-Aufzeichnungen sieht Kafta sich jedenfalls sowohl selbst vor
worln denn diese Schuld besteht, hängt von der Antwort auf die Frage ab, was denn Gericht gezogen als auch selbst als Richter. Insofern könnte die Ambivalenz mancher
das Gericht ist. Doch die Reihenfolge der Überlegung kann auch umgedreht werden: Situationen im Roman eine sein, die lm Leben des Autors, in seiner Sicht des Lebens
ihre Entsprechung findet. Man darf dabei nicht vergessen, dass lm ludentum die Ehe
Viele Interpreten erörtern zunächst K.s Schuld und schließen dann von dieser auf das
einen anderen Stellenwert hat als im Christentum. Im Christentum steht das mönchi-
Gericht.
sche Ideal der Keuschheit höher als die Ehe, im ludentum ist es umgekehrt: Nur der
Der Dichter stiftet Unordnung - ein Buch soll sein >wie ein Beil für das gefrorene
Mann, der eine Familie gründet und Kinder zeugt - vor allem Knaben -, hat das Le-
Meer in uns<, wie Kafka das einmal formulierte ...
bensziel erreicht.
Stationen eines üblichen Gerichtsverf,ahrens: 1. Vergehen oder gar Verbrechen, 2.
Versuche, alle Details des Romans auf pure Biografie zurückzuftlhren, müssen als zu
Schuld,3. Verhaftung,4. Verhör, 5. Anklage,6. Verteidigung, T. Gerichtsverhandlung,
eng abgelehnt werden.
8. Urteil, 9. Revislon, 10. Bestätlgung des Urteils, 11. Vollstreckung des Urteils.
Dennoch sind biografische Details wichtig ...
Kafta beginnt seinen Roman erst mlt der 3. Station, der Verhaftung. Eine Schuld
wird von K. immer bestritten. Doch auch die Verhaftung, die erzählt wird, ist keine
2.1 Entstehung und Niederschrift des Romans
rechte Verhaftung - K. kann weiterhin in der Bank arbelten -, auch das Verhör vor Um den 11. August 1914 begann Franz Kafka die Niederschrift seines Fragment ge-
dem Untersuchungsrichter lst kein rechtes Verhör, K. hält dort eine Art Anklagerede. bliebenen Romans Proceß (Kafka schreibt so).
Eine Anklage gegen K. wlrd nicht bekannt. Verteidigung spielt keine Rolle, wie Huld Seine Arbeit - er hat täglich von B bis 14 Uhr Büro-Dienst in der Arbeiterunfallversi-
sagt; eine Gerichtsverhandlung findet nie statt, ein Urteil wird nicht bekannt, so dass cherung, in der er als lurist angestellt ist - hindert ihn beim Schreiben seines Werkes,
auch keine Berufung dagegen eingelegt werden kann. Doch da das Urteil vollstreckt aber nicht nur seine Arbeit. Hier einige ftir die Entstehung des Romans wichtige Tage-
wlrd, muss es auch gefällt worden sein. Denn das einzlg Gewisse im ganzen Prozess- buch-Eintragungen in chronologischer Reihenfo lge :
verlauf ist das Ende: die Hinrichtung. Um so mehr fragen wir uns, was denn auf den 15. August 1914 >Ich schreitre seit ein paar Tagen, möchte es sich halten. So ganz geschützt
nicht eindeutig erzählten oder gar nlcht erzählten Stationen des Prozesses geschehen und in die Arbeit eingekrochen, wie ich es vor zwel Jahren war, bin ich heute nicht, immerhin habe
seln muss. ich doch einen Sinn bekommen, mein regelmäßiges, leeres, irrsinniges junggesellenmäßiges Leben
Gewiss ist dass dieser Text sich im Grunde gegen eine eindimensionale Deutung hat eine Rechtfertigung. Ich kann wieder ein Zwiegespräch mit mir führen und starre nicht so in
sträubt. vollständige Leere. Nur auf diesem Wege gibt es für mich eine Besserung.<

Am slnnvollsten für jeden Interpreten ist, dass er zunächst einmal die Struktur des 29. August 1914 > ... Ich darf mich aber nicht verlassen, ich bin ganz allein,<
Textes beschrelbt, bevor er seine Deutung anbietet. I. September 1914 >In gänzlicher HilflGigkeit kaum zwei Seiten geschrieben. Ich bin heute sehr
stark zurückgewichen, troEdem ich gut geschlafen hatte. Aber ich weiß, daß ich nlcht nachgeben
1. Textimmanente Deutung dar[, wenn ich über die untersten Leiden des schon durch meine übrige Lebensweis€ nledergehaF
Die textimmanente Deutung könnte man insofern als die Grundlage jeder weiterge- tenen Schreibens in die größere, auf mich viellelcht wartende Freiheit kommen will.<
henden Deutung bezelchnen. Unter textimmanenter Deutung versteht man solche 13. September 1914 >Wieder kaum zwei Seiten. Zuerst dachte ich, dle Traurigkeit über die ös-
Deutungen, die slch mit einer Beschreibung des Textes, seiner Struktur, seinen The- \or der Zukunft (eine Angst, die mir im Grunde lächerlhh
terreichischen Niederlagen und die Angst
men und Motive befassen, aber auch begnügen, Sie gehen nicht darüber hinaus, sie und zugleich infam \orkommt) werden mich überhaupt am Schreiben hindern. Das war es nicht,
fragen nicht nach der Entstehungssituation, den literarischen und sonstigen Einflüs- nur ein Dumpßein, das immer wieder kommt und immer wieder überwunden werden muß.<<
sen. 30. November 1914 >Ich kann nicht mehr welterschreiben. Ich bin an der endgültigen Grenze,
So wichtig elne genaue Beschreibung des Textes ist, so unbefriedigend ist eine In- vor der ich vielleicht wieder jahrelang sitsen soll, um dann vielleicht wieder eine neue, wieder
terpretation, die bei der Beschreibung stehen bleibt. unfertig bleibende Geschhhte anzuhngen. ... Und wie irgendein gänzlich von Menschen losge-
trenntes Tier schaukele ich schon wieder den Hals und milchte versuchen, für die Zwischenzeit
2. Autobiographische Deutung / Psychologischer Deutungsansatz
wieder F.[elice] zu bekommen, Ich wede es auch wirklhh versuchen, falls mich die Übelkeit vor
Dle autobiographlsche Deutung wird oft auch als psychologlscher Deutungsansatz mir selbst nicht daran hindert.<
bezelchnet. In der Famllie und in der Schwierigkeit Kafkas, eine eigene Familie zu
Am 23. und 24.lanuar 1915 traf Kafta Felice Bauer zum ersten Mal seit der Lösung
gründen, llegt sicher ein wichtiger Anstoß zum Roman. Der vergebliche Versuch, sich
der Verlobung wieder. Verlobt hatten sie sich zu Ostern L9t4 (12./73. Aprll) inoffiziell
und offiziell zu Pfingsten 1914 (1. luni), entlobt schon am l'. tuli .,14, Diese Entlo-
)

Vorstellung Gericht und Prozcis? und eine zweite Frage: warum antwortet er auf Le-
bung wird als wichtiger Anstoß zum ProceB betrachtet. Am 28. Juli 1914 trägt Kafta, bensprobleme, die er nicht zureichend lösen kann, mlt dem Schrelben? Er hätte auch
von der Lösung der Verlobung aus Berlin und einer Ferienreise an die Ostsee nach anders antworten können: mit Umzug, Auswandern, Verrücktwerden, Selbstmord.
Prag zurückgekehrt, ins Tagebuch ein: Dwenn lch mich nicht in eine Arbeit rette, bin Zunächst zur ersten Frage: Kafka wird durch drei Lebensbereiche, mit denen er
ich verloren.< Und am 29. Juli schon beginnt er im Tagebuch ein Ezählfragment mit intensiv befasst war, auf die Gerichtsmetapher gekommen sein: (1) durch das Eltern-
>Josef K.<, das als Keim des Romans betrachtet werden kann. Kind-Verhältnis, (2) durch die Jurisprudenz [Studium und Beruf], (3) durch das Ju-
Die Lösung der Verlobung erfolgte in elnem Gespräch im Hotel *Askanischer Hof<< in dentum.
Berlln. Felice Bauer hatte lhre Freundln Grete Bloch und lhre Schwester Erna mitge- zu (1) Eltern strafen und belohnen ihre Kinder; die Eltern slnd die erste Instanz,
bracht, Franz Kafka den Arzt und Schrlftsteller Ernst Weiss. Das Gespräch empfand die ihr Verhalten beurteilt und auf das Verhalten - auch unausgesprochen - durch Lob
Kafka als >Gerlchtshof< : und Tadel reagiert, Der Vater vertritt vor allem innerhalb der jüdischen Familie das
r23. Juli. Der Cerichtshof im Hotel. Die Fahrt in der Drcchke. Das Gesicht F.s. Sie fährt mit den Gesetz: Er llest an den Felertagen aus der Heiligen Schrift vor. Er geht mit den Buben
Händen in clie Haare, gähnt. Raft sich phElich auf und sagt gut Durchdachtes, lange Bewahftes, in die Synagoge. Er kennt das öffentliche Leben, in dem er etwa als Geschäftsmann
fuindsellges. Der Rlickweg mit Fräulein Bl. Das Zimmer im Hotel, die von der gegenüberliegenden eine Rolle spielt. Vergessen wir nicht: Kafka hatte eine jüdische Sozialisation, er ging
Mauer reflektierte HiEe. Auch von den sich wölbenden $itenmauern, die das tielliegende Zim- zur Bar Mizvah (christlich gesprochen: eine Art Konfirmation). Gerade dass der Vater
nerfenster einsch lieflen, kommt H itze. ÜOerO ies Nach mittagsson ne. < Jude war, aber eine Distanz zum ludentum hatte und dem Sohn fast nichts davon
Gllt die Entlobung als ein Anstoß zur Arbeit am Proceßl so gilt der Beginn des 1. vermittelte, frihrte zur Unsicherheit des Sohnes: Der Vater trat zwar mit der Autorität
Weltkrieges als ein anderer. Darüber Kafka im Tagebuch: auf, die keinen Widerspruch duldet, hatte aber das jüdische Gesetz als Legitimation
)31. Juli. Ich habe keine Zeit. Es ist allgemeine Mobilisierung, K und P. sind einberufen. letzt der Autorität nicht mehr hinter sich, seine Anspruche waren nlcht mehr religiös fun-
bekomme ich den Lohn des Alleinseins. Es ist allerdings kaum ein Lohn, Alleinsein bringt nur Stra- diert, so dass diese als willkürlich empfunden wurden. Das eben gilt auch für BegrifFe
fen. Immerhin, ich bin wenig berühftvon allem Elend und entschlossenerals jemals. < wie Schuld, Strafe und Gericht, die normalerweise in der jüdischen Religion verankert
waren.
>6. August. [..] Jch entdecke in mir nichts als Kleinlichkeit, Entschlußunftlhigkeit, Neid und HaB
gegen die Kämpfenden, denen ich mit Leidenschaft alles Böse wünsche. zu (2) Der zweite Lebensbereich lst Franz Kafkas Studium und Beruf. Er war Doktor
der Jurisprudenz, er arbeitete als Jurist in der Versicherung, hatte also vom Studium
... Franz Kafta kann slch aus seiner Familie nicht lösen, sein Ressentiment gegen
an mit Gesetzen, Gesetzesauslegungen und Rechtsfällen zu tun. Er verfasste juristi-
die Mutter, die ihn vernachlässigte, ftlhrt zu einem ambivalenten Verhältnis: Er will
sche Schriftsätze, und seine scharßinnige, spitzfindige Argumentation, wie wir sie
sich von ihr trennen, aber er kann es nicht; er sucht ihre Aufmerksamkeit, aber findet
etwa in den Darlegungen des Advokaten Huld, des Malers Titorelli und des Gefängnis-
sle nicht in gewünschtem Maße. Er hat Trennungsangst und er hat - eben wegen sei-
geistlichen im Proceß-Roman bewundern können, ist sicherlich auch durch dieses jah-
ner Abneigung gegen dle Mutter - Schuldgeftihle.
relange Studium entstanden.
Ohne hinreichendes Selbswertrauen, das vor allem durch elterliche Liebe in früher
zu (3) Der dritte Lebensbereich ist bereits im ersten enthalten: die jüdische Religi-
Kindheit begründet wird, zweifelt er an allem, besonders an slch selbst. In diesen
on. Wir dürfen nicht vergessen, dass Kafta in einem jüdischen Milieu aufwuchs, im
Komplex zieht er nun Felice hinein, an der er auslebt, was durch die familiäre Konstel-
Umkreis des ehemaligen Ghettos, lm Schatten der alten Prager Synagogen. Alle seine
lation entstanden sein dürfte. Durch eine Heirat Felices käme er >vom Regen in die
Freunde waren luden, die meisten bewusste luden. Kafka kannte natürlich die Jüdi-
Traufe<(, von einer schwlerigen Beziehung in die andere, von einer Familie in die
schen Feiertage und deren Bedeutung; manchmal ging er auch in die Synagoge. In
nächste. Er kann nicht mit Felice leben, doch auch nicht ohne sie: Dieser Komplex
dem populären jüdischen Volksbuch >Kav ha-laschar<, das seit seinem ersten Er-
konzentriert sich in selner Vorstellung (>Alleinsein bringt nur Strafen.<, Tagebuch, 31.
scheinen in Frankturt am Main 1705 zwischen dreißig und ftinftlg Neuauflagen erfuhr,
Juli 1914) zu Gericht, Strafe, Verfolgung und Tod. Die durchaus vorhandene Alternati-
findet sich die jüdische Vorstellung vom >Gerichtstag<:
ve, nämlich eln unabhänglger, beruflich erfolgreicher Junggeselle zu werden, wird von
>Gott hat viele Gesandte, und zahllose Ankläger stehen Tag für Tag im GerichBhaus der Höhe
diesem Komplex verstellt.
über dem Menschen wegen seiner Sünden und Vergehen.
Dies mögen die biographischen Anlässe sein, dle den Text angestoßen haben; mit
Doch der Mensch achtet nicht danufi, denn schon hat er Sünde auf Frevel gehäuft und glaubt,
dem Text, der dann entstand, sind sie nicht identisch, Der Text geht nicht in der Bio-
daß er ihretwegen nicht zum Gericht gefurdert wird, als ob es im Himmel kein Achtgeben auf die
graphie auf, er geht darüber hinaus.
Verderben gäbe.
2.2 Gericht und Schrift
Beim Übergang vom Leben zum Werk entstehen Fragen genug, auch Fragen, die nicht
zu beantworten sind. Elne erste Fraoe: Warum fasst Kafka den Problemkreis in die
Aber in Wahrheit schweigt der Heilige, Er sei gesegnet, bls das Maß wll ,,.'- und der Prozeß 4. Soziologische oeut..fen
(rlin) wird stärker und stärker und plöElich wird das Urteil des Zorns über diesen Menschen gefällt, Soziologische Deutungen beschäftigten sich mit Kafka und der Situation der Juden
gleich einem Sturmwind [...] in Prag.
So kommen die Gerichtsurteile unerwartet über den Menschen, plöElich erbebt sein ganzer Weiterhin fand Theodor W, Adorno, Vertreter der Frankfurter Schule, in Kafkas Werk
Körper, entflammt und wird heiß, und er fällt aufs Lager [.,.]. Drum sei nicht hochfahrend, denn du ein wichtiges Dokument über die k.u.k. Monarchie und eine Kritik der Bürokratie die-
slehst, nahe ist der'läg des Todes [...], und in jener Stunde tagt das himmlische Gerlcht, die Für- ser Monarchie. Er erkannte zugleich in Kafkas Werk die Voraussage eines totalitären
sprecher tragen die Verdienste vor, und die Ankläger erheben ihre Einwände Regimes; die Schrecken des Nazi-Terrors habe es vorweggenommen.
[.. .]<Handschrift und
Edition Kafka hat - will man ihm nicht übernatürliche Fählgkeiten zutrauen - nichts vorweg-
genommen, aber er hat - wohl mehr in Die Strafkolonie als in Der Proceß - etwas dar-
3. TheologischeDeutungen gestellt, was in lefzter Konsequenz zu Konzentrationslagern ftlhrt: Die Rationalität des
Die ursprüngliche Gnosrs ist eine Erkenntnisrichtung des 2. und 3. nachchristlichen technischen Apparats und des Beamtenapparats und die Wertlosigkeit des Einzelnen
lahrhu nderts vor solchen Apparaten. Die Erfahrungen mit dem Kommunismus des ehemaligen Qst-
Die Ahnlichkeit Kaftascher Gedanken mlt den dortigen sind offensichtlich. blocks hat denn auch viele Kafka-Leserinnen dieser sog. sozialistischen Ländern, in
denen es nicht leicht war, an das Buch zu kommen, Kafl<as Roman als realistischen
In der Gnosis wird dle Welt als Gefängnis gedacht, in dem böse Geister die Men-
Roman lesen lassen, als Abbild ihrer alltäglichen Realität, wie der tschechische Ger-
schen festhalten und venruirren. Gott ist abwesend, unerreichbar. Die Welt ist das
manist Jifi Stromsik dargelegt hat. Für diese Leser war es nicht zweifelhaft, dass K.
Werk eines bösen Geistes, eines Demiurgen. Diese Konzeption böte natürlich eine
unschuldig ist und von einer undurchsichtigen Bürokratie zu Unrecht verfolgt wird.
vortreffliche Erklärung ftir die Diener des Gerichts, die K. und die anderen Angeklag-
ten verwirren und bedrängen. In Kafkas Bibliothek befand sich eine Darstellung der 5. Psychologische Deutungen
Gnosis, er interessierte sich offensichtlich für die religiöse Sltuation zur Zell des frü-
In der Familie und in der Schwierigkeit, eine eigene Familie zu begründen, liegt si-
hen Christentums, die auch in der Versuchung des Hl. Antonius dargestellt wird, ei-
cherlich ein wichtiger Anstoß zum Roman. Der vergebliche Versuch, sich von der Fa-
nem Werk von Gustave Flaubert, das Kafka zusammen mit Brod las' milie zu lösen und eine eigene Familie zu bilden, ist wohl ein Grund fi.ir Schuldgeftihle
Kafka könnte, meint ein Interpret, diesen Vorgang der endlosen Suche nach dem des Autors, der im Roman sich eine Strafe phantasiert, seine Figur ersatzweise einer
Sinn der Heiligen Schrift ln seinem Werk nachgebildet haben, in dem ebenfalls die Hinrichtung aussetzt. Hier könnte auch ein Grund für die schwer zu erfassende Schuld
Suche nach dem Sinn endlos zu sein scheint. des Josef K. liegen. Wird er nicht unschuldig hingerichtet? Phantasiert sich also Kafka
Überschattet wird dieses Suchen durch den Begriff der Schuld, der nach Meinung eine Situation, in der er zu Unrecht bestraft wird?
mancher Theologen und geistigen Vertreter des Christentums wie ein Damokles- In seinen Tagebuch-Aufzeichnungen sieht er sich jedenfalls sowohl selbst vor Ge-
schwert über den Menschen schwebt und sich erstmals in der Erbsünde manifestiert: richt gezogen als auch selbst als Richten Insofern könnte die Ambivalenz mancher
Danach ist der Mensch allein durch sein Menschsein, durch sein Verworfensein aus Situationen im Roman eine sein, die im Leben des Autors, in seiner Sicht des Lebens,
dem Paradies, schuldig geworden. ihre Entsprechung findet.
Als ob ein Gott der Liebe seinen eigenen Kinder aus dem Paradies mit einem Fluch Dle Antinomien des Textes, die unauflöslichen Widersprüche kann man in Zusam-
vertrelben würde ... Doch die gedankliche Traditlon der Erbsünde und der Schuld hat menhang bringen mit der Abhängigkeit, in die Kafka von seinen Eltern hineingezwun-
sich vor allem seit Augustinus im Christentum festgebissen' gen wurde wie ebenso auch in Situationen, in der die Eltern ihm gegenüber sich wi-
Theologische Dimension hat auch die Lichtsymbolik im Dom, Gottes Wirken beginnt dersprüchlich verhielten und er, was er auch immer tat, sich falsch verhielt. So wie
in der Bibel mit "Es werde Llcht" und zahlreich sind die Stellen in der Bibel, die Gotf der Mann vom Lande tun kann, was er will, den Eingang zum Gesetz wird er nicht
als Licht der Welt benennen. erreichen.
Gleiches gilt für die Symbolik der Tür. So heißt es in Psalm 24i Machet die Tore weit Moderne Forschungen sind in die Deutungen Kafkas noch nicht eingeflossen. John
und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe. Bradshaws "Wenn Scham krank macht" könnte darüber Aufschluss geben, warum das
Und es ist zwar eine neutestamentarische Schrift, die Offenbarung des Johannes, Wort Sclrarn in Abwandlungen im Verlauf des Romans immer wieder auftaucht, vor
dort aber heißt es im dritten Kapitel: Siehe, ich stehevor derTilr und klopfe an... und allem aber auch am Schluss.
wenige Verse zuvor wird dem Engel der Gemeinde zu Sardes durch den Seher Johan- Schampersönlichkeiten kommen aus Familien, in denen ln sehr hohem Ausmaß Ge-
nes gesagt: Ich kenne Deine Werke. Siehe, ich habe vor Dir eine Tür aufgetan und fühle an Scham gebunden werden. In dem Moment also, wo ein Gefühl aktiviert wird,
niemand kann sie zuschlieBen; denn Du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort wird sofort auch Schamgefühl aktiviert; beispielsweise schämt man sich, zärtlich zu
bewahrt und hast meinen Namen nicht geleugnet' sein oder wütend, stolz oder ausgelassen. In nicht wenigen Familien ist es z.B. Kin-
Das Wissen um die Symbolik der Tür mag in ein archetyplsches Bewusstsein der dern untersagt, zornig zu sein. Zornig darf der Vater sein, die Mutter manchmal, wenn
Menschen integrlert seln. es sich nicht gegen den Vater rlchtet, die Kinder jedoch haben zornlos zu sein, das ist
ihr Los; im Zweifel haben sie den Mund zu halten bzw. lieb zu sein, andernfalls haben
sie slch zu schämen. - Wobel man sich nicht vorstellen darf, dass h-.rte noch des Öf- Hier fällt auch ein neuer br,ck auf die >Schuld< K.s im proceß, die unter diesem
teren gesagt wlrd: "Schäm Dichl" Mittlerweile wissen viele Eltern, dass das nlcht mehr Gesichtspunkt in nichts anderem zu bestehen scheint als darln, geboren zu sein, so
'ln' lst. Eltern, die ln lhrer Kindhelt einer schamgeprägten Erzlehung ausgesetzt wa- dass schließlich der Tod die einzige Lösung, Ja Erlösung ftir K. wäre, was auch seine
ren, haben aber in der Regel ein reichhaltiges Reservoir, ihre Kinder in die Scham zu Mithilfe bei seiner eigenen Hinrichtung erklären könnte, Wir sehen also, dass Kafkas
treiben, z.B. mit Hilfe entsprechender Blicke. Wenn solche Kinder in ihrem späteren eigene Lebenssicht ihn zu der pessimistischen Weltsicht Schopenhauers frihrte, der
Leben zornig werden wollen - und manchmal kann Zorn sehr wichtig und reinigend ihn in seiner Sicht wiederum bestärkte, so dass wir annehmen können, dass sich
seln, davon abgesehen, dass man nicht zu Unrecht von einem heiligen Zorn spricht -, diese Sicht auch in seinem Roman findet. Die Welt wäre demnach, wie sich in Kafkas
dann schämen sie sich; sle slnd - wenn überhaupt - zornig mit ganz schlechtem Ge- Aphorismen nachlesen lässt, eine sinnliche Täuschung, die uns vom Eigentlichen, vom
wlssen oder eben überhaupt nicht. Solche Menschen empfinden andere, die zornig >Unzerstörbaren< - ein Wort, das sich bei Schopenhauer wie bei Kafka findet - abhält,
seln können, deshalb gern als unkontrolliert und aggressiv. Auch alles, was mit dem so dass wir uns gewissermaßen vom Bösen dieser Welt, das uns gefangen hält, be-
"Schambereich" zu tun hat, kann - nomen est omen - an Scham gekoppelt werden. freien müssten. Diese Sicht ist verwand mit der rellgiösen Tradition der Gnosis, von
Solche Menschen sind nicht in der Lage, Geftihle wirklich zu leben' der wir wissen, dass Kafta sie gekannt hat.
Scham kann ein wichtiger Aspekt der Persönlichkeit sein, dominiert Scham die Per- SchlieBlich Nietzsche, dessen Nihilismus eine so starke Wirkung auf die Generation
sönlichkeit, so spricht man von Schampersönlichkeit. Franz Kafkas hatte. Nihilismus meint hler den Verfall aller Werte, so dass nlchts übrig
Es ist m. E. davon auszugehen, dass Franz Kafka eine solche war' bleibt, das Bestand hat. Diesen Verfall der traditionellen Werte, der des Humanismus
Ein weiterer, in die Kafta-Forschung und Interpretation noch nicht integrierter As- wie der des Judentums, hat Kafka an slch selbst erlebt und an seiner Zeit, die in den
pekt lst der des Inneren Kindes. Ersten Weltkrieg steuerte. Auch Nietzsches Zweifel an der menschlichen Fähigkeit, die
Im Grunde besitzt jeder Mensch zahlreiche verletzte innere Kinder. Immer dann, Wahrheit überhaupt erkennen zu können, dürfte Kafta in eigenen Überlegungen be-
wenn in der Kindheit Bedürfnisse des Kindes nicht befriedigt wurden und damit eine stätigt haben. >Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht<, dieser Satz aus dem
offiene Wunde blieb, oder eine solche auf Grund einer Verletzung durch Eltern oder >>Dom<-Kapitel des Proceß erhält elnen weiteren Sinn, wenn wir ihn mit Nietzsches
Lehrer z.B. entstand, kapselt sich diese Wunde ab als Teilpersönlichkeit, die wieder Überlegungen Über Lüge und Wahrhelt im außermoralischen Sinn in Verbindung set-
aktiviert wird, wenn Situationen, die an die VerleEungssituation erinnern, das verletz- zen, Demnach bliebe uns Menschen in unserer Begrenztheit nur die >Lüge<, also das
te innere Kind aKivieren. Auch Erwachsene werden dann zum Kind vom 6 oder 11 Nicht-Wissen oder doch Fast-Nicht-Wissen. Die Finsternis im Dom erhielte symboli-
Jahren beispielsweise. (Näheres dazu in John Bradshaw:. Das Kind in uns.) schen Charakter: K. ist in der Finsternis, also im Nicht-Wissen, und aus dieser Dun-
kelheit ftihrt ihn nichts heraus. Heinz Politzer wies darauf hin, dass die erloschene
5. Philosophische Deutungen
Lampe im Dom-Kapitel in Korrespondenz stehen könnte zur erloschenen Laterne in
Die Lektüre der Schriftsteller, die Kafka schätzte, gehört zu seiner intellektuellen Nietzsches Parabel vom >Tollen Menschen< .
Blographie - als die lhm nächsten nennt er einmal Kleist (1777'1811) und Grillparzer In seinen Aphorismen, denen Max Brod den Titel Betrachtungen über Sünde, Leid,
(I79t-L872), Dostojewskl (1821-1881) und Flaubert (1821-1880), ebenso die Lektü- Hoffnung und den wahren Weg gab, spricht Kafka von Paradies und Silndenfall, vom
re der Philosophen, die lhn beschäftigten, vor allem Nietzsche (1844-1900), Schopen- lüngsten Gericht und vom Messias. So ist es auch nicht erstaunlich, dass er im däni-
hauer (1788-1860) und Kierkegaard (1813-1855). Seine Freundschaft mit Max Brod schen Religionsphilosophen Sören Kierkegaard sich brüderlich bestätigt findet - trotz
begann schließlich in einem Gespräch über Schopenhauer und Nietzsche. Natürlich aller Unterschiede: Kierkegaard ist ein christlicher Denker, Kafka ein jüdische4 Chris-
hat die Lektüre seine Gedankengänge beeinflusst und natürllch haben diese Gedan- tus spielt in selnen Überlegungen nur eine marginale Rolle. Aber die Ahnlichkeit liegt
kengänge auch Eingang in sein Schreiben gefunden. Auch religionswissenschaftliche in lhrer Haltung zur überlieferten religiösen Offenbarung, die ihnen fragwürdig gewor-
Arbeiten gehörten zu seiner Lektüre, auch jüdische Literatur, nicht zuletzt jiddische den ist, und in ihrer Skepsis gegen die >positive Theologie<<, also gegen die Theologie,
Schriftsteller, die er in deutscher Überserzung las und denen er sich besonders nahe die meint, von Gott sprechen zu können. Sie neigen eher zur >negativen Theologie<<,
ftihlte. die der Meinung ist, dass man nicht von Gott sprechen kann außer >via negationis<,
Bei Schopenhauer beeindruckte ihn wohl besonders dessen weltablehnende HaF also nur mit Hilfe von Negationen und Paradoxa. In unserer Begrenztheit können wir
tung, weil sie der seinlgen nahekam. Der Trug, die Täuschung der sinnlichen Welt, der das Wesen Gottes nicht umfassen, nicht aussprechen, wir können nur sagen, was er
Unterschied zwischen Sein und Bewusstsein, das Leiden des Menschen in der Welt nicht ist, was er ist, können wir nicht sagen. >>Es ist nicht mittellbar, weil es nicht
und die >Schuld< des Geborenseins slnd Gedanken, die slch in Kaftas Aphorismen fassbar ist, und es drängt zur Mitteilung aus demselben Grunde< (Kafta im Vierten
und in seinen Notizbüchern (Oktavheften) finden - Gedanken, die deutliche Parallelen Oktavheft). Hier könnte eine Erklärung ftir das unfassbare Gericht im Process liegen:
zu Schopenhauer aufweisen. Selne Literatur, so schrelbt ein Interpret, redet unabläs- K. lernt nur die untersten Diener kennen, die höheren Instanzen slnd jenseits dessen,
sig von der Schuld der Geburt [...], redet vom Beweis dessen, dass es unmöglich ist was er erfährt, was er weiß, was er wissen kann. Die abSchließenden Bemerkungen
zu leben: Dies ist der Ort, wo Schopenhauer für Kafta wichtiger ist als Nietzsche'< des Gef;ängnisgeistlichen erhielten hierdurch einen tieferen Sinn.
Erzählperspektlve lm "Prozeß" Selte 1 von 4

Kafta führt dle bereits vor ihm bekannte Technik des personalen Erzählens weiter und ,,Wie eln Licht aufzuckt, so fuhren die Fensterflügel eines Fensters dort auseinander, ein
radlkallslert sie. Personales Eaählen bezeichnet eben die Erzählperspektive, bei der der Mensch, schwach und dünn in der Ferne und Höhe, beugte sich mit einem Ruck weit vor
Ezähler selnen Standpunkt innerhalb des Geschehens wählt, nur Dinge berichtet, die auch und streckte die Arme noch weiter aus. Wer war es? Ein Freund? Ein guter Mensch? Einer,
den an der Handlung beteillgten Personen erfahrbar wären und sich jeden Kommentars ent- der teilnahm? Einer, der helfen wollte? War es ein elnzelner? Waren es alle? War noch
hält. Der Leser wlrd unmittelbar mit der Handlung konfrontiert. Dlesen Ansatz fühft Kafka Hilfe? Gab es Einwände, die man vergessen hatte? Gewiß gab es solche. Die Logik ist
lm ,,ProceB" zu selnem Extrem, lndem der Leser nicht nur unmittelbar mit den Personen und zwar unerschütterlich, aber einem Menschen der Ieben will, widersteht sie nicht. Wo
Geschehnissen konfrontiert wird, sondern sogar ausschließllch auf die Perspektive einer war der Rlchter, den er nie gesehen hatte? Wo war das hohe Gericht, bis zu dem er nie
Flgur festgelegt bleibt, ohne dass dieser als lch-Erzähler erkennbar würde. Solches Erzählen gekommen war? Er hob die Hände und spreizte alle Finger." (erlebte Rede im Fettdruck)
lässt sich als elnslnniges Erzählen bezelchnen. Vollkommen nahtlos fügen sich die Fragen, die die letzten Gedanken und Widersprüche
1...1 Über das Innenleben losef K.s wlrd so gut wle nlchts mltgetellt, der Gemütszustand K.s wiedergeben, in den Erzählerberlcht eln. Der erste und letzte Satz umrahmen als Erzäh-
und dle Stimmung losef K,s blelben - abgesehen von den Hlnwelsen auf die zu nehmende lerbericht diese erlebte Rede K,s.
Ermridung - unenrvähnt. Der Leser .sleht' und ,hört' mit K,, fühlt aber nlcht mlt ihm. [...]
Mit Erzählerberlcht sind Jene Textpassagen gemeint, die unmlttelbar dem Erzähler bzw.
Durch das Vermelden Jeder Kommentlerung geht dem Leser elne Instanz ab, an der er der Erzähllnstanz zugeordnet werden können, Leider ist der Termlnus Erzählerbericht irre-
slch bel selnen Auselnandersetzungen mlt den Personen und den Handlungen hätte orien- führend, denn oft wlrd nicht berlchtet, sondern eben erzählt ...
tieren können. Doch da selne Wahrnehmung vollkommen auf den Geslchtskreis der Haupt-
Der Erzählerbericht beschrelbt meist die Außensicht (Beispiel): "Der Wind blies kalt, und
figur beschränK blelbt, ist es eine zentrale Aufgabe, sich mit dem Bewusstsein dieser Figur
er frof', manchmal aber auch die Innensicht: ",,, aber er merkte nicht, dass er fror, denn
auselnanderzusetzen. Well auf dlese Weise nur das durch die Gedanken und Empfindungen
in ihm war eine Gegenkälte, nämlich Angst."
der Perspektlvflgur Gefllterte darstellbar ist, muss der Leser in Bezug auf das ihm Mitgeteil-
Die erlebte Rede beschrelbt nur dle Innensicht. Die Innensicht ist die Erzählperspektive,
te äuBerste Skepsls üben, Nlcht Fakten werden vermlttelt, sondern subJektlve Elndrücke.
bei der der Erzähler ln das Innere der Personen hineinsehen kann, Er kennt somit Gedan-
Wle dle Zu- und Umstände außerhalb dieses vermlttelnden Bewusstselns wirkllch sind, lässt
slch nlcht feststellen, dafür werden kelnerlei Anhaltspunkte geboten. Die Frage darf daher ken, Gefr.lhle und Vorstellungen des Jeweillgen Charakters, so wie es in dem Roman häufig
der Fall lst.
nicht lauten, wle dle Welt wirklich beschaffen ist, sondern wle dleses Bewusstsein auf sie
Nicht verwechseln darf man die erlebte Rede mit dem Inneren Monolog, der unausgesprochene Ge-
reagiert und wie dieses Bewusstseln wohl beschaffen ist.
danken und Ahnungen einer handelnden Person wiedergibt. Denn: Im Gegensafz zur erlebten Rede steht
Ob diese Welt, und damlt der Prozess, überhaupt außerhalb dieses Bewusstseins existie- der Innere Monolog in der lch-Form.
ren oder ob sie slch nur aus den ProJektionen des Bewusstseins zusammensetzen, bleibt
Also: Die erlebte Rede gibt die Gedanken in der Er- oder Sie-Form wieder.
offen. Dass K. intuitiv den richtlgen Termln für die Verhandlung kennt und ebenso intuitiv
Typisch für den Roman ist, dass der Erzähler zwischen Erzählerbericht und erlebter Rede
den richtlgen Weg mit merkwürdigen Methoden zu finden vermag, provoziert die Frage, ob
wechselt. Das heißt, dass der Erzähler das fiktiv miterlebte, beobachtete oder in Erfahrung
dlese Welt unabhängig von K.s Bewusstsein exlstlert. [...]
gebrachte Geschehen in einem kontinuierlichen Zusammenhang referiert und dann plötzlich
Erlebte Rede aus dem Bewusstseln der Wahrnehmung seiner Figur heraus schreibt.
s, Belsplel Z. 3ff oben. Noch ein weiteres:
Elne Technlk, um dem Leser zu vermitteln,
ist dle erlebte Rede. Schon lm ersten Satz werden dem Leser innere Vorgänge losef K,s Antonia wartete im Restaurant auf ihren Freund. Sie bestellte einen Kaffee und blickte zur
mltgeteilt: ,,Jemand musste losef K, verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses Tür, Ob er sle wleder warten fassen wllrde. Das konnte, das durfte nlcht seln. Nlcht die-
getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet." ses Mal. Fünf Minuten später erschien er.

Dieser Satz wird zwischen direkter und indlrekter Rede in der Schwebe gehalten. Die erleb- Hypothetischer Erzählstil
te Rede bringt lnnere Vorgänge von Personen zur Darstellung durch die Verwendung der 3.
Die Aufgabe, das Bewusstsein der Perspektlvfigur zu durchschauen, die der Erzähler dem
Person, des Indikatlvs, des Präteritums und der HauptsaFzwortstellung. Von der äußeren
Leser stellt, lndem er ihn mit der erlebten Rede unmittelbar mit dessen inneren Vorgängen
Form her unterscheldet sle slch nicht von dem Erzählerbericht, doch inhaltlich werden Ge-
konfrontiert, ist daher nlcht leicht lösbar. Schon der erste Satz des Romans gibt dem Leser
danken, Empflndungen, Gefühle der Personen geschildert, ohne in die indlrekte Rede (Kon-
junktiv, Präsens, eventuell Nebensatzwortstellung) auszuweichen. Der Leser wird so unmit- erhebliche Rätsel auf. Die Formulierung ,,Jemand muBte" lässt sich mit grammatischen Ka-
tegorien kaum erfassen. Obwohl das ,,mußte" eine Notwendigkeit, eine Slcherheit auszudrü-
telbar mit den inneren Vorgängen der Figuren konfrontiert. Sehr deutlich ist dies am Ende
cken vorgibt, wird dem Leser intultiv deutlich, dass es sich um eine Vermutung handelt.
des Romans ausgeprägt:
Hätte die Aussage eine sichere Grundlage, würde die Formulierung lauten: Jemand hatte K.
Erzählperspektive im "Prozeß" Seite2 von 4

K, ...' Dlese Aussage blelbt auch in der Folge weiterhin unslcher und unbewiesen, bildet Konjunktiv und Indikativ
aber die Basls für K.s gesamtes Handeln. Denn da er niemandem ,,etwas Böses getan" hat, Auch in einer weiteren Hinsicht hält der Erzähler des Romans eine Zwischenstellung zwi-
lst seine Verhaftung nur durch elne böswilllge Verleumdung zu erklären. Die Annahme der schen Sicherheit und Unsicherheit. Häufig wechselt die Sprache zwischen Indikativ und Kon-
Schuldloslgkelt lst dle ungenannte Voraussetzung für die Formulierung des ersten Satzes
Junktlv hin und her. Bei der Wiedergabe dessen, was der Advokat K. über das Gericht er-
und für K.s Verhalten. zählt (als Erlnnerung aus der Perspektive K.s), wird dieser Wechsel über mehrere Seiten
Der erste Satz gewlnnt damit den Stellenwert einer Hypothese. Im Berelch der Wissen- hinweg durchgehalten.
schaft sind Hypothesen von Widersprüchen freie, aber zunächst unbewiesene Aussagen und ,,Leidei darauf müsse er K. allerdings aufmerksam machen, geschehe es manchmal, daß
Annahmen als Hllfsmittel für wissenschaftliche Erkenntnlsse. Hypothesen bezeichnen im die ersten Eingaben bei Gericht gar nicht gelesen werden, Man lege sie einfach zu den Ak-
allgemelnen Sprachgebrauch unbewiesene Annahmen bzw. Unterstellungen. An verschiede- ten und weise darauf hln, daß vorläufig die Einvernahme und Beobachtung des Angeklagten
nen Stellen von Kaftas Roman lässt sich somlt von einem hypothetlschen Erzählstil wichtiger sei als alles Geschrlebene. Man fügt, wenn der Petent drlnglich wird, hinzu, daß
sprechen. Unbewlesene Annahmen werden geäuBert und zur Grundlage des Verhaltens von man vor der Entscheidung, sobald alles Materlal gesammelt ist, im Zusammenhang natür-
Personen gemacht. Schon der Kern der Auselnandersetzung von K. und dem Gerlcht mit der llch, alle Akten, also auch dlese erste Elngabe, überprüfen wird. Lelder sei aber auch dles
gegenseltlgen Behauptung von Schuld und Unschuld lst hypothetisch, da unbewlesen, meistens nlcht richtlg, [,..],"
Durch den hypothetischen Erzählstll erglbt sich Jedoch wle lm Falle der Schuldbehauptung Die Unsicherheit, die der Advokat bei K, durch seinen Bericht erzeugen möchte, flndet in
dle Mögllchkeit, nlcht Exlstlerendes oder Unsichtbares zu evozieren, Der gesamte Roman diesem Wechsel zwischen Indikativ und Konjunktlv seinen Ausdruck. Die verschachtelten
,,Der Proceß" baslert über welte Strecken darauf, das Unsichtbare zu beschwören. Dies wird Sätze sollen wohl eher K.s Blick verwirren als zu seiner Aufklärung beitragen. Der Wechsel
erzählerisch mögllch, lndem vorwiegend Sekundäres dargestellt und berichtet wird, Präzise zwischen den belden Modi vollzieht sich zuweilen sogar mitten im Satz:
Details welsen auf das Elgentliche hln, das aber selbst nicht zur Darstellung kommt. Das ,,K. möge doch nicht außer acht lassen, daB das Verfahren nicht öffentlich sei, es kann,
Sekundäre gewlnnt elne elgene Unmittelbarkeit. wenn das Gericht es für nötig hält, öffentlich werden, das Gesetz aber schreibt Öffentllch-
Das Gericht wlld dem Leser als allgegenwärtlg und allmächtig suggerieft, doch bleibt es keit nicht von" (Unterstreichung durch J.K.)
selbst lm Wesentllchen lm Dunkeln, nur seine durch nichts legitlmlerten Vertreter niedrlgs- Bemerkenswerterweise wird ln diesem Satz der tatsächliche Zustand im KonJunktiv und
ten Grades, dle slch durch lhr Unwissen lnsbesondere hinslchtllch des Gerichts auszeichnen, dle Mögllchkeit im Indikatlv wledergegeben. Die Wirklichkeit erfährt eine profunde Verunsi-
treten in Erscheinung. Als höchsten Beamten der Gerichtshierarchie lernt Josef K. den Di- cherung, und die Unsicherheit der Perspektivfigur Josef K. überträgt sich auf den Leser.
rektor der Gerichtskanzleien kennen, also im eigentlichen Sinne einen Beamten, der mehr
mlt der Verwaltung und Organisation befasst ist als mit der Rechtsprechung. Bezeichnen- Detaillierte Einzelszenen
den/eise hat dieser slch bei der Begegnung mit K. zunächst im Dunkeln verborgen, bevor Durch das Zurücktreten des Erzählers verlieft der Roman eine Instanz, die die Masse des
er aus selnem Versteck herauskommt. Als Gegenstände weisen der handgeschriebene Zet- Geschehens und seiner Umstände souverän überschaut und anordnet. Als Folge hieraus
tel am Treppenaufgang und dle eigenartigen Gesetzesbücher auf das Gericht hin. setzt sich der Roman aus elner Relhe scharf beobachteter Einzelszenen zusammen. Der
losef K. als Hauptperson des Romans gewinnt trotz des Romanumfangs von fast zwei- Erzähler konfrontiert den Leser so in einer fast realistlschen Manier mit den zum Teil aller-
hundeft Seiten keln Persönllchkeitsprofll, er wird im Grunde nur als auf dle Aktionen des dings schon fast skurrilen Szenerien,
Gerlchts reaglerendes Wesen erkennbar. Von seinem Leben außerhalb der Bank und außer- losef K. nimmt auf selnem Weg zur ersten Verhandlung die beengten und schmutzigen Ver-
halb seiner Beschäftigung mlt dem Gerlcht erfährt der Leser fast nlchts, Elnen eigenen hältnisse des Vor-Stadtmilieus wahr, die dem Leser mlt getreuem Detall vor Augen gestellt
Handlungswillen schelnt er fast nicht zu besltzen, darum blelbt er eine gesichtslose Maske, werden. Die so entworfenen Bilder und Szenerien setzen sich aus Einzelheiten zusammen,
eine Hohlform. die alle konzentriert und zielgerichtet eine bestimmte Atmosphäre hervorbringen, deren
Andererselts scheint K. das Gerlcht mit seinen Hypothesen bestimmen zu können. Denn inhaltlich-logischer Bezug zu K.s Anliegen jedoch nicht deutlich wird.
ohne dass lhm elne durch K. genaue Uhrzeit für die erste Verhandlung mitgeteilt worden ,,Zwischen zwei Männern hindurch, die sich unmittelbar bei der Tür unterhielten - der eine
wäre, erweist sich selne Annahme als vollkommen richtig. Als er sich gegenüber dem Ter- machte mit beiden, weit vorgestreckten Händen die Bewegung des Geldauizählens - der
min, den er als wahrscheinllch angenommen hatte, verspätet hat, handelt er sich die Rüge andere sah ihm scharf in die Augen -, fasste eine Hand nach K."
des Untersuchungsrichters ein. Auch der eher willkürlich gewählte Treppenaufgang als Weg Das Bild, das von dem Verhandlungszimmer und dem darin versammelten Personal entwor-
zum Untersuchungszlmmer erwelst sich später als der richtige. Und am Ende des Romans fen wird, ist in sich vollkommen stimmig und entspricht dem eigenartigen Wesen des Ge-
erwartet K. im schwarzen Anzug seine beiden Henker, ohne dass er zuvor über deren Kom- richts. Auch bei der Beschreibung der Kanzleien tragen viele Elnzelheiten zu der bedrücken-
men in Kenntnis gesetzt worden wäre. den, beklemmenden Atmosphäre bei, so dass die dumpfe Luft, die K. am freien Atmen hin-
dert, den Eindruck des Gerichts auf ihn in sich zusammenzufassen scheint.
Erzählperspektive im "Prozeß" I Seite3 von 4

Blldlicher Stil Als Charakterisierung des Schrels lassen sich gefühlsbetontere Adjektive vorstellen. Doch
der Erzähler bewahrt seinen sachlichen Ton und lässt die Dinge für sich sprechen.
Kaftas Stil ist also im Wesentlichen ein bildlicher. ,,Bilder, nur Bilder" soll Franz Kafka selbst
seinen elgenwilligen Prosastll im Gespräch charakterislert haben. Wenn auch hier und da Dle Zeitstruktur
Zweifel an der Authentlzität der von Gustav Janouch überlleferten Außerungen Kafkas geübt
wlrd, wirft das Zltat doch ein bezeichnendes Licht auf die Eigenart Kafka'scher Prosa. Sie ist Mit dem Beginn der Romanhandlung wird ein absoluter Anfang gesetzt. Eine nennenswer-
von einer hervorstechenden Blldkraft geprägt. te Vorgeschichte, z. B. in Form einer Rückblende, wird im weiteren Verlauf nicht nachgeholt.
Der atmosphärisch und sprachlich dichten Bildlichkeit im Detail entspricht die umfassende Das Ende des Romans ist ebenso absolut wie der Anfang. Damit bildet die erzählte Zeit des
und grundlegende Metaphorik des gesamten Romans, der seinen Ursprung in der von Kafka Romans eine in sich abgeschlossene Einheit, die durch die Zeitangaben mit dem ,dreißigs-
als ,,Gerichtshof" empfundenen Entlobungsszene hat: Josef K. fühlt sich grund- und schuld- ten Geburtstag' für den Tag der Verhaftung und dem ,Vorabend selnes einunddreißigsten
los elnem Gerlcht ausgesetzt, dessen Wesen und Herkunft er nicht durchschaut. Ohne dass Geburtstages'für K.s Hinrichtung auf genau ein Jahr begrenzt wird, Dleser Zeltrahmen ist
das Urteil verkündet worden wäre, nimmt er es an, Das Gerlcht hat vermocht, lhn zum für einen Roman ungewöhnlich; normalerweise umfasst der Zeltraum einer Romanhandlung
Selbstgerlcht zu veranlassen, fast hätte er seine Exekutlon selbst vollzogen. Die Grundldee elnen wesentlich größeren Zeltraum, z.B. die gesamte Lebenszeit des Helden oder gar die
der Romanhandlung besteht also darln, dass Kafka die ln der Alltagssprache übliche Meta- Zelt mehrerer Generatlonen. Selbst weniger umfangrelche Erzählformen wle Novelle oder
pher vom Gerlcht und ,,mlt slch selbst ins Gerlcht gehen" wörtllch nlmmt. Erzählung stellen häufig elnen viel längeren Zeitabschnitt in ihrer Handlung dar. Doch dle
Begrenzung der Zeit auf ein Jahr bildet eine genaue Entsprechung zu der im Roman bereits
Auch die Bestrafungsszene der belden Wächter im Prügler-Kapitel nimmt den Begriff ,,Be-
mehrfach festgestellten Kreisstruktur. Das Jahr als Symbol für die zeitliche Kreisbewegung
strafung" wörtlich. Die Bestrafung durch Prügel war in der Kindererziehung keine unge-
mit der immerwährenden Wiederholung ist ein geläufiger Topos.
wöhnliche MaBnahme, doch die Übertragung der Prozedur auf eine gerichtliche Bestrafung
Uber den auch hier verborgenen autobiographischen Bezug hinaus - Kafka war zur Zeit
der erwachsenen Wächter erzeugt elne groteske Wlrkung. Und dass das Gericht K. immer
der Abfassung des Romans im glelchen Alter wle selne Hauptfigur - ist darin Jedoch eine
näher rückt, lhm buchstäbllch auf den Lelb rückt, drückt slch blldllch darln aus, dass die
symbollsche Bedeutung zu sehen, In der Romanhandlung hat es keine Entwicklung gege-
Wächter mlt dem Bauch an lhn stoBen. In der Ezählung ,,Die Verwandlung" wird dieses
ben, weder bezügllch der Erkenntnisse losef K.s über das Gericht noch hinsichtlich seiner
Verfahren des Wörtlich-Nehmens von Metaphern noch deutlicher. Als unnütz eingeschätzte
Person. Der Roman krelst ln sich. Und dieses Kreisen steht für die beliebige Wiederholbar-
Mitmenschen mit Tieren, lnsbesondere Ungeziefer zu vergleichen, ist eine verbreitete Ge-
keit all dessen, was dem Leser im Roman begegnet ist.
pflogenhelt. Dies nimmt Kafka wiederum für diesen Text wörtlich: Gregor Samsa, der slch
des Gefühls des Versagens und der Nutzlosigkelt nicht erwehren kann, entdeckt eines Mor-
Das Paradox
gens, dass er sich in ein ,ungeheures Ungeziefer' verwandelt hat.
Mit dem paradoxen Zirkel und dem gleitenden Paradox sind bereits wesentliche Kennzei-
Sprache chen des Kafka'schen Prosastils erwähnt worden. Eine so geartete Dichtung stellt erhebliche
Anforderungen an den Leser, Aufgrund ständiger Verunsicherung sieht er slch vor die Auf-
Zu Jedem Zeltpunkt blelbt dle Sprache des Erzählers ln Kafkas Roman leldenschaftslos ruhig
gabe gestellt, das Werk durch seine Reflexion und seine Bemühungen um ein angemesse-
und sachllch auf das beschrlebene Detail gerlchtet, Selbst das erschreckende Geschehen
nes Verständnis implizit,weiterzudichten'.
des Prügler-Kapltels bleibt in selner sprachlichen Wiedergabe karg und farblos,
Von Anfang an ist das Paradox bestimmend für die Romanhandlung. Das Gericht werde
,,[...] er konnte slch nlcht zurückhalten, und während er gespannt in die Richtung sah, aus
der dle Dlener kommen mußten, stieß er an Franz, nicht stark, aber doch stark genug, daß ,,von der Schuld angezogen" (14), heiBt es, doch wlrd die zur Debatte stehende Schuld nie
nachgewiesen. K. antwortet hierauf ebenfalls mit einer Paradoxie, Er behauptet, unschuldig
der Besinnungslose nlederfiel und lm Krampf mit den Händen den Boden absuchte; den
zu sein, ohne das Gesetz zu kennen. Und auf der Grundlage dieser Widersprüche entfaltet
Schlägen entging er aber nicht, die Rute fand ihn auch auf der Erde; während er sich unter
slch die gesamte Romanhandlung. Auch das Verhalten der Personen steht in einem Wider-
ihr wälzte, schwang sich ihre Spitze regelmäßig auf und ab. Und schon erschien in der Ferne
spruch zu den Geschehnissen, die auf den Leser fremd und alogisch wirken, Doch die Ro-
ein Diener und ein paar Schritte hinter ihm eln zweiter."
manfiguren reagieren stets vollkommen logisch und selbstverständlich auf das Unerklärli-
Sachllch tellnahmslos wird die Folterung des Wächters mit präzise wiedergegebenen Detalls
che.
(,, regel mäßig") berichtet.

,,Da erhob sich der Schrei, den Franz ausstieß, ungeteilt und unveränderlich, er schien
nicht von einem Menschen, sondern von einem gemarterten Instrument zu stammen, der
ganze Korridor tönte von ihm, das ganze Haus mußte es hören."
Erzählperspektive lm "Prozeß" Seite4 von 4

Die Groteske den Tag gegen acht Uhr früh das Frühstück brachte, kam diesmal nicht. Das war noch niemals
geschehn. K. wartete noch ein Weilchen, sah von seinem Kopfkissen aus die alte Frau die ihm
Das Verfahren, geläufige Bilder und Metaphern wörtlich zu nehmen, zeitigt häufig eine
gegenüber wohnte und die ihn mit einer an ihr ganz ungewöhnlichen Neugierde beobachtete,
groteske Wlrkung. Die Bllder wirken überzogen, übersteigert und verzerrt. Der Leser weiß
dann aber, gleichzeitig befremdet und hungrig, läutete er. Sofort klopfte es und ein Mann, den er
nicht so recht, ob er sie als komisch, absurd oder tragisch empflnden soll. in dieser Wohnung noch niemals gesehen hatte trat ein.<
Dle dem gesamten Roman zugrunde liegende Idee des wörtllch genommenen ,Selbstge- Der erste Satz ist aus der Slcht K.s gesprochen; er sagt aus, was K. vermutet. Die Sicht K. s
richts'flndet in ihrer übezeichneten Wirkung eine Entsprechung ln den einzelnen Bildern wird besonders deutlich in der Bemerkung )), .. sah von seinem Kopfkissen . . .<. Dies ist die Posi-
der verschiedenen Episoden des Romans. Das Verhalten der beiden Wächter bel der Verhaf- tion des Erzählers: Er blickt nicht etwa von der anderen Seite aus dem Fenster der alten Frau auf
tung K,s wirkt grotesk übertrleben, ebenso die Szenerle der Gerichtsverhandlung und das das Fenster K.s, sondern er blickt mit K,s Augen sozusagen von dessen Kopfkissen hinüber zum
Verhalten der belden Henker. Mlt lhrer übertriebenen Höfllchkelt und überkorrekten Klei- Fenster der alten Frau. Diese Perspektive wird im ganzen Roman durchgehalten. Dennoch bietet
dung erzeugen sle eine komische Wlrkung, dle dem Text elnerselts etwas von einem mögli- auch schon das erste Kapitel ein Beispiel für ironische Distanzierung:
chen Pathos nimmt, andererseits aber der Unfassbarkelt der dargestellten Situatlon voll- >Sie mochten jetzt, wenn sie wollten, zusehen, wie er zu einem Wandschränkchen ging, in dem
kommen gerecht wlrd. Das AuBergewöhnllche tritt ln korrekter Kleidung auf. Nach Kafka er einen guten Schnaps aufbewahrte, wie er ein Gläschen zuerst zum Ersatz des Frühstücks leerte
haben viele Schrlftsteller erkannt, dass sie der modernen Wlrklichkeit nur noch mit Absurdl- und wie er ein zweites Gläschen dazu bestimmte, ihm Mut zu machen, das letztere nur aus Vor-
sicht für den unwahrscheinlichen Fall, dass es nötig sein sollte.(
täten (2. B. lonesco, Beckett) oder der Traglkomödle (2.8. Dürrenmatt) begegnen können.
Dle Übertreibung der Wirklichkeit scheint notwendig zu sein, um lhr nahe zu kommen und Hier ist die lronie im Schlussteil enthalten: >das letztere nur aus Vorsicht. .,( - er ist doch
nicht so mutig, wie er slch gibt.
gerecht werden zu können.
Noch ein besonders deutliches Beispiel für die beschränkte Sicht K.s und die Relativierung des
Ergänzende Bemerkungen: Erzählers: >K. glaubte in eine Versammlung einzutreten.<< Mit diesem >glaubte<< wird markiert,
dass dies eine Versammlung sein kann, aber nicht sein muss (vgl, hyp. Erzählstil) Der Erzähler
Die Handlung des Romans wird aus der Perspektive des Josef K. erzählt, d. h. der Erzähler sieht
relativiert dadurch K.s Sicht, teilt uns aber keine andere mit, so dass wir mit K. glauben und nicht
alles mit den Augen K,s und sieht nicht mehr als K,, gibt also vor, nicht mehr zu wissen als K. Das
sicher sein können.
erlaubt eine besondere Nähe zu dem Protagonlsten, dessen Gedanken und Gefühle der Ezähler
Ein besonders bemerkenswertes Exempel für die Relativierung der Sicht K.s durch den Erzähler
berichtet, es bringt aber eine große Dlstanz zu den anderen Personen des Romans mit sich, die
bietet K.s Besuch in den Kanzleien unterm Dach, K, tritt selbstsicher auf, mit Herablassung, ja
der Ezähler nur von auBen sehen und schildern kann - eben so, wie K, sie sleht. Damit ist auch
Verachtung sieht er auf die überaus devoten Angeklagten, die dort geduldig warten. Er ist der
der Leser an K. gebunden; er wird zu einer Identifikation mit K. gedrängt, da er alles mit dessen
Uberlegene; so jedenfalls sieht er es und mit ihm anscheinend der Eaähler.
Augen sieht; er wird in dessen Position gebracht, weil er nicht mehr weiß als K. So kann der Er-
>Als die, welche zunächst der Tür saßen, K. und den Gerichtsdiener erblickten, erhoben sie sich
zähler das Geheimnis des Gerichts konstruieren: Er schildert es nur bruchstückhaft aus K.s Per-
zum Gruß ... <
spektive.
Später aber trifft K. den Angeklagten Block, der ihm nun seine Sicht bzw. die der wartenden
Wenn der Erzähler auch sehr nahe an K. ist, so gibt es doch Möglichkeiten für ihn, sich von K.
Angeklagten mitteilt. Und auf einmal dreht sich die Bewertung um: Die Angeklagten verstumm-
ansatzweise zu distanzieren: einmal durch lronie, mit der er K.s Verhalten darstellt, zum andern
ten, als sie K. sahen, nicht well er sich so überlegen gab, nicht weil sie ihn für einen Richter hiel-
durch die Gegenrede anderer Personen, die K.s Sicht der Dinge durch ihre Sicht relativieren. Frei-
ten, sie sahen sofort den Angeklagten in ihm, sondern weil sie ln ihm einen sahen, der bald verur-
lich können wir nicht sicher sein, dass deren Sicht die rlchtige ist, So stehen K,s Sicht und die des
Advokaten, des Angeklagten Block, des Malers, des Gefängnisgeistlichen nebeneinande[ und es
teilt werden würde, Sie erschraken also. Der sich so überlegen fühlende K. war aus der Sicht der
lst kaum zu entschelden, wer letztendlich Recht hat. Nur in den Punkten, in denen verschiedene anderen, die er fast verachtete, der weit Unterlegene, den sie bemitleideten, Wer beurteilt die
Lage nun angemessener: K, mit seiner Sicht oder dle anderen mit der ihren, die uns durch die
Figuren unabhänglg voneinander dasselbe sagen, können wir annehmen, dass diese Punkte zu-
Rede Blocks mitgeteilt wird? Wenn wir den Ausgang des Romans bedenken, so haben die anderen
treffend geschildert sind. Bei den Aussagen über die unüberschaubaren Hierarchien des Gerichts,
rechtl K, wird tatsächlich binnen eines Jahres verurteilt und hingerichtet, Block:
die Unmöglichkeit der Verteidigung und die Unmöglichkeit des Freispruchs stimmen Huld, Titorelli
>Sie scheinen die Leute doft noch nicht zu kennen und werden es vielleicht unrichtig auffassen.
und der Gefängnisgeistliche überein. Aber gerade der Gefängnisgeistliche, die verständnisvollste
Sie müssen bedenken, dass in diesem Verfahren immer wieder viele Dinge zur Sprache kommen,
Person, der K. sich anvertrauen zu können glaubt, weist K. zurück. K.: "Mit Dir kann ich offen
reden." "Täusche Dich nicht>", sagte der Geistliche, "Worin sollte ich mich denn täuschen?",, frag- für die der Verstand nicht mehr ausreicht, man ist einfach zu müde und abgelenkt für vieles und
zum Ersatz verlegt man sich auf den Aberglauben, Ich rede von den andern, bin aber selbst gar
te K. "In dem Gericht täuschst Du Dich". Daraufhin erzählt ihm der Geistliche die Legende >Vor
dem Gesetz<, die von eben dieser Täuschung handle. nicht besser. Ein solcher Aberglaube ist es z. 8., dass viele aus dem Gesicht des Angeklagten,
insbesondere aus der Zeichnung der Lippen den Ausgang des Processes erkennen wollen. Diese
Das beste Beispiel für die Setzung der Ezählperspektive bietet der Anfang des Romans, wie ja
Leute also haben behauptet, Sie würden nach Ihren Lippen zu schließen, gewiss und bald verur-
immer mit dem Anfang eines Romans Perspektive und Konzept gesetzt werden:
>Jemand mußte losef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde
teilt werden.(
er eines Morgens verhaftet. Die Köchin der Frau Grubach, seiner Zimmervermieterin, die ihm je-
Selina Beißwenger 22.November 2010
KS 13
GFS Franz Kafka

Franz Kafka

I 883 889 1924


1 1921

6 Jahre 17 Jahre 15 Jahre


Familie Schule und Ausbildung Arbeit

t. Kindheit und Erziehunq


Deutscher Jude in Prag
Kafkas gehörten zur mittleren Oberschicht

Einziger Sohn einer Kaufmannsfamilie

Depressive Grundeinstell ung Hohe Erwartungen

Schuldgefühle wegen Tod Strenge und Stärke


der beiden Söhne
Einforderung von Dank und
Anerkennung
Fürsorge von wechselnden
Ammen

,,Von Gemeinschaftsbindungen abgetrenhtes Tie/'


Probleme mit ldentitätsbildu ng
Ständige Bemühungen um Anerkennu

il. Schule und Studium


Fleißiger Schüler und Student

Besuch der deutschen Knabenschule als guter Schüler


Anstrengender Sch u lalltag am Ka rls-Gym nas i u m
Rechtswissenschaft an der Universität Prag
Selina Beißwenger 22.November 2010
KS 13
GFS Franz Kafka

Hassliebe zur lsolation


Als Junge oft,,krank ohne eine Krankheit zu haben"
Verschlossen und unselbständig
Unzufrieden mit dem eigenen Körper:
Die,,vertrackte Geschichte vom schamhaften Langen und vom
Unredlichen in seinem Herzen"

lll. Arbeit

Arbeiten in Versicherungsgesellschaften

Büroarbeiten die ihn langweilen


Zu wenig Zelt für Freizeitaktivitäten
Zusätzliche Arbeit im elterlichen Galanteriewarengeschäft

,,Die unmittelbare Nähe des Erwerbslebens benimmt


mir, jeden Überblick, so als wäre ich in einem Hohlweg
in dem ich überdies noch den Koof senke."

Begi nn des literarischen Schaffens prozesses

1912 Lebenswende:
literarisches Bewusstsein entwickelt sich in Stufen
Verwandlung und Urteil entstehen
1914 Der Prozess

tv. Beziehunq zu Frauen


Allgemeine Beziehung zu Frauen

Zunächst ungewöhnliche starkes Desinteresse, dann Scham


und extreme Unsicherheit

Briefverkehr mit Felice Bauer (1912-19171


Fernbezieh ung Prag-Berlin
Körperliche Distanz durch Briefivechsel
Zwei gescheiterte Verlobungsversuche

V. Krankheit und Tod


1917 Erste Anzeichen von Tuberkulose
viele Werke kuz vor seinem Tod
Bester Freund Max Brod publiziert viele seiner \Nerke,
die er selbst vernichtet wissen wollte