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Ivo Andric Das Fräulein Roman Carl Hanser Verlag .

München Printed in Germany .Aus dem Serbokroatischen übersetzt von Edmund Sdineeweis Titel der Originalausgabe: Gospodjica \ D ! l^ /'• ^\ t5?3 !.' 5 ^2678S Gesetzt aus der Trump-Mediäval Satz und Druck: Frühmorgen & Holzmann.

dann lastet ein Fluch Janko Veselinovic Verfludit ist und bleibt das Geld. das man nicht zum allge- meinen Nutzen des Volkes verwendet. Sima Milutinoviö-Saiajliia . ist. so tu es in Gottes Namen! Doch wenn dein Herz mit totem Wachs versiegelt auf dir.Wenn du arbeitest.

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ihre Neugierde zu kitzeln. sie durch Schilderung aller Einzelheiten zu befriedigen und so den Umsatz des Blattes zu steigern. Nach den damals herrschenden Sitten nahm die Kridie alte Jungfer tot auf minalchronik in der Tagespresse einen großen ein. sah dem Rücken im Vorzimmer liegen und meldete die Beobachtung sofort der Polizei. einer führte das Leben einsamen alten Jungfer und er galt als geiziger Son- derling. Sie hieß Rajka Radakovic. um die Phantasie der Menge zu entzünden. ging um das Haus. stammte aus Sarajevo und lebte schon fünfzehn Jahre ganz zusie rückgezogen in diesem Hause. »Untersuchung im . Unglüd<:s- und blutige Ereignisse aus. daß in der Stigstraße Nr. Auch die Nach- richt vom Tod der vereinsamten Alten brachten die ZeiStelle tungen an sichtbarer titeln: »Liegt mit den erregenden Unter- ein Verbrechen vor?«. Ihren Tod entdeckte der Briefträger jener Straße. i6a die Hausbesitzerin tot aufgefunden habe. schaute vom Hof ins Fenster. Nachdem er zwei Tage vergeblich geläutet hatte.An einem man der letzten Febniartage des Jahres 1935 brachten alle Belgrader Zeitungen die Nachricht. Alle Tageszeitungen schlachteten fälle Raum Morde.

Die Zeitungen haben nie mehr den Namen Rajka Radakovic erwähnt. Die Kommission. einen Diebstahl oder irgendeine Gewalttat hindeutete. Das waren die einzigen Verwandten. welche die Ver- storbene in Belgrad hatte.Gange. sondern daß die alte Jungfer eines natürlichen Todes — an einem Herz- schlag — gestorben war. Unser Berichterstatter am Tatort. lange Berichte mit gruseligen Einzelheiten und Lichtbildern zu bringen. stellte rasch und einwandfrei fest. was die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt regt hätte. Weder ihr einstiges Leben noch ihr Tod boten etwas. von ihrem wirklichen . daß es es sich um kein Verbrechen handelte. und die Phantasie der Leserschaft er- Die folgenden Seiten jedoch werden Ihnen Schicksal erzählen.« Aber diesmal war den Zeitungen nicht beschieden. die sich sofort in die Stigstraße begeben hatte. Sie besorgten die Bestattung und übernahmen als ihre nächsten Verwandten das Haus mit seinem Inventar bis zur Klärung der Erbschaftsfrage. daß sich alles Stelle schädigt und an Ort und im Hause unbebefand und nichts auf einen Einbruch. vom Tode der alten Jungfer verkam der bekannte alte Kaufmann Djordje Hadzi-Vasic mit seiner Frau in die Stigstraße. Als die Nachricht öffentlicht wurde.

auf der hohen Himmelskuppcl widerspiegelt. Regen bringt.Der Himmel über Belgrad veränderlich. im Winter hingegen abgeschwäclit durch stere Wolken und gelblidirote Nebel. recht immer schön. an denen sich das Feuer Ebene zwischen den Flüssen. die. auch im er Herbst. was sie nicht besitzt. unterhalb Belgrads. versinkt. und ein Trost für alles. Himmels sind die SonIm Herbst und im Sommer sind sie ausfin- gedehnt und strahlend wie eine Fata Morgana in der Wüste. was nicht sein dürfte. wenn schwer herbstlichen Sterne. ist von den Schwärmen der Immer schön und reich. vermischt mit dem Staub der Pannonischen Ebene. Zu jeder Jahres- zeit gibt es sehr häufig Tage. Dann färbt die . Aber die größte Pracht dieses Belgrader nenuntergänge. wenn er sich in eine einzige düstere Wolke verwandelt. auch während der winmit ihrer kalten Pracht. auch im Frühling. auch wäh- rend der sommerlichen Gewitter. doch terlichen Klarheit ist weit und hoch. er zugleich wenn mit der Erde zu blühen scheint. sich bridit und als roter Scliein dieser Sonne. gej agt tollen von einem Sturmwind. dieser wun- derbaren Stadt ein Ersatz für alles. die in der über die weit hingestreckte Stadt ergießt.

Sofern sie dem Namen nach oder vom sie einander nicht kannten. sie liege hinter Gottes Rükken. nicht so wichtig. Das eingeschossige. als man von der Gegend sagte. der Raumvertei- lung und mehr oder minder auch der inneren Einrich10 . und die amtliche Zählung geriet durcheinander. je nach der Laune und den Bedürfnissen des ren die Damals wa- Hausnummern Haus gehörte. suchten einander auch seltener auf. Eben diese Nummer trägt jenes niedrige gelbe Fiaus. Dieses Licht beschien im Jahre 1935. man Solche Häuser des Belgrader Vorkriegstyps sind ge- genwärtig noch häufig in den entlegeneren Straßen Belgrads anzutreffen. Bei der raschen Entwicklung der Straße stießen hier die Fiausnummern zusammen. so daß zwei Nummern 16 entstanden und eine davon zu i6a werden mußte. unansehnliche Fiaus stammt noch aus der Zeit vor den Balkankriegen. die sie sonst nur schwach bescheint. eingezwängt und verloren zwischen zwei modernen hohen Gebäuden der neueren Zeit. Sie gleichen sich alle. sondern der Form und dem Material. selten als die FFäuser in dieser Straße noch sehr und alle so niedrig. Man wußte. verwahrlosten Fiauses in der Stigstraße.Sonnenröte für einen Augenblick auch die entlegensten Winkel Belgrads und spiegelt sich selbst in den Fenstern eines jener Häuser. auch die Vorderseite eines kleinen. als man hier für den Quadratmeter Boden einen Dinar zahlte. ger hervorstanden oder versteckt lagen. nicht der Größe. doch durch ausgedehnte Gär- ten voneinander getrennt waren und mehr oder weniBesitzers. wenigstens Sehen. und im Notfall fand sich leichter als heutzutage. die wem das und größtenteils kannten Leute einander. am Abend dieser Februartage.

Weiter hinten liegt der Garten mit dem Nußbaum in seiner Mitte. die Dachrinnen sind verschoben. daß ihre Bewohner mit der Zeit Schritt halten. an der sich Weinreben oder Kletterrosen emporwinden. die Simse und sind geputzt II . Das eiserne Tor. Andere Häuser dagegen sind verwahrlost und häßlich. das bei den reicheren Leuten aus dickem Milchglas besteht. Hier ist in der Mitte des Hauses der Eingang mit ein oder zwei Steinstufen. Auch im Innern fast die Raumverteilung immer gleich: ein großes Vorzimmer und rundher- um drei bis vier Zimmer und eine Küche. führt in einen kleinen Hof mit winzigen Pflastersteinen und einem schmalen Blumenbeet längs der Mauer. Die einen sind getüncht. überdeckt von einem kleinen hölzernen Dach. oft auch mit einem Ziehbrunnen daneben und mit frühreifen Pflaumen und Pfirsichen an dem Zaun. offenbar gut gepflegt und regelmäßig ausgebessert. daß sie arbeiten und verdienen. der das Anwesen von den Gärten und Höfen ist der Nach- barn trennt. Solche Häuser zeigen. In allem gleich. daß sie vom Leben etwas verlangen und auch bekommen. nachdem ob das Haus zwei oder drei Zimmer hat. Zwei oder vier Fenster blicken auf die Straße. dessen obere Hälfte aus Draht geflochten und oben mit je eisernen Stacheln verziert ist. Der Rand des Daches weist Lücken auf. Unter den Fenstern ist im Mörtel irgendein sezessionistisches Motiv oder ein vereinfachtes geometrisches Ornament aus der ewig gleichen Form irgendeines Meisters aus Crnotrava angedeutet. die Farben verblaßt. die Fenster und mit feinen weißen Vorhängen verhüllt.tung nach. unterscheiden sich diese Häuser jetzt bloß durch ihr Äußeres. das eiser- ne Hoftor ist mit heller Ölfarbe gestrichen.

sieht Aber wenn man geman. größeres zu bauen. Die halb der Fenster ist Mauer unter- mit Straßenkot bespritzt und mit den ersten Sdireibübungen der Kinder geschmückt. hinschaut. den Fenstern fallen die starken eisernen Querstanauf. Das Haus i6a gehört zu dieser letzteren Gruppe. daß es verlassen sei oder auf einen Käufer warte. unbekannte Leute hinzuzogen. daß hinter einem dieser Fenältere Frau sitzt. bevor die neuen Häuser mit mehreren Stockwerken gebaut wurden und neue. ähnlich den beiden. aber sie alle nennen sie von jeher einfach das Fräulein. die Armut oder ganz einfach der Mangel an Bedürfnissen. die es von nau ster links und rechts einzwängen. sondern An um es einzureißen und ein neues. und zwar gleich nach der Befreiung. ohne Ver- wandte oder Dienstboten. im Jahre 1919. die schon hier wohnten. mit jenem abwesen- den und doch gesammelten Ausdruck. Die älteren Bewohner der Stigstraße. Es hat im ganzen zwei Fenster. doch die starb schon zwei Jahre darauf Seither lebt . wie ihn die Gesichter von Frauen haben. nicht um gen darin zu wohnen. kennen zwar ihren Namen. die auf die Straße blicken. sie allein.primitiven Ornamente bröcl<eln ab. Sein Äußeres könnte die Vermutung aufkommen lassen. 12 fast Wovon lebt sie? auch ohne Besuche und (Denn das ist die erste und . Sie übersiedelte von Sarajevo hierher. Das ist Fräulein Rajka Radakovic. Aus den Fenstern lugt die innere Verwahrlosung. die sich über eine Handarbeit beugen. Freunde. die dem ganzen Haus ein düsteres und kerkerhaftes Aussehen geben. kaufte sich hier ein Haus und wohnte darin mit ihrer Mutter. ohne Vorhang und Blumen eine unbeweglich und vornübergeneigt. der es übernähme.

um ganz allein vor dem Haus den Schnee vom Gehsteig zu fegen. den auch der Blick ihrer Augen nicht aufheitert. die anderen. denn aus ihnen schlägt Finsternis. Ihr Gesicht ist gelb durchfurcht. wie ihn heute niemand mehr trägt. Nur von Zeit zu Zeit besucht sie den Markt auf dem Kalenicplatz. In der schwarzen Jacke und dem ungewöhnlich langen Rock. daß jenes Fräulein von einer Rente und von Ersparnissen lebt. unmittelbar über der Nase. und im Winter geht sie hinaus. man sich hier bei jedem einzelnen bis man eine Anthat. In diesen Runzeln liegt wie eine schwarze Ablagerung ein feiner Schatten. kränkliche 13 . Sie ist eine große. das die und auf sie sich der Stirn. daß sie arm sei und darbe. mit der Wollmütze auf dem angegrauten Haar ist sie jenseits aller Zeiten und Moden geihre Haltung ist aufrecht und verrät nichts sdilüssigkeit.wichtigste Frage. kreuzen und bilden starken Augenbrauen verbindet. Die einen behaupten. in den abgetragenen Schuhen und den dikken Strümpfen. Auch war sie in den letzten Jahren selten zu sehen. ein regelmäßiges Dreieck. Dadurch erhält ihr ganzes Gesicht einen düsteren und gequälten Ausdruck. Aber von der Unund arme Menschen in allem aufweisen. Diese und von vielen Runzeln Runzeln sind ungewöhnlich tief. daß sie reich sei und auf dem Geld liege.) wort darauf gefunden oder ersonnen Die alten Be- wohner der Stigstraße fanden einst heraus. und ihre Bewegungen sind rasch und heftig. das ganz zurückgezogen lebt. alte Jungfer hoch in den Vier- zigern. hagere. Im übrigen kümmert sich schon seit vielen Jahren in dieser lebendigen und bunten Welt niemand sonderlich um das alte Fräulein. die vereinsamte. die stelh und unermüdUch wiederholt.

Alles in . die so schnell dahinlebt. Die heutige Welt. doch nur. das ihr. ähnlich dem der Soldatenmäntel. nahm ihre Handarbeit auf und setzte sich. rötlichen Strahlen der schon unsichtbaren Sonne kann sich man noch schön arbeiten. So stand er die Mitte des Vorzimmers und hängte ihren Mantel darum. bestrahlt auch ihr Fenster. In diesem Däm- man einen kleinen eisernen Ofen zwischen ärmlichen Möbeln: einem Kleiderschrank. Nachmittags mußte sie wegen irgendwelcher Besorgungen das Haus verlassen. zog ihn aus der Ecke in damit er schneller trockne. und durchfroren vom Februarwind. der so Durchfrorenen. Sie zog ihre alten Galoschen aus und legte den langen schwarzen Wintermantel ab. da wie ein großer Mann ohne Kopf.kleidet. warm erschien. Jene Abendröte. wie mir scheint. über das eine Kamelhaardecke gebreitet 14 ist. der Schnee und Regen zugleich brachte. wenn man ans denn im Hintergrund des Zimmers greift schon ein zartes Halbdunkel merlicht unterscheidet um sich. Gewohnheit geworden ist. der ins Haus getreten und inmitten des Vorzimmers stehengeblieben war. gefertigt und jetzt vom Wasser ganz durchnäßt. naß den alten Kleiderstock. die über Belgrad. einem Regal und einem hölzernen Bettgestell. Dann trat sie ins Zimmer. Sie faßte aber sie kehrte noch bei Tageshelle zurück. beach- ungewöhnliche Gestalt der mageren. Auch an diesem Februarabend sitzt das Fräulein am Fenster und stopft Strümpfe. er war aus grobem Tuch. daß ihr die Eile schon zur tet die große. Bei den letzten. Fenster setzt. schwarzen Frau so gut wie gar nicht. länger andauert und stärker leuchtet als über anderen Städten.

mit dem Stopfen. denn es ist der einzige Raum. wie er auch die schönen und gepflegten noch angenehmer macht. der geheizt wird. hier verbringt sie den Tag und arbeitet sie. so wie junge Mädclien bei der Arbeit lautlos und triebhaft Worte und Melodie eines Liebes15 zwar Zeit dabei. soweit er und sich muß. den Stempel der Nachlässigkeit und Verwahrlogegen die Dinge dieser Welt ist sung. Zeit und Augen- .diesem Zimmer. hier kocht sie auch auf dem kleinen Ofen ihr karges Mittagsmahl. Anders ist es mit der Arbeit. verwahrlosten Räumen ein noch traurigeres Aussehen. >Stopfen und Dulden erhalten das Haus<. als ob hier ein Blinder lebte oder jemand. schon deshalb nicht. Das Fräulein verschwendet nicht viel Zeit für solche Arbeiten wie den Hausputz und das Kochen. und die Augen erspart alles andere. man verliert müden. in keiner Verbindung und keiner Form. Dieser rötliche Widerschein des Bel- grader Vorabends verleiht den ärmlichen. und dann wiederholt sie unzählige Male unbewußt und unhörbar bei sich: >Stopfen und Dulden<. der völlig gleichgültig ihrer bedient. aber man licht hat der Mensch im Überfluß. Das ist eine angenehme und nützliche Arbeit. wo etwas steht und wie es aussieht. weil er es jedoch muß. von den trägt Wänden bis zu den Möbeln. auch nicht das Wort »verschwenden«. schon so oft gestopften Strümpfe in die Hand nimmt. die sie jetzt tut. weil sie Verschwendung überhaupt nicht liebt. jedenfalls mehr als das übrige. während sie sich ans Fenster setzt und ihre alten. In diesem freudlosen Zimmer verbringt das Fräulein den größten Teil ihrer Zeit. Hier schläft sie. sagt sie sich das alte Sprichwort vor. und nur. das gleichzeitig auch ihr Abendessen ist. den ganz und gar nicht interessiert.

Das ist wahrhaft ewiger Kampf und ermüdendes Überlisten eines mächtigen. Bei mir gibt es weder Schaden noch Verlust.an und für sich unbedeutend und weiß Gott wo und wie entstanden ist. aus den Händen und Augen. aber ich werfe nichts weg. Aber hier. der mit der Erbsünde auf das menschliche Dasein gefallen ist. große Siege. so daß an irgendwelchen Pantoffeln oder an einem Wäschestück man den Gegenstand weder tragen noch wegwerfen kann. Eine wird dünn und zerreißt. da beginnt für das Fräulein erst der richtige Kampf. scheinbar ausweglose Augenblicke. die jedes menschliche Leben und jede Bewegung begleitet wie ein Fluch. anbohrt. die an uns und um uns benagt. es gibt auch Niederlagen und Entmutigungen. Mit all ihren stillen und unsicht- baren. heili- gen Dienstes und sieghafter Begeisterung. >Jede andere an meiner Stelle würde das wegwerfen. doch gewaltigen. aber glänzende. In diesem Kampf gibt es liedes wiederholen. wo andere Frauen nachlassen und sich der allmächtigen Kraft ergeben. für einen langen ist < der gerettet und jener feindlichen Kraft entrissen alles ist. So spricht das Fräulein zu sich selbst. und mit Begeisterung und Liebe betrachtet sie diesen Pantoffel. das nüchterne. schwere. zerreißt und i6 . Stopfen! Das ist ein Hochgenuß. zähen jungfräulichen Kräften stürzt sie sich auf diesen Gegenstand und läßt ihn nicht bessert bis er genäht und ausgeneuen Gebrauch. aber viel Stelle häufiger sind die lichten Augenblicke ergebenen. da eröffnen sich ihr Aussichten auf mühsame und weit entfernte. unsichtbaren Feindes. die alles am Menschen verzehrt und dünn macht. in dem sie jedoch seltsamerweise ein lebendiges Bild und einen klaren Ausdruck ihrer tiefsten Wünsche entdecken.

Sie hat sie nie sehr sondern sich immer vor ihr gescheut. das ist der stille.Zwar ist der Pantoffel nicht mehr schön anzusehen. noch darin bestärkt. Es bedeutet Kampf gegen den Verfall. das sich jetzt. und auch sonst hat er sich verengt und gekrümmt. wie ein böses. feindliches Idol. Aber da sie in die Jahre kommt und weiter unge- ahnten und unübersehbaren Schönheiten und der Sparsamkeit Wonnen immer ginnt ter sie diese Schönheit und klarer eröffnen. das die Menschen auf Abwege führt und sie von der einzig echten Gottheit. und keine größere Verblendung. was was nicht schön und was es denn das sie so hinreißt sen twillen. großes Geld. warum die Menschen zwischen dem machen. gerechte Dienst an dieser Gottheit. trügeri- sches Ding. welches dieser Sieg und diese Ersparnis bereiten? Soll er schmerzen und verwunden. es ist ein süßer Schmerz und eine glückhafte Wunde. was ist das gegen das Vergnügen. bedeutet die Ewigkeit in ihrer Dauer 17 . Es gibt keinen schlimmeren Verschwender geliebt. Sie ist bereit. er drückt und kratzt und verwundet die Haut auflöst. ablenkt. so des Fußes. noch weniger. viel mehr als das zu ertragen. Stopfen und Flicken. was ist. mächtiges. ihre Gesundheit zugrunde richten und Geld verschwenden. beimmer stärker und bestimmtraurige zu hassen wie etwas Ketzerisches. und die sie Lebenserfahrung hat solchen Unterschied ist. über allem steht und mit sich ihr die dem keine Schönheit annähernd messen kann. Die Schönheit ist ein teu- ein unerhört teures und dabei nichtiges. heiliges. Und was die Schönheit betrifft. sie und trunken macht. schön ist. und dem. aber sorgt sie sich res. daß sie um des- Schönheit nennen. der Spar- samkeit. Niemals einen hat sie recht verstanden.

das am Ende kommt und schlimmer und schwärzer ist als der Tod. winzige und heihg und erfüllt die ganze Seele mit Ruhe und Zufriedenheit. wie klein und schwach alles ist. sie bewahrt uns vor Unkosten. weil er ihn Mit dem fanatischen Mut eines . zerreißt. weil er ihn für Zeitverschwendung. Verlusten und Unordnung. für einen Luxus hielte. er nicht einsähe. nicht etwas erdulden. denn sie hat in ihrem Leben viel gelitten und hat viel Genugtuung darob verspürt. erkauft? Der Mensch wäre kein vernünftiges Wewie nützlich und sicher eine wenn ist.unterstützen. Arbeit die er so verrichtet. bereichert uns stets und verleiht sozusagen all dem Ewigkeit. Deshalb ist diese unscheinbare. sich aufbraucht und verfällt. wie alles um uns ständig und unbemerkt schwindet und vergeht. Darum lohnt es. eine wahre Hölle schon auf Erden und bei Lebzeiten. Denn was die wir sind die kleider gibt nen Leiden und Entbehrungen. vor Verarmung. Und wenn der Mensch bedenken würde. im Dienste sie Sparsamkeit ertragen. dann müßte er sich jedes Augenblickes der Erholung schämen. was wir zu tun vermögen und im Kampf dagegen unternehmen und leisten können. was uns und wovor sie uns rettet? Sie erhält um uns herum Leben und Dauer. gegenüber dem. viel größeres Dulden! Auch das wenn er weiß. Und warum soll der Mensch eine Lust. was wir besitzen. ist Das weiß sie. nur um diesem Übel Einhalt zu gebieten. und jedes Bissens. vor dem Elend. sich ein wenig abzumühen und allerhand auf sich zu nehmen Arbeit so groß und zu erdulden. dann würde er jedes Leiden und jede Entbehrung auf sich nehmen. daß er dadurch ein Übel vermeidet und sich ein weit größeres Gut sen.

um noch etwas Kohle nachzulegen. so scheint es dem Fräulein. tüchtige Krieger in Augenblid<. die beißt Platz Zähne zusammen und kehrt mutig an ihren zufrieden mit sich selbst zurück. erhebt und schwer und geht. daß er noch mehr verschlingt und mit seiner Flamme in Brand setzt als unsere bekannten Vulkane. sondern eher ein Flämmchen. die Lippen grau und die Nase rot. Dort fährt sie fort. Holz und Kohle schluckt wie der Vesuv und der Ätna oder wie jener amerikanische Vulkan. Es wärmt sie auch jenes Schäuf eichen Kohlen. Dabei sind ihre Hände blau. an dessen Namen sie sich nicht mehr erinnert. erwärmen. Sie erzittert und steckt die steif Nadel in den Strumpf. das sie nicht verbraucht hat. in der es gibt. Manchmal geht vor Kälte ein per. (Sie erinnert überall sich. und immer etwas zu sparen sie daß einmal irgendwo in der Zeitung gelesen hat. muß man in dem aussichtslosen Kampf alles Gedanken läuft Bei diesen begeisterten dem Fräulein ein richtiger Schauder über den Rücken.Märtyrers ertragen. Ähnlich können audi gute. von dem sie jedoch weiß. als ob sie ein großes und nicht wiesie dergutzumachendes Übel anriditen wollte. Es kärgliches eigentlich kein Feuer. ist um dann ganz nach dem Feuer im Ofen sich zu sehen.en der Gefahr einem kurzen Zit- 19 . daß für die Kasernenräume während der Winter- monate eine Temperatur von 15^ Celsius vorgeschrieben ist.) Beim Gedanken daran spürt sie die Kälte kaum noch. das niemals imstande sein wird. inneres Zittern durcli ihren ganzen Kör- Trotzdem gibt das Fräulein nidit nadi und verläßt ihren Platz nicht. das aber. Sie ist und dieser Welt. Sie geht. aber es die Stube zu gibt ihr einen Riß. tiefes. den Strumpf zu stopfen.

Durchfroren und gen und in ihrem steif. läßt den zweiten liegen. dann anschaut. auf ihre Weise sie denkt nach. liegenläßt Fräulein die Fäden hebt und Erinnerungen freien Lauf. so stopft Eifer Und und duldet das zieht den Faden sorgfältig zwischen den Fäden durch. erfüllt sie von Kopf bis Fuß eine gewisse Wärme. auseinandergerücl<:t sind. phantasiert und erinnert sich. Während das und den Faden hindurchzieht. ewigen Verderb. ohne zu klazu erlahmen. scheint anfangs hoffnungslos Und jedes er- und unheilbar. Fräulein. lie- die nachgelassen haben und hebt einen Faden mit der Nadel. in blicken dieses Bewußtsein zu sieghafter Begeisterung. rige Stelle verstärkt bis sie die löche- und festgemacht hat. hebt einen.tern nicht entgehen. aber sie überwinden es mutig und stürmen vor. daß in der stets bedrohten großen Galeere des Weltalls noch ein tückischer Riß verstopft ist. Aber über jedem lächelt zum Schluß der Sieg. der schwierigen Buchhaltung gesetzt von Verlust und Gewinn Und mehr noch: daß in dem großen. macht sie die schadhafte Stelle des Strumpfes fest. das Bewußtsein. vorwärts und rückwärts. So geht es von 20 . Und oft steigert sich in glückhchen Augenein zweites Loch an die Reihe. und zwar alles zur gleichen Zeit oder auch hintereinander. daß ein wei- Wenn sie es terer Gegenstand ihres Haushalts auf die Habenseite ist. Schaden Kampf gegen und Verbrauch wieder ein Sieg erfochten wurde. läßt den zweiten gen. läßt sie ihrer Einbildungskraft und ihren sie erscheint Denn bloß eintönig. Dann kommt dem- selben Strumpf oder in einem anderen. So vergehen Stunden bei dieser scheinbar eintönigen und trockenen Arbeit. immer der Reihe nach.

es zu verdienen. wie er im letzten Jahre seit sie 21 . die aus der alten. denken kann. Er heiratete die schöne. Das war vor ungefähr dreißig Jahren. zarte. Ihr Vater. gleich nach der Besetzung durch Österreich. noch von dem Bemühen. diese harmlose Zeit. war damals einer der angesehensten serbischen Kaufleute in Sarajevo. farbloser Fleck. Es beginnt mit einem dunklen Punkt. der Gazda Obren Radakovic. Gleich am Eingang in den Veliki Curciluk befand sich das Geschäft Gazda Obrens. da der Mensch weder vom Geld v/eiß noch von der Anstrengung. Das Fräulein glaubt sich an ihren Vater zu erinnern. mit einem bitte- ren Augenblick. sondern von der Militärgrenze. blonde Radojka. kam er nach Sarajevo und wurde dort durch Glück und Geschick bald zu einem der besseren Geschäftsleute. und heute abend zieht das ganze Leben an ihr vorüber. Diese Zeit ist in ihrem Bewußtsein ein leerer. So war er ein Hauptaktionär der ersten Bierbrauerei in Kovacici und Mitglied verschiedener Aufsichtsräte. von der die Philosophen und Dichter sagen. Aber wenn sie an ihn denkt. aber mit der Zeit dehnte er seine Geschäfte auch auf andere Gebiete aus. Das festigte seine Stellung in der Carsija. es nicht zu verlieren. daß sie die glücklichste Zeit im Leben des Menschen sei. Er stammte nicht aus Sarajevo. Ihr Leben beginnt etwa mit ihrem fünfzehnten Lebensjahr.Faden zu Faden. Die Kindheit. hat für sie nicht bestanden. dem Marktviertel. In seiner Jugend. sieht sie ihn immer so. Er handelte mit Pclzwaren en gros. Auch in den frühesten Erinnerungen ist er die widitigste Gestalt. angesehenen Familie Hadzi- Vasic in Sarajevo stammte. jene frühe Kindheit.

aufrecht und schlank. geräumigen Haus. ein Ehe. hager. Er lachte nicht und sprach nicht.und ein Siegelring. Aber für sie gehörte auch das zur unbegreif- Größe ihres Vaters. daß er auf das. streichelte ihr wäre sie noch immer Haar und fragte mit war- mer Stimme: »Was hast du heute gemacht. sondern gedankenver- loren durch das Fenster in die Ferne schaute. Übrigens zz . er nahm sie nach dem Mittag. das sich weder vorbeugen noch setzen kann. Haar an den Schläfen Auf dem Kopf ein schwarzer Halbzylinder. Rajka ging gerade in die vierte Klasse des Lyzeums. Sein Gesicht war ernst wie das eines Heiligen. schlohweiß. an der Hand zwei schwere dene Ringe. gar nicht richtig achtete. meine Kleine?« Und während sie von ihren Arbeiten und Erlebnissen des Tages erzählte. stunde sehen. Sie sieht ihn ganz deutlich vor sich. unterhalb der protestantischen Kirche. steifes Hemd mit hohem Kragen und einer blau Auf der Brust gol- und schwarz gestreiften Seidenkrawatte. schaute er durch das Fenster irgendwohin und schien nur ihr lichen leises Geplapper zu vernehmen. war Und dieser in ihren Augen so große und herrliche Maiui ihr Vater. unmittelbar am Ufer der Miljacka. eine goldene Uhrkette. gestärkten Manschetten große.seines Lebens war. auf der Straße bewegte er sich so aufrecht und daß er aussah wie ein Denkmal. und sie wird ihn so bis zu ihrer SterbeGroß. dazu ein heller aschfarbener Anzug und ein tadellos weißes. Und stolz. was man ihm erzählte. an den runden. Sie lebten damals in ihrem neuen. sechs Jahre alt. sondern gab nur kurze Hinweise und Anordnungen.und als Abendessen auf den Schoß. runde Knöpfe aus Gold. der das Schnurrbart angegraut.

arglose. um die Zeit. ohne Sorgen und Schmerzen. in jenem Herbst. schlössen sich kamen gewisse Leute zu mit ihm im Zimmer ein und flü- und rechneten stundenlang. mächtiger Vater blieb sich immer gleich. wie sie ein jeder hat. Wie so ver- düsterte sich ihres Vaters Gesicht. raten. wußte von nichts und konnte ihr nichts erklären. eine Wendung. von denen sie diesen Herbst in der Schule erstmals wenigstens glaubte sie es. Ihr großer. an und Körper weiche und schwaclie Frau. ohne jeden Übergang. dem ist alles. Da erlitt auch ihr Schicksal einen Riß und Tag verdunkelt. und jene tiefen Falten im Gesicht und das graue Haar schienen ihr nur ein Zeichen einer besonderen Würde und vorzüglichen Größe zu sein. Aus irgendeinem unbedeutenden Anlaß mit einer ihrer Mitschülerinnen in einem gesun23 . konnte sie ihn vergleichen. alles in seiner ganzen unfaßbaren Schwere offengeriet sie Streit. Einzig den olympischen Göttern. Er sprach niemals über sich selbst. er gehört hatte. was die Leute sagen können. Er blieb mehr und mehr zu Hause.verhielt er sich den Erwachsenen gegenüber genauso. längst bekannt und der chen. war ein Geschöpf ohne menschliche Schwächen und niedere Bedürfnisse. wenn auch Und gerade damals. sterten aber dafür ihm. während sie sprenachzudenken und das zu er- was die anderen später auf seine Fragen antwor- ten werden. nicht völlig gleichstellen. eine blonde. Frau Radojka. Trotzdem wurde Seele Rajka bar. dazu benützt. sondern stellte bloß Fragen und hörte sich zerstreut die Antworten an wie ein Mensch. von seinem sich ein heller Piedestal gestürzt. wurde ihr Vater plötzlich. Ihre Mutter.

Mit einer kurzen. Frage.den und zanksüchtigen Mädchen. plötzlich Diese für ihre Jahre ungewöhnlich dicke und unbeholfene Klassenkanieradin fiel beim Spiel hin. und Rajka lachte sie aus. die man niemals mehr vergißt. sondern hat auch andere mitge- wen du willst!« Das sind so die kurzen. die später kommen. das wie alle Kinder der Neureichen nicht auf seine Worte zu achten brauchte. Wie. wie es Erwachsene nur in Gedanken sein können. aus der ihr Vater stürzen mußte. der ist seiner ganzen Länge nach hingefallen. düsteren Falte zwischen den Au- genbrauen kam sie an diesem Tage nach Hause. bankrott. dummen Streitereien auf dem Schulhof und die ersten absonderlichen. Bankrott! Ihr Vater war gefallen.« Die Kleine wurde plötzlich ernst wie vor einem Heiligtum: »Mein Papa ist fällt nicht. Kinder sind in ihren Äußerungen oft so rücksichts- los. Alle sagen Und er ist nicht allein gefallen. reißen die alte Wunde nur weiter auf. wo und warum er gefal- 2-4 . nur für ein Fall und alle sprachen wußte es nicht und ahnte nichts. und begegnete ihrem Vater zum erstenmal als einem gestürzten Mann.« Jetzt lachte das dicke Mädchen boshaft: es. davon. beleidigenden Worte. Da stand das Mädchen rot vor Wut auf und sagte ihr vor allen anderen ins Gesicht: »Was lachst du? Lache lieber über deinen Vater. die so fielen? Und gar aus dieser Höhe. betrachtete aufmerksamer als gewöhnlich ihre Mutter. und wo hörte er auf? Was geschah sie mit denen. denn alle. »Dein Vater rissen. Was war das. die für sie schon damals ein schwaches und unerfahrenes Kind war.

ohne ihre Tränen zu verbergen. 25 . streichelte ihr . die seine weinte den ganzen Tag. Ich war der Meinung. auf. dem spitzen Adamsapfel und den glühenden Augen. führte unhörbare Gespräche mit den Kompagnons waren. In jenen Tagen hörte und der Arzt begann ins Haus zu kommen. Sobald Rajka sie sich neben ihn. doch fand sie jetzt immer mehr Beweise sie für das Schreckliche und Un- glaubhche. trocl<enen Lippen und einer feinen. mühsam . das konnte sie nicht erkunden. Aber jetzt steht es so! Du bist mein kluges Kind und sollst alles wissen. schwarzen Falte zwischen den Brauen. was erfahren hatte. der Vater auf auszugehen. legte sich der Vater ins Bett. du und ich müssen heute einmal miteinander sprechen. Außer dem Arzt und den nächsten Verwandten kam niemand mehr zu ihnen. neben ihm zu sitzen. Er war abgemagert und düster geworden und sah sonderbar aus. Die Mutter Kaufleuten. idi am Leben bleiben und könnte mich halten und brauchte dich nicht so zurü dazulassen. Aber dann hörte auch das auf. mit zusammengekniffenen. die sich aus der Schule heimkam. dieser schon recht winterlichen An einem sie Tage tat das ungewöhnliche und schicksalsschwere Gelöbnis sie ihres Lebens. mit dem nacl<:ten Hals. Er sagte nichts. er ordnete mit dem Buchhalter Veso irgendwelche Schrif- ten und Papiere.len war. setzte nicht mehr verlor. ganz steif. rich- Haar wie ehedem und sprach zu ihr mit ruhiger Stimme: »Siehst du. meine Kleine. so unrasiert. Und als man zum erstenmal den großen irdenen Ofen heizte. Der Vater verHeß das Zimmer nicht. Sie empfand bloß das Bedürfnis. und sie wagte nicht zu fragen. . tete sich Der Vater hieß näher kommen.

nichts hinterlassen außer dem Haus. da du es besser verstehen wirst. in dem dem Laden im Veliki Curciluk und deiner Versicherung bei der >Adria<. weine nicht.und es wird die Zeit kommen. du wirst alles schön und klug ausführen und einrichten. die wenn sie die Welt und gewöhnlichen Licht sehen. aber weich.« Hier richtete sich der Vater noch höher im Bette auf. unterbrachen von Zeit zu Zeit seine Rede. denn ich habe auch jene Verpflichtungen erfüllt. wird dein Vormund sein. aber doch in seinem ganzen 26 . Nein. wenn du achtzehn Jahre alt bist. Das ist für deine Heirat oder für dein Leben. Gazda Mihailo. in dem sich zwar noch nebelhaft. Nein. was sagt. sondern höre und merke. aber beginne dich schon jetzt daran zu gewöhnen. wie sie die Menschen in Augenblicken tiefen Worten zu sagen. dein Vater zu dir Du bist dir von nun an Vater und ist: Mutter. weine nicht. du bist mein großer Sohn. unser Gevatter. Menschen in einem einseitigen. wie du willst und dich entschließt. die ich nicht zu erfüllen brauchte. das merke dir gut. Und sie lauschte ihm mit trockenen Augen. Nur die Schmerzen. Schmerzes oder in der Todesstunde sprechen.. die in drei Jahren zur Auszahlung kommt. denn du weißt. ohne zu schluchzen und zu weinen. wie die Mutter gut. außer- ganz ihr starr vor der Größe des Augenblicks. aber ich kann euch wir leben. Ich werde keine Schande über euch bringen. Diese Rede war einer von den Monologen. mit eigenem Kopf zu denken und zu urteilen und deine Geschäfte selbst zu besorgen.gehorche ihm und achte ihn. brachte sein Gesicht näher an ihr Ohr und begann die er ihr ruhig und feierlich seltsame Dinge mit ungewöhnlichen unbemerkt zu unterdrücken trachtete.

sie schlucken alle Früchte unserer Fähigkeiten und Anstrengungen und der inneren Vornehmheit. wie es das Untergang verstehst. zu besitzen. an deinen sparen. von vornherein zum verurteilt ist.Umfang »Du das Geheimnis des menschlichen Daseins in der Gesellschaft offenbarte. Darauf mußt du deine ganze Aufmerksamkeit und Kraft richten. des leids. das Verhältnis zwi- schen seinen Einkünften und Ausgaben so zu regeln. Umständen ab. wenn du das andere nicht Deine Einkünfte hängen nicht bloß von dir. der zu uns kommt. deshalb sollst du wissen und dir gut merken. der es nicht versteht. vielmehr muß man in und für immer in sich all jene sogenannten höheren Rücksichten töten. Alles das muß man selbst. deine Sparsamkeit jedoch hängt allein von dir ab. rechnet jeder. zu erben. Ein für allemal sollst du wissen und niemals vergessen. Denn es genügt nicht.sichtslos aus der Seele reißen. was ich dir zu sagen habe. sondern du für sie. jeder Mensch.das ist der ge- Wünschen und Bedürfnissen zu erster Linie ringere Teil der Sparsamkeit. denn die Sparsamkeit Leben unbarmherzig sein wie das Ich habe in meinem Leben anders gedaclit muß und diesem Grundsatz zuwidergehandelt. welche die Menschen. sondern von verschiedenen anderen Menschen und zu erwerben. Leben von ihm verlangt. sind am häufigsten die Ursache unserer lebenslängli- dien Armut oder gar unseres völligen Untergangs. Deshalb audi 27 . die noblen Gewohnheiten Großmuts und des MitMit diesen Schwächen. daß bleibst allein. denn die Mutter wird nicht für dich sorgen. um uns zu täuschen. mit den schönsten Namen belegen.. sich rüd<. Es nützt dir nichts. Du mußt gegen dich und andere unbarmherzig sein.

Sie machen nur halt vor dem. daß die Menschen gut und gewissenhaft gegenüber jenen sind. Denn unser Leben Menschen nicht durch die Arbeit erhalten und hochkommen. und dem die Menschen nichts anhaben können. daß es dir nicht schmeichle. spare immer. weder das eine noch das andere zu sein. wenn sie dich loben. Aber jetzt. Merke dir gut: Alle unsere Gefühle und Rücksichten sind nur Schwächen. mit der du ihn hütest und bewahrst. soviel du kannst und willst. wenn sie dich ein geiziges. aber sobald du dich bindest und in Abhängigkeit gerätst. Du mußt wissen. Von klein an gewöhne dich daran. alles in dir und in deiner Umgebung auf dich einreden und dich drängen wird. aber spare. anders zu handeln. da ich sehend geals worden Beispiel bin. Ersteres ist ein Zeichen. Ehre und Rücksicht. sondern durch die Sparsamkeit. kommt daher. Nicht der hat bei den Menschen Glück. daß dir mein Untergang daß und Mahnung diene.bin ich zugrunde gegangen. das zweite. daß sie von ihnen und ihrem Unterhienieden ist so. aber du darfst nicht nachgeben. Arbeite. was du fest in deinen Händen hältst. sondern der fähig ist. daß du auf der Hut sein mußt. herzloses und selbstsüchtiges Geschöpf nennen. und daß es dich nicht im mindesten störe. und auch das nur entsprechend der Größe deines Besitzes und der Geschicklichkeit und Kraft. daß du auf dem richtigen Wege bist. Verwandtschaft und Freundschaft. hört alles auf: Gott und Seele. der gut und freigebig ist. und auf sie lauert und zielt alles um uns. Ich weiß. die nicht von ihnen abhängen und nichts verlangen. überall und mit allem und kümmere dich um nichts und niemand. Und daß die Menschen gute und freigebige Leute loben. daß sich die 28 . möchte ich.

daß sie ein Opfer ihrer Schwächen sein werde. kennenge- du kannst mir den Schmerz erleichtern. je auch nur für einen Augenblick vom guten Willen anderer abhängig sei. nie werde sie ihr Leben aus den Händen lassen und zugeben. den Namen. dich niemals irrelassen. aber sei. am Ende meines Lebens. Aber . und sie schwor ihm. dessen Leben erst begann. was sich zwischen dem Sterbenden und dem Mädchen. wie sich ihr Schicksal gestalte. Wer sich selbst achtet alle. um deine Aufmerksamkeit zu die Leute sie dem täuschen. und das Seine behütet. ab29 genau ohne ein Wort Mcnsdien. die ich erst jetzt. was dir gehört. er aber zog sie plötzlich an sich. daß sie hart und unbarmherzig sparen werde. den schonen und ehren auf etwas anderes kannst du so dich nicht verlassen. und wenn du mir das Versprechen gibst. zur Wand gekehrt. und das Mädchen. Zwei Tage darauf starb der Vater. das die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. daß du meinen Rat begriffen hast. daß womöglich nichts. achte machen und durch Reden ablenken zu bloß auf die Sache. begann zu weinen. die ihn ausgedacht haben. wenn ich sehe. oder menschlicher Gier werde. Deshalb achte auf das Deine. Es tut mir weh. der Klage über sein Schicksal und die niemand erfuhr genau. mit benennen. daß ich dich so jung und noch so unerfahren in dieser Welt zurücklassen muß. in seinen Armen zitternd.« Da schluchzte der Kranke auf.gang leben. um die es sich handelt. und auch später. solange sie bei der Mutter lernt habe. überlasse jenen. Du aber lerne rechtzeitig. wenn sie verheiratet oder allein ohne Rücl<:sicht darauf. Er versdiied um die Mittagszeit. daß du ihn dir merken und immer und in allem beherzigen willst.

Auch 30 . wurde noch ernster und zog sich ganz in sich zurück. die ihr fremd und unverständlich blieben. Die kurze. Das Mädchen. Nach einem Jahr ließ sie für ihren Vater die Seelenmesse lesen. machte ihre alten Kleider länger und begann. Damals begann ein neues Leben. legte ihre Trauerkleidung ab. wie sie die kann. egozentrischen es wollte. gleichen. Ebenso konnte sie niemand bewegen. einem her- ben. Die Verwandten bemühten erheitern sie ein. ohne jede innere Regung. ohne darauf zu achten. auf Kränzchen und Familienfeste. Sie verkehrte mit ihren Altersgenossinnen und Altersgenossen und lauschte mit zusammengepreßten Lippen ihren Lie- dern. was die Welt ihm anbot oder aufzudrängen suchte. jenem ansteckenden. sie in luden führten andere Häuser. das eine wertvolle Würze der Jugend ist und dessen Wert man bloß mit dem der Gesundheit vergleichen sie lachte. bevor richtig sie zum Mädchen herangewachsen Wesen zu war. zu Sie und von diesem Wege abzubringen. ihre Freundinnen zu einem Kränzchen bei sich einzuladen oder sich neue Kleider anzuschaffen.gespielt und welch gefährliches Vermächtnis der Vater seiner Tochter hinterlassen hatte. schwarze Falte zwischen ihren Augenbrauen blieb davon unberührt. das wußte. grundlosen Lachen. sich. Am Ende des Schuljahres verließ sie das Lyzeum mit dem Abgangszeugnis der fünften Klasse. tanzen zu lernen. sie aufzurütteln. vielmehr geistesabwesend und unaufrichtig. Einige Zeit gab sie nach. was und bloß diesem Wollen Rechnung trug. das erst das fünfzehnte Lebensjahr vollendet und bis dahin zurückgezogen gelebt hatte. und ihrem Lachen. aber nur mit den Gesichtsmuskeln.

um mehr wuchs die Sympathie. Trotzdem gewöhnten sich alle sehr bald daran. ohne Handschuhe. die am meisten bemühten. selbst aus. Glattgekämmt. sie nicht mehr als junges Mädchen zu betrachten und sie bei der Vorbe- reitung von Bällen und bei Liebesintrigen zu überge- hen. ja sie sorgt wenn er sich eines Besseren besinnen sollte. Schritt halten. den schließt die Gesellschaft Umstände Rückkehr für ohne Mitleid und irgendwelnoch dafür. lächelte fort. Noch einige Jahre bemühten sich die Verwandten und manche Freundin. dem niemand etwas übelnehmen oder nachsagen konnte. sie möge ihr sonderbares Wesen aufgeben und mit den übrigen Altersgenossinnen lange es Zeit sei. sie umzuwandeln und zu überreden. sie in 31 . stand sie un- ter ihren Altersgefährtinnen schon wie der fertige und abgeschlossene Typ einer Frau da. Noch so jung. ohne Puder im Gesicht. und setzte unbekümmert ihre Lebensweise sich Unter denen. sondern im Gegenteil. Nach einer son- derbaren Logik des gesellschaftlichen Lebens und der weiblichen Natur wirkte sie auf ihre Freundinnen nicht je abstoßend. daß ihm die immer unmöglich gemacht wird. altmodischer ihre Kleidung aussah weiblich ärmlicher je und so und weniger und anziehend ihre Haltung war. so- Sie zuckte bloß die Achseln. immer in demselben altmodischen Kleid und in abgetragenen Schuhen wurde sie gelobt und geliebt. Denn wer che sich selbst von der Gesellschaft absondert. die ihre schönen. geputz- ten Freundinnen ihr entgegenbrachten. sie war vielleicht das einzige Mädchen in Sarajevo.Mode schon längst forderte. aber ernst ge- meinten Verlobungs. auch bei jenen so veränderlichen.und Heiratskombinationen.

Dinge schätzte. aber am häufigsten erscheint er in ihrer Erinnerung als la- Jüngling von neunzehn Jahren. der so leidenschaftlich zu schenken liebte und der es so geschickt verstand. war schon in früher Jugend nach Belgrad gegangen. Rajkas Mutter. das seinen Wün- 32 . dort erwarb er Vermögen. Das war in den ersten Jahren nach dem Tode des Vaters. geboren. Der älteste. eröffnete ein Geschäft und heiratete. herzlich und voller Leben. Ihre Mutter hatte vier Brüder. als die Frauen viele Kinder zur Welt brachten und die Mädchen jung heirateten. für jeden das Geschenk auszuwählen. Der jüngste Bruder. Djordje. mit den älteren Brüdern arbeiten. chend. Mit ihm ging sie zu den ersten Abendgesellschaften und Vergnügungen bei Verwandten und Freunden. schön. sondern lebte als kleiner Herr. aber er dachte nicht daran. Er denn er wurde drei Jahre vor der Heirat seiner Schwester. Vaso und Risto führten gemeinsam die alte Firma in Sarajevo weiter und lebten so. Sie waren damals innige Freunde. blond. von ihm erhielt sie die schönsten Geschenke.die Gesellschaft einzuführen und sie an das gesellschaft- liche Leben und an Unterhaltungen zu gewöhnen. sie ihn zu nennen pflegte. umgab sie mit brüderlicher Zärtlichkeit und väterlicher Fürsorge. groß. »Onkelchen Vlado«. war ihr Onkel Vladimir Hadzi-Vasic. wie die Alten gelebt hatten. Er war gut und aufmerksam zu ihr. beendete die Handelsschule. wie Vladimir. Solche Fälle gab es bei uns einst häufig. Weder vorher noch nachher hat sie einen Menschen gesehen. der teure zusammenzuUn- terhaltungen und sonstige schöne war nur vier Jahre älter als Rajka. Sie sieht ihn als Kind vor sich. Die beiden anderen.

wenn sie an diesen Unglücklichen denkt. und ist traurig bei dem Gedanken an seine ungesunde und unbezähmbare Leidenschaft. nach mehr sen.es war eine Gnade des Schicksals und ein großes Glück für ihn. Verschwendung und leichtsinnigem Hinauswerfen erfaßte. auch sie selbst nicht. die sie für ihn hegte. das sich allein nicht zu raten und zu helfen wußte. gesichts dieses lebendigen Wirbels närrischer 33 . nur nicht sich selbst. an von sich warf. Und doch war es traurig und sündhaft zuzusehen. schwaches Kind. Gejene und Gut zu verschwenden. Geld und Kraft. besessen von dem unverständlichen Wunsch. alles loszuwerden und nackt und allein zu bleiben. Ja. mit der er das alles ob jede Sache.sie jener leichte noch jetzt Schwindel überfallen. als dreißig Jahren. wenn er sie verschenkte Händen kann sah. er denn er Noch heute. Selbst jetzt kann sie in fremden noch jene mütterliche und Zärtlichkeit verspüren. Der herrliche Jüngling mit dem liederlichen Leben und dem engelgleichen Aussehen verbraditc so einige Jahre. und während dieser Zeit gelang es ihm. Im dreiundzwanzigsten Lebensjahr starb er an Tuberkulose. und ihm die größte Freude war wunderbar. wie er zugrunde ging. für ihn erst ihren vollen Wert erhielt. erschien er ihr immer wie ein kleines. erbebt sie. sich zu verschenken sundheit. dem man nur die Hände zu reichen brauchte.. sein Vermögen und sein Leben zu vergeuden. Denn obwohl er ihr Onkel und etwas älter war als sie. aber das vermochte und verstand niemand. als selbstmörderische Schnelligkeit. der sie an- von Vergeudung. die er besaß. damit es aus diesem Wirbel herauskäme.sehen am besten entsprach bereitete. aber von Gott verlaswar jedem Freund.

endes Beispiel für die heranwachsen- den Jungen. zu verschwenden und zu verschenken. das für sie schwerer als jede wog aus Sparsamkeit. In der ganzen Familie lebte die Erinnerung an ihn als ein abschrecl<. in der ersten Abenddämmerung. weiblichen Zärtlichkeit erhalten. Und für das Fräulein ist er bis zum heutigen Tage ihre zarteste und zugleich schrecklichste Erinnerung geblieben. Und er stand schon am Rande des Ruins. soweit sie bei ihrer absonderlichen und strengen Lebensweise und ihrer verschrobenen Natur überhaupt zu so etwas fähig ist. Auch jetzt. Verschwendungssucht! Wie kann man so reich an allem und gleichzeitig so maß. die herabsteigt und vieler Jahre 34 . schrecklich und doch nah und teuer wie ihr eigenes. hatte in unnatürlichem Maße jenes Laster. der ihr im Leben der teuerste war. Arbeit und trotziger Einsamkeit besteht. so ist es die Erinnerung an jenen Onkel. Güte neben Arbeitsscheu. das aus kleinen Sorgen. Ausschweifung und fast irrsinniger Ver- schwendungssucht. unablässigen Kampf gegen jede Verschwendung und jede Ausgabe zeigte sich im Laufe immer wieder sein Bild. wie sich in einem Menschen. In dieser etwas von Erinnerung hat sich dem uneigennützigen Schmerz und der reinen. In ihrem täglichen.denn man kann sich schwer vorstellen. ausgesehen hätte.und sinnlos verschwenderisch sein? Wenn es etwas Höheres und Helleres in ihrem Leben gibt. die widersprechendsten Eigenschaften des Geistes und Körpers finden können: Begabung. Schönheit. so unlösbar verbunden. die ewig offene Frage. rätselhaft. wie sein Leben ohne die Möglichkeit. Der Mensch. Sünde und schwärzer war als der Tod.

zu schreien. nicht dem selbstmörderischen Entschluß. der es nicht braucht. Sie fühlt das Bedürfnis. wird sich — ein immer war und ewig bleiben Sünder! Seine blauen Augen voll unruhigen was er als Glanzes blicken auf sein Gegenüber. aber auch ohne Angst. erweckt sie aus ihrem Traum und führt sie im Nu in die Gegenwart und Wirklichkeit zurück. taucht »Onkelchen Vlado« auf. ihn zu rufen und auf diesem zurückzuhalten in sich in Weg der Selbstvernichtung aufzuhalten. Das verscheucht den Schatten der Jugendzeit. Er erscheint als das. als wolle sie zerfließen und sich schonungslos im Räume verstreuen. und zwar — wie immer — weder traurig noch unglücklich. wenn zur selben Zeit so viele andere schonungs35 . seinem Irrsinn ganz zu verschenken. traurig und ohne jedes Verstehen. aufzulösen und zu verschenken. Sie blickt ihn scharf an. leicht. selbstlos. Im Zimmer greift das Halbdunkel um sich. und jene Welle hellen Haares über der Stirn leuchtet und flimmert. wie er eigentlich sein müßte. denn greift. an den. lächelnd. gutmütigen Lächeln. Schwacli und ohnmächtig erscheint jedes Bemühen. wahnwitzig und verderbt. er aber geht vorüber. Wie in einem ungewöhnlichen Traum sieht sie ihn klar vor sich. wünschten sie. Und als sie das Fräulein kreischt wirklich leicht auf. mit einem freudigen. der es braucht. sondern herrlich. sticht sie nach einem Faden des Strumpfes sich mit der Nadel in den Zeigefinger der linken Hand.zwischen die Fäden dringt. zu bewahren und zu sparen. auf die schlimmste und unwürdigste Art und Weise. Kühl und öde ist alles nach der hellen Vision. und den. die sie abwechselnd hebt und Hegenläßt.

Sie denkt traurig ebenso unmöglich daran. so verdienen sie doch weit 36 . Es ist und hoffnungslos. auch dann. be- und strengt die Augen im Kampf mit der Finsternis an. dagegen anzukämpfen. abzwacken und wegnehmen. von der Wärme. aber sofort besinnt sie herrscht sich. setzt die Arbeit fort sich. vom Licht. So vergehen fünf Minuten. aber siehe da. durchdrungen von feierlichen Gefühl. Ach das weiß sie gut. von zündet. Die Uhr gibt laut die ersparten Sekunden wieder. traurig. Wieder beginnt sie zu stopfen. immer kann man etwas sparen. Doch be- vor sie das Licht einschaltet. aber ist es. von allem kann man etwas abknappen: von der Zeit. Das Fräulein rückt immer mehr zum Fenster. von der Nahrung. mit etwas Anstrengung < der Rast. aber davon wird ihr immer kälter. dem schmerzlichen und zugleich samkeit letztlich daß die äußersten Grenzen der Sparunerreichbar sind. Licht zu machen. es entmutigt Wie weit und unerreich- bar die Grenzen sein mögen. Das macht sie nur sie nicht.los verschwenden. so hätte es bis jetzt schon fünf gebrannt. Die Finsternis macht sich im Zimmer breit. bis Tränen mischt. erscheint. die Flände über ihrer Arbeit gekreuzt. vom Kampf abzulassen und sich zu ergeben. Jetzt kommen und das Dunkel die Fäden versieht man wirklich nichts mehr. Das Feuer im Ofen erlischt. bleibt sie einige Augen- blicke so sitzen. wenn es ganz unmöglich Bei solchen Gedanken vergeudet das Fräulein mit Wonne ihr die ihr Augenlicht statt des elektrischen Lichts. Mit Vergnügen denkt sie: >Hätte ich soeben dem ersten Wunsch nachgegeben und das Licht ange- Minuten unnütz kann man auch jetzt noch jeden Faden sehen und unterscheiden. Immer.

wird alles noch klarer und lebendiger. das heißt vom Tod des Vaters an. die Erinnerungen kommen von selbst zum Vorschein. Sie erinnert sich gern dieser Anfänge. und das Ferne erscheint Und in diesem Halbdunkel neben dem erlosche- nen Ofen. nicht bei den Anfängen halt. Aber Erinnerungen machen. sondern von Mitteln und Wegen. einmal in Bewegung raten. In ihrem jetzigen Leben.mehr Anstrengung. ge- 37 . das aller äußeren Geschehnisse und sichtbaren Veränderungen entbehrt. wenn die Sonne scheint. von den ersten Anfängen. am hellichten Tage. Ihr ganzes Leben. über der beendeten Arbeit. ist alles klar wie nah. erscheint ihr das vollkommen klar und verständlich. Auch die größten Wüsten haben ihren Frühling. Geld zu gewinnen und das Gewonnene zu mehren und zu wahren. wenn das Licht brennt. Die Vergangenheit rückt näher. im ersten Dunkel. offensichtlicher als bei Tage. Damals ergriff ein Traum von ihr Besitz und erfüllte sie mit Phantasien. Entsagung und Opfer als irgendein anderes Ziel. mag er noch so kurz und unmerklich sein. Jetzt. Natürlich nicht mit Phantasien von Liebe oder Kurzweil. Es war die lyrische Zeit ihres Lebens. oder in der Nacht. das der Mensch sich stellen kann. zieht an ihr vorüber.

Gadza Obren. ohne das weibliche Bedürfnis. plötzlich und unab- Damals war es noch sehr ungewöhnlich. als Opfer seiner Güte und seiner strengen. Ohne ein über- 38 . Sie nützte das in gehörigem Maße aus. als daß ihr Vater. daß ein weibliches Wesen.II Die ersten Monate nach traurig. daß man leben und doch zu sei- Tode betrübt sein kann. dazu in diesem Alter. änderlich. aber sches. ärmlich und gegen alle Mode gekleidet. Alle kannten gut das magere Mädchen mit den feurigen schwarzen Augen in dem gelben Gesicht. alten Auffassung von der Kaufmannsehre zugrunde gegangen alle und gestorben war. Aber ihr Fall wurde selbst erledigte. weil das Leben so beschaffen ist. persönlich die Ausnahme betrachtet und als solche hingenommen. Schon in diesen Tagen begann das Leben Rajkas nen Weg zu nehmen. sich zu schmücken und zu verschönen. unerwartet. Und sie behandelten sie dementsprechend rücksichtsvoll. die traurig dem Tode des Vaters waren erhaben wie die Musik eines Totenmar- und freudig zugleich klingt. seine Geschäfte Behörden aufsuchte und mit Geschäftsleuten verhandelte. Alle wußten.

Aber die sein ältester Sohn. und der Direktor der Union-Bank. unausgesprochene Sorge verwid<:elt. Dieser stille Gazda Mihailos war und außerordentlich 39 . Forderungen einzu- treiben. In geschäftlicher Beziehung war die Lage des Hauses ebenfalls schwierig und größte. Auf diese Weise gelang es ihr mit der Zeit. entgegenzukommen und zu helfen. waren ihr der Vormund und Gadza Mihailo. den Vermögensstand. Nachkomme Sarajevo. schläge. in der die Tuberkulose ihre ständigen Opfer obwohl es ihr nie gelang. der Kasse lagen. Bei diesen Geschäften Pate. einer alten Kaufmannsfamilie in Gadza Mihailo war ein kränklicher und müder Mensch. eine Dragutin große Hilfe. die Familie ganz auszu- rotten. So gelang es manche günstige Konversion durchzuführen und manche Härte des Gesetzes zu umgehen. man gab ihr nützliche Rat- einem Geschäftsmann niemals zu geben pflegt. die man schon längst verloren geglaubt hatte. wie sie man recht befriedigend zu ordnen. Pajer. Für das Fräulein ergaben sich die günstigsten und mildesten Lösunihr. dessen Haus das Schicksal so arg mitgespielt hatte. meistens eine von den Töchtern oder einer von den Söhnen. die bei anderen tot in und Papiere zu Geld zu machen. viele zweifelhafte Posten in seiner Buchführung zu sichern. Und jeder bemühte sich. aber jetzt auch von den Enkeln.flüssiges Wort und das geringste Lächeln wandte sie sich an jeden mit bescheidenen Bitten oder bestimmten Wünschen. Immer hielt sich jemand aus der Familie zur Kur Alpen in irgendeinem Sanatorium der österreichisdien oder an der See auf. die möglich waren. den der Vater hinterlassen hatte. gen. fand. diesem traurigen Mädchen.

begabte junge Mann mit dem zarten. aber sie verliehen seiner ganzen Er- scheinung eine schmerzliche Würde. schönen Körper Geist. der sich in Osijek angesiedelt hatte. das Gesicht mit den großen braunen Augen. Direktor Pajer von der Budapester Union-Bank. vernachläs- Bohemien. Die Krankheit. Sein bestimmter Rasse und ohne Vater war ein Deutscher aus dem Banat. eines Heiligen. Lange Zeit hatte der Vater einen umfang- und vergeblichen Briefw^echsel mit dem Sohn geführt. Dieser Gazda Mihailo tat alles. Darin unterstützten alle serbischen Kaufleute der Carsija von Sarajevo. Unter ihnen tat sich besonders ein Filiale der Ausländer hervor. welches sie betroffen hatte. daß die Witwe Gazda Obrens und ihre Tochter nicht ohne Dach und Brot blie- ben und daß ihn alle sie das Unglück. dann jedoch begann er sigte die Schule und lief noch vor der Reifeprüfung nach Serbien davon. Dieser lich Mann mit dem eigent- deutschen Namen war in Wirklichkeit von ganz unrichtige Nationalität. Freunde und Verehrer des unglück- lichen Gazda Obren. möglichst wenig verspürten. als ein rechtes Wunderkind. Verwandten. Jetzt lebte er in Belgrad als Dichter und reichen Verse zu schreiben. erinnerte an die Bilder der spanischen Maler des »Goldenen Zeitalters«. aber jetzt war diese Verbindung längst abgerissen. doch mit galt in einem sehr unruhigen den ersten sechs Jahren als der beste Schüler des Gymnasiums in Sarajevo. w^as einen Menschen bedrücken und schmerzen konnte und was Ansehen und Anstand ihn verschweigen hießen. seine Mutter eine Kroatin aus 40 . die stets von all dem glänzten. die Trauer um den Sohn und die geschäftlichen Sorgen schwächten Gazda Mihailo und zehrten ihn aus.

die sehr auf ihren Adelstitel hielt. sondern blieb auf eigenen Wunsch in diesem Sarajevo. Gewöhnlich kämpfen und ringen in sol- Großmutter väterlicherseits eine Rumänin und die chen Menschen die verschiedenen unversöhnlichen Blutströme miteinander. eigenes Gebäude hatte. vielleicht könnte der leitenden Direktoren in der Budapester Zentrale Bank sein. Pajer war ein leidenschaftlicher Jäger und guter Tennisspieler. Er besaß eine schöne Sammlung alter Waffen und volkstümlicher Stickereien und eine gute Bibliothek mit Büseiner chern der verschiedensten Sprachen. Seinen Fähigkeiten und Verbiner einer dungen nach könnte Stellung bekleiden als Pajer schon längst eine höhere jetzt. Ihre hingegen war Großmutter mütterlicherseits eine Ungarin. breiter. schöner Mann mit schütterem. Er war ein großer. Sie hatten einen einzigen Sohn. großen Augen und weicher Gangart und Sprechweise. Die tung der Bank. der ebenfalls in einem Pensionat in Ungarn weilte. einer reichen und verschrobenen Frau. Verheiratet war er mit einer Ungarin. 41 . an- gegrautem Haar..einer adeligen Familie. aber er unterließ es nicht nur. doch in diesem Menschen flössen sie ruhig nebeneinander her und ergaben ein ungewöhnliches und harmonisches Ganzes. was er von ihren Arbeiten hielt. die nicht bei ihm. die zu den ersten in Sarajevo gehörte und an der Uferstraße ein schönes. je Bil- ohne Lei- zu sagen. Er hatte eine reich und geschmackvoll eingerichtete Wohnung in der Logavina-Straße.er kaufte alte der und unterstützte junge einheimische Künstler. mit dem er völlig vertraut und verwachsen war. einen schönen Jungen. sondern irgendwo auf ihrem väterlichen Gut in Ungarn lebte. sich darum zu bemühen.

Zu beiden Seiten stand noch in einem goldenen Kreis geschrieben: Gegründet iSS^. und jevo übernahm dessen die Firma Radakovic in Sara- langjähriger Geschäftsführer Veso Ruzic unter der Bedingung. wie auch alles andere in seinem Leben. mit der großen alten Überschrift oberhalb der Tür: Obien Radakovic Kommissions. hatte sein Leben an der Seite seines Herrn 42 . doch gut und sorgfältig. Die Geschäfte ließen naturgemäß nach und gingen immer mehr zurück. Das tat er einfach. bescheidenen Buchstaben hinzugefügt: Eigen- tümei Veselin Ruzic. Der Direktor hatte nicht nur in geschäftlichen Beziehungen zu Gazda Obren gestanden. diesen Leuten und dank der männlichen Ausdauer Rajkas wurde die Hinterlassenschaft des Gazda Obren Radakovic mit der Zeit auf die günstigste Weise liquidiert und die Frage nach der Existenz und dem Lebensunterhalt seiner Familie glücklich gelöst.und Agentaigeschäft. Dieser Veso seit jeher vom Gazda Obren.betrieb er gewissermaßen als Nebenbeschäftigung. mit den Erben »auf den dritten Groschen« zu arbeiten. sondern war ihm auch in langjähriger. dessen hielt er es für Witwe und Tochter zu sie sich unterstüt- zen und ihnen zu helfen. sauber. eng. Alle Geschäfte Gazda Obrens außerhalb Sarajevos Dank wurden eingestellt. und darunter war in kleinen. wie ihn alle Leute nannten und den auch jetzt niemand Gazda Veso nannte. aufrichtiger Freundschaft verbun- den gewesen. halbdunkel und fast leer. aber beim Eingang in den Veliki Curciluk verblieb ein kleiner Laden. Nach Gazda Obrens Tode seine Pflicht. er arbeitete mit aller Ruhe. daß zurechtfanden. ruhig und ohne viele Worte.

Seine Kleidung sah schlicht.und sah es als natürlich an. gen durch und besprach Ohne zu reden. doch sein Verstand arbeitete. verschwiezeitig gefurchten Gesicht. Jetzt. rundlich. Schon in den ersten Wochen ging Rajka täglich in den Laden. sorgenvoll und einsam wie ein WaisenOhne die Unterstützung seines Gazda fühlte er sich verlassen und schwach. der neben seinem mächtigen Gazda wie ein Wesen ohne eigenen Willen und selbständiges Denken ausgesehen hatte. Dort sah sie mit Veso die Büclier und Reclinunalles Nötige. saß er den ganzen kind. und der Familie zu dienen. in den Fenstern und auf dem winzigen Hof sah man Blumen. Tag im Laden. war klein. er hatte eine feine Stimme und einen großen Kopf mit einem roten. Die beiden hatten keine Kinder und lebten friedlich und einträchtig wie zwei Turlich teltauben miteinander. sondern auch — auf seine Art und Weise — klug und geschickt. Seine Frau Soka war ebenso klein. zugebracht ein Waise unbekannter . Dieser kleine genes Bäuerlein. blond und rundlich wie er. und ohne Schnurrbart. Sie lebten im oberen Teil der Stadt in einem kleinen Häuschen. aber rein- und nett aus. war in Wirklichkeit ein ausdauerndes. so schnell er nur konnte. es war weiß getüncht und gut instand gehalten. Auch in diesem Unglück zeigte er sich nicht nur anhänglich. Abkunft — er stammte irgend- woher vom Lande — wirkte unreif. und die Äuglein und kleinen roten Hände waren unaufhörlich in Bewegung. 43 . nach dem Tode des Herrn. vorpausbäckig Mann. was übriggeblieben war. zu behüten. das vor Sauberkeit und Ordnung glänzte. Veso. auch weiterhin im Schatten seines Namens zu bleiben.

Aber neben dem Laden und neben ihren Verhandlungen mit Geschäftsleuten und Ämtern vergaß Rajka nicht ihr Haus. wie von dieser Seite der Mechanis- mus aussah. ein zweites. Auch Haus hier begann sie mit der Zeit ihren sagte sie sich sie eigenen Willen durchzusetzen. man daß das keine Beschäftigung für ein weibliches Wesen sei. noch dazu in ihrem Alter. in dem ihr Vater umgekommen war und den sie jetzt immer besser kennenlernte. auch nicht. denn so etwas wäre keinem Menschen eingefallen. dem Va- und in demselben Augenblick zitterte fühlte sie. schon nach der Halb Jahresseelenmesse. Erfahrungen sammeln und sehen wollte. denn soviel war jetzt nicht zu tun. weil die Geschäfte es verlangten.düster machte sie sich mit der Buchhaltung. das ihr der Vater hinterlassen hatte. da sie die Banken und Ämter aufsuchte und ihr und der Mutter klei- nes. der Handelskorrespondenz und der ganzen Art gelassen^ und der Geschäftsführung bekannt. der wie eine lebende Erinnerung an Gazda Obren aussah. Und schon das bloße Sitzen in dem halbdunklen. Vergeblich sagte ihr. kam ihr vor wie ein Dienst an dem Vermächtnis. kühlen La- den neben diesem Veso. mächtigeres Herz. sondern weil sie lernen. >}etzt ist das in meinen Händen<. etwas schmerzlich Süßes und Erregendes. wie mitten in ihrer Brust etwas und klopfte. die ter hatte lesen lassen. Zuerst erklärte sie der Mutter ihren Plan für die Füh- rung des Haushalts. weil sie kein Vertrauen zu ihm hatte. sondern nur 44 . Sie brachte hier täglich ein bis zwei Stunden neben Veso zu. nicht den ganzen Plan. nicht etwa. ungesichertes Vermögen in Ordnung brachte.

die Seit der im Hause eines Kaufmanns zu tun Hochzeit Gazda Obrens lebte er hier im Hause. Wir heizen dein Schlafzimmer. lassen Sie uns überlegen. das uns die Leute zugefügt haben. Du ruhe dich aus und kümmere dich um deine Handarbeiten.soweit er sich auf sie bezog und soviel sie von ihm wissen mußte. Wir müssen gleich damit beginnen. »Es ist Vaters Wunsch. verrichtete. um dir zu sagen. rief das Fräulein Simo zu sich.« «Schön. ich habe dich gerufen.« 45 . Holz Wasser zutrug und all jene groben Arbeiten sind. und gutmütiger Mensch. der das Pferd und die Kuh besorgte. Sie hatte die Bedeu- tung dieser Worte noch nicht voll erkannt. während er sich mit der linken Hand Er war schlichter über den braunen. Im folgenden Monat spaltete.« Frau Radojka weinte. lockeren Schnurrbart »Simo. Er trat vor sie. sich seit les strich. ohne Frau und Familie. was jetzt ihnen und was uns gehört. in dem du auch sonst die Tage verbringen wirst. auch der stens auf diese Lehmofen im Vorzimmer nicht. den Burschen. sie in diesen Tagen über was man zu ihr sagte. ewig Diener zu sein und das Leben seiner Herrsdiaft zu leben. allein. wie geschaffen. Die Leute haben uns genommen. Für Bedienung. ein kräftiger. Deshalb müssen wir an uns denken und uns überlegen. Kost und alles übrige sorge von nun an ich. daß wir sparen und wenig- Weise das Übel gutmachen. so wie alles weinte. wie wir zu Rande kommen und uns einsdiränken können. Das habe ich ihm versprochen. daß al- dem Tode meines Vaters in unserem Hause geändert hat. Von jetzt an wird das große Besuchszimmer nicht mehr geheizt. Fräulein Rajka.

und seine Augen um- sdiatteten sich. fuhr das Fräulein nicht gehört hätte. doch gleich darauf dachte sie. daß du immer ein guter Mensch daß es besser ist.« Seine Stimme wurde dunkel. aber jetzt kommen für uns solche Zeiten. Ich frage nicht nach der Am Demetriustag waren es siebzehn Jahre.« . Simo. was es sprach.« »Wie?« »Ich wollte dir sagen. warst und daß dich mein Vater gern hatte. wenn du dich möglichst bald nach 46 einer Stelle umsiehst.« Simo wandte um und schaute in die Runde. etwas Süßes und Gefährliches zugleich. es war ein Gefühl. und sollte ich selbst von Wasser und Bezahlung. Das Mädchen fühlte. als ob sie ihn und die Kuh verkaufen und deshalb keinen Burschen mehr brauchen. »Und ich habe geglaubt. von denen der Vater auf dem Totenbett gesprochen hatte. daß Sie gerade jetzt ein Mannsbild im Hause brauchen.sie hob ihren Kopf noch höher und sagte kühl und schärfer als beabsichtigt: »Ich weiß. daß es einer jener Augenblicke der Schwäche sei. als suchte er einen erwachsenen und verständigen Men- schen neben diesem Mädchen.»Wir werden«. daß ich zum seligen Herrn gekommen bin. daß du dir bis zum i. »auch das Pferd fort. Brot leben. wie in ihrer Brust etwas erbebte. Seinetwegen möchte ich Sie und die Frau nicht um alles in der Welt verlassen. Das brachte sie ins Wanken. das nicht wußte. als beugte sie sich über einen tiefen AbgRind. Januar hier- bleiben kannst und daß du sich schon jetzt eine Stelle suchen sollst.

und auch ich will im Hause helfen. Das Mäddien antwortete ruhig. Das Mädchen wurde noch steifer und richtete sich noch mehr auf. Wenn könntest du morgen und gib mir dann BeDas Geld für die häuslichen Bedürfnisse verwalte von nun an ich. denn die Vermögenslage sei zwar schwierig. für zwanzig Kronen monatlich es dir so recht vierundzwanzig blei- wie bisher. Gazda Mihailo kam und riet. Verschiedene Verwandte ermahnten die Mutter.Mensch ging verwirrt und traurig und das Mädchen rief nach der Köchin Rezika. Überlege es dir bis 47 . was der Vater in der Sterbestunde zu ihr gesagt habe. Deine Arbeit wird von nun an geringer sein. Es wird bei chen mehr geben. daß wir mit dem Vater alles verAuch das Leben im Hause muß sich änuns keine Gäste und kein großes Ko- dern. wie zu einer GeneralDer vierschrötige hinaus. und wenn sie auch ben. etwas schroff und eigenwillig wie alle guten Köchinnen in der Welt. ich bereits gekündigt. Aber die Mutter konnte nur weinen oder lächeln. du weißt. nichts zu übereilen. loren haben.« Bestürzung und wahrer Aufruhr machten sich "breit. nicht zuzulassen. aber statt ist. Auch sie war schon sechs Jahre im Hause. eine kräftige Frau. Teure Bedienung können wir uns nicht mehr leisten. scheid. die Not jedoch nicht so groß. sondern auch in der Nachbarschaft und bei den entferntesten Verwandten und Bekannten. »Rezika. Simo habe Dich könnten wir behalten. In der ersten Zeit gehen wir jeden Morgen gemeinsam auf den Markt. daß sie am besten wisse. daß man das Haus ganz zusperren müsse. probe. nicht nur im Hause. daß dieses unreife und eigenwillige Mädchen im Hause herrsche.

Schließlich lief Zu Neujahr Rezika die Galle über. das noch in die Sagenwelt eingehen werde. wenn Das Fräulein nahm ein Mädchen für die gesamte Hausarbeit. Solange ihr Onkel Vlado lebte. die Verbindung zur Welt nicht ganz abzubrechen. brachte er Geschenke. die Zeit half ihr. Jeden und unerbittlich aus. wo sie mit jedem Tag die Ausgaben weiter verringerte und zugleich die Menge und Güte der gekauften Lebensmittel herabsetzte. Das Fräulein pflegte mit ihr auf den Markt zu gehen. wurden ihrer Halsstarrigkeit bald müde und ließen sie nach ihrem Kopf wirtschaften. Sie führte jetzt mit der Mutter die Küche. gefaßte Entschlüsse zu verwirklichen und neue zu fassen. ihrer Mutter. so könne wie sie doch in ihrem Hause schalten und walten. 48 . damit sie die zugedrückte Hand und die strenge Gemütsart ihrer Tochter möglichst wenig fühle. Seiner Schwester. konnte er ihr mancherlei Übertreibungen ihrer Sparsucht ausreden und sie dazu bewegen.noch nicht volljährig sei für andere Entscheidungen. verließ sie wolle. Rezika blieb noch zwei Monate bei geringerem Lohn. Die Verwandten und Freundinnen. Weinend verabschiedete sie sich sie in von der Frau. bevor sie ihn faßte. aber dachte lange darüber nach. daß sie lieber einer Eskaals diesem Ungeheuer von einem Kind. Simo tatsächlich das Haus. Und sie sie arbeitete planvoll ihrer Entschlüsse führte sie schnell und mit Geduld. den Nachbarhäusern. die ihr zu Beginn Ratschläge erteilt hatten. und zwischen den einzelnen Entschlüssen ließ sie genügend Zeit verstreichen. und dann erzählte dron Husaren diene es so weitermache. länger konnte sie es nicht aushalten.

denen man einen Wunsch schwer abschlägt und eine Sünde leicht verzeiht. »Ich will nicht. Also. mit einem Tuch Ellenbogen. daß der Kutscher stundenweise be- werde und daß mit jeder Minute die Ausgabe wachse. du bist Irrenanstalt!« Sie schaute durchs Fenster reif für die und sah eine neue. als verlöre sie ihr Blut tropfenweise. hatte etwas Fröhliches und Gutmütiges. staubig und rußig bis zu den dich fertig! Ich bin »Komm. bei Gott. du siehst. da habe ich begonnen. wie ich ausschaue! So ein schöner Tag.« »Gott mit dir.« »Droschke. Er traf Rajka bei schwerer Arbeit an.Mit ihm konnte man noch lachen und scherzen. Schon der Gedanke. den Dachboden zu entrümpeln und zu reinigen.« »Der Boden läuft dir nicht davon. ich bin ernstlich böse. um sein Lachen zu übertönen. mach dich zu gekommen. sagst du? Oh.« 49 . Selbst der Kampf. glän- zende Droschke und einen Kutscher mit rotem Fes auf dem Kopf und mit einer Blume zahlt auf der Peitschenspitze. ist Eine ganze Gesellschaft da. zieh dich an! Die Droschke wartet. Vlado. den er und Rajka ununterbrochen ihrer Sparsamkeit und seiner Verschwendung wegen führten. fügte ihr einen unerträglichen Schmerz zu. nur um nicht ihn und den ver- fluchten Kutscher zu sehen. und kreisdite auf. kam er her- eingeschneit. um einem Gefrorenen im >Benbasa< einzuladen. denn er war einer von jenen Menschen. Sie bedecl<:te ihr Gesicht mit den Händen. Wenn sie ihn am wenigsten erwarteten. weder dich noch ihn will ich sehen. um den Kopf.

Dort hatten sie bei Musik und Zechgelage die ganze Nacht verbracht. von denen einige erst kurz vorher gelammt hatten. (»Was ist eine Sommernacht? Nichts. Lachen sträuben. Mit zwei Freunden. unausgeschlafen. solchen wie er. du lebtest nicht. sagt ihr mir. Schließlich einigten sie sich: Er und Sichwürde den sie Kutscher entlassen (denn das teure Warten konnte nicht ertragen). wäre es besser. mit einer Frisur. worum es sich handelte. denn bei dümmere und wunderlichere ihm war kein Wunder ausgeschlossen und unmöglich. »Immer daß ich nicht arbeite und nichts verdiene«. »aber seht. Er schön. ich habe mich im Ernst dem Handel und der Landwirtschaft geweiht. lächelnd. Unterwegs stießen sie auf eine ganze Herde Schafe. und einem lächelnd. Ihr Kutscher kam nur schwer 50 .« Aber wer konnte gern sich in seinem Beisein wirklich är- und ernst bleiben? Im Zimmer begann ein Laufen. Hier bringe ich euch die erste Frucht meiner Arbeit.« Doch als er sich gesetzt und alles erzählt hatte. war er zur Bosnaquelle gefahren.»Komm. Wenn du dich umdrehst. wenn dir etwas an meinem Leben liegt!«« »Wenn du so bist. sie dagegen finster. und sie wollte sich waschen und anklei- den. der hinten länger war als vorn. Dinge. mit einer Rose im Knopfloch. ist sie vorüber!«) Bei Sonnenaufgang fuhren sie in einer Kutsche zurück nach Sarajevo. Eines Morgens erschien er bei ihnen im Es geschahen noch Hause. die keinen Namen hatte. Dann gingen sie zu Fuß durch die Stadt. staubig. abgezehrt. mit einem kleinen Lamm im Arm. meinte er lachend. Rock. sah man. im weißen Anzug aus japanischer Seide.

Milch und Staub roch. begann er den Preis zu steigern. schließlich aber kam ihnen das Ganze amüsant vor. elf dem Marktpreis lag. das kauften einundsechzig Schafe und Lämmer und trieben ihr Vieh auf Sarajevo zu. soviel Vieh auf einmal zu verkaufen. besitzen an solchen sommerlichen Sonnenaufgängen ein weites Herz und verspüren großes Verlangen nach kühnen Streichen. 51 . der den Vorschlag der lustigen herrschaftlichen Burschen ablehnte. Als sie ins Gasthaus von Alipasin Most kamen. der die Herde trieb. daß sein Herr in Alipasin Most zu finden sei. verschlagenen Dorfspekulanten. sie erst.durch die dichte. Als sie aber ernsthaft und zäh auf dem Geschäft bestanden. die wenigstens dreißig Prozent über sie bei sich hatten. von den Freunden machte den Vorschlag. Die jungen Leute schütteten ihr ganzes Geld aus. Zuerst ärgerten sie sich darüber. daß es niclit leicht war. begaben auf den Viehmarkt. trafen sie dort auf Einer einen dicken. wogende Masse. Es gibt keinen Gedanken. Als sie es satt hatten. dort zu verkaufen und den Gewinn zu teilen. die nach Wolle. die ganze Schafherde gemeinsam zu erwerben. und reuten ihr Tun. er sagte ihnen. der ihnen in diesen Stunden nicht einfiele und den sie nicht bereit wären auszuführen. Die Sache endete mit einer phantastischen Verkaufssumme. Der Mann. Aber sie be- sdion unterwegs flaute ihre Begeisterung ab. Alle drei waren begeistert. sie sich Da Markttag Dort sahen sie war. Junge Leute. Natürlich mit einem unvermeidlichen Verlust. war ein Lohnknecht. die eine ganze Nacht mit Gesang und Trunk verbracht haben. noch ehe sie die Stadt erreicht hatten. nach Sarajevo zu treiben. ließen einen Mann zurüdc. daß er den Verkauf durchführe.

So stellten auch sie allmählich ihre Besuche ein. schwere und Pfändungen. wurde ganz und lebte bei ihnen wie ein Hündchen. sein Leben wurde immer unerquicklicher. Die Freundinnen ihrer Mutter kamen noch eine die teuerste Art Zeitlang zu Besuch. wieviel Kaffee und Zucker bei diesen müßigen Gesprächen vergeusich det wurde. Dann kam das letzte Jahr Onkel Viados. er ihr sein weißes. am zweiten Tag nach seiner Ankunft erstickte er an einem Blutsturz. eine häßliche. Prozesse sonal schleppte die wenigen wertvollen Gegenstände fort. Immerfort wollte sie wissen. sein drei- undzwanzigstes Lebensjahr. wann und warum. es zu schlachten. die es gab! Rajka wurde danach immer einsamer. die bereits Geschäftsinhaber und Hausherren sein müßten. und statt zu antworten.Rajka lachte über diese Dummheit und weinte vor Zorn ob des leichtsinnigen Verlustes und der Verspielt- heit dieser jungen Leute. . Als Rajka jedoch sah. Auch zum Sterben hatte er sich und Weise ausgesucht. wieviel sie für ein Schaf gezahlt hätten und wie groß der Verlust sein werde. die er noch besaß. sie wußte selbst nicht. Sie gewannen das Tier so lieb. begann sie den Küchenschrank abzusperren und den Schlüssel bei ter- zu tragen. Er starb in Dubrovnik ganz einsam in einem Hotel. daß sie es nicht übers Herz brachten. Auch die nächsten Altersgenossinnen bekamen sie immer seltener zu Gesicht. Aber Vlado lachte nur. friedliches Lamm zahm Dieses Lamm blieb in ihrem Hause. Das HotelperZeit voller Schulden. und zum Schluß kam noch Krankheit hinzu. und mütterlicherseits Verwandten verkehrten immer noch die Nur väbei 52. wie. sondern es einem Fleischer verkauften. hielt ins Gesicht.

denn jede Berührung. wie es war. die in Dem Fräulein schien es. die in glücklidien achten ist. was Gebrauch blieb. die bei uns auch dann noch wenn alles andere nachläßt. sie welch unangenehme Überraschung ses diesmal erleben würden. und unverteidigt. während jene. offen die anderen wie eines. was durch Gebrauch abgenützt und was beiseite gelegt werden konnte. verän- derte sich auf unerklärliche Weise. das im Ver- borgenen mehrte. Man konnte nicht sagen. sowie gemäß dem alten Grundsatz all unserer bürgerlichen Familien: »Mag er sein. als sparten den Schränken und Truhen eingeschlossenen Sachen zusammen mit ihr. täglich etwas verloren. und zerund weitere Auslagen verin Aber auch das. er ist einer der Unsrigen. der nicht so sehr vom Reichtum als vielmehr vom Herzen und dem angeborenen Edelmut des Hausherrn herrührte. Kein Gegenstand war aus dem Hause getragen worden. das einst in jenem Denn diewarmen Überfluß strahlte und glänzte. gen. Haus. als wäre es miteinander verfeindet. Alles stand da. wirkte jetzt von Jahr zu Jahr kühler und unfreundlicher. sich selbst verzehrte ursadite. wie er will. die in Gebrauch waren. Füßen und womöglich den Blicken entzogen. daß das Haus unrein oder verwahrlost gewesen wäre. jeder Blick fremder Augen nahm ihnen etwas.« Sie kamen unmutig und mit mannigfaltigen Befürchtungelten. Die ersich steren kamen ihr vor all wie ein Kapital. und sie fragten sich stets. war den menschlichen Händen. doch alles. aber es war weit von jener hellen und gesunden Rein- lichkeit entfernt. das sich. verringerte schmolz. denn der Geiz ist Häusern zu beobeine von den Leidenscliaf53 .ihnen gemäß den mächtigen Gesetzen der verwandtschafthchen Bindungen.

wie sie in jeder orientalischen Stadt zu finden sind. sie seien schmutzig. reits offenbar. Hier lebte man noch von der früheren Reinhchl<eit. mit jedem Tag und jeder Stunde. Die Bettlerschicht ist in Wirklichkeit eine von jenen Einrichtungen. es war klar. einer Leidenschaft leben. Man muß wissen. und Räume in manchen Klöstern oder in den Wohdie bloß einem Gedanken. daß die Bettler im damaligen Sarajevo noch zu jener besonderen Sorte von Bettlern gehörten. Solchen Häusern weicht man jedoch aus. für den man sie brauchte.ten. und man betritt sie nur im Notfall. Aber unsere alte 54 . Ein solches Aussehen erhalten mit den Jahren Gegenstände den Tekijas. versteinerten Mißmuts. etwas von seinem Glanz und seiner Lebenswärme und überzog sich mit jener kaum merklichen grauen Haut. die auf geheiligtem Aberglauben und listiger Berechnung beruhen und in denen die reichen Leute ein billiges Mittel zur Beruhigung ihres Gewissens und die Armen einen unmittelbaren Weg zur Be- friedigung ihrer Bedürfnisse sehen. aber beständig. damit man nicht sagen konnte. Alles in diesem Hause verlor langsam. die der Unsauberkeit vorangeht. daß diese Sachen nur soweit gereinigt wurden. Auf den ersten Blick sah man. in nungen lediger Sonderlinge. Aber die ersten Anzeichen wurden be- In allen Räumen und um jeden einzelnen Gegenstand verbreitete sich unbemerkt eine Atmosphäre düsterer Langeweile und eisigen. als es unbedingt notwendig war. daß man von ihnen nicht mehr verlangte. Außer den Verwandten kamen noch lange Zeit Bettler ins Haus. als daß sie den Zwecl<: erfüllten. die sich mit der Zeit auch den physischen Schmutz nach ziehen.

während sie den Haus55 . um die Herzen der Menschen wer würdig ist. daß Wohlstand und Aufschwung in diesem Hause von Dauer sind. Waisenkinder. und wer nicht. und ziehen weiter. die nicht arbeiten können oder nach allgemeiner Auffassung und mit allgemeiner sie Zustimmung nicht zu arbeiten brauchen. die aus lauter Flicken zusammengesetzt sind. Hinfällige. sie gleichen dem lieben Gott aus den Legenden. während Welt sie anderen nichts haben und nie etwas haben werden. mal bösem. mal furchtsamem Blick. doch heiliges Recht haben. der zufolge die einen die alles haben und immer haben werden. Für waren das »Menschen Gottes«. mit ausgestreckter Hand und unstetem. er- scheinen sie in den einzelnen Häusern an bestimmten Tagen oder sogar zu bestimmten Stunden. empfangen ihien Kreuzer oder ihr Stück Brot als Teil dieses Gutes und Besitzes. doch ewigen Ratschlüsse einer göttlichen Vorsehung«.bürgerliche Gesellschaft hat das nicht so angesehen. die ganze obwohl um Da sie ihren festen Wege- Gottes Lohn beschenkt. Taubstumme. einen lebendigen Beweis. mit einem Brotsack auf dem Rücken und einem Stab in der Hand. von Geburt an verkrüppelt und unglücklich. zu prüfen. auf das sie ein unverbrieftes. In ihnen sehen die vermögenden Leute eine des reiche oder auch nur vermögende Bestätigung »der unbegreiflichen. das Gesicht vom Bart umwuchert. und Zeitplan haben. in Kleidern. um zu erforschen. ein Gegenstand allgemeiner Sorge und Verpflichtung. wie er als Bettler verkleidet durch die Welt wandert. Sie alle stellen für je- Haus eine Art guter Geister dar. geistesschwache oder sonstwie unglückliche Frauen. doch heiter dreinblidcende Greise. reich und glücklich zu sein.

das gleichermaßen notwendig Gebenden wie für die Nehmenden.und Erwerbsweise erklären. was man anders nicht gutzumachen vermochte oder verstand. während unsere die auf Bettler (wenigstens nach unseren orientalischen Begriffen) selbst Opfer sind. Überlieferung als etwas Heilsames und Gerechtes angesehen. In dem Hause waren die Bettler in den letzten achtzehn Jahren herzlich aufgenommen und reich beschenkt worden. was Gott gegeben Menschen und das Unglück nicht haben nehmen können und was das Almosen — dieses Lösegeld — schützt und erhält. Jetzt begann sich war für die 56 . Die Bettler dort sind größtenteils lasterhafte Menschen. Das wußte man. Schmarotzer und Betrüger. und sie noch mehr das mehr sind als Glück und die Freude über das empfinden lassen. Dieses Betteln hat bei uns nicht denselben Sinn und hat. Das Betteln bei uns läßt (oder ließ) sich nur im engsten Zu- sammenha-ig mit unserer bürgerlichen und kaufmännischen Auffassung vom menschlichen Schicksal und mit unserer Lebens. die nach Opfern suchen. die uneine natürliche und aner- kannte Art. zu ersetzen und wiedergutzumachen. was die die gleiche Bedeutung wie in den Ländern Westeuropas. alten und beständigen Austausch zwischen den Besitzenden glücklich und bedürftig sind. die leere Worte. Geschöpfe. als etwas.Vätern ihre Segenswünsche schenken. und jenen dar. ihrem Rücken einen unvermeidlichen Teil des gesellschaftlichen Elends tragen. eben dadurch zu Gläubigern aller anderen werden und am Glüdc der Glücklichen und am Reichtum der Reichen teilhaben. Es stellt einen notwendigen. Infolgedessen alter wurde die Bettelei nach stiller.

Für sie war das Beschenken der Bettler eine tiefvei'wurzelte. um es ihm und zu geben. ihn absie die weisen zu können. mit scharfem Blick prüfend. einen Gruß murmelten oder ein armseliges Lächeln aufsetzten und vergeblich darauf warfehlern Unaufrichtigkeit decken. daß man an dieser so heih- gen Einrichtung rührte. schloß harten Käse und Haustür ab und ging altes Brot nahm sie ein Stüdc kam zurücl<:. in der Dienstbotenfrage. indem sie ihr mit der Hand winkten. erinnerte 57 . in das sie geheiratet hatte. sie suchte in den Lumpen der Bettelnden Spuren heim- tüdvisch verborgenen Reichtums und in ihren Körper- und Verstellung zu entvon ihnen hatten sie schon als Kind gekannt und grüßten sie. Ihre Mutter. Deshalb konnte Rajka diesen Brauch nicht plötzlich abbrechen. Wenn sie feststellte. wer Hilfe verdiente und wer nicht. Dort keine Ausrede hatte. die in allem nachgiebig war. Nur sah das Fräulein hierbei nicht so schroff daß man und grob verfahren könne wie ein.auch das zu ändern. Aber da sie noch unsidier und ein wahrer Anfänger in der sdiweren Kunst des Sparens und Geizens war. daß auch sie lächle. heilige Pflicht. solange auch nur ein Stückchen im Hause war. jetzt Die Bettler spürten sofort diese Hand. Sie konnte Brot sich nicht denken. diese sie Auffassung hatte aus ihrem Vaterhaus mitgebracht und auch in dem Ffause vorgefunden. Die meisten teten. zeigte sich in dieser Angelegenheit lange widerspenstig. Sie empfing sie auf ihre Art und Weise: streng. doch nahm sie von nun an ihre das Beschenken der Bettler wie alles übrige in Hand. daß der sie Bettler wirklich alt und schwach war und daß in die Küche. kühl.

sie schnitt auch von die- sem Stück eine dünne Scheibe das Stück in die Und als sie dem Bett- Hand gab. indem sie sie beschimpfte. und ließ die Hälfte im Korb. kam ihr das nun in die Küche. Einer für sie gut hatte vergessen. Schließlich geschah etwas. gab wiederum das Messer und hatte. Als sie schon mit dem. betrachtete sie noch im- mer das Brot und den Gesichtsausdruck des Bettlers. unerhört und undenkbar war. sie verstellten sich nur. sich. was sie schließlich für den Bettler beStück zu groß vor. Das diente ihr als Vorwand. Die Bettler kamen immer seltener. Frau Radojka beklagte sich . wieder ging sie halbierte das Brot stimmt nahm ler gehen wollte. Monat für Monat. und in Wirklichkeit lägen sie auf dem Gelde. daß in Paris eine Bettlerin in Elend sei und Lumpen gestorben und daß man später in ihrem Strohsack Ersparnisse Höhe von 250 000 Franken gefunden habe. das ihren Hof vor allen Kaufmannshöfen in Sarajevo auszeichnete.sie sich erst im Gang. das Hoftor zu schließen. Jeder Anlaß war einen Bettler und hinreichend genug. eine ganze Woche alle Bettler abzuweisen. um abzuschätzen. ob sie sich nicht etwa getäuscht und zuviel gegeben habe. in dem noch ein menschliches Wesen lebte. So ging es Tag für Tag. ab. daß irgendein noch Sie bedürftigerer Bettler kommen könne. nahm nur das ßrot mit aber als sie es unterwegs betrachtete. ein anderer hatte mit seinen bloßen Füßen Straßendreck hereingetragen und das feine. abzuweisen und davonzujagen. es ihr einen Riß. kehrte in die Küche zurück und Heß den Käse im Schrank. bis sie in schließlich ganz wegblieben. was für ein Kaufmannshaus. weiße Pflaster beschmutzt. Eines Tages las sie wieder in der Zeitung.

Er atmete schwer. unüberwindlicher Fluch getroffen. Oft stand sie am und schaute erschrocken und besorgt auf die Straße. um ihr mitzuteilen. fast gerührt. daß sie angestrengt nachdachte.bitter. denn sein Asthma machte ihm stark zu schaffen und behinderte ihn bei der Arbeit. Sie weinte und grämte sich darüber. kam der rungsgesellschaft in Triest erhalten. dessen Endziel sie sie selbst nicht klar Wege riet und auch So niemandem verund vollständig vor Termin heran. als sei es verpestet oder ausgestorben. ihr war. die Schwelle ihres daß »kein Mühseliger und kein Beladener« über Hauses komme. da ihre Versicherung ablief. aus denen zu ersehen war. wie bekannte Bettlergestalten vorbeischlüpften und um ihr Haus einen Bogen machten. als müßte sie selbst auf etwas verzichten. Rajkas Vormund einfach und ruhig wie immer. Ende Januar erschien bei ihnen dann auch tatsächlich Gazda Mihailo. was sie ihrer Meinung nach auf ihrem behinderte. als hätte Fenster sie ein schwerer. Der Vormund zeigte ihr die Papiere. Nur die Falte zwischen den Augen verdoppelte sich und zeigte. dann konnte sie mit eigenen Augen sehen. doch etwas feierlicher als sonst. lein Planmäßig und nacheinander befreite sich das Fräuvon allem. Das Fräulein nahm die Nachricht ohne die mindeste Aufregung entgegen. Mit Beginn des neuen Jahres sollte das Fräulein zwanzigtausend Kronen von der Versichesich sah. Er kam. daß die Gesellschaft ihre Versicherungssumme ausgezahlt habe und der Betrag auf ihren Namen in der Union-Bank eingezahlt worden sei. daß die Gesellschaft die ganze Summe 59 .

zu verbinden. »Mich kostet es nichts.« seltsamsten Gazda Mihailo verließ hüstelnd das Haus. gestatten. die sich in allem sehr entge- genkommend gezeigt habe. aber die Gesellschaft hat einen Nutzen davon. kurze Zeit darauf. wenn sie will. es. und deshalb muß sie mir etwas zahlen. Gleichzeitig teilte er ihr mit. daß es nur recht und billig sei. daß die Gesellschaft. es den Zeitungen erdies mit den Spesen vollkommen verdient. Die Danksagung erschien nicht. Aber Gazda Mihailo sollte noch größere Überraschungen mit seinem Paten- kind erleben. die nach den Statuten der Versicherte tragen müsse. Zeitungen Sarajevos die übliche Anerkennung für die rasche Erledigung und die kulante Auszahlung »Ich erlaube doch unter der Bedingung. erwarte. Eines Tages. das Fräulein werde daß in den erscheine. und die Gesellschaft habe scheine. der seinen Ohren nicht traut und mit seinen Augen das Gehörte überprüfen will. daß diese öffentliche Danksagung in und daß es unmöglich sei. und die Gedanken über dieses Mädchen gingen ihm durch den Kopf. Sonst nicht. daß die Anzeige in den Zeitungen erscheint. ihr sorgfältig auseinanderzusetzen. erschien das Fräulein 60 . Er bemühte sich. wenn sie ihre Zustimmung gebe. daß die Gesellschaft die sechundsiebzig Kronen Spesen auf sich nimmt.« Gazda Mihailo schaute das Mädchen überrascht an wie ein Mensch.nach Abzug von sechsundsiebzig Kronen für Gebühren und Spesen ausgezahlt hatte. außerdem koste es Rajka nicht das geringste. Alle täten es.

ständnis. daß sie beabsichtige. ihm kurz und bündig mit. die sie unterhalten müsse. schaute auf seine Finger und sagte ruhig: »Gut. und suchte angestrengt in sei- nem einst Gesicht die Züge des Kindes zu entdedcen. das er gekannt hatte. die alte Mutter. Er be- Und jetzt bitte sie um sein Einver- Gazda Mihailo sah zeitig gealterten gann sich eine Zigarette zu drehen. sei Gott vor! Doch du siehst wie unsere Sache ich steht. während stets doch so jung und gesund bin? Idi werde es ist besser. das nach dem Tode sei. Alles andere besorgte 6i . aber wenn ich unsere Geschäfte selbst erledige. das ihr die Mögin teilte sie lichkeit gebe. Sie zählte richt alle Gründe auf. und ihren Willen. Pate Mihailo. mein Kind.« Gazda Mihailo schaute das Mädchen er es jetzt an. sich mit Rücksicht auf besondere Verhält- nisse bereits mit achtzehn Jahren für volljährig erklären zu lassen. die Geschäfte selbst zu führen. Schließlich stimmte er zu. die sie dem Geangeben wolle: das Geschäft. als erblickte zum erstenmal. Das war auch Vaters Wunsch. von dem Gesetz Gebrauch zu machen. aber habe ich eure Geschäfte bisher schlecht geführt?« »Nein. in denen sich schmerzliche Überraschung und Verwunderung spiegelten.Gazda Mihailos Laden^ und da sie ihn allein antraf. sie mit seinen müden und vorAugen an. deinen Rat einholen. des Vaters mit Schulden belastet die Krankheit des Vormunds und ihre Erfahrung seine Inanspruchnahme durch eigene Geschäfte. da selbst. die in diesem Falle lebendiger und besser verlaufen würden. Und warum sollst du dich auch noch mit unseren Sorgen herumquälen.

»nach Deine zu verwalten. wie sie sie äußerte sich nicht sie das Geld. und ich mache keinen Unterschied zwischen dir und meinen Kindern. Jetzt wich sie einem solchen Gespräch geradezu aus. Weg. Pajer erst recht nicht. Sie sprach nur mit denen. Sechs der Rechtsanwalt den Gerichtsbeschluß. auf Wochen nach dieser Aussprache brachte ihr Grund deswurde. mit welcher Umsicht Rajka ihr Geld von der Versicherung übernahm. da sie zu ihrem Geld gekommen war. Ihr Geld begann zu arbeiten. nach allen Regeln kaufmännischer Wirtschaft. sondern auch Direktor und die ältesten und erfahrensten Kaufleute wunes schnell. Überhaupt hatte sie in der letzten Zeit mit ihrem Vormund immer weniger über geschäftliche Dinge gesprochen. von einzuteilen und zu verwenden gedachte. er zeigte keine Spur von verbarg seine Besorgtheit. aber über die Art und Weise. worüber sie sprechen wollte. Sache gut auf. das Das Fräulein dankte ihm. Nicht nur Gazda Mihailo.Rajka. geheiligten Und sie ging ihren weder von Schmeichelei und Tadel verwirren oder erschüttern noch durch Rücksichten aufhalten ließ. an meiner Hilfe und meinem Rat soll es nicht fehlen. auf dem sie sich Sx . derten sich sehr. Ohne Not wünschte sie niemand auch nur einen guten Tag. die sie brauchte. und nur über das. bist sagte er leise und feierlich. sen sie für volljährig erklärt Als es Gazda Mihailo mitgeteilt wurde. aber für mich du wie mein eigenes Kind. das der Versicherung erhalten hatte. schon früher nicht und jetzt. Was immer ihr braucht. nahm er die Unmut und dem Ge- »Du hast«. wie sie klug und unbemerkt anlegte. Damit du es weißt!« setz die Freiheit.

sonsie dern sich in ganz neuen Geschäften betätigte. nur zu gut kennen. aber äußerst lebhaften Geldmarkt. Mit der Zeit merkten längst nicht alle. die Dennoch kamen ihr alle auch weiterhin entgegen und empfingen sie als die Waise Gazda Obrens immer außer der Reihe und ungeselbst ersann und durchführte. Einrichtungen und Geschäfte kennengelernt. Im übrigen begannen jetzt die Menschen sie aufzubleibt. wöhnlich liebenswürdig. jetzt konnte sie selbst Neuigkeiten und Veränderungen auf dem Geldmarkt von Sarajevo verfolgen. die Sklaven hoher Zinsen und unerbittlicher Termine. 63 . an fremden Schwellen zu bitten. suchen. daß das Fräulein schon mehr um die Liquidation des väterhchen Erbes und die Sicherung ihres Hauses bemüht war. und z^var nicht auf jenem großen. der für die meisten Menschen unsichtbar den jedoch unglückliche und lasterhafte Menschen. In sie den wenigen Jahren hatte Menschen. hatte sie weniger nötig. öffentlichen. sondern auf jenem kleinen und geheimen.In Wirklichkeit hatte es schon seit einiger Zeit zu ar- beiten begonnen. Da es aber ihr Kapital jetzt plötzlich anwuchs.

wünscht jeder mehr und Schöneres zu besitzen. als hätten sie etwas. die etwas haben oder so aussehen. als er hat. die ohnehin mit den türkischen Gewohnheiten der Faulheit und dem slawischen Bedürfnis nach Ausschweifungen erblich belastet ist. Kultursphären mischen und verschie- dene Lebensweisen und einander widersprechende Auffassungen zusammenstoßen. die nicht einmal das Notwendigste haben. nach denen das persönliche Ansehen und die Klassenwürde des Menschen auf 64 . Unsere bürgerliche Welt. und zwar viel mehr. aber zu dieser Zeit ist sie es mehr denn je. Nationalitäten und gesellschaftlichen Gruppen haben eins gemeinsam: alle brauchen Geld. Ihr Leben ist nichts anderes als ein unendliches Verlangen und eine ewige Jagd nach Geld. Vor allem gibt es eine große Zahl von einfachen Menschen. in der sich Einflüsse kreuzen. hat dazu noch die österreichischen formalen Begriffe von der Gesellschaft und den gesellschaftlichen Verpflichtungen übernommen.III Sarajevo um das Jahr 1906! Eine Stadt. Von alters her war Sarajevo eine Stadt des Geldes und des Geldhungers. Konfessionen. Aber auch von denen. Aber alle diese verschie- denen Klassen. als sie besitzen.

Soweit es noch Menschen mit den alten kaufmännischen Gewohnheiten der Bescheidenheit und dem Grundsatz gibt. Menschen wie sie. sind vollständig verblaßt. weil sie nicht das Notwendigste besaßen mehr verschwendeten. Die ehemaligen Gewohnheiten der Armen. auf einem leeren. zu sparen. in der die Einheimischen mit den Zugewanderten in der Schaffung neuer Bedürfnisse und neuer Anlässe zur Verschwendung wetteifern. Sie drang nicht tiefer in die gesellschaft65 . jedoch viel zu sparen. doch dichtes und unentwirrbares Netz von Schulden und Darlehen in jeder Höhe und in den verschiedensten Formen geflodi- ten hatte. begann das Fräulein ihr Kapital anzuhäufen. und der besitzenden Klassen. zu Tausenden.einer oft bestimmten Zahl unnützer. die Geld brauchten. sinnloser Ausgaben. Die Vermischung von orientalischen Gewohnheiten und mitteleuropäischer Zivilisation schafft hier eine besondere Form des gesellschaftlichen Lebens. weniger Arbeitslust und mehr Wünsche und Gelüste aufweist. in der der dringende und große Geldhunger ein unsichtbares. Erwerbsgeschick. stehen sie abseits von allem gesellschaftlichen Verkehr als lächerliche Überbleibsel längst vergangener Zeiten. daß man sie an den Fingern einer Hand abzählen konnte. wenig zu verdienen. als sie haben. die aber weniger Geld und geringere Erwerbsquellen. sich zurückzuhalten. dagegen gab oder es solche. geist- und geschmack- losen Luxus beruhen. Inmitten einer Gesellschaft. als sie sich leisten konnten. aber einen größeren Geldhunger. Man kann sich schwer eine Stadt vorstellen. die weniger brauchen. lächerlichen. gab es so wenige.

die von einer großen Leidenschaft beherrscht werden. öde. entwickelte sich jedoch schnell und nahm als sie das gefährliche Ausmaße an. sondern zog ihre Schlüsse auf was an der Oberfläche zu sehen war. 66 . Da konnte man sehen.liehen Verhältnisse ein dem und sen. Natürlich galt das nur für auserwählte. traurige Haus ohne Lachen und Unterhalohne Wärme und Schmuck. tatsächlichen und forschte auch nicht nach Zusammenhang zwischen Ursachen Grund des- Folgen. Sie brauchte nicht viel. um das selbst die Bettler einen Bogen machten. begann das Fräulein die Wonne zu spüren. wie ver- Das tung. im Laden ihres Vaters Männer und Frauen zu empfangen. die rasch Geld brauchten. ging sie dazu über. besonders später.. Schon in den ersten Jahren hatte das Fräulein angefangen. der nicht an ihre Pläne dachte. sie nicht nur im Laden. Die Sache begann bescheiden und harmlos. bedeutendere und profitablere Kunden. als der wärmt und Und als sich das Verleihgeschäft zu verzweigen anfing und die Zahl der Besucher wuchs. um diese ganze Stadt und das ganze Leben alles ringsum als ihr Jagdgebiet zu betrachten und über ihrer Beutegier zu vergessen. Während Veso. die solchen Menschen wie ihr jenes »heckende« Geld bereitet — jene kühle TrunFrühling heimlich kenheit.auf das Fräulein traf das eine wie das andere zu. die die Wucherer in ihren feuchten Läden besser als die Sonne und schöner bestrahlt. wie es Frauen und überhaupt alle Menschen zu tun pflegen. Geld aus der Versicherung erhielt und großjährig wurde. ungewöhnliche Besucher. empfing jetzt neue. sondern auch zu Hause zu empfangen. im kleinen Geschäfte machte und mit Bauern um zwei bis drei Fuchspelze feilschte.

sie erkannte. »denn bei mir wird nicht Und nachdem sie ihn so in eine höchst unangenehme und für ihn ungünstige Lage gebracht hatte. kraftlos und zu allem Mensch war und wie ihm gegenüber Rücksicht wenig man ihn zu achten und zu nehmen brauchte. und sie empfing die Kunden immer nachlässiger und rücksichtsloser. wie schwach. der noch aus ihrer Schulzeit stammte. die. verzweifelt um ein Dar- lehen nachsuchten. harten Stuhl.) Winter und Sommer saß das Fräulein in jenem fast leeren Vorzimmer an einem kleinen Tisch.schieden die Menschen waren. von dringender Not oder allmächtiger Leidenschaft getrieben. daneben stand ein zweiter. auf das sie sich besonders vorbereitete und das sie lange im Gedächtnis behielt. größer. sonbereit ein solcher dern nur ein altes Tintenfaß mit einem billigen Feder- halter stand. als ihr lieb war.« Stimme hinzu. (Bald lernte sie Menschen kennen. Sie saß auf einem einfachen. In der ersten Zeit war jeder Besuch für das junge Mäd- chen ein Ereignis. sagte dann das Fräulein gewöhnlich zu ihrem Besucher und fügte mit etwas rachsüchtiger geheizt. mit immer mehr Vorsicht und Strenge. die das Geld und der Geldhunger mit unsichtbaren Fäden anzogen. auf dem kein einziges Buch und kein Stüd<chen Papier lag. Der ter Kälte nicht geheizt. die ihre Bedürfnisse hierhertrieben. doch mit der Zeit wurde die Zahl jener. der — noch kleiner und härter — für den BeRaum wurde auch bei größ- sucher bestimmt war. gleich zu Beginn ihrer Arbeit. und sie nützte diese Erkenntnis reichlich und rücksichtslos aus. Das offenbarte sich ihr von selbst. »Behalten Sie den Mantel an«. fragte sie 67 .

die lebt ausgibt. eine stumme. die ihre ein- 68 . Je nach der Länge der auf eine Frist lautete die Verpflichtung immer erhielt. daß der Besucher mit leeren Pein ausgeschüttet hatte. sondern in Vesos Laden oder sogar durch einen Dritten. die um zehn bis dreißig Pro- zent höher lag als die. von wesentlicher und grundjener Menschen. was nach ihrer Auffas- sung in der Gesellschaft sätzlicher ist. kleinen Kaufmann. Summe. Am nächsten Tag konnten sie auf ihrem Schreibtisch ein Papier mit den Bedingungen für ein kurzfristiges Darlehen finden. nachdem er vor damit. als und in der Person. mächtige Organisation jener. das heißt. sie bewegten sich an seiner äußersten Grenze. wurde die ganze Angele- genheit auf den anderen Tag verschoben. mit der In den meisten Fällen endete die Aussprache tatsächlich Händen wegdem Fräulein seine ganze Not und ging. was überflüssig und nebensächlich ist. die etwas bei ihr erreichten. öde und ärmlich aussehenden Laden saß. so hätte er sich in der Haustür er sprach. der in einem halbleeren. hinter sich gelassen und den Weg zu dem gefunden Bedeutung haben. genießt und stürmiund Geld unsichtbares und verschwendet. geirrt.ihn streng und verwundert nach seinem Begehr.. welche der Schuldner wirklich Die übrigen Bedingungen stimmten völlig mit dem Gesetz überein. Die Auszahlung erfolgte niemals hier im Hause. besteht auch ein und dünnes. die alles im Leben. Denn tief unter der sichtbaren schen Oberfläche der Gesellschaft. Bei jenen seltenen Kunden. namenlose. stählernes und festes Netz des Wucherertums.sehr oft auf dem Umweg über irgendeinen Geldwechsler am Platz vor der Armen- küche oder einen unansehnlichen.

Auf dem Kopf trug sie eine kleine An Mütze aus dem gleichen Pelz. Sie war Ausländerin. Polin von Geburt. ein Kroate. der am Kragen und an den Ärmeln mit kostbarem braunem Pelz verbrämt war. doch zufrieden. Ihr Mann. liche Frau in einem Februartag kam zu ihr eine schöne. helltönenden Stimme und bedeutete ihm. unterbrach das Fräulein ihr Gegenüber mitten in dessen Darlegun- gen mit ihrer starken. Ein weißes. von der Anwesenheit dieses steifen Mädchens mit dem durchbohrenden Blick und dem athletischen Händedruck befreit zu sein. sie besitze zwar etwas Geld. Gewöhnlich verließ dann kalten die andere »Partei« diesen eis- und im Sommer schwülen Raum. von der Kälte leicht und noch feucht vom Nieselregen. Bei der Mehrzahl der Besucher kam es jedoch nicht zu sachlichen. Das Fräulein kannte das Ehepaar vom Sehen und dem Namen nach. aber sicheren Instinkt folgend. statteinem langen Mantel aus schwarzem Tuch. Nur ders. in Und Ausnahmefällen verlief die Unterredung andiese Fälle merkte sie sich länger. bekannt als ein Freund von Spiel. enttäuscht vom Mißerfolg. Wein und lebenslustigen Frauen. aber in Bosnien aufgewadisen. Verwirrt und ungeschickt begann die junge Frau das zartes Gesicht gerötet 69 . stand im Staatsdienst und war ein Stutzer von hochmütiger und vornehmer Flaltung. man sei falsch unterrichtet. Einem unerklärlichen.zige Leidenschaft auf Kosten der unzähligen kleinen und großen Leidenschaften und Bedürfnisse der gesamten übrigen Welt befriedigen. mit blauen Augen. habe es jedoch bereits Freunden geliehen. ernsten Verhandlungen.

dann aber ließ sie alle Rücksicht und jeden er- Versuch geschäftlicher Geschicklichkeit beiseite und klärte. ihren Eltern Bruder telegraphiert. worum es sich handelte. der ihnen schon öfter aus ähnlicher Verlegenheit geholfen habe. er hatte sein Ehrenwort gegeben. daß er das Geld binnen vierundzwanzig Stunden zurückzahlen würde. rer aber es gehe darum. Auch habe sie einen zweiten Bruder in Amerika. zu mir geschickt hat. nur darauf gewartet.« »Fräulein.« sich ein wenig. 70 fruchtlose Gespräch abzubrechen. zahlen. so sagte sie.« »Fräulein. Sie habe. und deshalb würde nicht auf Zinsen »Wer Sie und Bedingungen achten. meine Dame. Ihr Offizierskasino eine größere Mann hatte im Summe beim Kartenspiel verloren. das unangenehme und Die Frau. und ich warte jetzt. begann laut . hat Sie verleihen. er brauche nur eintausendzweihundert sie sicher in Kronen und würde ein bis zwei Wochen be- kommen. Sie könn- »Man hat Sie können uns falsch unterrichtet. aber hier handele es sich sei nicht um die Zeit. Sie müsse ihn retten. der Fabrikant in und ihrem Polen sei. das Geld noch bis mor- gen früh zu hinterlegen. Ihr Mann sei in eine Art düstesich das Apathie verfallen und drohe. ich bitte Sie! Man hat mir gesagt.Gespräch. Ich habe kein Geld zu Was ich hatte. Die Summe hoch. Sie sind retten. das habe ich meinen Freunden gegeben.« meine einzige Fioffnung. Nur als Sie Nun erhob sich das Fräulein. Schlimmste sie anzutun. so als hätte sie wünschte sie. an die falsche Adresse gewiesen. daß sie es mir zurückDie Frau erhob ten uns helfen.

wobei sie aber immer noch stammelte: . unnatürlicher Stimme: »Aber nicht doch. ich flehe Sie mit gefalteten Händen wie man zu Gott betet. . so dem Gesicht des überraschten Mädchens. nicht doch! Man ist hat Sie falsch unterrichtet. Da fühlte sie. . größeres Herz. »Fräulein.zu weinen. doch wie niedergeschmettert fiel die Frau mit dem Gesicht auf die Schuhe des Fräuleins und umfaßte ihre Füße über den Knöcheln. »Fräulein. lassen Sie uns nicht zugrunde gehen! Ich beschwöre Sie!« Nach der ersten Verlegenheit zog das Fräulein ihre Knie an sich. bis sich die unglücldiche Frau erhob. retten um!« 71 . . die zu ihren Füßen von krampfhaftem Schluchzen geschüttelt wurde. meine jede sich Dame .« Um ihr auszuweichen. Das Fräulein erhob sich rasch und stieß den Stuhl hinter sich weg. aber die junge Frau kniete nieder und fiel mit dem ganzen Oberkörper die Worte: auf Rajkas Knie. ich bitte Sic Sie uns! Er bringt sich ich besdiwöre Sie. Sie beeilten und verlangten dort Geld. wo Sie es bekommen können. so hoch sie konnte.« Es dauerte lange. Für Sie Minute kostbar. Sie beugte sich ein wenig vor. Durch das Weinen drangen »Wir zahlen alles zurück! Um Gottes Liebe willen. als wollte sie die Frau aufheben und trösten. wie in ihrer Brust etwas Süßes. zog die schon ausgestreckte Hand zurück und sagte mit dünner. aber dann besann sie sich eines Besseren. . richtete sich das Mädchen auf dem Stuhl auf. Jetzt betrachtete sie von oben die zusammengekrümmte Frau. und es wäre besser. breitete die Hände aus und faltete vor sie dann an. glauben Sie mir. Warmes erbebte — ein zweites.

Sie sich kaum merklich. feistem Nacken. sie eines Blid<:es oder Gru- Das Fräulein blieb verwirrt zurück und fühlte irgend- wo tief in ihrem Innern. als lustiger Gesell bekannt. ordnete ihr Haar und ging hinaus. denn etwa vierzehn Tage nach diesem Besuch sah sie beide am Ufer der Miljacka. Aber gleich hatte sie keine Zeit. trocknete sich das Gesicht ab. unglückliche Frau zu denken. sie aus einem für Damen und er aus einem für Herren. dann richtete sie sich plötzlich auf. (es Eines Tages tag) saß auf war ein trockener. und stand er vor der Zwangsentlassung. daß sich der Herr nicht umgebracht hatte. Aber es gab auch andere Kundschaft. an die schöne. Ein milder 72 . ohne ßes zu würdigen. daß es aussah.Das wiederholte sie bis zur Tür. Er diente in einem Städtchen unweit Sarajevos und war in den Nachtlokalen von Sarajevo. stickiger dem kleinen Stuhl Sommerim Vorzimmer ein Oberleutnant der Gendarmerie mit ein Deutscher aus Namen Karasek. als wären sie aus einem Modejournal geschnitten. wie Scham. Sie ähnelten sich in Statur und Größe wie Bruder und Schwester und waren so vollendet gekleidet. Sein Körper quoll aus der schwarzen Uniform. so etwas kamen andere Geschäfte. so auch nicht um ihr weiteres wußte nur. Böhmen. Spazierengehen. Seines ungeordneten Lebenswandels und seiner noch ungeordneteren Finanzen wegen war jetzt er schon öfter versetzt und bestraft worden. Arm in Arm und eng aneinandergeschmiegt. Der Oberleutnant war ein beleibter Mann mit großen braunen Augen und starkem. in denen die Offiziere verkehrten. und sorgte Schicksal.

schmolz dahin.« Hand- »Alles!« wiederholte der Offizier.« Aber das Fräulein ließ ihm keine Zeit. mein Herr. In der Rechten trug er ein Paar neuer Handschuhe aus Hirschleder. damit er nicht glaube. aber idi habe weder Beknetete dingungen zu stellen noch Geld zu verleihen. Zweitausend Kronen auf drei Monate.« nicht. Eine größere Ich Summe. seine Garantien vorzubringen. ich würde sie alle annehschuhe aus einer fester men. Der Offizier antwortete sondern krampfhaft die Handschuhe in der Rechten. legte die noch Hand in die andere und preßte sie zusammen: »Aber wie immer auch Ihre Bedingungen sein mögen . Ich hatte — das ist aber lange her — im ganzen eine kleiist alles. ihm aus. mein Herr.. möchte Ihre Bedingungen wissen. und damit sich das Gespräch nicht übermäßig ausdehne. »Entschuldigen Sie. Fräulein.Duft von ging von gelber Offiziersseife. vermischt mit Kognakgeruch.« »Sie »Ich haben keins?« habe keins.. weil sie nicht ausreichten. Das Die Sicherheit des »Alles?« »Alles. und die habe ich Offiziers auf Zinsen angelegt. der den Alkoholiker so kennzeichnend ist: für »Ich brauche Geld. Er sprach deutsch und begann im Tone verlogenen Selbstvertrauens. sie weise ihn ab. aber ich habe kein Geld zu verleihen. und ich hatte auch keins.« nere Summe aus meiner Versicherung. daß meine Garantien Ihnen genügen. Ich denke. Auf seinem 73 .« »Es tut mir leid. mein Herr. mein Herr.

Da fuhr auch der Offizier auf. die um Geld bat. Auch ohne zu fragen. und zwei Wucherer aus Saravon je einigen hundert Kronen verblieben seien. zeigten sich kleine. Trotzdem war ihr die Erinnerung an den an seine mechanischen. Ich danke Ihnen. daß sie ihm kein Geld gegeben hatte. der Offizier vergiftet habe jevo mit hoffnungslosen Forderungen daß er mit ihrem Geld die kleineren Schulden bezahlt. die leblos und kurz waren wie ein Echo. die an einem vorbeischauen. nur wäre dann sie der Hauptgläubiger gewesen. unangenehm. den Rest verschwendet und nach zwei bis drei Monaten dasselbe getan hätte. den unangenehmsten Blick zu ertragen als Augen. daß sie sich an den Oberleutnant erinnerte. fast beschämt hustete er. abwesenden Antworten. der an ihr vorbeisah. erhob hartnäclcig denn es ist leichter. tauartige Schweißperlen. erfuhr das Fräulein. Sie war zufrieden. die übliche Offizier. ihr. ganz klein gedruckte Nachricht.Kopf. Noch lange danach geschah es. nahm seine Mütze vom Tisch und schlug leicht und unhörbar die Hacken zusammen. Oberleutnant Karasek sei »während einer Dienstreise daß sich plötzlich in Tarcin verstorben«. am Fräulein vorbei. denn es war klar. Und gewöhnlich geschah das in dem Augenblick. der schon kahle Stellen aufwies. so als suche er jemand hinter Um dieses quälende Schweigen und dieses Starren sie sich zuerst. Dann dachte sie erschreckt. an seinen Blick. Er schaute starr zur Seite. da sie einer Person. Adieu!« In der Woche darauf brachte die »Bosnische Post« von Sarajevo eine kurze. »Dann nicht. der Mensch 74 . Antwort erteilte. daß sie keins besitze und nie welches besessen habe. zu beenden. Fräulein.

Fräulein.könnte aufstehen. doch mit der Zeit verschmolzen dürftigen Masse sie immer mehr zu einer langen formlosen Reihe. begleitet von seinen Worten. redete allzusehr darüber (natürlich nicht öffent- sondern nur flüsternd und nur in eingeweihten Kreisen). So ragten zu Beginn noch einzelne. Jetzt kamen alle die hierher. die ••augenblicldich in mißlicher Lage« waren und kleinere Darlehen auf eine Wodie suchten. sinnlose Furcht nicht völlig abschütteln. für je zehn Kronen nach einer Wodie zwölf oder. dennoch konnte sie die quälende. die bereit waren. Die alten Freunde ihres Vaters ermahnten sie mehrmals. den Veso führte. wenn sie es dann nidit konnten. Adieu !< Allein jene Person erhob sich auf andere Art und mit anderen Worten. ihrem Sdiicksal nach außergewöhnliche. sondern einen kleinen Laden in der Ferhadijastraße. zusätzlidi eine Krone 7S . die Hacken zusammenschlagen und sagen: >Dann nicht. Man lich. zu einer grauen geldbe- ohne Gesicht und Namen. und das Unbehagen verging. der dem in Sarajevo gebürtigen Juden Rafo Konforti gehörte. Ich danke Ihnen. könnte sich hier vor ihren Augen wiederholen. interessante Besucher hervor. daß sie nicht in der Gewohnheit fortfahren konnte. Das Fräulein sah übrigens bald selbst ein. brauchte sie lange Zeit. die Bewegung des Offiziers. im eigenen Hause und persönlich jeden Kunden zu empfangen. Um alles restlos zu ver- gessen. bei der Verabschie- dung eines jeden Kunden bangte sie. das heißt. Sie wurde böse auf sich selbst und und suchte das alles zu vergessen. Da wandten sich die Besucher von ihrem Hause ab und suchten auch nicht mehr ihren Laden auf.

dem Fräulein gehörte. Rafo empfing die Besucher in seinem Laden. Dieser Rafo Konforti war ein rotwangiger. eröffnete er in der Ferhadijastraße einen eigenen Laden. denn sein und hatte viele Kinder als Mann. halbleerer Raum. das hier unter solchen Bedingungen verliehen wurde. daß dieses Geld. Nachdem er ausgelernt hatte. in dem er alles lich kaufte er »Partien« und nichts verkaufte. sich gut zu kleiden und von kühnen Plänen und großen Gewinnen zu träumen gewußt. Gewöhnunmoderner oder ausgeblaßter sie Modeartikel und verkaufte in mit Hilfe einer groß aufgemachten. daß Rafo das Geld nicht gehören konnte. Das waren die todbringenden Schlingen. bis sie die ganze Schuld mit den festgesetzten Zinsen zurückgezahlt hatten. Die ganze Ware legte er auf zwei breiten Bänken vor dem Laden aus. Schon Lehrling in einer Galanteriewaren- handlung hatte Rafo auf eigene Rechnung Geschäfte zu machen.für zehn pro Woche zu zahlen. aber für die Eingeweihten war es kein Geheimnis. zumal sie ganz genau wußten. bei uns bis dahin unbekannten Reklame Wort und Schrift. doch leichtfertiger junger Mann mit allzu lebendigem Geist und üppiger Phantasie. schwerer. obwohl noch recht junger schneider gewesen im Elend aufgewachsen. Alle Wände und Fenster des Ladens beklebte er mit roten und grünen Plakaten: »Gelegenheit! Wir senken die Preise! Gelegenheit! Nur noch heute!« — »Wir räumen mit Verlust! 76 . Er war Vater war Flickversorgen müssen. die Verschwendern und Mensdien in großer Not als rettende Hilfe und Erlösung erschienen. wohlbeleibter. Es war ein kleiner. Damals galt er bei den sephardischen Juden in Sarajevo als un- ternehmender.

als sie in Wirklichkeit war. komm herein in den Laden. spanischen schien stärker. der dabei stets in der Mehr- »Schon gut. zahl sprach. schlug die Hände zusammen. beleibt. und seine Erregung hen. stellte sich dem Mann in den Weg und hinderte ihn daran. Die 77 . einem Gespräch. Rafo! Man weiß es!« sagte jener und wollte weiter. wir räumen mit zehn rief Pro- zent Verlust«. Beim Sprechen legte er ständig die ausgebreitete Hand mitten auf die Brust und wiederholte: »Bei meiner Ehre und meinem Namen! Bei meiner Ehre. alles gab ihm Anlaß zu einem Scherz. lief mitten auf die Straße. rot im Gesicht und lächelnd. bung. zu Geschrei und WerAlles. das jemand im Vorbeigehen sagte. Licht. Rafo. jedes Wort. wie ein Kreisel drehte und um sich einen Wirbel von Gelächter und Gesprächen verursachte. »Führe das Volk nicht hinters unentschlossenen pries. »Was weiß man? Was weiß man? Komm. Seine schwarzen. weiterzugeAugen waren von einem feuchten Glanz überzogen.Nutzen Sie den heutigen Tag!« Aber die größte Reklame war Rafo selbst. der gerade zwei Kunden ein paar alte Krawatten an- »Was? Was?« Sofort ließ Rafo die beiden stehen. bei mei- nem Glück!« was in der Stadt geschah. aber Rafo packte ihn flink an beiden Händen. damit ich dir die Rechnung zeige. »Was? ner Ehre Ich führe das Volk hinters Licht? Ich! Bei mei- und meinem Glück. indem er sich. Rafo!« sagte ein Spaßvogel im Vorbeigehen zu Konforti.

Auch diese Heirat war ungewöhnlich. Komm herein. ergriff mit theatralischer und hielt sie Gebärde eine Krawatte. Aber immer fand sich einer.« Die Leute blieben stehen. daß wir mit Verlust arbeiten. der das zum und immer kaufte jemand etwas. daß ich lüge. Mit den Jahren wurde er ernster. floh zu ihm ohne irgendwelche Aussteuer oder Mitgift. nicht aber ins Fleisch gezielt waren). verliebte sich in den lebhaften jungen Mann auf einer jüdischen Gesellschaft in Travnik.Rechnung spricht für sich. falls es sich herausstellt. Das Mädchen. »Siehst du das? Mist soll das sein und nicht Ware. das sich so oft wiederholte. meine lumpigen fünfzig gen fünf deiner herrschafthchen Kronen. wenn ich dir das sage. erstermial hörte. verteile ich das alles ganz umsonst unters Volk. Es war ein richtiger Brautraub mit Revolverschüssen (die natürlich ins Dunkel. lachten und ergötzten sich an diesem Schauspiel. beleibter und schwerfälliger. Es gelang ihnen. damit du die Rechnung siehst. seit er sich vor drei Jahren mit einem Mäd- chen aus einer ziemlich vermögenden und sehr angesehenen Travniker Familie verheiratet hatte. Aufregung und Polizei. mein Herr! Aber wetten wir! ge- Ich setze fünfzig Kronen. zog sie auseinandem Mann unter die Augen. Sarajevo zu erreichen. besonders. das eine Schönheit und die einzige Tochter ihres Vaters war. als Und den Eltern zuzustimmen. Jetzt hat- 7S . mit rasender Jagd. wenn wir nicht mit Verlust arbeiten. blieb nichts anderes übrig. Als ihre Eltern von Rafo sie als Schwiegersohn nichts wissen wollten. So hatte dieser Rafo Konforti angefangen.« Und der Rafo lief zu einer der breiten Bänke.

Konforti war einer der ersten Kunden Rajkas zu der Zeit gewesen. Zuerst hatte sie ihm kleine Geldbeträge gegeben. Er unstets nur mäßig und über eine dritte Person.ten sie schon zwei Kinder. warm und schön. aber immer nicht ganz verzeihen. daß er trotz all seiner Schäkereien weniger verschroben und viel begabter war. Das Aus dieser lauen Nacht drang ein ungewöhnlicher Lärm ins Zimmer und mischte sich in ihr eintöniges Rechnen. Das Fräulein lauschte »Hören Sie? Wissen leise. fast sommerlichen FinDie Tage waren ungewöhnlich Fenster stand offen. um Rafo in ihren Augen sichtiger einen Terminaufschub zu erbitten. Mit den verebbenden Schallwogen des Geläutes vereinten und mischten sich die grollend feierlichen Laute einer Hymne. In der Luft war ein feierliches und zugleich schreckliches Beben. Sie. An einem der ersten Oktobertage des Jahres 1908 war er bei Einbruch der Dunkelheit zu ihr gekommen. aus der die Geräusche 19 . Aber der Schwiegervater wollte ihnen noch terstützte sie. hatte als ein nützlicher und weitMensch erwiesen. unmittelbar zu Beginn. Aber mit der Zeit offenbarte sich. in die Nacht. Noch vor zwei sich Jahren. die von einer unsichtbaren Demonstrantenmenge auf den Hauptstraßen in der warmen. was das kamen. als es den Anschein hatte. mit großem Mißtrauen und unter mehrfachen Garantien. ist?« fragte Rafo mit aufgeregter Stimme. da er gerade seinen Laden eröffnet hatte. den Kopf in die Richtung geneigt. Von allen katholischen Kirchen läuteten die Glocken. sternis gesungen wurde.

so daß es aussah. Hören Sie Sie Sie wollen. und alle werden es tun. denn ich habe kein Geld. kaufe auf mich. . auch ich weiß es und sage Ihnen. jetzt heißt es Dukaten kau- fen. »Jawohl. so behalten Sie die Dukaten statt des Papiergeldes. schickt Man sische Grenze. was Sie flüssig haben. fiel ihr Rafo ins Wort. Sie haben es.« »Nun. und aus 80 dem ganzen Menschen sprach großes . aber gleichzeitig hat die »Ich . ich spreche als nicht. ob es zum Kriege kommt oder nicht. kaufen Sie soviel Gold wie möges da es Ihnen Gott gegeben hat und Sie es nicht bereuen. bedauern es bestimmt Wenn auch ich Dukaten auf Ihre Rechnung.« Konforti sprach mit aufgeregten Gebärden. Sees hen Sie. verkaufen Sie die Münzen rechtzeiden tig und mit Gewinn. beschwöre Sie. »so ist es nicht. Die Leute sind nicht klug. Sie wer- wird Und in ein bis zwei Monaten man sehen. Wenn ja. sie sind faul und Außerdem besitzen nicht alle Bargeld. die es wissen.« »Das weiß jeder. wenn nicht. als schielten sie ein wenig.weiß die Annexion«. ich lich. die Teilmobilisierung. begonnen. Fräulein. Mobilisierung. und auch von denen. Ich verlange keinen Heller Provision. sondern entscheiden Sie später selbst entsprechend dem Gewinn. aber ich kaufe nicht. tun kön- nen. antwortete das Fräulein ohne sonderhche Begeisterung. die Annexion Bosniens und der Herzegowina ist verkündet worden. Truppen an die serbische und auch an die rusSehen Sie. wird nicht jeder so handeln. so ist es nicht«. Freund zu Ihnen. Das weiß eben nicht jeder Mensch. . Fräulein. Legen Sie alles an. seine Augen glänzten. und nachlässig.

mit der anderen Hälfte wartete sie. Vor seinem Laden war schon längst nichts mehr von jenem Gesdirei und den bunten Plakaten zu spüren.Bedauern. Das Fräulein wählte die mittlere. das Gold möglichst bald abzustoßen. daß er nicht soviel Bargeld besaß. Sie gab ihm eine Provision von einem Prozent. Rafo aber riet ungeduldig und zäh. es mit einem Gewinn von zehn bis fünfzehn Prozent loszuwerden. feige Lösung: sie verkaufte die Hälfte mit einem Gewinn von dreißig bis f ünfu nd vierzig Prozent. daß es nicht zum Kriege käme. um zu sehen. denn der Kurs des Goldes stieg ununterbrochen. als die Annexionskrise ihren Höhepunkt erreicht hatte. Doch an einem Januartag des folgenden Jahres. den ganzen sichtbaren Teil von Rajkas Geschäften. zu Beginn des Jahres 1910. denn er lebte nicht mehr von laut angeprieseKonforti ein 81 . sichere Operation durchzuführen. weibliche. um selbst eine schöne. daß Mensch war. aber es bewies gleichzeitig. das Fräulein kaufte vorsichtig Und gab Rafo plötzlich wie ein Jagdhund das Zeichen zum Verkaufen. auf dessen Überlegungen man sich verlassen konnte. Dieser Rafo übernahm also jetzt. Das Fräulein sträubte sich und schwankte. was ge- Wochen fiel das Gold plötzund es gelang ihr noch irgendwie. denn in ein bis zwei Wochen würde es jedem klar sein. Das verringerte den bei diesem Geschäft erzielten schehen würde. und langsam Dukaten. und dann würde der Dukaten plötzlich zu fallen beginnen. Auch Rafo erwarb Dukaten auf ihre Rechnung. solange es noch stieg. Durchschnittsgewinn. hauptsächlich von den mohammedanischen Frauen (später bedauerte sie diese Vorsicht und Saumseligkeit). Nach zwei lich.

aber die Hauptarbeit besorgte Konforti selbst hinter einer sernen Scheidewand. das sie als Pfand mitgebracht hatten. ein kleiner die Ofen und eine große Kasse standen. sondern von Flüstergeschäften. Das Fräulein war auch diesmal auf der Seite der Gewinner. eine wahre Heldentat. die sie quälen. jeden durchschaute. die dringend ein Darlehen brauchten. oder eine sichere Obli- gation. Denn so sind alle Verschwender: wenn sie unter dem Druck Not oder der Leidenschaft das finden. hinterließen ein Schmuckstück. der was sie ge- rade brauchen. wie Rafo ehrlich- schwur. die sie von den Witwen oder 82 . in deren Verlauf man verliert oder gewinnt. leibt immer gelöst zu haben. bis ans andere Ende der Stadt. so kurzbeinig und be- er war. so bilden sie sich ein. die man weder sah noch hörte. Im Laden befand sich ein wenig Ware. Denn wenn das. noch die lebhaftesten Bewegungen. son- dern nur genaue. zum Das war sein längster Spazierweg. Hierher kamen Leute. halfen weder Schwüre bei und bei seinem guten Namen noch die sten Ausrufe. sachlich begründete Zahlen. restlos und für Einmal im Monat ging Rafo. sie flüster- ten mit Gazda Raf o. er seine Abrechnung dem Fräulein der Ehre vorlegte. und die Abrechnung mit dem Fräulein war wie Fräulein. Zusammen mit Konforti machte sie wiederum ein einfaches und doch schönes Geschäft mit Dukaten. Das Jahr 19 12 brachte mit dem Balkankrieg erneut eine Krise und eine von jenen Wirren. der schwerste Teil dieser Arbeit. nahmen das Geld in Empfang und gingen mit dem Gefühl großer Erleichterung aus dem Laden. glä- wo sein Schreibtisch. es war auch ein junger Gehilfe da. alle Fragen.nen »Gelegenheiten«.

So gingen für das Fräulein die Jahre rasch und unmerklich dahin. ohne daß sie selbst es bemerkt hätte. er hieß: die Million.aber von den Söhnen der Begs kaufte. Die Zeit quält und ermüdet nur jene. Ihr Traum war seit jeher — durch ihre Arbeit den Vater zu rächen und für ihn zu büßen. deren er sich bediente. wie sie es auffaßte. welche sich selbst vergessen und sich einer Arbeit widmen. der als Zeitungsverkäufer anfing. ge- »Man muß die erste Million erwerben. Wenn sich sie ihn schon nicht hatte retten können. denn die Krisen waren nicht mehr so scharf begrenzt. schlichen sich in alle Lebenszweige ein. was die Ziele betraf. sein Vermächtnis Dieser Traum war mit der und hatte sich. die über sie hinausgeht. sie hatten keinen deutlich sichtbaren Beginn und keinen Abschluß. so und andere. aber sie verläuft schnell und unmerklich für die. vor der Größe eines kühnen. Und das in Fräulein trug schon seit Jahren einen großen Traum sich. Aber diesmal war der Gewinn viel geringer. den man ahnen konnte. Er hatte jetzt auch einen Namen. dann wollte sie wenigstens. die herrschaft- und nichts verdienten. sondern sie waren verwickelt und lich lebten. ver- schwanden scheinbar. die er verfolgte. ohne Rücksicht und er- Erbarmen gegen füllen. daß ein amerikanach- nischer Milliardär. Zeit gewachsen Einmal hatte sagt habe: sie irgendwo gelesen. die ganz von nichtigen Sorgen um ihre Person und ihre Genüsse in Anspruch genommen werden. unerfüllbaren Traumes hört die Zeit schier auf zu bestehen. und die Mittel. um gleich wieder aufzutauchen und sich dann unendlich lange hinzuziehen.- 83 . verändert. nicht arbeiteten latent. der alles übrige im Leben in den Schatten stellte und nebensächlich erscheinen ließ.

Verliebt in dieses ferne goldene Ziel arbeitete und träumte sie in ihrem öden Hause.« Diese oberflächliche und vielleicht erdichtete Zeitungsnotiz überstrahlte sie hob empor. der weder bei Tag noch bei Nacht. auch die. bewegte und was in den Ländern und Völkern Ereignisse und Bewegungen hervorrief. konnte sie nur hören und verstehen. ging das Fräulein an den Menschen vorbei wie an Toten. Die Das schwebte jetzt vor ihr wie ein Stern. Für sie gab es seit langem zwei ganz verschiedene. ja nicht einmal im Schlaf Million! erlosch. seinen Namen. Nur derjenige ist kein Millionär. Von all jenen. die diesen Weg gingen. was sie seit jeher wünschte und fühlte. der nicht den Willen hat. Das wußte sie nur zu gut. zu denen zu gehören. 84 . was in ihrer Umgebung und in der Welt geschah. In diesem Augenblick erhielt das. das immer mehr einer Gruft glich. was Menschen. aber noch unendlich kleiner war die Zahl derer. was es bedeutete.her geht alles leicht. konnte kein Lebender den Namen dieses Traumes ahnen. Weit. Man muß wolund Darauf sie kommt es an. Doch ebenso wußte und fühlte sie. was mit ihrem Traum zusamdie menhing: das endlose. len. aber um so süßer war das Sparen und um so heiliger jeder Verdienst. dachte Welt die Möglichkeiten fanden. es zu werden. verwickelte. Von allem. welche ihr am nächsten standen. die in sich die Kraft und in der und sparte. das Ziel zu erreichen. noch sehr weit war es bis zu diesem Ziel. denen es gegeben war. die sie verwundert auf der Straße betrachteten oder die in den Häusern über sie klatschten. Mit und von diesem Traum lebend. ewige Zwiegespräch zwischen den Einnahmen und Ausgaben. diesem Ziel nachzugehen. Sehr klein war die Zahl derer.

gesegneten und ihre unfruchtbaren Jahre. ihren Tagesanbruch und Abenddämmerung. unübersehbare Erde mit den Menewi- schen und ihrem Leben. Sehnsüchten. stilles. in dem Rechnung und Maß Welt nicht kleiner. ihren Trieben. mit unverständlichen Spiel gegenseitigen Anziehens Reich des Gewinns nes. auf dem alles beruhte. um das sich alles drehte und das der schwache. Gedanken und Glaubensvorstellungen. eines Lebensprinzips. alle Welt Welt Die eine war unsere Welt^ das. was nennt.. das Schwergewicht seines Lebens auf sie übertragen hat und sich jetzt nur noch notgedrungen und vorübergehend hier zwischen uns bewegt. sterbliche Mensch nur ahnen konnte. Auch sie hatte Sonnen und Gestirne. unklare Kraft eines tieferen Sinnes. die gesamte laute. das und der Sparsamkeit. jene erstere dagegen die Schattenseite des Lebens. Unhörbar und unsichtbar. Ihr Leben in unserer gewöhnlichen Welt ähnelte in vielem dem Le- ben eines Asketen. der sie mit sie ihrem ganzen Wesen angehörte und in der wirklich lebte. mit ihrem gen Bedürfnis nach Aufbau und Zerstörung. frei und lä85 . ein verborge- nur den wenigsten bekanntes. Diese dunkle und verkehrte Welt war für das Fräulein die Lichtseite. liches dem und Abstoßens. ihre Steigung und ihr Gefälle. war diese zweite faltig weniger mannig- ihre ihre ihre und weniger reich als jene erste. aber unend- Gebiet des lautlosen Kampfes und beständigen Plauens. der seit langem völlig die mystische Vereinigung mit der Gottheit erreicht.wenn auch nicht ganz voneinander getrennte Welten. Das war die Welt. nicht als zwei stumme Gottheiten herrschten. er geht unbeschwert. Die zweite Welt war die des Geldes.auch sie verfügte über die große.

Durch sich ihr Verhalten und ihre Tätigkeit entfremdete sie sie auch ihren Verwandten. Das Fräulein gab keine Mühe. in kehrten Menschen. Monate und Jahre zusammen mit den Ereignissen.chelnd einher. fanden sich. Und tatsächlich waren an dem Fräulein die Tage. Sie luden sie noch statteten die weder ein. ihrer Zurückgezogenheit Art. sondern auch zu den verheirateten Altergenossinnen alle Beziehungen abgebrochen. einem jun- gen Witwer mit zwei Kindern. Längst hatte sie die letzten Gelegenheiten zur Heirat bewußt vorübergehen lassen. das Fräulein wies sie ab. sehr verschiedene Bewerber. auch in ihrem Hause waren mehrere. Ebenso hatte sie schon längst nicht nur zu den müßi- gen jungen Leuten. und wäre nicht sie Mutter gewesen. zu verbergen. sessor für vom Studienassich ge- Mathematik. bis zu einem Kaufmann. hätten nie die Schwelle ihres sich Hauses überschritten. . ihr einen Besuch ab. In einem Punkte waren sie sich alle gleich: kurz. ohne zu überlegen das Zureden der und z^var und auch nur im geringsten auf Mutter und des Vormunds zu achten. sich Denn trotz und ihrer seltsam schlichten zu kleiden. denn für ihn verdient seits seiner alles. auf die Spiele von Kindern herab- mit dem Erwachsene blicken. das Geschäft und Erwerb verlangten. zumindest in den Freier ein. Es er- sten Jahren. vorbeigegangen wie ein unverständliches Geräusch und ein ferner Nebel. nur ein Lächeln. die sie gebracht hatten. was 86 dachten und sprachen. Ihre Berührung mit der Gesellschaft und der Welt war jetzt auf das mögliche Mindestmaß beschränkt. ihre völlige Gleichgültigkeit ihnen sie und all dem gegenüber. was sich jen- wirklichen Welt befindet. einem bescheidenen.

eine kleine. Tante Gospava. der so weit vom daß er niemandem Schatten gibt. was für das Haus gebraucht wurde. den seligen Gazda Ristan.« Er ging selbst jeden Tag auf den Markt und kaufte. kräf- tige. nach wem diese Rajka geraten sein könnte. Ich weiß weiß nicht! Wie kann von einem solchen Vater und einer solchen Mutter so etwas abstammen?« In den Gesprächen fragten sie sich immer wieder. Und er war weniger stolz auf seinen großen und weitverzweigten Handel als darauf. Wenn jemand etwas von ihm im Namen einer gemeinsamen steht. dabei aber höchstens den Ruf eines großen Geizhalses besessen hatte. Wege nicht. nahm auf allen Familien- zusammenkünften das Wort: »Ich weiß nicht. ich Freundschaft erbat. pflegte er zu antworten: »Was bist du mir schon für ein Freund? Mein Freund ist. Es gab noch Menschen. daß er es verstand. Schiedsrichter und sämtlicher Hadzi-Vasic und des anderen Dut- zends verwandter Familien. auf dem Markte gut und billig einzukaufen. Sie wächst auf wie ein wilder Birnbaum. würdevollen Alten mit dem kühlen Blick und den zusammengepreßten Fäusten erinnerten. Und dann erwähnten sie stets ihren Urgroßvater mütterlicherseits. trug er stets sich. einen besonderen eisernen Ring bei der das klein- 87 . ihrer Lebensweise.Und sie sprachen und dachten sehr schlecht von ihr. schroffe Sprecher und rücksichtslose Frau. ihrem krankhaften Geiz und ihrem schamlosen Wucher. und daß sich noch nie ein Bauer oder Städter gefunden hatte. wer nichts von mir verlangt. die sich an diesen kräftigen. Wenn er Eier kaufte. was aus dem Mädchen werden soll. der bloß für sein Geld und seinen guten Ruf gelebt. der ihn dabei betrog.

sondern eher einem polnischen Juden. zeigten die Kaufleute von ihren Ständen den Söhnen oder Lehrfür Maß lingen voller Hochachtung den herben. und kommt man zu einem eigenen Haus!« Nur daß Gazda Ristan trotz seiner herzlosen Knauserigkeit und Habgier imstande war. Diese traurige Neuheit und große Schande war nur ihrer Familie beschieden. Diese Rajka dagegen schränkte sich ein. unerschütterlichen Alten: »Siehst du. aber das lehnte sie ab. wenn es unvermeidlich war und das Ansehen des Hauses es erforderte. je ein weibliches Ge- schöpf mit Geld noch dazu so sen wäre. wie sie ihre Mutter behandelte. Aber am meisten warfen sie ihr die Art vor. ein Ei. So sprachen die besorgten Verwandten. Manche zu verlassen forderten die alte Frau auf. den Geldbeutel aufzuschnüren. seit Sarajevo bestand. das tat er mit so würdevoller und herrschaftlicher Gebärde. Keiner konnte sich erinnern. ihre Tochter und zu ihnen zu ziehen. das durch diesen Ring ging. so gelangt so man zu Geld. Und wenn er so den Eierkorb eines Bauern durchstöberte. Wenn an einem Feiertag eine der älteren 88 . daß. So lebte sie auf ihrem Zimmer in Angst und Einsamkeit. Nie hatte und Wertpapieren gehandelt hätte und ein Halsabschneider und Wucherer gewe- man ähnliches beobachtet. vorzeitig gealtert.ste den Umfang eines Eies darstellte. in kei- ner der Konfessionen. verzehrte sich und hielt weder auf Anstand noch auf Ehre. kaufte er nicht. Geld zu verschwenden und den Unverschämten wie audi den Verschämten zu empfangen und zu bewirten. daß sein Groschen schwerer wog als der Dukaten eines anderen. und sie glich nicht einem Mädchen aus bürgerlichem Hause. dahinsiechend wie eine Sklavin ohne Willen und Stimme.

ohne viel Tränen zu vergießen. höchst unschönen und ungewöhnHchen Ruf eines verschrobenen und mißgeborenen Ungeheuers sowie den eines Wucherfräuleins.« nicht. aber keinem gegenüber beklagte sie sich über etwas. der hierin wie in so vielen anderen Fragen Rajkas Auffassung nicht billigte. sie ganz zu streichen. Aber auch du mußt geben. Tages entschloß.« Man braucht kein Geld hinauszuweraber man muß geben. In der Stadt. eine Verwandte oder Freundin.Frauen kam. die bei recht Ausgaben für Lebzeiten des Gazda Obren alle bedeutend gewesen waren.« »Mal langsam! fen. vor sich hin. Schon als das Fräulein im ersten Jahr nach dem Tode des Vaters mit Veso die Bilanz des Geschäfts durchgese- hen hatte.« »Danke für den Rat. hatte sich damals ganz ent- schieden dagegen gesträubt. Veso. Ich habe nichts und gebe nichts. dert. unter den Leuten. »Tue das Welt. zu verringern.« weiß am besten. kann und was nicht. weinte sie still. Rajka. »Man wenn man muß. man ist nicht allein auf der und man kann nicht so neben den Menschen herkann. war sie darangegangen. leben. Ich Ich rate zu deinem Besten. sie diese Und mit jedem weiteren Jahr verringerte bis sie sich eines Summen. wohltätige Zwecke. was ich 89 . hatte das Fräulein bereits den festen. eines Geschöpfes ohne Seele und Stolz. das ein Sonderfall in der Frauenwelt war. so etwas wie eine moderne Hexe. wenn es die Ordnung erforgib du!« »Dann es dir »Ich gebe schon.

wenn sie in Wut geraten. aber du. was er gewinnt.« »Dann weißt du chen.« Vater am Leben »Das »Ah.« nicht. bartlose Männer bekommen. daß du nicht so viel Verstand hast. würde dein seliger Vater niemals billigen. Immer führst du den Segen ins Feld.« »Hör auf! Ich weiß alles. er hätte sie zu teuer bezahlt. und Namen vor. Du hast am Geld Geschmack gefunden. meine Liebe. ist kein Segen. sondern ein Fluch. »Mir scheint. warum er nicht mehr am Le- ben ist. was die anderen von dir spre- mich nicht im geringsten. Was du tust.« sprichst. mit jener scheppernden Stimme. wie du zu haben glaubst. aber was ich sehe.« Das Fräulein schaute mit dem Ausdruck hatte. merke dir. Wäre dein seliger .« siehst du. ist ein Kaufmann. aber Doch ist in Wahrheit treibt dich deine Sinnesart dazu. Veso je- doch sprach weiter. das beweist. interessiert . Wer mit seiner Ehre für das schlechter zahlt. hast seit langem das Maß überschritten.Diese gefühllose Starrköpfigkeit brachte den kleinen Mann in Wut. »Du weißt nur zu gut. 90 . der die Kühnheit gegenüber von der Million zu reden. den dir der Vater in seiner Todesstunde gegeben hat. Und wenn er dabei eine Million verdient. was du »Ich weiß es sehr wohl. es hat dich versklavt und hält dich du schützt deines Vaters Willen am Zügel. was ich dir sage: das Geld nicht alles. die kleine. . auch konnte das nicht sein Wunsch und seine Absicht sein. du weißt nicht. Uli bitterer Ver- achtung auf diesen Knirps herab.

Das sozialdemokratische Blatt »Slo- boda« den. Früher oder später holt sich der Teufel. und auch ferner alles verkehrt machen. diesen schönen Brauch vernachlässigten und so sehr im Geiste des Materialismus und der sie häßlichen Selbstsucht versunken seien. griff abgelehnt hatte. die in Sarajevo von Laden zu Laden wanderten. Seit jeher. daß sich solches Geld je erhalten hat. es ist dann zu spät. aber man kann sich nicht erinnern. daß Pflicht ihre gegenüber ihrem Volke und den nationalen Verdas Fräulein offen an. Hartnäckig lehnte sie es ab. Gazda Mihailo. wie du schon begonnen hast. was du willst. du Unglückselige. aber ich sage dir. Und alle. verließen Rajkas Laden und Haus mit leeren Händen. was du getan hast. Derartige Streitigkeiten wiederholten sich nichts doch konnte das Fräulein überzeugen oder sie zwingen. was ihm gehört. Auch ihr ehemaliger Vormund. Deshalb fielen auch Sarajevoer Zei- tungen mit deutlicher Anspielung auf die Art ihrer Geschäfte über sie her. um Beiträge für Wohlfahrtsorganisationen und patriotische Vereine zu sammeln. wie man aus einem Groschen zwei macht. und Direktor Pajer mahnten sie. es nicht zu weit zu treiben 91 . Womöglich glaubst du. jemandem etwas zu schenken. daß du schlecht handelst und daß du noch alles bereust. daß du als erste herausgefunden hast. ich fürchte nur. hat es solche gegeben. da sie es einen vergäßen.« oft. ihren Standpunkt aufzugeben.»Du kannst meinetwegen denken. einen Beitrag für kranke Arbeiterkinder zu spen- und nannte sie einen »Shyloclc in Frauenkleidern«. die einst serbische Vereine in Sarajevo gegründet und unterstützt hätten. Die Zeitung »Srpska rijec« brachte eine Notiz darüber. daß gewisse Nachkommen derer.

ging sie auf den Friedschroffen. wunderlichen alten Jungfer Ihr Leben spielte sich zwischen hof nach Kosevo. wobei ihr die Ansichten ihrer Mitmenschen völlig gleichgültig waren. Hochgewachsen. stets in Sorge um das Geld und die Geldgeschäfte. kleinen. bei gutem wie bei schlechtem Wetter. regelmäßiger Weg. führte sie an das väterliche Grab. mit finsterem Blick und männlichem Schritt stach sie durch ihr von diesen sich auf festlich gekleideten. die besonders an schönen und sonnigen Tagen in die Augen lich fiel. Die Leute be- 92 . Sie Kostüm mit männeinen uralten. Ihr einziger. darüber nach- zudenken. Jeden Sonntagvormittag. an den Füßen ausgetretene Schuhe mit niedrigen Absätzen. Das Fräulein hatte schon vor der Zeit immer mehr das Aussehen einer angenommen. Benehmen und ihre Kleidung müßigen Frauen ab. sie Und niemals sich erlaubte sie der Mutter. Haus und Laden ab. Aber das Fräulein blieb zäh bei ihrer Lebensweise und ging ihren Weg. Die Jahre waren dahingegangen. denn das täten auch alle übrigen. lichem Schnitt. wenn die festtäg- aussehenden Straßen von Menschen wimmelten. schon an ihre ungewöhnliche Die Leute hatten Erscheinung gewöhnt. der nicht unmittelbar mit den Geschäften zusammenhing. zu begleiten. auf dem Kopf ganz unmodernen schwarzen Hut. die dem Weg zur Kirche oder beim Spaziergang sehr dasselbe dunkelgraue lebhaft gebärdeten trug immer und miteinander plauderten.und wenigstens etwas gu geben. ohne Zerstreuung und Gesellschaft und ohne das Bedürfnis danach. sie hatte weder Zeit noch Verlangen. und sich überhaupt nicht so sehr von den Mensdien abzusondern.

unverwandtem tete das Fräulein die Aufschrift. weiß und langsam über den Himmel zogen. aber sie beachtete sie ebensowenig wie die unbekannten Toten. Dieses Grab war mit Rasen bedeckt. Hier war sie geborgen und von der Welt geschieden. daneben wuchs eine Monatsrose. Von Zeit zu Zeit wurde die Stille von dem verebbenden. Alle Sinne waren äußeren Eindrücken ver- 93 . Ei starb im 4$. mit scharfem. Es herrschte vollkommene Stille. die samt dem Blumentopf in die Erde gesetzt war. Dann schloß sie die Augen. die feierlich. Durch ihre grünen Blätter las man auf der Platte in goldenen Buchstaben die Worte: Hiei luht der Kaufmann Obren Radakovic. mit scharfem BHck oder mit kekja sogar ker Neugier. bis ihre Blicl< betrach- Augen zu glänzenbegannen und alle Buchstaben sich drehten und sich in goldene. Aber das Fräulein hatte für alles kein Auge. Sie sah nur das Grab. dem Friedhof. an der Stirnseite befand sich eine Marmorplatte mit einem Kreuz. Sobald sie sich jedoch auf die kleine Bank neben dem Grabe des Vaters gesetzt hatte. Lange. Sie war ganz in sich versunken. Der Gesichtskreis war geschlossen. Jahre seines Lebens. schloß sich hinter ihr auch das letzte Tor zwischen ihr und der Welt. gut gepflegt und von weißen Steinen eingesäumt. die den Friedhof bevölkerten.trachteten sie prüfend. mit Tränen vermischte Funken verwandelten. fernen Klang der Kirchenglocken aus der Stadt begleitet (doch nicht unterbrochen). sichtskreis veränderte sich und der Ge- unmerklich durch die Som- merwolken. auf wenn sie durch die Straßen ging. denn der Friedhof liegt tief zwischen grünen Hängen im Kosevatal.

denn er hatte es nicht verstanden. Aber nach diesen ersten Ergüssen lange In der Art. doch allmächtig in diesen schwachen Geschöpfen lebt. die Schwächen seines mitfühlenden Herzens hatten seine Aufmerksamkeit abgelenkt und die Rücksichten der menschlichen Ehre und des Stolzes ihn blind gemacht. Für die ganze Welt ver- loren. wie sie die zurückgehaltener. sich vornehm. des Schmerzes und des Leides zu finden. stockendem Atem Fäuste. starker frostiger Engel und unerbittlicher Sinn wie ein mit einem feurigen Schwert in der Hand. deren eine Frau bei den verschiedensten Anlässen und zu den verschiedensten Zeiten ihres Lebens fähig ist. waren alle Stufen der Zärtlichkeit. verkrampften Körper strömte in unaufhaltsamen Wellen die Kraft weiblicher wunderbaren Macht. denn er liebte es. Niederträchtig und ungestraft hatte man ihn vernichtet. einfache Wort aussprach. während sie gedämpft das eine. in ihre zusammengepreßten »Du! Du! Du!« Stimme modulierte. flüsterte das Fräulein mit warmem. das Seine zu verteidigen und zu behüten. Beengt von den aufquellenden Gefühlen. der zerstört. die unsichtbar. in den verschiedensten Formen aus ihnen hervorschlägt und in ihrer Umgebung Leben und Schicksale zeugt und Zärtlichkeit. Der einzige und ewige Gegenstand ihrer ganzen Zärtlichkeit war nicht mehr. sich blitz- schnell in eine fremde Lage zu versetzen. unverbrauchter Gefühle zeigte sich ihr wahrer. tapfer und verwegen in die Bedrängnis eines jeden einzufühlen. hielt das Fräulein Zwiesprache mit dem Grab. Aus diesem vornübergeneigten.schlössen und unzugänglich. bis er eines 94 .

angelangt wäre. was sie im Laufe der letzten Woche getan hatte. aber sie achtete auf niemand. so beide unauflöslich durch seinen waren sie Tod und ihr Leben ver- bunden. unterbreitete ihm. 95 . sondern auch körperlich über diesen elenden. Gestählt sie. fühlte mehr antun konnte und vor ihr im Staube und es kriechen würde. was für die kommende Woche geplant war.Tages. fiel ihre sonderbare Erscheinung noch mehr auf. starrte trocke- nen Auges auf die goldenen Buchstaben in der Marmorplatte und begann ihren stummen Bericht vor dem Grabe. Das war sein und auch der Inhalt ihres Lebens. Zu dieser Zeit. als schreite sie über ihn hinweg wie über einen Ameisenhügel. der ihr jetzt nichts durch die morgendliche Zwiesprache. Gegen Mittag erhob sie sich und ging in die Stadt zurück. den harten und rücksichtslosen hin- gegen dienten und vor ihnen verbeugten. als er zu sich selbst zurückfinden sollte. Hier richtete sich das Fräulein gewöhnlich auf. Sie schritt scharf aus. daß ehrsame Leute umbrachten. Sie dachte nur bei dies die Menschen waren. drängte alle Gefühle zurück. als erhebe sie sich nicht nur geistig. In Gedanken legte sie ihm Rechnung ab über alles. aufgeregten Haufen. wenn sie erst auf ihrer Festung. und bat um Billigung des Vergangenen und um Zustimmung zu ihren Plänen. beruhigte sich. mit der eigenen Lage nicht Schicksal mehr fertig wurde. da die Straßen voller Menschen waren. sich. schien ihr. sich die weichherzige. daß gleich einer ruhigen Kraft gleichgültige Verachtung gegenüber diesem Volkshaufen in sie einzog. der Million.

Länger als gewöhnlich stand sie am offe- nen Fenster und schaute auf das andere Ufer der Miljacka und die steilen. Juni 1914 — ein Sonntag — unterschied sich sei durch nichts von allen vorherigen Sonntagen. Das alles sah das Fräulein. die wie Sommerblumen aussahen. mit der sich das Fräulein auf ihren regelmäßigen Friedhofsbesuch vorbereitete. grünen Hänge. Es wimmelte von Fußgängern. genoß sie noch immer die unbestimmte Wonne dieses Traumes ohne feste Form und ohne Namen. in denen man liegende Flußufer mit Leute in grellfarbenen Paradeuniformen erblickte. erfüllt. aber es berührte ihr Beals ein trüber wußtsein nicht stärker Traum. Der Himmel war noch in rötlichen Schein getaudit. und lärmend fuhren Automobile vorbei. Und während sie so am Fenster stand und die auflebende Stadt im Glänze des Sommertages betrachtete. es denn durch die verträumte Langsamkeit. doch das gegenüber- dem Kai war schon belebt. lebendigeren Inhalt. Sie könnte 96 . Kutschen polterten. Ihr Be- wußtsein war von einem anderen. und über der ganzen Stadt lag die Frische des Morgens.IV Der 28. von der Wirklichkeit des nächtlichen Traumes.

die den Menschen ging sie und schützte. erstemal. sah sie. von diesem Glanz. fühlte wie sie dem warmen Glanz und wie sie durch ihn. sondern ein Mittelding zwischen bei- den. von der Welt trennte und gegen alles Böse und jede Erniedrigung. verteidigte weder. der sie wie eine sanfte. noch flog sie. Rein gebadet in diesem Glanz und ganz von ihm erfüllt. Hier in der Brust. doch mächtige Kraft von der Erde aufhob. sie aus- zulöschen und zu verdrängen. der sie von innen durchdrang und von außen überflutete. in versie in den letzten Jahren daß die Million erreicht und im selben Augenblick überschritten war. schiedenen Formen träumte mehrmals dasselbe: Mit wechselnder Stärke. wenn sie auf der Höhe der erreichten Million fühlte. auf die Brust legte Und wenn sie die und sie dann den Augen Hand näherte. war die unversiegbare Quelle dieses berau- schenden. nicht einmal sich selbst könnte Rechenschaft über ihn geben. irgendwo unterhalb des Halses. über sich erlag hinauswuchs. aber erfüllt. beglückenden Glanzes. Und sie. in dem sich Gold und Silber vermischten und der weder eine Flüssigkeit noch ein gasförmiger Körper war. besonders den Morgen über. wenn die Eindrücke der nächtlichen Träume noch lebendig und die Ereig- nisse des Tages noch nicht gekommen waren. Es war nicht das daß sie ihren Traum von der Million träumte. daß ihre Hand ganz von dem Glanz Übergossen war. jedesmal.ihn nicht erzählen. daß sie nicht 91 . treffen konnte. sondern bewegte sich zwi- schen stolzem Gang und wunderbarem Flug. auch den nächsten Tag. Das war der Augenblick vollkommenen Glücks. so auch in der vergangenen Nacht. sie sie war ganz von ihm während sie ihn träumte.

Den ganzen nächsten Tag lebte sie unter dem Eindruck dieses Traumes. daß sie dieser Tage in den Zeitungen Nachrichten von der Ankunft des Thronfolgers Franz Ferdinand in Bosnien und von den Vorbereitungen gelesen hatte. an den Gegenständen um sie und an ihr selbst. nur schwer von ihrem Traumbild loskam und sich nur langsam entschließen konnte. Denn im Gegensatz zu den sie die ersten Zeitungsseisie lediglich die letzte meisten Menschen überflog auf der Nachrichten ten nur flüchtig. in dem die unwürdige Menge sich würgte und wand. versun- ken in Gedanken von Liebesglück und Liebesleid. Beim Anblick jener ungewöhnlich lebhaften Bewegung der Menschen am gegenüberliegenden Ufer erinnerte sie sich. Eigentlich hatte sie nichts gelesen. von Versteigerungen. als zeige sich in allem. geheimnisvoll und wunderbar. sondern bloß die großgedrud<:ten Titel der Begrüßungsartikel auf der ersten Seite gesehen. die zu seinem Empfang in Sarajevo getroffen wurden. 98 . und es schien ihr. aufmerksam las Seite. von Zeit zu Zeit ein Widerschein des Glanzes. so daß man ihn mehr ahnte das Schicl<:sal der Masse teilte als sah.mehr und nicht mehr an die Gesetze des Wettstreits gebunden war. von Wertveränderungen in der Wirtschaft und auf dem Geldmarkt zu finden waren. so wie andere Frauen und Mädchen ihres Alters am offenen Fenster die Zeit vertrödeln. das zu beginnen. Ausverkäufen und Darlehen. was der Tag von ihr verlangte. Auch dies war ein solcher Morgen. da das Fräulein ausnahmsweise lange an dem offenen Fenster stand und. in Gedanken und Berechnungen. aber kürzer als der schnellste Blitz. obwohl wach und schon angekleidet.

die ihm da zu Ehren schössen. erblickte sie am war und zur Brücke anderen Ufer einen Zug von getreten Kraftwagen. blieb sie wie üblich bis kurz vor Mittag. So merkte sie auch niclit. Die Kraftwagen waren schon verschwunden.Durch die angenehme Erinnerung an den verflossenen Traum. Bei diesem unangenehmen Gedanken trennte sie sich schließlich vom Fenster und begann sich fertigzumachen. Sie dachte einen Augenblicl< darüber nacli. Und in dem Augenblid<. die zwischen als sie die Brücke überschritt.. dem Ganz ihren sie gesenkten Blicks. Auf dem Friedhof einen Augenblick. Und sie hatte. daß am Palais aus Sinn. Das Fräulein der Thronfolger in jener Automobiles die und daß Kanonen waren. in denen sich die lebhaften Farben der Offiziersuniformen abhoben. auch allen Grund dazu. nahm an. 99 . die sie hier am Fenster regungslos verharren ließ. daß reihe befand sich dumpfes Dröhnen. Sie hatte sie nie geliebt und stets als et- was Überflüssiges und Gefährliches gescheut. da sie durch die schmale Gasse den beiden großen Gebäuden der Landesregierung zur Kosevoallee führt. Bei der Rückkehr vom Friedhof schien es ihr als als seien die Straßen belebter und eilten die Leute schneller als sonst nach Fiause. zog sich wie ein schwarzer Streifen der Gedanke an die Zeitungen. und in der letzten Zeit waren sie ihr sogar verhaßt. wie wir gesehen haben. Als sie aus dem Hause ging. auf demselben Weg nadi Hause zurück. dann kam es ihr kehrte Gedanken hingegeben. ertönte von der Stadt ein starkes. ging. ohne jemand zu beaditen und etwas zu bemerken. die Autos fuhren rasch am Kai entlang dem Innern der Stadt zu.

als sie zum Friedhof gegangen war. große schwarze Fahnen wehten.« den Augen spiegelte sich die Angst vor den bloßen Worten. denn es ist nichts Gutes. auf beiden Baikonen. »Aber lein. bei der Lateinischen Brücke. was geschehen ist«. mein Fräulein. und »Ach. hier am Kai. Erst als sie mit der Mutter das bescheidene Sonntags- mahl eingenommen hatte.der Landesregierung. Schüler. stammelte der Mann. führte sie ihn ohne Gruß ins Haus. daß Sie nicht in die Carsija gehen und sich mit Ihrer Frau Mutter in acht nehmen. die am Morgen. irgendein serbischer Bursche. Ein Attentat. Ein Augenblick der Stille trat ein. Man hat den Erzherzog und die Erzund noch ein paar andere erschos- herzogin.« 100 . wobei sein Blick von einem Gegenstand zum anderen irrte. »Und wer hat sie erschossen? Wie? Wann?« Er sprach aufgeregt. Fräulein. sen. noch nicht dort gehangen hatten. Fräulein. was sich da vorbereitet. ein Unglück für die ganze Welt. um Ihnen zu sagen. »Sehen Sie. Sie wissen nicht? Ach. seine Frau. seine in Hände zitterten. ich bin gekommen. Überrascht von diesem unerwarteten Besuch zu unpassender Zeit und noch mehr von dem ungewöhnlichen Aussehen und Verhalten Rafos. Es war Rafo Konforti. sehen Sie. Gott soll uns beschützen!« seufzte Rafo. Sie »Was »Wie? glück ist ist los?« wissen nicht. Fräu- daß Sie auf sich aufpassen. ein Un- geschehen. Gott soll uns beschützen. Stu-den- haben beide erschossen. klopfte jemand an das Tor. ten.

Gott behüte uns! Man spricht davon. Angst in den Augen und den Finger vorm Mund. sich gelegt hat. Fenster Ohne der Mutter etwas zu sagen. trat sie ans Blid<. Mag uns Gott beschützen!« Und Rafo neigte sich weiter lichem Flüsterton hinzu: vor und fügte in ängst- »Der Pöbel hat sich erhoben. Sie bleiben zu Hause. um Ihnen das zu Sturm sagen. Am besten.« So verabschiedete sich Rafo. Gazda Rafo. bei Gott. um zu brennen und zu plündern. und man konnte nicht weniger und nicht mehr Leute als geAlles wöhnlich am Sonntag um diese Zeit sehen. Erst als das Fräulein allein war. daß man alle serbischen Kaufläden in der Carsija zerstören wird. Sie ich bin und Ihre Frau Mutter tun mir leid. Der katholische Priester hat eine Rede gehalten. empfand sie ein Un- behagen.« Rafo schüttelte ungeduldig den Kopf. Was will man denn von uns? Wir haben mit diesen Dingen nichts zu schaffen. daß Sie nichts damit zu tun haben. dieser Und wir sehen uns nicht wieder. Fräulein. Es geht um etwas Wichtiges. Auch den Häusern wollen sie zu Leibe rücken. Sie sehen. Angst und Ungewißheit lagen in der Luft und über lOI . Schw-ei-gen Sie! Ich schicke den Jungen. Verstehen Sie? Sitzen und schweigen falls Sie Sie. doch die ganze Gegend kam ihr jetzt verändert und neu vor. das wissen Sie doch. war wie auch sonst an seinem Platz.»Aber wir zwei sind doch Frauen. und warf einen auf das andere Ufer der Miljacka. Man sagt. aber was geschieht. etwas brauchen. und gekombis men. »Ich weiß. Der Thionfolgei! Man munkelt so allerlei in der Stadt.

Der Hauch des heißen Tages erfüllte die Luft noch mit feinem Staub. In das alles mischten sich von Stimmen jemand zum Ruhm und anderen zum Verderben schrien und heulten. voll ungewöhnlicher Laute und feierlicher. Alle Glocken übertönte die große Glocke der katholischen Kathedrale mit ihrer scharfen. durchdringenden Stimme. von der Banjski-Höhe und vom Schloß. was geschehen war und was den serbischen Häusern und Geschäften drohte. Jetzt mußte Rajka ihrer Mutter sagen. schicksalsschwerer Ereignisse. ausgeglichenen der Menge. wo und wie. aber dieser war besonders lang. daß im Hause Licht gemacht wurde. als wäre sie aus Eisen gegossen. und die beiZeit zu Zeit die einträchtigen. Am Feiertag ist jeder Nachmittag länger als an einem Werktag. Die alte Frau begann zu weinen. es hörte sich an. Und das Dunkel fiel herab. die irgendwo in der Mitte der Stadt I02 . Überall in der Stadt flammten Lichter auf. und in kurzen Intervallen hörte steilen Berge man das gedehnte. aber die Mutter fuhr fort zu weinen. furchtbarer Vorahnung großer. so wie sie auch aus jedem anderen und viel geringeren Anlaß geweint hätte. ohne daß sie hätte sagen können. Das Fräulein tröstete sie flüchtig und zerstreut. ein schwüles Dunkel. das die um Sarajevo als eine bereits erwartete Ant- wort auf diese metallene Musik des Todes und der Erregung zurückwarfen. Als die Sonne hinter den Bäumen unterhalb des Hum-Berges versank und in ihrem eigenen Feuer zerschmolz. Die Glocken tönten aus der Ferne. seltsame Echo. da erlaubte das Fräulein nicht.der Landschaft. Sie saß mit ihrer Mutter am offenen Fenster. Von den Kirchen erscholl dumpfes Grabgeläute.

sie fürchtete nicht 103 . wenn einer ihiei großen Herren Einleitung zu einem traurigen Zwiegespräch umkommt. riet ins Stocken. Überall breitete aus. das in den Sommerdie. »gar nichts wird geschehen.« Serben Das Fräulein antwortete nicht. Die Mutter blieb in der Finsternis wach und hing ihrer ohnmächtigen Witwensorge nach. aber ich weiß. hab keine Angst!« »Ich weiß nicht. als wollte von der eigenen Worte überzeugen.den Frauen horchten einander am Fenster. denn von keiner Seite war das geringste Singen und Spielen zu vernehmen. was geschieht.« »Leg dich nieder und schlafe. Die Mutter seufzte laut. mein Kind. unangenehm. Das Der Gedanke an ein Gespräch war ihr ärgerte Rajka. horchte sie auf die sie sich Stimmen Rich- aus der dunklen Ferne. die am Leben bleiben. was bei Frauen immer die ist. sagte sie herb zu ihrer Mutter. und das Gespräch ge»Ach. und wie es uns angeht. Noch lange lauschten die beiden Frauen in die Nacht. Schließlich gingen beide Frauen zu Bett. nächten sonst noch lange zu hören sich eine Stille ist.« Während tigkeit ihrer sie das sagte. Kind. nachdem die Glocken verstummt waren und die Kundgebungen aufgehört hatten. wie sie die Starken und Mächtigen dieser Welt noch eine Zeitlang nach ihrem Tode einem breiteren oder engeren Kreis derer aufzwingen. Mutter! Das geht uns nichts an. daß es nicht gut ist. »Geh und leg dich nieder«. so als erwarteten sie etwas. viel ruhiger war als die früheren. sie saßen näher bei- als sonst. Die armen werden wieder dafür büßen.

nur für die »armen Serben«. auch mit dieser Angst abzurechnen. sein Geist ist von durchdringender Schärfe. aber leicht Schaden erlitt. (Reisebeschreibungen waren die einzigen Bücher. die sie kaufte suchte und regelmäßig las und in denen und fand. aber sie tat es unhörbar. soweit sie diese überblicken und begreifen und sie. ausgeruht und hellwach.:: der Tag noch Nacht eine Lösung bringen konnten. Sie fühlte die Nähe einer Krise. erstand vor ihr und bestimmte ihr Verhalten in allem und allem gegenüber. was unbestimmt und doch sie etwas stark mit ihrem Leben zusammenhing. als hätte sie niemals geschlafen. besonders wenn sie von unbekannten Erdteilen und von der Entdeckung verborgener Schätze und neuer Märkte handelten. befangen in ihrem Traum. Mit geschlossenen Lippen und zusammengezogenen Brauen lag sie im Bett und schaute scharf in das Dunkel.) Dann löschte sie das Licht und schlief ein. ist erneuert und doch reich an Erfahrungen. war sie ge- um diese Zeit alle Fragen zu lösen. Die ganze Welt. die Rafo in ihr Haus gebracht hatte. in der man schwer erwarb und verdiente. mit kühlen Wangen. Bei Tagesanbruch fühlt sich der Mensch wie wie. für die we- '. richtig sehen konnte. Jetzt war der Augenblick gekommen. und sie empörte sich dagegen mit der ganzen 104 . sie alles im Leben getan und Die Tochter jedoch las einige Zeit in irgendeiner deutschen Reisebeschreibung. ohne Lärm und ertragen Bewegung. Seit jeher Erwachen beim Morgenrot! wohnt. Vor Sonnenaufgang erwachte sie: frisch. sondern allmählich für die ganze Welt. wie hatte.dergeboren. das in der Nähe der Fenster dünner und blasser zu werden begann.

die sie an der Mil- jacka Spazierengehen sah. müßig. die niemals etwas damit zu tun gehabt hatte? Das von alles ging sie nichts an. Was bedeutete das alles für sie? Und woher kam jetzt wenn man es einmal in Zusammenhang brachte: Thronfolger — Politik — Studenten. als es ihr etwas eintragen konnte oder als es. das sie immer sorgfältig gemieden hatte. viel größere Interessen traf als die ihrigen. Das war zweifellos eine große Erschütterung. daß es etwas in der Welt gab. aber ihre Schuld ihr sie konnte sich nicht damit aussöhnen. Mußte das für sie das. Was war geschehen? Man ermordet. die seit den frühesten Jahren bloß hatte den Thronfolger in eine Richtung geleitet war. daß ihre Arbeit und ihr Interesse sie selbst Dinge gebunden sein sollten. Gefahr oder wenigstens Stillstand ihrer Arbeit bedeuten. ernst nisvoll. »politische und »nationale Interessen«? Etwas Fremdes und Fernes.Kraft ihres Wesens. die den Kreis dieser Stadt weit überschritt und andere. Alles das war für sie nur soweit vorhanden. wie sie es über- schreiten oder umgehen könne gleich jedem anderen Hindernis auf dem Wege. im anderen Fall. Verlust. Sie drängte es entschieden sich und trachtete bloß danach. und geheim- mit hochgestülptem Kragen an leichten Wintertief mänteln. Sie sah das deutlich ein. Und wer waren diese Ereignisse« Studenten? Langhaarige Burschen. ohne Schaden zu umgehen war. daß an diese abhängig 105 . Schier unerträglidi war ihr der Gedanke. gebeugt unter ihren großen schwarzen Hüten. Was bedeutete überhaupt wie »allgemeine Probleme«. was ohne stören durfte für sie etwas Vermögen bedrohen und ihre Pläne und konnte.

Aber sie konnte es nicht erwarten.von etwas. so daß niemand mehr das Recht hätte. Das Fräulein gedachte nach neun Uhr in die Bank zu gehen und Direktor Pajer aufzusuchen. das völlig außerhalb ihres Machtund das böse Schicksal irgendeiner Gemeinschaft teilen müßte. um und jede Ungeiegenheit zu vermeiden. Alles wollte sie tun. wieweit die Befürchtungen Rafos begründet waren und was jeden Schaden sie tun. irgend etwas von ihr zu verlangen. die Straße. >Was habe ich mit serbischen sein sollte bereichs lag. sich auf der inneren. sie zugeben. so Tür schroff hinter Sie ging nicht am Ufer der Miljacka entlang. aber das würde sie »Das niemals!« flüsterte sie halblaut. sondern erhob sich schon vor neun Uhr und ging auf ter schaute ihr nach. und dabei schlug sie mit der geballten rechten Hand auf das Kissen. Blick. das sich der sich vor ihr breitmachte. Nein. Und in ihr erhob wütende Wille. wie sie sich verhalten sollte. durch jene immer ruhige und verschlafene Straße. sich vollständig und für immer Bindungen und Rücksichten zu befreien. von allen Plötzlich richtete sie sich im Bett auf. um bei ihm zu erkunden. das Fräulein aber ärgerte und daß reizte dieser sie die verweinte und erschrockene sich zuschlug. sondern bewegte lange. die Tera- io6 . niemals und um keinen Preis würde nie zugeben. etwas zu sagen. auf der Seite der Verlierer zu sein. linken Seite. Die Mut- wagte jedoch nicht. Studenten zu schaffen?< fragte sie zornig das blasse Dunkel. so wie sie sich niemals an jemand gebunden gefühlt oder von jemand etwas im Namen dieser Bindungen verlangt hatte. als wollte sie ihren Entschluß schmieden.

bereit. rijastraße das Schreien der lich von der Cumuhörte. der Jahrzehnte zurückgezogen. zerstreut und scheinbar zahm dahinlebt. einer Wasserrinne ähnelnden Vororten ein Wie jede orientalische Stadt hat auch Sarajevo sein Fakirgesindel. Es mußte etwas geschehen wie am Vortage. die wie eine Handvoll Körner teils über die steilen Hänge der umrückzugehen. was in diesen Leuten steckte. der sich aber bei solchen Gelegenhei- ten nach den Gesetzen irgendeiner unbekannten gesellschaftlichen Chemie plötzlich vereinigt und in Flam- 107 . den wenigen Vorübergehenden Der Morgen in Sarajevo hat auch zur Zeit der größten Hitze den frischen Hauch des Morgens in den Bergen. oder ihren Weg zur Bank fortzusetzen. Schon als sie sah auf der anderen Seite des Flusses das weiße.zija heißt. falls sie den Weg flußauf. um alles zu entblößen.oder flußabwärts einschlagen sollte. seinen Pöbel. Die ersten Reihen der De- monstranten strömten auf die Uferanlage heraus. die sonst arbeiteten oder melten. Das Fräulein verbarg sich hinter einem Baum. damit man richtig sah. das ähn- Volksmenge klang wie am Vorabend. So er- reichte sie bald die Brücke an der Cumurijastraße. oder vielleicht genügte auch ein weniger bedeutendes Ereignis. teils über die sich am Fluß hinstrecken- de Ebene gestreut war. Hier konnte sie nichts Außergewöhnhches an feststellen. was in diesem Falle heißt. Man sie atmet leicht und kommt gut voran. falls die liegenden Berge. Es mußten Tage kommen wie diese. was alles in dieser Stadt lebte. zu- Masse über die Brücke auf sie zukäme. Geld verschwendeten oder in den steilen armseliges Leben fristeten. bumund winkeligen. große Gebäude der Union-Bank.

Die Angehörigen der abgrundtief. beziehungsweise ein Teil von ihr. über diese Stadt. die nach Bekenntnis. vernunftlos und und sie übertragen diesen Haß auch als aufs Jenseits. All jene so lange zurückgehaltenen und schlummernden Wünsche nach Zerstörung und Gewalttat. beherrschen sie die io8 . die bisher ihre Gefühle und Gedanken bewegt haben. dann ergießt sich diese Horde. die lange Zeit Nahrung gesucht und endlich gefunden hat. diesen ohne daß ihnen Gelegenheit Haß in seiner ganzen Stärke und Schrecklichkeit zu beweisen. Ruhm und Sieg und und Schande des andersgläubigen Nachbarn aufSie werden geboren. dringen dann an die Oberfläche. heimtückischen inneren Roheit und der Wildheit und Niedrigkeit ihrer Triebe gleichen. sich jedoch in ihrer angeborenen. der das Feuer und den Schmutz niedrigster Leidenschaften und ungesunder Gelüste proletariats ausspeit. nachdem sie endlich einen tauglichen Grund gefunden hat. bietet. Diese Masse des Lumpen- und des hungrigen Kleinbürgertums be- steht aus Menschen. sich vergeht ihr ganzes Leben. in diesem wirklich physischen Abscheu vor dem Andersgläubigen. wenn feste aber anläßlich eines bedeutenden Ereignisses die Ordnung der Dinge ins Schwanken gerät und Verstand und Gesetz für einige Stunden oder Tage außer Kraft gesetzt sind. und wie eine Flamme. das sie als ihren derlage fassen. wachsen und sterben in Nieoft diesem Haß. Gewohnhei- ten und Kleidung verschieden sind. drei Hauptkonfessionen hassen ein- ander von der Geburt bis zum Tode.men ausbricht wie ein schlummernder Vulkan. die sonst wegen ihrer feinen Liebenswürdigkeit im gesellschaftlichen Leben und ihrer schmeichelhaften Redeweise bekannt Gehässigkeiten ist.

groben Kehlen kam. alles nach der Anleitung eines etwas besser gekleideten Mannes. spucken. Häuser und Straßen zurück. Dann zie- hen sie sich wie Schakale mit eingezogenem Schwanz in ihre Seelen. den die klimatischen und schaftlichen Verhältnisse begünstigten schichtliche jetzt gesell- Entwicklung unterstützt und den die gehatte. Mohammedaner und Katholiken. zerschlägt oder bis sie selbst in ihrer Raserei verbrennen und erschlaffen. die unter anderen Vor- aussetzungen. klang verworren und brach mehrmals ab. wo sie wieder jahrelang verborgen leben und bloß in bösen Blicken. war auch hervorgebrochen und hatte sich auf die Straßen des neueren Stadtteiles gestürzt. die sie offenbar aus irgend- einem Amt geholt hatten. das aus ihren ungeübten. eine jener eingerahmten far- bigen Reproduktionen. beißen und zerbrechen. häßlichen Redewendungen und obszönen Bewegungen hervorbrechen. Dieser für Sarajevo eigentümliche wütende Haß. die stärker ist als sie. aber das Lied. der sie anführte und der sehr große Ähnlichkeit mit einem Polizisten in Zivil hatte. meist dürftig gekleidet und schlecht genährt. den die verschiedenen konfessionellen Institutionen durch Jahrhunderte nährten. für eine andere Ordnung und andere Umgangsformen erbaut worden waren. In dem Haufen mochten etwa zweihundert Aufwiegler sein. Sie versuchten auch die Staatshymne zu singen. mit den Spuren des Elends oder des Lasters im Gesicht und in der Haltung. Diese beiden waren zerlumpte und verschlagene Individuen mit niedriger Stirn 109 . Sie schrien wahllos »Nieder!« und »Hoch!«. Vorn trugen zwei Männer ein Bild des Kaisers Franz Joseph.Gassen. bis sie eine Kraft.

hielten sdiritten sie wie die Neger ihren Fetisch. Das geschmackvolle weiße Gebäude der Union-Bank HO . die sich fest an ihn schmiegten wie ein zweiter. die seine hohe Stirn ins Endlose fortsetzte.Gewohnt. bis sie hinter ihrer ehemaligen Schule in Richtung auf das Gymnasium verschwanden. sie sind. und trübem Hauptstraßen der Stadt tragen durften. glänzend und feierlich. So langsam wie bei einer Prozession voran. leben- der Rahmen. Die Gestalt des Greises mit dem weißen Backenbart und der Glatze. eingeschnürt in einen weißen Waffenrock mit golde- nen Knöpfen. wobei sie unter dem und zerknüllten Hut heimtückische Blicke nach rechts links warfen. wie es sich gehörte. wie ihn einem tierisch Menschen haben. währenddessen jemand die zwei ermahnte. mit frechen Gesichtsausdruck. waren sie jetzt verlegen und zugleich voll dreisten Stolzes. zog die Menge den Kai hinab. und begab sich dann über die Brücke zur Bank. das Bild umzudrehen. daß ihnen zur Zeit niemand etwas anhaben kann. Nach kurzem Schwanken und einigem Hin und Her. im Schatten ihres Elends. roter Schärpe und einer Reihe von Sternen und Medaillen. In ihrer Eile und Verwirrung hatten es sie das Bild umgedreht. wer und was sen. irgendwo an der Peripherie zu leben und zu arbeiten. die aber auch genau wis- gut wissen. sie es fest gen Fäusten. so daß aber mit ihren riesi- mit dem Kopf nach unten wies. die an ganz andere Arbeiten gewöhnt waren. daß sie das Bild des Kaisers durch die Blick. Das Fräulein wartete. stach sonderbar ab von den beiden liederlichen Menschen mit dem ärmlichen Aussehen und der kläglichen Haltung.

an der Ecke der Cumurijastraße nahm eine Front von achtzehn Metern auf der Kaiseite ein. halbdunkle und etwas feuchte Kanzlei des Direktors. de und Bekannten benutzten den Nebeneingang betraten das namenlosen Gasse. und im Winter brannten in dem großen Kachelofen schwere Buchenscheite. und darüber zwei Stockwerke mit zwei großen Wohnungen. an denen jetzt alle Rouleaus herabgelassen waren. vorbei zum Direktor durch den Haupteinam Schalterfenster des Portiers. der auf eine kurze. An den Wänden hingen einige Aquarelle in lebhaften Farben mit Waldlandschaften und Jagdszenen. einer III . neben dem Schreibtisch. Es war ein großer Tisch. Der ganze Fußboden war mit gewalktem grauem Tuch bedccl^t. Die Kanzlei des Direktors war im rückwärtigen Teil des Gebäudes untergebracht und hatte einen eigenen Ausgang. die als die teuersten in Sarajevo galten und schon seit Jahren von einem Rechtsanwalt und einem Arzt bewohnt waren. ein persönliches und angenehmes Aussehen. wo den größten Teil des Tages Licht brennen mußte. Nur Fremde und Neulinge gingen gang. und auf ihm herrschte weder Unord- nung noch tische. Im Erdgeschoß befanden sich Kanzleien. mit der er in Berührung kam. darauf lagen bosnische Teppiche am Eingang und persische im Hintergrund. Zur Zeit der Sommertage herrschte hier Kühle. schmale Gasse hinausführte. die frostige Leere gewöhnliclier Bankier- Da sah man Liclitbilder von Frau Pajer. Hier gelangte man aus einem engen Vorzimmer unmittelbar in die geräumige. Doch Pajer gab diesem großen Raum wie auch jeder kleinsten Sache. alle Freunund Haus von dieser kleinen. alle waren gleich groß und stammten offenbar von demselben Maler.

daß ich tun hatte. an den Schreibtisch gelehnt. was sie von Rafo gehört hatte. die sehr von seinem Äußeren abstach. in der fast das ganze Jahr hindurch Blumen oder grüne Zweige standen. ungewöhnliches Aussehen. während er selbst. daß bei mit diesen Dingen nie etwas zu mich immer ferngehalten habe und ich den serbischen Vereinen sogar schlecht angeschrieben bin. Mit breiter. Er stand da wie ein Mensch. 112 . zwangloser Bewegung. der gerade im Begriff ist. aus dem Haus zu gehen. und ihrem Sohn. »Sie wissen. mit verschränkten Armen stehen blieb. einem schönen Jungen in der Kleidung seines Internats. bot er dem Fräulein einen Platz an. Der hohe weiße Kragen und das schwarze Plastron verliehen ihm ein feierliches. Die den zum Zeichen der Trauer geschlossen. was bei ihm das Zeichen größter Ungeduld war. Dahinter glänzten auf tiefen Regalen in lan- gen Reihen die goldenen Einbände der Bücher. sowie neben der bronzenen Statuette eines Hirsches eine Vase aus grünem Glas. Der Direktor war nur auf einige Augenblicke hierhergekommen. Bekleidet war er mit einem schwarzen Redingote.schwarzäugigen Frau mit einem Pantherkörper. Auch die Zeitungen haben mich angegriffen. Das Fräulein teilte ihm kurz mit. und äußerte ihre Befürchtungen hinsichtlich ihres Hauses und Vermögens. und dämmrig wie in Blumen in der grünen Vase waren nicht erneuert worden und hingen herab. bevor er zum feierlichen Requiem für die Opfer des gestrigen Attentats in die Kirche ging. An diesem Tag blieb die Bank wie alle anderen Institute und LäIn der Kanzlei war es jetzt frisch einer Kapelle.« Pajer biß sich auf die Oberlippe.

ohne daß es jemand von Ihnen verlangt hat? Und selbst wenn man es verlangen würde. hervor- tun. daß er sie in den letzten Jahren nicht mehr anders ansprach. es nötig ist. und das zu sein ist keine Schande.« Einst hatte er sie mit dem Taufnamen später.erst »Hören Sie. es ihr wegen ermahnen mußte. andere. Fräulein . Sessel. ich gekommen. Sie sind Serbin. wenn er lebte. sie Dinge wahrzunehmen. auch nicht durch Loyalitätsbezeigungen. Diese Menschen werden aucli nicht ewig brüllend durch die erschrecl<. . trat einen Schritt näher und beugte sich über den . was Wenn . irgendeine Erklärung oder so etwas abzugeben. in dem sie saß. Tochter Gazda Obrens und dürfen wie auch er sicher nicht so gehandelt hätte. viel- auch eine freiwillige Spende . als er sie ihres eigenwilligen Vorgehens oder ihrer Wuchergeschäfte er sie Fräulein. sich später 113 .. fuhr Pajer fort. . hatte nicht bemerkt. daß Ihr Konforti Sie mehr als nötig erschreckt hat. Sie sind die nicht so handeln. um Sie zu fragen. die viel wichtigere unmöglich machte. wessen Sie schämen und was sie bereuen müßten. Mein Rat geht dahin. sehr mißlich und schwer ist und daß noch viel Schwereres kommen wird. aber warum sind Sie so vorschnell und sondern sich von Ihrem Volke ab. »Hören Sie. Fräulein«. Lassen Sie sich nicht durch diese und damit Sie nicht etwas tun. gerufen. Ich bin zu allem bereit. für die ganze Welt und besonders für die Serben. »mir scheint.«« Hier ließ Pajer die Hände sinken. was geschieht.»Und jetzt bin zu tun leicht ist.en. daß Sie sich durch Horde verwirren nichts. nannte Geblendet von ihrer Leidenschaft. Im Gegenteil. Ich weiß. daß alles. Ich weiß selbst nicht.

Straßen laufen. Bleiben Sie in diesen Tagen zu Hause,

und wenn Sie etwas brauchen, kommen Sie zu mir oder
rufen Sie mich, dann werden wir uns beraten.«
Pajer

sprach mit gedämpfter Stimme,

und

seine

Augen zitterten in leichter Verwirrung. Das Fräulein verließ ihn unbefriedigt und begab sich unsicheren Schritts zu ihrem Geschäft. Es war nicht ihre Gewohnheit, die Strafte und die Menschen um sich zu betrachten und sich darüber Rechenschaft zu geben, was
sie erblickte,

aber diesmal betrachtete

sie alles

sehr auf-

merksam. Zwar waren die Läden geschlossen, doch gab das den Straßen kein festtägliches Aussehen. Die Zahl der Passanten war geringer, die Pvuhe auf der Straße größer als sonst. Die Straßen sahen aus, als hätte sie in der Nacht ein ungewöhnlicher Sturmwind gekehrt und gereinigt und nur eine leere Fläche und die Angst vor einem neuen Unwetter hinterlassen. An den Dächern und Fenstern tauchten immer neue schwarze Fahnen auf. Ihr Geschäft am Eingang in den Veliki Curciluk war unberührt, die große eiserne Tür war wie bei den
übrigen Kaufläden geschlossen, und darüber lagen

kreuzweise zwei eiserne Stangen. Sogleich machte
sich

sie

wieder auf den

Weg und

eilte

durch die fast leeren

Straßen zur oberen Stadt. Sie fand Veso in
abschüssigen Hof, der nach

dem

engen,

dem

reinlichen Pflaster

und von und den weißen Hauswänden
duftete

Blumen

glänzte.
ster auf

Im hinteren

Teil des Hofes

war über dem

Pfla-

weißen Leintüchern Mehlteig

ausgebreitet.

Veso war vollständig angekleidet, nur trug er weiße Strümpfe und flache Pantoffeln. Mit einer Gerte in der

einem Stein und gab acht, daß die Hühner nicht an den ausgebreiteten Teig herankamen. Das
er auf

Hand saß

114

Fräulein ärgerte die Ruhe dieses Idylls, das so gar nichts von ihren eigenen Sorgen und Ängsten hatte. »Veso, ich bin gekommen, damit wir besprechen, wie

wir mit

dem

Geschäft verfahren.«

»Auch

ich wollte

schon zu Ihnen

kommen,

um

zu

sehen, wie es Ihnen geht.

Das Geschäft habe

ich laut

Anordnung

geschlossen, wie es auch die anderen getan

haben. Jetzt wollen wir sehen, was weiter wird.«

»Wie? Wir wollen sehen? Siehst du denn nicht, daß sich der Pöbel erhoben hat, um die serbischen Häuser und Läden zu zerstören? Man muß etwas tun.«

»Was können wir schon tun?« »Man kann eine schwarze Fahne
.

herausstecken. Ich

habe es an anderen Läden gesehen.« »Das kann man .«, erwiderte Veso gedehnt.
.

»Das kann und muß man.« »Wir warten ab, was die übrigen Serben und Kaufleute machen, und danach handeln wir dann.«

»Was gehen mich die übrigen an? Die übrigen können sich, wenn sie wollen, den Hals brechen, wozu sie
sich ja

schon anschicken, aber ich will nicht, daß

man
wir

mein Geschäft anzündet oder mein Haus plündert.«
»Langsam, Rajka, unser Geschäft
wollen
es
ist

nicht

allein,-

mit den anderen Leuten halten, und wie es

denen ergehen wird, so auch uns.« »Mit welchen Leuten? Ich lebe nicht von diesen Leuten, sondern von meiner Arbeit. Und wenn ich Schaden leide, wird niemand kommen und mich fragen, wie es mir geht und ob ich weiterkann.«
Sie sprach schnell, voll verhaltenen Zorns.

»Ach, Rajka. Ich will nicht abseits von den Unsrigen
stehen,

und deshalb werde

icli

wie

sie

handeln.«
115

überrascht betrachtete

sie

ihn näher. Klein und ver-

schrumpft wie sonst, in flachen Pantoffeln, mit einem
Stock in der Hand, so stand er vor ihr,
er

und doch

hatte

etwas
sich.

feierlich

Ruhiges und männlich Entschlossenes

an

Er stand aufrechter da als gewöhnlich, als trüge

er ein eisernes Skelett in

diesem schwachen, kleinen

Körper.

Die unerwartete Geistesgegenwart des sonst schwäch-

Mannes und sein trotziger Gleichmut verblüffund erbosten sie. Scharfe, zornige Worte drängten sich auf ihre Lippen, prallten aneinander und stauten
lichen

ten

sich.

Und

gerade, als sie mit aller Entschiedenheit er-

klären wollte, daß

essen handeln werde

Kaufleute

sie

nach ihrem Kopf und ihren Interund das Verhalten der serbischen wenig angehe, hörte man von oben aus
sie

dem Hause

eine schrille Frauenstimme:

»Ksch, Gott soll euch erschlagen! Ksch, verrecken sollt
ihr, bei Gott! Veso, du Nichtsnutz, siehst du denn nicht, daß die Hühner den Teig auffressen? Ksch, ksch!« In der Haustür stand Vesos Frau Soka, klein wie er, mit einer weißen Schürze und mehlbestaubten Händen,

sonst aber sauber

und

gepflegt. Beide

Hände schwin-

gend, verjagte

sie die

Hühner, die

tatsächlich Vesos Ge-

spräch dazu benutzt hatten,

herbeizukommen und den
Teig zu picken. Sofort

auf

dem Leintuch ausgebreiteten

schwenkte Veso einige Male seine Gerte. Die Hühner
liefen hinter das Haus,

und Soka kam, Rajka zu

be-

grüßen.
keit des miniaturhaften Paares

Mit der kleinen Aufregung in der Miniaturhäuslichwar das Gespräch zwi-

schen

dem Fräulein und Veso im wesentlichen beendet.
knapp und
zerstreut, entschlos-

Sie verabschiedete sich

ii6

sen,

von diesem Menschen unter den

jetzigen Verhält-

nissen nichts zu erwarten, sondern alles allein zu tun,

aus eigener Kraft

und nach eigenem Verstand.
nichts für sie schwer

Wenn eine Frau wie sie blind und hartnäckig in einer
Richtung geht,
ist

Obwohl
verwirrt

die Kaufläden geschlossen

und unmöglich. und die Menschen

und

völlig durcheinander waren, fand das

alles, was nötig war: an ihrem Fiaus und ihrem Geschäft hingen schwarze Fahnen. Sie war nicht die erste, die sie aushängte, aber sie würde die

Fräulein bis Mittag

letzte sein, die sie einzog.

117

V

Im Leben

eines jeden

Menschen

gibt es trübe Zeiten,

von denen seine Erinnerung meist schweigt oder nur beklommen spricht. So eine Zeit waren im Leben Rajkas die Kriegsjahre. Die vier Jahre waren wie ein lebhafter, seltsamer Traum, begleitet von starken Gefühlen des Aufschwungs, der Angst und endlich verdüstert von
Schwierigkeiten, Verlusten

und

einer Bitternis, die sie

auch heute noch nicht verstand, die jedoch nie von ihr

weichen würde.

Der erschossene Thronfolger und seine Gemahlin wurden in feierlichem Zuge zum Bahnhof übergeführt.
Es

kam zu

zahlosen Verhaftungen und verschiedenen
Schlagzeilen aus,

Gewalttätigkeiten. Die Lokalpresse tobte sich in Extrablättern
klärte

und unaufgeoder aufgehetzte Menschenmassen gaben ihren und großen
sie selbst

Gefühlen in Rufen Ausdruck, die
verstanden.

nicht recht

Nach

diesen schweren, ungewöhnlichen

Tagen

trat plötzlich überall eine

sonderbare

Stille

ein

wie nach einem starken Knall. Nicht nur, daß

es

keinen

Lärm, keine aufregenden Ereignisse und geräuschvollen

Massenbewegungen mehr gab. Es war eine aktive Stille, in der die Menschen angestrengt horchten und neue
ii8

Daß man wieder an Geschäfte denken und rechnen. Sie wußte nur. was die Stadt. Volk und die ganze Welt zum Schluß erwar- Die Hauptsache war. »wohin das umschlagen« würde.Ausbrüche erwarteten. Das genügte konnte. Allerdings. Sie dachte nicht daran. Alle hatten einen ab- wesenden Blick und eine träge Zunge. die Untätigkeit und die gewalttätigen. bestrebt. hatte ihr etwas übel- genommen. der ihre ihre Sorge. daß man nicht mehr schoß und auf den Straßen nicht randalierte und Häuser und Läden nicht zerstört wurden. daß man das. Das waren Serben. Selbst Rafo Kon- 119 . steif und stumm wie in der Kirche. ungeordneten Bewe- gungen der Volksmenge vorbei waren. Nicht eine ihrer Befürchtungen hatte sich verwirklicht. Man sah auch gänzlich verstörte Gesichter und verweinte Augen. war nidit niemand finden Zufriedenheit. die irgendwer nötig hatte. das tete. während in ihren Ohren noch nicht einmal das Echo der kaum vergangenen Ereignisse erstorben war. was im Flusse war. sondern jeder lauschte. der sich irgendwo dahinter verbarg. Niemand ihr. In dieser Stille fühlte sich das Fräulein in ihrem Ele- ment. zu erraten. Aber das Fräulein trug all dem nicht Rechnung und wollte es nicht tun. Überhaupt alle hatten Sorgen. Es war eine gelenkte Stille. an einem unhörbaren Laut. der jedoch keiner ganz vertraute. Weder ihr Haus noch ihr Geschäft waren überfallen oder beschädigt worden. was Stille sich hinter dieser verbergen könnte. in den Banken war man zurückhaltend. daß jenes Getümmel. die Kaufleute waren verwirrt. und fragte sich nicht. Sorglosigkeit und ArAlles andere sie daß beitsfreude so richtig geteilt hätte. ordnen und anderes planen konnte. Es ärgerte sie bloß.

Durch all das verwirrt. lebhaft und unternehmungslustig. in neuen Formen und einem bis dahin nicht gesehenen Umfang. Das Ultimatum an Serbien. Die Luft zitterte ununterbrochen aus unersichtlichem Grunde. daß er an etwas anderes dachte. und was immer ihm vorschlug. »Gut. damit wir sehen. Fräulein. aber warten wir ab. Militärkapellen schmetterten. Dann gerieten die Massen und die Ereignisse auf unvorstellbare Weise in Bewegung. die allgemeine menschliche alles tritt fast aller kurz hintereinander. Sie ging zu Rafo Konforti und fand ihn jetzt seltsamerweise munter. welche die verschiedensten Ursachen hatte. Wer so I20 . Die Presse donnerte zuerst los. Kanonen schössen. So verging ungefähr ein Monat. eine Parole: kaufen. was sein würde. Auf Worten jede ihrer sie Fragen antwortete er unbestimmt. Er wartete nicht mehr. und dieses Beben vereinte sich mit der Unruhe. Von neuem erschienen Sonderaus- gaben der Zeitungen mit Lettern in Daumengröße. sondern zusammen und überstürzten sich. Was kommen mußte. was wird. dann wurde die Stille wie in einem großen Orchester tatsächlich unterbrochen und schlug in einen allgemeinen Aufruhr und Krach um." Aber man sah ihm an. Die Ereignisse reihten prallten sich nicht aneinander. Glocken läuteten.forti war noch nicht zu sich gekommen. bis sich das ein wenig legt. die — versteckt oder offen — alle Bewohner dieser unseligen Stadt beherrschte. konnte sich das Fräulein nicht zurechtfinden und nicht fassen. um zu sehen. war da. die Kriegserklärung und dann der Eineuropäischen Großmächte in den Krieg. wies er mit unklaren zurück. Er hatte nur einen Rat. Gleichzeitig verstärkten sich dieses Beben der Luft und Unruhe.

Auch hier. in Sarajevo selbst. der lange. sie größer. geschahen nie gesehene und unerhörte Dinge. Dieses Abpassen der Geschäfte. Ilic-Ziegelei Unter anderem auch Ziegel in der Kosevo. Nach und nach wurde sie immer freier und kühner. in dem man Friedhof. das Wiederverkaubange Furcht. in ihrer Nähe. unmittelbar neben in Ihm folgte in einigen kleineren Geschäften. sah sie bloß in einem Traum. die Schreien glichen. die aus alle fen. der machte Geschäfte und würde allen Veränderungen mit schwacher die Stirn bieten können. das alles und nahm ihre ganze AufmerksamAnspruch. der hatte die Zeichen der Zeit verstanden. wobei sie ängstlich Rafo anschaute.« Rafo kaufte tatsächlich. schwere Kampf. irgendwie mächtig »Alles. von unwahrscheinlichen Drohungen und unerwarteten und unklar wie Und die Verwirklichungen. auch hier vor ihren Augen. Sie und neu kaufen heute Ziegel. bescheiden und unmerklich. »Was soll ich kaufen?« fragte sie Stimme. was er bekommen konnte. Die gewaltigen Ereignisse und die sich überall in der großen Veränderungen. von den ersten kriegerischen Zusammenstößen. sich dem zu einem Entschluß durchrang. Man lebte schnell und üppig und litt offen und im ver121 . das Fräulein mit ihrem Anteil. die flüchtig Welt vollzogen. die Spekulationen begleitete und bei Verlust füllte ihre Zeit keit in und Gewinn gleich groß war. der ihr erschien. Welt hallte wider von mächtigen Massenbewegungen. von Zeitungsnachrichten.rasch wie möglich kaufte und so langsam wie möglich verkaufte. lassen ein bis zwei Prozent Monate liegen und können sie mit achtzig Gewinn verkaufen. Fräulein.

Allerorts verhaftete man Serben und führte sie in provisorische Gefängnisse ab. blind und auf gut Glück. durch ihre Willensstärke ins Unterbewußtsein zurückgedrängt. was Menschen den Inhalt und den Sinn als des Lebens ausmachte.borgenen. zu vergessen. Zugleich hatte man über große Mängel und Leiden zu klagen. brachte sie sie für einen Augenblick in Verwirrung. Schnaps und Tabak. In allem herrschte ungesunde Verschwendung. aus manchen waren alle erwachsenen Männer abgeführt 122 . Alles. es gab Geschrei und Geschimpfe. es war wie eine Seuche. kam schließlich auch dem Fräulein zu Ohren. Die einen trugen noch ihre Bauerntracht. Auch ihre Mutter sprach ständig davon. Besonders erzürnten sie die Nachrich- ten von der Verhaftung und Verfolgung der Serben. sondern auch angesehene Kaufleute und friedliche Staatsbeamte. und die Menschen hatschwitzten in den grauen ten den Wunsch. und vom Weinen waren ihr die Lider gerötet und der Mund geschwollen. was die Welt ängstigte und in Sorgen versetzte. sondern gewaltsam. Das geschah nicht nach Recht oder nach einem ergründbaren Gesetz. sah sie in ihrem ruhigen Leben und ihrer regelmäßigen Arbeit lediglich Hindernis an. Es war ein Getümmel und ein Singen ohne wahre Freude. Alles. Selbst zu Hause blieb sie davon nicht verschont. die gar nicht aufhören wollten. warf aus ihren geschäftlichen Gedanken und für andere verlor sich wieder. Die Stadt steckte voller Reservisten. Man sah zertretenes Obst und Melonenschalen. die anderen und blauen Uniformen und den neuen Soldatenschuhen. und zwar jetzt nicht nur junge Leute und Studenten. denn auch die Häuser ihrer nächsten Verwandten blieben nicht verschont.

hat er sich umgedreht und gesagt: Weine nicht. die Arme! Sie hat mir erzählt. aber irgenddruß zu. So kehrte sie zum Beispiel von einem Besuch bei ihrer Nachbarin Lepsa. . Ach. während die Worte und Tränen nur so heraussprudelten. denn das Erzählen war ihr ein schmerzliches und unwiderstehliches Bedürfnis. zusprechen. die einen frech die Polizisten bei der Haussuchung und Verhaftung nommen höflich und roh. und mir gebegleitet. ihm zuzulächeln. wie alles war. >Ich habe ihn<. damit sich die Feinde nicht freuen. Die Mutter ging zu ihnen. Und die Alte flüsterte weiter unter Tränen und konnte kein Ende finden. die anderen und rücksichtsvoll. Mutter. sagte sie. sagte sie >bis zur Hoftür und als er an der Tür war. eine dumme Schüchternheit hinderte sie daran. die beklagenswerte Lepsa. der Witwe Luka Pavlovic'. was der Verhaftete mitgenommen und was er beim Abtransport ins Gefängnis geäußert. und laufe nicht von Haus zu Haus. daß ihr die Feinde den Sohn wegführen und sie ihm jetzt im Alter nachtrauern muß. Das Fräulein hörte der Mutter mit Unmut und Übersie wünschte. um jemand zu bitten. sondern saß angekleidet da. eine heimliche Scham. »Ach. schieht nichts. zurück und konnte lange nicht zu sich kommen. hatten. kehrte gebrochen gräbnis um ihr Beileid ausWie sich — wie von einem Bebe- — zurück und erzählte Einzelheiten.' sen<. ich bin im Recht. Und ich habe mir den Schmerz verbis- >und habe versucht. warum hat sie erle- ben müssen (Gott schütze einzigen sie!). 123 . was sie gesagt und was die Verwandten ihnen geantwortet hatten. daß sie verstummte oder wenigstens den Gesprächsgegenstand wechselte.worden. sie zu unterbrechen.

damit

er

mich so in Erinnerung behält;
nicht. Als sie

ich schaute

ihn

an und sah ihn
Schwelle, lächle

ihn schon hinausgeführt

hatten, schien es mir, als stehe er noch

immer

auf der

und

sage etwas zu mir.<«
fort, so

Das Fräulein stand ungeduldig auf und ging
als hätte sie

etwas Geschäftliches zu erledigen.
ihr diese

Von Tag

zu Tag wurden

Erzählungen

vom

Leiden und

Heldentum verhaßter; alles erschien ihr übertrieben, unnütz und schädlich, aber sie hatte nicht den Mut, es offen zu sagen. Das kam selten bei ihr vor. In allen anderen Dingen ließ sie ihrer Mutter gegenüber jede Rücksicht vermissen, doch in diesem Falle wagte sie es, ebenso wie seinerzeit in der Geschichte mit den Bettlern, nicht, ihr offen

zu widersprechen. Sie gab

sich

nicht zu Hause zu sein, wenn Frauen zu Besuch kamen, in deren Familie jemand verhaftet war, denn dann nahmen diese von Weinen und Seufzern erfüll-

Mühe,

ten Gespräche, die

sie

persönlich für zeitraubend

und

unwürdig hielt und

die in ihr sonderbare

und gemischte

Gefühle der Verachtung, des Überdrusses und der
Schuld hervorriefen, überhaupt kein Ende. Sie haßte

Gerede« nannte, aufrichtig; noch den Kaffee und den Likör, die dabei regelmäßig aufgetragen wurden; am meisten aber haßte
das,
sie »leeres
sie

was

mehr haßte

sie die leidenschaftlichen

und

feierlichen Gefühlser-

güsse,

an denen

sie nicht

teilhaben konnte.

In diesen Ausnahmefällen war es unmöglich, die Be-

suche zu verhindern und den Menschen den Zutritt zu

verwehren. Auch fand das Fräulein nicht die Kraft dazu, besonders da es sich

um

Frauen aus der nächsten

Verwandtschaft handelte.

Häufig
124

kam Divna zu

ihnen, ihre nahe Verwandte

und

Altersgenossin, die junge Frau des bekannten

Arztes Josifovic; ihren

Mann und ihren Schwager hatte war schon immer mager gewesen, aber in diesen wenigen Wochen war sie ganz zusammengeschrumpft und verdorrt. In schwarzem Kleid, denn sie trauerte noch um ihre Mutter, mit schwarzem schwerem, ungepflegtem Haar über den großen, entzünman
verhaftet. Sie

Augen bewegte sie sich wie eine Gestalt aus einer Tragödie. Wie eine Blinde begrüßte sie Rajka und setzte
deten
sich
viel,

neben

die Mutter, sprach jedoch auch

mit ihr nicht
sie

bloß ihre Tränen flössen unaufhörlich;

wischte

sie

nicht ab, sondern
Seite.

Kopf zur
liche

wandte nur von Zeit zu Zeit den Rajkas Mutter suchte sie auf jede mög-

lein

Weise zu trösten und zu beruhigen, und das Fräuärgerte sich, daß sie weder ein Wort noch ein
als

Lächeln finden konnte.

Divna fort war, brachte sie nur ein paar trockene Worte hervor und bemühte sich, das Gespräch in andere Bahnen zu lenken. »Nie habe ich gesehen, daß jemand soviel Tränen
Aber auch
vergießt«, sagte sie

kühl und plump.

»Ach, mein Kind, sie weint um zwei: um ihren Mann und ihren Schwager, und was für einen Schwager.« Und das Fräulein war verlegen und brachte kein Wort mehr heraus, so als würde das Gespräch in einer

fremden Sprache geführt.

Kaum war Divna gegangen, so kam Tante Gospava. Wieder wurde Kaffee gekocht, und wieder begann das Gespräch von Verhaftungen und Leiden. Nur war Tante Gospava das genaue Gegenteil Divnas. Kräftig und betulich, wie sie war, weinte und klagte sie nicht, dafür sprach sie, sprach laut und rüd<.sichtslos. Schon am cr125

sten

Tag nach dem Attentat war

ihr

Sohn verhaftet
sich

worden, der in Prag Medizin studiert und

durch

seine Arbeit in der revolutionären nationahstischen

Jugend hervorgetan hatte. Bald darauf wurde ihr Mann,

Amtes enthoben, und bedeutungsloser Mann war, der ganz zurückgezogen lebte. Jetzt saß er mehr tot als lebendig zu Hause und vermochte nicht zu begreifen, wie ihm das geschehen konnte, da er sich »niemals
ein höherer Staatsbeamter, seines

obwohl

er ein sehr ruhiger

in etwas eingelassen« hatte.

Tante Gospava war mutig
sie

bis zur

Unbesonnenheit;

hatte,

war stolz darauf, daß man ihren Sohn eingesperrt und jedem, der es hören wollte, sagte sie, daß
ist,

»das serbische Volk kein Fladen

den einer
sitze

zum
und,

Frühstück verschlingt«. Sie klagte über ihren Mann, daß
er

kleinmütig

sei,

daß

er ständig

zu Hause

wenn

er es schon wage, auf die Straße
einer, der

zu gehen, den

Kopf ducke wie
»Also, heute

etwas verbrochen habe.

morgen

sage ich zu ihm:

>Was

sitzt

du

wie eine Frau zu Hause? Geh unter die Leute! Nur geh mir, ich bitte dich, nicht mit diesem Gesicht auf die
Straße!

Wenn

dich der Pöbel so blaß
fürchtest, weil

und

traurig sieht,
bist,

merkt

er,

daß du dich

du ein Serbe

und es ergeht dir schlecht. Trag vielmehr den Kopf hoch, mach ein heiteres Gesicht und geh frei zwischen dem
Gesindel hindurch !<«

Tante Gospava fuhr in ihrer hastigen, scharfen Rede fort, ohne die österreichischen Behörden und die lauen Serben zu schonen. Das Fräulein jedoch fand
irgendeinen Grund, in die Stadt zu gehen. Tante Gos-

Und

pava wandte
sie

sich übrigens

niemals an

sie

und

hatte für

kein Wort und keinen Blick übrig, aber
126

man fühlte,

daß jedes Gespräch zwischen ihnen unangenehm enden
müßte. (»Der Teufel hat von ihrer Seele Besitz ergriffen«, sagte Tante Gospava, wenn von Rajka und ihren
Geschäften die Rede war.)

So etwas Unangenehmes konnte einem auch auf der

Wie zerstreut der Mensch auch sein mag, wie sehr seine Gedanken auch von Geschäften beStraße widerfahren.

ansprucht und die Augen auf die Erde geheftet sind, er kann nicht umhin, irgendeinen von denen zu sehen, die an ihm vorübergehen oder durch die Straße geführt werden. Wenn du ihn nicht siehst, sieht er dich. So ging es auch dem Fräulein. Kaum war sie aus dem Hause getreten, hatte die Brücke überschritten und auf dem
breiten Kai den

Weg zum

Stadtinnern eingeschlagen,

da bog eine Gruppe von etwa zehn Menschen
Straßenecke; ein

um

die

Gendarm und zwei

Reservisten in

neuen Uniformen begleiteten sie. Das Fräulein beschleunigte den Schritt und wandte den Kopf zur Seite, um nicht unter den Verhafteten einen Bekannten zu entdecken. Der kleine Zug war schon an ihr vorbei, da
erscholl plötzlich aus der letzten

Reihe eine jungen-

haft fröhliche Stimme:

»Grüß

dich, Rajka!«

Sie schielte

hin und sah, daß

es ihr

Verwandter Kon-

stantin Josifovic war, der sie anrief: ein langbeiniger,

blonder Student der Technik, mit einer Stupsnase, barhäuptig, mit offenem

Hemd

über

dem braungebrannMann, dessen

ten Hals. Er war ein spottlustiger junger
sie sich

gut aus der Zeit erinnerte, da er noch ins

Gym-

nasium ging und als bester Sportler und ausgezeichneter Mathematiker bekannt war. Sie erbliclcte nur sein
lächelndes Gesicht

und ging

schnell in der anderen

121

Richtung davon. Aber hinter ihr erscholl es noch einmal, ironisch

und lachend:
grüß dich!«
jetzt das

»Grüß
>Solche
Schritt

dich,

Dinge vergällen einem
Tritt
<

Leben auf

und

und hindern

einen, seinen Geschäften

nachzugehen. So dachte das Fräulein, und zur gleichen
Zeit,

unabhängig von jedem ihrer Gedanken, kroch ihr Angst vor der Behörde über den Rücken, die

die kalte

Angst vor Strafe, vor einer eigenen unbegreiflichen Mittäterschaft an unbegreiflichen, strafbaren Handlungen.
Voller Haß dachte sie an diesen Konstantin, »der niemals
ernst war«,

an die Familie

Josifovic, ihre

Verwandten,
Zuchthaus

die sich

anscheinend gelobt hatten,

alle ins

kommen und auch die anderen hineinzureißen, und an all diese Verhaftungen und Leiden ringsum, die von den einen mit Tränen, von den anderen mit einem Lächeln quittiert wurden. Sie senkte den Kopf und bog rasch in die erste Straße links ein, entschlossen, niemand zu sehen und zu hören, niemandes Ruf zu folgen und sich nicht von Leuten und Ereignissen das Leben vergällen und die Geschäfte stören zu lassen, von Leuten und Dingen, mit denen sie nichts gemein hatte und nichts gemein haben wollte.
zu

Aber
als

es ist leichter,

einen solchen Entschluß zu fassen
sie

ihn zu verwirklichen. Bei jedem Schritt stieß

auf

Verhaftungen von Landsleuten, Bekannten und Ver-

wandten und auf Tränen und Gespräche, die sie begleiteten, sie aber wehrte sich gegen sie und gegen jede Berührung mit ihnen. Zuerst flüchtete sie und versteckte sich, bemühte sich, unangenehmen und gefährlichen Begegnungen und Gesprächen auszuweichen, oder begegnete ihnen mit gleichgültigem Schweigen. Als das
128

hängte sie an ihrem Hause aus und kaufte Photographien ihrer Herrscher und Heerführer. und das unter sehr günstigen Bedingungen. zu unterstreichen. Als sich die serbischen Truppen jevo näherten. mit der Mutter in Sara- jevo zu bleiben. Sie verschaffte sich die Fähnchen und verschiedenen Embleme der Mittelmächte. da man ohne Maß gelebt 129 . daß es auffiel. Die ersten Monate der Verwirrung und der großen Bewegungen. die in staatlichen Ämtern saßen oder mit kriegswichti- gen Arbeiten betraut waren. den anderen zum Vorbild.nichts fruchtete. stets darum bemüht. konnten in der Stadt verbleiben. zeichnete das Fräulein eine auffallend hohe kalpresse Summe. Nur jene. Es gelang dem Fräulein. daß das Fräulein sogleich auf sehr geschickte Weise alle Verpflichtungen der gezeichneten Anleihe abschüttelte. daß es ne- ben der verirrten und verführten serbischen Intelligenz auch solche »loyalen Mitbürger griechisch-orthodoxen Glaubens« gebe. all das nicht teuer war und daß Gleichzeitig verzweigten sich ihre Geschäfte und und wuchsen. Als der Staat die erste Kriegsanleihe ausschrieb. Die Lo- hob ihren Namen besonders hervor. im Herbst 19 14 Sara- wurde die Evakuierung dieser befestigten Stadt angeordnet und die Mehrheit der städtischen Bevölkerung ins Innere des Landes geschickt. Auch sonst nahm sie jede Gelegenheit wahr. Die Zeitung »Hrvatski Dnevnik« benutzte die Gelegenheit. ihre Loyalität öffentlich zu zeigen. und lehnte mit den nächsten Verwandten zu ver- kehren oder ihnen zu helfen. trat sie offen dagegen auf es sogar grob ab. Nirgends stand jedoch geschrieben.

und er brachte soviel Feuchtigkeit wie ein ganzer Winter. die auch das Fräulein. hatte den anderen vieles voraus. Und als sein Jahrgang an die Reihe kam. die sich bloß auf einige Stunden zu einem nebligen Halbtag aufhellte. In seinem Schatten arbeitete und verdiente In dieser Gebirgsstadt. Konforti hatte eine schwache Konkurrenz Geschäfte und freie Hand. und es wurde jedem klar. Jetzt. die nicht unmittelbar mit den Erfordernissen des Heeres und der Kriegführung zu- sammenhingen. wie das einige in den ersten Tagen geglaubt hatten. Die übergroße Mehrzahl der serbischen Kaufleute war schon früher vom Markt verschwunden. Gramumwölkt und kalt sah dieser November aus. hat und Un- der Winteranfang stets etwas Quälendes freundliches. Es ging einer jener beschwer- lichen Kriegsnovember ins Land. Das Jahr 191 5 war schon weit vorgeschritten. Allmählich schüttelte er alle Geschäfte ab. waren vorbei. Das ganze Wirtschaftsleben begann sich den neuen Umständen anzupassen. wurde er als »unentbehrlich« ständig vom Militärdienst befreit. war er doppelt so schwer. Seine bekamen den Umfang von Millionenlieferungen. Wer das zuerst erfaßte. mehr als fünfhundert Me- ter über dem Meere und am Fuße hoher Berge liegt. jetzt zogen die Einberufungen auch die Kaufleute der übrigen Konfessionen und Nationalitäten ab. er bestand fast aus einer einzigen Nacht. Die Stadt war zur Hälfte ausge- und die 130 . auch nicht so lustig. daß der Krieg nicht leicht und kurz sein würde.ohne Berechnung verschwendet hatte. Einer dieser ersten war Raf o Konf orti. vor fürchtete denen sich jeder armen Leute wie das Getreide unter der Sense zitterten. zu Beginn des zweiten Kriegsjahres.

stummes. Mit diesem Winter verbreitete sich der Krieg ins zweite Jahr und mehr wie eine Epidemie. die nichts hatten. warf er Maske ab und zeigte in diesen grauen Tagen sein wahres Gesicht. kurzen Tagen dieses Monats ber schritt das Fräulein. von den Trieben trat des Hasses und der Wut. wie über denen. und die Leute. die litten. und was lebte. auch über den toten Dingen. deren Ende man nicht absah. In den grauen. die über allem lagen. getragen Auch jene. selbst grau Novem- und sdiweigend. Das war nicht mehr jene trunkene MasGeschäfte seine senbewegung. wie auch über denen. die etwas hatten.siedelt. vor allem über den Menschen. jener Zerstörungstaumel. Ein Jahrgang nach dem anderen wurde aufgerufen zum Militär eingezogen. die einst frohlockt hatten. ließen nun den Kopf hängen immer und und waren kleiner geworden. dafür wimmelte es in den Straßen von Soldaten aller Waffengattungen. die nodi nicht an der Reihe waren. über denen. sahen darin schon die Vorläufer von Elend und Hungersnot. Es zeigten sich Mangel und Entbehrung. 131 . der schöpferischer Begeisterung so ähnlich sieht. Sorge lag über denen. alle menschlichen und Unternehmen eingedrungen. Die Kriegsschauplätze in Ga- lizien und in der Ukraine verschlangen die bosnischen Regimenter. wöhnt und zu die an Einschränkungen noch niclit ge- verständiger Einteilung unfähig waren. beredtes Zeichen Kaum war der Krieg in alle Häuser. Das Bajonett blinkte als ein über allen Köpfen der Zeit. sondern Elend Fluch. und Scharen von russischen und serbischen Kriegsgefangenen oder einheimischen Häft- lingen und Geiseln zogen vorüber.

Aber der äußere Anblick verführte in Fall zu einem Trugschluß. der eine männliche Form hatte. bis oben zugeknöpften Mantel und dem schwarzen Hut. Überhaupt nahm sie nicht diesem einmal in Gedanken an Anteil. Abgesehen von ihrem Äußeren. nie hatte leichter man auf diesen Wegen rascher und vorankommen können als jetzt. sie hingegen frei und ungehindert schaffen konnte. daß diese Loyalität nicht nur mit stürmischen Erklärungen und Kundge- bungen bezahlt wurde. Geld und Vermögen verlangte. als sei sie seit je für solche Tage und Zei- ten geschaffen. sah aus. die ihrer serbischen Herkunft oder Überzeugungen wegen vom ersten Tag an Verfolgungen jeder Art ausgesetzt waren. hatte das Fräulein nichts mit der schweren Zeit und der leidenden Stadt gemeinsam. was hier und in der weiten Welt geschah. Und nie hatte es so viele Lichtungen gegeben. unklare Massen. zwischen denen sie kühl und vorsichtig Lichtungen suchte und Wege für ihre Interessen fand.durch die Straßen von Sarajevo. war wie dunkle. Die politischen Konflikte und Umwälzungen von allgemeiner Bedeutung. Ihre schlanke. noch derer. einen offenen 132 Weg vor . eckige Gestah in dem schwarzen. dem Schicksal der Mitbürger weder derer. sondern daß sie Opfer an Blut. das übrigens seit eh und je so war. Für das Fräulein war überhaupt alles. Das alles blieb abseits. die offen oder stillschweigend auf der Seite der Staatsgewalt stan- den und jetzt einsehen mußten. fremd. da die meisten Menschen von den Ereignissen in Anspruch genommen und in sich gekehrt waren. die großen Schlachten im Osten und Westen Europas waren für sie nur große Schlagzeilen auf der ersten Seite der Tageszeitungen. fern und unwirklich.

wie in den Häusern immer weniger von Genuß. in der genug Nahrung und kein Hindernis und keine gibt. Das Fräulein folgte nur und großen Interessen und Geschäften. Glanz und Lachen zu spüren war. in der sich nie- mand niemand ausgab und verschwendete.sich hatte und über gute Beziehungen und die besten Voraussetzungen verfügte. daß sie in diesen Tagen vollkommen glücklich war. die rasch und in immer mehr Familien in ein richtiges Elend überging. wie alles in diesem Mangel wie in einer Art gewaltsamer Sparsamkeit versank. könnte man sagen. wie und warum es dazu gekommen war. wie sie im November durch die Straßen ging. Mit bösem. das Fräulein aber verdiente und sparte wie bei einem umfassenden. ohne nach links und rechts zu schauen. Und alles. 133 . wie Stadt und Menschen stumm und grau wurden und sich immer mehr nach ihren Wünschen und ihrem Geschmack entwickelten. Wenn das Wort Glück in ihrem Leben ihren kleinen irgendeine Bedeutung gehabt hätte. Auch die allgemeine Verknappung. der sich blind durch die Finsternis es und Stille der weichen Erde gräbt. was sie aus dieser öden Fastenstille reißen konnte. lebte und bewegte sie sich wie in ihrem Element. woher das alles kam. heimlichem Vergnügen beobachtete sie. mied sie wie etwas Verhaßtes und Unfreute. wie allmählich aus den Cafes und Straßen alle Fröhlichkeit verschwand. und sie tat es genauso scharf und entschlossen. ohne zu fragen. großen Geschäft ohne sichtbares und bestimmtes Ende. erfüllt vom Glück eines Maulwurfs. Gefahr In dieser öden. grauen Atmosphäre. konnte das Fräulein nicht stören. wie lange es dauern und wie es enden würde.

Trotz der schwachen Beleuchtung sah sie. Darin stand mit großen Buchstaben die Meldung. stand in großen Lettern auf der ersten Seite eines Blattes.angenehmes. Dennoch Heß meiden.« Der kleine Mann. wo sie es am weist »Veso. gen vor Veso zeigte bloß mit der Hand auf die Abendzeitunsich. zurücklasse. fester Stimme. und das nigsten wünschte Mann lautlos und still vor sich hin weinte. sagte seiner voller Erbitterung mit metallenen Stimme: »Wie 134 soll ich nicht weinen! Wollte Gott. »Die serbische Armee existiert nicht mehr«. ohne zu sprechen oder sich zu ist bewegen. daß auch du . Österreichern und Bulgaren angegriffen. Veso. daß der kleine Schon wieder Tränen. der mit zusammengebissenen Zähnen dastand und seine Aufregung bisher nur durch seinen kurzen. warum weinst du?« fragte das Fräu- lein ungeduldig. fand sie Veso nicht an seinem gewöhnUchen Platz. zwischen der Kasse und einem alten Schrank. »Was denn. sondern im entferntesten Winkel. hier. aus dem Norden und Südosten von Deutschen. was mit dir?« fragte sie mit trockener. in unwegsames Gebirgsgelände zurückziehe und das ganze Material. schweren plötzlich Atem verraten hatte. vom Weinen kann man nicht leben. »Laß das. Der Mann weinte fort. sich das nicht immer ver- Als sie an einem dieser dämmerigen Novembertage den Laden im VeHki Curciluk betrat. auch Verwundete und Kranke. daß das serbische Heer vernichtet sei und daß es sich.

wo du willst. weil Ausnahme und ein Abdem trünniger wäre wie andere. geh nach Hause und weine dich aus. Wir alle müßten weinen. Dir wird nichts geschehen.« »Das ist meine Sache. daß du um niemand Tränen vergießt.weintest. Aber wenn du Verstand hättest. Ich will nicht. sondern ich.« »Weine. aber nicht hier im Geschäft. Die Augen auswei- nen wäre zu wenig. und ich schäme mich dessen nicht. wie lange dieser verhaltene Streit in dunklen Winkel des Ladens gedauert hätte und was sie einander noch alles gesagt hätten. Und heute ist es mir lie- daß du mir weine. wenn ich könnte. ber. Aber auch wenn es das wäre. Aber wir werden sehen.« »Ich würde auch mitten auf dem Markt weinen.« Sie fühlte. in das Leute kommen und wo dich jeder sehen kann. Zornig und scharf antwortete sie ihm: »Wenn dir zum Weinen zumute ist. sagst.« Weiß Gott. hab keine Angst«. wie wütend dieses Bäuerlein war.« »Ich weine. indem er sie von der Seite. »Weinen ist nicht verboten. wenn jedes serbische Auge weint. gefährliche Reden führte und jede Rücksicht außer acht ließ. würdest auch du nicht weinen. wenn nicht jemand 135 . ich sei schwach und ich hier als daß ich eine dumm. hier in ihrem Laden kräftige. aber ich will nicht in Verdacht kommen und mit der Polizei zu tun haben. doch gewissermaßen wie von oben ansah. nicht du weinst. Von dir weiß man. antwortete der kleine Mann bitter und verächtlich. wohin dein Verstand dich bringt. verstehst du?« »Hab keine Angst. das Tränen vergoß.

er sich in der Arbeit. im Geund im Benehmen gewandelt. die ihr auch heute in allen Einzelheiten klar. sie war jedoch so natür- von beiden nicht als besondere Last empfunden wurde. wann diese Änderungen eintraten und wie sie sich entwickelten. daß das Fräulein nicht einmal die Erinnerung an jenen Konforti aus der Vorkriegszeit beschwören konnte. denn jeder von ihnen handelte. sie unter- Die Spannung. Diese Veränderungen waren so plötzlich und so greifend. Nirgends eine Spur von den gierig umherschauenden Augen und den zitternden Händen. wie sich der Mensch änderte. aber sie sah klar und fühlte deutlich. Zuerst kam der Aufstieg. aber irgendwie erschien 136 . aber im großen und ganzen tatsächlich immer un- verständlich geblieben waren. Sie hätte selbst nicht sagen können. daß aus dieser Zeit. nirgends etwas von jenem Schluchzen und den ' kräftigen Schwüren in seiner Rede. ragte die Gestalt Rafo Konfortis hervor. nahm noch zu. Allein in der ganzen Kette von Szenen und Gestalten sie Uch und auf beiden Seiten so unverhohlen. ruhig und sicher in ganzen Haltung. sparsam in der Rede und langsam in den Bewegungen. wie er mußte und konnte. war der Übereinstimmung er in den Augen tief- Umgebung nicht kleiner. und mit der Zeit änderte er sich immer mehr. Schon Ende 19 14 hatte spräch Gazda Rafo stieg plötzlich auf.von der Straße hereingekommen wäre und brochen hätte. Der seiner Mann wurde behäbig. aber entgegen den phy- sikalischen Gesetzen. sondern größer geworden. wenn auch in mit den Gesetzen der Gesellschaft. Er sprach liebens- würdig und aufmerksam zu ihr. die bislang zwischen ihr und Veso bestanden hatte.

fremd und zerstreut. auf welche Weise zum sie Aufstieg Gazda Rafos gekommen Es war. Sie beobachtete alles. der zum Sonnenuntergang ganz 137 . als sähe. und doch sah und verstand sie nicht viel. daß dies alles auch nicht annähernd ihrem Traum von der Million entsprach. wenn er nicht ge- schäftlicher Kontakte und Konferenzen wegen nach Wien. Aber bevor sie überhaupt etwas begreifen er konnte. Im Sommer 191 6 reiste er mit seiner Frau nach Karlsbad und kehrte von dort noch stiller und feiner und irgendwie gebleicht und gereinigt zurück. Ebensowenig. schwerer Frühling. kam er dem Fräulein immer ferner und zerstreuter vor. Mit ihren Augen beobachtete das Fräulein. in dem sich in satt Bosnien von hundert Familien nur eine einzige alles hatte. kam der Frühling des Jahres 1917. Dort hielt er sich auf. hörte und dächte er gleichzeitig etwas anderes. vom Tagesanbruch bis An einem Märztag. ebenso wie sein langgestreckter Laden in der Ferhadijastraße bloß einer von vielen Lagerplätzen für sein Handelsgut geworden war. Doch wenn von derartigen Reisen zurückkehrte. Prag und Budapest unterwegs war. hellen der Textil Räumen AG. nur nicht seine Aufmerksamkeit. ein langer. als könnte er seinem Gesprächspartner alles schenken. Konforti selbst saß in den ganz neuen. Und sie wunderte sich. wie jene erste Million entstand und wie auf sie auch die anderen rasch folgten. Seine ehemali- gen Geschäftsverbindungen und seine kleinen Wuchergeschäfte lagen weit hinter ihm.er ihr fern. aß und keine einzige was sie brauchte. bemerkte auch die ersten Anzei- chen seines Niedergangs. wie es sie gesehen hatte. kam der Fall. was viel wichtiger war.

es ge- wie Sie wünschen. Monat lang nicht gesehen. gut. alles wäre Aber das Volk muß essen! Mit der Kleidung ist es leicht. Das der Untergang!« Das Fräulein hörte ihm zu und begleitete ihn mit ihren Augen von einem Ende des Zimmers zum anderen. ihm von dem kleinen Geschäft zu erzählen dessentwegen sie gekommen war. Sehen Sie. aber ohne Mittagessen kann man nicht leben. Ordnung. sprang er auf: »Gut. ist Da gibt es keine Arbeit und kein Leben. das bringen wir leicht in schieht. man kann sie flicken und wenden. es kann und nicht ruhig bleiben. Mit sichtlicher Anstrengung hörte was sie hatte. Ohne abzusie warten. Seine aufgeregte Sprechweise und seine schnellen Bewegungen standen im Gegensatz zu seinem 138 jetzigen . »empfing« Konforti das Fräulein zu einer kurzen Aussprache. Sie kam. alles ließe sich in leicht. das nicht Krieg führen ist das Schlimmste.« Dann aber breitete er die Arme aus. mit zurückgelehntem Kopf und geschlossenen Augen. denn eine bedeutende sie wollte auch diesmal Summe rasch. begann durch das Zimmer zu gehen und sagte laut. Fräulein. um die sich blaugelbe Ringe ausbreiteten. ein hungriges Volk. bis geendet hatte. ohne Verbindung zum Vorhergehenden: Ordnung bringen. um ihn um Rat zu fragen und seine Hilfe im Zusammenhang mit der vierten Kriegsanleihe zu erbitten. zeichnen und diese Verpflichohne großen Verlust abschütEr saß doch das wurde jetzt Sie hatte ihn einen immer schwieriger. Gut. in einem schweren Sessel. tungen möglichst teln. die in diesen Ta- gen aufgelegt worden war. seinem Sitz auf. er fuhr zusammen und richtete sich auf er an.blaß und hungrig wirkte. Fräulein. »Ach.

als sie wünschte. dann blieb er plötzlich stehen. Niemals hatte fragte sie sich. Von diesem Tage an begann auch heit chen des Hungers. daß sie sich an seinem Gespräch beteiligte. Was willst du von dir. das — wie jedes Geschäft — seine Buchführung und sei139 . aber Konforti erwartete nicht. daß sei. Und es gab mehr solcher Anzeichen. Rajka. und wurde wieder so ruhig und zerstreut wie Doch von diesem Tage an betrachtete ihn das sie selbst die Zei- Fräulein mit anderen Augen. Sie konnte sie nicht miteinander verbinden.Aussehen und Benehmen. verabschiedete sich vom Fräulein zuvor. ten. Und das brachte sie auf den Gedanken. ob auch sie daran gedacht.« Er ging noch einige Zeit so auf und ab. der Unzufrieden- und des Verfalls an den Menschen. sie und ihre Arbeit mit der Frage zu tun satt haben soll- ob das Volk oder hungrig war. Sie konnte den unerwarteten Unmutsausbruch nicht verstehen und vermochte auch nicht einzusehen^ was sie. Und nun etwas sagen müßte. stige als lugte plötzlich unter der würdevollen Maske des Großkapitalisten der einRafo Konforti aus der Ferhadijastraße hervor. in ihre tieferen Ursachen eindringen. so als riefe er jemandem in der Ferne etwas zu: »Der Verstand sagt muß und dann alles daß das Volk zuerst essen übrige kommt. in den Ämtern und Läden aufmerksamer zu verfolgen und besser zu beobachten. auch der Krieg bloß ein großes Geschäft ein Unter- nehmen. einem hungrigen Menschen! Willst du ihm die Seele nehmen? Das fruchtet nichts. aber sie bemerkte sie überall. faßte sich. schritt weiterhin im Zimmer hin und her und sprach voller Erbitterung. dessen Grenzen man aber nicht sehen konnte. der Entbehrung.

Es wurde ihr immer klarer. sie unterhielten sich lange und leise mit ihm. Sie ver- 140 . die sie für immer beseitigt gedie Sinne der ges erfüllt waren. junge Leute ins Geschäft. Immer häufiger dachte sie über diesen Schluß des Krieges und über die Folgen nach. daß die Dinge ringsum wieder in Fluß gerieten und sich zu verändern begannen und diese beiden für die ganze Welt stürmischen. mit denen die Nächsten ihr begegneten. daß ihre »guten Zeiten« zu Ende gingen. nicht wiederkehren könnten. sprühten. die versteckt und offen blühten. doch unzweifelhaften Zei- chen sah sie jetzt klar das Mißtrauen und den Unmut. denen es sich der Militärpflicht zu entziehen. deren Angehörige man verhaftet hatte. An kleinen. Zu Veso kamen gelungen war. die sein Ausgang für sie und ihre Interessen haben könnte. das Fräulein an der Tür erschien. guten Jahre nicht wiederkehren würden. Aber jetzt sah und fühlte sie auf Schritt und Tritt. sobald jedoch und unaufrichtig. aber sie weinten nicht mehr still und hilflos wie einst vor sich hin. stockte das Gespräch. oder es wirkte gezwungen Zu ihrer Mutter kamen auch jetzt noch Verwandte zu Besuch.nen Abschluß mit den unerbittlichen Folgen von Verlust und Gewinn hatte. Es waren Zeiten. da glaubt hatte. daß das Ende dessen nahte und sich unerwartet und unaufhaltsam das alte Leben und all seine Wirren zeigten. da die Zeitungen ausschließlich von Schlachten schrieben und Menschen nur von den Sorgen des Krieniemand auf die wenigen Geschäftsleute und ihre Geschäfte achtete. schweren. doch für sie ruhigen. Divna wirkte noch magerer und ihre Augen und härter als Die Trauerkleidung hatte sie abgelegt. sondern früher. sie lächelten bedeutsam.

daß sie ruhig sei. Ihr Mann und ihr Schwager waren in Rußland. antwortete »Dort. so gut sie konnte. ren. mit einer inneren Unruhe. daß sie keinen Heller gebe. heiseren Stimme zu erzählen. Wenn sie kam.« Und wenn man wo ihr Schwager seien. sprach jetzt ganz kühn und offen. noch bevor sie sich gesetzt hatte. ersten und rüdcsichtslos ihrer Meinung Ausdruck gegeben hatte. Nachdem sie die ersten Kriegsmonate in Arad gesessen hatten. bilisiert wurden beide als Reserveoffiziere mo- und an die russische Front geschickt. mit ihrer begann lein« sie. Mann und ihr wo sie hingehö- Tante Gospava. aber sie sagte jedem. aber das alles brachte sie nicht im geringsten aus ihrer steinernen sie fragte. die sie früher nicht gekannt hatte. Und die Zeichen häuften sich. Ihr Sohn war zu sieben Jahren Kerker verurteilt worden und saß in Zenica.goß keine Träne. sie: Ruhe. Die MilitärPolizeibehörden verhafteten und und verhörten einige Zeit Divna und die übrigen Angehörigen. zu ihr gekommen sie um sie Geld für das Rote Kreuz zu sammeln. daß gestern »einige Fräuseien. denn sie wisse. wurden immer klarer und beredter. Hier nah- men sie die erste Gelegenheit wahr und liefen fast am selben Tage zu den Russen über. die schon in den schwersten. 141 . Das Fräulein wich solclien Begegnungen aus. Jetzt dienten sie in der südslawischen Freiwilligendivision. ihnen aber geantwortet habe. daß er nicht mehr Kriegsjahren ziemlich scharf als die Hälfte der Strafe absitzen werde. Aber sie tat das jetzt mit dem Gefühl der Angst und des Unbehagens. beschlagnahmten das Eigentum der beiden Deserteure. denn habe ihr Kreuz in Zenica.

sie tröstete. Frau Radakovic. das die meisten Mitglieder der Familie Hadzi-Vasic in dem Augenblick. die Politik jedoch mied geradezu mit Abscheu und abergläubischer Angst. doch gutmütiger. Mann in der Uni- form losen eines österreichischen Leutnants mit seiner sorg- und einschmeichelnden slaw^onischen Aussprache sagte: zu ihrer Mutter »Es ist mir angenehm. ein für seine Jahre zu korpulenter. ein war ein junger Mili- Kroate aus Slawonien. aber er hatte eine in ihren Augen mißvor allem liche Eigenschaft: er liebte es.« Die alte Frau lächelte mit jenem stillen Lächeln. wie dieser Jetzt hörte sie erschreckt. den das Fräulein beherbergen mußte. wie es zu Kriegs- beginn. Sein Name war Dr. Roknic. Der Offizier. So wurde ein Offizier auch im Hause der Familie Radakovic einquartiert. tärarzt. kluger und einfacher Mensch. sich Politik. Er war ruhig. was das Fräulein ein wenig in ihrem Ärger über die Einquartie- rung über hing. über alles. so daß man die Offiziere in Privathäusern unterbringen mußte. Das Fräulein war so über142 . mit sich auf die Welt bringen. Ich weiß.Im Herbst 19 17 geschah es. was ihr bosnischen Serben alles ertragen habt und noch ertragt. 1914. der Fall gewesen war. ord- nungsliebend und verlangte keine Bedienung. die ich zwangsweise trage. und halten Sie mich nicht für einen österreichischen Offizier. daß zahlreiche Truppen nach Sarajevo gelegt wurden. da sie zum erstenmal die Augen öffnen. Dem Fräulein war jedes Gespräch. das nicht mit ihren Geschäften zusammen- unangenehm und quälend. aber bitte schauen Sie nicht auf diese Uniform. daß ich in einem serbischen Hause Quartier bekommen habe. das bisher verschont geblieben war. zu unterhalten.

Der Arzt kam in seiner freien Zeit. dann wären Sie bestimmt eine Ausnahme und auf einem ganz falschen Wege. daß die Mittelmächte diesen Krieg nicht gewinnen können. Fräulein. Denn heute sieht jeder vernünftige Mensch. haben es nicht nötig. Und das ist gut so. war. daß sie »Hören Sie.und bestürzt. die ganze für uns Südslawen. Aber das war nur der Anfang. daß es nicht Ihre Ansicht ist. alles. 143 . daß sie und ihr Haus gar keine Beziehungen zu den politischen Kämpfen. um sich zu entfernen. Und der junge Arzt erzählte. Es ist gut für Menschheit und bedeutet Erlösung und Glück denn wir würden sonst von der Erd- oberfläche verschwinden. Der Arzt betrachtete sie mit den blauen. klaren Augen hinter der großen. Sie ver- ihm zu widersprechen. Sie ihn verlieren müssen. vor mir so zu sprechen. Ich bin überzeugt. unruhig zu werden und eine geeigrascht nete Ausrede zu suchen. ohne sich viel zu entschuldigen. daß sie ihm plötzlich den Rücken kehrte und in ihr Zimmer ging. randlosen Brille. von der Arbeit der serbischen Regierung auf Korfu und der des »Jugoslawischen Ausscliusses«. von der er jetzt kam. Sobald er das Gespräch auf den Krieg und die Politik lenkte. begann das Fräulein die Stirn zu runzeln. zu den Leiden der Serben und ähnlichen Dingen hätten und daß sie mit dem jetzigen Zustand und Leben zufrieden wären. Er erzählte was er vom Stand der Dinge in der Welt wußte. und behauptete. wenn ja.« Front gesehen hatte. zu ihnen und fing in aller Ruhe und Natürlichkeit ein Gespräch über alles und jedes an. suchte auch. was er an der russischen wo er das ganze Jahr 191 5 gewesen und was an der italienischen.

einzuschlafen. Der dicke. aus wenn diese künstliche Windstille unterbrochen würde und alle diese Leute von den Fronden Strafanstalten und Lagern nach Hause zurückkehren. und er zitierte Re- den der jugoslawischen nationalen Abgeordneten im Wiener Parlament.Er sprach vom Siege der Entente. Das war für das Fräulein etwas Neues und so Schreckliches. die früheren Stellungen wieder 144 . daß sie es sich selbst eingeste- dem Kriegsende Angst hatte und sich wünschte. daß wirklich »alles zuschanden werden« und wiederum die Zeit des unruhigen öffentlichen Lebens. wie es der Arzt sich jetzt oft Vor dem Einschlafen mischte Gedanken über Geld und Geschäfte der bange Gedanke. daß des Krieges es ein schrecklicher Tag werringsum den müsse. die weder gegen sich noch gegen an- dere etwas Gutes im Schilde führten. aber das Fräulein mußte immer an den Schluß und Ausgang denken. da man ihn ihr ins Haus geschickt hatte. Sie glaubte. es darstellte. ihre Anklagen und Rechnungen vorlegen und versuchen würden. daß sie nicht darüber nachdenken und noch viel weniger darüber sprechen wollte. Und es gelang ihr Gedanken dann. der Zeitungsattacken und der langhaarigen Studenten in ihre kommen erst könnte. als von der Niederlage einer vollendeten Deutschlands und Österreichs Tatsache und von der Vereinigung aller Südslawen als einer natürlichen Folge alles dessen. Sie ärgerte sich über den gesprächigen Arzt und verfluchte die Stunde. ten. gesprächige Arzt verließ nach vierzehn Tagen mit seiner Einheit Sarajevo. wenn sie weitere darüber entschlossen zurückgedrängt hatte. Jetzt mußte vor sie auch darüber nachdenken und hen. möge nicht so aussehen.

und plötzlich. was sie einst gewesen. Wer Geld brauchte. Rafo Konforti. die gerade gefragt wurde. verbummelte Studenten — so daß die »eigentlichen Geschäftsleute« sich in . besondere Opfer fordern und jedem schwere Verpflichtungen auferlegen würde. Die Geschäfte hatten nichts mehr von dem. einen habgiestarke Ellbogen rigen Charakter. den das Fräulein jetzt nidit mehr aus den Augen auch er ließ. war ein tolles Spiel der Ziffern. Jeder ließ sich in Geschäfte ein — Soldaten.einzunehmen. Zugleich mit dem Krieg brannten und seine ganze Größe nieder. Priester. Sie konnte sich nicht genau vorstellen. auch von ihr. Das. war die Verkörperung all der sdilim- men Veränderungen. daß es große Störungen im Lebensablauf hervorrufen und von jedem. gesunde Beine hatte. Kellner. um eine neue Gelegenheit abzupassen. ein wahnsinniger die qualvollen Wettlauf nach versteckten Lebensmitteln. Und alles. nach Leder oder Textilien. was jetzt geschah. Die Leute waren von dem langen Winter und der schwachen Nahrung übermüdet und erschöpft. schürte noch diese Gedanken und die verschiedenen Befürchtungen. griff zu. der Krieg schien verloren und endlos zugleich. sie fühlte nur. wie das aussehen sollte. was sie in ihrer Umgebung sah und hörte. nahm sich seinen Verdienstanteil an einem Waggon der Ware. eine panische Flucht vor dem Papiergeld in und ein ständiges Versichern und Rückversichern und ewiger Unsicherheit. Das Jahr 191 8 war erst recht schlimm. Unsichtbar wie seine Geschäfte einst aufgescliossen wa145 . und zog sich mit dem Verdienst zurück. diesem Wirrwarr weder zurechtfinden noch behaupten konnten. Überlegungen und bösen Voraussichten.

daß er sich zu einem sachlichen Gespräch über ein sachliches Geschäft aufraffte. bemerkte sie sofort. dessentwegen sie gekommen war. die Wirtschaft und den einzelnen haben mußte. die das für den Staat. Jetzt bedurfte es großer Anstrengungen. nur um sie dem Volk zu einem ungewöhnlich niedrigen Preise zu verkaufen. sondern dieser ihn beherrschte und ihn ständig und unbarmherzig verfolgte und verzehrte. und immer weniger glich er jenem Rafo Konforti aus den »guten« Kriegs- jahren. Immer sonderbarer waren die Zeichen^ die man jetzt an ihm bemerkte. von dem Hunger und der Not der breiten Volksmassen und schweren Folgen zu sprechen. ihn das letztemal gesehen hatte. In der letzten Zeit begann er selbst Lebensmittel anzuschafl'en. daß Rafo Konforti der Volksküche oder dem Waisenhaus ein Faß Schmalz oder einen Waggon Kohl geschenkt habe. Immer häufiger konnte man in der Tagespresse lesen. Seine Angestell- 146 . daß nicht er den Gedanken. stürzten sie zusammen und verwirrten sich. zu »Gazda-Rafo-Preisen« ein paar Lebensmittel zu erstehen. verfiel er in ein düsteres Schweigen und blickte verloren auf einen Punkt vor sich hin. am Ende lenkte er es stets darauf. um seit wieviel magerer sie und zerstreuter er geworden war. ihn dazu zu bringen. Genauso plötzlich. Sein früherer Laden in der Ferhadijastraße lebte wieder auf. Vor ihm sammelten sich die Leute in langen Schlangen und warteten darauf. Wovon immer sie ein Gespräch begannen. Man merkte. Wenn er sie empfing. wie von selbst geriet alles ins Schwanken und löste sich auf. Es war offenkundig. Wenn er nicht davon sprach. daß er ein unwiderstehliches Bedürfnis hatte.ren. doch sichtbar schwand Gazda Rafos Gesundheit dahin.

ten verkauften die Nahrungsmittel kiloweise

und

drängten das unruhige, hungrige Volk nur mit
zurück, Konforti aber rief mehrere

Mühe

Male von seiner im Hause der Textil AG an und fragte, wieviel Leute dort seien und wie es mit der Verteilung stehe.
Kanzlei
Es kam vor, daß er die Geduld verlor, sein schönes, warmes Büro verließ und wie gehetzt hinlief, um sich selbst von allem zu überzeugen und den Rest der Lebensmittel umsonst an die Ärmsten zu verteilen. Das Fräulein begriff nicht, was mit Konforti geschah, aber sie sah, daß von ihm nichts mehr zu erwarten war,

weder Hilfe noch Ratschlag, noch ein vernünftiges Gespräch über Geschäfte. Nie zuvor hatte sie geglaubt, daß dieser kräftige, gewandte Mensch so den Kopf verlieren
könnte. Sie fühlte sich einsam

und

verlassen,

was
sie

ihr

bisher noch nie geschehen war. Triebhaft schaute
sich,

um
ein

und zum erstenmal
und
bei

in

ihrem Leben suchte

sie

lebendes Wesen, mit
raten

dem
sie

sie sich

aussprechen und be-

dem

Verständnis

und Halt finden

könnte.

war schlecht. Im Grunde blieb immer derselbe, bescheiden und ihrem Haus und Laden grenzenlos ergeben, aber ebenso unerbittlich und
Ihr Verhältnis zu Veso
er

offen in seiner kritischen Einstellung zu
ihrer

dem

Fräulein,

Haltung und ihrem Tun während des Krieges.
sich

Übrigens ergab

Veso in

letzter Zeit

ganz diesen Geser-

sprächen und Flüstereien mit jungen Leuten aus der
bischen Carsija. Sie stellte das mit Besorgnis

und tiefem
fra-

Mißtrauen
gen.

fest,

doch

sie

wagte

niclit,

ihn etwas zu

Zum

erstenmal war

sie sicli

bewußt, daß

sie sich

schwach und diesem kleinen
Sie hatte

Mann

unterlegen fühlte.
sei-

niemals viel von seinen Fähigkeiten und

147

nen Gedanken
voller

gehalten, jetzt aber spürte

sie,

daß

es

als sie, und Verwunderung sah sie, wie selbstbewußt und ruhig er durch den Laden schritt, während seine Augen leuchteten und sich auf dem blonden Kopf ein Büschel weiches Haar aufbäumte wie ein trotziger Hahnenkamm. Dieser Veso, der in ihrem Hause aufgewachsen

etwas gab, worin er größer und stärker war

war, stand jetzt vor ihr wie ein Fremder, nige Gefühl
Richter.

dem

alles in-

und

rechte Verständnis abging,

wie ein
seit Jah-

Ihren Paten, Gazda Mihailo, hatte
ren nicht

sie

schon

mehr gesehen,

es sei

denn

bei der Slava oder

zu Weihnachten.

Jetzt lag er

schon ein halbes Jahr mehr

tot als lebendig auf

dem Krankenbett und konnte wePajer.

der arbeiten noch Ratschläge erteilen.
Sie dachte

an Direktor

Während

der vergange-

nen
in

Kriegsjahre hatte das Fräulein seine Dienste nicht
Sie hatte

Anspruch zu nehmen brauchen.

ihn selten

gesehen und wenig mit ihm gesprochen, und so hatte
sie

gar nicht bemerkt, wie sie sich voneinander entfern-

ten

und

sich ein leerer

Raum zwischen ihnen auf tat.

Sie

suchte ihn wegen einiger Wertpapiere auf, die sie in der Union-Bank deponiert hatte, in Wirklichkeit aber wollte sie mit ihm von Geschäften und vom Geld überhaupt sprechen und von ihm hören, welche Veränderungen eintreten konnten und was man tun mußte,

wenn

es wirklich

dazu

kommen

sollte,

sterten,

wovon

jedoch

niemand mit
gleiche. Es

ihr klar

wovon alle flüund offen

sprach.

Pajer

war immer der

war schwer zu sagen,
seinem

was geschehen müßte, damit

er sich in

Umgang
änderte.

und

in seinem Verhältnis zu den

Menschen

148

Aber worauf
halb
sie

es ihr in der

Hauptsache ankam und wes-

ihn aufgesucht hatte^ darauf konnte oder wollte

er ihr keine

den

alle

Antwort geben. Im Gespräch mit ihm wurDinge durchsichtig und klar, leicht und rein,

und

alle Schwierigkeiten verloren sich
sie erst

im Nebel, aus

dem

wieder in Erscheinung traten, sobald

man
sie

seine Kanzlei verließ.

Und

als sie

hinauskam, war

weder klüger noch

ruhiger.

Im

Gegenteil, voller Verfragte sie sich,

wunderung und Unverständnis
während
er

warum
so

Pajer ebenso wie Veso fortwährend vorsichtig innehielt,

mit ihr sprach,

warum

die

Worte beider

und warum man in ihrem Schweigen dumpfes Mißtrauen und einen unverständlichen
nichtssagend waren

Vorwurf
sie sich

fühlte.

Warum

zwinkerten
drein

alle Leute,

an die

wandte, unbestimmt mit den Augen,
sie so rätselhaft

warum
lau-

schauten
ter

und sprachen von

Dingen, die

sie nicht interessierten,

noch dazu so

sie selbst verwirrt und wurde und nicht das fragen konnte, was sie auf dem Herzen hatte? Sie fragte sich selbst nach dem Grund, fand aber keine Antwort, denn weder jetzt noch früher war sie imstande, über sich selbst nachzudenken oder sich mit fremden Augen zu betrachten und zu prüsteif

kühl und zurückhaltend, daß

fen. Sie fühlte

bloß doppelt die Schwere der Vereinsasie sich

mung und
dem man

Ungewißheit, in der

befand.

Ihre Mutter
sich

war
über

in ihren
alles

Augen kein Gesdiöpf, mit mögliche unterhalten und be-

raten konnte.

So blieb nur noch jenes Grab in Kosevo. Aber auch
das Grab war irgendwie verstummt,

und auch sie fand für das Grab weder die früheren Worte noch das leidenschaftliche Geflüster. Trotzdem kam sie jeden Sonntag,
149

steif

und

mürrisch, pünktlich

und gewissenhaft, immer

auf demselben

Wege und

zur selben Stunde. Sie saß

neben dem Grabe, aber sie konnte nicht wie einst ihre klaren Pläne und Rechnungen, sondern nur verworrene Befürchtungen und unbestimmte, düstere Vorahnungen äußern. Und wenn die gewohnte Zeit vorbei war, kehrte sie nach Hause zurück, mit gesenktem Blick und forschem Schritt, den die ganze Stadt kannte, noch steifer und mürrischer, weil sie nicht die Beruhigung gefunden hatte, die sie suchte.
Dieser

Sommer

des Jahres 1918 schien ihr endlos, als

ob er nicht eine der üblichen Jahreszeiten wäre, sondern
als

ob die Zeit in Erwartung von Ereignissen stehengesei.

blieben

Im Volke gärte es, und die Menschen horch-

ten auf. Der Krieg näherte sich offenbar seinem Ende,
Siege mischten sich mit Revolutionen, unklare Hoff-

nungen mit unklaren Befürchtungen. Das Fräulein war unter denen, die sich fürchteten. Genauso wie im Sommer des Jahres 19 14 konnte sie vor Gedanken, Berechnungen und Furcht nicht einschlafen; nur hatte sie damals vor einer bestimmten Gefahr Furcht empfunden,
jetzt

dagegen fürchtete

sie sich

vor allem,

und

das

war

viel schwerer,

denn wer sich

fürchtet,

ohne

recht

zu wis-

sen wovor, fürchtet sich doppelt. Ebenso wie damals

waren
zu
in

alle ihre

Gedanken und

Kräfte auf ein Ziel ge-

richtet: nicht

auf der Seite der Verlierer
das nicht.

und Leidenden
Aber wie
sollte
alles

sein.

Nur

Auf keinen
wie

Fall!

sie die richtige Seite treffen,

sich sichern,

wenn

immerzu wendete, änderte und schwankte? Wie sollte sich der Mensch schützen, damit er leben und verdienen konnte, damit ihn nichts störte und er mit niemandem zu teilen brauchte? Worauf
der Welt sich

ISO

sollte er sich stützen,
als alle

wenn auch

jene Kraft, die stärker

zu sein schien, und jene Macht, die

man

als

die größte ansah, nicht

von langer Dauer waren und
die

keinen genügenden Schutz boten?

Weil

sie die

Welt und

großen Kräfte, die

jetzt in

Bewegung gekommen waren, sich jagten und zusammenstießen, auch nicht im geringsten verstand und
kannte, gelangte
sie

zu einander völlig widersprechenihr

den, doch stets in gleicher Weise unrichtigen Schlüssen.

Leben und ihre Geschäfte mit alledem nichts gemein hatten, bald wieder brachte sie alles, was geschah, mit ihrer Person und ihren Interessen in Verbindung. Wenn sie plötzlich und mit
Bald sagte
sie sich,

daß

sie,

Schmerzen erwachte und dann scharf und unregelmäßig schlug,

spürte,

wie ihr Herz

kam

sie selbst sich in

dieser Nacht verloren vor, unwissend undhilfloswie nie-

mals vorher, herausgeschleudert aus der bisherigen Le-

bensbahn und Denkweise, so daß sie weder die Welt um sich noch sich selbst in dieser Welt begreifen konnte. Sie zitterte bei dem Gedanken an die Zeiten, die kommen und alles in Frage stellen könnten, was sie verdient

und

erreicht hatte, die alles verschieben

mochten,

was

sie für fest

und

sicher gehalten hatte.

Unter dem

Gesichtswinkel, unter

an zu sehen gewohnt war,
lich

dem sie diesen Krieg von Anfang nahm sich das alles unglaubund ungeheuerlich aus. Was dort in der Welt gewußte
sie nicht

schah,

genau, und es hatte

sie

niemals

interessiert, aber hier,

wo

sie lebte

und

arbeitete, sollte

etwas Schreckliches und Unmögliches geschehen, sollte
jene Seite besiegt werden, die Macht, Militär

und Geld in den Händen hielt und den Menschen, die in Ruhe leben und ihren Gesdiäften nacligehen wollten, Ordnung
151

die schlimm. Alles ging schwer von der Hand und mißlang. als ob man sich im Wasser vorwärts schleppt. es 152 . Sie hätte nicht einmal selbst sagen können. aber das war es diesmal nicht. war schon geschehen.und Sicherheit. Sie erwachte und wollte den kleinen morgendlichen Arbeiten und Gewohnheiten nachgehen. an dem etwas geschehen würde oder bealles verkehrt. — sicheren Untergang predigte sie so und Weder konnte etwas Schreckliches begrei- fen noch sich damit abfinden. und die Augen sind bei jedem Blick schwer wie im Schlaf. sondern wie versteinert auf der Erde lag. und den ganzen Tag ging dann Das gab es. Es war ein Erwachen besondeAus tiefem Schlaf und toter Ohnmacht geradewegs in einen weißen. >Es schon lange hell. denn sie hatte es nicht auf einmal begriffen. der weder heller noch dunkler wurde. Es war ein Tag. Unwiederbringlich. Ist das Fräulein. >Was ist für ein Tag ist das nur?< fragte sich das und ich muß mich beund ermüdend. Arbeitsscheu. Verdienst und Leben ge- währleistete. also Arbeit. In einer dieser Nächte hatte sie einen schrecklichen Traum vom rer Art. Ja. also Unruhe. die Zerstö- rung. reits geschehen war. eine bestimmte Stunde verschlafen und ein wichtiges Geschäft verpaßt zu haben. mit Mißmut und Verspätung begannen. und es sollte die Seite siegen. Geld. Das Fräulein erwachte. aber jede Bewegung ist langsam wirklich ein Erwachen ?< Es gab solche Tage. eilen. Es quälte sie das Gefühl. in welchem Augenblick sie das erkannt. aber schon bei den ersten Schritten geriet sie ins Stocken. Ungewißheit oder — genauer gesagt brachte. breiten Tag.

vergalt blitzartige schwunden. es lächelte den roten Haaren. ihr nur zu gut bekannte Gesicht mit da. bis sich ihr schließlich die ganze unglaubliche. dünnen. jedem Wort und jedem BUck. was an diesen Gesichtern auffiel. nirgends und in keiner Form. Das Fräulein verspürte einen starken Sdilag unter der Schädeldecke. Für sie hatte er bloß einen einzigen. dem sie beim Verlassen des Hauses begegnete. »Nein. Der erste Mensch. Sie blieb mitten auf der Straße dann erinnerte sie sich plötzlich an ihre Kasse. war der Briefträger. bedeutungslosen Brief. Fräulein Rajka. «Keine Geldüberweisungen?« fragte Sie schaute alte. Das gibt es nicht mehr. Und von einem Menschen zum anderen. Doch siehe schmitzt. Aber auch auf der Straße begegnete sie solchen Gesichtern. wenn sich ihm Gelegenheit dazu bot. so daß ihre Augen sich umnebelten und ihr Mund sich auftat. Wie durdi eine Feuersbrunst stürzte sie in ihren Laden. daß sie anders waren als sonst.sondern nach und nach. Es war das abgequälte. buchstabierte sie sich die Bedeutung dieses ungewöhnlichen Tages zu- sammen. so als wäre jedes Gesicht ein Buchstabe. sie mechanisch. ein wenig mit jedem Schritt. Sie kehrte ihm den Rücken und ging in die Stadt.« dem Briefträger ins Gesicht. stehen. Wahrheit entdeckte: Das Geld war es hatte aufgehört zu bestehen und nicht mehr. ihre Bücher und Rechnungen und eilte vorwärts. sie fühlte nur. So freute und rächte sich der kleine Mann von niederem Dienstrang. 153 . öffnete mit zitternden Händen die Kasse und fuhr. Sie konnte nicht genau sagen. die gelben heute ver- Augen blinzelten keck und bedeutungsvoll.

als sei sie sich selbst fremd.plötzlich blind geworden. Sie schrie. sie nicht. arbeitete und trieb aber ohne Geld. Sie rief nach dem Buchwar nie da. . . die Polizei und alle lebenden Menschen herbeizurufen.« »Und was Geld- soll aus denen werden. Sie schlug sich mit der Faust gegen die beachtete Stirn und die Brust. dumme Frau sei. Überall dasselbe. so wie er einst zu sagen pflegte: »Bei uns sind feste Preise. Mit jedem Schritt und mit jeder Frage und Antwort wurde die Tatsache klarer und unerbittSie ging licher: Es gab kein Geld mehr. Oder war mit dem Geld auch der Buchhalter und alles verschwunden. was mit ihr und der Welt ringsum geschehen sei. So suchen. er hing? Das Fräulein lief hinaus und begann Veso. von einem Laden zum anderen. Man Han- Man lebte. Und alle schauten sie mit einem augenzwinkernden Lächeln an. nur um zu fragen. einzige Krone. Das ganze Land besaß nicht eine brauchte del. Fräulein. was die ganze Welt schon seit langem wußte. die nicht wußte. die bisher nur getätigt und Bankgeschäfte sie haben . und niemand die Menschen zu sie. wenn man ihn brauchte. Vergebens. mit der Hand über die leeren und nackten Stahlwände. mand antwortete machte sie sich auf. Ja. »Wie? Wie?« stammelte das Fräulein. Kein Mensch verkaufte oder kaufte etwas für Geld. als ob sie eine verschrobene. das Geld hatte wie etwas Überflüssiges und Wertloses die Welt verlassen. Nieihr.?« Aber sobald 154 auf diese Weise mehr zu erfahren . was mit dem Geld zusammenFächer halter Veso. »So ist es«. antwortete kühl und unbekümmert ein Kaufmann hinter seinem Ladentisch.

von einer 155 . die an die Straßenpassanten verteilt und gleich darauf weggeworfen werden. zwinkerten sie mit den Augen. das Geld war vom Antlitz der Erde verschwunden. an der Stra- ßenkreuzung stand wie ein verlorenes Kind. Alles war eine Bestätigung der Tatmetallenen Tag. Jetzt hatte auch sie selbst die unglaubliche. Kümmere dich um deine Arbeit!« Und damit war die Unterhaltung beendet. Aktien hatte man zusammen mit alten Illustrierten abgelegt. taumelte durch den weißen. Nein. Man hatte die Erde bestohlen. die Banknoten waren auf dem Kehrichthaufen gelandet wie Reklamezettel.und eine Erklärung für diese sonderbare Erscheinung verlangte. ohne sich umzudrehen. während er Ware in die Regale suchte einordnete: »Das war einmal. ohne Bedeutung und Wert. Ecl<:e zur anderen. gespen- Wahrheit ausgesprochen. Die Kassenbücher waren beim letzten Buchungsposten stehengeblieben und lagen jetzt tot wie Steine. lächelten und — gingen wieder an ihre Arbeit. »Was für eine Arbeit kann es schon ohne Geld geals sie ben?« fragte das Fräulein weinend. von einer Straße zur anderen. Die Dukaten galten ebensoviel wie Spielmarken. Dieses Wort hatte seinen Sinn verloren. aber das gibt es nicht mehr. man hatte sie nicht bestohlen. Die Wechsel waren wie Briefe unbekannter Verstorbener — unverständlich. Das Fräulein ging weiter. Etwas viel Ungeheuerlicheres und Ärgeres war geschehen: der Begriff des Geldes war verschwunden. die mit unverständlichen Hieroglyphen bestische kritzelt sind. die einem tollen Traum glich. Ja. Nur ein kleiner Kaufmann sagte zu ihr.

>Das war einmal. 156 . und irgendeine Weise beholfen und angepaßt. ohne die Kraft. was das! Und wo bleibt die Behörde. als hätten sich die als Menschen darein hätten geschickt und damit ausgesöhnt. Wo steckten denn die Popen. ohne Geld zu leben. Hodschas und Rabbiner? Gab es noch irgendwo Recht und Gesetz? Aber die Popen waren in den Kirchen und Kanzleien. »Was ist los? Das Leben ist sinnlos und öde geworden. glaublichste war. daß man die Bestimmungen der Vorsehung ruhig hinnehmen müsse. aber man muß weiterleben. stören. sich zu bewegen. daß es so aussah. Die Vorübergehenden betrachteten sie mit kühler Verwunderung. dasselbe traditionelle Fländereiben und nig dieselben Antworten: daß alles auf dieser Welt eine sei. nicht Ruhe und Ordnung zu einsperren. Alle befanden sich mehr oder weniger auf ihren Plätzen. geworden war. die Polizei. das Gericht und die Kirche?« Das Fräulein jammerte mit lauter Stimme. daß im übrigen ihr Ziel das ewige Leben sei und sie sich in den Dingen die- Gabe Gottes ser Welt den Forderungen der Zeit anpaßten. Ein Pohzist kam des Wegs und ermahnte sie. aber das gibt es nicht mehr!< Ein einziger Schwindel und ist das! Diebstahl Oder ist es etwa ein Aprilscherz unist nützer Nichtstuer? Bei Gott. denn sonst müßte er sie So sah das also aus! Auch die Staatsmacht war abtrün- und untreu geworden! Wütend lief das Fräulein weiter. Und bei allen fand sie mehr oder weniger dieselben Bewegungen.daß das Geld die Erde verlassen hatte und die Welt für sie wie ein Leib ohne Atem. ohne Blut. Und das UnsachC. sie sich in ihrer grenzenlosen Niedertracht schon sich auf damit abgefunden.

Für das Geld hat- 157 . die Uhr arbeitete ebenfalls wei- Auch die Zeit wurde also noch gemessen. kann niemand von den Berufenen einen Finger rühren. ihr Feiglinge!« Und während sie der Zeit und der ganzen Welt ins Gesicht schrie. aber ihr kam ihr angesichts der Stärke des Zornes. bis sie auf dem Platz vor der Kirche stand. wie ein Flüstern »Ach. Was nützte ihnen das alles — wenn es kein Geld gab? Was sollten sie messen und zählt zählen? Hatte nicht das Rechnen seine Existenzberech- tigung verloren? Oder hatte es sich wie alles andere dem neuen Zustand angepaßt? Das Fräulein hatte den Wunsch. ihr Niederträchtigen! Ach. tung denMenschen gegenüber. den vor. Schläge. wie sich bei diesem verrückten Wunsch die Schleusen eines bisher nes in ihr öffneten und wie dieser unbekannten ZorZorn sie ganz überGees schwemmte. schrei Sie schrie. Die Turmuhr schlug neun. Im ganzen waren es drei- zehn ter. Das Geld war ihnen !< das Heiligste vom Heiligen gewesen. Siehe da. und gewurde auch noch. so laut sie konnte. >jetzt >Ja<. dachte das Fräulein.Angeekelt und entmutigt lief sie von den einen zu den anderen. letzten Tapferkeitsprobe. um das heilige Geld zu verteidigen und zu retten. allein und geschlagen. doch gleichzeitig stolz und emporgehoben von ihrer unverwüstlichen Liebe zum Geld. von ihrer vervon ihrer Verach- zweifelten. bis zur Höhe des Turmes emporzuwachsen und alle Ziffern dieser Uhr zu bespeien. zum Ausdruck bringen sollte. denn sie hatte sie tausendmal in unglaublich lächerlichen und jämmerlichen Lagen beobachtet. fühlte sie sich verlassen. Sie fühlte. Sie alle haben dieses Geld geliebt und waren so begierig danach Sie wußte das am besten.

Einen Augenblick noch schwankte und verschwamm alles ringsum. der Verlassenheit vollkommenen Zusammenbruchs stießen in und mischten sich. bis die Wirklichkeit siegte und das Zimmer sein ruhiges. Lange betastete sie mit der stumpfen Hand die warme Matratze unter Im ganzen Körper fühlte sie noch das Beben des Zorns und die kalte Festigkeit des Pflasters auf dem sich. sie sich zu allem Aber jetzt. unter dieser Sonne. Das warf sie zu Boden. und die Beine versagten den Dienst. Gedanken und starken Alle die gehetzten düsteren Gefühle des Zornes. sich anzuziehen. in der alten Form weiterzuleben. raten nur um hier auf der Erde. ein und des ihr aneinander kleines Bündel Frauenkleider. Ohne auf. schmerzlich verworre- ner Traum. Da war das Fräulein auch schon auf den Beinen. das sich Mensch nannte: vor allem verbeugte es sich. mitten auf sterten Platz liegen. Im schwachen Licht der frühen MorgendämIn merung zerstob auch ihr toller. lief sie zum und Schreibtisch. über Nacht. gewohntes Aussehen wiedergewann. Platz vor der Kirche. hatten sie es ver- und sich von ihm losgesagt. erwachte wirklich. Davon trübte sich ihr Blick. schloß das amerikanische Schloß des mittleren Faches nahm ihre Ledertasche heraus schüttete das ganze Kleingeld auf den Tisch. dem gepfla- dem Augenblick erwachte das Fräulein. die Stimme verlöschte. der Erbitterung. Es waren sechs Bank- noten zu 158 je zwanzig Kronen und einige Scheidemün- . Und da blieb sie.ten sie alles verkauft. für Geld hatten bereit gezeigt. Und dieses wirkliche Erwachen war um nichts weniger qualvoll als das geträumte. So war dieses Tier.

alles ist Banknoten ist auch das ganze übrige Geld in der Welt an seinem Platz. Als sie der Tür zum Laden kam. Doch darüber wollte so kehrte sie in das sie nicht nach- Sie fror. Während dann unterschrieb sie die Postansie die Banknoten an ihre Brust 159 . und noch warme Bett zu- Herz schlug stark und unregelmäßig. Heftig atmend betrachtete sie das Geld und legte es wieder in Ordnung. und stoßweise jagte schlief wieder wie ein rascher Schatten der Zweifel an der Wirklichkeit über sie hin. blieb ein leichtes Unbehagen wie ein Schatten in ihr zurück. Wie diese in die Tasche zurück. begegnete sie unmittelbar an dem Briefträger. Aber die Wärme des Bettes und das wohltuend sichere Gefühl der Wirklichkeit beruhigten sie bald. frühstückte und ging in den Laden. Sie schloß fest die Augen. der ihr tatsächlich ein paar Postanweisungen brachte. Wie ist so ein Traum über- haupt möglich? Und was für eine Beziehung besteht zwischen Wirklichkeit und Traum ?< Von diesen Ge- danken denken.zen. >Siehst du. zweimal — wieder jagte wie ein blitzschneller Schatten der Zweifel an der Wirklichkeit über ihr Be- wußtsein — . Aufgeregt zählte sie das Geld einmal. flüsterte rück. Worte des Vorwurfs und Wie gewöhnlich erwachte sie kurz vor sieben Uhr. Unterwegs begleitete sie noch immer das unbehagliche Gefühl des nächtlichen Traums. und erst weisungen. der Atem ging rascher als sonst. Ihr schläfrig und lallend undeutliche ein. Er ist gesechs kommen und vergangen. Natürlich! Es war bloß ein Traum. ein sinnloser. sie kleidete sich an. schrecklicher Traum.

i6o das ver- . tintenbekleckste Tuch auf. altertümlichen Schreibtisch. Erst jetzt beruhigte sie sich vollends. da langt es bei den vielen Kindern weder hin noch her. Aber der Sommer wollte nicht weichen. preßte. Ein schrecklicher Blick Leute!« So quälte sich das Fräulein in den heißen Nächten und fand keinen Schlaf. Sie legte beide Hände auf den und atmete kleinen. und flüsterte lautlos vor sich hin: »Ja. Die Tage und Wochen erschienen endlos lang. Es war das altbekannte. erschrockenen. häuften und überstürzten sich wie die Schlußakkorde einer Symphonie. aber der Lohn ist gering. Auch im Oktober war es noch warm. blieb er stehen und schüttelte sich. als sich Dem Fräulein geschah. abgequälte Gesicht mit den roten Haaren. kalten La- den in die Morgensonne hinausgetreten war. die sie im Traum gesehen hatte. Sie merkte es nicht. (Als wollte er sagen: Der Dienst ist nicht beschwerlich. Was nützt ihr da. Dann ging er weiter. furchtbaren Augen von sich ab. denn die Ereignisse reihten sich aneinander.) Nirgends eine Spur von dem frechen Lächeln und dem verschmitzten Augenzwinkern. Als der Briefträger aus dem halbdunklen. diese Blick! Rajka hat einen schrecklichen ist das. obwohl auf jeden hartnäckig und wider alles Erwarten ein neuer folgt. Mit einem kurzen inneren Schauder schüttelte er den Eindruck der durchbohrenden. von denen jeder der letzte zu sein scheint. und alles grünte.hob sie den Kopf und schaute dem Briefträger lange und prüfend in die Augen. der ganze Reichtum. Und doch kam auch dieser letzte. drückte sie ganz fest auf das grüne. mein Lieber. sich immer auf der Sonnenseite haltend. was solchen Leuten in der Regel geschieht.

Veso näherte sich mit einer Schar junger Leute. den lauten Gefühlsergüssen und allen Reden und Gesprächen. und trotzdem zitterte aus angeborenem Widerwillen gegen Küsse und aus Ekel vor den ewigen Tränen. an sie sich also nicht weniger fürchtete und sich nicht erhoffte als gewöhnlich. aber er sagt nichts der jagende trübe An einem dem mehr Oktobertag. was ihm am wertvollsten und am meisten bedroht erscheint. Gedanken und Kapi- Ohne große Verluste würde es nicht abge- hen. dazu aber nur insgesamt zwei Minuten Zeit hat.) einem gerissenen Film: ter. In überflog sie ihre überall verstreuten Kredite talanlagen. Einige wai6i . der gewaltigen Aufregung. Fröstelnd saß sie in dem kalten Laden.wovor sie solche Angst gehabt. sten Einzelheiten ausgemalt hatte. der aus einem Brand oder Unwetter das retten muß. Freude. aber sie glich er arbeitet und dreht sich weiund zeigt nichts weiter als einanFlecke und Striche. niemand sie reichte ihr die Hand. sie überlegte rasch — wie ein Mensch. leuchteten an den Häu- und die Mensdien küßten und umarmten einander und weinten vor sern die ersten dreifarbigen Fahnen auf. wie sie die Verluste möglichst niedrig halten könnte. der wie alle übrigen war. Sie dachte nur daran. Schon wieder Tränen! Veso kam an diesem Tage nicht und ließ den Laden geschlossen. Das sah man schon. sie erlosch und verlor sich auch nicht ganz. (An dieser nicht Stelle riß ihre Erinnerung ab. Niemand umarmte sie. Scharfe Schritte und aufgeregte Stimmen rissen sie aus diesen Gedanken. Das Fräulein ging wie eine Fremde und Verurteilte durch die Stadt. was sie unzählige Male vorausgesehen und sich bis in die kleinwirklichte.

mit finsterem Gesicht und blinzelnden Augen. wie groß ihre Sünde in den Augen dieser Menschen sein mußte. gutmütige Gesicht strahlte und glühte diesem harmlosen Anfang. »Laß das jetzt. Aber auch Veso war nicht viel besser. es sie mit lebhaften Gebär- handele sich sie um Betrunkene. wenn man sterben müßte. An dem Verhalten und den Reden derer. Weder früher noch später sah sie ihn so aufgeregt. auf der Straße und auch in ihrem Vaterhaus begannen Bekannte und Unbekannte. Doch es blieb nicht bei Im Laden. Es war alles schlimmer und schwerer. Er winkte bloß mit der Hand ab und reihte zusammenhanglose Sätze aneinander. Augen waren weit geöffnet. was sie damals hatte ertragen müssen. die sie boshaft verspotteten oder offen angriffen. Erst glaubte sie. so als könnten sie ihre Gestalt nicht richtig sehen und erkennen. Geh Du siehst. als sie es sich je zuvor hätte ausmalen können. Aber wie sehr sie sich auch bemühte und nach162 . vor Freude. aber ließen sie nicht zu Wort kommen und betrachteten sie von oben herab. Alle sprachen den. ermaß sie.ren bewaffnet. was für eine Freude wir nicht?« du das Sie sah nichts. einige aber beschimpften sie offen und in grober Weise und machten ihr das Verhalten während des Krieges zum Vorwurf. Gerufene und Ungerufene sie zu necken und mit höhnischen Bemerkungen zu reizen. weil sie so winzig war. dürfte man es nicht einmal bedauern. aber seine und das bartlose. Rajka! Wen interessiert das jetzt? Nachdem wir heute auch du nach Hause erlebt haben! Siehst ! das erreicht haben. Sie wollte mit Veso sprechen. Sie erinnerte sich nicht und wollte sich nicht an all das erinnern.

sie zu schädigen und ihre ganze Arbeit zu beeinträchtigen. und imstande. sie am Vorwärtskomdachte. überhaupt nichts von Gewalt und Reclit. ob das wirklich alles in demselben Land sätze und Reden las. sie men zu hindern. Und das war warum sie jetzt so sdiwer daß Gewalt und Unredit den nach Rache hervorrufen. daß alle Menschen außer ihr plötzlich verrückt geworden waren und sie deshalb über die Schulter ansahen und so unbarmher- Manchmal glaubte sie. von Rache. vermochte sie tatsächlich Zusammenhang zwischen dem. zu erkennen. ebensowenig wußte sie. fragte sie sich. auf die sie einstürmt. daß wußte Strafe und Sie sie sich auf der 163 . der hauptsächliche Grund. in und in derselben Stadt. in der sie lebte. Sie sah nur den unverständlichen Haß und das Bestreben der anderen. sie sah nur ganz deutlich. ihre erst recht nicht Ordnung und langsame. gesehen und gehört hatte. litt. sie immer als das gräßlichste Unrecht ansehen. und dem. ihr Vorhandensein zu bemerken. und angeborene Schadenfreude beigesellen. daß die Rache blind Wunsch ist und daß jene.konnte nicht begreifen. Wenn sie in den Zeitungen Aufdenen die Verfolgungen und Leiden der vergangenen Kriegsjahre geschildert wurden. geschehen konnte. Solchen Leuten wie das Fräulein mußte die Welt sehr oft wie eine Hölle vorkommen. worin diese Sünde bestehen sollte. Unempfindlich für eine ganze Reihe gesellschaftlicher Gesetze und moralischer Gefühle und Reaktionen des Menschen. was ihr geschah. unerbittliche nicht den ursächlichen Wirkungsweise zu verstehen. zig verfolgten. daß sich selbst der gerechtesten Strafe immer Neid Sie wußte nicht. unfähig. was sie I9i4und 1915 getan.

war es ihr noch bestimmt. an ihre Schuldner heranzutreten. mit Forderungen nichts. bis Münze den letzten Menschen verlassen hatte. in denen es von erregten. erdbeschmutz- ten gert.Seite der Verfolgten erlitt wirklich und Geschädigten befand. begeisterten Volksmassen wimmelte. mit eigenen Augen den völligen Zusammenbruch Gazda Rafos zu beobachten. und es nützte ihr auch Die Geschäfte stockten. Und sie Schaden. Und die Zeitungen schrieben von man den Besitzenden Kriegsgewinnsteuern. kam dem Fräulein vor. zu essen. sie. wie Gazda Rafo hinter der Verkaufsbank mit feuchten. nicht eingehalten. Schulden aber zahlte niemand. sondern jeder lachte seinen Gläubiger aus und machte neue Schulden. Es sich wegnehmen wollte. von Enteignung. Narrheiten zu treiben die letzte und zu verschwenden. Vor dem ehemaligen Laden Rafos sah man eine Menschenmenge stehen und hörte laute Rufe und Wogen donnernden Gelächters. zu trin- ken. gelb Händen welkes Gemüse wendete. an einem dieser Oktobertage. in tosender Schwelgerei Selbstmord zu begehen. ohne Krawatte und 164 . Sie schaute ängstlich hin und sah. die nicht richtig. täglich drohte ihr neuer und größerer Verlust. ging sie eines Morgens durch die Ferhadijastraße. denen zufolge Milliardenbeträge zugunsten jener die nichts hatten. als hätten ganze Länder und Völker entschlossen. sich Alles wandte gegen Ganz zu Beginn. die Banken arbeiteten Seiten verlangte Termine wurden tot. Ganz abgemaund dunkel im Gesicht. von großen kleinen Plänen. die Wertpapiere lagen Von allen man Spenden von als ihr. Sie wagte es nicht. ob am nächsten Tag und Weltuntergang wäre. die Gerichte feierten. Um den Hauptstraßen auszuweichen.

Gazda Rafo. deren nicht wissen . »Trag das nach Hause. zig hörte man einzelne Worte. sprach wirr und vollführte schwache. mit der die Menschen auch die traurigsten Szenen mitansehen. er sei immer noch ein alter Fuchs. auf jede ver- Bemerkung eine Antwort zu geben. Ich »Hier. sobald sie sich in der Überzahl fühlen. . Die einen waren scharfzüngig und boshaft. und sicher verberge sich auch hierunter irgendein Geschäft. . lustig und lebhaft gewesen wie ein Kreisel. Aber Rafo Konforti »Soviel Millionen hast legte wie einst vor vielen Jahren die Hand auf die Brust. so als hätte sie plötzlich keinen Hunger mehr. Volk muß ohne einen Kreuzer! Das weiß das. jetzt hingegen stammelte er kläglich.« »Hat dir das selige Österreich dies als Vermächtnis hinterlassen?« du zusammengescharrt.. . sinnlose Bewegungen. Das ist es!« Aber die Menge lachte über diesen Kranken. . und iß es selbst. so stand er da. schwur. . auch wenn es die an. . i6s . das Volk nicht hungern zu lassen. Para. und jetzt gibst du dem Volk Kohl zu fressen?« Die anderen waren gutmütiger und faßten diis Ganze von der heiteren Seite auf. lobte seine Ware und bemühte sich. Sie riefen ihm zu. Rafo rollte ängstlich mit den Augen und sagte etwas. daß es seine einzige Sorge sei. Nur war er früher dabei gesund. was man bei den unaufhörlichen Zwischenrufen und dem lauten Gelächter nicht richtig verstehen konnte.Kopfbedeckung.. Es muß essen . Sein Anzug war schmut- und unordentlich. Wenn er seine Stimme hob. unter Tränen sichernd. und schaute ihn mit jener gefühllosen Neugier an. ohne eine essen .

als Im würde sich das ganze Leben von Grund auf ändern. aber die Aufregung. Wunder war. alle die zu verurteilen und zu brandmarken. Bankette Armee ein. .«. neue Zeitungen erschienen. terblieben. daß weitere Angriffe un. suchte ihn auf und bewirkte. doch war die Anspielung unmißverständlich. Es sah aus. Einer ihrer Verwandten. der Gerech. wurden tigkeit und des Friedens verlangen wir Einzelpersonen und Institutionen scharf angegriffen. daß er ihr Freund gewesen war. Zu Neujahr begann ein neues Tagblatt zu erscheinen. Tage und Wochen vergingen. Die Hauptaufgabe dieses ultranationalistischen Blattes war es. sofern es diesen Begriff in ihrem Bewußtsein überhaupt gab. Gegenteil. Am selben Tage brachte man Gazda Rafo in die Irrenanstalt. Paraden und Feierund Dankgebete lösten einander Abordnungen trafen ein. die sich während des letzten Krieges »gegen die Ehre der Nation und deren Interessen versündigten«. An dieser Stelle wurde auch das Fräulein einmal erwähnt. i66 . um nicht den jämmerlichen Untergang eines Menschen zu sehen. die nur drei Tage dauern. In einer besonderen Rubrik. der den Direktor der Zeitung gut kannte. daß es keins der ab. zwar nannte man sie noch nicht namentlich. die mit den Worten begann: »Im Namen der Ordnung. »Srpska zastava«. Freude und Unruhe in der Stadt ließen nicht nach. In Sarajevo zogen die ersten Abteilungen der serbischen lichkeiten. die Namen von Straßen und Institutionen änderten sidi. Dem Fräulein war es klar. von dem man sagen konnte.Sie wandte den Kopf zur Seite und eilte davon.

Aber was bei einem »Narodni glas« griff Blatt gelang. so Rafo Konforti und ähnliche. in der Familie. sie so vom Miljackaufer. Ihr schloß sich auch die sozialdemo- nun wieder erschien. »Geschäften. was die Leute von ihr dachten und erzählten. konnte sie nicht recht wissen. daß die Gesellschaft derart schädliche und unwürdige Mitglieder ohne Rücksicht auf ihre familiären Beziehungen und ihre Stellung ganz bestimmt und für immer aus Schlagzeilen ihrer Mitte ausschließen werde. und wähnte nebenher. Das wurde ihr erst allmählich und zufällig offenbar. ließ sich bei einem anderen nicht erreichen. öffnete das Fenster und ver- möglichst rasch luft einzuatmen. und man kündigte an. Die neugegründete Zeitung in ihrer Lokalchronik alle Kriegser- gewinnler an. In einer Herbstnacht erwachte sie plötzlich mit dem Gefühl. eine besondere Kommission solle die Tätigkeit und die Profite aller Kriegsgewinnler überprüfen. stand rasch auf. ein paar Betrunkene laut etwas her- 167 . Rajkas Haus. hörte sie. auch den Namen Rajka Radakovic. schädlich für Volk und Gesellschaft« die Rede. daß ihr jemand die Kehle zupreßte und das Herz ihr den Atem abschnürte. (Das geschah in letzter Zeit des öfte- ren. die das Licht scheuen« und »seelenlosen Spinnen. Diese Drohungen sahen damals ernst und wirklich gefährlich aus. all das wurde gelesen. Da sie niemanden sah. Als offenen Fenster und möglidist viel feudite Nachtkeuchend und fröstelnd am stand. doch ganz kratische »Sloboda« an. wie von der Straße. die offen. Hier war von »Wucherzinsen«. Man verlangte in diesen von der Regierung. weitererzählt ja selbst in und gedeutet in der Stadt.) Sie suclite.

»Man sagt. viele Jahre Geld auf Zinsen. und das jetzt. Zwei von ihnen bheben stehen und lehnten sich an ihr Haus.« und davor. Unter ständigem Schluchzen und Flusie die chen benäßten Fenster. knöpfte sich lange und umständlich um. es war eines von jenen neuen Schimpfworten. dabei weiß ich nicht. Schreiend. Nein. daß dieses Haus der Rajka Radakovic Jener zweite. hörte zusammenhangloses. bei Gott nicht! Auch heute hätte ich keinen genascht.« »Der verfluchte Schnaps erlaubt es nicht!« »Das ist es nicht. in denen Erde und einzigen widerlichen Himmel in einem Gedanken verbunden sind. sie hat mit den Deutschen Geschäfte ge- macht. nannte sie mit einem schrecklichen Namen und sprach einen so häßlichen Fluch aus. und ich habe noch keinen Wintermantel. daß man so schimpfen könnte. hört?« die Hose zu und schaute sich genauer ge- »Weißt du.« wenn nicht diese Sla- Einer der Betrunkenen trat zurück. Schon Ich hörte. Meine Schuh- sohlen sind durch. »Während verleiht sie des Krieges während des Krieges. »aber es ist ja kein Wunder. wie ihn das Fräulein noch nie gehört hatte. vaf eiern wären. der immer noch an der Hauswand stand. Heute ist Michaelis. Wand unmittelbar unter ihrem sie ihr Ohne selbst bemerkt zu werden. wie die Leute im Wirtshaus davon i68 erzählten. nie hätte sie gedacht. so .überriefen. beklagte sich der erste der beiden. schimpfend und lachend gingen sie vorbei. Bruder. >In ganz Bosnien<. wie ich zu einem kommen soll. lallendes Gerede: »Ich erkälte mich so leicht«.

Mit klopfendem Herzen und schlaflosen Sinnen überwohin sie fliehen und wie sie sich vor diesen Leuten verbergen könnte.« ist »Es wäre eine Segenstat. Wie eine Kerze!<« Und in einem fort schimpfend und taumelnd. Ich würde dieses Scheusal aus der Welt schaffen. andererseits aber Zeit und Phantasie genug hatten. gingen beide ihrer Gesellschaft nach. Eine Bestie eine Bestie. wie es im Lied heißt: >Er führte sie auf einen Kreuzweg. immer mehr um sie zusammen- legte sie. Das Fräulein schloß wandten und rasch das Fenster und legte sich ebenso rasch nieder. die Habenichtse so von ihr reden.« »Totschlagen zuwenig. Sie legt bloß eine Para auf die andere. der sich zog. kleidete sie in ein Pechhemd und zündete es an. Sie wußte ungefähr. die nidit einmal einen Win- von Haß und Sdinaps wärmten. Weder Kreuz noch Seele kennt sie. Damit sie verbrenne wie eine Kerze. von der sie aus dem Dun- kel angerufen wurden. was ihre Verdie ganze sogenannte bessere Welt von ihr dachten. um fremden Verdienst zu zählen und für andere terrock trugen. sage ich dir. sie totzuschlagen. Niemals hat sie mit einem Mitleid gehabt.sagten alles sie. >gibt es keinen solchen Wucherer. undurchdringlichen Ring des Hasses. sondern sich 169 . alles angeblich ist sie. aber jetzt hörte sie mit eigenen Ohren auch das Volk. ehrlich und nach dem Gesetz. < Und das macht sie unsichtbar und heimlich. Gutes von ihr erfahren. die sie vielleicht niemals im Leben gesehen hatten. Alle zusam- men bildeten sie einen festen. und niemand hat je etwas Nicht mal dem lieben Gott gönnt sie den Weihrauch.

daß sie sich fast selbst schämte. Sie. zitterte jetzt bei dem Gedanken an die Passanten. Vergeblich fragte sie wohin ihre kühl besonnene Kraft und ihre finstere Jetzt hatte sie Verachtung geraten seien. Lang und häßlich waren diese Monate. in den Laden zu gehen. denn das Gefühl irgendeiner Schuld konnte niemals. die sich nicht in Zahlen ausdrücken und auch nicht mit Geld bestechen jetzt sah sie. als ihr etwas auf der Welt gäbe. verloren und geschlagen war. obwohl sie nicht wußte warum. 170 zwar keine . in ihr Fuß fassen. was stärker wäre sie so Wille und ganz vom Kampfplatz drängen könnte. ihre Blicke und Zurufe. ließ sich. da sie auch vor den nächsten Verwandten in ihr Zimmer flüchten mußte und das Geschrei gegen sie so mächtig wurde. Auch Veso riet ihr. und gegen die nichts half. Die Angst vor einer Begegnung mit den Leuten war stärker als alles andere. die sich nie im Leben um die Menschen gekümmert und sie gar nicht recht bemerkt hatte. Alle Tore waren für sie versie ihrem Leben. daß schlossen. auch nicht für einen Augenblick. wie und wann. Sie saß zu Hause und dachte an das Grab. sich für einige Zeit zu- rückzuziehen. Noch vor einigen Monaten daß es hatte sie nicht geglaubt. Aber daß sie wirklich verdrängt. die schreckHchsten Todes- In diesen Wintermonaten geschah es in zum erstenmal den sonntägHchen Besuch des väterhchen Grabes unterheß. von einer unsichtbaren Kraft. An irgendeinen Gewinn war nicht mehr zu denken. auf die Straße zu gehen.Menschen Pechhemden und arten zu ersinnen. Sie hörte auf. ohne selbst zu wissen. aber sie hatte nicht den Mut.

und auch der klügste und reichste Mensch hatte nicht die Kraft. Alle Verwandten waren sich darin einig. • wäre in Vergessenheit geraten. wenn nicht irgendeine Veränderung einträte. ließ ihr Herz stocken. ohne etwas zu unternehmen und zu tun. das neuen Abreisen. Die Zeit kroch unbarmherzig dahin. trennten und vor ihr schützten. Aber allein der Gedanke. Abreisen. Vielleicht hätte sich doch alles mit der Zeit beruhigt und grad vor. der Stadt ihrer Niederlage. aber ihre Verachtung kehrte zurück. trieb so zu ni . nicht mehr hier zu sein bedeutete vielleicht. hun- dertmal so stark wie zuvor. Zeit. welche die letzte Zeit mit sich gebracht hatte.Kraft mehr. sie auch nur um eine Sekunde zu ver- kürzen oder zu verlängern. völlig zurückgezogen. daß sie das Leben nicht würde ertragen können. das wäre fast leben. von neuem zu Aussichten und neuen Kräften. aber es war nicht unmöglich. Raum Von hier wegzugehen. gerettet sein. wenn nicht Zeit und Raum sie von diesem Sarajevo. ohne etwas zu schaffen und zu verdienen. wenigstens für einige Die einen schlugen einen kürzeren Aufenthalt in Dubrovnik. mit dasselbe wie vergessen und vergessen werden. noch ein halbes oder ein ganzes Jahr Hause zu sitzen. wenn Sarajevo verließe. Wie geächtet saß sie in ihrem Hause. und sie sah ein. tatenlos herumsitzen und vom Kapital zehren müßte. war schwer und schmerzlich. daß es für sie und das Ansehen der ganzen Familie am besten sie wäre. das heißt. die anderen eine Übersiedlung nadi Bel- Und Rajka gab — zum erstermaal in ihrem Leben — nach. daß sie nach so vielen Störungen und Verlusten. denn sie wußte wirklich nicht wohin. wenn sie sich hätte entschließen können. So blieb also nur der übrig.

ihr das Blut in den Kopf und benahm ihr den Atem. Im Laufe Sommers wurde entschieden. Dieser Gedanke drohte sie zu erstik- ken. wie sie Geld verbrauchen. nur des um das nicht ertragen zu müssen. 172 . Die Mutter stimmte zu. das Geschäft weiterzuführen und sich um ihr Haus zu kümmern. verlieren und schließlich in Armut und Elend verfallen würde. mit Tränen in den blinzelnden. Schon im voraus malte sie sich aus. guten Augen. das sie vermieten wollte. sondern selbst und entlegensten Kolonien gehen. daß sie sollte. Sie in die wildesten würde nicht nur nach Belgrad. Veso übernahm es. wie sie immer allem zugestimmt hatte. mit der Mutter nach Belgrad übersiedeln wo seit langem ihr Onkel Djordje Hadzi-Vasic lebte.

Die Züge fuhren langsam und unregelmäßig. die Anlagen niedergetreten. Der Beamte mit der roten Mütze. waren größtenteils unsauber und schlecht gekleidet. Der Andrang war so gewaltig. der den Zug erwartete. Und die Leute. Die Stationen. ermüdend und in jeder Hinsicht unangenehm. rücksichtslose Leute durch die Fenster einstie- gen. benahmen sich grob und führten eine rüpelhafte Sprache. die Möbel aber verpackten sie und vertrauten damit er sie ihnen mit der Bahn zuschickte. aus denen man das Leder oder Tuch herausgeschnitten hatte.VI Ende 19 19 verließ das Fräulein mit ihrer Mutter Sara- jevo. Sie nahmen wichtigsten sie Veso an. sah unglücklich und 173 . Die Reise war lang. Die Waggons ohne Fensterglas. sie rochen nach Zwiebeln und Schnaps. sie in sobald sie ihm mitteilten. einige Kisten und Koffer mit. die Zäune zerbrochen. an denen sie vorüberkamen. mit zersessenen Sitzen. daß geschickte. die sich an den Eingängen stießen und einander auf dem Schöße saßen oder in den Gängen standen. daß Belgrad eine Woh- nung gefunden hatten. sahen aus wie nach einer unsichtbaren Überschwemmung: die Mauern waren beschädigt.

Auf dem schwach beleuchteten Bahnsteig. Spuren. mit und den tiefen den Boden eindrückten. was sie aus Sarajevo vertrieben hatte. aber nur langsam wieder verwischten. fünf Stunden in In Slavonski Brod warteten sie volle einer kalten. als allem und jedem. 174 . ihrer Ruhe und dem demütigen Lävollkommenen Ergebenheit gegenüber sidi. die sich schnell in wahren Bedeutung.schuldbewußt aus. Jetzt. gar nicht so unerträglich gewesen und als habe ein Trugbild sie dazu verleitet. Sarajevo zu verlassen. da sie in und allem ausgewichen war. neben einem langen Zug. Ungewisse begeben was in den letzten Monaten geschehen war. da sie gearbeitet und verdient hatte und gefährlich gewesen. nicht richtig ken- Haus verlassen und diese lange beschwerliche Reise ins hatte. was schwer dem allgemeinen Unnichts teilgenommen. Sehr bald vergaß sie alles. schien es ihr. in glück und Leiden an ihrem eigenen Hause gewohnt und in allem nengelernt. Dieser Pöbel aber noch und alle seine Worte und Bewegungen. mehr ihre eigene innere Schwäche und Unentschlossenheit beleidigten und reizten sie. da sie ihr mehr oder wenisich auf ger wie in Friedenszeiten gelebt hatte. als sei alles. regnerischen Nacht auf den Anschlußzug. die er hervorrief. ihr auf die am meisten jedoch ihre Mutter mit ihrer unerschütterlichen cheln. Rajka fühlte ginge sie in die Verbannung oder als flüchtete sie davor ins Ungewisse. Jetzt sah sie es: Sie hatte ihn in den vier Jahren. Trotz größter Vorsicht wurde ihnen ein Kofier gestoh- Das war zuviel. die dieser Umzug mit sich brachte. aus dem weißer len. und immer standen ihr die Verluste vor Augen. Zum erstenmal zeigte sich dem Fräulein der Krieg in seiner den Verwüstungen. Alles ging Nerven.

als werde sie nie mehr dorthin kommen. Mit knapper Not gelang es ihnen. der den beiden Frauen in diesem Hause wurde. Sie standen im zugigen Gang. als sei ihr ein Stück dem Leibe gerissen worden. und als sei zählte die Koffer. den schweren Straßenschmutz hinter den Trägern hinüber. Das Fräulein tastete mit den Fingern um sich und kam ihr vor. Unausgeschlafen. Sie rief Gott und Menschen um Beistand an gegen diesen tückischen Diebstahl. was sie auf der Reise erlebt hatten. nirgends Mitleid sich in und Hilfe. als ob man sie vierteilen wollte. nahmen sie ns . den Belgrader Zug zu zwängen. durstig und rußig gingen sie durch her. Danka und Darinka. und ihre beiden zuteil erwachsenen Töditer. Beim Einbruch der bestiegen ein überfülltes Schiff und fuhren nach Belgrad Dämmerung trafen sie vor dem Haus der Hadzi-Vasic in der Smiljanicstraße ein. doch die Leute liefen an ihr vorbei. der ebenso überfüllt war wie der aus Bosnien. Der Empfang. ohne daß jemand Erst es ihnen verwehrte oder sie bestrafte. stießen sie beiseite und stolperten über ihre Koffer. Da die Brücke über die Save zerstört war. am nächsten Tag kamen sie kurz vor Mittag in Semlin an. Nirgends ein Echo. Das geräumige Haus glänzte vor Reinlichkeit und roch nach Ordnung und Überfluß. Es war ein grauer. in der unsichtbare Kräfte stahlen und raubten. die in der Familie und in der Stadt unter dem Namen Seka bekannt war. Die Hausfrau.Dampf zischte. kalter Tag. Frau Persa. daß sie beide zuerst verlegen und steif neben dem Gepäddiaufen stehenblieben. stand in einem solchen Gegensatz zu allem. fuhr der Zug nicht weiter. wohin sie wollte. Es Fleisch aus auch jenes Belgrad nur eine Täuschung in dieser Nacht. stand das Fräulein und schrie.

lernten Verwandten einander näher kennen. wo zwei Betten mit großen. Wasführte sie in ein nicht und Kaffee bewirtet. kam auch der Hausherr selbst. Sie entstammte der reichen Familie des Eisen- händlers Stamenkovic aus dem Save-Viertel. Ihr einziger Sohn. und als er vom Militärdienst befreit wurde. ser Sie wurden mit Konfitüre. Djordje Hadzi-Vasic hatte vor etwas mehr als vierzig Jahren als kleiner Junge Sarajevo verlassen und war niemals mehr dorthin zurückgekehrt. dem sich die ganze Familie versammelt hatte. wo er sein Jura- studium in Montpellier abschloß. Er war in Belgrad bei seinem Onkel. die nur gewe- dem Kaufmann Iraklidis verheiratet sen war. Sogar das Fräulein konnte sich diesem Gefühl vorübergehender Erleichterung und Sorglosigcheres keit nicht entziehen. Schon in den ersten tete drei Jahren boren. einem be- kannten Kaufmann und Gönner richtungen. Man großes. zuerst ein wurden ihnen drei Kinder geSohn. Seka blieb mit den 176 . Während in die des Abendessens im hellen Speisezimmer. war Soldat. aufgewachsen. Gazda Djordje nach Misa.warm und herzlich auf. dann zwei Töchter. schneeweißen Kissen und Steppdecken von gelber Seide standen. vieler Wohlfahrtsein- Von ihm erbte er auch das Geschäft in der Fürst-Mihailo-Straße. dem Hadzi Petar Hadzi-Vasic. reiLeben lebt. Er heiratete spät. Zur Frau nahm ein Jahr mit er sich Persa. eine junge Witwe. 191 5 flüchFrankreich. Während sie sich wuschen und m Ordnung brachten. stärkeres. Es gab Tränen und Küsse und jene ungewöhnlichen Augenblicke. doch warmes Hofzimmer. da der Mensch aus seiner Alltäglichkeit heraustritt und einige Stunden ein anderes. ging auch er nach Frankreich.

sanft- blickenden Augen der Hadzi-Vasic wie Rajkas Mutter. sehr auf Sau- berkeit bedachter. Er hatte dieselben hellen. ihrer Entschlossenheit des bewahrte sie das je dabei. und zwar auf so nette. das Gefühl hatte. wenn sah seinem Gegenüber nur gerade ins Gesicht und blinzelte dabei lich wie alle Hadzi-Vasic leicht und kaum merk- mit den Augen. blauen. Er ging ruhig. Abend nicht aneinund wenn ihre Blicke sich begegneten. sprach wenig und verriet er angestrengt nachdachte). bewegte langsam. geeignete Freier für ihre Töchter zu finden. daß jeder. er durch nichts. fröhliche Weise. die ins heiratsfähige Alter gekom- men waren. Zur Zeit war Gazda Djordlienbeziehungen. gutaussehender alter Herr nahe den Sechzigern. 177 .) Seine blauen Augen paßten recht gut zu dem ganz ergrauten. ander kühle. und Seka bemühte sich. mit es sei ein dem er sprach. jene (Die zwei konnten sich an diesem satt sehen. und mit Hilfe ihrer Fami- und ihres GelHaus und ließ den Kindern eine gute Erziehung angedeihen.beiden Mädchen in Belgrad. Er war in allem der Typ des alten gebildeten Belgrader Kaufmanns. der in seiner Haltung und in seinem Verkehr mit den Leuten Würde und Zurückhaltung wahrt. was er dachte (man sah es seinem Gesicht nicht einmal an. Gazda Djordje war jetzt ein gesunder. gepflegten Schnurrbart und Haar. dann fingen beider Augen an zu bUnzeln und zu tränen. seine Geschäfte wieder in Gang zu bringen. Zeichen besonderer Zuneigung und beson- deren Vertrauens. Misa hatte eine Stellung in der Nationalbank angetre- ten. doch vollendete Liebenswürdigkeit seines Berufs war ihm in Fleisch sich und Blut übergegangen.

die er an der rechten Hand. die Rundungen ließen auf künftige Üppigkeit und der noch etwas schüchterne Glanz der lächelnden Augen auf dieselbe Lebensfreude und Entschiedenheit Darinka war vom Schlage der Hadzi-Vasic. üppige Haar und das schwarze Schnurrbärtchen. Ihr Gesicht verriet Klarheit und Unternehmungsgeist. die sie hatte aufwenden müssen. diesen Eindrucl<. hinter dem sich weder Schwermut schließen. blauäugig wie der Vater.und restlos glückliche Ehe verband Gazda Djordje mit Frau Persa. ein goldenes Zigarettenetui. Von den beiden Töchtern ähnelte die ältere der Mutdie jüngere dem Vater. ein wenig Eine ruhige zu volle Frau von dunkler Gesichtsfarbe. gepflegt und sorgfältig gekleidet. gegen das bereits bealles stehende versündigte. Sie noch Rätsel verbargen. Ein goldener Siegelring glänzte von den vielen goldenen Gegenständen. Er würde daß er sich nie sicher nie ein neues System der Staatsfinanzen erfinden. aber es war ebenso sicher. Sie war eine kräftige. eine goldene Uhr mit goldenem Arm17S . und ihren Lebenswillen nicht ge- ter. lebhafter Rede und feurigen schwarzen Augen. bei sich trug. hatten ihre Kraft schmälert. Misa war ein schöner junger Mann von fünfundzwanzig Jahren. Die Mühen. Alles an ihm war ordentlich. um die Kinder und das Haus ehrlich und weise durch die Zeit der österreichischen Besatzung zu bringen. doch für seine Jahre zu gemessen und ernst in Wort und Bewegung. ein goldener Stift an goldener Kette. Danka war ganz die Mutter: Flaum an der Oberlippe kündete ein Schnurrbart- der eben an. verstärkten noch das starke. war schlank und hatte blaue Augen mit ruhig versonnenem Blick.

Auch dem Fräulein war in den ersten Tagen leicht und wohl zumute. im Geld und in allem übrigen beleidigten sie und stießen sie ab. Und da sie sah. und auch sie kannte keiner. wie sie es stets gewesen war. hatte sie . von den gewohnten Gedanken ablenkte und in ihren Plänen störte. hafter und mit jedem Tag wurde man sie aus einem dunkan die Sonne gebracht. unbekümmert und bedroht vor. freie sie leb- Persönlichkeit war.band am linken Handgelenk. Niemand fragte sie nach ihrem Leben in Sarajevo. daß sie es nicht ändern und ihnen den Wunsch. und froher. daß es sie aufregte. Gegenstände kurz und unaufdring- So war die Familie. so als hätte len. daß auch sie eine eigene. von der das Fräulein und ihre Mutter herzlich und verwandtschaftlich aufgenommen wurden. Und bei jeder Bewegung blitzte einer dieser lich auf. alles war für sie namenlos. lebhaften GesellJ79 ihre Auffassung nicht aufdrängen konnte. Die Freiheit und Freigebigkeit in allem. sie sonderte sich immer mehr von den anderen ab und zog sich ganz in sich zurück. heitere Leben in diesem Hause mit den erwachsenen Töchtern gefiel ihr gar nicht. im Lachen und Reden. Aber nach den Annehmlichkeiten der ersten Erholung wurde sie düster und in sich gekehrt. stickigen Keller Alles schien fern und vergessen. aber volle. Belgrad war groß. Das einförmige. fern von diesen jungen. sobald als möglich in einem eigenen Hause zu wohnen. In jener war- men Atmosphäre zutragen. Das ganze Leben jener Leute kam ihr so planlos. fröhlichen Verwandten und dieser ganzen lauten. den Kopf hoch- und fühlte. Frau Radojka war überglücklich. des Familienlebens wagte sie es zum erstenmal nach so vielen Jahren wieder.

auf die Nerven. und bemühte sich inzwischen unentwegt. Der Dienstag. So konnte das ganze Haus bewohnt werden. war als Salon eingerichtet. Die Möbel waren stilgerecht. ein Haus in einer ruhigen. Haus gehörte zu den besseren Vorkriegshäusern dieser Gegend. Sie wartete ungeduldig auf das Eintreffen ihrer Möbel. nach dem Krieg war es bereits einmal ausgebessert und getüncht worden. erhielt dann noch eine Reihe ähnlicher Angebote. Das große Vorzimmer. und so wurden jetzt lange und mühevolle Gespräche darüber generes führt. das heißt. Dem Fräulein gingen besonders die Besuche. Gazda Djordje machte mittels seiner Verbindungen ein klei- Haus in der Stigstraße für sie ausfindig. entlegeneren Straße zu kaufen. und die Zimmer rochen weder nach der Küche noch nach den Wintervorräten aus der Speisekammer. ein sauberer Hof und ein großer Garten voll erlesener Obstbäume und niedriger. die Veso bereits abgesandt hatte. zumal die Hausfrau jeder Besu- cherin auch »Djordjes Schwester aus Bosnien« und de- ren Tochter vorzustellen wünschte. es hatte nur ein Geschoß und war einfach aber geräumig. war dem Fräulein der verhaßteste Tag in der Woche. sie waren das Werk irgendeines i8o . die bei der bekannten Gastfreundschaft Sekas sehr häufig waren. dichtlaubiger Föhren schloß sich an das Haus an. so hoch gestiegen wo die Preise noch nicht waren wie im Stadtinnern. Es unterschied sich von der Mehrzahl Hadzi-Vasic' der benachbarten Häuser auch dadurch. daß für die Küche hinten im Hof ein besonderer Anbau vorhanden war. Sekas Joui fixe. aus dem man in die anderen Zimmer gelangte.Schaft.

Meisters von jenseits der Save und Donau und kamen Stil Louis XV. Der einem alten. während die Tische und die Konsole auf den allzu dünnen Beinen mit dem Vasen. die sich schwer an die Sorge auf einen anderen überging. den meisten Fällen dem Zufall diesem unsicheren Gesellen. ihr Haus für alle möglichen Gäste geöffnet hatte. In diesem Raum pflegte Frau Persa Hadzi-Vasic jeden sie wie viele andere vermögende und angesehene Familien. lienbildchen überhäuft waren. seitdem noch das größte. i8i . bevor ihre Töchter heirateten und so die unterhielten. bei wo man Grammophonmusik tanzte. Die neue Gesell- und in schaft. Die Häuser vieler Belgrader Familien öft'neten sich zu jener Zeit dem Guten wie dem Bösen. kühlen See. wertlosen kleinen Porzellanfiguren und Fami- Fußboden war mit An den Wänden hingen vergrößerte Photographien von Ahnen im Fes und Großmüttern im samtenen Leibchen mit bauschigen Ärmeln und mit dem Tepeluk auf dem Kopf neben der Reproduktion einer Böcklinschen Landschaft mit Zypressen von phantastischer Größe und einem dunklen. guten Piroter Teppich bedeckt. Frau Sekas Altersgenossinnen. Dann wurde für die jungen Leute Dienstag zu empfangen. benachbarte Zimmer geöffnet. während sich im Salon laut die älteren Frauen. was diese Jugend sich noch alles ausdenken würde. Negermusik der neuen Nachkriegstänze gewöhnen konnten und sich im stillen fragten. in denen erwachsene Töchter waren. Die Sessel waren mit dunkelrotem Plüsch überzogen. jedem Wind und zufälligen Gast selbst. möglichst nahe. die aus Belgradern und einer immer größeren Zahl von Zuwanderern bestand und sidi auf der engen.

aber sonst nur schwach miteinander verbunden und nur wenig in ihrem Wesen verwandt waren. Diese Menschen. befand sie sich von Glück im Zustand gefähr- licher Euphorie nach den großen Leiden und Mühen. in allen Armeen der Welt auf vier Kontinenten hatten erleiden müssen. für die Nachteile und Strapazen zu entschädigen. sie konnte sie nicht assimilieren.emporsteigenden Landzunge zwischen Save und Donau und den steilen Abhängen drängte. Zusammenbruch und einen der größGanz gewiß von Menschen geInteressen zusammengehalten hatte in der langen Geschichte Belgrads niemals auf so engem Raum eine so große Zahl lebt. die sie unter den verschiedensten Umständen. wollte sich aber auch nicht ihr gleichsetzen. hatte noch keines der wichtigsten Attribute einer echten Gesellschaft. keine gemeinsamen Traditionen. keine gleichen An- schauungen vom Leben. Angehörige verschiedener Konfessionen. um gemeinsam mit der sogenannten besseren Belgrader Gesellschaft die ungewöhnlich günstige Konjunktur auszunützen: einen großen politischen und gesellschaftlichen ten militärischen Siege in der Geschichte. Die einfädle und zahlenmäßig geringe alte Belgrader Schicht vermischte sich mit dieser Flut der neuen Welt. und alle waren bemüht. 182 . Auf die schwere Probe und Erfolg gestellt. geboren und erzogen in verschiedenen Gegenden des Balkans und Mitteleuropas. keine verwandten Neigungen und keine gefestigten Umgangsformen. die sich hier versammelte. waren durch den vierjährigen Weltkrieg in alle Winde zerstreut worden. die zwar durch ihre wurden. Es war der heftige Ansturm einer bunten Menge. Rassen und Berufe. doch jetzt hatte die Woge des großen sich Sieges sie hierhergetragen.

aber man unterhielt sich auch über Politik. die wie ein er- habenes Drama mit glüddichem Schluß aussah. nie- mandes Verdienste konnten richtig abgeschätzt und niemandes Betrug mühelos durchschaut. Zimmer. niemandes Ansprüche rundweg abgewiesen und niemandes Recht verläßlich nachgeprüft und für alle Zeit gesichert wer- den. denn so und einen günund Selbstbetrug gegeben! wich diesen Empfängen aus. Aber Empfänge gab es nicht nur am Dienstag. die später ganz Bel- grad erfaßte.die ihre Kräfte überstiegen hatten. und 1S3 . Niemals hatte es bessere Zeiten stigeren Boden für Betrug Das Fräulein mer sie konnte. über die jüngste Vergangenheit. Gewohnheiten und Ideen nicht zurechtfinden. Das unwiderstehliche Bedürfnis nach mögnach halberleuchteten Räu- lichst lauter Gesellschaft. diesem Ansturm der und konnte sich in Menschen. Es nur na- daß unter solchen Verhältnissen keines Men- schen Bestrebungen klar und durchsichtig waren. weniger wiederzuerkennen. An größeren Feiertagen oder bei jedem anderen geeigneten Anlaß kamen die Menschen auch nach dem Abendessen zur Familie Hadzi-Vasic. machte sich schon in den reicheren Häusern breit. Diese Vergnügungssucht. Kunst. Man tanzte zum Grammophon. sondern begann sogar sich selbst zu verlieren ist und immer türlich. konnte auch nicht das Gute und Nützhche vom Schädhchen und Überflüssigen scheiden. wann im- Am Dienstagnachmittag hatte sie stets ihr erschienen diese tanzfreudigen jun- etwas in der Stadt zu besorgen oder blieb in ihrem gen Leute verrückt und die alten Damen im Salon ebenohne Verstand. men voll aneinandergepreßter Körper und voller Ge- wühl begann überhandzunehmen. scherzte und sang.

nische Dichter. die zum Abstempeln und Grundstücken erkundigte. Alles. die ein dankbares und unerschöpfliches Thema war. wenn Väter dieser tanihr setzte.über die Zukunft. Beide hatten schon einen guten Namen in der neuesten Literatur. der zenden oder diskutierenden Kinder. kom- men würden. oder nach den Prei- sen von Häusern der Jugend stieß sie alles ab: ihre Art. Zorn und Furcht zusammensetzte. sich ein Greuel. zu tanzen sich Von und sionen. Das Fräulein saß finster dabei. verletzte sie und und erfüllte sie mit einem besonders unangenehmen Gefühl. folgen. der Kronennoten getroffen wurden. Außerdem gehörten beide der Bewegung der revolutionär-nationalistischen Jugend Bosniens an und hatten die vier Jahre des Weltkrieges in österreichischen Internierungslagern zuge- bracht. wobei nach den Maßnahmen. zu vergnügen. das sich aus Verachtung. wenigstens ihren ernsteren Gesprächen zu Eines Abends verkündeten lich Danka und Darinka feier- daß nach dem Abendessen neben anderen jungen Leuten zum erstenmal auch z\vei bos- und aufgeregt. die zwar noch in keiner ge- druckten Literaturgeschichte berücksichtigt und auch sonst noch nicht offiziell anerkannt war. Sie und den anderen war zufrieden. sich irgendeiner der älteren Leute. Aber sie versuchte. zu Mit ihm unterhielt sie sich leise sie sich und zurüddialtend. Stikovic und Petar Budimirovic. wie auch ihre Gespräche und Diskuswas sie von diesen jungen Leuten hörte sah. die jedoch die Herzen der jungen Männer und der Frauen verschiedensten Alters gefangennahm. Als junge Dichter und nationale Kämpfer und Hauptstadt die unge- Dulder genossen 184 sie jetzt in der .

denn wenn auch Ideologien und Meinungen sie trennten. also alle Freunde Misas. Sie unterschieden sich in ihrem Temperament. Das waren vorzeitig und ruhige junge Leute. sie ernsthaft Das Leben zu sieben und allen Ideo- zu scheiden. daß sich vor ihnen ein Leben voll unbegrenzter Möglichkeiten eröffnete. keinen Sinn für deren Zusammenstöße und Reibungen besaßen und reits sich be- zur praktischen Arbeit in der Wirtschaft und im Bankgewerbe entschlossen hatten. Die meisten von ihnen hatten am Krieg teilgenommen und unlängst ihr Studium in Frankreich abgeschlossen. so hielten die Diskussionen sie um so fester zusammen. gute sein. ihren Neigungen und Auffassungen stark voneinander und brachten oft Stunden und ganze teilte keit. doch alle waren von dem Gefühl durchdrungen. Es waren junge. Das hinderte sie nicht. hatte noch nicht begonnen. ehrgeizige Leute. in ten Freunde zu dem und dieser lebhafte Wettstreit ein echtes Bedürfnis sie liebten ist.Sympathie der Gesellschaft und der ÖffentlichAußer diesen zwei neuen kamen auch die üblichen Gäste. Es gab unter ihnen schon einige. die ihren Beund Weg schon gefunden hatten und nur nodi zwischen der Nationalbank und einigen neuen wirtschaftlichen Unternehmen schwankten. Ebenso warteten sie nur auf gereifte. ihn wie die Kinder ihr Spiel. Alle waren in dem Alter. frohe. Einige hatten schon Stellen im Staatsdienst inne. wie und wozu man diese Möglichkeiten ausnützen sollte. ernste ruf iSs . die erst gegründet werden sollten. nur waren sie sich nicht einig. Zigaret- und Rotwein zu. die von logien gleich weit entfernt waren. Nächte mit lebhaften Diskussionen bei Kaffee.

regelmäßigen Gesicht eines Römers. Die dritte und kleinste Gruppe. die der Konservativen. ein polemischer Geist. der chen im Knopfloch erschien. um sich eine Frau aus der einflußreichsten suchen. hatte seine und jeder von ihnen Gesinnungsgenossen und Anhänger unter den Freunden. die sich hier versammelten. Stattlich. ein energischer. Aber um und Heftigkeit. immer mit einem AbzeiAn einem Tag war es das Abzeichen des Roten Kreuzes. mit gro- i86 . Rankoerste und Milenkovic. der marxistische Literatur bis in alle Einzelheiten kannte. kräftig. Kultureine. zäher Mensch. vertrat Mile Adamovic. denn er war ebenso Mitglied eines Unterausschusses des Roten Kreuzes wie Mitglied und Re- präsentant zahlreicher Gesangs-. am nächsten das eines Gesangvereins. Der war Lehrer für serbische Literatur. ein geschickter andere war die Redner und ausgezeichneter Tänzer und Sänger. genannt Adamson. republikanisch gesinnten demokratischen Jugendgruppe. zum Aus- Da waren vic zwei junge Gymnasialprofessoren. Führer einer linksgerichteten. für seine Jahre zu Mensch mit spöttischem Gesichtsausdruck und kurzer. auch die feinsten Unterschiede der einzelnen Doktrinen zu erforschen. der es sich zur Aufgabe machte. der Sozialist. ein Rechtsanwaltskandidat.die Heimkehr der übrigen Belgrader Familien aus der Emigration. Er reifer und Sportver- war ein schon recht dicker. Die beiden nahmen gewisser- maßen eine Führerstellung ein. scharfer Redeweise. mit der die übrigen jungen Leute ihre Meinungen bildeten und druck brachten. mit dem ruhigen. und vermögendsten FamiUe zu war die Freiheit Zu ihnen so größer gehörte auch der Gastgeber Misa.

etwas tierhaft Rücksichtsloses und väterlich Gütiges mitschwang. In seiner Rede wimmelte es von türkischen und altertümlichen Wörtern und kühnen. selbst Adamson. gemessenen Bewegungen. volkstümlichen Ausdrücken.) Adamson war ein Mensch. der jeden verwirren konnte. die wie eine unwiderstehliche Kraft aus diesem starken Körper hervorbrach. und die Männer fürchteten ihn größtenteils.ßen Augen und festem Blid^. Bekannt war sein Ausspruch: »Gut gebrüllt. eine Ironie. aber wer soll das bezahlen?« Außer dieser festen. Alle ungestümen Reden seiner extremistischen Freunde beantwortete er mit einem kühlen Scherz. in der etwas Nihilistisches und Patriarchalisches. Die Frauen liebten ihn. bekannten Gesellschaft kamen Leute aus den neuen Gebieten — Kroaten. Er duzte jeden und vertrug auch nicht den kleinsten auf ihn gemünzten Witz. unfruchtbaren Menschen nicht selten. Aber an diesem Abend stellten die beiden bosnischen Dichter alle. tiefer Stimme und sicheren. daß noch niemals einer seine Zähne gesehen hatte. ohne verwirren zu lassen. Stikovic erzählte von seiner Kerkerhaft in Arad. Jeden Dienstag brachte jemand irgendeinen neuen Gast mit. Slowenen und lebhafte. in den Schatten. gewandte Dalmatiner — ins Haus. Seine Waffe war die Ironie. ohne das geringste Lächeln. (Bei uns wie auf dem ganzen Balkan ist diese Art des ruhig und kräftig aussehenden. so sich selbst je zum Lachen brachte. Löwe. der andere selbst aber nicht lachte. in Wirkhchkeit aber bedeutungslosen. Er scliilderte die 1S7 . einen schüchternen oder zudringlichen Menschen von unbekannten Fähigkeiten oder unbewiesenem Ruf. den er nicht einmal selbst genau kannte.

sondern nur noch unterstrichen wurde. Mit den müden Augen. rasierten Lippen hatte sein scharfes Profil etwas von der Strenge eine Inquisitors. Vergebens baten ihn die Gastgeberinnen. das aus irgendwelchen Höhen. er möge eines seiner Gedichte vorlesen. Das war eine beliebte Form der er. jenseits aller Gedichte und Rezitationen. Die Mädchen schauten auf seine mageren und regelmäßigen Hände. Er lehnte das höflich ab. da alles voll küh- ner Ideen und geschwollener Gefühle war. jedoch nie- mand Zeit. war kleiner und bescheidener als Stikovic. Schon auf die erste Auf- forderung hin zog er ein zusammengefaltetes Papier aus der Tasche. Es war quälend und doch angenehm. bleibenderen Ausdruck zu finden. dichterischen Aussage zu jener Zeit. eines seiner Gein Prosa vortrug. die sich merkt aufdrängte und alles dem Zuhörer unberingsum zum Schweigen . Er heiserer Stimme. nicht lange bitten. Dagegen ließ sich der zweite Dichter. um dafür einen las wahreren. Wissen und Geduld hatte. von Leiden zu hören. ohne selbst davon irgendwie berührt zu werden. die für immer vorbei waren. während dichte ohne jemand zu beachten. aber einer verborgenen Schärfe. Er Gläsern auf den die durch sein schmerzliches Lächeln nicht gemildert. daß er das alles durchwandert habe wie Dante die Hölle. das jeden Tag lebhafter und reicher wurde.groben und traurigen Szenen sehr kunstvoll. kam. zugleich aber wie ein weit entfernter oder darüberstehender Beobachter. Budimirovic. so daß er bei seinen Zuhörern den Eindruck zurückließ. sprach leise mit mit und einfach. mit der gekrümmten Nase und den dünnen. so mitten im freien Leben. mit einem stolzen und herablassenden Lächeln.

und mein Blick fiel auf das Haus des Reichen und mein Gedanke auf ein hartes Herz. daß es sich um einen schrecklichen. Sie sah Armseliges und Unanständiges darin. sich zu sammeln und aufmerksamer zuzuhören. Aber die allgemeine Aufmerksamkeit und Stille und die so leise. wie hatte auch die Diskussionen der jungen Leute und die Grammophonmusik mit angehört finster und gezwungen.brachte. blieben an der weitgeöffneten Tür stehen und horchten auf diese schwache. »Wie weit ich durch die Welt gewandert und wohin immer ich gekommen bin. andächtige Stimme. sie verstand weder etwas Worte noch den verbindenden Sinn. im Zwiegespräch mit sich selbst ersonnen hatte. Das eben erschien ihr unverständlich und ein wenig beschämend. und ganze begriff. Jetzt erst begriff sie. aber aus denen. erbarmungslosen Reichtums wurde meine 189 . daß sich ein Mensch in die Mitte des Zimmers setzte und mit feierlicher Stimme das vorzulesen begann. Sie konnte nicht jedes einzelne Wort verstehen. weil sie undeutlich oder unfaßbar waren. drohende Stimme des Dichters nötigten sie. was er in der Einsamkeit. Beim Anblick eures hoffärtigen. Auch einige der Älteren im Salon erhoben sich von ihren Plätzen. Zu Beginn die — zerstreut. worum es sich handelte. die sie gut hörte und ging klar hervor. Sätze gingen ihr verloren. so scharfe. unmittelbar neben der Tür in einer und lauschte dem Vortrag des jungen Dichters. mein Stab stieß auf steinigen Weg. blutigen Angriff auf den Reichtum und die Reichen. Das Fräulein saß. auf ihr Geld und ihre Lebensweise handelte. versteckt und von den anderen kaum Ecke sie bemerkt.

vielleicht alles gesunden Sinn gab oder ten wendete. was und schön ist. aber sie alle Gesich- ter der drückten nur ge- spannte. was finster und mühselig ist. später aber von denn ich fühlte. der klüger und geistSeele zuerst von Bitterkeit Wut und Haß erfüllt. fromme Aufmerksamkeit aus. welche Schande es ist. für die Kinder eurer Kinder und für eure Diener. schließlich mußte irgendeine geistreiche Wendung kommen. ihr mit einem lichten. wir mit einem düstealle werden wir 190 . die Worte waren offen und der Sinn klar. Es konnte kein Zweifel bestehen. wie das Gesicht der Erde ein Grund des Spottes für das Weltall ist. habt ihr euch genommen. hörte aufmerksam zu und fragte sich immer wieder. zum Scherzhafin Doch der Dichter Hoffnung sie las weiter. wahren. alles. die allem einen anderen. und jetzt mit genau vorherbestimmtem Schicksal geboren. den einen Dichter nannten. das Trennende beiseite zu las- sen. >Das sie nicht möglich<. habt ihr uns gelassen. was zu dieser berechtigte. Im Gegenteil.« Das Fräulein schaute auf ihre im Schoß gefalteten Hände. so etwas als sein Geist dicht vortragen konnte. ob ihre Ohren sie nicht täuschten und ob es denn möglich war. und weder seinem Ton noch in seinen Worten war etwas zu spüren. Trotzdem war es unmöglich. Armen dieser Welt auf. reicher sein müßte als die anderen. und ich sah. dachte und betrachtete verstohlen und ängstlich die übrigen Zuhörer. Dann wandte er sich an die Reichen: »Schön habt ihr die Welt aufgeteilt: alles ist für euch und eure licht Kinder.und Angst. rief alle der junge Mann. Mensch zu sein. Gut habt ihr die Welt aufgeteilt: alles. sich gegen die Reichen zu vereinigen und deren Reichtum an sich zu reißen. daß ein Mann.

wie sie meinte. Politik oder Arbeit zu werden. gotteslästerliche. sie sah ein. Unser Zorn reift heran. gegen diese offene Aufforderung zum Raub. dachte das Fräulein bei sich. sind schon reich oder auf dem Wege. Alles in ihr empörte sich gegen diese. aufzustehen und das Zimmer zu verlassen. die hier feierlich. Sie fühlte ein unwiderstehHches Bedürfnis. es durch Heirat. ob Mann. wenn das noch andauerte. eure Kinder werden sich ihres Namen schämen und dem Reichtum entsagen. klatschte. aber das Fräulein ver- mehr richtig. die im Zimmer war. diese Frechheit. was man wollte. und es wird einen reifen Sommer und ein herbes Obst geben. nicht ewig. Ihre Finger krampften sich ineinander. Begeisterter Beifall unter- brach ihre Gedanken. >Sie alle<. Adamson dem älteren Herrn den Dicliter. denn plötzlich hatte sie einen Blutandrang im Kopf. Die ganze Jugend. Verbittert erhob sie sich. ob Frau.Gut habt ihr die Welt aufgeteilt! Aber eure Teilung ist nur schrecklich. >ohne Aus- nahme. doch sie wagte es bei der vollkommenen Stille und Regungslosigkeit ringsum nicht. Der Dichter fuhr stand ihn nicht fort zu lesen. sie her- stand der dicke Adamson mit einem noch zeigte grauhaarigen Herrn.« ren. mit ruhigem Gesichtsausdruck und leicht zur Seite geneigtem Kopf vorgelesen wurde. Der lebhafte Applaus hatte beigelockt. und trotzdem begrüßen < sie alle begeistert diese Dichtung. der jetzt langsam und verlegen sein Papier zu191 . denn er wird für sie Last und Verderben bedeuten. daß sie es nicht aushalten würde. Der Dichter hatte geendet. mochte man von ihr denken. und daß sie aufstehen und weggehen müßte. Am Türpfosten beleibteren. in die Form eines Gebetes gekleidete Lüge.

sagte sie zu sich.) Was bedeutete diese 192 . ob sie stiller und ruhiger war. Übrigens wußte man bei ihr nicht. Und immerwiederkehrten ihreGedanken zu dem Vortrag des Dichters zurück. Schlief sie? Das war die große Frage. Sie legte sich ins Bett und löschte das Licht. >Was wollen denn die jungen Leute jetzt?< (Plötzlich tauchten vor ihren Augen j die Vorkriegsstu- denten von auf 1 914 am Flußufer in Sara evo auf. denn sie stellte sich oft nur schlafend. der da mit dem Zwicker. weiterlesen. nachdem sie den quälenden Eindruck vertrieben hatte. was sie gehört und gesehen hatte. als wollte er »Schau. ein wenig enttäuscht. Nirgends Ruhe und Einsamkeit. Ihre Mutter schlief im zweiten Bett.sammenlegte und noch immer so dastand.« Das Fräulein drängte sich entschlossen an ihnen vorbei und ging in ihr Zimmer. »Der. mit langen Haaren saßen dem sterten steinernen Geländer an der Miljacka und flüvon gefährlichen Dingen.« »Der?« fragte der Herr. Aber auch das war nicht leicht. wie Sie ihn da sehen. der! Dieses Kerlchen. der von allem geblieben war. In schwarsie tatenlos zen Pelerinen. als könnte sie dann nicht unbeschwert denken. Es schien ihr. Sie kam sich vor wie in einer Falle. Hier gedachte sie sich zu sammeln und zu beruhigen. sich niederzulegen und einzuschlafen. Der ist Bolschewik durch und durch. wenn sie schlief oder wenn sie wachte. aber in der Finsternis wurde sie noch zorniger und konnte noch weniger schlafen. dort in der Mitte. Das Fräulein ärgerte die ungewohnte Anwesenheit einer zweiten Person in ihrem Schlafzimmer. um die Tochter nicht durch ihre Anwesenheit zu stören. >Von Tag zu Tag geht es toller zu in diesem Haus<.

Aber das. ohne Un- terschied der Gesinnung. der dienannten. NationaHsten oder Kommunisten warum rührten sie an etwas. und Sparsamal- gegen Ordnung und Verstand.sinnlose Verwirrung. den man für das Haus in der Stig- straße forderte. und sem Bestreben machte. handelte es jungen Mädchen zu prahlen? Oder wie es ihr heute abend vorkam. entgegentrat. verwirrte schon das Bedürfnis. In diesem sie sich endgültig. die sie schon Monate hindurch um sich bemerkte? Wer waren diese Leute. wozu sie sich in der nächtlichen Erbitterung Schlaflosigkeit so leicht entsdilossen hatte. auch wenn sie den zahlen mußte. liebten. Sie hatte für mehrere Häuser In- 193 . Schauder der Erbitterung entschloß wie möglich auszuziehen. als die war bei Tage schwer auszuführen. Journahsten. kurzum. damit diese Unsicherheit und Gefahr aus der Welt verschwand! War das alles nur ein Scherz und ein Versuch müßiger junger Burschen. solche Fragen zu und erboste sie alle durch und ließ sie im Bett auffahren. Doch Mauern und Türen drang zu ihr wie ein ferstatt jeder nes Gelächter des Grammophons. ihren Kopf noch so bald Preis im Kissen zu verbergen. gegen die was Menschen schätzten. vor dummen sich. sen hatte bittlidi Erbitterung nachgelas- und die Frage der Bezahlung starr und uner- vor ihr stand. um eine wirkliche Verschwörung gegen Geld keit. tanzten. die sich Dichter. zu tiefer der jetzt wieder Antwort die wilde Negermusik alle. les. taten und be- saßen? Wer konnte ihr darauf Antwort geben? Aber stellen. der jene es sein Menschen nieder- wenn mußte. woran man nicht rühren durfte? Und daß sich niemand fand. um das sie schon drei Wochen feilschte und und stritt. und zwang sie.

Schließlich einigte man sich auf das Haus in der Stigstraße. fühlten. die ihr am meisten zusagte. aber jedesmal war sie auf einen ge- schickten. glücklich. verließen die kaufe und verkaufe. die es verstanden. sagte bei der Unterzeichnung des Kaufvertrages. obwohl er schon über zwanzig Jahre Häuser und Grundstücke Als die Möbel aus Sarajevo ankamen. Aber auch die Verkäufer und selbst Gazda Djordje. und fremde Interessen nur soweit achteten. Es gelang dem Fräulein. das Fräulein hingegen mit Vergnügen. über das sie zuerst verhandelt hatte. daß er einen solchen Roßtäuscher und Re- chenkünstler sein Lebtag nicht gesehen habe. rücksichtslosen Verkäufer gestoßen. den Preis auf die niedrigste Grenze. abseits gelegen. Dieses Haus in der Stigstraße. daß diese Belgrader Geschäftsleute aus einem anderen Holz geschnitzt waren als die weichen. herunterzusetzen und eine Art der Bezahlung zu erreichen. Frau Radojka schied mit Bedauern. dessen wahre Absichten man schwer durchschauen konnte. die möglich war.teresse gezeigt. Und sie empfand Furcht und Respekt vor diesen geschickten und hartnäckigen Leuten. Vorsicht und Gerissenheit in dem ältlichen Fräu- lein steckte. mit den alten Mö- 194 . ein reich geworde- ner Mazedonier. wieviel Kraft. der seine Nichte mit ihnen in Verbindung brachte. ihre Interessen zu verteidigen.) beiden Frauen das gastliche Haus in der Smiljanicstraße. als der andere sie selbst zu wahren verstand. Sofort hatte sie gefühlt. (Der Eigentümer des Hauses. nachlässigen Sarajevoer. jenes maßlose Leben hinter sich zu haben und dem ganzen jungen Volk entronnen zu lich sein. ziem- verwahrlost und etwas feucht.

gewaltige Kräfte gingen Hand in Hand mit unverständlichen Schwächen und Mängeln. sich was vom Leben abzusparen. Das Leben in Belgrad war um das Jahr 1920 bunt. Unzählige. Das ganze Leben kam ins alte Gleis. war für das Fräulein der rechte Aufenthaltsort. Sittsamkeit und moralische Schönheit neben den verschiedensten Lastern und Scheußlichkeiten. an dem sie all- mählich sich selbst und ihre Lebens- und Denkweise et- wiederfand. stürmisch. rüd<sichtslose Wettlauf der Profitjäger und Spekulanten aller Art entwickelte sich zugleich mit dem Spiel von Geist und Phantasie weichlicher Träumer und kühner Ideologen. Das Fräulein nahm wiederum alles in ihre Hände und führte es auf ihre Weise. noch nicht ausgeformter Gewohnheiten alte Arbeitsweise und mannigfaltiger Unregelmäßigkeiten. ungemein verworren und voller Gegensätze. Hier hatte sie wieder das Gefühl. Behutsam und vorsichtig begann sie sich in Geschäfte einzulassen. Im Hause wurde wieder sparsam und dürftig gewirtschaftet wie einst in Sarajevo. Nun hatte jede der Frauen ihr Zimmer. Unbekümmertheit neben Heftigkeit. und auch das mit Maßen. Der immer schnellere. Der dritte Raum war ein feuchtes. heizte nur ein Zimmer. Durch die aufgewühlten Straßen und zertrümmerten. verschiedenartige. Man kochte einmal für den ganzen Tag. das zu nichts nutze war.beln aus Sarajevo und der früheren Ordnung. die flecht patriarchalischen Lebens stand und strenge Zucht des neben dem bunten Geneuer. Das Haus hatte im ganzen zwei bewohnbare Zimmer. Eine Aufwartefrau kam täglich für zwei Stunden und verrichtete die gröbsten Arbeiten. verwahrlosten Häuser mit den siclitbaren Spuren des 195 . halbdunkles Kämmerchen.

bessere Zukunft. die der Wunsch hergeführt hatte. die alles von den neuen Verhältnissen und dem morgigen Tag erwarteten. für es gab moralisch Zerbrochene und es immer Beschämte. die unaufhörlich wuchs. Hier fand man solche. die er gründlich geschüttelt und gewandelt und die jetzt Halt Gleichgewicht suchten. Hier waren viele junge Leute aus allen Gebieten des entstehenden Staates zu finden. Es gab hungrige und und schlecht ge- kleidete Menschen. gab Satte und Ungeduldige mit grenzenlosem Appetit und barbarischer Frechheit. die sich anzupassen trachteten. denn täglich stürzten sich Hunderte von Zuwanderern kopfüber in sie hinein wie Perlenfischer ins tiefe Meer. die Oberfläche emporgetragen und zum hatte Vorschein gebracht. der Krieg an die mühsam verbargen. aber auch kühle Rechner und Egoisten. solche. die nicht an sich selbst dachten. es gab Fanatiker und Hitzköpfe. die ihr Vermögen und ihre Stellung durch die neuen Verhältnisse bedroht sahen und verteidigen wollten. gerade in dieser Flut Rettung suchten und die Angst und den Abscheu. Es gab viele. es gab Patrioten mit der alten Liebe zu ihrer Heimat. neben sol- chen. aller Stände und Berufe. Hierher kam. die keine abgeschlossene Ausbildung besaßen. hellsichtige Neuerer. mit demselben naiven Glauben und der unbe- stimmten Hoffnung auf eine nahe. die schon zu dieser Zeit weiter blickten und mehr sahen als ihre Mitmen196 . wer sich hervortun und wer sich verbergen wollte. es gab Menschen aller Bekenntnisse und Überzeugungen. und hier gab es genug ältere Menschen. es gab mutige.Krieges wälzte sich die bunte Menschenflut. und auch solche. das eine wie das andere zu erwerben. ver- schiedener Rassen und Nationalitäten. die sie ihnen einflößte.

so strebte die Flut in den Schatten der neuen Macht und der neuen Gesetze. die es umgab. schließlich gab es internationale Agenten. bunte Tiefenflora.sehen. die günstigere Lebensbedin- gungen suchen. herrschte eine ungesunde. dringenden Bedürfnissen hierhergetrieben worden waren. Aber ebenso konnte wachen. derentwegen man gekämpft und gesiegt hat. die. was finden war. ohne daß jemand eingehend geprüft hätte. daß Leute von mächtigen Trieben und großen. In unserer Zeit lösen auch die größten Kriege und vollkommensten Siege nur selten und nur unvollständig die Fragen. In diesem Gewimmel und in der Luft. Eine Lösung eben dieser Fragen suchten Menschen damals. mächtige Atmosphäre unbegrenzter Möglichkeiten auf allen Gebieten. aber alle diese alles in dieser Menschenflut zu man kann mit Gewißheit sagen. Kurzum. wer und was man mit und unanfechtbarer Bescheinigungen wocl:ienlang vergeblich von einer einer Aktentasche voll bester Zeugnisse 197 . es gab von den Kriegen erzeugt. Wie Seefischschwärme. die ihre ganz eine üppige. schwieri- ger Fragen auf. bestimmten Ziele verfolgten. trügerische. sie ihren Wünschen und Interessen oder sich selbst ihnen anzupassen. Es ist unmöglich. doch erregende. jetzt und den großen Erschütterungen im Frie- den an die Oberfläche geworfen wurde. auch nur annä- hernd aufzuzählen. entschlossen. vielmehr werfen die sie in der Regel eine große Zahl neuer. So konnte man auf der Straßenbahn- hnie Slavija—Kalemegdan zu Mittag oder gegen Abend unerwartet einem Jugendfreund begegnen und dank diesem zufälligen Zusammentreffen schon am nächsten Tag als wohlbestallter oder gar als reicher Mann erman war.

ohne militärische Rangabzeichen. tosenden Leben. Und und Tritt bemerkte sie. die damals gelebt haben. das rücksichtslos neben den Ruinen und den vom Unglück tete sich vor diesen betroffenen auf Schritt Menschen brodelte und dahinjagte. Durch dieses Belgrad mit der ungeheuren Menschenflut ging auch Fräulein Rajka Radakovic aus Sarajevo. einen noch größeren zu bekommen. mißtrauische Blicke um sich. Spuren des Krieges. ohne zu seinem Recht zu kommen. Sie wovor sie sich fortwährend fürchtete. geistige Unordnung in dieser ersten Phase. das in einem verlassenen Hause gähnte. bald vor einem abendlichen Passanten. in der sich noch niemand darüber aufregte. Das Leben dieses neuen Belgrads hat noch niemand geschildert. schaute vor sich hin und warf nur selten kurze. eine innere Organisation und einen endgültigen Namen anheimelnde verfügte.Behörde zur anderen laufen. einem der vielen entlassenen Soldaten im Mantel aus grobem braunem Tuch. aber ebenso fürchtete sie sich vor dem neuen. können es auch heute in ihrer Erinnerung wachrufen und fühlen es dann mit allen Sinnen wie ein außergewöhnliches und materielle Klima oder eine bestimmte Jahreszeit. doch jene. denn jeder bekam in ihr seinen Gewinnanteil und hatte die Hoffnung. Überall herrschte eine reiche. es zu schildern. Sie fürchhätte nicht mit Bestimmtheit sagen können. der noch nicht einmal über feste Grenzen. und es ist auch nicht leicht. Bald erschrak sie vor einem Granatloch. Sie trat leise und vorsichtig auf. Etwas von der Üppigkeit und dem Chaos des Goldlandes Eldorado war in dem Leben und dem Aus- sehen dieser Hauptstadt eines großen Staates zu entdecken. um wieviel reicher 198 .

Sie lehnte sich auf den Ladentisch und fragte: »Was zahlen Sie für serbische Tabakaktien?« »Wieviel haben Sie?« »Ziemlich viel. Das Fräulein bemerkte das gar nicht. in Wirklichkeit aber und unbarmherzig wie das Würfel- spiel. und suchte verschiedene Banken und besonders die Wechselstuben auf. unhöflich und mürrisch. die im Grunde sehr eilig hergerichtete. einen Hut auf dem Kopf. und einem neuen La- ten Ofen ein spanischer Jude neben der Kasse und einem kleinen. aber auch schroffer und gefährHcher hier das Leben war als in Sarajevo. stand hinter dentisch. blau vor Kälte. Außerdem war vor jeder Wechselstube eine schwarze Tafel aufgestellt. durch Schnee und Schmutz. Schon von weitem lockten sie und beredte das Fräulein durch ihre große. erregende Aufschrift an.« Der Jude wollte den Preis nicht nennen. In diesen »Geschäftsräumen«. auf der mit Kreide alle Devisenkurse des Tages notiert waren. durch das einzige Wort: Geldwechsler. es sah leicht und fröhlich war es trügerisch wie ein Kinderspiel aus. bei Regen und Sturm. der nur einer einzigen Leidenschaft er- geben ist. so spröde und rücksichtslos in seiner Rede wie sie. Sie fühlte das mit dem unfehlbaren Instinkt eines Menschen. jedem Vormittag ging das Fräulein die Njegosstraße hinab. erkaltenamens Anaf oder Medina im Wintermantel.und verworrener. Je nachdem. Im übrigen war keiner von diesen Geldwechslern so finster. schmale halbleere Läden waren. aber das 199 . wieviel Sic zahlen. von denen jeden Tag mehr zwiFast an schen aus dem Hotel »London« und dem Cafe »Kolarac« dem Boden schössen.

aber sie erwarb in ihm auch neue Erfahrungen und Kenntnisse.Fräulein bot sofort andere Papiere an. wie hoch der Verlust oder der Gewinn gewesen wäre. Eingehend und genau erkundigte den günstigsten Kurs eines ihrer Papiere dann zwei bis drei Wochen lang. das für sie viel brachte ihr große Aufregungen. sich gleichgültig oder sie mit ihr wie mit einem Menschen von ihrer Zunft. das jetzt jen- 200 . sprachen half. angenehme wie unangenehme. immer schwerer fand sie den Willen und die Entschlossenheit dazu. nicht einmal das Grab in Kosevo. ohne etwas gekauft oder ver- kauft zu haben. in dem sie täglich blätterte und las. prüfte trug diesen eingebildeten Verlust oder Gewinn in ein besonderes Buch ein. und wenn sie sich an ihn erinnerte. Bald kannten alle Wechsler diese düstere Frau. dachte sie immer seltener an ihren ehemaligen Traum von der Million und fühlte immer weniger das Bedürfnis danach. und auch dann handelte es sich stets um unbedeutende und äußerst vorsichtige Operationen. bis sie erfuhr. erkundigte sich nach den Kursen und setzte ihm so lange zu. was sie wollte. Während sie sich wie ein Maulwurf Dieses Spiel. war es ihr. und als sie sahen. und immer häufiger führte sie bloß erdachte. daß es ihr gegenüber nichts mürrisch zu stellen. unwirkliche Operationen durch. doch unübersehbare Arbeit vergrub. als hätte irgendein anderer ihn geträumt und ihr davon erzählt. Nichts zog sie mehr dorthin zurück. schrieb ihn sich auf. Auch ihre Erinnerung an Sarajevo begann rasch zu verblassen. mehr als ein Spiel war. und sie sich. in diese winzige. Dann sie grußlos hinaus. Richtige Geschäfte machte sie jedoch nur noch selten. bis sie wußte ging oder wenigstens ahnte. wenn sie es damals verkauft hätte.

Mit zwei Menschen. obwohl sie selbst nicht wußte. sich mit dem Fräulein be- kannt machte und sich gleich an sie anschloß. blieb sie einem Mädchen und einem jungen Mann. eine entfernte Verwandte Frau Sekas. weiterhin in Verbindung. daß sich die Angriffe der Zeitungen wiederholen und von irgendeinem Belgrader übernommen werden könnten.seits allen Raumes irgendwo in namenloser Höhe zu alle schweben schien. den Ruhm wie die Schande. sie selten. 201 . und bedeckte wie der Urwald oder das Meer alles mit dem Schleier des Vergessens. das Gute wie das Böse. mächtige Leben der Hauptstadt schluckte alles. bis sie eines Tages persönlich erschien. die sie in deren Hause gemacht hatte. Das ungestüme. kamen ihr milder und Verluste erträglicher vor. Das Mädchen war Jovanka Tanaskovic. Es blieb nur die heimliche Blatt Angst. wie sie es wünschte. Zur Familie Hadzi-Vasic ging vergaß sie sofort und die Be- kanntschaften. Alle Erschütterungen. sich von diesen Leuten ganz zu trennen und so allein zu sein. Das Fräulein hatte oft gehört. und für immer. Trotzdem gelang es ihr nicht. die sie während der letzten Tage ihres Aufenthaltes in der Smiljanicstraße kennengelernt hatte. Diese Angst lebte auch in ihren Träumen. die sie dort in der letzten Zeit erlebt hatte. Aber die Befürchtungen erfüllten sich nicht. daß man im Hause Hadzi-Vasic von ihr als von einem sehr eigenartigen Geschöpf sprach. wie und warum das geschah.

mochte es noch so bunt sein. seltener Name wie Armida. wirkte an ihr. klein. Ihr Händedruck war männ- 202 . Olivera oder Kasija. Aber sie kleidete sich überhaupt einfach und nachlässig und machte ganz den Eindruck einer verwahrlosten. ebenfalls grau und ärmlich. schnellen und entschlosse- nen Bewegungen. ohne einen Familiennamen oder Spitznamen hinzuzufügen. als wäre es ein romantischer. fast unsauberen Frau. um eine Frau für immer im Meere und der ländhchen und städtischen Jovankas zu begraben. was sie an Kleidern und Schmuck anlegte.- man nannte ihn. Klorinda. alltägHche. glänzenden braunen Augen und durchdringendem Blick. wurde in einem breiten Kreise von Männern Frauen der damaligen Belgrader Gesellschaft mit besonderer Betonung und bedeutungsvoller Stimme ausgesprochen. Ihre Haut war grau und unscheinbar. volkstüm- Hche Taufname. Alles. und in Belgrad gab.VII Jovanka! Dieser gewöhnliche. der ausreicht. daß es nur eine Jovanka in der Welt Sie füllig. das fest zusammengebunden war und ungepflegt aussah. Sie hatte starkes schwarzes Haar. denn jeder verstand. doch war ein Mädchen in den Dreißigern. mit starken Beinen.

was Eifer und Kampfgeist betraf. Alles. Erfolgen und Mißerfolgen. unbemerkt und uneigennützig drang in das Schicksal des wollte. da sie selbst keine Sor- gen hatte. Dabei überbot sie ihre Schützlinge. breiten Kreisen der Belgrader Gesellschaft. den sie beschützen und nahm teil an seinen Bestrebungen. Alles an ihr war un- geordnet. hatte die philosophische Fakultät absolviert und besaß unzählige Bekannte und lieh. Nur so konnte sie Leiexi- und nur darin fand sie den Sinn ihres Lebens.Stimme klang grob und heiser vom vielen Rauchen. und Ambitionen. Weit verzweigt und verworren waren ihre Freundschaften mit Männern und Frauen der verschiedensten Berufe sie und Altersstufen. Es wäre schwer zu was dieses unruhige. neugierige weibliche Ge- und Entschlossenheit eines Mannes in ihrem feurigen und unermüdlichen Tun bewegte und leitete. die weitverzweigte verwandtschaftliche Beziehungen zu war die einzige Tochter ihrer Eltern. sie sprach hastig und abgehackt. und unbegreiflich. war: schöpf mit der Kraft Anteil zu denschaften stieren. wie ein Sonderling. nehmen an fremden Schicksalen. ihr Schritt miHtärisch. Dieses Mädchen mit dem bohemienhaften Aussehen und Benehmen stammte aus einer angesehenen und reichen Belgrader Familie. Unhörbar. denn sie war fest über20^ . die der anderen auf sich nehmen. was sie wollte und wünschte. Es hatte den Anschein. die früh verstorben waren und ihr ein schönes Vermögen in Form von Häusern. sie Menschen ein. Sie Sie lebte allein. Plänen. bescheiden. als wollte der ganzen Welt helfen und. Grundstücken und Wertpapieren hinterlassen hatten. unklar sagen. dachte die Liebe der nicht ans Heiraten stellte und an Männer und ans Leben keine Ansprüche.

geduldig auf und ab geht. Es ist mir gelungen. hätte sie einem. kein Platz. so gen Mantel. 204 . Und bel. der einem Soldatenmantel konnte man sie durch das zerwühlte und ungepflasterte Belgrad des Jahres 1920 hasten sehen. gestern mit einer Und schon seit Kommission in der Provinz oder beist er hauptet es wenigstens. wohin sie eile. so im Vorbeigehen. Geschäfte und Ämter auf. daß sie schon seit dem frühen Morgen unterwegs sei wegen des Kindes einer Freundin. Man hat mir ge- sagt. in der Infektionsabteiist lung. Oder man träfe sie vor dem Theater. >Sie kennen die Zagorka. einen guten kein Serum. würde weitereilen. Jedenfalls nicht in Belgrad. mit leidenschaftlichem Flüstern geantwortet. doch hart und scharf wie sie eine Stahlfeder. Jovanka?< >Ich warte auf den Direktor.zeugt. Die verliert ja bei viel geer. Im Staatlichen Krankenhaus. Stellen Sie sich bitte vor. durch Schmutz und Neklein und unansehnlich. in einem grauen. das Diphtherie halten habe. Ohne Galoschen und Regenschirm. daß sie deren Absichten richtiger verstand und ihre Interessen besser vertrat als sie selbst. mit geröteten Händen und geBei schmutzigstem Wetter röteter Nase. langlich. mit blauen Lippen. aber es gibt jetzt Und nun gehe ich in die städtische Ambulanz. Und hätte man sie angeund gefragt. in die Hände den Taschen des Wintermantels vergraben. Arzt zu finden. und heftigstem Sturmwind ging sie kreuz und quer durch ganz Belgrad und suchte Häuser. >Was machen Sie denn hier. wie sie dort. dort gebe es welches. er ist ringeren Anlässen den Kopf.

aber sie haben keine Windeln im Haus — keine Windeln! — und sitzen ohne einen Groschen da. und das ohne per- sönlidien Vorteil und sichtlichen Grund. die Prüfungen ablegen oder in den Staatsdienst treten wollten. Jetzt erwarten sie ein Baby. zu ihrem Vater zurückzukehren oder in die Save zu springen. Er hat ein Mädchen aus genommen. Dabei hat ein paar einer Kleinstadt Monaten geheiratet. während er alles im Stich lassen und mit irgendeiner Wanderbühne in die Welt ziehen will. die von ihren Männern weggelaufen waren. den begabten jungen dieses blinde Schauspieler. den sie ihres Schutzes für würdig befand. suchte einen für solche. als sie zu Kirjakovic lief. Ich muß mit ihm sprechen. spielte sie die Rolle der Ausweg Überhaupt Vorsehung. vermittelte zwischen Entzweiten. die sie nicht für den übernommen hätte.Volk führt irgendeine Entlassungsaktion durch und hat dabei Kirjakovic. . Wie zwei Täubchen haben sich ist sie gelebt. viele während man so abgeklapperte Leute behält. sie kümmerte sich um verwahrloste Mädchen und bescheidene junge Leute. Er ist ein Cousin von mir. sie wachte über unglückliche Verliebte. aber — jetzt beginnen Unfrieden und Unverständnis einzuschleichen. die in Schulden geraten waren. aber der Vater hat sich von ihr losgesagt. ging für sie zum Rechtsanwalt und zum geistlichen Gericht. Hierbei han2o<. sie nahm in ihre Wohnung Freundinnen auf.< die Tochter eines reichen Es gab überhaupt keine Arbeit. auf die Straße gesetzt. damit das irgendwie geregelt wird. Sie saß ganze Nächte bei einem Kranken. ihnen Rollen gibt und er vor ihnen zu Ehren Feiern veranstaltet. Nun warte ich auf den Direktor. Sie Kaufmanns aus der Provinz. Jetzt weint sie und droht.

Menschen. was man über den berühmten Geologen wissen und sagen mußte. ein bekannter Belgrader Geologe. oder solche. Ihr wahres Element waren die verworrenen Verhältnisse von Leuten. So sprach man zum Beispiel da- von. interessierten sie überhaupt nicht. gewöhnlich in dem Augenblick. zwar ganz uneigennützig. im Leben Erfolg hatten. so lebte und arbeitete sie. wie sie in der Gesellschaft üblich war. Für jene fand sie nur kurze Bemerkungen und zerstörende Ironie. daß Jovan Simic.« Das war für sie und die Mehrzahl ihrer Zuhörer alles. Nur derartigen Leuten näherte sie sich. beleidigte Fee mit stummem Haß und geflüsterten Verleumdungen zu verfolgen. Jovanka sagte darauf nur verächtlich: »Ich kenne ihn. (Schon nadi kurzer Bekanntschaft duzte sie jeden. der sie angehörte. und Rache. um sich dann plötzlich. aber ebenso zanksüchtig und gefährhch. die ihre Leiden und Bedürfnisse verbargen. da sich die Lage der Be- treffenden besserte. wertvollen Ratschlägen und Gefälligkeiten.) Geordnete die und unauffällige Schicksale hingegen. So war diese Jovanka.delte sie launenhaft und unberechenbar. drängte sich ihnen mit unwiderstehlicher Hartnäckigkeit auf. zo6 . überschüttete sie mit brauchbaren. aber sie war auch sie war ergeben und fähig zu Bosheit gut bis zur Selbstaufopferung. Der prügelt seine Frau. von ihnen abzuwenden und sie von nun an wie eine böse. Ehrendoktor der Pariser Universität geworden sei und daß er in diesen Tagen eine feierliche Antrittsvorlesung an der Sorbonne halten müsse. doch nach dem ersten Streit ging sie wieder zum Sie über. die Mißerfolge zu verzeichnen hatten oder gescheitert waren. Und außerdem ißt er mit den Fingern.

um dort mittels ihrer Verbindungen die malitäten dem Hauskauf zusammenhängenden Forzu erledigen. nicht besonders gelegen war. die zweite darin. doch mächtige Gottheit die eine garstige und Fäden fremder Schicksale flechten und entflechten durfte. die sie für andere auf sich nahm. und letzten mit dem Fräulein persönlich aufs Bezirksgericht. ob und was sie wünschte oder liebte. der mit einer ihrer besten Freundin- nen verheiratet sie war und der ging mit konnte. Aber konnte diese Besuche nicht loswerden. Erleb- brauchte lebte sie niemand hatte sich je gefragt. sich selbst zu beobes ihr selbst gelang. Für alle Opfer und Anstrengungen. die manchmal recht häufig erfolgten und sich lange hinzosie gen. sie stark. Sie verstand es. achten und über sich nachzudenken. amtes mit den billigsten Wagen dem Direktor des Akziseihr nichts abschlagen am Hafen. als sie etwas Eigentlich andere um sie lebten und als an deren Leben teilzunehmen. Schon beim Umzug und bei der Einrichtung der Wohnung war Jovanka dem Fräulein ohne jede Aufforderung behilflich. an Jovankas Besuchen. was sie einander näherbrachte und verband. erhielt sie doppelte Belohnung: die erste bestand darin. sie telefonierte zu finden. Das Fräulein nahm alle Gefälobwohl ihr ligkeiten hin. daß sie bei der absoluten Inhaltslosigkeit ihres persön- lichen Daseins Dutzende fremder Leben leben und wie bösartige. nur insoweit. denn zwisdien den beiden un- gewöhnlichen und in allem so versdiiedenen Frauen war etwas. wenn auch unmerklich Zwei Tage bevor das Fräulein Hadzi-Vasic' Haus ver- 207 .Niemand wußte etwas von ihren persönlichen nissen. daß sie nicht dazu kam.

Von Rußland war er nach Saloniki gekommen und hatte sich als Freiwilliger an den Kämpfen beim Durchbruch der Salonikifront betei- ligt. war reichischer Soldat während der Kämpfe in den Karpaten auf sehr dramatische Weise zu den Russen übergelaufen und hatte eine ganze Abteilung von Serben aus der Herzegowina mitgenommen. Geboren in der Herzegowina. da hatte 20Z . Nach der Demobilisierung bemühte er sich sogleich. Schon vorher hatte sie ihnen begeistert von ihm erzählt. Nach ihrer Darstellung vereinigte er in sich kandidatinnen vorzustellen. Am Abend brachte Jovanka einen ihrer neuesten Schützlinge mit. letzten licheren Beifall der jungen.ließ. die damals am meisten geschätzt er als öster- wurden. ner entschloß weise letzten selben auch noch diesen glücklichersich Abend über ergehen zu lassen. reichen Leute mit angehört hatte. fand noch einer von den abendlichen Empfängen für Misas Freunde und Dankas und Darinkas Freundin- Das Fräulein trug noch die Erbitterung vom Empfang vor zehn Tagen in sich. und das würde ihm auch gelingen. Als das Fräulein einige Tage vorher zerstreut der atemlos vorgebrachten Erzählung Jovankas von dem jungen Herzegowiner mit den vorzüglichen Fähigkeiten und der großen Zukunft zugehört hatte. an dem sie die unbegreifliche Dichterlesung und den noch unbegreif- nen statt. aber mit Rücksicht auf die anderen Hausbewohsie sich. die Belgrader Vertretung der amerikanischen Automobilfirma Ford zu erhalten. Es jene Eigenschaften. denn er sprach fließend Englisch und hatte bereits während seines Aufenthalts in Saloniki gute Verbindungen mit einigen Vertretern Fords angeknüpft. um ihn Frau Seka und ihren Heirats- war ein gewisser Ratko Ratkovic.

denn beim ersten Blick war in ihr ein Gedanke aufgeblitzt und geblieben: >Onkelchen Vlado!< Es war nicht ihre Gewohnheit. als sie von hinten den gutgewachsenen Mann erbhckte. aber Jo- vanka führte ihn Reihe nach vor. weckte er in ihr durch seine Körperhaltung. Erst jetzt. auf das Äußere eines Menschen zu achten und ihn länger und einge- hender zu betrachten. als Jovanka seinen Namen nannte. Als er an das Ende der Reihe kam. sein Aussehen und Lächeln diese beiden Worte hervor: Onkelchen Vlado!< Das war keine gewöhnliche Älin> 209 . den Jovanka wie einen guten Schüler herumführte und vorstellte. erblickte sie sein Gesicht. denn für das. Sie interessierte sich nicht für die Kleidung. Auch er sagte etwas. trat auch zu ihr und reichte ihr lächelnd und mit einer gewissen Schüchternheit seine starke. Auch sie sich am Abend dieses Tages machte darüber keine Gedanken. gleich weiter und stellte ihn allen der Im Grunde hatte das Fräulein gar nicht richtig hinge- sehen und hingehört. drehte er sich um. daß sie ihm je begegnen würde. worauf es ihr seit frühester Jugend bei der Beurteilung eines Menschen ankam.sie ihre eigenen Sorgen gehabt und nicht daran gedacht. mit denen sie zusammenkam. mit der Zeit wurde sieht der bloß ähnlich?« sie »Wem blind dafür. das Aussehen oder gar den Gesichtsausdruck der Männer und Frauen. Auch jetzt bemerkte sie nichts Hervor- stediendes oder Besonderes an diesem jungen aber wie er sich so plötzlich zu ihr umdrehte Mann. rosige Hand. und vor ihr stand. war das unwichtig. Schon als junges Mädchen vermochte sie niemals die unter Freundinnen so übliche Frage zu beantworten: Anfangs war ihr das Äußere eines Menschen gleichgültig.

In die Reihe außerordentlicher Er- eignisse. Seit sen hatte und nach Belgrad Sarajevo verlas- gekommen war. Nur war dieser Onkel Vlado besser entwickelt. ohne ihn von ihr zu entfernen. bis sie ihn vergessen hatte. blaue Augen. ganz mit dem Umzug und der Einrichtung des neuen Hauses beschäftigt. die durch ihr Blinzeln die tiefere Unruhe und über allem ein schonungslos fließendes Lächeln. und dieser Traum veränderte ihn. Und als Ratkovic im Laufe des Abends zu ihr kam Platz jeder und neben ihr Mädchen und brauchte da. In der Nacht und am nächsten Tag dachte sie sie über die sonderbare Ähnlichkeit nach. Außerdem sprach er über das. Frau einen Augenblick ihn gar nicht mehr anzusehen. wenn nicht Jovanka fortgesetzt hätte. die Besuche auch nach Fräulein. Sie hätte sich überhaupt nicht mehr an ihn erinnert. breiter in den Schultern und in allem stärker und entschlossener. das in dem Umzug zio Das ihrem . sondern eine wirklich auflebende Erinnerung. waren ihr unzählige Überraschungen und die ungewöhnlichsten Dinge widerfahren. sondern verdeckten. als stehe er in einem Traum vor ihr.lidikeit mehr. Alles war Welle hellen. reihte das Fräulein auch die aufregende Be- gegnung mit dem Doppelgänger Onkel Viados ein. die das Reisen und der Ortswechsel mit sich brachten. an ihn so angestrengt wie am ersten Abend zu denken. Eine sie nahm. Überhaupt war er ganz so. brachte ihn ihr noch näher. so wie er sich zu jedem setzte. Und damit hörte sie auf. auseinanderfallenden Haares. worüber sie allein zu sprechen liebte und vermochte. den Geschäften und den geschäftlichen Aussichten und Plänen. dem ihr Onkel jedoch sein Leben lang ausgewichen war: von der Arbeit.

mit nahm keine Rücksicht auf den Mendem sie sprach. als der. von den Schwierigkeiten. auf den sich die lebhafte Sympathie und Beschützerwut Jovankas etwa vierzehn Tage ergoß. seiner Ehrlichkeit von seinen Anstrengungen. Sie spätabends. was für ein goldener Junge das ist. deren Schicksale brachte sie dabei durcheinandersenti- und veränderte. war. zum Hals mit Straßenschmutz bespritzt. und kehrte zäh und unerbittlich auf das Thema zurück. Aber mehr Aussichten auf Rettung hat ein Mensch. Ratkovic. trachtete danach. »Du hast keine Ahnung. Rajka. mit unzähligen begeisterten oder vmtenden Erzählungen von unbekannten Männern oder Frauen. grausamen Ergüssen zu entfliehen. und ihren Bemühungen. sich auch diese Besuche vom Hals zu schaffen oder sie auf ein Mindestmaß zu beschränken. Bisweilen kam sie nicht. die Ford-Vertretung zu bekom- men.ganzen Leben überflüssigen Besuchen aus dem Wege ge- gangen war. sage icli dir. Es war unmöglich. So erzählte sie dem Fräulein in der letzten Zeit ständig von und seinem Fleiß. das sie interessierte. so gut wie gar nicht zuzuhören und alles möglichst bald zu vergessen. zu jeder Tageszeit. auf den im Gebirge eine Schneelawine niederstürzt. der das anhören mußte. weil sie von zahlreichen an- deren Verpflichtungen in Anspruch genommen war. Durchfroren. auf die er dabei stieß. kam frühmorgens und bis niemals jedoch zweimal zur selben. denn Jovanka schen. naß. diesen mentalen. ihm zu helfen. stürzte sie mit ihren nützlichen Empfehlungen und ungestümen Ratschlägen ins Haus. Eine Seele von Mensdi. Auch das gelang nicht im- mer. dann kam sie dreimal innerhalb von zwei Tagen. was ein Mensch tun konnte. das einzige. Frei211 .

ferner als der längst Verstorbene. Ich verlasse sein Haus nicht eher.« Genehmigung unterschrieben te sie sich Als das Fräulein diese Worte Jovankas hörte. Seine Frau und ich sind zu- sammen am fen Stadtrand aufgewachsen. nach Wien ist gereist sei. und an Onkel Vlado Aber in der Erinnerung war ihr dieser Ratkovic fern. Im Mai kam dann Jovanka eine klagte über die Schwierigkeiten und und Hindernisse. mir. ein pausbackiger Junge. So viele Drückeberger. darunter die verschiedensten Juden und Österreicher. packte uns an den Zöp- und jagte uns wie ein Pferdegespann vor sich her. wie ich das mache! Nadimittags suche ich den Sektionser dief Karadzic zu Hause auf. aber er und Lieferaufkann nichts eine Of- bekommen. erinner- an den jungen Mann. als ich rium von Kanzlei zu Kanzlei 212 Du im Finanzministemüßtest das mal . erhalten Konzessionen träge für staatliche Unternehmen. gegangen.williger und Held der Salonikifront ist er. Man daß er Dann hörte ich. Und das unser Minister! Aber ich habe seinem Kabinettchef Bescheid gesagt! Ich habe ihn abgekanzelt. den ich gut kenne. Und war älter als wir. Jetzt hat er dem Bauministerium ferte für Autoteile unterbreitet. Weg lief. dem sagte Bauminister. er sei nicht in Belgrad. dem er so ähnlich sah. aber er will das nicht ausnutzen und niemand um etwas bitten. da sie ihn zum ersten und einzigen Mal bei der Familie selbst. die gewissenlose Konkurrenz und eine niederträchtige eines Tages zu ihr Verwaltung Ratkovic in den »Ich habe mich abgehetzt. an den Winterabend. Du weißt ja. legten. Hadzi-Vasic gesehen hatte. In Wirklichkeit hat er dort eine Geliebte. bevor er nicht die hat. angeblich in dienstlicher Angelegen- heit. Ich bin zu Veljovic.

die sie bei diesem Redeschwall empfunden hatte. Du kannst es gar nicht wis- Auch das habe ich ihnen ins Gesicht gesagt. Du weißt nicht. Und sen. Wir müssen er ist zurückhaltend. Dieser Staat ist ein einziges Irrenhaus. du könn- ihm etwas geben. was für ein Mensch das ist. Der hat Verstand.« Sobald sie hörte. die sie von keinem anderen verlangen. denen eins über den Kopf ihnen auf diese Weise ein Zeugnis zu zu hauen und geben. sagte das Fräulein leise. Nur jetzt muß man ihn unterstützen. Wir müssen ihm nur auf die Beine helfen. und alles in und an ihr bäumte sich auf und erstarrte in einer Stellung der Verteidigung und des Mißtrauens. aber nun braucht er wieder welches. Jetzt ist sein wichtigstes Unternehmen wegen irgendwelcher Gebühren ins Stokken geraten. was für ein Schweinestall dieses Ministerium ist. Sie verlangen von ihm Gebühren und Kautionen und irgendwelche Zeugnisse. du hast ja keinen Begriff. hat Herz. test Da dachte ich mir. »Nein. Ich habe ihm etwas gegeben. dem armen Kerl. dann kommt er leicht voran. wie sie wollen.« »Ich weiß«. das Geld ist gut angelegt. daß auch sie jemandem etwas geben Gedanke an jenen Ratkovic und die Erinnerung an Onkel Vlado sowie die Langeweile. Glaube mir. du weißt es nicht. schlug die Augen nieder und wehrte mit dem Gesichtsausdruck eines Märtyrers und mit halblauter Stimme ab: sollte.sehen. Aber der arme Ratko ist zu weich und zu gut und hat zuviel Gemüt. da drehen und wenden sie ihn. Aber ich wollte mit dir sprechen. verflogen wie Rauch der 213 . statt ihm helfen. Natürlich zahlt er alles zurück. Sie reckte den Hals. hat Seele. Er bringt es sicher noch weit.

alles voraussah sprach. Ich habe noch keine Steuern gezahlt. wie ihn sich das Fräulein immer gewünscht hatte. der wenig spricht. so hätte sagt. daß sie solche Besuche nicht brauche. nen: ein gesetzter. ihr mit einem solchen Ansinnen zu kommen. einfachen Arbeitsmenschen. In ihrer Sarajevoer Umgebung. aber gut und passend gewählt: das Hemd. ängstlich. war sportlich einfach und weit. in einem und vom Geld nur wenig fast frommen Ton. damit er dir persönlich seine Nöte und Pläne darlegt. Bei Tageslicht sah er noch stärker aus. ich bitte hast oder nicht. Alles.« »Na. Aber bei dieser Besessenen. aber wie er niemals hatte werden könkovic. Nur mit dem Unterschied. jammere nicht. doch im Grunde weiß. denn es verriet den Weltmann. was er will. fen. na. hätte sie — so glaubte sie — leichter Wider- und niemand hätte es gewagt. und ihm den Rücken gekehrt. den ruhigen. Es war kein Trugbild eines Abends und kein Spiel eines Traums. sondern Wirklichkeit. Das Gesicht. Nicht einen Dinar kann ich entbehren. Ich will dich. Eines Tages erschien Jovanka tatsächlich mit Rat- und kräftiger was er trug. hier aber fühlte sie sich gebunden und schwach. in ihrem Hause oder Laden. der vorsichtig rechnete. stand leisten können. ich habe kein Geld.»Glaube mir. Ob du weiches dem Mann müssen wir irgendwie hel- ihn übrigens dieser Tage mal herbringen.« sie ge- Hätte ein anderer vor ihr gestanden. der Anzug und die Schuhe. der Jovanka. weder hier noch in Sarajevo. der sie 214 . daß es ein Onkel Vlado war. Jovanka. die Augen und das Lächeln waren wie bei Onkel Vlado. war das nicht vorstellbar und noch weniger ausführbar. arbeitsamer Mensch. Und alles flößte Vertrauen ein.

Er sprach wie die übrigen jungen Männer. von seinen Arbeiten. sie Ganz im Gegensatz zu den jun- gen Leuten. Dann schlug sie die Augen nieder und hörte ihm weiter zu. so unempfindlich Aussehen und die Kleidung eines war sie auch ge- gen Liebenswürdigkeiten und Unliebenswürdigkeitcn. soweit es unbedingt notwendig war.überraschte und rührte. aber seinem Gespräch war klar zu bis entnehmen. die noch nicht mit ihrer Kraft haushalten und über riesige Re- serven von Hoffnung verfügen. Niemals in ihrem Leben hatte jemand sie durch Reden bestochen und durch Schmeichelei gewonnen. ohne Nachdruck und Aufdringlichkeit. begegnete sie dem leichten. Auch von ihr sprach er. was er von ihren FähigEr erzählte ihr keiten gehört hatte. ungefähr zum Ende dieses Jah- 2IS . sorglosen und sanften Lächeln Onkel Viados. wobei er natürlich und ohne Übertreibung alles bewunderte. die wie alles am Anfang langsam und schwer vorankamen. aber zugleich sprach er zurückhaltend. Das Fräulein hörte ihm ruhig und aufmerksam zu. die so viele Männer nicht besaßen. sprach er im Hause Hadzi-Vasic kennengeausnahmslos von seiner Arbeit. weder offen noch verhüllt. Onkel Vlado vor noch dazu ein Onkel Vlado nach ihren Wünschen. wobei er nichts beschönigte und auch sich selbst nicht hervorhob. aber sie sah dieses Lächeln auch noch auf ihren gefalteten Händen. Hier stand ihr. die lernt hatte. Ratkovic verlangte nichts. Doch hier lag ein Ausnahmefall vor. so als legte er sich selbst Rechenschaft über etwas ab. und wenn sie den Blick hob. daß er noch einige Monate. aber auch davon nur. denn wie gleichgültig ihr das Menschen waren.

daß ein anderer die Ford-Vertretung bekam. wo ihn ein sicherer Erfolg erwartete. Es ging darum.res. Das Fräulein antschlecht bei Kasse. das sie von früher Jugend an begleitet hatte. den sie. Es handelte sich lediglich um eine Gefälligkeit. hatte. und umgekehrt hielt das. hinderte sie daran. nüchternen Art zu sprechen. wenn er nur genug Mittel um bis dahin durchzuhalten. die man sich vorher si- chern mußte. dann das Fräulein und ein Freund von Ratkovic unterschreiben würden. sie sei in Wechselgeschäften nicht bewandert und außerdem und bat sich ein bis zwei Tage Bedenkzeit aus. als erste. Am nächsten Tag kam Jovanka wieder. um ihr persönlich zu danken. und das wiederum hing von den staatlichen Lieferungsaufträgen ab. wortete. Jovanka. aber die Gebüh- ren und besonders die Bestechung der verschiedensten Beamten hatten sein Geld ziemlich aufgezehrt. gut zuzuhören und das Gehörte zu beurteilen. Und dann erschien Ratkovic. von dem er so- Schulden bezahlen könnte. denn sobald der Vertrag mit der Firma Ford unterschrieben wäre. Jovanka regte die Frage eines Wechsels an. und nicht satt hören an seiner ruhigen. sich davon erwacht war. die wunderbarerweise zum Leben ab. Bei diesem Gespräch unter vier Augen konnte sie sich nicht satt sehen an jenem Lächeln. be- käme Ratkovic einen fort seine Dollarvorschuß. was sie sah. was sie hörte. und das Fräulein unterschrieb gegen ihren Willen und ihre bessere Überzeugung einen Wechsel über zwölftausend Dinar. 216 . schwer zu arbeiten und zu kämpfen hatte. Aber das. sie rung satt an ihrer teuersten Erinnezu sehen. Was ihn persönlich genug betraf. so hatte er zum Leben. zu verhindern.

ohne Jovanka. Fräulein. frischer Mandarinen. daß die Sache langsam und schwer voranschritt. und zwar ohne sich zu fragen. Auf ihre Fragen antwortete er besorgt und aufrichtig. fuhr das Fräulein und Jovanka nach Rakovica. Aber das Fräulein sah es am liebsten. einem hinfälligen Ford. daß sie ihm eines Tages vierhundert Dinar gab. mir von allen Seiten Schwierigkeiten. Das Fräulein ärgerte sich über diese Geldausgabc. die sie niemals gekannt hatte. aber sie wollte allein helfen. wenig zu ihr setzte »Bei Gott. die er für zwei umfangreiche Auslandstelegramme brauchte. Zweimal in seinem Wagen. sondern rief in ihr eine gewisse Rührung. Im Gegenteil. um macht mich zu be- Man mich immer und frage mich. sdiön gefloditenes Körbchen voll gelber. Nach vierzehn Tagen gab er ihr die vierhundert Dinar zurück und brachte ihr als Zinsen ein kleines. war ihr kein Anlaß. und dabei erinnerte sie sich an die so lieben kurzen Ausein- und ich fürchte 217 . wie sehr das ihrer bisherigen Arbeit und ihren Ansichten widersprach. und sie fand es ganz natürlich und verständlich. hindern. ihm zu helfen. der kam er auf dem und Belgrader Pflaster wie eine Heuschrecke hüpfte. wann sie den Entschluß gefaßt hatte. ob ich Erfolg haben werde. sich ein und ihr über den Stand seines wichtigsten Unternehmens berichtete. an das Schicksal des Wechsels zu denken. In seiner Erzählung prahlte er nicht und beschönigte nichts. sowie den Wunsch hervor. Aber man muß kämpfen. Der Umstand. und ohne zu bemerken.Ratkovic erschien noch einige Male. wenn er allein kam. es gibt so allerlei. So kam es.« Seine wohlklingende Trebinjer Sprechweise war ihr wie Musik in den Ohren. daß auch sie sich an diesem Kampf für sein Wohl beteiligte.

Es war der natürliche Abschluß eines Gesprächs. das Fräulein über eine Handarbeit gebeugt. Mit seiner runden. denn er verlangte nichts.« 218 . einmal sogar mit einem Telegramm aus Antwerpen. Ein pathologiAber wiederum frage ich mich. daß er nach Paris und Brüssel reisen müsse. Januar 1921. kehrt und nicht hier seine Sache vorantreibt. in dem er ihr darlegte. In dämmerigen Zimmer saßen die beiden am dem kühlen. dem sie je in ihrem Leben zugestimmt hatte. »Na. Der September war heiß und trocken. schrieb Ratkovic sorgfältig eine Quittung aus. ob sie nicht diesmal ausnahmsweise die Wahrheit gesagt hat. Das Fräulein wußte selbst nicht. und Nata Dabic soll erzählt haben. Das war der niedrigste Zinssatz. sie hätte ihn in Biarritz gesehen. wie es dazu kam. Bis Ende September war Ratkovic auf Reisen. Jo- vanka aus verschiedenen Gründen unruhig und aufgebracht. bald nach Paris. daß dieser Taugenichts nicht zurückscher Fall. Fenster. er mel- dete sich bei Jovanka und dem Fräulein mit Kartengrü- ßen. Anfang August verlängerte er zwei bis drei Tage später lieh den Wechsel über zwölftausend Dinar. Nur war Ratkovic in allem maßvoller. starken Handschrift. Rückzahlungstermin war der i. bald nach Brüssel. Freilich diese Nata lügt viel zusammen. der Zinssatz acht Prozent. die sie mit Onkel Vlado wegen seiner verschwenderischen Geschenke gehabt hatte. Während dieser Zeit kam Jovanka mehrmals in die Stigstraße. und es ärgert mich. unser Ratko macht ein wenig viel Spazierfahrten. die wie eine Melodie dahinfloß. um persönlich mit den Hauptvertretern der Firma Ford in Europa zu sprechen. und sie ihm fünftausend Dinar in bar.andersetzungen.

Denn hier ziehen sie über ihn her und arbeiten gegen ihn. »Wieso kann er nicht? Was kann er nicht? Er muß etwas von sich hören lassen. ein einzigartiges Erlebnis und tiefes persönliches Geheimnis.»Wahrscheinlich kann er nicht«^ sagte das Fräulein leise. stark von der Sonne gebräunt 219 . um dessen Schicksal beide in gleicher Weise besorgt sind. Sein bester Freund versucht ihn auszustechen und Landsmann intrigiert im Finanzministerium gegen ihn. deren sie sich annahm und für die sie mit all ihrer ungestümen und unverbrauchten Kraft einsetzte.« So saßen die beiden da wie zwei Frauen. daß sie ihn verteidigen konnte. wo dieser Kerl steckt. ernst! Man soll diesen Männern nie über den Weg trauen. »Ernst. den sie mit den Zähnen abriß. und selbst die Lieferaufträge und die Ford. Zwei Tage nach diesem Zwiegespräch erschien Ratkovic in der Stigstraßc. Nur bedeuJovanka. denn von der großen Ähnlichkeit zwischen Ratko und Onkel Vlado hatte sie weder Ratko noch Jovanka je ein Wort gesagt. ich aber weiß nicht.« »Er wird seine Sache nicht aufgeben. und außer- dem ist er zu ernst dazu.Vertretung zu erhalten. und der Faden. viel gearbeitet Nun hat er so- und soviel hineingesteckt. tete diese Sorge für das Fräulein mehr als für Jovanka hatte außer Ratkovic noch andere junge ner sich Män- und Frauen.« »Hm. Für das Fräulein dagegen war das der erste und einzige Fall in ihrem Leben. die einen nahen Verwandten in der Welt haben.« Jovanka schüttelte den Kopf. es war ihr angenehm. erschien ihr süß. damit ich es ihm mitteilen könnte. Diese ge- meinsame Sorge brachte sie einander näher.

so als spräche er noch immer So bekam Ratko Ratkovic ohne mit dem Fräulein. gewandt hatte. Das Fräulein schaute und hörte ihn an. unterstützen und ihm wie eine Mutter helfen durfte. daß er sich nicht rührte und nicht arbeitete. allzu freudig das eiserne Tor hinter 220 . man müsse eben noch warten. ihm noch einen des Jahres. Wechsel. weil er Sorgen hatte. Er sprach als davon. viele Worte und Verhandlungen das. diesmal über neuntausend Dinar. gelähmt: Sie dachte an diesen Widerwillen und wußte. aber irgendwo aus der Tiefe. dann hätte sie vielleicht Einwände gemacht. Ihr angeRisiko borener. glücklich. und schwer entschließen könnten. daß er sich persönlich an sie.und etwas magerer. Nach einigen Tagen bat Ratko schreiben. weil besorgt. von seinem Dollarvorschuß alle Schulden beDas Fräulein willigte ein. und dann werde gleichen können. aber sie sah. daß Amerikaner sie die sich zwar neuen Verhältnisse in Belgrad noch nicht ganz durchschauten. Er selbst wunderte sich darüber. ohne Teilnahme eines anderen. daß sie ihn einmal allein. und nur an sie. immer wacher Widerwillen gegen jedes als sei er und jede Geldausgabe meldete sich auch jetzt. daß er gesund zurückgekommen war. Sie war zu glücklich. daß seine Angelegenheit zu die Ende geführt wäre. als er unter fortwährendem Lächeln. daß er in ihr war. Wäre auch Jovankas Unterschrift auf dem Wechsel gewesen. daß aber kein anderer als er in Betracht käme. müder und nachdenklicher sonst. »auf eigenen Beinen zu stehen«. so aber war sie nicht imstande dazu. was er in diesen Tagen so dringend brauchte. zu unter- zum Ende dahin werde er sich jedoch alles entscheiden. Soviel brauche er bis bis sie.

das durch ihre Opfer und Anstrengungen heranwuchs. die ihrer Natur und ihren Folgen nach dasselbe bedeuteten wie Diebstahl und Betrug) und war zu noch Sdilimmerem bereit. daß es sich nicht um eine Täuschunghandeite. Gefälligkeiten erwies. Fünfzehn Jahre waren vergangen. so hätte sie keine Antwort darauf gefunden. sündigte gegen die Armen und Schwachen und ihre Verwandten. mußte. Ihrer Mutter maß sie das Brot für jede Mahlzeit zu. ob es ein Kind war. der arbeiten und gehorchen wollte und für den es noch Hilfe und Rettung gab. und sei es auch nur in Gedanken. Das Fräulein blieb unbeweglich und ver- sonnen zurück. hart und rücksichtslos zu arbeiten und zu verdienen. schwachen Geschöpf helfen konnte. sondern daß sie wirklich einem liebenswerten. dabei zitterte ihr die Hand. Mit diesem neuen. woher das kam und warum sie diesem fast unbekannten Jüngling. verhundertfache und weite. Aber sie dachte nicht daran. seit sie begonnen hatte. der nichts für sie tat. Wenn sie sich gefragt hätte.sich zuschlug. daß sich ihr ganzes Wesen bereichere. geriet in 211 . erwiesen hätte. oder ein neuer Onkel Vlado. los. sondern ihren Besitz zu mehren. die sie keinem anderen. bisher unbekannten Gefühl. Sie stahl und betrog (oder tat Dinge. Sie wußte in dem Augenblid<: nicht. und mit ihm erhob sie sich wieder. Sie sagte sich von der Gesellschaft erregte bei allen Anstoß. wenn sie nicht unbedingt und der Welt Schmach und Schande. sich eine solche Frage vorzulegen. Während dieser Zeit hatte sie keinem Menschen auch nur eine Para gegeben. mit dem seltsamen. unklaren Gefühl legte sie sich in diesen Tagen zu Bett. Und jenes Krachen des Tores war ihr ein materieller Beweis. nur um nicht zu verlieren.

und die Brauen zogen ja sich vor Zorn zusammen. daß sie gestern einen Wechsel über neuntausend Dinar unterschrieben hatte. Als willig sie jäh in der Nacht erwachte. daß der. Das alles tat sie ohne Schwanken und ohne Ausnahme und hätte es wahrscheinlich bis er- zu ihrem Lebensende getan. Sobald sie aber etwas zu sich alles nüchtern betrachtete und klar sah und die Trugsie nichts bilder weniger Macht über den Menschen hatten. bei war und von dem sie und erwartete. . beund sorgte sich nicht um das. was sie Ratko gegeben hatte. erfaßte sie zwar ein leich- ter Schwindel bei dem Gedanken. weil bei den alten Leuten die Kräfte nachließen. denn wenn sie ihm etwas gab. und auch ein wenig Angst überkam sie dabei. der Appetit aber blieb. oft sogar die Arznei. rosiges Baby war. ihr Bruder oder Geliebter selbst nichts verlangte schien ein Mensch. Sie schloß die Augen. während es die ersten Schritte auf der Erde tat. sondern wirklich ein kleines. dauerte 222. da man hatten. und es schien ihr. wie sie noch nie jemand gegeben und auch nie jemand zu geben beabsichtigt hatte. aber das war ein Überbleibsel der tief eingewurzelten Gewohnheiten. die in diesem Halbschlaf noch Macht über sie kam. plötzlich Gott. Aber siehe da. daß sie jemandem helfen durfte. das lachte und alle ringsum zum Lachen brachte. Aber auch bei Tage. Sich selbst versagte sie nicht nur jedes Vergnügen. Und sie fühlte weder Reue noch Bedauern. »auf eigenen Beinen zu stehen«. der weder ihr Verwandter noch. dem sie stehen und gehen half. kein erwachsener Mensch von sechsundzwanzig Jahren. fühlte sie das neue und bisher unbekannte. noch zunahm. wohltuende Gefühl. sondern auch das Notwendigste. dem sie jedoch und freudig so viel gab.

es Und doch gab Veränderungen. In solchen Augendas eine wahre Qual für ihre nicht daran blicken dachte sie mit einer gewissen leichten Rührung. Aber das Fräulein bemerkte beider Abwesenheit so gut wie gar nicht. das sie sie wenn immer veranderen etwas abzwackte und weg- nahm. aber ein demselben Belgrad ein Onkel Vlado besserer. wenn sie allein war. Sie führte ihre Geschäfte wie zuvor. Auch Ratkovic ließ sich in diesen Tagen nicht sehen. aber selten ein so günstiges Ergebnis brachten. gewöhnten Füße und dünnen Knöchel bedeutete. So lebte das Fräulein einige Wochen in einem neuen Traum. dienen. die in Belgrad immer auf bestem Wege zu sein schienen. getragen 223 . ein eigenes um selbst zu arbeiten und zu ver- In jenem Herbst verbrachte Jovanka drei Wochen bei Verwandten in Smederevska Palanka. sich bemühte. und ganz ihrer Arbeit hingegeben. der in dieser zerwühlten. gro- ßen Stadt herumging und Geschäft zu gründen.empfand spürte. fast sorglos. Sie regte sich lebte. einer. die man bei anderen Zärtlichkeit nennen würde. fühlte sie sich ge- wöhnlich erschöpft und entmutigt von den Geschäften. Am Abend. doch zugleidi von einem Gefühl. wie sie versprochen hatten. sie dasselbe Vergnügen. auch wenn sie nur für sie sichtbar waren. müde war sie auch des Pflasters. In ihrer Lebensweise änderte sich nichts. klügerer. wenn sie in ihrem Leben je etwas kennengelernt hätte. wie die Zeit verging. auch fühlte sie nicht. ohne sich selbst seiner Kraft und wahren Natur bewußt zu werden. daß in lebte. was dem Glück vergleichbar gcruhig. das Glüd<: sein könnte.

noch die Kraft. zu schweigen. daß er geschäftlich verreist ist. auf die auch gute. . Erwar schon drei Wochen nicht hier. ja. das eines jeden Blick ertragen und kaltblütig den geriebensten Geldwechsler täuschen konnte. Ja. die weder den und schwache Menschen in VerMut haben. Er hat mich darum gebeten. die Wahr.« Und die kleine Frau warf den Kopf zurück und fragte streng wie ein Polizist: »Du hast ihm doch nicht etwa noch Geld geliehen?« Da wurde das Fräulein. weißt du. noch die Gewandtheit. heit zu sagen. verwirrt und geriet auf eine ihr bis dahin unbekannte Art in Verlegenheit. glaube ich. Nur bis zum Ende des Jahres.« »Und weißt du.« »War das vor oder nach meiner Abreise?« Das Fräulein faßte sich und log ihr ins Gesicht: »Danach. ganz sicher danach. »Was ist denn mit unserem Glücksvogel?« »Ich weiß nicht.« »Um wieviel ging es?« »Neuntausend.Wesen wäre und woran schätzen können. zu lügen: »Nein das heißt. Ich habe ihm einen Wechsel unterschrieben.« »Ach! Das war ein Fehler. sondern in ist?« Budapest »Wieso in Budapest?« »Gut unterhält er sich.« »Ich weiß nicht. naive legenheit geraten.« »Aber es kann ja sein. aber seine Geschäfte wollen mir nicht mehr recht gefallen. sie es jetzt hätte messen und Mitte Olctober ster kam Jovanka zurück und erschien düund zornig in der Stigstraße.« 224 . auf die schlimmste Art. der Mensch. . daß er nidit in Belgrad.

ob ihm Geld 225 . meine Teure. gab es dem Fräulein unbe- merkt einen Stich. unverändert und mit dem Lächeln Onkel Viados auf den er Lippen bei ihr erschien. aber spätestens bis zum neuen Jahr sei alles zu einem günstigen Ende geführt. hinzufahren. ich ebenso wie du.»Wieso? Du hast selbst gesagt. und daß er recht daran getan habe. sie sah den zurü eingeworfenen Kopf sie Jovankas vor sich und überlegte rasch. Und wenn er hier aufkreuzt. als wäre er schon ihr Mann. dann tue so. Fehler. und nimm ihn schön auf. die anderen sich Als er das Geld erwähnte. denn seine Anwesenheit sei für wie für ihn von Nutzen gewesen. In dieser Stimmung empfing sie ihn. und sie war eher geneigt. so daß er den Eindruck mitgebracht habe.« »Das war ein nicht mehr. Mach das bloß Du hättest ihm keinen Dinar geben sollen. als er einige Tage nach Jovankas Besuch ruhig. Jovanka zu zürnen als an dem jungen Mann zu zweifeln. dieser ist Unschuldslamm. Balkans und Mitteleuropas wo alle Ford. daß wir ihm helfen müssen.Vertreter des eine Konferenz gehabt hätten. Mir scheint. als wüßtest gar nicht so ein Heiliger so ein und du von nichts. daß nach Budapest habe reisen müssen. Ich bekomme es schon noch heraus. daß wir mal als dumme Narren dastehen. Kroaten und Slowenen beraten lassen. wie er immer tut. Es werde noch Mühe und Geld kosten. Er erzählte ruhig und sorgenvoll wie immer. daß die Sache grundsätzlich perfekt sei. aber gib ihm nur kein Geld! Ich habe immer Angst.« Das Fräulein war mehr beleidigt als besorgt. Sic hätten von ihm über viele Dinge des neuen Staates der Serben. Herzegowiner macht Winkelzüge und bevor ich nicht einige Dinge überprüft habe.

Diese begann sofort ein Gespräch. sah sie sich von Angesicht zu Angesicht Jovan- ka gegenüber.geben oder ob und wie ihr schwerfallen. Wir werden ihm Daumenschrauben ansetzen. alles klar. Wahrist komme ich morgen.l(> . Hochstapler und gemeiner Kerl. daß du es scheinlich bist. Aber das Geld kannst du abschreiben. besorgten. und zwar so lebhaft und heftig. als sei sie eben erst darin unterbrochen worden. sie ihn abweisen sollte. Als tät anlangte. Ich muß mit dir sprechen. Ich habe gerade mit jemandem gesprochen. stieß sie vor der Universi- mit einer Frau zusammen. ihrer Angelegenheit kehrte sie Nach Erledigung den Regen- zurück. Am folgenden Montag hatte sie bei der Stadtbehörde zu tun. Ich gehe zu einem meiner Schulkollegen. um noch ein paar Einzelheiten zu überprüfen. Dein schöner Ratko ein Taugenichts. Das war an einem Freitag. wenn ich es dir Aber jetzt muß ich mich beeilen. Ich 2. Ratko jedoch verlangte nichts. der kalte Herbstsie mußte sie regen peitschte ihr ins Gesicht. doch hoffnungsvollen Worten. Und auch dir wird es klar sein. Bevor überhaupt zu einem Streit oder einer Entschuldigung kommen konnte. erzähle. ihn abzuweisen. die aus dem Tor herausschoß und sich in dem es schräg ge- haltenen Regenschirm verfing. »Gut. aber es wäre un- möglich.« Jetzt ist mir »Was?« »Alles. Und so endete alles mit lächelnden Blicken und ruhi- gen. Es würde ihm etwas zu geben. und schirm krampfhaft festhalten. Das Jo- Fräulein schämte sich ein wenig ihres Zweifels und war unzufrieden mit sich selbst und noch wütender auf vanka.

dann jage den Schlingel mit dem Besen davon. Auf Wiedersehen!« Und denen Jovanka verschwand unter den Leuten. daß sie endlich das getan hatte. habe all alles heraus. sie was Kraft und Sauberkeit betraf. Aber du bist die andere. wer dieser Ratko Ratkovic sie zu er- war und was für ein Leben er in Wirklichkeit führte. der platz gegenüber der Universität nur so Das Fräulein war ganz mit sie verwirrt. Während die. Alle und Fäden habe ich aufgeseine Streiche kenne ich jetzt«.bin die eine von den beiden Närrinnen. freudig. eisigen Regen überschüttete. setzte das Gespräch. Langsam und nur Mühe kam sie gegen den starken Wind mit einem feinen. rief sie fast mit ihrer kleinen. kam weder am nächsten noch am übernächdenn das wäre ein Verstoß gegen ihre Regeln gewesen. das sie vor der Universität begon- nen hatte. Nur ten Taugenichts für einen großen Patrioten. aber kräftigen Faust. die Unordnung und Überraschung hießen. was sie zu Beginn dieser Bekanntscliaft 227 . immerzu auf den Tisch schlug. die den größ- und Lügner dieser Erde unterstützt und und Menschen der Zukunft gehalten haben. von es trotz des schlechten Wetters zwischen den hölzernen Buden und Ständen auf dem großen Marktwimmelte. »Ich deckt. voran. eher die Faust eines Lehrjungen als die eines Fräuleins hätte sein kön- nen. Soldaten soviel für heute! Und wenn dieser schöne Mann deine Schwelle überschreitet. als hätte sie es nie unterbrochen. Dafür erschien sie am dritten Tag in aller Frühe und Jovanka sten Tag. begann zählen. Aus Jovankas bilderreicher und nach Art der Gaunersprache knappen Rede ergab sich. fort.

einen jungen Professor und einen Industriellen. was man ihm geliehen hatte. Allerdings hatte hauptsächlich von ser trockene. das zurückzuzahlen. ohne sofort zu ihnen und im Zusammenhang damit zur ganzen Welt Stellung zu nehmen. und die- wortkarge Mensch war nicht im geringsten interessant. bildhaft und ermüdend zu beschreiben. Die Angaben. Sie hatte zwei Landsleute Ratkos ge- funden. Beide waren ungefähr so alt wie Ratko. waren ihm während des letzten Krieges begegnet und hatten ihn jetzt in Belgrad wie- dergesehen. ohne den Erzähler in seinen Reden und Bewegungen nachzuahmen und ohne seine Persönlichkeit und das Milieu. stimmten völlig miteinander überein und waren wahre Entdeckung. die sie von ihnen erhalten hatte. Deshalb Grunde war er nen Altersgenossen geschätzt. Er liebte es. und zwar handelte es sich dann stets um bedingungslose Zustimmung oder äußerste Mißbilligung.unterlassen hatte. Ebensowenig war sie imstande. seinen Freunden aus einer Verlegenheit zu helfen. Als 221 . Ratko war der einzige Sohn einer armen Familie und zur Verschwendung und nannten ihn seine Freunde Graf. Im ein guter Kamerad und wurde von sei- zeigte schon in frühester Kindheit einen seltsamen Hang zum vornehmen Leben. aber dafür verstand er es auch nicht. jemandes Mitteilung wiederzugeben. Faulheit. kannten ihn von Jugend auf. Folgendes wußte sie zu berichten. Allein diesmal war sie so aufgeregt. und bestand nicht auf Rückzahlung. daß sie zuerst die für sie eine nackten Tatsachen erzählte. Naturgemäß konnte Jovanka keinen Menschen kennenlernen und keine Tatsache erfahren. sie sie dem Industriellen erfahren. in dem er sich bewegte.

doch es konnte keine Rede davon er sein. einer der beiden war Ratko. tet wurden auch sie ohne Gerichtsverhandlung Niemand wußte recht. aber nicht um an der Front zu kämpfen. ungeordneter Lebensweise und unerlaubter Manipulationen mit fremdem Geld ausgeschlossen. Dort nahm er Verbindung zur englischen Intendantur auf. Mehrere Male reiste er mit einer Kommission nach England. bekommen Die Angebote. Als 19 14 der Krieg ausbrach. Der Vorfall geriet jedoch bald in Vergessenheit. die dem Finanzministerium 22C) . die man in österreichische Uniformen gesteckt hatte. Sie bezahlten ihn »pro Stück«. mitzunehmen. warum sie verhafund dann wieder freigelassen worden waren. daß er die Vertretung irgendeiner größeren Firma sollte. Darauf fuhr er mit einem Ungarn nach Budapest und kehrte ein Jahr später als Agent einer Fahrradfabrik nach Mostar zuilick. für jede einzelne Arbeit. das heißt.wurde er aus dem Gymnasium in Mostar wegen mangelnden Fleißes. zu den Russen überzulaufen und eine ganze Schar serbischer Soldaten. sondern um der Intendantur zugeteilt zu werden. Von Rußland kam er nach Saloniki. Doch kurz vor Kriegsende kamen und zwei Unteroffiziere einige Unregelmäßig- keiten in der Intendantur ans Tageslicht. er in der sechsten Klasse war. Ein Offizier wurden verhaftet. denn er verstand Motorfahrzeuge und sprach englisch. Im Jahre 191 5 gelang es ihm tatsächlich. Hier in Belgrad leistete Ratkovic in der Tat einigen englischen Unternehmungen sich auf kleinere Dienste. mußte er mit seinem Jahrgang zum Militär und wurde an die russische Front geschickt. Es war ein gefährliches und kühnes Unternehmen. Nach lonikifront dem Durchbruch durch die Sa- freigelassen.

in eine der gesellschaftlichen Kategorien eingeordnet zu werden. Im Gegenteil.und dem Bauministerium eingereicht hatte. Eine Ansammlung von Menschen. den ersten Pionieren der Korruption. denn kein Mensch würde ihm je Ware anvertrauen und Krehatte er überhaupt keine richtige weder die entsprechende Ausdauer noch den nötigen Ernst. Eigentlich und bestimmte Beund würde sie auch niemals haben. aus Belgradern und Leuten von jenseits der Save und Donau. die nichts verband als eine vorübergehende Zechbrüderschaft. Maklern und zufälligen Gästen. Unterhaltungen und Vergnügungen aller Art. wie sie jetzt überall in der Hauptstadt. Es war eine gemischte und bunte Gesellschaft. In letzter Zeit war er jede Nacht mit derselben Gesellschaft in einem dit geben. im Auftrag eines anderen. die Nächte in lustiger Gesellschaft zu verbringen. als stammte er aus adeligem Hause. die noch darauf warteten. war zahm und manierlich. aufschoß und 230 . Er war einer von jenen Menschen. er hatte ein gutes Herz. be- stehend aus Politikern und Geschäftsleuten. der eine fiktive Offerte brauchte. aus Rechtsanwälten. damit seine wirkHche Offerte schäftigung um so mehr Erfolg hatte. Auch jetzt war es außer diesen mehr oder weniger unnützen Besuchen in den Ministerien seine Hauptbeschäftigung. Im Grunde war Ratko kein schlechter Mensch. machte er ohne Zweifel auf fremde Rechnung. sondern ihr Leben hindurch mit sich selbst und der ganzen Welt spielen. aber er war leichtsinnig bis zur Gewissenlosigkeit und ein großer »Liebhaber« von schönen Frauen. die niemals ruhig und ernst werden. dazu hatte er Separee des »Kasinos« gewesen. gleich wildem Gras am Wege. Zeitungsleuten.

Der Stern dieses Kabaretts war eine Pariser Diseuse eine Frau. Singend stieg sie ins Publikum herab. Auf jeden Fall bestanden enge Bindungen zwischen ihr und ihm. Dann war nach Budapest gefahren. weder Stimme noch jugendliche doch dafür viel Charme und Geschick besaß. Sie trat als Blumenmädchen im spanischen Kostüm auf und sang ihr Lied von den Veilchen. lebhaften Reklame. Alle Belgrader Zeitungen brachten ihr Bild zusammen mit einer wirkungsvollen. Nach seiner Ankunft in Belgrad hatte er ihr bei dem ungarischen Juden. die namens Carmencita. Die Säule dieser Gesellschaft. Er hatte sie in Biarritz. die 231 . daß der Platz nie ausreichte. Engagement verschafft. zuverlässigen Angaben. Die einen sagen. wo er im Herbst gewesen war. Aber auch ohnedies strömten so viele Leute herbei. daß er jetzt an ihrem großen beteiligt sei. Frische. sozusagen ihr Präsident. das die Belgrader Lehrburschen schon auf allen Straßen pfiffen. Belgrad bereits eine Kanzlei eröffnet hatte war ein Rechtsanwalt von drüben. kennengelernt und mit ihr ein Verhältnis angeknüpft.wucherte. Hier war vor vierzehn Tagen das erste Belgrader Nachkriegskabarett eröffnet worden. So lauteten die trockenen. die anderen. sie um Carmencita zu erwarten Einkommen und zu überreden. der in und die ver- schiedensten Geschäfte betrieb. nach Belgrad zu kommen. der das Kabarett im ein »Kasino« er leitete. daß er ihretwegen in Schulden gerate. verteilte echte Veilchen unter die Besucher und erhielt für jedes Sträußchen von den fröhlichen Gästen größere Geldscheine. Ratko Ratkovic hatte diese Carmencita nach Belgrad gebracht. und gaben das Geld mit vollen Händen aus.

Deshalb fühlte sie jetzt und bis in das Bedürfnis. aber nicht die Gelegenheit haben. sich in ausreichen- dem Maße vom liebte er es. doch was er sprach.) Er Men- war schlank und blaß wie ein Einsiedler. Er lebte bescheiden und zurückgezogen. diesen jungen Mann hier unter ihre Fittiche zu nehmen und ihm mit Hilfe ihrer Beziehungen auf der Universität und in der Gesellschaft den Weg zu ebnen. übermäßig auf einem bestimmten Gebiet arbeiten. Katheder oder in der Presse zu äußern. war sie. vom die Wie alle Leute.jener Industrielle Jovanka gemacht hatte. vollen- Der Professor aus der Herzegowina war der dete Typ eines interesselosen jungen Mannes und ehrsamen Gelehrten. die vielen Lesen übermüdet waren. aufgebracht über Ratko und seinen Betrug. Ein dichter. treuen Augen. seine Erzählung zu wiederholen ihn wie auch den ganzen Verlauf des Gesprächs alle Einzelheiten zu schildern. kurzer Schnurrbart bedeckte seinen Mund. Nicht wissend. warum ihn Jo- 232 . viel und lebhaft zu sprechen. bereits entschlossen gewesen. Und während sie noch seinem mit leiser Stimme vorgetragenen Bericht gelauscht hatte. ganz der Wissenschaft ergeben. borstige Brauen ragten wie ein Vordach heraus und beschatteten die kurzsichtigen. Der Professor hatte bei Jovanka einen sehr guten Eindruck hinterlassen. Das alles war im allgemeinen auch von dem jungen Herzegowina Professor aus der bestätigt worden. war wie gedruckt. einem Ethnographen und künftigen Universitätsdozenten. (Sein spezielles Studiengebiet war die Psychologie des dinarischen schen. Jovanka hatte sich vor einigen Tagen mit ihm bekannt gemacht. um genaue und unmittelbare Auskünfte über Ratkovic zu erhalten. und starke.

Jene beiden Charaktere in diesem einen Menschen stoßen zusammen und mischen sich in so vielen Verbindungen und Zwischenforaien. Es gibt hier viele Sie. daß sie nicht nur die Umgebung. unlösbar verbunden. ohne Schluß übertrieben und im Grunde ungenau und ungerecht ausfällt. man- gelhaft ausgeglichenen Milieus charakteristisch sei. analysierte er vor ihr den Fall Ratkovic völlig objektiv und ohne jede böse Absicht. »Es ist ein recht komplizierter und bis jetzt wenig erforschter Typ.vanka über seinen ehemaligen Schulgefährten ausfragte. über seinen moralischen Wert und gend ist die wahre Bedeutung seines Tuns. nein. der eine trocken ins Wort. als wollte sie die wissenschaftliche Prosa für irgend jemand in eine klare menschliche Sprache übersetzen. fiel ihm Jovanka in leben. Menschen nebewußt tapfer und ehrbar. zwei ist ihm beneinander.« »Ein Halunke und Feigling ist er«. wobei er ihn bald als ein charakteristisches Beispiel für die Irrungen eines auffaßte. verstehen Sie mich nicht die jeder Nuancen und Vorbehalte. und so lebt er in völliger Unwissenheit über sich selbst und seine Charaktereigenschaften. ich bitte falsch. Und in dieser Zeit entsdieidet es 233 . »Nein. sondern auch die betreffenden Menschen selbst täuschen können. Die Ju- die kritische Zeit für einen solchen Menschen. wie Kriegs- sie für die und Nachkriegsverhältnisse eines neuen. Sein ganzer Charakter neigt nach der einen oder der anderen Riditung. »Es gibt so einen dinarischen Typ«. Menschen vom mediterran-dinarischen Typ bald als eine allgemeine Erscheinung. der andere unbewußt furchtsam und moralisch defekt. schloß der Professor seine Erklärungen zum Fall Ratkovic.

erscheint wunderbarer Ausbruch von Kraft und was sie erleben und ringsum erblicken. als erzählte man einem Blinden etwas vom Licht und von den Farben. Ein gleiches Schicksal war auch den übrigen Erklärun- gen allgemeiner Art beschieden. Das ist kein Staat. schon entschlossen. Leben auf dem Wege aufopferungsvoller Arbeit bewegt oder ob er für immer ob er sich sein ganzes den Weg des Lasters und der Faulheit beschreitet. als ein ihnen unerwartetes Geschenk. mit denen der Professor die außergewöhnlichen Verhältnisse darzulegen versuchte. als et- was. unter denen die moderne Jugend aufwuchs. Lauter Glüdcsspieler und Müßiggänger. sondern ein Irrenhaus. Professor«. erscheint den jungen Leuten ihre als das. um ein sieghaftes. Mit diesen Worten beendete Jovanka mit die Aussprache dem Prof essor.« Vor Jovanka von Nuancen und Vorbehalten beim Denken und Reden zu sprechen war dasselbe. nämlich als eine kurze Zeitspanne in der natürlichen Entwiddung einer Gene- sondern als eine besondere Gabe Gottes. was sie ist. ausnahmsweise. vom Himmel auf die Erde ge- als ein Schönheit. die nur einmal. ant- wortete Jovanka auf alle gelehrten und spitzfindigen Erklärungen des jungen Wissenschaftlers.« was das ist.« »Idi weiß. »In solchen Zeiten«. »Ein Schuft ist das. trot- Leben ohne Maß und Grenzen zu leben. erklärte der Professor. fallen ist. »unmittelbar nach so langen und schweren Jahren des Blutver- gießens und Leidens. ihm ihren Schutz zu gewähren und im Kampf gegen die alten Pro234 .sich. Jugend nicht ration. sage ich Ihnen. Alles. das durch einen verrückten Zufall aus der allge- meinen ziges Sintflut gerettet wurde.

Alles. die «wie Mumien« den jungen Kräfvon ihm das Geld ten den Zutritt zur Universität verwehrten. es ist am besten. Aber es wäre leichter gewesen. gegen dieses Geschöpf. unlief ihr bald über den Hals. Und je ärger das Urteil und je unangenehmer die Reden waren. daß Jovanka sich irre.fessoren zu helfen. und immer mehr hatte sie das Bedürfnis. wenn es was das Fräulein tun konnte. gleichzeitig wurde sie ganz starr von der großen Willensanstrengung.« »Mit ihm sprechen?« unterbrach Jovanka sie mit hei^35 . die sie über Ratko gewesen. alles wäre ihr recht wenn nur das. aber zuvor wollte sie Ratko Ratkovic entlarven. ihm »die Und dann straße. um so tiefer drang der Schauder in sie ein. bald über Sie den Rücken und drang immer tiefer in den Körper ein. Während Rajka ruhiger Schauder die ausführliche Erzählung Jovankas anhörte. ihn gegen diese schreckliche Jovanka. Ich denke. war. nicht der Wahrheit entsprach. Hölle heiß machen«. zurückverlangen und. wünschte sehnlichst. durch nichts diesen Wunsch zu verraten. ihn gegen ein ganzes Heer von Staatsals anwälten zu verteidigen hitzig war. und sei es gegen den Augenschein. was Jovanka sagte. gegen alles und jeden. »Wir müssen abwarten. Ein kalter. daß sie getäuscht worden sei oder lüge. schaute sie verlegen beiseite. zu verteidigen. daß sie von Zeit zu Zeit ein unbestimmtes Wort des Zweifels zugunsten des armen Ratko äußerte. wenn wir mit ihm sprechen. ging sie auf kürzestem Wege in die Stig- um mit dem Fräulein die nächsten Schritte zu besprechen. und wahnsinnig. was noch wichtiger war. hörte. wenn haßte. das es liebte.

Bist bist! Stimme. Und das Fräulein schwieg. jenseits jeder Wirklichkeit. der noch nie einen eigenen Fehler zugegeben hatte und der imstande war. denn sie hatte ihn zu ihr geführt. Antwort auf. den ersten Wechsel zu unterschreisie ihr sagen. sie sie Das wollte konnte es beweisen. sie gedrängt. sie sich. wenn du stieg in schon nicht glauFräulein auf. was für ein Ausbund an Tugend dein schöner Ratko ist. damit du es siehst und hörst und dich selbst überzeugst. Deshalb führe ich dich noch heute abend hin.« dem und liche zugleich drängte sich ihr die logische und natürsei. Das habe ich gewußt. doch wenn man ihnen gegenüberstand. flüssiger Lava.serer losen Hochstaplern. es zu tun. Diese Worte standen über aller Lüge und Wahrheit. schien und einen Augenblick einem nichts leichter und facher zu sein. ben willst. ihn so sehr gelobt und empfohlen und ben. daß Ratko keineswegs der Ihie sondern im Gegenteil Jovanka gehöre. 236 Je mehr die einander wider- . war man ganz kraftlos und mußte ihnen ausweichen wie einem reißenden Bach glühender. damit du mit eigenen Augen siehst und mit eigenen Ohren hörst. was andere Leute Ein Gefühl der Bitterkeit dir sagen. und trotzdem fand sichts der nicht die Kraft. als die völlige Haltlosigkeit jedes ihrer Worte zu beweisen. obwohl ihr dieses Schweigen schwerfiel. alles auf der Welt mit frechen Worten zu überschreien. denn sie fühlte sich unbegreiflich schwach und gelähmt ange- Ausdauer dieses weit aufgesperrten Mundes. wadarein- ren eine unwiderstehliche Wirklichkeit für Wenn man hinterher allein bheb über nachdachte. »Ich spreche nicht mit solchen vaterlandsdu bei Sinnen? Wie naiv du Anscheinend glaubst du diesem Taugenichts noch.

der tagsüber in der Mühle eines ihrer Verwandten am Heumarkt half. Jovanka legte nun ihren fertigen Plan wie sie dem Fräulein Ratko in seinem Element zeigen wollte. Im »Kasino« den Nachtstunden als Elektromechaniker und »technischer Chef« ein gewisser Joska beschäftigt.sprechenden Gefühle der Empörung. das darunterliegende Separee beobachten. Dort würde Joska sie durch einen seitlichen Eingang hineinführen. Sie würden auch Carmencita sehen. dar. Sie hatte alles vorbereitet. als erzählte Jo- 237 . sich fand weder ein Wort noch ihr von zu befreien. das sie ihm gegeben hatte. Sie sie wunderte über ihre Schwäche. als wäre das jetzt die Hauptsache. Sie sprach mit unverminderter Begeisterung von den damit Einzelheiten dieses Planes. Am selben Abend nach elf Uhr sollten die beiden Frauen in den Hof des »Kasinos« kommen. die um diese Zeit von einem Separee ins andere ging und sich Geld schenken ließ. sie sich einmal überzeugte und mit eigenen Augen sah. Danach wollten sie sich unbemerkt und unerkannt zurückziehen. nicht aber die erlittene Enttäuschung und das verlorene Geld. aber die geringste Kraft. der verschämten Schwäche und der unverständhchen Zurückhaltung zerfleischten. wie sie gekommen war in waren. Mit diesem Joska hatte sie schon alles besprochen. in dem Ratko jeden Abend mit einer bunten Gesellschaft zechte und Geld verschwendete. ohne selbst gesehen zu werden. wie seine »Geschäfte« beschaffen waren und wohin das Geld wanderte. und sie könnten von einer leeren kleinen Galerie. sie um so weniger konnte sie der erbosten sich selbst Jovanka Widerstand leisten. Das Fräulein hörte sich das alles an.

darauf eingehen zu können. in denen Verschwendung und Ausschweifung aller Art herrschten. ich mag nicht gehen. Und hätte jemand sie gefragt. nicht aber von einem wirklichen Plan. aber schließlich gab sie all doch nach und willfahrte mit kaltem Widerwillen ihren Wünschen. Sie ging auf die erbitterten Vorschläge Jovankas nicht ein und glaubte auch nicht. Jovanka war wieder einmal Aus ihrem Mund sprühten unablässig Wörter. denen letzten Versuch. Du mußt! Wozu jetzt und jetzt. diese Ziererei? Soviel Geld nimmt uns der Vagabund ab sollen keinen Finger rühren? und betrügt uns. Warum denn nicht?« »Ich will nicht.« »Auf einmal. soll das heilten?« Jovanka explodierte wieder. der noch am selben Abend unter ihrer Mitwirkung ausgeführt werden sollte. so würde sie das als ein dummes. wenn du willst!« »Was ken ab. wenn du willst!<? Du mußt mitkommen. widersetzen. ob sie tatsächlich auf den finsteren Galerien irgendwelcher Nachtlokale herumschleichen wolle. wobei sich wie in einem großen Bündel Raketen ein Wort am anderen entzündete. sie krachten in ganzen Salven. sagst du: >Ich mag nicht gehen! Geh du. ihr ihre »in Weißglut«. Dann machte sie noch einen entschiesich dem sinnlosen Vorhaben zu »Weißt du was. Sie lehnte es auch ab. nur half Ablehnung nichts. beleidigendes und unglaubliches An- sinnen abgelehnt haben. und wir 238 . unter denen sich Rajkas Wille bog und jeder Gedanke an Widerstand fiel. »Ich laufe mir deinetwegen eine Woche lang die Hak- wo ich die Sache ins reine gebracht habe. Geh du. Jovanka.vanka ihr von irgendeinem sinnlosen Traum. wovon sie nicht einmal in Büchern zu lesen wünschte.

Von Ratko wurde nicht gesprochen. saßen beide in Wintermänteln da und sahen aus wie zwei arme Frauen. aber zuerst will ich. spürte das Fräulein in der Tiefe ihrer Brust wieder jenes halberstorbene schmerzliche Gefühl des Verlustes und Bedauerns. Während Rajka sorgfältig das Tor verscliloß und 239 . daß sie wirkhch in später Nacht durch zweifelhafte Kaffeehäuser spazieren würde. die Dummheit einem Betrüger so viel Geld gege- ben hatte. Du mußt dich überzeugen!« Als Jovanka das Geld erwähnte. Nach einer halben Stunde erhob sich Jovanka und schlug vor. Das Fräulein hörte ihr hüstelnd zu. während über ihr wie eine Peitsche der Befehl Jovankas knallte: Du mußt! Gegen zehn Uhr kam Jovanka in die Stigstraße und neben der Pforte. daß in ihrer sie diejenige sein sollte. Einige Zeit saßen die beiden Mädchen beim schwachen Licht einer einfachen Glühbirne und führten ein steifes Gespräch. die auf einer entlegenen Station vergeblich auf einen Zug warten. starke französische und erzählte dabei Einzelheiten aus dem Le- ben verschiedener Personen. schwach wie im Traum. daß du dich überzeugst. Da es kalt war im Zimmer. das immer wieder ins Stocken geriet. Draußen war eine stürmische.Der soll mir dafür bluten. sich auf den Weg zu machen. ebensowenig wie sie glaubte. hinter dem sie Licht sah. feuchtkalte Oktobernacht. wie sie schwankte und nachgab. die zur Zeit Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit und ihres Schutzes waren. Joklopfte an das Fenster vanka rauchte unablässig Zigaretten billige. Aber sie fühlte schon. Sie konnte nicht glauben. um ihr zu öffnen. Das Fräulein ging hinaus.

die auf ihren kurzen. das die sich plötzlich öffnete. Das Fräulein hielt sich an Jovankas Arm fest. das sie mit einer breiten Bewegung ihres ganzen Körpers auf den Hof schüttete. Mit schwerem. Die beschlagenen Fenster deuteten darauf hin. spielten und sangen.besorgt auf die Fenster des Hauses schaute. Es war fast Mitternacht. schmutzigen AleksandrovaStraße. zitterte sie vor Kälte und verborgener Schritt Erregung. als sie auf die Terazije kamen. kam eine kräftige. Es roch hier nach fetten Speisen und nach Stallungen. Geigenspiel und Stimmen. bogen die bei- den Mädchen des »Kasinos«. tranken. das sie zu so ungewöhnlicher Zeit verHeß. Aus einer Tür. die Rufe und das Klappern von Tellern Gezänk der Köchinnen und Hausburschen und und sonstigem Geschirr. eins stand offen und ließ dichten Dunst hinausströmen. drang der dumpfe Lärm von Liedern. die aßen. auf Aus dem Gasthaus »Topola« und den übrisich hier. kräftigen Beinen dahinschritt wie ein Rekrut. füllt daß all diese Räume von bezechten Menschen er- waren. Aus der Küche hörte man das Schreien der Kellner. am Ende der beiden Seiten befanden. Mühsam gegen den Wind ankämpfend. um die Ecke und verschwanden im Tor Der dunkle Hof wurde nur von einem Küchenfenster aus erhellt. rotwangige Frau mit einem sie riesigen Topf in den Händen und hätte beide fast mit dem Spülwasser übergössen. die ihre Bestellungen aufgaben. langsamem ging sie über das aufgerissene Pflaster der nur schwach beleuchteten. gen eingeschossigen Cafes. Sie taumelte und mußte sich an Jovanka festhalten. Hier war es schon heller und lebendiger. die Aleksandrova-Straße. Sie traten in einen engen Gang und 240 .

Wieder waren sie in einem fast dunklen Raum. hinter ihr her und stieß dabei immerzu mit den Ellbogen und nen. bei den Logen«. Jovanka zog sie ein wenig auseinander 241 . Man spürte den übvon ungelüfteten Räumen. von Staub und stie- Karbid. Fässern. Hier hingen tatsädilich Vorhänge aus schwerem Tuch. sich Das Fräulein schaute verlegen vor nur. und irgendwoher aus der Rufe und das Klingen von Glädie beiden Frauen auf Auf Zehenspitzen gingen das Licht zu. Das Fräulein hüpfte durch ein paar halbdunkle. und er führte sie sofort an das Ende des Ganges. schroff len Geruch Knien an unsichtbare Gegenstände. schmale Räume. Nur im Hintergrund schimmerte wie durch irgendwelche Vorhänge ein schwacher Lichtstreifen. antwortete eine Knabenvoraus. Das Fräulein glaubte auf seinem Getrug einen schmierigen Arbeitsanzug sicht einen leicht spöttischen Zug zu bemerken. Jovanka und er begrüßten einander. einem langen. er ßen sie in und hatte die Ärmel bis zu den Ellbogen aufgekrempelt. Der Mann öffnete behutsam eine schmale Tür und ließ sie beide eintreten. so et- was wie das Lächeln eines Erwachsenen.stiegen eine kümmerlich beleuchtete Treppe hinauf. besser beleuchteten Gang auf einen Menschen mit rotem Haar und Schnurrbart. wie Jovanka jemand fragte: hin und hörte »Wo ist Joska?« »Oben stimme. mit zusammengebissenen Zäh- Jovanka keit eilte und finster wie eine Göttin der Gerechtigund Rache. die mit Kisten. Wandschirmen und Kulissen verstopft waren. Als sie das erste Stockwerk erreicht hatten. der an einem Kinderspiel teilnimmt. Tiefe drangen fröhliche sern.

Ohne zu atmen und ohne zu wissen. Aus dieser ungewöhnlichen Perspektive gesehen. Sie wußte nun. Zuerst war sie so aufgeregt. sah sie unter sich einen schmalen Raum. wirkte die ganze Szene sinnlos und unwirklich. den ein langer Tisch mit Tel- Gläsern und verschiedenen Speisen fast ganz aus- Um den Tisch saßen fünf bis sechs Männer. wer sie war und wo sie Einige aßen ständig etwas sich befand. und tranken dazu Wein aus dünnen Gläsern. die Bewegungen und die Stimmen. daß alles vor ihren Augen flimmerte. von dem ihr Jovanka erzählt hatte. verfolgte das Fräulein dieses Trinkgelage der schon reichlich bezechten Männer. und sie konnte jetzt alles wie auf einer Kinoleinwand verfolgen: die Personen. aber als sie sich etwas gefaßt hatte. Auch die übri- gen schrien etwas. dann das Fräulein wortlos an ihre trat sie Stelle. Durch die schmale schwere. aber alle Augenblicke warf er den Kopf zurück und brach sie in ein breites.und schaute hinunter. begann sich auch das Bild vor ihr zu beruhigen und klar abzuzeichnen. lachten Tränen und klatschten in die Hände. lautes Lachen aus. Die warme. Das verlieh seinem Gesicht einen glückselig-blöden Ausdruck. daß sie sich auf der Galerie befand und daß unter ihr das Separee lag. Zuerst erkannte sie unter den füllte. den Blick senkte. zurück und schob Öffnung sah sie zuerst nur grelles Licht und in der Ferne eine weiße Wand. Als lern. wie ihn noch nie an ihm bemerkt hatte. schwenkten grundlos mit den Armen. rauch- und dunstgeschwängertc sie Luft drohte sie zu ersticken. größtenteils recht beleibten Männern das helle. Er war ruhiger deren. fast als die an- knabenhafte Gesicht Ratkos. Obenan saß ein 242 .

wenn man diesen Lärm der durcheinanderschreien- tosenden. dessen Gesicht vom Trinken »Laßt ihn doch!« »Vorwärts. Dichter. 243 . schwarzem Haar und vollem. als ich noch zur Schule ging«. Er war der Ruhigste von allen und wischte sich bloß von Zeit zu Zeit mit einem großen Taschentuch den Schweiß von seinem dicken Hals. blasam Ende des TiBlatt Papier in der sches erhoben hatte. >Das schon besser ist der Rechtsanwalt von drü- ben<. »Nun los. fröhlichen den Stimmen. Jetzt vermochte sie auch dem Gespräch zu folgen. benützte der kräftige Dichter diesen Augenblick verhältnismäßiger Ruhe. sagte der Rechtsanwalt mit seiner langsamen. kleiner. zu Wort zu kommen. der sich einem vollen. überschütteten einander mit Lachen und Lärm einen Satz zu Ende führen. daß wir auch das erleben. vorwärts!« Völlig nüchtern gerötet war. während einige noch immer sprachen. Was haben wir schon davon! Verse habe ich nicht mal gemocht. um. gestutztem schwarzem Schnurrbart. in süßlichem Bariton sein Gedidit vorzutragen. aber die Leute unterbrachen sich gegenseitig. »Laßt doch mal den lichen und ließen niemand Mann das Gedicht vorlesen«. dachte das Fräulein. weich- Stimme und winkte mit großer leutselig sen Mann Brille. und schußbereit wie ein entsichertes Gewehr. Sie verstand jedes Wort. rief ein lebhafter. des Lachens und Jauchzens überhaupt ein Gespräch nennen konnte. aßen und mit den Gläsern anstießen.Dicker mit gelblicher Hautfarbe.« »Bleib bloß sitzen. untersetzter Mann. jetzt mit einem Hand dastand und vergebens darauf wartete.

ker bist. hat den Wunsch. wenn du nichts davon verstehst. schweigen Sie!« du betrunkener Narr. sehr sorgfältig gekleideter Mensch. Pardon. er ist nicht in einer solchen Gar nichts verlangt er von uns. um alle Welt! Wenn du auch Apothe- das ist zuviel. Wie der Sturmwind. meine Herren«. ist der Atem meiner Stadt. . der nie Verse gemocht hatte. ritzen ein der Sterne Bild. Er ist unser erster kosmischer Dichter. dienen!« »Pardon. und laß den armen Kerl einige Para ver»Setz dich. fern zu der Planeten trägt sie kühn die Bahn hohen Bogen . im Gegenteil. tiger. »Ach.« »Genug. Untersetzte. . »Pardon. BELGRAD du über den zwei Flüssen. genug. Und heutzutage. uns einen seltenen Genuß zu bieten. Über alles sich erhebend. Stimmen wurden gegen ihn laut: «Bitte. frei.« 244 . ein Mißverständnis. schrie jener Kleine. rief ein schmäch- langhaariger. ich pfeife auf dein Gedicht«. und unterbrach ihn. Linien düstrer Schatten stürzen. ihrer künft'gen Baukunst hin . Es geht hier nicht um Gelderwerb. da auch wir in die kulturelle Sphäre eintreten .Stadt. Bis der reitet Neumond silberglänzend durch den Sternenhain. launisch. Unser Freund Lage.

begann und Gedidite. auf der das 245 . Mir kann keiner imponieren! Nicht mal der liebe Gott! Hast du verstanden? Und deinen Wirr- kopf da will ich nicht hören. und sie achten. voller Kehle: ich bitte Sie. Alle wandten sich dem unsichtbaren Eingang zu. daß er Apotheker war. von dem man jetzt wußte. Ein allgemeines Gelächter war die Folge. von Beruf Zollmakler war. starker Baßstimme. und rannte mit ausgebrei- Armen um den »Warum sollen wir ihn achten? Ich achte niemand! Damit du es weißt! Ich bin aus Palilula. wie man dem Gespräch entnehmen konnte.»Laßt den Dichter sprechen!« »Nanu. schüttelte sich vor Ladien und wischte den Schweiß aus dem Nacken. was die übrigen sagten. Bei ihrem Geschrei hörte man nicht. lassen Sie die Poesie in Ruhe! Die Dichter sind höhere Wesen. der ein lauter Streit über Kultur sich irgendwo unter der Galerie befand. Aber plötzlich brach der Lärm ab. als terpack mitgebracht.« man muß »Was. der Verse mochte und der. wäre er soeben aus dem Schlaf erwacht. Aber der langhaarige. wer hat uns denn heute abend dieses Dichum uns die Stimmung zu verderben?« fragte einer mit ruhiger. Ich will nicht. Du verstehst doch Serbisch? und damit basta!« Der Rechtsanwalt mit der Hand sich am oberen Tischende winkte bloß ab. was?« teten rief der Kleine Tisch. und das Gespräch hörte auf. schmächtige Stutzer. Er stand auf und schrie aus »Meine Herren. Feierlich und weiter- hin ernst setzte sich der Dichter nach kurzem Zaudern auf seinen Platz und faltete das Papier zusammen. Zwi- schen keine dem Apotheker und dem Mann aus Palilula. blieb hartnäckig.

In einem kostbaren. konnte man hören. ihr Lied leise vor sich hin zu singen. die zu kleinen Sträuß- chen zusammengebunden waren. In der ausgestreckten linken Hand hielt sie einen flachen. kauft von armer Carmencita blaue Veilchen. das einen ebensolchen Korb trug. Während sie fortfuhr. ihre Bewegungen. wirkten armiutig und sicher. ihre Aussprache oberflächlich und undeutlich. In Haufen großer Geldscheine. verstummt war. daß sie ewig treu euch bliebe diese Nacht. weiten.Fräulein stand. mit einer hohen spanischen Mantille aus schwarzen Spitzen auf dem Kopf und steifer einem großen Veilchenstrauß mitten auf der Brust bewegte sich Carmencita langsam durch den Raum. nahm sie 246 . Pfand der Liebe. auf ihre Krinoline gestützten Korb. Bevor sie den Tisch erreicht hatte. und euch lacht noch Ihre Stimme war schwach und fein. Das Fräulein preßte krampfhaft beide Hände zusamlag ein ganzer Erst jetzt. daß Carmencita leise ihr Lied sang. Hinter ihr kleines kam ein ihm Mädchen. angefüllt mit gro- ßen. rauschenden Kleid aus nußbrauner Seide. die dem Rhythmus des Liedes folgten. eines jeden Gesicht hellte sich auf und verzog sich zu einem Lächeln. Senorita. waren alle diese ungezügelten Männer zahm. tiefdunklen Parmaveilchen. und zwar mit einem mechanisch eingeübten serbischen Text: O Seüor. da der letzte aus der bezechten Gesellschaft men und bohrte ihre Fingernägel in die Vorhänge.

Ratko! Voyons. beugte rigen er sich vor. mechant gars!« Die Creme und die starke Schminke sowie das gewohnte sichere Lächeln der erfahrenen Tierbändigerin gaben ihrem Gesicht einen glänzenden Scliimmer. Lächeln und herrliche Sorglosigals wüßte sie nichts von der Existenz dieses Mädchens und ihres Korbes. glockenheller Stimme: »Laisse-moi tranquille. Ganz Musik. Als sie fer- 247 . Mit einer anmutigen. Es gelang ihr nur mit Mühe.Veilchensträußchen heraus und steckte sie der Reihe sie nach einem jeden von ihnen ins Knopfloch. mit ihrem weiten Kleid aus rauschender Seide zwischen den Stühlen und der Wand hindurchzukommen. um sich wie die üb- von ihr schmücken zu lassen. der keine Verse mochte. Nachdem er seinen Geldschein in den Korb geworfen hatte. geschickten Bewegung zog sie ihre Hand zurück und befand sich im Nu auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches. Nur Ratko benahm sich freier und natürlicher. sah Carmencita aus. Der Kleine. Alle machten ihr Platz und betrachteten sie voller Bewunderung und Ehrfurcht. setzte ihr leises Lied fort und bedachte auch die anderen mit Veildien. starrte auf einmal ganz winzig sich hin. riß er aus seiner Geldtasche zwei Handvoll Banknoten und warf sie mit einer plötzlichen Bewegung dem kleinen Mädchen zu. und zahm vor und um seine Verlegenheit zu verbergen. ihn bis zum Ellbogen mit Küs- Carmencita unterbrach ihre leise Melodie und sprach mit lauter. chen trug. laisse-moi passer. den das kleine Mädkeit. aber warfen Geldscheine in den Korb. dabei ergriff er ihren Arm und überschüttete sen. Carmencita lächelte mit den umschatteten Augen und den weißen Zähnen in ihrem Porzellangesicht.

in einen Abgrund. durch die Luft flogen. als ihre er- auch diese Sprache. die wie Funken. verbeugte sie sich theatralisch vor allen und ver- schwand mit ihrem Lied und dem kleinen Mädchen. Das Tuch des Vorhangs. und Verrat. als stünde es in Flammen. Doch in ihrem Nacken 248 . sondern über einem Abgrund zu schweben und sich nur krampfhaft an diesen Vorhang zu klammern. ganz gleich wohin. an die sie sich klammerte. so lebendig und ungezwungen.tig war. schien ihr als der lebendige Ausdruck einer Sittenverderbnis. wo sie dieses Bild nicht vor Augen hätte. zu Halsketten und blitzartigen Schwärmen aneinandergereiht. welches das Körbchen mit den Geldscheinen trug. fremde Sprache. Ratko rief ihr ein und mit glühenden Augen noch paar französische Worte nach. denn sie glaubte keinen Boden mehr unter den Füßen zu haben. Das Zuwerfen des Geldes. das sie mit den Händen hielt und an ihre Wangen drückte. schwerfällige bosnische Aussprache. die so ganz anders war eigene heisere. das ihr häßlich. als der Tiefpunkt von Ratkos Sie dachte daran. dumm und niederträchtig zugleich vorkam und das zu Ratkos Gesicht gar nicht paßte. und zu Boden zu fallen. das breite Lächeln. war so heiß. aber sie wagte nicht. voll heller Vokale und scharfer Redewendungen. alles war so schmachvoll und häßlich. es loszulassen. Auch die ihr unbekannte. alles. die schamlosen Küsse auf Carmencitas Arm. die nichts von ihrer Fall Sünde wußte. daß es ihr weh tat. die und Vorhänge loszulassen. lächelnd hastig In diesem Augenblick schien sich vor der ganze dem Fräulein Raum mit der bezechten Gesellschaft in Ne- bel aufzulösen. nur an einen Ort.

saßen die bezechten Männer auf ihren Plätzen. der in flachen Gläsern vor ihnen stand. Zorn vor ihren und Schamgefühl Augen ein wenig verflüchtigt hatte.oder zwei- mal einen Zollbeamten und bezeichnest. dir fällt es noch gehst bloß hin und schmeidielst ein weist nig deinem Hutzelweib dort irgendwo in der Stigstraße. wie ter es er zu un- Bezechten üblich ist. mit denen sie geschmückt waren. der keine Verse mochte.« »Schweig leichter. daß Carsaßen zwischen ihnen zwei Mädchen schön und einander ähn- mencita dort wie eine Spukerscheinung hindurchgegan- gen war. in gleichen Abendkleidern aus blaßgrüner Seide.« sie Allen versclilug es vor Ladien den Atem. beide blond. seine Tisch. Du du Schürzenjäger. Nur die Veilchen. so daß 249 . was aus Seide ist. aus lich Jetzt aber dem Variete. Brille Hände fuhren in Nur der Dichter aus dickem Glas unbeweglich da gleich einer Eule. bezahlen«. Dir fällt es leicht. runden sprach mit hoher Stimme. die jener Zoll- makler. sagte Ratko. Alle lachten über ein paar W^itze. »Du mußt den Champagner »Du. und auf einmal liegt dir ein Tausender unter dem Kissen. Als sich der Nebel von Blut. zum besten gab. zeigten an. und dieser Streit löste Salven allseitigen Gelächters aus. wie zwei Schwestern.spürte sie den heißen Atem Jovankas wie eine Mah- nung. still. Zwischen Ratko und dem Zollmakler war einem freundschaftlichen Streit gekommen. als Baumwolle. und das Geld da. er heftigen und Bewegungen über den saß mit seiner großen. Beide rührten mit hölzernen Stäb- chen im Champagner. Du bestichst bloß ein.

auch noch so kleine Hilfe und trotzige. während sie behende ihren Arm frei machte. wieder in Erst als sie dem dunklen Hof waren. Das beschämte sie so. den Vorhang los der ebenfalls Da ließ das Fräulein und fiel in die festen Arme Jovankas. daß sie sich mit schmerzlicher Willensanstrengung losriß und aus der Um- armung befreite. sie unerwar- tete Kraft erhob und unwiderstehlich antrieb. Eine wunderliche. zerstörerische was nach Trost und Kraft. Mitleid aussah. kam das Fräulein richtig zu sich und sah. von sich zu weisen. wo du mich am er- nötigsten brauchst? Nein. ich begleite dich nach Komm. 250 . nein. ganz langsam. entwand sich das Fräulein ihr wieder und sagte.stumm und wie gelähmt dasaßen. daß sie jeden Sturz bis zum Grunde fortsetzte. und Ratko zu drohen. und heilbringende sie jede die darin Rettung suchte. frischen. Ich schaffe es. erst dann begannen sie sich mit der Hand auf die Scheneinen Augenblick kel zu schlagen herzlich lachte. die sie in ihren Armen hielt und wie einen Verwundeten führte. Jetzt soll ich dich verlassen.« »Wie? Hause. ganz langsam! Die Luft wird dich blieb stehen. ich mit heiserer. schroffer Stimme: »Danke. daß Qual zu Ende führte. so daß man den Boden erreichte oder auf den Füßen landete und dort in Stücke zerbrach und sich wieder aufrichtete.« Das Fräulein fühlte sie. gehe allein.« Als sie vor das Tor gekommen waren. Obwohl völlig erschöpft. Aber Jovanka faßte sie wieder unter und flüsterte: »Wir gehen langsam. daß sie sich mit der ganzen Schwere ihres Körpers an Jovanka lehnte. wie sich in ihr plötzlich eine neue. jede alles.

mageren Frau. Sie war verwirrt. ich kann Peitschenhieb getroffen. laß mich! Ich brauche niemand.« Wie von einem vanka auf der Stelle kehrt und ging. aber unverständliche Rufe und lautes Gcläcliter hinter ihr. was ihr im Leben höchst selten geschah. ohne ein Wort zu verlieren. Langsam und nur mit Mühe — wie in einem Traum — kam sie gegen den Wind voran. sidi noch länger an diesen Pfahl zu schmiegen. das immer stärker wurde.»Danke. lehnte sie sich an einen eisernen Pfahl. mit scharfen Schritten durch die Fürst-Mihailo-Straße davon. Das Fräulein entfernte sich in entgegengesetzter Richtung. verwirrten 2SI . Um nicht zu fallen. nicht traute »Wie? Wie?« stammelte Jovanka. Sie hatte den Wunsch. nicht nötig«. die auf einmal nichts mehr brauchte. Der untere. Sie fand darin ein wenig Erleiditerung. klein und überflüssig vor dieser und stand irgendwie kläglich. sagte das Fräulein und stieß die kleine Frau grob von sich. daß sie ihre Kraft überschätzt hatte. machte Jo- alles allein. »Ja. gußeiserne Teil des war hohl und stellenweise von Granatsplittern aus dem vergangenen Kriege durchschlagen. Geh. Durch diese Löcher sauste und pfiff ein toller Wind. fühlte sie. an dem hoch oben eine große elektrische Lampe aus Milchglas im Winde schaukelte. die ihren Ohren und sich offenbar in ihrem Beschützerstolz gekränkt fühlte. doch als sie in die Aleksandrova-Straße einbog. und in dieses Pfeifen mischte sich ihr schwaches Weinen und Jammern. daß ihr die Beine den Dienst versagten und das Bewußtsein sie verließ. und die Pfahles Berührung mit dem kalten Eisen tat ihr wohl.

die ihr fortwährend in den Ohren gen. aber sie blieb nirgends stehen. er . die über der Straßenmitte hingen.«' »Fahren wir. denn klan- das grobe Gelächter der Kutscher und ihre unverständ- lichen Zurufe. Von Zeit zu Zeit zitterte sie vor Angst.sie. der Mensch 252 ist scheinbar wie die anderen Passanten. besoffen!« rief lakonisch ein dritter Das Fräulein nahm weiter. (Oft kann man Marm oder eine solche Frau durch die Straße gehen sehen. Für dreißig Dinar. Als sie sich von dem Laternenpfahl bemerkte sie. spöttische Bemerkungen machten und über sie lachten. als ginge sie diesen Weg zum ersten- mal und als sei die Nacht voller Trugbilder und Hinterso einen unglücklichen halte. Raum mit der bezechten Gesellschaft belosgerissen fand. Frauchen!« ist sie. So hatte das Fräulein den Eindruck. Der Wind schaukelte die wenigen großen elektrischen Lampen. Mit diesen Bewegungen schob sich zugleich auf dem kotigen und zerwühlten riesigen. Voller Angst überlegte sie. trieben sie vorwärts. Es war ihr. Sie fahren. in der Meinung. alle Kraft zusammen und ging Mühevoll und langsam war der Weg durch die lange Aleksandrova-Straße. die neben ihren Droschken mit den brennenden Laternen beieinander standen. sie hätten es mit einer Betrun- kenen zu tun. Lange watete sie so durch die Nacht. cheln sie könnte strau- und fallen. »Wir wollen »Besoffen Kutscher. ob sie sich nicht vielleicht noch in dem hatte. daß sich die Erde wellte und ihr unter den Füßen fortglitt. daß Kutscher. Pflaster das schwache Licht mit den unruhigen Schatten hin und her.

getragen vom Rhythmus eines inneren Zwiegesprächs. den argen Schaden sich. welches an daß in ihren reifen Jahren sie Onkel Vlado erinnerte. aber wenn man sich ihn näher beschaut. das als an einem Bild in einer an Onkel Vlado erinnerte? sie Als wäre all eben aus dem Schlaf erwacht. Haus erreichen wollte. Spiel daß sie sich mütterlich eines Hohlkopfs chers annahm und ihm wie im war als Blut und Landstreiund Scherz große Summen teurer Geldes in den Schoß warf. wirft nicht die Arme. Vor Scham docli ihre Augen blieben trodcen. wenn sie bei Verstand bleiben. hinriß. daß er von frischem Leid geschüttelt wird und sich wie ein Bhnder bewegt. das und kostbarer als das Augenlicht? Wo waren ihre Augen. ihre Erfahrung und ihr Verstand geblieben? Wie konnte sie sich von dieser unberechen- baren Intrigantin Jovanka leiten lassen. scharfes und wie ein furchtbar sie nicht Messer bohrte in ihr ein Gedanke. sieht man. darzulegen und zu entwik- Wie kam es. ein Lächeln. anrüchige Winkel aufsuchen und irgendeinem jungen der ihr nichts bedeutete Mann nachspionieren. weint nicht. den sich selbst klar einmal vor keln wagte. das ihn in diesem Moment in sie Span- nung hält und ganz ausfüllt. sah sie jetzt ihre eigene unverständliche diese Fragen und damit Torheit.) So taumelte durch die endlose Aleksandrova-Straße.spricht nicht. die nie ein Cafe betreten hatte. ihres Geldes. jetzt mit ihren grauen Haaren schmutzige. 253 . und wie konnte sie. diesen verwünschten Weg fortund lebend ihr und Wut weinte sie. und an dem ihr wirklich nicht Illustrier- mehr gelegen war ten. die sie und die große Schande vor Augenblick auch vor setzen am besten totschweigen oder wenigstens im sich selbst verbergen mußte.

und an alles erinnere was du mir aufgetragen und als Vermächtnis hinterlassen hast. aber nicht ich bin meinem Gelöbnis untreu geworden. weiß ich. mich genügend gegen alles beschützen 254 . so betrügen wir uns selbst. mit den Menschen auszukommen. so große. in einer stummen. ohne Worte. aber beredten Sprache. Aber was fruchtet das. strengungen derart verloren und hilflos bin. Vater. daß der Mensch mit seinen Anstren- gungen. unvorhergesehene Veränderungen und nicht geahnte Überraschungen. wenn sie dir von einer Seite kommen. wie ich mich abgemüht habe — in blutig schwerer Arbeit. von der du es nicht erwartest. vereint mit meinem Willen und meinen Anstrengungen. Mit diesem tränenlosen Weinen und diesen unaufhörlichen. sie zu verstehen. allem vorzubeugen und sich zu erhalten. Alles. was sie sich selbst nicht verzeihen konnte. und wie unmöglich. unausgesprochenen Sätzen wandte sie sich an jenes Grab in Sarajevo. zu begreifen. ohne irgend jemand zu leben. alles habe ich getan. große Hindernisse gibt es in der Welt. Verzeihe mir. um mich zu sichern. doch was nützt es. sondern die Welt hat mich verraten. die allein sie verstand. Und wenn uns niemand betrügt. daß ich nach so vielen Jahren und Antöricht erscheint. Alles ich mich. daß Lug und Trug in ihr mächtiger sind als das übrige. daß deine Worte. sonst entbehrte sie — wie das Greinen eines Kindes und eine verzweifelte Totenklage — jeder Logik und sichtbaren Verbindung zur Wirklichkeit. Ich dachte.und sie sprach zu sich selbst. wie >So schwer es war. wenn die Welt so beschaffen ist. denn nur im Zusammenhang mit ihrem ungewöhnlichen Leben hatte diese Sprache Sinn und Bedeutung. Du weißt. bat es. ihr zu verzeihen.

der wird getreten. die in den Menschen leben und über die ihr anderen keine Macht habt.< sich. aber auch von dieser Seite kam kein Echo und kein Trost. Aber dem ist nicht so. und vom Ledessen Mängel 255 . was ihm maskiert und verlogen naht. gegen die häßlichen. als etwas erwirbt. wenigstens ausnahmsweise? Anscheinend nicht. wie diese Welt und die Menschen in ihr sind. Jovanka und ihr Erlebnis nach. Sie beugte sich unter dieser Last. Vater. können begreifen als ben nichts anderes sehen und hören und ihre eigenen Klagen darüber. Sie fragte sich: >Kann dieses männliche Tier nicht für einen einzigen Augenblick rein und ehrlich sein. In dieser Welt gibt es ist schhmdu geahnt hast. aber sie fand keine Antwort. Deshalb wandte den Lebenden zu und dachte über Ratko. jagten einander und legten sich in ihr übereinander. Und sie konnte eine soldie denn wenn Leute wie sie nichts sie in Lage geraten. sie So ungefähr sprach das Fräulein bei sich beklagte wie ein Kind sinnlos über alles und jeden. geschweige denn.würden. daß sie ihrer Herr wären?< Immer schneller und lebhafter kreuzten sich der- artige Fragen. dem nimmt man es. gefährlichen und unerf orschlichen Triebe. Wer fortlebt. wer keinen Schutz und keine sichere Obhut. denn nicht einmal sie selbst kennen ihre sich kann Triebe richtig. Wer nichts hat. der sieht erst. die ständig wuchs. und sie je- schickte ihre Klage in die Ferne und an sie sich das Grab in ner Ferne. Es mer und schwieriger. Und niemand einem anderen ohne verborgene Absichten und Begierden nähern? Wie soll sich der Mensch da zurechtfinden und gegen alles verteidigen. sie nicht finden.

auf dem Schoß hielt. Sie schloß das Tor so langsam und ungeschickt auf. Sie wollte auch ihren langen schwarzen Mantel ausziehen. Es schien undenkbar. leichter und sprach mit niemandem mehr. und dennoch war es so. von dem sich der dünne Faden ihres Wehgeschreis abwickelte. Das hätte sie sich nicht träumen lassen. aber bei der ersten Bewe- gung verließen sich sie sie ihre Kräfte. sie war nur mehr ein Knäuel Leid. wurde ihr immer klarer. sah und erträglicher. aber fiel. Sie war ganz von einem großen Leid erfüllt. Sie sank in die Knie. Hier vermochte sie eben noch das Licht anzuzünden. zu stehen. wie ihr schien. daß die kleine Alte ihre große und knochige Tochter trug. Als sie aus der Ohnmacht auftauchte und wieder das Licht und das vertraute Zimmer um sich erblickte. Die Erde zog Aber größer und stärker des verlorenen Geldes war das Bedürfnis. als alles zu beherrschen. Mit dem Aufschrei wich dieses Leid wenigstens zum Teil von ihr und wurde. daß ihre Mutter auf dem Boden saß und sie.Als sie an der Ecke ihrer Straße anlangte^ blieb sie unbewußt stehen und bog in sie ein. daß ihr mit Kopf und Händen auf das Bett sie Es war nicht mehr möglich. qualvolle Selbstbeherrschung schwand jäh dahin. daß sie sich in einer sie ungewöhnlichen Lage befand. 2s6 . ob unerklärlichen plötz- und der lichen Blindheit aufzuschreien wie ein Verwundeter. Sie stritt sie. etwas zu sehen oder sich unwiderstehlich an. aber sich mehr und mehr zu kam. als sie Lange kämpfte gegen den Zweifel an. Auch wußte sie nicht. löste wie ein Krampf. als wäre es ein fremdes. wer sie war und wo sie sich befand. Rajka. und trat ins Haus. das wie ein sie nieder- dunldes Gebirge in ihrer Brust lag und drückte. Die ganze bisherige so.

mit Hand stützte sie den herabhängenden Kopf der Tochter. Mamas Mama ist bei dir.Mütter sind geübt in ihren Bewegungen und verfügen über ungeahnte Kräfte. besonders aber nach einem warmen Wort und einem offenen Blick. Das Wehgeschrei einer aus diesem Mund ging in ein gleichförmiges Schluchzen über. Alles wird wieder gut. Liebste. nur das eine getan und nicht mehr dreißig Jahren neben ihr hergelebt. und mit der zweiten benetzte sie ihr die Stirn und den noch immer offenen Mund.« Wie eine endlose Melodie wiederholte so die alte Frau die uralten. Und wie zwei ungleich tickende Uhren hörte man ihr Schluchzen im Zimmer neben den leisen Kosewor- ten der Mutter: »Nicht doch. Rajka. auf ihrem Schöße wie auf alten Bildern die Mutter Gottes den toten Christus. die bloß einer Mutter Leben im Munde erlangen. niedergesunkenen Körper. Die alte Frau hielt diesen mageren. der in der Taille und den Knien eingeknickt war. eh und seit bis geals stern noch. bitte nicht! Schau. leicht und gewandt. mein Seelchen! Nein. einfachen Worte. 257 . lechzend nach allem möglichen. so und wahre Bedeutung als hätte sie seit und sie wiegte ihre große Tochter auf dem Schöße je.

Bei dem Gedanken an das Honorar für den Arzt fuhr das Fräulein auf. Bis dahin gelte halten. es. doch rasch und schweigend den großen Verlust und die bittere Enttäuschung. mit jener Liebe. als wäre er ganz aus Gummi. den zialist erst ein Spe- durch eine klinische Untersuchung feststellen könne.VIII Das Fräulein verwand unter Schmerzen. der auf unhörbaren Sohlen einherschritt und sich überhaupt so geschmeidig und leise bewegte. Aufregungen jeder Art von ihr fernzuSie stieß die Am vierten Tag jedoch stand das Fräulein plötzwie durch ein Wunder genesen. die weder Ursache noch Erklärung sucht. Beim Weggehen sagte der Arzt zu der alten Frau. sich Mutter von und sagte kühl. einen ruhigen Mann. um sich einer Untersuchung zu widersetzen. Das müsse so bald wie möglich geschehen. daß aber das Fräulein allem Anschein nach einen organischen Herzfehler habe. Entschieden . daß sie nicht krank sei und keine Heilung und 258 Pflege brauche. ohne ein Wort der Frage. daß es sich um eine vorübergehende Sache handele. aber sie war zu schwach und erschöpft. Die Mutter pflegte ihre Tochter ohne den Schatten eines Vorwurfs. Am nächsten Tag rief sie einen Arzt. lich auf.

düster und blaß. und auch das. Noch besser und mehr als bisher. und seine Worte gingen an ihr vorbei wie leeres Geplapper. ihr Alltagsleben mit den alten Gewohnheiten wieder aufzunehmen. Der schöne junge Mann be< nahm sich wie ein Kater. Als sie wieder auf den Füßen stand. als wollte sie alles von sich werfen. was alle zum Schluß viel- Anstrengungen mir nicht einbringen konnten. den man beim Stehlen ertappt hat. schaute an sich herab. noch ganz in diesen kalten Schauder gehüllt. Wer weiß? Und selbst wenn das nicht der Fall ist. Bei diesem Gedanken erbebte sie so tief und gewaltig. raffte sich auf wie ein Mensch nach einem schweren Schlag und sprach sich selbst alles danken vor: >Na und! Auch wenn den ersten Gezugrunde geht und treulos wird. was mir die Leute genommen haben. werde ich wieder mit allen Kräften sparen. Sie ist von nie- mand abhängig. ihr Herz von einem Arzt untersuchen zu sie lassen. daß er durch Jovanka von ihrem nächtlichen Besuch im »Kasino« unterrichtet war. Ich werde sparen.lehnte sie es ab. plötzlich gesund und begann. Am folgenden Tag eilte Ratko in die Stigstraße. Sie 259 . ohne ein Zeichen von Zorn oder Überraschung. Er versuchte sein Verhalten zu erklären und sich zu rechtfertigen. blickte im Zimmer umher und auf den herbstlichen Himmel mit dem Gewirr kahler Äste draußen. den Umständen und Menschen zum Trotz. Das Fräulein empfing ihn ruhig. was sie in den letzten Tagen bedrückt hatte. Man sah ihm gleich an. und die Sparsamkeit wird mir wenigstens etwas von leicht dem zurückgeben. Und so wurde sie. doch das Fräulein blickte auf ihn wie auf eine Puppe mit einem gemalten Lächeln. die Sparsamkeit bleibt.

der sie in einer ihrer Be- einem Menschen schützerrollen störte. und Reue nur nicht das geliehene Geld. Sie konnte nichts Gemeinsames finden zwischen diesem lästigen jungen Menschen und ihrer Erinnerung an Onkel Vlado. Er schwor zwar. sterhafter welchen Wert die Schwüre schwacher.) wöhnlich frech und dicldcöpfig. bot ihr Dienste. ihre Eitelkeit hingegen hat einen doppelten 260 . lebendig und teuer. von ihrem Geld zu retten. zuerst sich selbst und dann die der Leute davon zu überzeugen. welche sie mit soviel Begeisterung. stellte er seine Schwieriger war es mit Jovanka. Derart zanksüchtige und bösartige Toren und Schwester. daß er verdienen und die Schulden zurückzahlen werde. ihn und sein Lächeln samt ihrem Geld. la- Menschen haben. hätte sie bewegen können. (Doch Frechheit und Dickköpfigkeit sind Bruder Und wenn Mehrzahl sie euch Schaden oder Schande bereiten. nicht einmal der Gedanke an die Möglichlceit. So kam er noch einigemal. die weder Ratko noch dem Fräulein verzeihen konnte. ein für allemal.hatte ihn verschmerzt und verwunden. daß er bald seine Arbeit aufnehmen. so hingebungsvoll Mühe und und uneigensind für ge- nützig einstudiert hatte. wie sie es immer gewesen. die in ihr unberührt blieb. alles. so lange. daß ihr selbst an eurer mißlichen Lage schuld seid. Schließlich Besuche ein. Sie hatte ihn abgeschrie- ben. ihm ernsthaft zuzuhören und ihn mit wirklich etwas anderen Blicken anzusehen. So habt ihr einen doppelten Schaden. Erklärungen an. aber das Fräu- lein wußte. gelingt es ihnen regelmäßig. stellte Fragen. wie sie ja nie verzieh. wollte sich einschmeicheln.

Nach jener sonderbaren Nacht. wandte sich Jovanka plötzlich und mit aller Macht nicht nur gegen ihren nichtsnutzigen Schützling. ihnen gelang.. Und dann und sie erzählte sie. als sie euch zu als es dem falschen Schritt überredeten. sei in Sarajevo österreidiische Spionin gewesen und habe deswegen Bosnien verlassen müssen. wie sehr Ratko und das FräuAugen.Erfolg zu verzeichnen. lein sie enttäuscht hätten. Und mit demselben leidenschaftlichen Eifer. das können Sie sich nicht vorstellen«. fing sie jetzt an. sondern auch gegen ihre Freundin. Sie be- hauptete. die Verantwortung auf euch abzuwälzen. mit behaftet Deshalb sollte man sich solche Men- schen möglichst weit vom Leibe halten. die ihr statt des Triumphes eine große sentimentale Niederlage gebracht hatte. Des- halb können die frechen nie und dickköpfigen Menschen von ihren Fehlern und Schwächen ablassen. »Was für ein vaterlandsloses Gesindel und gemeines Volk sich in unser Belgrad ergießt. denn sie bekommen nie die schlechten Folgen ihrer Fehler an sich selbst zu spüren und merken also nicht. Den zweiten. mit dem sie ihnen bisher kleine und große Dienste und Aufmerksamkeiten erwiesen und sich ihre Sorgen zu eigen gemacht hatte. sagte Jovanka zu verschiedenen an- deren Schützlingen. auch wenn ihre sonstigen Eigenschaften noch so gut und nach außen hin gefällig wirken. Den ersten. das Fräulein habe mit Ratko ein »Techtel- mechtel« gehabt. daß sie dasind.dabei leuchteten ihre bebte vor innerer Wut und Erbitterung. die noch in ihrer Gnade waren. Ratko aber habe in Saloniki mit weißen Sklaven gehani6i . sie mit ihrem Haß und ihrem Klatsch zu verfolgen.

öde und grau für andere. Sie kaufte verkaufte hier und fang und und immer zaghafter. Aber das alles konnte das Fräulein nicht rühren und bewegen. prüfte die die öffentlichen. Sie bezeichnete Ratko nur noch als »angeblichen Freiwilligen« und Apachen und das Fräulein als eine »schwarz-gelbe Wucherin«. Spionin und Pfennigfuchserin. Wochen packte sie ihre Zeiimmer ein und ließ vom Fräulein um ihre Hand auf andere Auser- wählte niederzulassen. die natürlich nicht dazu kamen. vom »London« bis zum »Kolarac«. ernach dem Stand der Devisen. ganz ausgefüllt mit kleinen Geschäften und unendlicher Sparsamkeit. Von einem Konto warf sie ihr Geld auf das andere oder hob es in einer Bank ab. sie durchzulesen. aber nur in geringem Sie besuchte jene Um- zwei oder drei Banken. Weiterhin besuchte sie die Wechselstuben kundigte sich Kurse. Ihr Leben floß ruhig dahin. aber auch jene heimlichen. die auf und zwar den Tafeln vor den Geschäften vermerkt waren. Erst nach fünf bis sechs tungsnummern und von Ratko für ab. Und jeden Tag fügte sie ihrer Fabel etwas Neues hinzu. mit denen sie in Verbindung stand. um es unter gleichen Bedingungen bei einer anderen einzuzahlen. noch in jener Nacht und während ihrer Krankheit hatte sie alles bedacht und unbarmherzig ein für allemal abgeschrieben. Sie trug es wie eine 262 . und zeigte sie frohlockend den gemeinsamen Bekannten. flüsternd weitergesagten. für sie jedoch reich und inhaltsvoll. in denen Angriffe gegen das Fräulein abgedruckt waren. Sie verschaffte sich aus Sarajevo die Nummern der dortigen Zeitungen. da etwas.delt.

auffielen. Mit Veso stand sie im Briefwechsel. auch nicht das mitleidig-spöttische Lächeln. doch sicheren Gewinnen und dem großen Vergnügen. von den niedrigen. ner sie empfingen und hinausbegleiteten. schrak oder überrascht wurde. keine Luft zu bekommen und er- Auch sonst. schlug Die Mutter. mit dem selbst die Diederselbe. die gleich darauf ebenfalls unsicher erschien. Und dabei bemerkte sie nicht den Aus- druck des Überdrusses und der Verwunderung auf den Gesichtern der Prokuristen und Beamten. versudite 26'i . an eine zweite. Jetzt geschah es des öfteren. das er bei dieser Arbeit und dieser Lebensweise empfand. so konnte ihn auch die unerhörte Konjunktur der ersten Jahre nach Ruhe und aus seinen Gewohnheiten herausreißen noch vom Handel im kleinen abbringen. der diese Anfälle. wenn sie nur im geringsten und dehnte sich ihr Herz so sehr. den jener stille Arzt schon nach oberflächlicher Untersuchung vermutet hatte. Nur der Herzfehler. aufwachte. daß es ihr dunkel wurde vor den Augen und ihr der Boden unter den Füßen sdiwand. wie sehr das Fräulein sie audi leugnete und verheimlichte. In solchen Geschäften. daß sie in der Nacht mit dem Gefühl zu ersticken. in Vorfall mit Ratko dem der und Jovanka keine Narbe und keine hatte. die ihr zweifelhaft vorkam.Katze ihre Jungen von einer Stelle. vollendeterer Sparsamkeit und im Kampf der Befreiung weder aus der gegen jede Ausgabe verlor sich Rajkas Leben. Veränderung hinterlassen nichts weil anscheinend mehr seinen Verlauf verändern oder stören konnte. im ewigen Streben nach immer größerer. Er blieb immer Wie ihn der Weltkrieg nicht erschüttert hatte. bereitete dem Fräulein Unbehagen und Schwierigkeiten.

Es sah aus. wie es immer gewesen: trocken. Mutter. alte Frau Auch nach jener Herbstnacht. das Auslagen verursachte?) Sie war fest entschlossen. aber sie nehmen auch zu ihm ihre Zuflucht. ohne W^ärme und Innigkeit. einen Speziahsten aufzusuchen. drei Jahre nach ihrer Ankunft in Belgrad. daß »Das hat überhaupt nichts zu sagen. wenn sie keinen anderen Ausweg und keinen besseren Schutz Geizige lieben finden. die Tochter zu bewegen. ihre Schwäche es nötig nicht einzugestehen. über sich selbst und ihr Herz. blieb das Verhältnis zwischen ihr und der Tochter so. als hätten sie einen und denselben unge- wöhnlichen Traum gehabt. das nach einem Arzt und Arz- neien verlangte. nicht aber krank sein und sich kurieren lassen. den die Tochter sogleich vergessen hatte und den die Mutter nicht zu erwähnen 264 . wurde die plötzlich aufs Krankenlager geworfen. Im. Und trotzdem erkrankte als erste nicht die Tochter. sie so mütterlich aufhob und zu pflegen begann. Ganze als einen Scherz weißt. (Was nützte ihr ein Herz. sie wollte sterben. Frühling. als die Mutter Rajka ohnmächtig auf dem Fußboden fand. mit dem Mütter ihre lau- nischen kranken Kinder betrachten. gezwungen. denn sie halund Zeitverschwendung. sondern die Mutter. strich die Mutter um sie herum. Du man mir immer gesagt hat. ich hätte ein schlechtes Herz!« ten ihn wie jedes Spiel für Luxus im Grunde keinen Spaß.vergeblich. faßte auf. In Wirklichkeit ärgerte sie sich über ihre Mutter. wenn war. Wenn sich sie das Fräulein nicht anders das zu helfen wußte. Mit ängstlich forschendem Blick.

daß sie sich besser fühle als gestern und daß sie. So blieb dieser ganze Vorfall zwischen ihnen bei- den — verschüttet. die von jeher zwischen ihnen geherrscht hatte. Sie ihrer Krankheit war kurze Zeit krank. Aber das alles dauerte nicht lange. tiefen Trauer ähnlich gesehen hätte. mit der aus einem lebenden Menschen eine kleine. Finstern auf dem Bett lag. sie konnte nichts in echten. Es ihr unbehaglich bei was einer wurde diesem Gedanken. Lange sich. Wenn sie im sich entdecken.wagte. die sie tagsüber ständig vor anderen wiedersie holt hatte: >Die arme Mutter! Möge Gott erlösen !< 26s . und delte. etwas von ihrer Tochter zu verlangen. aber sobald sie Schritte hörte. Das Fräulein war mehr von der Schnelligkeit und Einfachheit erschüttert. alle Auf Fragen antwortete sie. Am neunten Tag versagte das Herz den Dienst. hilflose Leiche wurde. um eine Hilfe im Flause zu haben. doch um daß es sich eine weit fortgeschrittene Lungenentzündung hanihn schließlich riefen. als von irgendwelchen Gefühlen der Trauer und des Verlustes. zeigte es Da kam auch das Fräulein zur Besinnung. schämte sich und versagte es sich. und die Kranke verschied. Mutter gewissenhaft und ergeben. Auch die Krankheit der alten Frau änderte nichts daran. obwohl auch dann jene ungewöhnliche Kühle und wunderliche Zurückhaltung nicht verschwand. so sehr das auch ihren Schmerz vermehrte. Sie nahm eine Frau. hielt sie an sich und verstummte. von allem losgelöst und gleichsam unwirklich. sie selbst pflegte die So sehr sie in sich hineinschaute und über alles nach- dachte. Von Zeit zu Zeit stöhnte sie laut auf. sprach sie sich selbst die Worte vor. alles sie vorübergehen werde. verhandelten als sie ob einen Arzt rufen sollten.

nach dem sie sich von jeher unbewußt gesehnt und von dem sie immer etwas getrennt hatte. Jetzt war das alles vorbei.Aber weder bei Tage noch bei Nacht konnte sie eine Träne aus sich herauspressen. Nun erst begann Rajkas richtiges Leben. das gealle Sitte und Ordnung verstieß. Auch die Mutter hatte trotz ihres sklavischen Gehorsams bis zum letzten Tag im Hause irgendeine Kleinigkeit beibehalten. Dann verkaufte sie auch hatte. und sie las nichts.) Sie entfernte die Töpfe mit den 266 . denn sie hatte weder die Zeit noch das Bedürfnis zu lesen. wenigstens zu ihnen zu kommen und mit ihnen den Schmerz und die Schwere dieser schwersten Augenblicke zu teilen. Und sie blieb es. Zum Begräbnis kamen zwei bis drei Frauen aus der Nachbarschaft und die ganze Famihe Hadzi-Vasic. Das Fräulein schaffte sogleich den großen Kater Gagan oft fort. [Sie alle Bücher. einen schweren Vielfraß und Faulenzer. gebracht wurde. luden die Ver- wandten sie ein. etwas von den alten Gewohnheiten. die sich nicht hatten ausrotten lassen. sie aber antwortete offen. dessie sentwegen mit der Mutter bis zum letzten Tag so aneinandergeraten war. daß sie das nicht nötig habe und allein bleiben wolle. Betreten ob dieses Benehmens. Sein blasses Gesicht verriet die große innere Trauer^ die von den kleinen. Gazda Djordje war seltenen Tränen tief betrübt. nicht einmal deutsche Reisebeschreibungen wie einst. und dem höflichen kaufmännischen Gebaren so schlecht zum Ausdruck Doch nach dem Begräbnis lud das Fräulein niemand zum gen Kaffee ein. die ihre Mutter hinterlassen selbst schaffte sich schon längst keine neuen mehr an.

Die Blumen und die Erde warf sie wütend und rachsüchtig auf den Kehrichthaufen. welcher und Samtdecken. daß die alte Uhr etwas Teures und Überflüssiges sei. Sie nahm alle Bilder von den Wänden bis auf das des Vaters. da man im Hause zwei Taschenuhren habe. so daß man sie nicht mehr instand zu setzen. aufzuziehen und zu ölen brauchte.Blumeri. Das Fräulein vertrat die Ansicht. um sie bei einer günstigen Gelegenheit zu verkaufen. die unsere Aufmerksamkeit ablenken und verbrauchen und ohne die der größte Teil der betrachtet. Das Fräulein hatte nie Zusammenhang zwischen dem. kein Ton. Jahren kleiner Zugeständnisse. keine Spur war schädlicher Empfindsamkeit mehr von und teuren Vernach vielen frei in gnügungen. den die alte Frau Jahre hindurch zäh verteidigt hatte. Auch die letzten Tischtücher begreifen können. die ebenfalls Gegenstand ständiger. nachher mochte damit machen. wirklich dem 267 . So war das Fräulein schließlidi. die Mutter aber behauptete. und dem Ticken einer alten Uhr bestehen sollte. entfernte sie und deckte Zeitungen über die Sachen. Sie hielt die große Wanduhr an. was die Mutter Glück nannte. lan- ger Streitigkeiten zwischen der Mutter und ihr gewesen war. Menschen sein Leben nicht als Leben Kein Schimmer. und so hielt sie jetzt rasch und voller Schadenfreude die Uhr für immer an. daß sie die Uhr aus ihrem Vaterhaus mitgebracht. daß sie bei glücklichere Ehejahre verlebt ihrem Ticken eine glückliche Kindheit und noch habe und sie bis zu ihrem Lebensende zu hören wünsche. welche die Mutter noch in ihrem Zimmer behalten hatte. diesen Luxus. die Blumentöpfe aber hob sie auf. was man man wollte. Im ganzen Haus blieb nichts von den überflüssigen Kleinigkeiten.

in diesem.Haus. neuer Lebensfor- men und Gewohnheiten. reichen Unordnung. Jede wirkliche. Wald oder auch das Fräulein ihren Mit der Zeit schäfte kamen im Land und in der Hauptstadt die Verhältnisse wieder ins Geleise. Und das Belgrad dieser Jahre war die rechte in der Menge allein Umwelt für einen Menschen. worauf Gedanken und Wünsche hauptsächlich zielen. und die Geldge- sanken auf das gewöhnliche Maß herab. Von allem anderen dem Gegenstand seiner Leidenmag und kann er mehr und seine besser erzählen als von dem. Selbst das Laster hat seine Scham und seine Rücksichten. der seiner Leidenwünscht ungesehen und unbekannt zu bleiben. nichts war mehr da von jener wilden Üppigkeit. allein mit schaft. In der anheimelnden. in der die Spekulation blühte. gesehen dichten — nach seinem Willen leben wie in einem in einer Millionenstadt. in dem ständigen Zustrom neuer und verschiedenartiger Menschen. der und im wogenden Getümmel un- bemerkt zu bleiben wünschte. Nacheinander verschwanden die Wechselstuben auf der Terazije. große Leidenschaft verlangt Einsam- schaft frönt. Mit ihnen schwand auch die Möglichkeit des abwechslungsreichen und geheimen Spiels. das der Mensch unbemerkt und 268 . keit Frei und allein. das ihren tiefsten Wünschen und Bedürfnissen am besten entsprach. in der plötzlichen und unausWandlung und Entwicklung auf allen GeLeben ohne Rast und Ruh konnte ein Mensch Zuflucht finden und — allein und von keinem geglichenen bieten. und Anonymität. Hier fand Platz. Ein Mensch. wenn auch verkehrte und ungewöhnliche. und auch die plötzlichen Änderungen und Sprünge hörten auf.

das heißt. An Geldverleihen gegen Zinsen war unbekannten und gefährlichen Umge- bung nicht zu denken. bis sie sich endlich ganz ausschließlich dem Sparen widmete. ängstlichen Zapfversuche wenn man diese am Rande des gro- ßen Spiels der Währungen und Wertpapiere Geschäfte nennen konnte. Sie söhnte sich mit ihr jährliches ^G^ . die in den ersten Jahren geherrscht hatte. den verschiedenen Aktien und den Zinsen für das angelegte Bargeld stammte. sicher. mehr oder weniger unverändert blieb und bei einer Veränderung eher eine fallende als eine steigende Tendenz aufwies. für kleine Geschäfte und Gewinne war kein Platz und keine Gelegenheit mehr. ließ sie sich nur ein. sofern sie fast dem Sparen gleichkamen. in dieser neuen.anonym betreiben konnte. kleinen. das still dalag brachten. wobei er niemand Rechenschaft zu geben brauchte. das sie begleitete. noch über das leidenschaftliche Gefühl der Freude oder der Enttäuschung. selbst wenn sie nur kleinsten Gewinn dem Gedanken aus. als er verlieren oder so viel den anderen an Klugheit. Die hohe Flut der allumfassenden Spekulation. um zu zu gewinnen. In Geschäfte. das von der Miete in Sarajevo. weder über die Verluste noch über die Gewinne. ihre Bedürfnisse und Ausgaben unablässig zu vermindern und möglichst viel von diesem Einkommen zu sparen und dem Kapital zuzuschlagen. Aber auch unabhängig davon wurde das Fräulein immer vorsichtiger und konnte sich immer schwerer zu in die Geschäften entschließen. daß Einkommen. schnell und unmittelbar waren. auch wenn und sie noch so klein waren. Stärke und Glück voraushatte. sank und zog sich Banken und Ämter zurück. aber sie bemühte sich deshalb mit leidenschaftlicher Anstrengung.

die Augen sahen noch lebhaft und feurig aus. So verstrichen etwa zehn Jahre voller Ereignisse und Veränderungen.und sich bescheiden und langsam. sie hatte schon zwei Kinder. Sie hatte beide Töch- Mädchen hatten nämlich nicht ihre jungen Tänzer und nicht die fortschrittlichen Dichter geheiratet. Sie gab sich ganz dieser Anstrengung hin und vergrub sich in haft wie ein sie — stumm. die im damaligen Belgrad lebhafter waren und gar nicht. doch ständig und si- cher vermehrte. und das Schnurrbärtchen Hadzi-Vasic ging verwandelte sich in kleine Borsten. Er Kommisohne sich in sich zusam- 270 . Misa hatte ebenfalls in die Bankiersfamilie eingeheiratet. Die kannten Bankiers Stragarac geworden. Das Fräulein folgte diesen Veränderungen sie nicht. tiefer gingen als anderswo. doch die Hautfarbe war dunkelgelb. zwar hatte sie das Schnurrbärtchen der Mutter geerbt. und so war man mit der Familie Stragarac doppelt verwandt. Danka war die Frau des beter verheiratet und das recht gut. für die sie im Jahre 1920 geschwärmt hatten. doch gegen die Beleibtheit kämpfte sie mit größerem Erfolg. sie bemerkte sie fast Und wenn an großen Feiertagen zu den und verschiedene Neuigkeiten über einzelne Personen und die Familie erfuhr. Darinka war mit einem Architekten mittleren Alters verheiratet. taub und trieb- Wurm ins Holz. Gazda Djordje war plötzlich gealtert. war es ihr. als käme sie aus einer anderen Welt. Frau Seka war noch voller und schwerer gev/orden. der als Professor an der Technischen Fakultät lehrte. Ihr bereits als Experte für Finanzfragen Mann galt und arbeitete als Delegierter in verschiedenen internationalen sionen. fiel besonders verändert zu haben.

Und auf der Slava des folgenden Jahres. um sich gescliaffen hatte. sondern zwang das Fräulein. daß Rajka nicht krank war. als der Anfall währte. sobald er vorüber war. nicht das um um Schwankung im Geschäftsgebaren der Banken spürbar wurde. nicht aber auf richtig. 1928. in der man weder heiratete noch krank war. die Jahr 1930 ausbrach. sobald sie in ihre Stille zurückkehrte. Sie war im Inneren Serbiens. aus dieser Ruhe herauszugehen. Als eine Gewonnene zu 271 . die sie in und Die große Wirtschafts. als es sich auf die Krankheit bezog.und Geldkrise. von denen die Zeitungen schrieben und die Leute sprächen. das heißt so lange. leugnete und vergaß sie es und ließ sich nicht in der Ruhe stören. falsch behandelt und schlecht gepflegt. daß Ratko Ratkovii: Verwalter eines großen Staatsgutes in Slawonien geworden sei. erfuhr sie aus einem zufälligen Gespräch. noch starb. als sie wieder einmal auf der Slava bei den Hadzi-Vasic war. das in ihrer Gegenwart geführt wurde. wohin sie in fremder Sache gereist am Typhus gestorben. ganz offensichtlich kleiner. erlag sie der Seuche.) um das zu verdienen. Das alles erfuhr das Fräulein nur zufällig. denn man konnte nicht behaupten. weilte. dort hohe Persönlichkeiten willkommen heiße und Empfänge und Vergnügungen veranstalte. Aber das Fräulein gestand sich ihre Not nur für wenige Sekunden ein. hörte es ohne die geringste Aufregung und vergaß es restlos und augenblicklich. (Eigentlich Heirat war das nur insoweit und Tod. vom Tode Jovankas. da war verteidigen. aber er So hörte sie. Infiziert.men und wurde blieb derselbe. Ihr Herzfehler wurde chronisch und allem Anschein nach immer ärger.

sie unter den ersten. in dem sie Dukaten und Wertpapiere aufbewahrte. denn sie 272 . sie sich folgen. Sparen konnte man allein. mehr als träumen lassen. um das Geld abzuheben. die ihre Einlagen zurückzogen und so verhinderten. das hatte. Mit Bündeln von Tausendern und Hundertern. habe nichts einzulegen. umschaute. daß sie dringend Geld brauche. Sie mußte sogar das Haus abschHeßen und nach Zagreb reisen. mit so recht. bat Jahr schwerer. Da fühlte sie ganz allein auf der Welt war. niemals und um keinen Preis. um unaufschiebbare Schulden zu bezahlen. mit der Bemerkung auf. daß sie dem sie sich beraten konnte. die wie ein Panzer um die magere Brust gebunden oder ins Kleid genäht waren. da sie sie brauche keinen Safe mehr. wie einst mit Konforti. ewig genährt von demselben Wunsch: nicht auf der Seite der Verlierer zu sein. Noch einmal zeigte sich in ihr die alte Kraft und Unternehmungslust. und daß sie keinen ihr sie sich hätte nahestehenden und verläßlichen Menschen hatte. wenigstens in Geldfragen. es könnte ihr Bewußt und auffällig gab sie ihren Safe in der Donau-Bank. Direktor Pajer oder Veso. ohne einen anderen. Aber zu Hause hatte sie ihre liebe Not mit den Geldscheinpaketen und dem Beutelchen Gold. Verstört und und log hartnäckig und ziemlich plump. wobei jemand immer wieder vor Angst. daß sie »einfroren«. ging sie scheu durch die Straßen. aber unter diesen Umständen Geschäfte zu machen und sich zu verteidigen war sehr schwer und wurde von Jahr zu besorgt ging sie in die Banken. sie dort auf der »Serbischen Bank« Das waren qualvolle und aufregende Tage. nicht für einen Augenblick.

das Gold versteckte sie in und die Wertpapiere ver- den Öfen. keine Schlüssel dazu anfertigen konnte. Das Herz schlug ihr Ohren. laut bis zum Halse und in den holte unbekleidet. ein neues Versteck zu finden. sich wo sie alles verstecken sollte. da sie keinen anderen Ausweg sah. doch an allen sicher sei. zitternd vor Kälte immer unentschlossen und hin und her gerissen von und allen möglichen Gedanken. Schließlich wurde sie müde und legte sich. Dann ließ sie an allen Fen- stern eiserne Querstangen anbringen. und wurden. trug anderen. kaufte sie in Zagreb. doch ruhig war sie nicht und konnte sie nicht sein. Sie verschaffte sich Blechschachteln. sie die Schachteln aus einem Raum in den und weder wagte sie es. oder aufgeschreckt von dem Gedanken. Aber auch dann fand sie nur schwer Schlaf und schlief schlecht. noch war sie fähig. auf die sie die Geldscheine. im Hause geeignete Verstecke für ihr Geld zu fin- den. die es menschlichen Schritten ähnelten. die versteckten Blechschachteln hervor. die nicht geheizt teilte. Sie überzeugte sich. Sie beschaffte und die sie amerikanische Schlösser für die Haustür Stubentüren. samt ihren kalten Blechschachteln und ungelösten Sorgen wieder ins Bett. Lange quälte sie sich. damit sich der hiesige Schlosser. Zweifeln. die sie dann mit Brettern zunagelte. sie an die alte Stelle zurückzubringen. daß keine Diebe da waren und daß keine Feuersbrunst drohte. so daß es auf mehrere Stellen verteilt. dem Bett und wie sie war. das sie beruhigte. denn im Wadien wie im Schlafen glaubte sie zu 273 .nicht wußte. Auch danach erwachte sie noch oft in der Nacht von verdächtigen Geräuschen. Sie sprang aus könnte ein Feuer ausbrechen. oder stopfte sie in geheime Löcher. der sie anbringen sollte.

Hinter diesen Hügeln wertvollen. Vermischt mit einem Haufen anderen ausländischen Geldes und sonstiger Kostbarkeiten. das ihr — wenigstens vor- — sicher erschien. das Stück zu fünfzehn bis siebzehn Dinar.und Nachtzeit. bei elektrischem Licht. nahmen nicht viel und schon nach zwei Monaten bis hätte sie alle zu je zwanzig vierundzwanzig Dinar abstoßen könsie in nen. Aber sie dachte nicht daran. zu jeder Tag.fühlen. die das Fräulein geerbt. gekauft oder als Pfand behalten hatte. So verwanschlüsse. Aber starker Wille und die Papiere an alles. Diese Franken Platz ein. die weiß waren wie Liebesbriefe. wie zufällig hingestreut. wie dieser unselige Dinar hinabglitt und und fiel Wert verloren. Sie verbiß plumpen Bündel mit Dinarscheinen in ein paar Dutzend blauer Schweizer Tausender und rötlidelte sie die cher Fünfhunderter.oder Zehnpfundnoten. Da scher lagen die teuren Schweizer Banknoten in maleri- Unordnung neben hingeschütteten Fünf. Sie bewahrte einem neuen Versteck läufig auf. und immer neue Landschaft. So quälte sie sich monatelang. und ihre Angst breitete sich aus und wuchs nach allen Seiten wie ein Fluch. die das Fräulein häufig aufsuchte und lange betrachtete. Und über allem reihten sich. vierhundertelf 274 . verschiedenfarbigen Papiers lugte der Glanz des Goldes und der mannigfal- tigsten Schmuckstücke hervor. bei Tageslicht und beim stillen Schein sie waren eine wohlbekannte. teure der Kerze. hartnäckiges Streben sind stärker als schlaflosen In diesen Stunden und unter Einfluß der verschiedensten Befürchtungen faßte das Fräulein ihre Ent- den Schmerz und begann allmählich an der »schwarzen Börse« Schweizer Franken zu kaufen.

Neben ihnen her bewegte sich ein scheinbar (nur scheinbar!) aufgelöster. 1912 275 . Hier hatte im Laufe vieler Jahre die unersätt- liche Gier der jüdischen und all der übrigen getauften und ungetauften Wechsler des Balkans und des ganzen Ottomanischen Reiches sie benagt und angefressen. irgend- wie als warm und fleischig. daß sie auf einer Marmorplatte eher so etwas wie das Rauschen dürrer Blätter als einen metallenen Klang von sich gaben. und an den Rändern waren sie unregelmäßig ausgezackt und abgefeilt. scharfe Relief der atmeten und wüchsen Nur das Schrift der Bilder auf ihnen zeigte. weißen.amerikanische Goldstücke zu je zwanzig Dollar aneinander. das sich selbst fortsetzte und erneuerte. So streckten sich diese großen Amerikaner in krummer Reihe hin: ein goldenes Heer auf dem Marsch über die roten. Sie waren vom Alter gedunkelt und so leicht und dünn. daß es sich um Geld aus totem Metall handelte. die1908. und als kreiste sie. Tage und Jahre lang wie ein wunderbares Buch lesen. schwer. Auf der einen reif Seite die kräftige Gestalt der Freiheitsgöttin. Lebenssaft in ihnen. All die türkischen Dukaten (das Fräulein erinnerte sich noch gut daran) hatte sie in den kritischen Jahren und 1913 unglaublich billig von den verschiedensten mohammedanischen Herrchen und Verschwendern oder den Witwen der Begs erstanden. aber man konnte es Stunden. Alle waren einander gleich — breit. doch deut- Ex pluiibus unum. ungeordneter Zug von türkischen Dukaten und Kaiserdukaten. veilchenblauen Höhen und Ebenen der Geschmeide und Banknoten. Es war immer dasselbe. und auf der anderen Seite das amerikanische lichen Aufschrift Wappen mit der kleinen. auf deren Stirn- das Wort Liberty stand.

ihr »Fenster in die Welt«. zu be- und geschickt auszunützen verstand. klar umrissener Gestalt. Ihre Verachtung für jedes Rechnen und schen war ebenso groß wie ihr Geldhunger. den ihr sie so leicht oft. ihre Nahrung und ihre Kurzweil. der greifen sie zu durchschauen. erinnerte sie sich dunkel zen. und unklar dieser stolungeschickten Kunden und des reichen Gewinns. aus ihnen hatte ziehen können. als verdarben.sen Frauen. aber nicht stürmisch und begeistert wie einst in den Augenblicken großer Triumphe. ihr Glaube und ihre Familie. mutige französische Hähnchen von heller. Das Ende und die Seiten der einen wie der anderen Goldmünzenreihe säumten etwa hundert Napoleondor: kleine. an dem sich das Ohr nicht satt hören konnte. ihre Gesellschaft und Lektüre. die Tür zuschlugen und das ganze Geschäft bareres. den das Fräulein jeden Tag genoß -. Einen schönen Namen hatten sie und einen guten Klang. Dann geschah es daß jenes sonderbare »zweite Herz« in noch einmal auflebte und zu klopfen begann. doch starken inneren Scham und vielerlei Rücksichten. Getrieben von diesem Hunger und gefesselt von einer unverständlichen. Und sooft das Fräulein einen Blick auf die türkischen Dukaten warf. aber einem ebenso leicht den Rücken kehrten. Nach jeder Besichtigung und jedem Nachzählen war diese Landschaft 276 . Es war ein ungewöhnlicher Anblick. die leicht zu weinen begannen. waren sie eine leichte und reiche Beute für einen Geschäftsmann. Sie wirkten wie die Reiterei von Plänklerabteilungen und Nachhuttruppen. sondern leise. Es gab nichts Dankmit dieser Art von Leuten Geschäfte zu Feil- machen. aus der Feme. nur mehr ein Nachhall einstiger Schläge.

Obzwar ruhig. Hier lag der Grund. Seite an Seite mit diesem Schatz lebte das Fräulein dahin. Sie ließ niemand ins Haus und schloß sich noch vor Anbruch der Dunkelheit ein. Es blieb natürlich die tägliche Sorge um die Davon lebte man ja. oder das. war sie doch vorsichtig und wachsam wie eine Schlange. was sie bot. sie füllte das Leben aus und mit ihr konnte man bis zum letzten Atemzug leben. Seit langem hatte sie keinen ihrer nächtlichen Träume von der Million mehr gehabt. Sie war trotz allem geblieben.anders. was sie versprach. nicht aber einer richtigen. Mensch wie ein Sandkorn verlor und in und bestehen konnte. ob das größer. die nur die eiste wäre 277 . So lebte das Fräulein auch in diesen Winter- tagen des Jahres 1935. wo Verrat an einem geAktien. schöner und mächtiger war. Eigentlich war es kein Leben. todbringende Wüste des Sparens. übt wurde. sondern ein Sparen. doch die Sparsamkeit ersetzte alles und half auch dort. der Sinn und das Ziel des Lebens. ja selbst von ihm vermochte man noch jetzt. Eine große. goldenen. herrliche. nach denen sie einst noch am folgenden Tag geglüht und vor Aufregung gezittert hatte. (Tatsächlich war sie auf dem Gipfelpunkt ihrer Geschäfte schon im Besitz einer Million in Kronen. in blutarmen und bankrotten österreidiiin der sich der der nichts anderes bestand schen Kronen. etwas abzuzwacken und zu sparen. und sie wußte nur nicht. Die Einkünfte aus den Kupons wurden immer magerer. alles berücksichtigt. so oft erträumten Million gewesen. da der Wert aller Papiere fraglich und jede längere Voraussicht unmöglich geworden war. Alles hatte sie zweifach und dreifach gesichert.

Manchmal erinnerte sie sich an Onkel und die Kindheit. wurden boren. sonst sich des war Vorhandenseins dieser Menschen nicht bewußt und hatte nichts mit ihnen gemein. was gewesen war.und Auszahlungen. das sie auf aber dieses dem Sterbebett des Vaters abgelegt hatte. Es war schon längst stumm und kalt. Das Grab der Mutter besuchte sie jedes Jahr am Allerseelentag. guten oder ge- fährlichen Faktoren in ihrem Sparsystem. wie es als ihr Vater vermutet und sie in jungen Jahren der Be- geisterung gedacht hatte. wuchsen und starben. für sie existierten nur die Termine der Ein. Alles war schwerer. Ihre Verbindung zu den Toten und den Lebenden wurde immer schwächer. unverständliches Kinderjahre.) dazu bei dieser Entfernung. Die Wirklichkeit hatte sich längst darüber hinweggesetzt und es hinter sich gelassen. an die sie schon seit Jahren Vlado. anders und komplizierter.und eine ganze Heerschar von Millionen nach sich Auch jenes Grab in Sarajevo strahlte nicht mehr wie einst. Eine Zukunft gab es nicht und die Vergangenheit war verschüttet. Das ließ den Faden vom Knäuel der Erinnerung weiter ablaufen. Sie erinnerte sich noch des Gelöbnisses. an den Vater 278 . Für das Fräulein existierte nicht einmal die Zeit. Sie brauchte die ge- In der Stadt verkehrte sie mit keinem. Gelöbnis kam ihr jetzt vor wie ein längst und fruchtloses Spiel der vergangenes. noch zöge. sie gingen an ihr vorbei. vergessen. so. aber nichts hatte mehr Gewalt über sie. Mit oder ohne Gelöbnis wäre ihr Leben von Anfang an war. Menschen nicht. aber stets waren sie nur sie einer der schädlichen oder nützlichen. und dann lebten so wie an diesem Abend auch andere Menschen und Ereignisse auf. Sie hatte nichts von dem.

nicht

mehr gedacht

hatte.

Aber das

alles

dauerte nur

wenige Minuten, so lange nämlich, als die Dämmerung zwischen Tag und Nacht währte, die zu nichts Vernünftigerem zu gebrauchen war, denn
die

man

sah weder

Nadel noch den Faden, und

es

lohnte sich noch

An diesem Abend hatten wenigen Minuten etwas in die Länge gezogen, war doch ihr ganzes Leben mit den einstigen Erlebnissen, Menschen und Geschäften an ihr vorübergehuscht. Aber das alles bedeutete ihr nichts mehr und existierte im Grunde nicht mehr für sie, als hätte es das nie gegeben. Ja, das alles war
nicht, das Licht einzuschalten.
sich die
. .

Sie fuhr aus ihren

Träumen

auf

und

schüttelte sich.

In der Nachbarschaft ließ

jemand

schroff

und

laut die

hölzernen Fensterrouleaus herunter und riß das Fräulein aus ihren abendlichen Erinnerungen. Sie ließ

den

Hände und stand plötzlich vom Fenster auf. Das Zimmer war in völliges Dunkel getaucht. Es mußte schon spät sein. Steif vor Kälte, wußte sie lange nicht, ob sie zuerst Licht machen und dann das Feuer anfachen sollte oder umStrumpf sinken, rieb
sich die erkalteten

gekehrt. So stand sie eine Zeitlang zögernd inmitten des
sie sich mit einem glücklichen Lächeln, die beiden unliebsamen Dinge wenigstens einen Augenblick hinauszuschieben und statt dessen noch einmal nachzusehen, ob die Türen tatsächlich verschlossen waren. Sie ging ein wenig unsicher, noch immer benommen von den vielen Erinnerungen, die an diesem Abend auf sie eingestürmt waren wie nie zuvor. In undurchdringlicher Finsternis, die dasselbe war wie das Sparen und

dunklen Zimmers. Doch dann entschied

79

folglich dasselbe

wie Geld, ging

sie ins

Vorzimmer, mit

gewohnten Bewegungen über bekannte Gegenstände
hintastend. Bevor sie jedoch die Haustür erreichte, stieß
sie

imFinstenimit ausgestrecktem

Arm

auf

— eine

Ge-

stalt.

Ein kurzer, heiserer Schrei, vor

dem

sie selbst er-

schrak, entrang sich ihrer Kehle. Sie erstarrte und fand gerade noch die Kraft, ein Stück zurückzuweichen. Als
sie
sie,

unerwartet das feuchte, grobe Tuch berührte, war

noch zerstreut und verwirrt von den vielen Erinnerungen, davon überzeugt, daß jemand vor ihr stand, der eben von draußen gekommen war. Sie wollte noch
schreien,

um

Hilfe rufen, aber ihre
erfüllte ihren

Stimme

versagte.

Das Herz wuchs und
spürte
sie,

wie

sie

ganzen Körper. Dann plötzlich hohl wurde und sich in

eisige Stacheln auflöste.

Von allem blieb nur der schreck-

liche

Gedanke, daß

sie nicht allein sei,

Finstern jener stehe, der

daß hier im unbekannt und unsichtbar

— sein ganzes Leben auf solche lauerte wie sie, der früher oder später kommen mußte, um ihr Geld zu holen.
Tausendmal war sie so im Finstern bei dem Gedanken an ihn erstarrt, und tausendmal hatte sich ihre Angst als unbegründet erwiesen. Diesmal war er, so schien es ihr, wirklich gekommen und stand im feuchten Mantel
inmitten des Vorzimmers, jederzeit bereit, sein Räuber-

werk zu beginnen. Aber gerade diesmal wußte sie nicht, was sie tun, wie sie sich verteidigen und schützen sollte. In einem einzigen Gedanken, kürzer als ein Blitz,
was zu tun wäre — aber nur zu gut, daß sie immer vor Diebstahl und Räubern Angst gehabt hatte, daß sie unzählige Male des Nachts von einem verdächtigen Geräusch oder einem seltsamen
suchte sie sich zu erinnern,
vergeblich.

Dabei wußte

sie

280

worden war und dann lange überlegt hatte, was sie tun sollte, wenn sich jemand trotz all ihrer Vorkehrungen ins Haus einschlich und sie
Schatten aufgeschreckt
überfiel.

Soweit sie zurückdenken konnte, hatte

sie alles

getan,

um ihr Geld an einen zuverlässigen Ort zu brinund zu
daß
sichern

gen, es zu verbergen

und

die Spuren zu

verwischen. Ihr ganzes Leben hatte

sie nichts

anderes

gedacht

und

getan, so

ihr

Leben

schließlich

nur
ge-

noch aus diesen Vorsichtsmaßnahmen bestand.
innerte sich dessen. Aber
schah,
sie

Sie er-

was in diesem Augenblick
schrecklich

und neu, als hätte und vorausgesehen und nie etwas getan, um sich zu sichern und zu schützen. Es schien ihr, daß sie ihr Leben in unverzeihlicher und unverständlicher Leichtfertigkeit und Sorglosigkeit verbracht hatte, ohne etwas vorauszusehen und zu unternehmen, und daß sie jetzt auf eine so dumme, klägliche, unnütze Art ihr Geld und Leben einbüßte, nur weil sie so kurzsichtig und fahrlässig gehandelt hatte. Jetzt, so glaubte sie, wüßte sie schon, wie man sparte und bewahrte, wie man versteckte und verteidigte, aber jetzt
war so unerwartet,
nie etwas gefürchtet

war es zu spät. Vor ihr, auf dieser Seite des Türschlosses, im Finstern, stand ein heimtückischer Räuber. Alles war zu Ende. Sie wartete nur darauf, seine unbekannte Stimme »Geld her!« rufen zu hören und die Bewegung seiner Mörderhände mit den feuchten Mantelärmeln zu spüren. Aber nichts dergleichen geschah. Unwiderstehlich, immer stärker preßte ihr das eigene Herz die Luft ab. Die Ohren wurden taub, die aufgerissenen Augen
verloren ihre Sehkraft, der offenstehende

Mund

ver-

stummte. Die Knie gaben nach.
Vornüberfallend streckte
sie

noch einmal die Arme
281

aus, als wollte sie

schwimmen, und
sie

stieß

den

Kleider-

stock

um, an den

ihren eigenen, ganz durchnäßten

groben Tuchmantel gehängt hatte.

Noch im Liegen zerriß sie mit letzten, verkram^pften Bewegungen die Wollbluse auf der Brust, verzweifelt
bemüht, dem ersterbenden Atem Platz zu schaffen. Ach, nur ein wenig Luft, nur ein einziger Atemzug, und
alles

wäre vielleicht Selbst Gold würde
sie
sich,

gerettet
sie

— Leben,

Besitz

und Geld.

hingeben für einen Atemzug.

Aber
ten

hatte keinen

Atem mehr. Die Knie verkrampf-

und der Schädel wollte zerspringen. Das Blut und lag wie Blei in den Adern. Kein Atem mehr. Die Bewegungen wurden immer schwächer, bis sie ganz
stockte

aufhörten.

Nur

ein heiseres Röcheln verriet noch für

fes.

TodeskampAuch das verstummte. Der Körper entspannte sich und blieb ausgestreckt im Dunkel und in der Stille
einige Augenblicke die letzten Zeichen des

liegen.

und Sacherklärungen Beg = Titel der mohammedanischen Großgrundbesitzer Gegend in Serbien.oder silberverzierte Mütze der verheirateten . im Norden Jugoslawiens »Narodni glas« = = »Volksstimme« Palilula = Stadtteil von Belgrad Sephardische Juden = Juden. die im späten Mittelalter aus Spa- nien und Portugal vertrieben Mrurden Slava = Fest des Hauspatrons »Sloboda« = »Freiheit« »Srpska rijec« = »Serbisches Wort« »Srpska zastava« Tekija = »Serbische Fahne« = Internat zur Ausbildung mohammedanischer Theo- logen Tepeluk Frauen. aus der in Bos- nien Crnotrava schiilte = eine von jeher unge- Baumeister kamen Gazda = Kaufmannstitel "Hrvatski Dnevnik« Militärgrenze = »Kroatisches Tagblatt«< von Österreich-Ungarn 1878 besetztes Gebiet an der türkischen Grenze. c c j Wort.Zur Ausspradbie serhokroatisdieT Eigennamen Folgende Buchstaben sind im Deutschen unbekannt oder weichen in der Aussprache vom Deutschen ab: — wie deutsches z in Zeitung — Aussprache Hegt zwischen tj und tsch c — wie deutsches tsch in rutschen h — wie deutsches ch in ach s — stets scharf wie deutsches ß in reißen s — wie deutsches seh in schauen z — wie deutsches s in Rose z — wie in Journal. = gold.

.

Krakau. eingeschärft ihr hat. Graz. Bei Ausbruch des zweiten Weltkrieges jugoslawischer Botschafter in Berlin. ein rechtschaffener Kaufmann. - Im Carl Hanser Verlag erschienen die Romane »Die Brücke über die Drina« und »Wesire und Konsuln«. bringen wichtige Werke heutiger und der modernen Weltliteratur. nach seinenn geschäftlichen Ruin der Tochter auf dem Sterbebett das Gesetz des kalten Egoismus als einzige Möglichkeit. ist ihr Streben nur auf Geld und Besitz alle gerichtet. wie aber eines Tages die ihr rächt. studierte in Wien. . und wie danach in ihr Leben völliger Versteinerung zu Ende geht. lebte während der Besetzung Jugoslawiens. das hat Andric dieser großartigen Charakterstudie gestaltet.1961 erhielt Andric den Nobelpreis für Literatur. erscheinen jeweils gleichzeitig mit derl kosten aber nur halb soviel wie diese (In Leinen ist das vorliegende Buch für 16i . Seit Rajkas Vater. IVO ANDRIC. Wie das Geld Gott ist.Vor dem Hintergrund des Lebens in politischen. in Belgrad. streng zurückgezogen. durchs Leben zu kommen. wie Geiz und Habsucht anderen menschlichen Regungen verdrängen. in vergewaltigte Natur sich grausam grotesk an indem sie einem Hochstapler verfällt. wirtschaftlichen und gesellschaftlichen bis 1935 gibt Andric Sarajewo und Belgrad während der Jahre 1905 hier ein Bild einer von Geiz und Besitzgier besessenen Frau. 1892 in Travnik (Bosnien) geboren.

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M9&3 PG 14.18 Andric. Ivo Das Fräulein A6G6A PLEASE SLIPS DO NOT REMOVE FROM THIS POCKET UNIVERSITY OF TORONTO LIBRARY .