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Ivo Andric Das Fräulein Roman Carl Hanser Verlag .

München Printed in Germany .' 5 ^2678S Gesetzt aus der Trump-Mediäval Satz und Druck: Frühmorgen & Holzmann.Aus dem Serbokroatischen übersetzt von Edmund Sdineeweis Titel der Originalausgabe: Gospodjica \ D ! l^ /'• ^\ t5?3 !.

Wenn du arbeitest. ist. das man nicht zum allge- meinen Nutzen des Volkes verwendet. so tu es in Gottes Namen! Doch wenn dein Herz mit totem Wachs versiegelt auf dir. dann lastet ein Fluch Janko Veselinovic Verfludit ist und bleibt das Geld. Sima Milutinoviö-Saiajliia .

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sie durch Schilderung aller Einzelheiten zu befriedigen und so den Umsatz des Blattes zu steigern. »Untersuchung im . um die Phantasie der Menge zu entzünden. Nachdem er zwei Tage vergeblich geläutet hatte. daß in der Stigstraße Nr. Alle Tageszeitungen schlachteten fälle Raum Morde. einer führte das Leben einsamen alten Jungfer und er galt als geiziger Son- derling. Nach den damals herrschenden Sitten nahm die Kridie alte Jungfer tot auf minalchronik in der Tagespresse einen großen ein. Ihren Tod entdeckte der Briefträger jener Straße. Sie hieß Rajka Radakovic. schaute vom Hof ins Fenster. Auch die Nach- richt vom Tod der vereinsamten Alten brachten die ZeiStelle tungen an sichtbarer titeln: »Liegt mit den erregenden Unter- ein Verbrechen vor?«. i6a die Hausbesitzerin tot aufgefunden habe. ihre Neugierde zu kitzeln. sah dem Rücken im Vorzimmer liegen und meldete die Beobachtung sofort der Polizei. Unglüd<:s- und blutige Ereignisse aus.An einem man der letzten Febniartage des Jahres 1935 brachten alle Belgrader Zeitungen die Nachricht. stammte aus Sarajevo und lebte schon fünfzehn Jahre ganz zusie rückgezogen in diesem Hause. ging um das Haus.

Gange. Als die Nachricht öffentlicht wurde. daß sich alles Stelle schädigt und an Ort und im Hause unbebefand und nichts auf einen Einbruch. daß es es sich um kein Verbrechen handelte. sondern daß die alte Jungfer eines natürlichen Todes — an einem Herz- schlag — gestorben war. Die Kommission. Das waren die einzigen Verwandten.« Aber diesmal war den Zeitungen nicht beschieden. was die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt regt hätte. und die Phantasie der Leserschaft er- Die folgenden Seiten jedoch werden Ihnen Schicksal erzählen. Unser Berichterstatter am Tatort. Die Zeitungen haben nie mehr den Namen Rajka Radakovic erwähnt. Weder ihr einstiges Leben noch ihr Tod boten etwas. einen Diebstahl oder irgendeine Gewalttat hindeutete. stellte rasch und einwandfrei fest. welche die Ver- storbene in Belgrad hatte. Sie besorgten die Bestattung und übernahmen als ihre nächsten Verwandten das Haus mit seinem Inventar bis zur Klärung der Erbschaftsfrage. die sich sofort in die Stigstraße begeben hatte. von ihrem wirklichen . vom Tode der alten Jungfer verkam der bekannte alte Kaufmann Djordje Hadzi-Vasic mit seiner Frau in die Stigstraße. lange Berichte mit gruseligen Einzelheiten und Lichtbildern zu bringen.

sich bridit und als roter Scliein dieser Sonne. ist von den Schwärmen der Immer schön und reich. an denen sich das Feuer Ebene zwischen den Flüssen. auch im Frühling. Himmels sind die SonIm Herbst und im Sommer sind sie ausfin- gedehnt und strahlend wie eine Fata Morgana in der Wüste. Zu jeder Jahres- zeit gibt es sehr häufig Tage. die. versinkt. Dann färbt die . auf der hohen Himmelskuppcl widerspiegelt. Aber die größte Pracht dieses Belgrader nenuntergänge. wenn schwer herbstlichen Sterne.Der Himmel über Belgrad veränderlich. er zugleich wenn mit der Erde zu blühen scheint. vermischt mit dem Staub der Pannonischen Ebene. auch wäh- rend der sommerlichen Gewitter. Regen bringt. im Winter hingegen abgeschwäclit durch stere Wolken und gelblidirote Nebel. was nicht sein dürfte. und ein Trost für alles. die in der über die weit hingestreckte Stadt ergießt. wenn er sich in eine einzige düstere Wolke verwandelt. was sie nicht besitzt. dieser wun- derbaren Stadt ein Ersatz für alles. auch während der winmit ihrer kalten Pracht. doch terlichen Klarheit ist weit und hoch. auch im er Herbst. unterhalb Belgrads. recht immer schön. gej agt tollen von einem Sturmwind.

je nach der Laune und den Bedürfnissen des ren die Damals wa- Hausnummern Haus gehörte. auch die Vorderseite eines kleinen. die wem das und größtenteils kannten Leute einander. und im Notfall fand sich leichter als heutzutage. eingezwängt und verloren zwischen zwei modernen hohen Gebäuden der neueren Zeit. doch durch ausgedehnte Gär- ten voneinander getrennt waren und mehr oder weniBesitzers. Dieses Licht beschien im Jahre 1935. am Abend dieser Februartage. Man wußte. selten als die FFäuser in dieser Straße noch sehr und alle so niedrig. der Raumvertei- lung und mehr oder minder auch der inneren Einrich10 . nicht der Größe. so daß zwei Nummern 16 entstanden und eine davon zu i6a werden mußte. als man hier für den Quadratmeter Boden einen Dinar zahlte. wenigstens Sehen. sie liege hinter Gottes Rükken. nicht so wichtig. als man von der Gegend sagte.Sonnenröte für einen Augenblick auch die entlegensten Winkel Belgrads und spiegelt sich selbst in den Fenstern eines jener Häuser. Das eingeschossige. Sofern sie dem Namen nach oder vom sie einander nicht kannten. Sie gleichen sich alle. man Solche Häuser des Belgrader Vorkriegstyps sind ge- genwärtig noch häufig in den entlegeneren Straßen Belgrads anzutreffen. die sie sonst nur schwach bescheint. unansehnliche Fiaus stammt noch aus der Zeit vor den Balkankriegen. suchten einander auch seltener auf. Bei der raschen Entwicklung der Straße stießen hier die Fiausnummern zusammen. und die amtliche Zählung geriet durcheinander. sondern der Form und dem Material. Eben diese Nummer trägt jenes niedrige gelbe Fiaus. verwahrlosten Fiauses in der Stigstraße. ger hervorstanden oder versteckt lagen.

Zwei oder vier Fenster blicken auf die Straße. das bei den reicheren Leuten aus dickem Milchglas besteht. daß ihre Bewohner mit der Zeit Schritt halten. die Dachrinnen sind verschoben. nachdem ob das Haus zwei oder drei Zimmer hat. Der Rand des Daches weist Lücken auf. der das Anwesen von den Gärten und Höfen ist der Nach- barn trennt. Solche Häuser zeigen. dessen obere Hälfte aus Draht geflochten und oben mit je eisernen Stacheln verziert ist. In allem gleich. die Fenster und mit feinen weißen Vorhängen verhüllt. die Farben verblaßt. Hier ist in der Mitte des Hauses der Eingang mit ein oder zwei Steinstufen. das eiser- ne Hoftor ist mit heller Ölfarbe gestrichen. Unter den Fenstern ist im Mörtel irgendein sezessionistisches Motiv oder ein vereinfachtes geometrisches Ornament aus der ewig gleichen Form irgendeines Meisters aus Crnotrava angedeutet. Andere Häuser dagegen sind verwahrlost und häßlich. Auch im Innern fast die Raumverteilung immer gleich: ein großes Vorzimmer und rundher- um drei bis vier Zimmer und eine Küche. Weiter hinten liegt der Garten mit dem Nußbaum in seiner Mitte. überdeckt von einem kleinen hölzernen Dach. daß sie arbeiten und verdienen. führt in einen kleinen Hof mit winzigen Pflastersteinen und einem schmalen Blumenbeet längs der Mauer. die Simse und sind geputzt II . an der sich Weinreben oder Kletterrosen emporwinden. unterscheiden sich diese Häuser jetzt bloß durch ihr Äußeres. oft auch mit einem Ziehbrunnen daneben und mit frühreifen Pflaumen und Pfirsichen an dem Zaun. daß sie vom Leben etwas verlangen und auch bekommen. offenbar gut gepflegt und regelmäßig ausgebessert.tung nach. Die einen sind getüncht. Das eiserne Tor.

den Fenstern fallen die starken eisernen Querstanauf. die sich über eine Handarbeit beugen. sie allein. Die halb der Fenster ist Mauer unter- mit Straßenkot bespritzt und mit den ersten Sdireibübungen der Kinder geschmückt. sondern An um es einzureißen und ein neues. kennen zwar ihren Namen. kaufte sich hier ein Haus und wohnte darin mit ihrer Mutter. unbekannte Leute hinzuzogen. der es übernähme. daß es verlassen sei oder auf einen Käufer warte. mit jenem abwesen- den und doch gesammelten Ausdruck. wie ihn die Gesichter von Frauen haben. Sein Äußeres könnte die Vermutung aufkommen lassen. nicht um gen darin zu wohnen. Es hat im ganzen zwei Fenster. ähnlich den beiden. ohne Ver- wandte oder Dienstboten. und zwar gleich nach der Befreiung. Das Haus i6a gehört zu dieser letzteren Gruppe.primitiven Ornamente bröcl<eln ab. 12 fast Wovon lebt sie? auch ohne Besuche und (Denn das ist die erste und . aber sie alle nennen sie von jeher einfach das Fräulein. die auf die Straße blicken. Sie übersiedelte von Sarajevo hierher. doch die starb schon zwei Jahre darauf Seither lebt . Freunde. größeres zu bauen. Das ist Fräulein Rajka Radakovic. die dem ganzen Haus ein düsteres und kerkerhaftes Aussehen geben. die schon hier wohnten. sieht Aber wenn man geman. im Jahre 1919. Aus den Fenstern lugt die innere Verwahrlosung. bevor die neuen Häuser mit mehreren Stockwerken gebaut wurden und neue. daß hinter einem dieser Fenältere Frau sitzt. ohne Vorhang und Blumen eine unbeweglich und vornübergeneigt. die Armut oder ganz einfach der Mangel an Bedürfnissen. die es von nau ster links und rechts einzwängen. Die älteren Bewohner der Stigstraße. hinschaut.

daß sie arm sei und darbe.wichtigste Frage. die anderen. In diesen Runzeln liegt wie eine schwarze Ablagerung ein feiner Schatten. und ihre Bewegungen sind rasch und heftig. Im übrigen kümmert sich schon seit vielen Jahren in dieser lebendigen und bunten Welt niemand sonderlich um das alte Fräulein. Ihr Gesicht ist gelb durchfurcht. denn aus ihnen schlägt Finsternis. alte Jungfer hoch in den Vier- zigern. hagere. und im Winter geht sie hinaus. Auch war sie in den letzten Jahren selten zu sehen. unmittelbar über der Nase. mit der Wollmütze auf dem angegrauten Haar ist sie jenseits aller Zeiten und Moden geihre Haltung ist aufrecht und verrät nichts sdilüssigkeit. ein regelmäßiges Dreieck. wie ihn heute niemand mehr trägt. den auch der Blick ihrer Augen nicht aufheitert. Diese und von vielen Runzeln Runzeln sind ungewöhnlich tief. Sie ist eine große. kränkliche 13 . Nur von Zeit zu Zeit besucht sie den Markt auf dem Kalenicplatz.) wort darauf gefunden oder ersonnen Die alten Be- wohner der Stigstraße fanden einst heraus. in den abgetragenen Schuhen und den dikken Strümpfen. die vereinsamte. das ganz zurückgezogen lebt. Die einen behaupten. man sich hier bei jedem einzelnen bis man eine Anthat. kreuzen und bilden starken Augenbrauen verbindet. In der schwarzen Jacke und dem ungewöhnlich langen Rock. um ganz allein vor dem Haus den Schnee vom Gehsteig zu fegen. Dadurch erhält ihr ganzes Gesicht einen düsteren und gequälten Ausdruck. das die und auf sie sich der Stirn. daß sie reich sei und auf dem Geld liege. daß jenes Fräulein von einer Rente und von Ersparnissen lebt. die stelh und unermüdUch wiederholt. Aber von der Unund arme Menschen in allem aufweisen.

Dann trat sie ins Zimmer. Bei den letzten. doch nur. bestrahlt auch ihr Fenster. der Schnee und Regen zugleich brachte. Gewohnheit geworden ist. er war aus grobem Tuch. Die heutige Welt. nahm ihre Handarbeit auf und setzte sich. Jene Abendröte. warm erschien. naß den alten Kleiderstock. die über Belgrad. rötlichen Strahlen der schon unsichtbaren Sonne kann sich man noch schön arbeiten. Sie faßte aber sie kehrte noch bei Tageshelle zurück. In diesem Däm- man einen kleinen eisernen Ofen zwischen ärmlichen Möbeln: einem Kleiderschrank. wie mir scheint. Auch an diesem Februarabend sitzt das Fräulein am Fenster und stopft Strümpfe. einem Regal und einem hölzernen Bettgestell. zog ihn aus der Ecke in damit er schneller trockne.kleidet. gefertigt und jetzt vom Wasser ganz durchnäßt. Alles in . die so schnell dahinlebt. beach- ungewöhnliche Gestalt der mageren. da wie ein großer Mann ohne Kopf. daß ihr die Eile schon zur tet die große. und durchfroren vom Februarwind. über das eine Kamelhaardecke gebreitet 14 ist. Sie zog ihre alten Galoschen aus und legte den langen schwarzen Wintermantel ab. das ihr. schwarzen Frau so gut wie gar nicht. ähnlich dem der Soldatenmäntel. Fenster setzt. länger andauert und stärker leuchtet als über anderen Städten. der ins Haus getreten und inmitten des Vorzimmers stehengeblieben war. Nachmittags mußte sie wegen irgendwelcher Besorgungen das Haus verlassen. wenn man ans denn im Hintergrund des Zimmers greift schon ein zartes Halbdunkel merlicht unterscheidet um sich. der so Durchfrorenen. So stand er die Mitte des Vorzimmers und hängte ihren Mantel darum.

soweit er und sich muß. verwahrlosten Räumen ein noch traurigeres Aussehen. schon deshalb nicht. >Stopfen und Dulden erhalten das Haus<. wie er auch die schönen und gepflegten noch angenehmer macht. mit dem Stopfen. Zeit und Augen- . In diesem freudlosen Zimmer verbringt das Fräulein den größten Teil ihrer Zeit. auch nicht das Wort »verschwenden«. man verliert müden. hier verbringt sie den Tag und arbeitet sie. wo etwas steht und wie es aussieht. schon so oft gestopften Strümpfe in die Hand nimmt. und die Augen erspart alles andere. Hier schläft sie. denn es ist der einzige Raum. Das ist eine angenehme und nützliche Arbeit.diesem Zimmer. Das Fräulein verschwendet nicht viel Zeit für solche Arbeiten wie den Hausputz und das Kochen. aber man licht hat der Mensch im Überfluß. als ob hier ein Blinder lebte oder jemand. in keiner Verbindung und keiner Form. während sie sich ans Fenster setzt und ihre alten. und dann wiederholt sie unzählige Male unbewußt und unhörbar bei sich: >Stopfen und Dulden<. sagt sie sich das alte Sprichwort vor. der geheizt wird. die sie jetzt tut. von den trägt Wänden bis zu den Möbeln. den Stempel der Nachlässigkeit und Verwahrlogegen die Dinge dieser Welt ist sung. weil er es jedoch muß. hier kocht sie auch auf dem kleinen Ofen ihr karges Mittagsmahl. Anders ist es mit der Arbeit. jedenfalls mehr als das übrige. weil sie Verschwendung überhaupt nicht liebt. den ganz und gar nicht interessiert. der völlig gleichgültig ihrer bedient. Dieser rötliche Widerschein des Bel- grader Vorabends verleiht den ärmlichen. das gleichzeitig auch ihr Abendessen ist. so wie junge Mädclien bei der Arbeit lautlos und triebhaft Worte und Melodie eines Liebes15 zwar Zeit dabei. und nur.

da eröffnen sich ihr Aussichten auf mühsame und weit entfernte. aus den Händen und Augen. heili- gen Dienstes und sieghafter Begeisterung. die alles am Menschen verzehrt und dünn macht. Das ist wahrhaft ewiger Kampf und ermüdendes Überlisten eines mächtigen. wo andere Frauen nachlassen und sich der allmächtigen Kraft ergeben. anbohrt. In diesem Kampf gibt es liedes wiederholen. da beginnt für das Fräulein erst der richtige Kampf. in dem sie jedoch seltsamerweise ein lebendiges Bild und einen klaren Ausdruck ihrer tiefsten Wünsche entdecken. so daß an irgendwelchen Pantoffeln oder an einem Wäschestück man den Gegenstand weder tragen noch wegwerfen kann. für einen langen ist < der gerettet und jener feindlichen Kraft entrissen alles ist. aber ich werfe nichts weg. die an uns und um uns benagt. doch gewaltigen. es gibt auch Niederlagen und Entmutigungen. das nüchterne. große Siege. der mit der Erbsünde auf das menschliche Dasein gefallen ist. So spricht das Fräulein zu sich selbst. scheinbar ausweglose Augenblicke. Stopfen! Das ist ein Hochgenuß. Eine wird dünn und zerreißt. schwere. >Jede andere an meiner Stelle würde das wegwerfen. aber viel Stelle häufiger sind die lichten Augenblicke ergebenen. und mit Begeisterung und Liebe betrachtet sie diesen Pantoffel. Mit all ihren stillen und unsicht- baren. Aber hier. zähen jungfräulichen Kräften stürzt sie sich auf diesen Gegenstand und läßt ihn nicht bessert bis er genäht und ausgeneuen Gebrauch. aber glänzende.an und für sich unbedeutend und weiß Gott wo und wie entstanden ist. unsichtbaren Feindes. zerreißt und i6 . Bei mir gibt es weder Schaden noch Verlust. die jedes menschliche Leben und jede Bewegung begleitet wie ein Fluch.

und keine größere Verblendung. aber sorgt sie sich res. der Spar- samkeit. Sie hat sie nie sehr sondern sich immer vor ihr gescheut. und dem. beimmer stärker und bestimmtraurige zu hassen wie etwas Ketzerisches. was ist das gegen das Vergnügen. bedeutet die Ewigkeit in ihrer Dauer 17 . gerechte Dienst an dieser Gottheit. und die sie Lebenserfahrung hat solchen Unterschied ist. Und was die Schönheit betrifft. wie ein böses. es ist ein süßer Schmerz und eine glückhafte Wunde.Zwar ist der Pantoffel nicht mehr schön anzusehen. und auch sonst hat er sich verengt und gekrümmt. schön ist. das die Menschen auf Abwege führt und sie von der einzig echten Gottheit. Es bedeutet Kampf gegen den Verfall. heiliges. was was nicht schön und was es denn das sie so hinreißt sen twillen. großes Geld. über allem steht und mit sich ihr die dem keine Schönheit annähernd messen kann. mächtiges. daß sie um des- Schönheit nennen. trügeri- sches Ding. welches dieser Sieg und diese Ersparnis bereiten? Soll er schmerzen und verwunden. er drückt und kratzt und verwundet die Haut auflöst. Es gibt keinen schlimmeren Verschwender geliebt. ablenkt. sie und trunken macht. so des Fußes. Stopfen und Flicken. feindliches Idol. ihre Gesundheit zugrunde richten und Geld verschwenden. Die Schönheit ist ein teu- ein unerhört teures und dabei nichtiges. das ist der stille. Sie ist bereit. Niemals einen hat sie recht verstanden. noch darin bestärkt. was ist. Aber da sie in die Jahre kommt und weiter unge- ahnten und unübersehbaren Schönheiten und der Sparsamkeit Wonnen immer ginnt ter sie diese Schönheit und klarer eröffnen. noch weniger. warum die Menschen zwischen dem machen. viel mehr als das zu ertragen. das sich jetzt.

Und warum soll der Mensch eine Lust. ist Das weiß sie. was wir zu tun vermögen und im Kampf dagegen unternehmen und leisten können. im Dienste sie Sparsamkeit ertragen. viel größeres Dulden! Auch das wenn er weiß. Und wenn der Mensch bedenken würde. das am Ende kommt und schlimmer und schwärzer ist als der Tod. für einen Luxus hielte. Darum lohnt es. was uns und wovor sie uns rettet? Sie erhält um uns herum Leben und Dauer. sich ein wenig abzumühen und allerhand auf sich zu nehmen Arbeit so groß und zu erdulden. denn sie hat in ihrem Leben viel gelitten und hat viel Genugtuung darob verspürt. wie alles um uns ständig und unbemerkt schwindet und vergeht. gegenüber dem. wie klein und schwach alles ist. winzige und heihg und erfüllt die ganze Seele mit Ruhe und Zufriedenheit. Arbeit die er so verrichtet. eine wahre Hölle schon auf Erden und bei Lebzeiten. Denn was die wir sind die kleider gibt nen Leiden und Entbehrungen. zerreißt. erkauft? Der Mensch wäre kein vernünftiges Wewie nützlich und sicher eine wenn ist. Verlusten und Unordnung. sich aufbraucht und verfällt. daß er dadurch ein Übel vermeidet und sich ein weit größeres Gut sen. weil er ihn für Zeitverschwendung. er nicht einsähe. was wir besitzen. dann würde er jedes Leiden und jede Entbehrung auf sich nehmen. sie bewahrt uns vor Unkosten. weil er ihn Mit dem fanatischen Mut eines . vor dem Elend. nur um diesem Übel Einhalt zu gebieten. Deshalb ist diese unscheinbare. dann müßte er sich jedes Augenblickes der Erholung schämen. vor Verarmung. bereichert uns stets und verleiht sozusagen all dem Ewigkeit. und jedes Bissens. nicht etwas erdulden.unterstützen.

das aber.) Beim Gedanken daran spürt sie die Kälte kaum noch. in der es gibt. Dort fährt sie fort. Dabei sind ihre Hände blau. das niemals imstande sein wird. daß er noch mehr verschlingt und mit seiner Flamme in Brand setzt als unsere bekannten Vulkane. um noch etwas Kohle nachzulegen. als ob sie ein großes und nicht wiesie dergutzumachendes Übel anriditen wollte. Ähnlich können audi gute. inneres Zittern durcli ihren ganzen Kör- Trotzdem gibt das Fräulein nidit nadi und verläßt ihren Platz nicht. (Sie erinnert überall sich. sondern eher ein Flämmchen.Märtyrers ertragen. die Lippen grau und die Nase rot. Es kärgliches eigentlich kein Feuer. Sie erzittert und steckt die steif Nadel in den Strumpf.en der Gefahr einem kurzen Zit- 19 . erwärmen. so scheint es dem Fräulein. Manchmal geht vor Kälte ein per. das sie nicht verbraucht hat. aber es die Stube zu gibt ihr einen Riß. und immer etwas zu sparen sie daß einmal irgendwo in der Zeitung gelesen hat. an dessen Namen sie sich nicht mehr erinnert. von dem sie jedoch weiß. daß für die Kasernenräume während der Winter- monate eine Temperatur von 15^ Celsius vorgeschrieben ist. Es wärmt sie auch jenes Schäuf eichen Kohlen. die beißt Platz Zähne zusammen und kehrt mutig an ihren zufrieden mit sich selbst zurück. erhebt und schwer und geht. muß man in dem aussichtslosen Kampf alles Gedanken läuft Bei diesen begeisterten dem Fräulein ein richtiger Schauder über den Rücken. Holz und Kohle schluckt wie der Vesuv und der Ätna oder wie jener amerikanische Vulkan. tüchtige Krieger in Augenblid<. ist um dann ganz nach dem Feuer im Ofen sich zu sehen. Sie geht. tiefes. Sie ist und dieser Welt. den Strumpf zu stopfen.

Durchfroren und gen und in ihrem steif. Fräulein. phantasiert und erinnert sich. Schaden Kampf gegen und Verbrauch wieder ein Sieg erfochten wurde. Aber über jedem lächelt zum Schluß der Sieg. lie- die nachgelassen haben und hebt einen Faden mit der Nadel. läßt den zweiten liegen. in blicken dieses Bewußtsein zu sieghafter Begeisterung. daß ein wei- Wenn sie es terer Gegenstand ihres Haushalts auf die Habenseite ist. Und oft steigert sich in glückhchen Augenein zweites Loch an die Reihe. läßt sie ihrer Einbildungskraft und ihren sie erscheint Denn bloß eintönig. So geht es von 20 . auf ihre Weise sie denkt nach. Dann kommt dem- selben Strumpf oder in einem anderen. ewigen Verderb. und zwar alles zur gleichen Zeit oder auch hintereinander. auseinandergerücl<:t sind. so stopft Eifer Und und duldet das zieht den Faden sorgfältig zwischen den Fäden durch. daß in der stets bedrohten großen Galeere des Weltalls noch ein tückischer Riß verstopft ist. macht sie die schadhafte Stelle des Strumpfes fest. der schwierigen Buchhaltung gesetzt von Verlust und Gewinn Und mehr noch: daß in dem großen.tern nicht entgehen. dann anschaut. erfüllt sie von Kopf bis Fuß eine gewisse Wärme. rige Stelle verstärkt bis sie die löche- und festgemacht hat. aber sie überwinden es mutig und stürmen vor. Während das und den Faden hindurchzieht. liegenläßt Fräulein die Fäden hebt und Erinnerungen freien Lauf. immer der Reihe nach. vorwärts und rückwärts. hebt einen. So vergehen Stunden bei dieser scheinbar eintönigen und trockenen Arbeit. läßt den zweiten gen. ohne zu klazu erlahmen. das Bewußtsein. scheint anfangs hoffnungslos Und jedes er- und unheilbar.

Es beginnt mit einem dunklen Punkt. von der die Philosophen und Dichter sagen. mit einem bitte- ren Augenblick. war damals einer der angesehensten serbischen Kaufleute in Sarajevo. Ihr Leben beginnt etwa mit ihrem fünfzehnten Lebensjahr. blonde Radojka. denken kann. aber mit der Zeit dehnte er seine Geschäfte auch auf andere Gebiete aus. hat für sie nicht bestanden. Die Kindheit. da der Mensch weder vom Geld v/eiß noch von der Anstrengung. wie er im letzten Jahre seit sie 21 . noch von dem Bemühen. Er stammte nicht aus Sarajevo. angesehenen Familie Hadzi- Vasic in Sarajevo stammte. und heute abend zieht das ganze Leben an ihr vorüber. Er handelte mit Pclzwaren en gros.Faden zu Faden. farbloser Fleck. Gleich am Eingang in den Veliki Curciluk befand sich das Geschäft Gazda Obrens. kam er nach Sarajevo und wurde dort durch Glück und Geschick bald zu einem der besseren Geschäftsleute. Das Fräulein glaubt sich an ihren Vater zu erinnern. die aus der alten. der Gazda Obren Radakovic. In seiner Jugend. Diese Zeit ist in ihrem Bewußtsein ein leerer. sondern von der Militärgrenze. diese harmlose Zeit. Er heiratete die schöne. Das war vor ungefähr dreißig Jahren. gleich nach der Besetzung durch Österreich. Das festigte seine Stellung in der Carsija. sieht sie ihn immer so. es nicht zu verlieren. So war er ein Hauptaktionär der ersten Bierbrauerei in Kovacici und Mitglied verschiedener Aufsichtsräte. Aber wenn sie an ihn denkt. zarte. daß sie die glücklichste Zeit im Leben des Menschen sei. Ihr Vater. dem Marktviertel. jene frühe Kindheit. es zu verdienen. Auch in den frühesten Erinnerungen ist er die widitigste Gestalt.

Rajka ging gerade in die vierte Klasse des Lyzeums. steifes Hemd mit hohem Kragen und einer blau Auf der Brust gol- und schwarz gestreiften Seidenkrawatte. er nahm sie nach dem Mittag.und als Abendessen auf den Schoß. gar nicht richtig achtete. runde Knöpfe aus Gold.seines Lebens war. sechs Jahre alt. und sie wird ihn so bis zu ihrer SterbeGroß. Sein Gesicht war ernst wie das eines Heiligen. meine Kleine?« Und während sie von ihren Arbeiten und Erlebnissen des Tages erzählte. was man ihm erzählte. Aber für sie gehörte auch das zur unbegreif- Größe ihres Vaters. das sich weder vorbeugen noch setzen kann. aufrecht und schlank. eine goldene Uhrkette. geräumigen Haus. sondern gab nur kurze Hinweise und Anordnungen. der das Schnurrbart angegraut. streichelte ihr wäre sie noch immer Haar und fragte mit war- mer Stimme: »Was hast du heute gemacht. war Und dieser in ihren Augen so große und herrliche Maiui ihr Vater. Übrigens zz . sondern gedankenver- loren durch das Fenster in die Ferne schaute. an den runden. Und stolz. daß er auf das. unterhalb der protestantischen Kirche. stunde sehen.und ein Siegelring. Er lachte nicht und sprach nicht. schlohweiß. gestärkten Manschetten große. dazu ein heller aschfarbener Anzug und ein tadellos weißes. Sie sieht ihn ganz deutlich vor sich. ein Ehe. auf der Straße bewegte er sich so aufrecht und daß er aussah wie ein Denkmal. schaute er durch das Fenster irgendwohin und schien nur ihr lichen leises Geplapper zu vernehmen. Sie lebten damals in ihrem neuen. an der Hand zwei schwere dene Ringe. hager. Haar an den Schläfen Auf dem Kopf ein schwarzer Halbzylinder. unmittelbar am Ufer der Miljacka.

mächtiger Vater blieb sich immer gleich.verhielt er sich den Erwachsenen gegenüber genauso. um die Zeit. Ihr großer. raten. Da erlitt auch ihr Schicksal einen Riß und Tag verdunkelt. wußte von nichts und konnte ihr nichts erklären. konnte sie ihn vergleichen. ohne jeden Übergang. wie sie ein jeder hat. Er sprach niemals über sich selbst. Trotzdem wurde Seele Rajka bar. Er blieb mehr und mehr zu Hause. Wie so ver- düsterte sich ihres Vaters Gesicht. was die Leute sagen können. von seinem sich ein heller Piedestal gestürzt. in jenem Herbst. während sie sprenachzudenken und das zu er- was die anderen später auf seine Fragen antwor- ten werden. sterten aber dafür ihm. Frau Radojka. Aus irgendeinem unbedeutenden Anlaß mit einer ihrer Mitschülerinnen in einem gesun23 . arglose. eine Wendung. von denen sie diesen Herbst in der Schule erstmals wenigstens glaubte sie es. alles in seiner ganzen unfaßbaren Schwere offengeriet sie Streit. dazu benützt. war ein Geschöpf ohne menschliche Schwächen und niedere Bedürfnisse. dem ist alles. Einzig den olympischen Göttern. schlössen sich kamen gewisse Leute zu mit ihm im Zimmer ein und flü- und rechneten stundenlang. Ihre Mutter. eine blonde. längst bekannt und der chen. und jene tiefen Falten im Gesicht und das graue Haar schienen ihr nur ein Zeichen einer besonderen Würde und vorzüglichen Größe zu sein. ohne Sorgen und Schmerzen. an und Körper weiche und schwaclie Frau. wenn auch Und gerade damals. wurde ihr Vater plötzlich. er gehört hatte. nicht völlig gleichstellen. sondern stellte bloß Fragen und hörte sich zerstreut die Antworten an wie ein Mensch.

Frage. nur für ein Fall und alle sprachen wußte es nicht und ahnte nichts. die so fielen? Und gar aus dieser Höhe. Was war das. plötzlich Diese für ihre Jahre ungewöhnlich dicke und unbeholfene Klassenkanieradin fiel beim Spiel hin. das wie alle Kinder der Neureichen nicht auf seine Worte zu achten brauchte. die für sie schon damals ein schwaches und unerfahrenes Kind war. Bankrott! Ihr Vater war gefallen. sondern hat auch andere mitge- wen du willst!« Das sind so die kurzen.« Jetzt lachte das dicke Mädchen boshaft: es. wo und warum er gefal- 2-4 . reißen die alte Wunde nur weiter auf. beleidigenden Worte. Da stand das Mädchen rot vor Wut auf und sagte ihr vor allen anderen ins Gesicht: »Was lachst du? Lache lieber über deinen Vater. Kinder sind in ihren Äußerungen oft so rücksichts- los.« Die Kleine wurde plötzlich ernst wie vor einem Heiligtum: »Mein Papa ist fällt nicht. der ist seiner ganzen Länge nach hingefallen. und wo hörte er auf? Was geschah sie mit denen. die man niemals mehr vergißt. und begegnete ihrem Vater zum erstenmal als einem gestürzten Mann. »Dein Vater rissen. Mit einer kurzen. Alle sagen Und er ist nicht allein gefallen. düsteren Falte zwischen den Au- genbrauen kam sie an diesem Tage nach Hause. betrachtete aufmerksamer als gewöhnlich ihre Mutter. Wie. davon. aus der ihr Vater stürzen mußte.den und zanksüchtigen Mädchen. bankrott. und Rajka lachte sie aus. denn alle. die später kommen. dummen Streitereien auf dem Schulhof und die ersten absonderlichen. wie es Erwachsene nur in Gedanken sein können.

die sich aus der Schule heimkam. Er war abgemagert und düster geworden und sah sonderbar aus. Ich war der Meinung. mit dem nacl<:ten Hals. Aber dann hörte auch das auf. Aber jetzt steht es so! Du bist mein kluges Kind und sollst alles wissen. und sie wagte nicht zu fragen. das konnte sie nicht erkunden. was erfahren hatte. so unrasiert. Und als man zum erstenmal den großen irdenen Ofen heizte. ganz steif. Außer dem Arzt und den nächsten Verwandten kam niemand mehr zu ihnen. Die Mutter Kaufleuten. mit zusammengekniffenen. 25 . führte unhörbare Gespräche mit den Kompagnons waren. meine Kleine. du und ich müssen heute einmal miteinander sprechen. Sie empfand bloß das Bedürfnis. In jenen Tagen hörte und der Arzt begann ins Haus zu kommen. Sobald Rajka sie sich neben ihn. Der Vater verHeß das Zimmer nicht. Er sagte nichts. die seine weinte den ganzen Tag. ohne ihre Tränen zu verbergen. trocl<enen Lippen und einer feinen. dieser schon recht winterlichen An einem sie Tage tat das ungewöhnliche und schicksalsschwere Gelöbnis sie ihres Lebens. mühsam . idi am Leben bleiben und könnte mich halten und brauchte dich nicht so zurü dazulassen. der Vater auf auszugehen. legte sich der Vater ins Bett. neben ihm zu sitzen.len war. auf. setzte nicht mehr verlor. doch fand sie jetzt immer mehr Beweise sie für das Schreckliche und Un- glaubhche. streichelte ihr . . rich- Haar wie ehedem und sprach zu ihr mit ruhiger Stimme: »Siehst du. er ordnete mit dem Buchhalter Veso irgendwelche Schrif- ten und Papiere. tete sich Der Vater hieß näher kommen. dem spitzen Adamsapfel und den glühenden Augen. schwarzen Falte zwischen den Brauen.

wenn du achtzehn Jahre alt bist. das merke dir gut. aber beginne dich schon jetzt daran zu gewöhnen. du wirst alles schön und klug ausführen und einrichten. die wenn sie die Welt und gewöhnlichen Licht sehen. Ich werde keine Schande über euch bringen. denn du weißt. Menschen in einem einseitigen. die ich nicht zu erfüllen brauchte. was sagt. die in drei Jahren zur Auszahlung kommt. Nein. wie du willst und dich entschließt. aber weich. dein Vater zu dir Du bist dir von nun an Vater und ist: Mutter. Schmerzes oder in der Todesstunde sprechen. außer- ganz ihr starr vor der Größe des Augenblicks.. weine nicht. Nein. mit eigenem Kopf zu denken und zu urteilen und deine Geschäfte selbst zu besorgen. wie sie die Menschen in Augenblicken tiefen Worten zu sagen. in dem sich zwar noch nebelhaft. brachte sein Gesicht näher an ihr Ohr und begann die er ihr ruhig und feierlich seltsame Dinge mit ungewöhnlichen unbemerkt zu unterdrücken trachtete. denn ich habe auch jene Verpflichtungen erfüllt. Das ist für deine Heirat oder für dein Leben. Und sie lauschte ihm mit trockenen Augen. ohne zu schluchzen und zu weinen. nichts hinterlassen außer dem Haus. du bist mein großer Sohn. Diese Rede war einer von den Monologen. wie die Mutter gut. da du es besser verstehen wirst. sondern höre und merke. weine nicht. aber doch in seinem ganzen 26 .und es wird die Zeit kommen. unser Gevatter. Nur die Schmerzen.gehorche ihm und achte ihn. Gazda Mihailo. wird dein Vormund sein. aber ich kann euch wir leben. unterbrachen von Zeit zu Zeit seine Rede. in dem dem Laden im Veliki Curciluk und deiner Versicherung bei der >Adria<.« Hier richtete sich der Vater noch höher im Bette auf.

Umfang »Du das Geheimnis des menschlichen Daseins in der Gesellschaft offenbarte. der zu uns kommt. sie schlucken alle Früchte unserer Fähigkeiten und Anstrengungen und der inneren Vornehmheit. Es nützt dir nichts. was ich dir zu sagen habe. Ein für allemal sollst du wissen und niemals vergessen. Denn es genügt nicht. sich rüd<. an deinen sparen. Deshalb audi 27 .. sondern du für sie. das Verhältnis zwi- schen seinen Einkünften und Ausgaben so zu regeln. mit den schönsten Namen belegen. der es nicht versteht. zu erben. die noblen Gewohnheiten Großmuts und des MitMit diesen Schwächen. denn die Sparsamkeit Leben unbarmherzig sein wie das Ich habe in meinem Leben anders gedaclit muß und diesem Grundsatz zuwidergehandelt. von vornherein zum verurteilt ist. um uns zu täuschen. welche die Menschen. deshalb sollst du wissen und dir gut merken. rechnet jeder. Alles das muß man selbst. jeder Mensch. sind am häufigsten die Ursache unserer lebenslängli- dien Armut oder gar unseres völligen Untergangs.das ist der ge- Wünschen und Bedürfnissen zu erster Linie ringere Teil der Sparsamkeit. denn die Mutter wird nicht für dich sorgen.sichtslos aus der Seele reißen. Du mußt gegen dich und andere unbarmherzig sein. des leids. zu besitzen. sondern von verschiedenen anderen Menschen und zu erwerben. deine Sparsamkeit jedoch hängt allein von dir ab. wenn du das andere nicht Deine Einkünfte hängen nicht bloß von dir. wie es das Untergang verstehst. vielmehr muß man in und für immer in sich all jene sogenannten höheren Rücksichten töten. Darauf mußt du deine ganze Aufmerksamkeit und Kraft richten. daß bleibst allein. Umständen ab. Leben von ihm verlangt.

Verwandtschaft und Freundschaft. herzloses und selbstsüchtiges Geschöpf nennen. Arbeite. hört alles auf: Gott und Seele. und auf sie lauert und zielt alles um uns. Ich weiß. Nicht der hat bei den Menschen Glück. möchte ich. das zweite. daß sich die 28 . sondern der fähig ist. weder das eine noch das andere zu sein. wenn sie dich ein geiziges. daß du auf der Hut sein mußt. der gut und freigebig ist. aber du darfst nicht nachgeben. daß dir mein Untergang daß und Mahnung diene. anders zu handeln. aber sobald du dich bindest und in Abhängigkeit gerätst. Denn unser Leben Menschen nicht durch die Arbeit erhalten und hochkommen. spare immer. und dem die Menschen nichts anhaben können. Aber jetzt. Sie machen nur halt vor dem. und daß es dich nicht im mindesten störe. daß es dir nicht schmeichle. aber spare. sondern durch die Sparsamkeit. daß du auf dem richtigen Wege bist. Merke dir gut: Alle unsere Gefühle und Rücksichten sind nur Schwächen. und auch das nur entsprechend der Größe deines Besitzes und der Geschicklichkeit und Kraft. da ich sehend geals worden Beispiel bin. die nicht von ihnen abhängen und nichts verlangen. kommt daher. soviel du kannst und willst. daß die Menschen gut und gewissenhaft gegenüber jenen sind. Du mußt wissen.bin ich zugrunde gegangen. Ersteres ist ein Zeichen. wenn sie dich loben. daß sie von ihnen und ihrem Unterhienieden ist so. mit der du ihn hütest und bewahrst. Und daß die Menschen gute und freigebige Leute loben. Ehre und Rücksicht. Von klein an gewöhne dich daran. überall und mit allem und kümmere dich um nichts und niemand. alles in dir und in deiner Umgebung auf dich einreden und dich drängen wird. was du fest in deinen Händen hältst.

kennenge- du kannst mir den Schmerz erleichtern. und auch später. dessen Leben erst begann. begann zu weinen. und das Seine behütet. Aber . daß ich dich so jung und noch so unerfahren in dieser Welt zurücklassen muß. dich niemals irrelassen. der Klage über sein Schicksal und die niemand erfuhr genau. daß du ihn dir merken und immer und in allem beherzigen willst. daß womöglich nichts.« Da schluchzte der Kranke auf. oder menschlicher Gier werde. um deine Aufmerksamkeit zu die Leute sie dem täuschen. am Ende meines Lebens. Er versdiied um die Mittagszeit. daß sie ein Opfer ihrer Schwächen sein werde. und das Mädchen. daß sie hart und unbarmherzig sparen werde. Zwei Tage darauf starb der Vater. Wer sich selbst achtet alle. mit benennen. um die es sich handelt. wenn sie verheiratet oder allein ohne Rücl<:sicht darauf. wie sich ihr Schicksal gestalte. Du aber lerne rechtzeitig. wenn ich sehe. solange sie bei der Mutter lernt habe. und sie schwor ihm. und wenn du mir das Versprechen gibst. nie werde sie ihr Leben aus den Händen lassen und zugeben. in seinen Armen zitternd. aber sei.gang leben. ab29 genau ohne ein Wort Mcnsdien. zur Wand gekehrt. achte machen und durch Reden ablenken zu bloß auf die Sache. den schonen und ehren auf etwas anderes kannst du so dich nicht verlassen. Deshalb achte auf das Deine. daß du meinen Rat begriffen hast. je auch nur für einen Augenblick vom guten Willen anderer abhängig sei. er aber zog sie plötzlich an sich. was sich zwischen dem Sterbenden und dem Mädchen. Es tut mir weh. was dir gehört. überlasse jenen. den Namen. das die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. die ihn ausgedacht haben. die ich erst jetzt.

die ihr fremd und unverständlich blieben. und ihrem Lachen. jenem ansteckenden. gleichen. einem her- ben. Die Verwandten bemühten erheitern sie ein. Auch 30 . Nach einem Jahr ließ sie für ihren Vater die Seelenmesse lesen. Damals begann ein neues Leben. was die Welt ihm anbot oder aufzudrängen suchte. ihre Freundinnen zu einem Kränzchen bei sich einzuladen oder sich neue Kleider anzuschaffen. schwarze Falte zwischen ihren Augenbrauen blieb davon unberührt. egozentrischen es wollte. zu Sie und von diesem Wege abzubringen. sich. das erst das fünfzehnte Lebensjahr vollendet und bis dahin zurückgezogen gelebt hatte. sie aufzurütteln. ohne jede innere Regung. was und bloß diesem Wollen Rechnung trug. grundlosen Lachen. aber nur mit den Gesichtsmuskeln. ohne darauf zu achten. legte ihre Trauerkleidung ab. bevor richtig sie zum Mädchen herangewachsen Wesen zu war. wurde noch ernster und zog sich ganz in sich zurück. Die kurze. Sie verkehrte mit ihren Altersgenossinnen und Altersgenossen und lauschte mit zusammengepreßten Lippen ihren Lie- dern. Ebenso konnte sie niemand bewegen. vielmehr geistesabwesend und unaufrichtig. Das Mädchen. machte ihre alten Kleider länger und begann. sie in luden führten andere Häuser. das eine wertvolle Würze der Jugend ist und dessen Wert man bloß mit dem der Gesundheit vergleichen sie lachte. Am Ende des Schuljahres verließ sie das Lyzeum mit dem Abgangszeugnis der fünften Klasse.gespielt und welch gefährliches Vermächtnis der Vater seiner Tochter hinterlassen hatte. auf Kränzchen und Familienfeste. wie sie die kann. das wußte. tanzen zu lernen. Einige Zeit gab sie nach.

ohne Handschuhe. lächelte fort. aber ernst ge- meinten Verlobungs. auch bei jenen so veränderlichen. sie war vielleicht das einzige Mädchen in Sarajevo. und setzte unbekümmert ihre Lebensweise sich Unter denen. ja sie sorgt wenn er sich eines Besseren besinnen sollte. Nach einer son- derbaren Logik des gesellschaftlichen Lebens und der weiblichen Natur wirkte sie auf ihre Freundinnen nicht je abstoßend. ohne Puder im Gesicht. Trotzdem gewöhnten sich alle sehr bald daran. sie umzuwandeln und zu überreden. stand sie un- ter ihren Altersgefährtinnen schon wie der fertige und abgeschlossene Typ einer Frau da. sie in 31 . sie nicht mehr als junges Mädchen zu betrachten und sie bei der Vorbe- reitung von Bällen und bei Liebesintrigen zu überge- hen. um mehr wuchs die Sympathie. daß ihm die immer unmöglich gemacht wird. so- Sie zuckte bloß die Achseln. die am meisten bemühten. immer in demselben altmodischen Kleid und in abgetragenen Schuhen wurde sie gelobt und geliebt.und Heiratskombinationen. die ihre schönen. Noch einige Jahre bemühten sich die Verwandten und manche Freundin. Noch so jung. Schritt halten. Denn wer che sich selbst von der Gesellschaft absondert. selbst aus.Mode schon längst forderte. altmodischer ihre Kleidung aussah weiblich ärmlicher je und so und weniger und anziehend ihre Haltung war. sondern im Gegenteil. den schließt die Gesellschaft Umstände Rückkehr für ohne Mitleid und irgendwelnoch dafür. sie möge ihr sonderbares Wesen aufgeben und mit den übrigen Altersgenossinnen lange es Zeit sei. geputz- ten Freundinnen ihr entgegenbrachten. Glattgekämmt. dem niemand etwas übelnehmen oder nachsagen konnte.

Sie waren damals innige Freunde. Weder vorher noch nachher hat sie einen Menschen gesehen. Rajkas Mutter. »Onkelchen Vlado«. sie ihn zu nennen pflegte. für jeden das Geschenk auszuwählen. schön. aber am häufigsten erscheint er in ihrer Erinnerung als la- Jüngling von neunzehn Jahren. Sie sieht ihn als Kind vor sich. groß. von ihm erhielt sie die schönsten Geschenke. war schon in früher Jugend nach Belgrad gegangen. Das war in den ersten Jahren nach dem Tode des Vaters. als die Frauen viele Kinder zur Welt brachten und die Mädchen jung heirateten. Vaso und Risto führten gemeinsam die alte Firma in Sarajevo weiter und lebten so. Dinge schätzte. Er denn er wurde drei Jahre vor der Heirat seiner Schwester. Der jüngste Bruder. der teure zusammenzuUn- terhaltungen und sonstige schöne war nur vier Jahre älter als Rajka.die Gesellschaft einzuführen und sie an das gesellschaft- liche Leben und an Unterhaltungen zu gewöhnen. Ihre Mutter hatte vier Brüder. dort erwarb er Vermögen. aber er dachte nicht daran. der so leidenschaftlich zu schenken liebte und der es so geschickt verstand. war ihr Onkel Vladimir Hadzi-Vasic. Der älteste. herzlich und voller Leben. Solche Fälle gab es bei uns einst häufig. wie Vladimir. umgab sie mit brüderlicher Zärtlichkeit und väterlicher Fürsorge. eröffnete ein Geschäft und heiratete. geboren. beendete die Handelsschule. mit den älteren Brüdern arbeiten. Er war gut und aufmerksam zu ihr. das seinen Wün- 32 . Die beiden anderen. Mit ihm ging sie zu den ersten Abendgesellschaften und Vergnügungen bei Verwandten und Freunden. blond. Djordje. sondern lebte als kleiner Herr. wie die Alten gelebt hatten. chend.

sein Vermögen und sein Leben zu vergeuden. für ihn erst ihren vollen Wert erhielt. auch sie selbst nicht. erbebt sie. Denn obwohl er ihr Onkel und etwas älter war als sie. besessen von dem unverständlichen Wunsch. Und doch war es traurig und sündhaft zuzusehen. und ihm die größte Freude war wunderbar. aber von Gott verlaswar jedem Freund. Im dreiundzwanzigsten Lebensjahr starb er an Tuberkulose. Geld und Kraft. Selbst jetzt kann sie in fremden noch jene mütterliche und Zärtlichkeit verspüren. Gejene und Gut zu verschwenden. dem man nur die Hände zu reichen brauchte.. damit es aus diesem Wirbel herauskäme. nur nicht sich selbst. mit der er das alles ob jede Sache.sie jener leichte noch jetzt Schwindel überfallen. schwaches Kind. wie er zugrunde ging. er denn er Noch heute. sich zu verschenken sundheit. wenn er sie verschenkte Händen kann sah. und während dieser Zeit gelang es ihm. aber das vermochte und verstand niemand. an von sich warf. als dreißig Jahren. das sich allein nicht zu raten und zu helfen wußte. Verschwendung und leichtsinnigem Hinauswerfen erfaßte. gesichts dieses lebendigen Wirbels närrischer 33 . alles loszuwerden und nackt und allein zu bleiben. die sie für ihn hegte. Der herrliche Jüngling mit dem liederlichen Leben und dem engelgleichen Aussehen verbraditc so einige Jahre. wenn sie an diesen Unglücklichen denkt.es war eine Gnade des Schicksals und ein großes Glück für ihn. die er besaß. nach mehr sen. und ist traurig bei dem Gedanken an seine ungesunde und unbezähmbare Leidenschaft. Ja. der sie an- von Vergeudung. als selbstmörderische Schnelligkeit. erschien er ihr immer wie ein kleines.sehen am besten entsprach bereitete.

endes Beispiel für die heranwachsen- den Jungen. das für sie schwerer als jede wog aus Sparsamkeit. wie sein Leben ohne die Möglichkeit. soweit sie bei ihrer absonderlichen und strengen Lebensweise und ihrer verschrobenen Natur überhaupt zu so etwas fähig ist. rätselhaft. Sünde und schwärzer war als der Tod. Arbeit und trotziger Einsamkeit besteht. schrecklich und doch nah und teuer wie ihr eigenes. wie sich in einem Menschen. Güte neben Arbeitsscheu. zu verschwenden und zu verschenken. Verschwendungssucht! Wie kann man so reich an allem und gleichzeitig so maß. In ihrem täglichen. Der Mensch. das aus kleinen Sorgen. so unlösbar verbunden. Und er stand schon am Rande des Ruins. in der ersten Abenddämmerung. der ihr im Leben der teuerste war. Und für das Fräulein ist er bis zum heutigen Tage ihre zarteste und zugleich schrecklichste Erinnerung geblieben. Auch jetzt.denn man kann sich schwer vorstellen. ausgesehen hätte. die widersprechendsten Eigenschaften des Geistes und Körpers finden können: Begabung. hatte in unnatürlichem Maße jenes Laster. In dieser etwas von Erinnerung hat sich dem uneigennützigen Schmerz und der reinen. die ewig offene Frage.und sinnlos verschwenderisch sein? Wenn es etwas Höheres und Helleres in ihrem Leben gibt. so ist es die Erinnerung an jenen Onkel. die herabsteigt und vieler Jahre 34 . unablässigen Kampf gegen jede Verschwendung und jede Ausgabe zeigte sich im Laufe immer wieder sein Bild. weiblichen Zärtlichkeit erhalten. Ausschweifung und fast irrsinniger Ver- schwendungssucht. Schönheit. In der ganzen Familie lebte die Erinnerung an ihn als ein abschrecl<.

sondern herrlich. aber auch ohne Angst. zu schreien. Und als sie das Fräulein kreischt wirklich leicht auf. auf die schlimmste und unwürdigste Art und Weise. wird sich — ein immer war und ewig bleiben Sünder! Seine blauen Augen voll unruhigen was er als Glanzes blicken auf sein Gegenüber. lächelnd. nicht dem selbstmörderischen Entschluß. als wolle sie zerfließen und sich schonungslos im Räume verstreuen. Sie blickt ihn scharf an. seinem Irrsinn ganz zu verschenken. wünschten sie. traurig und ohne jedes Verstehen. an den. ihn zu rufen und auf diesem zurückzuhalten in sich in Weg der Selbstvernichtung aufzuhalten. zu bewahren und zu sparen. sticht sie nach einem Faden des Strumpfes sich mit der Nadel in den Zeigefinger der linken Hand. Sie fühlt das Bedürfnis. der es nicht braucht. Das verscheucht den Schatten der Jugendzeit. Kühl und öde ist alles nach der hellen Vision. gutmütigen Lächeln. der es braucht.zwischen die Fäden dringt. mit einem freudigen. und den. denn greift. und jene Welle hellen Haares über der Stirn leuchtet und flimmert. leicht. Er erscheint als das. taucht »Onkelchen Vlado« auf. Schwacli und ohnmächtig erscheint jedes Bemühen. Im Zimmer greift das Halbdunkel um sich. selbstlos. er aber geht vorüber. die sie abwechselnd hebt und Hegenläßt. wie er eigentlich sein müßte. Wie in einem ungewöhnlichen Traum sieht sie ihn klar vor sich. erweckt sie aus ihrem Traum und führt sie im Nu in die Gegenwart und Wirklichkeit zurück. wenn zur selben Zeit so viele andere schonungs35 . und zwar — wie immer — weder traurig noch unglücklich. wahnwitzig und verderbt. aufzulösen und zu verschenken.

Doch be- vor sie das Licht einschaltet. So vergehen fünf Minuten. immer kann man etwas sparen. wenn es ganz unmöglich Bei solchen Gedanken vergeudet das Fräulein mit Wonne ihr die ihr Augenlicht statt des elektrischen Lichts. Licht zu machen.los verschwenden. Das macht sie nur sie nicht. bleibt sie einige Augen- blicke so sitzen. Die Uhr gibt laut die ersparten Sekunden wieder. auch dann. Mit Vergnügen denkt sie: >Hätte ich soeben dem ersten Wunsch nachgegeben und das Licht ange- Minuten unnütz kann man auch jetzt noch jeden Faden sehen und unterscheiden. Immer. Wieder beginnt sie zu stopfen. aber siehe da. die Flände über ihrer Arbeit gekreuzt. Das Feuer im Ofen erlischt. von der Wärme. aber ist es. so verdienen sie doch weit 36 . so hätte es bis jetzt schon fünf gebrannt. aber davon wird ihr immer kälter. Das Fräulein rückt immer mehr zum Fenster. von allem kann man etwas abknappen: von der Zeit. Sie denkt traurig ebenso unmöglich daran. von zündet. Die Finsternis macht sich im Zimmer breit. erscheint. abzwacken und wegnehmen. vom Licht. Es ist und hoffnungslos. durchdrungen von feierlichen Gefühl. vom Kampf abzulassen und sich zu ergeben. Jetzt kommen und das Dunkel die Fäden versieht man wirklich nichts mehr. von der Nahrung. be- und strengt die Augen im Kampf mit der Finsternis an. dem schmerzlichen und zugleich samkeit letztlich daß die äußersten Grenzen der Sparunerreichbar sind. aber sofort besinnt sie herrscht sich. dagegen anzukämpfen. mit etwas Anstrengung < der Rast. traurig. bis Tränen mischt. es entmutigt Wie weit und unerreich- bar die Grenzen sein mögen. Ach das weiß sie gut. setzt die Arbeit fort sich.

am hellichten Tage. Jetzt. erscheint ihr das vollkommen klar und verständlich. nicht bei den Anfängen halt. das der Mensch sich stellen kann. wenn das Licht brennt. wenn die Sonne scheint. von den ersten Anfängen. und das Ferne erscheint Und in diesem Halbdunkel neben dem erlosche- nen Ofen. zieht an ihr vorüber. Auch die größten Wüsten haben ihren Frühling. sondern von Mitteln und Wegen. Geld zu gewinnen und das Gewonnene zu mehren und zu wahren. das heißt vom Tod des Vaters an. Aber Erinnerungen machen. mag er noch so kurz und unmerklich sein. Natürlich nicht mit Phantasien von Liebe oder Kurzweil. einmal in Bewegung raten. Entsagung und Opfer als irgendein anderes Ziel. Sie erinnert sich gern dieser Anfänge. ge- 37 . oder in der Nacht. über der beendeten Arbeit. offensichtlicher als bei Tage. wird alles noch klarer und lebendiger.mehr Anstrengung. Damals ergriff ein Traum von ihr Besitz und erfüllte sie mit Phantasien. In ihrem jetzigen Leben. Es war die lyrische Zeit ihres Lebens. das aller äußeren Geschehnisse und sichtbaren Veränderungen entbehrt. die Erinnerungen kommen von selbst zum Vorschein. Die Vergangenheit rückt näher. ist alles klar wie nah. im ersten Dunkel. Ihr ganzes Leben.

dazu in diesem Alter.II Die ersten Monate nach traurig. plötzlich und unab- Damals war es noch sehr ungewöhnlich. unerwartet. Alle kannten gut das magere Mädchen mit den feurigen schwarzen Augen in dem gelben Gesicht. Alle wußten. Gadza Obren. änderlich. daß ein weibliches Wesen. Schon in diesen Tagen begann das Leben Rajkas nen Weg zu nehmen. als Opfer seiner Güte und seiner strengen. persönlich die Ausnahme betrachtet und als solche hingenommen. alten Auffassung von der Kaufmannsehre zugrunde gegangen alle und gestorben war. weil das Leben so beschaffen ist. daß man leben und doch zu sei- Tode betrübt sein kann. seine Geschäfte Behörden aufsuchte und mit Geschäftsleuten verhandelte. sich zu schmücken und zu verschönen. Sie nützte das in gehörigem Maße aus. Ohne ein über- 38 . die traurig dem Tode des Vaters waren erhaben wie die Musik eines Totenmar- und freudig zugleich klingt. Aber ihr Fall wurde selbst erledigte. Und sie behandelten sie dementsprechend rücksichtsvoll. als daß ihr Vater. aber sches. ärmlich und gegen alle Mode gekleidet. ohne das weibliche Bedürfnis.

die möglich waren. Auf diese Weise gelang es ihr mit der Zeit. Pajer. den Vermögensstand. dessen Haus das Schicksal so arg mitgespielt hatte. man gab ihr nützliche Rat- einem Geschäftsmann niemals zu geben pflegt. wie sie man recht befriedigend zu ordnen. meistens eine von den Töchtern oder einer von den Söhnen. Für das Fräulein ergaben sich die günstigsten und mildesten Lösunihr. den der Vater hinterlassen hatte. schläge. unausgesprochene Sorge verwid<:elt. Forderungen einzu- treiben. fand. die Familie ganz auszu- rotten. der Kasse lagen. die man schon längst verloren geglaubt hatte. Und jeder bemühte sich. die bei anderen tot in und Papiere zu Geld zu machen. So gelang es manche günstige Konversion durchzuführen und manche Härte des Gesetzes zu umgehen. viele zweifelhafte Posten in seiner Buchführung zu sichern.flüssiges Wort und das geringste Lächeln wandte sie sich an jeden mit bescheidenen Bitten oder bestimmten Wünschen. einer alten Kaufmannsfamilie in Gadza Mihailo war ein kränklicher und müder Mensch. diesem traurigen Mädchen. aber jetzt auch von den Enkeln. gen. eine Dragutin große Hilfe. Nachkomme Sarajevo. Bei diesen Geschäften Pate. In geschäftlicher Beziehung war die Lage des Hauses ebenfalls schwierig und größte. waren ihr der Vormund und Gadza Mihailo. Aber die sein ältester Sohn. entgegenzukommen und zu helfen. und der Direktor der Union-Bank. Dieser stille Gazda Mihailos war und außerordentlich 39 . Immer hielt sich jemand aus der Familie zur Kur Alpen in irgendeinem Sanatorium der österreichisdien oder an der See auf. in der die Tuberkulose ihre ständigen Opfer obwohl es ihr nie gelang.

die stets von all dem glänzten. die Trauer um den Sohn und die geschäftlichen Sorgen schwächten Gazda Mihailo und zehrten ihn aus. dann jedoch begann er sigte die Schule und lief noch vor der Reifeprüfung nach Serbien davon. der sich in Osijek angesiedelt hatte. Die Krankheit. daß die Witwe Gazda Obrens und ihre Tochter nicht ohne Dach und Brot blie- ben und daß ihn alle sie das Unglück. Freunde und Verehrer des unglück- lichen Gazda Obren. möglichst wenig verspürten. schönen Körper Geist. aber sie verliehen seiner ganzen Er- scheinung eine schmerzliche Würde. Direktor Pajer von der Budapester Union-Bank. Darin unterstützten alle serbischen Kaufleute der Carsija von Sarajevo. das Gesicht mit den großen braunen Augen. Sein bestimmter Rasse und ohne Vater war ein Deutscher aus dem Banat. Dieser lich Mann mit dem eigent- deutschen Namen war in Wirklichkeit von ganz unrichtige Nationalität. doch mit galt in einem sehr unruhigen den ersten sechs Jahren als der beste Schüler des Gymnasiums in Sarajevo. welches sie betroffen hatte. als ein rechtes Wunderkind.begabte junge Mann mit dem zarten. erinnerte an die Bilder der spanischen Maler des »Goldenen Zeitalters«. Verwandten. w^as einen Menschen bedrücken und schmerzen konnte und was Ansehen und Anstand ihn verschweigen hießen. Jetzt lebte er in Belgrad als Dichter und reichen Verse zu schreiben. vernachläs- Bohemien. Lange Zeit hatte der Vater einen umfang- und vergeblichen Briefw^echsel mit dem Sohn geführt. seine Mutter eine Kroatin aus 40 . Unter ihnen tat sich besonders ein Filiale der Ausländer hervor. Dieser Gazda Mihailo tat alles. eines Heiligen. aber jetzt war diese Verbindung längst abgerissen.

die nicht bei ihm. vielleicht könnte der leitenden Direktoren in der Budapester Zentrale Bank sein. die sehr auf ihren Adelstitel hielt. mit dem er völlig vertraut und verwachsen war. Er besaß eine schöne Sammlung alter Waffen und volkstümlicher Stickereien und eine gute Bibliothek mit Büseiner chern der verschiedensten Sprachen. sondern irgendwo auf ihrem väterlichen Gut in Ungarn lebte. sondern blieb auf eigenen Wunsch in diesem Sarajevo. einer reichen und verschrobenen Frau. Seinen Fähigkeiten und Verbiner einer dungen nach könnte Stellung bekleiden als Pajer schon längst eine höhere jetzt. die zu den ersten in Sarajevo gehörte und an der Uferstraße ein schönes.einer adeligen Familie. doch in diesem Menschen flössen sie ruhig nebeneinander her und ergaben ein ungewöhnliches und harmonisches Ganzes. sich darum zu bemühen. Er hatte eine reich und geschmackvoll eingerichtete Wohnung in der Logavina-Straße. großen Augen und weicher Gangart und Sprechweise. Sie hatten einen einzigen Sohn. einen schönen Jungen. Die tung der Bank..er kaufte alte der und unterstützte junge einheimische Künstler. Er war ein großer. an- gegrautem Haar. aber er unterließ es nicht nur. Pajer war ein leidenschaftlicher Jäger und guter Tennisspieler. Ihre hingegen war Großmutter mütterlicherseits eine Ungarin. Gewöhnlich kämpfen und ringen in sol- Großmutter väterlicherseits eine Rumänin und die chen Menschen die verschiedenen unversöhnlichen Blutströme miteinander. was er von ihren Arbeiten hielt. 41 . eigenes Gebäude hatte. breiter. schöner Mann mit schütterem. der ebenfalls in einem Pensionat in Ungarn weilte. Verheiratet war er mit einer Ungarin. je Bil- ohne Lei- zu sagen.

mit den Erben »auf den dritten Groschen« zu arbeiten. doch gut und sorgfältig. halbdunkel und fast leer. Zu beiden Seiten stand noch in einem goldenen Kreis geschrieben: Gegründet iSS^. aber beim Eingang in den Veliki Curciluk verblieb ein kleiner Laden. dessen hielt er es für Witwe und Tochter zu sie sich unterstüt- zen und ihnen zu helfen. aufrichtiger Freundschaft verbun- den gewesen. Dieser Veso seit jeher vom Gazda Obren. und darunter war in kleinen. mit der großen alten Überschrift oberhalb der Tür: Obien Radakovic Kommissions. Nach Gazda Obrens Tode seine Pflicht. Der Direktor hatte nicht nur in geschäftlichen Beziehungen zu Gazda Obren gestanden. daß zurechtfanden. eng. Alle Geschäfte Gazda Obrens außerhalb Sarajevos Dank wurden eingestellt. bescheidenen Buchstaben hinzugefügt: Eigen- tümei Veselin Ruzic. sauber. sondern war ihm auch in langjähriger. wie auch alles andere in seinem Leben. wie ihn alle Leute nannten und den auch jetzt niemand Gazda Veso nannte. er arbeitete mit aller Ruhe. und jevo übernahm dessen die Firma Radakovic in Sara- langjähriger Geschäftsführer Veso Ruzic unter der Bedingung. ruhig und ohne viele Worte. hatte sein Leben an der Seite seines Herrn 42 .und Agentaigeschäft. Das tat er einfach. Die Geschäfte ließen naturgemäß nach und gingen immer mehr zurück.betrieb er gewissermaßen als Nebenbeschäftigung. diesen Leuten und dank der männlichen Ausdauer Rajkas wurde die Hinterlassenschaft des Gazda Obren Radakovic mit der Zeit auf die günstigste Weise liquidiert und die Frage nach der Existenz und dem Lebensunterhalt seiner Familie glücklich gelöst.

Die beiden hatten keine Kinder und lebten friedlich und einträchtig wie zwei Turlich teltauben miteinander. Seine Kleidung sah schlicht. vorpausbäckig Mann. Schon in den ersten Wochen ging Rajka täglich in den Laden. Dieser kleine genes Bäuerlein. Tag im Laden. 43 . verschwiezeitig gefurchten Gesicht. saß er den ganzen kind. es war weiß getüncht und gut instand gehalten. Veso. und die Äuglein und kleinen roten Hände waren unaufhörlich in Bewegung.und sah es als natürlich an. war in Wirklichkeit ein ausdauerndes. war klein. Sie lebten im oberen Teil der Stadt in einem kleinen Häuschen. Auch in diesem Unglück zeigte er sich nicht nur anhänglich. und der Familie zu dienen. sondern auch — auf seine Art und Weise — klug und geschickt. nach dem Tode des Herrn. und ohne Schnurrbart. gen durch und besprach Ohne zu reden. zu behüten. aber rein- und nett aus. blond und rundlich wie er. das vor Sauberkeit und Ordnung glänzte. in den Fenstern und auf dem winzigen Hof sah man Blumen. zugebracht ein Waise unbekannter . so schnell er nur konnte. Abkunft — er stammte irgend- woher vom Lande — wirkte unreif. auch weiterhin im Schatten seines Namens zu bleiben. der neben seinem mächtigen Gazda wie ein Wesen ohne eigenen Willen und selbständiges Denken ausgesehen hatte. was übriggeblieben war. Jetzt. Dort sah sie mit Veso die Büclier und Reclinunalles Nötige. rundlich. sorgenvoll und einsam wie ein WaisenOhne die Unterstützung seines Gazda fühlte er sich verlassen und schwach. doch sein Verstand arbeitete. Seine Frau Soka war ebenso klein. er hatte eine feine Stimme und einen großen Kopf mit einem roten.

Sie brachte hier täglich ein bis zwei Stunden neben Veso zu. kühlen La- den neben diesem Veso. >}etzt ist das in meinen Händen<. wie von dieser Seite der Mechanis- mus aussah. man daß das keine Beschäftigung für ein weibliches Wesen sei.düster machte sie sich mit der Buchhaltung. etwas schmerzlich Süßes und Erregendes. mächtigeres Herz. wie mitten in ihrer Brust etwas und klopfte. nicht den ganzen Plan. sondern weil sie lernen. weil die Geschäfte es verlangten. der Handelskorrespondenz und der ganzen Art gelassen^ und der Geschäftsführung bekannt. kam ihr vor wie ein Dienst an dem Vermächtnis. ungesichertes Vermögen in Ordnung brachte. denn soviel war jetzt nicht zu tun. Zuerst erklärte sie der Mutter ihren Plan für die Füh- rung des Haushalts. Und schon das bloße Sitzen in dem halbdunklen. schon nach der Halb Jahresseelenmesse. weil sie kein Vertrauen zu ihm hatte. in dem ihr Vater umgekommen war und den sie jetzt immer besser kennenlernte. Erfahrungen sammeln und sehen wollte. denn so etwas wäre keinem Menschen eingefallen. der wie eine lebende Erinnerung an Gazda Obren aussah. nicht etwa. Aber neben dem Laden und neben ihren Verhandlungen mit Geschäftsleuten und Ämtern vergaß Rajka nicht ihr Haus. da sie die Banken und Ämter aufsuchte und ihr und der Mutter klei- nes. das ihr der Vater hinterlassen hatte. Vergeblich sagte ihr. Auch Haus hier begann sie mit der Zeit ihren sagte sie sich sie eigenen Willen durchzusetzen. sondern nur 44 . dem Va- und in demselben Augenblick zitterte fühlte sie. ein zweites. die ter hatte lesen lassen. noch dazu in ihrem Alter. auch nicht.

lassen Sie uns überlegen. die Seit der im Hause eines Kaufmanns zu tun Hochzeit Gazda Obrens lebte er hier im Hause. ewig Diener zu sein und das Leben seiner Herrsdiaft zu leben. wie wir zu Rande kommen und uns einsdiränken können. das uns die Leute zugefügt haben. was jetzt ihnen und was uns gehört. rief das Fräulein Simo zu sich. Er trat vor sie. lockeren Schnurrbart »Simo. Im folgenden Monat spaltete. Wir heizen dein Schlafzimmer. daß wir sparen und wenig- Weise das Übel gutmachen. sie in diesen Tagen über was man zu ihr sagte.soweit er sich auf sie bezog und soviel sie von ihm wissen mußte. wie geschaffen. so wie alles weinte. Von jetzt an wird das große Besuchszimmer nicht mehr geheizt. Deshalb müssen wir an uns denken und uns überlegen. sich seit les strich. Kost und alles übrige sorge von nun an ich. allein. der das Pferd und die Kuh besorgte.« Frau Radojka weinte. während er sich mit der linken Hand Er war schlichter über den braunen. ich habe dich gerufen. um dir zu sagen.« «Schön.« 45 . ohne Frau und Familie. Die Leute haben uns genommen. Das habe ich ihm versprochen. den Burschen. Fräulein Rajka. in dem du auch sonst die Tage verbringen wirst. ein kräftiger. »Es ist Vaters Wunsch. verrichtete. Sie hatte die Bedeu- tung dieser Worte noch nicht voll erkannt. Du ruhe dich aus und kümmere dich um deine Handarbeiten. Wir müssen gleich damit beginnen. daß al- dem Tode meines Vaters in unserem Hause geändert hat. Holz Wasser zutrug und all jene groben Arbeiten sind. Für Bedienung. und gutmütiger Mensch. auch der stens auf diese Lehmofen im Vorzimmer nicht.

Seinetwegen möchte ich Sie und die Frau nicht um alles in der Welt verlassen. aber jetzt kommen für uns solche Zeiten. als ob sie ihn und die Kuh verkaufen und deshalb keinen Burschen mehr brauchen. »auch das Pferd fort.« »Wie?« »Ich wollte dir sagen. daß es einer jener Augenblicke der Schwäche sei. Simo. warst und daß dich mein Vater gern hatte. was es sprach.« Simo wandte um und schaute in die Runde.sie hob ihren Kopf noch höher und sagte kühl und schärfer als beabsichtigt: »Ich weiß. Ich frage nicht nach der Am Demetriustag waren es siebzehn Jahre. das nicht wußte. daß ich zum seligen Herrn gekommen bin.« Seine Stimme wurde dunkel. daß du dir bis zum i. Januar hier- bleiben kannst und daß du sich schon jetzt eine Stelle suchen sollst. daß du immer ein guter Mensch daß es besser ist. es war ein Gefühl. wenn du dich möglichst bald nach 46 einer Stelle umsiehst. wie in ihrer Brust etwas erbebte. als beugte sie sich über einen tiefen AbgRind. Brot leben.»Wir werden«. doch gleich darauf dachte sie. und sollte ich selbst von Wasser und Bezahlung. von denen der Vater auf dem Totenbett gesprochen hatte. fuhr das Fräulein nicht gehört hätte. etwas Süßes und Gefährliches zugleich. Das Mädchen fühlte. Das brachte sie ins Wanken. als suchte er einen erwachsenen und verständigen Men- schen neben diesem Mädchen.« . und seine Augen um- sdiatteten sich. »Und ich habe geglaubt. daß Sie gerade jetzt ein Mannsbild im Hause brauchen.

Das Mädchen wurde noch steifer und richtete sich noch mehr auf. Simo habe Dich könnten wir behalten. »Rezika. nicht zuzulassen. Aber die Mutter konnte nur weinen oder lächeln.Mensch ging verwirrt und traurig und das Mädchen rief nach der Köchin Rezika. wie zu einer GeneralDer vierschrötige hinaus. daß wir mit dem Vater alles verAuch das Leben im Hause muß sich änuns keine Gäste und kein großes Ko- dern. was der Vater in der Sterbestunde zu ihr gesagt habe. nicht nur im Hause. Das Mäddien antwortete ruhig. und wenn sie auch ben. aber statt ist. die Not jedoch nicht so groß. probe. Teure Bedienung können wir uns nicht mehr leisten. In der ersten Zeit gehen wir jeden Morgen gemeinsam auf den Markt. nichts zu übereilen. ich bereits gekündigt. Deine Arbeit wird von nun an geringer sein. loren haben. Wenn könntest du morgen und gib mir dann BeDas Geld für die häuslichen Bedürfnisse verwalte von nun an ich. daß man das Haus ganz zusperren müsse. denn die Vermögenslage sei zwar schwierig. Gazda Mihailo kam und riet. daß dieses unreife und eigenwillige Mädchen im Hause herrsche. und auch ich will im Hause helfen. etwas schroff und eigenwillig wie alle guten Köchinnen in der Welt. scheid. Überlege es dir bis 47 . eine kräftige Frau. für zwanzig Kronen monatlich es dir so recht vierundzwanzig blei- wie bisher. sondern auch in der Nachbarschaft und bei den entferntesten Verwandten und Bekannten. du weißt.« Bestürzung und wahrer Aufruhr machten sich "breit. Verschiedene Verwandte ermahnten die Mutter. Es wird bei chen mehr geben. Auch sie war schon sechs Jahre im Hause. daß sie am besten wisse.

noch nicht volljährig sei für andere Entscheidungen. wurden ihrer Halsstarrigkeit bald müde und ließen sie nach ihrem Kopf wirtschaften. Seiner Schwester. so könne wie sie doch in ihrem Hause schalten und walten. aber dachte lange darüber nach. Und sie sie arbeitete planvoll ihrer Entschlüsse führte sie schnell und mit Geduld. gefaßte Entschlüsse zu verwirklichen und neue zu fassen. wenn Das Fräulein nahm ein Mädchen für die gesamte Hausarbeit. Simo tatsächlich das Haus. die Verbindung zur Welt nicht ganz abzubrechen. brachte er Geschenke. Die Verwandten und Freundinnen. Rezika blieb noch zwei Monate bei geringerem Lohn. verließ sie wolle. Schließlich lief Zu Neujahr Rezika die Galle über. bevor sie ihn faßte. Weinend verabschiedete sie sich sie in von der Frau. die ihr zu Beginn Ratschläge erteilt hatten. Das Fräulein pflegte mit ihr auf den Markt zu gehen. Jeden und unerbittlich aus. daß sie lieber einer Eskaals diesem Ungeheuer von einem Kind. und zwischen den einzelnen Entschlüssen ließ sie genügend Zeit verstreichen. den Nachbarhäusern. Sie führte jetzt mit der Mutter die Küche. wo sie mit jedem Tag die Ausgaben weiter verringerte und zugleich die Menge und Güte der gekauften Lebensmittel herabsetzte. Solange ihr Onkel Vlado lebte. konnte er ihr mancherlei Übertreibungen ihrer Sparsucht ausreden und sie dazu bewegen. die Zeit half ihr. damit sie die zugedrückte Hand und die strenge Gemütsart ihrer Tochter möglichst wenig fühle. 48 . ihrer Mutter. das noch in die Sagenwelt eingehen werde. und dann erzählte dron Husaren diene es so weitermache. länger konnte sie es nicht aushalten.

Mit ihm konnte man noch lachen und scherzen. bei Gott. du siehst. und kreisdite auf. fügte ihr einen unerträglichen Schmerz zu. mit einem Tuch Ellenbogen. nur um nicht ihn und den ver- fluchten Kutscher zu sehen.« 49 . kam er her- eingeschneit. sagst du? Oh. zieh dich an! Die Droschke wartet. weder dich noch ihn will ich sehen. wie ich ausschaue! So ein schöner Tag. Vlado. ich bin ernstlich böse. daß der Kutscher stundenweise be- werde und daß mit jeder Minute die Ausgabe wachse. Selbst der Kampf. »Ich will nicht. Also. den er und Rajka ununterbrochen ihrer Sparsamkeit und seiner Verschwendung wegen führten. den Dachboden zu entrümpeln und zu reinigen. denen man einen Wunsch schwer abschlägt und eine Sünde leicht verzeiht. hatte etwas Fröhliches und Gutmütiges. Wenn sie ihn am wenigsten erwarteten. als verlöre sie ihr Blut tropfenweise. da habe ich begonnen.« »Gott mit dir.« »Der Boden läuft dir nicht davon. Schon der Gedanke. um einem Gefrorenen im >Benbasa< einzuladen. Er traf Rajka bei schwerer Arbeit an. um sein Lachen zu übertönen. Sie bedecl<:te ihr Gesicht mit den Händen.« »Droschke. ist Eine ganze Gesellschaft da. glän- zende Droschke und einen Kutscher mit rotem Fes auf dem Kopf und mit einer Blume zahlt auf der Peitschenspitze. denn er war einer von jenen Menschen. mach dich zu gekommen. staubig und rußig bis zu den dich fertig! Ich bin »Komm. um den Kopf. du bist Irrenanstalt!« Sie schaute durchs Fenster reif für die und sah eine neue.

solchen wie er. Hier bringe ich euch die erste Frucht meiner Arbeit. von denen einige erst kurz vorher gelammt hatten. wenn dir etwas an meinem Leben liegt!«« »Wenn du so bist. sah man. du lebtest nicht. wäre es besser. »aber seht. mit einer Rose im Knopfloch.« Aber wer konnte gern sich in seinem Beisein wirklich är- und ernst bleiben? Im Zimmer begann ein Laufen. im weißen Anzug aus japanischer Seide. lächelnd. sie dagegen finster. unausgeschlafen. (»Was ist eine Sommernacht? Nichts. abgezehrt. Er schön. Schließlich einigten sie sich: Er und Sichwürde den sie Kutscher entlassen (denn das teure Warten konnte nicht ertragen). denn bei dümmere und wunderlichere ihm war kein Wunder ausgeschlossen und unmöglich. Ihr Kutscher kam nur schwer 50 . Dort hatten sie bei Musik und Zechgelage die ganze Nacht verbracht. der hinten länger war als vorn. Wenn du dich umdrehst. mit einer Frisur.»Komm. ist sie vorüber!«) Bei Sonnenaufgang fuhren sie in einer Kutsche zurück nach Sarajevo. Eines Morgens erschien er bei ihnen im Es geschahen noch Hause. mit einem kleinen Lamm im Arm. war er zur Bosnaquelle gefahren. ich habe mich im Ernst dem Handel und der Landwirtschaft geweiht. Mit zwei Freunden. die keinen Namen hatte. meinte er lachend. staubig. Dann gingen sie zu Fuß durch die Stadt. Lachen sträuben. Dinge. Rock. und sie wollte sich waschen und anklei- den. Unterwegs stießen sie auf eine ganze Herde Schafe.« Doch als er sich gesetzt und alles erzählt hatte. worum es sich handelte. sagt ihr mir. »Immer daß ich nicht arbeite und nichts verdiene«. und einem lächelnd.

nach Sarajevo zu treiben. Der Mann. Als sie ins Gasthaus von Alipasin Most kamen. war ein Lohnknecht. soviel Vieh auf einmal zu verkaufen. Natürlich mit einem unvermeidlichen Verlust. wogende Masse. begann er den Preis zu steigern. Als sie aber ernsthaft und zäh auf dem Geschäft bestanden. der ihnen in diesen Stunden nicht einfiele und den sie nicht bereit wären auszuführen. daß er den Verkauf durchführe. besitzen an solchen sommerlichen Sonnenaufgängen ein weites Herz und verspüren großes Verlangen nach kühnen Streichen. schließlich aber kam ihnen das Ganze amüsant vor. Die jungen Leute schütteten ihr ganzes Geld aus. Alle drei waren begeistert. das kauften einundsechzig Schafe und Lämmer und trieben ihr Vieh auf Sarajevo zu. und reuten ihr Tun. Aber sie be- sdion unterwegs flaute ihre Begeisterung ab. der den Vorschlag der lustigen herrschaftlichen Burschen ablehnte. daß sein Herr in Alipasin Most zu finden sei. Junge Leute. die eine ganze Nacht mit Gesang und Trunk verbracht haben. Milch und Staub roch. 51 . dort zu verkaufen und den Gewinn zu teilen. die ganze Schafherde gemeinsam zu erwerben. sie erst. die nach Wolle. Als sie es satt hatten. verschlagenen Dorfspekulanten. von den Freunden machte den Vorschlag. die wenigstens dreißig Prozent über sie bei sich hatten. begaben auf den Viehmarkt. er sagte ihnen. Es gibt keinen Gedanken. der die Herde trieb.durch die dichte. Die Sache endete mit einer phantastischen Verkaufssumme. sie sich Da Markttag Dort sahen sie war. trafen sie dort auf Einer einen dicken. elf dem Marktpreis lag. Zuerst ärgerten sie sich darüber. ließen einen Mann zurüdc. daß es niclit leicht war. noch ehe sie die Stadt erreicht hatten.

am zweiten Tag nach seiner Ankunft erstickte er an einem Blutsturz. hielt ins Gesicht. wie. friedliches Lamm zahm Dieses Lamm blieb in ihrem Hause. wieviel Kaffee und Zucker bei diesen müßigen Gesprächen vergeusich det wurde. Prozesse sonal schleppte die wenigen wertvollen Gegenstände fort. So stellten auch sie allmählich ihre Besuche ein. Immerfort wollte sie wissen. Er starb in Dubrovnik ganz einsam in einem Hotel. sein Leben wurde immer unerquicklicher. die es gab! Rajka wurde danach immer einsamer. die bereits Geschäftsinhaber und Hausherren sein müßten. und statt zu antworten. sie wußte selbst nicht. die er noch besaß. er ihr sein weißes. . eine häßliche. Sie gewannen das Tier so lieb. daß sie es nicht übers Herz brachten. Die Freundinnen ihrer Mutter kamen noch eine die teuerste Art Zeitlang zu Besuch. schwere und Pfändungen. sondern es einem Fleischer verkauften. Als Rajka jedoch sah. sein drei- undzwanzigstes Lebensjahr. Das HotelperZeit voller Schulden. begann sie den Küchenschrank abzusperren und den Schlüssel bei ter- zu tragen. Aber Vlado lachte nur.Rajka lachte über diese Dummheit und weinte vor Zorn ob des leichtsinnigen Verlustes und der Verspielt- heit dieser jungen Leute. Auch zum Sterben hatte er sich und Weise ausgesucht. Dann kam das letzte Jahr Onkel Viados. Auch die nächsten Altersgenossinnen bekamen sie immer seltener zu Gesicht. es zu schlachten. wurde ganz und lebte bei ihnen wie ein Hündchen. und zum Schluß kam noch Krankheit hinzu. wieviel sie für ein Schaf gezahlt hätten und wie groß der Verlust sein werde. wann und warum. und mütterlicherseits Verwandten verkehrten immer noch die Nur väbei 52.

offen die anderen wie eines. das sich.« Sie kamen unmutig und mit mannigfaltigen Befürchtungelten. als sparten den Schränken und Truhen eingeschlossenen Sachen zusammen mit ihr. wirkte jetzt von Jahr zu Jahr kühler und unfreundlicher. die in Gebrauch waren. Füßen und womöglich den Blicken entzogen. Kein Gegenstand war aus dem Hause getragen worden. und sie fragten sich stets. die bei uns auch dann noch wenn alles andere nachläßt. doch alles. Man konnte nicht sagen. Haus. er ist einer der Unsrigen. verän- derte sich auf unerklärliche Weise. während jene. aber es war weit von jener hellen und gesunden Rein- lichkeit entfernt. war den menschlichen Händen. und unverteidigt. daß das Haus unrein oder verwahrlost gewesen wäre. der nicht so sehr vom Reichtum als vielmehr vom Herzen und dem angeborenen Edelmut des Hausherrn herrührte. als wäre es miteinander verfeindet. die in Dem Fräulein schien es. denn jede Berührung. wie es war. denn der Geiz ist Häusern zu beobeine von den Leidenscliaf53 . sie welch unangenehme Überraschung ses diesmal erleben würden. und zerund weitere Auslagen verin Aber auch das. jeder Blick fremder Augen nahm ihnen etwas. verringerte schmolz. sowie gemäß dem alten Grundsatz all unserer bürgerlichen Familien: »Mag er sein. was durch Gebrauch abgenützt und was beiseite gelegt werden konnte. das im Ver- borgenen mehrte.ihnen gemäß den mächtigen Gesetzen der verwandtschafthchen Bindungen. die in glücklidien achten ist. das einst in jenem Denn diewarmen Überfluß strahlte und glänzte. was Gebrauch blieb. Die ersich steren kamen ihr vor all wie ein Kapital. wie er will. gen. sich selbst verzehrte ursadite. Alles stand da. täglich etwas verloren.

einer Leidenschaft leben. die auf geheiligtem Aberglauben und listiger Berechnung beruhen und in denen die reichen Leute ein billiges Mittel zur Beruhigung ihres Gewissens und die Armen einen unmittelbaren Weg zur Be- friedigung ihrer Bedürfnisse sehen. Alles in diesem Hause verlor langsam. Aber unsere alte 54 . als daß sie den Zwecl<: erfüllten. Ein solches Aussehen erhalten mit den Jahren Gegenstände den Tekijas. als es unbedingt notwendig war. Man muß wissen. daß die Bettler im damaligen Sarajevo noch zu jener besonderen Sorte von Bettlern gehörten. Außer den Verwandten kamen noch lange Zeit Bettler ins Haus. Die Bettlerschicht ist in Wirklichkeit eine von jenen Einrichtungen. Solchen Häusern weicht man jedoch aus. mit jedem Tag und jeder Stunde. und Räume in manchen Klöstern oder in den Wohdie bloß einem Gedanken. versteinerten Mißmuts. daß diese Sachen nur soweit gereinigt wurden. reits offenbar. es war klar. für den man sie brauchte. Auf den ersten Blick sah man. sie seien schmutzig. etwas von seinem Glanz und seiner Lebenswärme und überzog sich mit jener kaum merklichen grauen Haut. die der Unsauberkeit vorangeht. damit man nicht sagen konnte. wie sie in jeder orientalischen Stadt zu finden sind. Aber die ersten Anzeichen wurden be- In allen Räumen und um jeden einzelnen Gegenstand verbreitete sich unbemerkt eine Atmosphäre düsterer Langeweile und eisigen. Hier lebte man noch von der früheren Reinhchl<eit. aber beständig. daß man von ihnen nicht mehr verlangte. und man betritt sie nur im Notfall. die sich mit der Zeit auch den physischen Schmutz nach ziehen.ten. in nungen lediger Sonderlinge.

Für waren das »Menschen Gottes«. und ziehen weiter. doch heiter dreinblidcende Greise. sie gleichen dem lieben Gott aus den Legenden. und Zeitplan haben. wie er als Bettler verkleidet durch die Welt wandert.bürgerliche Gesellschaft hat das nicht so angesehen. das Gesicht vom Bart umwuchert. die aus lauter Flicken zusammengesetzt sind. der zufolge die einen die alles haben und immer haben werden. mit ausgestreckter Hand und unstetem. von Geburt an verkrüppelt und unglücklich. um zu erforschen. in Kleidern. um die Herzen der Menschen wer würdig ist. doch ewigen Ratschlüsse einer göttlichen Vorsehung«. Taubstumme. einen lebendigen Beweis. Sie alle stellen für je- Haus eine Art guter Geister dar. mal bösem. und wer nicht. daß Wohlstand und Aufschwung in diesem Hause von Dauer sind. auf das sie ein unverbrieftes. zu prüfen. Waisenkinder. er- scheinen sie in den einzelnen Häusern an bestimmten Tagen oder sogar zu bestimmten Stunden. die ganze obwohl um Da sie ihren festen Wege- Gottes Lohn beschenkt. ein Gegenstand allgemeiner Sorge und Verpflichtung. empfangen ihien Kreuzer oder ihr Stück Brot als Teil dieses Gutes und Besitzes. die nicht arbeiten können oder nach allgemeiner Auffassung und mit allgemeiner sie Zustimmung nicht zu arbeiten brauchen. mit einem Brotsack auf dem Rücken und einem Stab in der Hand. während Welt sie anderen nichts haben und nie etwas haben werden. doch heiliges Recht haben. Hinfällige. In ihnen sehen die vermögenden Leute eine des reiche oder auch nur vermögende Bestätigung »der unbegreiflichen. mal furchtsamem Blick. geistesschwache oder sonstwie unglückliche Frauen. reich und glücklich zu sein. während sie den Haus55 .

ihrem Rücken einen unvermeidlichen Teil des gesellschaftlichen Elends tragen. Geschöpfe. In dem Hause waren die Bettler in den letzten achtzehn Jahren herzlich aufgenommen und reich beschenkt worden. was die die gleiche Bedeutung wie in den Ländern Westeuropas. was man anders nicht gutzumachen vermochte oder verstand. das gleichermaßen notwendig Gebenden wie für die Nehmenden. eben dadurch zu Gläubigern aller anderen werden und am Glüdc der Glücklichen und am Reichtum der Reichen teilhaben. während unsere die auf Bettler (wenigstens nach unseren orientalischen Begriffen) selbst Opfer sind. Dieses Betteln hat bei uns nicht denselben Sinn und hat. die leere Worte. und jenen dar.und Erwerbsweise erklären. als etwas. Das wußte man. Die Bettler dort sind größtenteils lasterhafte Menschen. Schmarotzer und Betrüger. Überlieferung als etwas Heilsames und Gerechtes angesehen.Vätern ihre Segenswünsche schenken. alten und beständigen Austausch zwischen den Besitzenden glücklich und bedürftig sind. Es stellt einen notwendigen. Infolgedessen alter wurde die Bettelei nach stiller. und sie noch mehr das mehr sind als Glück und die Freude über das empfinden lassen. die uneine natürliche und aner- kannte Art. zu ersetzen und wiedergutzumachen. die nach Opfern suchen. Jetzt begann sich war für die 56 . was Gott gegeben Menschen und das Unglück nicht haben nehmen können und was das Almosen — dieses Lösegeld — schützt und erhält. Das Betteln bei uns läßt (oder ließ) sich nur im engsten Zu- sammenha-ig mit unserer bürgerlichen und kaufmännischen Auffassung vom menschlichen Schicksal und mit unserer Lebens.

daß der sie Bettler wirklich alt und schwach war und daß in die Küche. in das sie geheiratet hatte. Dort keine Ausrede hatte. Wenn sie feststellte. heilige Pflicht. Ihre Mutter. einen Gruß murmelten oder ein armseliges Lächeln aufsetzten und vergeblich darauf warfehlern Unaufrichtigkeit decken. Die meisten teten. solange auch nur ein Stückchen im Hause war. die in allem nachgiebig war. erinnerte 57 . Nur sah das Fräulein hierbei nicht so schroff daß man und grob verfahren könne wie ein. wer Hilfe verdiente und wer nicht. ihn absie die weisen zu können. schloß harten Käse und Haustür ab und ging altes Brot nahm sie ein Stüdc kam zurücl<:. Deshalb konnte Rajka diesen Brauch nicht plötzlich abbrechen. sie suchte in den Lumpen der Bettelnden Spuren heim- tüdvisch verborgenen Reichtums und in ihren Körper- und Verstellung zu entvon ihnen hatten sie schon als Kind gekannt und grüßten sie. um es ihm und zu geben. Sie konnte Brot sich nicht denken. kühl. daß auch sie lächle. Aber da sie noch unsidier und ein wahrer Anfänger in der sdiweren Kunst des Sparens und Geizens war. indem sie ihr mit der Hand winkten. daß man an dieser so heih- gen Einrichtung rührte. Sie empfing sie auf ihre Art und Weise: streng. doch nahm sie von nun an ihre das Beschenken der Bettler wie alles übrige in Hand. zeigte sich in dieser Angelegenheit lange widerspenstig. jetzt Die Bettler spürten sofort diese Hand. mit scharfem Blick prüfend.auch das zu ändern. in der Dienstbotenfrage. diese sie Auffassung hatte aus ihrem Vaterhaus mitgebracht und auch in dem Ffause vorgefunden. Für sie war das Beschenken der Bettler eine tiefvei'wurzelte.

nahm nur das ßrot mit aber als sie es unterwegs betrachtete. kam ihr das nun in die Küche. weiße Pflaster beschmutzt. Schließlich geschah etwas. Die Bettler kamen immer seltener. sie schnitt auch von die- sem Stück eine dünne Scheibe das Stück in die Und als sie dem Bett- Hand gab. in dem noch ein menschliches Wesen lebte. was sie schließlich für den Bettler beStück zu groß vor. Eines Tages las sie wieder in der Zeitung. und ließ die Hälfte im Korb. eine ganze Woche alle Bettler abzuweisen. um abzuschätzen. Frau Radojka beklagte sich .sie sich erst im Gang. Monat für Monat. ein anderer hatte mit seinen bloßen Füßen Straßendreck hereingetragen und das feine. bis sie in schließlich ganz wegblieben. ab. Das diente ihr als Vorwand. indem sie sie beschimpfte. ob sie sich nicht etwa getäuscht und zuviel gegeben habe. das Hoftor zu schließen. betrachtete sie noch im- mer das Brot und den Gesichtsausdruck des Bettlers. Jeder Anlaß war einen Bettler und hinreichend genug. Als sie schon mit dem. sich. was für ein Kaufmannshaus. Einer für sie gut hatte vergessen. und in Wirklichkeit lägen sie auf dem Gelde. es ihr einen Riß. unerhört und undenkbar war. sie verstellten sich nur. daß irgendein noch Sie bedürftigerer Bettler kommen könne. kehrte in die Küche zurück und Heß den Käse im Schrank. abzuweisen und davonzujagen. wieder ging sie halbierte das Brot stimmt nahm ler gehen wollte. daß in Paris eine Bettlerin in Elend sei und Lumpen gestorben und daß man später in ihrem Strohsack Ersparnisse Höhe von 250 000 Franken gefunden habe. gab wiederum das Messer und hatte. So ging es Tag für Tag. das ihren Hof vor allen Kaufmannshöfen in Sarajevo auszeichnete.

Er atmete schwer. aus denen zu ersehen war. die Schwelle ihres daß »kein Mühseliger und kein Beladener« über Hauses komme. Mit Beginn des neuen Jahres sollte das Fräulein zwanzigtausend Kronen von der Versichesich sah. Oft stand sie am und schaute erschrocken und besorgt auf die Straße. doch etwas feierlicher als sonst. wie bekannte Bettlergestalten vorbeischlüpften und um ihr Haus einen Bogen machten. was sie ihrer Meinung nach auf ihrem behinderte. Rajkas Vormund einfach und ruhig wie immer. kam der rungsgesellschaft in Triest erhalten. unüberwindlicher Fluch getroffen. als müßte sie selbst auf etwas verzichten.bitter. Ende Januar erschien bei ihnen dann auch tatsächlich Gazda Mihailo. fast gerührt. dessen Endziel sie sie selbst nicht klar Wege riet und auch So niemandem verund vollständig vor Termin heran. daß die Gesellschaft ihre Versicherungssumme ausgezahlt habe und der Betrag auf ihren Namen in der Union-Bank eingezahlt worden sei. Der Vormund zeigte ihr die Papiere. als hätte Fenster sie ein schwerer. Sie weinte und grämte sich darüber. um ihr mitzuteilen. Nur die Falte zwischen den Augen verdoppelte sich und zeigte. Das Fräulein nahm die Nachricht ohne die mindeste Aufregung entgegen. dann konnte sie mit eigenen Augen sehen. lein Planmäßig und nacheinander befreite sich das Fräuvon allem. daß sie angestrengt nachdachte. ihr war. als sei es verpestet oder ausgestorben. daß die Gesellschaft die ganze Summe 59 . denn sein Asthma machte ihm stark zu schaffen und behinderte ihn bei der Arbeit. da ihre Versicherung ablief. Er kam.

Zeitungen Sarajevos die übliche Anerkennung für die rasche Erledigung und die kulante Auszahlung »Ich erlaube doch unter der Bedingung. es den Zeitungen erdies mit den Spesen vollkommen verdient. und deshalb muß sie mir etwas zahlen. daß die Anzeige in den Zeitungen erscheint. die sich in allem sehr entge- genkommend gezeigt habe. es.« Gazda Mihailo schaute das Mädchen überrascht an wie ein Mensch. Eines Tages. Sonst nicht. der seinen Ohren nicht traut und mit seinen Augen das Gehörte überprüfen will. daß die Gesellschaft die sechundsiebzig Kronen Spesen auf sich nimmt. aber die Gesellschaft hat einen Nutzen davon. außerdem koste es Rajka nicht das geringste. »Mich kostet es nichts. das Fräulein werde daß in den erscheine. zu verbinden. Alle täten es. wenn sie ihre Zustimmung gebe.« seltsamsten Gazda Mihailo verließ hüstelnd das Haus. daß diese öffentliche Danksagung in und daß es unmöglich sei. Aber Gazda Mihailo sollte noch größere Überraschungen mit seinem Paten- kind erleben. die nach den Statuten der Versicherte tragen müsse.nach Abzug von sechsundsiebzig Kronen für Gebühren und Spesen ausgezahlt hatte. kurze Zeit darauf. daß die Gesellschaft. gestatten. wenn sie will. Er bemühte sich. Gleichzeitig teilte er ihr mit. und die Gesellschaft habe scheine. daß es nur recht und billig sei. erschien das Fräulein 60 . ihr sorgfältig auseinanderzusetzen. erwarte. und die Gedanken über dieses Mädchen gingen ihm durch den Kopf. Die Danksagung erschien nicht.

Das war auch Vaters Wunsch. deinen Rat einholen. während stets doch so jung und gesund bin? Idi werde es ist besser. die sie dem Geangeben wolle: das Geschäft.« Gazda Mihailo schaute das Mädchen er es jetzt an. in denen sich schmerzliche Überraschung und Verwunderung spiegelten. daß sie beabsichtige. Schließlich stimmte er zu. von dem Gesetz Gebrauch zu machen. Pate Mihailo. die alte Mutter. aber wenn ich unsere Geschäfte selbst erledige. des Vaters mit Schulden belastet die Krankheit des Vormunds und ihre Erfahrung seine Inanspruchnahme durch eigene Geschäfte. mein Kind.Gazda Mihailos Laden^ und da sie ihn allein antraf. Er be- Und jetzt bitte sie um sein Einver- Gazda Mihailo sah zeitig gealterten gann sich eine Zigarette zu drehen. das er gekannt hatte. sei Gott vor! Doch du siehst wie unsere Sache ich steht. sich mit Rücksicht auf besondere Verhält- nisse bereits mit achtzehn Jahren für volljährig erklären zu lassen. als erblickte zum erstenmal. sie mit seinen müden und vorAugen an. das ihr die Mögin teilte sie lichkeit gebe. die Geschäfte selbst zu führen. und ihren Willen. da selbst. ständnis. und suchte angestrengt in sei- nem einst Gesicht die Züge des Kindes zu entdedcen. Sie zählte richt alle Gründe auf. die sie unterhalten müsse. das nach dem Tode sei. aber habe ich eure Geschäfte bisher schlecht geführt?« »Nein. Und warum sollst du dich auch noch mit unseren Sorgen herumquälen. die in diesem Falle lebendiger und besser verlaufen würden. ihm kurz und bündig mit. schaute auf seine Finger und sagte ruhig: »Gut. Alles andere besorgte 6i .

nach allen Regeln kaufmännischer Wirtschaft.Rajka. »nach Deine zu verwalten. sondern auch Direktor und die ältesten und erfahrensten Kaufleute wunes schnell. Sie sprach nur mit denen. er zeigte keine Spur von verbarg seine Besorgtheit. aber für mich du wie mein eigenes Kind. auf dem sie sich Sx . geheiligten Und sie ging ihren weder von Schmeichelei und Tadel verwirren oder erschüttern noch durch Rücksichten aufhalten ließ. an meiner Hilfe und meinem Rat soll es nicht fehlen. sen sie für volljährig erklärt Als es Gazda Mihailo mitgeteilt wurde. Damit du es weißt!« setz die Freiheit. Ohne Not wünschte sie niemand auch nur einen guten Tag. die sie brauchte. das der Versicherung erhalten hatte. wie sie sie äußerte sich nicht sie das Geld. Ihr Geld begann zu arbeiten. Nicht nur Gazda Mihailo. und ich mache keinen Unterschied zwischen dir und meinen Kindern. schon früher nicht und jetzt. aber über die Art und Weise. worüber sie sprechen wollte. Überhaupt hatte sie in der letzten Zeit mit ihrem Vormund immer weniger über geschäftliche Dinge gesprochen. und nur über das. das Das Fräulein dankte ihm. derten sich sehr. Sache gut auf. Pajer erst recht nicht. von einzuteilen und zu verwenden gedachte. bist sagte er leise und feierlich. nahm er die Unmut und dem Ge- »Du hast«. Weg. wie sie klug und unbemerkt anlegte. da sie zu ihrem Geld gekommen war. Sechs der Rechtsanwalt den Gerichtsbeschluß. mit welcher Umsicht Rajka ihr Geld von der Versicherung übernahm. Jetzt wich sie einem solchen Gespräch geradezu aus. Was immer ihr braucht. auf Wochen nach dieser Aussprache brachte ihr Grund deswurde.

sondern auf jenem kleinen und geheimen. suchen. die Dennoch kamen ihr alle auch weiterhin entgegen und empfingen sie als die Waise Gazda Obrens immer außer der Reihe und ungeselbst ersann und durchführte. Mit der Zeit merkten längst nicht alle. und z^var nicht auf jenem großen. nur zu gut kennen.In Wirklichkeit hatte es schon seit einiger Zeit zu ar- beiten begonnen. wöhnlich liebenswürdig. sonsie dern sich in ganz neuen Geschäften betätigte. Einrichtungen und Geschäfte kennengelernt. jetzt konnte sie selbst Neuigkeiten und Veränderungen auf dem Geldmarkt von Sarajevo verfolgen. 63 . an fremden Schwellen zu bitten. aber äußerst lebhaften Geldmarkt. Im übrigen begannen jetzt die Menschen sie aufzubleibt. daß das Fräulein schon mehr um die Liquidation des väterhchen Erbes und die Sicherung ihres Hauses bemüht war. der für die meisten Menschen unsichtbar den jedoch unglückliche und lasterhafte Menschen. die Sklaven hoher Zinsen und unerbittlicher Termine. In sie den wenigen Jahren hatte Menschen. hatte sie weniger nötig. öffentlichen. Da es aber ihr Kapital jetzt plötzlich anwuchs.

III Sarajevo um das Jahr 1906! Eine Stadt. Nationalitäten und gesellschaftlichen Gruppen haben eins gemeinsam: alle brauchen Geld. die etwas haben oder so aussehen. als hätten sie etwas. Kultursphären mischen und verschie- dene Lebensweisen und einander widersprechende Auffassungen zusammenstoßen. die nicht einmal das Notwendigste haben. Aber auch von denen. hat dazu noch die österreichischen formalen Begriffe von der Gesellschaft und den gesellschaftlichen Verpflichtungen übernommen. die ohnehin mit den türkischen Gewohnheiten der Faulheit und dem slawischen Bedürfnis nach Ausschweifungen erblich belastet ist. als sie besitzen. Vor allem gibt es eine große Zahl von einfachen Menschen. und zwar viel mehr. nach denen das persönliche Ansehen und die Klassenwürde des Menschen auf 64 . Ihr Leben ist nichts anderes als ein unendliches Verlangen und eine ewige Jagd nach Geld. aber zu dieser Zeit ist sie es mehr denn je. Von alters her war Sarajevo eine Stadt des Geldes und des Geldhungers. wünscht jeder mehr und Schöneres zu besitzen. Unsere bürgerliche Welt. Konfessionen. als er hat. Aber alle diese verschie- denen Klassen. in der sich Einflüsse kreuzen.

und der besitzenden Klassen. stehen sie abseits von allem gesellschaftlichen Verkehr als lächerliche Überbleibsel längst vergangener Zeiten. dagegen gab oder es solche. die Geld brauchten. Die ehemaligen Gewohnheiten der Armen. gab es so wenige. als sie haben. als sie sich leisten konnten. die weniger brauchen. weil sie nicht das Notwendigste besaßen mehr verschwendeten. Inmitten einer Gesellschaft. wenig zu verdienen. sich zurückzuhalten. Die Vermischung von orientalischen Gewohnheiten und mitteleuropäischer Zivilisation schafft hier eine besondere Form des gesellschaftlichen Lebens. die aber weniger Geld und geringere Erwerbsquellen. Soweit es noch Menschen mit den alten kaufmännischen Gewohnheiten der Bescheidenheit und dem Grundsatz gibt. Sie drang nicht tiefer in die gesellschaft65 . geist- und geschmack- losen Luxus beruhen. in der die Einheimischen mit den Zugewanderten in der Schaffung neuer Bedürfnisse und neuer Anlässe zur Verschwendung wetteifern. doch dichtes und unentwirrbares Netz von Schulden und Darlehen in jeder Höhe und in den verschiedensten Formen geflodi- ten hatte. begann das Fräulein ihr Kapital anzuhäufen. weniger Arbeitslust und mehr Wünsche und Gelüste aufweist. zu sparen. Menschen wie sie. auf einem leeren. sind vollständig verblaßt. aber einen größeren Geldhunger. lächerlichen.einer oft bestimmten Zahl unnützer. daß man sie an den Fingern einer Hand abzählen konnte. zu Tausenden. jedoch viel zu sparen. Man kann sich schwer eine Stadt vorstellen. sinnloser Ausgaben. in der der dringende und große Geldhunger ein unsichtbares. Erwerbsgeschick.

sie nicht nur im Laden. als der wärmt und Und als sich das Verleihgeschäft zu verzweigen anfing und die Zahl der Besucher wuchs. empfing jetzt neue. tatsächlichen und forschte auch nicht nach Zusammenhang zwischen Ursachen Grund des- Folgen. sondern zog ihre Schlüsse auf was an der Oberfläche zu sehen war.. Schon in den ersten Jahren hatte das Fräulein angefangen. ungewöhnliche Besucher. die rasch Geld brauchten. der nicht an ihre Pläne dachte. die solchen Menschen wie ihr jenes »heckende« Geld bereitet — jene kühle TrunFrühling heimlich kenheit.liehen Verhältnisse ein dem und sen. ging sie dazu über. bedeutendere und profitablere Kunden. traurige Haus ohne Lachen und Unterhalohne Wärme und Schmuck. wie ver- Das tung. Natürlich galt das nur für auserwählte. begann das Fräulein die Wonne zu spüren. Sie brauchte nicht viel. Während Veso. Da konnte man sehen. entwickelte sich jedoch schnell und nahm als sie das gefährliche Ausmaße an. Geld aus der Versicherung erhielt und großjährig wurde. sondern auch zu Hause zu empfangen. im kleinen Geschäfte machte und mit Bauern um zwei bis drei Fuchspelze feilschte. Die Sache begann bescheiden und harmlos. um diese ganze Stadt und das ganze Leben alles ringsum als ihr Jagdgebiet zu betrachten und über ihrer Beutegier zu vergessen. besonders später.auf das Fräulein traf das eine wie das andere zu. öde. wie es Frauen und überhaupt alle Menschen zu tun pflegen. die die Wucherer in ihren feuchten Läden besser als die Sonne und schöner bestrahlt. die von einer großen Leidenschaft beherrscht werden. 66 . um das selbst die Bettler einen Bogen machten. im Laden ihres Vaters Männer und Frauen zu empfangen.

kraftlos und zu allem Mensch war und wie ihm gegenüber Rücksicht wenig man ihn zu achten und zu nehmen brauchte. die das Geld und der Geldhunger mit unsichtbaren Fäden anzogen. sagte dann das Fräulein gewöhnlich zu ihrem Besucher und fügte mit etwas rachsüchtiger geheizt. harten Stuhl. In der ersten Zeit war jeder Besuch für das junge Mäd- chen ein Ereignis.schieden die Menschen waren. die. Sie saß auf einem einfachen. wie schwach. »denn bei mir wird nicht Und nachdem sie ihn so in eine höchst unangenehme und für ihn ungünstige Lage gebracht hatte. Der ter Kälte nicht geheizt. mit immer mehr Vorsicht und Strenge. der noch aus ihrer Schulzeit stammte. sonbereit ein solcher dern nur ein altes Tintenfaß mit einem billigen Feder- halter stand. und sie empfing die Kunden immer nachlässiger und rücksichtsloser. auf dem kein einziges Buch und kein Stüd<chen Papier lag.« Stimme hinzu. sie erkannte. daneben stand ein zweiter. verzweifelt um ein Dar- lehen nachsuchten. von dringender Not oder allmächtiger Leidenschaft getrieben. doch mit der Zeit wurde die Zahl jener. (Bald lernte sie Menschen kennen.) Winter und Sommer saß das Fräulein in jenem fast leeren Vorzimmer an einem kleinen Tisch. Das offenbarte sich ihr von selbst. gleich zu Beginn ihrer Arbeit. auf das sie sich besonders vorbereitete und das sie lange im Gedächtnis behielt. und sie nützte diese Erkenntnis reichlich und rücksichtslos aus. »Behalten Sie den Mantel an«. die ihre Bedürfnisse hierhertrieben. der — noch kleiner und härter — für den BeRaum wurde auch bei größ- sucher bestimmt war. größer. fragte sie 67 . als ihr lieb war.

die alles im Leben. die lebt ausgibt. wurde die ganze Angele- genheit auf den anderen Tag verschoben. Denn tief unter der sichtbaren schen Oberfläche der Gesellschaft. nachdem er vor damit. Bei jenen seltenen Kunden. geirrt. eine stumme. die ihre ein- 68 . öde und ärmlich aussehenden Laden saß.sehr oft auf dem Umweg über irgendeinen Geldwechsler am Platz vor der Armen- küche oder einen unansehnlichen. kleinen Kaufmann. was überflüssig und nebensächlich ist. so hätte er sich in der Haustür er sprach. als und in der Person. das heißt. sie bewegten sich an seiner äußersten Grenze. genießt und stürmiund Geld unsichtbares und verschwendet. was nach ihrer Auffas- sung in der Gesellschaft sätzlicher ist. der in einem halbleeren.. Je nach der Länge der auf eine Frist lautete die Verpflichtung immer erhielt. namenlose. mit der In den meisten Fällen endete die Aussprache tatsächlich Händen wegdem Fräulein seine ganze Not und ging. Summe. hinter sich gelassen und den Weg zu dem gefunden Bedeutung haben. daß der Besucher mit leeren Pein ausgeschüttet hatte. von wesentlicher und grundjener Menschen. die um zehn bis dreißig Pro- zent höher lag als die. mächtige Organisation jener. welche der Schuldner wirklich Die übrigen Bedingungen stimmten völlig mit dem Gesetz überein. Die Auszahlung erfolgte niemals hier im Hause.ihn streng und verwundert nach seinem Begehr. Am nächsten Tag konnten sie auf ihrem Schreibtisch ein Papier mit den Bedingungen für ein kurzfristiges Darlehen finden. sondern in Vesos Laden oder sogar durch einen Dritten. die etwas bei ihr erreichten. stählernes und festes Netz des Wucherertums. besteht auch ein und dünnes.

enttäuscht vom Mißerfolg. Einem unerklärlichen. Wein und lebenslustigen Frauen. Sie war Ausländerin. Nur ders. Ihr Mann. der am Kragen und an den Ärmeln mit kostbarem braunem Pelz verbrämt war. man sei falsch unterrichtet. ein Kroate. aber in Bosnien aufgewadisen. habe es jedoch bereits Freunden geliehen. in Und Ausnahmefällen verlief die Unterredung andiese Fälle merkte sie sich länger. Bei der Mehrzahl der Besucher kam es jedoch nicht zu sachlichen. Verwirrt und ungeschickt begann die junge Frau das zartes Gesicht gerötet 69 . aber sicheren Instinkt folgend. doch zufrieden. von der Anwesenheit dieses steifen Mädchens mit dem durchbohrenden Blick und dem athletischen Händedruck befreit zu sein. statteinem langen Mantel aus schwarzem Tuch. liche Frau in einem Februartag kam zu ihr eine schöne.zige Leidenschaft auf Kosten der unzähligen kleinen und großen Leidenschaften und Bedürfnisse der gesamten übrigen Welt befriedigen. Auf dem Kopf trug sie eine kleine An Mütze aus dem gleichen Pelz. unterbrach das Fräulein ihr Gegenüber mitten in dessen Darlegun- gen mit ihrer starken. helltönenden Stimme und bedeutete ihm. Gewöhnlich verließ dann kalten die andere »Partei« diesen eis- und im Sommer schwülen Raum. Das Fräulein kannte das Ehepaar vom Sehen und dem Namen nach. stand im Staatsdienst und war ein Stutzer von hochmütiger und vornehmer Flaltung. Polin von Geburt. mit blauen Augen. von der Kälte leicht und noch feucht vom Nieselregen. bekannt als ein Freund von Spiel. Ein weißes. sie besitze zwar etwas Geld. ernsten Verhandlungen.

und deshalb würde nicht auf Zinsen »Wer Sie und Bedingungen achten. daß sie es mir zurückDie Frau erhob ten uns helfen. er brauche nur eintausendzweihundert sie sicher in Kronen und würde ein bis zwei Wochen be- kommen.« meine einzige Fioffnung. aber hier handele es sich sei nicht um die Zeit. Die Summe hoch. so als hätte sie wünschte sie. der ihnen schon öfter aus ähnlicher Verlegenheit geholfen habe. hat Sie verleihen. der Fabrikant in und ihrem Polen sei. ich bitte Sie! Man hat mir gesagt. Ich habe kein Geld zu Was ich hatte. Schlimmste sie anzutun. Nur als Sie Nun erhob sich das Fräulein.« »Fräulein. zahlen. und ich warte jetzt. Ihr Mann sei in eine Art düstesich das Apathie verfallen und drohe.« sich ein wenig.Gespräch. rer aber es gehe darum. er hatte sein Ehrenwort gegeben. 70 fruchtlose Gespräch abzubrechen. meine Dame. daß er das Geld binnen vierundzwanzig Stunden zurückzahlen würde. Sie müsse ihn retten. Sie habe. das Geld noch bis mor- gen früh zu hinterlegen.« »Fräulein. nur darauf gewartet. Sie sind retten. das unangenehme und Die Frau. Sie könn- »Man hat Sie können uns falsch unterrichtet. Auch habe sie einen zweiten Bruder in Amerika. worum es sich handelte. an die falsche Adresse gewiesen. das habe ich meinen Freunden gegeben. Ihr Offizierskasino eine größere Mann hatte im Summe beim Kartenspiel verloren. ihren Eltern Bruder telegraphiert. dann aber ließ sie alle Rücksicht und jeden er- Versuch geschäftlicher Geschicklichkeit beiseite und klärte. zu mir geschickt hat. begann laut . so sagte sie.

doch wie niedergeschmettert fiel die Frau mit dem Gesicht auf die Schuhe des Fräuleins und umfaßte ihre Füße über den Knöcheln.« Es dauerte lange. wie in ihrer Brust etwas Süßes. richtete sich das Mädchen auf dem Stuhl auf.« Um ihr auszuweichen. nicht doch! Man ist hat Sie falsch unterrichtet. so dem Gesicht des überraschten Mädchens. wo Sie es bekommen können. . Für Sie Minute kostbar. glauben Sie mir. unnatürlicher Stimme: »Aber nicht doch. Jetzt betrachtete sie von oben die zusammengekrümmte Frau. ich bitte Sic Sie uns! Er bringt sich ich besdiwöre Sie. als wollte sie die Frau aufheben und trösten. Das Fräulein erhob sich rasch und stieß den Stuhl hinter sich weg.zu weinen. Durch das Weinen drangen »Wir zahlen alles zurück! Um Gottes Liebe willen. »Fräulein. die zu ihren Füßen von krampfhaftem Schluchzen geschüttelt wurde. lassen Sie uns nicht zugrunde gehen! Ich beschwöre Sie!« Nach der ersten Verlegenheit zog das Fräulein ihre Knie an sich. breitete die Hände aus und faltete vor sie dann an. meine jede sich Dame . so hoch sie konnte. größeres Herz. retten um!« 71 . Sie beeilten und verlangten dort Geld. . zog die schon ausgestreckte Hand zurück und sagte mit dünner. bis sich die unglücldiche Frau erhob. ich flehe Sie mit gefalteten Händen wie man zu Gott betet. wobei sie aber immer noch stammelte: . Da fühlte sie. aber die junge Frau kniete nieder und fiel mit dem ganzen Oberkörper die Worte: auf Rajkas Knie. und es wäre besser. »Fräulein. . aber dann besann sie sich eines Besseren. Sie beugte sich ein wenig vor. Warmes erbebte — ein zweites. .

Sein Körper quoll aus der schwarzen Uniform. ordnete ihr Haar und ging hinaus. dann richtete sie sich plötzlich auf. stickiger dem kleinen Stuhl Sommerim Vorzimmer ein Oberleutnant der Gendarmerie mit ein Deutscher aus Namen Karasek. in denen die Offiziere verkehrten. Sie sich kaum merklich. und stand er vor der Zwangsentlassung. und sorgte Schicksal. unglückliche Frau zu denken. sie eines Blid<:es oder Gru- Das Fräulein blieb verwirrt zurück und fühlte irgend- wo tief in ihrem Innern. daß sich der Herr nicht umgebracht hatte. Aber gleich hatte sie keine Zeit. an die schöne. Spazierengehen.Das wiederholte sie bis zur Tür. so etwas kamen andere Geschäfte. daß es aussah. Aber es gab auch andere Kundschaft. Sie ähnelten sich in Statur und Größe wie Bruder und Schwester und waren so vollendet gekleidet. trocknete sich das Gesicht ab. Ein milder 72 . als wären sie aus einem Modejournal geschnitten. ohne ßes zu würdigen. Er diente in einem Städtchen unweit Sarajevos und war in den Nachtlokalen von Sarajevo. feistem Nacken. wie Scham. (es Eines Tages tag) saß auf war ein trockener. Seines ungeordneten Lebenswandels und seiner noch ungeordneteren Finanzen wegen war jetzt er schon öfter versetzt und bestraft worden. als lustiger Gesell bekannt. Der Oberleutnant war ein beleibter Mann mit großen braunen Augen und starkem. sie aus einem für Damen und er aus einem für Herren. so auch nicht um ihr weiteres wußte nur. Arm in Arm und eng aneinandergeschmiegt. denn etwa vierzehn Tage nach diesem Besuch sah sie beide am Ufer der Miljacka. Böhmen.

« nicht. und ich hatte auch keins.Duft von ging von gelber Offiziersseife. mein Herr. aber idi habe weder Beknetete dingungen zu stellen noch Geld zu verleihen. ich würde sie alle annehschuhe aus einer fester men. schmolz dahin. In der Rechten trug er ein Paar neuer Handschuhe aus Hirschleder..« Aber das Fräulein ließ ihm keine Zeit. seine Garantien vorzubringen. Zweitausend Kronen auf drei Monate. und damit sich das Gespräch nicht übermäßig ausdehne. Ich hatte — das ist aber lange her — im ganzen eine kleiist alles. und die habe ich Offiziers auf Zinsen angelegt. weil sie nicht ausreichten. daß meine Garantien Ihnen genügen.. Auf seinem 73 . der den Alkoholiker so kennzeichnend ist: für »Ich brauche Geld. Er sprach deutsch und begann im Tone verlogenen Selbstvertrauens. damit er nicht glaube.« »Es tut mir leid.« Hand- »Alles!« wiederholte der Offizier. möchte Ihre Bedingungen wissen. ihm aus. »Entschuldigen Sie. legte die noch Hand in die andere und preßte sie zusammen: »Aber wie immer auch Ihre Bedingungen sein mögen . Das Die Sicherheit des »Alles?« »Alles. Ich denke. aber ich habe kein Geld zu verleihen. mein Herr. sie weise ihn ab. mein Herr. Fräulein.« nere Summe aus meiner Versicherung. Der Offizier antwortete sondern krampfhaft die Handschuhe in der Rechten. Eine größere Ich Summe. mein Herr.« »Sie »Ich haben keins?« habe keins. vermischt mit Kognakgeruch.

der an ihr vorbeisah. den Rest verschwendet und nach zwei bis drei Monaten dasselbe getan hätte. der schon kahle Stellen aufwies. und zwei Wucherer aus Saravon je einigen hundert Kronen verblieben seien. Dann dachte sie erschreckt. daß sie sich an den Oberleutnant erinnerte. unangenehm. am Fräulein vorbei. nahm seine Mütze vom Tisch und schlug leicht und unhörbar die Hacken zusammen. zu beenden. Da fuhr auch der Offizier auf. Trotzdem war ihr die Erinnerung an den an seine mechanischen. da sie einer Person. Adieu!« In der Woche darauf brachte die »Bosnische Post« von Sarajevo eine kurze. tauartige Schweißperlen. Und gewöhnlich geschah das in dem Augenblick. daß sie ihm kein Geld gegeben hatte. Er schaute starr zur Seite. Ich danke Ihnen. an seinen Blick. der Offizier vergiftet habe jevo mit hoffnungslosen Forderungen daß er mit ihrem Geld die kleineren Schulden bezahlt. der Mensch 74 . denn es war klar. die um Geld bat. Auch ohne zu fragen. erfuhr das Fräulein. Noch lange danach geschah es. die übliche Offizier. ihr. fast beschämt hustete er. zeigten sich kleine. nur wäre dann sie der Hauptgläubiger gewesen. ganz klein gedruckte Nachricht. Oberleutnant Karasek sei »während einer Dienstreise daß sich plötzlich in Tarcin verstorben«. die leblos und kurz waren wie ein Echo. »Dann nicht. erhob hartnäclcig denn es ist leichter. abwesenden Antworten. die an einem vorbeischauen. so als suche er jemand hinter Um dieses quälende Schweigen und dieses Starren sie sich zuerst. daß sie keins besitze und nie welches besessen habe. Sie war zufrieden. den unangenehmsten Blick zu ertragen als Augen.Kopf. Fräulein. Antwort erteilte.

das heißt. doch mit der Zeit verschmolzen dürftigen Masse sie immer mehr zu einer langen formlosen Reihe. Um alles restlos zu ver- gessen. daß sie nicht in der Gewohnheit fortfahren konnte. Die alten Freunde ihres Vaters ermahnten sie mehrmals. Ich danke Ihnen. Fräulein. brauchte sie lange Zeit. So ragten zu Beginn noch einzelne. Adieu !< Allein jene Person erhob sich auf andere Art und mit anderen Worten.könnte aufstehen. die bereit waren. für je zehn Kronen nach einer Wodie zwölf oder. den Veso führte. die ••augenblicldich in mißlicher Lage« waren und kleinere Darlehen auf eine Wodie suchten. redete allzusehr darüber (natürlich nicht öffent- sondern nur flüsternd und nur in eingeweihten Kreisen). zusätzlidi eine Krone 7S . Man lich. die Hacken zusammenschlagen und sagen: >Dann nicht. Sie wurde böse auf sich selbst und und suchte das alles zu vergessen. ihrem Sdiicksal nach außergewöhnliche. die Bewegung des Offiziers. sondern einen kleinen Laden in der Ferhadijastraße. Da wandten sich die Besucher von ihrem Hause ab und suchten auch nicht mehr ihren Laden auf. sinnlose Furcht nicht völlig abschütteln. interessante Besucher hervor. der dem in Sarajevo gebürtigen Juden Rafo Konforti gehörte. begleitet von seinen Worten. dennoch konnte sie die quälende. Jetzt kamen alle die hierher. Das Fräulein sah übrigens bald selbst ein. im eigenen Hause und persönlich jeden Kunden zu empfangen. zu einer grauen geldbe- ohne Gesicht und Namen. wenn sie es dann nidit konnten. und das Unbehagen verging. könnte sich hier vor ihren Augen wiederholen. bei der Verabschie- dung eines jeden Kunden bangte sie.

halbleerer Raum. denn sein und hatte viele Kinder als Mann.für zehn pro Woche zu zahlen. Gewöhnunmoderner oder ausgeblaßter sie Modeartikel und verkaufte in mit Hilfe einer groß aufgemachten. schwerer. in dem er alles lich kaufte er »Partien« und nichts verkaufte. Nachdem er ausgelernt hatte. Er war Vater war Flickversorgen müssen. sich gut zu kleiden und von kühnen Plänen und großen Gewinnen zu träumen gewußt. dem Fräulein gehörte. Damals galt er bei den sephardischen Juden in Sarajevo als un- ternehmender. Das waren die todbringenden Schlingen. Es war ein kleiner. zumal sie ganz genau wußten. obwohl noch recht junger schneider gewesen im Elend aufgewachsen. das hier unter solchen Bedingungen verliehen wurde. bis sie die ganze Schuld mit den festgesetzten Zinsen zurückgezahlt hatten. wohlbeleibter. Dieser Rafo Konforti war ein rotwangiger. Alle Wände und Fenster des Ladens beklebte er mit roten und grünen Plakaten: »Gelegenheit! Wir senken die Preise! Gelegenheit! Nur noch heute!« — »Wir räumen mit Verlust! 76 . die Verschwendern und Mensdien in großer Not als rettende Hilfe und Erlösung erschienen. Rafo empfing die Besucher in seinem Laden. bei uns bis dahin unbekannten Reklame Wort und Schrift. Schon Lehrling in einer Galanteriewaren- handlung hatte Rafo auf eigene Rechnung Geschäfte zu machen. eröffnete er in der Ferhadijastraße einen eigenen Laden. aber für die Eingeweihten war es kein Geheimnis. Die ganze Ware legte er auf zwei breiten Bänken vor dem Laden aus. doch leichtfertiger junger Mann mit allzu lebendigem Geist und üppiger Phantasie. daß Rafo das Geld nicht gehören konnte. daß dieses Geld.

das jemand im Vorbeigehen sagte. einem Gespräch. Rafo!« sagte ein Spaßvogel im Vorbeigehen zu Konforti. zu Geschrei und WerAlles. »Führe das Volk nicht hinters unentschlossenen pries. Die 77 . weiterzugeAugen waren von einem feuchten Glanz überzogen. lief mitten auf die Straße. »Was weiß man? Was weiß man? Komm. bei mei- nem Glück!« was in der Stadt geschah. komm herein in den Laden. Seine schwarzen. damit ich dir die Rechnung zeige. wir räumen mit zehn rief Pro- zent Verlust«. spanischen schien stärker.Nutzen Sie den heutigen Tag!« Aber die größte Reklame war Rafo selbst. als sie in Wirklichkeit war. alles gab ihm Anlaß zu einem Scherz. zahl sprach. Rafo! Man weiß es!« sagte jener und wollte weiter. schlug die Hände zusammen. der gerade zwei Kunden ein paar alte Krawatten an- »Was? Was?« Sofort ließ Rafo die beiden stehen. beleibt. Rafo. bung. und seine Erregung hen. Beim Sprechen legte er ständig die ausgebreitete Hand mitten auf die Brust und wiederholte: »Bei meiner Ehre und meinem Namen! Bei meiner Ehre. »Was? ner Ehre Ich führe das Volk hinters Licht? Ich! Bei mei- und meinem Glück. stellte sich dem Mann in den Weg und hinderte ihn daran. der dabei stets in der Mehr- »Schon gut. rot im Gesicht und lächelnd. jedes Wort. aber Rafo packte ihn flink an beiden Händen. Licht. wie ein Kreisel drehte und um sich einen Wirbel von Gelächter und Gesprächen verursachte. indem er sich.

seit er sich vor drei Jahren mit einem Mäd- chen aus einer ziemlich vermögenden und sehr angesehenen Travniker Familie verheiratet hatte. »Siehst du das? Mist soll das sein und nicht Ware.Rechnung spricht für sich. falls es sich herausstellt. das sich so oft wiederholte. verteile ich das alles ganz umsonst unters Volk.« Die Leute blieben stehen. So hatte dieser Rafo Konforti angefangen. Es gelang ihnen. als Und den Eltern zuzustimmen. mit rasender Jagd. Aber immer fand sich einer. blieb nichts anderes übrig. zog sie auseinandem Mann unter die Augen. damit du die Rechnung siehst. das eine Schönheit und die einzige Tochter ihres Vaters war. wenn wir nicht mit Verlust arbeiten. Es war ein richtiger Brautraub mit Revolverschüssen (die natürlich ins Dunkel. verliebte sich in den lebhaften jungen Mann auf einer jüdischen Gesellschaft in Travnik. Jetzt hat- 7S . Mit den Jahren wurde er ernster. Als ihre Eltern von Rafo sie als Schwiegersohn nichts wissen wollten. Sarajevo zu erreichen. meine lumpigen fünfzig gen fünf deiner herrschafthchen Kronen. nicht aber ins Fleisch gezielt waren). beleibter und schwerfälliger. lachten und ergötzten sich an diesem Schauspiel. daß wir mit Verlust arbeiten. daß ich lüge. mein Herr! Aber wetten wir! ge- Ich setze fünfzig Kronen. besonders. der das zum und immer kaufte jemand etwas. Komm herein. floh zu ihm ohne irgendwelche Aussteuer oder Mitgift. Das Mädchen. wenn ich dir das sage. Aufregung und Polizei. erstermial hörte.« Und der Rafo lief zu einer der breiten Bänke. Auch diese Heirat war ungewöhnlich. ergriff mit theatralischer und hielt sie Gebärde eine Krawatte.

Das Fräulein lauschte »Hören Sie? Wissen leise. um Rafo in ihren Augen sichtiger einen Terminaufschub zu erbitten. Das Aus dieser lauen Nacht drang ein ungewöhnlicher Lärm ins Zimmer und mischte sich in ihr eintöniges Rechnen. daß er trotz all seiner Schäkereien weniger verschroben und viel begabter war. mit großem Mißtrauen und unter mehrfachen Garantien. Aber der Schwiegervater wollte ihnen noch terstützte sie. Er unstets nur mäßig und über eine dritte Person. Aber mit der Zeit offenbarte sich. In der Luft war ein feierliches und zugleich schreckliches Beben. unmittelbar zu Beginn. die von einer unsichtbaren Demonstrantenmenge auf den Hauptstraßen in der warmen. Sie. als es den Anschein hatte. Mit den verebbenden Schallwogen des Geläutes vereinten und mischten sich die grollend feierlichen Laute einer Hymne. Von allen katholischen Kirchen läuteten die Glocken. aus der die Geräusche 19 .ten sie schon zwei Kinder. Konforti war einer der ersten Kunden Rajkas zu der Zeit gewesen. da er gerade seinen Laden eröffnet hatte. in die Nacht. An einem der ersten Oktobertage des Jahres 1908 war er bei Einbruch der Dunkelheit zu ihr gekommen. warm und schön. den Kopf in die Richtung geneigt. was das kamen. hatte als ein nützlicher und weitMensch erwiesen. aber immer nicht ganz verzeihen. fast sommerlichen FinDie Tage waren ungewöhnlich Fenster stand offen. Noch vor zwei sich Jahren. ist?« fragte Rafo mit aufgeregter Stimme. sternis gesungen wurde. Zuerst hatte sie ihm kleine Geldbeträge gegeben.

antwortete das Fräulein ohne sonderhche Begeisterung. Freund zu Ihnen. was Sie flüssig haben. die es wissen. und nachlässig. Fräulein. Das weiß eben nicht jeder Mensch. Sie haben es. denn ich habe kein Geld. fiel ihr Rafo ins Wort.weiß die Annexion«. und auch von denen. Wenn ja. die Teilmobilisierung. so behalten Sie die Dukaten statt des Papiergeldes. Die Leute sind nicht klug. so daß es aussah. ich spreche als nicht. schickt Man sische Grenze. Ich verlange keinen Heller Provision. sondern entscheiden Sie später selbst entsprechend dem Gewinn. als schielten sie ein wenig. . auch ich weiß es und sage Ihnen. Sees hen Sie. jetzt heißt es Dukaten kau- fen. begonnen. wird nicht jeder so handeln. aber ich kaufe nicht. und aus 80 dem ganzen Menschen sprach großes . »Jawohl. ich lich. seine Augen glänzten. die Annexion Bosniens und der Herzegowina ist verkündet worden.« »Nun. . verkaufen Sie die Münzen rechtzeiden tig und mit Gewinn.« Konforti sprach mit aufgeregten Gebärden. beschwöre Sie. Mobilisierung. wenn nicht. Legen Sie alles an. »so ist es nicht. so ist es nicht«. Hören Sie Sie Sie wollen. Truppen an die serbische und auch an die rusSehen Sie. Fräulein. und alle werden es tun. aber gleichzeitig hat die »Ich . sie sind faul und Außerdem besitzen nicht alle Bargeld. ob es zum Kriege kommt oder nicht. kaufe auf mich.« »Das weiß jeder. Sie wer- wird Und in ein bis zwei Monaten man sehen. tun kön- nen. kaufen Sie soviel Gold wie möges da es Ihnen Gott gegeben hat und Sie es nicht bereuen. bedauern es bestimmt Wenn auch ich Dukaten auf Ihre Rechnung.

Doch an einem Januartag des folgenden Jahres. Vor seinem Laden war schon längst nichts mehr von jenem Gesdirei und den bunten Plakaten zu spüren. daß Mensch war. aber es bewies gleichzeitig. auf dessen Überlegungen man sich verlassen konnte. weibliche. Auch Rafo erwarb Dukaten auf ihre Rechnung. das Gold möglichst bald abzustoßen. denn er lebte nicht mehr von laut angeprieseKonforti ein 81 . denn der Kurs des Goldes stieg ununterbrochen. den ganzen sichtbaren Teil von Rajkas Geschäften. solange es noch stieg. hauptsächlich von den mohammedanischen Frauen (später bedauerte sie diese Vorsicht und Saumseligkeit). sichere Operation durchzuführen. feige Lösung: sie verkaufte die Hälfte mit einem Gewinn von dreißig bis f ünfu nd vierzig Prozent. daß er nicht soviel Bargeld besaß. daß es nicht zum Kriege käme. das Fräulein kaufte vorsichtig Und gab Rafo plötzlich wie ein Jagdhund das Zeichen zum Verkaufen. als die Annexionskrise ihren Höhepunkt erreicht hatte.Bedauern. Das Fräulein sträubte sich und schwankte. Dieser Rafo übernahm also jetzt. Sie gab ihm eine Provision von einem Prozent. denn in ein bis zwei Wochen würde es jedem klar sein. es mit einem Gewinn von zehn bis fünfzehn Prozent loszuwerden. zu Beginn des Jahres 1910. was ge- Wochen fiel das Gold plötzund es gelang ihr noch irgendwie. und langsam Dukaten. Nach zwei lich. und dann würde der Dukaten plötzlich zu fallen beginnen. Das Fräulein wählte die mittlere. um zu sehen. Rafo aber riet ungeduldig und zäh. Das verringerte den bei diesem Geschäft erzielten schehen würde. um selbst eine schöne. Durchschnittsgewinn. mit der anderen Hälfte wartete sie.

alle Fragen. Im Laden befand sich ein wenig Ware. oder eine sichere Obli- gation. restlos und für Einmal im Monat ging Rafo. zum Das war sein längster Spazierweg. aber die Hauptarbeit besorgte Konforti selbst hinter einer sernen Scheidewand. son- dern nur genaue. Denn wenn das.nen »Gelegenheiten«. nahmen das Geld in Empfang und gingen mit dem Gefühl großer Erleichterung aus dem Laden. sondern von Flüstergeschäften. sie flüster- ten mit Gazda Raf o. hinterließen ein Schmuckstück. wie Rafo ehrlich- schwur. Zusammen mit Konforti machte sie wiederum ein einfaches und doch schönes Geschäft mit Dukaten. halfen weder Schwüre bei und bei seinem guten Namen noch die sten Ausrufe. Denn so sind alle Verschwender: wenn sie unter dem Druck Not oder der Leidenschaft das finden. der was sie ge- rade brauchen. leibt immer gelöst zu haben. Das Fräulein war auch diesmal auf der Seite der Gewinner. die man weder sah noch hörte. noch die lebhaftesten Bewegungen. Hierher kamen Leute. er seine Abrechnung dem Fräulein der Ehre vorlegte. Das Jahr 19 12 brachte mit dem Balkankrieg erneut eine Krise und eine von jenen Wirren. das sie als Pfand mitgebracht hatten. die sie von den Witwen oder 82 . die dringend ein Darlehen brauchten. und die Abrechnung mit dem Fräulein war wie Fräulein. glä- wo sein Schreibtisch. es war auch ein junger Gehilfe da. so bilden sie sich ein. so kurzbeinig und be- er war. ein kleiner die Ofen und eine große Kasse standen. jeden durchschaute. sachlich begründete Zahlen. die sie quälen. eine wahre Heldentat. in deren Verlauf man verliert oder gewinnt. der schwerste Teil dieser Arbeit. bis ans andere Ende der Stadt.

die herrschaft- und nichts verdienten. dann wollte sie wenigstens. der als Zeitungsverkäufer anfing. sein Vermächtnis Dieser Traum war mit der und hatte sich. ohne Rücksicht und er- Erbarmen gegen füllen. die über sie hinausgeht. sie hatten keinen deutlich sichtbaren Beginn und keinen Abschluß. wie sie es auffaßte. Und das in Fräulein trug schon seit Jahren einen großen Traum sich. er hieß: die Million. die er verfolgte. so und andere. schlichen sich in alle Lebenszweige ein. denn die Krisen waren nicht mehr so scharf begrenzt. was die Ziele betraf. unerfüllbaren Traumes hört die Zeit schier auf zu bestehen. aber sie verläuft schnell und unmerklich für die. vor der Größe eines kühnen. ge- »Man muß die erste Million erwerben. deren er sich bediente. sondern sie waren verwickelt und lich lebten. Zeit gewachsen Einmal hatte sagt habe: sie irgendwo gelesen. Aber diesmal war der Gewinn viel geringer. ver- schwanden scheinbar. den man ahnen konnte. welche sich selbst vergessen und sich einer Arbeit widmen. um gleich wieder aufzutauchen und sich dann unendlich lange hinzuziehen. die ganz von nichtigen Sorgen um ihre Person und ihre Genüsse in Anspruch genommen werden. nicht arbeiteten latent. Er hatte jetzt auch einen Namen. ohne daß sie selbst es bemerkt hätte. verändert. der alles übrige im Leben in den Schatten stellte und nebensächlich erscheinen ließ.aber von den Söhnen der Begs kaufte.- 83 . So gingen für das Fräulein die Jahre rasch und unmerklich dahin. Wenn sich sie ihn schon nicht hatte retten können. Die Zeit quält und ermüdet nur jene. daß ein amerikanach- nischer Milliardär. und die Mittel. Ihr Traum war seit jeher — durch ihre Arbeit den Vater zu rächen und für ihn zu büßen.

aber um so süßer war das Sparen und um so heiliger jeder Verdienst. das immer mehr einer Gruft glich. verwickelte. was sie seit jeher wünschte und fühlte. was Menschen. ewige Zwiegespräch zwischen den Einnahmen und Ausgaben. was mit ihrem Traum zusamdie menhing: das endlose. Man muß wolund Darauf sie kommt es an. diesem Ziel nachzugehen. Die Das schwebte jetzt vor ihr wie ein Stern. das Ziel zu erreichen. was in ihrer Umgebung und in der Welt geschah.« Diese oberflächliche und vielleicht erdichtete Zeitungsnotiz überstrahlte sie hob empor. Für sie gab es seit langem zwei ganz verschiedene. noch sehr weit war es bis zu diesem Ziel. die sie verwundert auf der Straße betrachteten oder die in den Häusern über sie klatschten.her geht alles leicht. die in sich die Kraft und in der und sparte. konnte sie nur hören und verstehen. Sehr klein war die Zahl derer. Doch ebenso wußte und fühlte sie. zu denen zu gehören. ging das Fräulein an den Menschen vorbei wie an Toten. aber noch unendlich kleiner war die Zahl derer. Mit und von diesem Traum lebend. 84 . denen es gegeben war. Von allem. ja nicht einmal im Schlaf Million! erlosch. die diesen Weg gingen. was es bedeutete. Das wußte sie nur zu gut. bewegte und was in den Ländern und Völkern Ereignisse und Bewegungen hervorrief. In diesem Augenblick erhielt das. len. welche ihr am nächsten standen. seinen Namen. der nicht den Willen hat. Verliebt in dieses ferne goldene Ziel arbeitete und träumte sie in ihrem öden Hause. konnte kein Lebender den Namen dieses Traumes ahnen. es zu werden. Weit. auch die. dachte Welt die Möglichkeiten fanden. der weder bei Tag noch bei Nacht. Nur derjenige ist kein Millionär. Von all jenen.

sterbliche Mensch nur ahnen konnte. aber unend- Gebiet des lautlosen Kampfes und beständigen Plauens. ihren Trieben. liches dem und Abstoßens. er geht unbeschwert. ihren Tagesanbruch und Abenddämmerung. der sie mit sie ihrem ganzen Wesen angehörte und in der wirklich lebte. stilles. Gedanken und Glaubensvorstellungen. unübersehbare Erde mit den Menewi- schen und ihrem Leben. was nennt. Unhörbar und unsichtbar. gesegneten und ihre unfruchtbaren Jahre. unklare Kraft eines tieferen Sinnes. in dem Rechnung und Maß Welt nicht kleiner. die gesamte laute.. jene erstere dagegen die Schattenseite des Lebens. frei und lä85 . Auch sie hatte Sonnen und Gestirne. Das war die Welt.auch sie verfügte über die große.wenn auch nicht ganz voneinander getrennte Welten. Die zweite Welt war die des Geldes. ihre Steigung und ihr Gefälle. mit ihrem gen Bedürfnis nach Aufbau und Zerstörung. eines Lebensprinzips. mit unverständlichen Spiel gegenseitigen Anziehens Reich des Gewinns nes. alle Welt Welt Die eine war unsere Welt^ das. Diese dunkle und verkehrte Welt war für das Fräulein die Lichtseite. das Schwergewicht seines Lebens auf sie übertragen hat und sich jetzt nur noch notgedrungen und vorübergehend hier zwischen uns bewegt. ein verborge- nur den wenigsten bekanntes. nicht als zwei stumme Gottheiten herrschten. war diese zweite faltig weniger mannig- ihre ihre ihre und weniger reich als jene erste. auf dem alles beruhte. Sehnsüchten. das und der Sparsamkeit. der seit langem völlig die mystische Vereinigung mit der Gottheit erreicht. Ihr Leben in unserer gewöhnlichen Welt ähnelte in vielem dem Le- ben eines Asketen. um das sich alles drehte und das der schwache.

Ihre Berührung mit der Gesellschaft und der Welt war jetzt auf das mögliche Mindestmaß beschränkt. Durch sich ihr Verhalten und ihre Tätigkeit entfremdete sie sie auch ihren Verwandten. sehr verschiedene Bewerber. in kehrten Menschen. ohne zu überlegen das Zureden der und z^var und auch nur im geringsten auf Mutter und des Vormunds zu achten.chelnd einher. In einem Punkte waren sie sich alle gleich: kurz. das Geschäft und Erwerb verlangten. Monate und Jahre zusammen mit den Ereignissen. das Fräulein wies sie ab. denn für ihn verdient seits seiner alles. nur ein Lächeln. ihrer Zurückgezogenheit Art. . was 86 dachten und sprachen. Es er- sten Jahren. auch in ihrem Hause waren mehrere. Und tatsächlich waren an dem Fräulein die Tage. Ebenso hatte sie schon längst nicht nur zu den müßi- gen jungen Leuten. und wäre nicht sie Mutter gewesen. Längst hatte sie die letzten Gelegenheiten zur Heirat bewußt vorübergehen lassen. sondern auch zu den verheirateten Altergenossinnen alle Beziehungen abgebrochen. auf die Spiele von Kindern herab- mit dem Erwachsene blicken. sessor für vom Studienassich ge- Mathematik. Sie luden sie noch statteten die weder ein. einem jun- gen Witwer mit zwei Kindern. ihr einen Besuch ab. zu verbergen. die sie gebracht hatten. Das Fräulein gab keine Mühe. ihre völlige Gleichgültigkeit ihnen sie und all dem gegenüber. einem bescheidenen. sich Denn trotz und ihrer seltsam schlichten zu kleiden. was sich jen- wirklichen Welt befindet. hätten nie die Schwelle ihres sich Hauses überschritten. fanden sich. zumindest in den Freier ein. vorbeigegangen wie ein unverständliches Geräusch und ein ferner Nebel. bis zu einem Kaufmann.

Und er war weniger stolz auf seinen großen und weitverzweigten Handel als darauf. den seligen Gazda Ristan. Ich weiß weiß nicht! Wie kann von einem solchen Vater und einer solchen Mutter so etwas abstammen?« In den Gesprächen fragten sie sich immer wieder. der ihn dabei betrog. dabei aber höchstens den Ruf eines großen Geizhalses besessen hatte. eine kleine. was aus dem Mädchen werden soll. und daß sich noch nie ein Bauer oder Städter gefunden hatte.« Er ging selbst jeden Tag auf den Markt und kaufte. schroffe Sprecher und rücksichtslose Frau. Schiedsrichter und sämtlicher Hadzi-Vasic und des anderen Dut- zends verwandter Familien. pflegte er zu antworten: »Was bist du mir schon für ein Freund? Mein Freund ist. daß er es verstand. nach wem diese Rajka geraten sein könnte. Wege nicht. wer nichts von mir verlangt. einen besonderen eisernen Ring bei der das klein- 87 . Wenn er Eier kaufte. Und dann erwähnten sie stets ihren Urgroßvater mütterlicherseits. was für das Haus gebraucht wurde. auf dem Markte gut und billig einzukaufen. der bloß für sein Geld und seinen guten Ruf gelebt. ich Freundschaft erbat.Und sie sprachen und dachten sehr schlecht von ihr. nahm auf allen Familien- zusammenkünften das Wort: »Ich weiß nicht. der so weit vom daß er niemandem Schatten gibt. trug er stets sich. würdevollen Alten mit dem kühlen Blick und den zusammengepreßten Fäusten erinnerten. die sich an diesen kräftigen. ihrer Lebensweise. Wenn jemand etwas von ihm im Namen einer gemeinsamen steht. Es gab noch Menschen. ihrem krankhaften Geiz und ihrem schamlosen Wucher. kräf- tige. Sie wächst auf wie ein wilder Birnbaum. Tante Gospava.

Und wenn er so den Eierkorb eines Bauern durchstöberte. unerschütterlichen Alten: »Siehst du. Wenn an einem Feiertag eine der älteren 88 . und sie glich nicht einem Mädchen aus bürgerlichem Hause. so gelangt so man zu Geld. je ein weibliches Ge- schöpf mit Geld noch dazu so sen wäre. sondern eher einem polnischen Juden. in kei- ner der Konfessionen. Aber am meisten warfen sie ihr die Art vor. aber das lehnte sie ab. seit Sarajevo bestand.ste den Umfang eines Eies darstellte. Diese traurige Neuheit und große Schande war nur ihrer Familie beschieden. wenn es unvermeidlich war und das Ansehen des Hauses es erforderte. vorzeitig gealtert. zeigten die Kaufleute von ihren Ständen den Söhnen oder Lehrfür Maß lingen voller Hochachtung den herben. So lebte sie auf ihrem Zimmer in Angst und Einsamkeit. das durch diesen Ring ging. So sprachen die besorgten Verwandten. Nie hatte und Wertpapieren gehandelt hätte und ein Halsabschneider und Wucherer gewe- man ähnliches beobachtet. das tat er mit so würdevoller und herrschaftlicher Gebärde. Diese Rajka dagegen schränkte sich ein. dahinsiechend wie eine Sklavin ohne Willen und Stimme. wie sie ihre Mutter behandelte. ein Ei. Geld zu verschwenden und den Unverschämten wie audi den Verschämten zu empfangen und zu bewirten. Manche zu verlassen forderten die alte Frau auf. ihre Tochter und zu ihnen zu ziehen. und kommt man zu einem eigenen Haus!« Nur daß Gazda Ristan trotz seiner herzlosen Knauserigkeit und Habgier imstande war. den Geldbeutel aufzuschnüren. kaufte er nicht. Keiner konnte sich erinnern. daß. daß sein Groschen schwerer wog als der Dukaten eines anderen. verzehrte sich und hielt weder auf Anstand noch auf Ehre.

hatte das Fräulein bereits den festen. man ist nicht allein auf der und man kann nicht so neben den Menschen herkann. die bei recht Ausgaben für Lebzeiten des Gazda Obren alle bedeutend gewesen waren. war sie darangegangen. hatte sich damals ganz ent- schieden dagegen gesträubt. leben. weinte sie still.Frauen kam.« »Danke für den Rat. Tages entschloß. In der Stadt. Aber auch du mußt geben. wohltätige Zwecke.« nicht.« Man braucht kein Geld hinauszuweraber man muß geben. unter den Leuten. eine Verwandte oder Freundin. Rajka. höchst unschönen und ungewöhnHchen Ruf eines verschrobenen und mißgeborenen Ungeheuers sowie den eines Wucherfräuleins. das ein Sonderfall in der Frauenwelt war. eines Geschöpfes ohne Seele und Stolz. »Tue das Welt. Ich habe nichts und gebe nichts. Veso.« weiß am besten. vor sich hin. »Man wenn man muß. ohne viel Tränen zu vergießen.« »Mal langsam! fen. zu verringern. so etwas wie eine moderne Hexe. Schon als das Fräulein im ersten Jahr nach dem Tode des Vaters mit Veso die Bilanz des Geschäfts durchgese- hen hatte. Ich Ich rate zu deinem Besten. was ich 89 . sie diese Und mit jedem weiteren Jahr verringerte bis sie sich eines Summen. dert. aber keinem gegenüber beklagte sie sich über etwas. wenn es die Ordnung erforgib du!« »Dann es dir »Ich gebe schon. kann und was nicht. sie ganz zu streichen. der hierin wie in so vielen anderen Fragen Rajkas Auffassung nicht billigte.

aber was ich sehe.« »Hör auf! Ich weiß alles. du weißt nicht. wie du zu haben glaubst. mit jener scheppernden Stimme. Was du tust. warum er nicht mehr am Le- ben ist. sondern ein Fluch. Und wenn er dabei eine Million verdient. es hat dich versklavt und hält dich du schützt deines Vaters Willen am Zügel. was du »Ich weiß es sehr wohl.« Vater am Leben »Das »Ah. bartlose Männer bekommen. »Du weißt nur zu gut. würde dein seliger Vater niemals billigen. die kleine. Uli bitterer Ver- achtung auf diesen Knirps herab. aber du. ist ein Kaufmann. aber Doch ist in Wahrheit treibt dich deine Sinnesart dazu.« Das Fräulein schaute mit dem Ausdruck hatte. 90 . Veso je- doch sprach weiter. ist kein Segen. »Mir scheint. er hätte sie zu teuer bezahlt. und Namen vor. . der die Kühnheit gegenüber von der Million zu reden. Immer führst du den Segen ins Feld. Wäre dein seliger .Diese gefühllose Starrköpfigkeit brachte den kleinen Mann in Wut. das beweist. was ich dir sage: das Geld nicht alles. interessiert . hast seit langem das Maß überschritten. merke dir.« »Dann weißt du chen. was er gewinnt. Wer mit seiner Ehre für das schlechter zahlt.« siehst du.« nicht. Du hast am Geld Geschmack gefunden. daß du nicht so viel Verstand hast. was die anderen von dir spre- mich nicht im geringsten. wenn sie in Wut geraten. den dir der Vater in seiner Todesstunde gegeben hat. auch konnte das nicht sein Wunsch und seine Absicht sein. meine Liebe.« sprichst.

« oft. was du getan hast. daß Pflicht ihre gegenüber ihrem Volke und den nationalen Verdas Fräulein offen an. Und alle. Gazda Mihailo. Womöglich glaubst du. daß sich solches Geld je erhalten hat. und Direktor Pajer mahnten sie. aber man kann sich nicht erinnern. wie man aus einem Groschen zwei macht. diesen schönen Brauch vernachlässigten und so sehr im Geiste des Materialismus und der sie häßlichen Selbstsucht versunken seien. Das sozialdemokratische Blatt »Slo- boda« den. jemandem etwas zu schenken. Deshalb fielen auch Sarajevoer Zei- tungen mit deutlicher Anspielung auf die Art ihrer Geschäfte über sie her. aber ich sage dir. griff abgelehnt hatte. Hartnäckig lehnte sie es ab. daß du als erste herausgefunden hast. daß gewisse Nachkommen derer. es ist dann zu spät. um Beiträge für Wohlfahrtsorganisationen und patriotische Vereine zu sammeln. Derartige Streitigkeiten wiederholten sich nichts doch konnte das Fräulein überzeugen oder sie zwingen. Früher oder später holt sich der Teufel.»Du kannst meinetwegen denken. was ihm gehört. Seit jeher. Die Zeitung »Srpska rijec« brachte eine Notiz darüber. und auch ferner alles verkehrt machen. es nicht zu weit zu treiben 91 . einen Beitrag für kranke Arbeiterkinder zu spen- und nannte sie einen »Shyloclc in Frauenkleidern«. wie du schon begonnen hast. die einst serbische Vereine in Sarajevo gegründet und unterstützt hätten. verließen Rajkas Laden und Haus mit leeren Händen. du Unglückselige. ihren Standpunkt aufzugeben. was du willst. da sie es einen vergäßen. ich fürchte nur. hat es solche gegeben. Auch ihr ehemaliger Vormund. die in Sarajevo von Laden zu Laden wanderten. daß du schlecht handelst und daß du noch alles bereust.

ging sie auf den Friedschroffen. sie hatte weder Zeit noch Verlangen. mit finsterem Blick und männlichem Schritt stach sie durch ihr von diesen sich auf festlich gekleideten. wenn die festtäg- aussehenden Straßen von Menschen wimmelten.und wenigstens etwas gu geben. Sie Kostüm mit männeinen uralten. wunderlichen alten Jungfer Ihr Leben spielte sich zwischen hof nach Kosevo. und sich überhaupt nicht so sehr von den Mensdien abzusondern. Die Leute be- 92 . sie Und niemals sich erlaubte sie der Mutter. auf dem Kopf ganz unmodernen schwarzen Hut. stets in Sorge um das Geld und die Geldgeschäfte. Benehmen und ihre Kleidung müßigen Frauen ab. schon an ihre ungewöhnliche Die Leute hatten Erscheinung gewöhnt. Ihr einziger. Jeden Sonntagvormittag. die besonders an schönen und sonnigen Tagen in die Augen lich fiel. bei gutem wie bei schlechtem Wetter. wobei ihr die Ansichten ihrer Mitmenschen völlig gleichgültig waren. Die Jahre waren dahingegangen. zu begleiten. führte sie an das väterliche Grab. darüber nach- zudenken. Haus und Laden ab. an den Füßen ausgetretene Schuhe mit niedrigen Absätzen. denn das täten auch alle übrigen. Das Fräulein hatte schon vor der Zeit immer mehr das Aussehen einer angenommen. lichem Schnitt. ohne Zerstreuung und Gesellschaft und ohne das Bedürfnis danach. Aber das Fräulein blieb zäh bei ihrer Lebensweise und ging ihren Weg. kleinen. der nicht unmittelbar mit den Geschäften zusammenhing. die dem Weg zur Kirche oder beim Spaziergang sehr dasselbe dunkelgraue lebhaft gebärdeten trug immer und miteinander plauderten. regelmäßiger Weg. Hochgewachsen.

unverwandtem tete das Fräulein die Aufschrift. Es herrschte vollkommene Stille. gut gepflegt und von weißen Steinen eingesäumt. Durch ihre grünen Blätter las man auf der Platte in goldenen Buchstaben die Worte: Hiei luht der Kaufmann Obren Radakovic. denn der Friedhof liegt tief zwischen grünen Hängen im Kosevatal. Aber das Fräulein hatte für alles kein Auge. Von Zeit zu Zeit wurde die Stille von dem verebbenden. Sobald sie sich jedoch auf die kleine Bank neben dem Grabe des Vaters gesetzt hatte. weiß und langsam über den Himmel zogen. bis ihre Blicl< betrach- Augen zu glänzenbegannen und alle Buchstaben sich drehten und sich in goldene. Dann schloß sie die Augen. die den Friedhof bevölkerten. sichtskreis veränderte sich und der Ge- unmerklich durch die Som- merwolken. die feierlich. Ei starb im 4$. Alle Sinne waren äußeren Eindrücken ver- 93 . Hier war sie geborgen und von der Welt geschieden. Jahre seines Lebens. fernen Klang der Kirchenglocken aus der Stadt begleitet (doch nicht unterbrochen). auf wenn sie durch die Straßen ging. Sie sah nur das Grab. Dieses Grab war mit Rasen bedeckt.trachteten sie prüfend. schloß sich hinter ihr auch das letzte Tor zwischen ihr und der Welt. die samt dem Blumentopf in die Erde gesetzt war. aber sie beachtete sie ebensowenig wie die unbekannten Toten. mit scharfem. mit scharfem BHck oder mit kekja sogar ker Neugier. Sie war ganz in sich versunken. mit Tränen vermischte Funken verwandelten. Der Gesichtskreis war geschlossen. Lange. daneben wuchs eine Monatsrose. dem Friedhof. an der Stirnseite befand sich eine Marmorplatte mit einem Kreuz.

flüsterte das Fräulein mit warmem. deren eine Frau bei den verschiedensten Anlässen und zu den verschiedensten Zeiten ihres Lebens fähig ist. Für die ganze Welt ver- loren. die Schwächen seines mitfühlenden Herzens hatten seine Aufmerksamkeit abgelenkt und die Rücksichten der menschlichen Ehre und des Stolzes ihn blind gemacht. stockendem Atem Fäuste. denn er hatte es nicht verstanden. wie sie die zurückgehaltener. tapfer und verwegen in die Bedrängnis eines jeden einzufühlen. starker frostiger Engel und unerbittlicher Sinn wie ein mit einem feurigen Schwert in der Hand. hielt das Fräulein Zwiesprache mit dem Grab. doch allmächtig in diesen schwachen Geschöpfen lebt. sich vornehm. bis er eines 94 . Beengt von den aufquellenden Gefühlen. während sie gedämpft das eine. sich blitz- schnell in eine fremde Lage zu versetzen. des Schmerzes und des Leides zu finden. die unsichtbar. verkrampften Körper strömte in unaufhaltsamen Wellen die Kraft weiblicher wunderbaren Macht. Aus diesem vornübergeneigten. in ihre zusammengepreßten »Du! Du! Du!« Stimme modulierte. Aber nach diesen ersten Ergüssen lange In der Art.schlössen und unzugänglich. unverbrauchter Gefühle zeigte sich ihr wahrer. Niederträchtig und ungestraft hatte man ihn vernichtet. das Seine zu verteidigen und zu behüten. waren alle Stufen der Zärtlichkeit. der zerstört. denn er liebte es. in den verschiedensten Formen aus ihnen hervorschlägt und in ihrer Umgebung Leben und Schicksale zeugt und Zärtlichkeit. einfache Wort aussprach. Der einzige und ewige Gegenstand ihrer ganzen Zärtlichkeit war nicht mehr.

unterbreitete ihm. schien ihr. da die Straßen voller Menschen waren. der Million. 95 . Hier richtete sich das Fräulein gewöhnlich auf. drängte alle Gefühle zurück. fühlte mehr antun konnte und vor ihr im Staube und es kriechen würde. was sie im Laufe der letzten Woche getan hatte. sich. daß ehrsame Leute umbrachten. angelangt wäre. aber sie achtete auf niemand. und bat um Billigung des Vergangenen und um Zustimmung zu ihren Plänen. sich die weichherzige. fiel ihre sonderbare Erscheinung noch mehr auf. In Gedanken legte sie ihm Rechnung ab über alles. Sie schritt scharf aus. den harten und rücksichtslosen hin- gegen dienten und vor ihnen verbeugten. aufgeregten Haufen. so beide unauflöslich durch seinen waren sie Tod und ihr Leben ver- bunden. daß gleich einer ruhigen Kraft gleichgültige Verachtung gegenüber diesem Volkshaufen in sie einzog. starrte trocke- nen Auges auf die goldenen Buchstaben in der Marmorplatte und begann ihren stummen Bericht vor dem Grabe. als er zu sich selbst zurückfinden sollte.Tages. als erhebe sie sich nicht nur geistig. als schreite sie über ihn hinweg wie über einen Ameisenhügel. beruhigte sich. mit der eigenen Lage nicht Schicksal mehr fertig wurde. Gestählt sie. Gegen Mittag erhob sie sich und ging in die Stadt zurück. Das war sein und auch der Inhalt ihres Lebens. was für die kommende Woche geplant war. wenn sie erst auf ihrer Festung. sondern auch körperlich über diesen elenden. Sie dachte nur bei dies die Menschen waren. Zu dieser Zeit. der ihr jetzt nichts durch die morgendliche Zwiesprache.

aber es berührte ihr Beals ein trüber wußtsein nicht stärker Traum. Und während sie so am Fenster stand und die auflebende Stadt im Glänze des Sommertages betrachtete. lebendigeren Inhalt. Länger als gewöhnlich stand sie am offe- nen Fenster und schaute auf das andere Ufer der Miljacka und die steilen. von der Wirklichkeit des nächtlichen Traumes.IV Der 28. Der Himmel war noch in rötlichen Schein getaudit. Juni 1914 — ein Sonntag — unterschied sich sei durch nichts von allen vorherigen Sonntagen. Sie könnte 96 . Es wimmelte von Fußgängern. Ihr Be- wußtsein war von einem anderen. erfüllt. mit der sich das Fräulein auf ihren regelmäßigen Friedhofsbesuch vorbereitete. Kutschen polterten. genoß sie noch immer die unbestimmte Wonne dieses Traumes ohne feste Form und ohne Namen. grünen Hänge. Das alles sah das Fräulein. in denen man liegende Flußufer mit Leute in grellfarbenen Paradeuniformen erblickte. und lärmend fuhren Automobile vorbei. und über der ganzen Stadt lag die Frische des Morgens. es denn durch die verträumte Langsamkeit. die wie Sommerblumen aussahen. doch das gegenüber- dem Kai war schon belebt.

sah sie. in dem sich Gold und Silber vermischten und der weder eine Flüssigkeit noch ein gasförmiger Körper war. sie sie war ganz von ihm während sie ihn träumte. sondern bewegte sich zwi- schen stolzem Gang und wunderbarem Flug. treffen konnte. auf die Brust legte Und wenn sie die und sie dann den Augen Hand näherte. beglückenden Glanzes. aber erfüllt. Hier in der Brust. in versie in den letzten Jahren daß die Million erreicht und im selben Augenblick überschritten war. über sich erlag hinauswuchs. die den Menschen ging sie und schützte. erstemal. wenn die Eindrücke der nächtlichen Träume noch lebendig und die Ereig- nisse des Tages noch nicht gekommen waren. nicht einmal sich selbst könnte Rechenschaft über ihn geben. daß sie nicht 91 . von diesem Glanz. sie aus- zulöschen und zu verdrängen. Es war nicht das daß sie ihren Traum von der Million träumte. von der Welt trennte und gegen alles Böse und jede Erniedrigung. doch mächtige Kraft von der Erde aufhob.ihn nicht erzählen. der sie wie eine sanfte. auch den nächsten Tag. wenn sie auf der Höhe der erreichten Million fühlte. besonders den Morgen über. fühlte wie sie dem warmen Glanz und wie sie durch ihn. irgendwo unterhalb des Halses. Das war der Augenblick vollkommenen Glücks. jedesmal. daß ihre Hand ganz von dem Glanz Übergossen war. Rein gebadet in diesem Glanz und ganz von ihm erfüllt. war die unversiegbare Quelle dieses berau- schenden. schiedenen Formen träumte mehrmals dasselbe: Mit wechselnder Stärke. sondern ein Mittelding zwischen bei- den. verteidigte weder. noch flog sie. Und sie. so auch in der vergangenen Nacht. der sie von innen durchdrang und von außen überflutete.

obwohl wach und schon angekleidet. als zeige sich in allem. sondern bloß die großgedrud<:ten Titel der Begrüßungsartikel auf der ersten Seite gesehen.mehr und nicht mehr an die Gesetze des Wettstreits gebunden war. so daß man ihn mehr ahnte das Schicl<:sal der Masse teilte als sah. von Wertveränderungen in der Wirtschaft und auf dem Geldmarkt zu finden waren. was der Tag von ihr verlangte. aufmerksam las Seite. so wie andere Frauen und Mädchen ihres Alters am offenen Fenster die Zeit vertrödeln. daß sie dieser Tage in den Zeitungen Nachrichten von der Ankunft des Thronfolgers Franz Ferdinand in Bosnien und von den Vorbereitungen gelesen hatte. Den ganzen nächsten Tag lebte sie unter dem Eindruck dieses Traumes. die zu seinem Empfang in Sarajevo getroffen wurden. Beim Anblick jener ungewöhnlich lebhaften Bewegung der Menschen am gegenüberliegenden Ufer erinnerte sie sich. Denn im Gegensatz zu den sie die ersten Zeitungsseisie lediglich die letzte meisten Menschen überflog auf der Nachrichten ten nur flüchtig. und es schien ihr. in dem die unwürdige Menge sich würgte und wand. von Zeit zu Zeit ein Widerschein des Glanzes. versun- ken in Gedanken von Liebesglück und Liebesleid. in Gedanken und Berechnungen. Ausverkäufen und Darlehen. da das Fräulein ausnahmsweise lange an dem offenen Fenster stand und. Auch dies war ein solcher Morgen. aber kürzer als der schnellste Blitz. von Versteigerungen. Eigentlich hatte sie nichts gelesen. an den Gegenständen um sie und an ihr selbst. das zu beginnen. 98 . geheimnisvoll und wunderbar. nur schwer von ihrem Traumbild loskam und sich nur langsam entschließen konnte.

Bei diesem unangenehmen Gedanken trennte sie sich schließlich vom Fenster und begann sich fertigzumachen. ertönte von der Stadt ein starkes. Auf dem Friedhof einen Augenblick. die ihm da zu Ehren schössen. auch allen Grund dazu. Sie dachte einen Augenblicl< darüber nacli. die zwischen als sie die Brücke überschritt. Sie hatte sie nie geliebt und stets als et- was Überflüssiges und Gefährliches gescheut. in denen sich die lebhaften Farben der Offiziersuniformen abhoben. auf demselben Weg nadi Hause zurück. ging. dann kam es ihr kehrte Gedanken hingegeben.. Als sie aus dem Hause ging. So merkte sie auch niclit. da sie durch die schmale Gasse den beiden großen Gebäuden der Landesregierung zur Kosevoallee führt.Durch die angenehme Erinnerung an den verflossenen Traum. erblickte sie am war und zur Brücke anderen Ufer einen Zug von getreten Kraftwagen. zog sich wie ein schwarzer Streifen der Gedanke an die Zeitungen. daß am Palais aus Sinn. Bei der Rückkehr vom Friedhof schien es ihr als als seien die Straßen belebter und eilten die Leute schneller als sonst nach Fiause. ohne jemand zu beaditen und etwas zu bemerken. die Autos fuhren rasch am Kai entlang dem Innern der Stadt zu. blieb sie wie üblich bis kurz vor Mittag. Die Kraftwagen waren schon verschwunden. Und in dem Augenblid<. dem Ganz ihren sie gesenkten Blicks. und in der letzten Zeit waren sie ihr sogar verhaßt. nahm an. 99 . Und sie hatte. daß reihe befand sich dumpfes Dröhnen. die sie hier am Fenster regungslos verharren ließ. Das Fräulein der Thronfolger in jener Automobiles die und daß Kanonen waren. wie wir gesehen haben.

was geschehen ist«. stammelte der Mann. Ein Augenblick der Stille trat ein. seine in Hände zitterten. als sie zum Friedhof gegangen war. Gott soll uns beschützen!« seufzte Rafo. »Sehen Sie. sen. Sie »Was »Wie? glück ist ist los?« wissen nicht. wobei sein Blick von einem Gegenstand zum anderen irrte. klopfte jemand an das Tor. ten. Sie wissen nicht? Ach. Gott soll uns beschützen. Überrascht von diesem unerwarteten Besuch zu unpassender Zeit und noch mehr von dem ungewöhnlichen Aussehen und Verhalten Rafos.« 100 . um Ihnen zu sagen. noch nicht dort gehangen hatten. Fräulein. daß Sie nicht in die Carsija gehen und sich mit Ihrer Frau Mutter in acht nehmen. sehen Sie. was sich da vorbereitet. ein Un- geschehen. seine Frau. »Aber lein. ich bin gekommen. Man hat den Erzherzog und die Erzund noch ein paar andere erschos- herzogin. große schwarze Fahnen wehten. denn es ist nichts Gutes. »Und wer hat sie erschossen? Wie? Wann?« Er sprach aufgeregt. die am Morgen. irgendein serbischer Bursche. Ein Attentat. auf beiden Baikonen. Schüler. Es war Rafo Konforti. führte sie ihn ohne Gruß ins Haus. bei der Lateinischen Brücke. ein Unglück für die ganze Welt. mein Fräulein. und »Ach. Fräu- daß Sie auf sich aufpassen. Erst als sie mit der Mutter das bescheidene Sonntags- mahl eingenommen hatte. hier am Kai.der Landesregierung.« den Augen spiegelte sich die Angst vor den bloßen Worten. Fräulein. Stu-den- haben beide erschossen.

Mag uns Gott beschützen!« Und Rafo neigte sich weiter lichem Flüsterton hinzu: vor und fügte in ängst- »Der Pöbel hat sich erhoben. bei Gott. um zu brennen und zu plündern. Schw-ei-gen Sie! Ich schicke den Jungen. und man konnte nicht weniger und nicht mehr Leute als geAlles wöhnlich am Sonntag um diese Zeit sehen. Gazda Rafo. um Ihnen das zu Sturm sagen. etwas brauchen. dieser Und wir sehen uns nicht wieder. doch die ganze Gegend kam ihr jetzt verändert und neu vor. daß man alle serbischen Kaufläden in der Carsija zerstören wird. empfand sie ein Un- behagen. »Ich weiß. Erst als das Fräulein allein war. Fenster Ohne der Mutter etwas zu sagen.»Aber wir zwei sind doch Frauen. Der Thionfolgei! Man munkelt so allerlei in der Stadt. Gott behüte uns! Man spricht davon. sich gelegt hat. Der katholische Priester hat eine Rede gehalten. Am besten. Auch den Häusern wollen sie zu Leibe rücken.« So verabschiedete sich Rafo. Angst in den Augen und den Finger vorm Mund.« Rafo schüttelte ungeduldig den Kopf. Verstehen Sie? Sitzen und schweigen falls Sie Sie. war wie auch sonst an seinem Platz. und gekombis men. trat sie ans Blid<. Sie sehen. aber was geschieht. Angst und Ungewißheit lagen in der Luft und über lOI . Es geht um etwas Wichtiges. daß Sie nichts damit zu tun haben. das wissen Sie doch. Sie ich bin und Ihre Frau Mutter tun mir leid. Sie bleiben zu Hause. Fräulein. und warf einen auf das andere Ufer der Miljacka. Was will man denn von uns? Wir haben mit diesen Dingen nichts zu schaffen. Man sagt.

Von den Kirchen erscholl dumpfes Grabgeläute. und in kurzen Intervallen hörte steilen Berge man das gedehnte. was geschehen war und was den serbischen Häusern und Geschäften drohte. Sie saß mit ihrer Mutter am offenen Fenster. da erlaubte das Fräulein nicht. Jetzt mußte Rajka ihrer Mutter sagen. schicksalsschwerer Ereignisse. daß im Hause Licht gemacht wurde. Alle Glocken übertönte die große Glocke der katholischen Kathedrale mit ihrer scharfen. wo und wie. ein schwüles Dunkel. es hörte sich an. Als die Sonne hinter den Bäumen unterhalb des Hum-Berges versank und in ihrem eigenen Feuer zerschmolz. Der Hauch des heißen Tages erfüllte die Luft noch mit feinem Staub. von der Banjski-Höhe und vom Schloß. ohne daß sie hätte sagen können. Die alte Frau begann zu weinen. Das Fräulein tröstete sie flüchtig und zerstreut.der Landschaft. furchtbarer Vorahnung großer. aber die Mutter fuhr fort zu weinen. als wäre sie aus Eisen gegossen. Am Feiertag ist jeder Nachmittag länger als an einem Werktag. das die um Sarajevo als eine bereits erwartete Ant- wort auf diese metallene Musik des Todes und der Erregung zurückwarfen. Und das Dunkel fiel herab. In das alles mischten sich von Stimmen jemand zum Ruhm und anderen zum Verderben schrien und heulten. voll ungewöhnlicher Laute und feierlicher. und die beiZeit zu Zeit die einträchtigen. Die Glocken tönten aus der Ferne. so wie sie auch aus jedem anderen und viel geringeren Anlaß geweint hätte. die irgendwo in der Mitte der Stadt I02 . durchdringenden Stimme. seltsame Echo. ausgeglichenen der Menge. aber dieser war besonders lang. Überall in der Stadt flammten Lichter auf.

was geschieht.« Serben Das Fräulein antwortete nicht. wie sie die Starken und Mächtigen dieser Welt noch eine Zeitlang nach ihrem Tode einem breiteren oder engeren Kreis derer aufzwingen. sie fürchtete nicht 103 . Überall breitete aus. hab keine Angst!« »Ich weiß nicht. Die Mutter blieb in der Finsternis wach und hing ihrer ohnmächtigen Witwensorge nach. sagte sie herb zu ihrer Mutter. Noch lange lauschten die beiden Frauen in die Nacht.« Während tigkeit ihrer sie das sagte. aber ich weiß. mein Kind. und wie es uns angeht. als wollte von der eigenen Worte überzeugen. und das Gespräch ge»Ach. riet ins Stocken. horchte sie auf die sie sich Stimmen Rich- aus der dunklen Ferne. unangenehm. die am Leben bleiben. sie saßen näher bei- als sonst. nachdem die Glocken verstummt waren und die Kundgebungen aufgehört hatten. »gar nichts wird geschehen. Schließlich gingen beide Frauen zu Bett. so als erwarteten sie etwas. was bei Frauen immer die ist. Die Mutter seufzte laut.« »Leg dich nieder und schlafe. wenn einer ihiei großen Herren Einleitung zu einem traurigen Zwiegespräch umkommt. Mutter! Das geht uns nichts an. daß es nicht gut ist.den Frauen horchten einander am Fenster. Die armen werden wieder dafür büßen. Das Der Gedanke an ein Gespräch war ihr ärgerte Rajka. denn von keiner Seite war das geringste Singen und Spielen zu vernehmen. Kind. viel ruhiger war als die früheren. das in den Sommerdie. nächten sonst noch lange zu hören sich eine Stille ist. »Geh und leg dich nieder«.

sein Geist ist von durchdringender Schärfe. Mit geschlossenen Lippen und zusammengezogenen Brauen lag sie im Bett und schaute scharf in das Dunkel. aber sie tat es unhörbar.dergeboren. ausgeruht und hellwach. Die ganze Welt. soweit sie diese überblicken und begreifen und sie. als hätte sie niemals geschlafen. die sie kaufte suchte und regelmäßig las und in denen und fand. für die we- '. befangen in ihrem Traum. Sie fühlte die Nähe einer Krise. wie hatte. Bei Tagesanbruch fühlt sich der Mensch wie wie. das in der Nähe der Fenster dünner und blasser zu werden begann. ohne Lärm und ertragen Bewegung. mit kühlen Wangen. aber leicht Schaden erlitt. besonders wenn sie von unbekannten Erdteilen und von der Entdeckung verborgener Schätze und neuer Märkte handelten.nur für die »armen Serben«. richtig sehen konnte. Jetzt war der Augenblick gekommen. erstand vor ihr und bestimmte ihr Verhalten in allem und allem gegenüber. ist erneuert und doch reich an Erfahrungen. sie alles im Leben getan und Die Tochter jedoch las einige Zeit in irgendeiner deutschen Reisebeschreibung. (Reisebeschreibungen waren die einzigen Bücher. sondern allmählich für die ganze Welt. Seit jeher Erwachen beim Morgenrot! wohnt. die Rafo in ihr Haus gebracht hatte. in der man schwer erwarb und verdiente. auch mit dieser Angst abzurechnen. Vor Sonnenaufgang erwachte sie: frisch.) Dann löschte sie das Licht und schlief ein. und sie empörte sich dagegen mit der ganzen 104 .:: der Tag noch Nacht eine Lösung bringen konnten. war sie ge- um diese Zeit alle Fragen zu lösen. was unbestimmt und doch sie etwas stark mit ihrem Leben zusammenhing.

»politische und »nationale Interessen«? Etwas Fremdes und Fernes. müßig. Gefahr oder wenigstens Stillstand ihrer Arbeit bedeuten. und geheim- mit hochgestülptem Kragen an leichten Wintertief mänteln. die sie an der Mil- jacka Spazierengehen sah. Alles das war für sie nur soweit vorhanden. daß ihre Arbeit und ihr Interesse sie selbst Dinge gebunden sein sollten. ernst nisvoll. Verlust. aber ihre Schuld ihr sie konnte sich nicht damit aussöhnen. Sie drängte es entschieden sich und trachtete bloß danach. Schier unerträglidi war ihr der Gedanke. Was bedeutete das alles für sie? Und woher kam jetzt wenn man es einmal in Zusammenhang brachte: Thronfolger — Politik — Studenten. daß an diese abhängig 105 . Sie sah das deutlich ein. das sie immer sorgfältig gemieden hatte.Kraft ihres Wesens. im anderen Fall. was ohne stören durfte für sie etwas Vermögen bedrohen und ihre Pläne und konnte. viel größere Interessen traf als die ihrigen. die den Kreis dieser Stadt weit überschritt und andere. als es ihr etwas eintragen konnte oder als es. gebeugt unter ihren großen schwarzen Hüten. die niemals etwas damit zu tun gehabt hatte? Das von alles ging sie nichts an. die seit den frühesten Jahren bloß hatte den Thronfolger in eine Richtung geleitet war. Was bedeutete überhaupt wie »allgemeine Probleme«. ohne Schaden zu umgehen war. Und wer waren diese Ereignisse« Studenten? Langhaarige Burschen. Mußte das für sie das. Das war zweifellos eine große Erschütterung. daß es etwas in der Welt gab. Was war geschehen? Man ermordet. wie sie es über- schreiten oder umgehen könne gleich jedem anderen Hindernis auf dem Wege.

das völlig außerhalb ihres Machtund das böse Schicksal irgendeiner Gemeinschaft teilen müßte.von etwas. linken Seite. Studenten zu schaffen?< fragte sie zornig das blasse Dunkel. sich auf der inneren. irgend etwas von ihr zu verlangen. so wie sie sich niemals an jemand gebunden gefühlt oder von jemand etwas im Namen dieser Bindungen verlangt hatte. Aber sie konnte es nicht erwarten. Blick. sich vollständig und für immer Bindungen und Rücksichten zu befreien. durch jene immer ruhige und verschlafene Straße. sondern erhob sich schon vor neun Uhr und ging auf ter schaute ihr nach. Die Mut- wagte jedoch nicht. das Fräulein aber ärgerte und daß reizte dieser sie die verweinte und erschrockene sich zuschlug. sondern bewegte lange. so daß niemand mehr das Recht hätte. als wollte sie ihren Entschluß schmieden. niemals und um keinen Preis würde nie zugeben. die Straße. von allen Plötzlich richtete sie sich im Bett auf. wieweit die Befürchtungen Rafos begründet waren und was jeden Schaden sie tun. das sich der sich vor ihr breitmachte. Nein. die Tera- io6 . um bei ihm zu erkunden. und dabei schlug sie mit der geballten rechten Hand auf das Kissen. um und jede Ungeiegenheit zu vermeiden. sie zugeben. auf der Seite der Verlierer zu sein. Das Fräulein gedachte nach neun Uhr in die Bank zu gehen und Direktor Pajer aufzusuchen. wie sie sich verhalten sollte. >Was habe ich mit serbischen sein sollte bereichs lag. Und in ihr erhob wütende Wille. so Tür schroff hinter Sie ging nicht am Ufer der Miljacka entlang. aber das würde sie »Das niemals!« flüsterte sie halblaut. etwas zu sagen. Alles wollte sie tun.

einer Wasserrinne ähnelnden Vororten ein Wie jede orientalische Stadt hat auch Sarajevo sein Fakirgesindel. der Jahrzehnte zurückgezogen. was in diesem Falle heißt. die wie eine Handvoll Körner teils über die steilen Hänge der umrückzugehen. falls die liegenden Berge. der sich aber bei solchen Gelegenhei- ten nach den Gesetzen irgendeiner unbekannten gesellschaftlichen Chemie plötzlich vereinigt und in Flam- 107 . bereit.zija heißt. die sonst arbeiteten oder melten. So er- reichte sie bald die Brücke an der Cumurijastraße. oder ihren Weg zur Bank fortzusetzen. oder vielleicht genügte auch ein weniger bedeutendes Ereignis.oder flußabwärts einschlagen sollte. den wenigen Vorübergehenden Der Morgen in Sarajevo hat auch zur Zeit der größten Hitze den frischen Hauch des Morgens in den Bergen. Es mußten Tage kommen wie diese. zu- Masse über die Brücke auf sie zukäme. Es mußte etwas geschehen wie am Vortage. große Gebäude der Union-Bank. um alles zu entblößen. was in diesen Leuten steckte. zerstreut und scheinbar zahm dahinlebt. das ähn- Volksmenge klang wie am Vorabend. Schon als sie sah auf der anderen Seite des Flusses das weiße. Man sie atmet leicht und kommt gut voran. seinen Pöbel. Das Fräulein verbarg sich hinter einem Baum. Geld verschwendeten oder in den steilen armseliges Leben fristeten. was alles in dieser Stadt lebte. Hier konnte sie nichts Außergewöhnhches an feststellen. bumund winkeligen. rijastraße das Schreien der lich von der Cumuhörte. damit man richtig sah. teils über die sich am Fluß hinstrecken- de Ebene gestreut war. falls sie den Weg flußauf. Die ersten Reihen der De- monstranten strömten auf die Uferanlage heraus.

Diese Masse des Lumpen- und des hungrigen Kleinbürgertums be- steht aus Menschen. die bisher ihre Gefühle und Gedanken bewegt haben. beherrschen sie die io8 . heimtückischen inneren Roheit und der Wildheit und Niedrigkeit ihrer Triebe gleichen. sich jedoch in ihrer angeborenen. dringen dann an die Oberfläche. vernunftlos und und sie übertragen diesen Haß auch als aufs Jenseits. bietet. in diesem wirklich physischen Abscheu vor dem Andersgläubigen. diesen ohne daß ihnen Gelegenheit Haß in seiner ganzen Stärke und Schrecklichkeit zu beweisen. die lange Zeit Nahrung gesucht und endlich gefunden hat. die sonst wegen ihrer feinen Liebenswürdigkeit im gesellschaftlichen Leben und ihrer schmeichelhaften Redeweise bekannt Gehässigkeiten ist. beziehungsweise ein Teil von ihr. sich vergeht ihr ganzes Leben. drei Hauptkonfessionen hassen ein- ander von der Geburt bis zum Tode.men ausbricht wie ein schlummernder Vulkan. die nach Bekenntnis. nachdem sie endlich einen tauglichen Grund gefunden hat. über diese Stadt. wachsen und sterben in Nieoft diesem Haß. All jene so lange zurückgehaltenen und schlummernden Wünsche nach Zerstörung und Gewalttat. der das Feuer und den Schmutz niedrigster Leidenschaften und ungesunder Gelüste proletariats ausspeit. Ruhm und Sieg und und Schande des andersgläubigen Nachbarn aufSie werden geboren. das sie als ihren derlage fassen. Gewohnhei- ten und Kleidung verschieden sind. Die Angehörigen der abgrundtief. wenn feste aber anläßlich eines bedeutenden Ereignisses die Ordnung der Dinge ins Schwanken gerät und Verstand und Gesetz für einige Stunden oder Tage außer Kraft gesetzt sind. und wie eine Flamme. dann ergießt sich diese Horde.

Sie versuchten auch die Staatshymne zu singen. meist dürftig gekleidet und schlecht genährt. das aus ihren ungeübten. Dann zie- hen sie sich wie Schakale mit eingezogenem Schwanz in ihre Seelen. Vorn trugen zwei Männer ein Bild des Kaisers Franz Joseph. die unter anderen Vor- aussetzungen. alles nach der Anleitung eines etwas besser gekleideten Mannes. war auch hervorgebrochen und hatte sich auf die Straßen des neueren Stadtteiles gestürzt. aber das Lied. beißen und zerbrechen. die sie offenbar aus irgend- einem Amt geholt hatten. groben Kehlen kam. für eine andere Ordnung und andere Umgangsformen erbaut worden waren. In dem Haufen mochten etwa zweihundert Aufwiegler sein. häßlichen Redewendungen und obszönen Bewegungen hervorbrechen. Dieser für Sarajevo eigentümliche wütende Haß. mit den Spuren des Elends oder des Lasters im Gesicht und in der Haltung. der sie anführte und der sehr große Ähnlichkeit mit einem Polizisten in Zivil hatte.Gassen. eine jener eingerahmten far- bigen Reproduktionen. Häuser und Straßen zurück. Sie schrien wahllos »Nieder!« und »Hoch!«. Diese beiden waren zerlumpte und verschlagene Individuen mit niedriger Stirn 109 . die stärker ist als sie. klang verworren und brach mehrmals ab. zerschlägt oder bis sie selbst in ihrer Raserei verbrennen und erschlaffen. Mohammedaner und Katholiken. spucken. wo sie wieder jahrelang verborgen leben und bloß in bösen Blicken. den die klimatischen und schaftlichen Verhältnisse begünstigten schichtliche jetzt gesell- Entwicklung unterstützt und den die gehatte. den die verschiedenen konfessionellen Institutionen durch Jahrhunderte nährten. bis sie eine Kraft.

Das geschmackvolle weiße Gebäude der Union-Bank HO . Das Fräulein wartete. hielten sdiritten sie wie die Neger ihren Fetisch. und begab sich dann über die Brücke zur Bank. Nach kurzem Schwanken und einigem Hin und Her. wobei sie unter dem und zerknüllten Hut heimtückische Blicke nach rechts links warfen. die sich fest an ihn schmiegten wie ein zweiter. roter Schärpe und einer Reihe von Sternen und Medaillen. zog die Menge den Kai hinab. leben- der Rahmen. irgendwo an der Peripherie zu leben und zu arbeiten. die an ganz andere Arbeiten gewöhnt waren. Die Gestalt des Greises mit dem weißen Backenbart und der Glatze. daß ihnen zur Zeit niemand etwas anhaben kann. wie ihn einem tierisch Menschen haben. währenddessen jemand die zwei ermahnte. sie sind. im Schatten ihres Elends. so daß aber mit ihren riesi- mit dem Kopf nach unten wies. mit frechen Gesichtsausdruck. die seine hohe Stirn ins Endlose fortsetzte. wie es sich gehörte. In ihrer Eile und Verwirrung hatten es sie das Bild umgedreht. eingeschnürt in einen weißen Waffenrock mit golde- nen Knöpfen. So langsam wie bei einer Prozession voran. waren sie jetzt verlegen und zugleich voll dreisten Stolzes. die aber auch genau wis- gut wissen. bis sie hinter ihrer ehemaligen Schule in Richtung auf das Gymnasium verschwanden.Gewohnt. wer und was sen. glänzend und feierlich. das Bild umzudrehen. daß sie das Bild des Kaisers durch die Blick. sie es fest gen Fäusten. stach sonderbar ab von den beiden liederlichen Menschen mit dem ärmlichen Aussehen und der kläglichen Haltung. und trübem Hauptstraßen der Stadt tragen durften.

an der Ecke der Cumurijastraße nahm eine Front von achtzehn Metern auf der Kaiseite ein. und darüber zwei Stockwerke mit zwei großen Wohnungen. de und Bekannten benutzten den Nebeneingang betraten das namenlosen Gasse. der auf eine kurze. und auf ihm herrschte weder Unord- nung noch tische. und im Winter brannten in dem großen Kachelofen schwere Buchenscheite. die frostige Leere gewöhnliclier Bankier- Da sah man Liclitbilder von Frau Pajer. die als die teuersten in Sarajevo galten und schon seit Jahren von einem Rechtsanwalt und einem Arzt bewohnt waren. Doch Pajer gab diesem großen Raum wie auch jeder kleinsten Sache. Im Erdgeschoß befanden sich Kanzleien. neben dem Schreibtisch. Der ganze Fußboden war mit gewalktem grauem Tuch bedccl^t. Hier gelangte man aus einem engen Vorzimmer unmittelbar in die geräumige. Nur Fremde und Neulinge gingen gang. einer III . An den Wänden hingen einige Aquarelle in lebhaften Farben mit Waldlandschaften und Jagdszenen. mit der er in Berührung kam. vorbei zum Direktor durch den Haupteinam Schalterfenster des Portiers. wo den größten Teil des Tages Licht brennen mußte. Zur Zeit der Sommertage herrschte hier Kühle. an denen jetzt alle Rouleaus herabgelassen waren. darauf lagen bosnische Teppiche am Eingang und persische im Hintergrund. halbdunkle und etwas feuchte Kanzlei des Direktors. ein persönliches und angenehmes Aussehen. Die Kanzlei des Direktors war im rückwärtigen Teil des Gebäudes untergebracht und hatte einen eigenen Ausgang. schmale Gasse hinausführte. alle waren gleich groß und stammten offenbar von demselben Maler. alle Freunund Haus von dieser kleinen. Es war ein großer Tisch.

Die den zum Zeichen der Trauer geschlossen. ungewöhnliches Aussehen.« Pajer biß sich auf die Oberlippe. daß ich tun hatte. der gerade im Begriff ist. in der fast das ganze Jahr hindurch Blumen oder grüne Zweige standen. Mit breiter. Das Fräulein teilte ihm kurz mit. 112 . und äußerte ihre Befürchtungen hinsichtlich ihres Hauses und Vermögens. während er selbst. Dahinter glänzten auf tiefen Regalen in lan- gen Reihen die goldenen Einbände der Bücher. »Sie wissen. zwangloser Bewegung. bevor er zum feierlichen Requiem für die Opfer des gestrigen Attentats in die Kirche ging. Auch die Zeitungen haben mich angegriffen. Der Direktor war nur auf einige Augenblicke hierhergekommen. bot er dem Fräulein einen Platz an. und ihrem Sohn. und dämmrig wie in Blumen in der grünen Vase waren nicht erneuert worden und hingen herab. Er stand da wie ein Mensch. Bekleidet war er mit einem schwarzen Redingote. mit verschränkten Armen stehen blieb. sowie neben der bronzenen Statuette eines Hirsches eine Vase aus grünem Glas. einem schönen Jungen in der Kleidung seines Internats. was bei ihm das Zeichen größter Ungeduld war. die sehr von seinem Äußeren abstach. aus dem Haus zu gehen. An diesem Tag blieb die Bank wie alle anderen Institute und LäIn der Kanzlei war es jetzt frisch einer Kapelle. an den Schreibtisch gelehnt.schwarzäugigen Frau mit einem Pantherkörper. daß bei mit diesen Dingen nie etwas zu mich immer ferngehalten habe und ich den serbischen Vereinen sogar schlecht angeschrieben bin. Der hohe weiße Kragen und das schwarze Plastron verliehen ihm ein feierliches. was sie von Rafo gehört hatte.

in dem sie saß. fuhr Pajer fort. auch nicht durch Loyalitätsbezeigungen. sehr mißlich und schwer ist und daß noch viel Schwereres kommen wird.en. für die ganze Welt und besonders für die Serben. Diese Menschen werden aucli nicht ewig brüllend durch die erschrecl<.«« Hier ließ Pajer die Hände sinken. irgendeine Erklärung oder so etwas abzugeben. gerufen. Ich bin zu allem bereit. Ich weiß selbst nicht. »mir scheint. und das zu sein ist keine Schande.erst »Hören Sie. ohne daß es jemand von Ihnen verlangt hat? Und selbst wenn man es verlangen würde. wenn er lebte. Tochter Gazda Obrens und dürfen wie auch er sicher nicht so gehandelt hätte. daß alles.»Und jetzt bin zu tun leicht ist. was Wenn . Mein Rat geht dahin. hatte nicht bemerkt. hervor- tun. aber warum sind Sie so vorschnell und sondern sich von Ihrem Volke ab. wessen Sie schämen und was sie bereuen müßten. andere. Lassen Sie sich nicht durch diese und damit Sie nicht etwas tun. als er sie ihres eigenwilligen Vorgehens oder ihrer Wuchergeschäfte er sie Fräulein. daß Ihr Konforti Sie mehr als nötig erschreckt hat. viel- auch eine freiwillige Spende . »Hören Sie. Im Gegenteil. Sie sind die nicht so handeln. es ihr wegen ermahnen mußte. Fräulein«. um Sie zu fragen.« Einst hatte er sie mit dem Taufnamen später. Fräulein . es nötig ist. was geschieht. daß Sie sich durch Horde verwirren nichts.. daß er sie in den letzten Jahren nicht mehr anders ansprach. Sie sind Serbin. trat einen Schritt näher und beugte sich über den . . ich gekommen. nannte Geblendet von ihrer Leidenschaft. sie Dinge wahrzunehmen. . die viel wichtigere unmöglich machte. Sessel. sich später 113 . Ich weiß.

Straßen laufen. Bleiben Sie in diesen Tagen zu Hause,

und wenn Sie etwas brauchen, kommen Sie zu mir oder
rufen Sie mich, dann werden wir uns beraten.«
Pajer

sprach mit gedämpfter Stimme,

und

seine

Augen zitterten in leichter Verwirrung. Das Fräulein verließ ihn unbefriedigt und begab sich unsicheren Schritts zu ihrem Geschäft. Es war nicht ihre Gewohnheit, die Strafte und die Menschen um sich zu betrachten und sich darüber Rechenschaft zu geben, was
sie erblickte,

aber diesmal betrachtete

sie alles

sehr auf-

merksam. Zwar waren die Läden geschlossen, doch gab das den Straßen kein festtägliches Aussehen. Die Zahl der Passanten war geringer, die Pvuhe auf der Straße größer als sonst. Die Straßen sahen aus, als hätte sie in der Nacht ein ungewöhnlicher Sturmwind gekehrt und gereinigt und nur eine leere Fläche und die Angst vor einem neuen Unwetter hinterlassen. An den Dächern und Fenstern tauchten immer neue schwarze Fahnen auf. Ihr Geschäft am Eingang in den Veliki Curciluk war unberührt, die große eiserne Tür war wie bei den
übrigen Kaufläden geschlossen, und darüber lagen

kreuzweise zwei eiserne Stangen. Sogleich machte
sich

sie

wieder auf den

Weg und

eilte

durch die fast leeren

Straßen zur oberen Stadt. Sie fand Veso in
abschüssigen Hof, der nach

dem

engen,

dem

reinlichen Pflaster

und von und den weißen Hauswänden
duftete

Blumen

glänzte.
ster auf

Im hinteren

Teil des Hofes

war über dem

Pfla-

weißen Leintüchern Mehlteig

ausgebreitet.

Veso war vollständig angekleidet, nur trug er weiße Strümpfe und flache Pantoffeln. Mit einer Gerte in der

einem Stein und gab acht, daß die Hühner nicht an den ausgebreiteten Teig herankamen. Das
er auf

Hand saß

114

Fräulein ärgerte die Ruhe dieses Idylls, das so gar nichts von ihren eigenen Sorgen und Ängsten hatte. »Veso, ich bin gekommen, damit wir besprechen, wie

wir mit

dem

Geschäft verfahren.«

»Auch

ich wollte

schon zu Ihnen

kommen,

um

zu

sehen, wie es Ihnen geht.

Das Geschäft habe

ich laut

Anordnung

geschlossen, wie es auch die anderen getan

haben. Jetzt wollen wir sehen, was weiter wird.«

»Wie? Wir wollen sehen? Siehst du denn nicht, daß sich der Pöbel erhoben hat, um die serbischen Häuser und Läden zu zerstören? Man muß etwas tun.«

»Was können wir schon tun?« »Man kann eine schwarze Fahne
.

herausstecken. Ich

habe es an anderen Läden gesehen.« »Das kann man .«, erwiderte Veso gedehnt.
.

»Das kann und muß man.« »Wir warten ab, was die übrigen Serben und Kaufleute machen, und danach handeln wir dann.«

»Was gehen mich die übrigen an? Die übrigen können sich, wenn sie wollen, den Hals brechen, wozu sie
sich ja

schon anschicken, aber ich will nicht, daß

man
wir

mein Geschäft anzündet oder mein Haus plündert.«
»Langsam, Rajka, unser Geschäft
wollen
es
ist

nicht

allein,-

mit den anderen Leuten halten, und wie es

denen ergehen wird, so auch uns.« »Mit welchen Leuten? Ich lebe nicht von diesen Leuten, sondern von meiner Arbeit. Und wenn ich Schaden leide, wird niemand kommen und mich fragen, wie es mir geht und ob ich weiterkann.«
Sie sprach schnell, voll verhaltenen Zorns.

»Ach, Rajka. Ich will nicht abseits von den Unsrigen
stehen,

und deshalb werde

icli

wie

sie

handeln.«
115

überrascht betrachtete

sie

ihn näher. Klein und ver-

schrumpft wie sonst, in flachen Pantoffeln, mit einem
Stock in der Hand, so stand er vor ihr,
er

und doch

hatte

etwas
sich.

feierlich

Ruhiges und männlich Entschlossenes

an

Er stand aufrechter da als gewöhnlich, als trüge

er ein eisernes Skelett in

diesem schwachen, kleinen

Körper.

Die unerwartete Geistesgegenwart des sonst schwäch-

Mannes und sein trotziger Gleichmut verblüffund erbosten sie. Scharfe, zornige Worte drängten sich auf ihre Lippen, prallten aneinander und stauten
lichen

ten

sich.

Und

gerade, als sie mit aller Entschiedenheit er-

klären wollte, daß

essen handeln werde

Kaufleute

sie

nach ihrem Kopf und ihren Interund das Verhalten der serbischen wenig angehe, hörte man von oben aus
sie

dem Hause

eine schrille Frauenstimme:

»Ksch, Gott soll euch erschlagen! Ksch, verrecken sollt
ihr, bei Gott! Veso, du Nichtsnutz, siehst du denn nicht, daß die Hühner den Teig auffressen? Ksch, ksch!« In der Haustür stand Vesos Frau Soka, klein wie er, mit einer weißen Schürze und mehlbestaubten Händen,

sonst aber sauber

und

gepflegt. Beide

Hände schwin-

gend, verjagte

sie die

Hühner, die

tatsächlich Vesos Ge-

spräch dazu benutzt hatten,

herbeizukommen und den
Teig zu picken. Sofort

auf

dem Leintuch ausgebreiteten

schwenkte Veso einige Male seine Gerte. Die Hühner
liefen hinter das Haus,

und Soka kam, Rajka zu

be-

grüßen.
keit des miniaturhaften Paares

Mit der kleinen Aufregung in der Miniaturhäuslichwar das Gespräch zwi-

schen

dem Fräulein und Veso im wesentlichen beendet.
knapp und
zerstreut, entschlos-

Sie verabschiedete sich

ii6

sen,

von diesem Menschen unter den

jetzigen Verhält-

nissen nichts zu erwarten, sondern alles allein zu tun,

aus eigener Kraft

und nach eigenem Verstand.
nichts für sie schwer

Wenn eine Frau wie sie blind und hartnäckig in einer
Richtung geht,
ist

Obwohl
verwirrt

die Kaufläden geschlossen

und unmöglich. und die Menschen

und

völlig durcheinander waren, fand das

alles, was nötig war: an ihrem Fiaus und ihrem Geschäft hingen schwarze Fahnen. Sie war nicht die erste, die sie aushängte, aber sie würde die

Fräulein bis Mittag

letzte sein, die sie einzog.

117

V

Im Leben

eines jeden

Menschen

gibt es trübe Zeiten,

von denen seine Erinnerung meist schweigt oder nur beklommen spricht. So eine Zeit waren im Leben Rajkas die Kriegsjahre. Die vier Jahre waren wie ein lebhafter, seltsamer Traum, begleitet von starken Gefühlen des Aufschwungs, der Angst und endlich verdüstert von
Schwierigkeiten, Verlusten

und

einer Bitternis, die sie

auch heute noch nicht verstand, die jedoch nie von ihr

weichen würde.

Der erschossene Thronfolger und seine Gemahlin wurden in feierlichem Zuge zum Bahnhof übergeführt.
Es

kam zu

zahlosen Verhaftungen und verschiedenen
Schlagzeilen aus,

Gewalttätigkeiten. Die Lokalpresse tobte sich in Extrablättern
klärte

und unaufgeoder aufgehetzte Menschenmassen gaben ihren und großen
sie selbst

Gefühlen in Rufen Ausdruck, die
verstanden.

nicht recht

Nach

diesen schweren, ungewöhnlichen

Tagen

trat plötzlich überall eine

sonderbare

Stille

ein

wie nach einem starken Knall. Nicht nur, daß

es

keinen

Lärm, keine aufregenden Ereignisse und geräuschvollen

Massenbewegungen mehr gab. Es war eine aktive Stille, in der die Menschen angestrengt horchten und neue
ii8

Volk und die ganze Welt zum Schluß erwar- Die Hauptsache war. ungeordneten Bewe- gungen der Volksmenge vorbei waren.Ausbrüche erwarteten. steif und stumm wie in der Kirche. In dieser Stille fühlte sich das Fräulein in ihrem Ele- ment. der sich irgendwo dahinter verbarg. Es ärgerte sie bloß. Aber das Fräulein trug all dem nicht Rechnung und wollte es nicht tun. ordnen und anderes planen konnte. die Untätigkeit und die gewalttätigen. Man sah auch gänzlich verstörte Gesichter und verweinte Augen. an einem unhörbaren Laut. was im Flusse war. die irgendwer nötig hatte. was die Stadt. Überhaupt alle hatten Sorgen. bestrebt. die Kaufleute waren verwirrt. Sie dachte nicht daran. das tete. Allerdings. zu erraten. und fragte sich nicht. Daß man wieder an Geschäfte denken und rechnen. »wohin das umschlagen« würde. Es war eine gelenkte Stille. Weder ihr Haus noch ihr Geschäft waren überfallen oder beschädigt worden. war nidit niemand finden Zufriedenheit. daß man das. Sorglosigkeit und ArAlles andere sie daß beitsfreude so richtig geteilt hätte. daß jenes Getümmel. Nicht eine ihrer Befürchtungen hatte sich verwirklicht. während in ihren Ohren noch nicht einmal das Echo der kaum vergangenen Ereignisse erstorben war. Das genügte konnte. Selbst Rafo Kon- 119 . der jedoch keiner ganz vertraute. hatte ihr etwas übel- genommen. sondern jeder lauschte. Das waren Serben. Sie wußte nur. daß man nicht mehr schoß und auf den Straßen nicht randalierte und Häuser und Läden nicht zerstört wurden. Alle hatten einen ab- wesenden Blick und eine träge Zunge. Niemand ihr. in den Banken war man zurückhaltend. der ihre ihre Sorge. was Stille sich hinter dieser verbergen könnte.

die allgemeine menschliche alles tritt fast aller kurz hintereinander. Die Ereignisse reihten prallten sich nicht aneinander. Die Presse donnerte zuerst los. in neuen Formen und einem bis dahin nicht gesehenen Umfang. dann wurde die Stille wie in einem großen Orchester tatsächlich unterbrochen und schlug in einen allgemeinen Aufruhr und Krach um. Wer so I20 .forti war noch nicht zu sich gekommen. Von neuem erschienen Sonderaus- gaben der Zeitungen mit Lettern in Daumengröße. »Gut. Was kommen mußte. Durch all das verwirrt. sondern zusammen und überstürzten sich. Auf Worten jede ihrer sie Fragen antwortete er unbestimmt. Kanonen schössen. die — versteckt oder offen — alle Bewohner dieser unseligen Stadt beherrschte. damit wir sehen. die Kriegserklärung und dann der Eineuropäischen Großmächte in den Krieg." Aber man sah ihm an. Militärkapellen schmetterten. eine Parole: kaufen. und dieses Beben vereinte sich mit der Unruhe. welche die verschiedensten Ursachen hatte. bis sich das ein wenig legt. was sein würde. Fräulein. Gleichzeitig verstärkten sich dieses Beben der Luft und Unruhe. und was immer ihm vorschlug. Er hatte nur einen Rat. Dann gerieten die Massen und die Ereignisse auf unvorstellbare Weise in Bewegung. daß er an etwas anderes dachte. Das Ultimatum an Serbien. lebhaft und unternehmungslustig. konnte sich das Fräulein nicht zurechtfinden und nicht fassen. um zu sehen. So verging ungefähr ein Monat. was wird. Er wartete nicht mehr. war da. wies er mit unklaren zurück. aber warten wir ab. Sie ging zu Rafo Konforti und fand ihn jetzt seltsamerweise munter. Die Luft zitterte ununterbrochen aus unersichtlichem Grunde. Glocken läuteten.

von unwahrscheinlichen Drohungen und unerwarteten und unklar wie Und die Verwirklichungen. Welt hallte wider von mächtigen Massenbewegungen. sich dem zu einem Entschluß durchrang. die flüchtig Welt vollzogen. Die gewaltigen Ereignisse und die sich überall in der großen Veränderungen. die Spekulationen begleitete und bei Verlust füllte ihre Zeit keit in und Gewinn gleich groß war. Auch hier. das Fräulein mit ihrem Anteil. die Schreien glichen. sie größer. die aus alle fen. »Was soll ich kaufen?« fragte sie Stimme. geschahen nie gesehene und unerhörte Dinge. Ilic-Ziegelei Unter anderem auch Ziegel in der Kosevo.rasch wie möglich kaufte und so langsam wie möglich verkaufte. das Wiederverkaubange Furcht. Nach und nach wurde sie immer freier und kühner. der hatte die Zeichen der Zeit verstanden. in ihrer Nähe. das alles und nahm ihre ganze AufmerksamAnspruch. lassen ein bis zwei Prozent Monate liegen und können sie mit achtzig Gewinn verkaufen. was er bekommen konnte. Fräulein.« Rafo kaufte tatsächlich. von Zeitungsnachrichten. der ihr erschien. sah sie bloß in einem Traum. Sie und neu kaufen heute Ziegel. schwere Kampf. von den ersten kriegerischen Zusammenstößen. Dieses Abpassen der Geschäfte. irgendwie mächtig »Alles. der lange. in dem man Friedhof. wobei sie ängstlich Rafo anschaute. in Sarajevo selbst. Man lebte schnell und üppig und litt offen und im ver121 . bescheiden und unmerklich. der machte Geschäfte und würde allen Veränderungen mit schwacher die Stirn bieten können. auch hier vor ihren Augen. unmittelbar neben in Ihm folgte in einigen kleineren Geschäften.

Allerorts verhaftete man Serben und führte sie in provisorische Gefängnisse ab. durch ihre Willensstärke ins Unterbewußtsein zurückgedrängt. Es war ein Getümmel und ein Singen ohne wahre Freude. Schnaps und Tabak. die gar nicht aufhören wollten. und die Menschen hatschwitzten in den grauen ten den Wunsch. kam schließlich auch dem Fräulein zu Ohren. was Menschen den Inhalt und den Sinn als des Lebens ausmachte. es gab Geschrei und Geschimpfe. sondern auch angesehene Kaufleute und friedliche Staatsbeamte. sondern gewaltsam. denn auch die Häuser ihrer nächsten Verwandten blieben nicht verschont. Die Stadt steckte voller Reservisten. Zugleich hatte man über große Mängel und Leiden zu klagen. Besonders erzürnten sie die Nachrich- ten von der Verhaftung und Verfolgung der Serben.borgenen. Die einen trugen noch ihre Bauerntracht. sah sie in ihrem ruhigen Leben und ihrer regelmäßigen Arbeit lediglich Hindernis an. Alles. und vom Weinen waren ihr die Lider gerötet und der Mund geschwollen. In allem herrschte ungesunde Verschwendung. die anderen und blauen Uniformen und den neuen Soldatenschuhen. es war wie eine Seuche. Man sah zertretenes Obst und Melonenschalen. Das geschah nicht nach Recht oder nach einem ergründbaren Gesetz. warf aus ihren geschäftlichen Gedanken und für andere verlor sich wieder. aus manchen waren alle erwachsenen Männer abgeführt 122 . Alles. Auch ihre Mutter sprach ständig davon. was die Welt ängstigte und in Sorgen versetzte. Selbst zu Hause blieb sie davon nicht verschont. blind und auf gut Glück. und zwar jetzt nicht nur junge Leute und Studenten. zu vergessen. brachte sie sie für einen Augenblick in Verwirrung.

denn das Erzählen war ihr ein schmerzliches und unwiderstehliches Bedürfnis. Und ich habe mir den Schmerz verbis- >und habe versucht. eine heimliche Scham. ihm zuzulächeln. Die Mutter ging zu ihnen. »Ach. die anderen und rücksichtsvoll. sie zu unterbrechen. Mutter. daß ihr die Feinde den Sohn wegführen und sie ihm jetzt im Alter nachtrauern muß. aber irgenddruß zu. kehrte gebrochen gräbnis um ihr Beileid ausWie sich — wie von einem Bebe- — zurück und erzählte Einzelheiten. zurück und konnte lange nicht zu sich kommen. was der Verhaftete mitgenommen und was er beim Abtransport ins Gefängnis geäußert. Und die Alte flüsterte weiter unter Tränen und konnte kein Ende finden. 123 . während die Worte und Tränen nur so heraussprudelten. Ach. >Ich habe ihn<.' sen<.worden. warum hat sie erle- ben müssen (Gott schütze einzigen sie!). die einen frech die Polizisten bei der Haussuchung und Verhaftung nommen höflich und roh. ich bin im Recht. sagte sie. schieht nichts. hat er sich umgedreht und gesagt: Weine nicht. eine dumme Schüchternheit hinderte sie daran. So kehrte sie zum Beispiel von einem Besuch bei ihrer Nachbarin Lepsa. zusprechen. die Arme! Sie hat mir erzählt. wie alles war. der Witwe Luka Pavlovic'. damit sich die Feinde nicht freuen. die beklagenswerte Lepsa. sagte sie >bis zur Hoftür und als er an der Tür war. und laufe nicht von Haus zu Haus. sondern saß angekleidet da. . Das Fräulein hörte der Mutter mit Unmut und Übersie wünschte. daß sie verstummte oder wenigstens den Gesprächsgegenstand wechselte. hatten. um jemand zu bitten. was sie gesagt und was die Verwandten ihnen geantwortet hatten. und mir gebegleitet.

damit

er

mich so in Erinnerung behält;
nicht. Als sie

ich schaute

ihn

an und sah ihn
Schwelle, lächle

ihn schon hinausgeführt

hatten, schien es mir, als stehe er noch

immer

auf der

und

sage etwas zu mir.<«
fort, so

Das Fräulein stand ungeduldig auf und ging
als hätte sie

etwas Geschäftliches zu erledigen.
ihr diese

Von Tag

zu Tag wurden

Erzählungen

vom

Leiden und

Heldentum verhaßter; alles erschien ihr übertrieben, unnütz und schädlich, aber sie hatte nicht den Mut, es offen zu sagen. Das kam selten bei ihr vor. In allen anderen Dingen ließ sie ihrer Mutter gegenüber jede Rücksicht vermissen, doch in diesem Falle wagte sie es, ebenso wie seinerzeit in der Geschichte mit den Bettlern, nicht, ihr offen

zu widersprechen. Sie gab

sich

nicht zu Hause zu sein, wenn Frauen zu Besuch kamen, in deren Familie jemand verhaftet war, denn dann nahmen diese von Weinen und Seufzern erfüll-

Mühe,

ten Gespräche, die

sie

persönlich für zeitraubend

und

unwürdig hielt und

die in ihr sonderbare

und gemischte

Gefühle der Verachtung, des Überdrusses und der
Schuld hervorriefen, überhaupt kein Ende. Sie haßte

Gerede« nannte, aufrichtig; noch den Kaffee und den Likör, die dabei regelmäßig aufgetragen wurden; am meisten aber haßte
das,
sie »leeres
sie

was

mehr haßte

sie die leidenschaftlichen

und

feierlichen Gefühlser-

güsse,

an denen

sie nicht

teilhaben konnte.

In diesen Ausnahmefällen war es unmöglich, die Be-

suche zu verhindern und den Menschen den Zutritt zu

verwehren. Auch fand das Fräulein nicht die Kraft dazu, besonders da es sich

um

Frauen aus der nächsten

Verwandtschaft handelte.

Häufig
124

kam Divna zu

ihnen, ihre nahe Verwandte

und

Altersgenossin, die junge Frau des bekannten

Arztes Josifovic; ihren

Mann und ihren Schwager hatte war schon immer mager gewesen, aber in diesen wenigen Wochen war sie ganz zusammengeschrumpft und verdorrt. In schwarzem Kleid, denn sie trauerte noch um ihre Mutter, mit schwarzem schwerem, ungepflegtem Haar über den großen, entzünman
verhaftet. Sie

Augen bewegte sie sich wie eine Gestalt aus einer Tragödie. Wie eine Blinde begrüßte sie Rajka und setzte
deten
sich
viel,

neben

die Mutter, sprach jedoch auch

mit ihr nicht
sie

bloß ihre Tränen flössen unaufhörlich;

wischte

sie

nicht ab, sondern
Seite.

Kopf zur
liche

wandte nur von Zeit zu Zeit den Rajkas Mutter suchte sie auf jede mög-

lein

Weise zu trösten und zu beruhigen, und das Fräuärgerte sich, daß sie weder ein Wort noch ein
als

Lächeln finden konnte.

Divna fort war, brachte sie nur ein paar trockene Worte hervor und bemühte sich, das Gespräch in andere Bahnen zu lenken. »Nie habe ich gesehen, daß jemand soviel Tränen
Aber auch
vergießt«, sagte sie

kühl und plump.

»Ach, mein Kind, sie weint um zwei: um ihren Mann und ihren Schwager, und was für einen Schwager.« Und das Fräulein war verlegen und brachte kein Wort mehr heraus, so als würde das Gespräch in einer

fremden Sprache geführt.

Kaum war Divna gegangen, so kam Tante Gospava. Wieder wurde Kaffee gekocht, und wieder begann das Gespräch von Verhaftungen und Leiden. Nur war Tante Gospava das genaue Gegenteil Divnas. Kräftig und betulich, wie sie war, weinte und klagte sie nicht, dafür sprach sie, sprach laut und rüd<.sichtslos. Schon am cr125

sten

Tag nach dem Attentat war

ihr

Sohn verhaftet
sich

worden, der in Prag Medizin studiert und

durch

seine Arbeit in der revolutionären nationahstischen

Jugend hervorgetan hatte. Bald darauf wurde ihr Mann,

Amtes enthoben, und bedeutungsloser Mann war, der ganz zurückgezogen lebte. Jetzt saß er mehr tot als lebendig zu Hause und vermochte nicht zu begreifen, wie ihm das geschehen konnte, da er sich »niemals
ein höherer Staatsbeamter, seines

obwohl

er ein sehr ruhiger

in etwas eingelassen« hatte.

Tante Gospava war mutig
sie

bis zur

Unbesonnenheit;

hatte,

war stolz darauf, daß man ihren Sohn eingesperrt und jedem, der es hören wollte, sagte sie, daß
ist,

»das serbische Volk kein Fladen

den einer
sitze

zum
und,

Frühstück verschlingt«. Sie klagte über ihren Mann, daß
er

kleinmütig

sei,

daß

er ständig

zu Hause

wenn

er es schon wage, auf die Straße
einer, der

zu gehen, den

Kopf ducke wie
»Also, heute

etwas verbrochen habe.

morgen

sage ich zu ihm:

>Was

sitzt

du

wie eine Frau zu Hause? Geh unter die Leute! Nur geh mir, ich bitte dich, nicht mit diesem Gesicht auf die
Straße!

Wenn

dich der Pöbel so blaß
fürchtest, weil

und

traurig sieht,
bist,

merkt

er,

daß du dich

du ein Serbe

und es ergeht dir schlecht. Trag vielmehr den Kopf hoch, mach ein heiteres Gesicht und geh frei zwischen dem
Gesindel hindurch !<«

Tante Gospava fuhr in ihrer hastigen, scharfen Rede fort, ohne die österreichischen Behörden und die lauen Serben zu schonen. Das Fräulein jedoch fand
irgendeinen Grund, in die Stadt zu gehen. Tante Gos-

Und

pava wandte
sie

sich übrigens

niemals an

sie

und

hatte für

kein Wort und keinen Blick übrig, aber
126

man fühlte,

daß jedes Gespräch zwischen ihnen unangenehm enden
müßte. (»Der Teufel hat von ihrer Seele Besitz ergriffen«, sagte Tante Gospava, wenn von Rajka und ihren
Geschäften die Rede war.)

So etwas Unangenehmes konnte einem auch auf der

Wie zerstreut der Mensch auch sein mag, wie sehr seine Gedanken auch von Geschäften beStraße widerfahren.

ansprucht und die Augen auf die Erde geheftet sind, er kann nicht umhin, irgendeinen von denen zu sehen, die an ihm vorübergehen oder durch die Straße geführt werden. Wenn du ihn nicht siehst, sieht er dich. So ging es auch dem Fräulein. Kaum war sie aus dem Hause getreten, hatte die Brücke überschritten und auf dem
breiten Kai den

Weg zum

Stadtinnern eingeschlagen,

da bog eine Gruppe von etwa zehn Menschen
Straßenecke; ein

um

die

Gendarm und zwei

Reservisten in

neuen Uniformen begleiteten sie. Das Fräulein beschleunigte den Schritt und wandte den Kopf zur Seite, um nicht unter den Verhafteten einen Bekannten zu entdecken. Der kleine Zug war schon an ihr vorbei, da
erscholl plötzlich aus der letzten

Reihe eine jungen-

haft fröhliche Stimme:

»Grüß

dich, Rajka!«

Sie schielte

hin und sah, daß

es ihr

Verwandter Kon-

stantin Josifovic war, der sie anrief: ein langbeiniger,

blonder Student der Technik, mit einer Stupsnase, barhäuptig, mit offenem

Hemd

über

dem braungebrannMann, dessen

ten Hals. Er war ein spottlustiger junger
sie sich

gut aus der Zeit erinnerte, da er noch ins

Gym-

nasium ging und als bester Sportler und ausgezeichneter Mathematiker bekannt war. Sie erbliclcte nur sein
lächelndes Gesicht

und ging

schnell in der anderen

121

Richtung davon. Aber hinter ihr erscholl es noch einmal, ironisch

und lachend:
grüß dich!«
jetzt das

»Grüß
>Solche
Schritt

dich,

Dinge vergällen einem
Tritt
<

Leben auf

und

und hindern

einen, seinen Geschäften

nachzugehen. So dachte das Fräulein, und zur gleichen
Zeit,

unabhängig von jedem ihrer Gedanken, kroch ihr Angst vor der Behörde über den Rücken, die

die kalte

Angst vor Strafe, vor einer eigenen unbegreiflichen Mittäterschaft an unbegreiflichen, strafbaren Handlungen.
Voller Haß dachte sie an diesen Konstantin, »der niemals
ernst war«,

an die Familie

Josifovic, ihre

Verwandten,
Zuchthaus

die sich

anscheinend gelobt hatten,

alle ins

kommen und auch die anderen hineinzureißen, und an all diese Verhaftungen und Leiden ringsum, die von den einen mit Tränen, von den anderen mit einem Lächeln quittiert wurden. Sie senkte den Kopf und bog rasch in die erste Straße links ein, entschlossen, niemand zu sehen und zu hören, niemandes Ruf zu folgen und sich nicht von Leuten und Ereignissen das Leben vergällen und die Geschäfte stören zu lassen, von Leuten und Dingen, mit denen sie nichts gemein hatte und nichts gemein haben wollte.
zu

Aber
als

es ist leichter,

einen solchen Entschluß zu fassen
sie

ihn zu verwirklichen. Bei jedem Schritt stieß

auf

Verhaftungen von Landsleuten, Bekannten und Ver-

wandten und auf Tränen und Gespräche, die sie begleiteten, sie aber wehrte sich gegen sie und gegen jede Berührung mit ihnen. Zuerst flüchtete sie und versteckte sich, bemühte sich, unangenehmen und gefährlichen Begegnungen und Gesprächen auszuweichen, oder begegnete ihnen mit gleichgültigem Schweigen. Als das
128

den anderen zum Vorbild. all das nicht teuer war und daß Gleichzeitig verzweigten sich ihre Geschäfte und und wuchsen. Als der Staat die erste Kriegsanleihe ausschrieb. hängte sie an ihrem Hause aus und kaufte Photographien ihrer Herrscher und Heerführer. daß es auffiel. die in staatlichen Ämtern saßen oder mit kriegswichti- gen Arbeiten betraut waren. Die Zeitung »Hrvatski Dnevnik« benutzte die Gelegenheit.nichts fruchtete. daß es ne- ben der verirrten und verführten serbischen Intelligenz auch solche »loyalen Mitbürger griechisch-orthodoxen Glaubens« gebe. daß das Fräulein sogleich auf sehr geschickte Weise alle Verpflichtungen der gezeichneten Anleihe abschüttelte. und lehnte mit den nächsten Verwandten zu ver- kehren oder ihnen zu helfen. Nirgends stand jedoch geschrieben. im Herbst 19 14 Sara- wurde die Evakuierung dieser befestigten Stadt angeordnet und die Mehrheit der städtischen Bevölkerung ins Innere des Landes geschickt. stets darum bemüht. Nur jene. Die Lo- hob ihren Namen besonders hervor. und das unter sehr günstigen Bedingungen. konnten in der Stadt verbleiben. da man ohne Maß gelebt 129 . ihre Loyalität öffentlich zu zeigen. trat sie offen dagegen auf es sogar grob ab. Es gelang dem Fräulein. Als sich die serbischen Truppen jevo näherten. zu unterstreichen. Auch sonst nahm sie jede Gelegenheit wahr. zeichnete das Fräulein eine auffallend hohe kalpresse Summe. mit der Mutter in Sara- jevo zu bleiben. Sie verschaffte sich die Fähnchen und verschiedenen Embleme der Mittelmächte. Die ersten Monate der Verwirrung und der großen Bewegungen.

die sich bloß auf einige Stunden zu einem nebligen Halbtag aufhellte. Gramumwölkt und kalt sah dieser November aus. hatte den anderen vieles voraus. waren vorbei. Und als sein Jahrgang an die Reihe kam. Wer das zuerst erfaßte. Das Jahr 191 5 war schon weit vorgeschritten. Die übergroße Mehrzahl der serbischen Kaufleute war schon früher vom Markt verschwunden. hat und Un- der Winteranfang stets etwas Quälendes freundliches. vor fürchtete denen sich jeder armen Leute wie das Getreide unter der Sense zitterten. Das ganze Wirtschaftsleben begann sich den neuen Umständen anzupassen. Einer dieser ersten war Raf o Konf orti. die auch das Fräulein. jetzt zogen die Einberufungen auch die Kaufleute der übrigen Konfessionen und Nationalitäten ab. er bestand fast aus einer einzigen Nacht. Seine bekamen den Umfang von Millionenlieferungen. war er doppelt so schwer. wie das einige in den ersten Tagen geglaubt hatten. auch nicht so lustig. und es wurde jedem klar. und er brachte soviel Feuchtigkeit wie ein ganzer Winter. Allmählich schüttelte er alle Geschäfte ab. Jetzt. mehr als fünfhundert Me- ter über dem Meere und am Fuße hoher Berge liegt. Konforti hatte eine schwache Konkurrenz Geschäfte und freie Hand. In seinem Schatten arbeitete und verdiente In dieser Gebirgsstadt. wurde er als »unentbehrlich« ständig vom Militärdienst befreit.ohne Berechnung verschwendet hatte. die nicht unmittelbar mit den Erfordernissen des Heeres und der Kriegführung zu- sammenhingen. zu Beginn des zweiten Kriegsjahres. daß der Krieg nicht leicht und kurz sein würde. Die Stadt war zur Hälfte ausge- und die 130 . Es ging einer jener beschwer- lichen Kriegsnovember ins Land.

vor allem über den Menschen. warf er Maske ab und zeigte in diesen grauen Tagen sein wahres Gesicht. über denen. deren Ende man nicht absah. In den grauen. dafür wimmelte es in den Straßen von Soldaten aller Waffengattungen. alle menschlichen und Unternehmen eingedrungen. Die Kriegsschauplätze in Ga- lizien und in der Ukraine verschlangen die bosnischen Regimenter. getragen Auch jene. jener Zerstörungstaumel. ließen nun den Kopf hängen immer und und waren kleiner geworden. 131 . stummes. die etwas hatten. der schöpferischer Begeisterung so ähnlich sieht. selbst grau Novem- und sdiweigend. Das war nicht mehr jene trunkene MasGeschäfte seine senbewegung. auch über den toten Dingen. und Scharen von russischen und serbischen Kriegsgefangenen oder einheimischen Häft- lingen und Geiseln zogen vorüber. und die Leute. wie über denen. sahen darin schon die Vorläufer von Elend und Hungersnot. die litten. beredtes Zeichen Kaum war der Krieg in alle Häuser. Das Bajonett blinkte als ein über allen Köpfen der Zeit. von den Trieben trat des Hasses und der Wut. die einst frohlockt hatten. Mit diesem Winter verbreitete sich der Krieg ins zweite Jahr und mehr wie eine Epidemie. wöhnt und zu die an Einschränkungen noch niclit ge- verständiger Einteilung unfähig waren. und was lebte. Ein Jahrgang nach dem anderen wurde aufgerufen zum Militär eingezogen. Sorge lag über denen. kurzen Tagen dieses Monats ber schritt das Fräulein. wie auch über denen. die nodi nicht an der Reihe waren.siedelt. sondern Elend Fluch. die nichts hatten. Es zeigten sich Mangel und Entbehrung. die über allem lagen.

unklare Massen. noch derer. sah aus. nie hatte leichter man auf diesen Wegen rascher und vorankommen können als jetzt. Für das Fräulein war überhaupt alles. Abgesehen von ihrem Äußeren. Das alles blieb abseits. Geld und Vermögen verlangte. sondern daß sie Opfer an Blut. die ihrer serbischen Herkunft oder Überzeugungen wegen vom ersten Tag an Verfolgungen jeder Art ausgesetzt waren. hatte das Fräulein nichts mit der schweren Zeit und der leidenden Stadt gemeinsam. Ihre schlanke. was hier und in der weiten Welt geschah. war wie dunkle. bis oben zugeknöpften Mantel und dem schwarzen Hut. die großen Schlachten im Osten und Westen Europas waren für sie nur große Schlagzeilen auf der ersten Seite der Tageszeitungen. Überhaupt nahm sie nicht diesem einmal in Gedanken an Anteil. fremd. zwischen denen sie kühl und vorsichtig Lichtungen suchte und Wege für ihre Interessen fand. sie hingegen frei und ungehindert schaffen konnte. einen offenen 132 Weg vor .durch die Straßen von Sarajevo. Die politischen Konflikte und Umwälzungen von allgemeiner Bedeutung. fern und unwirklich. Und nie hatte es so viele Lichtungen gegeben. daß diese Loyalität nicht nur mit stürmischen Erklärungen und Kundge- bungen bezahlt wurde. eckige Gestah in dem schwarzen. die offen oder stillschweigend auf der Seite der Staatsgewalt stan- den und jetzt einsehen mußten. der eine männliche Form hatte. das übrigens seit eh und je so war. da die meisten Menschen von den Ereignissen in Anspruch genommen und in sich gekehrt waren. dem Schicksal der Mitbürger weder derer. als sei sie seit je für solche Tage und Zei- ten geschaffen. Aber der äußere Anblick verführte in Fall zu einem Trugschluß.

wie in den Häusern immer weniger von Genuß. großen Geschäft ohne sichtbares und bestimmtes Ende. Glanz und Lachen zu spüren war. in der sich nie- mand niemand ausgab und verschwendete. Mit bösem. wie alles in diesem Mangel wie in einer Art gewaltsamer Sparsamkeit versank. ohne nach links und rechts zu schauen. könnte man sagen. lebte und bewegte sie sich wie in ihrem Element.sich hatte und über gute Beziehungen und die besten Voraussetzungen verfügte. wie Stadt und Menschen stumm und grau wurden und sich immer mehr nach ihren Wünschen und ihrem Geschmack entwickelten. wie sie im November durch die Straßen ging. der sich blind durch die Finsternis es und Stille der weichen Erde gräbt. ohne zu fragen. Das Fräulein folgte nur und großen Interessen und Geschäften. wie und warum es dazu gekommen war. konnte das Fräulein nicht stören. Wenn das Wort Glück in ihrem Leben ihren kleinen irgendeine Bedeutung gehabt hätte. erfüllt vom Glück eines Maulwurfs. wie lange es dauern und wie es enden würde. Und alles. mied sie wie etwas Verhaßtes und Unfreute. und sie tat es genauso scharf und entschlossen. grauen Atmosphäre. Gefahr In dieser öden. wie allmählich aus den Cafes und Straßen alle Fröhlichkeit verschwand. Auch die allgemeine Verknappung. was sie aus dieser öden Fastenstille reißen konnte. woher das alles kam. daß sie in diesen Tagen vollkommen glücklich war. heimlichem Vergnügen beobachtete sie. 133 . in der genug Nahrung und kein Hindernis und keine gibt. das Fräulein aber verdiente und sparte wie bei einem umfassenden. die rasch und in immer mehr Familien in ein richtiges Elend überging.

fester Stimme. fand sie Veso nicht an seinem gewöhnUchen Platz. »Was denn. »Laß das. der mit zusammengebissenen Zähnen dastand und seine Aufregung bisher nur durch seinen kurzen. zwischen der Kasse und einem alten Schrank. ohne zu sprechen oder sich zu ist bewegen. und das nigsten wünschte Mann lautlos und still vor sich hin weinte. Österreichern und Bulgaren angegriffen. daß das serbische Heer vernichtet sei und daß es sich. hier. daß auch du . Veso. daß der kleine Schon wieder Tränen. schweren plötzlich Atem verraten hatte. warum weinst du?« fragte das Fräu- lein ungeduldig. was mit dir?« fragte sie mit trockener. in unwegsames Gebirgsgelände zurückziehe und das ganze Material. Trotz der schwachen Beleuchtung sah sie. sagte seiner voller Erbitterung mit metallenen Stimme: »Wie 134 soll ich nicht weinen! Wollte Gott. stand in großen Lettern auf der ersten Seite eines Blattes. aus dem Norden und Südosten von Deutschen.« Der kleine Mann. auch Verwundete und Kranke. sich das nicht immer ver- Als sie an einem dieser dämmerigen Novembertage den Laden im VeHki Curciluk betrat. wo sie es am weist »Veso. Dennoch Heß meiden. Der Mann weinte fort. sondern im entferntesten Winkel. gen vor Veso zeigte bloß mit der Hand auf die Abendzeitunsich. vom Weinen kann man nicht leben.angenehmes. zurücklasse. Darin stand mit großen Buchstaben die Meldung. »Die serbische Armee existiert nicht mehr«.

« »Weine. wenn nicht jemand 135 . Die Augen auswei- nen wäre zu wenig. indem er sie von der Seite. würdest auch du nicht weinen.« Weiß Gott. gefährliche Reden führte und jede Rücksicht außer acht ließ. antwortete der kleine Mann bitter und verächtlich.« »Das ist meine Sache. ber. Aber auch wenn es das wäre. das Tränen vergoß. Und heute ist es mir lie- daß du mir weine. sagst. daß du um niemand Tränen vergießt. hier in ihrem Laden kräftige. in das Leute kommen und wo dich jeder sehen kann. verstehst du?« »Hab keine Angst. wenn jedes serbische Auge weint. Zornig und scharf antwortete sie ihm: »Wenn dir zum Weinen zumute ist. und ich schäme mich dessen nicht. nicht du weinst. doch gewissermaßen wie von oben ansah.« Sie fühlte. wie wütend dieses Bäuerlein war.weintest. aber ich will nicht in Verdacht kommen und mit der Polizei zu tun haben. wenn ich könnte. sondern ich. hab keine Angst«. wie lange dieser verhaltene Streit in dunklen Winkel des Ladens gedauert hätte und was sie einander noch alles gesagt hätten. Dir wird nichts geschehen. wo du willst.« »Ich weine. Von dir weiß man. Ich will nicht. geh nach Hause und weine dich aus. ich sei schwach und ich hier als daß ich eine dumm. »Weinen ist nicht verboten. wohin dein Verstand dich bringt. Aber wenn du Verstand hättest. weil Ausnahme und ein Abdem trünniger wäre wie andere. Wir alle müßten weinen. Aber wir werden sehen. aber nicht hier im Geschäft.« »Ich würde auch mitten auf dem Markt weinen.

wenn auch in mit den Gesetzen der Gesellschaft. Diese Veränderungen waren so plötzlich und so greifend. denn jeder von ihnen handelte. Schon Ende 19 14 hatte spräch Gazda Rafo stieg plötzlich auf. Allein in der ganzen Kette von Szenen und Gestalten sie Uch und auf beiden Seiten so unverhohlen. war der Übereinstimmung er in den Augen tief- Umgebung nicht kleiner. die bislang zwischen ihr und Veso bestanden hatte. wann diese Änderungen eintraten und wie sie sich entwickelten. ragte die Gestalt Rafo Konfortis hervor. wie sich der Mensch änderte. sparsam in der Rede und langsam in den Bewegungen. und mit der Zeit änderte er sich immer mehr. aber entgegen den phy- sikalischen Gesetzen. Sie hätte selbst nicht sagen können. nahm noch zu. Zuerst kam der Aufstieg. sie war jedoch so natür- von beiden nicht als besondere Last empfunden wurde.von der Straße hereingekommen wäre und brochen hätte. Er sprach liebens- würdig und aufmerksam zu ihr. daß aus dieser Zeit. daß das Fräulein nicht einmal die Erinnerung an jenen Konforti aus der Vorkriegszeit beschwören konnte. aber sie sah klar und fühlte deutlich. ruhig und sicher in ganzen Haltung. wie er mußte und konnte. er sich in der Arbeit. aber irgendwie erschien 136 . im Geund im Benehmen gewandelt. aber im großen und ganzen tatsächlich immer un- verständlich geblieben waren. sondern größer geworden. sie unter- Die Spannung. Der seiner Mann wurde behäbig. die ihr auch heute in allen Einzelheiten klar. Nirgends eine Spur von den gierig umherschauenden Augen und den zitternden Händen. nirgends etwas von jenem Schluchzen und den ' kräftigen Schwüren in seiner Rede.

ebenso wie sein langgestreckter Laden in der Ferhadijastraße bloß einer von vielen Lagerplätzen für sein Handelsgut geworden war. Doch wenn von derartigen Reisen zurückkehrte. Im Sommer 191 6 reiste er mit seiner Frau nach Karlsbad und kehrte von dort noch stiller und feiner und irgendwie gebleicht und gereinigt zurück. Aber bevor sie überhaupt etwas begreifen er konnte. hörte und dächte er gleichzeitig etwas anderes. Und sie wunderte sich. Sie beobachtete alles. wenn er nicht ge- schäftlicher Kontakte und Konferenzen wegen nach Wien. als könnte er seinem Gesprächspartner alles schenken. und doch sah und verstand sie nicht viel. der zum Sonnenuntergang ganz 137 . kam der Frühling des Jahres 1917. bemerkte auch die ersten Anzei- chen seines Niedergangs. Konforti selbst saß in den ganz neuen. nur nicht seine Aufmerksamkeit. Seine ehemali- gen Geschäftsverbindungen und seine kleinen Wuchergeschäfte lagen weit hinter ihm. fremd und zerstreut. aß und keine einzige was sie brauchte. vom Tagesanbruch bis An einem Märztag. kam er dem Fräulein immer ferner und zerstreuter vor. kam der Fall. ein langer.er ihr fern. was viel wichtiger war. als sähe. wie jene erste Million entstand und wie auf sie auch die anderen rasch folgten. Dort hielt er sich auf. Ebensowenig. auf welche Weise zum sie Aufstieg Gazda Rafos gekommen Es war. daß dies alles auch nicht annähernd ihrem Traum von der Million entsprach. in dem sich in satt Bosnien von hundert Familien nur eine einzige alles hatte. Mit ihren Augen beobachtete das Fräulein. wie es sie gesehen hatte. Prag und Budapest unterwegs war. schwerer Frühling. hellen der Textil Räumen AG.

es ge- wie Sie wünschen. bis geendet hatte. gut. Fräulein. Mit sichtlicher Anstrengung hörte was sie hatte. tungen möglichst teln. seinem Sitz auf. ein hungriges Volk. um die sich blaugelbe Ringe ausbreiteten. mit zurückgelehntem Kopf und geschlossenen Augen. denn eine bedeutende sie wollte auch diesmal Summe rasch. alles wäre Aber das Volk muß essen! Mit der Kleidung ist es leicht. das bringen wir leicht in schieht. man kann sie flicken und wenden. aber ohne Mittagessen kann man nicht leben. »empfing« Konforti das Fräulein zu einer kurzen Aussprache. sprang er auf: »Gut. Sie kam. begann durch das Zimmer zu gehen und sagte laut. ohne Verbindung zum Vorhergehenden: Ordnung bringen. um ihn um Rat zu fragen und seine Hilfe im Zusammenhang mit der vierten Kriegsanleihe zu erbitten. die in diesen Ta- gen aufgelegt worden war. zeichnen und diese Verpflichohne großen Verlust abschütEr saß doch das wurde jetzt Sie hatte ihn einen immer schwieriger.blaß und hungrig wirkte. Seine aufgeregte Sprechweise und seine schnellen Bewegungen standen im Gegensatz zu seinem 138 jetzigen . das nicht Krieg führen ist das Schlimmste. in einem schweren Sessel. alles ließe sich in leicht. Fräulein. Ordnung. »Ach.« Dann aber breitete er die Arme aus. er fuhr zusammen und richtete sich auf er an. Monat lang nicht gesehen. ist Da gibt es keine Arbeit und kein Leben. Gut. es kann und nicht ruhig bleiben. Das der Untergang!« Das Fräulein hörte ihm zu und begleitete ihn mit ihren Augen von einem Ende des Zimmers zum anderen. Ohne abzusie warten. Sehen Sie. ihm von dem kleinen Geschäft zu erzählen dessentwegen sie gekommen war.

dessen Grenzen man aber nicht sehen konnte. in ihre tieferen Ursachen eindringen. Sie konnte sie nicht miteinander verbinden. daß sei. Und nun etwas sagen müßte. Rajka. Sie konnte den unerwarteten Unmutsausbruch nicht verstehen und vermochte auch nicht einzusehen^ was sie. Niemals hatte fragte sie sich. ob auch sie daran gedacht. verabschiedete sich vom Fräulein zuvor. der Unzufrieden- und des Verfalls an den Menschen. Von diesem Tage an begann auch heit chen des Hungers. stige als lugte plötzlich unter der würdevollen Maske des Großkapitalisten der einRafo Konforti aus der Ferhadijastraße hervor. einem hungrigen Menschen! Willst du ihm die Seele nehmen? Das fruchtet nichts. aber Konforti erwartete nicht. so als riefe er jemandem in der Ferne etwas zu: »Der Verstand sagt muß und dann alles daß das Volk zuerst essen übrige kommt. Und es gab mehr solcher Anzeichen. Und das brachte sie auf den Gedanken. auch der Krieg bloß ein großes Geschäft ein Unter- nehmen. schritt weiterhin im Zimmer hin und her und sprach voller Erbitterung.Aussehen und Benehmen. sie und ihre Arbeit mit der Frage zu tun satt haben soll- ob das Volk oder hungrig war. der Entbehrung. in den Ämtern und Läden aufmerksamer zu verfolgen und besser zu beobachten. aber sie bemerkte sie überall. und wurde wieder so ruhig und zerstreut wie Doch von diesem Tage an betrachtete ihn das sie selbst die Zei- Fräulein mit anderen Augen.« Er ging noch einige Zeit so auf und ab. dann blieb er plötzlich stehen. ten. faßte sich. als sie wünschte. daß sie sich an seinem Gespräch beteiligte. Was willst du von dir. das — wie jedes Geschäft — seine Buchführung und sei139 .

denen es sich der Militärpflicht zu entziehen. guten Jahre nicht wiederkehren würden. sie unterhielten sich lange und leise mit ihm. doch unzweifelhaften Zei- chen sah sie jetzt klar das Mißtrauen und den Unmut. die sie für immer beseitigt gedie Sinne der ges erfüllt waren. die versteckt und offen blühten. Zu Veso kamen gelungen war. schweren. sobald jedoch und unaufrichtig. sondern früher. stockte das Gespräch. Es waren Zeiten. daß die Dinge ringsum wieder in Fluß gerieten und sich zu verändern begannen und diese beiden für die ganze Welt stürmischen. da glaubt hatte. Es wurde ihr immer klarer. daß das Ende dessen nahte und sich unerwartet und unaufhaltsam das alte Leben und all seine Wirren zeigten. oder es wirkte gezwungen Zu ihrer Mutter kamen auch jetzt noch Verwandte zu Besuch. junge Leute ins Geschäft. die sein Ausgang für sie und ihre Interessen haben könnte. mit denen die Nächsten ihr begegneten. doch für sie ruhigen. Immer häufiger dachte sie über diesen Schluß des Krieges und über die Folgen nach. An kleinen. daß ihre »guten Zeiten« zu Ende gingen. da die Zeitungen ausschließlich von Schlachten schrieben und Menschen nur von den Sorgen des Krieniemand auf die wenigen Geschäftsleute und ihre Geschäfte achtete. Sie ver- 140 . Divna wirkte noch magerer und ihre Augen und härter als Die Trauerkleidung hatte sie abgelegt. deren Angehörige man verhaftet hatte. sprühten.nen Abschluß mit den unerbittlichen Folgen von Verlust und Gewinn hatte. das Fräulein an der Tür erschien. aber sie weinten nicht mehr still und hilflos wie einst vor sich hin. sie lächelten bedeutsam. nicht wiederkehren könnten. Aber jetzt sah und fühlte sie auf Schritt und Tritt.

beschlagnahmten das Eigentum der beiden Deserteure. die schon in den schwersten. aber das alles brachte sie nicht im geringsten aus ihrer steinernen sie fragte. Und die Zeichen häuften sich. Das Fräulein wich solclien Begegnungen aus. daß gestern »einige Fräuseien. antwortete »Dort. Jetzt dienten sie in der südslawischen Freiwilligendivision. aber sie sagte jedem. Nachdem sie die ersten Kriegsmonate in Arad gesessen hatten. sie: Ruhe.« Und wenn man wo ihr Schwager seien. mit einer inneren Unruhe. bilisiert wurden beide als Reserveoffiziere mo- und an die russische Front geschickt. Die MilitärPolizeibehörden verhafteten und und verhörten einige Zeit Divna und die übrigen Angehörigen. daß sie ruhig sei. Aber sie tat das jetzt mit dem Gefühl der Angst und des Unbehagens. noch bevor sie sich gesetzt hatte.goß keine Träne. denn habe ihr Kreuz in Zenica. 141 . Hier nah- men sie die erste Gelegenheit wahr und liefen fast am selben Tage zu den Russen über. ersten und rüdcsichtslos ihrer Meinung Ausdruck gegeben hatte. Mann und ihr wo sie hingehö- Tante Gospava. denn sie wisse. die sie früher nicht gekannt hatte. sprach jetzt ganz kühn und offen. wurden immer klarer und beredter. ihnen aber geantwortet habe. daß sie keinen Heller gebe. zu ihr gekommen sie um sie Geld für das Rote Kreuz zu sammeln. mit ihrer begann lein« sie. so gut sie konnte. Ihr Mann und ihr Schwager waren in Rußland. Ihr Sohn war zu sieben Jahren Kerker verurteilt worden und saß in Zenica. heiseren Stimme zu erzählen. daß er nicht mehr Kriegsjahren ziemlich scharf als die Hälfte der Strafe absitzen werde. Wenn sie kam. ren.

und halten Sie mich nicht für einen österreichischen Offizier. ein war ein junger Mili- Kroate aus Slawonien. doch gutmütiger. was das Fräulein ein wenig in ihrem Ärger über die Einquartie- rung über hing. ord- nungsliebend und verlangte keine Bedienung. aber er hatte eine in ihren Augen mißvor allem liche Eigenschaft: er liebte es. die Politik jedoch mied geradezu mit Abscheu und abergläubischer Angst. sie tröstete. So wurde ein Offizier auch im Hause der Familie Radakovic einquartiert. so daß man die Offiziere in Privathäusern unterbringen mußte. Er war ruhig. sich Politik. Dem Fräulein war jedes Gespräch. Das Fräulein war so über142 . kluger und einfacher Mensch. die ich zwangsweise trage.« Die alte Frau lächelte mit jenem stillen Lächeln. mit sich auf die Welt bringen. den das Fräulein beherbergen mußte. das bisher verschont geblieben war. zu unterhalten. Der Offizier. aber bitte schauen Sie nicht auf diese Uniform. wie es zu Kriegs- beginn. was ihr bosnischen Serben alles ertragen habt und noch ertragt. über alles. Roknic. wie dieser Jetzt hörte sie erschreckt. Frau Radakovic. Ich weiß. das die meisten Mitglieder der Familie Hadzi-Vasic in dem Augenblick. da sie zum erstenmal die Augen öffnen. das nicht mit ihren Geschäften zusammen- unangenehm und quälend. ein für seine Jahre zu korpulenter. 1914. Mann in der Uni- form losen eines österreichischen Leutnants mit seiner sorg- und einschmeichelnden slaw^onischen Aussprache sagte: zu ihrer Mutter »Es ist mir angenehm. daß zahlreiche Truppen nach Sarajevo gelegt wurden. der Fall gewesen war. tärarzt.Im Herbst 19 17 geschah es. daß ich in einem serbischen Hause Quartier bekommen habe. Sein Name war Dr.

Es ist gut für Menschheit und bedeutet Erlösung und Glück denn wir würden sonst von der Erd- oberfläche verschwinden. randlosen Brille. Und das ist gut so.« Front gesehen hatte. Denn heute sieht jeder vernünftige Mensch. Der Arzt betrachtete sie mit den blauen. um sich zu entfernen.und bestürzt. Der Arzt kam in seiner freien Zeit. begann das Fräulein die Stirn zu runzeln. 143 . von der Arbeit der serbischen Regierung auf Korfu und der des »Jugoslawischen Ausscliusses«. von der er jetzt kam. Sobald er das Gespräch auf den Krieg und die Politik lenkte. Sie ver- ihm zu widersprechen. Und der junge Arzt erzählte. daß sie und ihr Haus gar keine Beziehungen zu den politischen Kämpfen. die ganze für uns Südslawen. war. wenn ja. unruhig zu werden und eine geeigrascht nete Ausrede zu suchen. daß sie ihm plötzlich den Rücken kehrte und in ihr Zimmer ging. daß es nicht Ihre Ansicht ist. suchte auch. Er erzählte was er vom Stand der Dinge in der Welt wußte. und behauptete. Sie ihn verlieren müssen. ohne sich viel zu entschuldigen. haben es nicht nötig. vor mir so zu sprechen. Aber das war nur der Anfang. Ich bin überzeugt. klaren Augen hinter der großen. daß sie »Hören Sie. was er an der russischen wo er das ganze Jahr 191 5 gewesen und was an der italienischen. zu ihnen und fing in aller Ruhe und Natürlichkeit ein Gespräch über alles und jedes an. zu den Leiden der Serben und ähnlichen Dingen hätten und daß sie mit dem jetzigen Zustand und Leben zufrieden wären. Fräulein. alles. dann wären Sie bestimmt eine Ausnahme und auf einem ganz falschen Wege. daß die Mittelmächte diesen Krieg nicht gewinnen können.

daß des Krieges es ein schrecklicher Tag werringsum den müsse. gesprächige Arzt verließ nach vierzehn Tagen mit seiner Einheit Sarajevo. daß sie nicht darüber nachdenken und noch viel weniger darüber sprechen wollte. Sie glaubte. Sie ärgerte sich über den gesprächigen Arzt und verfluchte die Stunde. die früheren Stellungen wieder 144 . die weder gegen sich noch gegen an- dere etwas Gutes im Schilde führten. ten. aber das Fräulein mußte immer an den Schluß und Ausgang denken. daß sie es sich selbst eingeste- dem Kriegsende Angst hatte und sich wünschte. Und es gelang ihr Gedanken dann. ihre Anklagen und Rechnungen vorlegen und versuchen würden. und er zitierte Re- den der jugoslawischen nationalen Abgeordneten im Wiener Parlament.Er sprach vom Siege der Entente. Das war für das Fräulein etwas Neues und so Schreckliches. einzuschlafen. da man ihn ihr ins Haus geschickt hatte. Jetzt mußte vor sie auch darüber nachdenken und hen. möge nicht so aussehen. es darstellte. wenn sie weitere darüber entschlossen zurückgedrängt hatte. aus wenn diese künstliche Windstille unterbrochen würde und alle diese Leute von den Fronden Strafanstalten und Lagern nach Hause zurückkehren. als von der Niederlage einer vollendeten Deutschlands und Österreichs Tatsache und von der Vereinigung aller Südslawen als einer natürlichen Folge alles dessen. wie es der Arzt sich jetzt oft Vor dem Einschlafen mischte Gedanken über Geld und Geschäfte der bange Gedanke. der Zeitungsattacken und der langhaarigen Studenten in ihre kommen erst könnte. daß wirklich »alles zuschanden werden« und wiederum die Zeit des unruhigen öffentlichen Lebens. Der dicke.

besondere Opfer fordern und jedem schwere Verpflichtungen auferlegen würde. einen habgiestarke Ellbogen rigen Charakter. die gerade gefragt wurde. verbummelte Studenten — so daß die »eigentlichen Geschäftsleute« sich in . gesunde Beine hatte. Zugleich mit dem Krieg brannten und seine ganze Größe nieder. Jeder ließ sich in Geschäfte ein — Soldaten. nach Leder oder Textilien. schürte noch diese Gedanken und die verschiedenen Befürchtungen. was sie in ihrer Umgebung sah und hörte. nahm sich seinen Verdienstanteil an einem Waggon der Ware. Die Leute waren von dem langen Winter und der schwachen Nahrung übermüdet und erschöpft. und plötzlich. Rafo Konforti. und zog sich mit dem Verdienst zurück. was jetzt geschah. Kellner. Die Geschäfte hatten nichts mehr von dem. Überlegungen und bösen Voraussichten. wie das aussehen sollte. daß es große Störungen im Lebensablauf hervorrufen und von jedem.einzunehmen. Sie konnte sich nicht genau vorstellen. Priester. sie fühlte nur. Das Jahr 191 8 war erst recht schlimm. eine panische Flucht vor dem Papiergeld in und ein ständiges Versichern und Rückversichern und ewiger Unsicherheit. der Krieg schien verloren und endlos zugleich. um eine neue Gelegenheit abzupassen. Das. was sie einst gewesen. war die Verkörperung all der sdilim- men Veränderungen. auch von ihr. war ein tolles Spiel der Ziffern. den das Fräulein jetzt nidit mehr aus den Augen auch er ließ. diesem Wirrwarr weder zurechtfinden noch behaupten konnten. Wer Geld brauchte. ein wahnsinniger die qualvollen Wettlauf nach versteckten Lebensmitteln. Und alles. griff zu. Unsichtbar wie seine Geschäfte einst aufgescliossen wa145 .

stürzten sie zusammen und verwirrten sich.ren. daß nicht er den Gedanken. um seit wieviel magerer sie und zerstreuter er geworden war. Wenn er sie empfing. doch sichtbar schwand Gazda Rafos Gesundheit dahin. Wenn er nicht davon sprach. Immer häufiger konnte man in der Tagespresse lesen. verfiel er in ein düsteres Schweigen und blickte verloren auf einen Punkt vor sich hin. von dem Hunger und der Not der breiten Volksmassen und schweren Folgen zu sprechen. daß Rafo Konforti der Volksküche oder dem Waisenhaus ein Faß Schmalz oder einen Waggon Kohl geschenkt habe. bemerkte sie sofort. Seine Angestell- 146 . Genauso plötzlich. dessentwegen sie gekommen war. In der letzten Zeit begann er selbst Lebensmittel anzuschafl'en. ihn dazu zu bringen. ihn das letztemal gesehen hatte. nur um sie dem Volk zu einem ungewöhnlich niedrigen Preise zu verkaufen. Vor ihm sammelten sich die Leute in langen Schlangen und warteten darauf. Sein früherer Laden in der Ferhadijastraße lebte wieder auf. Es war offenkundig. wie von selbst geriet alles ins Schwanken und löste sich auf. Wovon immer sie ein Gespräch begannen. und immer weniger glich er jenem Rafo Konforti aus den »guten« Kriegs- jahren. Jetzt bedurfte es großer Anstrengungen. daß er sich zu einem sachlichen Gespräch über ein sachliches Geschäft aufraffte. sondern dieser ihn beherrschte und ihn ständig und unbarmherzig verfolgte und verzehrte. Man merkte. daß er ein unwiderstehliches Bedürfnis hatte. zu »Gazda-Rafo-Preisen« ein paar Lebensmittel zu erstehen. am Ende lenkte er es stets darauf. Immer sonderbarer waren die Zeichen^ die man jetzt an ihm bemerkte. die das für den Staat. die Wirtschaft und den einzelnen haben mußte.

ten verkauften die Nahrungsmittel kiloweise

und

drängten das unruhige, hungrige Volk nur mit
zurück, Konforti aber rief mehrere

Mühe

Male von seiner im Hause der Textil AG an und fragte, wieviel Leute dort seien und wie es mit der Verteilung stehe.
Kanzlei
Es kam vor, daß er die Geduld verlor, sein schönes, warmes Büro verließ und wie gehetzt hinlief, um sich selbst von allem zu überzeugen und den Rest der Lebensmittel umsonst an die Ärmsten zu verteilen. Das Fräulein begriff nicht, was mit Konforti geschah, aber sie sah, daß von ihm nichts mehr zu erwarten war,

weder Hilfe noch Ratschlag, noch ein vernünftiges Gespräch über Geschäfte. Nie zuvor hatte sie geglaubt, daß dieser kräftige, gewandte Mensch so den Kopf verlieren
könnte. Sie fühlte sich einsam

und

verlassen,

was
sie

ihr

bisher noch nie geschehen war. Triebhaft schaute
sich,

um
ein

und zum erstenmal
und
bei

in

ihrem Leben suchte

sie

lebendes Wesen, mit
raten

dem
sie

sie sich

aussprechen und be-

dem

Verständnis

und Halt finden

könnte.

war schlecht. Im Grunde blieb immer derselbe, bescheiden und ihrem Haus und Laden grenzenlos ergeben, aber ebenso unerbittlich und
Ihr Verhältnis zu Veso
er

offen in seiner kritischen Einstellung zu
ihrer

dem

Fräulein,

Haltung und ihrem Tun während des Krieges.
sich

Übrigens ergab

Veso in

letzter Zeit

ganz diesen Geser-

sprächen und Flüstereien mit jungen Leuten aus der
bischen Carsija. Sie stellte das mit Besorgnis

und tiefem
fra-

Mißtrauen
gen.

fest,

doch

sie

wagte

niclit,

ihn etwas zu

Zum

erstenmal war

sie sicli

bewußt, daß

sie sich

schwach und diesem kleinen
Sie hatte

Mann

unterlegen fühlte.
sei-

niemals viel von seinen Fähigkeiten und

147

nen Gedanken
voller

gehalten, jetzt aber spürte

sie,

daß

es

als sie, und Verwunderung sah sie, wie selbstbewußt und ruhig er durch den Laden schritt, während seine Augen leuchteten und sich auf dem blonden Kopf ein Büschel weiches Haar aufbäumte wie ein trotziger Hahnenkamm. Dieser Veso, der in ihrem Hause aufgewachsen

etwas gab, worin er größer und stärker war

war, stand jetzt vor ihr wie ein Fremder, nige Gefühl
Richter.

dem

alles in-

und

rechte Verständnis abging,

wie ein
seit Jah-

Ihren Paten, Gazda Mihailo, hatte
ren nicht

sie

schon

mehr gesehen,

es sei

denn

bei der Slava oder

zu Weihnachten.

Jetzt lag er

schon ein halbes Jahr mehr

tot als lebendig auf

dem Krankenbett und konnte wePajer.

der arbeiten noch Ratschläge erteilen.
Sie dachte

an Direktor

Während

der vergange-

nen
in

Kriegsjahre hatte das Fräulein seine Dienste nicht
Sie hatte

Anspruch zu nehmen brauchen.

ihn selten

gesehen und wenig mit ihm gesprochen, und so hatte
sie

gar nicht bemerkt, wie sie sich voneinander entfern-

ten

und

sich ein leerer

Raum zwischen ihnen auf tat.

Sie

suchte ihn wegen einiger Wertpapiere auf, die sie in der Union-Bank deponiert hatte, in Wirklichkeit aber wollte sie mit ihm von Geschäften und vom Geld überhaupt sprechen und von ihm hören, welche Veränderungen eintreten konnten und was man tun mußte,

wenn

es wirklich

dazu

kommen

sollte,

sterten,

wovon

jedoch

niemand mit
gleiche. Es

ihr klar

wovon alle flüund offen

sprach.

Pajer

war immer der

war schwer zu sagen,
seinem

was geschehen müßte, damit

er sich in

Umgang
änderte.

und

in seinem Verhältnis zu den

Menschen

148

Aber worauf
halb
sie

es ihr in der

Hauptsache ankam und wes-

ihn aufgesucht hatte^ darauf konnte oder wollte

er ihr keine

den

alle

Antwort geben. Im Gespräch mit ihm wurDinge durchsichtig und klar, leicht und rein,

und

alle Schwierigkeiten verloren sich
sie erst

im Nebel, aus

dem

wieder in Erscheinung traten, sobald

man
sie

seine Kanzlei verließ.

Und

als sie

hinauskam, war

weder klüger noch

ruhiger.

Im

Gegenteil, voller Verfragte sie sich,

wunderung und Unverständnis
während
er

warum
so

Pajer ebenso wie Veso fortwährend vorsichtig innehielt,

mit ihr sprach,

warum

die

Worte beider

und warum man in ihrem Schweigen dumpfes Mißtrauen und einen unverständlichen
nichtssagend waren

Vorwurf
sie sich

fühlte.

Warum

zwinkerten
drein

alle Leute,

an die

wandte, unbestimmt mit den Augen,
sie so rätselhaft

warum
lau-

schauten
ter

und sprachen von

Dingen, die

sie nicht interessierten,

noch dazu so

sie selbst verwirrt und wurde und nicht das fragen konnte, was sie auf dem Herzen hatte? Sie fragte sich selbst nach dem Grund, fand aber keine Antwort, denn weder jetzt noch früher war sie imstande, über sich selbst nachzudenken oder sich mit fremden Augen zu betrachten und zu prüsteif

kühl und zurückhaltend, daß

fen. Sie fühlte

bloß doppelt die Schwere der Vereinsasie sich

mung und
dem man

Ungewißheit, in der

befand.

Ihre Mutter
sich

war
über

in ihren
alles

Augen kein Gesdiöpf, mit mögliche unterhalten und be-

raten konnte.

So blieb nur noch jenes Grab in Kosevo. Aber auch
das Grab war irgendwie verstummt,

und auch sie fand für das Grab weder die früheren Worte noch das leidenschaftliche Geflüster. Trotzdem kam sie jeden Sonntag,
149

steif

und

mürrisch, pünktlich

und gewissenhaft, immer

auf demselben

Wege und

zur selben Stunde. Sie saß

neben dem Grabe, aber sie konnte nicht wie einst ihre klaren Pläne und Rechnungen, sondern nur verworrene Befürchtungen und unbestimmte, düstere Vorahnungen äußern. Und wenn die gewohnte Zeit vorbei war, kehrte sie nach Hause zurück, mit gesenktem Blick und forschem Schritt, den die ganze Stadt kannte, noch steifer und mürrischer, weil sie nicht die Beruhigung gefunden hatte, die sie suchte.
Dieser

Sommer

des Jahres 1918 schien ihr endlos, als

ob er nicht eine der üblichen Jahreszeiten wäre, sondern
als

ob die Zeit in Erwartung von Ereignissen stehengesei.

blieben

Im Volke gärte es, und die Menschen horch-

ten auf. Der Krieg näherte sich offenbar seinem Ende,
Siege mischten sich mit Revolutionen, unklare Hoff-

nungen mit unklaren Befürchtungen. Das Fräulein war unter denen, die sich fürchteten. Genauso wie im Sommer des Jahres 19 14 konnte sie vor Gedanken, Berechnungen und Furcht nicht einschlafen; nur hatte sie damals vor einer bestimmten Gefahr Furcht empfunden,
jetzt

dagegen fürchtete

sie sich

vor allem,

und

das

war

viel schwerer,

denn wer sich

fürchtet,

ohne

recht

zu wis-

sen wovor, fürchtet sich doppelt. Ebenso wie damals

waren
zu
in

alle ihre

Gedanken und

Kräfte auf ein Ziel ge-

richtet: nicht

auf der Seite der Verlierer
das nicht.

und Leidenden
Aber wie
sollte
alles

sein.

Nur

Auf keinen
wie

Fall!

sie die richtige Seite treffen,

sich sichern,

wenn

immerzu wendete, änderte und schwankte? Wie sollte sich der Mensch schützen, damit er leben und verdienen konnte, damit ihn nichts störte und er mit niemandem zu teilen brauchte? Worauf
der Welt sich

ISO

sollte er sich stützen,
als alle

wenn auch

jene Kraft, die stärker

zu sein schien, und jene Macht, die

man

als

die größte ansah, nicht

von langer Dauer waren und
die

keinen genügenden Schutz boten?

Weil

sie die

Welt und

großen Kräfte, die

jetzt in

Bewegung gekommen waren, sich jagten und zusammenstießen, auch nicht im geringsten verstand und
kannte, gelangte
sie

zu einander völlig widersprechenihr

den, doch stets in gleicher Weise unrichtigen Schlüssen.

Leben und ihre Geschäfte mit alledem nichts gemein hatten, bald wieder brachte sie alles, was geschah, mit ihrer Person und ihren Interessen in Verbindung. Wenn sie plötzlich und mit
Bald sagte
sie sich,

daß

sie,

Schmerzen erwachte und dann scharf und unregelmäßig schlug,

spürte,

wie ihr Herz

kam

sie selbst sich in

dieser Nacht verloren vor, unwissend undhilfloswie nie-

mals vorher, herausgeschleudert aus der bisherigen Le-

bensbahn und Denkweise, so daß sie weder die Welt um sich noch sich selbst in dieser Welt begreifen konnte. Sie zitterte bei dem Gedanken an die Zeiten, die kommen und alles in Frage stellen könnten, was sie verdient

und

erreicht hatte, die alles verschieben

mochten,

was

sie für fest

und

sicher gehalten hatte.

Unter dem

Gesichtswinkel, unter

an zu sehen gewohnt war,
lich

dem sie diesen Krieg von Anfang nahm sich das alles unglaubund ungeheuerlich aus. Was dort in der Welt gewußte
sie nicht

schah,

genau, und es hatte

sie

niemals

interessiert, aber hier,

wo

sie lebte

und

arbeitete, sollte

etwas Schreckliches und Unmögliches geschehen, sollte
jene Seite besiegt werden, die Macht, Militär

und Geld in den Händen hielt und den Menschen, die in Ruhe leben und ihren Gesdiäften nacligehen wollten, Ordnung
151

die Zerstö- rung. Sie hätte nicht einmal selbst sagen können. also Arbeit. aber das war es diesmal nicht. und die Augen sind bei jedem Blick schwer wie im Schlaf. — sicheren Untergang predigte sie so und Weder konnte etwas Schreckliches begrei- fen noch sich damit abfinden. es 152 . Verdienst und Leben ge- währleistete. sondern wie versteinert auf der Erde lag. also Unruhe. als ob man sich im Wasser vorwärts schleppt.und Sicherheit. breiten Tag. Alles ging schwer von der Hand und mißlang. der weder heller noch dunkler wurde. denn sie hatte es nicht auf einmal begriffen. Es war ein Erwachen besondeAus tiefem Schlaf und toter Ohnmacht geradewegs in einen weißen. >Es schon lange hell. und es sollte die Seite siegen. Ist das Fräulein. an dem etwas geschehen würde oder bealles verkehrt. Ungewißheit oder — genauer gesagt brachte. in welchem Augenblick sie das erkannt. Das Fräulein erwachte. eilen. mit Mißmut und Verspätung begannen. Arbeitsscheu. Unwiederbringlich. aber jede Bewegung ist langsam wirklich ein Erwachen ?< Es gab solche Tage. Es quälte sie das Gefühl. war schon geschehen. Ja. Geld. eine bestimmte Stunde verschlafen und ein wichtiges Geschäft verpaßt zu haben. >Was ist für ein Tag ist das nur?< fragte sich das und ich muß mich beund ermüdend. aber schon bei den ersten Schritten geriet sie ins Stocken. Sie erwachte und wollte den kleinen morgendlichen Arbeiten und Gewohnheiten nachgehen. die schlimm. Es war ein Tag. reits geschehen war. und den ganzen Tag ging dann Das gab es. In einer dieser Nächte hatte sie einen schrecklichen Traum vom rer Art.

sondern nach und nach. Sie blieb mitten auf der Straße dann erinnerte sie sich plötzlich an ihre Kasse. »Nein. 153 . Fräulein Rajka. dünnen. sie fühlte nur. nirgends und in keiner Form. «Keine Geldüberweisungen?« fragte Sie schaute alte. Sie kehrte ihm den Rücken und ging in die Stadt. buchstabierte sie sich die Bedeutung dieses ungewöhnlichen Tages zu- sammen. Das Fräulein verspürte einen starken Sdilag unter der Schädeldecke. bedeutungslosen Brief. war der Briefträger. bis sich ihr schließlich die ganze unglaubliche. Für sie hatte er bloß einen einzigen. Der erste Mensch.« dem Briefträger ins Gesicht. sie mechanisch. Wahrheit entdeckte: Das Geld war es hatte aufgehört zu bestehen und nicht mehr. Das gibt es nicht mehr. es lächelte den roten Haaren. öffnete mit zitternden Händen die Kasse und fuhr. So freute und rächte sich der kleine Mann von niederem Dienstrang. Und von einem Menschen zum anderen. Doch siehe schmitzt. so daß ihre Augen sich umnebelten und ihr Mund sich auftat. Es war das abgequälte. ihr nur zu gut bekannte Gesicht mit da. jedem Wort und jedem BUck. ihre Bücher und Rechnungen und eilte vorwärts. dem sie beim Verlassen des Hauses begegnete. Aber auch auf der Straße begegnete sie solchen Gesichtern. so als wäre jedes Gesicht ein Buchstabe. stehen. was an diesen Gesichtern auffiel. vergalt blitzartige schwunden. Sie konnte nicht genau sagen. die gelben heute ver- Augen blinzelten keck und bedeutungsvoll. ein wenig mit jedem Schritt. Wie durdi eine Feuersbrunst stürzte sie in ihren Laden. wenn sich ihm Gelegenheit dazu bot. daß sie anders waren als sonst.

als ob sie eine verschrobene. arbeitete und trieb aber ohne Geld. Sie schrie. Überall dasselbe. als sei sie sich selbst fremd. so wie er einst zu sagen pflegte: »Bei uns sind feste Preise. er hing? Das Fräulein lief hinaus und begann Veso. Man Han- Man lebte. wenn man ihn brauchte. »So ist es«. dumme Frau sei. Und alle schauten sie mit einem augenzwinkernden Lächeln an. mit der Hand über die leeren und nackten Stahlwände. Mit jedem Schritt und mit jeder Frage und Antwort wurde die Tatsache klarer und unerbittSie ging licher: Es gab kein Geld mehr. Kein Mensch verkaufte oder kaufte etwas für Geld. was die ganze Welt schon seit langem wußte. mand antwortete machte sie sich auf. das Geld hatte wie etwas Überflüssiges und Wertloses die Welt verlassen. Fräulein.« »Und was Geld- soll aus denen werden. nur um zu fragen. So suchen. und niemand die Menschen zu sie.?« Aber sobald 154 auf diese Weise mehr zu erfahren .plötzlich blind geworden. von einem Laden zum anderen. Sie rief nach dem Buchwar nie da. sie nicht. die Polizei und alle lebenden Menschen herbeizurufen. antwortete kühl und unbekümmert ein Kaufmann hinter seinem Ladentisch. Das ganze Land besaß nicht eine brauchte del. Oder war mit dem Geld auch der Buchhalter und alles verschwunden. was mit dem Geld zusammenFächer halter Veso. die bisher nur getätigt und Bankgeschäfte sie haben . Nieihr. die nicht wußte. Vergebens. . Sie schlug sich mit der Faust gegen die beachtete Stirn und die Brust. . Ja. was mit ihr und der Welt ringsum geschehen sei. einzige Krone. »Wie? Wie?« stammelte das Fräulein.

Dieses Wort hatte seinen Sinn verloren. gespen- Wahrheit ausgesprochen. ohne Bedeutung und Wert. das Geld war vom Antlitz der Erde verschwunden. Kümmere dich um deine Arbeit!« Und damit war die Unterhaltung beendet. von einer Straße zur anderen. während er Ware in die Regale suchte einordnete: »Das war einmal. die einem tollen Traum glich. Ecl<:e zur anderen. Man hatte die Erde bestohlen. Ja. Die Kassenbücher waren beim letzten Buchungsposten stehengeblieben und lagen jetzt tot wie Steine. Nur ein kleiner Kaufmann sagte zu ihr. die an die Straßenpassanten verteilt und gleich darauf weggeworfen werden. die Banknoten waren auf dem Kehrichthaufen gelandet wie Reklamezettel. Nein. Jetzt hatte auch sie selbst die unglaubliche. lächelten und — gingen wieder an ihre Arbeit. aber das gibt es nicht mehr. Die Dukaten galten ebensoviel wie Spielmarken. zwinkerten sie mit den Augen. ohne sich umzudrehen. Die Wechsel waren wie Briefe unbekannter Verstorbener — unverständlich. Das Fräulein ging weiter. Etwas viel Ungeheuerlicheres und Ärgeres war geschehen: der Begriff des Geldes war verschwunden. »Was für eine Arbeit kann es schon ohne Geld geals sie ben?« fragte das Fräulein weinend. die mit unverständlichen Hieroglyphen bestische kritzelt sind. Alles war eine Bestätigung der Tatmetallenen Tag. an der Stra- ßenkreuzung stand wie ein verlorenes Kind. Aktien hatte man zusammen mit alten Illustrierten abgelegt. von einer 155 .und eine Erklärung für diese sonderbare Erscheinung verlangte. taumelte durch den weißen. man hatte sie nicht bestohlen.

daß es so aussah. ohne Blut. die Polizei. Hodschas und Rabbiner? Gab es noch irgendwo Recht und Gesetz? Aber die Popen waren in den Kirchen und Kanzleien. 156 . aber man muß weiterleben. »Was ist los? Das Leben ist sinnlos und öde geworden. >Das war einmal. denn sonst müßte er sie So sah das also aus! Auch die Staatsmacht war abtrün- und untreu geworden! Wütend lief das Fräulein weiter. Und das UnsachC. stören.daß das Geld die Erde verlassen hatte und die Welt für sie wie ein Leib ohne Atem. sich zu bewegen. Wo steckten denn die Popen. daß man die Bestimmungen der Vorsehung ruhig hinnehmen müsse. aber das gibt es nicht mehr!< Ein einziger Schwindel und ist das! Diebstahl Oder ist es etwa ein Aprilscherz unist nützer Nichtstuer? Bei Gott. nicht Ruhe und Ordnung zu einsperren. ohne die Kraft. was das! Und wo bleibt die Behörde. das Gericht und die Kirche?« Das Fräulein jammerte mit lauter Stimme. geworden war. glaublichste war. ohne Geld zu leben. Die Vorübergehenden betrachteten sie mit kühler Verwunderung. sie sich in ihrer grenzenlosen Niedertracht schon sich auf damit abgefunden. und irgendeine Weise beholfen und angepaßt. Alle befanden sich mehr oder weniger auf ihren Plätzen. Und bei allen fand sie mehr oder weniger dieselben Bewegungen. als hätten sich die als Menschen darein hätten geschickt und damit ausgesöhnt. dasselbe traditionelle Fländereiben und nig dieselben Antworten: daß alles auf dieser Welt eine sei. Ein Pohzist kam des Wegs und ermahnte sie. daß im übrigen ihr Ziel das ewige Leben sei und sie sich in den Dingen die- Gabe Gottes ser Welt den Forderungen der Zeit anpaßten.

schrei Sie schrie. bis zur Höhe des Turmes emporzuwachsen und alle Ziffern dieser Uhr zu bespeien. allein und geschlagen. Im ganzen waren es drei- zehn ter. wie ein Flüstern »Ach. zum Ausdruck bringen sollte. kann niemand von den Berufenen einen Finger rühren. fühlte sie sich verlassen. Die Turmuhr schlug neun. die Uhr arbeitete ebenfalls wei- Auch die Zeit wurde also noch gemessen. Sie fühlte. >jetzt >Ja<. Schläge. von ihrer vervon ihrer Verach- zweifelten. doch gleichzeitig stolz und emporgehoben von ihrer unverwüstlichen Liebe zum Geld. Für das Geld hat- 157 . aber ihr kam ihr angesichts der Stärke des Zornes. so laut sie konnte. ihr Niederträchtigen! Ach. den vor. dachte das Fräulein. um das heilige Geld zu verteidigen und zu retten. wie sich bei diesem verrückten Wunsch die Schleusen eines bisher nes in ihr öffneten und wie dieser unbekannten ZorZorn sie ganz überGees schwemmte. letzten Tapferkeitsprobe. denn sie hatte sie tausendmal in unglaublich lächerlichen und jämmerlichen Lagen beobachtet. Siehe da. Sie alle haben dieses Geld geliebt und waren so begierig danach Sie wußte das am besten. ihr Feiglinge!« Und während sie der Zeit und der ganzen Welt ins Gesicht schrie. Was nützte ihnen das alles — wenn es kein Geld gab? Was sollten sie messen und zählt zählen? Hatte nicht das Rechnen seine Existenzberech- tigung verloren? Oder hatte es sich wie alles andere dem neuen Zustand angepaßt? Das Fräulein hatte den Wunsch. Das Geld war ihnen !< das Heiligste vom Heiligen gewesen. und gewurde auch noch. tung denMenschen gegenüber. bis sie auf dem Platz vor der Kirche stand.Angeekelt und entmutigt lief sie von den einen zu den anderen.

gewohntes Aussehen wiedergewann. für Geld hatten bereit gezeigt. Gedanken und starken Alle die gehetzten düsteren Gefühle des Zornes. Davon trübte sich ihr Blick. mitten auf sterten Platz liegen. Einen Augenblick noch schwankte und verschwamm alles ringsum. Da war das Fräulein auch schon auf den Beinen. der Erbitterung. über Nacht. sich anzuziehen.ten sie alles verkauft. schmerzlich verworre- ner Traum. Ohne auf. unter dieser Sonne. hatten sie es ver- und sich von ihm losgesagt. in der alten Form weiterzuleben. erwachte wirklich. schloß das amerikanische Schloß des mittleren Faches nahm ihre Ledertasche heraus schüttete das ganze Kleingeld auf den Tisch. sie sich zu allem Aber jetzt. die Stimme verlöschte. das sich Mensch nannte: vor allem verbeugte es sich. Im schwachen Licht der frühen MorgendämIn merung zerstob auch ihr toller. dem gepfla- dem Augenblick erwachte das Fräulein. lief sie zum und Schreibtisch. So war dieses Tier. raten nur um hier auf der Erde. Lange betastete sie mit der stumpfen Hand die warme Matratze unter Im ganzen Körper fühlte sie noch das Beben des Zorns und die kalte Festigkeit des Pflasters auf dem sich. und die Beine versagten den Dienst. Platz vor der Kirche. Es waren sechs Bank- noten zu 158 je zwanzig Kronen und einige Scheidemün- . Das warf sie zu Boden. Und da blieb sie. der Verlassenheit vollkommenen Zusammenbruchs stießen in und mischten sich. Und dieses wirkliche Erwachen war um nichts weniger qualvoll als das geträumte. ein und des ihr aneinander kleines Bündel Frauenkleider. bis die Wirklichkeit siegte und das Zimmer sein ruhiges.

schrecklicher Traum. Unterwegs begleitete sie noch immer das unbehagliche Gefühl des nächtlichen Traums. Heftig atmend betrachtete sie das Geld und legte es wieder in Ordnung. blieb ein leichtes Unbehagen wie ein Schatten in ihr zurück. sie kleidete sich an. frühstückte und ging in den Laden. alles ist Banknoten ist auch das ganze übrige Geld in der Welt an seinem Platz. Wie ist so ein Traum über- haupt möglich? Und was für eine Beziehung besteht zwischen Wirklichkeit und Traum ?< Von diesen Ge- danken denken. Worte des Vorwurfs und Wie gewöhnlich erwachte sie kurz vor sieben Uhr. ein sinnloser.zen. begegnete sie unmittelbar an dem Briefträger. >Siehst du. und noch warme Bett zu- Herz schlug stark und unregelmäßig. Doch darüber wollte so kehrte sie in das sie nicht nach- Sie fror. Während dann unterschrieb sie die Postansie die Banknoten an ihre Brust 159 . Ihr schläfrig und lallend undeutliche ein. Natürlich! Es war bloß ein Traum. und erst weisungen. zweimal — wieder jagte wie ein blitzschneller Schatten der Zweifel an der Wirklichkeit über ihr Be- wußtsein — . und stoßweise jagte schlief wieder wie ein rascher Schatten der Zweifel an der Wirklichkeit über sie hin. Als sie der Tür zum Laden kam. Aber die Wärme des Bettes und das wohltuend sichere Gefühl der Wirklichkeit beruhigten sie bald. der ihr tatsächlich ein paar Postanweisungen brachte. Wie diese in die Tasche zurück. Er ist gesechs kommen und vergangen. Aufgeregt zählte sie das Geld einmal. der Atem ging rascher als sonst. flüsterte rück. Sie schloß fest die Augen.

sich immer auf der Sonnenseite haltend.) Nirgends eine Spur von dem frechen Lächeln und dem verschmitzten Augenzwinkern. die sie im Traum gesehen hatte. Als der Briefträger aus dem halbdunklen. (Als wollte er sagen: Der Dienst ist nicht beschwerlich. häuften und überstürzten sich wie die Schlußakkorde einer Symphonie. Auch im Oktober war es noch warm. Ein schrecklicher Blick Leute!« So quälte sich das Fräulein in den heißen Nächten und fand keinen Schlaf. und flüsterte lautlos vor sich hin: »Ja. Und doch kam auch dieser letzte. Erst jetzt beruhigte sie sich vollends. und alles grünte. i6o das ver- . preßte. erschrockenen. obwohl auf jeden hartnäckig und wider alles Erwarten ein neuer folgt. Was nützt ihr da. kalten La- den in die Morgensonne hinausgetreten war. mein Lieber. von denen jeder der letzte zu sein scheint. denn die Ereignisse reihten sich aneinander. aber der Lohn ist gering. furchtbaren Augen von sich ab. tintenbekleckste Tuch auf. Sie merkte es nicht. altertümlichen Schreibtisch. drückte sie ganz fest auf das grüne. abgequälte Gesicht mit den roten Haaren. da langt es bei den vielen Kindern weder hin noch her. was solchen Leuten in der Regel geschieht. Es war das altbekannte.hob sie den Kopf und schaute dem Briefträger lange und prüfend in die Augen. Dann ging er weiter. Aber der Sommer wollte nicht weichen. Sie legte beide Hände auf den und atmete kleinen. Mit einem kurzen inneren Schauder schüttelte er den Eindruck der durchbohrenden. Die Tage und Wochen erschienen endlos lang. blieb er stehen und schüttelte sich. der ganze Reichtum. als sich Dem Fräulein geschah. diese Blick! Rajka hat einen schrecklichen ist das.

) einem gerissenen Film: ter. Niemand umarmte sie. Fröstelnd saß sie in dem kalten Laden. was ihm am wertvollsten und am meisten bedroht erscheint. Gedanken und Kapi- Ohne große Verluste würde es nicht abge- hen. Freude. der aus einem Brand oder Unwetter das retten muß. Schon wieder Tränen! Veso kam an diesem Tage nicht und ließ den Laden geschlossen. aber er sagt nichts der jagende trübe An einem dem mehr Oktobertag. Veso näherte sich mit einer Schar junger Leute. sie erlosch und verlor sich auch nicht ganz. der gewaltigen Aufregung. dazu aber nur insgesamt zwei Minuten Zeit hat. Das sah man schon. In überflog sie ihre überall verstreuten Kredite talanlagen. Einige wai6i . sie überlegte rasch — wie ein Mensch. Das Fräulein ging wie eine Fremde und Verurteilte durch die Stadt. Scharfe Schritte und aufgeregte Stimmen rissen sie aus diesen Gedanken. wie sie die Verluste möglichst niedrig halten könnte. sten Einzelheiten ausgemalt hatte. niemand sie reichte ihr die Hand. was sie unzählige Male vorausgesehen und sich bis in die kleinwirklichte. der wie alle übrigen war. den lauten Gefühlsergüssen und allen Reden und Gesprächen.wovor sie solche Angst gehabt. leuchteten an den Häu- und die Mensdien küßten und umarmten einander und weinten vor sern die ersten dreifarbigen Fahnen auf. an sie sich also nicht weniger fürchtete und sich nicht erhoffte als gewöhnlich. Sie dachte nur daran. (An dieser nicht Stelle riß ihre Erinnerung ab. aber sie glich er arbeitet und dreht sich weiund zeigt nichts weiter als einanFlecke und Striche. und trotzdem zitterte aus angeborenem Widerwillen gegen Küsse und aus Ekel vor den ewigen Tränen.

aber ließen sie nicht zu Wort kommen und betrachteten sie von oben herab. auf der Straße und auch in ihrem Vaterhaus begannen Bekannte und Unbekannte. als sie es sich je zuvor hätte ausmalen können. so als könnten sie ihre Gestalt nicht richtig sehen und erkennen. Augen waren weit geöffnet.ren bewaffnet. Alle sprachen den. Doch es blieb nicht bei Im Laden. An dem Verhalten und den Reden derer. »Laß das jetzt. gutmütige Gesicht strahlte und glühte diesem harmlosen Anfang. wie groß ihre Sünde in den Augen dieser Menschen sein mußte. Erst glaubte sie. weil sie so winzig war. einige aber beschimpften sie offen und in grober Weise und machten ihr das Verhalten während des Krieges zum Vorwurf. aber seine und das bartlose. dürfte man es nicht einmal bedauern. vor Freude. ermaß sie. Geh Du siehst. Weder früher noch später sah sie ihn so aufgeregt. Sie erinnerte sich nicht und wollte sich nicht an all das erinnern. Aber wie sehr sie sich auch bemühte und nach162 . Sie wollte mit Veso sprechen. was sie damals hatte ertragen müssen. Es war alles schlimmer und schwerer. Aber auch Veso war nicht viel besser. Gerufene und Ungerufene sie zu necken und mit höhnischen Bemerkungen zu reizen. es sie mit lebhaften Gebär- handele sich sie um Betrunkene. Er winkte bloß mit der Hand ab und reihte zusammenhanglose Sätze aneinander. mit finsterem Gesicht und blinzelnden Augen. wenn man sterben müßte. Rajka! Wen interessiert das jetzt? Nachdem wir heute auch du nach Hause erlebt haben! Siehst ! das erreicht haben. die sie boshaft verspotteten oder offen angriffen. was für eine Freude wir nicht?« du das Sie sah nichts.

Sie sah nur den unverständlichen Haß und das Bestreben der anderen. sie zu schädigen und ihre ganze Arbeit zu beeinträchtigen. sie immer als das gräßlichste Unrecht ansehen. auf die sie einstürmt. ob das wirklich alles in demselben Land sätze und Reden las. geschehen konnte. und imstande. daß die Rache blind Wunsch ist und daß jene. zu erkennen. gesehen und gehört hatte. sie men zu hindern. vermochte sie tatsächlich Zusammenhang zwischen dem. zig verfolgten. Solchen Leuten wie das Fräulein mußte die Welt sehr oft wie eine Hölle vorkommen. Und das war warum sie jetzt so sdiwer daß Gewalt und Unredit den nach Rache hervorrufen. Wenn sie in den Zeitungen Aufdenen die Verfolgungen und Leiden der vergangenen Kriegsjahre geschildert wurden. Unempfindlich für eine ganze Reihe gesellschaftlicher Gesetze und moralischer Gefühle und Reaktionen des Menschen. in und in derselben Stadt. und dem. was ihr geschah. daß wußte Strafe und Sie sie sich auf der 163 . sie sah nur ganz deutlich. was sie I9i4und 1915 getan. worin diese Sünde bestehen sollte. ihre erst recht nicht Ordnung und langsame. unerbittliche nicht den ursächlichen Wirkungsweise zu verstehen. daß sich selbst der gerechtesten Strafe immer Neid Sie wußte nicht. in der sie lebte. ihr Vorhandensein zu bemerken. ebensowenig wußte sie. von Rache. litt. unfähig. fragte sie sich.konnte nicht begreifen. überhaupt nichts von Gewalt und Reclit. daß alle Menschen außer ihr plötzlich verrückt geworden waren und sie deshalb über die Schulter ansahen und so unbarmher- Manchmal glaubte sie. und angeborene Schadenfreude beigesellen. sie am Vorwärtskomdachte. der hauptsächliche Grund.

mit Forderungen nichts. Es sich wegnehmen wollte. die nicht richtig. wie Gazda Rafo hinter der Verkaufsbank mit feuchten. und es nützte ihr auch Die Geschäfte stockten. denen zufolge Milliardenbeträge zugunsten jener die nichts hatten. sondern jeder lachte seinen Gläubiger aus und machte neue Schulden. mit eigenen Augen den völligen Zusammenbruch Gazda Rafos zu beobachten. erdbeschmutz- ten gert. von Enteignung. ob am nächsten Tag und Weltuntergang wäre. nicht eingehalten. ging sie eines Morgens durch die Ferhadijastraße. zu essen. Narrheiten zu treiben die letzte und zu verschwenden. in tosender Schwelgerei Selbstmord zu begehen. in denen es von erregten. als hätten ganze Länder und Völker entschlossen. die Banken arbeiteten Seiten verlangte Termine wurden tot. war es ihr noch bestimmt. Und sie Schaden. die Wertpapiere lagen Von allen man Spenden von als ihr. bis Münze den letzten Menschen verlassen hatte. Um den Hauptstraßen auszuweichen. täglich drohte ihr neuer und größerer Verlust. die Gerichte feierten. an ihre Schuldner heranzutreten. begeisterten Volksmassen wimmelte. gelb Händen welkes Gemüse wendete. Sie wagte es nicht. Sie schaute ängstlich hin und sah. zu trin- ken. Vor dem ehemaligen Laden Rafos sah man eine Menschenmenge stehen und hörte laute Rufe und Wogen donnernden Gelächters.Seite der Verfolgten erlitt wirklich und Geschädigten befand. an einem dieser Oktobertage. Ganz abgemaund dunkel im Gesicht. von großen kleinen Plänen. Und die Zeitungen schrieben von man den Besitzenden Kriegsgewinnsteuern. kam dem Fräulein vor. sie. ohne Krawatte und 164 . Schulden aber zahlte niemand. sich Alles wandte gegen Ganz zu Beginn.

er sei immer noch ein alter Fuchs. auch wenn es die an. und sicher verberge sich auch hierunter irgendein Geschäft. sobald sie sich in der Überzahl fühlen. zig hörte man einzelne Worte. so stand er da. und iß es selbst. . sinnlose Bewegungen. Das ist es!« Aber die Menge lachte über diesen Kranken. so als hätte sie plötzlich keinen Hunger mehr. daß es seine einzige Sorge sei. i6s . auf jede ver- Bemerkung eine Antwort zu geben. Para. jetzt hingegen stammelte er kläglich. Aber Rafo Konforti »Soviel Millionen hast legte wie einst vor vielen Jahren die Hand auf die Brust. Volk muß ohne einen Kreuzer! Das weiß das. .. Ich »Hier. lustig und lebhaft gewesen wie ein Kreisel. Gazda Rafo. »Trag das nach Hause. Wenn er seine Stimme hob. ohne eine essen .« »Hat dir das selige Österreich dies als Vermächtnis hinterlassen?« du zusammengescharrt. Rafo rollte ängstlich mit den Augen und sagte etwas. . . was man bei den unaufhörlichen Zwischenrufen und dem lauten Gelächter nicht richtig verstehen konnte. Die einen waren scharfzüngig und boshaft. unter Tränen sichernd. schwur. lobte seine Ware und bemühte sich. .Kopfbedeckung. Sein Anzug war schmut- und unordentlich. mit der die Menschen auch die traurigsten Szenen mitansehen. und schaute ihn mit jener gefühllosen Neugier an. sprach wirr und vollführte schwache. . und jetzt gibst du dem Volk Kohl zu fressen?« Die anderen waren gutmütiger und faßten diis Ganze von der heiteren Seite auf. Sie riefen ihm zu.. deren nicht wissen . Es muß essen . Nur war er früher dabei gesund. das Volk nicht hungern zu lassen.

An dieser Stelle wurde auch das Fräulein einmal erwähnt. Gegenteil. Einer ihrer Verwandten. Freude und Unruhe in der Stadt ließen nicht nach. Wunder war. sofern es diesen Begriff in ihrem Bewußtsein überhaupt gab. alle die zu verurteilen und zu brandmarken. aber die Aufregung. als Im würde sich das ganze Leben von Grund auf ändern. neue Zeitungen erschienen. Tage und Wochen vergingen. die nur drei Tage dauern. der Gerech. suchte ihn auf und bewirkte. um nicht den jämmerlichen Untergang eines Menschen zu sehen. daß es keins der ab. zwar nannte man sie noch nicht namentlich. doch war die Anspielung unmißverständlich. Paraden und Feierund Dankgebete lösten einander Abordnungen trafen ein. Es sah aus. die Namen von Straßen und Institutionen änderten sidi. Bankette Armee ein. In einer besonderen Rubrik. der den Direktor der Zeitung gut kannte.Sie wandte den Kopf zur Seite und eilte davon. wurden tigkeit und des Friedens verlangen wir Einzelpersonen und Institutionen scharf angegriffen. Zu Neujahr begann ein neues Tagblatt zu erscheinen. von dem man sagen konnte. »Srpska zastava«.«. . daß weitere Angriffe un. Die Hauptaufgabe dieses ultranationalistischen Blattes war es. terblieben. Am selben Tage brachte man Gazda Rafo in die Irrenanstalt. daß er ihr Freund gewesen war. die mit den Worten begann: »Im Namen der Ordnung. die sich während des letzten Krieges »gegen die Ehre der Nation und deren Interessen versündigten«. i66 . In Sarajevo zogen die ersten Abteilungen der serbischen lichkeiten. Dem Fräulein war es klar.

so Rafo Konforti und ähnliche. Als offenen Fenster und möglidist viel feudite Nachtkeuchend und fröstelnd am stand. weitererzählt ja selbst in und gedeutet in der Stadt. die offen. eine besondere Kommission solle die Tätigkeit und die Profite aller Kriegsgewinnler überprüfen. schädlich für Volk und Gesellschaft« die Rede. Diese Drohungen sahen damals ernst und wirklich gefährlich aus. In einer Herbstnacht erwachte sie plötzlich mit dem Gefühl. Hier war von »Wucherzinsen«. all das wurde gelesen. doch ganz kratische »Sloboda« an. die das Licht scheuen« und »seelenlosen Spinnen. Man verlangte in diesen von der Regierung. was die Leute von ihr dachten und erzählten. ein paar Betrunkene laut etwas her- 167 . in der Familie. wie von der Straße. öffnete das Fenster und ver- möglichst rasch luft einzuatmen. (Das geschah in letzter Zeit des öfte- ren. und wähnte nebenher. Ihr schloß sich auch die sozialdemo- nun wieder erschien. Da sie niemanden sah. hörte sie. Das wurde ihr erst allmählich und zufällig offenbar. Die neugegründete Zeitung in ihrer Lokalchronik alle Kriegser- gewinnler an. sie so vom Miljackaufer. konnte sie nicht recht wissen. Rajkas Haus.) Sie suclite. »Geschäften. daß die Gesellschaft derart schädliche und unwürdige Mitglieder ohne Rücksicht auf ihre familiären Beziehungen und ihre Stellung ganz bestimmt und für immer aus Schlagzeilen ihrer Mitte ausschließen werde. daß ihr jemand die Kehle zupreßte und das Herz ihr den Atem abschnürte. stand rasch auf. ließ sich bei einem anderen nicht erreichen.Aber was bei einem »Narodni glas« griff Blatt gelang. und man kündigte an. auch den Namen Rajka Radakovic.

schimpfend und lachend gingen sie vorbei. »aber es ist ja kein Wunder.überriefen. daß man so schimpfen könnte.« »Der verfluchte Schnaps erlaubt es nicht!« »Das ist es nicht. hört?« die Hose zu und schaute sich genauer ge- »Weißt du. daß dieses Haus der Rajka Radakovic Jener zweite. so . beklagte sich der erste der beiden. und ich habe noch keinen Wintermantel. es war eines von jenen neuen Schimpfworten. Meine Schuh- sohlen sind durch. sie hat mit den Deutschen Geschäfte ge- macht. bei Gott nicht! Auch heute hätte ich keinen genascht. der immer noch an der Hauswand stand. »Man sagt. hörte zusammenhangloses.« wenn nicht diese Sla- Einer der Betrunkenen trat zurück. wie die Leute im Wirtshaus davon i68 erzählten. >In ganz Bosnien<. »Während verleiht sie des Krieges während des Krieges. Wand unmittelbar unter ihrem sie ihr Ohne selbst bemerkt zu werden. nannte sie mit einem schrecklichen Namen und sprach einen so häßlichen Fluch aus. dabei weiß ich nicht. knöpfte sich lange und umständlich um. Zwei von ihnen bheben stehen und lehnten sich an ihr Haus. viele Jahre Geld auf Zinsen. in denen Erde und einzigen widerlichen Himmel in einem Gedanken verbunden sind. Unter ständigem Schluchzen und Flusie die chen benäßten Fenster.« und davor. vaf eiern wären. Bruder. Schon Ich hörte. Schreiend. und das jetzt. Heute ist Michaelis. Nein. nie hätte sie gedacht. wie ich zu einem kommen soll. lallendes Gerede: »Ich erkälte mich so leicht«. wie ihn das Fräulein noch nie gehört hatte.

« »Totschlagen zuwenig. alles angeblich ist sie.« ist »Es wäre eine Segenstat. andererseits aber Zeit und Phantasie genug hatten. Gutes von ihr erfahren. Sie legt bloß eine Para auf die andere. Eine Bestie eine Bestie. der sich zog. < Und das macht sie unsichtbar und heimlich. die Habenichtse so von ihr reden. Weder Kreuz noch Seele kennt sie. und niemand hat je etwas Nicht mal dem lieben Gott gönnt sie den Weihrauch. Alle zusam- men bildeten sie einen festen. Das Fräulein schloß wandten und rasch das Fenster und legte sich ebenso rasch nieder. sie totzuschlagen. aber jetzt hörte sie mit eigenen Ohren auch das Volk. undurchdringlichen Ring des Hasses. um fremden Verdienst zu zählen und für andere terrock trugen. Damit sie verbrenne wie eine Kerze. >gibt es keinen solchen Wucherer. ehrlich und nach dem Gesetz. die sie vielleicht niemals im Leben gesehen hatten. von der sie aus dem Dun- kel angerufen wurden. die nidit einmal einen Win- von Haß und Sdinaps wärmten. Wie eine Kerze!<« Und in einem fort schimpfend und taumelnd. kleidete sie in ein Pechhemd und zündete es an. was ihre Verdie ganze sogenannte bessere Welt von ihr dachten. sondern sich 169 . Ich würde dieses Scheusal aus der Welt schaffen. Mit klopfendem Herzen und schlaflosen Sinnen überwohin sie fliehen und wie sie sich vor diesen Leuten verbergen könnte.sagten alles sie. sage ich dir. immer mehr um sie zusammen- legte sie. wie es im Lied heißt: >Er führte sie auf einen Kreuzweg. Sie wußte ungefähr. gingen beide ihrer Gesellschaft nach. Niemals hat sie mit einem Mitleid gehabt.

in ihr Fuß fassen. Sie hörte auf. die sich nicht in Zahlen ausdrücken und auch nicht mit Geld bestechen jetzt sah sie. Lang und häßlich waren diese Monate. verloren und geschlagen war. Noch vor einigen Monaten daß es hatte sie nicht geglaubt. auf die Straße zu gehen. da sie auch vor den nächsten Verwandten in ihr Zimmer flüchten mußte und das Geschrei gegen sie so mächtig wurde. obwohl sie nicht wußte warum. Vergeblich fragte sie wohin ihre kühl besonnene Kraft und ihre finstere Jetzt hatte sie Verachtung geraten seien. was stärker wäre sie so Wille und ganz vom Kampfplatz drängen könnte. in den Laden zu gehen. denn das Gefühl irgendeiner Schuld konnte niemals. daß schlossen. wie und wann. und gegen die nichts half. ließ sich.Menschen Pechhemden und arten zu ersinnen. Aber daß sie wirklich verdrängt. auch nicht für einen Augenblick. sich für einige Zeit zu- rückzuziehen. aber sie hatte nicht den Mut. 170 zwar keine . die sich nie im Leben um die Menschen gekümmert und sie gar nicht recht bemerkt hatte. ohne selbst zu wissen. Sie. als ihr etwas auf der Welt gäbe. die schreckHchsten Todes- In diesen Wintermonaten geschah es in zum erstenmal den sonntägHchen Besuch des väterhchen Grabes unterheß. Sie saß zu Hause und dachte an das Grab. Alle Tore waren für sie versie ihrem Leben. daß sie sich fast selbst schämte. von einer unsichtbaren Kraft. Auch Veso riet ihr. An irgendeinen Gewinn war nicht mehr zu denken. Die Angst vor einer Begegnung mit den Leuten war stärker als alles andere. zitterte jetzt bei dem Gedanken an die Passanten. ihre Blicke und Zurufe.

So blieb also nur der übrig. und auch der klügste und reichste Mensch hatte nicht die Kraft. wenn nicht Zeit und Raum sie von diesem Sarajevo. war schwer und schmerzlich.Kraft mehr. daß es für sie und das Ansehen der ganzen Familie am besten sie wäre. wenn sie sich hätte entschließen können. • wäre in Vergessenheit geraten. Alle Verwandten waren sich darin einig. Abreisen. nicht mehr hier zu sein bedeutete vielleicht. das neuen Abreisen. wenn Sarajevo verließe. wenn nicht irgendeine Veränderung einträte. daß sie nach so vielen Störungen und Verlusten. Zeit. mit dasselbe wie vergessen und vergessen werden. das heißt. daß sie das Leben nicht würde ertragen können. tatenlos herumsitzen und vom Kapital zehren müßte. aber es war nicht unmöglich. die anderen eine Übersiedlung nadi Bel- Und Rajka gab — zum erstermaal in ihrem Leben — nach. trennten und vor ihr schützten. von neuem zu Aussichten und neuen Kräften. ohne etwas zu schaffen und zu verdienen. Wie geächtet saß sie in ihrem Hause. denn sie wußte wirklich nicht wohin. welche die letzte Zeit mit sich gebracht hatte. aber ihre Verachtung kehrte zurück. völlig zurückgezogen. ohne etwas zu unternehmen und zu tun. trieb so zu ni . noch ein halbes oder ein ganzes Jahr Hause zu sitzen. Vielleicht hätte sich doch alles mit der Zeit beruhigt und grad vor. gerettet sein. Raum Von hier wegzugehen. hun- dertmal so stark wie zuvor. wenigstens für einige Die einen schlugen einen kürzeren Aufenthalt in Dubrovnik. und sie sah ein. ließ ihr Herz stocken. Aber allein der Gedanke. das wäre fast leben. sie auch nur um eine Sekunde zu ver- kürzen oder zu verlängern. der Stadt ihrer Niederlage. Die Zeit kroch unbarmherzig dahin.

Dieser Gedanke drohte sie zu erstik- ken. wie sie immer allem zugestimmt hatte. nur des um das nicht ertragen zu müssen. Veso übernahm es. Die Mutter stimmte zu. das Geschäft weiterzuführen und sich um ihr Haus zu kümmern. Sie in die wildesten würde nicht nur nach Belgrad. mit der Mutter nach Belgrad übersiedeln wo seit langem ihr Onkel Djordje Hadzi-Vasic lebte. mit Tränen in den blinzelnden. verlieren und schließlich in Armut und Elend verfallen würde. sondern selbst und entlegensten Kolonien gehen.ihr das Blut in den Kopf und benahm ihr den Atem. guten Augen. 172 . Im Laufe Sommers wurde entschieden. das sie vermieten wollte. wie sie Geld verbrauchen. daß sie sollte. Schon im voraus malte sie sich aus.

sah unglücklich und 173 . sie in sobald sie ihm mitteilten. rücksichtslose Leute durch die Fenster einstie- gen. Der Andrang war so gewaltig. Der Beamte mit der roten Mütze. an denen sie vorüberkamen. Die Züge fuhren langsam und unregelmäßig. die sich an den Eingängen stießen und einander auf dem Schöße saßen oder in den Gängen standen. ermüdend und in jeder Hinsicht unangenehm. mit zersessenen Sitzen. benahmen sich grob und führten eine rüpelhafte Sprache. die Zäune zerbrochen. Die Reise war lang. einige Kisten und Koffer mit.VI Ende 19 19 verließ das Fräulein mit ihrer Mutter Sara- jevo. der den Zug erwartete. sahen aus wie nach einer unsichtbaren Überschwemmung: die Mauern waren beschädigt. Die Waggons ohne Fensterglas. daß geschickte. Die Stationen. Und die Leute. Sie nahmen wichtigsten sie Veso an. die Anlagen niedergetreten. die Möbel aber verpackten sie und vertrauten damit er sie ihnen mit der Bahn zuschickte. daß Belgrad eine Woh- nung gefunden hatten. waren größtenteils unsauber und schlecht gekleidet. aus denen man das Leder oder Tuch herausgeschnitten hatte. sie rochen nach Zwiebeln und Schnaps.

in glück und Leiden an ihrem eigenen Hause gewohnt und in allem nengelernt. ihrer Ruhe und dem demütigen Lävollkommenen Ergebenheit gegenüber sidi. neben einem langen Zug. was schwer dem allgemeinen Unnichts teilgenommen. da sie gearbeitet und verdient hatte und gefährlich gewesen. die sich schnell in wahren Bedeutung. als sei alles. Trotz größter Vorsicht wurde ihnen ein Kofier gestoh- Das war zuviel. aber nur langsam wieder verwischten. als allem und jedem. und immer standen ihr die Verluste vor Augen. Sehr bald vergaß sie alles. Dieser Pöbel aber noch und alle seine Worte und Bewegungen. die er hervorrief. mit und den tiefen den Boden eindrückten. Alles ging Nerven. Jetzt.schuldbewußt aus. da sie in und allem ausgewichen war. Jetzt sah sie es: Sie hatte ihn in den vier Jahren. Ungewisse begeben was in den letzten Monaten geschehen war. Spuren. aus dem weißer len. Auf dem schwach beleuchteten Bahnsteig. die dieser Umzug mit sich brachte. nicht richtig ken- Haus verlassen und diese lange beschwerliche Reise ins hatte. Rajka fühlte ginge sie in die Verbannung oder als flüchtete sie davor ins Ungewisse. regnerischen Nacht auf den Anschlußzug. ihr auf die am meisten jedoch ihre Mutter mit ihrer unerschütterlichen cheln. Zum erstenmal zeigte sich dem Fräulein der Krieg in seiner den Verwüstungen. gar nicht so unerträglich gewesen und als habe ein Trugbild sie dazu verleitet. da sie ihr mehr oder wenisich auf ger wie in Friedenszeiten gelebt hatte. was sie aus Sarajevo vertrieben hatte. 174 . schien es ihr. mehr ihre eigene innere Schwäche und Unentschlossenheit beleidigten und reizten sie. Sarajevo zu verlassen. fünf Stunden in In Slavonski Brod warteten sie volle einer kalten.

den Belgrader Zug zu zwängen. Beim Einbruch der bestiegen ein überfülltes Schiff und fuhren nach Belgrad Dämmerung trafen sie vor dem Haus der Hadzi-Vasic in der Smiljanicstraße ein. was sie auf der Reise erlebt hatten. der ebenso überfüllt war wie der aus Bosnien. Das Fräulein tastete mit den Fingern um sich und kam ihr vor. Unausgeschlafen. durstig und rußig gingen sie durch her. als ob man sie vierteilen wollte. Es Fleisch aus auch jenes Belgrad nur eine Täuschung in dieser Nacht. Der Empfang. und als sei zählte die Koffer. ohne daß jemand Erst es ihnen verwehrte oder sie bestrafte. der den beiden Frauen in diesem Hause wurde. daß sie beide zuerst verlegen und steif neben dem Gepäddiaufen stehenblieben. am nächsten Tag kamen sie kurz vor Mittag in Semlin an. stand in einem solchen Gegensatz zu allem. Das geräumige Haus glänzte vor Reinlichkeit und roch nach Ordnung und Überfluß. Danka und Darinka.Dampf zischte. Sie standen im zugigen Gang. kalter Tag. stießen sie beiseite und stolperten über ihre Koffer. und ihre beiden zuteil erwachsenen Töditer. doch die Leute liefen an ihr vorbei. Frau Persa. stand das Fräulein und schrie. fuhr der Zug nicht weiter. Nirgends ein Echo. wohin sie wollte. nahmen sie ns . Die Hausfrau. den schweren Straßenschmutz hinter den Trägern hinüber. Da die Brücke über die Save zerstört war. Sie rief Gott und Menschen um Beistand an gegen diesen tückischen Diebstahl. nirgends Mitleid sich in und Hilfe. Mit knapper Not gelang es ihnen. Es war ein grauer. als werde sie nie mehr dorthin kommen. die in der Familie und in der Stadt unter dem Namen Seka bekannt war. in der unsichtbare Kräfte stahlen und raubten. als sei ihr ein Stück dem Leibe gerissen worden.

vieler Wohlfahrtsein- Von ihm erbte er auch das Geschäft in der Fürst-Mihailo-Straße. und als er vom Militärdienst befreit wurde. dem sich die ganze Familie versammelt hatte. Sie entstammte der reichen Familie des Eisen- händlers Stamenkovic aus dem Save-Viertel. Djordje Hadzi-Vasic hatte vor etwas mehr als vierzig Jahren als kleiner Junge Sarajevo verlassen und war niemals mehr dorthin zurückgekehrt. Gazda Djordje nach Misa.warm und herzlich auf. Zur Frau nahm ein Jahr mit er sich Persa. Ihr einziger Sohn. reiLeben lebt. Wasführte sie in ein nicht und Kaffee bewirtet. dem Hadzi Petar Hadzi-Vasic. eine junge Witwe. zuerst ein wurden ihnen drei Kinder geSohn. Er heiratete spät. Er war in Belgrad bei seinem Onkel. aufgewachsen. 191 5 flüchFrankreich. Während sie sich wuschen und m Ordnung brachten. war Soldat. da der Mensch aus seiner Alltäglichkeit heraustritt und einige Stunden ein anderes. einem be- kannten Kaufmann und Gönner richtungen. Es gab Tränen und Küsse und jene ungewöhnlichen Augenblicke. ser Sie wurden mit Konfitüre. Während in die des Abendessens im hellen Speisezimmer. Sogar das Fräulein konnte sich diesem Gefühl vorübergehender Erleichterung und Sorglosigcheres keit nicht entziehen. wo er sein Jura- studium in Montpellier abschloß. schneeweißen Kissen und Steppdecken von gelber Seide standen. lernten Verwandten einander näher kennen. Seka blieb mit den 176 . doch warmes Hofzimmer. ging auch er nach Frankreich. die nur gewe- dem Kaufmann Iraklidis verheiratet sen war. Man großes. wo zwei Betten mit großen. Schon in den ersten tete drei Jahren boren. kam auch der Hausherr selbst. stärkeres. dann zwei Töchter.

blauen. wenn sah seinem Gegenüber nur gerade ins Gesicht und blinzelte dabei lich wie alle Hadzi-Vasic leicht und kaum merk- mit den Augen. seine Geschäfte wieder in Gang zu bringen. Zur Zeit war Gazda Djordlienbeziehungen. 177 . gutaussehender alter Herr nahe den Sechzigern. das Gefühl hatte. er durch nichts. sprach wenig und verriet er angestrengt nachdachte). und zwar auf so nette. der in seiner Haltung und in seinem Verkehr mit den Leuten Würde und Zurückhaltung wahrt. ander kühle. mit es sei ein dem er sprach.beiden Mädchen in Belgrad. und mit Hilfe ihrer Fami- und ihres GelHaus und ließ den Kindern eine gute Erziehung angedeihen. die ins heiratsfähige Alter gekom- men waren. jene (Die zwei konnten sich an diesem satt sehen. gepflegten Schnurrbart und Haar. Gazda Djordje war jetzt ein gesunder. dann fingen beider Augen an zu bUnzeln und zu tränen. Er ging ruhig.) Seine blauen Augen paßten recht gut zu dem ganz ergrauten. Abend nicht aneinund wenn ihre Blicke sich begegneten. ihrer Entschlossenheit des bewahrte sie das je dabei. und Seka bemühte sich. bewegte langsam. sehr auf Sau- berkeit bedachter. daß jeder. sanft- blickenden Augen der Hadzi-Vasic wie Rajkas Mutter. geeignete Freier für ihre Töchter zu finden. Zeichen besonderer Zuneigung und beson- deren Vertrauens. Misa hatte eine Stellung in der Nationalbank angetre- ten. doch vollendete Liebenswürdigkeit seines Berufs war ihm in Fleisch sich und Blut übergegangen. fröhliche Weise. Er war in allem der Typ des alten gebildeten Belgrader Kaufmanns. Er hatte dieselben hellen. was er dachte (man sah es seinem Gesicht nicht einmal an.

eine goldene Uhr mit goldenem Arm17S . Danka war ganz die Mutter: Flaum an der Oberlippe kündete ein Schnurrbart- der eben an. Ein goldener Siegelring glänzte von den vielen goldenen Gegenständen. die sie hatte aufwenden müssen. Misa war ein schöner junger Mann von fünfundzwanzig Jahren. verstärkten noch das starke. Sie war eine kräftige. ein wenig Eine ruhige zu volle Frau von dunkler Gesichtsfarbe. gegen das bereits bealles stehende versündigte. üppige Haar und das schwarze Schnurrbärtchen. ein goldener Stift an goldener Kette. Ihr Gesicht verriet Klarheit und Unternehmungsgeist. bei sich trug. doch für seine Jahre zu gemessen und ernst in Wort und Bewegung. lebhafter Rede und feurigen schwarzen Augen. die Rundungen ließen auf künftige Üppigkeit und der noch etwas schüchterne Glanz der lächelnden Augen auf dieselbe Lebensfreude und Entschiedenheit Darinka war vom Schlage der Hadzi-Vasic. gepflegt und sorgfältig gekleidet. die er an der rechten Hand. diesen Eindrucl<. ein goldenes Zigarettenetui. und ihren Lebenswillen nicht ge- ter. um die Kinder und das Haus ehrlich und weise durch die Zeit der österreichischen Besatzung zu bringen. Von den beiden Töchtern ähnelte die ältere der Mutdie jüngere dem Vater.und restlos glückliche Ehe verband Gazda Djordje mit Frau Persa. aber es war ebenso sicher. war schlank und hatte blaue Augen mit ruhig versonnenem Blick. Sie noch Rätsel verbargen. Die Mühen. Er würde daß er sich nie sicher nie ein neues System der Staatsfinanzen erfinden. hatten ihre Kraft schmälert. blauäugig wie der Vater. hinter dem sich weder Schwermut schließen. Alles an ihm war ordentlich.

Die Freiheit und Freigebigkeit in allem. daß sie es nicht ändern und ihnen den Wunsch. daß es sie aufregte. Und da sie sah. freie sie leb- Persönlichkeit war. von den gewohnten Gedanken ablenkte und in ihren Plänen störte. so als hätte len. wie sie es stets gewesen war. aber volle. lebhaften GesellJ79 ihre Auffassung nicht aufdrängen konnte. von der das Fräulein und ihre Mutter herzlich und verwandtschaftlich aufgenommen wurden. Frau Radojka war überglücklich. unbekümmert und bedroht vor. alles war für sie namenlos. den Kopf hoch- und fühlte.band am linken Handgelenk. im Lachen und Reden. und auch sie kannte keiner. hafter und mit jedem Tag wurde man sie aus einem dunkan die Sonne gebracht. des Familienlebens wagte sie es zum erstenmal nach so vielen Jahren wieder. sie sonderte sich immer mehr von den anderen ab und zog sich ganz in sich zurück. fern von diesen jungen. hatte sie . In jener war- men Atmosphäre zutragen. stickigen Keller Alles schien fern und vergessen. sobald als möglich in einem eigenen Hause zu wohnen. fröhlichen Verwandten und dieser ganzen lauten. Belgrad war groß. Aber nach den Annehmlichkeiten der ersten Erholung wurde sie düster und in sich gekehrt. heitere Leben in diesem Hause mit den erwachsenen Töchtern gefiel ihr gar nicht. daß auch sie eine eigene. Das einförmige. Niemand fragte sie nach ihrem Leben in Sarajevo. Das ganze Leben jener Leute kam ihr so planlos. Gegenstände kurz und unaufdring- So war die Familie. Und bei jeder Bewegung blitzte einer dieser lich auf. im Geld und in allem übrigen beleidigten sie und stießen sie ab. Auch dem Fräulein war in den ersten Tagen leicht und wohl zumute. und froher.

es hatte nur ein Geschoß und war einfach aber geräumig. entlegeneren Straße zu kaufen. war als Salon eingerichtet. und bemühte sich inzwischen unentwegt. daß für die Küche hinten im Hof ein besonderer Anbau vorhanden war. nach dem Krieg war es bereits einmal ausgebessert und getüncht worden. Dem Fräulein gingen besonders die Besuche. aus dem man in die anderen Zimmer gelangte. Sekas Joui fixe. zumal die Hausfrau jeder Besu- cherin auch »Djordjes Schwester aus Bosnien« und de- ren Tochter vorzustellen wünschte. sie waren das Werk irgendeines i8o . Haus gehörte zu den besseren Vorkriegshäusern dieser Gegend. So konnte das ganze Haus bewohnt werden. Es unterschied sich von der Mehrzahl Hadzi-Vasic' der benachbarten Häuser auch dadurch. Gazda Djordje machte mittels seiner Verbindungen ein klei- Haus in der Stigstraße für sie ausfindig. die bei der bekannten Gastfreundschaft Sekas sehr häufig waren. Das große Vorzimmer.Schaft. ein sauberer Hof und ein großer Garten voll erlesener Obstbäume und niedriger. auf die Nerven. so hoch gestiegen wo die Preise noch nicht waren wie im Stadtinnern. Sie wartete ungeduldig auf das Eintreffen ihrer Möbel. ein Haus in einer ruhigen. die Veso bereits abgesandt hatte. erhielt dann noch eine Reihe ähnlicher Angebote. war dem Fräulein der verhaßteste Tag in der Woche. und so wurden jetzt lange und mühevolle Gespräche darüber generes führt. Der Dienstag. dichtlaubiger Föhren schloß sich an das Haus an. Die Möbel waren stilgerecht. und die Zimmer rochen weder nach der Küche noch nach den Wintervorräten aus der Speisekammer. das heißt.

kühlen See.Meisters von jenseits der Save und Donau und kamen Stil Louis XV. seitdem noch das größte. während sich im Salon laut die älteren Frauen. benachbarte Zimmer geöffnet. den meisten Fällen dem Zufall diesem unsicheren Gesellen. Die neue Gesell- und in schaft. in denen erwachsene Töchter waren. die sich schwer an die Sorge auf einen anderen überging. Frau Sekas Altersgenossinnen. während die Tische und die Konsole auf den allzu dünnen Beinen mit dem Vasen. die aus Belgradern und einer immer größeren Zahl von Zuwanderern bestand und sidi auf der engen. Die Häuser vieler Belgrader Familien öft'neten sich zu jener Zeit dem Guten wie dem Bösen. lienbildchen überhäuft waren. Die Sessel waren mit dunkelrotem Plüsch überzogen. Der einem alten. wertlosen kleinen Porzellanfiguren und Fami- Fußboden war mit An den Wänden hingen vergrößerte Photographien von Ahnen im Fes und Großmüttern im samtenen Leibchen mit bauschigen Ärmeln und mit dem Tepeluk auf dem Kopf neben der Reproduktion einer Böcklinschen Landschaft mit Zypressen von phantastischer Größe und einem dunklen. In diesem Raum pflegte Frau Persa Hadzi-Vasic jeden sie wie viele andere vermögende und angesehene Familien. jedem Wind und zufälligen Gast selbst. was diese Jugend sich noch alles ausdenken würde. guten Piroter Teppich bedeckt. i8i . Negermusik der neuen Nachkriegstänze gewöhnen konnten und sich im stillen fragten. bevor ihre Töchter heirateten und so die unterhielten. Dann wurde für die jungen Leute Dienstag zu empfangen. möglichst nahe. bei wo man Grammophonmusik tanzte. ihr Haus für alle möglichen Gäste geöffnet hatte.

Die einfädle und zahlenmäßig geringe alte Belgrader Schicht vermischte sich mit dieser Flut der neuen Welt. Zusammenbruch und einen der größGanz gewiß von Menschen geInteressen zusammengehalten hatte in der langen Geschichte Belgrads niemals auf so engem Raum eine so große Zahl lebt. geboren und erzogen in verschiedenen Gegenden des Balkans und Mitteleuropas. 182 . die zwar durch ihre wurden.emporsteigenden Landzunge zwischen Save und Donau und den steilen Abhängen drängte. keine gleichen An- schauungen vom Leben. die sich hier versammelte. doch jetzt hatte die Woge des großen sich Sieges sie hierhergetragen. hatte noch keines der wichtigsten Attribute einer echten Gesellschaft. Es war der heftige Ansturm einer bunten Menge. Rassen und Berufe. keine verwandten Neigungen und keine gefestigten Umgangsformen. für die Nachteile und Strapazen zu entschädigen. Angehörige verschiedener Konfessionen. in allen Armeen der Welt auf vier Kontinenten hatten erleiden müssen. waren durch den vierjährigen Weltkrieg in alle Winde zerstreut worden. die sie unter den verschiedensten Umständen. um gemeinsam mit der sogenannten besseren Belgrader Gesellschaft die ungewöhnlich günstige Konjunktur auszunützen: einen großen politischen und gesellschaftlichen ten militärischen Siege in der Geschichte. sie konnte sie nicht assimilieren. Auf die schwere Probe und Erfolg gestellt. und alle waren bemüht. befand sie sich von Glück im Zustand gefähr- licher Euphorie nach den großen Leiden und Mühen. keine gemeinsamen Traditionen. Diese Menschen. aber sonst nur schwach miteinander verbunden und nur wenig in ihrem Wesen verwandt waren. wollte sich aber auch nicht ihr gleichsetzen.

scherzte und sang.die ihre Kräfte überstiegen hatten. Niemals hatte es bessere Zeiten stigeren Boden für Betrug Das Fräulein mer sie konnte. über die jüngste Vergangenheit. machte sich schon in den reicheren Häusern breit. die wie ein er- habenes Drama mit glüddichem Schluß aussah. aber man unterhielt sich auch über Politik. nie- mandes Verdienste konnten richtig abgeschätzt und niemandes Betrug mühelos durchschaut. Aber Empfänge gab es nicht nur am Dienstag. niemandes Ansprüche rundweg abgewiesen und niemandes Recht verläßlich nachgeprüft und für alle Zeit gesichert wer- den. Man tanzte zum Grammophon. sondern begann sogar sich selbst zu verlieren ist und immer türlich. Gewohnheiten und Ideen nicht zurechtfinden. diesem Ansturm der und konnte sich in Menschen. weniger wiederzuerkennen. Es nur na- daß unter solchen Verhältnissen keines Men- schen Bestrebungen klar und durchsichtig waren. die später ganz Bel- grad erfaßte. und 1S3 . denn so und einen günund Selbstbetrug gegeben! wich diesen Empfängen aus. men voll aneinandergepreßter Körper und voller Ge- wühl begann überhandzunehmen. An größeren Feiertagen oder bei jedem anderen geeigneten Anlaß kamen die Menschen auch nach dem Abendessen zur Familie Hadzi-Vasic. Das unwiderstehliche Bedürfnis nach mögnach halberleuchteten Räu- lichst lauter Gesellschaft. Kunst. Zimmer. konnte auch nicht das Gute und Nützhche vom Schädhchen und Überflüssigen scheiden. Diese Vergnügungssucht. wann im- Am Dienstagnachmittag hatte sie stets ihr erschienen diese tanzfreudigen jun- etwas in der Stadt zu besorgen oder blieb in ihrem gen Leute verrückt und die alten Damen im Salon ebenohne Verstand.

Außerdem gehörten beide der Bewegung der revolutionär-nationalistischen Jugend Bosniens an und hatten die vier Jahre des Weltkrieges in österreichischen Internierungslagern zuge- bracht. Beide hatten schon einen guten Namen in der neuesten Literatur. der zenden oder diskutierenden Kinder. das sich aus Verachtung. wenigstens ihren ernsteren Gesprächen zu Eines Abends verkündeten lich Danka und Darinka feier- daß nach dem Abendessen neben anderen jungen Leuten zum erstenmal auch z\vei bos- und aufgeregt. Sie und den anderen war zufrieden. folgen. Alles. die zum Abstempeln und Grundstücken erkundigte. Stikovic und Petar Budimirovic. nische Dichter. zu vergnügen. die ein dankbares und unerschöpfliches Thema war. sich ein Greuel. oder nach den Prei- sen von Häusern der Jugend stieß sie alles ab: ihre Art. zu Mit ihm unterhielt sie sich leise sie sich und zurüddialtend. kom- men würden. Das Fräulein saß finster dabei. Als junge Dichter und nationale Kämpfer und Hauptstadt die unge- Dulder genossen 184 sie jetzt in der . Aber sie versuchte. wie auch ihre Gespräche und Diskuswas sie von diesen jungen Leuten hörte sah. zu tanzen sich Von und sionen. verletzte sie und und erfüllte sie mit einem besonders unangenehmen Gefühl. wobei nach den Maßnahmen. Zorn und Furcht zusammensetzte. wenn Väter dieser tanihr setzte. sich irgendeiner der älteren Leute.über die Zukunft. der Kronennoten getroffen wurden. die zwar noch in keiner ge- druckten Literaturgeschichte berücksichtigt und auch sonst noch nicht offiziell anerkannt war. die jedoch die Herzen der jungen Männer und der Frauen verschiedensten Alters gefangennahm.

Zigaret- und Rotwein zu. ernste ruf iSs . nur waren sie sich nicht einig. in ten Freunde zu dem und dieser lebhafte Wettstreit ein echtes Bedürfnis sie liebten ist. Das waren vorzeitig und ruhige junge Leute. hatte noch nicht begonnen. Nächte mit lebhaften Diskussionen bei Kaffee. ihn wie die Kinder ihr Spiel. so hielten die Diskussionen sie um so fester zusammen. Einige hatten schon Stellen im Staatsdienst inne. Es gab unter ihnen schon einige. daß sich vor ihnen ein Leben voll unbegrenzter Möglichkeiten eröffnete. Alle waren in dem Alter. Die meisten von ihnen hatten am Krieg teilgenommen und unlängst ihr Studium in Frankreich abgeschlossen. gute sein. frohe. also alle Freunde Misas. Es waren junge. keinen Sinn für deren Zusammenstöße und Reibungen besaßen und reits sich be- zur praktischen Arbeit in der Wirtschaft und im Bankgewerbe entschlossen hatten. Ebenso warteten sie nur auf gereifte. denn wenn auch Ideologien und Meinungen sie trennten. wie und wozu man diese Möglichkeiten ausnützen sollte. die von logien gleich weit entfernt waren. ehrgeizige Leute.Sympathie der Gesellschaft und der ÖffentlichAußer diesen zwei neuen kamen auch die üblichen Gäste. die ihren Beund Weg schon gefunden hatten und nur nodi zwischen der Nationalbank und einigen neuen wirtschaftlichen Unternehmen schwankten. sie ernsthaft Das Leben zu sieben und allen Ideo- zu scheiden. ihren Neigungen und Auffassungen stark voneinander und brachten oft Stunden und ganze teilte keit. Das hinderte sie nicht. die erst gegründet werden sollten. doch alle waren von dem Gefühl durchdrungen. Sie unterschieden sich in ihrem Temperament.

denn er war ebenso Mitglied eines Unterausschusses des Roten Kreuzes wie Mitglied und Re- präsentant zahlreicher Gesangs-. mit der die übrigen jungen Leute ihre Meinungen bildeten und druck brachten. Rankoerste und Milenkovic. immer mit einem AbzeiAn einem Tag war es das Abzeichen des Roten Kreuzes. der Sozialist. ein geschickter andere war die Redner und ausgezeichneter Tänzer und Sänger. Er reifer und Sportver- war ein schon recht dicker. ein Rechtsanwaltskandidat. am nächsten das eines Gesangvereins. genannt Adamson. Führer einer linksgerichteten. um sich eine Frau aus der einflußreichsten suchen. regelmäßigen Gesicht eines Römers. der chen im Knopfloch erschien. zum Aus- Da waren vic zwei junge Gymnasialprofessoren. die sich hier versammelten. kräftig.die Heimkehr der übrigen Belgrader Familien aus der Emigration. zäher Mensch. die der Konservativen. republikanisch gesinnten demokratischen Jugendgruppe. ein polemischer Geist. für seine Jahre zu Mensch mit spöttischem Gesichtsausdruck und kurzer. der marxistische Literatur bis in alle Einzelheiten kannte. Die beiden nahmen gewisser- maßen eine Führerstellung ein. Die dritte und kleinste Gruppe. Kultureine. vertrat Mile Adamovic. mit dem ruhigen. Stattlich. und vermögendsten FamiUe zu war die Freiheit Zu ihnen so größer gehörte auch der Gastgeber Misa. Aber um und Heftigkeit. scharfer Redeweise. auch die feinsten Unterschiede der einzelnen Doktrinen zu erforschen. hatte seine und jeder von ihnen Gesinnungsgenossen und Anhänger unter den Freunden. Der war Lehrer für serbische Literatur. ein energischer. der es sich zur Aufgabe machte. mit gro- i86 .

eine Ironie. daß noch niemals einer seine Zähne gesehen hatte. Bekannt war sein Ausspruch: »Gut gebrüllt. in Wirkhchkeit aber bedeutungslosen. so sich selbst je zum Lachen brachte. Löwe. bekannten Gesellschaft kamen Leute aus den neuen Gebieten — Kroaten. Aber an diesem Abend stellten die beiden bosnischen Dichter alle. volkstümlichen Ausdrücken. Er scliilderte die 1S7 . und die Männer fürchteten ihn größtenteils. selbst Adamson. Stikovic erzählte von seiner Kerkerhaft in Arad. Slowenen und lebhafte. gewandte Dalmatiner — ins Haus. in der etwas Nihilistisches und Patriarchalisches. etwas tierhaft Rücksichtsloses und väterlich Gütiges mitschwang. tiefer Stimme und sicheren. Seine Waffe war die Ironie. Alle ungestümen Reden seiner extremistischen Freunde beantwortete er mit einem kühlen Scherz. Die Frauen liebten ihn. in den Schatten. Jeden Dienstag brachte jemand irgendeinen neuen Gast mit. der andere selbst aber nicht lachte. einen schüchternen oder zudringlichen Menschen von unbekannten Fähigkeiten oder unbewiesenem Ruf.ßen Augen und festem Blid^. Er duzte jeden und vertrug auch nicht den kleinsten auf ihn gemünzten Witz.) Adamson war ein Mensch. gemessenen Bewegungen. unfruchtbaren Menschen nicht selten. In seiner Rede wimmelte es von türkischen und altertümlichen Wörtern und kühnen. ohne das geringste Lächeln. den er nicht einmal selbst genau kannte. ohne verwirren zu lassen. die wie eine unwiderstehliche Kraft aus diesem starken Körper hervorbrach. der jeden verwirren konnte. (Bei uns wie auf dem ganzen Balkan ist diese Art des ruhig und kräftig aussehenden. aber wer soll das bezahlen?« Außer dieser festen.

sondern nur noch unterstrichen wurde. er möge eines seiner Gedichte vorlesen. war kleiner und bescheidener als Stikovic. Es war quälend und doch angenehm. von Leiden zu hören. dichterischen Aussage zu jener Zeit. jenseits aller Gedichte und Rezitationen.groben und traurigen Szenen sehr kunstvoll. nicht lange bitten. daß er das alles durchwandert habe wie Dante die Hölle. Er lehnte das höflich ab. Er Gläsern auf den die durch sein schmerzliches Lächeln nicht gemildert. Die Mädchen schauten auf seine mageren und regelmäßigen Hände. ohne selbst davon irgendwie berührt zu werden. das jeden Tag lebhafter und reicher wurde. um dafür einen las wahreren. die für immer vorbei waren. Er heiserer Stimme. während dichte ohne jemand zu beachten. Dagegen ließ sich der zweite Dichter. sprach leise mit mit und einfach. mit einem stolzen und herablassenden Lächeln. Vergebens baten ihn die Gastgeberinnen. die sich merkt aufdrängte und alles dem Zuhörer unberingsum zum Schweigen . Budimirovic. kam. das aus irgendwelchen Höhen. so daß er bei seinen Zuhörern den Eindruck zurückließ. Schon auf die erste Auf- forderung hin zog er ein zusammengefaltetes Papier aus der Tasche. mit der gekrümmten Nase und den dünnen. so mitten im freien Leben. Wissen und Geduld hatte. zugleich aber wie ein weit entfernter oder darüberstehender Beobachter. da alles voll küh- ner Ideen und geschwollener Gefühle war. bleibenderen Ausdruck zu finden. Mit den müden Augen. rasierten Lippen hatte sein scharfes Profil etwas von der Strenge eine Inquisitors. Das war eine beliebte Form der er. eines seiner Gein Prosa vortrug. aber einer verborgenen Schärfe. jedoch nie- mand Zeit.

was er in der Einsamkeit. weil sie undeutlich oder unfaßbar waren. sie verstand weder etwas Worte noch den verbindenden Sinn. unmittelbar neben der Tür in einer und lauschte dem Vortrag des jungen Dichters. daß es sich um einen schrecklichen. andächtige Stimme. Das eben erschien ihr unverständlich und ein wenig beschämend. und ganze begriff. Aber die allgemeine Aufmerksamkeit und Stille und die so leise. sich zu sammeln und aufmerksamer zuzuhören. blutigen Angriff auf den Reichtum und die Reichen. erbarmungslosen Reichtums wurde meine 189 . auf ihr Geld und ihre Lebensweise handelte. drohende Stimme des Dichters nötigten sie. Sie konnte nicht jedes einzelne Wort verstehen. Sie sah Armseliges und Unanständiges darin. blieben an der weitgeöffneten Tür stehen und horchten auf diese schwache. Zu Beginn die — zerstreut. daß sich ein Mensch in die Mitte des Zimmers setzte und mit feierlicher Stimme das vorzulesen begann. die sie gut hörte und ging klar hervor. wie hatte auch die Diskussionen der jungen Leute und die Grammophonmusik mit angehört finster und gezwungen. Sätze gingen ihr verloren. und mein Blick fiel auf das Haus des Reichen und mein Gedanke auf ein hartes Herz.brachte. Jetzt erst begriff sie. so scharfe. Beim Anblick eures hoffärtigen. aber aus denen. im Zwiegespräch mit sich selbst ersonnen hatte. versteckt und von den anderen kaum Ecke sie bemerkt. worum es sich handelte. Das Fräulein saß. »Wie weit ich durch die Welt gewandert und wohin immer ich gekommen bin. Auch einige der Älteren im Salon erhoben sich von ihren Plätzen. mein Stab stieß auf steinigen Weg.

und weder seinem Ton noch in seinen Worten war etwas zu spüren. zum Scherzhafin Doch der Dichter Hoffnung sie las weiter. Trotzdem war es unmöglich. und jetzt mit genau vorherbestimmtem Schicksal geboren. daß ein Mann. wir mit einem düstealle werden wir 190 . später aber von denn ich fühlte. den einen Dichter nannten. die Worte waren offen und der Sinn klar. der klüger und geistSeele zuerst von Bitterkeit Wut und Haß erfüllt. Dann wandte er sich an die Reichen: »Schön habt ihr die Welt aufgeteilt: alles ist für euch und eure licht Kinder.und Angst. Im Gegenteil. welche Schande es ist. schließlich mußte irgendeine geistreiche Wendung kommen. hörte aufmerksam zu und fragte sich immer wieder.« Das Fräulein schaute auf ihre im Schoß gefalteten Hände. Mensch zu sein. die allem einen anderen. ihr mit einem lichten. habt ihr euch genommen. was finster und mühselig ist. für die Kinder eurer Kinder und für eure Diener. Es konnte kein Zweifel bestehen. >Das sie nicht möglich<. aber sie alle Gesich- ter der drückten nur ge- spannte. wahren. vielleicht alles gesunden Sinn gab oder ten wendete. rief alle der junge Mann. so etwas als sein Geist dicht vortragen konnte. was zu dieser berechtigte. sich gegen die Reichen zu vereinigen und deren Reichtum an sich zu reißen. Gut habt ihr die Welt aufgeteilt: alles. fromme Aufmerksamkeit aus. dachte und betrachtete verstohlen und ängstlich die übrigen Zuhörer. wie das Gesicht der Erde ein Grund des Spottes für das Weltall ist. was und schön ist. und ich sah. reicher sein müßte als die anderen. Armen dieser Welt auf. habt ihr uns gelassen. ob ihre Ohren sie nicht täuschten und ob es denn möglich war. das Trennende beiseite zu las- sen. alles.

was man wollte. Begeisterter Beifall unter- brach ihre Gedanken. Alles in ihr empörte sich gegen diese. Ihre Finger krampften sich ineinander. aber das Fräulein ver- mehr richtig. Sie fühlte ein unwiderstehHches Bedürfnis. es durch Heirat. denn er wird für sie Last und Verderben bedeuten. daß sie es nicht aushalten würde. sie sah ein. Der lebhafte Applaus hatte beigelockt. eure Kinder werden sich ihres Namen schämen und dem Reichtum entsagen. doch sie wagte es bei der vollkommenen Stille und Regungslosigkeit ringsum nicht. sind schon reich oder auf dem Wege. der jetzt langsam und verlegen sein Papier zu191 . wie sie meinte. mochte man von ihr denken. >Sie alle<. klatschte. dachte das Fräulein bei sich. nicht ewig. Politik oder Arbeit zu werden. gotteslästerliche. und es wird einen reifen Sommer und ein herbes Obst geben. die hier feierlich. Die ganze Jugend.« ren. Der Dichter fuhr stand ihn nicht fort zu lesen. Unser Zorn reift heran. Verbittert erhob sie sich. gegen diese offene Aufforderung zum Raub. Am Türpfosten beleibteren. denn plötzlich hatte sie einen Blutandrang im Kopf. und trotzdem begrüßen < sie alle begeistert diese Dichtung. aufzustehen und das Zimmer zu verlassen. die im Zimmer war. wenn das noch andauerte. >ohne Aus- nahme. und daß sie aufstehen und weggehen müßte. ob Frau. sie her- stand der dicke Adamson mit einem noch zeigte grauhaarigen Herrn. diese Frechheit. in die Form eines Gebetes gekleidete Lüge. Der Dichter hatte geendet.Gut habt ihr die Welt aufgeteilt! Aber eure Teilung ist nur schrecklich. mit ruhigem Gesichtsausdruck und leicht zur Seite geneigtem Kopf vorgelesen wurde. Adamson dem älteren Herrn den Dicliter. ob Mann.

nachdem sie den quälenden Eindruck vertrieben hatte. ein wenig enttäuscht. »Der. >Was wollen denn die jungen Leute jetzt?< (Plötzlich tauchten vor ihren Augen j die Vorkriegsstu- denten von auf 1 914 am Flußufer in Sara evo auf.« »Der?« fragte der Herr. Ihre Mutter schlief im zweiten Bett. Hier gedachte sie sich zu sammeln und zu beruhigen. Nirgends Ruhe und Einsamkeit. denn sie stellte sich oft nur schlafend. Schlief sie? Das war die große Frage. als könnte sie dann nicht unbeschwert denken. um die Tochter nicht durch ihre Anwesenheit zu stören. Übrigens wußte man bei ihr nicht. sagte sie zu sich. wenn sie schlief oder wenn sie wachte. Der ist Bolschewik durch und durch.) Was bedeutete diese 192 . der da mit dem Zwicker.sammenlegte und noch immer so dastand. Sie legte sich ins Bett und löschte das Licht. sich niederzulegen und einzuschlafen. weiterlesen. Aber auch das war nicht leicht. mit langen Haaren saßen dem sterten steinernen Geländer an der Miljacka und flüvon gefährlichen Dingen. dort in der Mitte. was sie gehört und gesehen hatte. wie Sie ihn da sehen. Das Fräulein ärgerte die ungewohnte Anwesenheit einer zweiten Person in ihrem Schlafzimmer. der von allem geblieben war. Es schien ihr.« Das Fräulein drängte sich entschlossen an ihnen vorbei und ging in ihr Zimmer. aber in der Finsternis wurde sie noch zorniger und konnte noch weniger schlafen. Und immerwiederkehrten ihreGedanken zu dem Vortrag des Dichters zurück. der! Dieses Kerlchen. als wollte er »Schau. ob sie stiller und ruhiger war. >Von Tag zu Tag geht es toller zu in diesem Haus<. Sie kam sich vor wie in einer Falle. In schwarsie tatenlos zen Pelerinen.

In diesem sie sich endgültig. woran man nicht rühren durfte? Und daß sich niemand fand. der dienannten. um das sie schon drei Wochen feilschte und und stritt. den man für das Haus in der Stig- straße forderte. auch wenn sie den zahlen mußte. ohne Un- terschied der Gesinnung. entgegentrat. und sem Bestreben machte. Journahsten. Schauder der Erbitterung entschloß wie möglich auszuziehen. und zwang sie. die sich Dichter. Aber das. wozu sie sich in der nächtlichen Erbitterung Schlaflosigkeit so leicht entsdilossen hatte. taten und be- saßen? Wer konnte ihr darauf Antwort geben? Aber stellen. ihren Kopf noch so bald Preis im Kissen zu verbergen. handelte es jungen Mädchen zu prahlen? Oder wie es ihr heute abend vorkam. der jene es sein Menschen nieder- wenn mußte. solche Fragen zu und erboste sie alle durch und ließ sie im Bett auffahren. Sie hatte für mehrere Häuser In- 193 . les. die sie schon Monate hindurch um sich bemerkte? Wer waren diese Leute. zu tiefer der jetzt wieder Antwort die wilde Negermusik alle. und Sparsamal- gegen Ordnung und Verstand. sen hatte bittlidi Erbitterung nachgelas- und die Frage der Bezahlung starr und uner- vor ihr stand. Doch Mauern und Türen drang zu ihr wie ein ferstatt jeder nes Gelächter des Grammophons. damit diese Unsicherheit und Gefahr aus der Welt verschwand! War das alles nur ein Scherz und ein Versuch müßiger junger Burschen. gegen die was Menschen schätzten. kurzum. tanzten. liebten. um eine wirkliche Verschwörung gegen Geld keit.sinnlose Verwirrung. NationaHsten oder Kommunisten warum rührten sie an etwas. vor dummen sich. als die war bei Tage schwer auszuführen. verwirrte schon das Bedürfnis.

als der andere sie selbst zu wahren verstand. nachlässigen Sarajevoer. Dieses Haus in der Stigstraße. über das sie zuerst verhandelt hatte. fühlten. die ihr am meisten zusagte. und fremde Interessen nur soweit achteten. Schließlich einigte man sich auf das Haus in der Stigstraße. den Preis auf die niedrigste Grenze. dessen wahre Absichten man schwer durchschauen konnte. glücklich. herunterzusetzen und eine Art der Bezahlung zu erreichen. abseits gelegen. Frau Radojka schied mit Bedauern. das Fräulein hingegen mit Vergnügen. Aber auch die Verkäufer und selbst Gazda Djordje. Sofort hatte sie gefühlt. die es verstanden. Vorsicht und Gerissenheit in dem ältlichen Fräu- lein steckte. jenes maßlose Leben hinter sich zu haben und dem ganzen jungen Volk entronnen zu lich sein. die möglich war. Und sie empfand Furcht und Respekt vor diesen geschickten und hartnäckigen Leuten. aber jedesmal war sie auf einen ge- schickten. ziem- verwahrlost und etwas feucht. mit den alten Mö- 194 . (Der Eigentümer des Hauses. sagte bei der Unterzeichnung des Kaufvertrages.teresse gezeigt. daß diese Belgrader Geschäftsleute aus einem anderen Holz geschnitzt waren als die weichen. verließen die kaufe und verkaufe. wieviel Kraft. ihre Interessen zu verteidigen. der seine Nichte mit ihnen in Verbindung brachte. rücksichtslosen Verkäufer gestoßen. Es gelang dem Fräulein. obwohl er schon über zwanzig Jahre Häuser und Grundstücke Als die Möbel aus Sarajevo ankamen.) beiden Frauen das gastliche Haus in der Smiljanicstraße. daß er einen solchen Roßtäuscher und Re- chenkünstler sein Lebtag nicht gesehen habe. ein reich geworde- ner Mazedonier.

heizte nur ein Zimmer. verschiedenartige. Unzählige. Eine Aufwartefrau kam täglich für zwei Stunden und verrichtete die gröbsten Arbeiten. Unbekümmertheit neben Heftigkeit. Sittsamkeit und moralische Schönheit neben den verschiedensten Lastern und Scheußlichkeiten. Der dritte Raum war ein feuchtes. Durch die aufgewühlten Straßen und zertrümmerten. Man kochte einmal für den ganzen Tag. halbdunkles Kämmerchen. Das ganze Leben kam ins alte Gleis. an dem sie all- mählich sich selbst und ihre Lebens- und Denkweise et- wiederfand. sich was vom Leben abzusparen. Das Haus hatte im ganzen zwei bewohnbare Zimmer. rüd<sichtslose Wettlauf der Profitjäger und Spekulanten aller Art entwickelte sich zugleich mit dem Spiel von Geist und Phantasie weichlicher Träumer und kühner Ideologen. Hier hatte sie wieder das Gefühl. Das Leben in Belgrad war um das Jahr 1920 bunt. noch nicht ausgeformter Gewohnheiten alte Arbeitsweise und mannigfaltiger Unregelmäßigkeiten. gewaltige Kräfte gingen Hand in Hand mit unverständlichen Schwächen und Mängeln. war für das Fräulein der rechte Aufenthaltsort. Der immer schnellere. Behutsam und vorsichtig begann sie sich in Geschäfte einzulassen. verwahrlosten Häuser mit den siclitbaren Spuren des 195 . die flecht patriarchalischen Lebens stand und strenge Zucht des neben dem bunten Geneuer. stürmisch. das zu nichts nutze war. und auch das mit Maßen. ungemein verworren und voller Gegensätze. Nun hatte jede der Frauen ihr Zimmer. Im Hause wurde wieder sparsam und dürftig gewirtschaftet wie einst in Sarajevo. Das Fräulein nahm wiederum alles in ihre Hände und führte es auf ihre Weise.beln aus Sarajevo und der früheren Ordnung.

für es gab moralisch Zerbrochene und es immer Beschämte. mit demselben naiven Glauben und der unbe- stimmten Hoffnung auf eine nahe. es gab mutige. die alles von den neuen Verhältnissen und dem morgigen Tag erwarteten. gab Satte und Ungeduldige mit grenzenlosem Appetit und barbarischer Frechheit. es gab Patrioten mit der alten Liebe zu ihrer Heimat. hellsichtige Neuerer. es gab Fanatiker und Hitzköpfe. die sie ihnen einflößte. aller Stände und Berufe. der Krieg an die mühsam verbargen. es gab Menschen aller Bekenntnisse und Überzeugungen. denn täglich stürzten sich Hunderte von Zuwanderern kopfüber in sie hinein wie Perlenfischer ins tiefe Meer. Hierher kam. die Oberfläche emporgetragen und zum hatte Vorschein gebracht. die unaufhörlich wuchs. Hier waren viele junge Leute aus allen Gebieten des entstehenden Staates zu finden. Es gab viele. aber auch kühle Rechner und Egoisten. solche. Hier fand man solche. bessere Zukunft. die ihr Vermögen und ihre Stellung durch die neuen Verhältnisse bedroht sahen und verteidigen wollten. Es gab hungrige und und schlecht ge- kleidete Menschen.Krieges wälzte sich die bunte Menschenflut. ver- schiedener Rassen und Nationalitäten. die keine abgeschlossene Ausbildung besaßen. die nicht an sich selbst dachten. die schon zu dieser Zeit weiter blickten und mehr sahen als ihre Mitmen196 . die der Wunsch hergeführt hatte. wer sich hervortun und wer sich verbergen wollte. und hier gab es genug ältere Menschen. die er gründlich geschüttelt und gewandelt und die jetzt Halt Gleichgewicht suchten. die sich anzupassen trachteten. das eine wie das andere zu erwerben. gerade in dieser Flut Rettung suchten und die Angst und den Abscheu. neben sol- chen. und auch solche.

schließlich gab es internationale Agenten. Wie Seefischschwärme. So konnte man auf der Straßenbahn- hnie Slavija—Kalemegdan zu Mittag oder gegen Abend unerwartet einem Jugendfreund begegnen und dank diesem zufälligen Zusammentreffen schon am nächsten Tag als wohlbestallter oder gar als reicher Mann erman war. die ihre ganz eine üppige. mächtige Atmosphäre unbegrenzter Möglichkeiten auf allen Gebieten. dringenden Bedürfnissen hierhergetrieben worden waren. was finden war. aber alle diese alles in dieser Menschenflut zu man kann mit Gewißheit sagen. die günstigere Lebensbedin- gungen suchen. derentwegen man gekämpft und gesiegt hat. daß Leute von mächtigen Trieben und großen. trügerische. wer und was man mit und unanfechtbarer Bescheinigungen wocl:ienlang vergeblich von einer einer Aktentasche voll bester Zeugnisse 197 . die. so strebte die Flut in den Schatten der neuen Macht und der neuen Gesetze. Eine Lösung eben dieser Fragen suchten Menschen damals. doch erregende. bunte Tiefenflora. es gab von den Kriegen erzeugt.sehen. herrschte eine ungesunde. bestimmten Ziele verfolgten. Kurzum. sie ihren Wünschen und Interessen oder sich selbst ihnen anzupassen. jetzt und den großen Erschütterungen im Frie- den an die Oberfläche geworfen wurde. Es ist unmöglich. Aber ebenso konnte wachen. ohne daß jemand eingehend geprüft hätte. In diesem Gewimmel und in der Luft. auch nur annä- hernd aufzuzählen. entschlossen. die es umgab. In unserer Zeit lösen auch die größten Kriege und vollkommensten Siege nur selten und nur unvollständig die Fragen. schwieri- ger Fragen auf. vielmehr werfen die sie in der Regel eine große Zahl neuer.

Sie fürchhätte nicht mit Bestimmtheit sagen können. geistige Unordnung in dieser ersten Phase. einen noch größeren zu bekommen. aber ebenso fürchtete sie sich vor dem neuen. eine innere Organisation und einen endgültigen Namen anheimelnde verfügte. Etwas von der Üppigkeit und dem Chaos des Goldlandes Eldorado war in dem Leben und dem Aus- sehen dieser Hauptstadt eines großen Staates zu entdecken. um wieviel reicher 198 . es zu schildern. ohne zu seinem Recht zu kommen. Überall herrschte eine reiche. die damals gelebt haben. Sie wovor sie sich fortwährend fürchtete. ohne militärische Rangabzeichen. Bald erschrak sie vor einem Granatloch. bald vor einem abendlichen Passanten. Und und Tritt bemerkte sie. Das Leben dieses neuen Belgrads hat noch niemand geschildert. schaute vor sich hin und warf nur selten kurze. Sie trat leise und vorsichtig auf. Spuren des Krieges. Durch dieses Belgrad mit der ungeheuren Menschenflut ging auch Fräulein Rajka Radakovic aus Sarajevo. das rücksichtslos neben den Ruinen und den vom Unglück tete sich vor diesen betroffenen auf Schritt Menschen brodelte und dahinjagte. tosenden Leben. mißtrauische Blicke um sich. denn jeder bekam in ihr seinen Gewinnanteil und hatte die Hoffnung. einem der vielen entlassenen Soldaten im Mantel aus grobem braunem Tuch. und es ist auch nicht leicht. in der sich noch niemand darüber aufregte. doch jene. das in einem verlassenen Hause gähnte.Behörde zur anderen laufen. der noch nicht einmal über feste Grenzen. können es auch heute in ihrer Erinnerung wachrufen und fühlen es dann mit allen Sinnen wie ein außergewöhnliches und materielle Klima oder eine bestimmte Jahreszeit.

aber auch schroffer und gefährHcher hier das Leben war als in Sarajevo.und verworrener. jedem Vormittag ging das Fräulein die Njegosstraße hinab. von denen jeden Tag mehr zwiFast an schen aus dem Hotel »London« und dem Cafe »Kolarac« dem Boden schössen. Sie lehnte sich auf den Ladentisch und fragte: »Was zahlen Sie für serbische Tabakaktien?« »Wieviel haben Sie?« »Ziemlich viel. es sah leicht und fröhlich war es trügerisch wie ein Kinderspiel aus. durch Schnee und Schmutz. so spröde und rücksichtslos in seiner Rede wie sie. in Wirklichkeit aber und unbarmherzig wie das Würfel- spiel. bei Regen und Sturm. Je nachdem. die im Grunde sehr eilig hergerichtete. Das Fräulein bemerkte das gar nicht. Sie fühlte das mit dem unfehlbaren Instinkt eines Menschen. Außerdem war vor jeder Wechselstube eine schwarze Tafel aufgestellt.« Der Jude wollte den Preis nicht nennen. aber das 199 . einen Hut auf dem Kopf. und einem neuen La- ten Ofen ein spanischer Jude neben der Kasse und einem kleinen. erregende Aufschrift an. schmale halbleere Läden waren. erkaltenamens Anaf oder Medina im Wintermantel. stand hinter dentisch. der nur einer einzigen Leidenschaft er- geben ist. Schon von weitem lockten sie und beredte das Fräulein durch ihre große. auf der mit Kreide alle Devisenkurse des Tages notiert waren. blau vor Kälte. unhöflich und mürrisch. In diesen »Geschäftsräumen«. und suchte verschiedene Banken und besonders die Wechselstuben auf. wieviel Sic zahlen. durch das einzige Wort: Geldwechsler. Im übrigen war keiner von diesen Geldwechslern so finster.

Während sie sich wie ein Maulwurf Dieses Spiel. dachte sie immer seltener an ihren ehemaligen Traum von der Million und fühlte immer weniger das Bedürfnis danach. Richtige Geschäfte machte sie jedoch nur noch selten. sprachen half. daß es ihr gegenüber nichts mürrisch zu stellen. Bald kannten alle Wechsler diese düstere Frau. in diese winzige. ohne etwas gekauft oder ver- kauft zu haben. und auch dann handelte es sich stets um unbedeutende und äußerst vorsichtige Operationen. wenn sie es damals verkauft hätte. prüfte trug diesen eingebildeten Verlust oder Gewinn in ein besonderes Buch ein. angenehme wie unangenehme. Dann sie grußlos hinaus. unwirkliche Operationen durch. als hätte irgendein anderer ihn geträumt und ihr davon erzählt. nicht einmal das Grab in Kosevo. was sie wollte. schrieb ihn sich auf.Fräulein bot sofort andere Papiere an. bis sie erfuhr. und sie sich. Auch ihre Erinnerung an Sarajevo begann rasch zu verblassen. das jetzt jen- 200 . Eingehend und genau erkundigte den günstigsten Kurs eines ihrer Papiere dann zwei bis drei Wochen lang. und als sie sahen. und immer häufiger führte sie bloß erdachte. erkundigte sich nach den Kursen und setzte ihm so lange zu. wie hoch der Verlust oder der Gewinn gewesen wäre. und wenn sie sich an ihn erinnerte. in dem sie täglich blätterte und las. war es ihr. das für sie viel brachte ihr große Aufregungen. sich gleichgültig oder sie mit ihr wie mit einem Menschen von ihrer Zunft. mehr als ein Spiel war. aber sie erwarb in ihm auch neue Erfahrungen und Kenntnisse. bis sie wußte ging oder wenigstens ahnte. doch unübersehbare Arbeit vergrub. Nichts zog sie mehr dorthin zurück. immer schwerer fand sie den Willen und die Entschlossenheit dazu.

Das Mädchen war Jovanka Tanaskovic. den Ruhm wie die Schande. Trotzdem gelang es ihr nicht. die sie dort in der letzten Zeit erlebt hatte.seits allen Raumes irgendwo in namenloser Höhe zu alle schweben schien. Alle Erschütterungen. bis sie eines Tages persönlich erschien. Das ungestüme. wie sie es wünschte. das Gute wie das Böse. obwohl sie selbst nicht wußte. weiterhin in Verbindung. Das Fräulein hatte oft gehört. 201 . und bedeckte wie der Urwald oder das Meer alles mit dem Schleier des Vergessens. Zur Familie Hadzi-Vasic ging vergaß sie sofort und die Be- kanntschaften. Diese Angst lebte auch in ihren Träumen. die sie während der letzten Tage ihres Aufenthaltes in der Smiljanicstraße kennengelernt hatte. Mit zwei Menschen. daß sich die Angriffe der Zeitungen wiederholen und von irgendeinem Belgrader übernommen werden könnten. wie und warum das geschah. sich von diesen Leuten ganz zu trennen und so allein zu sein. eine entfernte Verwandte Frau Sekas. die sie in deren Hause gemacht hatte. kamen ihr milder und Verluste erträglicher vor. sie selten. daß man im Hause Hadzi-Vasic von ihr als von einem sehr eigenartigen Geschöpf sprach. sich mit dem Fräulein be- kannt machte und sich gleich an sie anschloß. und für immer. Es blieb nur die heimliche Blatt Angst. Aber die Befürchtungen erfüllten sich nicht. mächtige Leben der Hauptstadt schluckte alles. blieb sie einem Mädchen und einem jungen Mann.

Ihr Händedruck war männ- 202 . daß es nur eine Jovanka in der Welt Sie füllig. wurde in einem breiten Kreise von Männern Frauen der damaligen Belgrader Gesellschaft mit besonderer Betonung und bedeutungsvoller Stimme ausgesprochen. mit starken Beinen. wirkte an ihr. Alles. der ausreicht. volkstüm- Hche Taufname. seltener Name wie Armida. Olivera oder Kasija. um eine Frau für immer im Meere und der ländhchen und städtischen Jovankas zu begraben. und in Belgrad gab. mochte es noch so bunt sein. alltägHche. Sie hatte starkes schwarzes Haar. das fest zusammengebunden war und ungepflegt aussah. Ihre Haut war grau und unscheinbar. schnellen und entschlosse- nen Bewegungen. doch war ein Mädchen in den Dreißigern. Aber sie kleidete sich überhaupt einfach und nachlässig und machte ganz den Eindruck einer verwahrlosten. ebenfalls grau und ärmlich. als wäre es ein romantischer. fast unsauberen Frau. glänzenden braunen Augen und durchdringendem Blick.- man nannte ihn. ohne einen Familiennamen oder Spitznamen hinzuzufügen. klein. was sie an Kleidern und Schmuck anlegte. Klorinda. denn jeder verstand.VII Jovanka! Dieser gewöhnliche.

dachte die Liebe der nicht ans Heiraten stellte und an Männer und ans Leben keine Ansprüche. unbemerkt und uneigennützig drang in das Schicksal des wollte. Grundstücken und Wertpapieren hinterlassen hatten. und Ambitionen. Alles. Unhörbar. Es hatte den Anschein. die der anderen auf sich nehmen. als wollte der ganzen Welt helfen und. Nur so konnte sie Leiexi- und nur darin fand sie den Sinn ihres Lebens. nehmen an fremden Schicksalen. Sie Sie lebte allein. hatte die philosophische Fakultät absolviert und besaß unzählige Bekannte und lieh. unklar sagen. und unbegreiflich. die früh verstorben waren und ihr ein schönes Vermögen in Form von Häusern. war: schöpf mit der Kraft Anteil zu denschaften stieren. bescheiden. Weit verzweigt und verworren waren ihre Freundschaften mit Männern und Frauen der verschiedensten Berufe sie und Altersstufen. was sie wollte und wünschte. neugierige weibliche Ge- und Entschlossenheit eines Mannes in ihrem feurigen und unermüdlichen Tun bewegte und leitete.Stimme klang grob und heiser vom vielen Rauchen. Es wäre schwer zu was dieses unruhige. breiten Kreisen der Belgrader Gesellschaft. Erfolgen und Mißerfolgen. sie Menschen ein. den sie beschützen und nahm teil an seinen Bestrebungen. ihr Schritt miHtärisch. Plänen. was Eifer und Kampfgeist betraf. da sie selbst keine Sor- gen hatte. Dieses Mädchen mit dem bohemienhaften Aussehen und Benehmen stammte aus einer angesehenen und reichen Belgrader Familie. Alles an ihr war un- geordnet. denn sie war fest über20^ . die weitverzweigte verwandtschaftliche Beziehungen zu war die einzige Tochter ihrer Eltern. sie sprach hastig und abgehackt. Dabei überbot sie ihre Schützlinge. wie ein Sonderling.

Und bel. so im Vorbeigehen. daß sie deren Absichten richtiger verstand und ihre Interessen besser vertrat als sie selbst. Geschäfte und Ämter auf. er ist ringeren Anlässen den Kopf. dort gebe es welches. Man hat mir ge- sagt. 204 . Ohne Galoschen und Regenschirm.zeugt. Und hätte man sie angeund gefragt. doch hart und scharf wie sie eine Stahlfeder. hätte sie einem. in die Hände den Taschen des Wintermantels vergraben. Arzt zu finden. aber es gibt jetzt Und nun gehe ich in die städtische Ambulanz. >Was machen Sie denn hier. würde weitereilen. Im Staatlichen Krankenhaus. wie sie dort. geduldig auf und ab geht. >Sie kennen die Zagorka. Es ist mir gelungen. Die verliert ja bei viel geer. langlich. kein Platz. der einem Soldatenmantel konnte man sie durch das zerwühlte und ungepflasterte Belgrad des Jahres 1920 hasten sehen. durch Schmutz und Neklein und unansehnlich. gestern mit einer Und schon seit Kommission in der Provinz oder beist er hauptet es wenigstens. in einem grauen. daß sie schon seit dem frühen Morgen unterwegs sei wegen des Kindes einer Freundin. Jovanka?< >Ich warte auf den Direktor. und heftigstem Sturmwind ging sie kreuz und quer durch ganz Belgrad und suchte Häuser. Stellen Sie sich bitte vor. so gen Mantel. mit geröteten Händen und geBei schmutzigstem Wetter röteter Nase. Jedenfalls nicht in Belgrad. wohin sie eile. einen guten kein Serum. in der Infektionsabteiist lung. das Diphtherie halten habe. Oder man träfe sie vor dem Theater. mit blauen Lippen. mit leidenschaftlichem Flüstern geantwortet.

< die Tochter eines reichen Es gab überhaupt keine Arbeit. und das ohne per- sönlidien Vorteil und sichtlichen Grund. suchte einen für solche. Wie zwei Täubchen haben sich ist sie gelebt. die in Schulden geraten waren. sie kümmerte sich um verwahrloste Mädchen und bescheidene junge Leute. spielte sie die Rolle der Ausweg Überhaupt Vorsehung. vermittelte zwischen Entzweiten. Jetzt weint sie und droht. Ich muß mit ihm sprechen. zu ihrem Vater zurückzukehren oder in die Save zu springen. ihnen Rollen gibt und er vor ihnen zu Ehren Feiern veranstaltet. Dabei hat ein paar einer Kleinstadt Monaten geheiratet. als sie zu Kirjakovic lief. Nun warte ich auf den Direktor. sie wachte über unglückliche Verliebte. aber sie haben keine Windeln im Haus — keine Windeln! — und sitzen ohne einen Groschen da. ging für sie zum Rechtsanwalt und zum geistlichen Gericht. sie nahm in ihre Wohnung Freundinnen auf. während er alles im Stich lassen und mit irgendeiner Wanderbühne in die Welt ziehen will. aber — jetzt beginnen Unfrieden und Unverständnis einzuschleichen. Er hat ein Mädchen aus genommen. .Volk führt irgendeine Entlassungsaktion durch und hat dabei Kirjakovic. Sie Kaufmanns aus der Provinz. viele während man so abgeklapperte Leute behält. den sie ihres Schutzes für würdig befand. die von ihren Männern weggelaufen waren. auf die Straße gesetzt. damit das irgendwie geregelt wird. Jetzt erwarten sie ein Baby. die sie nicht für den übernommen hätte. den begabten jungen dieses blinde Schauspieler. Sie saß ganze Nächte bei einem Kranken. die Prüfungen ablegen oder in den Staatsdienst treten wollten. aber der Vater hat sich von ihr losgesagt. Hierbei han2o<. Er ist ein Cousin von mir.

Ihr wahres Element waren die verworrenen Verhältnisse von Leuten.) Geordnete die und unauffällige Schicksale hingegen. Ehrendoktor der Pariser Universität geworden sei und daß er in diesen Tagen eine feierliche Antrittsvorlesung an der Sorbonne halten müsse. was man über den berühmten Geologen wissen und sagen mußte. Der prügelt seine Frau. so lebte und arbeitete sie. So war diese Jovanka. Menschen. drängte sich ihnen mit unwiderstehlicher Hartnäckigkeit auf. oder solche. beleidigte Fee mit stummem Haß und geflüsterten Verleumdungen zu verfolgen. daß Jovan Simic. die Mißerfolge zu verzeichnen hatten oder gescheitert waren. wie sie in der Gesellschaft üblich war. doch nach dem ersten Streit ging sie wieder zum Sie über. und Rache. überschüttete sie mit brauchbaren. da sich die Lage der Be- treffenden besserte. um sich dann plötzlich. der sie angehörte. aber sie war auch sie war ergeben und fähig zu Bosheit gut bis zur Selbstaufopferung. im Leben Erfolg hatten. die ihre Leiden und Bedürfnisse verbargen. aber ebenso zanksüchtig und gefährhch. gewöhnlich in dem Augenblick. Jovanka sagte darauf nur verächtlich: »Ich kenne ihn. zwar ganz uneigennützig. wertvollen Ratschlägen und Gefälligkeiten. Nur derartigen Leuten näherte sie sich. zo6 . Für jene fand sie nur kurze Bemerkungen und zerstörende Ironie.delte sie launenhaft und unberechenbar. ein bekannter Belgrader Geologe. (Schon nadi kurzer Bekanntschaft duzte sie jeden.« Das war für sie und die Mehrzahl ihrer Zuhörer alles. Und außerdem ißt er mit den Fingern. interessierten sie überhaupt nicht. So sprach man zum Beispiel da- von. von ihnen abzuwenden und sie von nun an wie eine böse.

wenn auch unmerklich Zwei Tage bevor das Fräulein Hadzi-Vasic' Haus ver- 207 . Das Fräulein nahm alle Gefälobwohl ihr ligkeiten hin. sie telefonierte zu finden. an Jovankas Besuchen. nur insoweit. sie stark. die manchmal recht häufig erfolgten und sich lange hinzosie gen.Niemand wußte etwas von ihren persönlichen nissen. Schon beim Umzug und bei der Einrichtung der Wohnung war Jovanka dem Fräulein ohne jede Aufforderung behilflich. daß sie nicht dazu kam. der mit einer ihrer besten Freundin- nen verheiratet sie war und der ging mit konnte. die sie für andere auf sich nahm. erhielt sie doppelte Belohnung: die erste bestand darin. Erleb- brauchte lebte sie niemand hatte sich je gefragt. Sie verstand es. denn zwisdien den beiden un- gewöhnlichen und in allem so versdiiedenen Frauen war etwas. nicht besonders gelegen war. als sie etwas Eigentlich andere um sie lebten und als an deren Leben teilzunehmen. Aber konnte diese Besuche nicht loswerden. was sie einander näherbrachte und verband. achten und über sich nachzudenken. daß sie bei der absoluten Inhaltslosigkeit ihres persön- lichen Daseins Dutzende fremder Leben leben und wie bösartige. doch mächtige Gottheit die eine garstige und Fäden fremder Schicksale flechten und entflechten durfte. sich selbst zu beobes ihr selbst gelang. und letzten mit dem Fräulein persönlich aufs Bezirksgericht. amtes mit den billigsten Wagen dem Direktor des Akziseihr nichts abschlagen am Hafen. Für alle Opfer und Anstrengungen. die zweite darin. ob und was sie wünschte oder liebte. um dort mittels ihrer Verbindungen die malitäten dem Hauskauf zusammenhängenden Forzu erledigen.

da hatte 20Z . denn er sprach fließend Englisch und hatte bereits während seines Aufenthalts in Saloniki gute Verbindungen mit einigen Vertretern Fords angeknüpft. Am Abend brachte Jovanka einen ihrer neuesten Schützlinge mit. Als das Fräulein einige Tage vorher zerstreut der atemlos vorgebrachten Erzählung Jovankas von dem jungen Herzegowiner mit den vorzüglichen Fähigkeiten und der großen Zukunft zugehört hatte. Schon vorher hatte sie ihnen begeistert von ihm erzählt. aber mit Rücksicht auf die anderen Hausbewohsie sich.ließ. Nach der Demobilisierung bemühte er sich sogleich. die damals am meisten geschätzt er als öster- wurden. reichen Leute mit angehört hatte. ner entschloß weise letzten selben auch noch diesen glücklichersich Abend über ergehen zu lassen. Von Rußland war er nach Saloniki gekommen und hatte sich als Freiwilliger an den Kämpfen beim Durchbruch der Salonikifront betei- ligt. an dem sie die unbegreifliche Dichterlesung und den noch unbegreif- nen statt. war reichischer Soldat während der Kämpfe in den Karpaten auf sehr dramatische Weise zu den Russen übergelaufen und hatte eine ganze Abteilung von Serben aus der Herzegowina mitgenommen. letzten licheren Beifall der jungen. Nach ihrer Darstellung vereinigte er in sich kandidatinnen vorzustellen. die Belgrader Vertretung der amerikanischen Automobilfirma Ford zu erhalten. fand noch einer von den abendlichen Empfängen für Misas Freunde und Dankas und Darinkas Freundin- Das Fräulein trug noch die Erbitterung vom Empfang vor zehn Tagen in sich. Es jene Eigenschaften. Geboren in der Herzegowina. und das würde ihm auch gelingen. um ihn Frau Seka und ihren Heirats- war ein gewisser Ratko Ratkovic.

mit denen sie zusammenkam. sein Aussehen und Lächeln diese beiden Worte hervor: Onkelchen Vlado!< Das war keine gewöhnliche Älin> 209 . erblickte sie sein Gesicht.sie ihre eigenen Sorgen gehabt und nicht daran gedacht. Sie interessierte sich nicht für die Kleidung. war das unwichtig. Auch er sagte etwas. daß sie ihm je begegnen würde. mit der Zeit wurde sieht der bloß ähnlich?« sie »Wem blind dafür. und vor ihr stand. aber Jo- vanka führte ihn Reihe nach vor. Auch sie sich am Abend dieses Tages machte darüber keine Gedanken. trat auch zu ihr und reichte ihr lächelnd und mit einer gewissen Schüchternheit seine starke. Auch jetzt bemerkte sie nichts Hervor- stediendes oder Besonderes an diesem jungen aber wie er sich so plötzlich zu ihr umdrehte Mann. rosige Hand. gleich weiter und stellte ihn allen der Im Grunde hatte das Fräulein gar nicht richtig hinge- sehen und hingehört. das Aussehen oder gar den Gesichtsausdruck der Männer und Frauen. auf das Äußere eines Menschen zu achten und ihn länger und einge- hender zu betrachten. drehte er sich um. denn für das. worauf es ihr seit frühester Jugend bei der Beurteilung eines Menschen ankam. als sie von hinten den gutgewachsenen Mann erbhckte. Als er an das Ende der Reihe kam. Erst jetzt. den Jovanka wie einen guten Schüler herumführte und vorstellte. weckte er in ihr durch seine Körperhaltung. Schon als junges Mädchen vermochte sie niemals die unter Freundinnen so übliche Frage zu beantworten: Anfangs war ihr das Äußere eines Menschen gleichgültig. denn beim ersten Blick war in ihr ein Gedanke aufgeblitzt und geblieben: >Onkelchen Vlado!< Es war nicht ihre Gewohnheit. als Jovanka seinen Namen nannte.

Und als Ratkovic im Laufe des Abends zu ihr kam Platz jeder und neben ihr Mädchen und brauchte da. brachte ihn ihr noch näher. reihte das Fräulein auch die aufregende Be- gegnung mit dem Doppelgänger Onkel Viados ein. die durch ihr Blinzeln die tiefere Unruhe und über allem ein schonungslos fließendes Lächeln. an ihn so angestrengt wie am ersten Abend zu denken. In die Reihe außerordentlicher Er- eignisse. ganz mit dem Umzug und der Einrichtung des neuen Hauses beschäftigt. sondern verdeckten. dem ihr Onkel jedoch sein Leben lang ausgewichen war: von der Arbeit. Frau einen Augenblick ihn gar nicht mehr anzusehen. als stehe er in einem Traum vor ihr. die das Reisen und der Ortswechsel mit sich brachten. die Besuche auch nach Fräulein. blaue Augen. den Geschäften und den geschäftlichen Aussichten und Plänen. sondern eine wirklich auflebende Erinnerung. ohne ihn von ihr zu entfernen. auseinanderfallenden Haares. wenn nicht Jovanka fortgesetzt hätte. Alles war Welle hellen. bis sie ihn vergessen hatte. Außerdem sprach er über das. Sie hätte sich überhaupt nicht mehr an ihn erinnert. das in dem Umzug zio Das ihrem . Seit sen hatte und nach Belgrad Sarajevo verlas- gekommen war. breiter in den Schultern und in allem stärker und entschlossener. und dieser Traum veränderte ihn. so wie er sich zu jedem setzte. waren ihr unzählige Überraschungen und die ungewöhnlichsten Dinge widerfahren.lidikeit mehr. worüber sie allein zu sprechen liebte und vermochte. In der Nacht und am nächsten Tag dachte sie sie über die sonderbare Ähnlichkeit nach. Überhaupt war er ganz so. Nur war dieser Onkel Vlado besser entwickelt. Und damit hörte sie auf. Eine sie nahm.

die Ford-Vertretung zu bekom- men. diesen mentalen. Auch das gelang nicht im- mer. Sie spätabends. sage icli dir. mit unzähligen begeisterten oder vmtenden Erzählungen von unbekannten Männern oder Frauen. zum Hals mit Straßenschmutz bespritzt. »Du hast keine Ahnung. und ihren Bemühungen. Es war unmöglich. Bisweilen kam sie nicht. Ratkovic. auf den im Gebirge eine Schneelawine niederstürzt. von den Schwierigkeiten. so gut wie gar nicht zuzuhören und alles möglichst bald zu vergessen. Frei211 . und kehrte zäh und unerbittlich auf das Thema zurück. grausamen Ergüssen zu entfliehen. dann kam sie dreimal innerhalb von zwei Tagen. kam frühmorgens und bis niemals jedoch zweimal zur selben. mit nahm keine Rücksicht auf den Mendem sie sprach. der das anhören mußte. das einzige. trachtete danach. seiner Ehrlichkeit von seinen Anstrengungen. zu jeder Tageszeit. So erzählte sie dem Fräulein in der letzten Zeit ständig von und seinem Fleiß.ganzen Leben überflüssigen Besuchen aus dem Wege ge- gangen war. weil sie von zahlreichen an- deren Verpflichtungen in Anspruch genommen war. ihm zu helfen. Eine Seele von Mensdi. sich auch diese Besuche vom Hals zu schaffen oder sie auf ein Mindestmaß zu beschränken. Aber mehr Aussichten auf Rettung hat ein Mensch. Rajka. was ein Mensch tun konnte. denn Jovanka schen. als der. naß. stürzte sie mit ihren nützlichen Empfehlungen und ungestümen Ratschlägen ins Haus. war. Durchfroren. auf die er dabei stieß. was für ein goldener Junge das ist. auf den sich die lebhafte Sympathie und Beschützerwut Jovankas etwa vierzehn Tage ergoß. das sie interessierte. deren Schicksale brachte sie dabei durcheinandersenti- und veränderte.

Ich bin zu Veljovic. den ich gut kenne. Ich verlasse sein Haus nicht eher. als ich rium von Kanzlei zu Kanzlei 212 Du im Finanzministemüßtest das mal . Jetzt hat er dem Bauministerium ferte für Autoteile unterbreitet. Hadzi-Vasic gesehen hatte. aber er und Lieferaufkann nichts eine Of- bekommen. Weg lief. wie ich das mache! Nadimittags suche ich den Sektionser dief Karadzic zu Hause auf. er sei nicht in Belgrad.williger und Held der Salonikifront ist er.« Genehmigung unterschrieben te sie sich Als das Fräulein diese Worte Jovankas hörte. darunter die verschiedensten Juden und Österreicher. Im Mai kam dann Jovanka eine klagte über die Schwierigkeiten und und Hindernisse. So viele Drückeberger. dem sagte Bauminister. Du weißt ja. erhalten Konzessionen träge für staatliche Unternehmen. angeblich in dienstlicher Angelegen- heit. da sie ihn zum ersten und einzigen Mal bei der Familie selbst. dem er so ähnlich sah. aber er will das nicht ausnutzen und niemand um etwas bitten. legten. Und war älter als wir. mir. Und das unser Minister! Aber ich habe seinem Kabinettchef Bescheid gesagt! Ich habe ihn abgekanzelt. Man daß er Dann hörte ich. In Wirklichkeit hat er dort eine Geliebte. ein pausbackiger Junge. gegangen. nach Wien ist gereist sei. bevor er nicht die hat. an den Winterabend. die gewissenlose Konkurrenz und eine niederträchtige eines Tages zu ihr Verwaltung Ratkovic in den »Ich habe mich abgehetzt. ferner als der längst Verstorbene. Seine Frau und ich sind zu- sammen am fen Stadtrand aufgewachsen. erinner- an den jungen Mann. packte uns an den Zöp- und jagte uns wie ein Pferdegespann vor sich her. und an Onkel Vlado Aber in der Erinnerung war ihr dieser Ratkovic fern.

Wir müssen er ist zurückhaltend. Aber ich wollte mit dir sprechen. Und sen. Sie reckte den Hals. Ich habe ihm etwas gegeben. schlug die Augen nieder und wehrte mit dem Gesichtsausdruck eines Märtyrers und mit halblauter Stimme ab: sollte. wie sie wollen. Du weißt nicht. »Nein. Aber der arme Ratko ist zu weich und zu gut und hat zuviel Gemüt. Wir müssen ihm nur auf die Beine helfen. dann kommt er leicht voran. Jetzt ist sein wichtigstes Unternehmen wegen irgendwelcher Gebühren ins Stokken geraten. und alles in und an ihr bäumte sich auf und erstarrte in einer Stellung der Verteidigung und des Mißtrauens. statt ihm helfen. test Da dachte ich mir. die sie bei diesem Redeschwall empfunden hatte. denen eins über den Kopf ihnen auf diese Weise ein Zeugnis zu zu hauen und geben. du könn- ihm etwas geben.« Sobald sie hörte. was für ein Schweinestall dieses Ministerium ist. Sie verlangen von ihm Gebühren und Kautionen und irgendwelche Zeugnisse. Du kannst es gar nicht wis- Auch das habe ich ihnen ins Gesicht gesagt. verflogen wie Rauch der 213 . daß auch sie jemandem etwas geben Gedanke an jenen Ratkovic und die Erinnerung an Onkel Vlado sowie die Langeweile. Natürlich zahlt er alles zurück.sehen. das Geld ist gut angelegt. dem armen Kerl. sagte das Fräulein leise. Dieser Staat ist ein einziges Irrenhaus. Der hat Verstand. aber nun braucht er wieder welches. da drehen und wenden sie ihn. die sie von keinem anderen verlangen. du hast ja keinen Begriff. hat Herz. Er bringt es sicher noch weit.« »Ich weiß«. du weißt es nicht. was für ein Mensch das ist. Glaube mir. hat Seele. Nur jetzt muß man ihn unterstützen.

alles voraussah sprach. sondern Wirklichkeit. der wenig spricht. ich habe kein Geld. ängstlich. der Anzug und die Schuhe. stand leisten können. In ihrer Sarajevoer Umgebung. Eines Tages erschien Jovanka tatsächlich mit Rat- und kräftiger was er trug. war das nicht vorstellbar und noch weniger ausführbar. ich bitte hast oder nicht. Nicht einen Dinar kann ich entbehren. daß sie solche Besuche nicht brauche. nen: ein gesetzter. hätte sie — so glaubte sie — leichter Wider- und niemand hätte es gewagt. der Jovanka. so hätte sagt. was er will. fen. den ruhigen. in einem und vom Geld nur wenig fast frommen Ton. Jovanka. Bei Tageslicht sah er noch stärker aus. wie ihn sich das Fräulein immer gewünscht hatte. Aber bei dieser Besessenen. Und alles flößte Vertrauen ein. in ihrem Hause oder Laden. Alles. ihr mit einem solchen Ansinnen zu kommen.« sie ge- Hätte ein anderer vor ihr gestanden. weder hier noch in Sarajevo. na. aber wie er niemals hatte werden könkovic. Ich will dich. einfachen Arbeitsmenschen. Ich habe noch keine Steuern gezahlt. damit er dir persönlich seine Nöte und Pläne darlegt. daß es ein Onkel Vlado war. Das Gesicht. Es war kein Trugbild eines Abends und kein Spiel eines Traums.« »Na. der sie 214 .»Glaube mir. aber gut und passend gewählt: das Hemd. war sportlich einfach und weit. hier aber fühlte sie sich gebunden und schwach. Ob du weiches dem Mann müssen wir irgendwie hel- ihn übrigens dieser Tage mal herbringen. denn es verriet den Weltmann. der vorsichtig rechnete. und ihm den Rücken gekehrt. Nur mit dem Unterschied. doch im Grunde weiß. jammere nicht. arbeitsamer Mensch. die Augen und das Lächeln waren wie bei Onkel Vlado.

aber auch davon nur. Onkel Vlado vor noch dazu ein Onkel Vlado nach ihren Wünschen. wobei er natürlich und ohne Übertreibung alles bewunderte. Doch hier lag ein Ausnahmefall vor. so als legte er sich selbst Rechenschaft über etwas ab. Ratkovic verlangte nichts. ungefähr zum Ende dieses Jah- 2IS . die noch nicht mit ihrer Kraft haushalten und über riesige Re- serven von Hoffnung verfügen. Hier stand ihr. weder offen noch verhüllt. aber zugleich sprach er zurückhaltend. sorglosen und sanften Lächeln Onkel Viados. und wenn sie den Blick hob. so unempfindlich Aussehen und die Kleidung eines war sie auch ge- gen Liebenswürdigkeiten und Unliebenswürdigkeitcn. denn wie gleichgültig ihr das Menschen waren. Das Fräulein hörte ihm ruhig und aufmerksam zu.überraschte und rührte. Er sprach wie die übrigen jungen Männer. die wie alles am Anfang langsam und schwer vorankamen. sie Ganz im Gegensatz zu den jun- gen Leuten. aber sie sah dieses Lächeln auch noch auf ihren gefalteten Händen. von seinen Arbeiten. die lernt hatte. Dann schlug sie die Augen nieder und hörte ihm weiter zu. Auch von ihr sprach er. Niemals in ihrem Leben hatte jemand sie durch Reden bestochen und durch Schmeichelei gewonnen. sprach er im Hause Hadzi-Vasic kennengeausnahmslos von seiner Arbeit. soweit es unbedingt notwendig war. ohne Nachdruck und Aufdringlichkeit. die so viele Männer nicht besaßen. wobei er nichts beschönigte und auch sich selbst nicht hervorhob. aber seinem Gespräch war klar zu bis entnehmen. begegnete sie dem leichten. daß er noch einige Monate. was er von ihren FähigEr erzählte ihr keiten gehört hatte.

daß ein anderer die Ford-Vertretung bekam. was sie hörte. 216 . Und dann erschien Ratkovic. hinderte sie daran. die man sich vorher si- chern mußte. Es ging darum. das sie von früher Jugend an begleitet hatte. Was ihn persönlich genug betraf. um ihr persönlich zu danken. die wunderbarerweise zum Leben ab. sie sei in Wechselgeschäften nicht bewandert und außerdem und bat sich ein bis zwei Tage Bedenkzeit aus. zu verhindern. gut zuzuhören und das Gehörte zu beurteilen. wo ihn ein sicherer Erfolg erwartete. wortete. was sie sah. und nicht satt hören an seiner ruhigen. Aber das. aber die Gebüh- ren und besonders die Bestechung der verschiedensten Beamten hatten sein Geld ziemlich aufgezehrt. Jovanka regte die Frage eines Wechsels an. so hatte er zum Leben. schwer zu arbeiten und zu kämpfen hatte. wenn er nur genug Mittel um bis dahin durchzuhalten. Es handelte sich lediglich um eine Gefälligkeit. denn sobald der Vertrag mit der Firma Ford unterschrieben wäre. be- käme Ratkovic einen fort seine Dollarvorschuß. hatte. nüchternen Art zu sprechen. Jovanka. und das Fräulein unterschrieb gegen ihren Willen und ihre bessere Überzeugung einen Wechsel über zwölftausend Dinar.res. den sie. und das wiederum hing von den staatlichen Lieferungsaufträgen ab. als erste. sie rung satt an ihrer teuersten Erinnezu sehen. von dem er so- Schulden bezahlen könnte. Am nächsten Tag kam Jovanka wieder. Das Fräulein antschlecht bei Kasse. sich davon erwacht war. und umgekehrt hielt das. Bei diesem Gespräch unter vier Augen konnte sie sich nicht satt sehen an jenem Lächeln. dann das Fräulein und ein Freund von Ratkovic unterschreiben würden.

wie sehr das ihrer bisherigen Arbeit und ihren Ansichten widersprach. an das Schicksal des Wechsels zu denken. hindern. es gibt so allerlei. aber sie wollte allein helfen. und dabei erinnerte sie sich an die so lieben kurzen Ausein- und ich fürchte 217 . Der Umstand. mir von allen Seiten Schwierigkeiten. fuhr das Fräulein und Jovanka nach Rakovica. daß die Sache langsam und schwer voranschritt. daß auch sie sich an diesem Kampf für sein Wohl beteiligte. und ohne zu bemerken. ohne Jovanka. ihm zu helfen. daß sie ihm eines Tages vierhundert Dinar gab. die er für zwei umfangreiche Auslandstelegramme brauchte. sondern rief in ihr eine gewisse Rührung. sich ein und ihr über den Stand seines wichtigsten Unternehmens berichtete. In seiner Erzählung prahlte er nicht und beschönigte nichts. Aber das Fräulein sah es am liebsten. sowie den Wunsch hervor. der kam er auf dem und Belgrader Pflaster wie eine Heuschrecke hüpfte. und zwar ohne sich zu fragen. sdiön gefloditenes Körbchen voll gelber. wenig zu ihr setzte »Bei Gott. Fräulein. Nach vierzehn Tagen gab er ihr die vierhundert Dinar zurück und brachte ihr als Zinsen ein kleines.Ratkovic erschien noch einige Male.« Seine wohlklingende Trebinjer Sprechweise war ihr wie Musik in den Ohren. Auf ihre Fragen antwortete er besorgt und aufrichtig. um macht mich zu be- Man mich immer und frage mich. So kam es. und sie fand es ganz natürlich und verständlich. Aber man muß kämpfen. die sie niemals gekannt hatte. ob ich Erfolg haben werde. frischer Mandarinen. wann sie den Entschluß gefaßt hatte. war ihr kein Anlaß. Zweimal in seinem Wagen. Das Fräulein ärgerte sich über diese Geldausgabc. wenn er allein kam. Im Gegenteil. einem hinfälligen Ford.

andersetzungen. und Nata Dabic soll erzählt haben. bald nach Brüssel. Anfang August verlängerte er zwei bis drei Tage später lieh den Wechsel über zwölftausend Dinar. Rückzahlungstermin war der i. sie hätte ihn in Biarritz gesehen. Während dieser Zeit kam Jovanka mehrmals in die Stigstraße. Ein pathologiAber wiederum frage ich mich. starken Handschrift. daß er nach Paris und Brüssel reisen müsse. die wie eine Melodie dahinfloß. daß dieser Taugenichts nicht zurückscher Fall. und sie ihm fünftausend Dinar in bar. kehrt und nicht hier seine Sache vorantreibt. unser Ratko macht ein wenig viel Spazierfahrten. Das war der niedrigste Zinssatz. in dem er ihr darlegte. Januar 1921. dem sie je in ihrem Leben zugestimmt hatte. wie es dazu kam. Fenster. Nur war Ratkovic in allem maßvoller. denn er verlangte nichts. In dämmerigen Zimmer saßen die beiden am dem kühlen. Mit seiner runden. »Na. Jo- vanka aus verschiedenen Gründen unruhig und aufgebracht.« 218 . Der September war heiß und trocken. Das Fräulein wußte selbst nicht. schrieb Ratkovic sorgfältig eine Quittung aus. und es ärgert mich. er mel- dete sich bei Jovanka und dem Fräulein mit Kartengrü- ßen. einmal sogar mit einem Telegramm aus Antwerpen. bald nach Paris. um persönlich mit den Hauptvertretern der Firma Ford in Europa zu sprechen. der Zinssatz acht Prozent. Freilich diese Nata lügt viel zusammen. die sie mit Onkel Vlado wegen seiner verschwenderischen Geschenke gehabt hatte. das Fräulein über eine Handarbeit gebeugt. Bis Ende September war Ratkovic auf Reisen. ob sie nicht diesmal ausnahmsweise die Wahrheit gesagt hat. Es war der natürliche Abschluß eines Gesprächs.

Nur bedeuJovanka. damit ich es ihm mitteilen könnte. Denn hier ziehen sie über ihn her und arbeiten gegen ihn.« Jovanka schüttelte den Kopf. stark von der Sonne gebräunt 219 . die einen nahen Verwandten in der Welt haben. Diese ge- meinsame Sorge brachte sie einander näher. viel gearbeitet Nun hat er so- und soviel hineingesteckt. Zwei Tage nach diesem Zwiegespräch erschien Ratkovic in der Stigstraßc. denn von der großen Ähnlichkeit zwischen Ratko und Onkel Vlado hatte sie weder Ratko noch Jovanka je ein Wort gesagt. daß sie ihn verteidigen konnte.Vertretung zu erhalten. erschien ihr süß. Sein bester Freund versucht ihn auszustechen und Landsmann intrigiert im Finanzministerium gegen ihn.»Wahrscheinlich kann er nicht«^ sagte das Fräulein leise. »Wieso kann er nicht? Was kann er nicht? Er muß etwas von sich hören lassen.« »Er wird seine Sache nicht aufgeben.« So saßen die beiden da wie zwei Frauen. tete diese Sorge für das Fräulein mehr als für Jovanka hatte außer Ratkovic noch andere junge ner sich Män- und Frauen. wo dieser Kerl steckt. um dessen Schicksal beide in gleicher Weise besorgt sind. und außer- dem ist er zu ernst dazu. den sie mit den Zähnen abriß. deren sie sich annahm und für die sie mit all ihrer ungestümen und unverbrauchten Kraft einsetzte. Für das Fräulein dagegen war das der erste und einzige Fall in ihrem Leben. ernst! Man soll diesen Männern nie über den Weg trauen. ich aber weiß nicht. »Ernst. ein einzigartiges Erlebnis und tiefes persönliches Geheimnis. und selbst die Lieferaufträge und die Ford.« »Hm. es war ihr angenehm. und der Faden.

gewandt hatte. daß er sich nicht rührte und nicht arbeitete. daß er gesund zurückgekommen war. Er sprach als davon. »auf eigenen Beinen zu stehen«. Das Fräulein schaute und hörte ihn an. zu unter- zum Ende dahin werde er sich jedoch alles entscheiden. daß er in ihr war. daß sie ihn einmal allein. ihm noch einen des Jahres. daß Amerikaner sie die sich zwar neuen Verhältnisse in Belgrad noch nicht ganz durchschauten. müder und nachdenklicher sonst. Er selbst wunderte sich darüber. weil er Sorgen hatte. daß seine Angelegenheit zu die Ende geführt wäre. weil besorgt. und schwer entschließen könnten. allzu freudig das eiserne Tor hinter 220 . unterstützen und ihm wie eine Mutter helfen durfte. dann hätte sie vielleicht Einwände gemacht. Wäre auch Jovankas Unterschrift auf dem Wechsel gewesen. was er in diesen Tagen so dringend brauchte. als er unter fortwährendem Lächeln. von seinem Dollarvorschuß alle Schulden beDas Fräulein willigte ein.und etwas magerer. ohne Teilnahme eines anderen. Wechsel. man müsse eben noch warten. Ihr angeRisiko borener. daß er sich persönlich an sie. immer wacher Widerwillen gegen jedes als sei er und jede Geldausgabe meldete sich auch jetzt. aber sie sah. daß aber kein anderer als er in Betracht käme. Sie war zu glücklich. diesmal über neuntausend Dinar. Nach einigen Tagen bat Ratko schreiben. Soviel brauche er bis bis sie. so als spräche er noch immer So bekam Ratko Ratkovic ohne mit dem Fräulein. und dann werde gleichen können. gelähmt: Sie dachte an diesen Widerwillen und wußte. aber irgendwo aus der Tiefe. so aber war sie nicht imstande dazu. viele Worte und Verhandlungen das. und nur an sie. glücklich.

unklaren Gefühl legte sie sich in diesen Tagen zu Bett. sondern ihren Besitz zu mehren. Sie wußte in dem Augenblid<: nicht. seit sie begonnen hatte. hart und rücksichtslos zu arbeiten und zu verdienen. woher das kam und warum sie diesem fast unbekannten Jüngling. verhundertfache und weite. so hätte sie keine Antwort darauf gefunden. Aber sie dachte nicht daran. erwiesen hätte. Wenn sie sich gefragt hätte. die sie keinem anderen. sündigte gegen die Armen und Schwachen und ihre Verwandten. Sie sagte sich von der Gesellschaft erregte bei allen Anstoß. mußte. sondern daß sie wirklich einem liebenswerten. ob es ein Kind war. Sie stahl und betrog (oder tat Dinge. Während dieser Zeit hatte sie keinem Menschen auch nur eine Para gegeben.sich zuschlug. schwachen Geschöpf helfen konnte. nur um nicht zu verlieren. mit dem seltsamen. bisher unbekannten Gefühl. Ihrer Mutter maß sie das Brot für jede Mahlzeit zu. sich eine solche Frage vorzulegen. Fünfzehn Jahre waren vergangen. die ihrer Natur und ihren Folgen nach dasselbe bedeuteten wie Diebstahl und Betrug) und war zu noch Sdilimmerem bereit. dabei zitterte ihr die Hand. los. daß sich ihr ganzes Wesen bereichere. der arbeiten und gehorchen wollte und für den es noch Hilfe und Rettung gab. Gefälligkeiten erwies. Das Fräulein blieb unbeweglich und ver- sonnen zurück. Mit diesem neuen. daß es sich nicht um eine Täuschunghandeite. und sei es auch nur in Gedanken. Und jenes Krachen des Tores war ihr ein materieller Beweis. der nichts für sie tat. oder ein neuer Onkel Vlado. geriet in 211 . und mit ihm erhob sie sich wieder. das durch ihre Opfer und Anstrengungen heranwuchs. wenn sie nicht unbedingt und der Welt Schmach und Schande.

bei war und von dem sie und erwartete. denn wenn sie ihm etwas gab. Und sie fühlte weder Reue noch Bedauern. Sie schloß die Augen. das lachte und alle ringsum zum Lachen brachte. wie sie noch nie jemand gegeben und auch nie jemand zu geben beabsichtigt hatte. sondern wirklich ein kleines. daß sie gestern einen Wechsel über neuntausend Dinar unterschrieben hatte. Sich selbst versagte sie nicht nur jedes Vergnügen. ihr Bruder oder Geliebter selbst nichts verlangte schien ein Mensch. während es die ersten Schritte auf der Erde tat. daß sie jemandem helfen durfte. noch zunahm. aber das war ein Überbleibsel der tief eingewurzelten Gewohnheiten. die in diesem Halbschlaf noch Macht über sie kam. sondern auch das Notwendigste. Aber siehe da. da man hatten. der weder ihr Verwandter noch. was sie Ratko gegeben hatte. weil bei den alten Leuten die Kräfte nachließen. dem sie stehen und gehen half. der Appetit aber blieb. dem sie jedoch und freudig so viel gab.und die Brauen zogen ja sich vor Zorn zusammen. rosiges Baby war. daß der. . fühlte sie das neue und bisher unbekannte. »auf eigenen Beinen zu stehen«. und es schien ihr. Aber auch bei Tage. und auch ein wenig Angst überkam sie dabei. kein erwachsener Mensch von sechsundzwanzig Jahren. oft sogar die Arznei. wohltuende Gefühl. Als willig sie jäh in der Nacht erwachte. dauerte 222. plötzlich Gott. beund sorgte sich nicht um das. Sobald sie aber etwas zu sich alles nüchtern betrachtete und klar sah und die Trugsie nichts bilder weniger Macht über den Menschen hatten. erfaßte sie zwar ein leich- ter Schwindel bei dem Gedanken. Das alles tat sie ohne Schwanken und ohne Ausnahme und hätte es wahrscheinlich bis er- zu ihrem Lebensende getan.

einer. Auch Ratkovic ließ sich in diesen Tagen nicht sehen. müde war sie auch des Pflasters. aber selten ein so günstiges Ergebnis brachten. gewöhnten Füße und dünnen Knöchel bedeutete. das sie sie wenn immer veranderen etwas abzwackte und weg- nahm. auch wenn sie nur für sie sichtbar waren. die in Belgrad immer auf bestem Wege zu sein schienen. daß in lebte.empfand spürte. Sie regte sich lebte. sie dasselbe Vergnügen. wie sie versprochen hatten. In solchen Augendas eine wahre Qual für ihre nicht daran blicken dachte sie mit einer gewissen leichten Rührung. es Und doch gab Veränderungen. ohne sich selbst seiner Kraft und wahren Natur bewußt zu werden. und ganz ihrer Arbeit hingegeben. Sie führte ihre Geschäfte wie zuvor. Aber das Fräulein bemerkte beider Abwesenheit so gut wie gar nicht. In ihrer Lebensweise änderte sich nichts. ein eigenes um selbst zu arbeiten und zu ver- In jenem Herbst verbrachte Jovanka drei Wochen bei Verwandten in Smederevska Palanka. das Glüd<: sein könnte. wenn sie in ihrem Leben je etwas kennengelernt hätte. dienen. aber ein demselben Belgrad ein Onkel Vlado besserer. die man bei anderen Zärtlichkeit nennen würde. So lebte das Fräulein einige Wochen in einem neuen Traum. sich bemühte. gro- ßen Stadt herumging und Geschäft zu gründen. doch zugleidi von einem Gefühl. auch fühlte sie nicht. klügerer. Am Abend. der in dieser zerwühlten. fühlte sie sich ge- wöhnlich erschöpft und entmutigt von den Geschäften. was dem Glück vergleichbar gcruhig. fast sorglos. wenn sie allein war. getragen 223 . wie die Zeit verging.

die weder den und schwache Menschen in VerMut haben. heit zu sagen. zu lügen: »Nein das heißt. sondern in ist?« Budapest »Wieso in Budapest?« »Gut unterhält er sich.« »Aber es kann ja sein. weißt du. noch die Kraft.« »Und weißt du. glaube ich.« »Ich weiß nicht. ja.Wesen wäre und woran schätzen können. sie es jetzt hätte messen und Mitte Olctober ster kam Jovanka zurück und erschien düund zornig in der Stigstraße. noch die Gewandtheit.« 224 .« »War das vor oder nach meiner Abreise?« Das Fräulein faßte sich und log ihr ins Gesicht: »Danach. Nur bis zum Ende des Jahres. »Was ist denn mit unserem Glücksvogel?« »Ich weiß nicht. ganz sicher danach. zu schweigen. verwirrt und geriet auf eine ihr bis dahin unbekannte Art in Verlegenheit.« Und die kleine Frau warf den Kopf zurück und fragte streng wie ein Polizist: »Du hast ihm doch nicht etwa noch Geld geliehen?« Da wurde das Fräulein. . naive legenheit geraten. aber seine Geschäfte wollen mir nicht mehr recht gefallen. Ich habe ihm einen Wechsel unterschrieben. die Wahr. daß er nidit in Belgrad. auf die schlimmste Art. Ja. daß er geschäftlich verreist ist. Erwar schon drei Wochen nicht hier. der Mensch. das eines jeden Blick ertragen und kaltblütig den geriebensten Geldwechsler täuschen konnte.« »Um wieviel ging es?« »Neuntausend. . auf die auch gute.« »Ach! Das war ein Fehler. Er hat mich darum gebeten.

Er erzählte ruhig und sorgenvoll wie immer. Jovanka zu zürnen als an dem jungen Mann zu zweifeln.Vertreter des eine Konferenz gehabt hätten. daß die Sache grundsätzlich perfekt sei. ob ihm Geld 225 . denn seine Anwesenheit sei für wie für ihn von Nutzen gewesen. Fehler. als wüßtest gar nicht so ein Heiliger so ein und du von nichts. aber spätestens bis zum neuen Jahr sei alles zu einem günstigen Ende geführt. gab es dem Fräulein unbe- merkt einen Stich.« »Das war ein nicht mehr. als wäre er schon ihr Mann. daß wir ihm helfen müssen. ich ebenso wie du. Mir scheint. Ich bekomme es schon noch heraus. Balkans und Mitteleuropas wo alle Ford. und sie war eher geneigt. die anderen sich Als er das Geld erwähnte. In dieser Stimmung empfing sie ihn.« Das Fräulein war mehr beleidigt als besorgt. so daß er den Eindruck mitgebracht habe. aber gib ihm nur kein Geld! Ich habe immer Angst. Herzegowiner macht Winkelzüge und bevor ich nicht einige Dinge überprüft habe. daß wir mal als dumme Narren dastehen. hinzufahren. Es werde noch Mühe und Geld kosten. Kroaten und Slowenen beraten lassen. dann tue so. Und wenn er hier aufkreuzt. sie sah den zurü eingeworfenen Kopf sie Jovankas vor sich und überlegte rasch. meine Teure. und nimm ihn schön auf. als er einige Tage nach Jovankas Besuch ruhig. dieser ist Unschuldslamm. wie er immer tut.»Wieso? Du hast selbst gesagt. Sic hätten von ihm über viele Dinge des neuen Staates der Serben. Mach das bloß Du hättest ihm keinen Dinar geben sollen. unverändert und mit dem Lächeln Onkel Viados auf den er Lippen bei ihr erschien. und daß er recht daran getan habe. daß nach Budapest habe reisen müssen.

« Jetzt ist mir »Was?« »Alles. alles klar.geben oder ob und wie ihr schwerfallen. Ich gehe zu einem meiner Schulkollegen. der kalte Herbstsie mußte sie regen peitschte ihr ins Gesicht. Hochstapler und gemeiner Kerl. Ich habe gerade mit jemandem gesprochen. Und so endete alles mit lächelnden Blicken und ruhi- gen. stieß sie vor der Universi- mit einer Frau zusammen. Als tät anlangte. daß du es scheinlich bist. ihrer Angelegenheit kehrte sie Nach Erledigung den Regen- zurück. und zwar so lebhaft und heftig. als sei sie eben erst darin unterbrochen worden. sie ihn abweisen sollte. Bevor überhaupt zu einem Streit oder einer Entschuldigung kommen konnte. Wir werden ihm Daumenschrauben ansetzen. Das Jo- Fräulein schämte sich ein wenig ihres Zweifels und war unzufrieden mit sich selbst und noch wütender auf vanka. Wahrist komme ich morgen. wenn ich es dir Aber jetzt muß ich mich beeilen.l(> . aber es wäre un- möglich. Dein schöner Ratko ein Taugenichts. besorgten. Und auch dir wird es klar sein. ihn abzuweisen. Das war an einem Freitag. und schirm krampfhaft festhalten. Ich muß mit dir sprechen. Am folgenden Montag hatte sie bei der Stadtbehörde zu tun. Aber das Geld kannst du abschreiben. erzähle. die aus dem Tor herausschoß und sich in dem es schräg ge- haltenen Regenschirm verfing. Ratko jedoch verlangte nichts. Es würde ihm etwas zu geben. »Gut. Diese begann sofort ein Gespräch. um noch ein paar Einzelheiten zu überprüfen. Ich 2. doch hoffnungsvollen Worten. sah sie sich von Angesicht zu Angesicht Jovan- ka gegenüber.

Dafür erschien sie am dritten Tag in aller Frühe und Jovanka sten Tag. kam weder am nächsten noch am übernächdenn das wäre ein Verstoß gegen ihre Regeln gewesen. setzte das Gespräch. die Unordnung und Überraschung hießen. Aber du bist die andere. habe all alles heraus. Aus Jovankas bilderreicher und nach Art der Gaunersprache knappen Rede ergab sich. Nur ten Taugenichts für einen großen Patrioten. begann zählen. das sie vor der Universität begon- nen hatte. als hätte sie es nie unterbrochen. fort. was sie zu Beginn dieser Bekanntscliaft 227 . Langsam und nur Mühe kam sie gegen den starken Wind mit einem feinen. freudig. »Ich deckt. wer dieser Ratko Ratkovic sie zu er- war und was für ein Leben er in Wirklichkeit führte. von es trotz des schlechten Wetters zwischen den hölzernen Buden und Ständen auf dem großen Marktwimmelte. eisigen Regen überschüttete. Auf Wiedersehen!« Und denen Jovanka verschwand unter den Leuten. immerzu auf den Tisch schlug. sie was Kraft und Sauberkeit betraf. der platz gegenüber der Universität nur so Das Fräulein war ganz mit sie verwirrt. aber kräftigen Faust.bin die eine von den beiden Närrinnen. eher die Faust eines Lehrjungen als die eines Fräuleins hätte sein kön- nen. Soldaten soviel für heute! Und wenn dieser schöne Mann deine Schwelle überschreitet. voran. daß sie endlich das getan hatte. dann jage den Schlingel mit dem Besen davon. Während die. Alle und Fäden habe ich aufgeseine Streiche kenne ich jetzt«. rief sie fast mit ihrer kleinen. die den größ- und Lügner dieser Erde unterstützt und und Menschen der Zukunft gehalten haben.

waren ihm während des letzten Krieges begegnet und hatten ihn jetzt in Belgrad wie- dergesehen. Im ein guter Kamerad und wurde von sei- zeigte schon in frühester Kindheit einen seltsamen Hang zum vornehmen Leben. Die Angaben. aber dafür verstand er es auch nicht. Allerdings hatte hauptsächlich von ser trockene. ohne sofort zu ihnen und im Zusammenhang damit zur ganzen Welt Stellung zu nehmen. und zwar handelte es sich dann stets um bedingungslose Zustimmung oder äußerste Mißbilligung. Folgendes wußte sie zu berichten. Allein diesmal war sie so aufgeregt. und bestand nicht auf Rückzahlung. die sie von ihnen erhalten hatte. Faulheit. Sie hatte zwei Landsleute Ratkos ge- funden. sie sie dem Industriellen erfahren. was man ihm geliehen hatte. bildhaft und ermüdend zu beschreiben. stimmten völlig miteinander überein und waren wahre Entdeckung. einen jungen Professor und einen Industriellen. Ratko war der einzige Sohn einer armen Familie und zur Verschwendung und nannten ihn seine Freunde Graf. Er liebte es. das zurückzuzahlen. Ebensowenig war sie imstande. kannten ihn von Jugend auf.unterlassen hatte. und die- wortkarge Mensch war nicht im geringsten interessant. daß sie zuerst die für sie eine nackten Tatsachen erzählte. Naturgemäß konnte Jovanka keinen Menschen kennenlernen und keine Tatsache erfahren. jemandes Mitteilung wiederzugeben. Deshalb Grunde war er nen Altersgenossen geschätzt. Beide waren ungefähr so alt wie Ratko. in dem er sich bewegte. Als 221 . ohne den Erzähler in seinen Reden und Bewegungen nachzuahmen und ohne seine Persönlichkeit und das Milieu. seinen Freunden aus einer Verlegenheit zu helfen.

Doch kurz vor Kriegsende kamen und zwei Unteroffiziere einige Unregelmäßig- keiten in der Intendantur ans Tageslicht. Mehrere Male reiste er mit einer Kommission nach England. denn er verstand Motorfahrzeuge und sprach englisch. doch es konnte keine Rede davon er sein. mitzunehmen. aber nicht um an der Front zu kämpfen. Darauf fuhr er mit einem Ungarn nach Budapest und kehrte ein Jahr später als Agent einer Fahrradfabrik nach Mostar zuilick. zu den Russen überzulaufen und eine ganze Schar serbischer Soldaten. Sie bezahlten ihn »pro Stück«. tet wurden auch sie ohne Gerichtsverhandlung Niemand wußte recht. Im Jahre 191 5 gelang es ihm tatsächlich. Ein Offizier wurden verhaftet. Von Rußland kam er nach Saloniki. Als 19 14 der Krieg ausbrach. bekommen Die Angebote. warum sie verhafund dann wieder freigelassen worden waren. sondern um der Intendantur zugeteilt zu werden. Hier in Belgrad leistete Ratkovic in der Tat einigen englischen Unternehmungen sich auf kleinere Dienste. das heißt. Es war ein gefährliches und kühnes Unternehmen. daß er die Vertretung irgendeiner größeren Firma sollte. er in der sechsten Klasse war. ungeordneter Lebensweise und unerlaubter Manipulationen mit fremdem Geld ausgeschlossen. die dem Finanzministerium 22C) . Dort nahm er Verbindung zur englischen Intendantur auf. einer der beiden war Ratko.wurde er aus dem Gymnasium in Mostar wegen mangelnden Fleißes. mußte er mit seinem Jahrgang zum Militär und wurde an die russische Front geschickt. Nach lonikifront dem Durchbruch durch die Sa- freigelassen. die man in österreichische Uniformen gesteckt hatte. Der Vorfall geriet jedoch bald in Vergessenheit. für jede einzelne Arbeit.

Eine Ansammlung von Menschen. aber er war leichtsinnig bis zur Gewissenlosigkeit und ein großer »Liebhaber« von schönen Frauen. die nichts verband als eine vorübergehende Zechbrüderschaft. Maklern und zufälligen Gästen. sondern ihr Leben hindurch mit sich selbst und der ganzen Welt spielen. den ersten Pionieren der Korruption. dazu hatte er Separee des »Kasinos« gewesen. in eine der gesellschaftlichen Kategorien eingeordnet zu werden. aus Belgradern und Leuten von jenseits der Save und Donau. die niemals ruhig und ernst werden. machte er ohne Zweifel auf fremde Rechnung. damit seine wirkHche Offerte schäftigung um so mehr Erfolg hatte. Es war eine gemischte und bunte Gesellschaft. Unterhaltungen und Vergnügungen aller Art. be- stehend aus Politikern und Geschäftsleuten. der eine fiktive Offerte brauchte. war zahm und manierlich. gleich wildem Gras am Wege. er hatte ein gutes Herz. denn kein Mensch würde ihm je Ware anvertrauen und Krehatte er überhaupt keine richtige weder die entsprechende Ausdauer noch den nötigen Ernst. Zeitungsleuten. aufschoß und 230 . aus Rechtsanwälten.und dem Bauministerium eingereicht hatte. Im Gegenteil. Er war einer von jenen Menschen. als stammte er aus adeligem Hause. wie sie jetzt überall in der Hauptstadt. Eigentlich und bestimmte Beund würde sie auch niemals haben. Auch jetzt war es außer diesen mehr oder weniger unnützen Besuchen in den Ministerien seine Hauptbeschäftigung. die noch darauf warteten. In letzter Zeit war er jede Nacht mit derselben Gesellschaft in einem dit geben. Im Grunde war Ratko kein schlechter Mensch. im Auftrag eines anderen. die Nächte in lustiger Gesellschaft zu verbringen.

die 231 . Dann war nach Budapest gefahren. Auf jeden Fall bestanden enge Bindungen zwischen ihr und ihm. Ratko Ratkovic hatte diese Carmencita nach Belgrad gebracht. Nach seiner Ankunft in Belgrad hatte er ihr bei dem ungarischen Juden. der in und die ver- schiedensten Geschäfte betrieb. daß er ihretwegen in Schulden gerate. das die Belgrader Lehrburschen schon auf allen Straßen pfiffen. Belgrad bereits eine Kanzlei eröffnet hatte war ein Rechtsanwalt von drüben. Singend stieg sie ins Publikum herab. Er hatte sie in Biarritz.wucherte. daß er jetzt an ihrem großen beteiligt sei. Der Stern dieses Kabaretts war eine Pariser Diseuse eine Frau. nach Belgrad zu kommen. kennengelernt und mit ihr ein Verhältnis angeknüpft. Hier war vor vierzehn Tagen das erste Belgrader Nachkriegskabarett eröffnet worden. wo er im Herbst gewesen war. lebhaften Reklame. daß der Platz nie ausreichte. Sie trat als Blumenmädchen im spanischen Kostüm auf und sang ihr Lied von den Veilchen. sozusagen ihr Präsident. sie um Carmencita zu erwarten Einkommen und zu überreden. Alle Belgrader Zeitungen brachten ihr Bild zusammen mit einer wirkungsvollen. Engagement verschafft. So lauteten die trockenen. Frische. zuverlässigen Angaben. die namens Carmencita. und gaben das Geld mit vollen Händen aus. Die Säule dieser Gesellschaft. die anderen. der das Kabarett im ein »Kasino« er leitete. Aber auch ohnedies strömten so viele Leute herbei. Die einen sagen. weder Stimme noch jugendliche doch dafür viel Charme und Geschick besaß. verteilte echte Veilchen unter die Besucher und erhielt für jedes Sträußchen von den fröhlichen Gästen größere Geldscheine.

borstige Brauen ragten wie ein Vordach heraus und beschatteten die kurzsichtigen. Jovanka hatte sich vor einigen Tagen mit ihm bekannt gemacht. seine Erzählung zu wiederholen ihn wie auch den ganzen Verlauf des Gesprächs alle Einzelheiten zu schildern. um genaue und unmittelbare Auskünfte über Ratkovic zu erhalten. (Sein spezielles Studiengebiet war die Psychologie des dinarischen schen. viel und lebhaft zu sprechen. kurzer Schnurrbart bedeckte seinen Mund. aber nicht die Gelegenheit haben. einem Ethnographen und künftigen Universitätsdozenten. aufgebracht über Ratko und seinen Betrug. Katheder oder in der Presse zu äußern. Nicht wissend. und starke. diesen jungen Mann hier unter ihre Fittiche zu nehmen und ihm mit Hilfe ihrer Beziehungen auf der Universität und in der Gesellschaft den Weg zu ebnen. übermäßig auf einem bestimmten Gebiet arbeiten. die vielen Lesen übermüdet waren. war sie. Deshalb fühlte sie jetzt und bis in das Bedürfnis. vollen- Der Professor aus der Herzegowina war der dete Typ eines interesselosen jungen Mannes und ehrsamen Gelehrten. Das alles war im allgemeinen auch von dem jungen Herzegowina Professor aus der bestätigt worden.jener Industrielle Jovanka gemacht hatte.) Er Men- war schlank und blaß wie ein Einsiedler. vom die Wie alle Leute. war wie gedruckt. sich in ausreichen- dem Maße vom liebte er es. warum ihn Jo- 232 . Ein dichter. doch was er sprach. Er lebte bescheiden und zurückgezogen. Und während sie noch seinem mit leiser Stimme vorgetragenen Bericht gelauscht hatte. bereits entschlossen gewesen. Der Professor hatte bei Jovanka einen sehr guten Eindruck hinterlassen. ganz der Wissenschaft ergeben. treuen Augen.

vanka über seinen ehemaligen Schulgefährten ausfragte. »Es gibt so einen dinarischen Typ«. Menschen vom mediterran-dinarischen Typ bald als eine allgemeine Erscheinung. schloß der Professor seine Erklärungen zum Fall Ratkovic. und so lebt er in völliger Unwissenheit über sich selbst und seine Charaktereigenschaften. der andere unbewußt furchtsam und moralisch defekt. »Nein. Und in dieser Zeit entsdieidet es 233 . »Es ist ein recht komplizierter und bis jetzt wenig erforschter Typ. wobei er ihn bald als ein charakteristisches Beispiel für die Irrungen eines auffaßte. fiel ihm Jovanka in leben. man- gelhaft ausgeglichenen Milieus charakteristisch sei. über seinen moralischen Wert und gend ist die wahre Bedeutung seines Tuns. Es gibt hier viele Sie. Jene beiden Charaktere in diesem einen Menschen stoßen zusammen und mischen sich in so vielen Verbindungen und Zwischenforaien.« »Ein Halunke und Feigling ist er«. ich bitte falsch. als wollte sie die wissenschaftliche Prosa für irgend jemand in eine klare menschliche Sprache übersetzen. unlösbar verbunden. daß sie nicht nur die Umgebung. der eine trocken ins Wort. nein. verstehen Sie mich nicht die jeder Nuancen und Vorbehalte. analysierte er vor ihr den Fall Ratkovic völlig objektiv und ohne jede böse Absicht. sondern auch die betreffenden Menschen selbst täuschen können. Menschen nebewußt tapfer und ehrbar. wie Kriegs- sie für die und Nachkriegsverhältnisse eines neuen. zwei ist ihm beneinander. Die Ju- die kritische Zeit für einen solchen Menschen. ohne Schluß übertrieben und im Grunde ungenau und ungerecht ausfällt. Sein ganzer Charakter neigt nach der einen oder der anderen Riditung.

was sie ist. als erzählte man einem Blinden etwas vom Licht und von den Farben. sondern ein Irrenhaus. das durch einen verrückten Zufall aus der allge- meinen ziges Sintflut gerettet wurde. Jugend nicht ration. um ein sieghaftes. erscheint wunderbarer Ausbruch von Kraft und was sie erleben und ringsum erblicken. ihm ihren Schutz zu gewähren und im Kampf gegen die alten Pro234 . erklärte der Professor. trot- Leben ohne Maß und Grenzen zu leben. unter denen die moderne Jugend aufwuchs. Alles. Mit diesen Worten beendete Jovanka mit die Aussprache dem Prof essor. die nur einmal. Ein gleiches Schicksal war auch den übrigen Erklärun- gen allgemeiner Art beschieden. als et- was. Das ist kein Staat. ant- wortete Jovanka auf alle gelehrten und spitzfindigen Erklärungen des jungen Wissenschaftlers.« »Idi weiß. schon entschlossen. vom Himmel auf die Erde ge- als ein Schönheit.« was das ist. Leben auf dem Wege aufopferungsvoller Arbeit bewegt oder ob er für immer ob er sich sein ganzes den Weg des Lasters und der Faulheit beschreitet. mit denen der Professor die außergewöhnlichen Verhältnisse darzulegen versuchte. »Ein Schuft ist das.« Vor Jovanka von Nuancen und Vorbehalten beim Denken und Reden zu sprechen war dasselbe. Professor«. als ein ihnen unerwartetes Geschenk. nämlich als eine kurze Zeitspanne in der natürlichen Entwiddung einer Gene- sondern als eine besondere Gabe Gottes. sage ich Ihnen. erscheint den jungen Leuten ihre als das. Lauter Glüdcsspieler und Müßiggänger. fallen ist. »unmittelbar nach so langen und schweren Jahren des Blutver- gießens und Leidens. ausnahmsweise.sich. »In solchen Zeiten«.

gleichzeitig wurde sie ganz starr von der großen Willensanstrengung. zurückverlangen und. die «wie Mumien« den jungen Kräfvon ihm das Geld ten den Zutritt zur Universität verwehrten. nicht der Wahrheit entsprach. um so tiefer drang der Schauder in sie ein. zu verteidigen. schaute sie verlegen beiseite. hörte. aber zuvor wollte sie Ratko Ratkovic entlarven. gegen dieses Geschöpf. und sei es gegen den Augenschein. durch nichts diesen Wunsch zu verraten. und wahnsinnig. Ein kalter. wenn wir mit ihm sprechen. alles wäre ihr recht wenn nur das. was Jovanka sagte. Hölle heiß machen«. daß sie getäuscht worden sei oder lüge. Alles. ging sie auf kürzestem Wege in die Stig- um mit dem Fräulein die nächsten Schritte zu besprechen. wünschte sehnlichst. war. Aber es wäre leichter gewesen. gegen alles und jeden. wenn es was das Fräulein tun konnte. daß Jovanka sich irre. ihm »die Und dann straße.fessoren zu helfen. Während Rajka ruhiger Schauder die ausführliche Erzählung Jovankas anhörte. es ist am besten. unlief ihr bald über den Hals. wenn haßte. ihn gegen diese schreckliche Jovanka. die sie über Ratko gewesen. bald über Sie den Rücken und drang immer tiefer in den Körper ein. das es liebte.« »Mit ihm sprechen?« unterbrach Jovanka sie mit hei^35 . Und je ärger das Urteil und je unangenehmer die Reden waren. und immer mehr hatte sie das Bedürfnis. ihn gegen ein ganzes Heer von Staatsals anwälten zu verteidigen hitzig war. »Wir müssen abwarten. Ich denke. was noch wichtiger war. daß sie von Zeit zu Zeit ein unbestimmtes Wort des Zweifels zugunsten des armen Ratko äußerte.

ihn so sehr gelobt und empfohlen und ben. 236 Je mehr die einander wider- . »Ich spreche nicht mit solchen vaterlandsdu bei Sinnen? Wie naiv du Anscheinend glaubst du diesem Taugenichts noch.serer losen Hochstaplern. sie sich. es zu tun. schien und einen Augenblick einem nichts leichter und facher zu sein. was andere Leute Ein Gefühl der Bitterkeit dir sagen. sie gedrängt. was für ein Ausbund an Tugend dein schöner Ratko ist. damit du es siehst und hörst und dich selbst überzeugst. Und das Fräulein schwieg. flüssiger Lava. jenseits jeder Wirklichkeit. Deshalb führe ich dich noch heute abend hin. als die völlige Haltlosigkeit jedes ihrer Worte zu beweisen. denn sie hatte ihn zu ihr geführt. Antwort auf. damit du mit eigenen Augen siehst und mit eigenen Ohren hörst. wenn du stieg in schon nicht glauFräulein auf. doch wenn man ihnen gegenüberstand. Das habe ich gewußt. daß Ratko keineswegs der Ihie sondern im Gegenteil Jovanka gehöre. sie sie Das wollte konnte es beweisen. war man ganz kraftlos und mußte ihnen ausweichen wie einem reißenden Bach glühender. obwohl ihr dieses Schweigen schwerfiel.« dem und liche zugleich drängte sich ihr die logische und natürsei. alles auf der Welt mit frechen Worten zu überschreien. und trotzdem fand sichts der nicht die Kraft. Bist bist! Stimme. den ersten Wechsel zu unterschreisie ihr sagen. denn sie fühlte sich unbegreiflich schwach und gelähmt ange- Ausdauer dieses weit aufgesperrten Mundes. ben willst. Diese Worte standen über aller Lüge und Wahrheit. wadarein- ren eine unwiderstehliche Wirklichkeit für Wenn man hinterher allein bheb über nachdachte. der noch nie einen eigenen Fehler zugegeben hatte und der imstande war.

als erzählte Jo- 237 . Jovanka legte nun ihren fertigen Plan wie sie dem Fräulein Ratko in seinem Element zeigen wollte. die um diese Zeit von einem Separee ins andere ging und sich Geld schenken ließ. ohne selbst gesehen zu werden. der verschämten Schwäche und der unverständhchen Zurückhaltung zerfleischten. sich fand weder ein Wort noch ihr von zu befreien. Mit diesem Joska hatte sie schon alles besprochen. in dem Ratko jeden Abend mit einer bunten Gesellschaft zechte und Geld verschwendete. Sie sprach mit unverminderter Begeisterung von den damit Einzelheiten dieses Planes. sie sich einmal überzeugte und mit eigenen Augen sah. Sie hatte alles vorbereitet.sprechenden Gefühle der Empörung. aber die geringste Kraft. Sie sie wunderte über ihre Schwäche. wie seine »Geschäfte« beschaffen waren und wohin das Geld wanderte. das sie ihm gegeben hatte. Im »Kasino« den Nachtstunden als Elektromechaniker und »technischer Chef« ein gewisser Joska beschäftigt. Dort würde Joska sie durch einen seitlichen Eingang hineinführen. sie um so weniger konnte sie der erbosten sich selbst Jovanka Widerstand leisten. als wäre das jetzt die Hauptsache. Danach wollten sie sich unbemerkt und unerkannt zurückziehen. nicht aber die erlittene Enttäuschung und das verlorene Geld. wie sie gekommen war in waren. dar. der tagsüber in der Mühle eines ihrer Verwandten am Heumarkt half. das darunterliegende Separee beobachten. Am selben Abend nach elf Uhr sollten die beiden Frauen in den Hof des »Kasinos« kommen. Sie würden auch Carmencita sehen. Das Fräulein hörte sich das alles an. und sie könnten von einer leeren kleinen Galerie.

und wir 238 . Und hätte jemand sie gefragt. soll das heilten?« Jovanka explodierte wieder. Jovanka war wieder einmal Aus ihrem Mund sprühten unablässig Wörter.vanka ihr von irgendeinem sinnlosen Traum. denen letzten Versuch. so würde sie das als ein dummes. wenn du willst!<? Du mußt mitkommen. Dann machte sie noch einen entschiesich dem sinnlosen Vorhaben zu »Weißt du was. darauf eingehen zu können. Sie lehnte es auch ab. nur half Ablehnung nichts. Sie ging auf die erbitterten Vorschläge Jovankas nicht ein und glaubte auch nicht. wenn du willst!« »Was ken ab. Geh du. widersetzen. aber schließlich gab sie all doch nach und willfahrte mit kaltem Widerwillen ihren Wünschen. Du mußt! Wozu jetzt und jetzt. Jovanka. in denen Verschwendung und Ausschweifung aller Art herrschten. sie krachten in ganzen Salven. »Ich laufe mir deinetwegen eine Woche lang die Hak- wo ich die Sache ins reine gebracht habe. ob sie tatsächlich auf den finsteren Galerien irgendwelcher Nachtlokale herumschleichen wolle. ihr ihre »in Weißglut«. Warum denn nicht?« »Ich will nicht. sagst du: >Ich mag nicht gehen! Geh du. ich mag nicht gehen. diese Ziererei? Soviel Geld nimmt uns der Vagabund ab sollen keinen Finger rühren? und betrügt uns. unter denen sich Rajkas Wille bog und jeder Gedanke an Widerstand fiel. wovon sie nicht einmal in Büchern zu lesen wünschte. wobei sich wie in einem großen Bündel Raketen ein Wort am anderen entzündete. nicht aber von einem wirklichen Plan. der noch am selben Abend unter ihrer Mitwirkung ausgeführt werden sollte. beleidigendes und unglaubliches An- sinnen abgelehnt haben.« »Auf einmal.

Das Fräulein hörte ihr hüstelnd zu. Von Ratko wurde nicht gesprochen. Draußen war eine stürmische. aber zuerst will ich. daß sie wirkhch in später Nacht durch zweifelhafte Kaffeehäuser spazieren würde. das immer wieder ins Stocken geriet. schwach wie im Traum. Während Rajka sorgfältig das Tor verscliloß und 239 . die zur Zeit Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit und ihres Schutzes waren. sich auf den Weg zu machen. die Dummheit einem Betrüger so viel Geld gege- ben hatte. um ihr zu öffnen. Einige Zeit saßen die beiden Mädchen beim schwachen Licht einer einfachen Glühbirne und führten ein steifes Gespräch. hinter dem sie Licht sah. Da es kalt war im Zimmer. Nach einer halben Stunde erhob sich Jovanka und schlug vor. Du mußt dich überzeugen!« Als Jovanka das Geld erwähnte. wie sie schwankte und nachgab. daß du dich überzeugst. starke französische und erzählte dabei Einzelheiten aus dem Le- ben verschiedener Personen. Sie konnte nicht glauben.Der soll mir dafür bluten. saßen beide in Wintermänteln da und sahen aus wie zwei arme Frauen. die auf einer entlegenen Station vergeblich auf einen Zug warten. Das Fräulein ging hinaus. feuchtkalte Oktobernacht. Joklopfte an das Fenster vanka rauchte unablässig Zigaretten billige. während über ihr wie eine Peitsche der Befehl Jovankas knallte: Du mußt! Gegen zehn Uhr kam Jovanka in die Stigstraße und neben der Pforte. Aber sie fühlte schon. ebensowenig wie sie glaubte. daß in ihrer sie diejenige sein sollte. spürte das Fräulein in der Tiefe ihrer Brust wieder jenes halberstorbene schmerzliche Gefühl des Verlustes und Bedauerns.

Sie taumelte und mußte sich an Jovanka festhalten. drang der dumpfe Lärm von Liedern. zitterte sie vor Kälte und verborgener Schritt Erregung. kam eine kräftige. Aus einer Tür. das die sich plötzlich öffnete. langsamem ging sie über das aufgerissene Pflaster der nur schwach beleuchteten. tranken. das sie mit einer breiten Bewegung ihres ganzen Körpers auf den Hof schüttete. die Rufe und das Klappern von Tellern Gezänk der Köchinnen und Hausburschen und und sonstigem Geschirr. rotwangige Frau mit einem sie riesigen Topf in den Händen und hätte beide fast mit dem Spülwasser übergössen. auf Aus dem Gasthaus »Topola« und den übrisich hier. Die beschlagenen Fenster deuteten darauf hin. Es roch hier nach fetten Speisen und nach Stallungen. Aus der Küche hörte man das Schreien der Kellner. schmutzigen AleksandrovaStraße. um die Ecke und verschwanden im Tor Der dunkle Hof wurde nur von einem Küchenfenster aus erhellt. Geigenspiel und Stimmen. füllt daß all diese Räume von bezechten Menschen er- waren. die Aleksandrova-Straße. eins stand offen und ließ dichten Dunst hinausströmen. am Ende der beiden Seiten befanden. Das Fräulein hielt sich an Jovankas Arm fest. kräftigen Beinen dahinschritt wie ein Rekrut. die auf ihren kurzen. die aßen. als sie auf die Terazije kamen.besorgt auf die Fenster des Hauses schaute. Hier war es schon heller und lebendiger. Es war fast Mitternacht. Mit schwerem. die ihre Bestellungen aufgaben. das sie zu so ungewöhnlicher Zeit verHeß. Mühsam gegen den Wind ankämpfend. Sie traten in einen engen Gang und 240 . gen eingeschossigen Cafes. bogen die bei- den Mädchen des »Kasinos«. spielten und sangen.

von Staub und stie- Karbid. Fässern.stiegen eine kümmerlich beleuchtete Treppe hinauf. hinter ihr her und stieß dabei immerzu mit den Ellbogen und nen. besser beleuchteten Gang auf einen Menschen mit rotem Haar und Schnurrbart. schmale Räume. Jovanka zog sie ein wenig auseinander 241 . und er führte sie sofort an das Ende des Ganges. er ßen sie in und hatte die Ärmel bis zu den Ellbogen aufgekrempelt. einem langen. Tiefe drangen fröhliche sern. mit zusammengebissenen Zäh- Jovanka keit eilte und finster wie eine Göttin der Gerechtigund Rache. die mit Kisten. schroff len Geruch Knien an unsichtbare Gegenstände. Das Fräulein hüpfte durch ein paar halbdunkle. der an einem Kinderspiel teilnimmt. Der Mann öffnete behutsam eine schmale Tür und ließ sie beide eintreten. antwortete eine Knabenvoraus. Nur im Hintergrund schimmerte wie durch irgendwelche Vorhänge ein schwacher Lichtstreifen. so et- was wie das Lächeln eines Erwachsenen. und irgendwoher aus der Rufe und das Klingen von Glädie beiden Frauen auf Auf Zehenspitzen gingen das Licht zu. wie Jovanka jemand fragte: hin und hörte »Wo ist Joska?« »Oben stimme. sich Das Fräulein schaute verlegen vor nur. Das Fräulein glaubte auf seinem Getrug einen schmierigen Arbeitsanzug sicht einen leicht spöttischen Zug zu bemerken. Als sie das erste Stockwerk erreicht hatten. Wandschirmen und Kulissen verstopft waren. bei den Logen«. Wieder waren sie in einem fast dunklen Raum. Jovanka und er begrüßten einander. Man spürte den übvon ungelüfteten Räumen. Hier hingen tatsädilich Vorhänge aus schwerem Tuch.

verfolgte das Fräulein dieses Trinkgelage der schon reichlich bezechten Männer. von dem ihr Jovanka erzählt hatte. wie ihn noch nie an ihm bemerkt hatte. daß sie sich auf der Galerie befand und daß unter ihr das Separee lag. Zuerst war sie so aufgeregt. aber alle Augenblicke warf er den Kopf zurück und brach sie in ein breites. Das verlieh seinem Gesicht einen glückselig-blöden Ausdruck. fast als die an- knabenhafte Gesicht Ratkos. den ein langer Tisch mit Tel- Gläsern und verschiedenen Speisen fast ganz aus- Um den Tisch saßen fünf bis sechs Männer. Aus dieser ungewöhnlichen Perspektive gesehen. wer sie war und wo sie Einige aßen ständig etwas sich befand. und sie konnte jetzt alles wie auf einer Kinoleinwand verfolgen: die Personen. Zuerst erkannte sie unter den füllte. Sie wußte nun. lachten Tränen und klatschten in die Hände. Er war ruhiger deren. lautes Lachen aus. Die warme. Durch die schmale schwere. den Blick senkte. größtenteils recht beleibten Männern das helle. wirkte die ganze Szene sinnlos und unwirklich. Als lern. sah sie unter sich einen schmalen Raum. Auch die übri- gen schrien etwas. Obenan saß ein 242 .und schaute hinunter. zurück und schob Öffnung sah sie zuerst nur grelles Licht und in der Ferne eine weiße Wand. Ohne zu atmen und ohne zu wissen. begann sich auch das Bild vor ihr zu beruhigen und klar abzuzeichnen. schwenkten grundlos mit den Armen. rauch- und dunstgeschwängertc sie Luft drohte sie zu ersticken. die Bewegungen und die Stimmen. dann das Fräulein wortlos an ihre trat sie Stelle. und tranken dazu Wein aus dünnen Gläsern. daß alles vor ihren Augen flimmerte. aber als sie sich etwas gefaßt hatte.

Sie verstand jedes Wort. gestutztem schwarzem Schnurrbart. um. untersetzter Mann. 243 . dessen Gesicht vom Trinken »Laßt ihn doch!« »Vorwärts. aßen und mit den Gläsern anstießen. Was haben wir schon davon! Verse habe ich nicht mal gemocht. Jetzt vermochte sie auch dem Gespräch zu folgen. fröhlichen den Stimmen. blasam Ende des TiBlatt Papier in der sches erhoben hatte. »Nun los. jetzt mit einem Hand dastand und vergebens darauf wartete. kleiner. der sich einem vollen. als ich noch zur Schule ging«. rief ein lebhafter. »Laßt doch mal den lichen und ließen niemand Mann das Gedicht vorlesen«. überschütteten einander mit Lachen und Lärm einen Satz zu Ende führen. benützte der kräftige Dichter diesen Augenblick verhältnismäßiger Ruhe. während einige noch immer sprachen. Er war der Ruhigste von allen und wischte sich bloß von Zeit zu Zeit mit einem großen Taschentuch den Schweiß von seinem dicken Hals. des Lachens und Jauchzens überhaupt ein Gespräch nennen konnte. schwarzem Haar und vollem. >Das schon besser ist der Rechtsanwalt von drü- ben<. aber die Leute unterbrachen sich gegenseitig. zu Wort zu kommen. sagte der Rechtsanwalt mit seiner langsamen. vorwärts!« Völlig nüchtern gerötet war. weich- Stimme und winkte mit großer leutselig sen Mann Brille. in süßlichem Bariton sein Gedidit vorzutragen. Dichter. und schußbereit wie ein entsichertes Gewehr.« »Bleib bloß sitzen.Dicker mit gelblicher Hautfarbe. daß wir auch das erleben. dachte das Fräulein. wenn man diesen Lärm der durcheinanderschreien- tosenden.

da auch wir in die kulturelle Sphäre eintreten . sehr sorgfältig gekleideter Mensch. »Ach. im Gegenteil. und unterbrach ihn. Untersetzte. .Stadt. schweigen Sie!« du betrunkener Narr. wenn du nichts davon verstehst. dienen!« »Pardon.« »Genug. ist der Atem meiner Stadt. Es geht hier nicht um Gelderwerb. Und heutzutage. er ist nicht in einer solchen Gar nichts verlangt er von uns. meine Herren«. Linien düstrer Schatten stürzen. ein Mißverständnis. und laß den armen Kerl einige Para ver»Setz dich. »Pardon. schrie jener Kleine. ritzen ein der Sterne Bild. Bis der reitet Neumond silberglänzend durch den Sternenhain. Pardon. . rief ein schmäch- langhaariger. Stimmen wurden gegen ihn laut: «Bitte. frei. Unser Freund Lage. Wie der Sturmwind. launisch. BELGRAD du über den zwei Flüssen. genug. hat den Wunsch. fern zu der Planeten trägt sie kühn die Bahn hohen Bogen . ihrer künft'gen Baukunst hin . Über alles sich erhebend. Er ist unser erster kosmischer Dichter. ich pfeife auf dein Gedicht«. um alle Welt! Wenn du auch Apothe- das ist zuviel. der nie Verse gemocht hatte.« 244 . uns einen seltenen Genuß zu bieten. tiger. ker bist.

und rannte mit ausgebrei- Armen um den »Warum sollen wir ihn achten? Ich achte niemand! Damit du es weißt! Ich bin aus Palilula. schüttelte sich vor Ladien und wischte den Schweiß aus dem Nacken. Ein allgemeines Gelächter war die Folge. von dem man jetzt wußte. begann und Gedidite. Feierlich und weiter- hin ernst setzte sich der Dichter nach kurzem Zaudern auf seinen Platz und faltete das Papier zusammen.»Laßt den Dichter sprechen!« »Nanu. Zwi- schen keine dem Apotheker und dem Mann aus Palilula. Bei ihrem Geschrei hörte man nicht. wer hat uns denn heute abend dieses Dichum uns die Stimmung zu verderben?« fragte einer mit ruhiger. der Verse mochte und der. Er stand auf und schrie aus »Meine Herren. voller Kehle: ich bitte Sie. Du verstehst doch Serbisch? und damit basta!« Der Rechtsanwalt mit der Hand sich am oberen Tischende winkte bloß ab. und das Gespräch hörte auf. der ein lauter Streit über Kultur sich irgendwo unter der Galerie befand. blieb hartnäckig. wie man dem Gespräch entnehmen konnte. was?« teten rief der Kleine Tisch. Aber plötzlich brach der Lärm ab. wäre er soeben aus dem Schlaf erwacht. Alle wandten sich dem unsichtbaren Eingang zu. von Beruf Zollmakler war. lassen Sie die Poesie in Ruhe! Die Dichter sind höhere Wesen. als terpack mitgebracht. starker Baßstimme. Ich will nicht. daß er Apotheker war. Mir kann keiner imponieren! Nicht mal der liebe Gott! Hast du verstanden? Und deinen Wirr- kopf da will ich nicht hören. was die übrigen sagten.« man muß »Was. Aber der langhaarige. schmächtige Stutzer. auf der das 245 . und sie achten.

waren alle diese ungezügelten Männer zahm. das einen ebensolchen Korb trug. daß sie ewig treu euch bliebe diese Nacht. nahm sie 246 . und zwar mit einem mechanisch eingeübten serbischen Text: O Seüor. Bevor sie den Tisch erreicht hatte. verstummt war. wirkten armiutig und sicher.Fräulein stand. Pfand der Liebe. die zu kleinen Sträuß- chen zusammengebunden waren. daß Carmencita leise ihr Lied sang. In der ausgestreckten linken Hand hielt sie einen flachen. Hinter ihr kleines kam ein ihm Mädchen. ihre Aussprache oberflächlich und undeutlich. ihr Lied leise vor sich hin zu singen. und euch lacht noch Ihre Stimme war schwach und fein. In Haufen großer Geldscheine. auf ihre Krinoline gestützten Korb. In einem kostbaren. Senorita. Das Fräulein preßte krampfhaft beide Hände zusamlag ein ganzer Erst jetzt. da der letzte aus der bezechten Gesellschaft men und bohrte ihre Fingernägel in die Vorhänge. kauft von armer Carmencita blaue Veilchen. rauschenden Kleid aus nußbrauner Seide. angefüllt mit gro- ßen. mit einer hohen spanischen Mantille aus schwarzen Spitzen auf dem Kopf und steifer einem großen Veilchenstrauß mitten auf der Brust bewegte sich Carmencita langsam durch den Raum. konnte man hören. Während sie fortfuhr. weiten. eines jeden Gesicht hellte sich auf und verzog sich zu einem Lächeln. die dem Rhythmus des Liedes folgten. ihre Bewegungen. tiefdunklen Parmaveilchen.

Nur Ratko benahm sich freier und natürlicher. Carmencita lächelte mit den umschatteten Augen und den weißen Zähnen in ihrem Porzellangesicht. mechant gars!« Die Creme und die starke Schminke sowie das gewohnte sichere Lächeln der erfahrenen Tierbändigerin gaben ihrem Gesicht einen glänzenden Scliimmer. aber warfen Geldscheine in den Korb. Lächeln und herrliche Sorglosigals wüßte sie nichts von der Existenz dieses Mädchens und ihres Korbes. laisse-moi passer. setzte ihr leises Lied fort und bedachte auch die anderen mit Veildien. um sich wie die üb- von ihr schmücken zu lassen. sah Carmencita aus. dabei ergriff er ihren Arm und überschüttete sen. Alle machten ihr Platz und betrachteten sie voller Bewunderung und Ehrfurcht. und zahm vor und um seine Verlegenheit zu verbergen. starrte auf einmal ganz winzig sich hin. chen trug. der keine Verse mochte. geschickten Bewegung zog sie ihre Hand zurück und befand sich im Nu auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches. Mit einer anmutigen.Veilchensträußchen heraus und steckte sie der Reihe sie nach einem jeden von ihnen ins Knopfloch. riß er aus seiner Geldtasche zwei Handvoll Banknoten und warf sie mit einer plötzlichen Bewegung dem kleinen Mädchen zu. Als sie fer- 247 . Ratko! Voyons. Nachdem er seinen Geldschein in den Korb geworfen hatte. glockenheller Stimme: »Laisse-moi tranquille. ihn bis zum Ellbogen mit Küs- Carmencita unterbrach ihre leise Melodie und sprach mit lauter. beugte rigen er sich vor. den das kleine Mädkeit. Es gelang ihr nur mit Mühe. Ganz Musik. mit ihrem weiten Kleid aus rauschender Seide zwischen den Stühlen und der Wand hindurchzukommen. Der Kleine.

welches das Körbchen mit den Geldscheinen trug. das breite Lächeln. und Verrat. alles war so schmachvoll und häßlich. Doch in ihrem Nacken 248 . die nichts von ihrer Fall Sünde wußte. Auch die ihr unbekannte. schien ihr als der lebendige Ausdruck einer Sittenverderbnis. wo sie dieses Bild nicht vor Augen hätte. denn sie glaubte keinen Boden mehr unter den Füßen zu haben. die so ganz anders war eigene heisere. es loszulassen. die wie Funken. dumm und niederträchtig zugleich vorkam und das zu Ratkos Gesicht gar nicht paßte. ganz gleich wohin. daß es ihr weh tat. nur an einen Ort. die und Vorhänge loszulassen. das sie mit den Händen hielt und an ihre Wangen drückte. zu Halsketten und blitzartigen Schwärmen aneinandergereiht. das ihr häßlich. Das Zuwerfen des Geldes. Das Tuch des Vorhangs. als der Tiefpunkt von Ratkos Sie dachte daran. aber sie wagte nicht. in einen Abgrund. alles. Ratko rief ihr ein und mit glühenden Augen noch paar französische Worte nach. die schamlosen Küsse auf Carmencitas Arm. durch die Luft flogen. verbeugte sie sich theatralisch vor allen und ver- schwand mit ihrem Lied und dem kleinen Mädchen. als ihre er- auch diese Sprache. so lebendig und ungezwungen. schwerfällige bosnische Aussprache. sondern über einem Abgrund zu schweben und sich nur krampfhaft an diesen Vorhang zu klammern. an die sie sich klammerte.tig war. war so heiß. als stünde es in Flammen. voll heller Vokale und scharfer Redewendungen. fremde Sprache. und zu Boden zu fallen. lächelnd hastig In diesem Augenblick schien sich vor der ganze dem Fräulein Raum mit der bezechten Gesellschaft in Ne- bel aufzulösen.

wie zwei Schwestern. was aus Seide ist. er heftigen und Bewegungen über den saß mit seiner großen. und das Geld da. Zorn vor ihren und Schamgefühl Augen ein wenig verflüchtigt hatte. Nur die Veilchen. dir fällt es noch gehst bloß hin und schmeidielst ein weist nig deinem Hutzelweib dort irgendwo in der Stigstraße. mit denen sie geschmückt waren. und dieser Streit löste Salven allseitigen Gelächters aus. Beide rührten mit hölzernen Stäb- chen im Champagner. zeigten an. und auf einmal liegt dir ein Tausender unter dem Kissen. »Du mußt den Champagner »Du. Du bestichst bloß ein. in gleichen Abendkleidern aus blaßgrüner Seide. Als sich der Nebel von Blut.spürte sie den heißen Atem Jovankas wie eine Mah- nung. still. sagte Ratko. aus lich Jetzt aber dem Variete.« »Schweig leichter.« sie Allen versclilug es vor Ladien den Atem. zum besten gab. wie ter es er zu un- Bezechten üblich ist. saßen die bezechten Männer auf ihren Plätzen. so daß 249 . als Baumwolle. beide blond. der keine Verse mochte. seine Tisch. runden sprach mit hoher Stimme.oder zwei- mal einen Zollbeamten und bezeichnest. Brille Hände fuhren in Nur der Dichter aus dickem Glas unbeweglich da gleich einer Eule. bezahlen«. Alle lachten über ein paar W^itze. daß Carsaßen zwischen ihnen zwei Mädchen schön und einander ähn- mencita dort wie eine Spukerscheinung hindurchgegan- gen war. Du du Schürzenjäger. die jener Zoll- makler. der in flachen Gläsern vor ihnen stand. Dir fällt es leicht. Zwischen Ratko und dem Zollmakler war einem freundschaftlichen Streit gekommen.

ich begleite dich nach Komm. Jetzt soll ich dich verlassen. ganz langsam! Die Luft wird dich blieb stehen.« Als sie vor das Tor gekommen waren. schroffer Stimme: »Danke. Ich schaffe es.stumm und wie gelähmt dasaßen. frischen. ganz langsam.« »Wie? Hause. gehe allein. wie sich in ihr plötzlich eine neue. Obwohl völlig erschöpft. daß sie jeden Sturz bis zum Grunde fortsetzte. während sie behende ihren Arm frei machte.« Das Fräulein fühlte sie. Eine wunderliche. daß Qual zu Ende führte. von sich zu weisen. Das beschämte sie so. entwand sich das Fräulein ihr wieder und sagte. wieder in Erst als sie dem dunklen Hof waren. die sie in ihren Armen hielt und wie einen Verwundeten führte. Mitleid aussah. Aber Jovanka faßte sie wieder unter und flüsterte: »Wir gehen langsam. wo du mich am er- nötigsten brauchst? Nein. kam das Fräulein richtig zu sich und sah. zerstörerische was nach Trost und Kraft. sie unerwar- tete Kraft erhob und unwiderstehlich antrieb. den Vorhang los der ebenfalls Da ließ das Fräulein und fiel in die festen Arme Jovankas. daß sie sich mit der ganzen Schwere ihres Körpers an Jovanka lehnte. nein. und Ratko zu drohen. ich mit heiserer. jede alles. erst dann begannen sie sich mit der Hand auf die Scheneinen Augenblick kel zu schlagen herzlich lachte. so daß man den Boden erreichte oder auf den Füßen landete und dort in Stücke zerbrach und sich wieder aufrichtete. auch noch so kleine Hilfe und trotzige. und heilbringende sie jede die darin Rettung suchte. 250 . daß sie sich mit schmerzlicher Willensanstrengung losriß und aus der Um- armung befreite.

»Danke. die auf einmal nichts mehr brauchte. machte Jo- alles allein. gußeiserne Teil des war hohl und stellenweise von Granatsplittern aus dem vergangenen Kriege durchschlagen. lehnte sie sich an einen eisernen Pfahl. Sie war verwirrt. Langsam und nur mit Mühe — wie in einem Traum — kam sie gegen den Wind voran. mit scharfen Schritten durch die Fürst-Mihailo-Straße davon. verwirrten 2SI . Um nicht zu fallen. ich kann Peitschenhieb getroffen. Sie fand darin ein wenig Erleiditerung. die ihren Ohren und sich offenbar in ihrem Beschützerstolz gekränkt fühlte. daß sie ihre Kraft überschätzt hatte. sidi noch länger an diesen Pfahl zu schmiegen. und die Pfahles Berührung mit dem kalten Eisen tat ihr wohl. Sie hatte den Wunsch. Der untere. fühlte sie. sagte das Fräulein und stieß die kleine Frau grob von sich. nicht nötig«. »Ja. laß mich! Ich brauche niemand. nicht traute »Wie? Wie?« stammelte Jovanka. das immer stärker wurde. und in dieses Pfeifen mischte sich ihr schwaches Weinen und Jammern. was ihr im Leben höchst selten geschah. mageren Frau. doch als sie in die Aleksandrova-Straße einbog. Das Fräulein entfernte sich in entgegengesetzter Richtung. aber unverständliche Rufe und lautes Gcläcliter hinter ihr. ohne ein Wort zu verlieren. Durch diese Löcher sauste und pfiff ein toller Wind.« Wie von einem vanka auf der Stelle kehrt und ging. an dem hoch oben eine große elektrische Lampe aus Milchglas im Winde schaukelte. klein und überflüssig vor dieser und stand irgendwie kläglich. daß ihr die Beine den Dienst versagten und das Bewußtsein sie verließ. Geh.

aber sie blieb nirgends stehen. daß Kutscher. alle Kraft zusammen und ging Mühevoll und langsam war der Weg durch die lange Aleksandrova-Straße. sie hätten es mit einer Betrun- kenen zu tun. Voller Angst überlegte sie. ob sie sich nicht vielleicht noch in dem hatte. Pflaster das schwache Licht mit den unruhigen Schatten hin und her. cheln sie könnte strau- und fallen. Von Zeit zu Zeit zitterte sie vor Angst. er . Für dreißig Dinar. die neben ihren Droschken mit den brennenden Laternen beieinander standen. Es war ihr. als ginge sie diesen Weg zum ersten- mal und als sei die Nacht voller Trugbilder und Hinterso einen unglücklichen halte. die über der Straßenmitte hingen. in der Meinung. daß sich die Erde wellte und ihr unter den Füßen fortglitt. Lange watete sie so durch die Nacht. spöttische Bemerkungen machten und über sie lachten. trieben sie vorwärts. Mit diesen Bewegungen schob sich zugleich auf dem kotigen und zerwühlten riesigen. denn klan- das grobe Gelächter der Kutscher und ihre unverständ- lichen Zurufe. Raum mit der bezechten Gesellschaft belosgerissen fand.sie. Der Wind schaukelte die wenigen großen elektrischen Lampen. »Wir wollen »Besoffen Kutscher. (Oft kann man Marm oder eine solche Frau durch die Straße gehen sehen. Als sie sich von dem Laternenpfahl bemerkte sie. Frauchen!« ist sie. die ihr fortwährend in den Ohren gen. besoffen!« rief lakonisch ein dritter Das Fräulein nahm weiter. der Mensch 252 ist scheinbar wie die anderen Passanten. So hatte das Fräulein den Eindruck.«' »Fahren wir. Sie fahren.

wirft nicht die Arme. das als an einem Bild in einer an Onkel Vlado erinnerte? sie Als wäre all eben aus dem Schlaf erwacht. das ihn in diesem Moment in sie Span- nung hält und ganz ausfüllt. wenn sie bei Verstand bleiben. Spiel daß sie sich mütterlich eines Hohlkopfs chers annahm und ihm wie im war als Blut und Landstreiund Scherz große Summen teurer Geldes in den Schoß warf. diesen verwünschten Weg fortund lebend ihr und Wut weinte sie. Vor Scham docli ihre Augen blieben trodcen. das und kostbarer als das Augenlicht? Wo waren ihre Augen. welches an daß in ihren reifen Jahren sie Onkel Vlado erinnerte. getragen vom Rhythmus eines inneren Zwiegesprächs. den argen Schaden sich. anrüchige Winkel aufsuchen und irgendeinem jungen der ihr nichts bedeutete Mann nachspionieren. ihres Geldes. sah sie jetzt ihre eigene unverständliche diese Fragen und damit Torheit.) So taumelte durch die endlose Aleksandrova-Straße. daß er von frischem Leid geschüttelt wird und sich wie ein Bhnder bewegt. aber wenn man sich ihn näher beschaut. sieht man. den sich selbst klar einmal vor keln wagte. ihre Erfahrung und ihr Verstand geblieben? Wie konnte sie sich von dieser unberechen- baren Intrigantin Jovanka leiten lassen.spricht nicht. die nie ein Cafe betreten hatte. jetzt mit ihren grauen Haaren schmutzige. ein Lächeln. und an dem ihr wirklich nicht Illustrier- mehr gelegen war ten. weint nicht. die sie und die große Schande vor Augenblick auch vor setzen am besten totschweigen oder wenigstens im sich selbst verbergen mußte. 253 . scharfes und wie ein furchtbar sie nicht Messer bohrte in ihr ein Gedanke. und wie konnte sie. darzulegen und zu entwik- Wie kam es. Haus erreichen wollte. hinriß.

ohne irgend jemand zu leben. aber beredten Sprache. mich genügend gegen alles beschützen 254 . Alles ich mich. die allein sie verstand. Aber was fruchtet das. Ich dachte. unvorhergesehene Veränderungen und nicht geahnte Überraschungen. sondern die Welt hat mich verraten. wenn die Welt so beschaffen ist. so große. von der du es nicht erwartest. wie >So schwer es war. bat es. um mich zu sichern.und sie sprach zu sich selbst. denn nur im Zusammenhang mit ihrem ungewöhnlichen Leben hatte diese Sprache Sinn und Bedeutung. Und wenn uns niemand betrügt. daß der Mensch mit seinen Anstren- gungen. alles habe ich getan. Vater. und an alles erinnere was du mir aufgetragen und als Vermächtnis hinterlassen hast. ihr zu verzeihen. so betrügen wir uns selbst. mit den Menschen auszukommen. Verzeihe mir. was sie sich selbst nicht verzeihen konnte. strengungen derart verloren und hilflos bin. daß ich nach so vielen Jahren und Antöricht erscheint. daß deine Worte. Mit diesem tränenlosen Weinen und diesen unaufhörlichen. doch was nützt es. sie zu verstehen. Du weißt. weiß ich. zu begreifen. sonst entbehrte sie — wie das Greinen eines Kindes und eine verzweifelte Totenklage — jeder Logik und sichtbaren Verbindung zur Wirklichkeit. vereint mit meinem Willen und meinen Anstrengungen. und wie unmöglich. ohne Worte. allem vorzubeugen und sich zu erhalten. in einer stummen. unausgesprochenen Sätzen wandte sie sich an jenes Grab in Sarajevo. Alles. daß Lug und Trug in ihr mächtiger sind als das übrige. große Hindernisse gibt es in der Welt. wie ich mich abgemüht habe — in blutig schwerer Arbeit. wenn sie dir von einer Seite kommen. aber nicht ich bin meinem Gelöbnis untreu geworden.

aber sie fand keine Antwort. aber auch von dieser Seite kam kein Echo und kein Trost. jagten einander und legten sich in ihr übereinander. geschweige denn. Sie beugte sich unter dieser Last. die in den Menschen leben und über die ihr anderen keine Macht habt. Aber dem ist nicht so. Jovanka und ihr Erlebnis nach. dem nimmt man es. Deshalb wandte den Lebenden zu und dachte über Ratko. wenigstens ausnahmsweise? Anscheinend nicht. wie diese Welt und die Menschen in ihr sind. Wer nichts hat. daß sie ihrer Herr wären?< Immer schneller und lebhafter kreuzten sich der- artige Fragen. sie nicht finden. was ihm maskiert und verlogen naht. gefährlichen und unerf orschlichen Triebe. denn nicht einmal sie selbst kennen ihre sich kann Triebe richtig. der wird getreten. In dieser Welt gibt es ist schhmdu geahnt hast. als etwas erwirbt.würden. Und niemand einem anderen ohne verborgene Absichten und Begierden nähern? Wie soll sich der Mensch da zurechtfinden und gegen alles verteidigen. Wer fortlebt. sie So ungefähr sprach das Fräulein bei sich beklagte wie ein Kind sinnlos über alles und jeden. Es mer und schwieriger. können begreifen als ben nichts anderes sehen und hören und ihre eigenen Klagen darüber. der sieht erst. gegen die häßlichen. Vater. Und sie konnte eine soldie denn wenn Leute wie sie nichts sie in Lage geraten. und sie je- schickte ihre Klage in die Ferne und an sie sich das Grab in ner Ferne. die ständig wuchs. wer keinen Schutz und keine sichere Obhut. Sie fragte sich: >Kann dieses männliche Tier nicht für einen einzigen Augenblick rein und ehrlich sein. und vom Ledessen Mängel 255 .< sich.

Sie stritt sie. aber fiel. Es schien undenkbar. als alles zu beherrschen. Rajka. Das hätte sie sich nicht träumen lassen. Mit dem Aufschrei wich dieses Leid wenigstens zum Teil von ihr und wurde. ob unerklärlichen plötz- und der lichen Blindheit aufzuschreien wie ein Verwundeter. Sie war ganz von einem großen Leid erfüllt. daß ihre Mutter auf dem Boden saß und sie. Sie sank in die Knie. als sie Lange kämpfte gegen den Zweifel an. von dem sich der dünne Faden ihres Wehgeschreis abwickelte. daß sie sich in einer sie ungewöhnlichen Lage befand. etwas zu sehen oder sich unwiderstehlich an. auf dem Schoß hielt. Sie wollte auch ihren langen schwarzen Mantel ausziehen. Als sie aus der Ohnmacht auftauchte und wieder das Licht und das vertraute Zimmer um sich erblickte. und trat ins Haus. aber bei der ersten Bewe- gung verließen sich sie sie ihre Kräfte. wer sie war und wo sie sich befand. wurde ihr immer klarer. löste wie ein Krampf. sah und erträglicher. und dennoch war es so. als wäre es ein fremdes.Als sie an der Ecke ihrer Straße anlangte^ blieb sie unbewußt stehen und bog in sie ein. qualvolle Selbstbeherrschung schwand jäh dahin. wie ihr schien. das wie ein sie nieder- dunldes Gebirge in ihrer Brust lag und drückte. 2s6 . Auch wußte sie nicht. leichter und sprach mit niemandem mehr. daß ihr mit Kopf und Händen auf das Bett sie Es war nicht mehr möglich. Die ganze bisherige so. zu stehen. Die Erde zog Aber größer und stärker des verlorenen Geldes war das Bedürfnis. aber sich mehr und mehr zu kam. Sie schloß das Tor so langsam und ungeschickt auf. daß die kleine Alte ihre große und knochige Tochter trug. Hier vermochte sie eben noch das Licht anzuzünden. sie war nur mehr ein Knäuel Leid.

Und wie zwei ungleich tickende Uhren hörte man ihr Schluchzen im Zimmer neben den leisen Kosewor- ten der Mutter: »Nicht doch. Alles wird wieder gut. mein Seelchen! Nein. Mamas Mama ist bei dir. mit Hand stützte sie den herabhängenden Kopf der Tochter. besonders aber nach einem warmen Wort und einem offenen Blick. lechzend nach allem möglichen. so und wahre Bedeutung als hätte sie seit und sie wiegte ihre große Tochter auf dem Schöße je. nur das eine getan und nicht mehr dreißig Jahren neben ihr hergelebt. leicht und gewandt.Mütter sind geübt in ihren Bewegungen und verfügen über ungeahnte Kräfte. einfachen Worte. und mit der zweiten benetzte sie ihr die Stirn und den noch immer offenen Mund. der in der Taille und den Knien eingeknickt war. 257 .« Wie eine endlose Melodie wiederholte so die alte Frau die uralten. eh und seit bis geals stern noch. Liebste. auf ihrem Schöße wie auf alten Bildern die Mutter Gottes den toten Christus. Rajka. bitte nicht! Schau. die bloß einer Mutter Leben im Munde erlangen. Die alte Frau hielt diesen mageren. Das Wehgeschrei einer aus diesem Mund ging in ein gleichförmiges Schluchzen über. niedergesunkenen Körper.

ohne ein Wort der Frage. sich Mutter von und sagte kühl. Am nächsten Tag rief sie einen Arzt. daß es sich um eine vorübergehende Sache handele. Aufregungen jeder Art von ihr fernzuSie stieß die Am vierten Tag jedoch stand das Fräulein plötzwie durch ein Wunder genesen. Das müsse so bald wie möglich geschehen. der auf unhörbaren Sohlen einherschritt und sich überhaupt so geschmeidig und leise bewegte. den zialist erst ein Spe- durch eine klinische Untersuchung feststellen könne. als wäre er ganz aus Gummi. aber sie war zu schwach und erschöpft. doch rasch und schweigend den großen Verlust und die bittere Enttäuschung. die weder Ursache noch Erklärung sucht. Bei dem Gedanken an das Honorar für den Arzt fuhr das Fräulein auf. daß sie nicht krank sei und keine Heilung und 258 Pflege brauche. daß aber das Fräulein allem Anschein nach einen organischen Herzfehler habe. Beim Weggehen sagte der Arzt zu der alten Frau.VIII Das Fräulein verwand unter Schmerzen. einen ruhigen Mann. lich auf. Bis dahin gelte halten. es. Die Mutter pflegte ihre Tochter ohne den Schatten eines Vorwurfs. mit jener Liebe. um sich einer Untersuchung zu widersetzen. Entschieden .

Als sie wieder auf den Füßen stand. schaute an sich herab. doch das Fräulein blickte auf ihn wie auf eine Puppe mit einem gemalten Lächeln. was sie in den letzten Tagen bedrückt hatte. was alle zum Schluß viel- Anstrengungen mir nicht einbringen konnten. Man sah ihm gleich an. und auch das. Sie 259 . Wer weiß? Und selbst wenn das nicht der Fall ist. als wollte sie alles von sich werfen. Bei diesem Gedanken erbebte sie so tief und gewaltig. düster und blaß. Noch besser und mehr als bisher. die Sparsamkeit bleibt. und die Sparsamkeit wird mir wenigstens etwas von leicht dem zurückgeben. Und so wurde sie. Er versuchte sein Verhalten zu erklären und sich zu rechtfertigen. ohne ein Zeichen von Zorn oder Überraschung. werde ich wieder mit allen Kräften sparen. noch ganz in diesen kalten Schauder gehüllt. Am folgenden Tag eilte Ratko in die Stigstraße. Das Fräulein empfing ihn ruhig. ihr Herz von einem Arzt untersuchen zu sie lassen. Der schöne junge Mann be< nahm sich wie ein Kater. ihr Alltagsleben mit den alten Gewohnheiten wieder aufzunehmen. den man beim Stehlen ertappt hat. daß er durch Jovanka von ihrem nächtlichen Besuch im »Kasino« unterrichtet war. Sie ist von nie- mand abhängig. Ich werde sparen. den Umständen und Menschen zum Trotz. und seine Worte gingen an ihr vorbei wie leeres Geplapper. blickte im Zimmer umher und auf den herbstlichen Himmel mit dem Gewirr kahler Äste draußen. was mir die Leute genommen haben. raffte sich auf wie ein Mensch nach einem schweren Schlag und sprach sich selbst alles danken vor: >Na und! Auch wenn den ersten Gezugrunde geht und treulos wird.lehnte sie es ab. plötzlich gesund und begann.

ein für allemal. Erklärungen an. alles. und Reue nur nicht das geliehene Geld.hatte ihn verschmerzt und verwunden. der sie in einer ihrer Be- einem Menschen schützerrollen störte. so lange. die weder Ratko noch dem Fräulein verzeihen konnte. wie sie ja nie verzieh. bot ihr Dienste. Derart zanksüchtige und bösartige Toren und Schwester. So kam er noch einigemal. zuerst sich selbst und dann die der Leute davon zu überzeugen. aber das Fräu- lein wußte. la- Menschen haben. Schließlich Besuche ein. daß ihr selbst an eurer mißlichen Lage schuld seid.) wöhnlich frech und dicldcöpfig. ihn und sein Lächeln samt ihrem Geld. stellte er seine Schwieriger war es mit Jovanka. sterhafter welchen Wert die Schwüre schwacher. die in ihr unberührt blieb. daß er verdienen und die Schulden zurückzahlen werde. daß er bald seine Arbeit aufnehmen. gelingt es ihnen regelmäßig. hätte sie bewegen können. wollte sich einschmeicheln. lebendig und teuer. So habt ihr einen doppelten Schaden. so hingebungsvoll Mühe und und uneigensind für ge- nützig einstudiert hatte. stellte Fragen. (Doch Frechheit und Dickköpfigkeit sind Bruder Und wenn Mehrzahl sie euch Schaden oder Schande bereiten. welche sie mit soviel Begeisterung. wie sie es immer gewesen. Sie hatte ihn abgeschrie- ben. ihre Eitelkeit hingegen hat einen doppelten 260 . Sie konnte nichts Gemeinsames finden zwischen diesem lästigen jungen Menschen und ihrer Erinnerung an Onkel Vlado. nicht einmal der Gedanke an die Möglichlceit. ihm ernsthaft zuzuhören und ihn mit wirklich etwas anderen Blicken anzusehen. von ihrem Geld zu retten. Er schwor zwar.

sagte Jovanka zu verschiedenen an- deren Schützlingen. fing sie jetzt an. Und dann und sie erzählte sie. sei in Sarajevo österreidiische Spionin gewesen und habe deswegen Bosnien verlassen müssen. ihnen gelang. die Verantwortung auf euch abzuwälzen. »Was für ein vaterlandsloses Gesindel und gemeines Volk sich in unser Belgrad ergießt. Ratko aber habe in Saloniki mit weißen Sklaven gehani6i . wandte sich Jovanka plötzlich und mit aller Macht nicht nur gegen ihren nichtsnutzigen Schützling. lein sie enttäuscht hätten. die noch in ihrer Gnade waren. sie mit ihrem Haß und ihrem Klatsch zu verfolgen. Des- halb können die frechen nie und dickköpfigen Menschen von ihren Fehlern und Schwächen ablassen. als sie euch zu als es dem falschen Schritt überredeten. Und mit demselben leidenschaftlichen Eifer. sondern auch gegen ihre Freundin. Den zweiten.. denn sie bekommen nie die schlechten Folgen ihrer Fehler an sich selbst zu spüren und merken also nicht. auch wenn ihre sonstigen Eigenschaften noch so gut und nach außen hin gefällig wirken. wie sehr Ratko und das FräuAugen.Erfolg zu verzeichnen. daß sie dasind. das können Sie sich nicht vorstellen«. mit behaftet Deshalb sollte man sich solche Men- schen möglichst weit vom Leibe halten. mit dem sie ihnen bisher kleine und große Dienste und Aufmerksamkeiten erwiesen und sich ihre Sorgen zu eigen gemacht hatte. Nach jener sonderbaren Nacht. das Fräulein habe mit Ratko ein »Techtel- mechtel« gehabt. die ihr statt des Triumphes eine große sentimentale Niederlage gebracht hatte.dabei leuchteten ihre bebte vor innerer Wut und Erbitterung. Sie be- hauptete. Den ersten.

öde und grau für andere. Weiterhin besuchte sie die Wechselstuben kundigte sich Kurse. flüsternd weitergesagten. da etwas. Von einem Konto warf sie ihr Geld auf das andere oder hob es in einer Bank ab. Spionin und Pfennigfuchserin.delt. und zeigte sie frohlockend den gemeinsamen Bekannten. aber nur in geringem Sie besuchte jene Um- zwei oder drei Banken. die auf und zwar den Tafeln vor den Geschäften vermerkt waren. sie durchzulesen. Wochen packte sie ihre Zeiimmer ein und ließ vom Fräulein um ihre Hand auf andere Auser- wählte niederzulassen. in denen Angriffe gegen das Fräulein abgedruckt waren. die natürlich nicht dazu kamen. Sie trug es wie eine 262 . aber auch jene heimlichen. um es unter gleichen Bedingungen bei einer anderen einzuzahlen. Ihr Leben floß ruhig dahin. prüfte die die öffentlichen. Aber das alles konnte das Fräulein nicht rühren und bewegen. Erst nach fünf bis sechs tungsnummern und von Ratko für ab. für sie jedoch reich und inhaltsvoll. mit denen sie in Verbindung stand. Sie verschaffte sich aus Sarajevo die Nummern der dortigen Zeitungen. Und jeden Tag fügte sie ihrer Fabel etwas Neues hinzu. Sie bezeichnete Ratko nur noch als »angeblichen Freiwilligen« und Apachen und das Fräulein als eine »schwarz-gelbe Wucherin«. ganz ausgefüllt mit kleinen Geschäften und unendlicher Sparsamkeit. ernach dem Stand der Devisen. vom »London« bis zum »Kolarac«. Sie kaufte verkaufte hier und fang und und immer zaghafter. noch in jener Nacht und während ihrer Krankheit hatte sie alles bedacht und unbarmherzig ein für allemal abgeschrieben.

Jetzt geschah es des öfteren.Katze ihre Jungen von einer Stelle. wie sehr das Fräulein sie audi leugnete und verheimlichte. das er bei dieser Arbeit und dieser Lebensweise empfand. In solchen Geschäften. Veränderung hinterlassen nichts weil anscheinend mehr seinen Verlauf verändern oder stören konnte. wenn sie nur im geringsten und dehnte sich ihr Herz so sehr. mit dem selbst die Diederselbe. schrak oder überrascht wurde. im ewigen Streben nach immer größerer. so konnte ihn auch die unerhörte Konjunktur der ersten Jahre nach Ruhe und aus seinen Gewohnheiten herausreißen noch vom Handel im kleinen abbringen. der diese Anfälle. daß sie in der Nacht mit dem Gefühl zu ersticken. Mit Veso stand sie im Briefwechsel. schlug Die Mutter. doch sicheren Gewinnen und dem großen Vergnügen. den jener stille Arzt schon nach oberflächlicher Untersuchung vermutet hatte. an eine zweite. versudite 26'i . auch nicht das mitleidig-spöttische Lächeln. die gleich darauf ebenfalls unsicher erschien. in Vorfall mit Ratko dem der und Jovanka keine Narbe und keine hatte. Nur der Herzfehler. von den niedrigen. aufwachte. keine Luft zu bekommen und er- Auch sonst. ner sie empfingen und hinausbegleiteten. Er blieb immer Wie ihn der Weltkrieg nicht erschüttert hatte. auffielen. Und dabei bemerkte sie nicht den Aus- druck des Überdrusses und der Verwunderung auf den Gesichtern der Prokuristen und Beamten. bereitete dem Fräulein Unbehagen und Schwierigkeiten. die ihr zweifelhaft vorkam. vollendeterer Sparsamkeit und im Kampf der Befreiung weder aus der gegen jede Ausgabe verlor sich Rajkas Leben. daß es ihr dunkel wurde vor den Augen und ihr der Boden unter den Füßen sdiwand.

Es sah aus. sie so mütterlich aufhob und zu pflegen begann. das nach einem Arzt und Arz- neien verlangte. sondern die Mutter. über sich selbst und ihr Herz. In Wirklichkeit ärgerte sie sich über ihre Mutter. gezwungen. ihre Schwäche es nötig nicht einzugestehen. ohne W^ärme und Innigkeit. einen Speziahsten aufzusuchen.vergeblich. aber sie nehmen auch zu ihm ihre Zuflucht. faßte auf. Ganze als einen Scherz weißt. Wenn sich sie das Fräulein nicht anders das zu helfen wußte. ich hätte ein schlechtes Herz!« ten ihn wie jedes Spiel für Luxus im Grunde keinen Spaß. das Auslagen verursachte?) Sie war fest entschlossen. den die Tochter sogleich vergessen hatte und den die Mutter nicht zu erwähnen 264 . mit dem Mütter ihre lau- nischen kranken Kinder betrachten. die Tochter zu bewegen. Du man mir immer gesagt hat. Mit ängstlich forschendem Blick. Und trotzdem erkrankte als erste nicht die Tochter. drei Jahre nach ihrer Ankunft in Belgrad. daß »Das hat überhaupt nichts zu sagen. blieb das Verhältnis zwischen ihr und der Tochter so. denn sie halund Zeitverschwendung. strich die Mutter um sie herum. nicht aber krank sein und sich kurieren lassen. wie es immer gewesen: trocken. wurde die plötzlich aufs Krankenlager geworfen. (Was nützte ihr ein Herz. als hätten sie einen und denselben unge- wöhnlichen Traum gehabt. Mutter. wenn war. Im. alte Frau Auch nach jener Herbstnacht. Frühling. sie wollte sterben. wenn sie keinen anderen Ausweg und keinen besseren Schutz Geizige lieben finden. als die Mutter Rajka ohnmächtig auf dem Fußboden fand.

Am neunten Tag versagte das Herz den Dienst. und delte. um eine Hilfe im Flause zu haben. Es ihr unbehaglich bei was einer wurde diesem Gedanken. tiefen Trauer ähnlich gesehen hätte. Sie nahm eine Frau. sie konnte nichts in echten. etwas von ihrer Tochter zu verlangen. sie selbst pflegte die So sehr sie in sich hineinschaute und über alles nach- dachte. Sie ihrer Krankheit war kurze Zeit krank.wagte. obwohl auch dann jene ungewöhnliche Kühle und wunderliche Zurückhaltung nicht verschwand. verhandelten als sie ob einen Arzt rufen sollten. so sehr das auch ihren Schmerz vermehrte. die sie tagsüber ständig vor anderen wiedersie holt hatte: >Die arme Mutter! Möge Gott erlösen !< 26s . sprach sie sich selbst die Worte vor. Das Fräulein war mehr von der Schnelligkeit und Einfachheit erschüttert. daß sie sich besser fühle als gestern und daß sie. und die Kranke verschied. So blieb dieser ganze Vorfall zwischen ihnen bei- den — verschüttet. hielt sie an sich und verstummte. Finstern auf dem Bett lag. Aber das alles dauerte nicht lange. mit der aus einem lebenden Menschen eine kleine. schämte sich und versagte es sich. Lange sich. Mutter gewissenhaft und ergeben. aber sobald sie Schritte hörte. alle Auf Fragen antwortete sie. als von irgendwelchen Gefühlen der Trauer und des Verlustes. Von Zeit zu Zeit stöhnte sie laut auf. Wenn sie im sich entdecken. hilflose Leiche wurde. zeigte es Da kam auch das Fräulein zur Besinnung. doch um daß es sich eine weit fortgeschrittene Lungenentzündung hanihn schließlich riefen. alles sie vorübergehen werde. die von jeher zwischen ihnen geherrscht hatte. Auch die Krankheit der alten Frau änderte nichts daran. von allem losgelöst und gleichsam unwirklich.

einen schweren Vielfraß und Faulenzer. Gazda Djordje war seltenen Tränen tief betrübt. Betreten ob dieses Benehmens. Zum Begräbnis kamen zwei bis drei Frauen aus der Nachbarschaft und die ganze Famihe Hadzi-Vasic. Auch die Mutter hatte trotz ihres sklavischen Gehorsams bis zum letzten Tag im Hause irgendeine Kleinigkeit beibehalten. Und sie blieb es. nicht einmal deutsche Reisebeschreibungen wie einst. wenigstens zu ihnen zu kommen und mit ihnen den Schmerz und die Schwere dieser schwersten Augenblicke zu teilen. Nun erst begann Rajkas richtiges Leben. luden die Ver- wandten sie ein. nach dem sie sich von jeher unbewußt gesehnt und von dem sie immer etwas getrennt hatte. die sich nicht hatten ausrotten lassen.Aber weder bei Tage noch bei Nacht konnte sie eine Träne aus sich herauspressen. und dem höflichen kaufmännischen Gebaren so schlecht zum Ausdruck Doch nach dem Begräbnis lud das Fräulein niemand zum gen Kaffee ein. daß sie das nicht nötig habe und allein bleiben wolle.) Sie entfernte die Töpfe mit den 266 . gebracht wurde. Das Fräulein schaffte sogleich den großen Kater Gagan oft fort. sie aber antwortete offen. Sein blasses Gesicht verriet die große innere Trauer^ die von den kleinen. denn sie hatte weder die Zeit noch das Bedürfnis zu lesen. [Sie alle Bücher. die ihre Mutter hinterlassen selbst schaffte sich schon längst keine neuen mehr an. etwas von den alten Gewohnheiten. Jetzt war das alles vorbei. dessie sentwegen mit der Mutter bis zum letzten Tag so aneinandergeraten war. Dann verkaufte sie auch hatte. und sie las nichts. das gealle Sitte und Ordnung verstieß.

entfernte sie und deckte Zeitungen über die Sachen. daß sie die Uhr aus ihrem Vaterhaus mitgebracht. Menschen sein Leben nicht als Leben Kein Schimmer. die unsere Aufmerksamkeit ablenken und verbrauchen und ohne die der größte Teil der betrachtet. um sie bei einer günstigen Gelegenheit zu verkaufen. Sie nahm alle Bilder von den Wänden bis auf das des Vaters. daß die alte Uhr etwas Teures und Überflüssiges sei. die ebenfalls Gegenstand ständiger.Blumeri. was man man wollte. Auch die letzten Tischtücher begreifen können. den die alte Frau Jahre hindurch zäh verteidigt hatte. nachher mochte damit machen. da man im Hause zwei Taschenuhren habe. welcher und Samtdecken. die Blumentöpfe aber hob sie auf. aufzuziehen und zu ölen brauchte. Im ganzen Haus blieb nichts von den überflüssigen Kleinigkeiten. so daß man sie nicht mehr instand zu setzen. So war das Fräulein schließlidi. Jahren kleiner Zugeständnisse. Das Fräulein hatte nie Zusammenhang zwischen dem. keine Spur war schädlicher Empfindsamkeit mehr von und teuren Vernach vielen frei in gnügungen. diesen Luxus. kein Ton. was die Mutter Glück nannte. und dem Ticken einer alten Uhr bestehen sollte. Die Blumen und die Erde warf sie wütend und rachsüchtig auf den Kehrichthaufen. Sie hielt die große Wanduhr an. und so hielt sie jetzt rasch und voller Schadenfreude die Uhr für immer an. die Mutter aber behauptete. wirklich dem 267 . Das Fräulein vertrat die Ansicht. welche die Mutter noch in ihrem Zimmer behalten hatte. daß sie bei glücklichere Ehejahre verlebt ihrem Ticken eine glückliche Kindheit und noch habe und sie bis zu ihrem Lebensende zu hören wünsche. lan- ger Streitigkeiten zwischen der Mutter und ihr gewesen war.

Von allem anderen dem Gegenstand seiner Leidenmag und kann er mehr und seine besser erzählen als von dem. in diesem. gesehen dichten — nach seinem Willen leben wie in einem in einer Millionenstadt. In der anheimelnden. in der die Spekulation blühte.Haus. Und das Belgrad dieser Jahre war die rechte in der Menge allein Umwelt für einen Menschen. und auch die plötzlichen Änderungen und Sprünge hörten auf. in der plötzlichen und unausWandlung und Entwicklung auf allen GeLeben ohne Rast und Ruh konnte ein Mensch Zuflucht finden und — allein und von keinem geglichenen bieten. Mit ihnen schwand auch die Möglichkeit des abwechslungsreichen und geheimen Spiels. allein mit schaft. reichen Unordnung. der seiner Leidenwünscht ungesehen und unbekannt zu bleiben. der und im wogenden Getümmel un- bemerkt zu bleiben wünschte. und die Geldge- sanken auf das gewöhnliche Maß herab. Selbst das Laster hat seine Scham und seine Rücksichten. Nacheinander verschwanden die Wechselstuben auf der Terazije. Ein Mensch. große Leidenschaft verlangt Einsam- schaft frönt. das der Mensch unbemerkt und 268 . Jede wirkliche. nichts war mehr da von jener wilden Üppigkeit. in dem ständigen Zustrom neuer und verschiedenartiger Menschen. wenn auch verkehrte und ungewöhnliche. Wald oder auch das Fräulein ihren Mit der Zeit schäfte kamen im Land und in der Hauptstadt die Verhältnisse wieder ins Geleise. Hier fand Platz. das ihren tiefsten Wünschen und Bedürfnissen am besten entsprach. neuer Lebensfor- men und Gewohnheiten. und Anonymität. keit Frei und allein. worauf Gedanken und Wünsche hauptsächlich zielen.

sicher. noch über das leidenschaftliche Gefühl der Freude oder der Enttäuschung. weder über die Verluste noch über die Gewinne. schnell und unmittelbar waren. Aber auch unabhängig davon wurde das Fräulein immer vorsichtiger und konnte sich immer schwerer zu in die Geschäften entschließen. den verschiedenen Aktien und den Zinsen für das angelegte Bargeld stammte. ängstlichen Zapfversuche wenn man diese am Rande des gro- ßen Spiels der Währungen und Wertpapiere Geschäfte nennen konnte. das heißt. das sie begleitete. als er verlieren oder so viel den anderen an Klugheit. daß Einkommen. aber sie bemühte sich deshalb mit leidenschaftlicher Anstrengung. das von der Miete in Sarajevo. die in den ersten Jahren geherrscht hatte. In Geschäfte. auch wenn und sie noch so klein waren. das still dalag brachten. mehr oder weniger unverändert blieb und bei einer Veränderung eher eine fallende als eine steigende Tendenz aufwies. kleinen. Sie söhnte sich mit ihr jährliches ^G^ .anonym betreiben konnte. sofern sie fast dem Sparen gleichkamen. in dieser neuen. ließ sie sich nur ein. bis sie sich endlich ganz ausschließlich dem Sparen widmete. wobei er niemand Rechenschaft zu geben brauchte. selbst wenn sie nur kleinsten Gewinn dem Gedanken aus. Stärke und Glück voraushatte. Die hohe Flut der allumfassenden Spekulation. sank und zog sich Banken und Ämter zurück. um zu zu gewinnen. für kleine Geschäfte und Gewinne war kein Platz und keine Gelegenheit mehr. An Geldverleihen gegen Zinsen war unbekannten und gefährlichen Umge- bung nicht zu denken. ihre Bedürfnisse und Ausgaben unablässig zu vermindern und möglichst viel von diesem Einkommen zu sparen und dem Kapital zuzuschlagen.

war es ihr. doch gegen die Beleibtheit kämpfte sie mit größerem Erfolg. Das Fräulein folgte diesen Veränderungen sie nicht. doch ständig und si- cher vermehrte. der als Professor an der Technischen Fakultät lehrte. Misa hatte ebenfalls in die Bankiersfamilie eingeheiratet. Sie hatte beide Töch- Mädchen hatten nämlich nicht ihre jungen Tänzer und nicht die fortschrittlichen Dichter geheiratet. zwar hatte sie das Schnurrbärtchen der Mutter geerbt. und so war man mit der Familie Stragarac doppelt verwandt. Darinka war mit einem Architekten mittleren Alters verheiratet. Frau Seka war noch voller und schwerer gev/orden. fiel besonders verändert zu haben. und das Schnurrbärtchen Hadzi-Vasic ging verwandelte sich in kleine Borsten. sie bemerkte sie fast Und wenn an großen Feiertagen zu den und verschiedene Neuigkeiten über einzelne Personen und die Familie erfuhr. Gazda Djordje war plötzlich gealtert. die Augen sahen noch lebhaft und feurig aus. tiefer gingen als anderswo. So verstrichen etwa zehn Jahre voller Ereignisse und Veränderungen. die im damaligen Belgrad lebhafter waren und gar nicht. Sie gab sich ganz dieser Anstrengung hin und vergrub sich in haft wie ein sie — stumm. doch die Hautfarbe war dunkelgelb. taub und trieb- Wurm ins Holz. Ihr bereits als Experte für Finanzfragen Mann galt und arbeitete als Delegierter in verschiedenen internationalen sionen. sie hatte schon zwei Kinder. Die kannten Bankiers Stragarac geworden. Er Kommisohne sich in sich zusam- 270 . für die sie im Jahre 1920 geschwärmt hatten.und sich bescheiden und langsam. als käme sie aus einer anderen Welt. Danka war die Frau des beter verheiratet und das recht gut.

men und wurde blieb derselbe. Als eine Gewonnene zu 271 . sondern zwang das Fräulein. 1928. das heißt so lange. weilte. das in ihrer Gegenwart geführt wurde. (Eigentlich Heirat war das nur insoweit und Tod. Das alles erfuhr das Fräulein nur zufällig. daß Ratko Ratkovii: Verwalter eines großen Staatsgutes in Slawonien geworden sei. Sie war im Inneren Serbiens. wohin sie in fremder Sache gereist am Typhus gestorben. noch starb. leugnete und vergaß sie es und ließ sich nicht in der Ruhe stören. sobald sie in ihre Stille zurückkehrte. um sich gescliaffen hatte. erfuhr sie aus einem zufälligen Gespräch. denn man konnte nicht behaupten.und Geldkrise. erlag sie der Seuche. als es sich auf die Krankheit bezog. aber er So hörte sie. Aber das Fräulein gestand sich ihre Not nur für wenige Sekunden ein. Und auf der Slava des folgenden Jahres. Ihr Herzfehler wurde chronisch und allem Anschein nach immer ärger. aus dieser Ruhe herauszugehen. Infiziert. als sie wieder einmal auf der Slava bei den Hadzi-Vasic war. die sie in und Die große Wirtschafts. in der man weder heiratete noch krank war. nicht aber auf richtig. hörte es ohne die geringste Aufregung und vergaß es restlos und augenblicklich. ganz offensichtlich kleiner. nicht das um um Schwankung im Geschäftsgebaren der Banken spürbar wurde. falsch behandelt und schlecht gepflegt. sobald er vorüber war. daß Rajka nicht krank war. vom Tode Jovankas. dort hohe Persönlichkeiten willkommen heiße und Empfänge und Vergnügungen veranstalte. als der Anfall währte. von denen die Zeitungen schrieben und die Leute sprächen.) um das zu verdienen. die Jahr 1930 ausbrach. da war verteidigen.

wie einst mit Konforti. um das Geld abzuheben. das hatte. niemals und um keinen Preis. Sie mußte sogar das Haus abschHeßen und nach Zagreb reisen. da sie sie brauche keinen Safe mehr. Direktor Pajer oder Veso. um unaufschiebbare Schulden zu bezahlen. die wie ein Panzer um die magere Brust gebunden oder ins Kleid genäht waren. daß sie dringend Geld brauche. ohne einen anderen. Sparen konnte man allein. ging sie scheu durch die Straßen. sie sich folgen. und daß sie keinen ihr sie sich hätte nahestehenden und verläßlichen Menschen hatte. bat Jahr schwerer. wenigstens in Geldfragen. es könnte ihr Bewußt und auffällig gab sie ihren Safe in der Donau-Bank. Verstört und und log hartnäckig und ziemlich plump. Noch einmal zeigte sich in ihr die alte Kraft und Unternehmungslust. nicht für einen Augenblick. denn sie 272 . ewig genährt von demselben Wunsch: nicht auf der Seite der Verlierer zu sein. habe nichts einzulegen. umschaute. aber unter diesen Umständen Geschäfte zu machen und sich zu verteidigen war sehr schwer und wurde von Jahr zu besorgt ging sie in die Banken. mit so recht. daß sie »einfroren«. Aber zu Hause hatte sie ihre liebe Not mit den Geldscheinpaketen und dem Beutelchen Gold. Da fühlte sie ganz allein auf der Welt war.sie unter den ersten. in dem sie Dukaten und Wertpapiere aufbewahrte. wobei jemand immer wieder vor Angst. die ihre Einlagen zurückzogen und so verhinderten. mehr als träumen lassen. sie dort auf der »Serbischen Bank« Das waren qualvolle und aufregende Tage. daß sie dem sie sich beraten konnte. Mit Bündeln von Tausendern und Hundertern. mit der Bemerkung auf.

kaufte sie in Zagreb. die versteckten Blechschachteln hervor. denn im Wadien wie im Schlafen glaubte sie zu 273 . sie an die alte Stelle zurückzubringen. und wurden. trug anderen. da sie keinen anderen Ausweg sah. Auch danach erwachte sie noch oft in der Nacht von verdächtigen Geräuschen. dem Bett und wie sie war. so daß es auf mehrere Stellen verteilt. sich wo sie alles verstecken sollte. samt ihren kalten Blechschachteln und ungelösten Sorgen wieder ins Bett. Zweifeln. die nicht geheizt teilte. die sie dann mit Brettern zunagelte. zitternd vor Kälte immer unentschlossen und hin und her gerissen von und allen möglichen Gedanken. Sie beschaffte und die sie amerikanische Schlösser für die Haustür Stubentüren. ein neues Versteck zu finden. Aber auch dann fand sie nur schwer Schlaf und schlief schlecht. Das Herz schlug ihr Ohren. der sie anbringen sollte. das sie beruhigte. das Gold versteckte sie in und die Wertpapiere ver- den Öfen.nicht wußte. Schließlich wurde sie müde und legte sich. keine Schlüssel dazu anfertigen konnte. Lange quälte sie sich. oder stopfte sie in geheime Löcher. die es menschlichen Schritten ähnelten. Sie überzeugte sich. im Hause geeignete Verstecke für ihr Geld zu fin- den. Dann ließ sie an allen Fen- stern eiserne Querstangen anbringen. daß keine Diebe da waren und daß keine Feuersbrunst drohte. laut bis zum Halse und in den holte unbekleidet. Sie sprang aus könnte ein Feuer ausbrechen. Sie verschaffte sich Blechschachteln. doch ruhig war sie nicht und konnte sie nicht sein. auf die sie die Geldscheine. damit sich der hiesige Schlosser. doch an allen sicher sei. sie die Schachteln aus einem Raum in den und weder wagte sie es. noch war sie fähig. oder aufgeschreckt von dem Gedanken.

das ihr — wenigstens vor- — sicher erschien. Diese Franken Platz ein. und ihre Angst breitete sich aus und wuchs nach allen Seiten wie ein Fluch. bei Tageslicht und beim stillen Schein sie waren eine wohlbekannte. bei elektrischem Licht. die das Fräulein geerbt. zu jeder Tag.fühlen.und Nachtzeit. So quälte sie sich monatelang. teure der Kerze.oder Zehnpfundnoten. nahmen nicht viel und schon nach zwei Monaten bis hätte sie alle zu je zwanzig vierundzwanzig Dinar abstoßen könsie in nen. Sie verbiß plumpen Bündel mit Dinarscheinen in ein paar Dutzend blauer Schweizer Tausender und rötlidelte sie die cher Fünfhunderter. gekauft oder als Pfand behalten hatte. die weiß waren wie Liebesbriefe. Aber sie dachte nicht daran. Da scher lagen die teuren Schweizer Banknoten in maleri- Unordnung neben hingeschütteten Fünf. vierhundertelf 274 . verschiedenfarbigen Papiers lugte der Glanz des Goldes und der mannigfal- tigsten Schmuckstücke hervor. Hinter diesen Hügeln wertvollen. wie dieser unselige Dinar hinabglitt und und fiel Wert verloren. Aber starker Wille und die Papiere an alles. die das Fräulein häufig aufsuchte und lange betrachtete. wie zufällig hingestreut. So verwanschlüsse. Sie bewahrte einem neuen Versteck läufig auf. Vermischt mit einem Haufen anderen ausländischen Geldes und sonstiger Kostbarkeiten. das Stück zu fünfzehn bis siebzehn Dinar. hartnäckiges Streben sind stärker als schlaflosen In diesen Stunden und unter Einfluß der verschiedensten Befürchtungen faßte das Fräulein ihre Ent- den Schmerz und begann allmählich an der »schwarzen Börse« Schweizer Franken zu kaufen. Und über allem reihten sich. und immer neue Landschaft.

ungeordneter Zug von türkischen Dukaten und Kaiserdukaten. und auf der anderen Seite das amerikanische lichen Aufschrift Wappen mit der kleinen.amerikanische Goldstücke zu je zwanzig Dollar aneinander. Alle waren einander gleich — breit. scharfe Relief der atmeten und wüchsen Nur das Schrift der Bilder auf ihnen zeigte. und als kreiste sie. All die türkischen Dukaten (das Fräulein erinnerte sich noch gut daran) hatte sie in den kritischen Jahren und 1913 unglaublich billig von den verschiedensten mohammedanischen Herrchen und Verschwendern oder den Witwen der Begs erstanden. auf deren Stirn- das Wort Liberty stand. 1912 275 . doch deut- Ex pluiibus unum. irgend- wie als warm und fleischig. Neben ihnen her bewegte sich ein scheinbar (nur scheinbar!) aufgelöster. Lebenssaft in ihnen. Es war immer dasselbe. Sie waren vom Alter gedunkelt und so leicht und dünn. und an den Rändern waren sie unregelmäßig ausgezackt und abgefeilt. die1908. daß sie auf einer Marmorplatte eher so etwas wie das Rauschen dürrer Blätter als einen metallenen Klang von sich gaben. das sich selbst fortsetzte und erneuerte. aber man konnte es Stunden. veilchenblauen Höhen und Ebenen der Geschmeide und Banknoten. schwer. weißen. daß es sich um Geld aus totem Metall handelte. Auf der einen reif Seite die kräftige Gestalt der Freiheitsgöttin. So streckten sich diese großen Amerikaner in krummer Reihe hin: ein goldenes Heer auf dem Marsch über die roten. Hier hatte im Laufe vieler Jahre die unersätt- liche Gier der jüdischen und all der übrigen getauften und ungetauften Wechsler des Balkans und des ganzen Ottomanischen Reiches sie benagt und angefressen. Tage und Jahre lang wie ein wunderbares Buch lesen.

sen Frauen. aus der Feme. der greifen sie zu durchschauen. ihr Glaube und ihre Familie. sondern leise. aber einem ebenso leicht den Rücken kehrten. die leicht zu weinen begannen. ihre Gesellschaft und Lektüre. und unklar dieser stolungeschickten Kunden und des reichen Gewinns. aber nicht stürmisch und begeistert wie einst in den Augenblicken großer Triumphe. ihre Nahrung und ihre Kurzweil. doch starken inneren Scham und vielerlei Rücksichten. an dem sich das Ohr nicht satt hören konnte. mutige französische Hähnchen von heller. nur mehr ein Nachhall einstiger Schläge. Ihre Verachtung für jedes Rechnen und schen war ebenso groß wie ihr Geldhunger. Getrieben von diesem Hunger und gefesselt von einer unverständlichen. erinnerte sie sich dunkel zen. Einen schönen Namen hatten sie und einen guten Klang. Es gab nichts Dankmit dieser Art von Leuten Geschäfte zu Feil- machen.ihr »Fenster in die Welt«. Und sooft das Fräulein einen Blick auf die türkischen Dukaten warf. zu be- und geschickt auszunützen verstand. den das Fräulein jeden Tag genoß -. klar umrissener Gestalt. Nach jeder Besichtigung und jedem Nachzählen war diese Landschaft 276 . die Tür zuschlugen und das ganze Geschäft bareres. Das Ende und die Seiten der einen wie der anderen Goldmünzenreihe säumten etwa hundert Napoleondor: kleine. Es war ein ungewöhnlicher Anblick. als verdarben. aus ihnen hatte ziehen können. waren sie eine leichte und reiche Beute für einen Geschäftsmann. den ihr sie so leicht oft. Sie wirkten wie die Reiterei von Plänklerabteilungen und Nachhuttruppen. Dann geschah es daß jenes sonderbare »zweite Herz« in noch einmal auflebte und zu klopfen begann.

Seite an Seite mit diesem Schatz lebte das Fräulein dahin. die nur die eiste wäre 277 . Es blieb natürlich die tägliche Sorge um die Davon lebte man ja. da der Wert aller Papiere fraglich und jede längere Voraussicht unmöglich geworden war. was sie versprach. nach denen sie einst noch am folgenden Tag geglüht und vor Aufregung gezittert hatte. todbringende Wüste des Sparens. Obzwar ruhig.anders. Hier lag der Grund. was sie bot. Sie ließ niemand ins Haus und schloß sich noch vor Anbruch der Dunkelheit ein. oder das. Mensch wie ein Sandkorn verlor und in und bestehen konnte. der Sinn und das Ziel des Lebens. Eigentlich war es kein Leben. nicht aber einer richtigen. und sie wußte nur nicht. war sie doch vorsichtig und wachsam wie eine Schlange. sondern ein Sparen. So lebte das Fräulein auch in diesen Winter- tagen des Jahres 1935. doch die Sparsamkeit ersetzte alles und half auch dort. in blutarmen und bankrotten österreidiiin der sich der der nichts anderes bestand schen Kronen. ob das größer. herrliche. Eine große. goldenen. Seit langem hatte sie keinen ihrer nächtlichen Träume von der Million mehr gehabt. Alles hatte sie zweifach und dreifach gesichert. ja selbst von ihm vermochte man noch jetzt. etwas abzuzwacken und zu sparen. alles berücksichtigt. Die Einkünfte aus den Kupons wurden immer magerer. wo Verrat an einem geAktien. so oft erträumten Million gewesen. Sie war trotz allem geblieben. sie füllte das Leben aus und mit ihr konnte man bis zum letzten Atemzug leben. übt wurde. schöner und mächtiger war. (Tatsächlich war sie auf dem Gipfelpunkt ihrer Geschäfte schon im Besitz einer Million in Kronen.

an den Vater 278 . Mit oder ohne Gelöbnis wäre ihr Leben von Anfang an war. Eine Zukunft gab es nicht und die Vergangenheit war verschüttet. Das ließ den Faden vom Knäuel der Erinnerung weiter ablaufen. Alles war schwerer. so.und Auszahlungen. Gelöbnis kam ihr jetzt vor wie ein längst und fruchtloses Spiel der vergangenes. aber nichts hatte mehr Gewalt über sie. noch zöge. was gewesen war. guten oder ge- fährlichen Faktoren in ihrem Sparsystem. Die Wirklichkeit hatte sich längst darüber hinweggesetzt und es hinter sich gelassen. sie gingen an ihr vorbei. anders und komplizierter. unverständliches Kinderjahre. wuchsen und starben. Sie erinnerte sich noch des Gelöbnisses. Es war schon längst stumm und kalt. wurden boren. Ihre Verbindung zu den Toten und den Lebenden wurde immer schwächer. Manchmal erinnerte sie sich an Onkel und die Kindheit. Für das Fräulein existierte nicht einmal die Zeit. das sie auf aber dieses dem Sterbebett des Vaters abgelegt hatte.und eine ganze Heerschar von Millionen nach sich Auch jenes Grab in Sarajevo strahlte nicht mehr wie einst. Sie brauchte die ge- In der Stadt verkehrte sie mit keinem. sonst sich des war Vorhandenseins dieser Menschen nicht bewußt und hatte nichts mit ihnen gemein. wie es als ihr Vater vermutet und sie in jungen Jahren der Be- geisterung gedacht hatte. und dann lebten so wie an diesem Abend auch andere Menschen und Ereignisse auf. für sie existierten nur die Termine der Ein. vergessen. aber stets waren sie nur sie einer der schädlichen oder nützlichen. Das Grab der Mutter besuchte sie jedes Jahr am Allerseelentag. Sie hatte nichts von dem. an die sie schon seit Jahren Vlado.) dazu bei dieser Entfernung. Menschen nicht.

nicht

mehr gedacht

hatte.

Aber das

alles

dauerte nur

wenige Minuten, so lange nämlich, als die Dämmerung zwischen Tag und Nacht währte, die zu nichts Vernünftigerem zu gebrauchen war, denn
die

man

sah weder

Nadel noch den Faden, und

es

lohnte sich noch

An diesem Abend hatten wenigen Minuten etwas in die Länge gezogen, war doch ihr ganzes Leben mit den einstigen Erlebnissen, Menschen und Geschäften an ihr vorübergehuscht. Aber das alles bedeutete ihr nichts mehr und existierte im Grunde nicht mehr für sie, als hätte es das nie gegeben. Ja, das alles war
nicht, das Licht einzuschalten.
sich die
. .

Sie fuhr aus ihren

Träumen

auf

und

schüttelte sich.

In der Nachbarschaft ließ

jemand

schroff

und

laut die

hölzernen Fensterrouleaus herunter und riß das Fräulein aus ihren abendlichen Erinnerungen. Sie ließ

den

Hände und stand plötzlich vom Fenster auf. Das Zimmer war in völliges Dunkel getaucht. Es mußte schon spät sein. Steif vor Kälte, wußte sie lange nicht, ob sie zuerst Licht machen und dann das Feuer anfachen sollte oder umStrumpf sinken, rieb
sich die erkalteten

gekehrt. So stand sie eine Zeitlang zögernd inmitten des
sie sich mit einem glücklichen Lächeln, die beiden unliebsamen Dinge wenigstens einen Augenblick hinauszuschieben und statt dessen noch einmal nachzusehen, ob die Türen tatsächlich verschlossen waren. Sie ging ein wenig unsicher, noch immer benommen von den vielen Erinnerungen, die an diesem Abend auf sie eingestürmt waren wie nie zuvor. In undurchdringlicher Finsternis, die dasselbe war wie das Sparen und

dunklen Zimmers. Doch dann entschied

79

folglich dasselbe

wie Geld, ging

sie ins

Vorzimmer, mit

gewohnten Bewegungen über bekannte Gegenstände
hintastend. Bevor sie jedoch die Haustür erreichte, stieß
sie

imFinstenimit ausgestrecktem

Arm

auf

— eine

Ge-

stalt.

Ein kurzer, heiserer Schrei, vor

dem

sie selbst er-

schrak, entrang sich ihrer Kehle. Sie erstarrte und fand gerade noch die Kraft, ein Stück zurückzuweichen. Als
sie
sie,

unerwartet das feuchte, grobe Tuch berührte, war

noch zerstreut und verwirrt von den vielen Erinnerungen, davon überzeugt, daß jemand vor ihr stand, der eben von draußen gekommen war. Sie wollte noch
schreien,

um

Hilfe rufen, aber ihre
erfüllte ihren

Stimme

versagte.

Das Herz wuchs und
spürte
sie,

wie

sie

ganzen Körper. Dann plötzlich hohl wurde und sich in

eisige Stacheln auflöste.

Von allem blieb nur der schreck-

liche

Gedanke, daß

sie nicht allein sei,

Finstern jener stehe, der

daß hier im unbekannt und unsichtbar

— sein ganzes Leben auf solche lauerte wie sie, der früher oder später kommen mußte, um ihr Geld zu holen.
Tausendmal war sie so im Finstern bei dem Gedanken an ihn erstarrt, und tausendmal hatte sich ihre Angst als unbegründet erwiesen. Diesmal war er, so schien es ihr, wirklich gekommen und stand im feuchten Mantel
inmitten des Vorzimmers, jederzeit bereit, sein Räuber-

werk zu beginnen. Aber gerade diesmal wußte sie nicht, was sie tun, wie sie sich verteidigen und schützen sollte. In einem einzigen Gedanken, kürzer als ein Blitz,
was zu tun wäre — aber nur zu gut, daß sie immer vor Diebstahl und Räubern Angst gehabt hatte, daß sie unzählige Male des Nachts von einem verdächtigen Geräusch oder einem seltsamen
suchte sie sich zu erinnern,
vergeblich.

Dabei wußte

sie

280

worden war und dann lange überlegt hatte, was sie tun sollte, wenn sich jemand trotz all ihrer Vorkehrungen ins Haus einschlich und sie
Schatten aufgeschreckt
überfiel.

Soweit sie zurückdenken konnte, hatte

sie alles

getan,

um ihr Geld an einen zuverlässigen Ort zu brinund zu
daß
sichern

gen, es zu verbergen

und

die Spuren zu

verwischen. Ihr ganzes Leben hatte

sie nichts

anderes

gedacht

und

getan, so

ihr

Leben

schließlich

nur
ge-

noch aus diesen Vorsichtsmaßnahmen bestand.
innerte sich dessen. Aber
schah,
sie

Sie er-

was in diesem Augenblick
schrecklich

und neu, als hätte und vorausgesehen und nie etwas getan, um sich zu sichern und zu schützen. Es schien ihr, daß sie ihr Leben in unverzeihlicher und unverständlicher Leichtfertigkeit und Sorglosigkeit verbracht hatte, ohne etwas vorauszusehen und zu unternehmen, und daß sie jetzt auf eine so dumme, klägliche, unnütze Art ihr Geld und Leben einbüßte, nur weil sie so kurzsichtig und fahrlässig gehandelt hatte. Jetzt, so glaubte sie, wüßte sie schon, wie man sparte und bewahrte, wie man versteckte und verteidigte, aber jetzt
war so unerwartet,
nie etwas gefürchtet

war es zu spät. Vor ihr, auf dieser Seite des Türschlosses, im Finstern, stand ein heimtückischer Räuber. Alles war zu Ende. Sie wartete nur darauf, seine unbekannte Stimme »Geld her!« rufen zu hören und die Bewegung seiner Mörderhände mit den feuchten Mantelärmeln zu spüren. Aber nichts dergleichen geschah. Unwiderstehlich, immer stärker preßte ihr das eigene Herz die Luft ab. Die Ohren wurden taub, die aufgerissenen Augen
verloren ihre Sehkraft, der offenstehende

Mund

ver-

stummte. Die Knie gaben nach.
Vornüberfallend streckte
sie

noch einmal die Arme
281

aus, als wollte sie

schwimmen, und
sie

stieß

den

Kleider-

stock

um, an den

ihren eigenen, ganz durchnäßten

groben Tuchmantel gehängt hatte.

Noch im Liegen zerriß sie mit letzten, verkram^pften Bewegungen die Wollbluse auf der Brust, verzweifelt
bemüht, dem ersterbenden Atem Platz zu schaffen. Ach, nur ein wenig Luft, nur ein einziger Atemzug, und
alles

wäre vielleicht Selbst Gold würde
sie
sich,

gerettet
sie

— Leben,

Besitz

und Geld.

hingeben für einen Atemzug.

Aber
ten

hatte keinen

Atem mehr. Die Knie verkrampf-

und der Schädel wollte zerspringen. Das Blut und lag wie Blei in den Adern. Kein Atem mehr. Die Bewegungen wurden immer schwächer, bis sie ganz
stockte

aufhörten.

Nur

ein heiseres Röcheln verriet noch für

fes.

TodeskampAuch das verstummte. Der Körper entspannte sich und blieb ausgestreckt im Dunkel und in der Stille
einige Augenblicke die letzten Zeichen des

liegen.

die im späten Mittelalter aus Spa- nien und Portugal vertrieben Mrurden Slava = Fest des Hauspatrons »Sloboda« = »Freiheit« »Srpska rijec« = »Serbisches Wort« »Srpska zastava« Tekija = »Serbische Fahne« = Internat zur Ausbildung mohammedanischer Theo- logen Tepeluk Frauen.oder silberverzierte Mütze der verheirateten .Zur Ausspradbie serhokroatisdieT Eigennamen Folgende Buchstaben sind im Deutschen unbekannt oder weichen in der Aussprache vom Deutschen ab: — wie deutsches z in Zeitung — Aussprache Hegt zwischen tj und tsch c — wie deutsches tsch in rutschen h — wie deutsches ch in ach s — stets scharf wie deutsches ß in reißen s — wie deutsches seh in schauen z — wie deutsches s in Rose z — wie in Journal.und Sacherklärungen Beg = Titel der mohammedanischen Großgrundbesitzer Gegend in Serbien. im Norden Jugoslawiens »Narodni glas« = = »Volksstimme« Palilula = Stadtteil von Belgrad Sephardische Juden = Juden. c c j Wort. aus der in Bos- nien Crnotrava schiilte = eine von jeher unge- Baumeister kamen Gazda = Kaufmannstitel "Hrvatski Dnevnik« Militärgrenze = »Kroatisches Tagblatt«< von Österreich-Ungarn 1878 besetztes Gebiet an der türkischen Grenze. = gold.

.

wie Geiz und Habsucht anderen menschlichen Regungen verdrängen. wirtschaftlichen und gesellschaftlichen bis 1935 gibt Andric Sarajewo und Belgrad während der Jahre 1905 hier ein Bild einer von Geiz und Besitzgier besessenen Frau.1961 erhielt Andric den Nobelpreis für Literatur. . in Belgrad. ein rechtschaffener Kaufmann. erscheinen jeweils gleichzeitig mit derl kosten aber nur halb soviel wie diese (In Leinen ist das vorliegende Buch für 16i . eingeschärft ihr hat. streng zurückgezogen. studierte in Wien. nach seinenn geschäftlichen Ruin der Tochter auf dem Sterbebett das Gesetz des kalten Egoismus als einzige Möglichkeit. in vergewaltigte Natur sich grausam grotesk an indem sie einem Hochstapler verfällt. Seit Rajkas Vater. Krakau. ist ihr Streben nur auf Geld und Besitz alle gerichtet. bringen wichtige Werke heutiger und der modernen Weltliteratur. und wie danach in ihr Leben völliger Versteinerung zu Ende geht. IVO ANDRIC. Bei Ausbruch des zweiten Weltkrieges jugoslawischer Botschafter in Berlin. - Im Carl Hanser Verlag erschienen die Romane »Die Brücke über die Drina« und »Wesire und Konsuln«. wie aber eines Tages die ihr rächt.Vor dem Hintergrund des Lebens in politischen. 1892 in Travnik (Bosnien) geboren. das hat Andric dieser großartigen Charakterstudie gestaltet. lebte während der Besetzung Jugoslawiens. durchs Leben zu kommen. Graz. Wie das Geld Gott ist.

.

.

18 Andric.M9&3 PG 14. Ivo Das Fräulein A6G6A PLEASE SLIPS DO NOT REMOVE FROM THIS POCKET UNIVERSITY OF TORONTO LIBRARY .

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