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Umgang mit Gewalt: Geschichten zur Warnung in indigenen Gesellschaften am Beispiel der Jaqi

Die gewaltlosen Menschen der Anden mussten mit den Schwierigkeiten fertig werden, die ihnen die Eroberer aus Europa brachten. Vergewaltigung etwa ist bei den Jaqi unbekannt und es gibt kein Wort dafür. Die Jaqi lösten das Problem durch die Schaffung eines neuen Genres, die sogenannten "WeißenGeschichten". Darin werden weiße Männer als nicht-menschliche, zudringliche Vergewaltiger dargestellt. Diese "Weißen-Geschichten" werden benutzt, um mit dem neuen Übel, das die Europäer einführten, umzugehen. In einigen dieser Geschichten wird Vergewaltigung als Kannibalismus geschildert. Der weiße Eindringling hat keine Essmanieren - er frisst wie ein Tier. Er entpuppt sich als nicht-menschlich, als nicht-Jaqi. Am Ende manch einer "Weißen-Geschichte" wird aus einem einzigen Eindringling ein Pöbel von Männern. In anderen Geschichten ist der nicht-menschliche weiße Aggressor ein Kundschafter für eine noch gefährlichere Schar von nicht-menschlichen Eindringlingen in Menschengestalt.

Eine "Weißen-Geschichte"
von Farita Iturrizaya

Es war einmal eine Hirtin mit ihren Kindern. Sie war gerade in einem ihrer Häuser weit draußen auf dem Feld. Es war Abend, und da kam jemand an ihre Tür auf der Suche nach einer Schlafstätte. Er sagte, man habe ihm erzählt, er könne hier einen Unterschlupf finden. Die Hirtin sagte natürlich ja und lud ihn ein zu bleiben. Sie hieß ihn willkommen und sagte, dass sie froh sei über seine Gesellschaft. Als er sich draußen neben einen Felsen setzte, brachte sie ihm Pudding. Sie bemerkte, dass er sein Essen über seiner Brust verschüttete und auch, dass seine Füße schmutzig waren. Dann entschuldigte er sich, um sich zu erleichtern, aber das war nicht der Grund, warum er wegging. Er holte seine Kameraden, dass sie die Frau auffressen, denn er war 1
Hannelore Vonier, Kissimmee, Florida – Blog: Rette sich, wer kann!

in Wirklichkeit ein weißer Eindringling. Als er zurückkam, schrie er auf Spanisch: "Kameraden, hier ist frisches Fleisch." Sie fraßen die Frau und auch alle ihre Kinder. Man sagt, es blieben nur Knochen übrig. Diese Geschichte ist eine der populärsten, und sie hat viele verschiedene Versionen. In einigen kann die Frau entkommen, indem sie auf einen Baum klettert, aber dann muss sie dem Tod ihrer Kinder zusehen. Wenn der Weiße nicht auch noch den Baum fällt, um sie zu holen, dann verfolgt sie ihn am nächsten Tag. In einigen Versionen nimmt sie ein Gewehr, manchmal erschlägt sie ihn, manchmal findet sie ihn nicht. Wenn er stirbt, wird er im Moment seines Todes zu Staub und Knochen. In anderen Geschichten verursachen Weiße unerwünschte Schwangerschaften und unnatürliche Kinder, die durch Vergewaltigung und Täuschung entstanden. Diese Kinder sind eine Gefahr für ihre Mutter, brechen ihre Knochen, fressen oder töten sie. In einigen Versionen dieser Geschichten werden die bösen Taten des Kindes - fast immer ein Junge - beschrieben. Nur wenn das Kind keinen Kontakt mit dem Vater hat, sondern von der Mutter bei den Jaqi oder von ihren Verwandten aufgezogen wird, kann die Gefahr, die von dem Kind eines Weißen ausgeht, etwas gemindert werden. Diese Geschichten haben folgende gemeinsame Eigenschaften: 1. Alle Eindringlinge in den Geschichten sind Weiße, und sie sind Männer, meistens mit spanischer Muttersprache. 2. Die Eindringlinge wohnen in Höhlen und kommen heraus, um sich ihre Opfer zu suchen, meist sogar in deren eigenen Häusern, aber hauptsächlich in Häusern, die nahe am Weideland stehen. 3. Ihre Angriffe machen sie, wenn niemand zugegen ist, in den Ruinen, auf der Straße oder in weitabgelegenen Feldern. Die warnenden Elemente in diesen Geschichten basieren auf der direkten Erfahrung der Jaqi mit Europäern, seit der Zeit der Eroberung bis hin zur Gegenwart. • Vergewaltigung ist ein europäischer Brauch, der den Jaqi unbekannt war, bis die Spanier kamen. Europäische Männer missbrauchten einheimische Frauen (der Ausdruck „frisches Fleisch“ für Frauen wird auch heute noch in europäischen Sprachen verwendet). 2
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Mit der Vergewaltigung nahmen die Europäer zudem den Jaqi-Frauen, aber auch den Männern, ihre Freiheit zu reisen. Sie müssen jetzt Angst haben, allein zu reisen, vor allem wenn es dunkel wird, weil sie möglicherweise Nicht-Jaqi treffen können. Ihre Angst ist nur allzu gerechtfertigt.

Die Schöpfung der "Weißen-Geschichten" ist ein Beispiel dafür, wie die JaqiFrauen ihre Töchter lehrten und wie sie ihnen halfen, mit einer schlimmen Situation fertig zu werden. Leider sind Geschichten wie diese nicht wirksam gegen die Gefahren, die von Schulen oder Städten ausgehen, wo das Selbstwertgefühl der Indigenen und ihre Sprache auf subtile Weise angegriffen werden. Denn wenn sie anfangen die Sprache der Eroberer zu sprechen, lernen sie auch zumindest partiell die Weltsicht des Eroberers mit.*
*Siehe dazu „Was ist Kultur - Sprache, Gefühl, Handlung“ http://bit.ly/WasIstKultur Quelle: Martha James Hardman (http://grove.ufl.edu/~hardman/)

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