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DIE MAHNUNGEN UND VEREINFACHUNGEN WALTER LEISNERS

von Arno Waschkuhn und Alexander Thumfart


(beide Erfurt)

Der Münchner Walter Leisner, der als Staatsrechtler bis zu seiner Emeritierung im
Jahre 1998 fast vier Jahrzehnte in Erlangen-Nürnberg lehrte, hat rund siebzig Bü-
cher und etwa zweihundert Aufsätze publiziert. Er hat damit ein Werk sui generis
vorgelegt, das reich ist an ungewöhnlichen, aber auch absurden Perspektiven, die
zwischen Liberalismus und Konservatismus changieren, um es hier noch wohl-
wollend auszudrücken. Drei neuere Veröffentlichungen, die zusammen bereits rd.
1600 enge Seiten füllen, sollen stellvertretend für sein Œuvre gewürdigt werden:

Walter Leisner, Der Abwägungsstaat. Verhältnismäßigkeit als Gerechtigkeit?


251 Seiten, Duncker & Humblot, Berlin 1997, ISBN 3-428-09007-1, DM 88,--

— Demokratie. Betrachtungen zur Entwicklung einer gefährdeten Staatsform,


1086 Seiten, Duncker & Humblot, Berlin 1998, ISBN 3-428-09288-0, DM
178,--

— Die Staatswahrheit. Macht zwischen Willen und Erkenntnis,


271 Seiten, Duncker & Humblot, Berlin 1999, ISBN 3-428-09703-3, DM 92,--

a) Im "Abwägungsstaat" wird die Frage erörtert, ob das Prinzip bzw. Rechtsmode-


wort der Verhältnismäßigkeit eine neue Art der Gerechtigkeit mit sich brächte, die
in letzter Konsequenz das Ende der Normen bedeuten könnte. Mit anderen Worten:
Lösen sich die klaren Begrifflichkeiten des Rechtsstaates durch die Ausbreitung
maßstabsloser Abwägung auf in Interessenjurisprudenz? Schon im Normal-
verständnis des Bürgers ist die Abwägung im Einzelfall eine politische Entschei-
dung, die es durchzusetzen gilt, kein rationales Ordnen. In einem entwickelten
Rechtssystem ist überdies ohne "Gesetzesabwägung" keine Tatsachenabwägung
mehr möglich. Leisner will ein neues Nachdenken über Rechtssystematisierung an-
regen, um der Tendenz einer "Flucht in Generalklauseln" entgegenzuwirken. Seine
Argumentation besteht darin, dass es höchst problematisch sei, den Vorbehalt der
Verhältnismäßigkeit in die hoheitliche Befehlsordnung des Öffentlichen Rechts
einzuführen, insofern die Abwägungsmechanismen ebenso unklar seien wie die
Ergebnisse. In das Verfassungsrecht eingedrungen sei der Verhältnismäßigkeits-
grundsatz im Bereich der Grundrechte, die auf Machtmäßigung ausgerichtet sind,
ferner mit Hilfe des Demokratieprinzips, das auf dem Minderheitenschutz wie der
Mehrheitsentscheidung beruhe. Die Dynamisierung dieser neuen Dimensionen stellt
die ihrem Wesen und ihrer Herkunft nach unabwägbaren Grundlagen des
Öffentlichen Rechts mehr und mehr in Frage, jedenfalls werde die Suche nach einer
eigenständigen öffentlich-rechtlichen Methode hierdurch unterlaufen. Angesichts
des breiten und tief gestaffelten Problembereiches der Abwägungsfehler und Un-
wägbarkeiten ist ein Kontrollverlust der Staatstätigkeit die Folge, wird eine rationale
Bestimmbarkeit der Ergebnisse und Gründe fraglich, ebenso die Vorhersehbarkeit
und die eindeutige gesetzliche Grundlage. Das Recht ist einst feudalisiert, dann
monarchisiert worden, wurde vom Führerprinzip durchdrungen und nunmehr
scheint die Zeit der "Demokratisierung" angebrochen. Damit verbunden sei eine
grundsätzliche Wertigkeitsbestimmung des öffentlichen Interesses nach Quantifi-
zierung der Betroffenen. Der Abwägungsstaat ist mehr als die Absage an übermä-
ßige oder unnötige Staatlichkeit, er befindet sich auf direktem Wege zum "privaten
Staat". Für Leisner bewegt sich der Staat der Verhältnismäßigkeit langsam und
unmerklich zurück zu persönlichen Strukturen der Machtausübung. Es schlägt eine
normative Kraft des Faktischen aus dem Einzelfall heraus durch, in der Optik Leis-
ners eine außer-, schließlich eine antigesetzliche Normativität. Letzthin gibt sich
nicht der Einzelfall selbst, sondern der Einzelwille des Abwägenden sein Recht
selbst. Der private Staat wiederum kann wohl nur im Ökonomischen das Maß seiner
Abwägung gewinnen, ansonsten bliebe nur noch pure Einzelfallgerechtigkeit. Es
fehlt bald an Übertragbarkeit auf andere Fälle, die Rechtssicherheit leidet ent-
scheidend, das Recht und das Urteil werden zu Turbulenzen in einer Realität, die es
eigentlich bewahrend umhegen sollten. Außerrechtliche Gesetzmäßigkeiten und
Bewertungskriterien werden letztlich an die Stelle der Normen treten, um Ver-
gleichbarkeiten und so erst Verhältnismäßigkeit zu schaffen. Für Leisner ist es aus-
gemacht, dass damit die Selbstgewichtigkeit und Ordnungskraft des rechtlich-nor-
mativen Denkens entschwindet in einem Staat unter dem Primat der Ökonomie und
der Technologie.

So bedenkenswert die Diagnosen von Leisner zum "Abwägungsstaat" (vielleicht)


sein mögen, stellt sich doch die Frage, auf welcher Grundlage diese denn eigentlich
getroffen werden. Leisner konstatiert zum Beispiel, dass bei der Abwägung
zwischen unterschiedlichen Staatsnormen letztlich "doch meist die große Zahl" (S.
144) zähle. Fände etwa eine Abwägung statt zwischen dem Recht auf Naturgenuss
und dem Eigentumsrecht, lasse sich in der Rechtsprechung ein "Primat der quanti-
tativen Betroffenheit" feststellen (S. 144). Die Vielen erhielten so eine normative
Vorrangstellung gegenüber dem grundgesetzlich garantierten Eigentumsrecht des
Einzelnen, die durch nichts, denn nur die Zahl, gerechtfertigt sei. Als (einziges)
Beispiel für diese als generell behauptete und als rein utilitaristisch qualifizierte
Entwicklung im Öffentlichen Recht und der entsprechenden Rechtsprechung führt
Leisner eine nicht näher erläuterte und spezifizierte Tendenz im "Naturschutzrecht
in Bayern" an (S. 144, FN 328). Nun mag zwar eine Wolke am blauen (weiß-
blauen) Himmel Vorbote eines Gewitters sein. Im Kontext des Staatsrechts — und
nicht der Meteorologie — scheint es indes mehr als gewagt, aus einem einzigen und

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noch dazu sehr speziellen Bereich eine im Grunde für den Staat insgesamt
desaströse Gesamttatsache ableiten zu wollen. So kann man sich des Eindrucks
nicht erwehren, dass Leisners gesamte Ausführungen auf einem deutlich anderen
Fundament ruhen als auf einer detaillierten Analyse richterlicher Entscheidungen
(siehe auch die Nicht-Analyse des "Apotheken-Urteils", S. 84-88). Diese andere
Basis ist ein durchweg demokratie-skeptischer, nahezu Spenglerscher
Kulturpessimismus. So bemerkt Leisner anlässlich seiner Diagnose, die "Dynamik
der Volksmacht" habe die "Gefäße der klar abgrenzenden Rechtsbegriffe"
zerbrochen und zu unscharfen, nahezu willkürlich zu interpretierenden
Rechtsbegriffen geführt: "Hier sollten nun vielleicht kulturphilosophische
Betrachtungen folgen, über den Niedergang der Begriffsklarheit, der
Begriffsklarheit am Ende des zweiten Jahrtausends. Dies kann nicht geleistet, nur
einiges darf angedeutet werden, aus der Sicht des Rechts, des Staatsrechts im
besonderen" (S. 103). In der Tat, nicht nur findet der Verfasser das, was er finden
möchte, sondern er kommt auch über "Andeutungen" — oder besser Spekulationen
— nicht hinaus. Ob das Vorurteil, die Bundesrepublik Deutschland befinde sich seit
den siebziger Jahren auf dem Weg in eine klientelistisch organisierte, auf der
Willkürmacht von Rechtsinterpreten ruhenden Republik "Italien" (S. 224)
sonderlich hilfreich ist, Staatsrechtsentwicklungen sine ira et studio zu untersuchen,
kann mit Fug und Recht bezweifelt werden.

b) Die vom Umfang her monumentale Abhandlung über "Demokratie" setzt sich aus
früheren Einzelveröffentlichungen zusammen, nämlich: "Demokratie — Selbst-
zerstörung einer Staatsform" (1979), "Der Gleichheitsstaat — Macht durch Nivel-
lierung" (1980), "Die demokratische Anarchie — Verlust der Ordnung als Staats-
prinzip?" (1982) und "Der Führer — Persönliche Gewalt: Staatsrettung oder Staats-
dämmerung?" (1983). Leisner will damit eine neuartige Entwicklungslehre der De-
mokratie vorlegen, die als eine gefährdete Staatsform angesehen wird — auch hier
überwiegen also die Warnungen und Mahnungen. Die staatsrechtliche Gegen-
steuerung ist Leisners Anliegen, wobei er sich gegen eine Radikaldemokratie wen-
det zugunsten der individuellen Freiheit, aus der allein das verantwortliche Mitein-
ander wachsen kann, um sich den Märkten und dem Wettbewerb zu öffnen und den
wirklich Schwachen zu helfen.

Leisner plädiert für Demokratiekritik im Hinblick auf die Prinzipien und Axiome.
Er will vor allem Gleichheitskritik üben und Modifikationen westlicher Demokratie
in den Blick nehmen, die ihre vermeintliche Alternativlosigkeit konterkarieren. Es
war im Wesentlichen der Markt, der über den Sozialismus gesiegt habe, nicht unbe-
dingt jedoch die parlamentarisch-demokratische Staatsform. Die parlamentarische
Demokratie benötigt genuine Überzeugungsgrundlagen. Aber eine vollständige

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Einheit von Staat und Gesellschaft kann es nach liberaler Auffassung nicht geben
und demokratische Macht muss zwar basisnah sein, darf sich jedoch nicht mit dieser
identifizieren. Die entsprechende Maxime Leisners lautet in pathetischer Form: "Die
Herrschenden mögen sich der Flamme des Volkes soweit nähern, dass sie erleuchtet
werden, sie dürfen sie nicht berühren, sonst verbrennt die Freiheit" (S. 17). Direkte
Demokratie wird verworfen, weil sie Misstrauen in ihre parlamentarischen Zentren
trägt. Leisner tritt für das Privateigentum ein, zu dessen Sicherung die
parlamentarische Staatsform instituiert wurde. Das mag, blickt man auf Locke, ohne
jeden Zweifel zutreffen, obschon Locke bekanntlich einen weiter gefassten
Eigentumsbegriff vertritt. Wenn Leisner jedoch festhält, dass "Privateigentum ...
einerseits wesentlich selbst Freiheit, andererseits Ziel und Sinn aller Freiheiten" (S.
42) ist, ignoriert er ziemlich großzügig all jene anderen Bestimmungen von Freiheit,
die seit der Glorious Revolution innerhalb der Politischen Theorie diskutiert wur-
den. Es fehlen, um nur ein paar Beispiele zu nennen, die Schottischen Aufklärer
ganz und gar, die zwar vehement ökonomische Prosperität verteidigten, in deren
Dominanz aber zugleich einen Angriff auf die Freiheit der Entfaltungsmöglichkei-
ten moralischer Akteure sahen, um von Hannah Arendt gar nicht zu reden. Die
Freiheit, immer wieder neu anfangen zu können, die gerade gegen das Arbeitstier
"Eigentümer" konzipiert und gesetzt wurde, findet Leisner anscheinend weder dis-
kutabel noch hinreichend einschlägig. Ob dieser Einseitigkeit, um es milde auszu-
drücken, gelangt Leisner nicht nur zu der nachgerade gewagten Einsicht, die
Mündigkeit des Bürgers bestehe "in erster Linie im Verfügenkönnen über sein Hab
und Gut" (S. 44), als ob es Kant nie gegeben hätte. Vielmehr vertritt er auch die
(empirisch zweifelhafte) Auffassung, eine der Demokratie "ihrem Wesen nach" in-
härente Tendenz "zu 'gleichem Eigentum'" (S. 46), also staatliche Intervention in
Eigentumsverfügung, gefährde die Freiheit und sorge schließlich sogar dafür, dass
sie an dieser Gleichheit "auf Dauer sterben" (S. 47) werde. Ist dergestalt der "kom-
munistische Rätestaat ein bleibendes 'soziales Ideal' für den Sozialstaat" (S. 123),
scheint parlamentarische Demokratie einen starken — bisher allerdings noch nicht
beobachtbaren — Hang zum Sozialismus zu haben. Damit dies nicht noch mehr
Wirklichkeit werde, als es scheinbar schon ist, "darf ... die Volksherrschaft nicht
schwache Elemente (sic!) in ihre Führung aufnehmen, sie muss diese denjenigen
übertragen, welche dem Bild des leistungsfähigen, interessierten, aktiven Menschen
entsprechen" (S. 174). Die harte Dezision der im Kampf Gestählten sorgt mithin
dafür, dass die "Menschlichkeit als Ideal ... nicht ... in den Bereich täglicher, nur
allzu wirklicher menschlicher Schwächen abgesenkt wird" (S. 175). All dies ist
nicht nur wirr, verachtend, anmaßend und vor allem peinlich, sondern gemahnt an
unsäglichste Traditionen, wonach einer (anscheinend) demokratischen Anarchie (S.
451) nur mit dem berühmten "starken Anarchen" beizukommen ist. Dass die Lösung
für Probleme der Demokratie ein Mehr an Demokratie sein könnte, wie etwa John
Dewey meinte, kommt Leisner überhaupt nicht in den Sinn, was einmal mehr den

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recht eingeschränkten Theorierahmen seiner "demokratietheoretischen"
Auslassungen bekundet.

Leisner macht des Weiteren den Amtsgedanken stark, warnt vor einer sich auswei-
tenden Sozialstaatlichkeit und will die wirtschaftliche Entfaltungsfreiheit durch eine
maximale Kontinuität ihrer politischen Rahmenbedingungen gewährleistet wissen.
Die organisatorische und zielmäßige Distanz zwischen der Ökonomie und der
politisch-demokratischen Macht sollte nicht synchronisiert werden, weder mit einer
"Demokratisierung der Wirtschaft" noch mit einer "Privatisierungsphilosophie der
Staatsgewalt", vielmehr muss das Spannungsverhältnis von Wirtschaft und Politik
als unüberbrückbar angesehen werden, ebenso und notabene dasjenige zwischen
den Kirchen und der Demokratie.

Die Tendenz der Volksherrschaft sei der Weg in die Gleichheit. Das pathetische
Dogma der Gleichheit verstärkt und steigert für Leisner Herrschaft und Macht ins
"Ungemessene", da durch Einebnung und Nivellierung kein Freiheitswiderstand
mehr geleistet werden könne. Herrschaft und Macht entfalten sich ubiquitär, weil
die Gegenkräfte zerstört werden. Egalität sei eine antiautoritäre Freiheitsillusion, auf
die caesaristisch-napoleonische-stalinistische etc. Machtanmaßung folge. Gleichheit
sei als Herrschaftsinstrument zu durchschauen, der "Leviathan" quasi neu zu
schreiben. Der schleichende Verlust der Bürger-Individualität und der Niedergang
des neutralen Staates bewirken einen Gewaltenmonismus und letztlich eine Herr-
schaftseskalation. Die gesellschaftliche "Bedürfnisvereinheitlichung" und "Uni-
formierung der Erwartungen" unterminieren das Institut der Freiheit als Macht-
schranke. Gleichheit ist keinesfalls Machtüberwindung oder das Ende aller Macht,
sondern schafft neue Machtchancen. Gleichheit ist erfolgreich gegen Ungleich-
heitsgewalt, aber nicht gefeit gegen eine neue Machtdimension, die Leisner als
"Überholung der Freiheit durch die Gleichheit" geißelt. Freiheit hat stets etwas Ab-
wehrendes, während Gleichheit inkludiert und eine geordnete Teilhabe verlangt.
Gleichheit als ahistorischer Gesellschaftsvertrag, von dem "alle Eingeborenen-
romantik abgefallen ist" (S. 234), ist ein aktivierendes Organisationsprinzip und
somit ein Herrschaftsprogramm, das sich in seiner Absolutheit in der volonté gé-
nérale Rousseaus zeigt. Freiheit kann nicht "objektiviert" werden, während unter
dem Signum der Gleichheit die Pflicht zum Recht wird. Wenn der Einzelne durch
Pflichten zum Bürger wird, ist dadurch eine Machtöffnung bereits beschlossen,
kann der Ehrentitel des Bürgers zum Herrschaftsbegriff mutieren. Gleichheit unter-
stützt die Kontinuität von Macht, ja garantiert und steigert sie, insofern sie Macht-
verstetigung ermöglicht: "Gleiche wählen am Ende immer die Gleichen" (S. 242).
Die verführerische Gleichheitsruhe ist nur mit einer einzigen, eindimensionalen
Spannung als Movens versehen, nämlich mit der Bewegung zu einer immer größe-
ren neuen Gleichheit. Die Gleichheitsmacht aber ist keine auslaufende Gewalt, son-
dern für Leisner eine "Lawinengewalt" mit dem Konsequenzzwang sich ausweiten-

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der Sozialgestaltung, um "volle Gleichheit" erzielen zu können. Diese Zielvorgabe
verklammert sich zugleich mit einer Herrschaftsbefugnis über den Einsatz der
hierzu notwendigen Mittel, was zu einer Progression "von Mittel zu Mittel" führt
und immer neue Bereiche erfasst. Die sich selbst verstärkende Gleichheits-Automa-
tik hat eine Herrschaftsmultiplikation im Gefolge und auferlegt einen Zwang zur
Globalreform. Der homogenisierende "große Gleichheitsschlag" bekommt die "Wei-
he des Legitimen, ja Notwendigen" (S. 253).
Systematisierungszwang und Effizienzsteigerung virtualisieren die Machtdispositive
zur nahezu unmerklichen Gleichheitsgewalt, die im Wesentlichen — sozial wie
politisch — unkontrolliert bleibt. Auch der Neopluralismus befördert in den Augen
Leisners die Gruppengleichheit und minimiert die Vielfalt, insofern ungleiche Grup-
pen gleich behandelt werden. Der Pluralismus als Durchgangsstufe zur Gleichheit
ist ihm eine Form der Entindividualisierung mit dem nicht intendierten Ergebnis
einer "Machtlosigkeit der vielen Gleichen". Der Gleichheitsstaat ist überdies im
Hinblick auf die Herrschaftskosten eine ökonomisch höchst sparsame Staatsform
mit klaren Zielvorgaben und einem Handlungsrahmen, der für den schematisieren-
den Technologieeinsatz besonders geeignet ist. Juristisch wie verwaltungstechnisch
ließen sich alle Egalitätsformen besonders wirksam entfalten — bis hin zur Steu-
ertypisierung. Auch in den Massenverbänden habe die Großnivellierung Einzug
gehalten und die Tarifvertraglichkeit entpuppe sich als politische Kollektiv-
herrschaft mit analogen Abläufen. Ebenso müssten die Massenmedien als Herolde
des Gleichheitsstaates verstanden werden, wobei sie alle anderen intermediären
Gewalten geradezu substituiert hätten, insofern sie fast jeden erfassen oder zu–
mindest erreichen könnten. Die Medien bestimmten den kategorialen Rahmen des
politischen Denkens und selbst die Kritik der Medien wirke egalisierend, denn in
der Art der publizistischen Aufbereitung müsse gleichheitskonform vorgegangen
werden, um von den egalisierten Bürgern überhaupt aufgenommen und verstanden
werden zu können. Die Inhalte legten es nahe, von einem Meinungskonformismus
mit relativ geringer Spannweite zu sprechen: "Die Mediennivellierung verstärkt sich
durch das 'politisch neutrale Fernsehen' und die 'überparteiliche Zeitung'. In ihrem
Meinungskonglomerat, oft Meinungsbrei, ist alles enthalten, findet alles seinen Platz
und gleicht sich immer mehr an. Selbst die Gegensätze sind vorprogrammiert, ihr
Ausgleich wird zum Ritual. Frontwechsel sind verpönt, damit die prästabilierte
Harmonie erhalten bleibe" (S. 399f.). Darüber hinaus halten die Medien eine
Teilhabeillusion der Bürger am Leben, indem sie ein "Demokratietheater" (S. 413)
inszenierten, das letztlich nur dem störungsfreien Erhalt der politischen Macht diene
und womöglich die politische Hauptfunktion der Medien ausmache. Die Medien
verfügen Leisner zufolge nicht nur über die "Möglichkeiten, den eigenen Willen
anderen aufzuzwingen" (S. 395), sondern nutzten diese unglaubliche
Formierungspotenz und "Nivellierungsmacht" auch dafür, den "freien Geist zu sei-
ner Selbstgleichschaltung" (S. 404) zu bringen. Die Massenmedien produzieren
durch ihre "Durchschnittssendungen" einen Massengeist der Mediokrität und

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Unterschiedslosigkeit, in dem jede "echte politische Diskussion" vernichtet ist, da
diese "ohne soziale und wirtschaftliche Ungleichheit" nicht wahrhaft geführt werden
könne (S. 399). Im Zeitalter des "Gleichheitsbürgers", der "Gazetten liest", ver-
schwindet der "Aristokrat", der "Traktate überflog" (S. 397). Leuchtet in dieser
wohlfeilen Medienschelte die krude Idee auf, dass mit wirtschaftlicher Potenz des
Einzelnen nicht nur seine Freiheit bzw. Mündigkeit steige, sondern auch der Geist
wachse, hat Leisner zudem ziemlich simple Vorstellungen von humaner Vernünf-
tigkeit und Medieneffekten. Ihm sind Vernünftigkeit und Denken eine Tabula rasa,
die mit medialen Gleichheitsprogrammen formatiert wird, so wie man Programme
auf Festplatten überspielt. Einmal eingerichtet, arbeiten sie immer nach dem
gleichen Schema. Abgesehen davon, dass dieses erkenntnistheoretische Programm
schon bei John Locke scheiterte, und ebenso davon abgesehen, dass sich die
Medienwirkungsforschung schon längst von solchen monokausalen Sender-
Empfänger-Konzepten verabschiedet hat, dürfte auf dieser Basis jegliche ernsthafte
Diskussion reichlich schwer fallen, wenn nicht sogar unmöglich werden. Denn dann
ist es doch mehr als rätselhaft, wie sich eine kritische Intelligenz, und sei es die des
Autors, überhaupt hat entfalten können — wohl nur durch die "elitäre Disziplin des
Abschaltens" (S. 399).

Insgesamt lässt die Welle der Gleichheit wenig Hoffnung, die nur durch eine gegen-
läufige Bewusstseinsentwicklung abgefangen und gebrochen werden kann. Mehr
Leistungsbereitschaft, ein differenziertes Bildungssystem, intensivierte Fami-
lienförderung, mehr Selbsthilfe und der Mut zum Privaten, ein systematischer
Minderheitenschutz und ein neues kulturelles Vielfaltgefühl könnten indes ent-
nivellierend wirken. Ansonsten mündet der Gleichheitsstaat in die demokratische
Anarchie, die sodann diktatorisch aufgehoben wird. Der von Leisner beklagte
Ordnungsverlust zeigt sich in Gesetzesungehorsam und Autoritätsschwund, mani-
festiert sich in Demonstrationen, Revolten und terroristischer Gewalt. Bürgerato-
misierung und Sozialzwang der Gleichen führten aber bereits so — in latenter oder
subkutaner Weise — zum alltäglichen, unblutigen Demokratiemord. Die Bindungs-
losigkeit im Zusammenhalt mit Herrschaftsverneinung leitet den Niedergang ein
und führt zur "Anarchie von oben", befördert durch die Machtblockade im Mehr-
parteiensystem. Offenbar werden Koalitionen geschaffen und immer wieder ge-
wählt, so Leisner, damit dem Bürger die "süße Befehlslosigkeit" bleibt, wiederum
unterstützt durch Parteienangleichung. Die Spätdemokratie wird zur "Figurende-
mokratie", die über den tatsächlichen Persönlichkeitsverlust bzw. den Mangel an
wirklich staatsordnenden Personen nicht hinwegtäuschen kann. Die organisierte
Ordnungslosigkeit der Gleichheitslawine bietet keinen Halt und Schutz mehr.
Leisner plädiert dagegen für den Neubeginn eines gemäßigten Konstitutionalismus,
um die Demokratie zu stärken. Ansonsten baut er auf reflexive Selbstkritik und
Einsicht in die aufgedeckten Zusammenhänge, die er in seiner weit ausholenden
Kulturkritik in einem polemisch guten Sinne zu verdeutlichen beabsichtigt.

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Der Kreislauf der Spätdemokratie rundet sich zum Ruf nach dem Führer. Diese Se-
quenz ist nach dem verhängnisvollen Erfolg Adolf Hitlers eine spezifisch deutsche
Frage, der nicht ausgewichen werden könne. Eine Pauschalverurteilung von Füh-
rung und Führer im Namen der Vergangenheit sei wenig hilfreich, denn "auch nach
Nero war 'Kaiser' noch für Jahrtausende ein großes politisches Wort" (S. 791).
Führung ist nicht der notwendige Weg zum Verbrechen und bereits "einer der Sie-
ger von 1945", so Leisner, habe neue Qualitäten politischer Führung demonstriert:
Charles de Gaulle. Die liberale Demokratie müsse sich erneut mit der Idee des Füh-
rers auseinandersetzen, insofern logische Ableitungen aus den Dogmen des de-
mokratischen Normativismus keinesfalls ausreichten. Demokratische Führung be-
zieht sich auf die politische Kraft des persönlichen Willens im Rahmen reziproker
Herrschaftsrelationen. Im aristotelischen Sinne hat es um eine mäßigende Mischung
zwischen Normativismus und persönlicher Gewalt zu gehen. Führung als eine
rechtliche Kategorie setzt nach Leisner ein Credo zum philosophischen Inde-
terminismus voraus und versteht sich als eine gültige Antwort auf Anarchie. Das
ambivalente Thema wird im Weiteren ausführlich abgehandelt, wobei Leisner
offensichtlich auch keine Scheu vor möglichen Missverständnissen hat. Natürlich
sind starke Persönlichkeiten und ihr Charisma in jedem Gemeinwesen unentbehr-
lich, auch um sich gegen spezialisierte Kompetenz durchzusetzen und zum richtigen
Handeln anzuleiten, aber ebenso benötigt man Fortuna, damit die demokratische
Gratwanderung gelingt und nicht beispielsweise zur Militärdiktatur oder zu einer
dogmatisierten Weltanschauung als Führungsgehalt einer Einheitspartei oder zum
Volkstribunatentum abgleitet. Leisner postuliert eine "Führung durch nichtgeführte
Führer" und stellt seine Überlegungen, die interessanterweise ohne Max Weber
auskommen, auf "unabhängige Persönlichkeiten" ab, die jedoch nicht nachgeordnet,
bereichs- oder funktionsspezifisch platziert werden sollen bzw. in diesen
Erscheinungsformen nur eine Vor-Institutionalisierung persönlicher Gewalt
erbringen können. Auch die demokratische Idee der "Selbstführung" reicht nicht aus
und radikaldemokratische Implikationen werden in Leisners Staatslehre ohnehin
durchgängig auf das Schärfste abgelehnt: "Basisdemokratie" ist "Anti-Führung".
Demokratische Führung hingegen werde vor allem erreicht durch materielle und
temporale Ausweitung der Staatsaufgaben. Es ist "Führung im weichen Rahmen"
und "am ganz langen Zügel, der doch noch immer gefühlt wird und rasch wirken
kann" (S. 1014) und hierin die persönliche Gewalt in "reinem Da-Sein", gefestigt
durch Vertrauensbeziehungen, gottesgleich quasi allgegenwärtig ist. Die
Führungspersönlichkeiten der gemäßigten Demokratie müssen zwar die Entfaltung
nachgeordneter Führung dulden, dürfen sie aber nicht in eine "Führung von unten"
umschlagen lassen. Das präsidentielle Regierungssystem der USA wird von Leisner
insgesamt als vorbildlich empfohlen, hier seien viele seiner Vorstellungen schon
erfüllt, auch wenn die Wirtschaftsführung zum Problem werde, jedoch würde die

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Wirtschaft stets etwas bewundern, was sie selbst in dieser Konzentration nicht
zustande brächte, nämlich die persönliche Gewalt.

Ein schlimmes Ende befürchtet Leisner unter obigen Voraussetzungen nicht. Seine
Argumentation ist jedoch nicht mehr nachvollziehbar, wenn es allen Ernstes heißt:
"Demokraten brauchen nicht zu befürchten, dass alle Lichter der Freiheit in der
totalen Verdunkelung dauernder Persönlicher Gewalt erlöschen werden; eher sollten
sie die langen weißen Nächte der Freiheit fürchten, wenn anwachsende Anarchie
immer dichtere Wolken um den Glanz der Volksherrschaft legt. Die Zeit wirkt ja
mit ganz anderer Gesetzlichkeit auf die Führer als auf das Volk: Dieses erträgt den
Verlust seiner Freiheitwerte geduldig, Jahrzehnte hindurch; Persönliche Gewalt mag
in Tyrannei getrieben werden, doch für sie ist es ein kurzes Fieber, an dem sie
sterben muss — oder das sie zu überwinden vermag. — Immer hat die Geschichte
gezeigt, dass Dauertyrannei unvollziehbar ist. Freiheitsvernichtende persönliche
Regime können sich länger nur halten, wenn sie bei den Gesetzen, beim demokrati-
schen Denken, normative Anleihen aufnehmen — die Sowjetmacht musste damit
bald beginnen. Persönliche Führung mag in äußere Kriege stürzen, doch sie sind
rascher beendet als der lastende innere Bürgerkrieg einer Verfallsdemokratie. Die
Persönliche Gewalt wird den Ausnahmezustand dann ausrufen, doch er ist nicht von
Dauer, und deshalb auch nicht ihre Tyrannei" (S. 1054). Bei diesen und zahllosen
weiteren Sätzen, die wir den LeserInnen der Besprechung ersparen wollen (vgl.
allein die Schlusssentenzen auf S. 1060f.), muss man nun allerdings doch befürch-
ten, dass sich der Autor vollends um den Verstand geschrieben hat.

c) Dieser Eindruck verstärkt sich im Hinblick auf seine Abhandlung über die
"Staatswahrheit". Leisners Versuch einer Staatslehre des Erkennens muss, um es
deutlich zu sagen, als esoterisch bezeichnet werden, d.h. sie erfüllt keine wissen-
schaftlichen Ansprüche mehr. Die demokratische Dynamik der Volkssouveränität
habe institutionelle Instabilitäten hervorgebracht, die ein immer stärkeres Ord-
nungsbemühen des Staatsrechts im Sinne einer "verselbstständigten Systemsuche"
auslösen, und zwar als "Suche nach einer Wahrheit, welche politischem Ver-
änderungswillen nicht zu folgen braucht, ihn vielmehr beherrscht." Staatswahrheit
ist "etwas dem Staat Vorgegebenes, von ihm dienend Getragenes, der Macht geistig
Überlegenes — als eine Realität, die vom Recht und seiner Dogmatik erkannt, nicht
geschaffen wird" (S. 22). Denn der Staat ist in Analogie zu Hegel der "Gott der
Wahrheit auf Erden" und insofern von alternativloser Unentbehrlichkeit (S. 31).
Und: "Der Staat als solcher denkt nicht und reflektiert wenig; diese Eigenart gibt er
seinen Herrschenden mit auf ihre verschlungenen Wege" (S. 185). Der Staat zeigt
und beweist seine Wahrheitskraft im Staatsmonument und in der Staatsgeste als
Symbolisierung von Macht. Carl Schmitt lässt grüßen, wenn es heißt: "Alle
staatliche Einmaligkeitsaktion ist zugleich Staatsgeste, der Befehl vor allem, der im

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Ausnahmezustand entscheidet und über ihn". Diese Staatsgeste "bedarf nicht der
Durchsetzung, sie muss nicht in Organisation verewigt und verkleinert werden, weil
sie mit einer großen Bewegung etwas vornimmt wie das Wegziehen eines großen
Vorhangs vor der Realität der Macht, eine Entschleierung von deren Wahrheit für
einen kurzen Augenblick." Hier wird ein "Schauder vor der höheren Staatswahrheit"
evoziert — und genau "dies ist das Wesen einer Staatsgeste, welche mit einer
großen Bewegung, einem mächtigen Schwung, in einer wahrhaft barocken Mäch-
tigkeit den Himmel einer Staatswahrheit auf die Erde holt" (S. 189). Es bleibt
inständig zu hoffen, dass wir von solchen Staatsgesten und Himmelserscheinungen
für immer verschont bleiben.

Die Mahnungen und Vereinfachungen Walter Leisners sind voller Idiosynkrasien


und bloßer Behauptungen, seine Konzeption ist rückwärtsgewandt und sozialwis-
senschaftlich uninformiert, was zur Folge hat, dass seine Postulate und vermeintli-
chen Lösungs- oder Rettungsvorschläge theoretisch wie empirisch völlig unter-
komplex und wenig gehaltvoll, ja geradezu fahrlässig sind. Sie bieten keinerlei An-
halt für eine produktive staatswissenschaftliche Diskussion, sondern kompilieren
"Wahrheiten", die keinen Erkenntnisgewinn vermitteln, sondern lediglich ein auf-
wendiges und andeutungsreiches, anti-aufklärerisches "Geraune" zum Ausdruck
bringen, das — wenn überhaupt — nur für hermetisch gleichgeordnete Gesinnungen
noch resonanzfähig ist. Für das 21. Jahrhundert jedenfalls werden sicherlich andere
Staatsrechtslehrer und Theorien des Staatlichen im Signum der Denationalisierung
und vielschichtigen Globalisierung benötigt, die weniger von Hybris geprägt und
statt metaphysischer Hinwendungen stärker geöffnet sind für zivilgesellschaftliche
Eingaben.

© 2001, Institut für Staatswissenschaften.

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