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Ivo Andric Das Fräulein Roman Carl Hanser Verlag .

Aus dem Serbokroatischen übersetzt von Edmund Sdineeweis Titel der Originalausgabe: Gospodjica \ D ! l^ /'• ^\ t5?3 !. München Printed in Germany .' 5 ^2678S Gesetzt aus der Trump-Mediäval Satz und Druck: Frühmorgen & Holzmann.

Sima Milutinoviö-Saiajliia .Wenn du arbeitest. so tu es in Gottes Namen! Doch wenn dein Herz mit totem Wachs versiegelt auf dir. das man nicht zum allge- meinen Nutzen des Volkes verwendet. dann lastet ein Fluch Janko Veselinovic Verfludit ist und bleibt das Geld. ist.

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einer führte das Leben einsamen alten Jungfer und er galt als geiziger Son- derling. ihre Neugierde zu kitzeln. um die Phantasie der Menge zu entzünden. Sie hieß Rajka Radakovic.An einem man der letzten Febniartage des Jahres 1935 brachten alle Belgrader Zeitungen die Nachricht. schaute vom Hof ins Fenster. Auch die Nach- richt vom Tod der vereinsamten Alten brachten die ZeiStelle tungen an sichtbarer titeln: »Liegt mit den erregenden Unter- ein Verbrechen vor?«. sah dem Rücken im Vorzimmer liegen und meldete die Beobachtung sofort der Polizei. sie durch Schilderung aller Einzelheiten zu befriedigen und so den Umsatz des Blattes zu steigern. stammte aus Sarajevo und lebte schon fünfzehn Jahre ganz zusie rückgezogen in diesem Hause. Ihren Tod entdeckte der Briefträger jener Straße. ging um das Haus. Alle Tageszeitungen schlachteten fälle Raum Morde. i6a die Hausbesitzerin tot aufgefunden habe. daß in der Stigstraße Nr. Unglüd<:s- und blutige Ereignisse aus. »Untersuchung im . Nachdem er zwei Tage vergeblich geläutet hatte. Nach den damals herrschenden Sitten nahm die Kridie alte Jungfer tot auf minalchronik in der Tagespresse einen großen ein.

stellte rasch und einwandfrei fest. Die Zeitungen haben nie mehr den Namen Rajka Radakovic erwähnt. lange Berichte mit gruseligen Einzelheiten und Lichtbildern zu bringen. Das waren die einzigen Verwandten. einen Diebstahl oder irgendeine Gewalttat hindeutete. von ihrem wirklichen . daß sich alles Stelle schädigt und an Ort und im Hause unbebefand und nichts auf einen Einbruch. die sich sofort in die Stigstraße begeben hatte. Weder ihr einstiges Leben noch ihr Tod boten etwas. Als die Nachricht öffentlicht wurde. sondern daß die alte Jungfer eines natürlichen Todes — an einem Herz- schlag — gestorben war.« Aber diesmal war den Zeitungen nicht beschieden.Gange. was die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt regt hätte. welche die Ver- storbene in Belgrad hatte. und die Phantasie der Leserschaft er- Die folgenden Seiten jedoch werden Ihnen Schicksal erzählen. daß es es sich um kein Verbrechen handelte. vom Tode der alten Jungfer verkam der bekannte alte Kaufmann Djordje Hadzi-Vasic mit seiner Frau in die Stigstraße. Unser Berichterstatter am Tatort. Sie besorgten die Bestattung und übernahmen als ihre nächsten Verwandten das Haus mit seinem Inventar bis zur Klärung der Erbschaftsfrage. Die Kommission.

Regen bringt. auch während der winmit ihrer kalten Pracht. Dann färbt die . dieser wun- derbaren Stadt ein Ersatz für alles. Zu jeder Jahres- zeit gibt es sehr häufig Tage. vermischt mit dem Staub der Pannonischen Ebene. und ein Trost für alles. wenn schwer herbstlichen Sterne. auch im er Herbst. Himmels sind die SonIm Herbst und im Sommer sind sie ausfin- gedehnt und strahlend wie eine Fata Morgana in der Wüste. was nicht sein dürfte. unterhalb Belgrads. doch terlichen Klarheit ist weit und hoch. an denen sich das Feuer Ebene zwischen den Flüssen. wenn er sich in eine einzige düstere Wolke verwandelt. versinkt. auf der hohen Himmelskuppcl widerspiegelt. auch wäh- rend der sommerlichen Gewitter. recht immer schön. auch im Frühling. Aber die größte Pracht dieses Belgrader nenuntergänge. was sie nicht besitzt. im Winter hingegen abgeschwäclit durch stere Wolken und gelblidirote Nebel.Der Himmel über Belgrad veränderlich. er zugleich wenn mit der Erde zu blühen scheint. die in der über die weit hingestreckte Stadt ergießt. gej agt tollen von einem Sturmwind. die. ist von den Schwärmen der Immer schön und reich. sich bridit und als roter Scliein dieser Sonne.

selten als die FFäuser in dieser Straße noch sehr und alle so niedrig. die sie sonst nur schwach bescheint.Sonnenröte für einen Augenblick auch die entlegensten Winkel Belgrads und spiegelt sich selbst in den Fenstern eines jener Häuser. die wem das und größtenteils kannten Leute einander. unansehnliche Fiaus stammt noch aus der Zeit vor den Balkankriegen. Dieses Licht beschien im Jahre 1935. Bei der raschen Entwicklung der Straße stießen hier die Fiausnummern zusammen. Sofern sie dem Namen nach oder vom sie einander nicht kannten. und die amtliche Zählung geriet durcheinander. suchten einander auch seltener auf. sondern der Form und dem Material. und im Notfall fand sich leichter als heutzutage. sie liege hinter Gottes Rükken. ger hervorstanden oder versteckt lagen. verwahrlosten Fiauses in der Stigstraße. nicht der Größe. auch die Vorderseite eines kleinen. man Solche Häuser des Belgrader Vorkriegstyps sind ge- genwärtig noch häufig in den entlegeneren Straßen Belgrads anzutreffen. Das eingeschossige. am Abend dieser Februartage. so daß zwei Nummern 16 entstanden und eine davon zu i6a werden mußte. der Raumvertei- lung und mehr oder minder auch der inneren Einrich10 . Man wußte. als man hier für den Quadratmeter Boden einen Dinar zahlte. Sie gleichen sich alle. je nach der Laune und den Bedürfnissen des ren die Damals wa- Hausnummern Haus gehörte. eingezwängt und verloren zwischen zwei modernen hohen Gebäuden der neueren Zeit. Eben diese Nummer trägt jenes niedrige gelbe Fiaus. nicht so wichtig. wenigstens Sehen. doch durch ausgedehnte Gär- ten voneinander getrennt waren und mehr oder weniBesitzers. als man von der Gegend sagte.

Unter den Fenstern ist im Mörtel irgendein sezessionistisches Motiv oder ein vereinfachtes geometrisches Ornament aus der ewig gleichen Form irgendeines Meisters aus Crnotrava angedeutet. Weiter hinten liegt der Garten mit dem Nußbaum in seiner Mitte. die Farben verblaßt. nachdem ob das Haus zwei oder drei Zimmer hat. die Dachrinnen sind verschoben. die Simse und sind geputzt II . offenbar gut gepflegt und regelmäßig ausgebessert. unterscheiden sich diese Häuser jetzt bloß durch ihr Äußeres. dessen obere Hälfte aus Draht geflochten und oben mit je eisernen Stacheln verziert ist. Der Rand des Daches weist Lücken auf. daß ihre Bewohner mit der Zeit Schritt halten. an der sich Weinreben oder Kletterrosen emporwinden. führt in einen kleinen Hof mit winzigen Pflastersteinen und einem schmalen Blumenbeet längs der Mauer. daß sie vom Leben etwas verlangen und auch bekommen. der das Anwesen von den Gärten und Höfen ist der Nach- barn trennt. Solche Häuser zeigen. das eiser- ne Hoftor ist mit heller Ölfarbe gestrichen. Das eiserne Tor.tung nach. oft auch mit einem Ziehbrunnen daneben und mit frühreifen Pflaumen und Pfirsichen an dem Zaun. Andere Häuser dagegen sind verwahrlost und häßlich. Die einen sind getüncht. das bei den reicheren Leuten aus dickem Milchglas besteht. daß sie arbeiten und verdienen. Auch im Innern fast die Raumverteilung immer gleich: ein großes Vorzimmer und rundher- um drei bis vier Zimmer und eine Küche. Zwei oder vier Fenster blicken auf die Straße. Hier ist in der Mitte des Hauses der Eingang mit ein oder zwei Steinstufen. In allem gleich. die Fenster und mit feinen weißen Vorhängen verhüllt. überdeckt von einem kleinen hölzernen Dach.

wie ihn die Gesichter von Frauen haben. daß hinter einem dieser Fenältere Frau sitzt. ohne Vorhang und Blumen eine unbeweglich und vornübergeneigt. hinschaut.primitiven Ornamente bröcl<eln ab. die es von nau ster links und rechts einzwängen. die schon hier wohnten. Sie übersiedelte von Sarajevo hierher. aber sie alle nennen sie von jeher einfach das Fräulein. sie allein. 12 fast Wovon lebt sie? auch ohne Besuche und (Denn das ist die erste und . ohne Ver- wandte oder Dienstboten. die dem ganzen Haus ein düsteres und kerkerhaftes Aussehen geben. größeres zu bauen. im Jahre 1919. die Armut oder ganz einfach der Mangel an Bedürfnissen. die auf die Straße blicken. den Fenstern fallen die starken eisernen Querstanauf. die sich über eine Handarbeit beugen. Die älteren Bewohner der Stigstraße. Es hat im ganzen zwei Fenster. daß es verlassen sei oder auf einen Käufer warte. Freunde. Das ist Fräulein Rajka Radakovic. und zwar gleich nach der Befreiung. Das Haus i6a gehört zu dieser letzteren Gruppe. Die halb der Fenster ist Mauer unter- mit Straßenkot bespritzt und mit den ersten Sdireibübungen der Kinder geschmückt. Aus den Fenstern lugt die innere Verwahrlosung. kaufte sich hier ein Haus und wohnte darin mit ihrer Mutter. mit jenem abwesen- den und doch gesammelten Ausdruck. nicht um gen darin zu wohnen. kennen zwar ihren Namen. unbekannte Leute hinzuzogen. Sein Äußeres könnte die Vermutung aufkommen lassen. bevor die neuen Häuser mit mehreren Stockwerken gebaut wurden und neue. doch die starb schon zwei Jahre darauf Seither lebt . sondern An um es einzureißen und ein neues. sieht Aber wenn man geman. ähnlich den beiden. der es übernähme.

den auch der Blick ihrer Augen nicht aufheitert. Aber von der Unund arme Menschen in allem aufweisen. Ihr Gesicht ist gelb durchfurcht. ein regelmäßiges Dreieck. die stelh und unermüdUch wiederholt. In der schwarzen Jacke und dem ungewöhnlich langen Rock. um ganz allein vor dem Haus den Schnee vom Gehsteig zu fegen. kränkliche 13 . die anderen. Sie ist eine große.) wort darauf gefunden oder ersonnen Die alten Be- wohner der Stigstraße fanden einst heraus. denn aus ihnen schlägt Finsternis. in den abgetragenen Schuhen und den dikken Strümpfen. die vereinsamte. daß sie arm sei und darbe. wie ihn heute niemand mehr trägt. Die einen behaupten. und im Winter geht sie hinaus. kreuzen und bilden starken Augenbrauen verbindet. daß sie reich sei und auf dem Geld liege. Im übrigen kümmert sich schon seit vielen Jahren in dieser lebendigen und bunten Welt niemand sonderlich um das alte Fräulein. Dadurch erhält ihr ganzes Gesicht einen düsteren und gequälten Ausdruck. Nur von Zeit zu Zeit besucht sie den Markt auf dem Kalenicplatz. daß jenes Fräulein von einer Rente und von Ersparnissen lebt. das die und auf sie sich der Stirn. In diesen Runzeln liegt wie eine schwarze Ablagerung ein feiner Schatten.wichtigste Frage. unmittelbar über der Nase. mit der Wollmütze auf dem angegrauten Haar ist sie jenseits aller Zeiten und Moden geihre Haltung ist aufrecht und verrät nichts sdilüssigkeit. alte Jungfer hoch in den Vier- zigern. Auch war sie in den letzten Jahren selten zu sehen. das ganz zurückgezogen lebt. Diese und von vielen Runzeln Runzeln sind ungewöhnlich tief. und ihre Bewegungen sind rasch und heftig. man sich hier bei jedem einzelnen bis man eine Anthat. hagere.

rötlichen Strahlen der schon unsichtbaren Sonne kann sich man noch schön arbeiten. doch nur. Jene Abendröte. naß den alten Kleiderstock. In diesem Däm- man einen kleinen eisernen Ofen zwischen ärmlichen Möbeln: einem Kleiderschrank. der so Durchfrorenen. Sie faßte aber sie kehrte noch bei Tageshelle zurück. Fenster setzt. warm erschien. die so schnell dahinlebt. der ins Haus getreten und inmitten des Vorzimmers stehengeblieben war. einem Regal und einem hölzernen Bettgestell. gefertigt und jetzt vom Wasser ganz durchnäßt. wie mir scheint. Nachmittags mußte sie wegen irgendwelcher Besorgungen das Haus verlassen. bestrahlt auch ihr Fenster. Die heutige Welt. Dann trat sie ins Zimmer. daß ihr die Eile schon zur tet die große. und durchfroren vom Februarwind. das ihr. Gewohnheit geworden ist. nahm ihre Handarbeit auf und setzte sich. ähnlich dem der Soldatenmäntel. länger andauert und stärker leuchtet als über anderen Städten. der Schnee und Regen zugleich brachte. wenn man ans denn im Hintergrund des Zimmers greift schon ein zartes Halbdunkel merlicht unterscheidet um sich. die über Belgrad. er war aus grobem Tuch. da wie ein großer Mann ohne Kopf. zog ihn aus der Ecke in damit er schneller trockne. So stand er die Mitte des Vorzimmers und hängte ihren Mantel darum. Auch an diesem Februarabend sitzt das Fräulein am Fenster und stopft Strümpfe. schwarzen Frau so gut wie gar nicht.kleidet. über das eine Kamelhaardecke gebreitet 14 ist. Sie zog ihre alten Galoschen aus und legte den langen schwarzen Wintermantel ab. Alles in . beach- ungewöhnliche Gestalt der mageren. Bei den letzten.

als ob hier ein Blinder lebte oder jemand. man verliert müden. und nur. in keiner Verbindung und keiner Form. von den trägt Wänden bis zu den Möbeln. den ganz und gar nicht interessiert. schon deshalb nicht. die sie jetzt tut.diesem Zimmer. wo etwas steht und wie es aussieht. weil sie Verschwendung überhaupt nicht liebt. >Stopfen und Dulden erhalten das Haus<. Hier schläft sie. Zeit und Augen- . Das Fräulein verschwendet nicht viel Zeit für solche Arbeiten wie den Hausputz und das Kochen. auch nicht das Wort »verschwenden«. jedenfalls mehr als das übrige. so wie junge Mädclien bei der Arbeit lautlos und triebhaft Worte und Melodie eines Liebes15 zwar Zeit dabei. denn es ist der einzige Raum. mit dem Stopfen. aber man licht hat der Mensch im Überfluß. In diesem freudlosen Zimmer verbringt das Fräulein den größten Teil ihrer Zeit. schon so oft gestopften Strümpfe in die Hand nimmt. soweit er und sich muß. das gleichzeitig auch ihr Abendessen ist. der geheizt wird. wie er auch die schönen und gepflegten noch angenehmer macht. der völlig gleichgültig ihrer bedient. Dieser rötliche Widerschein des Bel- grader Vorabends verleiht den ärmlichen. während sie sich ans Fenster setzt und ihre alten. verwahrlosten Räumen ein noch traurigeres Aussehen. Anders ist es mit der Arbeit. weil er es jedoch muß. sagt sie sich das alte Sprichwort vor. den Stempel der Nachlässigkeit und Verwahrlogegen die Dinge dieser Welt ist sung. hier verbringt sie den Tag und arbeitet sie. hier kocht sie auch auf dem kleinen Ofen ihr karges Mittagsmahl. und dann wiederholt sie unzählige Male unbewußt und unhörbar bei sich: >Stopfen und Dulden<. und die Augen erspart alles andere. Das ist eine angenehme und nützliche Arbeit.

große Siege. das nüchterne. unsichtbaren Feindes. Eine wird dünn und zerreißt. aber ich werfe nichts weg. Das ist wahrhaft ewiger Kampf und ermüdendes Überlisten eines mächtigen. Mit all ihren stillen und unsicht- baren. doch gewaltigen. zähen jungfräulichen Kräften stürzt sie sich auf diesen Gegenstand und läßt ihn nicht bessert bis er genäht und ausgeneuen Gebrauch. schwere. scheinbar ausweglose Augenblicke. so daß an irgendwelchen Pantoffeln oder an einem Wäschestück man den Gegenstand weder tragen noch wegwerfen kann. für einen langen ist < der gerettet und jener feindlichen Kraft entrissen alles ist. zerreißt und i6 . So spricht das Fräulein zu sich selbst. >Jede andere an meiner Stelle würde das wegwerfen. die jedes menschliche Leben und jede Bewegung begleitet wie ein Fluch. aber viel Stelle häufiger sind die lichten Augenblicke ergebenen. die an uns und um uns benagt. aber glänzende. wo andere Frauen nachlassen und sich der allmächtigen Kraft ergeben. in dem sie jedoch seltsamerweise ein lebendiges Bild und einen klaren Ausdruck ihrer tiefsten Wünsche entdecken.an und für sich unbedeutend und weiß Gott wo und wie entstanden ist. da beginnt für das Fräulein erst der richtige Kampf. Stopfen! Das ist ein Hochgenuß. die alles am Menschen verzehrt und dünn macht. der mit der Erbsünde auf das menschliche Dasein gefallen ist. anbohrt. In diesem Kampf gibt es liedes wiederholen. heili- gen Dienstes und sieghafter Begeisterung. da eröffnen sich ihr Aussichten auf mühsame und weit entfernte. es gibt auch Niederlagen und Entmutigungen. aus den Händen und Augen. und mit Begeisterung und Liebe betrachtet sie diesen Pantoffel. Bei mir gibt es weder Schaden noch Verlust. Aber hier.

er drückt und kratzt und verwundet die Haut auflöst. Die Schönheit ist ein teu- ein unerhört teures und dabei nichtiges. beimmer stärker und bestimmtraurige zu hassen wie etwas Ketzerisches. viel mehr als das zu ertragen. Sie hat sie nie sehr sondern sich immer vor ihr gescheut. es ist ein süßer Schmerz und eine glückhafte Wunde. daß sie um des- Schönheit nennen. gerechte Dienst an dieser Gottheit. Aber da sie in die Jahre kommt und weiter unge- ahnten und unübersehbaren Schönheiten und der Sparsamkeit Wonnen immer ginnt ter sie diese Schönheit und klarer eröffnen. noch darin bestärkt. trügeri- sches Ding. heiliges. und auch sonst hat er sich verengt und gekrümmt. das sich jetzt. Sie ist bereit. der Spar- samkeit. über allem steht und mit sich ihr die dem keine Schönheit annähernd messen kann.Zwar ist der Pantoffel nicht mehr schön anzusehen. Niemals einen hat sie recht verstanden. warum die Menschen zwischen dem machen. das ist der stille. so des Fußes. was ist das gegen das Vergnügen. und dem. Es bedeutet Kampf gegen den Verfall. welches dieser Sieg und diese Ersparnis bereiten? Soll er schmerzen und verwunden. noch weniger. aber sorgt sie sich res. ablenkt. mächtiges. und keine größere Verblendung. das die Menschen auf Abwege führt und sie von der einzig echten Gottheit. großes Geld. was was nicht schön und was es denn das sie so hinreißt sen twillen. sie und trunken macht. schön ist. ihre Gesundheit zugrunde richten und Geld verschwenden. was ist. Und was die Schönheit betrifft. Es gibt keinen schlimmeren Verschwender geliebt. und die sie Lebenserfahrung hat solchen Unterschied ist. feindliches Idol. Stopfen und Flicken. bedeutet die Ewigkeit in ihrer Dauer 17 . wie ein böses.

denn sie hat in ihrem Leben viel gelitten und hat viel Genugtuung darob verspürt. eine wahre Hölle schon auf Erden und bei Lebzeiten. Arbeit die er so verrichtet. Und wenn der Mensch bedenken würde. vor dem Elend. sie bewahrt uns vor Unkosten. nicht etwas erdulden. Darum lohnt es. was wir besitzen. wie klein und schwach alles ist. daß er dadurch ein Übel vermeidet und sich ein weit größeres Gut sen. dann würde er jedes Leiden und jede Entbehrung auf sich nehmen. Denn was die wir sind die kleider gibt nen Leiden und Entbehrungen. Deshalb ist diese unscheinbare. winzige und heihg und erfüllt die ganze Seele mit Ruhe und Zufriedenheit. was uns und wovor sie uns rettet? Sie erhält um uns herum Leben und Dauer. im Dienste sie Sparsamkeit ertragen. sich aufbraucht und verfällt. das am Ende kommt und schlimmer und schwärzer ist als der Tod. er nicht einsähe. bereichert uns stets und verleiht sozusagen all dem Ewigkeit. dann müßte er sich jedes Augenblickes der Erholung schämen. vor Verarmung. zerreißt.unterstützen. ist Das weiß sie. für einen Luxus hielte. viel größeres Dulden! Auch das wenn er weiß. weil er ihn Mit dem fanatischen Mut eines . weil er ihn für Zeitverschwendung. Und warum soll der Mensch eine Lust. nur um diesem Übel Einhalt zu gebieten. sich ein wenig abzumühen und allerhand auf sich zu nehmen Arbeit so groß und zu erdulden. gegenüber dem. was wir zu tun vermögen und im Kampf dagegen unternehmen und leisten können. wie alles um uns ständig und unbemerkt schwindet und vergeht. erkauft? Der Mensch wäre kein vernünftiges Wewie nützlich und sicher eine wenn ist. und jedes Bissens. Verlusten und Unordnung.

so scheint es dem Fräulein. Es wärmt sie auch jenes Schäuf eichen Kohlen. die beißt Platz Zähne zusammen und kehrt mutig an ihren zufrieden mit sich selbst zurück. Dabei sind ihre Hände blau. Sie erzittert und steckt die steif Nadel in den Strumpf. Holz und Kohle schluckt wie der Vesuv und der Ätna oder wie jener amerikanische Vulkan. erhebt und schwer und geht.) Beim Gedanken daran spürt sie die Kälte kaum noch. Sie geht. Sie ist und dieser Welt. Es kärgliches eigentlich kein Feuer. das aber.Märtyrers ertragen. ist um dann ganz nach dem Feuer im Ofen sich zu sehen. tiefes. daß er noch mehr verschlingt und mit seiner Flamme in Brand setzt als unsere bekannten Vulkane. daß für die Kasernenräume während der Winter- monate eine Temperatur von 15^ Celsius vorgeschrieben ist. (Sie erinnert überall sich. um noch etwas Kohle nachzulegen. als ob sie ein großes und nicht wiesie dergutzumachendes Übel anriditen wollte. muß man in dem aussichtslosen Kampf alles Gedanken läuft Bei diesen begeisterten dem Fräulein ein richtiger Schauder über den Rücken. Ähnlich können audi gute. aber es die Stube zu gibt ihr einen Riß. und immer etwas zu sparen sie daß einmal irgendwo in der Zeitung gelesen hat. das niemals imstande sein wird. von dem sie jedoch weiß. in der es gibt. das sie nicht verbraucht hat. an dessen Namen sie sich nicht mehr erinnert. sondern eher ein Flämmchen. Manchmal geht vor Kälte ein per. inneres Zittern durcli ihren ganzen Kör- Trotzdem gibt das Fräulein nidit nadi und verläßt ihren Platz nicht. erwärmen. die Lippen grau und die Nase rot. den Strumpf zu stopfen. tüchtige Krieger in Augenblid<. Dort fährt sie fort.en der Gefahr einem kurzen Zit- 19 .

läßt sie ihrer Einbildungskraft und ihren sie erscheint Denn bloß eintönig. So vergehen Stunden bei dieser scheinbar eintönigen und trockenen Arbeit. Dann kommt dem- selben Strumpf oder in einem anderen. Während das und den Faden hindurchzieht. daß ein wei- Wenn sie es terer Gegenstand ihres Haushalts auf die Habenseite ist. scheint anfangs hoffnungslos Und jedes er- und unheilbar. so stopft Eifer Und und duldet das zieht den Faden sorgfältig zwischen den Fäden durch.tern nicht entgehen. das Bewußtsein. der schwierigen Buchhaltung gesetzt von Verlust und Gewinn Und mehr noch: daß in dem großen. Schaden Kampf gegen und Verbrauch wieder ein Sieg erfochten wurde. daß in der stets bedrohten großen Galeere des Weltalls noch ein tückischer Riß verstopft ist. phantasiert und erinnert sich. rige Stelle verstärkt bis sie die löche- und festgemacht hat. vorwärts und rückwärts. auf ihre Weise sie denkt nach. lie- die nachgelassen haben und hebt einen Faden mit der Nadel. Fräulein. läßt den zweiten liegen. ewigen Verderb. in blicken dieses Bewußtsein zu sieghafter Begeisterung. auseinandergerücl<:t sind. hebt einen. Aber über jedem lächelt zum Schluß der Sieg. dann anschaut. macht sie die schadhafte Stelle des Strumpfes fest. läßt den zweiten gen. liegenläßt Fräulein die Fäden hebt und Erinnerungen freien Lauf. ohne zu klazu erlahmen. erfüllt sie von Kopf bis Fuß eine gewisse Wärme. und zwar alles zur gleichen Zeit oder auch hintereinander. Durchfroren und gen und in ihrem steif. immer der Reihe nach. So geht es von 20 . aber sie überwinden es mutig und stürmen vor. Und oft steigert sich in glückhchen Augenein zweites Loch an die Reihe.

Auch in den frühesten Erinnerungen ist er die widitigste Gestalt. wie er im letzten Jahre seit sie 21 . Diese Zeit ist in ihrem Bewußtsein ein leerer. der Gazda Obren Radakovic. Er heiratete die schöne. jene frühe Kindheit. noch von dem Bemühen. zarte. es nicht zu verlieren. daß sie die glücklichste Zeit im Leben des Menschen sei. kam er nach Sarajevo und wurde dort durch Glück und Geschick bald zu einem der besseren Geschäftsleute. von der die Philosophen und Dichter sagen. In seiner Jugend. gleich nach der Besetzung durch Österreich. Ihr Leben beginnt etwa mit ihrem fünfzehnten Lebensjahr. und heute abend zieht das ganze Leben an ihr vorüber. Die Kindheit.Faden zu Faden. Das Fräulein glaubt sich an ihren Vater zu erinnern. dem Marktviertel. mit einem bitte- ren Augenblick. Es beginnt mit einem dunklen Punkt. blonde Radojka. hat für sie nicht bestanden. sondern von der Militärgrenze. es zu verdienen. denken kann. Das war vor ungefähr dreißig Jahren. die aus der alten. Er handelte mit Pclzwaren en gros. Gleich am Eingang in den Veliki Curciluk befand sich das Geschäft Gazda Obrens. farbloser Fleck. sieht sie ihn immer so. aber mit der Zeit dehnte er seine Geschäfte auch auf andere Gebiete aus. angesehenen Familie Hadzi- Vasic in Sarajevo stammte. Das festigte seine Stellung in der Carsija. diese harmlose Zeit. Aber wenn sie an ihn denkt. Ihr Vater. war damals einer der angesehensten serbischen Kaufleute in Sarajevo. Er stammte nicht aus Sarajevo. So war er ein Hauptaktionär der ersten Bierbrauerei in Kovacici und Mitglied verschiedener Aufsichtsräte. da der Mensch weder vom Geld v/eiß noch von der Anstrengung.

geräumigen Haus. an der Hand zwei schwere dene Ringe. das sich weder vorbeugen noch setzen kann. sondern gab nur kurze Hinweise und Anordnungen.und ein Siegelring. unterhalb der protestantischen Kirche. aufrecht und schlank. und sie wird ihn so bis zu ihrer SterbeGroß. er nahm sie nach dem Mittag. Sie lebten damals in ihrem neuen. unmittelbar am Ufer der Miljacka.seines Lebens war. stunde sehen.und als Abendessen auf den Schoß. Sie sieht ihn ganz deutlich vor sich. an den runden. hager. steifes Hemd mit hohem Kragen und einer blau Auf der Brust gol- und schwarz gestreiften Seidenkrawatte. war Und dieser in ihren Augen so große und herrliche Maiui ihr Vater. Sein Gesicht war ernst wie das eines Heiligen. Haar an den Schläfen Auf dem Kopf ein schwarzer Halbzylinder. Er lachte nicht und sprach nicht. Rajka ging gerade in die vierte Klasse des Lyzeums. Übrigens zz . sondern gedankenver- loren durch das Fenster in die Ferne schaute. daß er auf das. gestärkten Manschetten große. eine goldene Uhrkette. schaute er durch das Fenster irgendwohin und schien nur ihr lichen leises Geplapper zu vernehmen. meine Kleine?« Und während sie von ihren Arbeiten und Erlebnissen des Tages erzählte. was man ihm erzählte. ein Ehe. Und stolz. dazu ein heller aschfarbener Anzug und ein tadellos weißes. schlohweiß. runde Knöpfe aus Gold. der das Schnurrbart angegraut. gar nicht richtig achtete. auf der Straße bewegte er sich so aufrecht und daß er aussah wie ein Denkmal. streichelte ihr wäre sie noch immer Haar und fragte mit war- mer Stimme: »Was hast du heute gemacht. Aber für sie gehörte auch das zur unbegreif- Größe ihres Vaters. sechs Jahre alt.

war ein Geschöpf ohne menschliche Schwächen und niedere Bedürfnisse. während sie sprenachzudenken und das zu er- was die anderen später auf seine Fragen antwor- ten werden. sterten aber dafür ihm. ohne jeden Übergang. in jenem Herbst. wenn auch Und gerade damals. Frau Radojka. eine Wendung. von seinem sich ein heller Piedestal gestürzt. wie sie ein jeder hat. Wie so ver- düsterte sich ihres Vaters Gesicht. arglose. Er sprach niemals über sich selbst. an und Körper weiche und schwaclie Frau. dem ist alles. um die Zeit. sondern stellte bloß Fragen und hörte sich zerstreut die Antworten an wie ein Mensch. Ihre Mutter. Er blieb mehr und mehr zu Hause. Aus irgendeinem unbedeutenden Anlaß mit einer ihrer Mitschülerinnen in einem gesun23 . nicht völlig gleichstellen. wurde ihr Vater plötzlich. raten. Da erlitt auch ihr Schicksal einen Riß und Tag verdunkelt. alles in seiner ganzen unfaßbaren Schwere offengeriet sie Streit. was die Leute sagen können. und jene tiefen Falten im Gesicht und das graue Haar schienen ihr nur ein Zeichen einer besonderen Würde und vorzüglichen Größe zu sein. dazu benützt. Einzig den olympischen Göttern. Trotzdem wurde Seele Rajka bar. wußte von nichts und konnte ihr nichts erklären.verhielt er sich den Erwachsenen gegenüber genauso. von denen sie diesen Herbst in der Schule erstmals wenigstens glaubte sie es. konnte sie ihn vergleichen. er gehört hatte. eine blonde. mächtiger Vater blieb sich immer gleich. ohne Sorgen und Schmerzen. schlössen sich kamen gewisse Leute zu mit ihm im Zimmer ein und flü- und rechneten stundenlang. Ihr großer. längst bekannt und der chen.

Kinder sind in ihren Äußerungen oft so rücksichts- los. davon. betrachtete aufmerksamer als gewöhnlich ihre Mutter.« Die Kleine wurde plötzlich ernst wie vor einem Heiligtum: »Mein Papa ist fällt nicht. und wo hörte er auf? Was geschah sie mit denen. düsteren Falte zwischen den Au- genbrauen kam sie an diesem Tage nach Hause. die man niemals mehr vergißt. die für sie schon damals ein schwaches und unerfahrenes Kind war. Was war das. »Dein Vater rissen.den und zanksüchtigen Mädchen. Da stand das Mädchen rot vor Wut auf und sagte ihr vor allen anderen ins Gesicht: »Was lachst du? Lache lieber über deinen Vater. wie es Erwachsene nur in Gedanken sein können. sondern hat auch andere mitge- wen du willst!« Das sind so die kurzen. Mit einer kurzen. Wie. wo und warum er gefal- 2-4 . aus der ihr Vater stürzen mußte. beleidigenden Worte.« Jetzt lachte das dicke Mädchen boshaft: es. nur für ein Fall und alle sprachen wußte es nicht und ahnte nichts. und begegnete ihrem Vater zum erstenmal als einem gestürzten Mann. Bankrott! Ihr Vater war gefallen. die später kommen. der ist seiner ganzen Länge nach hingefallen. Frage. plötzlich Diese für ihre Jahre ungewöhnlich dicke und unbeholfene Klassenkanieradin fiel beim Spiel hin. dummen Streitereien auf dem Schulhof und die ersten absonderlichen. reißen die alte Wunde nur weiter auf. und Rajka lachte sie aus. denn alle. die so fielen? Und gar aus dieser Höhe. bankrott. Alle sagen Und er ist nicht allein gefallen. das wie alle Kinder der Neureichen nicht auf seine Worte zu achten brauchte.

tete sich Der Vater hieß näher kommen. was erfahren hatte. die sich aus der Schule heimkam. In jenen Tagen hörte und der Arzt begann ins Haus zu kommen. meine Kleine. auf. Sobald Rajka sie sich neben ihn. du und ich müssen heute einmal miteinander sprechen. Sie empfand bloß das Bedürfnis. ganz steif. mit dem nacl<:ten Hals. Er sagte nichts. mühsam . ohne ihre Tränen zu verbergen. legte sich der Vater ins Bett. Und als man zum erstenmal den großen irdenen Ofen heizte. die seine weinte den ganzen Tag. Die Mutter Kaufleuten. . idi am Leben bleiben und könnte mich halten und brauchte dich nicht so zurü dazulassen. dieser schon recht winterlichen An einem sie Tage tat das ungewöhnliche und schicksalsschwere Gelöbnis sie ihres Lebens. neben ihm zu sitzen. das konnte sie nicht erkunden. 25 . mit zusammengekniffenen. streichelte ihr . und sie wagte nicht zu fragen. der Vater auf auszugehen. rich- Haar wie ehedem und sprach zu ihr mit ruhiger Stimme: »Siehst du. dem spitzen Adamsapfel und den glühenden Augen. Aber dann hörte auch das auf. er ordnete mit dem Buchhalter Veso irgendwelche Schrif- ten und Papiere. führte unhörbare Gespräche mit den Kompagnons waren. setzte nicht mehr verlor. schwarzen Falte zwischen den Brauen. so unrasiert.len war. Außer dem Arzt und den nächsten Verwandten kam niemand mehr zu ihnen. doch fand sie jetzt immer mehr Beweise sie für das Schreckliche und Un- glaubhche. Er war abgemagert und düster geworden und sah sonderbar aus. Der Vater verHeß das Zimmer nicht. trocl<enen Lippen und einer feinen. Aber jetzt steht es so! Du bist mein kluges Kind und sollst alles wissen. Ich war der Meinung.

und es wird die Zeit kommen. wie du willst und dich entschließt. mit eigenem Kopf zu denken und zu urteilen und deine Geschäfte selbst zu besorgen. die ich nicht zu erfüllen brauchte. du wirst alles schön und klug ausführen und einrichten. da du es besser verstehen wirst. Und sie lauschte ihm mit trockenen Augen. die in drei Jahren zur Auszahlung kommt. außer- ganz ihr starr vor der Größe des Augenblicks. wird dein Vormund sein. wie die Mutter gut. Menschen in einem einseitigen. was sagt. Nein. denn ich habe auch jene Verpflichtungen erfüllt. aber beginne dich schon jetzt daran zu gewöhnen. du bist mein großer Sohn. dein Vater zu dir Du bist dir von nun an Vater und ist: Mutter. aber weich. wenn du achtzehn Jahre alt bist. weine nicht. denn du weißt. brachte sein Gesicht näher an ihr Ohr und begann die er ihr ruhig und feierlich seltsame Dinge mit ungewöhnlichen unbemerkt zu unterdrücken trachtete. Das ist für deine Heirat oder für dein Leben. in dem dem Laden im Veliki Curciluk und deiner Versicherung bei der >Adria<. Diese Rede war einer von den Monologen. sondern höre und merke. unterbrachen von Zeit zu Zeit seine Rede. wie sie die Menschen in Augenblicken tiefen Worten zu sagen. Ich werde keine Schande über euch bringen. ohne zu schluchzen und zu weinen. aber doch in seinem ganzen 26 . weine nicht.« Hier richtete sich der Vater noch höher im Bette auf.gehorche ihm und achte ihn. Schmerzes oder in der Todesstunde sprechen. Gazda Mihailo. nichts hinterlassen außer dem Haus. Nein.. unser Gevatter. die wenn sie die Welt und gewöhnlichen Licht sehen. das merke dir gut. in dem sich zwar noch nebelhaft. Nur die Schmerzen. aber ich kann euch wir leben.

daß bleibst allein. sich rüd<. jeder Mensch. das Verhältnis zwi- schen seinen Einkünften und Ausgaben so zu regeln. denn die Mutter wird nicht für dich sorgen. rechnet jeder. von vornherein zum verurteilt ist. Du mußt gegen dich und andere unbarmherzig sein. wie es das Untergang verstehst. der zu uns kommt.sichtslos aus der Seele reißen.. an deinen sparen. sie schlucken alle Früchte unserer Fähigkeiten und Anstrengungen und der inneren Vornehmheit. um uns zu täuschen. sondern von verschiedenen anderen Menschen und zu erwerben. deine Sparsamkeit jedoch hängt allein von dir ab.das ist der ge- Wünschen und Bedürfnissen zu erster Linie ringere Teil der Sparsamkeit. Ein für allemal sollst du wissen und niemals vergessen. Alles das muß man selbst. sind am häufigsten die Ursache unserer lebenslängli- dien Armut oder gar unseres völligen Untergangs. Es nützt dir nichts. mit den schönsten Namen belegen. deshalb sollst du wissen und dir gut merken. was ich dir zu sagen habe. wenn du das andere nicht Deine Einkünfte hängen nicht bloß von dir. Leben von ihm verlangt. des leids. Denn es genügt nicht. welche die Menschen. sondern du für sie. der es nicht versteht. vielmehr muß man in und für immer in sich all jene sogenannten höheren Rücksichten töten. Deshalb audi 27 .Umfang »Du das Geheimnis des menschlichen Daseins in der Gesellschaft offenbarte. zu erben. denn die Sparsamkeit Leben unbarmherzig sein wie das Ich habe in meinem Leben anders gedaclit muß und diesem Grundsatz zuwidergehandelt. Darauf mußt du deine ganze Aufmerksamkeit und Kraft richten. Umständen ab. die noblen Gewohnheiten Großmuts und des MitMit diesen Schwächen. zu besitzen.

daß sie von ihnen und ihrem Unterhienieden ist so. die nicht von ihnen abhängen und nichts verlangen. soviel du kannst und willst. Du mußt wissen. hört alles auf: Gott und Seele. weder das eine noch das andere zu sein.bin ich zugrunde gegangen. was du fest in deinen Händen hältst. Sie machen nur halt vor dem. möchte ich. daß du auf dem richtigen Wege bist. daß die Menschen gut und gewissenhaft gegenüber jenen sind. Ersteres ist ein Zeichen. der gut und freigebig ist. Merke dir gut: Alle unsere Gefühle und Rücksichten sind nur Schwächen. Und daß die Menschen gute und freigebige Leute loben. wenn sie dich loben. Von klein an gewöhne dich daran. Ich weiß. Arbeite. kommt daher. Aber jetzt. daß dir mein Untergang daß und Mahnung diene. Ehre und Rücksicht. herzloses und selbstsüchtiges Geschöpf nennen. daß es dir nicht schmeichle. daß sich die 28 . und daß es dich nicht im mindesten störe. da ich sehend geals worden Beispiel bin. wenn sie dich ein geiziges. spare immer. und auch das nur entsprechend der Größe deines Besitzes und der Geschicklichkeit und Kraft. aber spare. anders zu handeln. sondern durch die Sparsamkeit. alles in dir und in deiner Umgebung auf dich einreden und dich drängen wird. mit der du ihn hütest und bewahrst. überall und mit allem und kümmere dich um nichts und niemand. und dem die Menschen nichts anhaben können. Nicht der hat bei den Menschen Glück. daß du auf der Hut sein mußt. sondern der fähig ist. aber du darfst nicht nachgeben. aber sobald du dich bindest und in Abhängigkeit gerätst. das zweite. und auf sie lauert und zielt alles um uns. Verwandtschaft und Freundschaft. Denn unser Leben Menschen nicht durch die Arbeit erhalten und hochkommen.

der Klage über sein Schicksal und die niemand erfuhr genau. Es tut mir weh. er aber zog sie plötzlich an sich. mit benennen. wie sich ihr Schicksal gestalte. daß womöglich nichts. dessen Leben erst begann. und sie schwor ihm. was sich zwischen dem Sterbenden und dem Mädchen. je auch nur für einen Augenblick vom guten Willen anderer abhängig sei. zur Wand gekehrt. dich niemals irrelassen. aber sei. Wer sich selbst achtet alle. und das Seine behütet. Er versdiied um die Mittagszeit. die ihn ausgedacht haben. Zwei Tage darauf starb der Vater. daß du meinen Rat begriffen hast. den schonen und ehren auf etwas anderes kannst du so dich nicht verlassen. den Namen. ab29 genau ohne ein Wort Mcnsdien.« Da schluchzte der Kranke auf.gang leben. was dir gehört. Deshalb achte auf das Deine. am Ende meines Lebens. nie werde sie ihr Leben aus den Händen lassen und zugeben. überlasse jenen. wenn sie verheiratet oder allein ohne Rücl<:sicht darauf. wenn ich sehe. kennenge- du kannst mir den Schmerz erleichtern. um die es sich handelt. daß du ihn dir merken und immer und in allem beherzigen willst. achte machen und durch Reden ablenken zu bloß auf die Sache. und wenn du mir das Versprechen gibst. die ich erst jetzt. daß ich dich so jung und noch so unerfahren in dieser Welt zurücklassen muß. solange sie bei der Mutter lernt habe. daß sie hart und unbarmherzig sparen werde. begann zu weinen. daß sie ein Opfer ihrer Schwächen sein werde. Aber . um deine Aufmerksamkeit zu die Leute sie dem täuschen. Du aber lerne rechtzeitig. das die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. und das Mädchen. und auch später. oder menschlicher Gier werde. in seinen Armen zitternd.

ohne darauf zu achten. ohne jede innere Regung. das eine wertvolle Würze der Jugend ist und dessen Wert man bloß mit dem der Gesundheit vergleichen sie lachte. gleichen. was und bloß diesem Wollen Rechnung trug. Damals begann ein neues Leben. grundlosen Lachen. Sie verkehrte mit ihren Altersgenossinnen und Altersgenossen und lauschte mit zusammengepreßten Lippen ihren Lie- dern. was die Welt ihm anbot oder aufzudrängen suchte. sie in luden führten andere Häuser. das erst das fünfzehnte Lebensjahr vollendet und bis dahin zurückgezogen gelebt hatte. einem her- ben. bevor richtig sie zum Mädchen herangewachsen Wesen zu war. legte ihre Trauerkleidung ab. vielmehr geistesabwesend und unaufrichtig. Ebenso konnte sie niemand bewegen. zu Sie und von diesem Wege abzubringen. schwarze Falte zwischen ihren Augenbrauen blieb davon unberührt. aber nur mit den Gesichtsmuskeln. sich. jenem ansteckenden. ihre Freundinnen zu einem Kränzchen bei sich einzuladen oder sich neue Kleider anzuschaffen. die ihr fremd und unverständlich blieben. wie sie die kann. wurde noch ernster und zog sich ganz in sich zurück. sie aufzurütteln. machte ihre alten Kleider länger und begann. das wußte.gespielt und welch gefährliches Vermächtnis der Vater seiner Tochter hinterlassen hatte. Am Ende des Schuljahres verließ sie das Lyzeum mit dem Abgangszeugnis der fünften Klasse. Auch 30 . tanzen zu lernen. Die Verwandten bemühten erheitern sie ein. egozentrischen es wollte. Einige Zeit gab sie nach. Die kurze. Nach einem Jahr ließ sie für ihren Vater die Seelenmesse lesen. und ihrem Lachen. auf Kränzchen und Familienfeste. Das Mädchen.

daß ihm die immer unmöglich gemacht wird.Mode schon längst forderte. die ihre schönen. sie in 31 . den schließt die Gesellschaft Umstände Rückkehr für ohne Mitleid und irgendwelnoch dafür. so- Sie zuckte bloß die Achseln. um mehr wuchs die Sympathie. selbst aus. sondern im Gegenteil. sie nicht mehr als junges Mädchen zu betrachten und sie bei der Vorbe- reitung von Bällen und bei Liebesintrigen zu überge- hen. aber ernst ge- meinten Verlobungs. altmodischer ihre Kleidung aussah weiblich ärmlicher je und so und weniger und anziehend ihre Haltung war. auch bei jenen so veränderlichen. sie war vielleicht das einzige Mädchen in Sarajevo. ohne Handschuhe. Noch so jung. stand sie un- ter ihren Altersgefährtinnen schon wie der fertige und abgeschlossene Typ einer Frau da. Trotzdem gewöhnten sich alle sehr bald daran. Nach einer son- derbaren Logik des gesellschaftlichen Lebens und der weiblichen Natur wirkte sie auf ihre Freundinnen nicht je abstoßend. Denn wer che sich selbst von der Gesellschaft absondert. Glattgekämmt. Schritt halten. dem niemand etwas übelnehmen oder nachsagen konnte. immer in demselben altmodischen Kleid und in abgetragenen Schuhen wurde sie gelobt und geliebt. und setzte unbekümmert ihre Lebensweise sich Unter denen. ohne Puder im Gesicht.und Heiratskombinationen. ja sie sorgt wenn er sich eines Besseren besinnen sollte. sie möge ihr sonderbares Wesen aufgeben und mit den übrigen Altersgenossinnen lange es Zeit sei. sie umzuwandeln und zu überreden. Noch einige Jahre bemühten sich die Verwandten und manche Freundin. die am meisten bemühten. geputz- ten Freundinnen ihr entgegenbrachten. lächelte fort.

chend. Sie sieht ihn als Kind vor sich. Er denn er wurde drei Jahre vor der Heirat seiner Schwester. geboren. schön.die Gesellschaft einzuführen und sie an das gesellschaft- liche Leben und an Unterhaltungen zu gewöhnen. herzlich und voller Leben. von ihm erhielt sie die schönsten Geschenke. sondern lebte als kleiner Herr. Solche Fälle gab es bei uns einst häufig. Die beiden anderen. Rajkas Mutter. der so leidenschaftlich zu schenken liebte und der es so geschickt verstand. das seinen Wün- 32 . aber am häufigsten erscheint er in ihrer Erinnerung als la- Jüngling von neunzehn Jahren. eröffnete ein Geschäft und heiratete. Das war in den ersten Jahren nach dem Tode des Vaters. Der jüngste Bruder. Der älteste. aber er dachte nicht daran. Sie waren damals innige Freunde. Mit ihm ging sie zu den ersten Abendgesellschaften und Vergnügungen bei Verwandten und Freunden. war schon in früher Jugend nach Belgrad gegangen. Weder vorher noch nachher hat sie einen Menschen gesehen. mit den älteren Brüdern arbeiten. Er war gut und aufmerksam zu ihr. Dinge schätzte. Ihre Mutter hatte vier Brüder. Djordje. beendete die Handelsschule. blond. Vaso und Risto führten gemeinsam die alte Firma in Sarajevo weiter und lebten so. groß. wie die Alten gelebt hatten. »Onkelchen Vlado«. als die Frauen viele Kinder zur Welt brachten und die Mädchen jung heirateten. dort erwarb er Vermögen. für jeden das Geschenk auszuwählen. war ihr Onkel Vladimir Hadzi-Vasic. wie Vladimir. umgab sie mit brüderlicher Zärtlichkeit und väterlicher Fürsorge. sie ihn zu nennen pflegte. der teure zusammenzuUn- terhaltungen und sonstige schöne war nur vier Jahre älter als Rajka.

sie jener leichte noch jetzt Schwindel überfallen. als selbstmörderische Schnelligkeit. damit es aus diesem Wirbel herauskäme. mit der er das alles ob jede Sache. besessen von dem unverständlichen Wunsch. das sich allein nicht zu raten und zu helfen wußte. für ihn erst ihren vollen Wert erhielt. der sie an- von Vergeudung.es war eine Gnade des Schicksals und ein großes Glück für ihn. und ihm die größte Freude war wunderbar. auch sie selbst nicht. und ist traurig bei dem Gedanken an seine ungesunde und unbezähmbare Leidenschaft. Gejene und Gut zu verschwenden. aber das vermochte und verstand niemand. Im dreiundzwanzigsten Lebensjahr starb er an Tuberkulose. dem man nur die Hände zu reichen brauchte. schwaches Kind. aber von Gott verlaswar jedem Freund. wenn sie an diesen Unglücklichen denkt.. und während dieser Zeit gelang es ihm. als dreißig Jahren. die sie für ihn hegte. die er besaß. sich zu verschenken sundheit. sein Vermögen und sein Leben zu vergeuden. an von sich warf. alles loszuwerden und nackt und allein zu bleiben. gesichts dieses lebendigen Wirbels närrischer 33 .sehen am besten entsprach bereitete. Ja. Geld und Kraft. Der herrliche Jüngling mit dem liederlichen Leben und dem engelgleichen Aussehen verbraditc so einige Jahre. Verschwendung und leichtsinnigem Hinauswerfen erfaßte. Denn obwohl er ihr Onkel und etwas älter war als sie. wenn er sie verschenkte Händen kann sah. er denn er Noch heute. Selbst jetzt kann sie in fremden noch jene mütterliche und Zärtlichkeit verspüren. nur nicht sich selbst. Und doch war es traurig und sündhaft zuzusehen. erbebt sie. wie er zugrunde ging. erschien er ihr immer wie ein kleines. nach mehr sen.

Sünde und schwärzer war als der Tod. unablässigen Kampf gegen jede Verschwendung und jede Ausgabe zeigte sich im Laufe immer wieder sein Bild. die herabsteigt und vieler Jahre 34 .denn man kann sich schwer vorstellen. die ewig offene Frage. so unlösbar verbunden. zu verschwenden und zu verschenken.und sinnlos verschwenderisch sein? Wenn es etwas Höheres und Helleres in ihrem Leben gibt. hatte in unnatürlichem Maße jenes Laster. schrecklich und doch nah und teuer wie ihr eigenes. wie sein Leben ohne die Möglichkeit. Auch jetzt. der ihr im Leben der teuerste war. wie sich in einem Menschen. so ist es die Erinnerung an jenen Onkel. Ausschweifung und fast irrsinniger Ver- schwendungssucht. In ihrem täglichen. Schönheit.endes Beispiel für die heranwachsen- den Jungen. In der ganzen Familie lebte die Erinnerung an ihn als ein abschrecl<. Und er stand schon am Rande des Ruins. rätselhaft. die widersprechendsten Eigenschaften des Geistes und Körpers finden können: Begabung. Und für das Fräulein ist er bis zum heutigen Tage ihre zarteste und zugleich schrecklichste Erinnerung geblieben. soweit sie bei ihrer absonderlichen und strengen Lebensweise und ihrer verschrobenen Natur überhaupt zu so etwas fähig ist. Güte neben Arbeitsscheu. das aus kleinen Sorgen. Der Mensch. ausgesehen hätte. Verschwendungssucht! Wie kann man so reich an allem und gleichzeitig so maß. weiblichen Zärtlichkeit erhalten. In dieser etwas von Erinnerung hat sich dem uneigennützigen Schmerz und der reinen. in der ersten Abenddämmerung. Arbeit und trotziger Einsamkeit besteht. das für sie schwerer als jede wog aus Sparsamkeit.

erweckt sie aus ihrem Traum und führt sie im Nu in die Gegenwart und Wirklichkeit zurück. Kühl und öde ist alles nach der hellen Vision. wahnwitzig und verderbt. und zwar — wie immer — weder traurig noch unglücklich. lächelnd. Sie fühlt das Bedürfnis. auf die schlimmste und unwürdigste Art und Weise. Und als sie das Fräulein kreischt wirklich leicht auf. sondern herrlich. taucht »Onkelchen Vlado« auf. gutmütigen Lächeln. die sie abwechselnd hebt und Hegenläßt. leicht. wünschten sie. ihn zu rufen und auf diesem zurückzuhalten in sich in Weg der Selbstvernichtung aufzuhalten. wenn zur selben Zeit so viele andere schonungs35 . mit einem freudigen. sticht sie nach einem Faden des Strumpfes sich mit der Nadel in den Zeigefinger der linken Hand. traurig und ohne jedes Verstehen. Im Zimmer greift das Halbdunkel um sich. nicht dem selbstmörderischen Entschluß. und jene Welle hellen Haares über der Stirn leuchtet und flimmert. denn greift. an den. wird sich — ein immer war und ewig bleiben Sünder! Seine blauen Augen voll unruhigen was er als Glanzes blicken auf sein Gegenüber. Wie in einem ungewöhnlichen Traum sieht sie ihn klar vor sich. wie er eigentlich sein müßte. und den. aufzulösen und zu verschenken. der es nicht braucht. seinem Irrsinn ganz zu verschenken. zu schreien.zwischen die Fäden dringt. aber auch ohne Angst. zu bewahren und zu sparen. Schwacli und ohnmächtig erscheint jedes Bemühen. Sie blickt ihn scharf an. er aber geht vorüber. als wolle sie zerfließen und sich schonungslos im Räume verstreuen. Das verscheucht den Schatten der Jugendzeit. selbstlos. Er erscheint als das. der es braucht.

durchdrungen von feierlichen Gefühl. dagegen anzukämpfen. bis Tränen mischt. von zündet. aber sofort besinnt sie herrscht sich. auch dann. Das Feuer im Ofen erlischt. Wieder beginnt sie zu stopfen. immer kann man etwas sparen. Licht zu machen. dem schmerzlichen und zugleich samkeit letztlich daß die äußersten Grenzen der Sparunerreichbar sind. So vergehen fünf Minuten. Das Fräulein rückt immer mehr zum Fenster. von allem kann man etwas abknappen: von der Zeit. es entmutigt Wie weit und unerreich- bar die Grenzen sein mögen. aber davon wird ihr immer kälter. aber ist es. erscheint. Jetzt kommen und das Dunkel die Fäden versieht man wirklich nichts mehr. Das macht sie nur sie nicht. von der Nahrung. mit etwas Anstrengung < der Rast. die Flände über ihrer Arbeit gekreuzt. setzt die Arbeit fort sich. so hätte es bis jetzt schon fünf gebrannt. Es ist und hoffnungslos. Die Uhr gibt laut die ersparten Sekunden wieder. aber siehe da. Mit Vergnügen denkt sie: >Hätte ich soeben dem ersten Wunsch nachgegeben und das Licht ange- Minuten unnütz kann man auch jetzt noch jeden Faden sehen und unterscheiden. traurig. vom Kampf abzulassen und sich zu ergeben. Ach das weiß sie gut. Doch be- vor sie das Licht einschaltet. bleibt sie einige Augen- blicke so sitzen. abzwacken und wegnehmen. so verdienen sie doch weit 36 . von der Wärme. Sie denkt traurig ebenso unmöglich daran. Die Finsternis macht sich im Zimmer breit. wenn es ganz unmöglich Bei solchen Gedanken vergeudet das Fräulein mit Wonne ihr die ihr Augenlicht statt des elektrischen Lichts.los verschwenden. be- und strengt die Augen im Kampf mit der Finsternis an. Immer. vom Licht.

Auch die größten Wüsten haben ihren Frühling.mehr Anstrengung. wenn das Licht brennt. Aber Erinnerungen machen. Ihr ganzes Leben. nicht bei den Anfängen halt. das aller äußeren Geschehnisse und sichtbaren Veränderungen entbehrt. Jetzt. Damals ergriff ein Traum von ihr Besitz und erfüllte sie mit Phantasien. das heißt vom Tod des Vaters an. das der Mensch sich stellen kann. einmal in Bewegung raten. In ihrem jetzigen Leben. mag er noch so kurz und unmerklich sein. wenn die Sonne scheint. die Erinnerungen kommen von selbst zum Vorschein. sondern von Mitteln und Wegen. offensichtlicher als bei Tage. über der beendeten Arbeit. am hellichten Tage. von den ersten Anfängen. erscheint ihr das vollkommen klar und verständlich. oder in der Nacht. und das Ferne erscheint Und in diesem Halbdunkel neben dem erlosche- nen Ofen. ist alles klar wie nah. Die Vergangenheit rückt näher. wird alles noch klarer und lebendiger. im ersten Dunkel. Natürlich nicht mit Phantasien von Liebe oder Kurzweil. Sie erinnert sich gern dieser Anfänge. Es war die lyrische Zeit ihres Lebens. Geld zu gewinnen und das Gewonnene zu mehren und zu wahren. ge- 37 . Entsagung und Opfer als irgendein anderes Ziel. zieht an ihr vorüber.

als daß ihr Vater. Und sie behandelten sie dementsprechend rücksichtsvoll. plötzlich und unab- Damals war es noch sehr ungewöhnlich. persönlich die Ausnahme betrachtet und als solche hingenommen. die traurig dem Tode des Vaters waren erhaben wie die Musik eines Totenmar- und freudig zugleich klingt. seine Geschäfte Behörden aufsuchte und mit Geschäftsleuten verhandelte. dazu in diesem Alter. Ohne ein über- 38 . Schon in diesen Tagen begann das Leben Rajkas nen Weg zu nehmen. Aber ihr Fall wurde selbst erledigte. daß ein weibliches Wesen. änderlich.II Die ersten Monate nach traurig. sich zu schmücken und zu verschönen. ärmlich und gegen alle Mode gekleidet. Alle wußten. Gadza Obren. weil das Leben so beschaffen ist. Alle kannten gut das magere Mädchen mit den feurigen schwarzen Augen in dem gelben Gesicht. ohne das weibliche Bedürfnis. alten Auffassung von der Kaufmannsehre zugrunde gegangen alle und gestorben war. als Opfer seiner Güte und seiner strengen. aber sches. daß man leben und doch zu sei- Tode betrübt sein kann. unerwartet. Sie nützte das in gehörigem Maße aus.

meistens eine von den Töchtern oder einer von den Söhnen. In geschäftlicher Beziehung war die Lage des Hauses ebenfalls schwierig und größte. Nachkomme Sarajevo. gen. wie sie man recht befriedigend zu ordnen. einer alten Kaufmannsfamilie in Gadza Mihailo war ein kränklicher und müder Mensch. den der Vater hinterlassen hatte. und der Direktor der Union-Bank. in der die Tuberkulose ihre ständigen Opfer obwohl es ihr nie gelang. Und jeder bemühte sich. der Kasse lagen. man gab ihr nützliche Rat- einem Geschäftsmann niemals zu geben pflegt. Immer hielt sich jemand aus der Familie zur Kur Alpen in irgendeinem Sanatorium der österreichisdien oder an der See auf. aber jetzt auch von den Enkeln. viele zweifelhafte Posten in seiner Buchführung zu sichern. eine Dragutin große Hilfe. dessen Haus das Schicksal so arg mitgespielt hatte. So gelang es manche günstige Konversion durchzuführen und manche Härte des Gesetzes zu umgehen. unausgesprochene Sorge verwid<:elt. die möglich waren. Dieser stille Gazda Mihailos war und außerordentlich 39 . Bei diesen Geschäften Pate. waren ihr der Vormund und Gadza Mihailo.flüssiges Wort und das geringste Lächeln wandte sie sich an jeden mit bescheidenen Bitten oder bestimmten Wünschen. entgegenzukommen und zu helfen. Pajer. Für das Fräulein ergaben sich die günstigsten und mildesten Lösunihr. schläge. die Familie ganz auszu- rotten. Forderungen einzu- treiben. den Vermögensstand. fand. diesem traurigen Mädchen. Aber die sein ältester Sohn. Auf diese Weise gelang es ihr mit der Zeit. die bei anderen tot in und Papiere zu Geld zu machen. die man schon längst verloren geglaubt hatte.

als ein rechtes Wunderkind. vernachläs- Bohemien. aber sie verliehen seiner ganzen Er- scheinung eine schmerzliche Würde. welches sie betroffen hatte. Direktor Pajer von der Budapester Union-Bank. Sein bestimmter Rasse und ohne Vater war ein Deutscher aus dem Banat. daß die Witwe Gazda Obrens und ihre Tochter nicht ohne Dach und Brot blie- ben und daß ihn alle sie das Unglück. aber jetzt war diese Verbindung längst abgerissen. eines Heiligen. Freunde und Verehrer des unglück- lichen Gazda Obren. der sich in Osijek angesiedelt hatte. Dieser Gazda Mihailo tat alles. Dieser lich Mann mit dem eigent- deutschen Namen war in Wirklichkeit von ganz unrichtige Nationalität. seine Mutter eine Kroatin aus 40 . Lange Zeit hatte der Vater einen umfang- und vergeblichen Briefw^echsel mit dem Sohn geführt. das Gesicht mit den großen braunen Augen. die Trauer um den Sohn und die geschäftlichen Sorgen schwächten Gazda Mihailo und zehrten ihn aus. Verwandten. Jetzt lebte er in Belgrad als Dichter und reichen Verse zu schreiben. dann jedoch begann er sigte die Schule und lief noch vor der Reifeprüfung nach Serbien davon. möglichst wenig verspürten. Darin unterstützten alle serbischen Kaufleute der Carsija von Sarajevo. Die Krankheit. doch mit galt in einem sehr unruhigen den ersten sechs Jahren als der beste Schüler des Gymnasiums in Sarajevo. schönen Körper Geist.begabte junge Mann mit dem zarten. die stets von all dem glänzten. w^as einen Menschen bedrücken und schmerzen konnte und was Ansehen und Anstand ihn verschweigen hießen. erinnerte an die Bilder der spanischen Maler des »Goldenen Zeitalters«. Unter ihnen tat sich besonders ein Filiale der Ausländer hervor.

Pajer war ein leidenschaftlicher Jäger und guter Tennisspieler. sondern irgendwo auf ihrem väterlichen Gut in Ungarn lebte. großen Augen und weicher Gangart und Sprechweise. sich darum zu bemühen. die sehr auf ihren Adelstitel hielt. Sie hatten einen einzigen Sohn.. Ihre hingegen war Großmutter mütterlicherseits eine Ungarin. was er von ihren Arbeiten hielt.einer adeligen Familie. einen schönen Jungen. 41 . eigenes Gebäude hatte. sondern blieb auf eigenen Wunsch in diesem Sarajevo. je Bil- ohne Lei- zu sagen. Er war ein großer. Verheiratet war er mit einer Ungarin. Er hatte eine reich und geschmackvoll eingerichtete Wohnung in der Logavina-Straße. schöner Mann mit schütterem. vielleicht könnte der leitenden Direktoren in der Budapester Zentrale Bank sein. einer reichen und verschrobenen Frau.er kaufte alte der und unterstützte junge einheimische Künstler. breiter. mit dem er völlig vertraut und verwachsen war. die nicht bei ihm. Gewöhnlich kämpfen und ringen in sol- Großmutter väterlicherseits eine Rumänin und die chen Menschen die verschiedenen unversöhnlichen Blutströme miteinander. Die tung der Bank. aber er unterließ es nicht nur. der ebenfalls in einem Pensionat in Ungarn weilte. Er besaß eine schöne Sammlung alter Waffen und volkstümlicher Stickereien und eine gute Bibliothek mit Büseiner chern der verschiedensten Sprachen. die zu den ersten in Sarajevo gehörte und an der Uferstraße ein schönes. an- gegrautem Haar. doch in diesem Menschen flössen sie ruhig nebeneinander her und ergaben ein ungewöhnliches und harmonisches Ganzes. Seinen Fähigkeiten und Verbiner einer dungen nach könnte Stellung bekleiden als Pajer schon längst eine höhere jetzt.

doch gut und sorgfältig.und Agentaigeschäft. halbdunkel und fast leer. mit den Erben »auf den dritten Groschen« zu arbeiten. diesen Leuten und dank der männlichen Ausdauer Rajkas wurde die Hinterlassenschaft des Gazda Obren Radakovic mit der Zeit auf die günstigste Weise liquidiert und die Frage nach der Existenz und dem Lebensunterhalt seiner Familie glücklich gelöst. bescheidenen Buchstaben hinzugefügt: Eigen- tümei Veselin Ruzic. wie ihn alle Leute nannten und den auch jetzt niemand Gazda Veso nannte. sauber. eng.betrieb er gewissermaßen als Nebenbeschäftigung. er arbeitete mit aller Ruhe. Das tat er einfach. aufrichtiger Freundschaft verbun- den gewesen. mit der großen alten Überschrift oberhalb der Tür: Obien Radakovic Kommissions. aber beim Eingang in den Veliki Curciluk verblieb ein kleiner Laden. und darunter war in kleinen. hatte sein Leben an der Seite seines Herrn 42 . sondern war ihm auch in langjähriger. dessen hielt er es für Witwe und Tochter zu sie sich unterstüt- zen und ihnen zu helfen. Zu beiden Seiten stand noch in einem goldenen Kreis geschrieben: Gegründet iSS^. Der Direktor hatte nicht nur in geschäftlichen Beziehungen zu Gazda Obren gestanden. wie auch alles andere in seinem Leben. ruhig und ohne viele Worte. Dieser Veso seit jeher vom Gazda Obren. Nach Gazda Obrens Tode seine Pflicht. und jevo übernahm dessen die Firma Radakovic in Sara- langjähriger Geschäftsführer Veso Ruzic unter der Bedingung. Alle Geschäfte Gazda Obrens außerhalb Sarajevos Dank wurden eingestellt. Die Geschäfte ließen naturgemäß nach und gingen immer mehr zurück. daß zurechtfanden.

zugebracht ein Waise unbekannter . Auch in diesem Unglück zeigte er sich nicht nur anhänglich. der neben seinem mächtigen Gazda wie ein Wesen ohne eigenen Willen und selbständiges Denken ausgesehen hatte. was übriggeblieben war. und die Äuglein und kleinen roten Hände waren unaufhörlich in Bewegung. Tag im Laden. Dieser kleine genes Bäuerlein. und ohne Schnurrbart. das vor Sauberkeit und Ordnung glänzte. aber rein- und nett aus. in den Fenstern und auf dem winzigen Hof sah man Blumen. verschwiezeitig gefurchten Gesicht. doch sein Verstand arbeitete. Jetzt. nach dem Tode des Herrn. Seine Frau Soka war ebenso klein. sondern auch — auf seine Art und Weise — klug und geschickt. 43 . rundlich. vorpausbäckig Mann. Abkunft — er stammte irgend- woher vom Lande — wirkte unreif. und der Familie zu dienen. es war weiß getüncht und gut instand gehalten. war klein. Dort sah sie mit Veso die Büclier und Reclinunalles Nötige. blond und rundlich wie er. saß er den ganzen kind. auch weiterhin im Schatten seines Namens zu bleiben. Sie lebten im oberen Teil der Stadt in einem kleinen Häuschen. Schon in den ersten Wochen ging Rajka täglich in den Laden. Veso. zu behüten. Die beiden hatten keine Kinder und lebten friedlich und einträchtig wie zwei Turlich teltauben miteinander. gen durch und besprach Ohne zu reden. so schnell er nur konnte. Seine Kleidung sah schlicht. sorgenvoll und einsam wie ein WaisenOhne die Unterstützung seines Gazda fühlte er sich verlassen und schwach. er hatte eine feine Stimme und einen großen Kopf mit einem roten.und sah es als natürlich an. war in Wirklichkeit ein ausdauerndes.

da sie die Banken und Ämter aufsuchte und ihr und der Mutter klei- nes. Auch Haus hier begann sie mit der Zeit ihren sagte sie sich sie eigenen Willen durchzusetzen. die ter hatte lesen lassen. in dem ihr Vater umgekommen war und den sie jetzt immer besser kennenlernte. Zuerst erklärte sie der Mutter ihren Plan für die Füh- rung des Haushalts. weil sie kein Vertrauen zu ihm hatte. etwas schmerzlich Süßes und Erregendes. weil die Geschäfte es verlangten. noch dazu in ihrem Alter. kühlen La- den neben diesem Veso. sondern nur 44 . schon nach der Halb Jahresseelenmesse. Aber neben dem Laden und neben ihren Verhandlungen mit Geschäftsleuten und Ämtern vergaß Rajka nicht ihr Haus. der wie eine lebende Erinnerung an Gazda Obren aussah. sondern weil sie lernen. Vergeblich sagte ihr. das ihr der Vater hinterlassen hatte. nicht den ganzen Plan.düster machte sie sich mit der Buchhaltung. >}etzt ist das in meinen Händen<. kam ihr vor wie ein Dienst an dem Vermächtnis. wie von dieser Seite der Mechanis- mus aussah. ungesichertes Vermögen in Ordnung brachte. Erfahrungen sammeln und sehen wollte. mächtigeres Herz. denn so etwas wäre keinem Menschen eingefallen. Und schon das bloße Sitzen in dem halbdunklen. denn soviel war jetzt nicht zu tun. nicht etwa. man daß das keine Beschäftigung für ein weibliches Wesen sei. auch nicht. Sie brachte hier täglich ein bis zwei Stunden neben Veso zu. ein zweites. der Handelskorrespondenz und der ganzen Art gelassen^ und der Geschäftsführung bekannt. wie mitten in ihrer Brust etwas und klopfte. dem Va- und in demselben Augenblick zitterte fühlte sie.

Wir müssen gleich damit beginnen. der das Pferd und die Kuh besorgte. Er trat vor sie. Das habe ich ihm versprochen. Holz Wasser zutrug und all jene groben Arbeiten sind. und gutmütiger Mensch. verrichtete. daß wir sparen und wenig- Weise das Übel gutmachen. daß al- dem Tode meines Vaters in unserem Hause geändert hat. ewig Diener zu sein und das Leben seiner Herrsdiaft zu leben. Im folgenden Monat spaltete. sie in diesen Tagen über was man zu ihr sagte. »Es ist Vaters Wunsch. ich habe dich gerufen. auch der stens auf diese Lehmofen im Vorzimmer nicht. ein kräftiger. so wie alles weinte. ohne Frau und Familie. Für Bedienung. allein. um dir zu sagen. in dem du auch sonst die Tage verbringen wirst. Die Leute haben uns genommen. das uns die Leute zugefügt haben.« Frau Radojka weinte. den Burschen. Sie hatte die Bedeu- tung dieser Worte noch nicht voll erkannt. Wir heizen dein Schlafzimmer. Deshalb müssen wir an uns denken und uns überlegen. was jetzt ihnen und was uns gehört. wie geschaffen. lockeren Schnurrbart »Simo. während er sich mit der linken Hand Er war schlichter über den braunen. lassen Sie uns überlegen. Von jetzt an wird das große Besuchszimmer nicht mehr geheizt. Fräulein Rajka. die Seit der im Hause eines Kaufmanns zu tun Hochzeit Gazda Obrens lebte er hier im Hause. Kost und alles übrige sorge von nun an ich. wie wir zu Rande kommen und uns einsdiränken können.« «Schön.soweit er sich auf sie bezog und soviel sie von ihm wissen mußte. Du ruhe dich aus und kümmere dich um deine Handarbeiten.« 45 . sich seit les strich. rief das Fräulein Simo zu sich.

daß es einer jener Augenblicke der Schwäche sei. daß Sie gerade jetzt ein Mannsbild im Hause brauchen. Seinetwegen möchte ich Sie und die Frau nicht um alles in der Welt verlassen. von denen der Vater auf dem Totenbett gesprochen hatte. und seine Augen um- sdiatteten sich. »Und ich habe geglaubt.sie hob ihren Kopf noch höher und sagte kühl und schärfer als beabsichtigt: »Ich weiß. Simo. Brot leben. wenn du dich möglichst bald nach 46 einer Stelle umsiehst. daß du immer ein guter Mensch daß es besser ist. als suchte er einen erwachsenen und verständigen Men- schen neben diesem Mädchen. doch gleich darauf dachte sie. und sollte ich selbst von Wasser und Bezahlung. was es sprach.»Wir werden«. daß du dir bis zum i. es war ein Gefühl.« Seine Stimme wurde dunkel. »auch das Pferd fort.« »Wie?« »Ich wollte dir sagen. Das brachte sie ins Wanken.« Simo wandte um und schaute in die Runde. warst und daß dich mein Vater gern hatte. Januar hier- bleiben kannst und daß du sich schon jetzt eine Stelle suchen sollst. fuhr das Fräulein nicht gehört hätte. wie in ihrer Brust etwas erbebte. Ich frage nicht nach der Am Demetriustag waren es siebzehn Jahre. als ob sie ihn und die Kuh verkaufen und deshalb keinen Burschen mehr brauchen. als beugte sie sich über einen tiefen AbgRind. aber jetzt kommen für uns solche Zeiten.« . Das Mädchen fühlte. daß ich zum seligen Herrn gekommen bin. das nicht wußte. etwas Süßes und Gefährliches zugleich.

« Bestürzung und wahrer Aufruhr machten sich "breit. die Not jedoch nicht so groß. für zwanzig Kronen monatlich es dir so recht vierundzwanzig blei- wie bisher. nicht zuzulassen. Es wird bei chen mehr geben. und wenn sie auch ben. aber statt ist. ich bereits gekündigt. Überlege es dir bis 47 . scheid. und auch ich will im Hause helfen. sondern auch in der Nachbarschaft und bei den entferntesten Verwandten und Bekannten.Mensch ging verwirrt und traurig und das Mädchen rief nach der Köchin Rezika. etwas schroff und eigenwillig wie alle guten Köchinnen in der Welt. loren haben. daß man das Haus ganz zusperren müsse. probe. Gazda Mihailo kam und riet. wie zu einer GeneralDer vierschrötige hinaus. Auch sie war schon sechs Jahre im Hause. eine kräftige Frau. du weißt. Aber die Mutter konnte nur weinen oder lächeln. Das Mäddien antwortete ruhig. Simo habe Dich könnten wir behalten. denn die Vermögenslage sei zwar schwierig. nichts zu übereilen. Wenn könntest du morgen und gib mir dann BeDas Geld für die häuslichen Bedürfnisse verwalte von nun an ich. Das Mädchen wurde noch steifer und richtete sich noch mehr auf. daß wir mit dem Vater alles verAuch das Leben im Hause muß sich änuns keine Gäste und kein großes Ko- dern. »Rezika. daß dieses unreife und eigenwillige Mädchen im Hause herrsche. In der ersten Zeit gehen wir jeden Morgen gemeinsam auf den Markt. Verschiedene Verwandte ermahnten die Mutter. was der Vater in der Sterbestunde zu ihr gesagt habe. nicht nur im Hause. Deine Arbeit wird von nun an geringer sein. Teure Bedienung können wir uns nicht mehr leisten. daß sie am besten wisse.

Rezika blieb noch zwei Monate bei geringerem Lohn. daß sie lieber einer Eskaals diesem Ungeheuer von einem Kind. das noch in die Sagenwelt eingehen werde. Jeden und unerbittlich aus. aber dachte lange darüber nach. 48 . die Verbindung zur Welt nicht ganz abzubrechen. den Nachbarhäusern. und dann erzählte dron Husaren diene es so weitermache. Seiner Schwester. konnte er ihr mancherlei Übertreibungen ihrer Sparsucht ausreden und sie dazu bewegen. damit sie die zugedrückte Hand und die strenge Gemütsart ihrer Tochter möglichst wenig fühle. Simo tatsächlich das Haus. ihrer Mutter. gefaßte Entschlüsse zu verwirklichen und neue zu fassen. wo sie mit jedem Tag die Ausgaben weiter verringerte und zugleich die Menge und Güte der gekauften Lebensmittel herabsetzte. wurden ihrer Halsstarrigkeit bald müde und ließen sie nach ihrem Kopf wirtschaften. Schließlich lief Zu Neujahr Rezika die Galle über. Solange ihr Onkel Vlado lebte. brachte er Geschenke. die Zeit half ihr. und zwischen den einzelnen Entschlüssen ließ sie genügend Zeit verstreichen. Die Verwandten und Freundinnen. wenn Das Fräulein nahm ein Mädchen für die gesamte Hausarbeit. so könne wie sie doch in ihrem Hause schalten und walten. länger konnte sie es nicht aushalten. verließ sie wolle.noch nicht volljährig sei für andere Entscheidungen. die ihr zu Beginn Ratschläge erteilt hatten. Sie führte jetzt mit der Mutter die Küche. bevor sie ihn faßte. Weinend verabschiedete sie sich sie in von der Frau. Und sie sie arbeitete planvoll ihrer Entschlüsse führte sie schnell und mit Geduld. Das Fräulein pflegte mit ihr auf den Markt zu gehen.

mach dich zu gekommen. da habe ich begonnen. Selbst der Kampf. Also. ist Eine ganze Gesellschaft da. glän- zende Droschke und einen Kutscher mit rotem Fes auf dem Kopf und mit einer Blume zahlt auf der Peitschenspitze. ich bin ernstlich böse. daß der Kutscher stundenweise be- werde und daß mit jeder Minute die Ausgabe wachse. hatte etwas Fröhliches und Gutmütiges.« »Gott mit dir. weder dich noch ihn will ich sehen. als verlöre sie ihr Blut tropfenweise.Mit ihm konnte man noch lachen und scherzen.« 49 . Er traf Rajka bei schwerer Arbeit an. um sein Lachen zu übertönen. sagst du? Oh.« »Der Boden läuft dir nicht davon. wie ich ausschaue! So ein schöner Tag. Wenn sie ihn am wenigsten erwarteten. denen man einen Wunsch schwer abschlägt und eine Sünde leicht verzeiht.« »Droschke. den er und Rajka ununterbrochen ihrer Sparsamkeit und seiner Verschwendung wegen führten. denn er war einer von jenen Menschen. zieh dich an! Die Droschke wartet. Sie bedecl<:te ihr Gesicht mit den Händen. du siehst. nur um nicht ihn und den ver- fluchten Kutscher zu sehen. bei Gott. »Ich will nicht. um den Kopf. Vlado. den Dachboden zu entrümpeln und zu reinigen. staubig und rußig bis zu den dich fertig! Ich bin »Komm. um einem Gefrorenen im >Benbasa< einzuladen. mit einem Tuch Ellenbogen. Schon der Gedanke. du bist Irrenanstalt!« Sie schaute durchs Fenster reif für die und sah eine neue. kam er her- eingeschneit. und kreisdite auf. fügte ihr einen unerträglichen Schmerz zu.

Rock. Dort hatten sie bei Musik und Zechgelage die ganze Nacht verbracht. im weißen Anzug aus japanischer Seide. unausgeschlafen. du lebtest nicht. Dann gingen sie zu Fuß durch die Stadt. »aber seht. abgezehrt. und einem lächelnd. Hier bringe ich euch die erste Frucht meiner Arbeit. der hinten länger war als vorn. worum es sich handelte. Dinge. sah man. Schließlich einigten sie sich: Er und Sichwürde den sie Kutscher entlassen (denn das teure Warten konnte nicht ertragen). Wenn du dich umdrehst. solchen wie er.« Aber wer konnte gern sich in seinem Beisein wirklich är- und ernst bleiben? Im Zimmer begann ein Laufen. sagt ihr mir. staubig. war er zur Bosnaquelle gefahren. »Immer daß ich nicht arbeite und nichts verdiene«. ist sie vorüber!«) Bei Sonnenaufgang fuhren sie in einer Kutsche zurück nach Sarajevo. mit einer Frisur. ich habe mich im Ernst dem Handel und der Landwirtschaft geweiht. wenn dir etwas an meinem Leben liegt!«« »Wenn du so bist. Unterwegs stießen sie auf eine ganze Herde Schafe.« Doch als er sich gesetzt und alles erzählt hatte. Lachen sträuben. lächelnd. die keinen Namen hatte. sie dagegen finster. Eines Morgens erschien er bei ihnen im Es geschahen noch Hause. meinte er lachend. Er schön. wäre es besser. Ihr Kutscher kam nur schwer 50 .»Komm. (»Was ist eine Sommernacht? Nichts. denn bei dümmere und wunderlichere ihm war kein Wunder ausgeschlossen und unmöglich. mit einer Rose im Knopfloch. und sie wollte sich waschen und anklei- den. mit einem kleinen Lamm im Arm. Mit zwei Freunden. von denen einige erst kurz vorher gelammt hatten.

daß es niclit leicht war. begann er den Preis zu steigern. nach Sarajevo zu treiben. noch ehe sie die Stadt erreicht hatten. Alle drei waren begeistert. Milch und Staub roch. und reuten ihr Tun. die eine ganze Nacht mit Gesang und Trunk verbracht haben. Zuerst ärgerten sie sich darüber. der die Herde trieb. 51 .durch die dichte. Junge Leute. Der Mann. die nach Wolle. Natürlich mit einem unvermeidlichen Verlust. daß sein Herr in Alipasin Most zu finden sei. der den Vorschlag der lustigen herrschaftlichen Burschen ablehnte. Als sie es satt hatten. schließlich aber kam ihnen das Ganze amüsant vor. die ganze Schafherde gemeinsam zu erwerben. verschlagenen Dorfspekulanten. Es gibt keinen Gedanken. die wenigstens dreißig Prozent über sie bei sich hatten. soviel Vieh auf einmal zu verkaufen. sie erst. der ihnen in diesen Stunden nicht einfiele und den sie nicht bereit wären auszuführen. besitzen an solchen sommerlichen Sonnenaufgängen ein weites Herz und verspüren großes Verlangen nach kühnen Streichen. von den Freunden machte den Vorschlag. wogende Masse. das kauften einundsechzig Schafe und Lämmer und trieben ihr Vieh auf Sarajevo zu. sie sich Da Markttag Dort sahen sie war. Die jungen Leute schütteten ihr ganzes Geld aus. Als sie ins Gasthaus von Alipasin Most kamen. Die Sache endete mit einer phantastischen Verkaufssumme. dort zu verkaufen und den Gewinn zu teilen. er sagte ihnen. war ein Lohnknecht. begaben auf den Viehmarkt. trafen sie dort auf Einer einen dicken. Aber sie be- sdion unterwegs flaute ihre Begeisterung ab. daß er den Verkauf durchführe. ließen einen Mann zurüdc. Als sie aber ernsthaft und zäh auf dem Geschäft bestanden. elf dem Marktpreis lag.

sein drei- undzwanzigstes Lebensjahr. es zu schlachten. friedliches Lamm zahm Dieses Lamm blieb in ihrem Hause. wann und warum. Auch zum Sterben hatte er sich und Weise ausgesucht. Auch die nächsten Altersgenossinnen bekamen sie immer seltener zu Gesicht. begann sie den Küchenschrank abzusperren und den Schlüssel bei ter- zu tragen. und mütterlicherseits Verwandten verkehrten immer noch die Nur väbei 52. die es gab! Rajka wurde danach immer einsamer. Das HotelperZeit voller Schulden. eine häßliche. am zweiten Tag nach seiner Ankunft erstickte er an einem Blutsturz. daß sie es nicht übers Herz brachten. sein Leben wurde immer unerquicklicher. und zum Schluß kam noch Krankheit hinzu. Immerfort wollte sie wissen. sondern es einem Fleischer verkauften. Er starb in Dubrovnik ganz einsam in einem Hotel. schwere und Pfändungen. die er noch besaß. sie wußte selbst nicht. wie. Sie gewannen das Tier so lieb. die bereits Geschäftsinhaber und Hausherren sein müßten. . Die Freundinnen ihrer Mutter kamen noch eine die teuerste Art Zeitlang zu Besuch. er ihr sein weißes. Aber Vlado lachte nur. und statt zu antworten. Prozesse sonal schleppte die wenigen wertvollen Gegenstände fort. Dann kam das letzte Jahr Onkel Viados.Rajka lachte über diese Dummheit und weinte vor Zorn ob des leichtsinnigen Verlustes und der Verspielt- heit dieser jungen Leute. So stellten auch sie allmählich ihre Besuche ein. wieviel Kaffee und Zucker bei diesen müßigen Gesprächen vergeusich det wurde. Als Rajka jedoch sah. wieviel sie für ein Schaf gezahlt hätten und wie groß der Verlust sein werde. wurde ganz und lebte bei ihnen wie ein Hündchen. hielt ins Gesicht.

jeder Blick fremder Augen nahm ihnen etwas. war den menschlichen Händen. was durch Gebrauch abgenützt und was beiseite gelegt werden konnte. das einst in jenem Denn diewarmen Überfluß strahlte und glänzte. die bei uns auch dann noch wenn alles andere nachläßt. verän- derte sich auf unerklärliche Weise. der nicht so sehr vom Reichtum als vielmehr vom Herzen und dem angeborenen Edelmut des Hausherrn herrührte. Haus. aber es war weit von jener hellen und gesunden Rein- lichkeit entfernt. denn der Geiz ist Häusern zu beobeine von den Leidenscliaf53 . Die ersich steren kamen ihr vor all wie ein Kapital. daß das Haus unrein oder verwahrlost gewesen wäre. täglich etwas verloren. sowie gemäß dem alten Grundsatz all unserer bürgerlichen Familien: »Mag er sein. doch alles. wirkte jetzt von Jahr zu Jahr kühler und unfreundlicher. gen. die in glücklidien achten ist. wie er will. er ist einer der Unsrigen. die in Gebrauch waren.« Sie kamen unmutig und mit mannigfaltigen Befürchtungelten. während jene. die in Dem Fräulein schien es. und zerund weitere Auslagen verin Aber auch das. und unverteidigt. das sich. Kein Gegenstand war aus dem Hause getragen worden. Man konnte nicht sagen.ihnen gemäß den mächtigen Gesetzen der verwandtschafthchen Bindungen. Füßen und womöglich den Blicken entzogen. sie welch unangenehme Überraschung ses diesmal erleben würden. denn jede Berührung. wie es war. als wäre es miteinander verfeindet. das im Ver- borgenen mehrte. Alles stand da. als sparten den Schränken und Truhen eingeschlossenen Sachen zusammen mit ihr. offen die anderen wie eines. verringerte schmolz. und sie fragten sich stets. was Gebrauch blieb. sich selbst verzehrte ursadite.

in nungen lediger Sonderlinge. Man muß wissen. versteinerten Mißmuts. die auf geheiligtem Aberglauben und listiger Berechnung beruhen und in denen die reichen Leute ein billiges Mittel zur Beruhigung ihres Gewissens und die Armen einen unmittelbaren Weg zur Be- friedigung ihrer Bedürfnisse sehen. daß man von ihnen nicht mehr verlangte. Solchen Häusern weicht man jedoch aus. sie seien schmutzig. damit man nicht sagen konnte. Aber unsere alte 54 . einer Leidenschaft leben. die sich mit der Zeit auch den physischen Schmutz nach ziehen. wie sie in jeder orientalischen Stadt zu finden sind. daß die Bettler im damaligen Sarajevo noch zu jener besonderen Sorte von Bettlern gehörten. Auf den ersten Blick sah man. als daß sie den Zwecl<: erfüllten. Aber die ersten Anzeichen wurden be- In allen Räumen und um jeden einzelnen Gegenstand verbreitete sich unbemerkt eine Atmosphäre düsterer Langeweile und eisigen. Alles in diesem Hause verlor langsam. als es unbedingt notwendig war. aber beständig.ten. es war klar. reits offenbar. Die Bettlerschicht ist in Wirklichkeit eine von jenen Einrichtungen. daß diese Sachen nur soweit gereinigt wurden. für den man sie brauchte. und Räume in manchen Klöstern oder in den Wohdie bloß einem Gedanken. die der Unsauberkeit vorangeht. etwas von seinem Glanz und seiner Lebenswärme und überzog sich mit jener kaum merklichen grauen Haut. mit jedem Tag und jeder Stunde. und man betritt sie nur im Notfall. Ein solches Aussehen erhalten mit den Jahren Gegenstände den Tekijas. Hier lebte man noch von der früheren Reinhchl<eit. Außer den Verwandten kamen noch lange Zeit Bettler ins Haus.

Hinfällige. das Gesicht vom Bart umwuchert. von Geburt an verkrüppelt und unglücklich. die nicht arbeiten können oder nach allgemeiner Auffassung und mit allgemeiner sie Zustimmung nicht zu arbeiten brauchen. doch heiliges Recht haben. sie gleichen dem lieben Gott aus den Legenden. reich und glücklich zu sein. daß Wohlstand und Aufschwung in diesem Hause von Dauer sind. die aus lauter Flicken zusammengesetzt sind. einen lebendigen Beweis. empfangen ihien Kreuzer oder ihr Stück Brot als Teil dieses Gutes und Besitzes. mit ausgestreckter Hand und unstetem. mal bösem. und Zeitplan haben. auf das sie ein unverbrieftes.bürgerliche Gesellschaft hat das nicht so angesehen. mal furchtsamem Blick. die ganze obwohl um Da sie ihren festen Wege- Gottes Lohn beschenkt. In ihnen sehen die vermögenden Leute eine des reiche oder auch nur vermögende Bestätigung »der unbegreiflichen. und wer nicht. und ziehen weiter. während Welt sie anderen nichts haben und nie etwas haben werden. um die Herzen der Menschen wer würdig ist. er- scheinen sie in den einzelnen Häusern an bestimmten Tagen oder sogar zu bestimmten Stunden. doch ewigen Ratschlüsse einer göttlichen Vorsehung«. doch heiter dreinblidcende Greise. zu prüfen. mit einem Brotsack auf dem Rücken und einem Stab in der Hand. Für waren das »Menschen Gottes«. wie er als Bettler verkleidet durch die Welt wandert. in Kleidern. geistesschwache oder sonstwie unglückliche Frauen. Sie alle stellen für je- Haus eine Art guter Geister dar. während sie den Haus55 . um zu erforschen. der zufolge die einen die alles haben und immer haben werden. ein Gegenstand allgemeiner Sorge und Verpflichtung. Taubstumme. Waisenkinder.

Das Betteln bei uns läßt (oder ließ) sich nur im engsten Zu- sammenha-ig mit unserer bürgerlichen und kaufmännischen Auffassung vom menschlichen Schicksal und mit unserer Lebens. Infolgedessen alter wurde die Bettelei nach stiller. und sie noch mehr das mehr sind als Glück und die Freude über das empfinden lassen. Das wußte man. eben dadurch zu Gläubigern aller anderen werden und am Glüdc der Glücklichen und am Reichtum der Reichen teilhaben. was die die gleiche Bedeutung wie in den Ländern Westeuropas. Dieses Betteln hat bei uns nicht denselben Sinn und hat. die nach Opfern suchen. die leere Worte. was man anders nicht gutzumachen vermochte oder verstand. In dem Hause waren die Bettler in den letzten achtzehn Jahren herzlich aufgenommen und reich beschenkt worden. zu ersetzen und wiedergutzumachen. die uneine natürliche und aner- kannte Art. ihrem Rücken einen unvermeidlichen Teil des gesellschaftlichen Elends tragen. Geschöpfe. Die Bettler dort sind größtenteils lasterhafte Menschen. was Gott gegeben Menschen und das Unglück nicht haben nehmen können und was das Almosen — dieses Lösegeld — schützt und erhält. Es stellt einen notwendigen. während unsere die auf Bettler (wenigstens nach unseren orientalischen Begriffen) selbst Opfer sind. das gleichermaßen notwendig Gebenden wie für die Nehmenden.und Erwerbsweise erklären. Schmarotzer und Betrüger. Jetzt begann sich war für die 56 . als etwas. Überlieferung als etwas Heilsames und Gerechtes angesehen.Vätern ihre Segenswünsche schenken. alten und beständigen Austausch zwischen den Besitzenden glücklich und bedürftig sind. und jenen dar.

doch nahm sie von nun an ihre das Beschenken der Bettler wie alles übrige in Hand. Ihre Mutter. daß auch sie lächle. in der Dienstbotenfrage. sie suchte in den Lumpen der Bettelnden Spuren heim- tüdvisch verborgenen Reichtums und in ihren Körper- und Verstellung zu entvon ihnen hatten sie schon als Kind gekannt und grüßten sie. die in allem nachgiebig war. diese sie Auffassung hatte aus ihrem Vaterhaus mitgebracht und auch in dem Ffause vorgefunden. Dort keine Ausrede hatte. Nur sah das Fräulein hierbei nicht so schroff daß man und grob verfahren könne wie ein. Für sie war das Beschenken der Bettler eine tiefvei'wurzelte. um es ihm und zu geben. einen Gruß murmelten oder ein armseliges Lächeln aufsetzten und vergeblich darauf warfehlern Unaufrichtigkeit decken. mit scharfem Blick prüfend. daß man an dieser so heih- gen Einrichtung rührte. Deshalb konnte Rajka diesen Brauch nicht plötzlich abbrechen. ihn absie die weisen zu können. heilige Pflicht. daß der sie Bettler wirklich alt und schwach war und daß in die Küche. wer Hilfe verdiente und wer nicht. indem sie ihr mit der Hand winkten. in das sie geheiratet hatte. Sie konnte Brot sich nicht denken. erinnerte 57 . zeigte sich in dieser Angelegenheit lange widerspenstig. kühl. Die meisten teten. Wenn sie feststellte. Aber da sie noch unsidier und ein wahrer Anfänger in der sdiweren Kunst des Sparens und Geizens war. schloß harten Käse und Haustür ab und ging altes Brot nahm sie ein Stüdc kam zurücl<:. solange auch nur ein Stückchen im Hause war. Sie empfing sie auf ihre Art und Weise: streng. jetzt Die Bettler spürten sofort diese Hand.auch das zu ändern.

abzuweisen und davonzujagen. Einer für sie gut hatte vergessen. Das diente ihr als Vorwand. daß in Paris eine Bettlerin in Elend sei und Lumpen gestorben und daß man später in ihrem Strohsack Ersparnisse Höhe von 250 000 Franken gefunden habe. Als sie schon mit dem. daß irgendein noch Sie bedürftigerer Bettler kommen könne. kehrte in die Küche zurück und Heß den Käse im Schrank. gab wiederum das Messer und hatte. bis sie in schließlich ganz wegblieben. eine ganze Woche alle Bettler abzuweisen. und in Wirklichkeit lägen sie auf dem Gelde. unerhört und undenkbar war. in dem noch ein menschliches Wesen lebte. sich. wieder ging sie halbierte das Brot stimmt nahm ler gehen wollte. sie schnitt auch von die- sem Stück eine dünne Scheibe das Stück in die Und als sie dem Bett- Hand gab. ab. ob sie sich nicht etwa getäuscht und zuviel gegeben habe. Monat für Monat. indem sie sie beschimpfte. Jeder Anlaß war einen Bettler und hinreichend genug. Eines Tages las sie wieder in der Zeitung. weiße Pflaster beschmutzt. was sie schließlich für den Bettler beStück zu groß vor. sie verstellten sich nur. Schließlich geschah etwas. kam ihr das nun in die Küche. es ihr einen Riß. das ihren Hof vor allen Kaufmannshöfen in Sarajevo auszeichnete. und ließ die Hälfte im Korb. betrachtete sie noch im- mer das Brot und den Gesichtsausdruck des Bettlers. was für ein Kaufmannshaus. Die Bettler kamen immer seltener. um abzuschätzen. Frau Radojka beklagte sich . ein anderer hatte mit seinen bloßen Füßen Straßendreck hereingetragen und das feine. So ging es Tag für Tag. nahm nur das ßrot mit aber als sie es unterwegs betrachtete.sie sich erst im Gang. das Hoftor zu schließen.

Er kam. um ihr mitzuteilen. daß sie angestrengt nachdachte. als müßte sie selbst auf etwas verzichten. die Schwelle ihres daß »kein Mühseliger und kein Beladener« über Hauses komme.bitter. lein Planmäßig und nacheinander befreite sich das Fräuvon allem. Sie weinte und grämte sich darüber. da ihre Versicherung ablief. Rajkas Vormund einfach und ruhig wie immer. was sie ihrer Meinung nach auf ihrem behinderte. Ende Januar erschien bei ihnen dann auch tatsächlich Gazda Mihailo. Er atmete schwer. Oft stand sie am und schaute erschrocken und besorgt auf die Straße. fast gerührt. daß die Gesellschaft ihre Versicherungssumme ausgezahlt habe und der Betrag auf ihren Namen in der Union-Bank eingezahlt worden sei. kam der rungsgesellschaft in Triest erhalten. denn sein Asthma machte ihm stark zu schaffen und behinderte ihn bei der Arbeit. als hätte Fenster sie ein schwerer. doch etwas feierlicher als sonst. wie bekannte Bettlergestalten vorbeischlüpften und um ihr Haus einen Bogen machten. dessen Endziel sie sie selbst nicht klar Wege riet und auch So niemandem verund vollständig vor Termin heran. daß die Gesellschaft die ganze Summe 59 . unüberwindlicher Fluch getroffen. ihr war. als sei es verpestet oder ausgestorben. Der Vormund zeigte ihr die Papiere. Nur die Falte zwischen den Augen verdoppelte sich und zeigte. Mit Beginn des neuen Jahres sollte das Fräulein zwanzigtausend Kronen von der Versichesich sah. Das Fräulein nahm die Nachricht ohne die mindeste Aufregung entgegen. aus denen zu ersehen war. dann konnte sie mit eigenen Augen sehen.

nach Abzug von sechsundsiebzig Kronen für Gebühren und Spesen ausgezahlt hatte. Eines Tages. daß die Gesellschaft. die sich in allem sehr entge- genkommend gezeigt habe. es. daß die Gesellschaft die sechundsiebzig Kronen Spesen auf sich nimmt. daß die Anzeige in den Zeitungen erscheint. Alle täten es. »Mich kostet es nichts. wenn sie ihre Zustimmung gebe. daß diese öffentliche Danksagung in und daß es unmöglich sei. erwarte. kurze Zeit darauf. und deshalb muß sie mir etwas zahlen. die nach den Statuten der Versicherte tragen müsse. ihr sorgfältig auseinanderzusetzen. das Fräulein werde daß in den erscheine.« seltsamsten Gazda Mihailo verließ hüstelnd das Haus. Sonst nicht. erschien das Fräulein 60 . und die Gedanken über dieses Mädchen gingen ihm durch den Kopf. aber die Gesellschaft hat einen Nutzen davon.« Gazda Mihailo schaute das Mädchen überrascht an wie ein Mensch. der seinen Ohren nicht traut und mit seinen Augen das Gehörte überprüfen will. Aber Gazda Mihailo sollte noch größere Überraschungen mit seinem Paten- kind erleben. wenn sie will. außerdem koste es Rajka nicht das geringste. Er bemühte sich. gestatten. Gleichzeitig teilte er ihr mit. Die Danksagung erschien nicht. und die Gesellschaft habe scheine. es den Zeitungen erdies mit den Spesen vollkommen verdient. zu verbinden. daß es nur recht und billig sei. Zeitungen Sarajevos die übliche Anerkennung für die rasche Erledigung und die kulante Auszahlung »Ich erlaube doch unter der Bedingung.

das er gekannt hatte. mein Kind. die sie unterhalten müsse. ständnis. Sie zählte richt alle Gründe auf. von dem Gesetz Gebrauch zu machen. und suchte angestrengt in sei- nem einst Gesicht die Züge des Kindes zu entdedcen. deinen Rat einholen. sich mit Rücksicht auf besondere Verhält- nisse bereits mit achtzehn Jahren für volljährig erklären zu lassen. da selbst. während stets doch so jung und gesund bin? Idi werde es ist besser. Pate Mihailo. die Geschäfte selbst zu führen. die in diesem Falle lebendiger und besser verlaufen würden. das nach dem Tode sei. Das war auch Vaters Wunsch. als erblickte zum erstenmal. des Vaters mit Schulden belastet die Krankheit des Vormunds und ihre Erfahrung seine Inanspruchnahme durch eigene Geschäfte. aber habe ich eure Geschäfte bisher schlecht geführt?« »Nein. ihm kurz und bündig mit. Und warum sollst du dich auch noch mit unseren Sorgen herumquälen. das ihr die Mögin teilte sie lichkeit gebe. die alte Mutter. sei Gott vor! Doch du siehst wie unsere Sache ich steht. Er be- Und jetzt bitte sie um sein Einver- Gazda Mihailo sah zeitig gealterten gann sich eine Zigarette zu drehen.Gazda Mihailos Laden^ und da sie ihn allein antraf. und ihren Willen. die sie dem Geangeben wolle: das Geschäft. Schließlich stimmte er zu. aber wenn ich unsere Geschäfte selbst erledige. schaute auf seine Finger und sagte ruhig: »Gut. daß sie beabsichtige. in denen sich schmerzliche Überraschung und Verwunderung spiegelten.« Gazda Mihailo schaute das Mädchen er es jetzt an. Alles andere besorgte 6i . sie mit seinen müden und vorAugen an.

Ihr Geld begann zu arbeiten. geheiligten Und sie ging ihren weder von Schmeichelei und Tadel verwirren oder erschüttern noch durch Rücksichten aufhalten ließ. derten sich sehr. schon früher nicht und jetzt. Pajer erst recht nicht. Sie sprach nur mit denen. wie sie sie äußerte sich nicht sie das Geld. mit welcher Umsicht Rajka ihr Geld von der Versicherung übernahm. aber für mich du wie mein eigenes Kind. auf dem sie sich Sx . und ich mache keinen Unterschied zwischen dir und meinen Kindern. wie sie klug und unbemerkt anlegte. nahm er die Unmut und dem Ge- »Du hast«. sen sie für volljährig erklärt Als es Gazda Mihailo mitgeteilt wurde. bist sagte er leise und feierlich. aber über die Art und Weise. sondern auch Direktor und die ältesten und erfahrensten Kaufleute wunes schnell. Damit du es weißt!« setz die Freiheit. da sie zu ihrem Geld gekommen war. das der Versicherung erhalten hatte. das Das Fräulein dankte ihm. »nach Deine zu verwalten. Sache gut auf. worüber sie sprechen wollte. von einzuteilen und zu verwenden gedachte. Weg. Sechs der Rechtsanwalt den Gerichtsbeschluß.Rajka. nach allen Regeln kaufmännischer Wirtschaft. an meiner Hilfe und meinem Rat soll es nicht fehlen. auf Wochen nach dieser Aussprache brachte ihr Grund deswurde. und nur über das. Was immer ihr braucht. Ohne Not wünschte sie niemand auch nur einen guten Tag. er zeigte keine Spur von verbarg seine Besorgtheit. Nicht nur Gazda Mihailo. Jetzt wich sie einem solchen Gespräch geradezu aus. die sie brauchte. Überhaupt hatte sie in der letzten Zeit mit ihrem Vormund immer weniger über geschäftliche Dinge gesprochen.

sonsie dern sich in ganz neuen Geschäften betätigte. suchen. Im übrigen begannen jetzt die Menschen sie aufzubleibt. Mit der Zeit merkten längst nicht alle. an fremden Schwellen zu bitten. In sie den wenigen Jahren hatte Menschen. jetzt konnte sie selbst Neuigkeiten und Veränderungen auf dem Geldmarkt von Sarajevo verfolgen. daß das Fräulein schon mehr um die Liquidation des väterhchen Erbes und die Sicherung ihres Hauses bemüht war.In Wirklichkeit hatte es schon seit einiger Zeit zu ar- beiten begonnen. die Sklaven hoher Zinsen und unerbittlicher Termine. sondern auf jenem kleinen und geheimen. 63 . Da es aber ihr Kapital jetzt plötzlich anwuchs. Einrichtungen und Geschäfte kennengelernt. öffentlichen. nur zu gut kennen. wöhnlich liebenswürdig. und z^var nicht auf jenem großen. die Dennoch kamen ihr alle auch weiterhin entgegen und empfingen sie als die Waise Gazda Obrens immer außer der Reihe und ungeselbst ersann und durchführte. der für die meisten Menschen unsichtbar den jedoch unglückliche und lasterhafte Menschen. aber äußerst lebhaften Geldmarkt. hatte sie weniger nötig.

und zwar viel mehr. die ohnehin mit den türkischen Gewohnheiten der Faulheit und dem slawischen Bedürfnis nach Ausschweifungen erblich belastet ist. Nationalitäten und gesellschaftlichen Gruppen haben eins gemeinsam: alle brauchen Geld. als sie besitzen. wünscht jeder mehr und Schöneres zu besitzen. Aber auch von denen. die etwas haben oder so aussehen. Konfessionen.III Sarajevo um das Jahr 1906! Eine Stadt. die nicht einmal das Notwendigste haben. als hätten sie etwas. Von alters her war Sarajevo eine Stadt des Geldes und des Geldhungers. aber zu dieser Zeit ist sie es mehr denn je. Kultursphären mischen und verschie- dene Lebensweisen und einander widersprechende Auffassungen zusammenstoßen. als er hat. Aber alle diese verschie- denen Klassen. Ihr Leben ist nichts anderes als ein unendliches Verlangen und eine ewige Jagd nach Geld. in der sich Einflüsse kreuzen. Vor allem gibt es eine große Zahl von einfachen Menschen. hat dazu noch die österreichischen formalen Begriffe von der Gesellschaft und den gesellschaftlichen Verpflichtungen übernommen. Unsere bürgerliche Welt. nach denen das persönliche Ansehen und die Klassenwürde des Menschen auf 64 .

Sie drang nicht tiefer in die gesellschaft65 .einer oft bestimmten Zahl unnützer. sind vollständig verblaßt. Menschen wie sie. sich zurückzuhalten. als sie haben. weniger Arbeitslust und mehr Wünsche und Gelüste aufweist. doch dichtes und unentwirrbares Netz von Schulden und Darlehen in jeder Höhe und in den verschiedensten Formen geflodi- ten hatte. stehen sie abseits von allem gesellschaftlichen Verkehr als lächerliche Überbleibsel längst vergangener Zeiten. die Geld brauchten. gab es so wenige. weil sie nicht das Notwendigste besaßen mehr verschwendeten. lächerlichen. Inmitten einer Gesellschaft. als sie sich leisten konnten. daß man sie an den Fingern einer Hand abzählen konnte. Soweit es noch Menschen mit den alten kaufmännischen Gewohnheiten der Bescheidenheit und dem Grundsatz gibt. auf einem leeren. die aber weniger Geld und geringere Erwerbsquellen. wenig zu verdienen. Man kann sich schwer eine Stadt vorstellen. die weniger brauchen. in der der dringende und große Geldhunger ein unsichtbares. Die Vermischung von orientalischen Gewohnheiten und mitteleuropäischer Zivilisation schafft hier eine besondere Form des gesellschaftlichen Lebens. zu Tausenden. dagegen gab oder es solche. in der die Einheimischen mit den Zugewanderten in der Schaffung neuer Bedürfnisse und neuer Anlässe zur Verschwendung wetteifern. begann das Fräulein ihr Kapital anzuhäufen. zu sparen. aber einen größeren Geldhunger. Die ehemaligen Gewohnheiten der Armen. jedoch viel zu sparen. sinnloser Ausgaben. Erwerbsgeschick. und der besitzenden Klassen. geist- und geschmack- losen Luxus beruhen.

öde. wie es Frauen und überhaupt alle Menschen zu tun pflegen. tatsächlichen und forschte auch nicht nach Zusammenhang zwischen Ursachen Grund des- Folgen. ungewöhnliche Besucher. als der wärmt und Und als sich das Verleihgeschäft zu verzweigen anfing und die Zahl der Besucher wuchs. die rasch Geld brauchten. ging sie dazu über. Da konnte man sehen. im Laden ihres Vaters Männer und Frauen zu empfangen.. die solchen Menschen wie ihr jenes »heckende« Geld bereitet — jene kühle TrunFrühling heimlich kenheit.auf das Fräulein traf das eine wie das andere zu. Geld aus der Versicherung erhielt und großjährig wurde. entwickelte sich jedoch schnell und nahm als sie das gefährliche Ausmaße an. im kleinen Geschäfte machte und mit Bauern um zwei bis drei Fuchspelze feilschte. um diese ganze Stadt und das ganze Leben alles ringsum als ihr Jagdgebiet zu betrachten und über ihrer Beutegier zu vergessen. 66 . Sie brauchte nicht viel. der nicht an ihre Pläne dachte. um das selbst die Bettler einen Bogen machten. Während Veso. empfing jetzt neue. Schon in den ersten Jahren hatte das Fräulein angefangen. sondern auch zu Hause zu empfangen. Die Sache begann bescheiden und harmlos. die von einer großen Leidenschaft beherrscht werden. bedeutendere und profitablere Kunden. traurige Haus ohne Lachen und Unterhalohne Wärme und Schmuck. besonders später.liehen Verhältnisse ein dem und sen. sondern zog ihre Schlüsse auf was an der Oberfläche zu sehen war. Natürlich galt das nur für auserwählte. sie nicht nur im Laden. begann das Fräulein die Wonne zu spüren. wie ver- Das tung. die die Wucherer in ihren feuchten Läden besser als die Sonne und schöner bestrahlt.

auf dem kein einziges Buch und kein Stüd<chen Papier lag. wie schwach. Das offenbarte sich ihr von selbst. kraftlos und zu allem Mensch war und wie ihm gegenüber Rücksicht wenig man ihn zu achten und zu nehmen brauchte. sonbereit ein solcher dern nur ein altes Tintenfaß mit einem billigen Feder- halter stand. In der ersten Zeit war jeder Besuch für das junge Mäd- chen ein Ereignis. mit immer mehr Vorsicht und Strenge.schieden die Menschen waren. daneben stand ein zweiter. verzweifelt um ein Dar- lehen nachsuchten. sagte dann das Fräulein gewöhnlich zu ihrem Besucher und fügte mit etwas rachsüchtiger geheizt. sie erkannte. »denn bei mir wird nicht Und nachdem sie ihn so in eine höchst unangenehme und für ihn ungünstige Lage gebracht hatte. von dringender Not oder allmächtiger Leidenschaft getrieben. fragte sie 67 .« Stimme hinzu. harten Stuhl. die ihre Bedürfnisse hierhertrieben. auf das sie sich besonders vorbereitete und das sie lange im Gedächtnis behielt. die das Geld und der Geldhunger mit unsichtbaren Fäden anzogen. Der ter Kälte nicht geheizt. Sie saß auf einem einfachen. als ihr lieb war. (Bald lernte sie Menschen kennen. der — noch kleiner und härter — für den BeRaum wurde auch bei größ- sucher bestimmt war. »Behalten Sie den Mantel an«. größer. die. gleich zu Beginn ihrer Arbeit. doch mit der Zeit wurde die Zahl jener. der noch aus ihrer Schulzeit stammte.) Winter und Sommer saß das Fräulein in jenem fast leeren Vorzimmer an einem kleinen Tisch. und sie nützte diese Erkenntnis reichlich und rücksichtslos aus. und sie empfing die Kunden immer nachlässiger und rücksichtsloser.

sehr oft auf dem Umweg über irgendeinen Geldwechsler am Platz vor der Armen- küche oder einen unansehnlichen. daß der Besucher mit leeren Pein ausgeschüttet hatte. die etwas bei ihr erreichten.ihn streng und verwundert nach seinem Begehr. sie bewegten sich an seiner äußersten Grenze. Denn tief unter der sichtbaren schen Oberfläche der Gesellschaft. Je nach der Länge der auf eine Frist lautete die Verpflichtung immer erhielt. was überflüssig und nebensächlich ist. was nach ihrer Auffas- sung in der Gesellschaft sätzlicher ist. eine stumme. das heißt. nachdem er vor damit. hinter sich gelassen und den Weg zu dem gefunden Bedeutung haben. die ihre ein- 68 . mächtige Organisation jener. sondern in Vesos Laden oder sogar durch einen Dritten. von wesentlicher und grundjener Menschen. die lebt ausgibt. Die Auszahlung erfolgte niemals hier im Hause. als und in der Person. namenlose. genießt und stürmiund Geld unsichtbares und verschwendet. so hätte er sich in der Haustür er sprach. öde und ärmlich aussehenden Laden saß. der in einem halbleeren.. die alles im Leben. welche der Schuldner wirklich Die übrigen Bedingungen stimmten völlig mit dem Gesetz überein. kleinen Kaufmann. stählernes und festes Netz des Wucherertums. geirrt. wurde die ganze Angele- genheit auf den anderen Tag verschoben. Summe. besteht auch ein und dünnes. mit der In den meisten Fällen endete die Aussprache tatsächlich Händen wegdem Fräulein seine ganze Not und ging. Am nächsten Tag konnten sie auf ihrem Schreibtisch ein Papier mit den Bedingungen für ein kurzfristiges Darlehen finden. Bei jenen seltenen Kunden. die um zehn bis dreißig Pro- zent höher lag als die.

unterbrach das Fräulein ihr Gegenüber mitten in dessen Darlegun- gen mit ihrer starken. der am Kragen und an den Ärmeln mit kostbarem braunem Pelz verbrämt war. aber sicheren Instinkt folgend. ein Kroate. stand im Staatsdienst und war ein Stutzer von hochmütiger und vornehmer Flaltung. statteinem langen Mantel aus schwarzem Tuch. Verwirrt und ungeschickt begann die junge Frau das zartes Gesicht gerötet 69 . Nur ders. Ein weißes. Auf dem Kopf trug sie eine kleine An Mütze aus dem gleichen Pelz. liche Frau in einem Februartag kam zu ihr eine schöne. Gewöhnlich verließ dann kalten die andere »Partei« diesen eis- und im Sommer schwülen Raum. Sie war Ausländerin. von der Anwesenheit dieses steifen Mädchens mit dem durchbohrenden Blick und dem athletischen Händedruck befreit zu sein. aber in Bosnien aufgewadisen. in Und Ausnahmefällen verlief die Unterredung andiese Fälle merkte sie sich länger. enttäuscht vom Mißerfolg.zige Leidenschaft auf Kosten der unzähligen kleinen und großen Leidenschaften und Bedürfnisse der gesamten übrigen Welt befriedigen. Polin von Geburt. man sei falsch unterrichtet. Ihr Mann. Wein und lebenslustigen Frauen. mit blauen Augen. Bei der Mehrzahl der Besucher kam es jedoch nicht zu sachlichen. sie besitze zwar etwas Geld. von der Kälte leicht und noch feucht vom Nieselregen. habe es jedoch bereits Freunden geliehen. helltönenden Stimme und bedeutete ihm. Einem unerklärlichen. Das Fräulein kannte das Ehepaar vom Sehen und dem Namen nach. doch zufrieden. bekannt als ein Freund von Spiel. ernsten Verhandlungen.

Sie sind retten. ihren Eltern Bruder telegraphiert. Sie könn- »Man hat Sie können uns falsch unterrichtet. Auch habe sie einen zweiten Bruder in Amerika. das Geld noch bis mor- gen früh zu hinterlegen. zahlen.« »Fräulein. und deshalb würde nicht auf Zinsen »Wer Sie und Bedingungen achten.« sich ein wenig. dann aber ließ sie alle Rücksicht und jeden er- Versuch geschäftlicher Geschicklichkeit beiseite und klärte. er hatte sein Ehrenwort gegeben. Ihr Offizierskasino eine größere Mann hatte im Summe beim Kartenspiel verloren.« »Fräulein. so sagte sie. Sie müsse ihn retten. aber hier handele es sich sei nicht um die Zeit. Sie habe. daß er das Geld binnen vierundzwanzig Stunden zurückzahlen würde. 70 fruchtlose Gespräch abzubrechen. Die Summe hoch. Schlimmste sie anzutun. zu mir geschickt hat. rer aber es gehe darum. Ich habe kein Geld zu Was ich hatte. er brauche nur eintausendzweihundert sie sicher in Kronen und würde ein bis zwei Wochen be- kommen. meine Dame. nur darauf gewartet. ich bitte Sie! Man hat mir gesagt. daß sie es mir zurückDie Frau erhob ten uns helfen. und ich warte jetzt. das habe ich meinen Freunden gegeben. das unangenehme und Die Frau. an die falsche Adresse gewiesen. Nur als Sie Nun erhob sich das Fräulein. begann laut . Ihr Mann sei in eine Art düstesich das Apathie verfallen und drohe. hat Sie verleihen.« meine einzige Fioffnung. der ihnen schon öfter aus ähnlicher Verlegenheit geholfen habe. worum es sich handelte. so als hätte sie wünschte sie.Gespräch. der Fabrikant in und ihrem Polen sei.

ich bitte Sic Sie uns! Er bringt sich ich besdiwöre Sie. bis sich die unglücldiche Frau erhob. glauben Sie mir.zu weinen. so dem Gesicht des überraschten Mädchens. als wollte sie die Frau aufheben und trösten. »Fräulein. Da fühlte sie. nicht doch! Man ist hat Sie falsch unterrichtet. Das Fräulein erhob sich rasch und stieß den Stuhl hinter sich weg. wie in ihrer Brust etwas Süßes. so hoch sie konnte. meine jede sich Dame . aber dann besann sie sich eines Besseren. Jetzt betrachtete sie von oben die zusammengekrümmte Frau. ich flehe Sie mit gefalteten Händen wie man zu Gott betet. doch wie niedergeschmettert fiel die Frau mit dem Gesicht auf die Schuhe des Fräuleins und umfaßte ihre Füße über den Knöcheln. . aber die junge Frau kniete nieder und fiel mit dem ganzen Oberkörper die Worte: auf Rajkas Knie. breitete die Hände aus und faltete vor sie dann an.« Es dauerte lange. größeres Herz. unnatürlicher Stimme: »Aber nicht doch. »Fräulein. und es wäre besser. . Für Sie Minute kostbar. . . Sie beeilten und verlangten dort Geld. Sie beugte sich ein wenig vor. wo Sie es bekommen können. retten um!« 71 . Warmes erbebte — ein zweites. lassen Sie uns nicht zugrunde gehen! Ich beschwöre Sie!« Nach der ersten Verlegenheit zog das Fräulein ihre Knie an sich.« Um ihr auszuweichen. die zu ihren Füßen von krampfhaftem Schluchzen geschüttelt wurde. richtete sich das Mädchen auf dem Stuhl auf. wobei sie aber immer noch stammelte: . Durch das Weinen drangen »Wir zahlen alles zurück! Um Gottes Liebe willen. zog die schon ausgestreckte Hand zurück und sagte mit dünner.

denn etwa vierzehn Tage nach diesem Besuch sah sie beide am Ufer der Miljacka. Spazierengehen. wie Scham. ohne ßes zu würdigen. Aber es gab auch andere Kundschaft. Seines ungeordneten Lebenswandels und seiner noch ungeordneteren Finanzen wegen war jetzt er schon öfter versetzt und bestraft worden. so auch nicht um ihr weiteres wußte nur. und sorgte Schicksal. Sie ähnelten sich in Statur und Größe wie Bruder und Schwester und waren so vollendet gekleidet. an die schöne. und stand er vor der Zwangsentlassung. feistem Nacken. Sein Körper quoll aus der schwarzen Uniform. sie eines Blid<:es oder Gru- Das Fräulein blieb verwirrt zurück und fühlte irgend- wo tief in ihrem Innern.Das wiederholte sie bis zur Tür. daß sich der Herr nicht umgebracht hatte. Sie sich kaum merklich. Ein milder 72 . trocknete sich das Gesicht ab. Der Oberleutnant war ein beleibter Mann mit großen braunen Augen und starkem. ordnete ihr Haar und ging hinaus. als wären sie aus einem Modejournal geschnitten. als lustiger Gesell bekannt. so etwas kamen andere Geschäfte. stickiger dem kleinen Stuhl Sommerim Vorzimmer ein Oberleutnant der Gendarmerie mit ein Deutscher aus Namen Karasek. dann richtete sie sich plötzlich auf. in denen die Offiziere verkehrten. (es Eines Tages tag) saß auf war ein trockener. Böhmen. unglückliche Frau zu denken. Aber gleich hatte sie keine Zeit. sie aus einem für Damen und er aus einem für Herren. Arm in Arm und eng aneinandergeschmiegt. daß es aussah. Er diente in einem Städtchen unweit Sarajevos und war in den Nachtlokalen von Sarajevo.

ich würde sie alle annehschuhe aus einer fester men. »Entschuldigen Sie. aber idi habe weder Beknetete dingungen zu stellen noch Geld zu verleihen. mein Herr.« »Sie »Ich haben keins?« habe keins.« »Es tut mir leid. Er sprach deutsch und begann im Tone verlogenen Selbstvertrauens. Ich denke. schmolz dahin. Eine größere Ich Summe. damit er nicht glaube. Ich hatte — das ist aber lange her — im ganzen eine kleiist alles. Das Die Sicherheit des »Alles?« »Alles. mein Herr. mein Herr. Der Offizier antwortete sondern krampfhaft die Handschuhe in der Rechten. In der Rechten trug er ein Paar neuer Handschuhe aus Hirschleder. und ich hatte auch keins.« nere Summe aus meiner Versicherung. möchte Ihre Bedingungen wissen. Fräulein. sie weise ihn ab.« Aber das Fräulein ließ ihm keine Zeit. Zweitausend Kronen auf drei Monate..« Hand- »Alles!« wiederholte der Offizier. legte die noch Hand in die andere und preßte sie zusammen: »Aber wie immer auch Ihre Bedingungen sein mögen . und damit sich das Gespräch nicht übermäßig ausdehne. weil sie nicht ausreichten.. daß meine Garantien Ihnen genügen.« nicht.Duft von ging von gelber Offiziersseife. mein Herr. ihm aus. und die habe ich Offiziers auf Zinsen angelegt. seine Garantien vorzubringen. vermischt mit Kognakgeruch. Auf seinem 73 . der den Alkoholiker so kennzeichnend ist: für »Ich brauche Geld. aber ich habe kein Geld zu verleihen.

den Rest verschwendet und nach zwei bis drei Monaten dasselbe getan hätte. Trotzdem war ihr die Erinnerung an den an seine mechanischen. tauartige Schweißperlen. Noch lange danach geschah es. »Dann nicht. so als suche er jemand hinter Um dieses quälende Schweigen und dieses Starren sie sich zuerst. daß sie sich an den Oberleutnant erinnerte. Antwort erteilte. nur wäre dann sie der Hauptgläubiger gewesen. der Mensch 74 . Da fuhr auch der Offizier auf. der an ihr vorbeisah. Und gewöhnlich geschah das in dem Augenblick. unangenehm. die um Geld bat. die leblos und kurz waren wie ein Echo. Sie war zufrieden. zeigten sich kleine. denn es war klar. ganz klein gedruckte Nachricht. ihr. an seinen Blick. den unangenehmsten Blick zu ertragen als Augen. die an einem vorbeischauen. zu beenden. erhob hartnäclcig denn es ist leichter. daß sie ihm kein Geld gegeben hatte. der schon kahle Stellen aufwies. abwesenden Antworten.Kopf. erfuhr das Fräulein. nahm seine Mütze vom Tisch und schlug leicht und unhörbar die Hacken zusammen. Fräulein. Dann dachte sie erschreckt. die übliche Offizier. und zwei Wucherer aus Saravon je einigen hundert Kronen verblieben seien. Oberleutnant Karasek sei »während einer Dienstreise daß sich plötzlich in Tarcin verstorben«. Er schaute starr zur Seite. der Offizier vergiftet habe jevo mit hoffnungslosen Forderungen daß er mit ihrem Geld die kleineren Schulden bezahlt. Auch ohne zu fragen. Ich danke Ihnen. Adieu!« In der Woche darauf brachte die »Bosnische Post« von Sarajevo eine kurze. fast beschämt hustete er. daß sie keins besitze und nie welches besessen habe. am Fräulein vorbei. da sie einer Person.

brauchte sie lange Zeit. Da wandten sich die Besucher von ihrem Hause ab und suchten auch nicht mehr ihren Laden auf. doch mit der Zeit verschmolzen dürftigen Masse sie immer mehr zu einer langen formlosen Reihe. begleitet von seinen Worten.könnte aufstehen. redete allzusehr darüber (natürlich nicht öffent- sondern nur flüsternd und nur in eingeweihten Kreisen). sinnlose Furcht nicht völlig abschütteln. So ragten zu Beginn noch einzelne. der dem in Sarajevo gebürtigen Juden Rafo Konforti gehörte. bei der Verabschie- dung eines jeden Kunden bangte sie. die ••augenblicldich in mißlicher Lage« waren und kleinere Darlehen auf eine Wodie suchten. Ich danke Ihnen. Um alles restlos zu ver- gessen. Jetzt kamen alle die hierher. interessante Besucher hervor. und das Unbehagen verging. Die alten Freunde ihres Vaters ermahnten sie mehrmals. zu einer grauen geldbe- ohne Gesicht und Namen. daß sie nicht in der Gewohnheit fortfahren konnte. das heißt. Fräulein. für je zehn Kronen nach einer Wodie zwölf oder. Sie wurde böse auf sich selbst und und suchte das alles zu vergessen. ihrem Sdiicksal nach außergewöhnliche. dennoch konnte sie die quälende. die Hacken zusammenschlagen und sagen: >Dann nicht. zusätzlidi eine Krone 7S . die bereit waren. Adieu !< Allein jene Person erhob sich auf andere Art und mit anderen Worten. könnte sich hier vor ihren Augen wiederholen. Das Fräulein sah übrigens bald selbst ein. wenn sie es dann nidit konnten. Man lich. sondern einen kleinen Laden in der Ferhadijastraße. im eigenen Hause und persönlich jeden Kunden zu empfangen. die Bewegung des Offiziers. den Veso führte.

daß Rafo das Geld nicht gehören konnte. denn sein und hatte viele Kinder als Mann. Damals galt er bei den sephardischen Juden in Sarajevo als un- ternehmender. Schon Lehrling in einer Galanteriewaren- handlung hatte Rafo auf eigene Rechnung Geschäfte zu machen. daß dieses Geld.für zehn pro Woche zu zahlen. schwerer. bis sie die ganze Schuld mit den festgesetzten Zinsen zurückgezahlt hatten. Er war Vater war Flickversorgen müssen. Das waren die todbringenden Schlingen. bei uns bis dahin unbekannten Reklame Wort und Schrift. doch leichtfertiger junger Mann mit allzu lebendigem Geist und üppiger Phantasie. wohlbeleibter. Alle Wände und Fenster des Ladens beklebte er mit roten und grünen Plakaten: »Gelegenheit! Wir senken die Preise! Gelegenheit! Nur noch heute!« — »Wir räumen mit Verlust! 76 . Es war ein kleiner. eröffnete er in der Ferhadijastraße einen eigenen Laden. die Verschwendern und Mensdien in großer Not als rettende Hilfe und Erlösung erschienen. in dem er alles lich kaufte er »Partien« und nichts verkaufte. Die ganze Ware legte er auf zwei breiten Bänken vor dem Laden aus. obwohl noch recht junger schneider gewesen im Elend aufgewachsen. dem Fräulein gehörte. Gewöhnunmoderner oder ausgeblaßter sie Modeartikel und verkaufte in mit Hilfe einer groß aufgemachten. sich gut zu kleiden und von kühnen Plänen und großen Gewinnen zu träumen gewußt. Nachdem er ausgelernt hatte. aber für die Eingeweihten war es kein Geheimnis. halbleerer Raum. das hier unter solchen Bedingungen verliehen wurde. Dieser Rafo Konforti war ein rotwangiger. Rafo empfing die Besucher in seinem Laden. zumal sie ganz genau wußten.

Rafo!« sagte ein Spaßvogel im Vorbeigehen zu Konforti. Rafo. Licht. einem Gespräch. Beim Sprechen legte er ständig die ausgebreitete Hand mitten auf die Brust und wiederholte: »Bei meiner Ehre und meinem Namen! Bei meiner Ehre. als sie in Wirklichkeit war. wir räumen mit zehn rief Pro- zent Verlust«. der dabei stets in der Mehr- »Schon gut. der gerade zwei Kunden ein paar alte Krawatten an- »Was? Was?« Sofort ließ Rafo die beiden stehen. stellte sich dem Mann in den Weg und hinderte ihn daran. »Was? ner Ehre Ich führe das Volk hinters Licht? Ich! Bei mei- und meinem Glück. komm herein in den Laden. lief mitten auf die Straße.Nutzen Sie den heutigen Tag!« Aber die größte Reklame war Rafo selbst. beleibt. schlug die Hände zusammen. aber Rafo packte ihn flink an beiden Händen. Rafo! Man weiß es!« sagte jener und wollte weiter. »Führe das Volk nicht hinters unentschlossenen pries. indem er sich. und seine Erregung hen. bung. spanischen schien stärker. weiterzugeAugen waren von einem feuchten Glanz überzogen. Die 77 . zahl sprach. bei mei- nem Glück!« was in der Stadt geschah. Seine schwarzen. wie ein Kreisel drehte und um sich einen Wirbel von Gelächter und Gesprächen verursachte. das jemand im Vorbeigehen sagte. »Was weiß man? Was weiß man? Komm. damit ich dir die Rechnung zeige. alles gab ihm Anlaß zu einem Scherz. rot im Gesicht und lächelnd. zu Geschrei und WerAlles. jedes Wort.

lachten und ergötzten sich an diesem Schauspiel.« Und der Rafo lief zu einer der breiten Bänke. Komm herein. das sich so oft wiederholte. meine lumpigen fünfzig gen fünf deiner herrschafthchen Kronen. daß wir mit Verlust arbeiten. Es war ein richtiger Brautraub mit Revolverschüssen (die natürlich ins Dunkel. Jetzt hat- 7S . ergriff mit theatralischer und hielt sie Gebärde eine Krawatte. Mit den Jahren wurde er ernster. Als ihre Eltern von Rafo sie als Schwiegersohn nichts wissen wollten. das eine Schönheit und die einzige Tochter ihres Vaters war. der das zum und immer kaufte jemand etwas. Sarajevo zu erreichen. So hatte dieser Rafo Konforti angefangen. erstermial hörte. besonders. seit er sich vor drei Jahren mit einem Mäd- chen aus einer ziemlich vermögenden und sehr angesehenen Travniker Familie verheiratet hatte. falls es sich herausstellt.Rechnung spricht für sich. verteile ich das alles ganz umsonst unters Volk. Es gelang ihnen. nicht aber ins Fleisch gezielt waren). wenn wir nicht mit Verlust arbeiten. »Siehst du das? Mist soll das sein und nicht Ware. Das Mädchen. zog sie auseinandem Mann unter die Augen. blieb nichts anderes übrig. mit rasender Jagd. beleibter und schwerfälliger. als Und den Eltern zuzustimmen. wenn ich dir das sage. verliebte sich in den lebhaften jungen Mann auf einer jüdischen Gesellschaft in Travnik. floh zu ihm ohne irgendwelche Aussteuer oder Mitgift. Aber immer fand sich einer. mein Herr! Aber wetten wir! ge- Ich setze fünfzig Kronen.« Die Leute blieben stehen. daß ich lüge. damit du die Rechnung siehst. Auch diese Heirat war ungewöhnlich. Aufregung und Polizei.

aber immer nicht ganz verzeihen. die von einer unsichtbaren Demonstrantenmenge auf den Hauptstraßen in der warmen. aus der die Geräusche 19 . Zuerst hatte sie ihm kleine Geldbeträge gegeben. Aber mit der Zeit offenbarte sich. hatte als ein nützlicher und weitMensch erwiesen. sternis gesungen wurde. Mit den verebbenden Schallwogen des Geläutes vereinten und mischten sich die grollend feierlichen Laute einer Hymne. warm und schön. Er unstets nur mäßig und über eine dritte Person. Das Fräulein lauschte »Hören Sie? Wissen leise. In der Luft war ein feierliches und zugleich schreckliches Beben. um Rafo in ihren Augen sichtiger einen Terminaufschub zu erbitten. den Kopf in die Richtung geneigt. da er gerade seinen Laden eröffnet hatte. Das Aus dieser lauen Nacht drang ein ungewöhnlicher Lärm ins Zimmer und mischte sich in ihr eintöniges Rechnen. An einem der ersten Oktobertage des Jahres 1908 war er bei Einbruch der Dunkelheit zu ihr gekommen. in die Nacht. was das kamen. unmittelbar zu Beginn. daß er trotz all seiner Schäkereien weniger verschroben und viel begabter war. Noch vor zwei sich Jahren. ist?« fragte Rafo mit aufgeregter Stimme. mit großem Mißtrauen und unter mehrfachen Garantien. Sie. als es den Anschein hatte. Konforti war einer der ersten Kunden Rajkas zu der Zeit gewesen. Aber der Schwiegervater wollte ihnen noch terstützte sie. Von allen katholischen Kirchen läuteten die Glocken.ten sie schon zwei Kinder. fast sommerlichen FinDie Tage waren ungewöhnlich Fenster stand offen.

ich lich. Fräulein. verkaufen Sie die Münzen rechtzeiden tig und mit Gewinn. .weiß die Annexion«. und auch von denen. ob es zum Kriege kommt oder nicht. Das weiß eben nicht jeder Mensch.« »Nun. aber gleichzeitig hat die »Ich . »so ist es nicht. sie sind faul und Außerdem besitzen nicht alle Bargeld. Die Leute sind nicht klug. Sie haben es.« Konforti sprach mit aufgeregten Gebärden. bedauern es bestimmt Wenn auch ich Dukaten auf Ihre Rechnung. beschwöre Sie. wird nicht jeder so handeln. seine Augen glänzten. antwortete das Fräulein ohne sonderhche Begeisterung. jetzt heißt es Dukaten kau- fen.« »Das weiß jeder. so behalten Sie die Dukaten statt des Papiergeldes. fiel ihr Rafo ins Wort. wenn nicht. auch ich weiß es und sage Ihnen. denn ich habe kein Geld. sondern entscheiden Sie später selbst entsprechend dem Gewinn. Legen Sie alles an. ich spreche als nicht. tun kön- nen. Hören Sie Sie Sie wollen. kaufe auf mich. so ist es nicht«. so daß es aussah. und nachlässig. Mobilisierung. und aus 80 dem ganzen Menschen sprach großes . begonnen. . die Annexion Bosniens und der Herzegowina ist verkündet worden. Truppen an die serbische und auch an die rusSehen Sie. Freund zu Ihnen. als schielten sie ein wenig. Ich verlange keinen Heller Provision. Fräulein. »Jawohl. Sie wer- wird Und in ein bis zwei Monaten man sehen. aber ich kaufe nicht. Wenn ja. Sees hen Sie. und alle werden es tun. die Teilmobilisierung. schickt Man sische Grenze. kaufen Sie soviel Gold wie möges da es Ihnen Gott gegeben hat und Sie es nicht bereuen. die es wissen. was Sie flüssig haben.

aber es bewies gleichzeitig. daß er nicht soviel Bargeld besaß. daß Mensch war. das Gold möglichst bald abzustoßen. und langsam Dukaten. solange es noch stieg. Durchschnittsgewinn. daß es nicht zum Kriege käme. und dann würde der Dukaten plötzlich zu fallen beginnen. denn der Kurs des Goldes stieg ununterbrochen. Sie gab ihm eine Provision von einem Prozent. was ge- Wochen fiel das Gold plötzund es gelang ihr noch irgendwie. denn in ein bis zwei Wochen würde es jedem klar sein.Bedauern. Auch Rafo erwarb Dukaten auf ihre Rechnung. Vor seinem Laden war schon längst nichts mehr von jenem Gesdirei und den bunten Plakaten zu spüren. Das Fräulein wählte die mittlere. hauptsächlich von den mohammedanischen Frauen (später bedauerte sie diese Vorsicht und Saumseligkeit). als die Annexionskrise ihren Höhepunkt erreicht hatte. um zu sehen. es mit einem Gewinn von zehn bis fünfzehn Prozent loszuwerden. Das Fräulein sträubte sich und schwankte. das Fräulein kaufte vorsichtig Und gab Rafo plötzlich wie ein Jagdhund das Zeichen zum Verkaufen. Doch an einem Januartag des folgenden Jahres. feige Lösung: sie verkaufte die Hälfte mit einem Gewinn von dreißig bis f ünfu nd vierzig Prozent. auf dessen Überlegungen man sich verlassen konnte. Nach zwei lich. zu Beginn des Jahres 1910. weibliche. sichere Operation durchzuführen. Dieser Rafo übernahm also jetzt. den ganzen sichtbaren Teil von Rajkas Geschäften. mit der anderen Hälfte wartete sie. denn er lebte nicht mehr von laut angeprieseKonforti ein 81 . um selbst eine schöne. Das verringerte den bei diesem Geschäft erzielten schehen würde. Rafo aber riet ungeduldig und zäh.

aber die Hauptarbeit besorgte Konforti selbst hinter einer sernen Scheidewand. die sie von den Witwen oder 82 . die man weder sah noch hörte. das sie als Pfand mitgebracht hatten. oder eine sichere Obli- gation. halfen weder Schwüre bei und bei seinem guten Namen noch die sten Ausrufe. sondern von Flüstergeschäften. son- dern nur genaue. noch die lebhaftesten Bewegungen. leibt immer gelöst zu haben. er seine Abrechnung dem Fräulein der Ehre vorlegte. bis ans andere Ende der Stadt. jeden durchschaute. wie Rafo ehrlich- schwur. Hierher kamen Leute.nen »Gelegenheiten«. der schwerste Teil dieser Arbeit. sie flüster- ten mit Gazda Raf o. nahmen das Geld in Empfang und gingen mit dem Gefühl großer Erleichterung aus dem Laden. und die Abrechnung mit dem Fräulein war wie Fräulein. in deren Verlauf man verliert oder gewinnt. Das Fräulein war auch diesmal auf der Seite der Gewinner. so kurzbeinig und be- er war. die sie quälen. Im Laden befand sich ein wenig Ware. Das Jahr 19 12 brachte mit dem Balkankrieg erneut eine Krise und eine von jenen Wirren. Denn wenn das. alle Fragen. Zusammen mit Konforti machte sie wiederum ein einfaches und doch schönes Geschäft mit Dukaten. hinterließen ein Schmuckstück. zum Das war sein längster Spazierweg. eine wahre Heldentat. die dringend ein Darlehen brauchten. der was sie ge- rade brauchen. so bilden sie sich ein. sachlich begründete Zahlen. es war auch ein junger Gehilfe da. Denn so sind alle Verschwender: wenn sie unter dem Druck Not oder der Leidenschaft das finden. glä- wo sein Schreibtisch. ein kleiner die Ofen und eine große Kasse standen. restlos und für Einmal im Monat ging Rafo.

Zeit gewachsen Einmal hatte sagt habe: sie irgendwo gelesen. so und andere. der alles übrige im Leben in den Schatten stellte und nebensächlich erscheinen ließ.aber von den Söhnen der Begs kaufte. Wenn sich sie ihn schon nicht hatte retten können. Aber diesmal war der Gewinn viel geringer. verändert. dann wollte sie wenigstens.- 83 . sondern sie waren verwickelt und lich lebten. sein Vermächtnis Dieser Traum war mit der und hatte sich. ver- schwanden scheinbar. ohne Rücksicht und er- Erbarmen gegen füllen. was die Ziele betraf. die herrschaft- und nichts verdienten. die über sie hinausgeht. um gleich wieder aufzutauchen und sich dann unendlich lange hinzuziehen. Ihr Traum war seit jeher — durch ihre Arbeit den Vater zu rächen und für ihn zu büßen. er hieß: die Million. und die Mittel. welche sich selbst vergessen und sich einer Arbeit widmen. vor der Größe eines kühnen. daß ein amerikanach- nischer Milliardär. sie hatten keinen deutlich sichtbaren Beginn und keinen Abschluß. den man ahnen konnte. Die Zeit quält und ermüdet nur jene. wie sie es auffaßte. aber sie verläuft schnell und unmerklich für die. nicht arbeiteten latent. der als Zeitungsverkäufer anfing. die er verfolgte. Er hatte jetzt auch einen Namen. ge- »Man muß die erste Million erwerben. die ganz von nichtigen Sorgen um ihre Person und ihre Genüsse in Anspruch genommen werden. unerfüllbaren Traumes hört die Zeit schier auf zu bestehen. Und das in Fräulein trug schon seit Jahren einen großen Traum sich. schlichen sich in alle Lebenszweige ein. ohne daß sie selbst es bemerkt hätte. deren er sich bediente. So gingen für das Fräulein die Jahre rasch und unmerklich dahin. denn die Krisen waren nicht mehr so scharf begrenzt.

Von all jenen. das immer mehr einer Gruft glich. noch sehr weit war es bis zu diesem Ziel. konnte kein Lebender den Namen dieses Traumes ahnen. dachte Welt die Möglichkeiten fanden. len. die in sich die Kraft und in der und sparte. ja nicht einmal im Schlaf Million! erlosch. Die Das schwebte jetzt vor ihr wie ein Stern. diesem Ziel nachzugehen. 84 . Für sie gab es seit langem zwei ganz verschiedene. auch die. In diesem Augenblick erhielt das. Weit. Nur derjenige ist kein Millionär. seinen Namen. was mit ihrem Traum zusamdie menhing: das endlose. Mit und von diesem Traum lebend. die diesen Weg gingen. ging das Fräulein an den Menschen vorbei wie an Toten. Man muß wolund Darauf sie kommt es an. Von allem.« Diese oberflächliche und vielleicht erdichtete Zeitungsnotiz überstrahlte sie hob empor. was in ihrer Umgebung und in der Welt geschah. aber noch unendlich kleiner war die Zahl derer. Sehr klein war die Zahl derer. Das wußte sie nur zu gut. bewegte und was in den Ländern und Völkern Ereignisse und Bewegungen hervorrief. es zu werden. die sie verwundert auf der Straße betrachteten oder die in den Häusern über sie klatschten. ewige Zwiegespräch zwischen den Einnahmen und Ausgaben.her geht alles leicht. aber um so süßer war das Sparen und um so heiliger jeder Verdienst. was Menschen. der weder bei Tag noch bei Nacht. denen es gegeben war. der nicht den Willen hat. Verliebt in dieses ferne goldene Ziel arbeitete und träumte sie in ihrem öden Hause. welche ihr am nächsten standen. verwickelte. Doch ebenso wußte und fühlte sie. was es bedeutete. konnte sie nur hören und verstehen. was sie seit jeher wünschte und fühlte. zu denen zu gehören. das Ziel zu erreichen.

Die zweite Welt war die des Geldes. der seit langem völlig die mystische Vereinigung mit der Gottheit erreicht. mit unverständlichen Spiel gegenseitigen Anziehens Reich des Gewinns nes. ihren Trieben. das Schwergewicht seines Lebens auf sie übertragen hat und sich jetzt nur noch notgedrungen und vorübergehend hier zwischen uns bewegt. auf dem alles beruhte. ein verborge- nur den wenigsten bekanntes. Das war die Welt. frei und lä85 . Unhörbar und unsichtbar.. Sehnsüchten. liches dem und Abstoßens.auch sie verfügte über die große. Diese dunkle und verkehrte Welt war für das Fräulein die Lichtseite. stilles. Auch sie hatte Sonnen und Gestirne. eines Lebensprinzips. Ihr Leben in unserer gewöhnlichen Welt ähnelte in vielem dem Le- ben eines Asketen. jene erstere dagegen die Schattenseite des Lebens. unklare Kraft eines tieferen Sinnes. nicht als zwei stumme Gottheiten herrschten. der sie mit sie ihrem ganzen Wesen angehörte und in der wirklich lebte. gesegneten und ihre unfruchtbaren Jahre. ihre Steigung und ihr Gefälle. war diese zweite faltig weniger mannig- ihre ihre ihre und weniger reich als jene erste. in dem Rechnung und Maß Welt nicht kleiner. die gesamte laute.wenn auch nicht ganz voneinander getrennte Welten. aber unend- Gebiet des lautlosen Kampfes und beständigen Plauens. um das sich alles drehte und das der schwache. unübersehbare Erde mit den Menewi- schen und ihrem Leben. was nennt. er geht unbeschwert. alle Welt Welt Die eine war unsere Welt^ das. ihren Tagesanbruch und Abenddämmerung. sterbliche Mensch nur ahnen konnte. mit ihrem gen Bedürfnis nach Aufbau und Zerstörung. das und der Sparsamkeit. Gedanken und Glaubensvorstellungen.

auf die Spiele von Kindern herab- mit dem Erwachsene blicken. ihre völlige Gleichgültigkeit ihnen sie und all dem gegenüber. Es er- sten Jahren. die sie gebracht hatten. zu verbergen. Monate und Jahre zusammen mit den Ereignissen. in kehrten Menschen. . sessor für vom Studienassich ge- Mathematik. was sich jen- wirklichen Welt befindet. einem jun- gen Witwer mit zwei Kindern. fanden sich. das Geschäft und Erwerb verlangten. und wäre nicht sie Mutter gewesen. das Fräulein wies sie ab. nur ein Lächeln. bis zu einem Kaufmann. auch in ihrem Hause waren mehrere. In einem Punkte waren sie sich alle gleich: kurz. sich Denn trotz und ihrer seltsam schlichten zu kleiden. sehr verschiedene Bewerber. Und tatsächlich waren an dem Fräulein die Tage. sondern auch zu den verheirateten Altergenossinnen alle Beziehungen abgebrochen. denn für ihn verdient seits seiner alles. was 86 dachten und sprachen. einem bescheidenen. hätten nie die Schwelle ihres sich Hauses überschritten. ihr einen Besuch ab. vorbeigegangen wie ein unverständliches Geräusch und ein ferner Nebel. Sie luden sie noch statteten die weder ein. Längst hatte sie die letzten Gelegenheiten zur Heirat bewußt vorübergehen lassen. Durch sich ihr Verhalten und ihre Tätigkeit entfremdete sie sie auch ihren Verwandten. zumindest in den Freier ein. Ihre Berührung mit der Gesellschaft und der Welt war jetzt auf das mögliche Mindestmaß beschränkt. Ebenso hatte sie schon längst nicht nur zu den müßi- gen jungen Leuten. ihrer Zurückgezogenheit Art. Das Fräulein gab keine Mühe. ohne zu überlegen das Zureden der und z^var und auch nur im geringsten auf Mutter und des Vormunds zu achten.chelnd einher.

Und sie sprachen und dachten sehr schlecht von ihr. daß er es verstand. der ihn dabei betrog. eine kleine. Und er war weniger stolz auf seinen großen und weitverzweigten Handel als darauf. der so weit vom daß er niemandem Schatten gibt. Wenn jemand etwas von ihm im Namen einer gemeinsamen steht. Schiedsrichter und sämtlicher Hadzi-Vasic und des anderen Dut- zends verwandter Familien. Und dann erwähnten sie stets ihren Urgroßvater mütterlicherseits. dabei aber höchstens den Ruf eines großen Geizhalses besessen hatte. ihrem krankhaften Geiz und ihrem schamlosen Wucher. was für das Haus gebraucht wurde. wer nichts von mir verlangt. Tante Gospava. ich Freundschaft erbat. der bloß für sein Geld und seinen guten Ruf gelebt. Es gab noch Menschen. ihrer Lebensweise. Wenn er Eier kaufte. einen besonderen eisernen Ring bei der das klein- 87 . die sich an diesen kräftigen.« Er ging selbst jeden Tag auf den Markt und kaufte. Ich weiß weiß nicht! Wie kann von einem solchen Vater und einer solchen Mutter so etwas abstammen?« In den Gesprächen fragten sie sich immer wieder. was aus dem Mädchen werden soll. nach wem diese Rajka geraten sein könnte. pflegte er zu antworten: »Was bist du mir schon für ein Freund? Mein Freund ist. würdevollen Alten mit dem kühlen Blick und den zusammengepreßten Fäusten erinnerten. nahm auf allen Familien- zusammenkünften das Wort: »Ich weiß nicht. Wege nicht. trug er stets sich. Sie wächst auf wie ein wilder Birnbaum. schroffe Sprecher und rücksichtslose Frau. auf dem Markte gut und billig einzukaufen. den seligen Gazda Ristan. und daß sich noch nie ein Bauer oder Städter gefunden hatte. kräf- tige.

das durch diesen Ring ging. Aber am meisten warfen sie ihr die Art vor. unerschütterlichen Alten: »Siehst du. zeigten die Kaufleute von ihren Ständen den Söhnen oder Lehrfür Maß lingen voller Hochachtung den herben. in kei- ner der Konfessionen. ein Ei. Manche zu verlassen forderten die alte Frau auf. Nie hatte und Wertpapieren gehandelt hätte und ein Halsabschneider und Wucherer gewe- man ähnliches beobachtet. Und wenn er so den Eierkorb eines Bauern durchstöberte. wenn es unvermeidlich war und das Ansehen des Hauses es erforderte. den Geldbeutel aufzuschnüren. Keiner konnte sich erinnern. verzehrte sich und hielt weder auf Anstand noch auf Ehre. kaufte er nicht. aber das lehnte sie ab. vorzeitig gealtert. daß. Diese traurige Neuheit und große Schande war nur ihrer Familie beschieden. dahinsiechend wie eine Sklavin ohne Willen und Stimme. je ein weibliches Ge- schöpf mit Geld noch dazu so sen wäre. daß sein Groschen schwerer wog als der Dukaten eines anderen. sondern eher einem polnischen Juden. So sprachen die besorgten Verwandten. das tat er mit so würdevoller und herrschaftlicher Gebärde. seit Sarajevo bestand. so gelangt so man zu Geld.ste den Umfang eines Eies darstellte. und sie glich nicht einem Mädchen aus bürgerlichem Hause. Diese Rajka dagegen schränkte sich ein. Wenn an einem Feiertag eine der älteren 88 . wie sie ihre Mutter behandelte. So lebte sie auf ihrem Zimmer in Angst und Einsamkeit. Geld zu verschwenden und den Unverschämten wie audi den Verschämten zu empfangen und zu bewirten. und kommt man zu einem eigenen Haus!« Nur daß Gazda Ristan trotz seiner herzlosen Knauserigkeit und Habgier imstande war. ihre Tochter und zu ihnen zu ziehen.

wohltätige Zwecke. wenn es die Ordnung erforgib du!« »Dann es dir »Ich gebe schon. man ist nicht allein auf der und man kann nicht so neben den Menschen herkann. Tages entschloß.« Man braucht kein Geld hinauszuweraber man muß geben. der hierin wie in so vielen anderen Fragen Rajkas Auffassung nicht billigte. leben. Ich Ich rate zu deinem Besten. »Tue das Welt. dert.« nicht. hatte das Fräulein bereits den festen. hatte sich damals ganz ent- schieden dagegen gesträubt. Aber auch du mußt geben. weinte sie still. Schon als das Fräulein im ersten Jahr nach dem Tode des Vaters mit Veso die Bilanz des Geschäfts durchgese- hen hatte.« »Mal langsam! fen. vor sich hin. eines Geschöpfes ohne Seele und Stolz. was ich 89 . sie ganz zu streichen.« weiß am besten. kann und was nicht. eine Verwandte oder Freundin. Rajka. »Man wenn man muß. Ich habe nichts und gebe nichts. höchst unschönen und ungewöhnHchen Ruf eines verschrobenen und mißgeborenen Ungeheuers sowie den eines Wucherfräuleins. war sie darangegangen. zu verringern.« »Danke für den Rat. sie diese Und mit jedem weiteren Jahr verringerte bis sie sich eines Summen. ohne viel Tränen zu vergießen. Veso. so etwas wie eine moderne Hexe. das ein Sonderfall in der Frauenwelt war. die bei recht Ausgaben für Lebzeiten des Gazda Obren alle bedeutend gewesen waren. aber keinem gegenüber beklagte sie sich über etwas.Frauen kam. unter den Leuten. In der Stadt.

. das beweist. was ich dir sage: das Geld nicht alles. merke dir. aber du.« Vater am Leben »Das »Ah. wenn sie in Wut geraten.« Das Fräulein schaute mit dem Ausdruck hatte.Diese gefühllose Starrköpfigkeit brachte den kleinen Mann in Wut. hast seit langem das Maß überschritten. ist ein Kaufmann. bartlose Männer bekommen.« siehst du. interessiert . was die anderen von dir spre- mich nicht im geringsten. es hat dich versklavt und hält dich du schützt deines Vaters Willen am Zügel.« »Hör auf! Ich weiß alles. Und wenn er dabei eine Million verdient. Veso je- doch sprach weiter. meine Liebe. was du »Ich weiß es sehr wohl. Wäre dein seliger . Uli bitterer Ver- achtung auf diesen Knirps herab. Du hast am Geld Geschmack gefunden. die kleine. wie du zu haben glaubst.« »Dann weißt du chen. aber Doch ist in Wahrheit treibt dich deine Sinnesart dazu. »Mir scheint. der die Kühnheit gegenüber von der Million zu reden.« nicht. »Du weißt nur zu gut. Was du tust.« sprichst. warum er nicht mehr am Le- ben ist. er hätte sie zu teuer bezahlt. sondern ein Fluch. daß du nicht so viel Verstand hast. du weißt nicht. Wer mit seiner Ehre für das schlechter zahlt. mit jener scheppernden Stimme. aber was ich sehe. und Namen vor. ist kein Segen. auch konnte das nicht sein Wunsch und seine Absicht sein. 90 . würde dein seliger Vater niemals billigen. den dir der Vater in seiner Todesstunde gegeben hat. Immer führst du den Segen ins Feld. was er gewinnt.

um Beiträge für Wohlfahrtsorganisationen und patriotische Vereine zu sammeln. daß gewisse Nachkommen derer. ihren Standpunkt aufzugeben. was du willst. was ihm gehört. daß du als erste herausgefunden hast. Gazda Mihailo. Früher oder später holt sich der Teufel. Seit jeher. Womöglich glaubst du. die in Sarajevo von Laden zu Laden wanderten. Die Zeitung »Srpska rijec« brachte eine Notiz darüber. was du getan hast. aber ich sage dir. es nicht zu weit zu treiben 91 . Das sozialdemokratische Blatt »Slo- boda« den. da sie es einen vergäßen.»Du kannst meinetwegen denken. einen Beitrag für kranke Arbeiterkinder zu spen- und nannte sie einen »Shyloclc in Frauenkleidern«. hat es solche gegeben. ich fürchte nur. Deshalb fielen auch Sarajevoer Zei- tungen mit deutlicher Anspielung auf die Art ihrer Geschäfte über sie her. wie man aus einem Groschen zwei macht. du Unglückselige. griff abgelehnt hatte. und Direktor Pajer mahnten sie. es ist dann zu spät. wie du schon begonnen hast. Auch ihr ehemaliger Vormund. und auch ferner alles verkehrt machen. aber man kann sich nicht erinnern. Und alle. die einst serbische Vereine in Sarajevo gegründet und unterstützt hätten. diesen schönen Brauch vernachlässigten und so sehr im Geiste des Materialismus und der sie häßlichen Selbstsucht versunken seien. daß sich solches Geld je erhalten hat. Hartnäckig lehnte sie es ab. Derartige Streitigkeiten wiederholten sich nichts doch konnte das Fräulein überzeugen oder sie zwingen. daß Pflicht ihre gegenüber ihrem Volke und den nationalen Verdas Fräulein offen an.« oft. daß du schlecht handelst und daß du noch alles bereust. verließen Rajkas Laden und Haus mit leeren Händen. jemandem etwas zu schenken.

führte sie an das väterliche Grab. sie hatte weder Zeit noch Verlangen. Die Jahre waren dahingegangen. die dem Weg zur Kirche oder beim Spaziergang sehr dasselbe dunkelgraue lebhaft gebärdeten trug immer und miteinander plauderten. Sie Kostüm mit männeinen uralten. kleinen. Haus und Laden ab. Benehmen und ihre Kleidung müßigen Frauen ab. an den Füßen ausgetretene Schuhe mit niedrigen Absätzen. ohne Zerstreuung und Gesellschaft und ohne das Bedürfnis danach. Das Fräulein hatte schon vor der Zeit immer mehr das Aussehen einer angenommen. wunderlichen alten Jungfer Ihr Leben spielte sich zwischen hof nach Kosevo. mit finsterem Blick und männlichem Schritt stach sie durch ihr von diesen sich auf festlich gekleideten. denn das täten auch alle übrigen. die besonders an schönen und sonnigen Tagen in die Augen lich fiel. regelmäßiger Weg.und wenigstens etwas gu geben. darüber nach- zudenken. Die Leute be- 92 . wobei ihr die Ansichten ihrer Mitmenschen völlig gleichgültig waren. bei gutem wie bei schlechtem Wetter. Jeden Sonntagvormittag. lichem Schnitt. zu begleiten. der nicht unmittelbar mit den Geschäften zusammenhing. und sich überhaupt nicht so sehr von den Mensdien abzusondern. Ihr einziger. ging sie auf den Friedschroffen. stets in Sorge um das Geld und die Geldgeschäfte. Aber das Fräulein blieb zäh bei ihrer Lebensweise und ging ihren Weg. schon an ihre ungewöhnliche Die Leute hatten Erscheinung gewöhnt. wenn die festtäg- aussehenden Straßen von Menschen wimmelten. auf dem Kopf ganz unmodernen schwarzen Hut. sie Und niemals sich erlaubte sie der Mutter. Hochgewachsen.

trachteten sie prüfend. Jahre seines Lebens. Lange. Es herrschte vollkommene Stille. sichtskreis veränderte sich und der Ge- unmerklich durch die Som- merwolken. schloß sich hinter ihr auch das letzte Tor zwischen ihr und der Welt. Sie war ganz in sich versunken. Sobald sie sich jedoch auf die kleine Bank neben dem Grabe des Vaters gesetzt hatte. gut gepflegt und von weißen Steinen eingesäumt. die den Friedhof bevölkerten. Hier war sie geborgen und von der Welt geschieden. Der Gesichtskreis war geschlossen. unverwandtem tete das Fräulein die Aufschrift. die samt dem Blumentopf in die Erde gesetzt war. aber sie beachtete sie ebensowenig wie die unbekannten Toten. Von Zeit zu Zeit wurde die Stille von dem verebbenden. die feierlich. mit scharfem. Dann schloß sie die Augen. mit Tränen vermischte Funken verwandelten. dem Friedhof. Dieses Grab war mit Rasen bedeckt. fernen Klang der Kirchenglocken aus der Stadt begleitet (doch nicht unterbrochen). Durch ihre grünen Blätter las man auf der Platte in goldenen Buchstaben die Worte: Hiei luht der Kaufmann Obren Radakovic. Alle Sinne waren äußeren Eindrücken ver- 93 . bis ihre Blicl< betrach- Augen zu glänzenbegannen und alle Buchstaben sich drehten und sich in goldene. Aber das Fräulein hatte für alles kein Auge. Ei starb im 4$. weiß und langsam über den Himmel zogen. Sie sah nur das Grab. an der Stirnseite befand sich eine Marmorplatte mit einem Kreuz. auf wenn sie durch die Straßen ging. daneben wuchs eine Monatsrose. denn der Friedhof liegt tief zwischen grünen Hängen im Kosevatal. mit scharfem BHck oder mit kekja sogar ker Neugier.

waren alle Stufen der Zärtlichkeit. bis er eines 94 . doch allmächtig in diesen schwachen Geschöpfen lebt. unverbrauchter Gefühle zeigte sich ihr wahrer. flüsterte das Fräulein mit warmem.schlössen und unzugänglich. stockendem Atem Fäuste. starker frostiger Engel und unerbittlicher Sinn wie ein mit einem feurigen Schwert in der Hand. Aber nach diesen ersten Ergüssen lange In der Art. in den verschiedensten Formen aus ihnen hervorschlägt und in ihrer Umgebung Leben und Schicksale zeugt und Zärtlichkeit. sich vornehm. in ihre zusammengepreßten »Du! Du! Du!« Stimme modulierte. deren eine Frau bei den verschiedensten Anlässen und zu den verschiedensten Zeiten ihres Lebens fähig ist. verkrampften Körper strömte in unaufhaltsamen Wellen die Kraft weiblicher wunderbaren Macht. einfache Wort aussprach. Für die ganze Welt ver- loren. tapfer und verwegen in die Bedrängnis eines jeden einzufühlen. Beengt von den aufquellenden Gefühlen. wie sie die zurückgehaltener. Aus diesem vornübergeneigten. Niederträchtig und ungestraft hatte man ihn vernichtet. denn er liebte es. das Seine zu verteidigen und zu behüten. des Schmerzes und des Leides zu finden. der zerstört. sich blitz- schnell in eine fremde Lage zu versetzen. die unsichtbar. die Schwächen seines mitfühlenden Herzens hatten seine Aufmerksamkeit abgelenkt und die Rücksichten der menschlichen Ehre und des Stolzes ihn blind gemacht. denn er hatte es nicht verstanden. hielt das Fräulein Zwiesprache mit dem Grab. Der einzige und ewige Gegenstand ihrer ganzen Zärtlichkeit war nicht mehr. während sie gedämpft das eine.

da die Straßen voller Menschen waren. daß ehrsame Leute umbrachten. als er zu sich selbst zurückfinden sollte. drängte alle Gefühle zurück. den harten und rücksichtslosen hin- gegen dienten und vor ihnen verbeugten. daß gleich einer ruhigen Kraft gleichgültige Verachtung gegenüber diesem Volkshaufen in sie einzog. der ihr jetzt nichts durch die morgendliche Zwiesprache. 95 . unterbreitete ihm. und bat um Billigung des Vergangenen und um Zustimmung zu ihren Plänen. sich die weichherzige. sich. schien ihr. Gegen Mittag erhob sie sich und ging in die Stadt zurück. wenn sie erst auf ihrer Festung. Das war sein und auch der Inhalt ihres Lebens.Tages. sondern auch körperlich über diesen elenden. als schreite sie über ihn hinweg wie über einen Ameisenhügel. so beide unauflöslich durch seinen waren sie Tod und ihr Leben ver- bunden. Sie schritt scharf aus. Sie dachte nur bei dies die Menschen waren. als erhebe sie sich nicht nur geistig. was für die kommende Woche geplant war. fiel ihre sonderbare Erscheinung noch mehr auf. angelangt wäre. mit der eigenen Lage nicht Schicksal mehr fertig wurde. beruhigte sich. Zu dieser Zeit. Hier richtete sich das Fräulein gewöhnlich auf. In Gedanken legte sie ihm Rechnung ab über alles. der Million. starrte trocke- nen Auges auf die goldenen Buchstaben in der Marmorplatte und begann ihren stummen Bericht vor dem Grabe. was sie im Laufe der letzten Woche getan hatte. fühlte mehr antun konnte und vor ihr im Staube und es kriechen würde. Gestählt sie. aber sie achtete auf niemand. aufgeregten Haufen.

erfüllt. aber es berührte ihr Beals ein trüber wußtsein nicht stärker Traum. mit der sich das Fräulein auf ihren regelmäßigen Friedhofsbesuch vorbereitete. Länger als gewöhnlich stand sie am offe- nen Fenster und schaute auf das andere Ufer der Miljacka und die steilen. in denen man liegende Flußufer mit Leute in grellfarbenen Paradeuniformen erblickte. grünen Hänge. lebendigeren Inhalt. Es wimmelte von Fußgängern. die wie Sommerblumen aussahen. Ihr Be- wußtsein war von einem anderen. Und während sie so am Fenster stand und die auflebende Stadt im Glänze des Sommertages betrachtete. von der Wirklichkeit des nächtlichen Traumes. genoß sie noch immer die unbestimmte Wonne dieses Traumes ohne feste Form und ohne Namen. Sie könnte 96 . Der Himmel war noch in rötlichen Schein getaudit. und über der ganzen Stadt lag die Frische des Morgens. Juni 1914 — ein Sonntag — unterschied sich sei durch nichts von allen vorherigen Sonntagen. Das alles sah das Fräulein.IV Der 28. es denn durch die verträumte Langsamkeit. Kutschen polterten. und lärmend fuhren Automobile vorbei. doch das gegenüber- dem Kai war schon belebt.

Hier in der Brust. sah sie. fühlte wie sie dem warmen Glanz und wie sie durch ihn. der sie wie eine sanfte. wenn die Eindrücke der nächtlichen Träume noch lebendig und die Ereig- nisse des Tages noch nicht gekommen waren. sie sie war ganz von ihm während sie ihn träumte. doch mächtige Kraft von der Erde aufhob. der sie von innen durchdrang und von außen überflutete. irgendwo unterhalb des Halses. sie aus- zulöschen und zu verdrängen. in versie in den letzten Jahren daß die Million erreicht und im selben Augenblick überschritten war. daß ihre Hand ganz von dem Glanz Übergossen war. auch den nächsten Tag. auf die Brust legte Und wenn sie die und sie dann den Augen Hand näherte. sondern bewegte sich zwi- schen stolzem Gang und wunderbarem Flug. noch flog sie. von der Welt trennte und gegen alles Böse und jede Erniedrigung. treffen konnte. erstemal. war die unversiegbare Quelle dieses berau- schenden. beglückenden Glanzes. so auch in der vergangenen Nacht. daß sie nicht 91 . besonders den Morgen über. von diesem Glanz.ihn nicht erzählen. in dem sich Gold und Silber vermischten und der weder eine Flüssigkeit noch ein gasförmiger Körper war. verteidigte weder. sondern ein Mittelding zwischen bei- den. Rein gebadet in diesem Glanz und ganz von ihm erfüllt. wenn sie auf der Höhe der erreichten Million fühlte. Es war nicht das daß sie ihren Traum von der Million träumte. schiedenen Formen träumte mehrmals dasselbe: Mit wechselnder Stärke. Und sie. aber erfüllt. jedesmal. Das war der Augenblick vollkommenen Glücks. nicht einmal sich selbst könnte Rechenschaft über ihn geben. die den Menschen ging sie und schützte. über sich erlag hinauswuchs.

versun- ken in Gedanken von Liebesglück und Liebesleid. Auch dies war ein solcher Morgen. von Zeit zu Zeit ein Widerschein des Glanzes. so daß man ihn mehr ahnte das Schicl<:sal der Masse teilte als sah. so wie andere Frauen und Mädchen ihres Alters am offenen Fenster die Zeit vertrödeln. die zu seinem Empfang in Sarajevo getroffen wurden. da das Fräulein ausnahmsweise lange an dem offenen Fenster stand und.mehr und nicht mehr an die Gesetze des Wettstreits gebunden war. in dem die unwürdige Menge sich würgte und wand. sondern bloß die großgedrud<:ten Titel der Begrüßungsartikel auf der ersten Seite gesehen. was der Tag von ihr verlangte. von Versteigerungen. und es schien ihr. aber kürzer als der schnellste Blitz. Den ganzen nächsten Tag lebte sie unter dem Eindruck dieses Traumes. an den Gegenständen um sie und an ihr selbst. aufmerksam las Seite. Beim Anblick jener ungewöhnlich lebhaften Bewegung der Menschen am gegenüberliegenden Ufer erinnerte sie sich. daß sie dieser Tage in den Zeitungen Nachrichten von der Ankunft des Thronfolgers Franz Ferdinand in Bosnien und von den Vorbereitungen gelesen hatte. als zeige sich in allem. von Wertveränderungen in der Wirtschaft und auf dem Geldmarkt zu finden waren. das zu beginnen. obwohl wach und schon angekleidet. geheimnisvoll und wunderbar. in Gedanken und Berechnungen. 98 . Denn im Gegensatz zu den sie die ersten Zeitungsseisie lediglich die letzte meisten Menschen überflog auf der Nachrichten ten nur flüchtig. Ausverkäufen und Darlehen. nur schwer von ihrem Traumbild loskam und sich nur langsam entschließen konnte. Eigentlich hatte sie nichts gelesen.

ging. Die Kraftwagen waren schon verschwunden. Sie hatte sie nie geliebt und stets als et- was Überflüssiges und Gefährliches gescheut. nahm an. und in der letzten Zeit waren sie ihr sogar verhaßt. dem Ganz ihren sie gesenkten Blicks. die zwischen als sie die Brücke überschritt. auf demselben Weg nadi Hause zurück. Und sie hatte. dann kam es ihr kehrte Gedanken hingegeben. Bei diesem unangenehmen Gedanken trennte sie sich schließlich vom Fenster und begann sich fertigzumachen. zog sich wie ein schwarzer Streifen der Gedanke an die Zeitungen. So merkte sie auch niclit.Durch die angenehme Erinnerung an den verflossenen Traum. Und in dem Augenblid<. Als sie aus dem Hause ging. die Autos fuhren rasch am Kai entlang dem Innern der Stadt zu. Das Fräulein der Thronfolger in jener Automobiles die und daß Kanonen waren.. Auf dem Friedhof einen Augenblick. erblickte sie am war und zur Brücke anderen Ufer einen Zug von getreten Kraftwagen. da sie durch die schmale Gasse den beiden großen Gebäuden der Landesregierung zur Kosevoallee führt. daß reihe befand sich dumpfes Dröhnen. Bei der Rückkehr vom Friedhof schien es ihr als als seien die Straßen belebter und eilten die Leute schneller als sonst nach Fiause. die sie hier am Fenster regungslos verharren ließ. auch allen Grund dazu. blieb sie wie üblich bis kurz vor Mittag. daß am Palais aus Sinn. ohne jemand zu beaditen und etwas zu bemerken. wie wir gesehen haben. 99 . ertönte von der Stadt ein starkes. in denen sich die lebhaften Farben der Offiziersuniformen abhoben. die ihm da zu Ehren schössen. Sie dachte einen Augenblicl< darüber nacli.

was geschehen ist«. Ein Attentat. die am Morgen. sen. was sich da vorbereitet. »Sehen Sie. ten. auf beiden Baikonen. Fräulein. hier am Kai. Stu-den- haben beide erschossen. Ein Augenblick der Stille trat ein. noch nicht dort gehangen hatten. Sie wissen nicht? Ach. bei der Lateinischen Brücke. Gott soll uns beschützen. ein Unglück für die ganze Welt. irgendein serbischer Bursche. »Aber lein. seine Frau. führte sie ihn ohne Gruß ins Haus. Überrascht von diesem unerwarteten Besuch zu unpassender Zeit und noch mehr von dem ungewöhnlichen Aussehen und Verhalten Rafos. um Ihnen zu sagen. Es war Rafo Konforti. denn es ist nichts Gutes. daß Sie nicht in die Carsija gehen und sich mit Ihrer Frau Mutter in acht nehmen. wobei sein Blick von einem Gegenstand zum anderen irrte. stammelte der Mann. Man hat den Erzherzog und die Erzund noch ein paar andere erschos- herzogin.« 100 . Fräulein. ich bin gekommen. Schüler. Erst als sie mit der Mutter das bescheidene Sonntags- mahl eingenommen hatte. Fräu- daß Sie auf sich aufpassen. als sie zum Friedhof gegangen war. sehen Sie.der Landesregierung. klopfte jemand an das Tor. ein Un- geschehen. und »Ach. große schwarze Fahnen wehten.« den Augen spiegelte sich die Angst vor den bloßen Worten. mein Fräulein. Sie »Was »Wie? glück ist ist los?« wissen nicht. »Und wer hat sie erschossen? Wie? Wann?« Er sprach aufgeregt. Gott soll uns beschützen!« seufzte Rafo. seine in Hände zitterten.

Verstehen Sie? Sitzen und schweigen falls Sie Sie. aber was geschieht. daß man alle serbischen Kaufläden in der Carsija zerstören wird. daß Sie nichts damit zu tun haben. Fräulein. doch die ganze Gegend kam ihr jetzt verändert und neu vor. Am besten. etwas brauchen. und warf einen auf das andere Ufer der Miljacka. »Ich weiß. Es geht um etwas Wichtiges. Man sagt. um Ihnen das zu Sturm sagen. Schw-ei-gen Sie! Ich schicke den Jungen. Mag uns Gott beschützen!« Und Rafo neigte sich weiter lichem Flüsterton hinzu: vor und fügte in ängst- »Der Pöbel hat sich erhoben. Gazda Rafo. und gekombis men. dieser Und wir sehen uns nicht wieder. Fenster Ohne der Mutter etwas zu sagen. das wissen Sie doch.« So verabschiedete sich Rafo. und man konnte nicht weniger und nicht mehr Leute als geAlles wöhnlich am Sonntag um diese Zeit sehen. Gott behüte uns! Man spricht davon. bei Gott. Der Thionfolgei! Man munkelt so allerlei in der Stadt. Sie sehen. sich gelegt hat. Angst und Ungewißheit lagen in der Luft und über lOI .« Rafo schüttelte ungeduldig den Kopf.»Aber wir zwei sind doch Frauen. Was will man denn von uns? Wir haben mit diesen Dingen nichts zu schaffen. Sie ich bin und Ihre Frau Mutter tun mir leid. Erst als das Fräulein allein war. Sie bleiben zu Hause. trat sie ans Blid<. empfand sie ein Un- behagen. um zu brennen und zu plündern. war wie auch sonst an seinem Platz. Auch den Häusern wollen sie zu Leibe rücken. Der katholische Priester hat eine Rede gehalten. Angst in den Augen und den Finger vorm Mund.

seltsame Echo. Als die Sonne hinter den Bäumen unterhalb des Hum-Berges versank und in ihrem eigenen Feuer zerschmolz. ohne daß sie hätte sagen können. als wäre sie aus Eisen gegossen. aber dieser war besonders lang. durchdringenden Stimme.der Landschaft. und die beiZeit zu Zeit die einträchtigen. ausgeglichenen der Menge. die irgendwo in der Mitte der Stadt I02 . Und das Dunkel fiel herab. In das alles mischten sich von Stimmen jemand zum Ruhm und anderen zum Verderben schrien und heulten. so wie sie auch aus jedem anderen und viel geringeren Anlaß geweint hätte. Überall in der Stadt flammten Lichter auf. es hörte sich an. aber die Mutter fuhr fort zu weinen. daß im Hause Licht gemacht wurde. da erlaubte das Fräulein nicht. Die alte Frau begann zu weinen. Am Feiertag ist jeder Nachmittag länger als an einem Werktag. von der Banjski-Höhe und vom Schloß. Der Hauch des heißen Tages erfüllte die Luft noch mit feinem Staub. Alle Glocken übertönte die große Glocke der katholischen Kathedrale mit ihrer scharfen. Von den Kirchen erscholl dumpfes Grabgeläute. Sie saß mit ihrer Mutter am offenen Fenster. Das Fräulein tröstete sie flüchtig und zerstreut. Die Glocken tönten aus der Ferne. das die um Sarajevo als eine bereits erwartete Ant- wort auf diese metallene Musik des Todes und der Erregung zurückwarfen. ein schwüles Dunkel. voll ungewöhnlicher Laute und feierlicher. und in kurzen Intervallen hörte steilen Berge man das gedehnte. wo und wie. was geschehen war und was den serbischen Häusern und Geschäften drohte. Jetzt mußte Rajka ihrer Mutter sagen. furchtbarer Vorahnung großer. schicksalsschwerer Ereignisse.

« Während tigkeit ihrer sie das sagte. daß es nicht gut ist. Die Mutter seufzte laut. Die Mutter blieb in der Finsternis wach und hing ihrer ohnmächtigen Witwensorge nach. Mutter! Das geht uns nichts an. nächten sonst noch lange zu hören sich eine Stille ist. riet ins Stocken. Noch lange lauschten die beiden Frauen in die Nacht. wenn einer ihiei großen Herren Einleitung zu einem traurigen Zwiegespräch umkommt. viel ruhiger war als die früheren. denn von keiner Seite war das geringste Singen und Spielen zu vernehmen. aber ich weiß. mein Kind. »gar nichts wird geschehen. Kind. was geschieht.den Frauen horchten einander am Fenster. »Geh und leg dich nieder«. hab keine Angst!« »Ich weiß nicht. Die armen werden wieder dafür büßen. nachdem die Glocken verstummt waren und die Kundgebungen aufgehört hatten.« »Leg dich nieder und schlafe.« Serben Das Fräulein antwortete nicht. die am Leben bleiben. und wie es uns angeht. Das Der Gedanke an ein Gespräch war ihr ärgerte Rajka. Schließlich gingen beide Frauen zu Bett. als wollte von der eigenen Worte überzeugen. wie sie die Starken und Mächtigen dieser Welt noch eine Zeitlang nach ihrem Tode einem breiteren oder engeren Kreis derer aufzwingen. was bei Frauen immer die ist. Überall breitete aus. das in den Sommerdie. sie fürchtete nicht 103 . unangenehm. sagte sie herb zu ihrer Mutter. und das Gespräch ge»Ach. horchte sie auf die sie sich Stimmen Rich- aus der dunklen Ferne. sie saßen näher bei- als sonst. so als erwarteten sie etwas.

wie hatte. die Rafo in ihr Haus gebracht hatte. war sie ge- um diese Zeit alle Fragen zu lösen. was unbestimmt und doch sie etwas stark mit ihrem Leben zusammenhing. als hätte sie niemals geschlafen. das in der Nähe der Fenster dünner und blasser zu werden begann. erstand vor ihr und bestimmte ihr Verhalten in allem und allem gegenüber. ist erneuert und doch reich an Erfahrungen. mit kühlen Wangen. in der man schwer erwarb und verdiente.) Dann löschte sie das Licht und schlief ein. besonders wenn sie von unbekannten Erdteilen und von der Entdeckung verborgener Schätze und neuer Märkte handelten. Jetzt war der Augenblick gekommen. sondern allmählich für die ganze Welt. Sie fühlte die Nähe einer Krise. Die ganze Welt. Seit jeher Erwachen beim Morgenrot! wohnt.dergeboren. die sie kaufte suchte und regelmäßig las und in denen und fand. ausgeruht und hellwach.:: der Tag noch Nacht eine Lösung bringen konnten. (Reisebeschreibungen waren die einzigen Bücher. soweit sie diese überblicken und begreifen und sie. richtig sehen konnte. aber leicht Schaden erlitt. auch mit dieser Angst abzurechnen. aber sie tat es unhörbar. und sie empörte sich dagegen mit der ganzen 104 . für die we- '. befangen in ihrem Traum. sein Geist ist von durchdringender Schärfe. ohne Lärm und ertragen Bewegung. sie alles im Leben getan und Die Tochter jedoch las einige Zeit in irgendeiner deutschen Reisebeschreibung. Bei Tagesanbruch fühlt sich der Mensch wie wie. Mit geschlossenen Lippen und zusammengezogenen Brauen lag sie im Bett und schaute scharf in das Dunkel. Vor Sonnenaufgang erwachte sie: frisch.nur für die »armen Serben«.

im anderen Fall. Was bedeutete überhaupt wie »allgemeine Probleme«. Mußte das für sie das. Was war geschehen? Man ermordet. als es ihr etwas eintragen konnte oder als es. Alles das war für sie nur soweit vorhanden. die den Kreis dieser Stadt weit überschritt und andere. das sie immer sorgfältig gemieden hatte. daß an diese abhängig 105 .Kraft ihres Wesens. viel größere Interessen traf als die ihrigen. ohne Schaden zu umgehen war. die sie an der Mil- jacka Spazierengehen sah. Das war zweifellos eine große Erschütterung. »politische und »nationale Interessen«? Etwas Fremdes und Fernes. daß es etwas in der Welt gab. und geheim- mit hochgestülptem Kragen an leichten Wintertief mänteln. aber ihre Schuld ihr sie konnte sich nicht damit aussöhnen. die seit den frühesten Jahren bloß hatte den Thronfolger in eine Richtung geleitet war. Was bedeutete das alles für sie? Und woher kam jetzt wenn man es einmal in Zusammenhang brachte: Thronfolger — Politik — Studenten. Sie sah das deutlich ein. die niemals etwas damit zu tun gehabt hatte? Das von alles ging sie nichts an. Und wer waren diese Ereignisse« Studenten? Langhaarige Burschen. Sie drängte es entschieden sich und trachtete bloß danach. was ohne stören durfte für sie etwas Vermögen bedrohen und ihre Pläne und konnte. Schier unerträglidi war ihr der Gedanke. müßig. ernst nisvoll. Verlust. wie sie es über- schreiten oder umgehen könne gleich jedem anderen Hindernis auf dem Wege. gebeugt unter ihren großen schwarzen Hüten. daß ihre Arbeit und ihr Interesse sie selbst Dinge gebunden sein sollten. Gefahr oder wenigstens Stillstand ihrer Arbeit bedeuten.

linken Seite. sich vollständig und für immer Bindungen und Rücksichten zu befreien. und dabei schlug sie mit der geballten rechten Hand auf das Kissen. sie zugeben. auf der Seite der Verlierer zu sein. aber das würde sie »Das niemals!« flüsterte sie halblaut. das sich der sich vor ihr breitmachte. Das Fräulein gedachte nach neun Uhr in die Bank zu gehen und Direktor Pajer aufzusuchen. Alles wollte sie tun. wie sie sich verhalten sollte. um und jede Ungeiegenheit zu vermeiden. durch jene immer ruhige und verschlafene Straße. von allen Plötzlich richtete sie sich im Bett auf. als wollte sie ihren Entschluß schmieden.von etwas. Blick. sondern bewegte lange. Aber sie konnte es nicht erwarten. Und in ihr erhob wütende Wille. Nein. etwas zu sagen. sondern erhob sich schon vor neun Uhr und ging auf ter schaute ihr nach. die Tera- io6 . >Was habe ich mit serbischen sein sollte bereichs lag. Studenten zu schaffen?< fragte sie zornig das blasse Dunkel. so daß niemand mehr das Recht hätte. so Tür schroff hinter Sie ging nicht am Ufer der Miljacka entlang. so wie sie sich niemals an jemand gebunden gefühlt oder von jemand etwas im Namen dieser Bindungen verlangt hatte. um bei ihm zu erkunden. wieweit die Befürchtungen Rafos begründet waren und was jeden Schaden sie tun. das völlig außerhalb ihres Machtund das böse Schicksal irgendeiner Gemeinschaft teilen müßte. das Fräulein aber ärgerte und daß reizte dieser sie die verweinte und erschrockene sich zuschlug. sich auf der inneren. niemals und um keinen Preis würde nie zugeben. Die Mut- wagte jedoch nicht. irgend etwas von ihr zu verlangen. die Straße.

Das Fräulein verbarg sich hinter einem Baum. Es mußte etwas geschehen wie am Vortage. der sich aber bei solchen Gelegenhei- ten nach den Gesetzen irgendeiner unbekannten gesellschaftlichen Chemie plötzlich vereinigt und in Flam- 107 . Schon als sie sah auf der anderen Seite des Flusses das weiße. Man sie atmet leicht und kommt gut voran. zu- Masse über die Brücke auf sie zukäme. was in diesen Leuten steckte. was alles in dieser Stadt lebte. bereit. den wenigen Vorübergehenden Der Morgen in Sarajevo hat auch zur Zeit der größten Hitze den frischen Hauch des Morgens in den Bergen. zerstreut und scheinbar zahm dahinlebt. falls sie den Weg flußauf. teils über die sich am Fluß hinstrecken- de Ebene gestreut war. seinen Pöbel. um alles zu entblößen. bumund winkeligen. das ähn- Volksmenge klang wie am Vorabend. Die ersten Reihen der De- monstranten strömten auf die Uferanlage heraus. große Gebäude der Union-Bank. falls die liegenden Berge. oder ihren Weg zur Bank fortzusetzen.oder flußabwärts einschlagen sollte. oder vielleicht genügte auch ein weniger bedeutendes Ereignis. die sonst arbeiteten oder melten. Es mußten Tage kommen wie diese. einer Wasserrinne ähnelnden Vororten ein Wie jede orientalische Stadt hat auch Sarajevo sein Fakirgesindel. So er- reichte sie bald die Brücke an der Cumurijastraße. Geld verschwendeten oder in den steilen armseliges Leben fristeten. damit man richtig sah. der Jahrzehnte zurückgezogen. rijastraße das Schreien der lich von der Cumuhörte. was in diesem Falle heißt. Hier konnte sie nichts Außergewöhnhches an feststellen. die wie eine Handvoll Körner teils über die steilen Hänge der umrückzugehen.zija heißt.

Gewohnhei- ten und Kleidung verschieden sind. der das Feuer und den Schmutz niedrigster Leidenschaften und ungesunder Gelüste proletariats ausspeit. sich vergeht ihr ganzes Leben. nachdem sie endlich einen tauglichen Grund gefunden hat. drei Hauptkonfessionen hassen ein- ander von der Geburt bis zum Tode. bietet. Ruhm und Sieg und und Schande des andersgläubigen Nachbarn aufSie werden geboren. Die Angehörigen der abgrundtief. wenn feste aber anläßlich eines bedeutenden Ereignisses die Ordnung der Dinge ins Schwanken gerät und Verstand und Gesetz für einige Stunden oder Tage außer Kraft gesetzt sind.men ausbricht wie ein schlummernder Vulkan. beherrschen sie die io8 . die nach Bekenntnis. All jene so lange zurückgehaltenen und schlummernden Wünsche nach Zerstörung und Gewalttat. die lange Zeit Nahrung gesucht und endlich gefunden hat. beziehungsweise ein Teil von ihr. und wie eine Flamme. vernunftlos und und sie übertragen diesen Haß auch als aufs Jenseits. das sie als ihren derlage fassen. diesen ohne daß ihnen Gelegenheit Haß in seiner ganzen Stärke und Schrecklichkeit zu beweisen. in diesem wirklich physischen Abscheu vor dem Andersgläubigen. wachsen und sterben in Nieoft diesem Haß. über diese Stadt. die sonst wegen ihrer feinen Liebenswürdigkeit im gesellschaftlichen Leben und ihrer schmeichelhaften Redeweise bekannt Gehässigkeiten ist. Diese Masse des Lumpen- und des hungrigen Kleinbürgertums be- steht aus Menschen. dann ergießt sich diese Horde. sich jedoch in ihrer angeborenen. die bisher ihre Gefühle und Gedanken bewegt haben. dringen dann an die Oberfläche. heimtückischen inneren Roheit und der Wildheit und Niedrigkeit ihrer Triebe gleichen.

die sie offenbar aus irgend- einem Amt geholt hatten. Sie schrien wahllos »Nieder!« und »Hoch!«. Mohammedaner und Katholiken. bis sie eine Kraft. Dann zie- hen sie sich wie Schakale mit eingezogenem Schwanz in ihre Seelen. spucken.Gassen. aber das Lied. das aus ihren ungeübten. zerschlägt oder bis sie selbst in ihrer Raserei verbrennen und erschlaffen. war auch hervorgebrochen und hatte sich auf die Straßen des neueren Stadtteiles gestürzt. klang verworren und brach mehrmals ab. die stärker ist als sie. Häuser und Straßen zurück. eine jener eingerahmten far- bigen Reproduktionen. meist dürftig gekleidet und schlecht genährt. Diese beiden waren zerlumpte und verschlagene Individuen mit niedriger Stirn 109 . den die verschiedenen konfessionellen Institutionen durch Jahrhunderte nährten. beißen und zerbrechen. alles nach der Anleitung eines etwas besser gekleideten Mannes. In dem Haufen mochten etwa zweihundert Aufwiegler sein. groben Kehlen kam. der sie anführte und der sehr große Ähnlichkeit mit einem Polizisten in Zivil hatte. wo sie wieder jahrelang verborgen leben und bloß in bösen Blicken. häßlichen Redewendungen und obszönen Bewegungen hervorbrechen. mit den Spuren des Elends oder des Lasters im Gesicht und in der Haltung. Dieser für Sarajevo eigentümliche wütende Haß. Vorn trugen zwei Männer ein Bild des Kaisers Franz Joseph. für eine andere Ordnung und andere Umgangsformen erbaut worden waren. den die klimatischen und schaftlichen Verhältnisse begünstigten schichtliche jetzt gesell- Entwicklung unterstützt und den die gehatte. Sie versuchten auch die Staatshymne zu singen. die unter anderen Vor- aussetzungen.

das Bild umzudrehen. die sich fest an ihn schmiegten wie ein zweiter. im Schatten ihres Elends. glänzend und feierlich. die an ganz andere Arbeiten gewöhnt waren. Nach kurzem Schwanken und einigem Hin und Her. wie ihn einem tierisch Menschen haben. wie es sich gehörte. sie es fest gen Fäusten. Das geschmackvolle weiße Gebäude der Union-Bank HO . bis sie hinter ihrer ehemaligen Schule in Richtung auf das Gymnasium verschwanden. Die Gestalt des Greises mit dem weißen Backenbart und der Glatze. leben- der Rahmen. irgendwo an der Peripherie zu leben und zu arbeiten. eingeschnürt in einen weißen Waffenrock mit golde- nen Knöpfen. wer und was sen. Das Fräulein wartete. stach sonderbar ab von den beiden liederlichen Menschen mit dem ärmlichen Aussehen und der kläglichen Haltung. wobei sie unter dem und zerknüllten Hut heimtückische Blicke nach rechts links warfen. die aber auch genau wis- gut wissen. die seine hohe Stirn ins Endlose fortsetzte. So langsam wie bei einer Prozession voran.Gewohnt. roter Schärpe und einer Reihe von Sternen und Medaillen. mit frechen Gesichtsausdruck. währenddessen jemand die zwei ermahnte. und begab sich dann über die Brücke zur Bank. daß ihnen zur Zeit niemand etwas anhaben kann. und trübem Hauptstraßen der Stadt tragen durften. In ihrer Eile und Verwirrung hatten es sie das Bild umgedreht. hielten sdiritten sie wie die Neger ihren Fetisch. so daß aber mit ihren riesi- mit dem Kopf nach unten wies. sie sind. daß sie das Bild des Kaisers durch die Blick. waren sie jetzt verlegen und zugleich voll dreisten Stolzes. zog die Menge den Kai hinab.

die als die teuersten in Sarajevo galten und schon seit Jahren von einem Rechtsanwalt und einem Arzt bewohnt waren. darauf lagen bosnische Teppiche am Eingang und persische im Hintergrund. Hier gelangte man aus einem engen Vorzimmer unmittelbar in die geräumige. wo den größten Teil des Tages Licht brennen mußte. Nur Fremde und Neulinge gingen gang. mit der er in Berührung kam. Doch Pajer gab diesem großen Raum wie auch jeder kleinsten Sache. und im Winter brannten in dem großen Kachelofen schwere Buchenscheite. Zur Zeit der Sommertage herrschte hier Kühle. der auf eine kurze. de und Bekannten benutzten den Nebeneingang betraten das namenlosen Gasse. ein persönliches und angenehmes Aussehen. an denen jetzt alle Rouleaus herabgelassen waren.an der Ecke der Cumurijastraße nahm eine Front von achtzehn Metern auf der Kaiseite ein. Der ganze Fußboden war mit gewalktem grauem Tuch bedccl^t. vorbei zum Direktor durch den Haupteinam Schalterfenster des Portiers. und darüber zwei Stockwerke mit zwei großen Wohnungen. die frostige Leere gewöhnliclier Bankier- Da sah man Liclitbilder von Frau Pajer. An den Wänden hingen einige Aquarelle in lebhaften Farben mit Waldlandschaften und Jagdszenen. neben dem Schreibtisch. halbdunkle und etwas feuchte Kanzlei des Direktors. schmale Gasse hinausführte. alle waren gleich groß und stammten offenbar von demselben Maler. und auf ihm herrschte weder Unord- nung noch tische. einer III . Im Erdgeschoß befanden sich Kanzleien. alle Freunund Haus von dieser kleinen. Es war ein großer Tisch. Die Kanzlei des Direktors war im rückwärtigen Teil des Gebäudes untergebracht und hatte einen eigenen Ausgang.

an den Schreibtisch gelehnt. zwangloser Bewegung. Der hohe weiße Kragen und das schwarze Plastron verliehen ihm ein feierliches. mit verschränkten Armen stehen blieb. Dahinter glänzten auf tiefen Regalen in lan- gen Reihen die goldenen Einbände der Bücher. »Sie wissen. daß ich tun hatte. die sehr von seinem Äußeren abstach. 112 . in der fast das ganze Jahr hindurch Blumen oder grüne Zweige standen. Bekleidet war er mit einem schwarzen Redingote. was sie von Rafo gehört hatte. Auch die Zeitungen haben mich angegriffen. und dämmrig wie in Blumen in der grünen Vase waren nicht erneuert worden und hingen herab. während er selbst. Er stand da wie ein Mensch.« Pajer biß sich auf die Oberlippe. Mit breiter. aus dem Haus zu gehen. Die den zum Zeichen der Trauer geschlossen. An diesem Tag blieb die Bank wie alle anderen Institute und LäIn der Kanzlei war es jetzt frisch einer Kapelle.schwarzäugigen Frau mit einem Pantherkörper. Das Fräulein teilte ihm kurz mit. und äußerte ihre Befürchtungen hinsichtlich ihres Hauses und Vermögens. Der Direktor war nur auf einige Augenblicke hierhergekommen. einem schönen Jungen in der Kleidung seines Internats. sowie neben der bronzenen Statuette eines Hirsches eine Vase aus grünem Glas. ungewöhnliches Aussehen. daß bei mit diesen Dingen nie etwas zu mich immer ferngehalten habe und ich den serbischen Vereinen sogar schlecht angeschrieben bin. und ihrem Sohn. bot er dem Fräulein einen Platz an. der gerade im Begriff ist. bevor er zum feierlichen Requiem für die Opfer des gestrigen Attentats in die Kirche ging. was bei ihm das Zeichen größter Ungeduld war.

andere. irgendeine Erklärung oder so etwas abzugeben. in dem sie saß. Sie sind die nicht so handeln. um Sie zu fragen. aber warum sind Sie so vorschnell und sondern sich von Ihrem Volke ab. Lassen Sie sich nicht durch diese und damit Sie nicht etwas tun. sich später 113 . Ich weiß. sie Dinge wahrzunehmen. . Sie sind Serbin. was geschieht. ohne daß es jemand von Ihnen verlangt hat? Und selbst wenn man es verlangen würde. hatte nicht bemerkt. wenn er lebte.erst »Hören Sie. viel- auch eine freiwillige Spende . »Hören Sie.«« Hier ließ Pajer die Hände sinken. »mir scheint. für die ganze Welt und besonders für die Serben. trat einen Schritt näher und beugte sich über den . daß Ihr Konforti Sie mehr als nötig erschreckt hat. Ich weiß selbst nicht. hervor- tun. nannte Geblendet von ihrer Leidenschaft. die viel wichtigere unmöglich machte. daß Sie sich durch Horde verwirren nichts. fuhr Pajer fort. daß alles. und das zu sein ist keine Schande.. Ich bin zu allem bereit. ich gekommen. es ihr wegen ermahnen mußte. als er sie ihres eigenwilligen Vorgehens oder ihrer Wuchergeschäfte er sie Fräulein. was Wenn . Im Gegenteil. auch nicht durch Loyalitätsbezeigungen.»Und jetzt bin zu tun leicht ist. . es nötig ist. Sessel. Tochter Gazda Obrens und dürfen wie auch er sicher nicht so gehandelt hätte. wessen Sie schämen und was sie bereuen müßten.en. gerufen. Mein Rat geht dahin. Diese Menschen werden aucli nicht ewig brüllend durch die erschrecl<. Fräulein . daß er sie in den letzten Jahren nicht mehr anders ansprach. Fräulein«.« Einst hatte er sie mit dem Taufnamen später. sehr mißlich und schwer ist und daß noch viel Schwereres kommen wird.

Straßen laufen. Bleiben Sie in diesen Tagen zu Hause,

und wenn Sie etwas brauchen, kommen Sie zu mir oder
rufen Sie mich, dann werden wir uns beraten.«
Pajer

sprach mit gedämpfter Stimme,

und

seine

Augen zitterten in leichter Verwirrung. Das Fräulein verließ ihn unbefriedigt und begab sich unsicheren Schritts zu ihrem Geschäft. Es war nicht ihre Gewohnheit, die Strafte und die Menschen um sich zu betrachten und sich darüber Rechenschaft zu geben, was
sie erblickte,

aber diesmal betrachtete

sie alles

sehr auf-

merksam. Zwar waren die Läden geschlossen, doch gab das den Straßen kein festtägliches Aussehen. Die Zahl der Passanten war geringer, die Pvuhe auf der Straße größer als sonst. Die Straßen sahen aus, als hätte sie in der Nacht ein ungewöhnlicher Sturmwind gekehrt und gereinigt und nur eine leere Fläche und die Angst vor einem neuen Unwetter hinterlassen. An den Dächern und Fenstern tauchten immer neue schwarze Fahnen auf. Ihr Geschäft am Eingang in den Veliki Curciluk war unberührt, die große eiserne Tür war wie bei den
übrigen Kaufläden geschlossen, und darüber lagen

kreuzweise zwei eiserne Stangen. Sogleich machte
sich

sie

wieder auf den

Weg und

eilte

durch die fast leeren

Straßen zur oberen Stadt. Sie fand Veso in
abschüssigen Hof, der nach

dem

engen,

dem

reinlichen Pflaster

und von und den weißen Hauswänden
duftete

Blumen

glänzte.
ster auf

Im hinteren

Teil des Hofes

war über dem

Pfla-

weißen Leintüchern Mehlteig

ausgebreitet.

Veso war vollständig angekleidet, nur trug er weiße Strümpfe und flache Pantoffeln. Mit einer Gerte in der

einem Stein und gab acht, daß die Hühner nicht an den ausgebreiteten Teig herankamen. Das
er auf

Hand saß

114

Fräulein ärgerte die Ruhe dieses Idylls, das so gar nichts von ihren eigenen Sorgen und Ängsten hatte. »Veso, ich bin gekommen, damit wir besprechen, wie

wir mit

dem

Geschäft verfahren.«

»Auch

ich wollte

schon zu Ihnen

kommen,

um

zu

sehen, wie es Ihnen geht.

Das Geschäft habe

ich laut

Anordnung

geschlossen, wie es auch die anderen getan

haben. Jetzt wollen wir sehen, was weiter wird.«

»Wie? Wir wollen sehen? Siehst du denn nicht, daß sich der Pöbel erhoben hat, um die serbischen Häuser und Läden zu zerstören? Man muß etwas tun.«

»Was können wir schon tun?« »Man kann eine schwarze Fahne
.

herausstecken. Ich

habe es an anderen Läden gesehen.« »Das kann man .«, erwiderte Veso gedehnt.
.

»Das kann und muß man.« »Wir warten ab, was die übrigen Serben und Kaufleute machen, und danach handeln wir dann.«

»Was gehen mich die übrigen an? Die übrigen können sich, wenn sie wollen, den Hals brechen, wozu sie
sich ja

schon anschicken, aber ich will nicht, daß

man
wir

mein Geschäft anzündet oder mein Haus plündert.«
»Langsam, Rajka, unser Geschäft
wollen
es
ist

nicht

allein,-

mit den anderen Leuten halten, und wie es

denen ergehen wird, so auch uns.« »Mit welchen Leuten? Ich lebe nicht von diesen Leuten, sondern von meiner Arbeit. Und wenn ich Schaden leide, wird niemand kommen und mich fragen, wie es mir geht und ob ich weiterkann.«
Sie sprach schnell, voll verhaltenen Zorns.

»Ach, Rajka. Ich will nicht abseits von den Unsrigen
stehen,

und deshalb werde

icli

wie

sie

handeln.«
115

überrascht betrachtete

sie

ihn näher. Klein und ver-

schrumpft wie sonst, in flachen Pantoffeln, mit einem
Stock in der Hand, so stand er vor ihr,
er

und doch

hatte

etwas
sich.

feierlich

Ruhiges und männlich Entschlossenes

an

Er stand aufrechter da als gewöhnlich, als trüge

er ein eisernes Skelett in

diesem schwachen, kleinen

Körper.

Die unerwartete Geistesgegenwart des sonst schwäch-

Mannes und sein trotziger Gleichmut verblüffund erbosten sie. Scharfe, zornige Worte drängten sich auf ihre Lippen, prallten aneinander und stauten
lichen

ten

sich.

Und

gerade, als sie mit aller Entschiedenheit er-

klären wollte, daß

essen handeln werde

Kaufleute

sie

nach ihrem Kopf und ihren Interund das Verhalten der serbischen wenig angehe, hörte man von oben aus
sie

dem Hause

eine schrille Frauenstimme:

»Ksch, Gott soll euch erschlagen! Ksch, verrecken sollt
ihr, bei Gott! Veso, du Nichtsnutz, siehst du denn nicht, daß die Hühner den Teig auffressen? Ksch, ksch!« In der Haustür stand Vesos Frau Soka, klein wie er, mit einer weißen Schürze und mehlbestaubten Händen,

sonst aber sauber

und

gepflegt. Beide

Hände schwin-

gend, verjagte

sie die

Hühner, die

tatsächlich Vesos Ge-

spräch dazu benutzt hatten,

herbeizukommen und den
Teig zu picken. Sofort

auf

dem Leintuch ausgebreiteten

schwenkte Veso einige Male seine Gerte. Die Hühner
liefen hinter das Haus,

und Soka kam, Rajka zu

be-

grüßen.
keit des miniaturhaften Paares

Mit der kleinen Aufregung in der Miniaturhäuslichwar das Gespräch zwi-

schen

dem Fräulein und Veso im wesentlichen beendet.
knapp und
zerstreut, entschlos-

Sie verabschiedete sich

ii6

sen,

von diesem Menschen unter den

jetzigen Verhält-

nissen nichts zu erwarten, sondern alles allein zu tun,

aus eigener Kraft

und nach eigenem Verstand.
nichts für sie schwer

Wenn eine Frau wie sie blind und hartnäckig in einer
Richtung geht,
ist

Obwohl
verwirrt

die Kaufläden geschlossen

und unmöglich. und die Menschen

und

völlig durcheinander waren, fand das

alles, was nötig war: an ihrem Fiaus und ihrem Geschäft hingen schwarze Fahnen. Sie war nicht die erste, die sie aushängte, aber sie würde die

Fräulein bis Mittag

letzte sein, die sie einzog.

117

V

Im Leben

eines jeden

Menschen

gibt es trübe Zeiten,

von denen seine Erinnerung meist schweigt oder nur beklommen spricht. So eine Zeit waren im Leben Rajkas die Kriegsjahre. Die vier Jahre waren wie ein lebhafter, seltsamer Traum, begleitet von starken Gefühlen des Aufschwungs, der Angst und endlich verdüstert von
Schwierigkeiten, Verlusten

und

einer Bitternis, die sie

auch heute noch nicht verstand, die jedoch nie von ihr

weichen würde.

Der erschossene Thronfolger und seine Gemahlin wurden in feierlichem Zuge zum Bahnhof übergeführt.
Es

kam zu

zahlosen Verhaftungen und verschiedenen
Schlagzeilen aus,

Gewalttätigkeiten. Die Lokalpresse tobte sich in Extrablättern
klärte

und unaufgeoder aufgehetzte Menschenmassen gaben ihren und großen
sie selbst

Gefühlen in Rufen Ausdruck, die
verstanden.

nicht recht

Nach

diesen schweren, ungewöhnlichen

Tagen

trat plötzlich überall eine

sonderbare

Stille

ein

wie nach einem starken Knall. Nicht nur, daß

es

keinen

Lärm, keine aufregenden Ereignisse und geräuschvollen

Massenbewegungen mehr gab. Es war eine aktive Stille, in der die Menschen angestrengt horchten und neue
ii8

der ihre ihre Sorge. Das genügte konnte. was die Stadt. die irgendwer nötig hatte. Weder ihr Haus noch ihr Geschäft waren überfallen oder beschädigt worden. Nicht eine ihrer Befürchtungen hatte sich verwirklicht. hatte ihr etwas übel- genommen. In dieser Stille fühlte sich das Fräulein in ihrem Ele- ment. während in ihren Ohren noch nicht einmal das Echo der kaum vergangenen Ereignisse erstorben war. die Untätigkeit und die gewalttätigen. war nidit niemand finden Zufriedenheit. ungeordneten Bewe- gungen der Volksmenge vorbei waren. Es ärgerte sie bloß. daß man nicht mehr schoß und auf den Straßen nicht randalierte und Häuser und Läden nicht zerstört wurden. Man sah auch gänzlich verstörte Gesichter und verweinte Augen. und fragte sich nicht.Ausbrüche erwarteten. Aber das Fräulein trug all dem nicht Rechnung und wollte es nicht tun. Es war eine gelenkte Stille. ordnen und anderes planen konnte. zu erraten. an einem unhörbaren Laut. Sie dachte nicht daran. was Stille sich hinter dieser verbergen könnte. Sie wußte nur. der jedoch keiner ganz vertraute. der sich irgendwo dahinter verbarg. Überhaupt alle hatten Sorgen. Sorglosigkeit und ArAlles andere sie daß beitsfreude so richtig geteilt hätte. Das waren Serben. das tete. in den Banken war man zurückhaltend. die Kaufleute waren verwirrt. »wohin das umschlagen« würde. daß man das. Daß man wieder an Geschäfte denken und rechnen. Volk und die ganze Welt zum Schluß erwar- Die Hauptsache war. Niemand ihr. bestrebt. Alle hatten einen ab- wesenden Blick und eine träge Zunge. Allerdings. sondern jeder lauschte. daß jenes Getümmel. steif und stumm wie in der Kirche. Selbst Rafo Kon- 119 . was im Flusse war.

und was immer ihm vorschlug. Was kommen mußte. sondern zusammen und überstürzten sich. war da. die allgemeine menschliche alles tritt fast aller kurz hintereinander. Das Ultimatum an Serbien. wies er mit unklaren zurück. Kanonen schössen. dann wurde die Stille wie in einem großen Orchester tatsächlich unterbrochen und schlug in einen allgemeinen Aufruhr und Krach um. damit wir sehen. aber warten wir ab. welche die verschiedensten Ursachen hatte. eine Parole: kaufen. Auf Worten jede ihrer sie Fragen antwortete er unbestimmt. und dieses Beben vereinte sich mit der Unruhe. Dann gerieten die Massen und die Ereignisse auf unvorstellbare Weise in Bewegung. »Gut. Militärkapellen schmetterten. die — versteckt oder offen — alle Bewohner dieser unseligen Stadt beherrschte. Er hatte nur einen Rat. Die Presse donnerte zuerst los. was sein würde. Wer so I20 . Sie ging zu Rafo Konforti und fand ihn jetzt seltsamerweise munter. Die Luft zitterte ununterbrochen aus unersichtlichem Grunde. Er wartete nicht mehr. Glocken läuteten. Die Ereignisse reihten prallten sich nicht aneinander. Von neuem erschienen Sonderaus- gaben der Zeitungen mit Lettern in Daumengröße. Fräulein. um zu sehen. konnte sich das Fräulein nicht zurechtfinden und nicht fassen. So verging ungefähr ein Monat.forti war noch nicht zu sich gekommen. was wird. die Kriegserklärung und dann der Eineuropäischen Großmächte in den Krieg. Gleichzeitig verstärkten sich dieses Beben der Luft und Unruhe. daß er an etwas anderes dachte." Aber man sah ihm an. in neuen Formen und einem bis dahin nicht gesehenen Umfang. bis sich das ein wenig legt. Durch all das verwirrt. lebhaft und unternehmungslustig.

Ilic-Ziegelei Unter anderem auch Ziegel in der Kosevo. in ihrer Nähe. bescheiden und unmerklich. von unwahrscheinlichen Drohungen und unerwarteten und unklar wie Und die Verwirklichungen. das alles und nahm ihre ganze AufmerksamAnspruch. Auch hier. in dem man Friedhof.rasch wie möglich kaufte und so langsam wie möglich verkaufte. in Sarajevo selbst. Die gewaltigen Ereignisse und die sich überall in der großen Veränderungen. schwere Kampf. die aus alle fen. geschahen nie gesehene und unerhörte Dinge. der hatte die Zeichen der Zeit verstanden. irgendwie mächtig »Alles. sich dem zu einem Entschluß durchrang. von den ersten kriegerischen Zusammenstößen. sie größer. die Spekulationen begleitete und bei Verlust füllte ihre Zeit keit in und Gewinn gleich groß war. auch hier vor ihren Augen. was er bekommen konnte. das Fräulein mit ihrem Anteil.« Rafo kaufte tatsächlich. der machte Geschäfte und würde allen Veränderungen mit schwacher die Stirn bieten können. Fräulein. lassen ein bis zwei Prozent Monate liegen und können sie mit achtzig Gewinn verkaufen. Nach und nach wurde sie immer freier und kühner. Sie und neu kaufen heute Ziegel. von Zeitungsnachrichten. sah sie bloß in einem Traum. Dieses Abpassen der Geschäfte. wobei sie ängstlich Rafo anschaute. der lange. Man lebte schnell und üppig und litt offen und im ver121 . Welt hallte wider von mächtigen Massenbewegungen. der ihr erschien. »Was soll ich kaufen?« fragte sie Stimme. das Wiederverkaubange Furcht. die Schreien glichen. die flüchtig Welt vollzogen. unmittelbar neben in Ihm folgte in einigen kleineren Geschäften.

es war wie eine Seuche. Alles. durch ihre Willensstärke ins Unterbewußtsein zurückgedrängt. Auch ihre Mutter sprach ständig davon. Schnaps und Tabak. Zugleich hatte man über große Mängel und Leiden zu klagen. und die Menschen hatschwitzten in den grauen ten den Wunsch.borgenen. sondern gewaltsam. brachte sie sie für einen Augenblick in Verwirrung. zu vergessen. Man sah zertretenes Obst und Melonenschalen. sondern auch angesehene Kaufleute und friedliche Staatsbeamte. In allem herrschte ungesunde Verschwendung. warf aus ihren geschäftlichen Gedanken und für andere verlor sich wieder. Es war ein Getümmel und ein Singen ohne wahre Freude. und vom Weinen waren ihr die Lider gerötet und der Mund geschwollen. Allerorts verhaftete man Serben und führte sie in provisorische Gefängnisse ab. aus manchen waren alle erwachsenen Männer abgeführt 122 . was Menschen den Inhalt und den Sinn als des Lebens ausmachte. Die einen trugen noch ihre Bauerntracht. sah sie in ihrem ruhigen Leben und ihrer regelmäßigen Arbeit lediglich Hindernis an. was die Welt ängstigte und in Sorgen versetzte. Alles. Besonders erzürnten sie die Nachrich- ten von der Verhaftung und Verfolgung der Serben. es gab Geschrei und Geschimpfe. Selbst zu Hause blieb sie davon nicht verschont. denn auch die Häuser ihrer nächsten Verwandten blieben nicht verschont. die gar nicht aufhören wollten. Die Stadt steckte voller Reservisten. Das geschah nicht nach Recht oder nach einem ergründbaren Gesetz. und zwar jetzt nicht nur junge Leute und Studenten. die anderen und blauen Uniformen und den neuen Soldatenschuhen. blind und auf gut Glück. kam schließlich auch dem Fräulein zu Ohren.

der Witwe Luka Pavlovic'. ihm zuzulächeln. zusprechen. eine dumme Schüchternheit hinderte sie daran. die anderen und rücksichtsvoll. aber irgenddruß zu. daß ihr die Feinde den Sohn wegführen und sie ihm jetzt im Alter nachtrauern muß. und mir gebegleitet. sagte sie. die einen frech die Polizisten bei der Haussuchung und Verhaftung nommen höflich und roh. denn das Erzählen war ihr ein schmerzliches und unwiderstehliches Bedürfnis. So kehrte sie zum Beispiel von einem Besuch bei ihrer Nachbarin Lepsa. die beklagenswerte Lepsa.worden. was sie gesagt und was die Verwandten ihnen geantwortet hatten. Die Mutter ging zu ihnen. und laufe nicht von Haus zu Haus. kehrte gebrochen gräbnis um ihr Beileid ausWie sich — wie von einem Bebe- — zurück und erzählte Einzelheiten.' sen<. während die Worte und Tränen nur so heraussprudelten. daß sie verstummte oder wenigstens den Gesprächsgegenstand wechselte. wie alles war. ich bin im Recht. sagte sie >bis zur Hoftür und als er an der Tür war. um jemand zu bitten. Das Fräulein hörte der Mutter mit Unmut und Übersie wünschte. 123 . »Ach. Ach. sie zu unterbrechen. Mutter. hatten. >Ich habe ihn<. sondern saß angekleidet da. die Arme! Sie hat mir erzählt. eine heimliche Scham. was der Verhaftete mitgenommen und was er beim Abtransport ins Gefängnis geäußert. warum hat sie erle- ben müssen (Gott schütze einzigen sie!). hat er sich umgedreht und gesagt: Weine nicht. damit sich die Feinde nicht freuen. Und die Alte flüsterte weiter unter Tränen und konnte kein Ende finden. zurück und konnte lange nicht zu sich kommen. schieht nichts. . Und ich habe mir den Schmerz verbis- >und habe versucht.

damit

er

mich so in Erinnerung behält;
nicht. Als sie

ich schaute

ihn

an und sah ihn
Schwelle, lächle

ihn schon hinausgeführt

hatten, schien es mir, als stehe er noch

immer

auf der

und

sage etwas zu mir.<«
fort, so

Das Fräulein stand ungeduldig auf und ging
als hätte sie

etwas Geschäftliches zu erledigen.
ihr diese

Von Tag

zu Tag wurden

Erzählungen

vom

Leiden und

Heldentum verhaßter; alles erschien ihr übertrieben, unnütz und schädlich, aber sie hatte nicht den Mut, es offen zu sagen. Das kam selten bei ihr vor. In allen anderen Dingen ließ sie ihrer Mutter gegenüber jede Rücksicht vermissen, doch in diesem Falle wagte sie es, ebenso wie seinerzeit in der Geschichte mit den Bettlern, nicht, ihr offen

zu widersprechen. Sie gab

sich

nicht zu Hause zu sein, wenn Frauen zu Besuch kamen, in deren Familie jemand verhaftet war, denn dann nahmen diese von Weinen und Seufzern erfüll-

Mühe,

ten Gespräche, die

sie

persönlich für zeitraubend

und

unwürdig hielt und

die in ihr sonderbare

und gemischte

Gefühle der Verachtung, des Überdrusses und der
Schuld hervorriefen, überhaupt kein Ende. Sie haßte

Gerede« nannte, aufrichtig; noch den Kaffee und den Likör, die dabei regelmäßig aufgetragen wurden; am meisten aber haßte
das,
sie »leeres
sie

was

mehr haßte

sie die leidenschaftlichen

und

feierlichen Gefühlser-

güsse,

an denen

sie nicht

teilhaben konnte.

In diesen Ausnahmefällen war es unmöglich, die Be-

suche zu verhindern und den Menschen den Zutritt zu

verwehren. Auch fand das Fräulein nicht die Kraft dazu, besonders da es sich

um

Frauen aus der nächsten

Verwandtschaft handelte.

Häufig
124

kam Divna zu

ihnen, ihre nahe Verwandte

und

Altersgenossin, die junge Frau des bekannten

Arztes Josifovic; ihren

Mann und ihren Schwager hatte war schon immer mager gewesen, aber in diesen wenigen Wochen war sie ganz zusammengeschrumpft und verdorrt. In schwarzem Kleid, denn sie trauerte noch um ihre Mutter, mit schwarzem schwerem, ungepflegtem Haar über den großen, entzünman
verhaftet. Sie

Augen bewegte sie sich wie eine Gestalt aus einer Tragödie. Wie eine Blinde begrüßte sie Rajka und setzte
deten
sich
viel,

neben

die Mutter, sprach jedoch auch

mit ihr nicht
sie

bloß ihre Tränen flössen unaufhörlich;

wischte

sie

nicht ab, sondern
Seite.

Kopf zur
liche

wandte nur von Zeit zu Zeit den Rajkas Mutter suchte sie auf jede mög-

lein

Weise zu trösten und zu beruhigen, und das Fräuärgerte sich, daß sie weder ein Wort noch ein
als

Lächeln finden konnte.

Divna fort war, brachte sie nur ein paar trockene Worte hervor und bemühte sich, das Gespräch in andere Bahnen zu lenken. »Nie habe ich gesehen, daß jemand soviel Tränen
Aber auch
vergießt«, sagte sie

kühl und plump.

»Ach, mein Kind, sie weint um zwei: um ihren Mann und ihren Schwager, und was für einen Schwager.« Und das Fräulein war verlegen und brachte kein Wort mehr heraus, so als würde das Gespräch in einer

fremden Sprache geführt.

Kaum war Divna gegangen, so kam Tante Gospava. Wieder wurde Kaffee gekocht, und wieder begann das Gespräch von Verhaftungen und Leiden. Nur war Tante Gospava das genaue Gegenteil Divnas. Kräftig und betulich, wie sie war, weinte und klagte sie nicht, dafür sprach sie, sprach laut und rüd<.sichtslos. Schon am cr125

sten

Tag nach dem Attentat war

ihr

Sohn verhaftet
sich

worden, der in Prag Medizin studiert und

durch

seine Arbeit in der revolutionären nationahstischen

Jugend hervorgetan hatte. Bald darauf wurde ihr Mann,

Amtes enthoben, und bedeutungsloser Mann war, der ganz zurückgezogen lebte. Jetzt saß er mehr tot als lebendig zu Hause und vermochte nicht zu begreifen, wie ihm das geschehen konnte, da er sich »niemals
ein höherer Staatsbeamter, seines

obwohl

er ein sehr ruhiger

in etwas eingelassen« hatte.

Tante Gospava war mutig
sie

bis zur

Unbesonnenheit;

hatte,

war stolz darauf, daß man ihren Sohn eingesperrt und jedem, der es hören wollte, sagte sie, daß
ist,

»das serbische Volk kein Fladen

den einer
sitze

zum
und,

Frühstück verschlingt«. Sie klagte über ihren Mann, daß
er

kleinmütig

sei,

daß

er ständig

zu Hause

wenn

er es schon wage, auf die Straße
einer, der

zu gehen, den

Kopf ducke wie
»Also, heute

etwas verbrochen habe.

morgen

sage ich zu ihm:

>Was

sitzt

du

wie eine Frau zu Hause? Geh unter die Leute! Nur geh mir, ich bitte dich, nicht mit diesem Gesicht auf die
Straße!

Wenn

dich der Pöbel so blaß
fürchtest, weil

und

traurig sieht,
bist,

merkt

er,

daß du dich

du ein Serbe

und es ergeht dir schlecht. Trag vielmehr den Kopf hoch, mach ein heiteres Gesicht und geh frei zwischen dem
Gesindel hindurch !<«

Tante Gospava fuhr in ihrer hastigen, scharfen Rede fort, ohne die österreichischen Behörden und die lauen Serben zu schonen. Das Fräulein jedoch fand
irgendeinen Grund, in die Stadt zu gehen. Tante Gos-

Und

pava wandte
sie

sich übrigens

niemals an

sie

und

hatte für

kein Wort und keinen Blick übrig, aber
126

man fühlte,

daß jedes Gespräch zwischen ihnen unangenehm enden
müßte. (»Der Teufel hat von ihrer Seele Besitz ergriffen«, sagte Tante Gospava, wenn von Rajka und ihren
Geschäften die Rede war.)

So etwas Unangenehmes konnte einem auch auf der

Wie zerstreut der Mensch auch sein mag, wie sehr seine Gedanken auch von Geschäften beStraße widerfahren.

ansprucht und die Augen auf die Erde geheftet sind, er kann nicht umhin, irgendeinen von denen zu sehen, die an ihm vorübergehen oder durch die Straße geführt werden. Wenn du ihn nicht siehst, sieht er dich. So ging es auch dem Fräulein. Kaum war sie aus dem Hause getreten, hatte die Brücke überschritten und auf dem
breiten Kai den

Weg zum

Stadtinnern eingeschlagen,

da bog eine Gruppe von etwa zehn Menschen
Straßenecke; ein

um

die

Gendarm und zwei

Reservisten in

neuen Uniformen begleiteten sie. Das Fräulein beschleunigte den Schritt und wandte den Kopf zur Seite, um nicht unter den Verhafteten einen Bekannten zu entdecken. Der kleine Zug war schon an ihr vorbei, da
erscholl plötzlich aus der letzten

Reihe eine jungen-

haft fröhliche Stimme:

»Grüß

dich, Rajka!«

Sie schielte

hin und sah, daß

es ihr

Verwandter Kon-

stantin Josifovic war, der sie anrief: ein langbeiniger,

blonder Student der Technik, mit einer Stupsnase, barhäuptig, mit offenem

Hemd

über

dem braungebrannMann, dessen

ten Hals. Er war ein spottlustiger junger
sie sich

gut aus der Zeit erinnerte, da er noch ins

Gym-

nasium ging und als bester Sportler und ausgezeichneter Mathematiker bekannt war. Sie erbliclcte nur sein
lächelndes Gesicht

und ging

schnell in der anderen

121

Richtung davon. Aber hinter ihr erscholl es noch einmal, ironisch

und lachend:
grüß dich!«
jetzt das

»Grüß
>Solche
Schritt

dich,

Dinge vergällen einem
Tritt
<

Leben auf

und

und hindern

einen, seinen Geschäften

nachzugehen. So dachte das Fräulein, und zur gleichen
Zeit,

unabhängig von jedem ihrer Gedanken, kroch ihr Angst vor der Behörde über den Rücken, die

die kalte

Angst vor Strafe, vor einer eigenen unbegreiflichen Mittäterschaft an unbegreiflichen, strafbaren Handlungen.
Voller Haß dachte sie an diesen Konstantin, »der niemals
ernst war«,

an die Familie

Josifovic, ihre

Verwandten,
Zuchthaus

die sich

anscheinend gelobt hatten,

alle ins

kommen und auch die anderen hineinzureißen, und an all diese Verhaftungen und Leiden ringsum, die von den einen mit Tränen, von den anderen mit einem Lächeln quittiert wurden. Sie senkte den Kopf und bog rasch in die erste Straße links ein, entschlossen, niemand zu sehen und zu hören, niemandes Ruf zu folgen und sich nicht von Leuten und Ereignissen das Leben vergällen und die Geschäfte stören zu lassen, von Leuten und Dingen, mit denen sie nichts gemein hatte und nichts gemein haben wollte.
zu

Aber
als

es ist leichter,

einen solchen Entschluß zu fassen
sie

ihn zu verwirklichen. Bei jedem Schritt stieß

auf

Verhaftungen von Landsleuten, Bekannten und Ver-

wandten und auf Tränen und Gespräche, die sie begleiteten, sie aber wehrte sich gegen sie und gegen jede Berührung mit ihnen. Zuerst flüchtete sie und versteckte sich, bemühte sich, unangenehmen und gefährlichen Begegnungen und Gesprächen auszuweichen, oder begegnete ihnen mit gleichgültigem Schweigen. Als das
128

Die Zeitung »Hrvatski Dnevnik« benutzte die Gelegenheit. und lehnte mit den nächsten Verwandten zu ver- kehren oder ihnen zu helfen. Als der Staat die erste Kriegsanleihe ausschrieb. zu unterstreichen. Es gelang dem Fräulein. mit der Mutter in Sara- jevo zu bleiben. trat sie offen dagegen auf es sogar grob ab. Sie verschaffte sich die Fähnchen und verschiedenen Embleme der Mittelmächte. Auch sonst nahm sie jede Gelegenheit wahr. den anderen zum Vorbild. daß das Fräulein sogleich auf sehr geschickte Weise alle Verpflichtungen der gezeichneten Anleihe abschüttelte. Nur jene. Die ersten Monate der Verwirrung und der großen Bewegungen. da man ohne Maß gelebt 129 . und das unter sehr günstigen Bedingungen. Nirgends stand jedoch geschrieben. die in staatlichen Ämtern saßen oder mit kriegswichti- gen Arbeiten betraut waren. daß es ne- ben der verirrten und verführten serbischen Intelligenz auch solche »loyalen Mitbürger griechisch-orthodoxen Glaubens« gebe. konnten in der Stadt verbleiben. ihre Loyalität öffentlich zu zeigen. daß es auffiel.nichts fruchtete. im Herbst 19 14 Sara- wurde die Evakuierung dieser befestigten Stadt angeordnet und die Mehrheit der städtischen Bevölkerung ins Innere des Landes geschickt. Die Lo- hob ihren Namen besonders hervor. Als sich die serbischen Truppen jevo näherten. hängte sie an ihrem Hause aus und kaufte Photographien ihrer Herrscher und Heerführer. stets darum bemüht. zeichnete das Fräulein eine auffallend hohe kalpresse Summe. all das nicht teuer war und daß Gleichzeitig verzweigten sich ihre Geschäfte und und wuchsen.

Das ganze Wirtschaftsleben begann sich den neuen Umständen anzupassen. hatte den anderen vieles voraus. die sich bloß auf einige Stunden zu einem nebligen Halbtag aufhellte. Einer dieser ersten war Raf o Konf orti. Die Stadt war zur Hälfte ausge- und die 130 . wurde er als »unentbehrlich« ständig vom Militärdienst befreit. Seine bekamen den Umfang von Millionenlieferungen.ohne Berechnung verschwendet hatte. hat und Un- der Winteranfang stets etwas Quälendes freundliches. In seinem Schatten arbeitete und verdiente In dieser Gebirgsstadt. jetzt zogen die Einberufungen auch die Kaufleute der übrigen Konfessionen und Nationalitäten ab. Jetzt. und er brachte soviel Feuchtigkeit wie ein ganzer Winter. Das Jahr 191 5 war schon weit vorgeschritten. war er doppelt so schwer. mehr als fünfhundert Me- ter über dem Meere und am Fuße hoher Berge liegt. Konforti hatte eine schwache Konkurrenz Geschäfte und freie Hand. daß der Krieg nicht leicht und kurz sein würde. Allmählich schüttelte er alle Geschäfte ab. waren vorbei. die auch das Fräulein. Wer das zuerst erfaßte. die nicht unmittelbar mit den Erfordernissen des Heeres und der Kriegführung zu- sammenhingen. wie das einige in den ersten Tagen geglaubt hatten. Die übergroße Mehrzahl der serbischen Kaufleute war schon früher vom Markt verschwunden. auch nicht so lustig. Es ging einer jener beschwer- lichen Kriegsnovember ins Land. Gramumwölkt und kalt sah dieser November aus. vor fürchtete denen sich jeder armen Leute wie das Getreide unter der Sense zitterten. und es wurde jedem klar. zu Beginn des zweiten Kriegsjahres. er bestand fast aus einer einzigen Nacht. Und als sein Jahrgang an die Reihe kam.

Die Kriegsschauplätze in Ga- lizien und in der Ukraine verschlangen die bosnischen Regimenter. die etwas hatten. die litten. selbst grau Novem- und sdiweigend. stummes. In den grauen. Ein Jahrgang nach dem anderen wurde aufgerufen zum Militär eingezogen. Das Bajonett blinkte als ein über allen Köpfen der Zeit. über denen. kurzen Tagen dieses Monats ber schritt das Fräulein. Es zeigten sich Mangel und Entbehrung. Mit diesem Winter verbreitete sich der Krieg ins zweite Jahr und mehr wie eine Epidemie. wie über denen. getragen Auch jene. jener Zerstörungstaumel. warf er Maske ab und zeigte in diesen grauen Tagen sein wahres Gesicht. vor allem über den Menschen. 131 . Das war nicht mehr jene trunkene MasGeschäfte seine senbewegung. wie auch über denen. wöhnt und zu die an Einschränkungen noch niclit ge- verständiger Einteilung unfähig waren. alle menschlichen und Unternehmen eingedrungen. ließen nun den Kopf hängen immer und und waren kleiner geworden. die über allem lagen. deren Ende man nicht absah. der schöpferischer Begeisterung so ähnlich sieht. und Scharen von russischen und serbischen Kriegsgefangenen oder einheimischen Häft- lingen und Geiseln zogen vorüber. Sorge lag über denen. und die Leute. und was lebte.siedelt. die nodi nicht an der Reihe waren. von den Trieben trat des Hasses und der Wut. beredtes Zeichen Kaum war der Krieg in alle Häuser. sondern Elend Fluch. sahen darin schon die Vorläufer von Elend und Hungersnot. die einst frohlockt hatten. dafür wimmelte es in den Straßen von Soldaten aller Waffengattungen. die nichts hatten. auch über den toten Dingen.

Ihre schlanke. daß diese Loyalität nicht nur mit stürmischen Erklärungen und Kundge- bungen bezahlt wurde. hatte das Fräulein nichts mit der schweren Zeit und der leidenden Stadt gemeinsam. eckige Gestah in dem schwarzen. die großen Schlachten im Osten und Westen Europas waren für sie nur große Schlagzeilen auf der ersten Seite der Tageszeitungen. Und nie hatte es so viele Lichtungen gegeben. Aber der äußere Anblick verführte in Fall zu einem Trugschluß. als sei sie seit je für solche Tage und Zei- ten geschaffen. fern und unwirklich. zwischen denen sie kühl und vorsichtig Lichtungen suchte und Wege für ihre Interessen fand. Abgesehen von ihrem Äußeren.durch die Straßen von Sarajevo. das übrigens seit eh und je so war. Die politischen Konflikte und Umwälzungen von allgemeiner Bedeutung. die offen oder stillschweigend auf der Seite der Staatsgewalt stan- den und jetzt einsehen mußten. Überhaupt nahm sie nicht diesem einmal in Gedanken an Anteil. sie hingegen frei und ungehindert schaffen konnte. fremd. dem Schicksal der Mitbürger weder derer. unklare Massen. Das alles blieb abseits. Geld und Vermögen verlangte. bis oben zugeknöpften Mantel und dem schwarzen Hut. Für das Fräulein war überhaupt alles. was hier und in der weiten Welt geschah. war wie dunkle. nie hatte leichter man auf diesen Wegen rascher und vorankommen können als jetzt. die ihrer serbischen Herkunft oder Überzeugungen wegen vom ersten Tag an Verfolgungen jeder Art ausgesetzt waren. einen offenen 132 Weg vor . sah aus. der eine männliche Form hatte. sondern daß sie Opfer an Blut. noch derer. da die meisten Menschen von den Ereignissen in Anspruch genommen und in sich gekehrt waren.

wie lange es dauern und wie es enden würde. das Fräulein aber verdiente und sparte wie bei einem umfassenden. Das Fräulein folgte nur und großen Interessen und Geschäften. wie sie im November durch die Straßen ging. Und alles. grauen Atmosphäre. wie allmählich aus den Cafes und Straßen alle Fröhlichkeit verschwand. wie und warum es dazu gekommen war. der sich blind durch die Finsternis es und Stille der weichen Erde gräbt. woher das alles kam. Glanz und Lachen zu spüren war. Gefahr In dieser öden. erfüllt vom Glück eines Maulwurfs. daß sie in diesen Tagen vollkommen glücklich war. die rasch und in immer mehr Familien in ein richtiges Elend überging. 133 . heimlichem Vergnügen beobachtete sie.sich hatte und über gute Beziehungen und die besten Voraussetzungen verfügte. konnte das Fräulein nicht stören. wie Stadt und Menschen stumm und grau wurden und sich immer mehr nach ihren Wünschen und ihrem Geschmack entwickelten. könnte man sagen. in der sich nie- mand niemand ausgab und verschwendete. und sie tat es genauso scharf und entschlossen. großen Geschäft ohne sichtbares und bestimmtes Ende. Mit bösem. wie alles in diesem Mangel wie in einer Art gewaltsamer Sparsamkeit versank. lebte und bewegte sie sich wie in ihrem Element. ohne nach links und rechts zu schauen. Auch die allgemeine Verknappung. wie in den Häusern immer weniger von Genuß. was sie aus dieser öden Fastenstille reißen konnte. Wenn das Wort Glück in ihrem Leben ihren kleinen irgendeine Bedeutung gehabt hätte. mied sie wie etwas Verhaßtes und Unfreute. ohne zu fragen. in der genug Nahrung und kein Hindernis und keine gibt.

daß der kleine Schon wieder Tränen. zwischen der Kasse und einem alten Schrank. sondern im entferntesten Winkel. Veso. daß auch du . »Was denn. was mit dir?« fragte sie mit trockener. und das nigsten wünschte Mann lautlos und still vor sich hin weinte. in unwegsames Gebirgsgelände zurückziehe und das ganze Material. sich das nicht immer ver- Als sie an einem dieser dämmerigen Novembertage den Laden im VeHki Curciluk betrat. vom Weinen kann man nicht leben. sagte seiner voller Erbitterung mit metallenen Stimme: »Wie 134 soll ich nicht weinen! Wollte Gott. fand sie Veso nicht an seinem gewöhnUchen Platz. »Die serbische Armee existiert nicht mehr«.angenehmes. fester Stimme. gen vor Veso zeigte bloß mit der Hand auf die Abendzeitunsich. »Laß das. Darin stand mit großen Buchstaben die Meldung. Dennoch Heß meiden. aus dem Norden und Südosten von Deutschen. daß das serbische Heer vernichtet sei und daß es sich. Trotz der schwachen Beleuchtung sah sie. stand in großen Lettern auf der ersten Seite eines Blattes. auch Verwundete und Kranke.« Der kleine Mann. Der Mann weinte fort. schweren plötzlich Atem verraten hatte. der mit zusammengebissenen Zähnen dastand und seine Aufregung bisher nur durch seinen kurzen. warum weinst du?« fragte das Fräu- lein ungeduldig. wo sie es am weist »Veso. hier. ohne zu sprechen oder sich zu ist bewegen. Österreichern und Bulgaren angegriffen. zurücklasse.

Ich will nicht. Zornig und scharf antwortete sie ihm: »Wenn dir zum Weinen zumute ist.« »Das ist meine Sache. wenn ich könnte. daß du um niemand Tränen vergießt. antwortete der kleine Mann bitter und verächtlich. »Weinen ist nicht verboten. wie wütend dieses Bäuerlein war. und ich schäme mich dessen nicht. wo du willst. nicht du weinst. Dir wird nichts geschehen.« »Ich weine. ich sei schwach und ich hier als daß ich eine dumm. sagst. das Tränen vergoß. geh nach Hause und weine dich aus. Von dir weiß man.« »Ich würde auch mitten auf dem Markt weinen. hab keine Angst«. gefährliche Reden führte und jede Rücksicht außer acht ließ. Die Augen auswei- nen wäre zu wenig.« »Weine. Wir alle müßten weinen. wenn jedes serbische Auge weint. Aber wenn du Verstand hättest. aber ich will nicht in Verdacht kommen und mit der Polizei zu tun haben. wie lange dieser verhaltene Streit in dunklen Winkel des Ladens gedauert hätte und was sie einander noch alles gesagt hätten. Aber wir werden sehen. hier in ihrem Laden kräftige. doch gewissermaßen wie von oben ansah. ber. wohin dein Verstand dich bringt. sondern ich. wenn nicht jemand 135 .« Weiß Gott.weintest. Aber auch wenn es das wäre. aber nicht hier im Geschäft.« Sie fühlte. weil Ausnahme und ein Abdem trünniger wäre wie andere. in das Leute kommen und wo dich jeder sehen kann. würdest auch du nicht weinen. verstehst du?« »Hab keine Angst. Und heute ist es mir lie- daß du mir weine. indem er sie von der Seite.

Sie hätte selbst nicht sagen können. aber irgendwie erschien 136 . daß aus dieser Zeit. Schon Ende 19 14 hatte spräch Gazda Rafo stieg plötzlich auf. Der seiner Mann wurde behäbig. Diese Veränderungen waren so plötzlich und so greifend. im Geund im Benehmen gewandelt. er sich in der Arbeit. aber sie sah klar und fühlte deutlich. nahm noch zu.von der Straße hereingekommen wäre und brochen hätte. Nirgends eine Spur von den gierig umherschauenden Augen und den zitternden Händen. wann diese Änderungen eintraten und wie sie sich entwickelten. sie war jedoch so natür- von beiden nicht als besondere Last empfunden wurde. Er sprach liebens- würdig und aufmerksam zu ihr. war der Übereinstimmung er in den Augen tief- Umgebung nicht kleiner. aber entgegen den phy- sikalischen Gesetzen. wie sich der Mensch änderte. ragte die Gestalt Rafo Konfortis hervor. denn jeder von ihnen handelte. sparsam in der Rede und langsam in den Bewegungen. sie unter- Die Spannung. sondern größer geworden. die ihr auch heute in allen Einzelheiten klar. Allein in der ganzen Kette von Szenen und Gestalten sie Uch und auf beiden Seiten so unverhohlen. und mit der Zeit änderte er sich immer mehr. daß das Fräulein nicht einmal die Erinnerung an jenen Konforti aus der Vorkriegszeit beschwören konnte. ruhig und sicher in ganzen Haltung. wenn auch in mit den Gesetzen der Gesellschaft. nirgends etwas von jenem Schluchzen und den ' kräftigen Schwüren in seiner Rede. aber im großen und ganzen tatsächlich immer un- verständlich geblieben waren. die bislang zwischen ihr und Veso bestanden hatte. wie er mußte und konnte. Zuerst kam der Aufstieg.

Prag und Budapest unterwegs war. vom Tagesanbruch bis An einem Märztag. Doch wenn von derartigen Reisen zurückkehrte. Aber bevor sie überhaupt etwas begreifen er konnte. und doch sah und verstand sie nicht viel. Im Sommer 191 6 reiste er mit seiner Frau nach Karlsbad und kehrte von dort noch stiller und feiner und irgendwie gebleicht und gereinigt zurück. schwerer Frühling. hörte und dächte er gleichzeitig etwas anderes. hellen der Textil Räumen AG. als könnte er seinem Gesprächspartner alles schenken. ebenso wie sein langgestreckter Laden in der Ferhadijastraße bloß einer von vielen Lagerplätzen für sein Handelsgut geworden war. kam er dem Fräulein immer ferner und zerstreuter vor. Konforti selbst saß in den ganz neuen. kam der Fall. der zum Sonnenuntergang ganz 137 . was viel wichtiger war.er ihr fern. Seine ehemali- gen Geschäftsverbindungen und seine kleinen Wuchergeschäfte lagen weit hinter ihm. Und sie wunderte sich. als sähe. wie es sie gesehen hatte. fremd und zerstreut. Dort hielt er sich auf. Mit ihren Augen beobachtete das Fräulein. wenn er nicht ge- schäftlicher Kontakte und Konferenzen wegen nach Wien. Ebensowenig. nur nicht seine Aufmerksamkeit. ein langer. aß und keine einzige was sie brauchte. in dem sich in satt Bosnien von hundert Familien nur eine einzige alles hatte. kam der Frühling des Jahres 1917. auf welche Weise zum sie Aufstieg Gazda Rafos gekommen Es war. daß dies alles auch nicht annähernd ihrem Traum von der Million entsprach. bemerkte auch die ersten Anzei- chen seines Niedergangs. wie jene erste Million entstand und wie auf sie auch die anderen rasch folgten. Sie beobachtete alles.

alles wäre Aber das Volk muß essen! Mit der Kleidung ist es leicht. Sie kam. alles ließe sich in leicht. »empfing« Konforti das Fräulein zu einer kurzen Aussprache. gut. sprang er auf: »Gut.« Dann aber breitete er die Arme aus. Ordnung. mit zurückgelehntem Kopf und geschlossenen Augen. ist Da gibt es keine Arbeit und kein Leben. um ihn um Rat zu fragen und seine Hilfe im Zusammenhang mit der vierten Kriegsanleihe zu erbitten. Das der Untergang!« Das Fräulein hörte ihm zu und begleitete ihn mit ihren Augen von einem Ende des Zimmers zum anderen. ein hungriges Volk. das nicht Krieg führen ist das Schlimmste. Ohne abzusie warten. »Ach. die in diesen Ta- gen aufgelegt worden war. das bringen wir leicht in schieht. Fräulein. seinem Sitz auf. tungen möglichst teln. aber ohne Mittagessen kann man nicht leben. um die sich blaugelbe Ringe ausbreiteten. es ge- wie Sie wünschen. zeichnen und diese Verpflichohne großen Verlust abschütEr saß doch das wurde jetzt Sie hatte ihn einen immer schwieriger. Sehen Sie. er fuhr zusammen und richtete sich auf er an. Gut. Fräulein. bis geendet hatte. Seine aufgeregte Sprechweise und seine schnellen Bewegungen standen im Gegensatz zu seinem 138 jetzigen . man kann sie flicken und wenden. Mit sichtlicher Anstrengung hörte was sie hatte. begann durch das Zimmer zu gehen und sagte laut. Monat lang nicht gesehen.blaß und hungrig wirkte. ihm von dem kleinen Geschäft zu erzählen dessentwegen sie gekommen war. denn eine bedeutende sie wollte auch diesmal Summe rasch. ohne Verbindung zum Vorhergehenden: Ordnung bringen. in einem schweren Sessel. es kann und nicht ruhig bleiben.

in ihre tieferen Ursachen eindringen. Niemals hatte fragte sie sich. Und es gab mehr solcher Anzeichen. das — wie jedes Geschäft — seine Buchführung und sei139 . als sie wünschte. Sie konnte den unerwarteten Unmutsausbruch nicht verstehen und vermochte auch nicht einzusehen^ was sie. in den Ämtern und Läden aufmerksamer zu verfolgen und besser zu beobachten. Sie konnte sie nicht miteinander verbinden. dessen Grenzen man aber nicht sehen konnte. der Unzufrieden- und des Verfalls an den Menschen. dann blieb er plötzlich stehen. ten. und wurde wieder so ruhig und zerstreut wie Doch von diesem Tage an betrachtete ihn das sie selbst die Zei- Fräulein mit anderen Augen. Was willst du von dir. verabschiedete sich vom Fräulein zuvor. ob auch sie daran gedacht. aber sie bemerkte sie überall. aber Konforti erwartete nicht. auch der Krieg bloß ein großes Geschäft ein Unter- nehmen. Rajka. schritt weiterhin im Zimmer hin und her und sprach voller Erbitterung. Von diesem Tage an begann auch heit chen des Hungers. stige als lugte plötzlich unter der würdevollen Maske des Großkapitalisten der einRafo Konforti aus der Ferhadijastraße hervor. Und nun etwas sagen müßte.« Er ging noch einige Zeit so auf und ab. der Entbehrung. einem hungrigen Menschen! Willst du ihm die Seele nehmen? Das fruchtet nichts.Aussehen und Benehmen. Und das brachte sie auf den Gedanken. daß sie sich an seinem Gespräch beteiligte. faßte sich. so als riefe er jemandem in der Ferne etwas zu: »Der Verstand sagt muß und dann alles daß das Volk zuerst essen übrige kommt. daß sei. sie und ihre Arbeit mit der Frage zu tun satt haben soll- ob das Volk oder hungrig war.

Aber jetzt sah und fühlte sie auf Schritt und Tritt. oder es wirkte gezwungen Zu ihrer Mutter kamen auch jetzt noch Verwandte zu Besuch. daß ihre »guten Zeiten« zu Ende gingen. Divna wirkte noch magerer und ihre Augen und härter als Die Trauerkleidung hatte sie abgelegt. deren Angehörige man verhaftet hatte. aber sie weinten nicht mehr still und hilflos wie einst vor sich hin. denen es sich der Militärpflicht zu entziehen. junge Leute ins Geschäft. stockte das Gespräch. nicht wiederkehren könnten. Zu Veso kamen gelungen war. daß die Dinge ringsum wieder in Fluß gerieten und sich zu verändern begannen und diese beiden für die ganze Welt stürmischen. das Fräulein an der Tür erschien. Sie ver- 140 .nen Abschluß mit den unerbittlichen Folgen von Verlust und Gewinn hatte. Es waren Zeiten. An kleinen. die sein Ausgang für sie und ihre Interessen haben könnte. Immer häufiger dachte sie über diesen Schluß des Krieges und über die Folgen nach. guten Jahre nicht wiederkehren würden. mit denen die Nächsten ihr begegneten. da die Zeitungen ausschließlich von Schlachten schrieben und Menschen nur von den Sorgen des Krieniemand auf die wenigen Geschäftsleute und ihre Geschäfte achtete. da glaubt hatte. die sie für immer beseitigt gedie Sinne der ges erfüllt waren. sie unterhielten sich lange und leise mit ihm. sondern früher. doch unzweifelhaften Zei- chen sah sie jetzt klar das Mißtrauen und den Unmut. doch für sie ruhigen. schweren. sobald jedoch und unaufrichtig. sie lächelten bedeutsam. daß das Ende dessen nahte und sich unerwartet und unaufhaltsam das alte Leben und all seine Wirren zeigten. sprühten. die versteckt und offen blühten. Es wurde ihr immer klarer.

denn sie wisse. so gut sie konnte. Wenn sie kam. Mann und ihr wo sie hingehö- Tante Gospava. daß gestern »einige Fräuseien. zu ihr gekommen sie um sie Geld für das Rote Kreuz zu sammeln. denn habe ihr Kreuz in Zenica. daß sie ruhig sei. bilisiert wurden beide als Reserveoffiziere mo- und an die russische Front geschickt. noch bevor sie sich gesetzt hatte. Nachdem sie die ersten Kriegsmonate in Arad gesessen hatten. ihnen aber geantwortet habe. mit ihrer begann lein« sie. Und die Zeichen häuften sich. die sie früher nicht gekannt hatte. Aber sie tat das jetzt mit dem Gefühl der Angst und des Unbehagens. daß er nicht mehr Kriegsjahren ziemlich scharf als die Hälfte der Strafe absitzen werde. aber das alles brachte sie nicht im geringsten aus ihrer steinernen sie fragte. beschlagnahmten das Eigentum der beiden Deserteure. Ihr Mann und ihr Schwager waren in Rußland. wurden immer klarer und beredter. Das Fräulein wich solclien Begegnungen aus. 141 . daß sie keinen Heller gebe. Die MilitärPolizeibehörden verhafteten und und verhörten einige Zeit Divna und die übrigen Angehörigen. antwortete »Dort. ren. ersten und rüdcsichtslos ihrer Meinung Ausdruck gegeben hatte. mit einer inneren Unruhe. sprach jetzt ganz kühn und offen. sie: Ruhe. aber sie sagte jedem.goß keine Träne. heiseren Stimme zu erzählen. Hier nah- men sie die erste Gelegenheit wahr und liefen fast am selben Tage zu den Russen über. die schon in den schwersten. Ihr Sohn war zu sieben Jahren Kerker verurteilt worden und saß in Zenica. Jetzt dienten sie in der südslawischen Freiwilligendivision.« Und wenn man wo ihr Schwager seien.

sich Politik. kluger und einfacher Mensch. doch gutmütiger. den das Fräulein beherbergen mußte. mit sich auf die Welt bringen. der Fall gewesen war. zu unterhalten. Der Offizier. über alles. das bisher verschont geblieben war. Sein Name war Dr. aber er hatte eine in ihren Augen mißvor allem liche Eigenschaft: er liebte es. aber bitte schauen Sie nicht auf diese Uniform. die Politik jedoch mied geradezu mit Abscheu und abergläubischer Angst. daß ich in einem serbischen Hause Quartier bekommen habe. und halten Sie mich nicht für einen österreichischen Offizier. daß zahlreiche Truppen nach Sarajevo gelegt wurden. was ihr bosnischen Serben alles ertragen habt und noch ertragt. Frau Radakovic. 1914.« Die alte Frau lächelte mit jenem stillen Lächeln. das nicht mit ihren Geschäften zusammen- unangenehm und quälend. Er war ruhig. wie dieser Jetzt hörte sie erschreckt. tärarzt. die ich zwangsweise trage. Mann in der Uni- form losen eines österreichischen Leutnants mit seiner sorg- und einschmeichelnden slaw^onischen Aussprache sagte: zu ihrer Mutter »Es ist mir angenehm. das die meisten Mitglieder der Familie Hadzi-Vasic in dem Augenblick. ord- nungsliebend und verlangte keine Bedienung. da sie zum erstenmal die Augen öffnen.Im Herbst 19 17 geschah es. Ich weiß. sie tröstete. so daß man die Offiziere in Privathäusern unterbringen mußte. Roknic. ein war ein junger Mili- Kroate aus Slawonien. Das Fräulein war so über142 . So wurde ein Offizier auch im Hause der Familie Radakovic einquartiert. Dem Fräulein war jedes Gespräch. ein für seine Jahre zu korpulenter. wie es zu Kriegs- beginn. was das Fräulein ein wenig in ihrem Ärger über die Einquartie- rung über hing.

daß sie und ihr Haus gar keine Beziehungen zu den politischen Kämpfen. Der Arzt kam in seiner freien Zeit. begann das Fräulein die Stirn zu runzeln. Denn heute sieht jeder vernünftige Mensch. daß es nicht Ihre Ansicht ist. klaren Augen hinter der großen. Er erzählte was er vom Stand der Dinge in der Welt wußte. Fräulein. Sobald er das Gespräch auf den Krieg und die Politik lenkte. um sich zu entfernen. wenn ja. randlosen Brille. was er an der russischen wo er das ganze Jahr 191 5 gewesen und was an der italienischen. 143 . Und der junge Arzt erzählte. von der er jetzt kam. Aber das war nur der Anfang. daß sie »Hören Sie.und bestürzt. zu den Leiden der Serben und ähnlichen Dingen hätten und daß sie mit dem jetzigen Zustand und Leben zufrieden wären.« Front gesehen hatte. zu ihnen und fing in aller Ruhe und Natürlichkeit ein Gespräch über alles und jedes an. Es ist gut für Menschheit und bedeutet Erlösung und Glück denn wir würden sonst von der Erd- oberfläche verschwinden. haben es nicht nötig. dann wären Sie bestimmt eine Ausnahme und auf einem ganz falschen Wege. suchte auch. Sie ver- ihm zu widersprechen. Und das ist gut so. von der Arbeit der serbischen Regierung auf Korfu und der des »Jugoslawischen Ausscliusses«. die ganze für uns Südslawen. alles. und behauptete. daß sie ihm plötzlich den Rücken kehrte und in ihr Zimmer ging. vor mir so zu sprechen. daß die Mittelmächte diesen Krieg nicht gewinnen können. war. Der Arzt betrachtete sie mit den blauen. ohne sich viel zu entschuldigen. Ich bin überzeugt. Sie ihn verlieren müssen. unruhig zu werden und eine geeigrascht nete Ausrede zu suchen.

da man ihn ihr ins Haus geschickt hatte. Das war für das Fräulein etwas Neues und so Schreckliches. Sie glaubte. gesprächige Arzt verließ nach vierzehn Tagen mit seiner Einheit Sarajevo. die weder gegen sich noch gegen an- dere etwas Gutes im Schilde führten. als von der Niederlage einer vollendeten Deutschlands und Österreichs Tatsache und von der Vereinigung aller Südslawen als einer natürlichen Folge alles dessen. wie es der Arzt sich jetzt oft Vor dem Einschlafen mischte Gedanken über Geld und Geschäfte der bange Gedanke. Sie ärgerte sich über den gesprächigen Arzt und verfluchte die Stunde. möge nicht so aussehen.Er sprach vom Siege der Entente. die früheren Stellungen wieder 144 . daß wirklich »alles zuschanden werden« und wiederum die Zeit des unruhigen öffentlichen Lebens. es darstellte. ten. Und es gelang ihr Gedanken dann. daß sie es sich selbst eingeste- dem Kriegsende Angst hatte und sich wünschte. und er zitierte Re- den der jugoslawischen nationalen Abgeordneten im Wiener Parlament. wenn sie weitere darüber entschlossen zurückgedrängt hatte. ihre Anklagen und Rechnungen vorlegen und versuchen würden. aber das Fräulein mußte immer an den Schluß und Ausgang denken. daß sie nicht darüber nachdenken und noch viel weniger darüber sprechen wollte. Jetzt mußte vor sie auch darüber nachdenken und hen. daß des Krieges es ein schrecklicher Tag werringsum den müsse. Der dicke. der Zeitungsattacken und der langhaarigen Studenten in ihre kommen erst könnte. einzuschlafen. aus wenn diese künstliche Windstille unterbrochen würde und alle diese Leute von den Fronden Strafanstalten und Lagern nach Hause zurückkehren.

Die Leute waren von dem langen Winter und der schwachen Nahrung übermüdet und erschöpft. Zugleich mit dem Krieg brannten und seine ganze Größe nieder. daß es große Störungen im Lebensablauf hervorrufen und von jedem. Das. Und alles. Das Jahr 191 8 war erst recht schlimm. diesem Wirrwarr weder zurechtfinden noch behaupten konnten. den das Fräulein jetzt nidit mehr aus den Augen auch er ließ. Unsichtbar wie seine Geschäfte einst aufgescliossen wa145 . Überlegungen und bösen Voraussichten. eine panische Flucht vor dem Papiergeld in und ein ständiges Versichern und Rückversichern und ewiger Unsicherheit. und zog sich mit dem Verdienst zurück. Die Geschäfte hatten nichts mehr von dem. nahm sich seinen Verdienstanteil an einem Waggon der Ware. war die Verkörperung all der sdilim- men Veränderungen. einen habgiestarke Ellbogen rigen Charakter. die gerade gefragt wurde. wie das aussehen sollte. was sie in ihrer Umgebung sah und hörte. gesunde Beine hatte. verbummelte Studenten — so daß die »eigentlichen Geschäftsleute« sich in . um eine neue Gelegenheit abzupassen. Jeder ließ sich in Geschäfte ein — Soldaten. Kellner. Wer Geld brauchte. schürte noch diese Gedanken und die verschiedenen Befürchtungen. was jetzt geschah. griff zu. der Krieg schien verloren und endlos zugleich. nach Leder oder Textilien. und plötzlich. Rafo Konforti.einzunehmen. Priester. Sie konnte sich nicht genau vorstellen. war ein tolles Spiel der Ziffern. sie fühlte nur. was sie einst gewesen. auch von ihr. besondere Opfer fordern und jedem schwere Verpflichtungen auferlegen würde. ein wahnsinniger die qualvollen Wettlauf nach versteckten Lebensmitteln.

Immer häufiger konnte man in der Tagespresse lesen. Man merkte. am Ende lenkte er es stets darauf. Genauso plötzlich. sondern dieser ihn beherrschte und ihn ständig und unbarmherzig verfolgte und verzehrte. Sein früherer Laden in der Ferhadijastraße lebte wieder auf. die Wirtschaft und den einzelnen haben mußte. daß er sich zu einem sachlichen Gespräch über ein sachliches Geschäft aufraffte. stürzten sie zusammen und verwirrten sich. nur um sie dem Volk zu einem ungewöhnlich niedrigen Preise zu verkaufen. In der letzten Zeit begann er selbst Lebensmittel anzuschafl'en. Wenn er sie empfing.ren. ihn dazu zu bringen. Jetzt bedurfte es großer Anstrengungen. daß nicht er den Gedanken. Immer sonderbarer waren die Zeichen^ die man jetzt an ihm bemerkte. Es war offenkundig. Wovon immer sie ein Gespräch begannen. Wenn er nicht davon sprach. die das für den Staat. dessentwegen sie gekommen war. daß er ein unwiderstehliches Bedürfnis hatte. wie von selbst geriet alles ins Schwanken und löste sich auf. doch sichtbar schwand Gazda Rafos Gesundheit dahin. daß Rafo Konforti der Volksküche oder dem Waisenhaus ein Faß Schmalz oder einen Waggon Kohl geschenkt habe. und immer weniger glich er jenem Rafo Konforti aus den »guten« Kriegs- jahren. Vor ihm sammelten sich die Leute in langen Schlangen und warteten darauf. um seit wieviel magerer sie und zerstreuter er geworden war. verfiel er in ein düsteres Schweigen und blickte verloren auf einen Punkt vor sich hin. Seine Angestell- 146 . von dem Hunger und der Not der breiten Volksmassen und schweren Folgen zu sprechen. ihn das letztemal gesehen hatte. zu »Gazda-Rafo-Preisen« ein paar Lebensmittel zu erstehen. bemerkte sie sofort.

ten verkauften die Nahrungsmittel kiloweise

und

drängten das unruhige, hungrige Volk nur mit
zurück, Konforti aber rief mehrere

Mühe

Male von seiner im Hause der Textil AG an und fragte, wieviel Leute dort seien und wie es mit der Verteilung stehe.
Kanzlei
Es kam vor, daß er die Geduld verlor, sein schönes, warmes Büro verließ und wie gehetzt hinlief, um sich selbst von allem zu überzeugen und den Rest der Lebensmittel umsonst an die Ärmsten zu verteilen. Das Fräulein begriff nicht, was mit Konforti geschah, aber sie sah, daß von ihm nichts mehr zu erwarten war,

weder Hilfe noch Ratschlag, noch ein vernünftiges Gespräch über Geschäfte. Nie zuvor hatte sie geglaubt, daß dieser kräftige, gewandte Mensch so den Kopf verlieren
könnte. Sie fühlte sich einsam

und

verlassen,

was
sie

ihr

bisher noch nie geschehen war. Triebhaft schaute
sich,

um
ein

und zum erstenmal
und
bei

in

ihrem Leben suchte

sie

lebendes Wesen, mit
raten

dem
sie

sie sich

aussprechen und be-

dem

Verständnis

und Halt finden

könnte.

war schlecht. Im Grunde blieb immer derselbe, bescheiden und ihrem Haus und Laden grenzenlos ergeben, aber ebenso unerbittlich und
Ihr Verhältnis zu Veso
er

offen in seiner kritischen Einstellung zu
ihrer

dem

Fräulein,

Haltung und ihrem Tun während des Krieges.
sich

Übrigens ergab

Veso in

letzter Zeit

ganz diesen Geser-

sprächen und Flüstereien mit jungen Leuten aus der
bischen Carsija. Sie stellte das mit Besorgnis

und tiefem
fra-

Mißtrauen
gen.

fest,

doch

sie

wagte

niclit,

ihn etwas zu

Zum

erstenmal war

sie sicli

bewußt, daß

sie sich

schwach und diesem kleinen
Sie hatte

Mann

unterlegen fühlte.
sei-

niemals viel von seinen Fähigkeiten und

147

nen Gedanken
voller

gehalten, jetzt aber spürte

sie,

daß

es

als sie, und Verwunderung sah sie, wie selbstbewußt und ruhig er durch den Laden schritt, während seine Augen leuchteten und sich auf dem blonden Kopf ein Büschel weiches Haar aufbäumte wie ein trotziger Hahnenkamm. Dieser Veso, der in ihrem Hause aufgewachsen

etwas gab, worin er größer und stärker war

war, stand jetzt vor ihr wie ein Fremder, nige Gefühl
Richter.

dem

alles in-

und

rechte Verständnis abging,

wie ein
seit Jah-

Ihren Paten, Gazda Mihailo, hatte
ren nicht

sie

schon

mehr gesehen,

es sei

denn

bei der Slava oder

zu Weihnachten.

Jetzt lag er

schon ein halbes Jahr mehr

tot als lebendig auf

dem Krankenbett und konnte wePajer.

der arbeiten noch Ratschläge erteilen.
Sie dachte

an Direktor

Während

der vergange-

nen
in

Kriegsjahre hatte das Fräulein seine Dienste nicht
Sie hatte

Anspruch zu nehmen brauchen.

ihn selten

gesehen und wenig mit ihm gesprochen, und so hatte
sie

gar nicht bemerkt, wie sie sich voneinander entfern-

ten

und

sich ein leerer

Raum zwischen ihnen auf tat.

Sie

suchte ihn wegen einiger Wertpapiere auf, die sie in der Union-Bank deponiert hatte, in Wirklichkeit aber wollte sie mit ihm von Geschäften und vom Geld überhaupt sprechen und von ihm hören, welche Veränderungen eintreten konnten und was man tun mußte,

wenn

es wirklich

dazu

kommen

sollte,

sterten,

wovon

jedoch

niemand mit
gleiche. Es

ihr klar

wovon alle flüund offen

sprach.

Pajer

war immer der

war schwer zu sagen,
seinem

was geschehen müßte, damit

er sich in

Umgang
änderte.

und

in seinem Verhältnis zu den

Menschen

148

Aber worauf
halb
sie

es ihr in der

Hauptsache ankam und wes-

ihn aufgesucht hatte^ darauf konnte oder wollte

er ihr keine

den

alle

Antwort geben. Im Gespräch mit ihm wurDinge durchsichtig und klar, leicht und rein,

und

alle Schwierigkeiten verloren sich
sie erst

im Nebel, aus

dem

wieder in Erscheinung traten, sobald

man
sie

seine Kanzlei verließ.

Und

als sie

hinauskam, war

weder klüger noch

ruhiger.

Im

Gegenteil, voller Verfragte sie sich,

wunderung und Unverständnis
während
er

warum
so

Pajer ebenso wie Veso fortwährend vorsichtig innehielt,

mit ihr sprach,

warum

die

Worte beider

und warum man in ihrem Schweigen dumpfes Mißtrauen und einen unverständlichen
nichtssagend waren

Vorwurf
sie sich

fühlte.

Warum

zwinkerten
drein

alle Leute,

an die

wandte, unbestimmt mit den Augen,
sie so rätselhaft

warum
lau-

schauten
ter

und sprachen von

Dingen, die

sie nicht interessierten,

noch dazu so

sie selbst verwirrt und wurde und nicht das fragen konnte, was sie auf dem Herzen hatte? Sie fragte sich selbst nach dem Grund, fand aber keine Antwort, denn weder jetzt noch früher war sie imstande, über sich selbst nachzudenken oder sich mit fremden Augen zu betrachten und zu prüsteif

kühl und zurückhaltend, daß

fen. Sie fühlte

bloß doppelt die Schwere der Vereinsasie sich

mung und
dem man

Ungewißheit, in der

befand.

Ihre Mutter
sich

war
über

in ihren
alles

Augen kein Gesdiöpf, mit mögliche unterhalten und be-

raten konnte.

So blieb nur noch jenes Grab in Kosevo. Aber auch
das Grab war irgendwie verstummt,

und auch sie fand für das Grab weder die früheren Worte noch das leidenschaftliche Geflüster. Trotzdem kam sie jeden Sonntag,
149

steif

und

mürrisch, pünktlich

und gewissenhaft, immer

auf demselben

Wege und

zur selben Stunde. Sie saß

neben dem Grabe, aber sie konnte nicht wie einst ihre klaren Pläne und Rechnungen, sondern nur verworrene Befürchtungen und unbestimmte, düstere Vorahnungen äußern. Und wenn die gewohnte Zeit vorbei war, kehrte sie nach Hause zurück, mit gesenktem Blick und forschem Schritt, den die ganze Stadt kannte, noch steifer und mürrischer, weil sie nicht die Beruhigung gefunden hatte, die sie suchte.
Dieser

Sommer

des Jahres 1918 schien ihr endlos, als

ob er nicht eine der üblichen Jahreszeiten wäre, sondern
als

ob die Zeit in Erwartung von Ereignissen stehengesei.

blieben

Im Volke gärte es, und die Menschen horch-

ten auf. Der Krieg näherte sich offenbar seinem Ende,
Siege mischten sich mit Revolutionen, unklare Hoff-

nungen mit unklaren Befürchtungen. Das Fräulein war unter denen, die sich fürchteten. Genauso wie im Sommer des Jahres 19 14 konnte sie vor Gedanken, Berechnungen und Furcht nicht einschlafen; nur hatte sie damals vor einer bestimmten Gefahr Furcht empfunden,
jetzt

dagegen fürchtete

sie sich

vor allem,

und

das

war

viel schwerer,

denn wer sich

fürchtet,

ohne

recht

zu wis-

sen wovor, fürchtet sich doppelt. Ebenso wie damals

waren
zu
in

alle ihre

Gedanken und

Kräfte auf ein Ziel ge-

richtet: nicht

auf der Seite der Verlierer
das nicht.

und Leidenden
Aber wie
sollte
alles

sein.

Nur

Auf keinen
wie

Fall!

sie die richtige Seite treffen,

sich sichern,

wenn

immerzu wendete, änderte und schwankte? Wie sollte sich der Mensch schützen, damit er leben und verdienen konnte, damit ihn nichts störte und er mit niemandem zu teilen brauchte? Worauf
der Welt sich

ISO

sollte er sich stützen,
als alle

wenn auch

jene Kraft, die stärker

zu sein schien, und jene Macht, die

man

als

die größte ansah, nicht

von langer Dauer waren und
die

keinen genügenden Schutz boten?

Weil

sie die

Welt und

großen Kräfte, die

jetzt in

Bewegung gekommen waren, sich jagten und zusammenstießen, auch nicht im geringsten verstand und
kannte, gelangte
sie

zu einander völlig widersprechenihr

den, doch stets in gleicher Weise unrichtigen Schlüssen.

Leben und ihre Geschäfte mit alledem nichts gemein hatten, bald wieder brachte sie alles, was geschah, mit ihrer Person und ihren Interessen in Verbindung. Wenn sie plötzlich und mit
Bald sagte
sie sich,

daß

sie,

Schmerzen erwachte und dann scharf und unregelmäßig schlug,

spürte,

wie ihr Herz

kam

sie selbst sich in

dieser Nacht verloren vor, unwissend undhilfloswie nie-

mals vorher, herausgeschleudert aus der bisherigen Le-

bensbahn und Denkweise, so daß sie weder die Welt um sich noch sich selbst in dieser Welt begreifen konnte. Sie zitterte bei dem Gedanken an die Zeiten, die kommen und alles in Frage stellen könnten, was sie verdient

und

erreicht hatte, die alles verschieben

mochten,

was

sie für fest

und

sicher gehalten hatte.

Unter dem

Gesichtswinkel, unter

an zu sehen gewohnt war,
lich

dem sie diesen Krieg von Anfang nahm sich das alles unglaubund ungeheuerlich aus. Was dort in der Welt gewußte
sie nicht

schah,

genau, und es hatte

sie

niemals

interessiert, aber hier,

wo

sie lebte

und

arbeitete, sollte

etwas Schreckliches und Unmögliches geschehen, sollte
jene Seite besiegt werden, die Macht, Militär

und Geld in den Händen hielt und den Menschen, die in Ruhe leben und ihren Gesdiäften nacligehen wollten, Ordnung
151

es 152 . war schon geschehen. Ja. aber das war es diesmal nicht. Unwiederbringlich. Es war ein Tag. Es war ein Erwachen besondeAus tiefem Schlaf und toter Ohnmacht geradewegs in einen weißen. eine bestimmte Stunde verschlafen und ein wichtiges Geschäft verpaßt zu haben. Verdienst und Leben ge- währleistete. In einer dieser Nächte hatte sie einen schrecklichen Traum vom rer Art. >Es schon lange hell. und die Augen sind bei jedem Blick schwer wie im Schlaf. Geld. >Was ist für ein Tag ist das nur?< fragte sich das und ich muß mich beund ermüdend. die schlimm. Sie erwachte und wollte den kleinen morgendlichen Arbeiten und Gewohnheiten nachgehen. eilen. also Unruhe. aber schon bei den ersten Schritten geriet sie ins Stocken. in welchem Augenblick sie das erkannt. Es quälte sie das Gefühl. also Arbeit. Ist das Fräulein. Das Fräulein erwachte. breiten Tag. an dem etwas geschehen würde oder bealles verkehrt. Sie hätte nicht einmal selbst sagen können. Ungewißheit oder — genauer gesagt brachte. sondern wie versteinert auf der Erde lag. Alles ging schwer von der Hand und mißlang. und den ganzen Tag ging dann Das gab es.und Sicherheit. mit Mißmut und Verspätung begannen. die Zerstö- rung. Arbeitsscheu. — sicheren Untergang predigte sie so und Weder konnte etwas Schreckliches begrei- fen noch sich damit abfinden. denn sie hatte es nicht auf einmal begriffen. aber jede Bewegung ist langsam wirklich ein Erwachen ?< Es gab solche Tage. der weder heller noch dunkler wurde. reits geschehen war. und es sollte die Seite siegen. als ob man sich im Wasser vorwärts schleppt.

So freute und rächte sich der kleine Mann von niederem Dienstrang. dünnen. Und von einem Menschen zum anderen. Wie durdi eine Feuersbrunst stürzte sie in ihren Laden. stehen. buchstabierte sie sich die Bedeutung dieses ungewöhnlichen Tages zu- sammen. Das gibt es nicht mehr. bis sich ihr schließlich die ganze unglaubliche. dem sie beim Verlassen des Hauses begegnete. so als wäre jedes Gesicht ein Buchstabe. sie fühlte nur. vergalt blitzartige schwunden. es lächelte den roten Haaren. war der Briefträger. daß sie anders waren als sonst. ihre Bücher und Rechnungen und eilte vorwärts. was an diesen Gesichtern auffiel. ein wenig mit jedem Schritt. die gelben heute ver- Augen blinzelten keck und bedeutungsvoll. »Nein. Sie kehrte ihm den Rücken und ging in die Stadt. Es war das abgequälte. Sie blieb mitten auf der Straße dann erinnerte sie sich plötzlich an ihre Kasse. so daß ihre Augen sich umnebelten und ihr Mund sich auftat. Doch siehe schmitzt. Fräulein Rajka. Der erste Mensch.« dem Briefträger ins Gesicht. wenn sich ihm Gelegenheit dazu bot. Das Fräulein verspürte einen starken Sdilag unter der Schädeldecke. Wahrheit entdeckte: Das Geld war es hatte aufgehört zu bestehen und nicht mehr. Sie konnte nicht genau sagen. ihr nur zu gut bekannte Gesicht mit da. nirgends und in keiner Form. öffnete mit zitternden Händen die Kasse und fuhr. sie mechanisch. Für sie hatte er bloß einen einzigen. bedeutungslosen Brief. «Keine Geldüberweisungen?« fragte Sie schaute alte. 153 .sondern nach und nach. Aber auch auf der Straße begegnete sie solchen Gesichtern. jedem Wort und jedem BUck.

Vergebens. »So ist es«. . einzige Krone. Man Han- Man lebte. Oder war mit dem Geld auch der Buchhalter und alles verschwunden. von einem Laden zum anderen. Fräulein. arbeitete und trieb aber ohne Geld. »Wie? Wie?« stammelte das Fräulein. . was mit ihr und der Welt ringsum geschehen sei. mand antwortete machte sie sich auf. er hing? Das Fräulein lief hinaus und begann Veso. die bisher nur getätigt und Bankgeschäfte sie haben . mit der Hand über die leeren und nackten Stahlwände. antwortete kühl und unbekümmert ein Kaufmann hinter seinem Ladentisch. was mit dem Geld zusammenFächer halter Veso. Und alle schauten sie mit einem augenzwinkernden Lächeln an. Nieihr. Sie schrie. Ja.plötzlich blind geworden. Sie rief nach dem Buchwar nie da.?« Aber sobald 154 auf diese Weise mehr zu erfahren . sie nicht. und niemand die Menschen zu sie. als ob sie eine verschrobene. nur um zu fragen. Mit jedem Schritt und mit jeder Frage und Antwort wurde die Tatsache klarer und unerbittSie ging licher: Es gab kein Geld mehr. was die ganze Welt schon seit langem wußte. wenn man ihn brauchte. dumme Frau sei. das Geld hatte wie etwas Überflüssiges und Wertloses die Welt verlassen. als sei sie sich selbst fremd. So suchen. Kein Mensch verkaufte oder kaufte etwas für Geld. Das ganze Land besaß nicht eine brauchte del.« »Und was Geld- soll aus denen werden. Überall dasselbe. die nicht wußte. so wie er einst zu sagen pflegte: »Bei uns sind feste Preise. die Polizei und alle lebenden Menschen herbeizurufen. Sie schlug sich mit der Faust gegen die beachtete Stirn und die Brust.

Dieses Wort hatte seinen Sinn verloren. Jetzt hatte auch sie selbst die unglaubliche. Etwas viel Ungeheuerlicheres und Ärgeres war geschehen: der Begriff des Geldes war verschwunden. die einem tollen Traum glich. an der Stra- ßenkreuzung stand wie ein verlorenes Kind. Kümmere dich um deine Arbeit!« Und damit war die Unterhaltung beendet. Die Dukaten galten ebensoviel wie Spielmarken. Das Fräulein ging weiter. taumelte durch den weißen. Nein. »Was für eine Arbeit kann es schon ohne Geld geals sie ben?« fragte das Fräulein weinend.und eine Erklärung für diese sonderbare Erscheinung verlangte. Ja. das Geld war vom Antlitz der Erde verschwunden. Nur ein kleiner Kaufmann sagte zu ihr. Die Wechsel waren wie Briefe unbekannter Verstorbener — unverständlich. die mit unverständlichen Hieroglyphen bestische kritzelt sind. zwinkerten sie mit den Augen. von einer 155 . ohne sich umzudrehen. gespen- Wahrheit ausgesprochen. Die Kassenbücher waren beim letzten Buchungsposten stehengeblieben und lagen jetzt tot wie Steine. lächelten und — gingen wieder an ihre Arbeit. man hatte sie nicht bestohlen. Ecl<:e zur anderen. die an die Straßenpassanten verteilt und gleich darauf weggeworfen werden. aber das gibt es nicht mehr. während er Ware in die Regale suchte einordnete: »Das war einmal. Man hatte die Erde bestohlen. Alles war eine Bestätigung der Tatmetallenen Tag. von einer Straße zur anderen. Aktien hatte man zusammen mit alten Illustrierten abgelegt. ohne Bedeutung und Wert. die Banknoten waren auf dem Kehrichthaufen gelandet wie Reklamezettel.

156 . Die Vorübergehenden betrachteten sie mit kühler Verwunderung. als hätten sich die als Menschen darein hätten geschickt und damit ausgesöhnt. aber man muß weiterleben. ohne Geld zu leben. daß es so aussah. daß man die Bestimmungen der Vorsehung ruhig hinnehmen müsse. aber das gibt es nicht mehr!< Ein einziger Schwindel und ist das! Diebstahl Oder ist es etwa ein Aprilscherz unist nützer Nichtstuer? Bei Gott. Wo steckten denn die Popen. stören. Und das UnsachC. dasselbe traditionelle Fländereiben und nig dieselben Antworten: daß alles auf dieser Welt eine sei. denn sonst müßte er sie So sah das also aus! Auch die Staatsmacht war abtrün- und untreu geworden! Wütend lief das Fräulein weiter. sie sich in ihrer grenzenlosen Niedertracht schon sich auf damit abgefunden. daß im übrigen ihr Ziel das ewige Leben sei und sie sich in den Dingen die- Gabe Gottes ser Welt den Forderungen der Zeit anpaßten. glaublichste war. Alle befanden sich mehr oder weniger auf ihren Plätzen. geworden war. sich zu bewegen. was das! Und wo bleibt die Behörde. Ein Pohzist kam des Wegs und ermahnte sie. ohne Blut. Und bei allen fand sie mehr oder weniger dieselben Bewegungen. >Das war einmal. ohne die Kraft. »Was ist los? Das Leben ist sinnlos und öde geworden. das Gericht und die Kirche?« Das Fräulein jammerte mit lauter Stimme. nicht Ruhe und Ordnung zu einsperren. die Polizei.daß das Geld die Erde verlassen hatte und die Welt für sie wie ein Leib ohne Atem. und irgendeine Weise beholfen und angepaßt. Hodschas und Rabbiner? Gab es noch irgendwo Recht und Gesetz? Aber die Popen waren in den Kirchen und Kanzleien.

Für das Geld hat- 157 . schrei Sie schrie. Sie fühlte. Das Geld war ihnen !< das Heiligste vom Heiligen gewesen. von ihrer vervon ihrer Verach- zweifelten. zum Ausdruck bringen sollte. doch gleichzeitig stolz und emporgehoben von ihrer unverwüstlichen Liebe zum Geld. die Uhr arbeitete ebenfalls wei- Auch die Zeit wurde also noch gemessen. wie sich bei diesem verrückten Wunsch die Schleusen eines bisher nes in ihr öffneten und wie dieser unbekannten ZorZorn sie ganz überGees schwemmte. Die Turmuhr schlug neun. um das heilige Geld zu verteidigen und zu retten. ihr Niederträchtigen! Ach. tung denMenschen gegenüber. aber ihr kam ihr angesichts der Stärke des Zornes. Im ganzen waren es drei- zehn ter. allein und geschlagen. dachte das Fräulein. letzten Tapferkeitsprobe. wie ein Flüstern »Ach.Angeekelt und entmutigt lief sie von den einen zu den anderen. den vor. und gewurde auch noch. fühlte sie sich verlassen. Sie alle haben dieses Geld geliebt und waren so begierig danach Sie wußte das am besten. >jetzt >Ja<. ihr Feiglinge!« Und während sie der Zeit und der ganzen Welt ins Gesicht schrie. bis sie auf dem Platz vor der Kirche stand. Siehe da. so laut sie konnte. kann niemand von den Berufenen einen Finger rühren. Was nützte ihnen das alles — wenn es kein Geld gab? Was sollten sie messen und zählt zählen? Hatte nicht das Rechnen seine Existenzberech- tigung verloren? Oder hatte es sich wie alles andere dem neuen Zustand angepaßt? Das Fräulein hatte den Wunsch. denn sie hatte sie tausendmal in unglaublich lächerlichen und jämmerlichen Lagen beobachtet. bis zur Höhe des Turmes emporzuwachsen und alle Ziffern dieser Uhr zu bespeien. Schläge.

der Verlassenheit vollkommenen Zusammenbruchs stießen in und mischten sich. unter dieser Sonne. Lange betastete sie mit der stumpfen Hand die warme Matratze unter Im ganzen Körper fühlte sie noch das Beben des Zorns und die kalte Festigkeit des Pflasters auf dem sich. hatten sie es ver- und sich von ihm losgesagt. schloß das amerikanische Schloß des mittleren Faches nahm ihre Ledertasche heraus schüttete das ganze Kleingeld auf den Tisch. bis die Wirklichkeit siegte und das Zimmer sein ruhiges. Ohne auf. das sich Mensch nannte: vor allem verbeugte es sich. Davon trübte sich ihr Blick.ten sie alles verkauft. Und dieses wirkliche Erwachen war um nichts weniger qualvoll als das geträumte. Gedanken und starken Alle die gehetzten düsteren Gefühle des Zornes. dem gepfla- dem Augenblick erwachte das Fräulein. in der alten Form weiterzuleben. Das warf sie zu Boden. Und da blieb sie. gewohntes Aussehen wiedergewann. der Erbitterung. So war dieses Tier. über Nacht. für Geld hatten bereit gezeigt. Es waren sechs Bank- noten zu 158 je zwanzig Kronen und einige Scheidemün- . schmerzlich verworre- ner Traum. sich anzuziehen. erwachte wirklich. raten nur um hier auf der Erde. Einen Augenblick noch schwankte und verschwamm alles ringsum. die Stimme verlöschte. sie sich zu allem Aber jetzt. mitten auf sterten Platz liegen. Im schwachen Licht der frühen MorgendämIn merung zerstob auch ihr toller. ein und des ihr aneinander kleines Bündel Frauenkleider. lief sie zum und Schreibtisch. Platz vor der Kirche. Da war das Fräulein auch schon auf den Beinen. und die Beine versagten den Dienst.

Unterwegs begleitete sie noch immer das unbehagliche Gefühl des nächtlichen Traums. zweimal — wieder jagte wie ein blitzschneller Schatten der Zweifel an der Wirklichkeit über ihr Be- wußtsein — . sie kleidete sich an. Während dann unterschrieb sie die Postansie die Banknoten an ihre Brust 159 . Doch darüber wollte so kehrte sie in das sie nicht nach- Sie fror. und noch warme Bett zu- Herz schlug stark und unregelmäßig. Natürlich! Es war bloß ein Traum. Wie diese in die Tasche zurück. Ihr schläfrig und lallend undeutliche ein. Er ist gesechs kommen und vergangen. flüsterte rück. ein sinnloser. alles ist Banknoten ist auch das ganze übrige Geld in der Welt an seinem Platz. Worte des Vorwurfs und Wie gewöhnlich erwachte sie kurz vor sieben Uhr. Aber die Wärme des Bettes und das wohltuend sichere Gefühl der Wirklichkeit beruhigten sie bald. >Siehst du. frühstückte und ging in den Laden. begegnete sie unmittelbar an dem Briefträger. schrecklicher Traum. der Atem ging rascher als sonst. der ihr tatsächlich ein paar Postanweisungen brachte.zen. Als sie der Tür zum Laden kam. Wie ist so ein Traum über- haupt möglich? Und was für eine Beziehung besteht zwischen Wirklichkeit und Traum ?< Von diesen Ge- danken denken. Aufgeregt zählte sie das Geld einmal. und erst weisungen. Heftig atmend betrachtete sie das Geld und legte es wieder in Ordnung. blieb ein leichtes Unbehagen wie ein Schatten in ihr zurück. und stoßweise jagte schlief wieder wie ein rascher Schatten der Zweifel an der Wirklichkeit über sie hin. Sie schloß fest die Augen.

(Als wollte er sagen: Der Dienst ist nicht beschwerlich. obwohl auf jeden hartnäckig und wider alles Erwarten ein neuer folgt. preßte. Erst jetzt beruhigte sie sich vollends. tintenbekleckste Tuch auf. sich immer auf der Sonnenseite haltend. Aber der Sommer wollte nicht weichen. Ein schrecklicher Blick Leute!« So quälte sich das Fräulein in den heißen Nächten und fand keinen Schlaf. als sich Dem Fräulein geschah. von denen jeder der letzte zu sein scheint. die sie im Traum gesehen hatte. drückte sie ganz fest auf das grüne. Auch im Oktober war es noch warm. denn die Ereignisse reihten sich aneinander. der ganze Reichtum. Mit einem kurzen inneren Schauder schüttelte er den Eindruck der durchbohrenden. furchtbaren Augen von sich ab. Die Tage und Wochen erschienen endlos lang. erschrockenen. was solchen Leuten in der Regel geschieht. i6o das ver- .hob sie den Kopf und schaute dem Briefträger lange und prüfend in die Augen. häuften und überstürzten sich wie die Schlußakkorde einer Symphonie. Dann ging er weiter. Sie legte beide Hände auf den und atmete kleinen. aber der Lohn ist gering. Sie merkte es nicht. da langt es bei den vielen Kindern weder hin noch her. Es war das altbekannte. und flüsterte lautlos vor sich hin: »Ja. blieb er stehen und schüttelte sich. und alles grünte. Als der Briefträger aus dem halbdunklen. Was nützt ihr da.) Nirgends eine Spur von dem frechen Lächeln und dem verschmitzten Augenzwinkern. altertümlichen Schreibtisch. diese Blick! Rajka hat einen schrecklichen ist das. abgequälte Gesicht mit den roten Haaren. kalten La- den in die Morgensonne hinausgetreten war. Und doch kam auch dieser letzte. mein Lieber.

Veso näherte sich mit einer Schar junger Leute. der gewaltigen Aufregung. Einige wai6i . Gedanken und Kapi- Ohne große Verluste würde es nicht abge- hen.wovor sie solche Angst gehabt. sie erlosch und verlor sich auch nicht ganz. wie sie die Verluste möglichst niedrig halten könnte. dazu aber nur insgesamt zwei Minuten Zeit hat. Das Fräulein ging wie eine Fremde und Verurteilte durch die Stadt. Sie dachte nur daran. und trotzdem zitterte aus angeborenem Widerwillen gegen Küsse und aus Ekel vor den ewigen Tränen. an sie sich also nicht weniger fürchtete und sich nicht erhoffte als gewöhnlich. In überflog sie ihre überall verstreuten Kredite talanlagen. Scharfe Schritte und aufgeregte Stimmen rissen sie aus diesen Gedanken. Das sah man schon. aber sie glich er arbeitet und dreht sich weiund zeigt nichts weiter als einanFlecke und Striche. leuchteten an den Häu- und die Mensdien küßten und umarmten einander und weinten vor sern die ersten dreifarbigen Fahnen auf. was sie unzählige Male vorausgesehen und sich bis in die kleinwirklichte. Freude. niemand sie reichte ihr die Hand.) einem gerissenen Film: ter. Fröstelnd saß sie in dem kalten Laden. der wie alle übrigen war. der aus einem Brand oder Unwetter das retten muß. sten Einzelheiten ausgemalt hatte. Schon wieder Tränen! Veso kam an diesem Tage nicht und ließ den Laden geschlossen. sie überlegte rasch — wie ein Mensch. Niemand umarmte sie. was ihm am wertvollsten und am meisten bedroht erscheint. den lauten Gefühlsergüssen und allen Reden und Gesprächen. aber er sagt nichts der jagende trübe An einem dem mehr Oktobertag. (An dieser nicht Stelle riß ihre Erinnerung ab.

als sie es sich je zuvor hätte ausmalen können. vor Freude. die sie boshaft verspotteten oder offen angriffen. Sie erinnerte sich nicht und wollte sich nicht an all das erinnern. »Laß das jetzt. Augen waren weit geöffnet. Aber wie sehr sie sich auch bemühte und nach162 . dürfte man es nicht einmal bedauern. Alle sprachen den. einige aber beschimpften sie offen und in grober Weise und machten ihr das Verhalten während des Krieges zum Vorwurf. Sie wollte mit Veso sprechen. so als könnten sie ihre Gestalt nicht richtig sehen und erkennen. Geh Du siehst. Erst glaubte sie. Rajka! Wen interessiert das jetzt? Nachdem wir heute auch du nach Hause erlebt haben! Siehst ! das erreicht haben. An dem Verhalten und den Reden derer. auf der Straße und auch in ihrem Vaterhaus begannen Bekannte und Unbekannte. Es war alles schlimmer und schwerer. Gerufene und Ungerufene sie zu necken und mit höhnischen Bemerkungen zu reizen. was für eine Freude wir nicht?« du das Sie sah nichts. es sie mit lebhaften Gebär- handele sich sie um Betrunkene. Weder früher noch später sah sie ihn so aufgeregt. was sie damals hatte ertragen müssen.ren bewaffnet. gutmütige Gesicht strahlte und glühte diesem harmlosen Anfang. wie groß ihre Sünde in den Augen dieser Menschen sein mußte. mit finsterem Gesicht und blinzelnden Augen. aber seine und das bartlose. Er winkte bloß mit der Hand ab und reihte zusammenhanglose Sätze aneinander. aber ließen sie nicht zu Wort kommen und betrachteten sie von oben herab. Aber auch Veso war nicht viel besser. wenn man sterben müßte. ermaß sie. weil sie so winzig war. Doch es blieb nicht bei Im Laden.

vermochte sie tatsächlich Zusammenhang zwischen dem. zu erkennen. daß wußte Strafe und Sie sie sich auf der 163 . unerbittliche nicht den ursächlichen Wirkungsweise zu verstehen. unfähig. überhaupt nichts von Gewalt und Reclit. sie sah nur ganz deutlich. geschehen konnte. von Rache. und angeborene Schadenfreude beigesellen. was sie I9i4und 1915 getan. gesehen und gehört hatte. Und das war warum sie jetzt so sdiwer daß Gewalt und Unredit den nach Rache hervorrufen. sie zu schädigen und ihre ganze Arbeit zu beeinträchtigen. Solchen Leuten wie das Fräulein mußte die Welt sehr oft wie eine Hölle vorkommen. in und in derselben Stadt. und imstande. auf die sie einstürmt. daß sich selbst der gerechtesten Strafe immer Neid Sie wußte nicht. und dem. was ihr geschah. Unempfindlich für eine ganze Reihe gesellschaftlicher Gesetze und moralischer Gefühle und Reaktionen des Menschen. sie men zu hindern. sie immer als das gräßlichste Unrecht ansehen. der hauptsächliche Grund. daß die Rache blind Wunsch ist und daß jene. ob das wirklich alles in demselben Land sätze und Reden las. Wenn sie in den Zeitungen Aufdenen die Verfolgungen und Leiden der vergangenen Kriegsjahre geschildert wurden. fragte sie sich. worin diese Sünde bestehen sollte. Sie sah nur den unverständlichen Haß und das Bestreben der anderen. daß alle Menschen außer ihr plötzlich verrückt geworden waren und sie deshalb über die Schulter ansahen und so unbarmher- Manchmal glaubte sie. ihre erst recht nicht Ordnung und langsame. in der sie lebte. litt. ihr Vorhandensein zu bemerken.konnte nicht begreifen. sie am Vorwärtskomdachte. ebensowenig wußte sie. zig verfolgten.

gelb Händen welkes Gemüse wendete. Um den Hauptstraßen auszuweichen. zu trin- ken. mit eigenen Augen den völligen Zusammenbruch Gazda Rafos zu beobachten. Sie schaute ängstlich hin und sah. die Gerichte feierten. Und die Zeitungen schrieben von man den Besitzenden Kriegsgewinnsteuern. täglich drohte ihr neuer und größerer Verlust. begeisterten Volksmassen wimmelte. sich Alles wandte gegen Ganz zu Beginn. in denen es von erregten. Narrheiten zu treiben die letzte und zu verschwenden. kam dem Fräulein vor. Vor dem ehemaligen Laden Rafos sah man eine Menschenmenge stehen und hörte laute Rufe und Wogen donnernden Gelächters. Sie wagte es nicht. denen zufolge Milliardenbeträge zugunsten jener die nichts hatten. Und sie Schaden. von Enteignung. die Wertpapiere lagen Von allen man Spenden von als ihr. an einem dieser Oktobertage. ohne Krawatte und 164 .Seite der Verfolgten erlitt wirklich und Geschädigten befand. sie. in tosender Schwelgerei Selbstmord zu begehen. mit Forderungen nichts. Es sich wegnehmen wollte. war es ihr noch bestimmt. Schulden aber zahlte niemand. wie Gazda Rafo hinter der Verkaufsbank mit feuchten. ob am nächsten Tag und Weltuntergang wäre. an ihre Schuldner heranzutreten. zu essen. nicht eingehalten. ging sie eines Morgens durch die Ferhadijastraße. sondern jeder lachte seinen Gläubiger aus und machte neue Schulden. erdbeschmutz- ten gert. die Banken arbeiteten Seiten verlangte Termine wurden tot. bis Münze den letzten Menschen verlassen hatte. als hätten ganze Länder und Völker entschlossen. von großen kleinen Plänen. Ganz abgemaund dunkel im Gesicht. die nicht richtig. und es nützte ihr auch Die Geschäfte stockten.

er sei immer noch ein alter Fuchs. Nur war er früher dabei gesund. . unter Tränen sichernd. das Volk nicht hungern zu lassen. lobte seine Ware und bemühte sich.. was man bei den unaufhörlichen Zwischenrufen und dem lauten Gelächter nicht richtig verstehen konnte. schwur.Kopfbedeckung. Ich »Hier. und jetzt gibst du dem Volk Kohl zu fressen?« Die anderen waren gutmütiger und faßten diis Ganze von der heiteren Seite auf. und schaute ihn mit jener gefühllosen Neugier an. »Trag das nach Hause. Das ist es!« Aber die Menge lachte über diesen Kranken. . auf jede ver- Bemerkung eine Antwort zu geben. Aber Rafo Konforti »Soviel Millionen hast legte wie einst vor vielen Jahren die Hand auf die Brust. zig hörte man einzelne Worte. sinnlose Bewegungen.« »Hat dir das selige Österreich dies als Vermächtnis hinterlassen?« du zusammengescharrt. Para. Gazda Rafo. und sicher verberge sich auch hierunter irgendein Geschäft. Sein Anzug war schmut- und unordentlich. Sie riefen ihm zu. Volk muß ohne einen Kreuzer! Das weiß das. mit der die Menschen auch die traurigsten Szenen mitansehen. auch wenn es die an. Rafo rollte ängstlich mit den Augen und sagte etwas. sobald sie sich in der Überzahl fühlen. Die einen waren scharfzüngig und boshaft. und iß es selbst. .. lustig und lebhaft gewesen wie ein Kreisel. Es muß essen . so als hätte sie plötzlich keinen Hunger mehr. i6s . jetzt hingegen stammelte er kläglich. daß es seine einzige Sorge sei. Wenn er seine Stimme hob. . deren nicht wissen . . sprach wirr und vollführte schwache. ohne eine essen . . so stand er da.

daß es keins der ab. um nicht den jämmerlichen Untergang eines Menschen zu sehen. als Im würde sich das ganze Leben von Grund auf ändern. die Namen von Straßen und Institutionen änderten sidi. In Sarajevo zogen die ersten Abteilungen der serbischen lichkeiten. Paraden und Feierund Dankgebete lösten einander Abordnungen trafen ein. der Gerech. daß weitere Angriffe un. Dem Fräulein war es klar. Bankette Armee ein. doch war die Anspielung unmißverständlich. terblieben. . zwar nannte man sie noch nicht namentlich. Zu Neujahr begann ein neues Tagblatt zu erscheinen. sofern es diesen Begriff in ihrem Bewußtsein überhaupt gab. die mit den Worten begann: »Im Namen der Ordnung. neue Zeitungen erschienen.«. Freude und Unruhe in der Stadt ließen nicht nach. Einer ihrer Verwandten. suchte ihn auf und bewirkte. Die Hauptaufgabe dieses ultranationalistischen Blattes war es. Wunder war. aber die Aufregung. Am selben Tage brachte man Gazda Rafo in die Irrenanstalt. Gegenteil. der den Direktor der Zeitung gut kannte.Sie wandte den Kopf zur Seite und eilte davon. In einer besonderen Rubrik. die sich während des letzten Krieges »gegen die Ehre der Nation und deren Interessen versündigten«. An dieser Stelle wurde auch das Fräulein einmal erwähnt. Es sah aus. Tage und Wochen vergingen. daß er ihr Freund gewesen war. »Srpska zastava«. i66 . die nur drei Tage dauern. alle die zu verurteilen und zu brandmarken. von dem man sagen konnte. wurden tigkeit und des Friedens verlangen wir Einzelpersonen und Institutionen scharf angegriffen.

so Rafo Konforti und ähnliche. wie von der Straße. weitererzählt ja selbst in und gedeutet in der Stadt. die offen. Da sie niemanden sah.Aber was bei einem »Narodni glas« griff Blatt gelang. hörte sie. sie so vom Miljackaufer. auch den Namen Rajka Radakovic. ließ sich bei einem anderen nicht erreichen. und man kündigte an. ein paar Betrunkene laut etwas her- 167 . daß die Gesellschaft derart schädliche und unwürdige Mitglieder ohne Rücksicht auf ihre familiären Beziehungen und ihre Stellung ganz bestimmt und für immer aus Schlagzeilen ihrer Mitte ausschließen werde. Die neugegründete Zeitung in ihrer Lokalchronik alle Kriegser- gewinnler an. »Geschäften. die das Licht scheuen« und »seelenlosen Spinnen. was die Leute von ihr dachten und erzählten. stand rasch auf. eine besondere Kommission solle die Tätigkeit und die Profite aller Kriegsgewinnler überprüfen. Ihr schloß sich auch die sozialdemo- nun wieder erschien. In einer Herbstnacht erwachte sie plötzlich mit dem Gefühl. Hier war von »Wucherzinsen«. und wähnte nebenher. Diese Drohungen sahen damals ernst und wirklich gefährlich aus. doch ganz kratische »Sloboda« an. Rajkas Haus. Das wurde ihr erst allmählich und zufällig offenbar. schädlich für Volk und Gesellschaft« die Rede. öffnete das Fenster und ver- möglichst rasch luft einzuatmen. (Das geschah in letzter Zeit des öfte- ren. konnte sie nicht recht wissen.) Sie suclite. in der Familie. Als offenen Fenster und möglidist viel feudite Nachtkeuchend und fröstelnd am stand. all das wurde gelesen. Man verlangte in diesen von der Regierung. daß ihr jemand die Kehle zupreßte und das Herz ihr den Atem abschnürte.

« »Der verfluchte Schnaps erlaubt es nicht!« »Das ist es nicht. Zwei von ihnen bheben stehen und lehnten sich an ihr Haus. nie hätte sie gedacht. schimpfend und lachend gingen sie vorbei. beklagte sich der erste der beiden. Nein. >In ganz Bosnien<. lallendes Gerede: »Ich erkälte mich so leicht«. wie ich zu einem kommen soll. so . viele Jahre Geld auf Zinsen. nannte sie mit einem schrecklichen Namen und sprach einen so häßlichen Fluch aus. knöpfte sich lange und umständlich um.überriefen. hört?« die Hose zu und schaute sich genauer ge- »Weißt du. Schon Ich hörte. Bruder. »Während verleiht sie des Krieges während des Krieges. Unter ständigem Schluchzen und Flusie die chen benäßten Fenster. wie die Leute im Wirtshaus davon i68 erzählten. wie ihn das Fräulein noch nie gehört hatte. bei Gott nicht! Auch heute hätte ich keinen genascht. »aber es ist ja kein Wunder.« wenn nicht diese Sla- Einer der Betrunkenen trat zurück. daß dieses Haus der Rajka Radakovic Jener zweite. »Man sagt. in denen Erde und einzigen widerlichen Himmel in einem Gedanken verbunden sind. es war eines von jenen neuen Schimpfworten. vaf eiern wären. und ich habe noch keinen Wintermantel. Wand unmittelbar unter ihrem sie ihr Ohne selbst bemerkt zu werden. daß man so schimpfen könnte. dabei weiß ich nicht. Meine Schuh- sohlen sind durch.« und davor. sie hat mit den Deutschen Geschäfte ge- macht. Schreiend. Heute ist Michaelis. der immer noch an der Hauswand stand. hörte zusammenhangloses. und das jetzt.

>gibt es keinen solchen Wucherer. Eine Bestie eine Bestie. die sie vielleicht niemals im Leben gesehen hatten. sie totzuschlagen. sondern sich 169 . Wie eine Kerze!<« Und in einem fort schimpfend und taumelnd.sagten alles sie. Ich würde dieses Scheusal aus der Welt schaffen. von der sie aus dem Dun- kel angerufen wurden. ehrlich und nach dem Gesetz. Sie wußte ungefähr. alles angeblich ist sie.« »Totschlagen zuwenig. gingen beide ihrer Gesellschaft nach. was ihre Verdie ganze sogenannte bessere Welt von ihr dachten. die nidit einmal einen Win- von Haß und Sdinaps wärmten. die Habenichtse so von ihr reden. Mit klopfendem Herzen und schlaflosen Sinnen überwohin sie fliehen und wie sie sich vor diesen Leuten verbergen könnte. Weder Kreuz noch Seele kennt sie. andererseits aber Zeit und Phantasie genug hatten. und niemand hat je etwas Nicht mal dem lieben Gott gönnt sie den Weihrauch. undurchdringlichen Ring des Hasses. sage ich dir. < Und das macht sie unsichtbar und heimlich. der sich zog. Alle zusam- men bildeten sie einen festen. Sie legt bloß eine Para auf die andere. aber jetzt hörte sie mit eigenen Ohren auch das Volk. Damit sie verbrenne wie eine Kerze.« ist »Es wäre eine Segenstat. kleidete sie in ein Pechhemd und zündete es an. wie es im Lied heißt: >Er führte sie auf einen Kreuzweg. um fremden Verdienst zu zählen und für andere terrock trugen. Das Fräulein schloß wandten und rasch das Fenster und legte sich ebenso rasch nieder. immer mehr um sie zusammen- legte sie. Niemals hat sie mit einem Mitleid gehabt. Gutes von ihr erfahren.

die sich nicht in Zahlen ausdrücken und auch nicht mit Geld bestechen jetzt sah sie. ließ sich. in ihr Fuß fassen. Lang und häßlich waren diese Monate. Noch vor einigen Monaten daß es hatte sie nicht geglaubt. An irgendeinen Gewinn war nicht mehr zu denken. auf die Straße zu gehen. ohne selbst zu wissen. sich für einige Zeit zu- rückzuziehen. Sie. die sich nie im Leben um die Menschen gekümmert und sie gar nicht recht bemerkt hatte. daß sie sich fast selbst schämte. da sie auch vor den nächsten Verwandten in ihr Zimmer flüchten mußte und das Geschrei gegen sie so mächtig wurde. Vergeblich fragte sie wohin ihre kühl besonnene Kraft und ihre finstere Jetzt hatte sie Verachtung geraten seien. daß schlossen. Auch Veso riet ihr. die schreckHchsten Todes- In diesen Wintermonaten geschah es in zum erstenmal den sonntägHchen Besuch des väterhchen Grabes unterheß. Sie hörte auf. Alle Tore waren für sie versie ihrem Leben. Sie saß zu Hause und dachte an das Grab. ihre Blicke und Zurufe. was stärker wäre sie so Wille und ganz vom Kampfplatz drängen könnte. und gegen die nichts half. obwohl sie nicht wußte warum. zitterte jetzt bei dem Gedanken an die Passanten. auch nicht für einen Augenblick. in den Laden zu gehen. 170 zwar keine .Menschen Pechhemden und arten zu ersinnen. denn das Gefühl irgendeiner Schuld konnte niemals. wie und wann. von einer unsichtbaren Kraft. als ihr etwas auf der Welt gäbe. verloren und geschlagen war. Die Angst vor einer Begegnung mit den Leuten war stärker als alles andere. aber sie hatte nicht den Mut. Aber daß sie wirklich verdrängt.

der Stadt ihrer Niederlage. daß sie nach so vielen Störungen und Verlusten. war schwer und schmerzlich. sie auch nur um eine Sekunde zu ver- kürzen oder zu verlängern. • wäre in Vergessenheit geraten. aber ihre Verachtung kehrte zurück. wenn nicht Zeit und Raum sie von diesem Sarajevo. und sie sah ein. tatenlos herumsitzen und vom Kapital zehren müßte. wenn nicht irgendeine Veränderung einträte. gerettet sein. wenn sie sich hätte entschließen können. denn sie wußte wirklich nicht wohin. Wie geächtet saß sie in ihrem Hause. ließ ihr Herz stocken. ohne etwas zu schaffen und zu verdienen. welche die letzte Zeit mit sich gebracht hatte. völlig zurückgezogen. aber es war nicht unmöglich. noch ein halbes oder ein ganzes Jahr Hause zu sitzen.Kraft mehr. trieb so zu ni . ohne etwas zu unternehmen und zu tun. Zeit. So blieb also nur der übrig. das heißt. mit dasselbe wie vergessen und vergessen werden. von neuem zu Aussichten und neuen Kräften. daß es für sie und das Ansehen der ganzen Familie am besten sie wäre. wenn Sarajevo verließe. nicht mehr hier zu sein bedeutete vielleicht. trennten und vor ihr schützten. Alle Verwandten waren sich darin einig. Abreisen. Vielleicht hätte sich doch alles mit der Zeit beruhigt und grad vor. Aber allein der Gedanke. das neuen Abreisen. Die Zeit kroch unbarmherzig dahin. das wäre fast leben. die anderen eine Übersiedlung nadi Bel- Und Rajka gab — zum erstermaal in ihrem Leben — nach. und auch der klügste und reichste Mensch hatte nicht die Kraft. Raum Von hier wegzugehen. wenigstens für einige Die einen schlugen einen kürzeren Aufenthalt in Dubrovnik. hun- dertmal so stark wie zuvor. daß sie das Leben nicht würde ertragen können.

guten Augen.ihr das Blut in den Kopf und benahm ihr den Atem. Die Mutter stimmte zu. nur des um das nicht ertragen zu müssen. mit Tränen in den blinzelnden. Schon im voraus malte sie sich aus. das Geschäft weiterzuführen und sich um ihr Haus zu kümmern. das sie vermieten wollte. Dieser Gedanke drohte sie zu erstik- ken. verlieren und schließlich in Armut und Elend verfallen würde. wie sie immer allem zugestimmt hatte. Im Laufe Sommers wurde entschieden. Veso übernahm es. mit der Mutter nach Belgrad übersiedeln wo seit langem ihr Onkel Djordje Hadzi-Vasic lebte. Sie in die wildesten würde nicht nur nach Belgrad. sondern selbst und entlegensten Kolonien gehen. daß sie sollte. 172 . wie sie Geld verbrauchen.

Der Beamte mit der roten Mütze.VI Ende 19 19 verließ das Fräulein mit ihrer Mutter Sara- jevo. daß Belgrad eine Woh- nung gefunden hatten. einige Kisten und Koffer mit. Die Reise war lang. Die Stationen. sie rochen nach Zwiebeln und Schnaps. rücksichtslose Leute durch die Fenster einstie- gen. Und die Leute. sie in sobald sie ihm mitteilten. die Zäune zerbrochen. daß geschickte. die Anlagen niedergetreten. aus denen man das Leder oder Tuch herausgeschnitten hatte. die Möbel aber verpackten sie und vertrauten damit er sie ihnen mit der Bahn zuschickte. sah unglücklich und 173 . der den Zug erwartete. an denen sie vorüberkamen. Der Andrang war so gewaltig. Die Züge fuhren langsam und unregelmäßig. ermüdend und in jeder Hinsicht unangenehm. mit zersessenen Sitzen. benahmen sich grob und führten eine rüpelhafte Sprache. Die Waggons ohne Fensterglas. waren größtenteils unsauber und schlecht gekleidet. die sich an den Eingängen stießen und einander auf dem Schöße saßen oder in den Gängen standen. Sie nahmen wichtigsten sie Veso an. sahen aus wie nach einer unsichtbaren Überschwemmung: die Mauern waren beschädigt.

Jetzt sah sie es: Sie hatte ihn in den vier Jahren.schuldbewußt aus. neben einem langen Zug. da sie in und allem ausgewichen war. da sie ihr mehr oder wenisich auf ger wie in Friedenszeiten gelebt hatte. die er hervorrief. Alles ging Nerven. Jetzt. ihr auf die am meisten jedoch ihre Mutter mit ihrer unerschütterlichen cheln. Rajka fühlte ginge sie in die Verbannung oder als flüchtete sie davor ins Ungewisse. Zum erstenmal zeigte sich dem Fräulein der Krieg in seiner den Verwüstungen. aus dem weißer len. was sie aus Sarajevo vertrieben hatte. nicht richtig ken- Haus verlassen und diese lange beschwerliche Reise ins hatte. und immer standen ihr die Verluste vor Augen. was schwer dem allgemeinen Unnichts teilgenommen. aber nur langsam wieder verwischten. als allem und jedem. Trotz größter Vorsicht wurde ihnen ein Kofier gestoh- Das war zuviel. fünf Stunden in In Slavonski Brod warteten sie volle einer kalten. mehr ihre eigene innere Schwäche und Unentschlossenheit beleidigten und reizten sie. schien es ihr. Dieser Pöbel aber noch und alle seine Worte und Bewegungen. Ungewisse begeben was in den letzten Monaten geschehen war. 174 . Sarajevo zu verlassen. Auf dem schwach beleuchteten Bahnsteig. Sehr bald vergaß sie alles. in glück und Leiden an ihrem eigenen Hause gewohnt und in allem nengelernt. gar nicht so unerträglich gewesen und als habe ein Trugbild sie dazu verleitet. ihrer Ruhe und dem demütigen Lävollkommenen Ergebenheit gegenüber sidi. die dieser Umzug mit sich brachte. da sie gearbeitet und verdient hatte und gefährlich gewesen. die sich schnell in wahren Bedeutung. regnerischen Nacht auf den Anschlußzug. als sei alles. mit und den tiefen den Boden eindrückten. Spuren.

daß sie beide zuerst verlegen und steif neben dem Gepäddiaufen stehenblieben. stand das Fräulein und schrie. wohin sie wollte. und als sei zählte die Koffer. in der unsichtbare Kräfte stahlen und raubten. stand in einem solchen Gegensatz zu allem. der ebenso überfüllt war wie der aus Bosnien. Es Fleisch aus auch jenes Belgrad nur eine Täuschung in dieser Nacht. kalter Tag.Dampf zischte. den schweren Straßenschmutz hinter den Trägern hinüber. Beim Einbruch der bestiegen ein überfülltes Schiff und fuhren nach Belgrad Dämmerung trafen sie vor dem Haus der Hadzi-Vasic in der Smiljanicstraße ein. Danka und Darinka. stießen sie beiseite und stolperten über ihre Koffer. Da die Brücke über die Save zerstört war. als werde sie nie mehr dorthin kommen. ohne daß jemand Erst es ihnen verwehrte oder sie bestrafte. Die Hausfrau. durstig und rußig gingen sie durch her. Frau Persa. am nächsten Tag kamen sie kurz vor Mittag in Semlin an. als sei ihr ein Stück dem Leibe gerissen worden. Unausgeschlafen. Nirgends ein Echo. Es war ein grauer. nahmen sie ns . Das Fräulein tastete mit den Fingern um sich und kam ihr vor. fuhr der Zug nicht weiter. Mit knapper Not gelang es ihnen. Sie standen im zugigen Gang. und ihre beiden zuteil erwachsenen Töditer. Sie rief Gott und Menschen um Beistand an gegen diesen tückischen Diebstahl. den Belgrader Zug zu zwängen. was sie auf der Reise erlebt hatten. der den beiden Frauen in diesem Hause wurde. doch die Leute liefen an ihr vorbei. Der Empfang. nirgends Mitleid sich in und Hilfe. als ob man sie vierteilen wollte. Das geräumige Haus glänzte vor Reinlichkeit und roch nach Ordnung und Überfluß. die in der Familie und in der Stadt unter dem Namen Seka bekannt war.

stärkeres. Während sie sich wuschen und m Ordnung brachten. Sogar das Fräulein konnte sich diesem Gefühl vorübergehender Erleichterung und Sorglosigcheres keit nicht entziehen. kam auch der Hausherr selbst. wo zwei Betten mit großen. Ihr einziger Sohn. Er heiratete spät. zuerst ein wurden ihnen drei Kinder geSohn. Schon in den ersten tete drei Jahren boren.warm und herzlich auf. und als er vom Militärdienst befreit wurde. da der Mensch aus seiner Alltäglichkeit heraustritt und einige Stunden ein anderes. doch warmes Hofzimmer. ser Sie wurden mit Konfitüre. aufgewachsen. Djordje Hadzi-Vasic hatte vor etwas mehr als vierzig Jahren als kleiner Junge Sarajevo verlassen und war niemals mehr dorthin zurückgekehrt. Während in die des Abendessens im hellen Speisezimmer. dem Hadzi Petar Hadzi-Vasic. die nur gewe- dem Kaufmann Iraklidis verheiratet sen war. Gazda Djordje nach Misa. 191 5 flüchFrankreich. einem be- kannten Kaufmann und Gönner richtungen. vieler Wohlfahrtsein- Von ihm erbte er auch das Geschäft in der Fürst-Mihailo-Straße. Wasführte sie in ein nicht und Kaffee bewirtet. reiLeben lebt. war Soldat. Sie entstammte der reichen Familie des Eisen- händlers Stamenkovic aus dem Save-Viertel. wo er sein Jura- studium in Montpellier abschloß. Es gab Tränen und Küsse und jene ungewöhnlichen Augenblicke. Zur Frau nahm ein Jahr mit er sich Persa. Er war in Belgrad bei seinem Onkel. Man großes. dem sich die ganze Familie versammelt hatte. lernten Verwandten einander näher kennen. dann zwei Töchter. schneeweißen Kissen und Steppdecken von gelber Seide standen. eine junge Witwe. ging auch er nach Frankreich. Seka blieb mit den 176 .

gutaussehender alter Herr nahe den Sechzigern. Abend nicht aneinund wenn ihre Blicke sich begegneten. sanft- blickenden Augen der Hadzi-Vasic wie Rajkas Mutter. sehr auf Sau- berkeit bedachter. und Seka bemühte sich. Misa hatte eine Stellung in der Nationalbank angetre- ten. was er dachte (man sah es seinem Gesicht nicht einmal an. wenn sah seinem Gegenüber nur gerade ins Gesicht und blinzelte dabei lich wie alle Hadzi-Vasic leicht und kaum merk- mit den Augen. ihrer Entschlossenheit des bewahrte sie das je dabei. und mit Hilfe ihrer Fami- und ihres GelHaus und ließ den Kindern eine gute Erziehung angedeihen. geeignete Freier für ihre Töchter zu finden. Er war in allem der Typ des alten gebildeten Belgrader Kaufmanns. er durch nichts. der in seiner Haltung und in seinem Verkehr mit den Leuten Würde und Zurückhaltung wahrt. blauen. daß jeder. 177 . seine Geschäfte wieder in Gang zu bringen. das Gefühl hatte. mit es sei ein dem er sprach. Zeichen besonderer Zuneigung und beson- deren Vertrauens. doch vollendete Liebenswürdigkeit seines Berufs war ihm in Fleisch sich und Blut übergegangen. und zwar auf so nette. Gazda Djordje war jetzt ein gesunder. fröhliche Weise. jene (Die zwei konnten sich an diesem satt sehen. ander kühle. die ins heiratsfähige Alter gekom- men waren. dann fingen beider Augen an zu bUnzeln und zu tränen. bewegte langsam. Er ging ruhig. Er hatte dieselben hellen. Zur Zeit war Gazda Djordlienbeziehungen.) Seine blauen Augen paßten recht gut zu dem ganz ergrauten. gepflegten Schnurrbart und Haar. sprach wenig und verriet er angestrengt nachdachte).beiden Mädchen in Belgrad.

die er an der rechten Hand. Sie war eine kräftige. Von den beiden Töchtern ähnelte die ältere der Mutdie jüngere dem Vater. Ihr Gesicht verriet Klarheit und Unternehmungsgeist. Die Mühen.und restlos glückliche Ehe verband Gazda Djordje mit Frau Persa. die Rundungen ließen auf künftige Üppigkeit und der noch etwas schüchterne Glanz der lächelnden Augen auf dieselbe Lebensfreude und Entschiedenheit Darinka war vom Schlage der Hadzi-Vasic. üppige Haar und das schwarze Schnurrbärtchen. Alles an ihm war ordentlich. diesen Eindrucl<. hinter dem sich weder Schwermut schließen. um die Kinder und das Haus ehrlich und weise durch die Zeit der österreichischen Besatzung zu bringen. blauäugig wie der Vater. ein wenig Eine ruhige zu volle Frau von dunkler Gesichtsfarbe. gepflegt und sorgfältig gekleidet. doch für seine Jahre zu gemessen und ernst in Wort und Bewegung. bei sich trug. lebhafter Rede und feurigen schwarzen Augen. gegen das bereits bealles stehende versündigte. ein goldenes Zigarettenetui. Ein goldener Siegelring glänzte von den vielen goldenen Gegenständen. eine goldene Uhr mit goldenem Arm17S . Er würde daß er sich nie sicher nie ein neues System der Staatsfinanzen erfinden. Misa war ein schöner junger Mann von fünfundzwanzig Jahren. ein goldener Stift an goldener Kette. Danka war ganz die Mutter: Flaum an der Oberlippe kündete ein Schnurrbart- der eben an. die sie hatte aufwenden müssen. Sie noch Rätsel verbargen. war schlank und hatte blaue Augen mit ruhig versonnenem Blick. verstärkten noch das starke. hatten ihre Kraft schmälert. und ihren Lebenswillen nicht ge- ter. aber es war ebenso sicher.

Das einförmige. des Familienlebens wagte sie es zum erstenmal nach so vielen Jahren wieder. sobald als möglich in einem eigenen Hause zu wohnen. freie sie leb- Persönlichkeit war. stickigen Keller Alles schien fern und vergessen. Niemand fragte sie nach ihrem Leben in Sarajevo. daß sie es nicht ändern und ihnen den Wunsch. und froher. sie sonderte sich immer mehr von den anderen ab und zog sich ganz in sich zurück. Gegenstände kurz und unaufdring- So war die Familie. von der das Fräulein und ihre Mutter herzlich und verwandtschaftlich aufgenommen wurden. Die Freiheit und Freigebigkeit in allem. hafter und mit jedem Tag wurde man sie aus einem dunkan die Sonne gebracht. und auch sie kannte keiner. hatte sie . Und da sie sah. Belgrad war groß. aber volle. In jener war- men Atmosphäre zutragen. Auch dem Fräulein war in den ersten Tagen leicht und wohl zumute. im Lachen und Reden. Das ganze Leben jener Leute kam ihr so planlos. Und bei jeder Bewegung blitzte einer dieser lich auf. fern von diesen jungen. daß es sie aufregte. so als hätte len. den Kopf hoch- und fühlte. von den gewohnten Gedanken ablenkte und in ihren Plänen störte. daß auch sie eine eigene. fröhlichen Verwandten und dieser ganzen lauten. lebhaften GesellJ79 ihre Auffassung nicht aufdrängen konnte. alles war für sie namenlos. Frau Radojka war überglücklich. im Geld und in allem übrigen beleidigten sie und stießen sie ab. Aber nach den Annehmlichkeiten der ersten Erholung wurde sie düster und in sich gekehrt. wie sie es stets gewesen war. unbekümmert und bedroht vor.band am linken Handgelenk. heitere Leben in diesem Hause mit den erwachsenen Töchtern gefiel ihr gar nicht.

Dem Fräulein gingen besonders die Besuche. die bei der bekannten Gastfreundschaft Sekas sehr häufig waren. ein Haus in einer ruhigen. Das große Vorzimmer. Sie wartete ungeduldig auf das Eintreffen ihrer Möbel. Gazda Djordje machte mittels seiner Verbindungen ein klei- Haus in der Stigstraße für sie ausfindig. so hoch gestiegen wo die Preise noch nicht waren wie im Stadtinnern. Die Möbel waren stilgerecht. war dem Fräulein der verhaßteste Tag in der Woche.Schaft. erhielt dann noch eine Reihe ähnlicher Angebote. daß für die Küche hinten im Hof ein besonderer Anbau vorhanden war. nach dem Krieg war es bereits einmal ausgebessert und getüncht worden. und so wurden jetzt lange und mühevolle Gespräche darüber generes führt. entlegeneren Straße zu kaufen. und bemühte sich inzwischen unentwegt. zumal die Hausfrau jeder Besu- cherin auch »Djordjes Schwester aus Bosnien« und de- ren Tochter vorzustellen wünschte. und die Zimmer rochen weder nach der Küche noch nach den Wintervorräten aus der Speisekammer. aus dem man in die anderen Zimmer gelangte. So konnte das ganze Haus bewohnt werden. das heißt. Haus gehörte zu den besseren Vorkriegshäusern dieser Gegend. war als Salon eingerichtet. Der Dienstag. dichtlaubiger Föhren schloß sich an das Haus an. ein sauberer Hof und ein großer Garten voll erlesener Obstbäume und niedriger. Sekas Joui fixe. sie waren das Werk irgendeines i8o . auf die Nerven. die Veso bereits abgesandt hatte. es hatte nur ein Geschoß und war einfach aber geräumig. Es unterschied sich von der Mehrzahl Hadzi-Vasic' der benachbarten Häuser auch dadurch.

In diesem Raum pflegte Frau Persa Hadzi-Vasic jeden sie wie viele andere vermögende und angesehene Familien. benachbarte Zimmer geöffnet. in denen erwachsene Töchter waren. guten Piroter Teppich bedeckt. Frau Sekas Altersgenossinnen. den meisten Fällen dem Zufall diesem unsicheren Gesellen. Die Häuser vieler Belgrader Familien öft'neten sich zu jener Zeit dem Guten wie dem Bösen. ihr Haus für alle möglichen Gäste geöffnet hatte. i8i . wertlosen kleinen Porzellanfiguren und Fami- Fußboden war mit An den Wänden hingen vergrößerte Photographien von Ahnen im Fes und Großmüttern im samtenen Leibchen mit bauschigen Ärmeln und mit dem Tepeluk auf dem Kopf neben der Reproduktion einer Böcklinschen Landschaft mit Zypressen von phantastischer Größe und einem dunklen. Dann wurde für die jungen Leute Dienstag zu empfangen. Die neue Gesell- und in schaft.Meisters von jenseits der Save und Donau und kamen Stil Louis XV. kühlen See. möglichst nahe. Der einem alten. seitdem noch das größte. während die Tische und die Konsole auf den allzu dünnen Beinen mit dem Vasen. Negermusik der neuen Nachkriegstänze gewöhnen konnten und sich im stillen fragten. bei wo man Grammophonmusik tanzte. die aus Belgradern und einer immer größeren Zahl von Zuwanderern bestand und sidi auf der engen. was diese Jugend sich noch alles ausdenken würde. bevor ihre Töchter heirateten und so die unterhielten. während sich im Salon laut die älteren Frauen. Die Sessel waren mit dunkelrotem Plüsch überzogen. die sich schwer an die Sorge auf einen anderen überging. jedem Wind und zufälligen Gast selbst. lienbildchen überhäuft waren.

keine verwandten Neigungen und keine gefestigten Umgangsformen. 182 . waren durch den vierjährigen Weltkrieg in alle Winde zerstreut worden. keine gemeinsamen Traditionen. geboren und erzogen in verschiedenen Gegenden des Balkans und Mitteleuropas. Es war der heftige Ansturm einer bunten Menge. Rassen und Berufe. in allen Armeen der Welt auf vier Kontinenten hatten erleiden müssen. um gemeinsam mit der sogenannten besseren Belgrader Gesellschaft die ungewöhnlich günstige Konjunktur auszunützen: einen großen politischen und gesellschaftlichen ten militärischen Siege in der Geschichte. für die Nachteile und Strapazen zu entschädigen. aber sonst nur schwach miteinander verbunden und nur wenig in ihrem Wesen verwandt waren. Diese Menschen. die sie unter den verschiedensten Umständen. und alle waren bemüht. Zusammenbruch und einen der größGanz gewiß von Menschen geInteressen zusammengehalten hatte in der langen Geschichte Belgrads niemals auf so engem Raum eine so große Zahl lebt. keine gleichen An- schauungen vom Leben. Auf die schwere Probe und Erfolg gestellt. Die einfädle und zahlenmäßig geringe alte Belgrader Schicht vermischte sich mit dieser Flut der neuen Welt. doch jetzt hatte die Woge des großen sich Sieges sie hierhergetragen. die sich hier versammelte. Angehörige verschiedener Konfessionen. hatte noch keines der wichtigsten Attribute einer echten Gesellschaft. wollte sich aber auch nicht ihr gleichsetzen. die zwar durch ihre wurden.emporsteigenden Landzunge zwischen Save und Donau und den steilen Abhängen drängte. sie konnte sie nicht assimilieren. befand sie sich von Glück im Zustand gefähr- licher Euphorie nach den großen Leiden und Mühen.

die später ganz Bel- grad erfaßte. Man tanzte zum Grammophon. nie- mandes Verdienste konnten richtig abgeschätzt und niemandes Betrug mühelos durchschaut. An größeren Feiertagen oder bei jedem anderen geeigneten Anlaß kamen die Menschen auch nach dem Abendessen zur Familie Hadzi-Vasic. Gewohnheiten und Ideen nicht zurechtfinden. scherzte und sang. men voll aneinandergepreßter Körper und voller Ge- wühl begann überhandzunehmen. Niemals hatte es bessere Zeiten stigeren Boden für Betrug Das Fräulein mer sie konnte. konnte auch nicht das Gute und Nützhche vom Schädhchen und Überflüssigen scheiden. Aber Empfänge gab es nicht nur am Dienstag. niemandes Ansprüche rundweg abgewiesen und niemandes Recht verläßlich nachgeprüft und für alle Zeit gesichert wer- den. die wie ein er- habenes Drama mit glüddichem Schluß aussah. Zimmer. denn so und einen günund Selbstbetrug gegeben! wich diesen Empfängen aus. Diese Vergnügungssucht. Es nur na- daß unter solchen Verhältnissen keines Men- schen Bestrebungen klar und durchsichtig waren. wann im- Am Dienstagnachmittag hatte sie stets ihr erschienen diese tanzfreudigen jun- etwas in der Stadt zu besorgen oder blieb in ihrem gen Leute verrückt und die alten Damen im Salon ebenohne Verstand. Das unwiderstehliche Bedürfnis nach mögnach halberleuchteten Räu- lichst lauter Gesellschaft.die ihre Kräfte überstiegen hatten. diesem Ansturm der und konnte sich in Menschen. und 1S3 . aber man unterhielt sich auch über Politik. Kunst. sondern begann sogar sich selbst zu verlieren ist und immer türlich. weniger wiederzuerkennen. über die jüngste Vergangenheit. machte sich schon in den reicheren Häusern breit.

der Kronennoten getroffen wurden. kom- men würden. wie auch ihre Gespräche und Diskuswas sie von diesen jungen Leuten hörte sah. nische Dichter. sich irgendeiner der älteren Leute. Das Fräulein saß finster dabei. sich ein Greuel. das sich aus Verachtung. wenn Väter dieser tanihr setzte. wobei nach den Maßnahmen. der zenden oder diskutierenden Kinder. die jedoch die Herzen der jungen Männer und der Frauen verschiedensten Alters gefangennahm. Außerdem gehörten beide der Bewegung der revolutionär-nationalistischen Jugend Bosniens an und hatten die vier Jahre des Weltkrieges in österreichischen Internierungslagern zuge- bracht. Stikovic und Petar Budimirovic.über die Zukunft. oder nach den Prei- sen von Häusern der Jugend stieß sie alles ab: ihre Art. Als junge Dichter und nationale Kämpfer und Hauptstadt die unge- Dulder genossen 184 sie jetzt in der . verletzte sie und und erfüllte sie mit einem besonders unangenehmen Gefühl. zu vergnügen. Alles. die zum Abstempeln und Grundstücken erkundigte. folgen. zu Mit ihm unterhielt sie sich leise sie sich und zurüddialtend. Zorn und Furcht zusammensetzte. Aber sie versuchte. die zwar noch in keiner ge- druckten Literaturgeschichte berücksichtigt und auch sonst noch nicht offiziell anerkannt war. zu tanzen sich Von und sionen. Sie und den anderen war zufrieden. die ein dankbares und unerschöpfliches Thema war. wenigstens ihren ernsteren Gesprächen zu Eines Abends verkündeten lich Danka und Darinka feier- daß nach dem Abendessen neben anderen jungen Leuten zum erstenmal auch z\vei bos- und aufgeregt. Beide hatten schon einen guten Namen in der neuesten Literatur.

Es waren junge. Die meisten von ihnen hatten am Krieg teilgenommen und unlängst ihr Studium in Frankreich abgeschlossen. in ten Freunde zu dem und dieser lebhafte Wettstreit ein echtes Bedürfnis sie liebten ist. wie und wozu man diese Möglichkeiten ausnützen sollte. sie ernsthaft Das Leben zu sieben und allen Ideo- zu scheiden. so hielten die Diskussionen sie um so fester zusammen. Das waren vorzeitig und ruhige junge Leute. nur waren sie sich nicht einig. daß sich vor ihnen ein Leben voll unbegrenzter Möglichkeiten eröffnete. Einige hatten schon Stellen im Staatsdienst inne. keinen Sinn für deren Zusammenstöße und Reibungen besaßen und reits sich be- zur praktischen Arbeit in der Wirtschaft und im Bankgewerbe entschlossen hatten. Das hinderte sie nicht. die von logien gleich weit entfernt waren. die ihren Beund Weg schon gefunden hatten und nur nodi zwischen der Nationalbank und einigen neuen wirtschaftlichen Unternehmen schwankten. die erst gegründet werden sollten. doch alle waren von dem Gefühl durchdrungen. ernste ruf iSs . also alle Freunde Misas. Sie unterschieden sich in ihrem Temperament. ihn wie die Kinder ihr Spiel. Zigaret- und Rotwein zu. ihren Neigungen und Auffassungen stark voneinander und brachten oft Stunden und ganze teilte keit. hatte noch nicht begonnen. Alle waren in dem Alter. ehrgeizige Leute.Sympathie der Gesellschaft und der ÖffentlichAußer diesen zwei neuen kamen auch die üblichen Gäste. Es gab unter ihnen schon einige. Ebenso warteten sie nur auf gereifte. gute sein. Nächte mit lebhaften Diskussionen bei Kaffee. denn wenn auch Ideologien und Meinungen sie trennten. frohe.

immer mit einem AbzeiAn einem Tag war es das Abzeichen des Roten Kreuzes. auch die feinsten Unterschiede der einzelnen Doktrinen zu erforschen.die Heimkehr der übrigen Belgrader Familien aus der Emigration. republikanisch gesinnten demokratischen Jugendgruppe. kräftig. hatte seine und jeder von ihnen Gesinnungsgenossen und Anhänger unter den Freunden. Die dritte und kleinste Gruppe. der es sich zur Aufgabe machte. die sich hier versammelten. ein energischer. zum Aus- Da waren vic zwei junge Gymnasialprofessoren. der marxistische Literatur bis in alle Einzelheiten kannte. Rankoerste und Milenkovic. der Sozialist. zäher Mensch. Der war Lehrer für serbische Literatur. regelmäßigen Gesicht eines Römers. mit dem ruhigen. genannt Adamson. Die beiden nahmen gewisser- maßen eine Führerstellung ein. Stattlich. der chen im Knopfloch erschien. die der Konservativen. Aber um und Heftigkeit. ein polemischer Geist. ein geschickter andere war die Redner und ausgezeichneter Tänzer und Sänger. mit der die übrigen jungen Leute ihre Meinungen bildeten und druck brachten. um sich eine Frau aus der einflußreichsten suchen. vertrat Mile Adamovic. ein Rechtsanwaltskandidat. mit gro- i86 . scharfer Redeweise. Er reifer und Sportver- war ein schon recht dicker. für seine Jahre zu Mensch mit spöttischem Gesichtsausdruck und kurzer. Kultureine. und vermögendsten FamiUe zu war die Freiheit Zu ihnen so größer gehörte auch der Gastgeber Misa. denn er war ebenso Mitglied eines Unterausschusses des Roten Kreuzes wie Mitglied und Re- präsentant zahlreicher Gesangs-. Führer einer linksgerichteten. am nächsten das eines Gesangvereins.

in Wirkhchkeit aber bedeutungslosen. eine Ironie. aber wer soll das bezahlen?« Außer dieser festen. bekannten Gesellschaft kamen Leute aus den neuen Gebieten — Kroaten. In seiner Rede wimmelte es von türkischen und altertümlichen Wörtern und kühnen. volkstümlichen Ausdrücken. die wie eine unwiderstehliche Kraft aus diesem starken Körper hervorbrach. der jeden verwirren konnte. tiefer Stimme und sicheren. und die Männer fürchteten ihn größtenteils. den er nicht einmal selbst genau kannte. Er duzte jeden und vertrug auch nicht den kleinsten auf ihn gemünzten Witz. Slowenen und lebhafte. der andere selbst aber nicht lachte. (Bei uns wie auf dem ganzen Balkan ist diese Art des ruhig und kräftig aussehenden. Alle ungestümen Reden seiner extremistischen Freunde beantwortete er mit einem kühlen Scherz. so sich selbst je zum Lachen brachte. Seine Waffe war die Ironie. gewandte Dalmatiner — ins Haus. Bekannt war sein Ausspruch: »Gut gebrüllt. ohne verwirren zu lassen. Die Frauen liebten ihn. selbst Adamson. daß noch niemals einer seine Zähne gesehen hatte. in der etwas Nihilistisches und Patriarchalisches. ohne das geringste Lächeln. Stikovic erzählte von seiner Kerkerhaft in Arad. unfruchtbaren Menschen nicht selten.) Adamson war ein Mensch. etwas tierhaft Rücksichtsloses und väterlich Gütiges mitschwang. Jeden Dienstag brachte jemand irgendeinen neuen Gast mit. in den Schatten. Löwe. Er scliilderte die 1S7 . einen schüchternen oder zudringlichen Menschen von unbekannten Fähigkeiten oder unbewiesenem Ruf. Aber an diesem Abend stellten die beiden bosnischen Dichter alle. gemessenen Bewegungen.ßen Augen und festem Blid^.

er möge eines seiner Gedichte vorlesen. sondern nur noch unterstrichen wurde. bleibenderen Ausdruck zu finden. so mitten im freien Leben. Schon auf die erste Auf- forderung hin zog er ein zusammengefaltetes Papier aus der Tasche. so daß er bei seinen Zuhörern den Eindruck zurückließ. Budimirovic. um dafür einen las wahreren. während dichte ohne jemand zu beachten. da alles voll küh- ner Ideen und geschwollener Gefühle war. Er Gläsern auf den die durch sein schmerzliches Lächeln nicht gemildert. kam. mit der gekrümmten Nase und den dünnen. Er heiserer Stimme. jedoch nie- mand Zeit. die sich merkt aufdrängte und alles dem Zuhörer unberingsum zum Schweigen . Das war eine beliebte Form der er. das jeden Tag lebhafter und reicher wurde. Die Mädchen schauten auf seine mageren und regelmäßigen Hände. ohne selbst davon irgendwie berührt zu werden. nicht lange bitten. jenseits aller Gedichte und Rezitationen. dichterischen Aussage zu jener Zeit. zugleich aber wie ein weit entfernter oder darüberstehender Beobachter. rasierten Lippen hatte sein scharfes Profil etwas von der Strenge eine Inquisitors. Wissen und Geduld hatte. aber einer verborgenen Schärfe. Vergebens baten ihn die Gastgeberinnen. die für immer vorbei waren. Er lehnte das höflich ab. von Leiden zu hören. Mit den müden Augen. Es war quälend und doch angenehm.groben und traurigen Szenen sehr kunstvoll. war kleiner und bescheidener als Stikovic. daß er das alles durchwandert habe wie Dante die Hölle. eines seiner Gein Prosa vortrug. mit einem stolzen und herablassenden Lächeln. sprach leise mit mit und einfach. Dagegen ließ sich der zweite Dichter. das aus irgendwelchen Höhen.

sie verstand weder etwas Worte noch den verbindenden Sinn. drohende Stimme des Dichters nötigten sie. Auch einige der Älteren im Salon erhoben sich von ihren Plätzen. Jetzt erst begriff sie. Sie konnte nicht jedes einzelne Wort verstehen. erbarmungslosen Reichtums wurde meine 189 . daß es sich um einen schrecklichen. unmittelbar neben der Tür in einer und lauschte dem Vortrag des jungen Dichters. Zu Beginn die — zerstreut. und ganze begriff. »Wie weit ich durch die Welt gewandert und wohin immer ich gekommen bin. aber aus denen. daß sich ein Mensch in die Mitte des Zimmers setzte und mit feierlicher Stimme das vorzulesen begann. Das eben erschien ihr unverständlich und ein wenig beschämend. mein Stab stieß auf steinigen Weg. andächtige Stimme. was er in der Einsamkeit. versteckt und von den anderen kaum Ecke sie bemerkt. Sätze gingen ihr verloren. blutigen Angriff auf den Reichtum und die Reichen. die sie gut hörte und ging klar hervor. Sie sah Armseliges und Unanständiges darin. worum es sich handelte. blieben an der weitgeöffneten Tür stehen und horchten auf diese schwache. weil sie undeutlich oder unfaßbar waren. Das Fräulein saß. und mein Blick fiel auf das Haus des Reichen und mein Gedanke auf ein hartes Herz.brachte. Beim Anblick eures hoffärtigen. sich zu sammeln und aufmerksamer zuzuhören. Aber die allgemeine Aufmerksamkeit und Stille und die so leise. auf ihr Geld und ihre Lebensweise handelte. so scharfe. im Zwiegespräch mit sich selbst ersonnen hatte. wie hatte auch die Diskussionen der jungen Leute und die Grammophonmusik mit angehört finster und gezwungen.

den einen Dichter nannten. das Trennende beiseite zu las- sen.« Das Fräulein schaute auf ihre im Schoß gefalteten Hände. der klüger und geistSeele zuerst von Bitterkeit Wut und Haß erfüllt. Es konnte kein Zweifel bestehen. >Das sie nicht möglich<. die allem einen anderen. daß ein Mann. und ich sah.und Angst. vielleicht alles gesunden Sinn gab oder ten wendete. Mensch zu sein. schließlich mußte irgendeine geistreiche Wendung kommen. und weder seinem Ton noch in seinen Worten war etwas zu spüren. so etwas als sein Geist dicht vortragen konnte. Trotzdem war es unmöglich. habt ihr uns gelassen. hörte aufmerksam zu und fragte sich immer wieder. für die Kinder eurer Kinder und für eure Diener. was finster und mühselig ist. die Worte waren offen und der Sinn klar. ob ihre Ohren sie nicht täuschten und ob es denn möglich war. zum Scherzhafin Doch der Dichter Hoffnung sie las weiter. dachte und betrachtete verstohlen und ängstlich die übrigen Zuhörer. was zu dieser berechtigte. Dann wandte er sich an die Reichen: »Schön habt ihr die Welt aufgeteilt: alles ist für euch und eure licht Kinder. Gut habt ihr die Welt aufgeteilt: alles. rief alle der junge Mann. was und schön ist. ihr mit einem lichten. alles. später aber von denn ich fühlte. Armen dieser Welt auf. fromme Aufmerksamkeit aus. wie das Gesicht der Erde ein Grund des Spottes für das Weltall ist. sich gegen die Reichen zu vereinigen und deren Reichtum an sich zu reißen. reicher sein müßte als die anderen. welche Schande es ist. wahren. wir mit einem düstealle werden wir 190 . aber sie alle Gesich- ter der drückten nur ge- spannte. habt ihr euch genommen. und jetzt mit genau vorherbestimmtem Schicksal geboren. Im Gegenteil.

Alles in ihr empörte sich gegen diese. Der Dichter fuhr stand ihn nicht fort zu lesen. Unser Zorn reift heran. mochte man von ihr denken. Adamson dem älteren Herrn den Dicliter. Politik oder Arbeit zu werden. sie her- stand der dicke Adamson mit einem noch zeigte grauhaarigen Herrn. klatschte. Die ganze Jugend. Der Dichter hatte geendet. Sie fühlte ein unwiderstehHches Bedürfnis. in die Form eines Gebetes gekleidete Lüge. gotteslästerliche. was man wollte. eure Kinder werden sich ihres Namen schämen und dem Reichtum entsagen. es durch Heirat. ob Mann. ob Frau. wenn das noch andauerte. Der lebhafte Applaus hatte beigelockt. doch sie wagte es bei der vollkommenen Stille und Regungslosigkeit ringsum nicht.Gut habt ihr die Welt aufgeteilt! Aber eure Teilung ist nur schrecklich. >Sie alle<. diese Frechheit. wie sie meinte. daß sie es nicht aushalten würde. die im Zimmer war. der jetzt langsam und verlegen sein Papier zu191 . Begeisterter Beifall unter- brach ihre Gedanken. und daß sie aufstehen und weggehen müßte. und es wird einen reifen Sommer und ein herbes Obst geben. dachte das Fräulein bei sich. aber das Fräulein ver- mehr richtig. und trotzdem begrüßen < sie alle begeistert diese Dichtung. sind schon reich oder auf dem Wege. denn plötzlich hatte sie einen Blutandrang im Kopf. sie sah ein. Ihre Finger krampften sich ineinander.« ren. >ohne Aus- nahme. Verbittert erhob sie sich. nicht ewig. gegen diese offene Aufforderung zum Raub. aufzustehen und das Zimmer zu verlassen. Am Türpfosten beleibteren. mit ruhigem Gesichtsausdruck und leicht zur Seite geneigtem Kopf vorgelesen wurde. denn er wird für sie Last und Verderben bedeuten. die hier feierlich.

nachdem sie den quälenden Eindruck vertrieben hatte.« Das Fräulein drängte sich entschlossen an ihnen vorbei und ging in ihr Zimmer. der da mit dem Zwicker. wie Sie ihn da sehen. Sie legte sich ins Bett und löschte das Licht. als wollte er »Schau. um die Tochter nicht durch ihre Anwesenheit zu stören. als könnte sie dann nicht unbeschwert denken. Und immerwiederkehrten ihreGedanken zu dem Vortrag des Dichters zurück. Ihre Mutter schlief im zweiten Bett. >Von Tag zu Tag geht es toller zu in diesem Haus<. sich niederzulegen und einzuschlafen. In schwarsie tatenlos zen Pelerinen.sammenlegte und noch immer so dastand. Übrigens wußte man bei ihr nicht. sagte sie zu sich. ob sie stiller und ruhiger war. Schlief sie? Das war die große Frage. was sie gehört und gesehen hatte. »Der. Das Fräulein ärgerte die ungewohnte Anwesenheit einer zweiten Person in ihrem Schlafzimmer.) Was bedeutete diese 192 . Aber auch das war nicht leicht. aber in der Finsternis wurde sie noch zorniger und konnte noch weniger schlafen. wenn sie schlief oder wenn sie wachte. Der ist Bolschewik durch und durch. Sie kam sich vor wie in einer Falle.« »Der?« fragte der Herr. weiterlesen. der! Dieses Kerlchen. dort in der Mitte. denn sie stellte sich oft nur schlafend. der von allem geblieben war. mit langen Haaren saßen dem sterten steinernen Geländer an der Miljacka und flüvon gefährlichen Dingen. ein wenig enttäuscht. >Was wollen denn die jungen Leute jetzt?< (Plötzlich tauchten vor ihren Augen j die Vorkriegsstu- denten von auf 1 914 am Flußufer in Sara evo auf. Nirgends Ruhe und Einsamkeit. Hier gedachte sie sich zu sammeln und zu beruhigen. Es schien ihr.

den man für das Haus in der Stig- straße forderte.sinnlose Verwirrung. zu tiefer der jetzt wieder Antwort die wilde Negermusik alle. Schauder der Erbitterung entschloß wie möglich auszuziehen. Sie hatte für mehrere Häuser In- 193 . die sie schon Monate hindurch um sich bemerkte? Wer waren diese Leute. um das sie schon drei Wochen feilschte und und stritt. solche Fragen zu und erboste sie alle durch und ließ sie im Bett auffahren. verwirrte schon das Bedürfnis. und Sparsamal- gegen Ordnung und Verstand. liebten. der dienannten. wozu sie sich in der nächtlichen Erbitterung Schlaflosigkeit so leicht entsdilossen hatte. gegen die was Menschen schätzten. entgegentrat. tanzten. damit diese Unsicherheit und Gefahr aus der Welt verschwand! War das alles nur ein Scherz und ein Versuch müßiger junger Burschen. Aber das. als die war bei Tage schwer auszuführen. NationaHsten oder Kommunisten warum rührten sie an etwas. die sich Dichter. auch wenn sie den zahlen mußte. kurzum. woran man nicht rühren durfte? Und daß sich niemand fand. vor dummen sich. sen hatte bittlidi Erbitterung nachgelas- und die Frage der Bezahlung starr und uner- vor ihr stand. der jene es sein Menschen nieder- wenn mußte. In diesem sie sich endgültig. Journahsten. ihren Kopf noch so bald Preis im Kissen zu verbergen. und zwang sie. les. ohne Un- terschied der Gesinnung. und sem Bestreben machte. Doch Mauern und Türen drang zu ihr wie ein ferstatt jeder nes Gelächter des Grammophons. handelte es jungen Mädchen zu prahlen? Oder wie es ihr heute abend vorkam. taten und be- saßen? Wer konnte ihr darauf Antwort geben? Aber stellen. um eine wirkliche Verschwörung gegen Geld keit.

verließen die kaufe und verkaufe. daß er einen solchen Roßtäuscher und Re- chenkünstler sein Lebtag nicht gesehen habe. Es gelang dem Fräulein. die ihr am meisten zusagte. das Fräulein hingegen mit Vergnügen. herunterzusetzen und eine Art der Bezahlung zu erreichen. dessen wahre Absichten man schwer durchschauen konnte. den Preis auf die niedrigste Grenze. obwohl er schon über zwanzig Jahre Häuser und Grundstücke Als die Möbel aus Sarajevo ankamen. mit den alten Mö- 194 . aber jedesmal war sie auf einen ge- schickten. Frau Radojka schied mit Bedauern. abseits gelegen. jenes maßlose Leben hinter sich zu haben und dem ganzen jungen Volk entronnen zu lich sein. Und sie empfand Furcht und Respekt vor diesen geschickten und hartnäckigen Leuten. die es verstanden. als der andere sie selbst zu wahren verstand. wieviel Kraft. die möglich war. Dieses Haus in der Stigstraße. und fremde Interessen nur soweit achteten. fühlten. glücklich. der seine Nichte mit ihnen in Verbindung brachte. daß diese Belgrader Geschäftsleute aus einem anderen Holz geschnitzt waren als die weichen. Aber auch die Verkäufer und selbst Gazda Djordje. ihre Interessen zu verteidigen. rücksichtslosen Verkäufer gestoßen. Sofort hatte sie gefühlt. Schließlich einigte man sich auf das Haus in der Stigstraße. (Der Eigentümer des Hauses. Vorsicht und Gerissenheit in dem ältlichen Fräu- lein steckte. über das sie zuerst verhandelt hatte. sagte bei der Unterzeichnung des Kaufvertrages. ein reich geworde- ner Mazedonier. ziem- verwahrlost und etwas feucht.) beiden Frauen das gastliche Haus in der Smiljanicstraße.teresse gezeigt. nachlässigen Sarajevoer.

verschiedenartige. Man kochte einmal für den ganzen Tag. stürmisch. Behutsam und vorsichtig begann sie sich in Geschäfte einzulassen. Im Hause wurde wieder sparsam und dürftig gewirtschaftet wie einst in Sarajevo. verwahrlosten Häuser mit den siclitbaren Spuren des 195 . an dem sie all- mählich sich selbst und ihre Lebens- und Denkweise et- wiederfand.beln aus Sarajevo und der früheren Ordnung. Unbekümmertheit neben Heftigkeit. Unzählige. war für das Fräulein der rechte Aufenthaltsort. Nun hatte jede der Frauen ihr Zimmer. noch nicht ausgeformter Gewohnheiten alte Arbeitsweise und mannigfaltiger Unregelmäßigkeiten. rüd<sichtslose Wettlauf der Profitjäger und Spekulanten aller Art entwickelte sich zugleich mit dem Spiel von Geist und Phantasie weichlicher Träumer und kühner Ideologen. das zu nichts nutze war. und auch das mit Maßen. Das ganze Leben kam ins alte Gleis. Der immer schnellere. Der dritte Raum war ein feuchtes. Sittsamkeit und moralische Schönheit neben den verschiedensten Lastern und Scheußlichkeiten. gewaltige Kräfte gingen Hand in Hand mit unverständlichen Schwächen und Mängeln. heizte nur ein Zimmer. Hier hatte sie wieder das Gefühl. halbdunkles Kämmerchen. Das Haus hatte im ganzen zwei bewohnbare Zimmer. Das Leben in Belgrad war um das Jahr 1920 bunt. sich was vom Leben abzusparen. Durch die aufgewühlten Straßen und zertrümmerten. Das Fräulein nahm wiederum alles in ihre Hände und führte es auf ihre Weise. die flecht patriarchalischen Lebens stand und strenge Zucht des neben dem bunten Geneuer. Eine Aufwartefrau kam täglich für zwei Stunden und verrichtete die gröbsten Arbeiten. ungemein verworren und voller Gegensätze.

die er gründlich geschüttelt und gewandelt und die jetzt Halt Gleichgewicht suchten. die Oberfläche emporgetragen und zum hatte Vorschein gebracht. wer sich hervortun und wer sich verbergen wollte. es gab mutige. die sie ihnen einflößte. ver- schiedener Rassen und Nationalitäten. es gab Fanatiker und Hitzköpfe. aber auch kühle Rechner und Egoisten. die keine abgeschlossene Ausbildung besaßen. die schon zu dieser Zeit weiter blickten und mehr sahen als ihre Mitmen196 . die sich anzupassen trachteten. es gab Menschen aller Bekenntnisse und Überzeugungen. Hier fand man solche. gerade in dieser Flut Rettung suchten und die Angst und den Abscheu. solche. für es gab moralisch Zerbrochene und es immer Beschämte. und auch solche. die der Wunsch hergeführt hatte. das eine wie das andere zu erwerben. die alles von den neuen Verhältnissen und dem morgigen Tag erwarteten. bessere Zukunft. es gab Patrioten mit der alten Liebe zu ihrer Heimat. die nicht an sich selbst dachten. mit demselben naiven Glauben und der unbe- stimmten Hoffnung auf eine nahe. Hier waren viele junge Leute aus allen Gebieten des entstehenden Staates zu finden.Krieges wälzte sich die bunte Menschenflut. und hier gab es genug ältere Menschen. gab Satte und Ungeduldige mit grenzenlosem Appetit und barbarischer Frechheit. die ihr Vermögen und ihre Stellung durch die neuen Verhältnisse bedroht sahen und verteidigen wollten. die unaufhörlich wuchs. neben sol- chen. Hierher kam. aller Stände und Berufe. der Krieg an die mühsam verbargen. denn täglich stürzten sich Hunderte von Zuwanderern kopfüber in sie hinein wie Perlenfischer ins tiefe Meer. Es gab viele. hellsichtige Neuerer. Es gab hungrige und und schlecht ge- kleidete Menschen.

herrschte eine ungesunde. Eine Lösung eben dieser Fragen suchten Menschen damals. daß Leute von mächtigen Trieben und großen. doch erregende.sehen. was finden war. Kurzum. die. bestimmten Ziele verfolgten. entschlossen. sie ihren Wünschen und Interessen oder sich selbst ihnen anzupassen. Es ist unmöglich. ohne daß jemand eingehend geprüft hätte. schließlich gab es internationale Agenten. die günstigere Lebensbedin- gungen suchen. dringenden Bedürfnissen hierhergetrieben worden waren. mächtige Atmosphäre unbegrenzter Möglichkeiten auf allen Gebieten. so strebte die Flut in den Schatten der neuen Macht und der neuen Gesetze. derentwegen man gekämpft und gesiegt hat. Aber ebenso konnte wachen. Wie Seefischschwärme. So konnte man auf der Straßenbahn- hnie Slavija—Kalemegdan zu Mittag oder gegen Abend unerwartet einem Jugendfreund begegnen und dank diesem zufälligen Zusammentreffen schon am nächsten Tag als wohlbestallter oder gar als reicher Mann erman war. die es umgab. es gab von den Kriegen erzeugt. schwieri- ger Fragen auf. trügerische. vielmehr werfen die sie in der Regel eine große Zahl neuer. bunte Tiefenflora. In diesem Gewimmel und in der Luft. aber alle diese alles in dieser Menschenflut zu man kann mit Gewißheit sagen. auch nur annä- hernd aufzuzählen. wer und was man mit und unanfechtbarer Bescheinigungen wocl:ienlang vergeblich von einer einer Aktentasche voll bester Zeugnisse 197 . In unserer Zeit lösen auch die größten Kriege und vollkommensten Siege nur selten und nur unvollständig die Fragen. die ihre ganz eine üppige. jetzt und den großen Erschütterungen im Frie- den an die Oberfläche geworfen wurde.

Sie fürchhätte nicht mit Bestimmtheit sagen können. Bald erschrak sie vor einem Granatloch. Das Leben dieses neuen Belgrads hat noch niemand geschildert. bald vor einem abendlichen Passanten. ohne militärische Rangabzeichen. und es ist auch nicht leicht. Sie trat leise und vorsichtig auf. können es auch heute in ihrer Erinnerung wachrufen und fühlen es dann mit allen Sinnen wie ein außergewöhnliches und materielle Klima oder eine bestimmte Jahreszeit. tosenden Leben. Durch dieses Belgrad mit der ungeheuren Menschenflut ging auch Fräulein Rajka Radakovic aus Sarajevo. der noch nicht einmal über feste Grenzen. mißtrauische Blicke um sich. Und und Tritt bemerkte sie.Behörde zur anderen laufen. es zu schildern. Spuren des Krieges. doch jene. schaute vor sich hin und warf nur selten kurze. einem der vielen entlassenen Soldaten im Mantel aus grobem braunem Tuch. einen noch größeren zu bekommen. in der sich noch niemand darüber aufregte. die damals gelebt haben. das rücksichtslos neben den Ruinen und den vom Unglück tete sich vor diesen betroffenen auf Schritt Menschen brodelte und dahinjagte. denn jeder bekam in ihr seinen Gewinnanteil und hatte die Hoffnung. das in einem verlassenen Hause gähnte. Sie wovor sie sich fortwährend fürchtete. eine innere Organisation und einen endgültigen Namen anheimelnde verfügte. um wieviel reicher 198 . ohne zu seinem Recht zu kommen. Etwas von der Üppigkeit und dem Chaos des Goldlandes Eldorado war in dem Leben und dem Aus- sehen dieser Hauptstadt eines großen Staates zu entdecken. geistige Unordnung in dieser ersten Phase. aber ebenso fürchtete sie sich vor dem neuen. Überall herrschte eine reiche.

bei Regen und Sturm. auf der mit Kreide alle Devisenkurse des Tages notiert waren. blau vor Kälte. schmale halbleere Läden waren. unhöflich und mürrisch. erregende Aufschrift an.« Der Jude wollte den Preis nicht nennen. durch das einzige Wort: Geldwechsler. in Wirklichkeit aber und unbarmherzig wie das Würfel- spiel. aber auch schroffer und gefährHcher hier das Leben war als in Sarajevo. und einem neuen La- ten Ofen ein spanischer Jude neben der Kasse und einem kleinen. jedem Vormittag ging das Fräulein die Njegosstraße hinab. durch Schnee und Schmutz. einen Hut auf dem Kopf. Schon von weitem lockten sie und beredte das Fräulein durch ihre große. und suchte verschiedene Banken und besonders die Wechselstuben auf. Je nachdem. wieviel Sic zahlen. der nur einer einzigen Leidenschaft er- geben ist. Außerdem war vor jeder Wechselstube eine schwarze Tafel aufgestellt. es sah leicht und fröhlich war es trügerisch wie ein Kinderspiel aus. die im Grunde sehr eilig hergerichtete. so spröde und rücksichtslos in seiner Rede wie sie. Sie lehnte sich auf den Ladentisch und fragte: »Was zahlen Sie für serbische Tabakaktien?« »Wieviel haben Sie?« »Ziemlich viel. aber das 199 . von denen jeden Tag mehr zwiFast an schen aus dem Hotel »London« und dem Cafe »Kolarac« dem Boden schössen. stand hinter dentisch. Das Fräulein bemerkte das gar nicht. Im übrigen war keiner von diesen Geldwechslern so finster. In diesen »Geschäftsräumen«.und verworrener. Sie fühlte das mit dem unfehlbaren Instinkt eines Menschen. erkaltenamens Anaf oder Medina im Wintermantel.

und als sie sahen. Eingehend und genau erkundigte den günstigsten Kurs eines ihrer Papiere dann zwei bis drei Wochen lang. nicht einmal das Grab in Kosevo. daß es ihr gegenüber nichts mürrisch zu stellen. und auch dann handelte es sich stets um unbedeutende und äußerst vorsichtige Operationen. in dem sie täglich blätterte und las. das jetzt jen- 200 . das für sie viel brachte ihr große Aufregungen. ohne etwas gekauft oder ver- kauft zu haben. aber sie erwarb in ihm auch neue Erfahrungen und Kenntnisse. wie hoch der Verlust oder der Gewinn gewesen wäre. doch unübersehbare Arbeit vergrub. und immer häufiger führte sie bloß erdachte. erkundigte sich nach den Kursen und setzte ihm so lange zu. war es ihr. sich gleichgültig oder sie mit ihr wie mit einem Menschen von ihrer Zunft. unwirkliche Operationen durch. immer schwerer fand sie den Willen und die Entschlossenheit dazu. sprachen half. bis sie erfuhr. wenn sie es damals verkauft hätte. Während sie sich wie ein Maulwurf Dieses Spiel. was sie wollte. Bald kannten alle Wechsler diese düstere Frau. angenehme wie unangenehme. Richtige Geschäfte machte sie jedoch nur noch selten. schrieb ihn sich auf. Auch ihre Erinnerung an Sarajevo begann rasch zu verblassen. bis sie wußte ging oder wenigstens ahnte. mehr als ein Spiel war.Fräulein bot sofort andere Papiere an. Dann sie grußlos hinaus. dachte sie immer seltener an ihren ehemaligen Traum von der Million und fühlte immer weniger das Bedürfnis danach. und sie sich. prüfte trug diesen eingebildeten Verlust oder Gewinn in ein besonderes Buch ein. Nichts zog sie mehr dorthin zurück. als hätte irgendein anderer ihn geträumt und ihr davon erzählt. und wenn sie sich an ihn erinnerte. in diese winzige.

eine entfernte Verwandte Frau Sekas. wie sie es wünschte. sie selten. obwohl sie selbst nicht wußte. Diese Angst lebte auch in ihren Träumen. weiterhin in Verbindung. Das Fräulein hatte oft gehört. die sie dort in der letzten Zeit erlebt hatte. blieb sie einem Mädchen und einem jungen Mann. das Gute wie das Böse. Trotzdem gelang es ihr nicht. sich mit dem Fräulein be- kannt machte und sich gleich an sie anschloß. daß sich die Angriffe der Zeitungen wiederholen und von irgendeinem Belgrader übernommen werden könnten. mächtige Leben der Hauptstadt schluckte alles. Zur Familie Hadzi-Vasic ging vergaß sie sofort und die Be- kanntschaften. die sie während der letzten Tage ihres Aufenthaltes in der Smiljanicstraße kennengelernt hatte. Es blieb nur die heimliche Blatt Angst. Das Mädchen war Jovanka Tanaskovic. und für immer. daß man im Hause Hadzi-Vasic von ihr als von einem sehr eigenartigen Geschöpf sprach. den Ruhm wie die Schande. kamen ihr milder und Verluste erträglicher vor.seits allen Raumes irgendwo in namenloser Höhe zu alle schweben schien. Aber die Befürchtungen erfüllten sich nicht. die sie in deren Hause gemacht hatte. Das ungestüme. bis sie eines Tages persönlich erschien. und bedeckte wie der Urwald oder das Meer alles mit dem Schleier des Vergessens. wie und warum das geschah. 201 . Mit zwei Menschen. sich von diesen Leuten ganz zu trennen und so allein zu sein. Alle Erschütterungen.

und in Belgrad gab. was sie an Kleidern und Schmuck anlegte. mit starken Beinen. daß es nur eine Jovanka in der Welt Sie füllig. Ihr Händedruck war männ- 202 . alltägHche. schnellen und entschlosse- nen Bewegungen.- man nannte ihn. um eine Frau für immer im Meere und der ländhchen und städtischen Jovankas zu begraben. volkstüm- Hche Taufname. Alles. Ihre Haut war grau und unscheinbar. klein. Sie hatte starkes schwarzes Haar. seltener Name wie Armida. doch war ein Mädchen in den Dreißigern. Aber sie kleidete sich überhaupt einfach und nachlässig und machte ganz den Eindruck einer verwahrlosten. ohne einen Familiennamen oder Spitznamen hinzuzufügen. ebenfalls grau und ärmlich. Klorinda. Olivera oder Kasija. wurde in einem breiten Kreise von Männern Frauen der damaligen Belgrader Gesellschaft mit besonderer Betonung und bedeutungsvoller Stimme ausgesprochen. fast unsauberen Frau. das fest zusammengebunden war und ungepflegt aussah. wirkte an ihr. denn jeder verstand. glänzenden braunen Augen und durchdringendem Blick. der ausreicht. mochte es noch so bunt sein. als wäre es ein romantischer.VII Jovanka! Dieser gewöhnliche.

Unhörbar. die früh verstorben waren und ihr ein schönes Vermögen in Form von Häusern. Weit verzweigt und verworren waren ihre Freundschaften mit Männern und Frauen der verschiedensten Berufe sie und Altersstufen. wie ein Sonderling. Dieses Mädchen mit dem bohemienhaften Aussehen und Benehmen stammte aus einer angesehenen und reichen Belgrader Familie. und Ambitionen. denn sie war fest über20^ . breiten Kreisen der Belgrader Gesellschaft. ihr Schritt miHtärisch. als wollte der ganzen Welt helfen und. dachte die Liebe der nicht ans Heiraten stellte und an Männer und ans Leben keine Ansprüche. unklar sagen. den sie beschützen und nahm teil an seinen Bestrebungen. die weitverzweigte verwandtschaftliche Beziehungen zu war die einzige Tochter ihrer Eltern. Alles an ihr war un- geordnet. Alles. Sie Sie lebte allein. sie sprach hastig und abgehackt. die der anderen auf sich nehmen. war: schöpf mit der Kraft Anteil zu denschaften stieren. bescheiden. Es hatte den Anschein. Nur so konnte sie Leiexi- und nur darin fand sie den Sinn ihres Lebens. da sie selbst keine Sor- gen hatte. was Eifer und Kampfgeist betraf. Erfolgen und Mißerfolgen. und unbegreiflich. nehmen an fremden Schicksalen. Dabei überbot sie ihre Schützlinge. sie Menschen ein. Es wäre schwer zu was dieses unruhige. Grundstücken und Wertpapieren hinterlassen hatten. hatte die philosophische Fakultät absolviert und besaß unzählige Bekannte und lieh.Stimme klang grob und heiser vom vielen Rauchen. Plänen. neugierige weibliche Ge- und Entschlossenheit eines Mannes in ihrem feurigen und unermüdlichen Tun bewegte und leitete. unbemerkt und uneigennützig drang in das Schicksal des wollte. was sie wollte und wünschte.

mit blauen Lippen. mit leidenschaftlichem Flüstern geantwortet. so im Vorbeigehen. daß sie schon seit dem frühen Morgen unterwegs sei wegen des Kindes einer Freundin. in der Infektionsabteiist lung.zeugt. wie sie dort. und heftigstem Sturmwind ging sie kreuz und quer durch ganz Belgrad und suchte Häuser. langlich. Es ist mir gelungen. hätte sie einem. >Sie kennen die Zagorka. gestern mit einer Und schon seit Kommission in der Provinz oder beist er hauptet es wenigstens. aber es gibt jetzt Und nun gehe ich in die städtische Ambulanz. Die verliert ja bei viel geer. das Diphtherie halten habe. Im Staatlichen Krankenhaus. geduldig auf und ab geht. doch hart und scharf wie sie eine Stahlfeder. Geschäfte und Ämter auf. kein Platz. >Was machen Sie denn hier. Arzt zu finden. Stellen Sie sich bitte vor. der einem Soldatenmantel konnte man sie durch das zerwühlte und ungepflasterte Belgrad des Jahres 1920 hasten sehen. Und bel. Jedenfalls nicht in Belgrad. mit geröteten Händen und geBei schmutzigstem Wetter röteter Nase. Ohne Galoschen und Regenschirm. in einem grauen. Und hätte man sie angeund gefragt. dort gebe es welches. in die Hände den Taschen des Wintermantels vergraben. 204 . einen guten kein Serum. Oder man träfe sie vor dem Theater. so gen Mantel. würde weitereilen. wohin sie eile. durch Schmutz und Neklein und unansehnlich. Man hat mir ge- sagt. er ist ringeren Anlässen den Kopf. Jovanka?< >Ich warte auf den Direktor. daß sie deren Absichten richtiger verstand und ihre Interessen besser vertrat als sie selbst.

Hierbei han2o<. Jetzt weint sie und droht. sie wachte über unglückliche Verliebte. sie kümmerte sich um verwahrloste Mädchen und bescheidene junge Leute. Dabei hat ein paar einer Kleinstadt Monaten geheiratet.< die Tochter eines reichen Es gab überhaupt keine Arbeit. Jetzt erwarten sie ein Baby. vermittelte zwischen Entzweiten. spielte sie die Rolle der Ausweg Überhaupt Vorsehung. aber der Vater hat sich von ihr losgesagt. viele während man so abgeklapperte Leute behält. und das ohne per- sönlidien Vorteil und sichtlichen Grund. Er ist ein Cousin von mir. sie nahm in ihre Wohnung Freundinnen auf. die in Schulden geraten waren. Sie Kaufmanns aus der Provinz. als sie zu Kirjakovic lief. auf die Straße gesetzt. zu ihrem Vater zurückzukehren oder in die Save zu springen. Ich muß mit ihm sprechen. die von ihren Männern weggelaufen waren. Sie saß ganze Nächte bei einem Kranken. aber — jetzt beginnen Unfrieden und Unverständnis einzuschleichen. damit das irgendwie geregelt wird. Nun warte ich auf den Direktor. während er alles im Stich lassen und mit irgendeiner Wanderbühne in die Welt ziehen will. die sie nicht für den übernommen hätte. . ihnen Rollen gibt und er vor ihnen zu Ehren Feiern veranstaltet.Volk führt irgendeine Entlassungsaktion durch und hat dabei Kirjakovic. den begabten jungen dieses blinde Schauspieler. die Prüfungen ablegen oder in den Staatsdienst treten wollten. Er hat ein Mädchen aus genommen. suchte einen für solche. aber sie haben keine Windeln im Haus — keine Windeln! — und sitzen ohne einen Groschen da. den sie ihres Schutzes für würdig befand. Wie zwei Täubchen haben sich ist sie gelebt. ging für sie zum Rechtsanwalt und zum geistlichen Gericht.

im Leben Erfolg hatten. die Mißerfolge zu verzeichnen hatten oder gescheitert waren. wertvollen Ratschlägen und Gefälligkeiten. Der prügelt seine Frau. Nur derartigen Leuten näherte sie sich. zwar ganz uneigennützig. Ihr wahres Element waren die verworrenen Verhältnisse von Leuten. überschüttete sie mit brauchbaren. oder solche. beleidigte Fee mit stummem Haß und geflüsterten Verleumdungen zu verfolgen. die ihre Leiden und Bedürfnisse verbargen. so lebte und arbeitete sie. wie sie in der Gesellschaft üblich war. um sich dann plötzlich. Ehrendoktor der Pariser Universität geworden sei und daß er in diesen Tagen eine feierliche Antrittsvorlesung an der Sorbonne halten müsse. Jovanka sagte darauf nur verächtlich: »Ich kenne ihn. ein bekannter Belgrader Geologe. So war diese Jovanka. der sie angehörte. drängte sich ihnen mit unwiderstehlicher Hartnäckigkeit auf. Menschen. gewöhnlich in dem Augenblick. von ihnen abzuwenden und sie von nun an wie eine böse. (Schon nadi kurzer Bekanntschaft duzte sie jeden. was man über den berühmten Geologen wissen und sagen mußte. aber sie war auch sie war ergeben und fähig zu Bosheit gut bis zur Selbstaufopferung. daß Jovan Simic. da sich die Lage der Be- treffenden besserte.) Geordnete die und unauffällige Schicksale hingegen. doch nach dem ersten Streit ging sie wieder zum Sie über. Und außerdem ißt er mit den Fingern. zo6 . aber ebenso zanksüchtig und gefährhch. So sprach man zum Beispiel da- von.« Das war für sie und die Mehrzahl ihrer Zuhörer alles. interessierten sie überhaupt nicht.delte sie launenhaft und unberechenbar. Für jene fand sie nur kurze Bemerkungen und zerstörende Ironie. und Rache.

Erleb- brauchte lebte sie niemand hatte sich je gefragt. Schon beim Umzug und bei der Einrichtung der Wohnung war Jovanka dem Fräulein ohne jede Aufforderung behilflich. als sie etwas Eigentlich andere um sie lebten und als an deren Leben teilzunehmen. Das Fräulein nahm alle Gefälobwohl ihr ligkeiten hin. daß sie nicht dazu kam.Niemand wußte etwas von ihren persönlichen nissen. Für alle Opfer und Anstrengungen. Sie verstand es. denn zwisdien den beiden un- gewöhnlichen und in allem so versdiiedenen Frauen war etwas. doch mächtige Gottheit die eine garstige und Fäden fremder Schicksale flechten und entflechten durfte. die manchmal recht häufig erfolgten und sich lange hinzosie gen. erhielt sie doppelte Belohnung: die erste bestand darin. der mit einer ihrer besten Freundin- nen verheiratet sie war und der ging mit konnte. achten und über sich nachzudenken. wenn auch unmerklich Zwei Tage bevor das Fräulein Hadzi-Vasic' Haus ver- 207 . die sie für andere auf sich nahm. sie telefonierte zu finden. sich selbst zu beobes ihr selbst gelang. ob und was sie wünschte oder liebte. amtes mit den billigsten Wagen dem Direktor des Akziseihr nichts abschlagen am Hafen. nicht besonders gelegen war. Aber konnte diese Besuche nicht loswerden. daß sie bei der absoluten Inhaltslosigkeit ihres persön- lichen Daseins Dutzende fremder Leben leben und wie bösartige. an Jovankas Besuchen. die zweite darin. um dort mittels ihrer Verbindungen die malitäten dem Hauskauf zusammenhängenden Forzu erledigen. was sie einander näherbrachte und verband. nur insoweit. sie stark. und letzten mit dem Fräulein persönlich aufs Bezirksgericht.

letzten licheren Beifall der jungen. die damals am meisten geschätzt er als öster- wurden. aber mit Rücksicht auf die anderen Hausbewohsie sich. um ihn Frau Seka und ihren Heirats- war ein gewisser Ratko Ratkovic. da hatte 20Z . Nach ihrer Darstellung vereinigte er in sich kandidatinnen vorzustellen. die Belgrader Vertretung der amerikanischen Automobilfirma Ford zu erhalten. reichen Leute mit angehört hatte. Am Abend brachte Jovanka einen ihrer neuesten Schützlinge mit. Von Rußland war er nach Saloniki gekommen und hatte sich als Freiwilliger an den Kämpfen beim Durchbruch der Salonikifront betei- ligt. denn er sprach fließend Englisch und hatte bereits während seines Aufenthalts in Saloniki gute Verbindungen mit einigen Vertretern Fords angeknüpft. ner entschloß weise letzten selben auch noch diesen glücklichersich Abend über ergehen zu lassen. an dem sie die unbegreifliche Dichterlesung und den noch unbegreif- nen statt. fand noch einer von den abendlichen Empfängen für Misas Freunde und Dankas und Darinkas Freundin- Das Fräulein trug noch die Erbitterung vom Empfang vor zehn Tagen in sich. Es jene Eigenschaften. Geboren in der Herzegowina.ließ. Schon vorher hatte sie ihnen begeistert von ihm erzählt. und das würde ihm auch gelingen. Nach der Demobilisierung bemühte er sich sogleich. Als das Fräulein einige Tage vorher zerstreut der atemlos vorgebrachten Erzählung Jovankas von dem jungen Herzegowiner mit den vorzüglichen Fähigkeiten und der großen Zukunft zugehört hatte. war reichischer Soldat während der Kämpfe in den Karpaten auf sehr dramatische Weise zu den Russen übergelaufen und hatte eine ganze Abteilung von Serben aus der Herzegowina mitgenommen.

worauf es ihr seit frühester Jugend bei der Beurteilung eines Menschen ankam. als sie von hinten den gutgewachsenen Mann erbhckte. erblickte sie sein Gesicht. drehte er sich um. den Jovanka wie einen guten Schüler herumführte und vorstellte. Auch er sagte etwas. Auch sie sich am Abend dieses Tages machte darüber keine Gedanken. Schon als junges Mädchen vermochte sie niemals die unter Freundinnen so übliche Frage zu beantworten: Anfangs war ihr das Äußere eines Menschen gleichgültig. und vor ihr stand. gleich weiter und stellte ihn allen der Im Grunde hatte das Fräulein gar nicht richtig hinge- sehen und hingehört.sie ihre eigenen Sorgen gehabt und nicht daran gedacht. daß sie ihm je begegnen würde. auf das Äußere eines Menschen zu achten und ihn länger und einge- hender zu betrachten. denn für das. war das unwichtig. mit denen sie zusammenkam. denn beim ersten Blick war in ihr ein Gedanke aufgeblitzt und geblieben: >Onkelchen Vlado!< Es war nicht ihre Gewohnheit. mit der Zeit wurde sieht der bloß ähnlich?« sie »Wem blind dafür. Als er an das Ende der Reihe kam. aber Jo- vanka führte ihn Reihe nach vor. Erst jetzt. rosige Hand. trat auch zu ihr und reichte ihr lächelnd und mit einer gewissen Schüchternheit seine starke. als Jovanka seinen Namen nannte. sein Aussehen und Lächeln diese beiden Worte hervor: Onkelchen Vlado!< Das war keine gewöhnliche Älin> 209 . Sie interessierte sich nicht für die Kleidung. das Aussehen oder gar den Gesichtsausdruck der Männer und Frauen. Auch jetzt bemerkte sie nichts Hervor- stediendes oder Besonderes an diesem jungen aber wie er sich so plötzlich zu ihr umdrehte Mann. weckte er in ihr durch seine Körperhaltung.

an ihn so angestrengt wie am ersten Abend zu denken. blaue Augen. sondern verdeckten. ohne ihn von ihr zu entfernen. so wie er sich zu jedem setzte. Und als Ratkovic im Laufe des Abends zu ihr kam Platz jeder und neben ihr Mädchen und brauchte da. brachte ihn ihr noch näher. worüber sie allein zu sprechen liebte und vermochte. dem ihr Onkel jedoch sein Leben lang ausgewichen war: von der Arbeit. bis sie ihn vergessen hatte. Sie hätte sich überhaupt nicht mehr an ihn erinnert. waren ihr unzählige Überraschungen und die ungewöhnlichsten Dinge widerfahren. das in dem Umzug zio Das ihrem . den Geschäften und den geschäftlichen Aussichten und Plänen. Alles war Welle hellen. In der Nacht und am nächsten Tag dachte sie sie über die sonderbare Ähnlichkeit nach. Und damit hörte sie auf. Eine sie nahm. Frau einen Augenblick ihn gar nicht mehr anzusehen. ganz mit dem Umzug und der Einrichtung des neuen Hauses beschäftigt. und dieser Traum veränderte ihn. Überhaupt war er ganz so. wenn nicht Jovanka fortgesetzt hätte. In die Reihe außerordentlicher Er- eignisse. Seit sen hatte und nach Belgrad Sarajevo verlas- gekommen war.lidikeit mehr. Nur war dieser Onkel Vlado besser entwickelt. die durch ihr Blinzeln die tiefere Unruhe und über allem ein schonungslos fließendes Lächeln. sondern eine wirklich auflebende Erinnerung. auseinanderfallenden Haares. die das Reisen und der Ortswechsel mit sich brachten. als stehe er in einem Traum vor ihr. reihte das Fräulein auch die aufregende Be- gegnung mit dem Doppelgänger Onkel Viados ein. Außerdem sprach er über das. die Besuche auch nach Fräulein. breiter in den Schultern und in allem stärker und entschlossener.

grausamen Ergüssen zu entfliehen. trachtete danach. die Ford-Vertretung zu bekom- men. Es war unmöglich. war. Aber mehr Aussichten auf Rettung hat ein Mensch. kam frühmorgens und bis niemals jedoch zweimal zur selben. »Du hast keine Ahnung. das einzige. dann kam sie dreimal innerhalb von zwei Tagen. naß. als der. der das anhören mußte. auf den im Gebirge eine Schneelawine niederstürzt. Rajka. so gut wie gar nicht zuzuhören und alles möglichst bald zu vergessen. Bisweilen kam sie nicht. ihm zu helfen. Ratkovic. und kehrte zäh und unerbittlich auf das Thema zurück. was für ein goldener Junge das ist. sage icli dir. deren Schicksale brachte sie dabei durcheinandersenti- und veränderte. mit unzähligen begeisterten oder vmtenden Erzählungen von unbekannten Männern oder Frauen. mit nahm keine Rücksicht auf den Mendem sie sprach. was ein Mensch tun konnte. von den Schwierigkeiten. Sie spätabends. weil sie von zahlreichen an- deren Verpflichtungen in Anspruch genommen war. zu jeder Tageszeit. stürzte sie mit ihren nützlichen Empfehlungen und ungestümen Ratschlägen ins Haus. und ihren Bemühungen.ganzen Leben überflüssigen Besuchen aus dem Wege ge- gangen war. So erzählte sie dem Fräulein in der letzten Zeit ständig von und seinem Fleiß. seiner Ehrlichkeit von seinen Anstrengungen. auf den sich die lebhafte Sympathie und Beschützerwut Jovankas etwa vierzehn Tage ergoß. Frei211 . sich auch diese Besuche vom Hals zu schaffen oder sie auf ein Mindestmaß zu beschränken. Auch das gelang nicht im- mer. Durchfroren. diesen mentalen. denn Jovanka schen. zum Hals mit Straßenschmutz bespritzt. Eine Seele von Mensdi. das sie interessierte. auf die er dabei stieß.

die gewissenlose Konkurrenz und eine niederträchtige eines Tages zu ihr Verwaltung Ratkovic in den »Ich habe mich abgehetzt. da sie ihn zum ersten und einzigen Mal bei der Familie selbst. ferner als der längst Verstorbene.« Genehmigung unterschrieben te sie sich Als das Fräulein diese Worte Jovankas hörte. ein pausbackiger Junge. erinner- an den jungen Mann. Im Mai kam dann Jovanka eine klagte über die Schwierigkeiten und und Hindernisse. Jetzt hat er dem Bauministerium ferte für Autoteile unterbreitet. erhalten Konzessionen träge für staatliche Unternehmen. Weg lief. Ich verlasse sein Haus nicht eher. und an Onkel Vlado Aber in der Erinnerung war ihr dieser Ratkovic fern. legten. aber er will das nicht ausnutzen und niemand um etwas bitten. Seine Frau und ich sind zu- sammen am fen Stadtrand aufgewachsen. darunter die verschiedensten Juden und Österreicher. Und das unser Minister! Aber ich habe seinem Kabinettchef Bescheid gesagt! Ich habe ihn abgekanzelt. Ich bin zu Veljovic. wie ich das mache! Nadimittags suche ich den Sektionser dief Karadzic zu Hause auf. In Wirklichkeit hat er dort eine Geliebte. nach Wien ist gereist sei. Du weißt ja. den ich gut kenne. bevor er nicht die hat. dem sagte Bauminister. an den Winterabend. er sei nicht in Belgrad. Man daß er Dann hörte ich. mir. So viele Drückeberger.williger und Held der Salonikifront ist er. als ich rium von Kanzlei zu Kanzlei 212 Du im Finanzministemüßtest das mal . dem er so ähnlich sah. aber er und Lieferaufkann nichts eine Of- bekommen. packte uns an den Zöp- und jagte uns wie ein Pferdegespann vor sich her. angeblich in dienstlicher Angelegen- heit. Und war älter als wir. gegangen. Hadzi-Vasic gesehen hatte.

dann kommt er leicht voran. hat Herz. Sie verlangen von ihm Gebühren und Kautionen und irgendwelche Zeugnisse.« Sobald sie hörte. denen eins über den Kopf ihnen auf diese Weise ein Zeugnis zu zu hauen und geben. »Nein. test Da dachte ich mir. verflogen wie Rauch der 213 . statt ihm helfen. hat Seele. da drehen und wenden sie ihn. Er bringt es sicher noch weit. du weißt es nicht. Du weißt nicht. Aber der arme Ratko ist zu weich und zu gut und hat zuviel Gemüt. die sie bei diesem Redeschwall empfunden hatte. aber nun braucht er wieder welches. Sie reckte den Hals. Glaube mir. was für ein Mensch das ist. wie sie wollen. Du kannst es gar nicht wis- Auch das habe ich ihnen ins Gesicht gesagt. du könn- ihm etwas geben. Und sen. daß auch sie jemandem etwas geben Gedanke an jenen Ratkovic und die Erinnerung an Onkel Vlado sowie die Langeweile. schlug die Augen nieder und wehrte mit dem Gesichtsausdruck eines Märtyrers und mit halblauter Stimme ab: sollte. Wir müssen er ist zurückhaltend. du hast ja keinen Begriff. Jetzt ist sein wichtigstes Unternehmen wegen irgendwelcher Gebühren ins Stokken geraten. Der hat Verstand. sagte das Fräulein leise.« »Ich weiß«. Wir müssen ihm nur auf die Beine helfen. dem armen Kerl. Aber ich wollte mit dir sprechen. Nur jetzt muß man ihn unterstützen.sehen. Dieser Staat ist ein einziges Irrenhaus. die sie von keinem anderen verlangen. Natürlich zahlt er alles zurück. Ich habe ihm etwas gegeben. und alles in und an ihr bäumte sich auf und erstarrte in einer Stellung der Verteidigung und des Mißtrauens. das Geld ist gut angelegt. was für ein Schweinestall dieses Ministerium ist.

In ihrer Sarajevoer Umgebung. doch im Grunde weiß. Ich habe noch keine Steuern gezahlt. und ihm den Rücken gekehrt. der Anzug und die Schuhe. Aber bei dieser Besessenen. sondern Wirklichkeit. den ruhigen. der Jovanka. jammere nicht. in ihrem Hause oder Laden. nen: ein gesetzter.»Glaube mir.« sie ge- Hätte ein anderer vor ihr gestanden. Und alles flößte Vertrauen ein. na. einfachen Arbeitsmenschen. ich bitte hast oder nicht. in einem und vom Geld nur wenig fast frommen Ton. Bei Tageslicht sah er noch stärker aus. aber gut und passend gewählt: das Hemd. stand leisten können. Jovanka. der wenig spricht. Das Gesicht. wie ihn sich das Fräulein immer gewünscht hatte. was er will. fen. damit er dir persönlich seine Nöte und Pläne darlegt. ängstlich. ich habe kein Geld. Alles. Es war kein Trugbild eines Abends und kein Spiel eines Traums. die Augen und das Lächeln waren wie bei Onkel Vlado. aber wie er niemals hatte werden könkovic. Ich will dich. der vorsichtig rechnete. war das nicht vorstellbar und noch weniger ausführbar. Nicht einen Dinar kann ich entbehren. alles voraussah sprach. denn es verriet den Weltmann. so hätte sagt.« »Na. Nur mit dem Unterschied. daß es ein Onkel Vlado war. Eines Tages erschien Jovanka tatsächlich mit Rat- und kräftiger was er trug. war sportlich einfach und weit. Ob du weiches dem Mann müssen wir irgendwie hel- ihn übrigens dieser Tage mal herbringen. hätte sie — so glaubte sie — leichter Wider- und niemand hätte es gewagt. der sie 214 . hier aber fühlte sie sich gebunden und schwach. ihr mit einem solchen Ansinnen zu kommen. daß sie solche Besuche nicht brauche. weder hier noch in Sarajevo. arbeitsamer Mensch.

ungefähr zum Ende dieses Jah- 2IS . aber sie sah dieses Lächeln auch noch auf ihren gefalteten Händen. die wie alles am Anfang langsam und schwer vorankamen. soweit es unbedingt notwendig war. ohne Nachdruck und Aufdringlichkeit.überraschte und rührte. so unempfindlich Aussehen und die Kleidung eines war sie auch ge- gen Liebenswürdigkeiten und Unliebenswürdigkeitcn. sie Ganz im Gegensatz zu den jun- gen Leuten. denn wie gleichgültig ihr das Menschen waren. wobei er natürlich und ohne Übertreibung alles bewunderte. aber auch davon nur. die lernt hatte. von seinen Arbeiten. daß er noch einige Monate. Dann schlug sie die Augen nieder und hörte ihm weiter zu. Er sprach wie die übrigen jungen Männer. Hier stand ihr. aber seinem Gespräch war klar zu bis entnehmen. aber zugleich sprach er zurückhaltend. sprach er im Hause Hadzi-Vasic kennengeausnahmslos von seiner Arbeit. Auch von ihr sprach er. so als legte er sich selbst Rechenschaft über etwas ab. sorglosen und sanften Lächeln Onkel Viados. die noch nicht mit ihrer Kraft haushalten und über riesige Re- serven von Hoffnung verfügen. und wenn sie den Blick hob. Doch hier lag ein Ausnahmefall vor. was er von ihren FähigEr erzählte ihr keiten gehört hatte. weder offen noch verhüllt. begegnete sie dem leichten. Onkel Vlado vor noch dazu ein Onkel Vlado nach ihren Wünschen. Ratkovic verlangte nichts. Niemals in ihrem Leben hatte jemand sie durch Reden bestochen und durch Schmeichelei gewonnen. wobei er nichts beschönigte und auch sich selbst nicht hervorhob. die so viele Männer nicht besaßen. Das Fräulein hörte ihm ruhig und aufmerksam zu.

wenn er nur genug Mittel um bis dahin durchzuhalten. Aber das. Jovanka regte die Frage eines Wechsels an. von dem er so- Schulden bezahlen könnte. Was ihn persönlich genug betraf. um ihr persönlich zu danken. aber die Gebüh- ren und besonders die Bestechung der verschiedensten Beamten hatten sein Geld ziemlich aufgezehrt.res. 216 . und das wiederum hing von den staatlichen Lieferungsaufträgen ab. be- käme Ratkovic einen fort seine Dollarvorschuß. den sie. denn sobald der Vertrag mit der Firma Ford unterschrieben wäre. hinderte sie daran. Jovanka. nüchternen Art zu sprechen. hatte. und nicht satt hören an seiner ruhigen. Es ging darum. wo ihn ein sicherer Erfolg erwartete. die wunderbarerweise zum Leben ab. daß ein anderer die Ford-Vertretung bekam. so hatte er zum Leben. Es handelte sich lediglich um eine Gefälligkeit. die man sich vorher si- chern mußte. dann das Fräulein und ein Freund von Ratkovic unterschreiben würden. als erste. was sie sah. sich davon erwacht war. was sie hörte. schwer zu arbeiten und zu kämpfen hatte. sie rung satt an ihrer teuersten Erinnezu sehen. das sie von früher Jugend an begleitet hatte. Am nächsten Tag kam Jovanka wieder. zu verhindern. und umgekehrt hielt das. sie sei in Wechselgeschäften nicht bewandert und außerdem und bat sich ein bis zwei Tage Bedenkzeit aus. Und dann erschien Ratkovic. wortete. Bei diesem Gespräch unter vier Augen konnte sie sich nicht satt sehen an jenem Lächeln. gut zuzuhören und das Gehörte zu beurteilen. und das Fräulein unterschrieb gegen ihren Willen und ihre bessere Überzeugung einen Wechsel über zwölftausend Dinar. Das Fräulein antschlecht bei Kasse.

daß sie ihm eines Tages vierhundert Dinar gab. Aber das Fräulein sah es am liebsten. Auf ihre Fragen antwortete er besorgt und aufrichtig. hindern. die er für zwei umfangreiche Auslandstelegramme brauchte. frischer Mandarinen. mir von allen Seiten Schwierigkeiten. und zwar ohne sich zu fragen. aber sie wollte allein helfen. ob ich Erfolg haben werde. einem hinfälligen Ford. der kam er auf dem und Belgrader Pflaster wie eine Heuschrecke hüpfte. es gibt so allerlei.Ratkovic erschien noch einige Male. sowie den Wunsch hervor. Im Gegenteil. wenig zu ihr setzte »Bei Gott. wie sehr das ihrer bisherigen Arbeit und ihren Ansichten widersprach. war ihr kein Anlaß. Fräulein. Zweimal in seinem Wagen. Das Fräulein ärgerte sich über diese Geldausgabc. sich ein und ihr über den Stand seines wichtigsten Unternehmens berichtete. In seiner Erzählung prahlte er nicht und beschönigte nichts. um macht mich zu be- Man mich immer und frage mich. ohne Jovanka. an das Schicksal des Wechsels zu denken. sondern rief in ihr eine gewisse Rührung. Nach vierzehn Tagen gab er ihr die vierhundert Dinar zurück und brachte ihr als Zinsen ein kleines. ihm zu helfen. daß auch sie sich an diesem Kampf für sein Wohl beteiligte. Der Umstand. und sie fand es ganz natürlich und verständlich. wenn er allein kam. und ohne zu bemerken. So kam es. daß die Sache langsam und schwer voranschritt.« Seine wohlklingende Trebinjer Sprechweise war ihr wie Musik in den Ohren. sdiön gefloditenes Körbchen voll gelber. fuhr das Fräulein und Jovanka nach Rakovica. die sie niemals gekannt hatte. und dabei erinnerte sie sich an die so lieben kurzen Ausein- und ich fürchte 217 . wann sie den Entschluß gefaßt hatte. Aber man muß kämpfen.

ob sie nicht diesmal ausnahmsweise die Wahrheit gesagt hat. starken Handschrift. Bis Ende September war Ratkovic auf Reisen. Anfang August verlängerte er zwei bis drei Tage später lieh den Wechsel über zwölftausend Dinar. daß dieser Taugenichts nicht zurückscher Fall. Das war der niedrigste Zinssatz. kehrt und nicht hier seine Sache vorantreibt. Jo- vanka aus verschiedenen Gründen unruhig und aufgebracht. Freilich diese Nata lügt viel zusammen. dem sie je in ihrem Leben zugestimmt hatte. In dämmerigen Zimmer saßen die beiden am dem kühlen. Fenster. Der September war heiß und trocken. und es ärgert mich. bald nach Paris. daß er nach Paris und Brüssel reisen müsse. denn er verlangte nichts. Während dieser Zeit kam Jovanka mehrmals in die Stigstraße. und Nata Dabic soll erzählt haben. die sie mit Onkel Vlado wegen seiner verschwenderischen Geschenke gehabt hatte. unser Ratko macht ein wenig viel Spazierfahrten.« 218 . Ein pathologiAber wiederum frage ich mich. einmal sogar mit einem Telegramm aus Antwerpen. Rückzahlungstermin war der i. schrieb Ratkovic sorgfältig eine Quittung aus. das Fräulein über eine Handarbeit gebeugt. er mel- dete sich bei Jovanka und dem Fräulein mit Kartengrü- ßen. um persönlich mit den Hauptvertretern der Firma Ford in Europa zu sprechen. bald nach Brüssel. Es war der natürliche Abschluß eines Gesprächs. »Na. wie es dazu kam. die wie eine Melodie dahinfloß. und sie ihm fünftausend Dinar in bar. sie hätte ihn in Biarritz gesehen. der Zinssatz acht Prozent. Mit seiner runden.andersetzungen. Das Fräulein wußte selbst nicht. Nur war Ratkovic in allem maßvoller. Januar 1921. in dem er ihr darlegte.

Denn hier ziehen sie über ihn her und arbeiten gegen ihn.»Wahrscheinlich kann er nicht«^ sagte das Fräulein leise. erschien ihr süß. ernst! Man soll diesen Männern nie über den Weg trauen.« Jovanka schüttelte den Kopf. »Wieso kann er nicht? Was kann er nicht? Er muß etwas von sich hören lassen. Nur bedeuJovanka. Sein bester Freund versucht ihn auszustechen und Landsmann intrigiert im Finanzministerium gegen ihn. um dessen Schicksal beide in gleicher Weise besorgt sind. und außer- dem ist er zu ernst dazu.« So saßen die beiden da wie zwei Frauen. Für das Fräulein dagegen war das der erste und einzige Fall in ihrem Leben. den sie mit den Zähnen abriß. und selbst die Lieferaufträge und die Ford. wo dieser Kerl steckt. Diese ge- meinsame Sorge brachte sie einander näher. die einen nahen Verwandten in der Welt haben. ein einzigartiges Erlebnis und tiefes persönliches Geheimnis. damit ich es ihm mitteilen könnte.Vertretung zu erhalten. »Ernst. und der Faden. deren sie sich annahm und für die sie mit all ihrer ungestümen und unverbrauchten Kraft einsetzte.« »Er wird seine Sache nicht aufgeben. daß sie ihn verteidigen konnte. denn von der großen Ähnlichkeit zwischen Ratko und Onkel Vlado hatte sie weder Ratko noch Jovanka je ein Wort gesagt. stark von der Sonne gebräunt 219 . tete diese Sorge für das Fräulein mehr als für Jovanka hatte außer Ratkovic noch andere junge ner sich Män- und Frauen. viel gearbeitet Nun hat er so- und soviel hineingesteckt. ich aber weiß nicht.« »Hm. Zwei Tage nach diesem Zwiegespräch erschien Ratkovic in der Stigstraßc. es war ihr angenehm.

müder und nachdenklicher sonst. Wäre auch Jovankas Unterschrift auf dem Wechsel gewesen. und schwer entschließen könnten. so aber war sie nicht imstande dazu. so als spräche er noch immer So bekam Ratko Ratkovic ohne mit dem Fräulein. immer wacher Widerwillen gegen jedes als sei er und jede Geldausgabe meldete sich auch jetzt. gewandt hatte. glücklich. Wechsel. ohne Teilnahme eines anderen. was er in diesen Tagen so dringend brauchte. Ihr angeRisiko borener. daß aber kein anderer als er in Betracht käme. Soviel brauche er bis bis sie. daß er sich persönlich an sie. als er unter fortwährendem Lächeln. von seinem Dollarvorschuß alle Schulden beDas Fräulein willigte ein. ihm noch einen des Jahres. daß seine Angelegenheit zu die Ende geführt wäre. aber sie sah. aber irgendwo aus der Tiefe. »auf eigenen Beinen zu stehen«. diesmal über neuntausend Dinar. und nur an sie. allzu freudig das eiserne Tor hinter 220 . man müsse eben noch warten. und dann werde gleichen können. Er selbst wunderte sich darüber. viele Worte und Verhandlungen das. Das Fräulein schaute und hörte ihn an. weil er Sorgen hatte. daß sie ihn einmal allein. Nach einigen Tagen bat Ratko schreiben. unterstützen und ihm wie eine Mutter helfen durfte. dann hätte sie vielleicht Einwände gemacht. weil besorgt. Sie war zu glücklich. zu unter- zum Ende dahin werde er sich jedoch alles entscheiden. daß er sich nicht rührte und nicht arbeitete. daß er gesund zurückgekommen war. gelähmt: Sie dachte an diesen Widerwillen und wußte. Er sprach als davon.und etwas magerer. daß er in ihr war. daß Amerikaner sie die sich zwar neuen Verhältnisse in Belgrad noch nicht ganz durchschauten.

Gefälligkeiten erwies.sich zuschlug. hart und rücksichtslos zu arbeiten und zu verdienen. sündigte gegen die Armen und Schwachen und ihre Verwandten. so hätte sie keine Antwort darauf gefunden. oder ein neuer Onkel Vlado. sich eine solche Frage vorzulegen. das durch ihre Opfer und Anstrengungen heranwuchs. Sie stahl und betrog (oder tat Dinge. nur um nicht zu verlieren. daß sich ihr ganzes Wesen bereichere. schwachen Geschöpf helfen konnte. woher das kam und warum sie diesem fast unbekannten Jüngling. erwiesen hätte. Wenn sie sich gefragt hätte. der nichts für sie tat. Das Fräulein blieb unbeweglich und ver- sonnen zurück. Und jenes Krachen des Tores war ihr ein materieller Beweis. Ihrer Mutter maß sie das Brot für jede Mahlzeit zu. seit sie begonnen hatte. sondern daß sie wirklich einem liebenswerten. mußte. sondern ihren Besitz zu mehren. Sie sagte sich von der Gesellschaft erregte bei allen Anstoß. los. der arbeiten und gehorchen wollte und für den es noch Hilfe und Rettung gab. Während dieser Zeit hatte sie keinem Menschen auch nur eine Para gegeben. Mit diesem neuen. geriet in 211 . Aber sie dachte nicht daran. unklaren Gefühl legte sie sich in diesen Tagen zu Bett. dabei zitterte ihr die Hand. verhundertfache und weite. und mit ihm erhob sie sich wieder. bisher unbekannten Gefühl. wenn sie nicht unbedingt und der Welt Schmach und Schande. und sei es auch nur in Gedanken. mit dem seltsamen. Fünfzehn Jahre waren vergangen. die ihrer Natur und ihren Folgen nach dasselbe bedeuteten wie Diebstahl und Betrug) und war zu noch Sdilimmerem bereit. Sie wußte in dem Augenblid<: nicht. die sie keinem anderen. ob es ein Kind war. daß es sich nicht um eine Täuschunghandeite.

daß sie jemandem helfen durfte. der weder ihr Verwandter noch. was sie Ratko gegeben hatte. Als willig sie jäh in der Nacht erwachte. rosiges Baby war. dem sie stehen und gehen half. während es die ersten Schritte auf der Erde tat. dem sie jedoch und freudig so viel gab. das lachte und alle ringsum zum Lachen brachte. Das alles tat sie ohne Schwanken und ohne Ausnahme und hätte es wahrscheinlich bis er- zu ihrem Lebensende getan. denn wenn sie ihm etwas gab. oft sogar die Arznei. ihr Bruder oder Geliebter selbst nichts verlangte schien ein Mensch. Sich selbst versagte sie nicht nur jedes Vergnügen. erfaßte sie zwar ein leich- ter Schwindel bei dem Gedanken. bei war und von dem sie und erwartete. . wohltuende Gefühl. beund sorgte sich nicht um das. Sobald sie aber etwas zu sich alles nüchtern betrachtete und klar sah und die Trugsie nichts bilder weniger Macht über den Menschen hatten. und es schien ihr. fühlte sie das neue und bisher unbekannte. Aber auch bei Tage. daß der. dauerte 222. sondern auch das Notwendigste. aber das war ein Überbleibsel der tief eingewurzelten Gewohnheiten. der Appetit aber blieb. sondern wirklich ein kleines. kein erwachsener Mensch von sechsundzwanzig Jahren. und auch ein wenig Angst überkam sie dabei. plötzlich Gott. wie sie noch nie jemand gegeben und auch nie jemand zu geben beabsichtigt hatte. noch zunahm.und die Brauen zogen ja sich vor Zorn zusammen. Sie schloß die Augen. daß sie gestern einen Wechsel über neuntausend Dinar unterschrieben hatte. Und sie fühlte weder Reue noch Bedauern. Aber siehe da. »auf eigenen Beinen zu stehen«. die in diesem Halbschlaf noch Macht über sie kam. weil bei den alten Leuten die Kräfte nachließen. da man hatten.

empfand spürte. es Und doch gab Veränderungen. In solchen Augendas eine wahre Qual für ihre nicht daran blicken dachte sie mit einer gewissen leichten Rührung. sie dasselbe Vergnügen. daß in lebte. einer. die in Belgrad immer auf bestem Wege zu sein schienen. So lebte das Fräulein einige Wochen in einem neuen Traum. klügerer. Sie regte sich lebte. wie die Zeit verging. das sie sie wenn immer veranderen etwas abzwackte und weg- nahm. Auch Ratkovic ließ sich in diesen Tagen nicht sehen. wie sie versprochen hatten. Am Abend. fühlte sie sich ge- wöhnlich erschöpft und entmutigt von den Geschäften. sich bemühte. auch wenn sie nur für sie sichtbar waren. getragen 223 . müde war sie auch des Pflasters. der in dieser zerwühlten. und ganz ihrer Arbeit hingegeben. aber ein demselben Belgrad ein Onkel Vlado besserer. das Glüd<: sein könnte. dienen. auch fühlte sie nicht. doch zugleidi von einem Gefühl. die man bei anderen Zärtlichkeit nennen würde. gro- ßen Stadt herumging und Geschäft zu gründen. gewöhnten Füße und dünnen Knöchel bedeutete. was dem Glück vergleichbar gcruhig. ohne sich selbst seiner Kraft und wahren Natur bewußt zu werden. In ihrer Lebensweise änderte sich nichts. wenn sie in ihrem Leben je etwas kennengelernt hätte. wenn sie allein war. ein eigenes um selbst zu arbeiten und zu ver- In jenem Herbst verbrachte Jovanka drei Wochen bei Verwandten in Smederevska Palanka. Sie führte ihre Geschäfte wie zuvor. Aber das Fräulein bemerkte beider Abwesenheit so gut wie gar nicht. aber selten ein so günstiges Ergebnis brachten. fast sorglos.

« »Ich weiß nicht.« »Um wieviel ging es?« »Neuntausend. weißt du. heit zu sagen.« »Und weißt du. zu lügen: »Nein das heißt. Nur bis zum Ende des Jahres. ja. noch die Gewandtheit. noch die Kraft. auf die auch gute. sondern in ist?« Budapest »Wieso in Budapest?« »Gut unterhält er sich.« »Ach! Das war ein Fehler. zu schweigen. »Was ist denn mit unserem Glücksvogel?« »Ich weiß nicht. der Mensch. Erwar schon drei Wochen nicht hier.Wesen wäre und woran schätzen können. . die weder den und schwache Menschen in VerMut haben. naive legenheit geraten. auf die schlimmste Art. Ja. daß er geschäftlich verreist ist.« »War das vor oder nach meiner Abreise?« Das Fräulein faßte sich und log ihr ins Gesicht: »Danach. glaube ich. verwirrt und geriet auf eine ihr bis dahin unbekannte Art in Verlegenheit. daß er nidit in Belgrad. . Er hat mich darum gebeten.« Und die kleine Frau warf den Kopf zurück und fragte streng wie ein Polizist: »Du hast ihm doch nicht etwa noch Geld geliehen?« Da wurde das Fräulein. Ich habe ihm einen Wechsel unterschrieben.« 224 . das eines jeden Blick ertragen und kaltblütig den geriebensten Geldwechsler täuschen konnte.« »Aber es kann ja sein. sie es jetzt hätte messen und Mitte Olctober ster kam Jovanka zurück und erschien düund zornig in der Stigstraße. aber seine Geschäfte wollen mir nicht mehr recht gefallen. die Wahr. ganz sicher danach.

daß wir ihm helfen müssen. daß nach Budapest habe reisen müssen. In dieser Stimmung empfing sie ihn. Und wenn er hier aufkreuzt. und sie war eher geneigt. und nimm ihn schön auf. hinzufahren. Fehler. Mach das bloß Du hättest ihm keinen Dinar geben sollen.Vertreter des eine Konferenz gehabt hätten. meine Teure. Mir scheint. daß die Sache grundsätzlich perfekt sei. denn seine Anwesenheit sei für wie für ihn von Nutzen gewesen. ob ihm Geld 225 . dann tue so. so daß er den Eindruck mitgebracht habe. als wüßtest gar nicht so ein Heiliger so ein und du von nichts. ich ebenso wie du. als wäre er schon ihr Mann. Jovanka zu zürnen als an dem jungen Mann zu zweifeln. Kroaten und Slowenen beraten lassen. Er erzählte ruhig und sorgenvoll wie immer. Es werde noch Mühe und Geld kosten. Ich bekomme es schon noch heraus.»Wieso? Du hast selbst gesagt. aber spätestens bis zum neuen Jahr sei alles zu einem günstigen Ende geführt. Balkans und Mitteleuropas wo alle Ford. aber gib ihm nur kein Geld! Ich habe immer Angst. Sic hätten von ihm über viele Dinge des neuen Staates der Serben. und daß er recht daran getan habe. Herzegowiner macht Winkelzüge und bevor ich nicht einige Dinge überprüft habe. gab es dem Fräulein unbe- merkt einen Stich. dieser ist Unschuldslamm. wie er immer tut.« Das Fräulein war mehr beleidigt als besorgt. unverändert und mit dem Lächeln Onkel Viados auf den er Lippen bei ihr erschien. als er einige Tage nach Jovankas Besuch ruhig. daß wir mal als dumme Narren dastehen. sie sah den zurü eingeworfenen Kopf sie Jovankas vor sich und überlegte rasch.« »Das war ein nicht mehr. die anderen sich Als er das Geld erwähnte.

aber es wäre un- möglich. und schirm krampfhaft festhalten. Ich habe gerade mit jemandem gesprochen. Ich muß mit dir sprechen. die aus dem Tor herausschoß und sich in dem es schräg ge- haltenen Regenschirm verfing. »Gut. Wir werden ihm Daumenschrauben ansetzen. Aber das Geld kannst du abschreiben. stieß sie vor der Universi- mit einer Frau zusammen.l(> . daß du es scheinlich bist. Das Jo- Fräulein schämte sich ein wenig ihres Zweifels und war unzufrieden mit sich selbst und noch wütender auf vanka. sie ihn abweisen sollte. Am folgenden Montag hatte sie bei der Stadtbehörde zu tun. Ich gehe zu einem meiner Schulkollegen. ihrer Angelegenheit kehrte sie Nach Erledigung den Regen- zurück. Ich 2.« Jetzt ist mir »Was?« »Alles. Als tät anlangte. der kalte Herbstsie mußte sie regen peitschte ihr ins Gesicht. Diese begann sofort ein Gespräch. besorgten. Es würde ihm etwas zu geben. und zwar so lebhaft und heftig. Und so endete alles mit lächelnden Blicken und ruhi- gen. Dein schöner Ratko ein Taugenichts. als sei sie eben erst darin unterbrochen worden. Ratko jedoch verlangte nichts. Das war an einem Freitag. ihn abzuweisen. alles klar. Wahrist komme ich morgen.geben oder ob und wie ihr schwerfallen. Bevor überhaupt zu einem Streit oder einer Entschuldigung kommen konnte. um noch ein paar Einzelheiten zu überprüfen. erzähle. Hochstapler und gemeiner Kerl. Und auch dir wird es klar sein. wenn ich es dir Aber jetzt muß ich mich beeilen. sah sie sich von Angesicht zu Angesicht Jovan- ka gegenüber. doch hoffnungsvollen Worten.

»Ich deckt. kam weder am nächsten noch am übernächdenn das wäre ein Verstoß gegen ihre Regeln gewesen. der platz gegenüber der Universität nur so Das Fräulein war ganz mit sie verwirrt. fort. das sie vor der Universität begon- nen hatte. daß sie endlich das getan hatte. Dafür erschien sie am dritten Tag in aller Frühe und Jovanka sten Tag. Auf Wiedersehen!« Und denen Jovanka verschwand unter den Leuten. eher die Faust eines Lehrjungen als die eines Fräuleins hätte sein kön- nen. Aus Jovankas bilderreicher und nach Art der Gaunersprache knappen Rede ergab sich. als hätte sie es nie unterbrochen. Während die. freudig. sie was Kraft und Sauberkeit betraf. Nur ten Taugenichts für einen großen Patrioten. setzte das Gespräch. Aber du bist die andere. die den größ- und Lügner dieser Erde unterstützt und und Menschen der Zukunft gehalten haben. wer dieser Ratko Ratkovic sie zu er- war und was für ein Leben er in Wirklichkeit führte. rief sie fast mit ihrer kleinen. was sie zu Beginn dieser Bekanntscliaft 227 . habe all alles heraus. eisigen Regen überschüttete. Langsam und nur Mühe kam sie gegen den starken Wind mit einem feinen. immerzu auf den Tisch schlug. voran. aber kräftigen Faust.bin die eine von den beiden Närrinnen. die Unordnung und Überraschung hießen. dann jage den Schlingel mit dem Besen davon. von es trotz des schlechten Wetters zwischen den hölzernen Buden und Ständen auf dem großen Marktwimmelte. Soldaten soviel für heute! Und wenn dieser schöne Mann deine Schwelle überschreitet. Alle und Fäden habe ich aufgeseine Streiche kenne ich jetzt«. begann zählen.

kannten ihn von Jugend auf. und bestand nicht auf Rückzahlung. und die- wortkarge Mensch war nicht im geringsten interessant. Deshalb Grunde war er nen Altersgenossen geschätzt. Ratko war der einzige Sohn einer armen Familie und zur Verschwendung und nannten ihn seine Freunde Graf. stimmten völlig miteinander überein und waren wahre Entdeckung. daß sie zuerst die für sie eine nackten Tatsachen erzählte. Er liebte es. Allein diesmal war sie so aufgeregt. ohne den Erzähler in seinen Reden und Bewegungen nachzuahmen und ohne seine Persönlichkeit und das Milieu. in dem er sich bewegte. Allerdings hatte hauptsächlich von ser trockene. Im ein guter Kamerad und wurde von sei- zeigte schon in frühester Kindheit einen seltsamen Hang zum vornehmen Leben. die sie von ihnen erhalten hatte. Als 221 . aber dafür verstand er es auch nicht. Ebensowenig war sie imstande. seinen Freunden aus einer Verlegenheit zu helfen. Faulheit.unterlassen hatte. das zurückzuzahlen. jemandes Mitteilung wiederzugeben. und zwar handelte es sich dann stets um bedingungslose Zustimmung oder äußerste Mißbilligung. Beide waren ungefähr so alt wie Ratko. was man ihm geliehen hatte. waren ihm während des letzten Krieges begegnet und hatten ihn jetzt in Belgrad wie- dergesehen. bildhaft und ermüdend zu beschreiben. ohne sofort zu ihnen und im Zusammenhang damit zur ganzen Welt Stellung zu nehmen. Sie hatte zwei Landsleute Ratkos ge- funden. Folgendes wußte sie zu berichten. sie sie dem Industriellen erfahren. Naturgemäß konnte Jovanka keinen Menschen kennenlernen und keine Tatsache erfahren. einen jungen Professor und einen Industriellen. Die Angaben.

denn er verstand Motorfahrzeuge und sprach englisch. zu den Russen überzulaufen und eine ganze Schar serbischer Soldaten. Es war ein gefährliches und kühnes Unternehmen. aber nicht um an der Front zu kämpfen. Als 19 14 der Krieg ausbrach. Ein Offizier wurden verhaftet. die dem Finanzministerium 22C) . Mehrere Male reiste er mit einer Kommission nach England. Dort nahm er Verbindung zur englischen Intendantur auf. ungeordneter Lebensweise und unerlaubter Manipulationen mit fremdem Geld ausgeschlossen. die man in österreichische Uniformen gesteckt hatte. mußte er mit seinem Jahrgang zum Militär und wurde an die russische Front geschickt. bekommen Die Angebote. Hier in Belgrad leistete Ratkovic in der Tat einigen englischen Unternehmungen sich auf kleinere Dienste. das heißt. Im Jahre 191 5 gelang es ihm tatsächlich. tet wurden auch sie ohne Gerichtsverhandlung Niemand wußte recht. einer der beiden war Ratko. daß er die Vertretung irgendeiner größeren Firma sollte. Der Vorfall geriet jedoch bald in Vergessenheit.wurde er aus dem Gymnasium in Mostar wegen mangelnden Fleißes. mitzunehmen. sondern um der Intendantur zugeteilt zu werden. für jede einzelne Arbeit. Nach lonikifront dem Durchbruch durch die Sa- freigelassen. Darauf fuhr er mit einem Ungarn nach Budapest und kehrte ein Jahr später als Agent einer Fahrradfabrik nach Mostar zuilick. Doch kurz vor Kriegsende kamen und zwei Unteroffiziere einige Unregelmäßig- keiten in der Intendantur ans Tageslicht. er in der sechsten Klasse war. warum sie verhafund dann wieder freigelassen worden waren. doch es konnte keine Rede davon er sein. Von Rußland kam er nach Saloniki. Sie bezahlten ihn »pro Stück«.

und dem Bauministerium eingereicht hatte. aufschoß und 230 . in eine der gesellschaftlichen Kategorien eingeordnet zu werden. sondern ihr Leben hindurch mit sich selbst und der ganzen Welt spielen. damit seine wirkHche Offerte schäftigung um so mehr Erfolg hatte. aus Rechtsanwälten. der eine fiktive Offerte brauchte. gleich wildem Gras am Wege. Eigentlich und bestimmte Beund würde sie auch niemals haben. be- stehend aus Politikern und Geschäftsleuten. die niemals ruhig und ernst werden. war zahm und manierlich. Er war einer von jenen Menschen. die noch darauf warteten. wie sie jetzt überall in der Hauptstadt. im Auftrag eines anderen. Es war eine gemischte und bunte Gesellschaft. die nichts verband als eine vorübergehende Zechbrüderschaft. Maklern und zufälligen Gästen. machte er ohne Zweifel auf fremde Rechnung. er hatte ein gutes Herz. als stammte er aus adeligem Hause. aus Belgradern und Leuten von jenseits der Save und Donau. Im Grunde war Ratko kein schlechter Mensch. Im Gegenteil. dazu hatte er Separee des »Kasinos« gewesen. Zeitungsleuten. den ersten Pionieren der Korruption. Auch jetzt war es außer diesen mehr oder weniger unnützen Besuchen in den Ministerien seine Hauptbeschäftigung. In letzter Zeit war er jede Nacht mit derselben Gesellschaft in einem dit geben. Eine Ansammlung von Menschen. die Nächte in lustiger Gesellschaft zu verbringen. aber er war leichtsinnig bis zur Gewissenlosigkeit und ein großer »Liebhaber« von schönen Frauen. Unterhaltungen und Vergnügungen aller Art. denn kein Mensch würde ihm je Ware anvertrauen und Krehatte er überhaupt keine richtige weder die entsprechende Ausdauer noch den nötigen Ernst.

Der Stern dieses Kabaretts war eine Pariser Diseuse eine Frau. Hier war vor vierzehn Tagen das erste Belgrader Nachkriegskabarett eröffnet worden.wucherte. die 231 . Engagement verschafft. wo er im Herbst gewesen war. kennengelernt und mit ihr ein Verhältnis angeknüpft. der in und die ver- schiedensten Geschäfte betrieb. Belgrad bereits eine Kanzlei eröffnet hatte war ein Rechtsanwalt von drüben. nach Belgrad zu kommen. der das Kabarett im ein »Kasino« er leitete. zuverlässigen Angaben. Frische. Nach seiner Ankunft in Belgrad hatte er ihr bei dem ungarischen Juden. sozusagen ihr Präsident. Auf jeden Fall bestanden enge Bindungen zwischen ihr und ihm. weder Stimme noch jugendliche doch dafür viel Charme und Geschick besaß. Aber auch ohnedies strömten so viele Leute herbei. Ratko Ratkovic hatte diese Carmencita nach Belgrad gebracht. Dann war nach Budapest gefahren. und gaben das Geld mit vollen Händen aus. Singend stieg sie ins Publikum herab. Die einen sagen. daß er jetzt an ihrem großen beteiligt sei. verteilte echte Veilchen unter die Besucher und erhielt für jedes Sträußchen von den fröhlichen Gästen größere Geldscheine. Alle Belgrader Zeitungen brachten ihr Bild zusammen mit einer wirkungsvollen. Sie trat als Blumenmädchen im spanischen Kostüm auf und sang ihr Lied von den Veilchen. die namens Carmencita. die anderen. lebhaften Reklame. daß er ihretwegen in Schulden gerate. Die Säule dieser Gesellschaft. daß der Platz nie ausreichte. So lauteten die trockenen. Er hatte sie in Biarritz. sie um Carmencita zu erwarten Einkommen und zu überreden. das die Belgrader Lehrburschen schon auf allen Straßen pfiffen.

Katheder oder in der Presse zu äußern. war wie gedruckt. warum ihn Jo- 232 . und starke. vollen- Der Professor aus der Herzegowina war der dete Typ eines interesselosen jungen Mannes und ehrsamen Gelehrten. vom die Wie alle Leute. Der Professor hatte bei Jovanka einen sehr guten Eindruck hinterlassen. Nicht wissend. doch was er sprach. Und während sie noch seinem mit leiser Stimme vorgetragenen Bericht gelauscht hatte. Deshalb fühlte sie jetzt und bis in das Bedürfnis. übermäßig auf einem bestimmten Gebiet arbeiten. aber nicht die Gelegenheit haben. Jovanka hatte sich vor einigen Tagen mit ihm bekannt gemacht. diesen jungen Mann hier unter ihre Fittiche zu nehmen und ihm mit Hilfe ihrer Beziehungen auf der Universität und in der Gesellschaft den Weg zu ebnen. die vielen Lesen übermüdet waren. treuen Augen.jener Industrielle Jovanka gemacht hatte. einem Ethnographen und künftigen Universitätsdozenten. war sie. viel und lebhaft zu sprechen. borstige Brauen ragten wie ein Vordach heraus und beschatteten die kurzsichtigen. Er lebte bescheiden und zurückgezogen. Das alles war im allgemeinen auch von dem jungen Herzegowina Professor aus der bestätigt worden. sich in ausreichen- dem Maße vom liebte er es. ganz der Wissenschaft ergeben. aufgebracht über Ratko und seinen Betrug. bereits entschlossen gewesen.) Er Men- war schlank und blaß wie ein Einsiedler. (Sein spezielles Studiengebiet war die Psychologie des dinarischen schen. seine Erzählung zu wiederholen ihn wie auch den ganzen Verlauf des Gesprächs alle Einzelheiten zu schildern. um genaue und unmittelbare Auskünfte über Ratkovic zu erhalten. Ein dichter. kurzer Schnurrbart bedeckte seinen Mund.

Menschen vom mediterran-dinarischen Typ bald als eine allgemeine Erscheinung. unlösbar verbunden. Die Ju- die kritische Zeit für einen solchen Menschen. sondern auch die betreffenden Menschen selbst täuschen können. der eine trocken ins Wort. Und in dieser Zeit entsdieidet es 233 . ich bitte falsch. daß sie nicht nur die Umgebung.vanka über seinen ehemaligen Schulgefährten ausfragte. »Nein. als wollte sie die wissenschaftliche Prosa für irgend jemand in eine klare menschliche Sprache übersetzen.« »Ein Halunke und Feigling ist er«. verstehen Sie mich nicht die jeder Nuancen und Vorbehalte. Sein ganzer Charakter neigt nach der einen oder der anderen Riditung. Menschen nebewußt tapfer und ehrbar. wie Kriegs- sie für die und Nachkriegsverhältnisse eines neuen. analysierte er vor ihr den Fall Ratkovic völlig objektiv und ohne jede böse Absicht. nein. Es gibt hier viele Sie. der andere unbewußt furchtsam und moralisch defekt. zwei ist ihm beneinander. »Es gibt so einen dinarischen Typ«. Jene beiden Charaktere in diesem einen Menschen stoßen zusammen und mischen sich in so vielen Verbindungen und Zwischenforaien. schloß der Professor seine Erklärungen zum Fall Ratkovic. fiel ihm Jovanka in leben. »Es ist ein recht komplizierter und bis jetzt wenig erforschter Typ. über seinen moralischen Wert und gend ist die wahre Bedeutung seines Tuns. wobei er ihn bald als ein charakteristisches Beispiel für die Irrungen eines auffaßte. man- gelhaft ausgeglichenen Milieus charakteristisch sei. und so lebt er in völliger Unwissenheit über sich selbst und seine Charaktereigenschaften. ohne Schluß übertrieben und im Grunde ungenau und ungerecht ausfällt.

mit denen der Professor die außergewöhnlichen Verhältnisse darzulegen versuchte. Alles. was sie ist. sage ich Ihnen. Ein gleiches Schicksal war auch den übrigen Erklärun- gen allgemeiner Art beschieden. die nur einmal. als et- was. erscheint wunderbarer Ausbruch von Kraft und was sie erleben und ringsum erblicken. unter denen die moderne Jugend aufwuchs.« was das ist. ausnahmsweise. erscheint den jungen Leuten ihre als das.sich. sondern ein Irrenhaus. ihm ihren Schutz zu gewähren und im Kampf gegen die alten Pro234 . ant- wortete Jovanka auf alle gelehrten und spitzfindigen Erklärungen des jungen Wissenschaftlers. Mit diesen Worten beendete Jovanka mit die Aussprache dem Prof essor. »In solchen Zeiten«. »Ein Schuft ist das. vom Himmel auf die Erde ge- als ein Schönheit. das durch einen verrückten Zufall aus der allge- meinen ziges Sintflut gerettet wurde. fallen ist. erklärte der Professor.« »Idi weiß. Leben auf dem Wege aufopferungsvoller Arbeit bewegt oder ob er für immer ob er sich sein ganzes den Weg des Lasters und der Faulheit beschreitet. »unmittelbar nach so langen und schweren Jahren des Blutver- gießens und Leidens. Jugend nicht ration. als ein ihnen unerwartetes Geschenk. als erzählte man einem Blinden etwas vom Licht und von den Farben. Lauter Glüdcsspieler und Müßiggänger.« Vor Jovanka von Nuancen und Vorbehalten beim Denken und Reden zu sprechen war dasselbe. nämlich als eine kurze Zeitspanne in der natürlichen Entwiddung einer Gene- sondern als eine besondere Gabe Gottes. Das ist kein Staat. um ein sieghaftes. schon entschlossen. Professor«. trot- Leben ohne Maß und Grenzen zu leben.

und immer mehr hatte sie das Bedürfnis. ihn gegen diese schreckliche Jovanka. »Wir müssen abwarten. Ich denke. die «wie Mumien« den jungen Kräfvon ihm das Geld ten den Zutritt zur Universität verwehrten. wünschte sehnlichst. schaute sie verlegen beiseite. ihm »die Und dann straße. daß sie von Zeit zu Zeit ein unbestimmtes Wort des Zweifels zugunsten des armen Ratko äußerte. daß Jovanka sich irre. wenn es was das Fräulein tun konnte. zu verteidigen. es ist am besten. alles wäre ihr recht wenn nur das. um so tiefer drang der Schauder in sie ein. Alles. ging sie auf kürzestem Wege in die Stig- um mit dem Fräulein die nächsten Schritte zu besprechen. bald über Sie den Rücken und drang immer tiefer in den Körper ein. Ein kalter. nicht der Wahrheit entsprach. hörte. Während Rajka ruhiger Schauder die ausführliche Erzählung Jovankas anhörte. Und je ärger das Urteil und je unangenehmer die Reden waren. Aber es wäre leichter gewesen. was Jovanka sagte.fessoren zu helfen. Hölle heiß machen«. unlief ihr bald über den Hals. gegen alles und jeden. aber zuvor wollte sie Ratko Ratkovic entlarven. und wahnsinnig. wenn haßte. durch nichts diesen Wunsch zu verraten. gleichzeitig wurde sie ganz starr von der großen Willensanstrengung. ihn gegen ein ganzes Heer von Staatsals anwälten zu verteidigen hitzig war. zurückverlangen und. war. wenn wir mit ihm sprechen. gegen dieses Geschöpf. und sei es gegen den Augenschein. die sie über Ratko gewesen. das es liebte.« »Mit ihm sprechen?« unterbrach Jovanka sie mit hei^35 . daß sie getäuscht worden sei oder lüge. was noch wichtiger war.

»Ich spreche nicht mit solchen vaterlandsdu bei Sinnen? Wie naiv du Anscheinend glaubst du diesem Taugenichts noch.« dem und liche zugleich drängte sich ihr die logische und natürsei. was andere Leute Ein Gefühl der Bitterkeit dir sagen. schien und einen Augenblick einem nichts leichter und facher zu sein. und trotzdem fand sichts der nicht die Kraft. sie sie Das wollte konnte es beweisen. Das habe ich gewußt. damit du mit eigenen Augen siehst und mit eigenen Ohren hörst. Antwort auf. ihn so sehr gelobt und empfohlen und ben. den ersten Wechsel zu unterschreisie ihr sagen. war man ganz kraftlos und mußte ihnen ausweichen wie einem reißenden Bach glühender. daß Ratko keineswegs der Ihie sondern im Gegenteil Jovanka gehöre. obwohl ihr dieses Schweigen schwerfiel.serer losen Hochstaplern. 236 Je mehr die einander wider- . wenn du stieg in schon nicht glauFräulein auf. flüssiger Lava. sie gedrängt. wadarein- ren eine unwiderstehliche Wirklichkeit für Wenn man hinterher allein bheb über nachdachte. sie sich. doch wenn man ihnen gegenüberstand. jenseits jeder Wirklichkeit. was für ein Ausbund an Tugend dein schöner Ratko ist. Bist bist! Stimme. es zu tun. der noch nie einen eigenen Fehler zugegeben hatte und der imstande war. damit du es siehst und hörst und dich selbst überzeugst. Und das Fräulein schwieg. Diese Worte standen über aller Lüge und Wahrheit. denn sie fühlte sich unbegreiflich schwach und gelähmt ange- Ausdauer dieses weit aufgesperrten Mundes. alles auf der Welt mit frechen Worten zu überschreien. Deshalb führe ich dich noch heute abend hin. denn sie hatte ihn zu ihr geführt. ben willst. als die völlige Haltlosigkeit jedes ihrer Worte zu beweisen.

Jovanka legte nun ihren fertigen Plan wie sie dem Fräulein Ratko in seinem Element zeigen wollte.sprechenden Gefühle der Empörung. nicht aber die erlittene Enttäuschung und das verlorene Geld. Sie sprach mit unverminderter Begeisterung von den damit Einzelheiten dieses Planes. als wäre das jetzt die Hauptsache. in dem Ratko jeden Abend mit einer bunten Gesellschaft zechte und Geld verschwendete. Sie hatte alles vorbereitet. Am selben Abend nach elf Uhr sollten die beiden Frauen in den Hof des »Kasinos« kommen. Das Fräulein hörte sich das alles an. das sie ihm gegeben hatte. das darunterliegende Separee beobachten. der verschämten Schwäche und der unverständhchen Zurückhaltung zerfleischten. Im »Kasino« den Nachtstunden als Elektromechaniker und »technischer Chef« ein gewisser Joska beschäftigt. der tagsüber in der Mühle eines ihrer Verwandten am Heumarkt half. als erzählte Jo- 237 . Sie würden auch Carmencita sehen. und sie könnten von einer leeren kleinen Galerie. dar. ohne selbst gesehen zu werden. wie sie gekommen war in waren. die um diese Zeit von einem Separee ins andere ging und sich Geld schenken ließ. Danach wollten sie sich unbemerkt und unerkannt zurückziehen. sie um so weniger konnte sie der erbosten sich selbst Jovanka Widerstand leisten. Sie sie wunderte über ihre Schwäche. wie seine »Geschäfte« beschaffen waren und wohin das Geld wanderte. Mit diesem Joska hatte sie schon alles besprochen. sie sich einmal überzeugte und mit eigenen Augen sah. sich fand weder ein Wort noch ihr von zu befreien. Dort würde Joska sie durch einen seitlichen Eingang hineinführen. aber die geringste Kraft.

darauf eingehen zu können. unter denen sich Rajkas Wille bog und jeder Gedanke an Widerstand fiel. soll das heilten?« Jovanka explodierte wieder. sie krachten in ganzen Salven. Jovanka. wenn du willst!« »Was ken ab. Geh du. so würde sie das als ein dummes. ob sie tatsächlich auf den finsteren Galerien irgendwelcher Nachtlokale herumschleichen wolle. wovon sie nicht einmal in Büchern zu lesen wünschte. Dann machte sie noch einen entschiesich dem sinnlosen Vorhaben zu »Weißt du was. diese Ziererei? Soviel Geld nimmt uns der Vagabund ab sollen keinen Finger rühren? und betrügt uns. wenn du willst!<? Du mußt mitkommen. in denen Verschwendung und Ausschweifung aller Art herrschten. nur half Ablehnung nichts. Jovanka war wieder einmal Aus ihrem Mund sprühten unablässig Wörter. beleidigendes und unglaubliches An- sinnen abgelehnt haben. der noch am selben Abend unter ihrer Mitwirkung ausgeführt werden sollte. Warum denn nicht?« »Ich will nicht. Sie lehnte es auch ab. Du mußt! Wozu jetzt und jetzt. ihr ihre »in Weißglut«. Und hätte jemand sie gefragt. wobei sich wie in einem großen Bündel Raketen ein Wort am anderen entzündete. »Ich laufe mir deinetwegen eine Woche lang die Hak- wo ich die Sache ins reine gebracht habe. nicht aber von einem wirklichen Plan. denen letzten Versuch. aber schließlich gab sie all doch nach und willfahrte mit kaltem Widerwillen ihren Wünschen. sagst du: >Ich mag nicht gehen! Geh du. ich mag nicht gehen. Sie ging auf die erbitterten Vorschläge Jovankas nicht ein und glaubte auch nicht. widersetzen.« »Auf einmal. und wir 238 .vanka ihr von irgendeinem sinnlosen Traum.

saßen beide in Wintermänteln da und sahen aus wie zwei arme Frauen. aber zuerst will ich. Sie konnte nicht glauben. Nach einer halben Stunde erhob sich Jovanka und schlug vor. Das Fräulein hörte ihr hüstelnd zu. ebensowenig wie sie glaubte. während über ihr wie eine Peitsche der Befehl Jovankas knallte: Du mußt! Gegen zehn Uhr kam Jovanka in die Stigstraße und neben der Pforte. feuchtkalte Oktobernacht. die zur Zeit Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit und ihres Schutzes waren. Aber sie fühlte schon. Draußen war eine stürmische. Von Ratko wurde nicht gesprochen. starke französische und erzählte dabei Einzelheiten aus dem Le- ben verschiedener Personen. sich auf den Weg zu machen. spürte das Fräulein in der Tiefe ihrer Brust wieder jenes halberstorbene schmerzliche Gefühl des Verlustes und Bedauerns. hinter dem sie Licht sah. daß du dich überzeugst. Während Rajka sorgfältig das Tor verscliloß und 239 . daß sie wirkhch in später Nacht durch zweifelhafte Kaffeehäuser spazieren würde. die auf einer entlegenen Station vergeblich auf einen Zug warten. die Dummheit einem Betrüger so viel Geld gege- ben hatte. Da es kalt war im Zimmer. wie sie schwankte und nachgab. daß in ihrer sie diejenige sein sollte.Der soll mir dafür bluten. Einige Zeit saßen die beiden Mädchen beim schwachen Licht einer einfachen Glühbirne und führten ein steifes Gespräch. das immer wieder ins Stocken geriet. schwach wie im Traum. Du mußt dich überzeugen!« Als Jovanka das Geld erwähnte. um ihr zu öffnen. Das Fräulein ging hinaus. Joklopfte an das Fenster vanka rauchte unablässig Zigaretten billige.

das sie mit einer breiten Bewegung ihres ganzen Körpers auf den Hof schüttete. Aus einer Tür. Es roch hier nach fetten Speisen und nach Stallungen. drang der dumpfe Lärm von Liedern. Das Fräulein hielt sich an Jovankas Arm fest. langsamem ging sie über das aufgerissene Pflaster der nur schwach beleuchteten. eins stand offen und ließ dichten Dunst hinausströmen. tranken. bogen die bei- den Mädchen des »Kasinos«. das sie zu so ungewöhnlicher Zeit verHeß. Geigenspiel und Stimmen. gen eingeschossigen Cafes. Aus der Küche hörte man das Schreien der Kellner. Hier war es schon heller und lebendiger. füllt daß all diese Räume von bezechten Menschen er- waren. die aßen. zitterte sie vor Kälte und verborgener Schritt Erregung. auf Aus dem Gasthaus »Topola« und den übrisich hier. die Aleksandrova-Straße. Die beschlagenen Fenster deuteten darauf hin.besorgt auf die Fenster des Hauses schaute. am Ende der beiden Seiten befanden. um die Ecke und verschwanden im Tor Der dunkle Hof wurde nur von einem Küchenfenster aus erhellt. als sie auf die Terazije kamen. kam eine kräftige. das die sich plötzlich öffnete. Sie traten in einen engen Gang und 240 . kräftigen Beinen dahinschritt wie ein Rekrut. Mühsam gegen den Wind ankämpfend. rotwangige Frau mit einem sie riesigen Topf in den Händen und hätte beide fast mit dem Spülwasser übergössen. spielten und sangen. die Rufe und das Klappern von Tellern Gezänk der Köchinnen und Hausburschen und und sonstigem Geschirr. Sie taumelte und mußte sich an Jovanka festhalten. Es war fast Mitternacht. die ihre Bestellungen aufgaben. schmutzigen AleksandrovaStraße. Mit schwerem. die auf ihren kurzen.

besser beleuchteten Gang auf einen Menschen mit rotem Haar und Schnurrbart. schroff len Geruch Knien an unsichtbare Gegenstände. er ßen sie in und hatte die Ärmel bis zu den Ellbogen aufgekrempelt.stiegen eine kümmerlich beleuchtete Treppe hinauf. und irgendwoher aus der Rufe und das Klingen von Glädie beiden Frauen auf Auf Zehenspitzen gingen das Licht zu. Fässern. hinter ihr her und stieß dabei immerzu mit den Ellbogen und nen. Als sie das erste Stockwerk erreicht hatten. Jovanka zog sie ein wenig auseinander 241 . Tiefe drangen fröhliche sern. die mit Kisten. Das Fräulein hüpfte durch ein paar halbdunkle. mit zusammengebissenen Zäh- Jovanka keit eilte und finster wie eine Göttin der Gerechtigund Rache. Das Fräulein glaubte auf seinem Getrug einen schmierigen Arbeitsanzug sicht einen leicht spöttischen Zug zu bemerken. Jovanka und er begrüßten einander. wie Jovanka jemand fragte: hin und hörte »Wo ist Joska?« »Oben stimme. antwortete eine Knabenvoraus. so et- was wie das Lächeln eines Erwachsenen. und er führte sie sofort an das Ende des Ganges. Nur im Hintergrund schimmerte wie durch irgendwelche Vorhänge ein schwacher Lichtstreifen. Hier hingen tatsädilich Vorhänge aus schwerem Tuch. sich Das Fräulein schaute verlegen vor nur. einem langen. schmale Räume. Wandschirmen und Kulissen verstopft waren. bei den Logen«. von Staub und stie- Karbid. der an einem Kinderspiel teilnimmt. Wieder waren sie in einem fast dunklen Raum. Man spürte den übvon ungelüfteten Räumen. Der Mann öffnete behutsam eine schmale Tür und ließ sie beide eintreten.

Die warme. Das verlieh seinem Gesicht einen glückselig-blöden Ausdruck. wie ihn noch nie an ihm bemerkt hatte. Durch die schmale schwere. von dem ihr Jovanka erzählt hatte. die Bewegungen und die Stimmen. Als lern. Er war ruhiger deren. wer sie war und wo sie Einige aßen ständig etwas sich befand. Auch die übri- gen schrien etwas. Ohne zu atmen und ohne zu wissen. zurück und schob Öffnung sah sie zuerst nur grelles Licht und in der Ferne eine weiße Wand. und tranken dazu Wein aus dünnen Gläsern. und sie konnte jetzt alles wie auf einer Kinoleinwand verfolgen: die Personen. Obenan saß ein 242 . wirkte die ganze Szene sinnlos und unwirklich. begann sich auch das Bild vor ihr zu beruhigen und klar abzuzeichnen. verfolgte das Fräulein dieses Trinkgelage der schon reichlich bezechten Männer. den ein langer Tisch mit Tel- Gläsern und verschiedenen Speisen fast ganz aus- Um den Tisch saßen fünf bis sechs Männer. schwenkten grundlos mit den Armen. Zuerst war sie so aufgeregt. rauch- und dunstgeschwängertc sie Luft drohte sie zu ersticken. fast als die an- knabenhafte Gesicht Ratkos. sah sie unter sich einen schmalen Raum. Sie wußte nun. daß sie sich auf der Galerie befand und daß unter ihr das Separee lag. größtenteils recht beleibten Männern das helle. daß alles vor ihren Augen flimmerte. Aus dieser ungewöhnlichen Perspektive gesehen. Zuerst erkannte sie unter den füllte. aber als sie sich etwas gefaßt hatte. aber alle Augenblicke warf er den Kopf zurück und brach sie in ein breites. dann das Fräulein wortlos an ihre trat sie Stelle. lautes Lachen aus. den Blick senkte.und schaute hinunter. lachten Tränen und klatschten in die Hände.

in süßlichem Bariton sein Gedidit vorzutragen. Jetzt vermochte sie auch dem Gespräch zu folgen. dachte das Fräulein. blasam Ende des TiBlatt Papier in der sches erhoben hatte. während einige noch immer sprachen. untersetzter Mann. Was haben wir schon davon! Verse habe ich nicht mal gemocht. aber die Leute unterbrachen sich gegenseitig. und schußbereit wie ein entsichertes Gewehr. wenn man diesen Lärm der durcheinanderschreien- tosenden. aßen und mit den Gläsern anstießen.« »Bleib bloß sitzen. um. zu Wort zu kommen. Dichter. gestutztem schwarzem Schnurrbart. sagte der Rechtsanwalt mit seiner langsamen.Dicker mit gelblicher Hautfarbe. benützte der kräftige Dichter diesen Augenblick verhältnismäßiger Ruhe. Er war der Ruhigste von allen und wischte sich bloß von Zeit zu Zeit mit einem großen Taschentuch den Schweiß von seinem dicken Hals. rief ein lebhafter. kleiner. 243 . »Laßt doch mal den lichen und ließen niemand Mann das Gedicht vorlesen«. vorwärts!« Völlig nüchtern gerötet war. jetzt mit einem Hand dastand und vergebens darauf wartete. des Lachens und Jauchzens überhaupt ein Gespräch nennen konnte. als ich noch zur Schule ging«. »Nun los. Sie verstand jedes Wort. fröhlichen den Stimmen. dessen Gesicht vom Trinken »Laßt ihn doch!« »Vorwärts. schwarzem Haar und vollem. weich- Stimme und winkte mit großer leutselig sen Mann Brille. >Das schon besser ist der Rechtsanwalt von drü- ben<. der sich einem vollen. überschütteten einander mit Lachen und Lärm einen Satz zu Ende führen. daß wir auch das erleben.

Untersetzte. sehr sorgfältig gekleideter Mensch. genug. und unterbrach ihn. Bis der reitet Neumond silberglänzend durch den Sternenhain. ker bist. Wie der Sturmwind. der nie Verse gemocht hatte. uns einen seltenen Genuß zu bieten. und laß den armen Kerl einige Para ver»Setz dich. um alle Welt! Wenn du auch Apothe- das ist zuviel. »Pardon. Es geht hier nicht um Gelderwerb. schweigen Sie!« du betrunkener Narr. . Unser Freund Lage. hat den Wunsch. rief ein schmäch- langhaariger. frei. ich pfeife auf dein Gedicht«. tiger. ritzen ein der Sterne Bild.Stadt. meine Herren«. launisch. ihrer künft'gen Baukunst hin . Und heutzutage. fern zu der Planeten trägt sie kühn die Bahn hohen Bogen . Pardon.« »Genug. ein Mißverständnis. wenn du nichts davon verstehst. BELGRAD du über den zwei Flüssen. »Ach. Linien düstrer Schatten stürzen. . da auch wir in die kulturelle Sphäre eintreten . dienen!« »Pardon. Über alles sich erhebend. er ist nicht in einer solchen Gar nichts verlangt er von uns.« 244 . ist der Atem meiner Stadt. im Gegenteil. Er ist unser erster kosmischer Dichter. schrie jener Kleine. Stimmen wurden gegen ihn laut: «Bitte.

von dem man jetzt wußte. Ein allgemeines Gelächter war die Folge. wer hat uns denn heute abend dieses Dichum uns die Stimmung zu verderben?« fragte einer mit ruhiger. der Verse mochte und der. Aber plötzlich brach der Lärm ab.« man muß »Was. und das Gespräch hörte auf. Bei ihrem Geschrei hörte man nicht. auf der das 245 . lassen Sie die Poesie in Ruhe! Die Dichter sind höhere Wesen. von Beruf Zollmakler war. als terpack mitgebracht. voller Kehle: ich bitte Sie. Alle wandten sich dem unsichtbaren Eingang zu. Mir kann keiner imponieren! Nicht mal der liebe Gott! Hast du verstanden? Und deinen Wirr- kopf da will ich nicht hören. wäre er soeben aus dem Schlaf erwacht. starker Baßstimme. und rannte mit ausgebrei- Armen um den »Warum sollen wir ihn achten? Ich achte niemand! Damit du es weißt! Ich bin aus Palilula. begann und Gedidite. was die übrigen sagten. Aber der langhaarige. schüttelte sich vor Ladien und wischte den Schweiß aus dem Nacken. Zwi- schen keine dem Apotheker und dem Mann aus Palilula. schmächtige Stutzer.»Laßt den Dichter sprechen!« »Nanu. Du verstehst doch Serbisch? und damit basta!« Der Rechtsanwalt mit der Hand sich am oberen Tischende winkte bloß ab. und sie achten. Er stand auf und schrie aus »Meine Herren. blieb hartnäckig. was?« teten rief der Kleine Tisch. der ein lauter Streit über Kultur sich irgendwo unter der Galerie befand. wie man dem Gespräch entnehmen konnte. Feierlich und weiter- hin ernst setzte sich der Dichter nach kurzem Zaudern auf seinen Platz und faltete das Papier zusammen. Ich will nicht. daß er Apotheker war.

da der letzte aus der bezechten Gesellschaft men und bohrte ihre Fingernägel in die Vorhänge. Während sie fortfuhr. das einen ebensolchen Korb trug. In einem kostbaren. konnte man hören. auf ihre Krinoline gestützten Korb.Fräulein stand. eines jeden Gesicht hellte sich auf und verzog sich zu einem Lächeln. Das Fräulein preßte krampfhaft beide Hände zusamlag ein ganzer Erst jetzt. Pfand der Liebe. angefüllt mit gro- ßen. Bevor sie den Tisch erreicht hatte. In Haufen großer Geldscheine. ihr Lied leise vor sich hin zu singen. Senorita. daß sie ewig treu euch bliebe diese Nacht. und zwar mit einem mechanisch eingeübten serbischen Text: O Seüor. die dem Rhythmus des Liedes folgten. und euch lacht noch Ihre Stimme war schwach und fein. verstummt war. ihre Aussprache oberflächlich und undeutlich. rauschenden Kleid aus nußbrauner Seide. waren alle diese ungezügelten Männer zahm. Hinter ihr kleines kam ein ihm Mädchen. nahm sie 246 . daß Carmencita leise ihr Lied sang. weiten. kauft von armer Carmencita blaue Veilchen. wirkten armiutig und sicher. tiefdunklen Parmaveilchen. mit einer hohen spanischen Mantille aus schwarzen Spitzen auf dem Kopf und steifer einem großen Veilchenstrauß mitten auf der Brust bewegte sich Carmencita langsam durch den Raum. die zu kleinen Sträuß- chen zusammengebunden waren. In der ausgestreckten linken Hand hielt sie einen flachen. ihre Bewegungen.

Ganz Musik. und zahm vor und um seine Verlegenheit zu verbergen. Mit einer anmutigen. Nur Ratko benahm sich freier und natürlicher. Als sie fer- 247 . aber warfen Geldscheine in den Korb. starrte auf einmal ganz winzig sich hin. laisse-moi passer. Alle machten ihr Platz und betrachteten sie voller Bewunderung und Ehrfurcht. dabei ergriff er ihren Arm und überschüttete sen. setzte ihr leises Lied fort und bedachte auch die anderen mit Veildien. Der Kleine. geschickten Bewegung zog sie ihre Hand zurück und befand sich im Nu auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches. Es gelang ihr nur mit Mühe. beugte rigen er sich vor. Lächeln und herrliche Sorglosigals wüßte sie nichts von der Existenz dieses Mädchens und ihres Korbes. der keine Verse mochte.Veilchensträußchen heraus und steckte sie der Reihe sie nach einem jeden von ihnen ins Knopfloch. mit ihrem weiten Kleid aus rauschender Seide zwischen den Stühlen und der Wand hindurchzukommen. chen trug. Nachdem er seinen Geldschein in den Korb geworfen hatte. glockenheller Stimme: »Laisse-moi tranquille. um sich wie die üb- von ihr schmücken zu lassen. riß er aus seiner Geldtasche zwei Handvoll Banknoten und warf sie mit einer plötzlichen Bewegung dem kleinen Mädchen zu. Carmencita lächelte mit den umschatteten Augen und den weißen Zähnen in ihrem Porzellangesicht. den das kleine Mädkeit. sah Carmencita aus. ihn bis zum Ellbogen mit Küs- Carmencita unterbrach ihre leise Melodie und sprach mit lauter. Ratko! Voyons. mechant gars!« Die Creme und die starke Schminke sowie das gewohnte sichere Lächeln der erfahrenen Tierbändigerin gaben ihrem Gesicht einen glänzenden Scliimmer.

die so ganz anders war eigene heisere. aber sie wagte nicht. denn sie glaubte keinen Boden mehr unter den Füßen zu haben. als der Tiefpunkt von Ratkos Sie dachte daran. als ihre er- auch diese Sprache. die und Vorhänge loszulassen. dumm und niederträchtig zugleich vorkam und das zu Ratkos Gesicht gar nicht paßte. lächelnd hastig In diesem Augenblick schien sich vor der ganze dem Fräulein Raum mit der bezechten Gesellschaft in Ne- bel aufzulösen. wo sie dieses Bild nicht vor Augen hätte. fremde Sprache. Das Tuch des Vorhangs. welches das Körbchen mit den Geldscheinen trug. verbeugte sie sich theatralisch vor allen und ver- schwand mit ihrem Lied und dem kleinen Mädchen. schwerfällige bosnische Aussprache. Doch in ihrem Nacken 248 . Das Zuwerfen des Geldes. durch die Luft flogen. Auch die ihr unbekannte.tig war. daß es ihr weh tat. als stünde es in Flammen. nur an einen Ort. an die sie sich klammerte. in einen Abgrund. das breite Lächeln. war so heiß. alles war so schmachvoll und häßlich. das ihr häßlich. die wie Funken. und zu Boden zu fallen. so lebendig und ungezwungen. es loszulassen. die schamlosen Küsse auf Carmencitas Arm. voll heller Vokale und scharfer Redewendungen. zu Halsketten und blitzartigen Schwärmen aneinandergereiht. alles. die nichts von ihrer Fall Sünde wußte. Ratko rief ihr ein und mit glühenden Augen noch paar französische Worte nach. schien ihr als der lebendige Ausdruck einer Sittenverderbnis. und Verrat. ganz gleich wohin. das sie mit den Händen hielt und an ihre Wangen drückte. sondern über einem Abgrund zu schweben und sich nur krampfhaft an diesen Vorhang zu klammern.

spürte sie den heißen Atem Jovankas wie eine Mah- nung. Nur die Veilchen. in gleichen Abendkleidern aus blaßgrüner Seide. Du bestichst bloß ein. und dieser Streit löste Salven allseitigen Gelächters aus. wie ter es er zu un- Bezechten üblich ist. der in flachen Gläsern vor ihnen stand. beide blond. »Du mußt den Champagner »Du. er heftigen und Bewegungen über den saß mit seiner großen. Dir fällt es leicht. Du du Schürzenjäger. als Baumwolle.« sie Allen versclilug es vor Ladien den Atem.« »Schweig leichter. aus lich Jetzt aber dem Variete. mit denen sie geschmückt waren. Alle lachten über ein paar W^itze. still. und auf einmal liegt dir ein Tausender unter dem Kissen. Zwischen Ratko und dem Zollmakler war einem freundschaftlichen Streit gekommen. saßen die bezechten Männer auf ihren Plätzen. so daß 249 . Brille Hände fuhren in Nur der Dichter aus dickem Glas unbeweglich da gleich einer Eule. die jener Zoll- makler. daß Carsaßen zwischen ihnen zwei Mädchen schön und einander ähn- mencita dort wie eine Spukerscheinung hindurchgegan- gen war. Beide rührten mit hölzernen Stäb- chen im Champagner. zum besten gab. runden sprach mit hoher Stimme. was aus Seide ist.oder zwei- mal einen Zollbeamten und bezeichnest. seine Tisch. zeigten an. sagte Ratko. und das Geld da. wie zwei Schwestern. Als sich der Nebel von Blut. Zorn vor ihren und Schamgefühl Augen ein wenig verflüchtigt hatte. dir fällt es noch gehst bloß hin und schmeidielst ein weist nig deinem Hutzelweib dort irgendwo in der Stigstraße. der keine Verse mochte. bezahlen«.

wo du mich am er- nötigsten brauchst? Nein. von sich zu weisen. nein. Jetzt soll ich dich verlassen. daß Qual zu Ende führte. Eine wunderliche. ich begleite dich nach Komm. jede alles.« »Wie? Hause. ganz langsam.« Als sie vor das Tor gekommen waren. die sie in ihren Armen hielt und wie einen Verwundeten führte. so daß man den Boden erreichte oder auf den Füßen landete und dort in Stücke zerbrach und sich wieder aufrichtete. Aber Jovanka faßte sie wieder unter und flüsterte: »Wir gehen langsam. gehe allein. 250 . wieder in Erst als sie dem dunklen Hof waren. ganz langsam! Die Luft wird dich blieb stehen. während sie behende ihren Arm frei machte. frischen. und heilbringende sie jede die darin Rettung suchte. zerstörerische was nach Trost und Kraft. den Vorhang los der ebenfalls Da ließ das Fräulein und fiel in die festen Arme Jovankas. erst dann begannen sie sich mit der Hand auf die Scheneinen Augenblick kel zu schlagen herzlich lachte. auch noch so kleine Hilfe und trotzige. kam das Fräulein richtig zu sich und sah.stumm und wie gelähmt dasaßen. Mitleid aussah. sie unerwar- tete Kraft erhob und unwiderstehlich antrieb. wie sich in ihr plötzlich eine neue. ich mit heiserer. Das beschämte sie so. Ich schaffe es. daß sie jeden Sturz bis zum Grunde fortsetzte. daß sie sich mit der ganzen Schwere ihres Körpers an Jovanka lehnte. entwand sich das Fräulein ihr wieder und sagte.« Das Fräulein fühlte sie. schroffer Stimme: »Danke. Obwohl völlig erschöpft. und Ratko zu drohen. daß sie sich mit schmerzlicher Willensanstrengung losriß und aus der Um- armung befreite.

nicht nötig«. die auf einmal nichts mehr brauchte. und die Pfahles Berührung mit dem kalten Eisen tat ihr wohl. lehnte sie sich an einen eisernen Pfahl. verwirrten 2SI . Langsam und nur mit Mühe — wie in einem Traum — kam sie gegen den Wind voran. Durch diese Löcher sauste und pfiff ein toller Wind.« Wie von einem vanka auf der Stelle kehrt und ging.»Danke. machte Jo- alles allein. die ihren Ohren und sich offenbar in ihrem Beschützerstolz gekränkt fühlte. mageren Frau. daß sie ihre Kraft überschätzt hatte. Sie fand darin ein wenig Erleiditerung. aber unverständliche Rufe und lautes Gcläcliter hinter ihr. Sie hatte den Wunsch. mit scharfen Schritten durch die Fürst-Mihailo-Straße davon. Der untere. klein und überflüssig vor dieser und stand irgendwie kläglich. Geh. Sie war verwirrt. nicht traute »Wie? Wie?« stammelte Jovanka. Das Fräulein entfernte sich in entgegengesetzter Richtung. sidi noch länger an diesen Pfahl zu schmiegen. laß mich! Ich brauche niemand. ich kann Peitschenhieb getroffen. gußeiserne Teil des war hohl und stellenweise von Granatsplittern aus dem vergangenen Kriege durchschlagen. »Ja. fühlte sie. ohne ein Wort zu verlieren. und in dieses Pfeifen mischte sich ihr schwaches Weinen und Jammern. sagte das Fräulein und stieß die kleine Frau grob von sich. doch als sie in die Aleksandrova-Straße einbog. was ihr im Leben höchst selten geschah. daß ihr die Beine den Dienst versagten und das Bewußtsein sie verließ. Um nicht zu fallen. an dem hoch oben eine große elektrische Lampe aus Milchglas im Winde schaukelte. das immer stärker wurde.

die neben ihren Droschken mit den brennenden Laternen beieinander standen. die über der Straßenmitte hingen. cheln sie könnte strau- und fallen. (Oft kann man Marm oder eine solche Frau durch die Straße gehen sehen. So hatte das Fräulein den Eindruck. Raum mit der bezechten Gesellschaft belosgerissen fand. besoffen!« rief lakonisch ein dritter Das Fräulein nahm weiter. der Mensch 252 ist scheinbar wie die anderen Passanten. spöttische Bemerkungen machten und über sie lachten. trieben sie vorwärts. »Wir wollen »Besoffen Kutscher. Lange watete sie so durch die Nacht. alle Kraft zusammen und ging Mühevoll und langsam war der Weg durch die lange Aleksandrova-Straße. ob sie sich nicht vielleicht noch in dem hatte. daß Kutscher. Für dreißig Dinar.sie. die ihr fortwährend in den Ohren gen. sie hätten es mit einer Betrun- kenen zu tun. Als sie sich von dem Laternenpfahl bemerkte sie. denn klan- das grobe Gelächter der Kutscher und ihre unverständ- lichen Zurufe. Pflaster das schwache Licht mit den unruhigen Schatten hin und her. Mit diesen Bewegungen schob sich zugleich auf dem kotigen und zerwühlten riesigen. aber sie blieb nirgends stehen. Der Wind schaukelte die wenigen großen elektrischen Lampen. als ginge sie diesen Weg zum ersten- mal und als sei die Nacht voller Trugbilder und Hinterso einen unglücklichen halte.«' »Fahren wir. Von Zeit zu Zeit zitterte sie vor Angst. Frauchen!« ist sie. daß sich die Erde wellte und ihr unter den Füßen fortglitt. Sie fahren. Voller Angst überlegte sie. Es war ihr. in der Meinung. er .

sieht man. ihre Erfahrung und ihr Verstand geblieben? Wie konnte sie sich von dieser unberechen- baren Intrigantin Jovanka leiten lassen. die sie und die große Schande vor Augenblick auch vor setzen am besten totschweigen oder wenigstens im sich selbst verbergen mußte. anrüchige Winkel aufsuchen und irgendeinem jungen der ihr nichts bedeutete Mann nachspionieren. das und kostbarer als das Augenlicht? Wo waren ihre Augen. das als an einem Bild in einer an Onkel Vlado erinnerte? sie Als wäre all eben aus dem Schlaf erwacht.spricht nicht. daß er von frischem Leid geschüttelt wird und sich wie ein Bhnder bewegt. diesen verwünschten Weg fortund lebend ihr und Wut weinte sie. Spiel daß sie sich mütterlich eines Hohlkopfs chers annahm und ihm wie im war als Blut und Landstreiund Scherz große Summen teurer Geldes in den Schoß warf. aber wenn man sich ihn näher beschaut. sah sie jetzt ihre eigene unverständliche diese Fragen und damit Torheit. hinriß. den argen Schaden sich. und an dem ihr wirklich nicht Illustrier- mehr gelegen war ten. 253 . wenn sie bei Verstand bleiben. Vor Scham docli ihre Augen blieben trodcen. darzulegen und zu entwik- Wie kam es.) So taumelte durch die endlose Aleksandrova-Straße. die nie ein Cafe betreten hatte. ein Lächeln. jetzt mit ihren grauen Haaren schmutzige. Haus erreichen wollte. welches an daß in ihren reifen Jahren sie Onkel Vlado erinnerte. ihres Geldes. das ihn in diesem Moment in sie Span- nung hält und ganz ausfüllt. und wie konnte sie. scharfes und wie ein furchtbar sie nicht Messer bohrte in ihr ein Gedanke. wirft nicht die Arme. weint nicht. den sich selbst klar einmal vor keln wagte. getragen vom Rhythmus eines inneren Zwiegesprächs.

bat es. ohne irgend jemand zu leben. wenn die Welt so beschaffen ist. mit den Menschen auszukommen. Verzeihe mir. wie ich mich abgemüht habe — in blutig schwerer Arbeit. doch was nützt es. ihr zu verzeihen. Vater. Du weißt. strengungen derart verloren und hilflos bin. und an alles erinnere was du mir aufgetragen und als Vermächtnis hinterlassen hast. daß ich nach so vielen Jahren und Antöricht erscheint. Mit diesem tränenlosen Weinen und diesen unaufhörlichen. von der du es nicht erwartest. die allein sie verstand. so betrügen wir uns selbst. allem vorzubeugen und sich zu erhalten. unvorhergesehene Veränderungen und nicht geahnte Überraschungen. was sie sich selbst nicht verzeihen konnte. um mich zu sichern. aber nicht ich bin meinem Gelöbnis untreu geworden. sondern die Welt hat mich verraten. Alles. Alles ich mich. aber beredten Sprache. wenn sie dir von einer Seite kommen. und wie unmöglich. daß der Mensch mit seinen Anstren- gungen. sie zu verstehen. daß deine Worte. alles habe ich getan. sonst entbehrte sie — wie das Greinen eines Kindes und eine verzweifelte Totenklage — jeder Logik und sichtbaren Verbindung zur Wirklichkeit. große Hindernisse gibt es in der Welt. so große.und sie sprach zu sich selbst. Und wenn uns niemand betrügt. denn nur im Zusammenhang mit ihrem ungewöhnlichen Leben hatte diese Sprache Sinn und Bedeutung. daß Lug und Trug in ihr mächtiger sind als das übrige. in einer stummen. wie >So schwer es war. Ich dachte. Aber was fruchtet das. vereint mit meinem Willen und meinen Anstrengungen. zu begreifen. mich genügend gegen alles beschützen 254 . ohne Worte. weiß ich. unausgesprochenen Sätzen wandte sie sich an jenes Grab in Sarajevo.

können begreifen als ben nichts anderes sehen und hören und ihre eigenen Klagen darüber. die ständig wuchs. sie So ungefähr sprach das Fräulein bei sich beklagte wie ein Kind sinnlos über alles und jeden. jagten einander und legten sich in ihr übereinander. wie diese Welt und die Menschen in ihr sind. Wer nichts hat. und vom Ledessen Mängel 255 . Es mer und schwieriger. wer keinen Schutz und keine sichere Obhut. was ihm maskiert und verlogen naht. gegen die häßlichen. und sie je- schickte ihre Klage in die Ferne und an sie sich das Grab in ner Ferne. In dieser Welt gibt es ist schhmdu geahnt hast. der wird getreten. sie nicht finden. daß sie ihrer Herr wären?< Immer schneller und lebhafter kreuzten sich der- artige Fragen. der sieht erst. Sie fragte sich: >Kann dieses männliche Tier nicht für einen einzigen Augenblick rein und ehrlich sein. aber auch von dieser Seite kam kein Echo und kein Trost. wenigstens ausnahmsweise? Anscheinend nicht. Aber dem ist nicht so. gefährlichen und unerf orschlichen Triebe. als etwas erwirbt. dem nimmt man es. aber sie fand keine Antwort. die in den Menschen leben und über die ihr anderen keine Macht habt. Sie beugte sich unter dieser Last. Und sie konnte eine soldie denn wenn Leute wie sie nichts sie in Lage geraten. Und niemand einem anderen ohne verborgene Absichten und Begierden nähern? Wie soll sich der Mensch da zurechtfinden und gegen alles verteidigen. denn nicht einmal sie selbst kennen ihre sich kann Triebe richtig.< sich.würden. Wer fortlebt. Vater. Deshalb wandte den Lebenden zu und dachte über Ratko. Jovanka und ihr Erlebnis nach. geschweige denn.

Hier vermochte sie eben noch das Licht anzuzünden. das wie ein sie nieder- dunldes Gebirge in ihrer Brust lag und drückte. Es schien undenkbar. von dem sich der dünne Faden ihres Wehgeschreis abwickelte. 2s6 . Sie sank in die Knie. löste wie ein Krampf. aber sich mehr und mehr zu kam. daß sie sich in einer sie ungewöhnlichen Lage befand. leichter und sprach mit niemandem mehr. daß ihr mit Kopf und Händen auf das Bett sie Es war nicht mehr möglich. sah und erträglicher. aber fiel. Die Erde zog Aber größer und stärker des verlorenen Geldes war das Bedürfnis. Die ganze bisherige so. wurde ihr immer klarer. Sie schloß das Tor so langsam und ungeschickt auf. sie war nur mehr ein Knäuel Leid. Sie stritt sie. qualvolle Selbstbeherrschung schwand jäh dahin. Als sie aus der Ohnmacht auftauchte und wieder das Licht und das vertraute Zimmer um sich erblickte. und trat ins Haus. Sie wollte auch ihren langen schwarzen Mantel ausziehen. als sie Lange kämpfte gegen den Zweifel an. Mit dem Aufschrei wich dieses Leid wenigstens zum Teil von ihr und wurde.Als sie an der Ecke ihrer Straße anlangte^ blieb sie unbewußt stehen und bog in sie ein. wie ihr schien. daß ihre Mutter auf dem Boden saß und sie. wer sie war und wo sie sich befand. auf dem Schoß hielt. aber bei der ersten Bewe- gung verließen sich sie sie ihre Kräfte. Auch wußte sie nicht. etwas zu sehen oder sich unwiderstehlich an. ob unerklärlichen plötz- und der lichen Blindheit aufzuschreien wie ein Verwundeter. Sie war ganz von einem großen Leid erfüllt. als alles zu beherrschen. Rajka. daß die kleine Alte ihre große und knochige Tochter trug. Das hätte sie sich nicht träumen lassen. und dennoch war es so. als wäre es ein fremdes. zu stehen.

leicht und gewandt.Mütter sind geübt in ihren Bewegungen und verfügen über ungeahnte Kräfte. nur das eine getan und nicht mehr dreißig Jahren neben ihr hergelebt. eh und seit bis geals stern noch. besonders aber nach einem warmen Wort und einem offenen Blick. Liebste. mein Seelchen! Nein. Mamas Mama ist bei dir. Alles wird wieder gut. einfachen Worte. der in der Taille und den Knien eingeknickt war. und mit der zweiten benetzte sie ihr die Stirn und den noch immer offenen Mund. Die alte Frau hielt diesen mageren. niedergesunkenen Körper.« Wie eine endlose Melodie wiederholte so die alte Frau die uralten. Rajka. 257 . Das Wehgeschrei einer aus diesem Mund ging in ein gleichförmiges Schluchzen über. Und wie zwei ungleich tickende Uhren hörte man ihr Schluchzen im Zimmer neben den leisen Kosewor- ten der Mutter: »Nicht doch. die bloß einer Mutter Leben im Munde erlangen. so und wahre Bedeutung als hätte sie seit und sie wiegte ihre große Tochter auf dem Schöße je. auf ihrem Schöße wie auf alten Bildern die Mutter Gottes den toten Christus. lechzend nach allem möglichen. bitte nicht! Schau. mit Hand stützte sie den herabhängenden Kopf der Tochter.

um sich einer Untersuchung zu widersetzen. Das müsse so bald wie möglich geschehen. den zialist erst ein Spe- durch eine klinische Untersuchung feststellen könne. es. Bis dahin gelte halten. die weder Ursache noch Erklärung sucht. der auf unhörbaren Sohlen einherschritt und sich überhaupt so geschmeidig und leise bewegte. Aufregungen jeder Art von ihr fernzuSie stieß die Am vierten Tag jedoch stand das Fräulein plötzwie durch ein Wunder genesen. daß sie nicht krank sei und keine Heilung und 258 Pflege brauche.VIII Das Fräulein verwand unter Schmerzen. Bei dem Gedanken an das Honorar für den Arzt fuhr das Fräulein auf. ohne ein Wort der Frage. Die Mutter pflegte ihre Tochter ohne den Schatten eines Vorwurfs. Entschieden . als wäre er ganz aus Gummi. daß aber das Fräulein allem Anschein nach einen organischen Herzfehler habe. Am nächsten Tag rief sie einen Arzt. daß es sich um eine vorübergehende Sache handele. lich auf. Beim Weggehen sagte der Arzt zu der alten Frau. mit jener Liebe. einen ruhigen Mann. doch rasch und schweigend den großen Verlust und die bittere Enttäuschung. sich Mutter von und sagte kühl. aber sie war zu schwach und erschöpft.

blickte im Zimmer umher und auf den herbstlichen Himmel mit dem Gewirr kahler Äste draußen. Als sie wieder auf den Füßen stand. Ich werde sparen. plötzlich gesund und begann. daß er durch Jovanka von ihrem nächtlichen Besuch im »Kasino« unterrichtet war. werde ich wieder mit allen Kräften sparen. ohne ein Zeichen von Zorn oder Überraschung. ihr Herz von einem Arzt untersuchen zu sie lassen. noch ganz in diesen kalten Schauder gehüllt. Sie ist von nie- mand abhängig. doch das Fräulein blickte auf ihn wie auf eine Puppe mit einem gemalten Lächeln. und seine Worte gingen an ihr vorbei wie leeres Geplapper. den man beim Stehlen ertappt hat. düster und blaß. und die Sparsamkeit wird mir wenigstens etwas von leicht dem zurückgeben. Und so wurde sie. Man sah ihm gleich an. was alle zum Schluß viel- Anstrengungen mir nicht einbringen konnten. Noch besser und mehr als bisher. was sie in den letzten Tagen bedrückt hatte. Er versuchte sein Verhalten zu erklären und sich zu rechtfertigen. und auch das. Bei diesem Gedanken erbebte sie so tief und gewaltig.lehnte sie es ab. Wer weiß? Und selbst wenn das nicht der Fall ist. die Sparsamkeit bleibt. was mir die Leute genommen haben. raffte sich auf wie ein Mensch nach einem schweren Schlag und sprach sich selbst alles danken vor: >Na und! Auch wenn den ersten Gezugrunde geht und treulos wird. Das Fräulein empfing ihn ruhig. Am folgenden Tag eilte Ratko in die Stigstraße. schaute an sich herab. als wollte sie alles von sich werfen. ihr Alltagsleben mit den alten Gewohnheiten wieder aufzunehmen. den Umständen und Menschen zum Trotz. Sie 259 . Der schöne junge Mann be< nahm sich wie ein Kater.

aber das Fräu- lein wußte. ihm ernsthaft zuzuhören und ihn mit wirklich etwas anderen Blicken anzusehen. sterhafter welchen Wert die Schwüre schwacher. der sie in einer ihrer Be- einem Menschen schützerrollen störte. Er schwor zwar. die weder Ratko noch dem Fräulein verzeihen konnte. So habt ihr einen doppelten Schaden. wie sie es immer gewesen. zuerst sich selbst und dann die der Leute davon zu überzeugen. ein für allemal. gelingt es ihnen regelmäßig. Sie konnte nichts Gemeinsames finden zwischen diesem lästigen jungen Menschen und ihrer Erinnerung an Onkel Vlado. (Doch Frechheit und Dickköpfigkeit sind Bruder Und wenn Mehrzahl sie euch Schaden oder Schande bereiten. hätte sie bewegen können. und Reue nur nicht das geliehene Geld. stellte er seine Schwieriger war es mit Jovanka. die in ihr unberührt blieb. nicht einmal der Gedanke an die Möglichlceit. Schließlich Besuche ein. ihre Eitelkeit hingegen hat einen doppelten 260 . alles. Erklärungen an. daß er verdienen und die Schulden zurückzahlen werde. welche sie mit soviel Begeisterung. so hingebungsvoll Mühe und und uneigensind für ge- nützig einstudiert hatte. lebendig und teuer.hatte ihn verschmerzt und verwunden.) wöhnlich frech und dicldcöpfig. ihn und sein Lächeln samt ihrem Geld. So kam er noch einigemal. wollte sich einschmeicheln. Sie hatte ihn abgeschrie- ben. so lange. stellte Fragen. daß ihr selbst an eurer mißlichen Lage schuld seid. von ihrem Geld zu retten. wie sie ja nie verzieh. bot ihr Dienste. daß er bald seine Arbeit aufnehmen. la- Menschen haben. Derart zanksüchtige und bösartige Toren und Schwester.

. das können Sie sich nicht vorstellen«. das Fräulein habe mit Ratko ein »Techtel- mechtel« gehabt. auch wenn ihre sonstigen Eigenschaften noch so gut und nach außen hin gefällig wirken. sagte Jovanka zu verschiedenen an- deren Schützlingen. Den zweiten. lein sie enttäuscht hätten. die ihr statt des Triumphes eine große sentimentale Niederlage gebracht hatte. als sie euch zu als es dem falschen Schritt überredeten. ihnen gelang. sie mit ihrem Haß und ihrem Klatsch zu verfolgen. Des- halb können die frechen nie und dickköpfigen Menschen von ihren Fehlern und Schwächen ablassen. Ratko aber habe in Saloniki mit weißen Sklaven gehani6i . mit dem sie ihnen bisher kleine und große Dienste und Aufmerksamkeiten erwiesen und sich ihre Sorgen zu eigen gemacht hatte. sei in Sarajevo österreidiische Spionin gewesen und habe deswegen Bosnien verlassen müssen. wandte sich Jovanka plötzlich und mit aller Macht nicht nur gegen ihren nichtsnutzigen Schützling. Sie be- hauptete.Erfolg zu verzeichnen. Und dann und sie erzählte sie. daß sie dasind. wie sehr Ratko und das FräuAugen. denn sie bekommen nie die schlechten Folgen ihrer Fehler an sich selbst zu spüren und merken also nicht. sondern auch gegen ihre Freundin. die Verantwortung auf euch abzuwälzen. Nach jener sonderbaren Nacht. mit behaftet Deshalb sollte man sich solche Men- schen möglichst weit vom Leibe halten. Und mit demselben leidenschaftlichen Eifer. »Was für ein vaterlandsloses Gesindel und gemeines Volk sich in unser Belgrad ergießt. Den ersten. die noch in ihrer Gnade waren. fing sie jetzt an.dabei leuchteten ihre bebte vor innerer Wut und Erbitterung.

Und jeden Tag fügte sie ihrer Fabel etwas Neues hinzu. Sie verschaffte sich aus Sarajevo die Nummern der dortigen Zeitungen. prüfte die die öffentlichen. ernach dem Stand der Devisen. Sie bezeichnete Ratko nur noch als »angeblichen Freiwilligen« und Apachen und das Fräulein als eine »schwarz-gelbe Wucherin«. die auf und zwar den Tafeln vor den Geschäften vermerkt waren. Spionin und Pfennigfuchserin. die natürlich nicht dazu kamen. in denen Angriffe gegen das Fräulein abgedruckt waren. Aber das alles konnte das Fräulein nicht rühren und bewegen. Sie kaufte verkaufte hier und fang und und immer zaghafter. und zeigte sie frohlockend den gemeinsamen Bekannten.delt. um es unter gleichen Bedingungen bei einer anderen einzuzahlen. für sie jedoch reich und inhaltsvoll. Ihr Leben floß ruhig dahin. Weiterhin besuchte sie die Wechselstuben kundigte sich Kurse. da etwas. flüsternd weitergesagten. aber nur in geringem Sie besuchte jene Um- zwei oder drei Banken. Sie trug es wie eine 262 . noch in jener Nacht und während ihrer Krankheit hatte sie alles bedacht und unbarmherzig ein für allemal abgeschrieben. sie durchzulesen. Von einem Konto warf sie ihr Geld auf das andere oder hob es in einer Bank ab. Wochen packte sie ihre Zeiimmer ein und ließ vom Fräulein um ihre Hand auf andere Auser- wählte niederzulassen. ganz ausgefüllt mit kleinen Geschäften und unendlicher Sparsamkeit. mit denen sie in Verbindung stand. öde und grau für andere. Erst nach fünf bis sechs tungsnummern und von Ratko für ab. aber auch jene heimlichen. vom »London« bis zum »Kolarac«.

im ewigen Streben nach immer größerer.Katze ihre Jungen von einer Stelle. daß sie in der Nacht mit dem Gefühl zu ersticken. aufwachte. Nur der Herzfehler. Und dabei bemerkte sie nicht den Aus- druck des Überdrusses und der Verwunderung auf den Gesichtern der Prokuristen und Beamten. Veränderung hinterlassen nichts weil anscheinend mehr seinen Verlauf verändern oder stören konnte. Jetzt geschah es des öfteren. die gleich darauf ebenfalls unsicher erschien. schlug Die Mutter. wie sehr das Fräulein sie audi leugnete und verheimlichte. auffielen. doch sicheren Gewinnen und dem großen Vergnügen. daß es ihr dunkel wurde vor den Augen und ihr der Boden unter den Füßen sdiwand. vollendeterer Sparsamkeit und im Kampf der Befreiung weder aus der gegen jede Ausgabe verlor sich Rajkas Leben. ner sie empfingen und hinausbegleiteten. die ihr zweifelhaft vorkam. in Vorfall mit Ratko dem der und Jovanka keine Narbe und keine hatte. der diese Anfälle. auch nicht das mitleidig-spöttische Lächeln. so konnte ihn auch die unerhörte Konjunktur der ersten Jahre nach Ruhe und aus seinen Gewohnheiten herausreißen noch vom Handel im kleinen abbringen. In solchen Geschäften. mit dem selbst die Diederselbe. das er bei dieser Arbeit und dieser Lebensweise empfand. Er blieb immer Wie ihn der Weltkrieg nicht erschüttert hatte. den jener stille Arzt schon nach oberflächlicher Untersuchung vermutet hatte. schrak oder überrascht wurde. an eine zweite. Mit Veso stand sie im Briefwechsel. bereitete dem Fräulein Unbehagen und Schwierigkeiten. wenn sie nur im geringsten und dehnte sich ihr Herz so sehr. von den niedrigen. keine Luft zu bekommen und er- Auch sonst. versudite 26'i .

über sich selbst und ihr Herz. als die Mutter Rajka ohnmächtig auf dem Fußboden fand. sie so mütterlich aufhob und zu pflegen begann. In Wirklichkeit ärgerte sie sich über ihre Mutter. sondern die Mutter. Im. blieb das Verhältnis zwischen ihr und der Tochter so. faßte auf. Und trotzdem erkrankte als erste nicht die Tochter. den die Tochter sogleich vergessen hatte und den die Mutter nicht zu erwähnen 264 . das nach einem Arzt und Arz- neien verlangte. einen Speziahsten aufzusuchen. alte Frau Auch nach jener Herbstnacht. die Tochter zu bewegen. Mit ängstlich forschendem Blick. gezwungen. wenn war.vergeblich. Frühling. wenn sie keinen anderen Ausweg und keinen besseren Schutz Geizige lieben finden. sie wollte sterben. Mutter. Du man mir immer gesagt hat. Ganze als einen Scherz weißt. (Was nützte ihr ein Herz. wie es immer gewesen: trocken. daß »Das hat überhaupt nichts zu sagen. drei Jahre nach ihrer Ankunft in Belgrad. Es sah aus. denn sie halund Zeitverschwendung. ihre Schwäche es nötig nicht einzugestehen. aber sie nehmen auch zu ihm ihre Zuflucht. Wenn sich sie das Fräulein nicht anders das zu helfen wußte. das Auslagen verursachte?) Sie war fest entschlossen. ohne W^ärme und Innigkeit. wurde die plötzlich aufs Krankenlager geworfen. ich hätte ein schlechtes Herz!« ten ihn wie jedes Spiel für Luxus im Grunde keinen Spaß. nicht aber krank sein und sich kurieren lassen. mit dem Mütter ihre lau- nischen kranken Kinder betrachten. als hätten sie einen und denselben unge- wöhnlichen Traum gehabt. strich die Mutter um sie herum.

schämte sich und versagte es sich. zeigte es Da kam auch das Fräulein zur Besinnung. Auch die Krankheit der alten Frau änderte nichts daran. Wenn sie im sich entdecken. Das Fräulein war mehr von der Schnelligkeit und Einfachheit erschüttert. hilflose Leiche wurde. alles sie vorübergehen werde. mit der aus einem lebenden Menschen eine kleine. Aber das alles dauerte nicht lange. sprach sie sich selbst die Worte vor. Am neunten Tag versagte das Herz den Dienst. Sie ihrer Krankheit war kurze Zeit krank.wagte. alle Auf Fragen antwortete sie. etwas von ihrer Tochter zu verlangen. Von Zeit zu Zeit stöhnte sie laut auf. von allem losgelöst und gleichsam unwirklich. die sie tagsüber ständig vor anderen wiedersie holt hatte: >Die arme Mutter! Möge Gott erlösen !< 26s . Finstern auf dem Bett lag. um eine Hilfe im Flause zu haben. Mutter gewissenhaft und ergeben. Es ihr unbehaglich bei was einer wurde diesem Gedanken. daß sie sich besser fühle als gestern und daß sie. Sie nahm eine Frau. und die Kranke verschied. sie selbst pflegte die So sehr sie in sich hineinschaute und über alles nach- dachte. Lange sich. obwohl auch dann jene ungewöhnliche Kühle und wunderliche Zurückhaltung nicht verschwand. sie konnte nichts in echten. und delte. die von jeher zwischen ihnen geherrscht hatte. aber sobald sie Schritte hörte. tiefen Trauer ähnlich gesehen hätte. als von irgendwelchen Gefühlen der Trauer und des Verlustes. verhandelten als sie ob einen Arzt rufen sollten. hielt sie an sich und verstummte. so sehr das auch ihren Schmerz vermehrte. So blieb dieser ganze Vorfall zwischen ihnen bei- den — verschüttet. doch um daß es sich eine weit fortgeschrittene Lungenentzündung hanihn schließlich riefen.

denn sie hatte weder die Zeit noch das Bedürfnis zu lesen. Auch die Mutter hatte trotz ihres sklavischen Gehorsams bis zum letzten Tag im Hause irgendeine Kleinigkeit beibehalten. daß sie das nicht nötig habe und allein bleiben wolle. Und sie blieb es. wenigstens zu ihnen zu kommen und mit ihnen den Schmerz und die Schwere dieser schwersten Augenblicke zu teilen. Gazda Djordje war seltenen Tränen tief betrübt.Aber weder bei Tage noch bei Nacht konnte sie eine Träne aus sich herauspressen. das gealle Sitte und Ordnung verstieß. etwas von den alten Gewohnheiten. Betreten ob dieses Benehmens. Dann verkaufte sie auch hatte. und dem höflichen kaufmännischen Gebaren so schlecht zum Ausdruck Doch nach dem Begräbnis lud das Fräulein niemand zum gen Kaffee ein. und sie las nichts. Jetzt war das alles vorbei. sie aber antwortete offen. [Sie alle Bücher. Zum Begräbnis kamen zwei bis drei Frauen aus der Nachbarschaft und die ganze Famihe Hadzi-Vasic. Nun erst begann Rajkas richtiges Leben. Sein blasses Gesicht verriet die große innere Trauer^ die von den kleinen. die sich nicht hatten ausrotten lassen. Das Fräulein schaffte sogleich den großen Kater Gagan oft fort. gebracht wurde.) Sie entfernte die Töpfe mit den 266 . luden die Ver- wandten sie ein. nicht einmal deutsche Reisebeschreibungen wie einst. nach dem sie sich von jeher unbewußt gesehnt und von dem sie immer etwas getrennt hatte. die ihre Mutter hinterlassen selbst schaffte sich schon längst keine neuen mehr an. einen schweren Vielfraß und Faulenzer. dessie sentwegen mit der Mutter bis zum letzten Tag so aneinandergeraten war.

Sie hielt die große Wanduhr an. um sie bei einer günstigen Gelegenheit zu verkaufen. Jahren kleiner Zugeständnisse. Auch die letzten Tischtücher begreifen können. die ebenfalls Gegenstand ständiger. Das Fräulein hatte nie Zusammenhang zwischen dem. lan- ger Streitigkeiten zwischen der Mutter und ihr gewesen war. Im ganzen Haus blieb nichts von den überflüssigen Kleinigkeiten. die unsere Aufmerksamkeit ablenken und verbrauchen und ohne die der größte Teil der betrachtet. Die Blumen und die Erde warf sie wütend und rachsüchtig auf den Kehrichthaufen.Blumeri. aufzuziehen und zu ölen brauchte. was man man wollte. so daß man sie nicht mehr instand zu setzen. wirklich dem 267 . da man im Hause zwei Taschenuhren habe. daß sie bei glücklichere Ehejahre verlebt ihrem Ticken eine glückliche Kindheit und noch habe und sie bis zu ihrem Lebensende zu hören wünsche. kein Ton. So war das Fräulein schließlidi. keine Spur war schädlicher Empfindsamkeit mehr von und teuren Vernach vielen frei in gnügungen. die Blumentöpfe aber hob sie auf. den die alte Frau Jahre hindurch zäh verteidigt hatte. nachher mochte damit machen. und so hielt sie jetzt rasch und voller Schadenfreude die Uhr für immer an. diesen Luxus. daß sie die Uhr aus ihrem Vaterhaus mitgebracht. was die Mutter Glück nannte. daß die alte Uhr etwas Teures und Überflüssiges sei. Menschen sein Leben nicht als Leben Kein Schimmer. die Mutter aber behauptete. welche die Mutter noch in ihrem Zimmer behalten hatte. Sie nahm alle Bilder von den Wänden bis auf das des Vaters. Das Fräulein vertrat die Ansicht. entfernte sie und deckte Zeitungen über die Sachen. und dem Ticken einer alten Uhr bestehen sollte. welcher und Samtdecken.

Haus. in diesem. Ein Mensch. und Anonymität. Von allem anderen dem Gegenstand seiner Leidenmag und kann er mehr und seine besser erzählen als von dem. Hier fand Platz. der und im wogenden Getümmel un- bemerkt zu bleiben wünschte. und auch die plötzlichen Änderungen und Sprünge hörten auf. Und das Belgrad dieser Jahre war die rechte in der Menge allein Umwelt für einen Menschen. Wald oder auch das Fräulein ihren Mit der Zeit schäfte kamen im Land und in der Hauptstadt die Verhältnisse wieder ins Geleise. und die Geldge- sanken auf das gewöhnliche Maß herab. in der die Spekulation blühte. Selbst das Laster hat seine Scham und seine Rücksichten. große Leidenschaft verlangt Einsam- schaft frönt. in dem ständigen Zustrom neuer und verschiedenartiger Menschen. das der Mensch unbemerkt und 268 . gesehen dichten — nach seinem Willen leben wie in einem in einer Millionenstadt. wenn auch verkehrte und ungewöhnliche. Nacheinander verschwanden die Wechselstuben auf der Terazije. nichts war mehr da von jener wilden Üppigkeit. Jede wirkliche. neuer Lebensfor- men und Gewohnheiten. in der plötzlichen und unausWandlung und Entwicklung auf allen GeLeben ohne Rast und Ruh konnte ein Mensch Zuflucht finden und — allein und von keinem geglichenen bieten. worauf Gedanken und Wünsche hauptsächlich zielen. das ihren tiefsten Wünschen und Bedürfnissen am besten entsprach. reichen Unordnung. allein mit schaft. keit Frei und allein. der seiner Leidenwünscht ungesehen und unbekannt zu bleiben. In der anheimelnden. Mit ihnen schwand auch die Möglichkeit des abwechslungsreichen und geheimen Spiels.

aber sie bemühte sich deshalb mit leidenschaftlicher Anstrengung. sank und zog sich Banken und Ämter zurück. sicher. wobei er niemand Rechenschaft zu geben brauchte. ließ sie sich nur ein. In Geschäfte.anonym betreiben konnte. Aber auch unabhängig davon wurde das Fräulein immer vorsichtiger und konnte sich immer schwerer zu in die Geschäften entschließen. die in den ersten Jahren geherrscht hatte. selbst wenn sie nur kleinsten Gewinn dem Gedanken aus. ihre Bedürfnisse und Ausgaben unablässig zu vermindern und möglichst viel von diesem Einkommen zu sparen und dem Kapital zuzuschlagen. schnell und unmittelbar waren. für kleine Geschäfte und Gewinne war kein Platz und keine Gelegenheit mehr. An Geldverleihen gegen Zinsen war unbekannten und gefährlichen Umge- bung nicht zu denken. das sie begleitete. daß Einkommen. den verschiedenen Aktien und den Zinsen für das angelegte Bargeld stammte. sofern sie fast dem Sparen gleichkamen. das heißt. mehr oder weniger unverändert blieb und bei einer Veränderung eher eine fallende als eine steigende Tendenz aufwies. Die hohe Flut der allumfassenden Spekulation. auch wenn und sie noch so klein waren. ängstlichen Zapfversuche wenn man diese am Rande des gro- ßen Spiels der Währungen und Wertpapiere Geschäfte nennen konnte. in dieser neuen. noch über das leidenschaftliche Gefühl der Freude oder der Enttäuschung. um zu zu gewinnen. das von der Miete in Sarajevo. Stärke und Glück voraushatte. Sie söhnte sich mit ihr jährliches ^G^ . bis sie sich endlich ganz ausschließlich dem Sparen widmete. das still dalag brachten. weder über die Verluste noch über die Gewinne. kleinen. als er verlieren oder so viel den anderen an Klugheit.

als käme sie aus einer anderen Welt. taub und trieb- Wurm ins Holz. sie hatte schon zwei Kinder. doch gegen die Beleibtheit kämpfte sie mit größerem Erfolg. Darinka war mit einem Architekten mittleren Alters verheiratet. zwar hatte sie das Schnurrbärtchen der Mutter geerbt. Sie hatte beide Töch- Mädchen hatten nämlich nicht ihre jungen Tänzer und nicht die fortschrittlichen Dichter geheiratet. tiefer gingen als anderswo. die Augen sahen noch lebhaft und feurig aus. Ihr bereits als Experte für Finanzfragen Mann galt und arbeitete als Delegierter in verschiedenen internationalen sionen. sie bemerkte sie fast Und wenn an großen Feiertagen zu den und verschiedene Neuigkeiten über einzelne Personen und die Familie erfuhr. So verstrichen etwa zehn Jahre voller Ereignisse und Veränderungen. Danka war die Frau des beter verheiratet und das recht gut. und das Schnurrbärtchen Hadzi-Vasic ging verwandelte sich in kleine Borsten. Das Fräulein folgte diesen Veränderungen sie nicht. Sie gab sich ganz dieser Anstrengung hin und vergrub sich in haft wie ein sie — stumm. die im damaligen Belgrad lebhafter waren und gar nicht. war es ihr. doch die Hautfarbe war dunkelgelb. Misa hatte ebenfalls in die Bankiersfamilie eingeheiratet.und sich bescheiden und langsam. Frau Seka war noch voller und schwerer gev/orden. und so war man mit der Familie Stragarac doppelt verwandt. fiel besonders verändert zu haben. Die kannten Bankiers Stragarac geworden. der als Professor an der Technischen Fakultät lehrte. doch ständig und si- cher vermehrte. Gazda Djordje war plötzlich gealtert. für die sie im Jahre 1920 geschwärmt hatten. Er Kommisohne sich in sich zusam- 270 .

nicht das um um Schwankung im Geschäftsgebaren der Banken spürbar wurde. daß Rajka nicht krank war. wohin sie in fremder Sache gereist am Typhus gestorben. als sie wieder einmal auf der Slava bei den Hadzi-Vasic war. weilte. als es sich auf die Krankheit bezog. erlag sie der Seuche. ganz offensichtlich kleiner. 1928. nicht aber auf richtig. dort hohe Persönlichkeiten willkommen heiße und Empfänge und Vergnügungen veranstalte. in der man weder heiratete noch krank war. aber er So hörte sie. Aber das Fräulein gestand sich ihre Not nur für wenige Sekunden ein. sobald er vorüber war. aus dieser Ruhe herauszugehen. leugnete und vergaß sie es und ließ sich nicht in der Ruhe stören. daß Ratko Ratkovii: Verwalter eines großen Staatsgutes in Slawonien geworden sei. um sich gescliaffen hatte. (Eigentlich Heirat war das nur insoweit und Tod. falsch behandelt und schlecht gepflegt. hörte es ohne die geringste Aufregung und vergaß es restlos und augenblicklich. noch starb. Infiziert. von denen die Zeitungen schrieben und die Leute sprächen. als der Anfall währte. da war verteidigen.) um das zu verdienen. sobald sie in ihre Stille zurückkehrte. Ihr Herzfehler wurde chronisch und allem Anschein nach immer ärger. die Jahr 1930 ausbrach. Und auf der Slava des folgenden Jahres. das heißt so lange. Das alles erfuhr das Fräulein nur zufällig. erfuhr sie aus einem zufälligen Gespräch.und Geldkrise. Als eine Gewonnene zu 271 . sondern zwang das Fräulein. die sie in und Die große Wirtschafts. das in ihrer Gegenwart geführt wurde. vom Tode Jovankas.men und wurde blieb derselbe. denn man konnte nicht behaupten. Sie war im Inneren Serbiens.

da sie sie brauche keinen Safe mehr. die wie ein Panzer um die magere Brust gebunden oder ins Kleid genäht waren. bat Jahr schwerer. ging sie scheu durch die Straßen. es könnte ihr Bewußt und auffällig gab sie ihren Safe in der Donau-Bank. sie dort auf der »Serbischen Bank« Das waren qualvolle und aufregende Tage. Aber zu Hause hatte sie ihre liebe Not mit den Geldscheinpaketen und dem Beutelchen Gold. umschaute. das hatte. mit der Bemerkung auf. Sie mußte sogar das Haus abschHeßen und nach Zagreb reisen. Noch einmal zeigte sich in ihr die alte Kraft und Unternehmungslust. daß sie dem sie sich beraten konnte. Sparen konnte man allein. Direktor Pajer oder Veso. wie einst mit Konforti. nicht für einen Augenblick. um das Geld abzuheben. mehr als träumen lassen. ohne einen anderen. ewig genährt von demselben Wunsch: nicht auf der Seite der Verlierer zu sein. mit so recht. daß sie dringend Geld brauche. und daß sie keinen ihr sie sich hätte nahestehenden und verläßlichen Menschen hatte. Mit Bündeln von Tausendern und Hundertern. Verstört und und log hartnäckig und ziemlich plump. habe nichts einzulegen. aber unter diesen Umständen Geschäfte zu machen und sich zu verteidigen war sehr schwer und wurde von Jahr zu besorgt ging sie in die Banken. die ihre Einlagen zurückzogen und so verhinderten. denn sie 272 . niemals und um keinen Preis. daß sie »einfroren«. um unaufschiebbare Schulden zu bezahlen. in dem sie Dukaten und Wertpapiere aufbewahrte. wobei jemand immer wieder vor Angst. sie sich folgen. wenigstens in Geldfragen.sie unter den ersten. Da fühlte sie ganz allein auf der Welt war.

Sie überzeugte sich. damit sich der hiesige Schlosser. die versteckten Blechschachteln hervor. das Gold versteckte sie in und die Wertpapiere ver- den Öfen. im Hause geeignete Verstecke für ihr Geld zu fin- den. doch ruhig war sie nicht und konnte sie nicht sein. noch war sie fähig. sie die Schachteln aus einem Raum in den und weder wagte sie es. Sie verschaffte sich Blechschachteln. Schließlich wurde sie müde und legte sich. samt ihren kalten Blechschachteln und ungelösten Sorgen wieder ins Bett. sie an die alte Stelle zurückzubringen. oder stopfte sie in geheime Löcher. und wurden. das sie beruhigte. oder aufgeschreckt von dem Gedanken. sich wo sie alles verstecken sollte. kaufte sie in Zagreb. Auch danach erwachte sie noch oft in der Nacht von verdächtigen Geräuschen. auf die sie die Geldscheine. trug anderen. doch an allen sicher sei. keine Schlüssel dazu anfertigen konnte. laut bis zum Halse und in den holte unbekleidet. Zweifeln. Sie sprang aus könnte ein Feuer ausbrechen. Aber auch dann fand sie nur schwer Schlaf und schlief schlecht. denn im Wadien wie im Schlafen glaubte sie zu 273 . daß keine Diebe da waren und daß keine Feuersbrunst drohte. die nicht geheizt teilte. Das Herz schlug ihr Ohren. Sie beschaffte und die sie amerikanische Schlösser für die Haustür Stubentüren.nicht wußte. dem Bett und wie sie war. da sie keinen anderen Ausweg sah. so daß es auf mehrere Stellen verteilt. die es menschlichen Schritten ähnelten. Dann ließ sie an allen Fen- stern eiserne Querstangen anbringen. zitternd vor Kälte immer unentschlossen und hin und her gerissen von und allen möglichen Gedanken. die sie dann mit Brettern zunagelte. Lange quälte sie sich. der sie anbringen sollte. ein neues Versteck zu finden.

wie zufällig hingestreut. Aber starker Wille und die Papiere an alles. So quälte sie sich monatelang. gekauft oder als Pfand behalten hatte.und Nachtzeit. verschiedenfarbigen Papiers lugte der Glanz des Goldes und der mannigfal- tigsten Schmuckstücke hervor.fühlen.oder Zehnpfundnoten. Hinter diesen Hügeln wertvollen. zu jeder Tag. Aber sie dachte nicht daran. bei Tageslicht und beim stillen Schein sie waren eine wohlbekannte. die das Fräulein geerbt. und immer neue Landschaft. und ihre Angst breitete sich aus und wuchs nach allen Seiten wie ein Fluch. So verwanschlüsse. Sie verbiß plumpen Bündel mit Dinarscheinen in ein paar Dutzend blauer Schweizer Tausender und rötlidelte sie die cher Fünfhunderter. Da scher lagen die teuren Schweizer Banknoten in maleri- Unordnung neben hingeschütteten Fünf. vierhundertelf 274 . nahmen nicht viel und schon nach zwei Monaten bis hätte sie alle zu je zwanzig vierundzwanzig Dinar abstoßen könsie in nen. das ihr — wenigstens vor- — sicher erschien. hartnäckiges Streben sind stärker als schlaflosen In diesen Stunden und unter Einfluß der verschiedensten Befürchtungen faßte das Fräulein ihre Ent- den Schmerz und begann allmählich an der »schwarzen Börse« Schweizer Franken zu kaufen. bei elektrischem Licht. Sie bewahrte einem neuen Versteck läufig auf. Diese Franken Platz ein. Vermischt mit einem Haufen anderen ausländischen Geldes und sonstiger Kostbarkeiten. die weiß waren wie Liebesbriefe. wie dieser unselige Dinar hinabglitt und und fiel Wert verloren. das Stück zu fünfzehn bis siebzehn Dinar. Und über allem reihten sich. die das Fräulein häufig aufsuchte und lange betrachtete. teure der Kerze.

auf deren Stirn- das Wort Liberty stand. schwer. Hier hatte im Laufe vieler Jahre die unersätt- liche Gier der jüdischen und all der übrigen getauften und ungetauften Wechsler des Balkans und des ganzen Ottomanischen Reiches sie benagt und angefressen. Sie waren vom Alter gedunkelt und so leicht und dünn. und an den Rändern waren sie unregelmäßig ausgezackt und abgefeilt. daß es sich um Geld aus totem Metall handelte. 1912 275 . und als kreiste sie. Alle waren einander gleich — breit. doch deut- Ex pluiibus unum. das sich selbst fortsetzte und erneuerte. veilchenblauen Höhen und Ebenen der Geschmeide und Banknoten. weißen. Es war immer dasselbe. die1908. Tage und Jahre lang wie ein wunderbares Buch lesen. irgend- wie als warm und fleischig. Auf der einen reif Seite die kräftige Gestalt der Freiheitsgöttin. daß sie auf einer Marmorplatte eher so etwas wie das Rauschen dürrer Blätter als einen metallenen Klang von sich gaben. All die türkischen Dukaten (das Fräulein erinnerte sich noch gut daran) hatte sie in den kritischen Jahren und 1913 unglaublich billig von den verschiedensten mohammedanischen Herrchen und Verschwendern oder den Witwen der Begs erstanden. So streckten sich diese großen Amerikaner in krummer Reihe hin: ein goldenes Heer auf dem Marsch über die roten.amerikanische Goldstücke zu je zwanzig Dollar aneinander. und auf der anderen Seite das amerikanische lichen Aufschrift Wappen mit der kleinen. scharfe Relief der atmeten und wüchsen Nur das Schrift der Bilder auf ihnen zeigte. Lebenssaft in ihnen. ungeordneter Zug von türkischen Dukaten und Kaiserdukaten. aber man konnte es Stunden. Neben ihnen her bewegte sich ein scheinbar (nur scheinbar!) aufgelöster.

aus der Feme. Das Ende und die Seiten der einen wie der anderen Goldmünzenreihe säumten etwa hundert Napoleondor: kleine. Sie wirkten wie die Reiterei von Plänklerabteilungen und Nachhuttruppen. aber einem ebenso leicht den Rücken kehrten. sondern leise. den ihr sie so leicht oft. Und sooft das Fräulein einen Blick auf die türkischen Dukaten warf. ihr Glaube und ihre Familie.ihr »Fenster in die Welt«. klar umrissener Gestalt. als verdarben. Nach jeder Besichtigung und jedem Nachzählen war diese Landschaft 276 . nur mehr ein Nachhall einstiger Schläge. ihre Gesellschaft und Lektüre. und unklar dieser stolungeschickten Kunden und des reichen Gewinns. den das Fräulein jeden Tag genoß -. erinnerte sie sich dunkel zen. aus ihnen hatte ziehen können. zu be- und geschickt auszunützen verstand. ihre Nahrung und ihre Kurzweil. an dem sich das Ohr nicht satt hören konnte. Dann geschah es daß jenes sonderbare »zweite Herz« in noch einmal auflebte und zu klopfen begann.sen Frauen. Es gab nichts Dankmit dieser Art von Leuten Geschäfte zu Feil- machen. die leicht zu weinen begannen. aber nicht stürmisch und begeistert wie einst in den Augenblicken großer Triumphe. Es war ein ungewöhnlicher Anblick. der greifen sie zu durchschauen. doch starken inneren Scham und vielerlei Rücksichten. Getrieben von diesem Hunger und gefesselt von einer unverständlichen. mutige französische Hähnchen von heller. Einen schönen Namen hatten sie und einen guten Klang. waren sie eine leichte und reiche Beute für einen Geschäftsmann. die Tür zuschlugen und das ganze Geschäft bareres. Ihre Verachtung für jedes Rechnen und schen war ebenso groß wie ihr Geldhunger.

Hier lag der Grund. so oft erträumten Million gewesen. da der Wert aller Papiere fraglich und jede längere Voraussicht unmöglich geworden war. wo Verrat an einem geAktien. Eine große. der Sinn und das Ziel des Lebens. was sie bot. herrliche. Die Einkünfte aus den Kupons wurden immer magerer. Sie war trotz allem geblieben. ja selbst von ihm vermochte man noch jetzt. oder das. So lebte das Fräulein auch in diesen Winter- tagen des Jahres 1935. Sie ließ niemand ins Haus und schloß sich noch vor Anbruch der Dunkelheit ein. sie füllte das Leben aus und mit ihr konnte man bis zum letzten Atemzug leben. goldenen.anders. Eigentlich war es kein Leben. Seite an Seite mit diesem Schatz lebte das Fräulein dahin. schöner und mächtiger war. übt wurde. alles berücksichtigt. ob das größer. die nur die eiste wäre 277 . was sie versprach. Alles hatte sie zweifach und dreifach gesichert. todbringende Wüste des Sparens. in blutarmen und bankrotten österreidiiin der sich der der nichts anderes bestand schen Kronen. Es blieb natürlich die tägliche Sorge um die Davon lebte man ja. doch die Sparsamkeit ersetzte alles und half auch dort. (Tatsächlich war sie auf dem Gipfelpunkt ihrer Geschäfte schon im Besitz einer Million in Kronen. Mensch wie ein Sandkorn verlor und in und bestehen konnte. nicht aber einer richtigen. Seit langem hatte sie keinen ihrer nächtlichen Träume von der Million mehr gehabt. etwas abzuzwacken und zu sparen. war sie doch vorsichtig und wachsam wie eine Schlange. Obzwar ruhig. sondern ein Sparen. nach denen sie einst noch am folgenden Tag geglüht und vor Aufregung gezittert hatte. und sie wußte nur nicht.

Sie brauchte die ge- In der Stadt verkehrte sie mit keinem. Sie erinnerte sich noch des Gelöbnisses.und Auszahlungen. wie es als ihr Vater vermutet und sie in jungen Jahren der Be- geisterung gedacht hatte. Gelöbnis kam ihr jetzt vor wie ein längst und fruchtloses Spiel der vergangenes. so. das sie auf aber dieses dem Sterbebett des Vaters abgelegt hatte. für sie existierten nur die Termine der Ein.) dazu bei dieser Entfernung. aber nichts hatte mehr Gewalt über sie. wuchsen und starben. guten oder ge- fährlichen Faktoren in ihrem Sparsystem. vergessen. noch zöge. Manchmal erinnerte sie sich an Onkel und die Kindheit. sonst sich des war Vorhandenseins dieser Menschen nicht bewußt und hatte nichts mit ihnen gemein. Das Grab der Mutter besuchte sie jedes Jahr am Allerseelentag.und eine ganze Heerschar von Millionen nach sich Auch jenes Grab in Sarajevo strahlte nicht mehr wie einst. Das ließ den Faden vom Knäuel der Erinnerung weiter ablaufen. Sie hatte nichts von dem. Ihre Verbindung zu den Toten und den Lebenden wurde immer schwächer. wurden boren. aber stets waren sie nur sie einer der schädlichen oder nützlichen. Menschen nicht. an die sie schon seit Jahren Vlado. an den Vater 278 . und dann lebten so wie an diesem Abend auch andere Menschen und Ereignisse auf. Alles war schwerer. Für das Fräulein existierte nicht einmal die Zeit. was gewesen war. Eine Zukunft gab es nicht und die Vergangenheit war verschüttet. sie gingen an ihr vorbei. unverständliches Kinderjahre. Die Wirklichkeit hatte sich längst darüber hinweggesetzt und es hinter sich gelassen. Es war schon längst stumm und kalt. Mit oder ohne Gelöbnis wäre ihr Leben von Anfang an war. anders und komplizierter.

nicht

mehr gedacht

hatte.

Aber das

alles

dauerte nur

wenige Minuten, so lange nämlich, als die Dämmerung zwischen Tag und Nacht währte, die zu nichts Vernünftigerem zu gebrauchen war, denn
die

man

sah weder

Nadel noch den Faden, und

es

lohnte sich noch

An diesem Abend hatten wenigen Minuten etwas in die Länge gezogen, war doch ihr ganzes Leben mit den einstigen Erlebnissen, Menschen und Geschäften an ihr vorübergehuscht. Aber das alles bedeutete ihr nichts mehr und existierte im Grunde nicht mehr für sie, als hätte es das nie gegeben. Ja, das alles war
nicht, das Licht einzuschalten.
sich die
. .

Sie fuhr aus ihren

Träumen

auf

und

schüttelte sich.

In der Nachbarschaft ließ

jemand

schroff

und

laut die

hölzernen Fensterrouleaus herunter und riß das Fräulein aus ihren abendlichen Erinnerungen. Sie ließ

den

Hände und stand plötzlich vom Fenster auf. Das Zimmer war in völliges Dunkel getaucht. Es mußte schon spät sein. Steif vor Kälte, wußte sie lange nicht, ob sie zuerst Licht machen und dann das Feuer anfachen sollte oder umStrumpf sinken, rieb
sich die erkalteten

gekehrt. So stand sie eine Zeitlang zögernd inmitten des
sie sich mit einem glücklichen Lächeln, die beiden unliebsamen Dinge wenigstens einen Augenblick hinauszuschieben und statt dessen noch einmal nachzusehen, ob die Türen tatsächlich verschlossen waren. Sie ging ein wenig unsicher, noch immer benommen von den vielen Erinnerungen, die an diesem Abend auf sie eingestürmt waren wie nie zuvor. In undurchdringlicher Finsternis, die dasselbe war wie das Sparen und

dunklen Zimmers. Doch dann entschied

79

folglich dasselbe

wie Geld, ging

sie ins

Vorzimmer, mit

gewohnten Bewegungen über bekannte Gegenstände
hintastend. Bevor sie jedoch die Haustür erreichte, stieß
sie

imFinstenimit ausgestrecktem

Arm

auf

— eine

Ge-

stalt.

Ein kurzer, heiserer Schrei, vor

dem

sie selbst er-

schrak, entrang sich ihrer Kehle. Sie erstarrte und fand gerade noch die Kraft, ein Stück zurückzuweichen. Als
sie
sie,

unerwartet das feuchte, grobe Tuch berührte, war

noch zerstreut und verwirrt von den vielen Erinnerungen, davon überzeugt, daß jemand vor ihr stand, der eben von draußen gekommen war. Sie wollte noch
schreien,

um

Hilfe rufen, aber ihre
erfüllte ihren

Stimme

versagte.

Das Herz wuchs und
spürte
sie,

wie

sie

ganzen Körper. Dann plötzlich hohl wurde und sich in

eisige Stacheln auflöste.

Von allem blieb nur der schreck-

liche

Gedanke, daß

sie nicht allein sei,

Finstern jener stehe, der

daß hier im unbekannt und unsichtbar

— sein ganzes Leben auf solche lauerte wie sie, der früher oder später kommen mußte, um ihr Geld zu holen.
Tausendmal war sie so im Finstern bei dem Gedanken an ihn erstarrt, und tausendmal hatte sich ihre Angst als unbegründet erwiesen. Diesmal war er, so schien es ihr, wirklich gekommen und stand im feuchten Mantel
inmitten des Vorzimmers, jederzeit bereit, sein Räuber-

werk zu beginnen. Aber gerade diesmal wußte sie nicht, was sie tun, wie sie sich verteidigen und schützen sollte. In einem einzigen Gedanken, kürzer als ein Blitz,
was zu tun wäre — aber nur zu gut, daß sie immer vor Diebstahl und Räubern Angst gehabt hatte, daß sie unzählige Male des Nachts von einem verdächtigen Geräusch oder einem seltsamen
suchte sie sich zu erinnern,
vergeblich.

Dabei wußte

sie

280

worden war und dann lange überlegt hatte, was sie tun sollte, wenn sich jemand trotz all ihrer Vorkehrungen ins Haus einschlich und sie
Schatten aufgeschreckt
überfiel.

Soweit sie zurückdenken konnte, hatte

sie alles

getan,

um ihr Geld an einen zuverlässigen Ort zu brinund zu
daß
sichern

gen, es zu verbergen

und

die Spuren zu

verwischen. Ihr ganzes Leben hatte

sie nichts

anderes

gedacht

und

getan, so

ihr

Leben

schließlich

nur
ge-

noch aus diesen Vorsichtsmaßnahmen bestand.
innerte sich dessen. Aber
schah,
sie

Sie er-

was in diesem Augenblick
schrecklich

und neu, als hätte und vorausgesehen und nie etwas getan, um sich zu sichern und zu schützen. Es schien ihr, daß sie ihr Leben in unverzeihlicher und unverständlicher Leichtfertigkeit und Sorglosigkeit verbracht hatte, ohne etwas vorauszusehen und zu unternehmen, und daß sie jetzt auf eine so dumme, klägliche, unnütze Art ihr Geld und Leben einbüßte, nur weil sie so kurzsichtig und fahrlässig gehandelt hatte. Jetzt, so glaubte sie, wüßte sie schon, wie man sparte und bewahrte, wie man versteckte und verteidigte, aber jetzt
war so unerwartet,
nie etwas gefürchtet

war es zu spät. Vor ihr, auf dieser Seite des Türschlosses, im Finstern, stand ein heimtückischer Räuber. Alles war zu Ende. Sie wartete nur darauf, seine unbekannte Stimme »Geld her!« rufen zu hören und die Bewegung seiner Mörderhände mit den feuchten Mantelärmeln zu spüren. Aber nichts dergleichen geschah. Unwiderstehlich, immer stärker preßte ihr das eigene Herz die Luft ab. Die Ohren wurden taub, die aufgerissenen Augen
verloren ihre Sehkraft, der offenstehende

Mund

ver-

stummte. Die Knie gaben nach.
Vornüberfallend streckte
sie

noch einmal die Arme
281

aus, als wollte sie

schwimmen, und
sie

stieß

den

Kleider-

stock

um, an den

ihren eigenen, ganz durchnäßten

groben Tuchmantel gehängt hatte.

Noch im Liegen zerriß sie mit letzten, verkram^pften Bewegungen die Wollbluse auf der Brust, verzweifelt
bemüht, dem ersterbenden Atem Platz zu schaffen. Ach, nur ein wenig Luft, nur ein einziger Atemzug, und
alles

wäre vielleicht Selbst Gold würde
sie
sich,

gerettet
sie

— Leben,

Besitz

und Geld.

hingeben für einen Atemzug.

Aber
ten

hatte keinen

Atem mehr. Die Knie verkrampf-

und der Schädel wollte zerspringen. Das Blut und lag wie Blei in den Adern. Kein Atem mehr. Die Bewegungen wurden immer schwächer, bis sie ganz
stockte

aufhörten.

Nur

ein heiseres Röcheln verriet noch für

fes.

TodeskampAuch das verstummte. Der Körper entspannte sich und blieb ausgestreckt im Dunkel und in der Stille
einige Augenblicke die letzten Zeichen des

liegen.

oder silberverzierte Mütze der verheirateten .und Sacherklärungen Beg = Titel der mohammedanischen Großgrundbesitzer Gegend in Serbien. aus der in Bos- nien Crnotrava schiilte = eine von jeher unge- Baumeister kamen Gazda = Kaufmannstitel "Hrvatski Dnevnik« Militärgrenze = »Kroatisches Tagblatt«< von Österreich-Ungarn 1878 besetztes Gebiet an der türkischen Grenze.Zur Ausspradbie serhokroatisdieT Eigennamen Folgende Buchstaben sind im Deutschen unbekannt oder weichen in der Aussprache vom Deutschen ab: — wie deutsches z in Zeitung — Aussprache Hegt zwischen tj und tsch c — wie deutsches tsch in rutschen h — wie deutsches ch in ach s — stets scharf wie deutsches ß in reißen s — wie deutsches seh in schauen z — wie deutsches s in Rose z — wie in Journal. im Norden Jugoslawiens »Narodni glas« = = »Volksstimme« Palilula = Stadtteil von Belgrad Sephardische Juden = Juden. c c j Wort. die im späten Mittelalter aus Spa- nien und Portugal vertrieben Mrurden Slava = Fest des Hauspatrons »Sloboda« = »Freiheit« »Srpska rijec« = »Serbisches Wort« »Srpska zastava« Tekija = »Serbische Fahne« = Internat zur Ausbildung mohammedanischer Theo- logen Tepeluk Frauen. = gold.

.

Wie das Geld Gott ist. bringen wichtige Werke heutiger und der modernen Weltliteratur. . und wie danach in ihr Leben völliger Versteinerung zu Ende geht. Bei Ausbruch des zweiten Weltkrieges jugoslawischer Botschafter in Berlin.Vor dem Hintergrund des Lebens in politischen. - Im Carl Hanser Verlag erschienen die Romane »Die Brücke über die Drina« und »Wesire und Konsuln«. durchs Leben zu kommen. IVO ANDRIC. lebte während der Besetzung Jugoslawiens. 1892 in Travnik (Bosnien) geboren. wirtschaftlichen und gesellschaftlichen bis 1935 gibt Andric Sarajewo und Belgrad während der Jahre 1905 hier ein Bild einer von Geiz und Besitzgier besessenen Frau. in Belgrad. nach seinenn geschäftlichen Ruin der Tochter auf dem Sterbebett das Gesetz des kalten Egoismus als einzige Möglichkeit. in vergewaltigte Natur sich grausam grotesk an indem sie einem Hochstapler verfällt. Graz. Krakau. ein rechtschaffener Kaufmann. studierte in Wien. streng zurückgezogen. wie Geiz und Habsucht anderen menschlichen Regungen verdrängen. eingeschärft ihr hat.1961 erhielt Andric den Nobelpreis für Literatur. erscheinen jeweils gleichzeitig mit derl kosten aber nur halb soviel wie diese (In Leinen ist das vorliegende Buch für 16i . wie aber eines Tages die ihr rächt. das hat Andric dieser großartigen Charakterstudie gestaltet. ist ihr Streben nur auf Geld und Besitz alle gerichtet. Seit Rajkas Vater.

.

.

Ivo Das Fräulein A6G6A PLEASE SLIPS DO NOT REMOVE FROM THIS POCKET UNIVERSITY OF TORONTO LIBRARY .M9&3 PG 14.18 Andric.