Zur Subjektivierung im Netzwerk

Modul 14s Seminar Nachrichten aus dem 21. Jahrhundert: Was bedeutet Medientheorie nach den Medien? Prof. Siegfried Zielinski Sommersemester 2010 Helge Peters helge@udk-berlin.de

Inhalt

1. Einleitung 2. Gouvernementalität und Subjektivierung 3. Transformation der Subjektkultur 3.1. Gegenkultur als Subjekttransformationsbewegung 3.2. Kybernetische Beiträge zur Gegenkultur 4. Vernetzte Subjekte und Regieren im Netzwerk 5. Literatur

S. 3 S. 4 S. 10 S. 11 S. 15 S. 22 S. 25

2


1. Einleitung „I
like
to
think
 (it
has
to
be!)
 of
a
cybernetic
ecology
 where
we
are
free
of
our
labors
 and
joined
back
to
nature
 returned
to
our
mammal
 brothers
and
sisters,
 and
all
watched
over
 by
machines
of
loving
grace“
 
 Das
Gedicht
„All
watched
over
by
machines
of
loving
grace“
des
Hippie‐Poeten
 Richard
Brautigan
von
1967
(zit.
nach
Turner
2006,
S.
38f)
beschwört
eine
 Utopie,
in
der
sich
der
Mensch
von
der
Arbeit
befreit
und
mit
der
Natur
 versöhnt
hat.
Das
Potential,
diese
Utopie
zu
verwirklichen,
wurde
der
 Kybernetik
zugesprochen:
Wohlwollende
Maschinen
sollten
über
die
neue
 kybernetische
Ökologie
wachen.
Jahrzehnte
später
attestiert
das
französische
 Autorenkollektiv
Tiqqun
der
Gegenwart
eine
„(...)
neue
Gouvernementalität,
 die
durch
die
kybernetische
Hypothese
inspiriert
ist“
(Tiqqun
2007,
S.
15).
Im
 Kontrast
zur
Utopie
der
60er
begreifen
Tiqqun
die
Kybernetik
als
eine
 Herrschaftstechnologie,
die
jedes
Anzeichen
einer
kritischen
Äußerung
als
 Feedback
ins
System
zurückführe
und
zum
Richtungsanzeiger
und
 Innovationspotential
für
die
Stabilisierung
und
Perpetuierung
kapitalistischer
 Herrschaft
umnutze.
Die
politisch
gewendete
Kybernetik
ziele
auf
eine
totale
 Durchregulierung
des
Existierenden
mit
Hilfe
dezentraler
Kontrolldispositive;
 die
elektronischen
Kommunikationsnetze
bildeten
die
Quelle
ihrer
Macht
(vgl.
 Ebd.,
S.
18).
Das
dieser
Form
von
Herrschaft
komplementäre
Subjekt
sei
eines
 der
spontanen
Kooperation,
das
in
der
Lage
sei,
sich
dynamisch
selbst
zu
 organisieren;
entwurzelt
und
fähig,
sich
einer
Umwelt
der
andauernden
 Umwälzung
anzupassen
(vgl.
Tiqqun
2003,
S.
50ff).

 Die
Diskrepanz
ist
offensichtlich:
Existierte
in
einem
Teil
der
Gegenkultur
der
 60er
noch
eine
Vorstellung
von
der
Kybernetik
als
Mittel
zur
Verwirklichung
 einer
Utopie
der
Befreiung
und
Versöhnung,
so
erscheint
sie
nun
in
der
 
 3


Gegenwart
als
Mittel,
die
Herrschaft
auf
Dauer
zu
stellen
und
ihre
Kritik
immer
 schon
integriert
zu
haben.

 Ziel
dieser
Arbeit
ist
weniger
eine
Diskussion
der
Thesen
Tiqquns,
als
vielmehr
 der
Versuch,
vor
dem
Hintergrund
der
Transformation
der
Subjektkultur
von
 der
organisierten
Moderne
zur
Postmoderne

nachzuzeichnen,
wie
die
 Rezeption
der
Kybernetik
in
einem
Teil
der
amerikanischen
Gegenkultur
eine
 Subjektform
hervorbrachte,
die
sich
in
eine
aktualisierte
Gouvernementalität
 einschreibt.
Dazu
sollen
zunächst
die
Begriffe
Subjektivierung
und
 Gouvernementalität
geklärt
(Kap.
2)
und
dann
nachvollzogen
werden,
wie
sich
 die
Subjektkultur
unter
dem
Einfluss
der
Gegenkultur
transformierte
und
 welche
kybernetischen
Beiträge
dabei
existierten
(Kap.
3),
um
schließlich
 anzudiskutieren,
wie
Kybernetik
und

Gouvernementalität
der
Gegenwart
 zusammenhängen
(Kap.
4).



2. Gouvernementalität und Subjektivierung Gegen
Ende
der
Vorlesung
„Die
Gouvernementalität“
von
1978
erläutert
Michel
 Foucault
zusammenfassend
seinen
Begriff
der
Gouvernementalität:
 „Unter
Gouvernementalität
verstehe
ich
die
Gesamtheit,
gebildet
aus
 den
Institutionen,
den
Verfahren,
Analysen
und
Reflexionen,
den
 Berechnungen
und
den
Taktiken,
die
es
gestatten,
diese
recht
 spezifische
und
doch
komplexe
Form
der
Macht
auszuüben,
die
als
 Hauptzielscheibe
die
Bevölkerung,
als
Hauptwissensform
die
politische
 Ökonomie
und
als
wesentliches
technisches
Instrument
die
 Sicherheitsdispositive
hat.“
(Foucault
2000,
S.
64)
 Es
sind
hier
drei
Begriffe
gegeben,
mit
denen
sich
das
Feld
der
 Gouvernementalität
erschließen
lässt:
Macht,
Bevölkerung
und
Sicherheit.
 Zur
Frage
der
Macht
lassen
sich
drei
analytische
Ebenen
unterscheiden:
 Machtbeziehungen
sollen
verstanden
werden
als
strategische
Spiele
zwischen
 Menschen,
die
das
Verhalten
anderer
Individuen
zu
lenken
versuchen
‐
sie
sind
 immer
schon
gegeben,
sobald
soziale
Situationen
vorliegen.
In


4


Herrschaftszuständen
haben
sich
bestimmte
Machtbeziehungen
verfestigt
und
 institutionalisiert,
so
dass
sich
das
strategische
Spiel
zugunsten
einer
Seite
 dauerhaft
entschieden
hat.
Regierungstechnologien
schließlich
vermitteln
 zwischen
strategischen
Beziehungen
und
Herrschaftszuständen,
indem
sie
 Machtausübung
in
systematisierten,
regulierten
und
reflektierten
Formen
 erlauben,
ohne
so
flüchtig
wie
die
Machtbeziehungen
noch
so
erstarrt
wie
die
 Herrschaftszustände
zu
sein.
Herrschaft
lässt
sich
somit
als
Effekt
von
 Regierungspraktiken
verstehen,
die
Machtbeziehungen
derart
stabilisieren,
 dass
sie
zu
Herrschaftszuständen
gerinnen
(vgl.
Lemke
2001).
 Foucault
zeichnet
nach,
wie
im
16.
Jahrhundert
unter
dem
Begriff
der
 Regierung
noch
mehr
Phänomene
gefasst
wurden,
als
heute
mit
der
Verengung
 auf
die
Angelegenheiten
des
Staates
üblich
ist.
Regiert
wurde
jenem
 Verständnis
nach
auch
in
Familien,
Klöstern,
Schulen
und
derlei
mehr;
die
 Regierung
des
Staates
bzw.
Fürsten
war
nur
eine
Form
des
Regierens
unter
 vielen.


 Aus
einer
Kritik
der
souveränen
Regierung
des
Fürsten
heraus,
die
eine
Reihe
 von
Autoren
ab
dem
16.
Jahrhundert
übten,
entwarf
sich
eine
Form
des
 Regierens,
die
ihr
Vorbild
in
der
Regierung
der
Familie
(griechisch
oikos)
–
der
 Ökonomie
–
fand.
Regiert
werden
sollte
nun
nicht
mehr
zum
selbstbezüglichen
 Zwecke
des
Erhalts
der
fürstlichen
Souveränität,
sondern
mit
der
 Gewissenhaftigkeit
des
Familienvaters,
der
die
Geschicke
der
Familie
zum
 Besten
lenkt.
Dabei
erweiterten
sich
sowohl
Gegenstand
als
auch
 Zwecksetzung
der
Regierung,
die
sich
nunmehr
„(...)
nicht
auf
das
Territorium
 bezieht,
sondern
auf
eine
Art
Komplex,
gebildet
aus
den
Menschen
und
den
 Dingen“
(Foucault
2000,
S.
51)
und
diesen
zum
Zwecke
der
 „Vervollkommnung,
Maximierung
oder
Intensivierung“
(Ebd.,
S.
54)
führt.
 Mit
dem
Bevölkerungswachstum
des
18.
Jahrhunderts
schließlich
tritt
die
 Bevölkerung
als
Problem
und
Ziel
der
Regierung
hervor.
Sie
ist
nun
nicht
mehr
 bloßer
Ausdruck
der
Macht
des
Souveräns,
sondern
Zweck
und
Instrument
der
 Regierung,
was
eine
Reihe
neuer
Taktiken
und
Techniken
der
Führung
sowie
 auf
die
Bevölkerung
bezogener
Wissensformen
notwendig
macht,
zwischen
 denen
die
Statistik
eine
herausragende
Rolle
einnimmt.


5


Foucault
beschreibt
die
Gouvernementalität
nicht
nur
als
eine
an
der

 Bevölkerung
orientierte
Regierung,
sondern
auch
als
historische
 Entwicklungstendenz
des
Staates:
Vom
durch
das
Gesetz
herrschenden
 Gerechtigkeitsstaat
des
Mittelalters
über
den
disziplinierenden
 Verwaltungsstaat
des
Feudalismus
bis
hin
zum
durch
Sicherheitsdispositive
 kontrollierenden
Regierungsstaat
findet
ein
Prozess
der
 Gouvernementalisierung
des
Staates
statt
(vgl.
Ebd.,
S.
66).

 Im
Liberalismus
der
letzteren
Staatsform
erkennt
Foucault
nicht
die
 Ausweitung
einer
überhistorisch
feststellbaren
Freiheit,
sondern
vielmehr
die
 Einrichtung
der
Bedingungen
für
Freiheit
selbst,
die
jedoch
immer
mit
der
 Produktion
von
Regierungsinterventionen
und
Gefahrendiskursen
verbunden
 sein
muss,
die

freies
Handeln
einhegen,
um
die
Sicherheit
der
liberalen
 Ordnung
zu
gewährleisten:

 „Mit
einer
Hand
muss
die
Freiheit
hergestellt
werden,
aber
dieselbe
 Handlung
impliziert,
dass
man
mit
der
anderen
Einschränkungen,
 Kontrollen,
Zwänge,
auf
Drohungen
gestützte
Verpflichtungen
usw.
 einführt.“
(Foucault
2004,
S.
98)
 Die
Entstehung
der
liberalen
Regierung
bringt
eine
Sicherheitstechnologie
mit
 sich,
die
im
Unterschied
zum
Disziplinarsystem
keine
präskriptive
Norm
 vorgibt,
deren
Einhaltung
mit
Disziplinarmaßnahmen
erzwungen
wird,
 sondern
eine
bspw.
durch
Statistiken
über
die
Bevölkerung
ex
post
erhobene
 empirische
Norm
etabliert,
an
die
sich
subjektive
Normalisierungsprozesse
 innerhalb
einer
Bandbreite
akzeptabler
Abweichungen
anschließen
können
 (vgl.
Lemke
2001).
 Mit
der
Frage
nach
der
Regierung
ist
also
die
Verknüpfung
von
 Herrschaftstechniken
mit
Technologien
des
Selbst
angesprochen:
der
 Regierungsbegriff
vermittelt
zwischen
Macht
und
Subjektivität.

 Unter
den
Begriff
der
Technologien
des
Selbst
sind
Operationen
gefasst,
 mithilfe
derer
Individuen
ihre
eigene
Selbstkonzeption
und
Lebensführung
im
 Hinblick
auf
ein
gewünschtes
Ziel
modifizieren
(vgl.
Bröckling,
Krasmann
&
 Lemke
2000,
S.
28f).


6


Die
Verschränkung
von
Herrschaftstechniken
und
Technologien
des
Selbst,
von
 Fremdführung
und
Selbstführung,
ersetzt
den
Zwang
als
Mittel
der
 Disziplinierung:

 „Warum
sollte
es
nötig
sein,
individuelle
Freiheiten
und
 Gestaltungsspielräume
einzuschränken,
wenn
sich
politische
Ziele
 wesentlich
„ökonomischer“
mittels
individueller
„Selbstverwirklichung“
 realisieren
lassen?“
(Ebd.,
S.
30)
 Die
Selbstverwirklichung
als
Selbstführung
setzt
eine
Konzeption
des
 Individuums
als
Subjekt
voraus.
In
„The
Subject
and
Power“
(1983)
weist
 Foucault
dem
Subjektbegriff
zwei
Bedeutungen
zu:
 „There
are
two
meanings
of
the
word
subject:
subject
to
someone
else
 by
control
and
dependence,
and
tied
to
his
own
identity
by
conscience
 or
self‐knowledge.
Both
meanings
suggest
a
form
of
power
which
 subjugates
and
makes
subject
to.“
(Foucault
1983,
S.
212)
 In
der
Subjektivierung
sind
also
Momente
sowohl
der
Fremd‐
als
auch
der
 Eigensteuerung
ineinander
verschränkt.
Zwar
erkennt
und
bildet
sich
das
 Subjekt
als
eigenständiges
Ich,
muss
jedoch
seine
Handlungsfähigkeit
von
den
 Instanzen
beziehen,
gegen
die
es
seine
Autonomie
behauptet
(vgl.
Bröckling
 2007).
Die
Anrufung
des
Subjekts
eröffnet
dabei
einen
prinzipiell
 unerfüllbaren
Imperativ:
„Ein
Subjekt
zu
werden
ist
etwas,
dem
niemand
 entgeht
und
das
zugleich
niemandem
gelingt“
(Ebd.,
S.
30).

 Um
Machtbeziehungen
zu
verstehen,
empfiehlt
Foucault,
die
darauf
bezogenen
 Widerstände
und
Kämpfe
zu
untersuchen.
Diese
Kämpfe
haben
eine
Reihe
von
 gemeinsamen
Eigenschaften:
Sie
sind
gleichzeitig
transversal
und
unmittelbar,
 haben
die
Effekte
der
Macht
zum
Ziel,
stellen
die
Regierung
der
 Individualisierung
zur
Disposition,
befragen
dazu
Macht‐Wissen‐Komplexe
 und
drehen
sich
schließlich
um
die
Frage
nach
dem
Selbst.
Kurz:
Die
Kämpfe
 attackieren
Machttechniken,
die
aus
Individuen
Subjekte
machen,
indem
sie
die
 Individuen
kategorisieren
und
ihnen
Identitäten
und
Wahrheitsordnungen
 aufprägen,
die
von
ihnen
und
anderen
berücksichtigt
werden
müssen.


7


Foucault
unterscheidet
in
drei
Arten
von
Kämpfen:
Kämpfe
gegen
Ausbeutung
 als
Trennung
des
Produzenten
vom
Produkt,
gegen
Formen
der
ethnischen,
 religiösen
oder
sozialen
Dominanz
und
Kämpfe
gegen
die
Unterwerfung
unter
 die
Form
des
Subjekts.
Letzteren
attestiert
Foucault
eine
zunehmende
 Wichtigkeit,
wobei
diese
Kämpfe
immer
als
ineinander
verwoben
zu
verstehen
 seien.
Die
zunehmende
Relevanz
der
Kämpfe
um
Subjektivierung
macht
 Foucault
an
der
Säkularisierung
und
Entgrenzung
der
christlichen
 Pastoralmacht
seit
dem
sechzehnten
Jahrhundert
fest.
Diese
besondere
Form
 der
Macht
sei
in
der
modernen
Staatsmacht
als
gleichzeitig
 individualisierender
und
totalisierender
Macht
aufgegangen.
Die
Spezifik
der
 Pastoralmacht
bestimmt
Foucault
von
mehreren
Eigenschaften
her:
Sie
sei
 erlösungsorientiert,
enthalte
im
Gegensatz
zur
politischen
Souveränität
ein
 Moment
des
Opfers,
sei
individualisierend
im
Gegensatz
zum
Recht
und
 erstrecke
sich
über
die
gesamte
Lebensspanne,
schließlich
sei
sie
mit
der
 Produktion
eines
bestimmten
Wissens
verbunden,
nämlich
des
Wissens
um
 das
Individuum
selbst.
In
der
Form
des
Staates
sei
die
Pastoralmacht
heute
 enthalten,
wiewohl
sich
die
Zielsetzung
auf
eine
weltliche
Wohlfahrt
hin
neu
 orientiert
und
die
Agenten
dieser
neuen
Pastoral‐
bzw.
Staatsmacht
sich
 vervielfältigt
haben:
Sei
es
der
Staatsapparat
selbst,
die
Polizei
oder
 Institutionen
wie
die
Philanthopie,
die
Familie
oder
gar
komplexe
Misch‐ Strukturen
wie
die
Medizin.
Diese
neue
Vielfalt
brachte
auch
die
Entwicklung
 neuer
Wissenschaften
vom
Menschen
mit
sich:
Als
Wissenschaften
von
der
 Bevölkerung,
wie
der
bereits
angesprochenen
Statistik,
sowie
als
 Wissenschaften
vom
Individuum.

 Foucault
beschreibt
die
Macht
des
so
verstandenen
Staates
als
eine
 subjektivierende:

 „I
don’t
think
we
should
consider
the
„modern
state“
as
an
entity
which
 was
developed
above
individuals,
ignoring
what
they
are
and
even
their
 very
existence,
but
on
the
contrary
as
a
very
sophisticated
structure,
in
 which
individuals
can
be
integrated,
under
one
condition:
that
this
 individuality
would
be
shaped
in
a
new
form,
and
submitted
to
a
set
of
 very
specific
patterns.“
(Foucault
1983,
S.
214)


8


Machtausübung
wiederum
setzt
freie
Subjekte
voraus,
die
sich
in
einem
Feld
 mehrerer
Möglichkeiten
des
Handelns
bewegen.
Schließlich
bedeute
Regieren
 im
Sinne
der
Führung,
dieses
Möglichkeitsfeld
zu
strukturieren
und
 Handlungswahrscheinlichkeiten
herzustellen:
 „For
to
conduct
is
at
the
same
time
to
„lead“
others
(...)
and
a
way
of
 behaving
within
a
more
or
less
open
field
of
possibilities.
The
exercise
of
 power
consists
in
guiding
the
possibility
of
conduct
and
putting
in
order
 the
possible
outcome.“
(Ebd.,
S.
220f)
 An
diese
machttheoretischen
Überlegungen
lässt
sich
eine
kulturtheoretische
 Frage
nach
dem
Subjekt
anschließen.
Andreas
Reckwitz
stellt
das
Subjekt
vor
 als
einen
„Katalog
kultureller
Formen
(...),
die
definieren,
was
unter
einem
 vollwertigen
Subjekt
zu
verstehen
ist,
und
die
sich
in
seiner
körperlich‐ mentalen
Struktur
in
Form
von
spezifischen
Dispositionen,
Kompetenzen,
 Affektstrukturen
und
Deutungsmustern
einprägen“
(Reckwitz
2006,
S.
10).
Die
 spezifischen
Formen
dessen,
was
ein
Subjekt
ist,
werden
dabei
in
 Subjektkulturen
definiert
und
realisiert,
die
sich
als
Praxis‐/Diskurskomplexe
 beschreiben
lassen.
In
Praktiken
werden
die
Subjekte
hervorgebracht,
die
 Subjektform
ist
in
ihnen
implizit
enthalten,
während
sie
in
Diskursen
bspw.
 über
die
Differenzmarkierung
zu
einem
Anti‐Subjekt
explizit
formuliert
wird.
 Praktiken
enthalten
dabei
immer
ein
kulturelles
Moment,
da
sie
von
 Sinnmustern
abhängig
sind,
die
„nicht
nur
das
Denken
und
Meinen,
sondern
 das
praktische
Wissen
und
damit
die
Verhaltensakte
und
Subjekte
 strukturieren“
(Ebd.,
S.
38),
womit
sie
das
Möglichkeitsfeld
des
Denkens
und
 Handelns
eingrenzen.
Insbesondere
die
Technologien
bzw.
Praktiken
des
 Selbst,
die
ein
heterogenes
Feld
von
(Alltags‐)Techniken
bilden,
mit
denen
ein
 Verhältnis
zu
sich
selbst
hergestellt
wird,
um
bestimmte
Kompetenzen
 aufzubauen
und
zu
stabilisieren,
wirken
dabei
subjektivierend.

 Subjektivierung
ist
dabei
keineswegs
(rein)
repressiv
zu
verstehen:
Innerhalb
 einer
Subjektkultur
stellt
sich
das
spezifische
Subjektmodell
als
ein
 begehrenswertes
Ideal
dar,
mit
dem
sich
affektiv
identifiziert
wird
und
das
 handlungsmotivierend
wirkt.
Dabei
geht
das
einzelne
Subjekt
niemals
 vollständig
in
der
idealen
Subjektform
auf:
Es
bleiben
residuale
Idiosynkrasien,


9


die
–
so
sie
über
einzelne
Subjekte
hinaus
kollektive
Muster
bilden
–
zum
 Motor
für
die
Transformation
von
Subjektkulturen
werden
können.
 
 3. Transformation der Subjektkultur Diese
Transformationsbewegungen
versteht
Reckwitz
als
der
Moderne
 eigentümlich:

 „Die
Moderne
produziert
keine
eindeutige,
homogene
Subjektstruktur,
 sie
liefert
vielmehr
ein
Feld
der
Auseinandersetzung
um
kulturelle
 Differenzen
bezüglich
dessen,
was
das
Subjekt
ist
und
wie
es
sich
 formen
kann.
Kennzeichnend
für
die
Moderne
ist
gerade,
dass
sie
dem
 Subjekt
keine
definitive
Form
gibt,
sondern
diese
sich
als
ein
 Kontingenzproblem,
eine
offene
Frage
auftut,
auf
die
unterschiedliche,
 immer
wieder
neue
und
andere
kulturelle
Antworten
geliefert
und
in
 die
Tat
umgesetzt
werden“
(Ebd.,
S.
14).
 Vor
dem
Horizont
der
Moderne
macht
Reckwitz
eine
Abfolge
dreier
differenter

 und
miteinander
konfligierender
Subjektordnungen
aus,
die
jedoch
nicht
als
 einander
abrupt
ablösend,
sondern
als
hybrid
und
aufeinander
verweisend
 verstanden
werden
sollen:
Die
bürgerliche
Moderne
brachte
das
moralisch‐ souveräne,
respektable
Subjekt
hervor,
die
organisierte
Moderne
das
 extrovertierte
Angestelltensubjekt,
die
Postmoderne
schließlich
die
kreativ‐ konsumtorische
Subjektivität,
in
der
das
neoliberale
„unternehmerische
 Selbst“
(Bröckling
2007)
als
eine
Seite
einer
ästhetisch‐ökonomischen
 Doublette
enthalten
sei.

 Reckwitz
empfiehlt
zur
Analyse
der
Transformationsbewegungen
vor
dem
 Hintergrund
der
hegemonialen
Subjektkulturen
gerade
die
jeweils
minoritären
 kulturellen
Gegenbewegungen
in
den
Blick
zu
nehmen,
die
einen
neuen
 Menschen
imaginieren
und
ihn
in
tentativen
Praktiken
in
die
Tat
umzusetzen
 versuchen
(vgl.
Reckwitz
2006,
S.
17).


10


3.1 Gegenkultur als Subjekttransformationsbewegung Zwei
ereignishafte
Zuspitzungen
macht
Reckwitz
in
der
Transformation
der
 Subjektkultur
von
der
organisierten
Moderne
zur
Postmoderne
aus:
Zunächst
 das
Jahr
1968,
als
die
gegenkulturellen
Bewegungen
auf
die
Bühne
traten,
die
 gegen
eine
als
unauthentisch
und
konformistisch
empfundene
 Angestelltenkultur
opponierten.
Dann
das
Jahr
1990,
das
den
Zusammenbruch
 des
Staatssozialismus
als
einer
verschärften
Variante
der
Prinzipien
der
 organisierten
Moderne
markierte.

 Reckwitz
begreift
das
Subjekt
der
Gegenkulturen
als
ein
ästhetisches
und
 nachmodernes,
das
den
Rationalismus
der
Moderne
zu
überwinden
sucht,
mit
 der
Sensibiliserung
der
sinnlichen
Wahrnehmung
und
des
körperlichen
 Empfindens
experimentiert
und
sich
in
kreativer
Aktivität,
efferveszenten
 Kollektiverlebnissen
und
der
Stilisierung
des
Ich
ergeht.
Die
Gegenkulturen
 liest
Reckwitz
als
den
Versuch,
gegen
die
dominante
Angestelltenkultur
eine
 Parallelwelt
zu
entfalten,
die
diskursiv
ausgestaltet
und
innerhalb
derer
mittels
 alternativer
sozialer
Praktiken
und
Technologien
des
Selbst
diese
neue
 Subjektform
erprobt
und
eingeübt
wird.

 In
der
Angestelltenkultur
stellten
die
Gegenkulturen
einen
Mangel
fest,
der
 daran
hindere,
in
einem
eigentlichen
Sinne
Subjekt
zu
werden:
 „Die
Herrschaft
der
technischen
Rationalität,
der
„Technokratie“,
die
in
 den
Korporationen
und
ihrer
Arbeitsorganisation
verankert
ist,
 reduziert
das
Subjekt
auf
einen
passiven
Agenten
vorgezeichneter
 Funktionen;
sie
schränkt
es
auf
rein
kognitive
Leistungen
ein,
führt
zu
 seiner
Entkörperlichung
und
Entsinnlichung:
Körper
und
Sinne
 erscheinen
als
bloße
Instrumente
effizienten
Handelns“
(Reckwitz
 2006,
S.
456)
 Die
alle
sozialen
Felder
bestimmende
Normalisierung
der
Angestelltenkultur
 ist
dabei
an
einen
durchaus
legitimen
Hedonismus
des
Konsums
gekoppelt,
 was
sich
als
Bruchstelle
erweist.
Gegen
ein
zweckorientiertes
und
moralisches
 Handeln
machen
die
Gegenkulturen
eine
Wahrnehmung
der
Welt
als


11


„Projektionsfläche
des
Lustprinzips“
(Ebd.,
S.
462)
stark.
Das
 Angestelltensubjekt
von
rationalistischer
Wissenschaft,
Technik,
Bürokratie
 und
Massenkonsum
wird
als
Anti‐Subjekt
konstruiert.

 In
Praxiskomplexen
wie
der
kreativen
Arbeit
in
Kollektiven
und
neuen
 Technologien
des
Selbst
wie
Drogentrips,
Rock/Pop‐Musik
und
Meditation
 trainiert
sich
das
gegenkulturelle
Subjekt
mit
dem
Ziel
einer
ästhetischen
 Subjektivation,
der
Intensivierung
der
Möglichkeiten
der
Perzeption
und
des
 Erlebens
seiner
Selbst.

 Das
Live‐Konzert
der
Rockmusik
erweist
sich
als
die
paradigmatische
 Anordnung
der
neuen
gegenkulturellen
Praxis
der
Musikerfahrung:
Die
 Trennung
zwischen
Komposition,
Interpret,
Zuhörern,
Musik
und
Raum
wird
 in
einer
„Totalperformance“
(Ebd.,
S.
477)
aufgehoben,
die
Feedbacks
 ermöglicht
und
produziert:
 „Die
Musik
ist
ein
Produkt
der
aktiven
–
von
allen
Beteiligten
so
 empfundenen
–
„Mitarbeit“
der
Zuhörer,
der
Rückkopplung
vom
 Publikum
zum
Künstler,
sie
existiert
nur
in
der
gemeinsamen
 performance
von
Künstlern
und
Publikum,
die
erst
zusammen
die
 dichte
Atmosphäre
von
Expression
und
Kollektivität
des
Pop‐ Erlebnisses
zu
schaffen
vermag“
(Ebd.,
S.
477).
 Tanz
bedeutet
nun
ein
individuelles
Eintauchen
in
Klang
und
Umgebung,
das
 doch
–
gemeinsam
vollzogen
–
ein
kollektives
efferveszentes
Erleben

 verspricht.
Das
gemeinsame
Erlebnis
bewirkt
eine
Öffnung
des
Ichs,
ein
 Aufgehen
in
einem
Kollektiv
von
Individuen,
eine
Auflösung
der
Grenzen
 zwischen
dem
Selbst
und
den
Anderen;
nicht
zuletzt
eine
Erfahrung
des
 intensiven
Seins
im
Moment.
Auch
die
psychedelischen
Drogentrips
als
 Technologien
des
Selbst
zielen
wie
die
zen‐buddhistischen
 Meditationstechniken
auf
eine
Subjektform,
welche
„(...)
sich
nicht
in
Kraft
und
 Gegenkraft
aufspaltet,
sich
nicht
selbst
kontrollierend
zuschaut,
sondern
 „reines
Sein“,
das
heißt
ein
reiner,
handlungsentlasteter,
ununterbrochener
 Strom
des
Erlebens
im
Jetzt
ist“
(Ebd.,
S.
481).


12


Als
Gegenpraxis
zur
entfremdeten,
produktiven
Arbeit
wird
die
kreative
 Aktivität
als
veralltäglichte
Selbststilisierung
und
Kooperation
in
einer
 Kreativitätsgemeinschaft
in
Stellung
gebracht.
Statt
einer
funktionalen
 Arbeitsteilung
wird
die
kreative
Produktion
in
einem
projektförmigen,
 differenzprämierenden
Kollektiv
angestrebt,
das
sich
die
Kunstszene
und
das
 kollektive
Experimentieren
in
Labors
zum
Vorbild
nimmt.
In
den
70ern
sollte
 sich
die
Kreativitätsgemeinschaft
in
den
Alternativbetrieben
 institutionalisieren
(vgl.
dazu
auch
Neumann
2008).
Der
Umbruch
der
 Subjektstruktur,
der
in
den
60ern
mit
der
Erprobung
neuer
Praktiken
begann,
 die
liminale
Erfahrungen
ermöglichten,
wurde
im
Alternativmilieu
der
70er
auf
 Dauer
gestellt.
Mit
der
Etablierung
neuer
Politiken
der
Subjektivität
wie
der
 Frauen‐
und
Schwulenbewegung
und
der
Ausdifferenzierung
der
Gegenkultur
 in
eine
Reihe
von
Jugendkulturen
bereitet
sich
die
allmähliche
Durchsetzung
 der
neuen
Subjektordnung
in
den
80ern
vor.

 Neue
digitale
(Kommunikations‐)Technologien,
die
nach
Reckwitz
zunPiaächst
 als
Anzeichen
einer
noch
größeren
technischen
Effizienz
und
sozialer
Kontrolle
 innerhalb
bürokratischer
Hierarchien
wahrgenommen
wurden,
sollten
ab
den
 80ern
neue
Arbeitspraktiken
befördern,
die
anschlussfähig
waren
sowohl
für
 das
Kreativideal
der
Gegenkultur,
eine
individualästhetische
Konsumkultur
als
 auch
den
neoliberalen
Managementdiskurs
der
Chicago
School.

 Neoliberaler
und
gegenkultureller
Diskurs
trafen
sich
dabei
im
gemeinsamen
 Differenzschema
Dynamik/Rigidität:
 „Obwohl
von
differnter
kultureller
Herkunft
wirken
sie
in
der
doppelten
 Formierung
eines
Binärcodes
zusammen,
der
sich
vom
Modell
des
 Sozio‐Technischen
und
der
fixen
Geordnetheit
(...)
in
homologer
Form
 abgrenzt
und
dagegen
eine
dynamische
„Beweglichkeit“
,
anti‐ konformistische
„Selbstorientierung“
und
grenzüberschreitende
 „Offenheit
des
Subjekts“
plaziert“
(Reckwitz
2006,
S.
504)
 Das
Angestelltensubjekt
und
seine
bürokratischen,
hierarchischen
Praktiken
 der
Arbeit
erscheinen
nun
als
Ausdruck
einer
innovationsfeindlichen
„Logik
 des
Militärischen“
(Ebd.,
S.
508),
der
mit
post‐bürokratischen
Praktiken
des


13


selbstorganisierten,
projektbasierten
Teamwork
begegnet
wird,
die
in
 Verbindung
mit
digitalen
Technologien
wie
CAD
und
der
Just‐in‐time‐ Produktion
einer
nun
auch
zunehmend
individualästhetischen
Konsumkultur
 angemessener
sind,
die
nach
diversifizierten
Angebotspaletten
und
 beschleunigter
Produktentwicklung
verlangt.

 Das
ästhetisch
orientierte
Subjekt
der
Gegenkultur
mit
seiner
Disposition
zur
 kreativen
Arbeit
im
Kollektiv
macht
sich
im
Rahmen
einer
zunehmend
 postfordistischen
Produktionsweise
nützlich:
 „Das
postmoderne
Arbeitssubjekt
kombiniert
in
sich
die
ästhetische
 Fähigkeit
zur
symbolischen
Innovationsproduktion,
welche
jede
 normative
Selbst‐
und
Fremdkontrolle
aufzubrechen
sucht,
mit
der
 Selbstkontrolle
der
Arbeit
an
sich
selbst
und
der
Sensibilität
für
 Fremderwartungen,
die
der
Markt
an
das
Profil
des
Einzelnen
stellt.“
 (Ebd.,
S.
510)
 Über
das
Bereitstellen
eines
materialen
Rahmens
für
post‐bürokratische
 Praktiken
des
Arbeitens
hinaus
begreift
Reckwitz
den
Computer
auch
als
eine
 Technologie
des
Selbst.
Die
neuen
medialen
Praktiken
förderten
Dispositionen
 des
experimentellen
Entdeckens,
der
Wahl
zwischen
und
Kombination
von
 vorgegebenen
Optionen,
des
Ausprobierens
und
der
Kreation
durch
 Neukombination:
 „Das
Computer‐Subjekt
trainiert
sich
im
Habitus
eines
user,
in
einer
 Kombination
von
elektiven,
experimentellen
und
ästhetisch‐ imaginativen
Dispositionen,
die
den
Kern
der
spätmodernen
 Subjektform
als
Kompetenzen
ausmachen“
(Ebd.,
S.
575)

 Reckwitz
situiert
die
Computerpraktiken
an
der
Bruchstelle,
an
der
die
 Praktiken
der
organisierten
Moderne
in
die
Postmoderne
umschlagen.
Die
 Anschlussfähigkeit
der
digitalen
Technologien
für
das
von
den
Gegenkulturen
 geformte
Kreativsubjekt
sieht
Reckwitz
jedoch
erst
mit
der
Erfindung
des
 Graphic
User
Interface
gegeben.
Zuvor
sei
die
Computertechnologie
als
ein
 regelgeleiteter
Prozess
des
Erteilens
von
Befehlen
in
Programmiersprachen
 mit
der
Angestelltenkultur
identifiziert
worden:
 
 14


„Im
Rahmen
der
von
den
Gegenkulturen
oder
dem
bürgerlichen
 Humanismus
gespeisten
Kritiken
kann
diese
Computer‐Technik
 demgegenüber
als
avanciertestes
Instrument
eines
anti‐individuellen
 und
anti‐kreativen
rationalistischen
Kontroll‐Systems
interpretiert
 werden“
(Ebd.,
S.
576)
 So
hätten
sich
erst
mit
der
Erfindung
des
Graphic
User
Interface
und
seiner

 Einführung
in
den
Arbeitsalltag
der
Symbolberufe
ab
den
80er
Jahren
und
der
 Ausbreitung
des
Internet
ab
den
90er
Jahren
die
„Dispositionen
des
Computer‐ Subjekts
(...)
von
kognitivistisch‐technischen,
kontrollierend‐effizienten
 Elementen
der
Kultur
der
organisierten
Moderne
zu
solchen,
die
den
 kulturellen
Prinzipien
der
organisierten
Moderne
widersprechen“
(Ebd.,
S.
 576)
transformiert.
 Jedoch
sei
dies,
wie
Reckwitz
in
einem
Nebensatz
bemerkt,
im
gegenkulturell
 inspirierten
Teil
der
Computer‐Subkultur
der
70er
Jahre
bereits
vorbereitet
 worden.
Davon
soll
nun
die
Rede
sein.

 
 3.2 Kybernetische Beiträge zur Gegenkultur Die
Kybernetik
als
wissenschaftliches
Programm
wurde
in
den
USA
kurz
nach
 dem
Zweiten
Weltkrieg
im
Rahmen
der
Macy‐Konferenzen
ins
Leben
gerufen.
 Hier
wurde
auf
Grundlage
der
Verknüpfung
des
logischen
Kalküls
von
Warren
 McCulloch,
der
Informationstheorie
Claude
Shannons
und
den
Feedback‐ Konzepten
von
Norbert
Wiener,
Julian
Bigelow
und
Arturo
Rosenblueth
eine
 Universalwissenschaft
behauptet,
die
den
Menschen
aus
dem
Zentrum
der
 Wissenschaften
verdängte
und
an
seine
Stelle
die
Information
und
den
 Regelkreis
setzte:
 „Wo
zuvor
das
Leben,
die
Sprache
oder
die
Arbeit
ihre
Einheit
im
 Menschen
fanden,
treffen
sie
sich
nun,
über
seine
Grenzen
hinweg,
in
 Regelkreisen
von
Information,
Schaltalgebra
und
Feedback“
(vgl.
Pias
 2004a,
S.
16).


15


Die
Konferenzen
waren
interdisziplinär
angelegt:
Neurophysiologie,
 Psychiatrie,
Anthropologie
und
Soziologie
trafen
auf
Physik
und
 Computerwissenschaft.
Der
Mensch
wurde
in
diesem
Rahmen
als
besonderer
 Fall
der
digital
arbeitenden
Informationsmaschine
entworfen,
der
sich
zur
ihn
 umgebenden
Welt
als
Teil
eines
zusammenhängenden
Regelkreises
 aufeinander
wirkender
Systeme
und
Subsysteme
ins
Verhältnis
setzt
(vgl.
 Ebd.).
Mensch
und
Maschine
wurden
als
Teile
eines
sozio‐technischen
Systems
 imaginiert,
in
dem
Kontrolle
nicht
durch
Kommando
ausgeübt
wird,
sondern
 aus
komplexen
Interaktionen
emergiert.
Insbesondere
auch
Norbert
Wiener
 legte
eine
Vision
einer
kybernetischen
Gesellschaft
vor,
die
„(...)
as
a
system
 seeking
self‐regulation
through
the
processing
of
messages“
(Turner
2006,
S.
 22)
verstanden
werden
sollte.
 Rahmenbedingung
für
die
Entwicklung
grundlegender
Konzepte
der
 Kybernetik,
wie
der
„nicht‐deterministischen
Teleologie“
(Pias
2004a,
S.
3)
des
 Flugabwehrsystems
von
Norbert
Wiener,
war
das
Zusammenfinden
von
 universitärer
Forschung
und
militärischer
Entwicklung
in
neu
geschaffenen
 Forschungseinrichtungen
wie
dem
MIT
Radiation
Lab.
Zwar
stellten
sich
die
 entsprechenden
neu
entstehenden
Institutionen
als
hierarchisch
strukturierte
 Organisationen
dar,
dennoch
florierte
innerhalb
der
Labore
für
Forschung
und
 Entwicklung
eine
Arbeitskultur,
die
Interdisziplinarität,
Individualität
und
 nicht‐hierarchische
Kollaboration
förderte:
 „(...)
the
pressures
to
produce
new
technologies
to
fight
the
war
drove
 formerly
specialized
scientists
and
engineers
to
cross
professional
 boundaries,
to
routinely
mix
work
with
pleasure,
and
to
form
new,
 interdisciplinary
networks
within
which
to
work
and
live“
(Turner
 2006,
S.
19)
 In
„From
Counterculture
to
Cyberculture“
(2006)
argumentiert
Fred
Turner,
 dass
sich
die
Wissenschaftskultur
der
militärischen
und
universitären
 Forschung
und
Entwicklung,
innerhalb
derer
die
Protagonisten
der
Kybernetik
 agierten,
und
Teile
der
nordamerikanischen
Gegenkultur
sich
in
der
Bejahung
 kollaborativen,
intellektuellen
Arbeitens,
des
utopischen
Potentials
neuer
 Technologien
und
einer
systemischen
Weltanschauung
trafen.
 
 16


Turner
unterscheidet
dabei
in
einen
politischen
Teil
der
Gegenkultur,
die
New
 Left,
der
einen
konfrontativen,
außenorientierten
politischen
Aktivismus
 betrieb,
und
einen
nach
innen,
auf
die
Transformation
des
eigenen
 Bewusstseins
zielenden
Teil,
die
New
Communalists.

 Noch
1964
sollte
der
politische
Teil
der
Gegenkultur
die
Welt
der
 Informationstechnik
als
Metapher
für
die
soziale
Maschine
imaginieren,
gegen
 die
er
opponierte:
 „(...)
the
corporate
world,
the
university,
the
military,
and
the
punch‐ card
universe
of
information
seemed
to
be
mirrors
of
one
another.
(...)
 In
the
military
or
the
corporate
world,
or,
for
that
matter,
in
the
 university,
people
would
have
to
learn
to
play
assigned
organizational
 roles.
These
roles,
many
argued
at
the
time,
might
reduce
their
 otherwise
complex
and
creative
natures
to
the
two‐dimensional
 dullness
of
an
IBM
card“
(Ebd.,
S.
12)
 Doch
schon
in
der
Kunstszene
Manhattans
in
den
50ern
lassen
sich
frühe
 Spuren
des
systemischen
Denkens
innerhalb
der
entstehenden
Gegenkultur
 ausmachen.
Teils
inspiriert
vom
Zen‐Buddhismus
suchten
John
Cage
als
 Musiker,
Robert
Rauschenberg
als
bildender
Künstler
und
Allan
Kaprow
als
 früher
Happening‐Künstler
nach
künstlerischen
Prozessen
der
Kollaboration
 zwischen
Publikum,
Material
und
Künstler:

 „Like
Cage´s
music
or
Rauschenberg´s
paintings,
Kaprow
and
company´s
 happenings
brought
to
life
a
world
of
chance
experience
built
out
of
 everyday
materials.
Within
that
world
traditional
artistic
hierarchies
 were
leveled.
The
artist,
the
audience,
the
experience
of
theater,
the
 experience
of
everyday
life
–
all
were
equivalent
elements
in
a
single
 complex
system
of
exchange“
(Ebd.,
S.
48)
 Waren
diese
Experimente
noch
nicht
direkt
mit
dem
kybernetischen
Denken
in
 Zusammenhang
zu
bringen,
so
lassen
sie
sich
doch
schon
als
Manifestation
 einer
ästhetischen
Beschäftigung
mit
Problemen
der
Regulierung
eines
 Systems
durch
Feedback
lesen
(vgl.
Shanken
2002).
In
den
frühen
60ern
 verband
das
Künstlerkollektiv
USCO
die
Werke
Norbert
Wieners
mit


17


fernöstlicher
Mystik
und
rief
in
Multimedia‐Installationen
die
Vorstellung
von
 Stammesritualen
an,
die
elektrische
Technologien,
Drogen
und
mystische
 Kräfte
verbanden.
Gerd
Stern,
einer
der
Gründer
des
Kollektivs,
beschäftigte
 sich
intensiv
mit
den
Werken
Wieners:

 


„In
large
part
for
this
reason,
light,
electricity,
and
mystical
„energy“
 generally
played
a
role
in
USCO’s
work
very
much
like
the
one
 „information“
plays
in
Wienerian
cybernetics:
they
became
universal
 forces
that,
functioning
as
the
sources
and
content
of
all
„systems“
 (biological,
social,
and
mechanical),
made
it
possible
for
individual
 people,
groups,
and
artifacts
to
be
seen
as
mirrors
of
one
another“
 (Turner
2006,
S.
49f)

 Stewart
Brand,
der
das
systemische
Denken
der
Biologie
als
Student
in
 Stanford
kennengelernt
hatte
und
sowohl
in
der
Kunstszene
der
Ostküste
als
 auch
der
entstehenden
Hippie‐Kultur
der
Westküste
zu
Hause
war,
 organisierte
1966
in
San
Francisco
das
Trips‐Festival,
das
die
psychedelische
 Szene
der
Bay
Area
mit
den
experimentellen
Künstlern
der
Ostküste
in
einem
 großen
multimedialen
LSD‐Experiment
zusammenbrachte,
bei
dem
Hippie‐ Ikonen
wie
The
Grateful
Dead
und
Ken
Kesey
teilnahmen.
Das
Festival,
auf
 dessen
Plakat
inmitten
eines
psychedelisch
anmutenden
Wirbels
ein
 Oszilloskop
abgebildet
war,
verband
Multimedia‐Installationen
mit
Live‐ Feedback‐Mechanismen,
Rock‐Musik
und
Zitaten
indianischer
Kultur;
das
 Publikum
war
eingeladen,
aktiv
zu
partizipieren:
 „The
festival
itself
was
a
techno‐social
hybrid.
The
Longshoreman’s
Hall
 surrounded
dancers
with
the
lights,
images
and
music
of
electronic
 media.
The
bodies
of
many
dancers
were
infused
with
LSD.
To
the
 extent
that
they
felt
a
sense
of
communion
with
one
another,
the
 sensation
was
brought
about
by
their
integration
into
a
single
techno‐ biological
system
within
which
(...)
the
individual
human
being
was
 simply
another
„pattern‐complex““
(Ebd.,
S.
67)
 Das
Festival
war
eines
der
Gründungsereignisse
einer
Strömung
der
 Gegenkultur,
die
weniger
an
politischem
Aktivismus
interessiert
war,
als


18


vielmehr
an
einer
Transformation
des
eigenen
Bewusstseins
und
der
eigenen
 Lebensweise,
und
die
dafür
neue
soziale
Praktiken
erforschte.
Die
Kybernetik
 bot
sich
dabei
als
ideologische
Alternative
zur
konfrontativen
Logik
der
Linken
 an:
Wenn
das
Bewusstsein
die
Quelle
des
Wandels
ist,
dann
müsste
 Information
eine
große
Rolle
dabei
spielen.
Und
schließlich
konnten
die
 zirkulären
Informationskreisläufe
des
systemischen
Denkens
als
natürliche
 Beweise
für
die
Richtigkeit
kollektiver
Lebensweisen
gelesen
werden
(vgl.
 Ebd.,
S.
38).
 Zwischen
1965
und
1972
wurden
in
den
USA
zehntausende
Kommunen
 gegründet,
in
denen
in
den
frühen
70ern
bis
zu
750.000
Menschen
lebten
(vgl.
 Ebd.,
S.
32).
Zwar
waren
die
New
Communalists
eine
back‐to‐the‐land‐ Bewegung,
verstanden
sich
jedoch
auch
als
Pioniere,
die
eine
neue
soziale
 Ordung
auf
Grundlage
eines
neuen
Bewusstseins
in
die
Tat
umsetzten,
und
 wandten
sich
dafür
auch
Technologien
und
Gedankengut
aus
einem
 kybernetischen
Kontext
zu.
Die
Kommune
Drop
City,
1965
gegründet,
bestand
 aus
einem
Cluster
von
Geodesic
Domes
nach
dem
Vorbild
Buckminster
Fullers,
 der
technokratische
Visionen
mit
dem
Bild
des
Comprehensive
Designer,
der
 die
Figuren
des
Künstlers
und
des
Wissenschaftlers
in
sich
vereinigte,
zu
 verbinden
verstand
(vgl.
Ebd.,
S.
57).
Die
Domes
erinnerten
mit
ihrer
 effizienten
Verteilung
der
Oberflächenspannung
an
eine
Welt
in
Homöostase
 und
modellierten
die
verteilten
kollaborativen
Machtarrangements
der
 Kommunebewegung
in
einer
architektonischen
Antithese
zu
den
 hierarchischen
Bürokratien
der
Angestelltenkultur
(vgl.
Ebd.,
S.
94).
Inmitten
 der
Domes
nutzten
die
Kommunarden
von
Drop
City
Techniken
wie
LSD
und
 Rock‐Musik,
die
sie
darin
trainierten,
sich
als
miteinander
verbunden
und
von
 unsichtbaren
Energien
durchströmt
zu
begreifen
(vgl.
Ebd.,
S.
75).

 Medium
des
Austauschs
und
der
Vernetzung
der
Kommunebewegung
war
der
 von
Stewart
Brand
1968
gegründete
Whole
Earth
Catalog,
der
in
seiner
letzten
 Ausgabe
1971
eine
Auflage
von
über
einer
Million
Exemplare
erreichen
sollte.
 Beiträge
aus
den
unterschiedlichsten
sozialen
Praxisfeldern
wie
der
 Wissenschaft,
den
Kunstszenen
New
Yorks
und
San
Franciscos,
der
 psychedelischen
Szene
der
Bay
Area
und
der
über
das
ganze
Land
verteilten



19


Kommunebewegung
trafen
vor
dem
Hintergrund
einer
systemischen
Metapher
 aufeinander:
 „Together,
they
came
to
argue
that
technologies
should
be
small‐scale,
 should
support
the
development
of
individual
consciousness,
and
 therefore
should
be
both
informational
and
personal.
Readers
who
 wrote
in
also
celebrated
entrepreneurial
work
and
heterarchical
forms
 of
social
organization,
promoted
disembodied
community
as
an
 achievable
ideal,
and
suggested
that
techno‐social
systems
could
serve
 as
sites
of
ecstatic
communion“
(Ebd.,
S.
73)
 Unter
dem
Motto
„We
are
as
gods
and
might
as
well
get
good
at
it“
(Ebd.,
S.
82)
 versammelte
der
Catalog
in
Kategorien
wie
„Understanding
Whole
Systems“,
 „Community“
und
„Nomadics“
(Ebd.,
S.
80)
sogenannte
Tools,
mit
denen
die
 Transformation
des
Bewusstseins
und
der
Welt
vollzogen
werden
sollte:
 Werke
kybernetischer
Theoretiker
wie
Norbert
Wiener
standen
neben
 Webstühlen
und
Töpferscheiben,
Abhandlungen
über
computergenerierte
 Musik
neben
Bambusflöten.
Die
Dinge
konnten
dabei
nicht
direkt
bestellt
 werden,
der
Catalog
fungierte
mehr
als
Referenzwerk,
als
eine
Art
 Suchmaschine
der
Kommunebewegung.

 Gemeinsam
war
den
Gegenständen
des
Catalog,
dass
sie
in
erster
Linie
auf
das
 Bewusstsein
des
Lesers
wirkten.
Die
Bücher
legten
dem
Leser
nahe,
sich
als
in
 eine
Welt
miteinander
verwobener,
unsichtbarer
Energien
und
 Informationsströme
eingebunden
zu
verstehen.
Die
Gegenstände
und
Geräte
 sollten
es
dem
Leser
ermöglichen,
die
materielle
Welt
als
System
zu
erfahren
 und
nach
dessen
Gesetzmäßigkeiten
zu
handeln.
Schließlich
waren
die
 angeführten
Technologien
persönlich
in
dem
Sinne,
dass
sie
den
Leser
als
 Individuum
oder
Teil
einer
kleinen
Gruppe
adressierten
(vgl.
Ebd.,
S.
92f).
 Struktur
und
Inhalte
des
Catalog
insinuierten
einen
Leser,
der
seine
lokalen
 Praktiken
des
Arbeitens
und
Lebens
in
einer
Kommune
als
eingebettet
in
einen
 größeren
Zusammenhang,
ein
globales
System,
verstand.
Die
Tools
wurden
 nicht
nur
als
Werkzeuge
verstanden,
mit
denen
sich
eine
bestimmte
Arbeit


20


verrichten
lässt,
sondern
als
Mittel,
um
in
einen
Prozess
einzutreten,
der
das
 Individuum
in
eine
kreative
Person
verwandelt
(vgl.
Ebd.,
S.
83ff):
 „(...)
there
emerged
the
image
of
a
new
kind
of
person,
one
who
moved
 from
task
to
taks,
pursuing
information
and
using
technical
tools
in
an
 experimental
manner
for
the
advancement
of
himself
or
herself
and
 society.
The
text
of
the
Whole
Earth
Catalog,
organized
according
to
 principles
of
systems
theory,
served
the
reader
as
a
tool
in
this
process
 and
also,
through
both
the
reader
reports
it
printed
and
the
reading
 practices
its
structure
suggested,
offered
him
or
her
an
opportunity
to
 try
on
this
new
sort
of
self“
(Ebd.,
S.
89)
 Die
kybernetisch
inspirierten
Beiträge
des
Whole
Earth
Catalog
strukturierten
 einen
diskursiven
Rahmen,
innerhalb
dessen
die
Kommunebewegung
neue
 soziale
Praktiken
erproben
konnte.
Die
Gegenstände
des
Catalog
fungierten
 dabei
nicht
nur
als
Werkzeuge,
mithilfe
derer
neue
Praktiken
des
 gemeinschaftlichen
Arbeitens
und
Lebens
realisiert
werden
sollten,
sondern

 auch
als
Selbsttechnologien,
mit
denen
der
Leser
ein
Verhältnis
zu
sich
selbst
 als
in
ökologische
und
sozio‐technische
Systeme
eingebettetes
Subjekt
 herstellen
konnte.
Jahre
bevor
Graphic
User
Interface,
Personal
Computer
und
 Internet
sich
nennenswert
verbreiteten,
übte
die
Kommunebewegung
bereits
 in
durch
die
Rezeption
kybernetischer
Diskurse
angeregten
Praktiken‐ /Diskurskomplexen
eine
Subjektform
ein,
die
sich
als
eingebettet
in
vernetzte
 Systeme
verstand,
innerhalb
derer
es
mit
Hilfe
persönlicher
Technologien
zu
 navigieren
gelte.
 Die
Kommunebewegung
ging
vorüber
und
mit
ihr
der
Whole
Earth
Catalog,
der
 ab
1971
nur
noch
unregelmäßig
erschien.
Die
Verbindung
von
 gegenkulturellen
und
kybernetischen
Diskursen
und
die
Ansicht,
dass
 persönliche
Technologie
und
kollektive
Vernetzung
emanzipatorisch
zu
nutzen
 seien,
beeinflussten
jedoch
eine
Generation
von
Programmierern
und
 Computeringenieuren
(vgl.
Ebd.,
S.
104ff).

 
 
 
 21


4. Vernetzte Subjekte und Regieren im Netzwerk 1985
wurde
mit
dem
Whole
Earth
`Lectronic
Link,
kurz
WELL,
ein
 Nachfolgemedium
des
Whole
Earth
Catalog
ins
Leben
gerufen:
Ein
 elektronisches
Bulletin
Board
System
vernetzter
Computer,
dessen
 Managementprinzipien
die
gegenkulturellen
Ideale
von
Kollektivität
und
 kybernetischer
Selbstorganisation
in
sich
aufnahmen.
Der
WELL
wurde
als
 selbstregierendes,
sich
selbst
designendes
Experiment
konzipiert,
das
in
einer
 Feedbackschleife
zwischen
Systemaufbau
und
Systemnutzung
evolvieren
 sollte.
Das
Netzwerk
sollte
seinen
Nutzern
die
Möglichkeit
geben,
sich
auf
 informationstechnischer
Grundlage
nicht‐hierarchisch
selbst
zu
regieren:
Ein
 Medium,
in
dem
sich
die
Nutzer
gemeinsam
individuell
verwirklichen
und
 ausdrücken
können
(vgl.
Ebd.,
143ff).
Im
WELL
verschwammen
die
Grenzen
 zwischen
privater
und
professioneller
Sphäre
in
einer
Atmosphäre
 nichthierarchischer,
selbstorganisierter,
projektförmiger
Kooperation;
er
 diente
als
Modell
zur
Erprobung
der
postbürokratischen
Arbeitspraktiken,
die
 –
wie
weiter
oben
beschrieben
–
typisch
für
die
postmoderne
Subjektivität
 werden
sollten.

 Schließlich
hat
diese
gegenkulturell
interpretierte
Form
des
Netzwerks,
die
aus
 einer
kybernetisch
informierten
Kritik
hierarchisch‐bürokratischer
 Anordnungen
entstand,
auch
eine
Dimension
des
Regierens:
Formale
Rigidität
 wird
durch
kommunikative
Dichte
ersetzt,
die
den
Regierten
die
 Selbstsynchronisation
an
in
einem
zirkulären
Prozess
immer
wieder
neu
 entstehende
Normen
ermöglicht
und
nahe
legt
(vgl.
Kaufmann
2004).
Das
 Regieren
im
Netzwerk
fordert
damit
ein
Subjekt,
in
dem
entsprechende
 Dispositionen
zur
Selbstführung
angelegt
sind
und
das
in
den
beschriebenen
 Praxis‐/Diskurskomplexen
der
Gegenkultur
schon
vorbereitet
wurde,
bevor
an
 elektronische
Netzwerke
im
heutigen
Sinne
zu
denken
war.
Im
Rahmen
der
 Virtual
Community
des
WELL
fand
die
Kybernetik
als
politische
Technologie
 dann
ihre
gegenkultuell
gewendete
materielle
Anwendung
auf
 informationstechnischer
Grundlage.

 Zwischen
dem
Konzept
der
gouvernementalen
Selbstregierung
und
der
 netzwerkförmigen
Selbstregulierung
spannt
sich
eine
Kontinuität
auf,
die
sich
 
 22


über
eine
Betrachtung
der
Herkünfte
eines
politisch
gelesenen
Begriffs
der
 Kybernetik
erklären
lässt.

Joseph
Vogl
(2004)
weist
darauf
hin,
dass
bereits
in
 den
von
Foucault
untersuchten
kameralistischen
und
merkantilistischen
 Staatskonzeptionen
das
Regieren
auf
der
Grundlage
immer
wieder
neu
zu
 erhebenden
empirischen
Wissens
verstanden
wurde.
Für
Leibniz
schließlich
 existierte
der
Staat
in
der
ständigen
Erneuerung
seines
Wissens
über
sich
 selbst
als
ein
Unternehmen,
das
„(...)
nicht
allein
durch
Befehl
und
Gehorsam
 und
nicht
durch
die
Einheit
der
Einzelwillen
zusammenhält,
sondern
als
ein
 Körper,
der
sich
seiner
Aktionen
und
Vermögen
systematisch
und
fortlaufend
 vergewissert“
(Vogl
2004,
S.
70).
Das
Problem
des
Wissens
ist
so
bereits
 angesprochen,
das
hier
allerdings
erst
in
eine
Richtung
fließt.
Doch
ist
im
so
 verstandenen
Staate
die
Regierung
schon
eine
produktive
Aufgabe,
der
es
nicht
 um
Verhinderung,
sondern
um
Sorge
im
Sinne
der
in
Kap.
2
angesprochenen
 Pastoralmacht
zu
tun
ist.
Um
1800
verbreitete
sich
dann
u.a.
mit
der
 Malthusianischen
Krisentheorie
die
Unterscheidung
zwischen
linearen
und
 zirkulären
Kausalitäten,
die
über
das
Organismusmodell
in
einen
Begriff
des
 Sozialen
eindringt
und
die
Grundlage
für
einen
politischen
Begriff
der
 Kybernetik
legt.
1843
dann
beschreibt
André‐Marie
Ampère
die
Cybernétique
 als
ein
politisches
Wissen
und
eine
Gesamtheit
von
Regierungsaufgaben:
Die
 Steuerungskunst
beruhe
auf
einer
umfangreichen
Erhebung
von
Wissen,
auf
 dessen
Grundlage
dann
mit
einer
Gemeinwohlorientierung
indirekt
regiert
 werden
kann
(vgl.
Ebd.,
S.
67f).
 Im
krisengeschüttelten
Chile
Allendes
sollte
die
kybernetische
 Steuerungsvision
kurzzeitig
in
die
Tat
umgesetzt
werden.
Der
amerikanische
 Managementberater
Stafford
Beer

sollte
die
Prinzipien
kybernetischer
 Regelkreise
für
eine
ganze
Volkswirtschaft
implementieren,
wozu
die
„(...)
 gesamte
Wirtschaft
des
Landes
(auf
eine)
verschachtelte
und
rekursive
 Struktur
viabler
Systeme
und
Subsysteme“
(Pias
2004)
umgestellt
werden
 sollte:
Eine
fraktale
Struktur,
die
über
Staat,
Wirtschaft,
Unternehmen
und
 Individuum
als
ineinander
verschachteltes

System
gedacht
wurde.
Nahezu
in
 Echtzeit
liefen
die
Wirtschaftsdaten
in
einem
Großrechner
zusammen,
der
 selbsttätig
für
die
Homöostase
des
Systems
sorgen
sollte.
Politischen


23


Entscheidungsträgern
kam
die
Funktion
zu,
in
einem
zentralen
 Steuerungsraum
die
Kennzahlen
in
Echtzeit
abrufen
zu
können
und
die
 Algorithmen,
mit
denen
der
Computer
die
Wirtschaftskreisläufe
regulierte,
zu
 kalibrieren
(vgl.
Ebd.).
 In
der
gegenkulturell
gewendeten
Kybernetik
schließlich
soll
die
Information
 über
die
Zustände
des
Systems
und
seiner
Teile
im
Sinne
eines
„Post‐ Panopticons“
(Bauman
2000)
nicht
nur
für
Entscheidungsträger
an
zentraler
 Stelle,
sondern
für
jeden
Einzelnen
jederzeit
sichtbar
sein:
Die
Steuerung
 wandert
aus
den
Händen
technokratischer
Eliten
über
Technologien
und
 Praktiken
kommunikativer
Verdichtung
in
das
Subjekt
selbst
hinein.
Das
 Netzwerk
erlaubt
ein
Regieren
in
Echtzeit,
weil
sein
Subjekt
sich
nun
in
einem
 unabschließbaren
Prozess
der
Systembeobachtung
und
Selbstoptimierung

 freiwillig
selbst
synchronisiert:
 „Obedience
to
standards
(a
pliable
and
exquisitely
adjustable
obedience
 to
eminently
flexible
standards,
let
me
add)
tends
to
be
achieved
 nowadays
through
enticement
and
seduction
rather
than
by
coercion
‐
 and
it
appears
in
the
disguise
of
the
exercise
of
free
will,
rather
than
 revealing
itself
as
an
external
force”
(Bauman
2000,
S.
86)
 Bauman
beschreibt
eine
verflüssigte
Macht,
die
der
zentralen
panoptischen
 Anordnungen
zur
Disziplinierung
dank
der
elektronischen
 Kommunikationsnetzwerke
nicht
mehr
bedarf:
Nicht
die
Wenigen
beobachten
 die
Vielen,
sondern
die
Vielen
die
Wenigen
–
und
sich
gegenseitig,
was
nicht
 minder
disziplinierend
wirkt
(vgl.
Ebd.,
S.
23f).
 Die
von
den
Gegenkulturen
getriebene
Subjekttransformationsbewegung
von
 der
organisierten
Moderne
zur
Postmoderne
schreibt
sich
somit
durchaus
im
 oben
angesprochenen
Sinne
Tiqquns
in
eine
Geschichte
gouvernementaler
 Herrschaft
ein:
Die
Rebellion
gegen
die
zentralen
Machtarrangements
von
 Hierarchie
und
Bürokratie
brachte

eine
Subjektform
hervor,
die
in
einem
Akt
 antistaatlichen
Aufbegehrens
die
Regierung
noch
tiefer
in
sich
aufnahm.

 


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