Fischbeck

Spaziergang

Die Findlinge in Fischbeck
Fischbeck ist »steinreich«. Überall stößt man auf reichliche Spuren und Zeugnisse der Eiszeit vor über 200.000 Jahren: die Findlinge. Die dritte, die sog. Saale-Eiszeit, reichte bis in dieses Gebiet und schob mit ihren Gletschern den »Schutt« ihrer Endmoränen in unsere Gegend. Die Granitbrocken vulkanischen Ursprungs (mit Quarzeinschlüssen, deshalb das Glitzern in der Sonne) stammen aus den skandinavischen Gebirgen und tragen so zu einem besonderen Erscheinungsbild des Ortes bei. Der größte Findling, beim Hausbau im Erdreich gefunden, ist als Naturdenkmal unter Schutz gestellt und liegt an der Kreuzung zwischen Schmäling und Weibecker Straße in einem Garten. Er wiegt über 27 Tonnen. Die typische runde Form ist durch das Rollen im Eis und in seinem Geschiebe entstanden. Ein weiterer Stein wurde vor der Stiftskirche zum Gedenken an den Besuch des deutschen Kaisers Wilhelm ii. im Jahre 1904 und an das in diesem Jahr stattgefundene Jubiläum der Gründung des Stiftes aufgestellt. Auch das »Urstromtal« der Weser mit seinen Kiesvorkommen und der Geschiebemergel (Löss, Lehm) der Weserterrasse sind Hinterlassenschaften der Eiszeit.

Die Flutkatastrophe von 1966
Wer aufmerksam durch Fischbeck geht, findet an vielen Häusern in der Nähe des Nährenbaches eine Hochwassermarkierung mit dem Datum 19.06.1966. Am späten Abend dieses Tages rollte über den Ortskern eine bis zu 4 m hohe Wasserwelle, richtete große Sachschäden an und brachte hohe Verluste an Vieh. Es grenzte an ein Wunder, dass Menschenleben nicht zu beklagen waren. Ursache der Flut war ein plötzlicher Dammbruch bei der oberhalb des Dorfes gelegenen Talsperre. Der Nährenbach, sonst ein schmaler Bachlauf und in ein gemauertes Bett gepresst, konnte die Wassermassen eines mehrstündigen Gewitters über dem Wesergebirge nicht mehr fassen. Die ins Tal stürzenden Regenfluten ließen die Bäche über die Ufer treten, füllten schnell das Rückhaltebecken, schwappten schließlich über die Deichkrone, spülten das Erdreich sowie die Steinpackung fort und rissen einen 30 Meter breiten Durchlass hinein. Ein Besuch der neuen Talsperre (ihr Staudamm wurde um das Doppelte erhöht und verbreitert, 13 zwei Überlauftürme sowie Tosbecken sorgen für einen geregelten Wasserablauf) kann gut mit einer Wanderung um den Finnenberg und seinen schönen Aussichten auf das Wesertal und -gebirge sowie nördlich in Richtung Süntel verbunden werden. 14

Heineberg und Heineburg-Ruine
Im Osten Fischbecks liegen auf einer in das Wesertal ragenden Anhöhe im dortigen Naturschutzgebiet die Fundamente einer Burg: Die Heineburg. Ihr Geheimnis ist bis heute nicht gelöst. Der Name der Anlage wird mit Heinrich i. verbunden, denn sie zeigt Ähnlichkeit zu anderen Befestigungen aus der Zeit, als der Sachsenkönig eine Burgenbauverordnung erließ. Während eines neunjährigen Waffenstillstandes mit den Ungarn wurden Burgen an strategisch wichtigen Stellen nach dem gleichen Schema errichtet. Die Heineburg gestattete einen weiten Blick nach Osten und in das enge Durchzugstal der Weser. Zudem befand sich in Fischbeck ein sächsischer Königshof, der für die Wachmannschaft und die Versorgung einer solchen Schutz- und Trutzburg zuständig war. Zu erreichen ist die Heineburg über den Hamelner Weg und den sich anschließenden Feldweg bis zum Wald; dort, wo der Weg nach Norden abknickt, befindet sich nach 50 m unter Bäumen der Wall der Ruine. Der Ausflug zum Naturschutzgebiet lohnt nicht nur wegen der Ruine, sondern auch wegen des naturnahen Waldes und des herrlichen Blicks auf Fischbeck und das Wesertal, den man auf einer Wanderung am Waldrand zum Hotel »Weißes Haus« genießen kann. 6

Wanderparkplatz am Finnenberg
Der Finnenberg ist ein waldreiches Gebiet mit einer großen natürlichen Vielfalt. Charakteristisch sind alleenartige mit Birken und Eichen bestandene Wege. Es ist ein altes Siedlungsgebiet. Bei Ausgrabungen wurden Gegenstände aus der Bronzezeit gefunden. Mitten im Wald tut sich dem Wanderer ein baumloses, landwirtschaftlich genutztes Areal auf, die Fischbecker Heide. Hier vermutet man die in alten Quellen erwähnte wüst gefallenen Ortschaft Hemessen. Am Parkplatz direkt am Wald laden sechs Rundwege mit einer Länge zwischen 2,4 und 5,7 km zur Erkundung der Umgebung von Fischbeck ein. Sie eignen sich gut für Spaziergänge, da kaum Steigungen zu überwinden sind. Die Wege bieten herrliche Aussichten: nach Norden auf die Sünteldörfer und zum Wesergebirge, nach Osten zum Süntel mit seinem Turm und nach Westen bis zur Porta Westfalica. Vom Parkplatz selbst hat man einen weiten Blick auf das Stiftsdorf, das Wesertal und das sich dahinter erhebende Lippische Bergland. Ein idyllischer Pfad am Waldrand entlang mit einer immer größer werdenden Sicht über Fischbeck hinweg führt zum Hotel »Weißes Haus«, von wo sich das gesamte nördliche Wesertal überblicken lässt.

9

Hessisch Oldendorf

Fischbeck – das Dorf und sein Stift
Fischbeck (ca. 3.500 Einwohner) ist die älteste Siedlung im Schaumburger Raum und im Kreis HamelnPyrmont. Auf einer überschwemmungsfreien Terrasse über dem Wesertal gelegen, war der Ort immer ein Ackerbürger- und Handwerkerdorf, aber auch mit dem Marktrecht versehen. Fischbeck liegt verkehrsgünstig an der Bundesstraße 83, einer Bahnstrecke (der Bahnhof ist stillgelegt) und der Wasserstraße Weser. Das über 1100 Jahre alte Dorf ist über seine Grenzen durch sein tausendjähriges Stift mit romanischer Kirche bekannt. Dieses bauliche Ensemble vermittelt noch heute das Bild eines mittelalterlichen Klosters. Bekannt ist auch das Taubblindenwerk, ein »Dorf im Dorfe«. Es ist eine der wenigen Einrichtungen in Deutschland für Menschen mit Hör- und Sehbehinderung. Die Nähe zu Hameln, eine intakte Infrastruktur mit Grundschule, Kindergärten, Ärzten, Banken, Lebensmittel- und Fachgeschäften, Handwerksbetrieben sowie ein vielfältiges sportliches und kulturelles Angebot machen Fischbeck als Wohnort attraktiv. Fischbeck und seine Umgebung ist durch Rad- und Wanderwege gut erschlossen. Deutschlands beliebtester Radfernweg führt direkt am Ort vorbei. Zahlreiche Cafés, Restaurants und Unterkünfte laden zum Aufenthalt im Stiftsdorf ein.

Geschichte Fischbecks
Fischbeck kann auf eine über 1100 Jahre lange Geschichte zurückblicken. Als »Uisbecchae« mit einem fränkischen Königshof aus der Zeit Karls d. Gr. wurde es das erste Mal 892 n. Chr. in einer Schenkungsurkunde des ostfränkischen Königs Arnulf v. Kärnten, dem späteren letzten karolingischen Kaiser des Hl. Römischen Reiches Dt. Nation, erwähnt. Nach einer weiteren Quelle des Sachsen Otto d. Gr. und den Besuchen des letzten Deutschen Kaisers Wilhelms ii. kann sich Fischbeck ein Drei-Kaiser-Dorf nennen. In der Frühgeschichte war dieses Gebiet nachweislich germanisch (Cherusker), sächsisch (Tilithigau) und fränkisch besiedelt; im Mittelalter und in der Neuzeit wechselten schaumburgische, hessische und schließlich preußische Herrscher miteinander ab, zwischenzeitlich gehörte Fischbeck zu Jérômes Königreich Westfalen. Auf Grund seiner Lage in einem Durchzugsgebiet erlebte der Ort die kaiserlichen Söldner eines Tilly im Dreißigjährigen Krieg, die mit Friedrich dem Großen verbündeten Heere der Braunschweiger und die Grande Armee Napoleons. Fischbeck gehörte bis zur Gebietsreform zum Landkreis Grafschaft Schaumburg, seitdem zu HamelnPyrmont. Seit der Gemeindereform ist der Ort ein Stadtteil Hessisch Oldendorfs. 1

Spaziergang durch Fischbeck
Der Rundgang beginnt zwischen dem Parkplatz am Stift und der »Bierscheune«, wo eine Tafel über die das Dorfbild bestimmende mittelalterliche Klosteranlage informiert. Wir gehen einige Meter bergan auf den Helmburgisplatz, um das Stiftsensemble zu betrachten. Nach einer empfehlenswerten Besichtigung führt der Weg zurück zum Nährenbach. Vor uns sehen wir ein schönes Fachwerkhaus, das Wohnhaus des sog. Sommerhofes, des mit 1050 Jahren ältesten Bauernhofes Fischbecks. Wir überqueren die Hauptstraße und kommen zum alten Dorfplatz, wo ein Vierständerhaus, Dorfbrunnen, alter Baumbestand und der Maibaum ein malerisches Ensemble des früheren Ortsmittelpunktes bilden. Noch heute feiert vor dieser historischen Kulisse die Dorfgemeinschaft viele Traditionsveranstaltungen. Weiter geht es zur Zentralstraße, vorbei an einem größeren Bauernhof und gelangen zum Platz mit der Dorflinde, wo eine geschnitzte Tafel an die erste schriftliche Erwähnung Fischbecks 892 und an den Orts»gründer« Arnulf von Kärnten erinnert. Von hier führt der Pötzer Kirchweg zum Wanderparkplatz »Finnenberg«, von dem herrliche Wanderungen in die Fischbecker Umgebung gestartet werden können. Wir spazieren weiter auf der Blümenau am Nährenbach entlang, um nach ca. 50 Meter in die Mühlenstraße einzubiegen. An der oberen Ecke des links stehenden Fachwerkhauses ist eine Hochwassermarke mit der Wasserstandshöhe des Nährenbaches bei der Flutkatastrophe am 19. 06. 1966 zu erkennen. Malerisch, fast wie kleine Fischerkaten, wirken die schmalen Häuschen in der Mühlenstraße – Zeugnisse früherer Wohn- und Lebensformen im Dorf. Vorbei an der Sparkasse und dann auf der Weibecker Straße führt uns der Weg bis zum »Schmäling«, wo in einem Garten ein mächtiger Findling ruht, der Aufschluss über die eiszeitliche Geschichte des Raumes gibt. Unser Rundgang mündet in die »Paschenburg«, dort überqueren wir diese Straße und halten uns links.

Die Stiftskirche und ihr Garten
11 Die Stiftskirche entstand im frühen 12. Jh. als dreischiffige flachgedeckte Kreuzbasilika. Ein Vorgängerbau ist anzunehmen. 1234 wurden Kirche und Stiftsgebäude durch einen Brand beschädigt. Die Erneuerungsarbeiten zogen architektonische Veränderungen, vor allem an Chor und Langhaus, nach sich. 1254 fand die Neuweihe statt. Als Gesamtbauwerk zeichnet sich die der ostfälischen Bautradition verbundene Kirche durch eine strenge, konservative Architektur aus. Sie zählt zu den besterhaltenen Großbauten des Wesergebietes vor der Einführung der Monumentalwölbung. Der schlichte Außenbau ist vorwiegend in Bruchsteinmauerwerk errichtet. Chor und Absis – beide im Wesentlichen aus der Zeit nach dem Brand von 1234 – sind durch reiche Gliederung und Dekoration hervorgehoben. Bemerkenswert sind hier die länglichen Sechspassfenster. Etwa Mitte des 12. Jh.s ist als letzter Bauteil der Westbau aus Quadermauerwerk errichtet worden. Mächtig steigt er fast ungegliedert auf und prägt den Gesamteindruck der Kirche. Aus dem unteren Bereich des nördlichen Querhauses erreicht man die im zweiten Viertel des 12. Jh.s erbaute dreischiffige Hallenkrypta. Dieser Raum gilt als der älteste erhaltene Teil der Kirche und birgt neben einer großartigen Akustik architektonische Besonderheiten. Von der mittelalterlichen Ausstattung können einige Inventarstücke im Rahmen von Führungen besichtigt werden. Nach 1700 erfuhr das Innere der Stiftskirche eine Umgestaltung in Form der Barockisierung. Das Innere der romanischen Basilika beeindruckt durch reiche Ausmalung und Atmosphäre. Der mittelalterliche Kreuzgang dürfte einmalig in seiner Geschlossenheit im Weserraum sein. Eng mit der Kirche verbunden liegen, scheinbar willkürlich verschachtelt, die Stiftsgebäude, die überwiegend im barocken Stil errichtet sind und heute moderne Stiftsdamenwohnungen beherbergen. 12 Der Abteigarten wurde im 18. Jh. als repräsentativer Garten angelegt. Hier wachsen teilweise uralte Bäume. Eine über 1000-jährige Eibe hat vielleicht Helmburgis schon gesehen. Aber auch eine amerikanische Eiche oder ein Gingko-Baum können hier bewundert werden. Abgegrenzt von den Stiftsdamengärten wird der Abteigarten von der ältesten Backsteinmauer Niedersachsens. Ein privater Förderkreis setzt sich für Pflege und Erhaltung des mittelalterliche Kräutergarten mit seinen 26 buchsbaumgefassten Beeten, in denen 52 heilkräftige Kräuter ihre Düfte und Aromen verbreiten. Dieses gärtnerische Kleinod vor der historischen Kulisse begeistert immer wieder die Besucher.

Stift Fischbeck
Öffnungszeiten: Dienstags bis sonntags 14.00 bis 16.00 Uhr sowie Dienstag und Freitag um 9.30 Uhr Gruppen bitte anmelden, Telefon: (0 5152) 86 03 Führungen: (0 5152) 80 74 www.stift-fischbeck.de

2

8

3

Tourist-Info
Stadt Hessisch Oldendorf Marktplatz 13, 31840 Hessisch Oldendorf Telefon: (0 5152) 7 82-164 www.hessisch-oldendorf.de Hotels: – Weißes Haus Hotel garni, Telefon: (0 5152) 85 22 – Hotel Café am Stift, Café und Restaurant Telefon: (0 5152) 9 76 20 – Montenegro/Schaumburger Hof Hotel und Restaurant, Telefon: (0 5152) 9 76 80 Öffentlicher Personen-Nahverkehr: Linien 20 und 25 von Hameln nach Hessisch Oldendorf
Text und Fotos: Anette Gerten, Rainer Halbauer, Heinrich-Otto Schattenberg, Werner Schrandt, Dagmar Thoms, Heimatverein Fischbeck e.V.

9

4

5

6

7

10 An der Ecke zur Dammstraße ist an einem weißen Fachwerkhaus im oberen Giebelbereich eine sog. Odalsrune aus dunklen Balken zu erkennen, ein auf die Spitze gestellter Rhombus mit zwei nach unten geführten Schenkeln. Dieses bauliche und zugleich sprachgeschichtliche Zeichen bedeutet nach dem Runenalphabet »Ererbter Besitz«. In der Spitze des Giebels haben die Erbauer zusätzlich ein Andreaskreuz gesetzt, das die griechischen Initialen Christi darstellt. Das Dreieck darunter mit der Spitze nach oben wird als »Auge Gottes« gedeutet. Der Weg 11 zurück verläuft nun durch die Lachemer Straße, an der Stiftsmauer entlang um den Stiftsgarten mit einem alten, seltenen Baumbestand herum, an der Abtei vorbei und mündet schließlich wieder am Parkplatz ein.

Gefördert durch die Europäische Union im Rahmen der Gemeinschaftsinitiative LEADER+

Sign up to vote on this title
UsefulNot useful