Der Spiegel 11-2011-TÜRKEI: Zu tief gebohrt

Ausland

vor dem Istanbuler Büro von „Oda-TV" j Polizei ausgeschaltet worden. Indes: Beauftauchte, einem Internetportal. Auch I wiesen ist die Existenz dieses ominösen dort wurden Mitarbeiter festgenommen, Geheimbundes bis heute nicht - alle drei die Web-Seite wurde vorübergehend ge Anklageschriften enthalten große Lücken. schlossen. Journalisten, die sich allzu of „Aufgrund der Geheimhaltung", so Chef fen mit der muslimisch-konservativen Re keine Mit zweifelhaften Anschuldigungen gierungspartei AKP und ihrem Minister ankläger Öz, könne er zurzeit die für Be weise vorlegen. Eine Aussage, die Journalisten Sik und Sener nichts Gutes geht die Justiz gegen präsidenten Recep Tayyip Erdogan anle verheißt. gen, so die Botschaft, leben gefährlich. regierungskritische Journalisten Was ist los in der Türkei, die doch der Dass der Kreis der Verdächtigen schein vor. Von Pressefreiheit ist der arabischen Welt ein Vorbild in Sachen bar unaufhaltsam wächst, hat schwere EU-Beitrittskandidat weit entfernt. Demokratie und Pressefreiheit sein will? Zweifel an der Legitimität des ErgeneWarum sitzen dort 68 Journalisten hinter kon-Prozesses hervorgerufen. Könnte es Gittern, warum sprechen die türkischen nicht sein, fragen viele Türken, dass der des 3- März, als der Istanbuler Jour Presseverbände von einem Klima, das an Premier die Ermittlungen missbraucht, Es war in und friihen Morgenstunden die Ära des Kommunistenjägers Joseph um seine Gegner einzuschüchtern? nalist den Universitätsdozent Ah met $ik aus dem Schlaf geklingelt wurde. | McCarthy erinnere? Und was wird den Im Falle der Journalisten §ik und §ener Vor seiner Wohnung hatten sich 15 Man- I Redakteuren eigentlich vorgeworfen? liegt dieser Verdacht nahe. ner in schusssicheren dunkelblauen Spe- j Im Falle Siks und Seners äußerte sich §ik gehört zu jenen Journalisten, die zialwesten und schwarzen Wollmützen 1 Sonderstaatsanwalt Zekeriya Öz höchst selbst die Aufdeckung mafioser Struktu ren beim Militär und in der Politik voran postiert - Beamte der türkischen Terror- I persönlich. Die Verhaftungen der Journa abwehr TEM. „Du hast eine halbe Stunde | listen, so Öz, hätten nichts mit deren Ar getrieben haben. So veröffentlichte er Zeit", blaffte einer den schlaftrunkenen I tikeln zu tun - vielmehr gehe es um Er 2007 in der Zeitschrift „Nokta" die §ik an, „Telefonieren ist untersagt." Dann I kenntnisse im Zusammenhang mit dem „Putschtagebücher" des Marinekomman danten Özden Örnek. Der General soll darin laut über Strategien für einen Sturz Erdogans nachgedacht haben. Und auch Sener beschäftigte sich mit dem Sumpf des sogenannten tiefen Staa tes, mit dem die Verflechtung von Politik, Justiz und organisiertem Verbrechen ge meint ist: Er deckte etwa die Rolle der Si cherheitskräfte beim Mord an dem tür kisch-armenischen Autor Hrant Dink auf. Sik und §ener outeten sich auch als Gegner der AKP-Regierung, der sie un demokratische Machenschaften unterstell ten. „Die beiden haben sich mit den Isla misten angelegt", sagt Ertugrul Kürkcü, ein Kollege vom unabhängigen Nachrich tenportal Bianet. „Sie wollten nachwei sen, dass Erdogan und seine Leute ange fangen haben, den tiefen Staat für ihre Zwecke zu nutzen." Dabei könnten die AKP besonders §iks Recherchen zur islamischen Fethullah-Gülen-Bewegung gestört haben, die nach sei ner Ansicht den türkischen Sicherheits apparat durchdrungen hat. Das wiederum festigt die Überzeugung von AKP-Gegnern, dass die Partei ihren Wurzeln im Journalist Sener (IM.): „Hast du schon deine Tasche gepackt, Bruder? Islamismus treuer geblieben sei, als sie nach außen vorgibt. „Journalisten, die zu führte ihn die Eingreiftruppe ab - quer sogenannten Ergenekon-Prozess. Schon tief bohren, haben immer ein Problem in durch ein dichtes Knäuel von Reportern. seit zweieinhalb Jahren verhandelt ein der Türkei", sagt Kürkcü. Zeitgleich erhielten neun weitere Jour Gericht in Silivri, westlich von Istanbul, Davon betroffen sind aber nicht nur nalisten Besuch von den Terrorbekämp- gegen eine Gruppe angeblicher Verschwö Erdogan-Kritiker. Vor allem kurdische fern, unter ihnen Nedim Sener. Er arbei rer, die einen Putschplan gegen die Erdo- Journalisten haben ein Problem mit der tet für die liberale Tageszeitung „Milliyet" gan-Regierung ausgeheckt haben sollen. j türkischen Justiz. Wegen „Propaganda" und ist einer der bekanntesten Enthül Mehr als 200 Verdächtige, darunter Of für die verbotene Arbeiterpartei PKK dro lungsreporter des Landes. Schon seit Wo fiziere, Politiker und Professoren, wurden hen ihnen gigantische Gefängnisstrafen chen hatte der Regierungskritiker mit sei seit Beginn des spektakulärsten Strafpro auch wenn ihr Verbrechen lediglich darin ner Festnahme gerechnet, man hatte ihm zesses in der jüngeren türkischen Ge bestand, die Ausdrucke „Kurdistan" oder gedroht: „Du bist der Nächste, hast du schichte festgenommen. Viele dieser an „Guerilla" verwendet zu haben. schon deine Tasche gepackt, Bruder?" geblichen Ergenekon-Mitglieder gelten Und Erdogan? „Die Presse bei uns ist §ik und Sener sind die vorerst promi I als Ultranationalisten, die gemeinsam mit sehr viel freier als in den USA", behaup nentesten Opfer einer s.nhaltenden Verj putschbereiten Kräften in der Armee dar- tete der Premier noch 2009 bei einer Rede haftungsweWe in der Türkei. Sie begann [ auf gewartet haben sollen loszuschlagen. in den Vereinigten Staaten. „Sie war noch vor vier Wochen, als die Terrorabwehr Gerade noch rechtzeitig seien sie von der nie so frei wie heute." Daniel steinvorth
TÜRKEI

Zu tief gebohrt

0^

pau"f

POLiS

POUS

100

DER

SPIEGEL

11 / 2 0 11

Sign up to vote on this title
UsefulNot useful