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Merkels Kolonne rollt heran, die Blas-

kapelle schmettert, dann gehen die bei-


den durch die Reihen des jubelnden
CDU-Volks. Auf der Bühne blickt die
Kanzlerin zufrieden über die vollen
Reihen, sie wendet sich kurz zu Mappus
und nickt ihm stumm zu. Es ist nur ein
kurzer Augenblick der Anerkennung,
aber er genügt, um Mappus vor Stolz
aufleuchten zu lassen. Der Ministerprä-
sident von Baden-Württemberg sieht aus
wie ein Schüler, dem die Frau Lehrerin
einen Fleißstempel ins Schreibheft ge-
drückt hat.
Die Geschichte von Mappus und Mer-
kel offenbart den Opportunismus der
CDU, sie zeigt aber auch die Zwänge von
Volksparteien in der Stimmungsdemokra-
tie. In Mappus steckte einmal die Vorstel-
lung, dass eine andere, scharfkantige
Politik möglich ist; dass die Welt noch
klar aufgeteilt ist zwischen Rechten und
Linken, man kann auch sagen: zwischen

MARC-STEFFEN UNGER
den Guten und den Bösen.
Allein seine Gestalt machte ihn zur Al-
ternative: Das breite Kreuz, der massige
Schädel mit den Augen eines Spitzbuben,
Parteifreunde Mappus, Merkel: Ihre Geschichte offenbart den Opportunismus der CDU er strahlte eine bullige Bürgerlichkeit aus,
die den heimatlosen Konservativen in der
CDU sofort sympathisch war. Dazu ka-
CDU
men seine Sätze. Der frühe Mappus spiel-
te gern mit dem Ressentiment, den Chris-

Der Getriebene topher Street Day nannte er mal ein „kar-


nevaleskes Zurschaustellen von sexuellen
Neigungen“. Es waren Worte aus dem
provinziellen Bauch der Union.
Stefan Mappus wollte der Gegenentwurf zu Angela Merkel sein: Als Mappus noch Fraktionschef im
konservativ, kantig, kompromisslos. In der Stuttgarter Landtag war, lud er zu Aben-
Atomkrise wirkt er wie der fleißigste Schüler der Kanzlerin. den, über denen ein Hauch von Ver-
schwörung lag. Es gab schweren Rotwein

A
lle seine Vorbilder haben hier ge- te: „Wir müssen die Ängste der Menschen und schweres Essen, und je mehr sich die
sprochen, die Säulenheiligen der ernst nehmen.“ Gläser leerten, desto heftiger wurde Map-
Union, Helmut Kohl, auch Franz Der Mathaisemarkt ist der vorläufige pus’ Lamento über Merkel. Er stichelte
Josef Strauß, mit dem er sich so gern ver- Höhepunkt der Wandlung des Stefan gegen ihre ewigen Kompromisse, er
gleichen ließ, als die Zeiten noch besser Mappus, es ist die kurioseste Metamor- machte sich lustig über Merkels Jungs im
waren. Schriesheim an der Bergstraße fei- phose, die ein Politiker in den vergange- Adenauerhaus, die ihm zu servil erschie-
ert den Mathaisemarkt, im Festzelt fließt nen Jahren durchgemacht hat. Mappus nen, irgendwie unmännlich.
schon am Nachmittag der Riesling, um war einmal die Hoffnung all jener, die Es waren Jammerrunden, nur blieb
das Rauchverbot und anderen neumodi- von einer anderen CDU träumten; einer unklar, was er anders machen würde. In
schen Schnickschnack schert sich hier nie- Partei, die den Stürmen des Zeitgeistes Merkels Familienpolitik sah er einen An-
mand. Wer Hunger hat, bestellt Schweins- trotzt. schlag auf die Hausfrauenehe, aber als er
haxe. „Gute Politik besteht darin, dass man mit ein paar Mitstreitern ein konservati-
Es gab eine Zeit, da war Schriesheim bei seiner Meinung bleibt, auch wenn ves Manifest verfasste, standen darin Sät-
der perfekte Ort für einen wie Stefan man einen schweren Stand hat“, sagte er, ze, die die Kanzlerin auch unterschreiben
Mappus. Hier muss sich ein Mann von und mit solchen Sätzen machte er sich konnte: „Wer sein Kind zu Hause selbst
der CDU nicht verstellen, hier kann er zum Gegenmodell der weichen Merkel- betreut, soll sich dafür auch in Zukunft
reden, wie ihm der Schnabel gewachsen CDU. Kurz vor der Wahl in Baden-Würt- nicht rechtfertigen müssen.“
ist. Und doch spricht kein Klartextpoliti- temberg wirkt er wie der gelehrigste Merkel ignorierte Mappus, solange er
ker an diesem Montag. Als der baden- Schüler der Kanzlerin. ein Nobody aus Pforzheim war. Als er
württembergische Ministerpräsident ans Dass sich etwas verschoben hat, war im Februar 2010 zum Ministerpräsidenten
Pult tritt, klingt er nicht wie Franz Josef schon vor der Katastrophe von Fukushi- aufstieg, stellte sie sich schnell an seine
Strauß, sondern nach Claudia Roth. ma klar. Ende Februar schwebt Merkels Seite. Man kann nicht sagen, dass sie
Mappus redet von dem schlimmen Hubschrauber über Gammertingen, die Mappus plötzlich sonderlich sympathisch
Atomunfall in Japan und verspricht, alte CDU im Südwesten hat zum Wahlkampf fand. Aber mit einem Mal war er einer
Atomkraftwerke schnell vom Netz zu auf die Schwäbische Alb geladen. Rund der wichtigsten Männer in der CDU, und
nehmen. Das vergangene Wochenende 2000 Menschen erwarten die Kanzlerin, Merkel wollte sich nicht den Vorwurf ein-
habe alles verändert, sagt Mappus, dann am Eingang der Halle tippelt Stefan Map- handeln, sie setze den Wahlsieg in Ba-
kommt ein Satz, den man bisher nur aus pus von einem Bein auf das andere. Er den-Württemberg für eine Privatfehde
dem Lexikon grüner Gefühlspolitik kann- will den Gast aus Berlin begrüßen. aufs Spiel.
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Deutschland

In gewisser Weise kam ihr Mappus so- aus, abgekämpft. Es geht um Merkel,
gar gelegen. In der CDU wird schon lange aber von Verschwörung ist jetzt nichts
genölt, sie habe kein Herz für die Stamm- mehr zu spüren. Seine Sicht auf die
wähler, und die Landtagswahl in Baden- Kanzlerin habe sich sehr geändert, sagt
Württemberg war für sie ein schöner An- Mappus. Er habe einen Höllenrespekt
lass, sich einen konservativen Mantel um- vor ihrer Leistung. „Ich bewundere diese
zulegen. Frau.“
Erst unterstützte sie Mappus’ Kampf Als in Japan der GAU drohte, rief Map-
für Stuttgart 21 und erklärte die Wahl zur pus bei ihr im Kanzleramt an. Er bat um
„Volksabstimmung“ über den neuen schnelle Entscheidungen, er war nervös,
Bahnhof. Später dann, im Streit um die manche sagen sogar panisch. Als Merkel
Verlängerung der Atomlaufzeiten, sprang vorschlug, alte Kernkraftwerke erst ein-
sie dem Atomfreund Mappus bei und mal vom Netz zu nehmen, war Mappus
nicht ihrem Umweltminister Norbert Rött- sofort einverstanden. Er bot an, Neckar-
gen, der die alten Meiler am liebsten so- westheim 1 abzuschalten, und als sich am
fort dichtgemacht hätte. Mappus durfte Dienstag die Ministerpräsidenten mit Mer-
es sich sogar erlauben, den Rücktritt des kel in Berlin trafen, legte er auch noch
Berliner Ministers zu fordern. den Meiler Philippsburg 1 drauf. „Das
Aber je näher Merkel ranrückte, umso kriegen wir auch noch hin“, sagte er.
schneller warf Mappus die eigenen Über- Es gibt jetzt kein Halten mehr. Merkel
zeugungen über Bord. Vom Stuttgarter hat schon alle Rollen durch, sie war
Staatsministerium aus gesehen war die Marktliberale, Konservative, jetzt ist sie

BERND WEISSBROD / DPA


Welt mit einem Mal ziemlich unübersicht- die Frau, die Deutschland schneller von
lich. Der Ministerpräsident Mappus ver- der Kernenergie befreien will als manche
tritt eifrig die Meinung, dass Baden-Würt- Grüne. Sie hat sich wieder einen neuen
temberg dringend neue Kita-Plätze Mantel umgelegt, und es ist offen, ob sich
braucht, schließlich ist er auf die Stimmen die Bürger an ihn gewöhnen werden.
der jungen Frauen angewiesen. Proteste gegen Stuttgart 21* Für Mappus sieht die Lage noch düste-
Und unter den Demonstranten gegen Angst vor dem Wähler rer aus. Als Fukushima nur eine friedliche
Stuttgart 21 waren nicht nur langhaarige Stadt im Nordosten Japans war, erzählte
Berufsdemonstranten, sondern auch bra- Sein Amt hat Mappus aus allen Gewiss- er einmal, was ihn als jungen Mann ge-
ve Bürger, die keine Presslufthämmer in heiten katapultiert. Früher waren die Din- prägt hat. Helmut Kohl habe ihm impo-
ihrem beschaulichen Leben wünschen. ge geordnet: Atomkraft war gut fürs Kli- niert, sagte Mappus, sein Engagement für
Mappus nahm das Wort „moderieren“ in ma, das Kind gehört zur Mutter, Stuttgart neue Atomwaffen der Nato, obwohl im
seinen aktiven Wortschatz auf. Es ist ein braucht einen neuen Bahnhof. Jetzt zer- Bonner Hofgarten Hunderttausende
Wort, das Merkel sehr gern benutzt. ren alle an ihm, und Mappus weiß nicht Demonstranten standen.
Er kann sich immer noch in Rage reden, mehr, wo ihm der Kopf steht. Es geht Es ist eine Geschichte aus dem alten
aber seit ein paar Monaten hat er einen jetzt nicht mehr um Prinzipien, er will Leben des Stefan Mappus. Jetzt ist er der
Mann dabei, der dann sorgenvoll mit dem die Wahl gewinnen. Mann, der von den Protesten getrieben
Kopf wackelt. Es ist Dirk Metz, sein Me- „Habt ihr noch Kaffee da?“, ruft Map- wird. Umfragen interessieren ihn im Mo-
dienberater. Wenn Mappus ein Interview pus, sein Wahlkampfbus rollt Richtung ment sehr. Sie lassen nichts Gutes ahnen.
gibt, feilt Metz so lange daran herum, bis Stuttgart, es ist schon spät, er sieht müde Am vergangenen Freitag gingen die neu-
die Formulierungen glatt sind wie Kiesel- esten Zahlen in der Stuttgarter Staats-
steine. Angela Merkel hat auch so jeman- * Am Rosenmontag in der baden-württembergischen kanzlei ein. Der Trend zeigte nur in eine
den: Beate Baumann, ihre Büroleiterin. Landeshauptstadt. Richtung: nach unten. R��É P������