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… mit der Gesamtsituation unzufrieden

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letzte Stunden – Privat oder poliin Tansania / Wieviel Knast

Hochkonjunktur / „Haiders zwei

Wind – Hausbesetzung hat

feiern! / Alte Ideen und neuer

WKR Ball 2009 – Kein Grund zum

braucht der Staat? - oder Die neue ABC-Gruppe in Wien / „Eine Arbeitsgemeinschaft der nationalfreiheitlichen, farbentragenden was???” / Der italienische Korporationen“ / „Wir sind viele, Antifaschismus in der Krise / wir sind krass, Antifa da geht noch

„Kameradinnen und braune PartisanInnen in den

Frauen und Rechtsextremismus / Literaturkanon! Autobiografische Werke aus Kärnten/Koroška / eines zeitlosen Experiments Delirieren durch Utopia – Stationen

Schwestern“ - Publikationen über

„Zurück zur Natur...“ - Tourismus

tisch? Oder einfach homophob?” /

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Impressum: Herausgeberin: Margarete Nowaski Berggasse 17, 1090 Wien Redaktion: Dani Kermit, Mike Fozzie, Maria Scooter, Franz Gonzo Grafikkonzept: Link Ringelschwanz, Herstellerin: Floyd Pepper GmbH, Boulevard Beauregard, 38100 Grenoble

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1 Inhalt
Aktuelle Kurzmeldungen............................2 WKR-Ball 2009: Kein Grund zum Feiern!.............................5 Alte Ideen und neuer Wind – Hausbesetzung hat Hochkonjunktur..........7

E d i t o r i a l

Wenn ihr diese Zeilen lest, haltet ihr die erste Ausgabe der Zeitschrift Project x in euren Händen. Ein Fünkchen Ironie angesichts wechselhafter Geschicke linker Publizistik ist auch bei der Namensgebung zu finden, schließlich wagen wir den x-ten Versuch eines Spagates zwischen wechselndem Schwerpunkt, inhaltlichen Debatten und aktuellen Entwicklungen. Wenig überraschend: Diesmal ein Antifaschwerpunkt. Vielleicht entspricht es der österreichischen Normalität, wenn selbst bürgerliche Medien sich zu klassischer Antifarecherchejournalistik bemüßigt fühlen und die wiederkehrende Frage nach dem Aufschrei schon fast eine rhetorische wird. Nach einer plausiblen Antwort werdet ihr auch in dieser Ausgabe vergeblich suchen, finden werdet ihr jedoch gewiß unter anderem aktuelle Einblicke in die Situation in Italien, Analysen der selbstdeklarierten völkischen Avantgarde, sprich den Burschis und ihrem WKR, BFJ sowie rechter bis rechtsextremer Frauen. Wir hoffen, durch die, in der Rubrik “Debatte” publizierten, Artikel bestehende Kontroversen nicht zu verfestigen, sondern zu beleben und voranzutreiben. Im Rahmen der “Artefacts” präsentieren wir diesmal unter anderem eine in dieser Ausführlichkeit einzigartige Sammelrezension autobiographischer Literatur slowenischer Partisan_innen in Koroška. Euch geübten Leser_innen wird die theoretische Bestimmung der Rubrik “Aktuell” sicherlich keine Probleme bereiten. Nach hoffentlich angenehmer Lektüre eurerseits freuen wir uns sowohl auf ein Wiederlesen in einem Vierteljahr als auch auf Artikel, Anregungen und Kritik von Leuten, die ebenfalls mit der Gesamtsituation unzufrieden sind: projectx@riseup.net

“Haiders zwei letzte Stunden” Privat oder politisch? Oder einfach homophob?...................................................10 EU-Migrationspolitik während der französischen Ratspräsidentschaft.............13 „Zurück zur Natur…“ Tourismus in Tansania..............................15 Wieviel Knast braucht der Staat? oder Die neue ABC Gruppe in Wien.........18 Parteilichkeit ist gefragt! Die Gruppe DEFMA stellt sich vor............ 21 „Eine Arbeitsgemeinschaft der national-freiheitlichen, farbentragenden Korporationen“.................23 „Wir sind viele, wir sind krass, Antifa da geht noch was???“.......................27 Der italienische Antifaschismus in der Krise ................................................30 Der “Bund freier Jugend” “volkstreue Jugendgruppe” oder Neonazi-Schmiede?.............................33 “Kameradinnen und braune Schwestern” Publikationen über Frauen und Rechtsextremimus........................................37 PartisanInnen in den Literaturkanon! Autobiographische Werke aus Kärnten/Koroška......................................... 41 Delirieren durch Utopia Stationen eines zeitlosen Experiments..................................47 „Frauen, die zur Waffe griffen“ - Widerstand jugoslawischer Partisaninnen...............................................49

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Brandstiftung in Kärntner Flüchtlingsheim
Während der Fußballeuropameisterschaft kam es am 12. Juni 2008 in einem Asylbewerber_innenheim in Klagenfurt/Celovec zu einem Brand, bei dem der 42jährige Alexander Darkwah Oppong starb und 19 weitere Menschen verletzt wurden, einige davon schwer. Erzählungen der Flüchtlinge ließen bereits damals vermuten, dass Politik und Polizei Brandstiftung zu vertuschen versuchten. Obgleich es zu Beginn geheißen hatte, Brandstiftung sei auszuschließen (da Zigarettenstummel das Feuer verursacht hätten, weil im Müll Kippen gefunden wurden) stellte sich nun, beinahe sechs Monate später, heraus, dass das Feuer absichtlich gelegt und ein Brandbeschleuniger verwendet wurde. Während im Juni alle Medien fleißig die „selber Schuld“ Gerüchte verbreiteten, scheint sich nun niemand mehr für das gelegte Feuer zu interessieren. Kein Wunder, schließlich ist die Asylpolitik in Österreichs südlichstem Bundesland gekennzeichnet von offen zur Schau gestelltem Rassismus, der bereits einige Todesopfer forderte und zuletzt zu der Errichtung einer „Sonderunterbringung“ für Asylwerber_innen auf der Saualpe in 1.200 Meter Höhe führte.

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medizinische Versorgung beschrieben. Das BZÖ unterstrich bereits am darauf folgenden Tag durch eine Presseaussendung seinen Standpunkt, von dem Prestigeprojekt „Sonderanstalt für kranke und straffällige Asylbewerber“ nicht abrücken zu wollen. Zwischenzeitlich wurden Privatunterkünfte für die 16 Personen, denen das Land Kärnten/Koroška die Grundversorgung gestrichen hat, sichergestellt. Weiteres Vorgehen ist noch unklar, da mit einem Einlenken der Landesregierung, die bei ihrer rassistischen Kurssteuerung die Mehrheit der Kärntner Bevölkerung hinter sich weiß, kaum zu rechnen ist.

Nazigedenkfeier in Budapest!
Seit 10 Jahren schon treffen sich Mitte Februar Mitglieder der internationalen neonazistischen „Blood & Honour“– Szene in Budapest, um eine Gedenkfeier für die gefallenen Wehrmachtssoldaten abzuhalten, die kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges den sowjetischen Belagerungsring um die Stadt durchbrechen wollten. Neben deutschen und ungarischen (Neo-)Nazis werden auch „Kameraden“ aus Tschechien, Schweden, Dänemark und Italien erwartet. Dieses Jahr haben sich in Budapest verschiedene Menschen aus antirassistischen, antikapitalistischen und antifaschistischen Zusammenhängen zusammengeschlossen, um zu Gegenaktivitäten zu mobilisieren. Beteiligt euch an den Aktionen gegen das Blood&Honour-Treffen am 14.Februar 2009 in Budapest! Weitere Infos demnächst unter: http://www.afafi.wordpress.com

Protest im Flüchtlingsreferat
Kurz vor den Feiertagen wurde am 22.12.08 das Flüchtlingsreferat in Klagenfurt/Celovec besetzt. Dieser politische Akt wurde von den beteiligten 16 Asylbewerbern, die von der „Sonderunterbringung“ auf der Saualm geflüchtet waren, mit der Unmöglichkeit, an dem Ort ihrer Unterbringung leben zu können, begründet. Mit einem Brief richteten sie sich an den zuständigen Flüchtlingsreferenten Steiner, seines Zeichens BZÖ- Mitglied und der Parteilinie entsprechend rassistisch. Als unzumutbar wurden vor allem die Isolation, der Mangel an Abwechslung und die fehlende

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Griechenland: Polizei erschoß Jugendlichen
Am 6.12.08 wurde der 15- jährige Alexandros Grigoropoulos von dem Streifenpolizist Epaminondas Korkoneas erschossen. Dies geschah nach verbalen Auseinandersetzungen und gegenseitigen Beleidigungen zwischen der Polizei und einer Gruppe Linker im alternativen Viertel Exarchia. Bereits in der gleichen Nacht kam es zu heftigen Protesten in ganz Griechenland. Das Rücktrittsangebot des griechischen Innenminister Prokopis Pavlopoulos und seines Stellvertreters am Sonntag, lehnte Ministerpräsident Konstantinos Karamanlis jedoch ab. Griechischen Medienberichten zufolge, hatte die Polizei am frühen Montagabend die Lage im Zentrum von Athen nicht mehr unter ihrer Kontrolle. Mehrere tausend Demonstrant_innen hatten bereits die dritte Nacht in Folge dutzende Geschäfte geplündert und angezündet. Nach einem Treffen mit Karolos Papoulias kündigt der Ministerpräsident Karamanlis ein hartes Durchgreifen der Sicherheitskräfte an. Auf einer von den Gewerkschaften angemeldeten Kundgebung anlässlich des Generalstreiks versammelten sich am Mittwoch mehr als 10.000 Menschen. Der internationale Flughafen von Athen hat seinen Betrieb eingestellt, aber auch Schulen, Universitäten und Krankenhäuser blieben geschlossen. Nach einer Großkundgebung zogen die Teilnehmer_innen zum Parlament, um auf ihre Forderungen, wie etwa Lohnerhöhungen, aufmerksam zu machen. Am Donnerstag wurden insgesamt mind. 25 Polizeistationen im gesamten Land angegriffen. Im Laufe des Tages gingen in Athen, Patras und Thessaloniki wieder mehrere tausend Menschen auf die Straßen. Die Auseinandersetzungen zwischen den Demonstrant_innen und der Polizei setzen sich fort. In einer Umfrage der Tageszeitung "Kathimerini" bezeichnete die Mehrheit der befragten Griech_innen die Proteste als "Volksaufstand".

Autonomes Zentrum in Stockholm nur noch Asche!
In der Nacht des 29.11. brannte das autonome Kulturzentrum „Cyclopen“ in Stockholm bis auf die Grundmauern nieder. Aktivist_innen vor Ort sind sich sicher, dass Brandstiftung die Ursache und organisierte Neonazis verantwortlich dafür sind. Schon in der Vergangenheit wurde das Haus regelmäßig im Vorfeld des alljährlichen Naziaufmarsches in Salem bedroht. Als eines der großen schwedischen Zentren zur Koordinierung antifaschistischer Gegenaktivitäten war es den Faschisten_innen schon länger ein Dorn im Auge und in den Wochen davor wurden zwielichtige Typen herausgeworfen, die in dem Projekt Fotos machten und bei ihrer Ertappung fluchtartig das Haus verließen. Erhärtet wird der Verdacht durch die Tatsache, dass das Feuer an drei verschiedenen Stellen gleichzeitig ausbrach und offensichtlich Brandbeschleuniger verwendet wurde. Das Cyclopen war jedoch mehr als ein Knotenpunkt der Antifa-Koordinierung in Stockholm. So beherbergte es neben selbstverwalteten Kultur- und Sozialprojekten auch eine Vielzahl an linken, politischen Initiativen und Gruppen sowie Proberäume, Werkstätten, eine Druckerei und eines der europaweit größten Archive zur Dokumentation sozialer Kämpfe unserer Zeit. Zudem fielen die Materialien der dort arbeitenden Gruppen dem Brand zum Opfer, unter Anderem Arbeitscomputer, Musikinstrumente und Bücher. Dass keine Menschen zu Schaden gekommen sind, ist glücklicher Zufall, war dies doch offensichtlich mit einkalkuliert. Ein Vernetzungstreffen von antirassistischen Gruppen, welches zum Zeitpunkt des Brandausbruches stattfinden sollte, wurde kurz zuvor abgesagt, im Internet jedoch immernoch beworben. Die schwedische Neonazi-Szene reagierte euphorisch und feierte den feigen Anschlag als Heldentat. Das selbstverwaltete autonome Zentrum Cyclopen wird wieder aufgebaut. Die Zweck: cyklopen Aktivist_innen um das EmpfängerIn: Cyclopen brauchen hierfür kulturkampanjen finanzielle Unterstützung: IBAN: SE09 9500 0099 6034 1607 5525 BIC/Swift: NDEASESS

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60 Jahre – und immer noch stirbt die Sicherheit
Am 4. April dieses Jahres gibt es die Nato genau 60 Jahre. Doch seit ihrer Gründung lässt sich bekanntlicher Weise keine Sicherung der Zustände feststellen, sondern eher eine Reihe von Kriegen und Konflikten aufzählen, die durch die Nato angefacht wurden und keinenfalls den Interessen der Zivilbevölkerung entsprechen. Die Floskeln von „Humanitären Einsätzen“ im Ausland mit Hilfe des Militärs oder „Sicherheitspolitik“ im Inneren durch Überwachung sind es nicht mehr wert, enttarnt zu werden. Beginn dieses Jahres gibt es gleich zwei wichtige Nato-Treffen in Europa. Am 3. April werden sich die Nato-TeilnehmerInnen in Baden-Baden und 4. April in Strasbourg zum Geburtstagsfest und der daran angeschlossenen Konferenz zur Planung der Zukunft der Nato zusammen finden. Doch die Tage um den 3. und 4. April 2009 werden nicht ohne sichtbaren Widerstand ablaufen, denn schon seit 2008 gibt es Bündnisse wie das "Bye Bye Nato" Bündnis. Außerdem wird es einen Kongress, Camps, Demos, Blockaden und andere Aktionen gegen den Gipfel im April geben. Und immer noch findet, dieses Jahr am 6. und 7. Februar, in München die sogenannte „Sicherheitskonferenz“ statt. Doch einiges hat sich verändert zum Vorjahr. Statt dem ehemaligen Leiter Horst Teltschik, der nicht zuletzt durch seine gleichzeitige Präsidentschaft bei dem Luftfahrt- und Rüstungskonzern Boing in die Kritik geraten war, lädt diesmal der unscheinbare Wolfgang Ischinger zur ehemals „Wehrkundetagung“ getauften Kriegskonferenz. Außerdem wird es die erste „Sicherheitskonferenz“ unter dem neuen Bayrischen Versammlungsgesetz sein, das im ersten Schritt auch auf Baden-Württemberg und Niedersachsen ausgeweitet werden soll. Hiermit geht ein Präzidenzfall für das Militanzverbot einher, das nicht nur gleichartige Kleidung verbietet, „sofern damit eine einschüchternde Wirkung verbunden ist“ sondern unter anderem auch die Datenspeicherung von Videomaterial erlaubt und das

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Tragen von gleicher Kleidung mit politischem Ausdruck untersagt. Personen um die Organisation der Demonstration gegen die Münchner Sicherheitskonferenz gehen von einem Verbot der Demonstration aus, vorraussichtlich wird diese trotzdem stattfinden. Infos unter: gipfelsoli.org no-nato.de

Braunau bleibt Braunau?!?
Zum 18.04.09 ruft die rechtsextreme „Nationale Volkspartei“(NVP) zu einer Demonstration in Braunau auf. Unter dem Motto: „Mehr Demokratie - gegen totalitäre Systeme. Zum Gedenken der 100 Millionen Opfer des Kommunismus“ wollen „Kameraden“ aus Österreich und Deutschland ihre menschenverachtende Ideologie auf die Straße tragen. Die zeitliche Nähe zu Hitlers Geburtstag (am 20.4.) als auch die Tatsache, dass Braunau die Geburtsstätte desselbigen ist, verdeutlichen zusätzlich den zynischen Charakter dieses Vorhabens. Dass rund 25 Neonazis im Oktober letzten Jahres ein Rockkonzert der KJÖ angegriffen haben, hindert die Veranstalter des rechtsextremen Aufmarsches nicht daran, in ihrem Aufruf gegen eben diese antifaschistische Jugendgruppe zu hetzen. Die kürzlich erfolgte Eröffnung des landesweit einzigen Geschäfts der Neonazimarke „Thor Steinar“ in Braunau zeigt um ein weiteres, dass antifaschistische Politik und Jugendkultur in dieser Stadt dringend notwendig ist. Traditionell gibt es an diesem Datum eine antifaschistische Demonstration vor Ort, die an die Opfer der NS-Diktatur erinnern soll. Angesichts der neonazistischen Provokationen steht es wohl außer Frage, dass es gerade heuer gilt nach Braunau zu fahren und den Nazis Einhalt zu gebieten. Weitere Infos folgen…

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Doch rechtsextreme PolitikerInnen treffen sich nicht nur beim WKR-Ball und reaktionärem Gedankengut wird nicht bloß einmal im Jahr in der Hofburg eine Bühne geboten.

WKR-Ball 2009: Kein Grund zum Feiern! Gegen Rechtsextremismus im Parlament, in den Köpfen und auf der Straße
Am 30. Jänner 2009 findet zum 56. Mal der traditionsreiche Ball des Wiener Korporations-Rings (WKR) in der Hofburg statt. Seit nun über 40 Jahren wird dem Korporations-Ring eine der repräsentativsten Örtlichkeiten in Österreich zur Verfügung gestellt. Dabei ist der veranstaltete Ball mehr als heikel. Der WKR ist die Dachorganisation von insgesamt mehr als zwanzig „national-freiheitlichen“ Korporationen aus dem deutschnationalen Lager. Im WKR sind offen rechtsextreme Männerbünde wie die Olympia, die Teutonia, sowie die Cimbria organisiert – um nur einige zu nennen. In der Vergangenheit zeigte sich immer wieder wie fließend der Übergang zwischen rechten Verbindungen und dem Neonazi-Spektrum war (mehr unter http://aua.blogsport.de/images/Scharnier.pdf). Der Ball des WKR gilt als ein Highlight im Kalender rechter bis rechtsextremer Studentenverbindungen im gesamten deutschsprachigen Raum. Und wieder einmal fungieren hier Korporationen und besonders Burschenschaften als Bindeglied zwischen der bürgerlichen Rechten und dem Rechtsextremismus. Allein der Blick auf die BesucherInnen vom letzten Jahr liest sich wie ein who is who der österreichischen und europäischen extremen Rechten. Neben haufenweise Burschenschaftern fanden sich – wie nicht anders zu erwarten – eine Vielzahl namhafter FPÖlerInnen auf dem deutschnationalen Großevent wieder, darunter: Heinz-Christian Strache, Martin Graf, Barbara Rosenkranz, sowie Johann und John Gudenus. Es erübrigt sich fast zu erwähnen, dass die erwähnten FPÖler allesamt Mitglieder männerbündischer Verbindungen sind. Aber auch ältere Generationen waren mit von der Partie: So tauchten etwa auch die ehemaligen NSDAP-Mitglieder Otto Scrinzi und Friedrich Hausmann als Unterstützer des Balls auf. Letztlich rundeten die Führungsmitglieder diverser rechtsextremer europäischer Parteien das braune Gesamtbild ab. Aus Frankreich kam JeanMarie Le Pen (Front National), aus Belgien Frank Vanhecke (Vlaams Belang), ebenso waren „Kameraden“ aus Bulgarien anwesend.

Rechtsextremismus im Parlament…
Die Nationalratswahlergebnisse vom September waren eindeutig. 17,5% votierten für die FPÖ, 10,7% der Stimmen gingen an das BZÖ. Damit ging das „dritte Lager“ als eindeutiger Sieger aus den Wahlen hervor, während die anderen Parlamentsparteien allesamt Stimmen verloren. Die Rede vom „Rechtsruck“ machte die Runde. Und tatsächlich hat sich einiges nach rechts verschoben: Neben einem deutlich aggressiveren Wahlkampf der ÖVP zum Thema Migration und Integration, holten die Freiheitlichen 13 zusätzliche Parlamentssitze, das BZÖ konnte seine Mandate auf 21 Sitze verdreifachen. Dritter Nationalratspräsident wurde Martin Graf, ein Mitglied der rechtsextremen Burschenschaft Olympia. Die Anzahl der Parlamentarier in deutschnationalen Verbindungen ist, v.a. durch die FPÖ, der höchste der letzten vier Jahrzehnte. Verbunden mit dem Zuwachs an Stimmen für Blau und Orange ist natürlich auch ein Zuwachs an Geldern und medialer Öfflichkeit für die reaktionären Anschauungen. Wie die mediale Öffentlichkeit genutzt wird, lässt sich an der rassistischen Rhetorik sehen. Auf der einen Seite stand BZÖ-Haider, der seinerzeit ein minarettfreies Kärnten verkündete, tschetschenische Flüchtlinge nach Niederösterreich „abschob“ und eine „Sonderanstalt“ für Flüchtlinge einrichten ließ. Nicht weniger deutlich positionierte sich die FPÖ im rassistischen Diskurs. Unvergessen sind Plakatständer mit „daham statt Islam“, „Asylbetrug heißt Heimatflug“ und „deutsch statt ‘nix versteh´n’“. Es wird faktisch keine Gelegenheit ausgelassen gegen die immergleichen Feindbilder zu hetzen und soziale Probleme ethnisiert aufzuladen. Bei dieser rassistischen Politik verwundert es nicht, dass sich Neonazis in der Nähe des „dritten Lagers“ wohlfühlen. Bestes Beispiel dafür ist die Demo zum EU-Reformvertrag. Unweit der Parteigrößen Haider und Strache marschierten Neonazis ungestört mit einem Transparent für die Freilassung des Holocaustleugners Gerd Honsik. Unnötig zu erwäh-

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nen, dass keine der Parteien es für nötig hielt, sich währenddessen und danach davon zu distanzieren.

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… in den Köpfen…
Doch wäre es falsch die Schuld an den rechten Wahlerfolgen allein bei FPÖ und BZÖ zu suchen. Vielerorts wurde verharmlosend von „Protestwählern“ geredet, die gar nicht rechtsextrem seien oder nur die jeweils achso charismatischen Führungsfiguren Strache bzw. Haider gewählt hätten. Fakt ist jedoch, dass jede und jeder, die/der FPÖ oder BZÖ wählt, kein Problem mit den rassistischen, antisemitischen, sexistischen und homophoben Inhalten zu haben scheint. Dabei greifen die rechten Parteien in den meisten Fällen offen oder latent in der Bevölkerung vorhandende Vorurteile auf und präsentieren sich in der Propagierung dieser als „Anwälte des kleinen Mannes“, wobei „Mann“ durchaus wörtlich zu verstehen ist. Oder in den Worten von Karlheinz Klement: „Die FPÖ ist eine Männer-partei“. Denn wenn das rechte Spektrum wiedermal lauthals nach „Männerrechten“ verlangt, gegen den angeblich vorherrschenden „Gender-Wahnsinn“ und „MenschInnen“ polemisiert und bei Abtreibungen nicht vor Vergleichen mit Holocaust und zweitem Weltkrieg zurückschreckt, dann greift die Rechte damit gesellschaftlich verankerte und salonfähige sexistische und frauenfeindliche Überzeugungen auf. Ebenso verhält es sich mit allem, was nicht ins heteronorme Muster passt. So bezeichnete der ehemalige FPÖler Klement Homosexualität als „Kultur des Todes“ und setzte Ehe und Adoptionsrecht Homosexueller mit Kindesmissbrauch gleich. Weiters äußerst bedenklich sind die antisemitisch konnotierten Statements ranghoher Parteimitglieder von Blau und Orange. Ein Martin Graf konnte sich zwar dazu überwinden einzugestehen, dass es im Nationalsozialismus millionenfaches Leid gab. Dass es sich dabei vor allem um Jüdinnen und Juden handelte, brachte dieser jedoch nicht über die Lippen. Im Wahlkampf forderte der freiheitliche Harald Stefan die Einfrierung öffentlicher Gelder für die jüdische Gemeide, um im Anschluss gleich zu verkünden, er mache „einen Sekt auf, wenn der israelische Botschafter nicht mehr in Wien ist.“ Unvergessen ist auch Haiders Aschermittwoch-

Rede, in der er den Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde, Ariel Muzicant, antisemitisch diffamierte. In weiten Teilen der Bevölkerung löst das aber nicht mehr als Schulterzucken oder Desinteresse aus. Rassistische und antisemitische Positionen sind somit salonfähig und Teil der Mainstreampolitik geworden.

… und auf der Straße
Und als wären die politischen Rahmenbedingungen nicht schon Herausforderung genug, formiert sich seit geraumer Zeit die Neonazi-Szene neu. Am deutlichsten zeigte sich dies an mehreren Übergriffen im Herbst 2008. Vermummte Rechtsextreme überfielen ein Fest des linken Kulturvereins W23 in Wien. In Braunau störten Neonazis ein antifaschistisches Konzert mit Hitler-Parolen und Hakenkreuzfahne. Weiters provozierte eine Gruppierung aus „freien Kräften“ und Burschenschaftern eine linke Kundgebung vor dem Parlament. Der Schluss liegt nahe, dass sich die neonazistische Szene von den politischen Umständen im Land bestätigt fühlen kann. Gerade wenn die Rechtsaußenparteien die flächendeckend vorhandenden Vorurteile reproduzieren und noch mehr bekräftigen, muss die Gewalt auf der Straße als radikalisierte Weiterführung der verbalen Hetze im Parlament erkannt werden. Die rechte und rassistische Hetze kann sich aber nur solange selbstsicher präsentieren, wie ihr kein organisierter Protest entgegen gesetzt wird und sich keine negativen Konsequenzen daraus ergeben. Darum ist es an der Zeit, ein lautes und deutliches Zeichen gegen den Rechts-Block aus FPÖ/BZÖ, studentischen Männerbünden und Neonazis zu setzen. Der WKRBall ist dafür ein passender Anlass. Dort trifft sich nationales wie internationales Spektrum der extremen Rechten um sich selbst zu feiern und in Szene zu setzen. Wir wollen daher den Protest direkt zu den ProtagonistInnen der rechten und rechtsextremen Ideologie tragen und zeigen, dass ihre ! Selbstinszenierung in der Hofburg nicht Bal l KRW unwidersprochen bleibt. len iona platz / at pa chn euts r, Euro nd h 0U n de ien gege 09, 17:0 nhof W o Dem ner 20 estbah W än 30 J

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Alte Ideen und neuer Wind – Hausbesetzung hat Hochkonjunktur
n ganz Europa werden besetzte Häuser reihenweise geräumt. Wenn offensichtliche Besetzungen stattfinden, gibt es in vielen Ländern selten die Chance, mehr als eine Nacht im neuen zu Hause zu bleiben. In Österreich ist das anders. Motive, Gedanken zur europäischen Linie und das vermeintliche österreichische Erfolgsrezept. Die Motive werden durch klare Logik einfach und einleuchtend. Wo Raum leersteht, wird er genutzt. Platzmangel plus leer stehender oder nicht genutzter Raum ergibt Raumaneignung. Doch viele, die Häuser besetzen, haben viel mehr Ideen als diese kurze Rechnung. Wichtigster Punkt dabei ist das Anzweifeln und Nichtakzeptieren von bestehenden Besitzverhältnissen. Es ist nicht nur so, dass Freiräume genommen werden, da das Bedürfnis nach Raum so groß ist, einher geht die Kritik an den kapitalistischen Verhältnissen sowie das Anzweifeln und Anprangern der ungerechten Verteilung von Eigentum. Wer an diesem Punkt angelangt ist, kann Hausbesetzung schwerlich als nicht legitim betrachten. Doch gibt es Ausnahmen, wenn andere Faktoren ins Spiel kommen. Die „Initiative Pankahyttn“ besetzte ein Haus, das von den NationalsozialistInnen enteignet wurde und deren ehemalige EigentümerInnen nie entschädigt wurden. Den BesetzerInnen war das in diesem Fall egal, leerstehender Raum bleibe dennoch Raum, egal wem er gehört, war die Devise. Generell sind natürlich die BesitzerInnen auszumachen, bevor besetzt werden kann, im Idealfall gehört das zu

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besetzende Objekt der Stadt oder die BesitzerInnen sind in Erbschaftsstreitigkeiten verwickelt. Bei der Besetzung des Ernst-Kirchweger-Hauses (EKH) lag eine besondere Situation vor, denn seine Eigentümerin war die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ). Dadurch erlangte die Besetzung noch einen anderen Grad an Legitimation, denn wie Nadir Aykut der ATGF nach Lenin zitierte: „Was einem Kommunisten gehört, gehört allen Kommunisten.“ Doch leider konnten sich die BesetzerInnen nur bis 2005 auf den ideologischen Background der KommunistInnen verlassen. In diesem Jahre verkaufte die KPÖ unter Walter Baier das EKH für einen Spottpreis an den stadtbekannten und inzwischen rechtsmäßig als solchen zu bezeichnenden Rechstextremen Christian Machowetzx. Inzwischen gehört das Haus einem Zusammenschluss der Vereine aus Wienhouse GmbH und Wieder Wohnen, welches das Haus für mehr als das Doppelte des ursprünglichen Kaufpreises von Machowetz erstand. Am 7. November unterschrieben alle im Kirchwegerhaus ansässigen Gruppen Mietverträge. Damit ist das EKH nun jetzt offiziell kein besetztes Haus mehr, alle Bereiche im Kirchweger Haus haben Hauptmietverträge zu einem symbolischen Mietzins von einem Euro. Einerseits könnte der guten Zeit der Verhandlungen nachgetrauert werden, da diese Position die bestmögliche war, denn das Bestehen des Hauses war bis dato gesichert und der Status von „besetzt“ hat doch einige bürokratische und finanzielle Vorteile,

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x:Einen Prozess wegen Ruf- und Kreditschädigung gegen den im EKH ansässigen „Verein für Gegenkultur“ verlor Machowetz, da ihm nachgewiesen werden konnte, rechtsextrem zu sein.

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andererseits wurden alle Forderungen, die seit Beginn der Verhandlungen am 24.6.2005 gestellt wurden, erfüllt. Schlussendlich wurde von den im Haus ansässigen Vereinen kein Grund mehr gefunden, die Mietverträge nicht zu unterschreiben. Dass ein Haus wirklich, und das muss mensch sich auf der Zunge zergehen lassen, unbefristete Hauptmietverträge zu einem symbolischen Mietzins von einem Euro bekommt, ist nicht der nächstliegende Teil klassischer kapitalistischer Verwertungslogik. Das kann durchaus als

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Szene bei einer Besetzung in Graz.

Signal aufgefasst werden und den BesetzerInnen in anderen Städten Mut machen. och das EKH in Wien ist nur ein Freiraum und das reicht der großen österreichischen BesetzerInnenszene, die alles andere als eine homogene Gruppe darstellt, nicht aus. In allen größeren Städten in Österreich gab es in den letzten Jahren Besetzungen, die „International Squatting Days“ waren Anlass für Aktionen in Form von Demonstrationen, Kundgebungen und natürlich Besetzungen in Innsbruck, Salzburg, Linz, Graz und Wien. Auch in Feldkirch in Vorarlberg wurde im Oktober 2008 ein Haus für eine Woche, als Finale eines ganzen „Freiraum Aktionsmonats“, besetzt. Die österreichische

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BesetzerInnenszene zeichnet sich im allgemeinen jedoch nicht nur durch außerordentliche Vitalität und Kreativität aus, sie ist auch extrem gut (selbst-)organisiert. Kurz nach dem Betreten eines Hauses und den ersten Absprachen im Plenum, gibt es sofort Raumgestaltung wie Volxküchen, Kinoabende, Konzerte aber auch Informationsveranstaltungen zu politischen Themen. Auch wenn meistens nur wenige Tage Zeit in den entsprechenden Häusern bleibt, wird diese Zeit effektiv genutzt und je nach Bedürfnissen der Menschen gestaltet. Doch nicht immer sind sich die BesetzerInnen einig, wer die angeeigneten Räumlichkeiten wie nutzen darf. Es handelt sich um verschiedene Arten von zwischenmenschlichem Umgang, um „Hippies versus Militante“ oder um “Israel und Palästina”. Doch abseits der Streitfragen wird zumindest der Umgang mit Behörden gut organisiert. Nicht nur die rechtliche Aufklärung über die Rechte der Einzelnen, sondern auch der spätere Umgang mit möglichen Strafen, die gesetzeswegen meist Verwaltungsstrafen sind, wird kollektiv gemeistert. Die Erfahrungen der letzten Jahre bewähren sich gerade diesbezüglich, dadurch werden selten Menschen hart bestraft und falls es doch Probeme gibt, ist die kollektive Problemlösung und der gemeinsame Umgang mit Strafe Usus. Somit werden Szenen vermieden, wie sie 2007 in München passierten. Drei Punks, zum „Tat“zeitpunkt zwischen siebzehn und neunzehn Jahren alt, besetzten ein Haus auf eigene Faust, verteidigten es militant und sind in ihrem späteren Verfahren zu Gefängnisstrafen von drei bis fünf Jahren wegen versuchten Todschlags verurteilt worden. Abgesehen von allen Unklarheiten bezüglich dem Verhalten der Münchner Polizei und abgesehen von einer Bewertung oder Psychologisierung des Verhaltens der Jugendlichen sei hinzugefügt, dass es mehrere Monate brauchte, bis die „Rote Hilfe“ die Namen der Punks herausfin-

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den konnte. Rechtshilfe und generelle Unterstützung Spendentopf des Mietshaussyndikats, von dem dann neue Gebäude erstanden werden. Der Nachteil an konnte somit lange nicht gewährleistet werden. Das dem System ist, dass Hausprojekte in großen Städten zeigt, wie wichtig die Vernetzung ist und die begehrt sind, die Häuser in ländlichen Regionen aber Weitergabe von Know-How, damit dramatische eher finanzierbar. Vorkommnisse wie in München nicht passieren. In Österreich zieht das Nichtbefolgen der Denn das Ende dieser Geschichte wäre definitiv Verordnung nach §37 des Sicherheitspolizeigesetzes anders gekommen, hätten die Jugendlichen Unterstützung im Vorfeld gefunden. Doch nicht nur zur „Auflösung von Besetzungen“ nicht einmal eine Verwaltungsstrafe nach sich. Die Organe des öffentdas Vorgehen in Österreich ist ein anderes, zudem unterscheiden sich die Gesetzeslagen von Österreich lichen Sicherheitsdienstes können jedoch, wenn und und Deutschland in wichtigen Punkten. Der Vorwurf weil sie durch die Verordnung dazu ermächtigt werden, die verharrenden Personen wegweisen und des Hausfriedens-bruchs ist in Deutschland eine Straftat und dann schon erfüllt, wenn die berechtigte diese Wegweisung zwangsweise durchsetzen. Trotzdem fallen den Person, also meistens “Die BewohnerInnen des Hauses zahlen BesitzerIn, nicht mit dem keine Miete, sondern einen Beitrag in den „Sicherheitsorganen“ immer wieder Absurditäten ein, wie Eindringen einverstanden Spendentopf des Mietshaussyndikats.” die Anzeigen auf Grund der ist und wenn die Besetzung in der Spitalgasse in Wien im April 2008, BesetzerInnen, das Haus nach 3maliger bei denen Verwaltungsstrafen wegen „Blockieren des Aufforderung nicht verlassen wollen. Es kann eine Gehsteigs“ versendet wurden. Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr verhängt weruch in Spanien lässt die Gesetzeslage einiges an den. Die organisiertere BesetzerInnenszene in Spielraum offen. BesitzerIn eines leerstehenden Deutschland versucht mit immer geschickter verbarrikadierten Häusern über die gesetzlich vorgeschrie- Hauses muss erst ein gerichtliches Ansuchen auf eine bene Zeit von 48 Stunden hinaus zu kommen. Dann Räumung stellen, gegen das die BesetzerInnen Einspruch erheben können. Damit ist schon einmal muss die Polizei verhandeln, vorher werden keine Zeit gewonnen, bis der Prozess statt findet. Es Gespräche aufgenommen. Leider ist diese Strategie kommt auch nicht selten vor, dass so ein Prozess nur mäßig erfolgreich, denn gegen Räumpanzer hat es selten eine Gruppe geschafft, ein Haus 48 Stunden gewonnen wird, denn wenn der/die BesitzerIn nicht vorweisen kann, was er mit dem leerstehenden zu halten. Und selbst dann ist das Haus noch nicht Gebäude vor hat (darunter fallen Baugenehmigungen gewonnen, es gibt erst die gesetzlich vorgeschriebenen Verhandlungen. Wie die Chancen der Besetzer- oder Abrisspläne), gehört den BesetzerInnen das Innen im Moment in Deutschland stehen, ist an den Haus nach einer gewissen Frist. Inzwischen ist gängige Praxis der HausbesitzerInnen, bezahlte neu erschlossenen Hausprojekten abzulesen, sie gehen gegen Null. Immer mehr Hausprojekte werden SchlägerInnentrupps zu schicken, die die BesetzerInnen brutal aus dem Haus prügeln, Hunde geräumt, in Dresden beispielsweise gibt es kein erschießen und das Haus unbewohnbar machen, um besetztes Wohnprojekt mehr, auch in Berlin ist die Zeit von erfolgreichen Besetzungen vorbei. Die die BesetzerInnen los zu werden. Doch auch wenn Hintertür, der sich die Menschen auf der Suche nach die Gesetzeslage zum Besetzen in manchen Ländern frei gestaltbaren Räumen bedienen, ist das einige Möglichkeiten offen lässt, schützt diese nicht Mietshaussyndikat. Was auf den ersten Blick wie ein davor, dass sogar die ältesten und bekanntesten Schneeball- oder Pyramidenspiel erscheint, hat sich Häuser wie das Ungdomshuset in Kopenhagen, die in vielen deutschen Städten und Dörfern bewährt. Ex-Steffi in Karlsruhe oder Les Tanneries in Dijon Begonnen wurde mit einem Spendenaufruf, bis geräumt werden. In Amsterdam gab es allein 2008 genug Startkapital gesammelt war, um das erste Haus drei Räumungswellen, bei der letzten Welle wurden zu kaufen. Die BewohnerInnen des Hauses zahlen sechs Häuser in einer Nacht geräumt. keine Miete, sondern einen Beitrag in den Doch woran liegt der markante Unterschied zwi-

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schen den meisten europäischen Ländern und Österreich? Dass gerade in diesem Land, in dem 30% der WählerInnen für die FaschistInnen zu den Urnen marschierten, Häuser entstehen und nicht geräumt werden, scheint paradox. Einerseits liegt der Umstand von neu entstehenden Freiräumen sicherlich auch an der Sozial- und Legalisierungsund Befriedungspolitik der Stadt Wien, denn nur in Wien wurden durch Besetzungen Freiräume geschaffen wie die „Pankahyttn“. Die Stadt sieht das Haus als Sozialprojekt für obdachlose Punks an und stellen ihnen SozialarbeiterInnen zur Verfügung. Durch Hartnäckigkeit in der Besetzungspraxis gingen die Punks der Stadt Wien so lange „am Oarsch“, bis die Verhandlungen ein Ergebnis in Form dieses „Kultur- und Sozialprojekts“ zeigten. Doch die Hartnäckig-keit alleine ist noch nicht das Erfolgsrezept, denn auch die Gruppe „Freiraum“ initiierte viele Besetzungsaktionen und kam nicht zu dem gesicherten Raum, der über lange Jahre gefordert wurde. Doch erschwerender Umstand war definitiv, dass „Freiraum“ sich ein bestimmtes Gebäude am Unicampus wünschte und sich somit

mit der Uni Wien auseinandersetzen musste. Rektor Winckler zeigte weder Verständnis noch den Willen eine Lösung für beide Seiten zu finden, er wollte die "Störenden" so schnell wie möglich vom Hals haben, verweigerte Verhandlungen und schickte die Polizei zur Räumung jeder Aktion. Ein anderes Problem ist sicherlich, dass die BesetzerInnen immer vom guten Willen der BesitzerInnen abhängig sind, ein Haus physisch gegen die Polizei zu verteidigen, erscheint unmöglich und endet im schlimmsten Fall wie die oben erwähnte Geschichte aus München. Die Zustimmung der BesitzerInnen kann allerdings auf unterschiedliche Art und Weise erlangt werden. Manchmal durch Zermürbung mit Hartnäckigkeit, manchmal durch ideologische oder parteiinterne Zwänge, manchmal sogar durch Angst vor militantem Handeln der BesetzerInnen, allein das Ziel ist klar, auch wenn es zu Beginn utopisch erscheint. anchmal jedoch, sind es aber gerade die unrealistischen Träumereien, die dazu führen, dass das unmöglich Erscheinende zur Realität aus Stahlbeton wird.

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“Haiders zwei letzte Stunden“
Privat oder politisch? Oder einfach homophob?

Vom Gerücht zum Outing

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eit dem Tod des Kärntner Landeshauptmanns lassen sich in Österreich vor allem zwei Tendenzen im Umgang mit dem spontanen Ableben Jörg Haiders antreffen. Einerseits wurde das politisch „Sagbare“ über den „Ziehvater des Rechtsextremismus“ auf das Minimalste reduziert. Andererseits lassen sich gerade in der fragwürdigen Berichterstattung über die „letzten zwei Stunden“ und die unausgesprochene Homosexualität Haiders durchwegs homophobe Herangehensweisen festmachen.

Lange Zeit vermuteten viele, dass es sich bei den Gerüchten rund um die Homosexualität Jörg Haiders um eine „Taktik“ seiner GegnerInnen handeln würde, um ihm politisch zu schaden. Tatsächlich hätte ein solches Outing durchwegs Auswirkungen für das Image des Rechtsaußen-Politikers mit sich gebracht und nicht zuletzt auch homophobe Bestrebungen bedient. „Geoutet“ wurde Haider allerdings spätestens 2000 als sowohl Elfriede Jelinek als auch Rosa von Praunheim dazu öffentlich Stellung bezogen sowie in diversen Schwulen- und Lesbenzeitungen aus

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Zugespitzt hatte sich die Gerüchteküche abermals vor einem Jahr, als einige Fotos auftauchten, die Haider mit jungen Burschen in der 99 Cent-SaufNie durch Homophie aufgefallen? Disko „Tollhaus“ in Kärnten/Koroška zeigten. Während die einen meinten, ein Outing würde nun Als Argument für all jene, die Haiders Homo(endlich) anstehen, verbanden andere die „Kritik“ an sexualität keinen Glauben schenken konnten, wurde Haiders Auftritt bzw. seinem „Doppelleben“ sogar gerne angeführt, mit einer Forderung nach Rücktritt. So “Hilmar Kabas bezeichnete die Rosa Lila zeigt sich deutlich, dass sich auch in diedass zuerst die Villa als „subventioniertes Bordell“, FPÖ, dann aber sem Fall, die Ebenen der vermeintlichen Volksanwalt Ewald Stadler Homo-Paare Kritik an Haiders „Komasaufen“ sowie die auch das BZÖ nie als „pervers“...” durch homophobe Empörung über die Fotos, die ihn mit Politik aufgefallen jungen Burschen zeigten, vermischten wären. Die HOSI hat in diesem Zusammenhang und nicht mehr voneinander zu trennen waren. bereits 2000 darauf verwiesen, dass Haider 1996 als Schließlich blieb auch das homophobe Bild des älteNationalratsabgeordneter zwar „nur“ gegen die ren Mannes, der junge Burschen verführt, kommenAufhebung der menschenrechtswidrigen tarlos in der medialen Berichterstattung stehen. Die Paragraphen 209 und 220 (diskriminierendes Kärntner SPÖ brachte im Landtag darüber hinaus Mindestalter, Informationsverbot über Homosexua- einen „Benimm“-Antrag für Haider ein. lität) mit gestimmt hatte, andere Politiker der beiden Westenthaler hingegen erwähnte in einer Parteien in ihren Wahlkämpfen jedoch immer wiePressekonferenz, dass die Fotos ein Beleg für die

der ganzen Welt darüber berichtet wurde. Auch die wichtigste Interessenvertretung von Lesben und Schwulen in Österreich, die Homosexuellen Initiative (HOSI), veröffentlichte zum gleichen Zeitpunkt eine Presseaussendung, in der sie betonten, dass sie gerade die Haider-GegnerInnen als aufgeschlossen genug einschätzten, diesen Umstand nicht gegen ihn einzusetzen und es genug Gründe gäbe, Haider und seine Politik zu bekämpfen, Homosexualität könne und dürfe aber auf keinen Fall einer sein. Ein Outing Haiders würde für Schwule und Lesben nichts Positives bringen, da er sich weder für Homosexuellenrechte eingesetzt hatte, noch eine positive Identifikationsfigur darstellen würde. Dennoch wurde von der HOSI auch hervorgehoben: „Betrachtet man Outing als politischen Akt gegen versteckte Homosexuelle, die in wichtigen politischen Funktionen anti-homosexuell agieren und handeln, so ist gerade in Haiders Fall ein Outing gerechtfertigt.“ In österreichischen bürgerlichen Medien wurde jedoch weder die Aussendung der HOSI aufgegriffen noch die Thematisierung von Haiders sexuellen Vorlieben in internationalen Medien. Elfriede Jelinek hingegen hatte bereits 1991 das Homoerotische und die sogenannte BuberlPartie, die Jörg Haider stets umgeben hatte, zum Thema gemacht.

der durch Hetze gegen Homosexualität aufgefallen sind. Hilmar Kabas bezeichnete die Rosa Lila Villa als „subventioniertes Bordell“, Volksanwalt Ewald Stadler Homo-Paare als „pervers“, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Auch der mehrfach aus der FPÖ ausgeschlossene Klement fühlte sich schon in seiner Parteizeit dazu berufen, vor der Homosexualität als „Kultur des Todes“ zu warnen. Klubobmann der Wiener FPÖ Eduard Schock fiel kürzlich in seinem Feldzug gegen die gleichgeschlechtliche Ehe und die „Rathaussozialisten“, welche der Bevölkerung „pausenlos Homosexualität schmackhaft machen“ würden, auf und ernannte sich gleichsam zum „letzte[n] und vor allem wahre[n] Hüter des traditionellen Familienbildes“. Zuletzt im Wahlkampf wurde aber auch mit einer Presseaussendung von FPÖ-Generalssekretär Harald Vilimsky mit Anspielungen wie Haider „vergnügt sich im Tollhaus nicht nur mit Knaben“ und Stadler wäre „offenbar einer der letzten, die Jörg Haider die Stange halten“ würde, Homophobie gegen Haider in Stellung gebracht.

Dorfdisko „Tollhaus“ und Szenelokal

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Jörg und mich verband […] etwas ganz Besonderes“ Volksnähe und den Umgang mit der Jugend seitens war und, dass sich auch Ehefrau Claudia nicht der BZÖ wären. Hans Rauscher bezeichnete in gestört hätte, stellte sich bei den ZuschauerInnen einem Standard-Kommentar die Fotos als „lächerdie Frage des Umgang mit Petzners „Trauer“. lich“, Karl Öllinger von den Grünen als „unverzeihWährend in den Medien vor allem das Wort „pietätlich“ - was genau sparten beide aus. Lediglich ein los“ kursierte und gegen jegliche Kritik an Haiders Kommentar in der Presse mit dem Titel „Haider Person, seiner Politik sowie Freude über seinen Tod schwul? Wer will das wissen?“ nahm explizit Bezug in Stellung gebracht wurde, boten gerade Petzners auf das „ungeschriebene Gesetz, dass über das „lächerliche“ Auftritte viel Projektionsfläche für Privatleben eines Politikers nur dann geschrieben „Schadenfreude“ aber auch Homophobie. Nicht nur, wird, wenn es dieser selbst thematisiert“. Ähnliche dass er ohne Haider „ganz alleine“ war und in der Tendenzen waren erneut im Zusammenhang mit Nacht Angst hatte, Petzner erinnerte sich ebenfalls Haiders Tod anzutreffen. Nach ein paar Tagen genau, „welche Kleidung wir trugen, welche tauchten Details auf, die von der offiziellen Version Temperatur es hatte und dass Weihnachten war und über seinen Tod abwichen. Haider soll nämlich die der Duft von Lebkuchen in der Luft lag“, als sie sich letzten Stunden in dem Schwulenlokal “Stadtkräkennenlernten. Dass derartige Aussagen politisch mer”, in der österreichischen Presse zumeist als kaum verwertet oder kritisiert “Szenelokal“ (welcher auch immer) bezeichnet, mit einem jungen Mann verbracht haben “...boten gerade Petzners werden können, scheint und auch der enge Mitarbeiter Stefan Petzner „lächerliche“ Auftritte viel offensichtlich und dennoch Projektionsfläche für sorgten sie in vielen Kreisen sprach von Haider als seinem „Schadenfreude“ aber auch für großes (homophobes) „Lebensmenschen“ und von einer Beziehung, Homophobie.” Gelächter. So bleibt zu vermudie weit über ein freundschaftliches Maß ten, dass Claudias Tränen kaum für soviel Gelächter hinausgegangen wäre. Während die einen diesen gesorgt hätten, wie jene von Petzner und so wurden Teil der Geschichte in ihrer Haider-Glorifizierung durch Haiders Tod auch in „reflektierten“ Kreisen ignorierten, waren andere darauf bedacht, die homophobe Witze und Scherze wieder salonfähig. Hintergründe der kryptischen Anspielungen auf Gleichzeitig zeigt sich dabei auch, dass Haiders vermeintliches Doppelleben „aufzudecken“. Homosexualität in Österreich nach wie vor ein Marco Schreuder meinte dazu treffend in einem Tabuthema darstellt und Outings vor allem von Standard-Kommentar, dass beide Formen der KünstlerInnen bekannt sind, während es in anderen Auseinandersetzung homophob wären. „In beiden europäischen Ländern durchaus bekannte und Arten der Berichterstattung ist die sexuelle Orienerfolgreiche homosexuelle PolitikerInnen gibt. tierung nämlich vor allem eins: Nicht normal.“ Insofern muss hierzulande sowohl auf medialer als auch politischer Ebene weiterhin daran gearbeitet Homophobes Gelächter werden, ein Klima zu schaffen, in dem weder Outings noch die Berichtserstattung darüber von Bereits in den ersten Pressekonferenzen, die den homophoben Tendenzen begleitet werden. Nicht Tod Jörg Haiders bestätigten, war Stefan Petzner, zuletzt führten Petzners Aussagen zum stetigen Pressesprecher und Wahlkampfmanager des ehemaZurückdrängen des Jungpolitikers aus wichtigen ligen Kärntner Landeshauptmanns, durch seine verFunktionen innerhalb des BZÖs, schließlich wäre er heulten Auftritte und den Verweis auf seinen für viele „zu skandalträchtig gewesen“. „Lebensmensch“ aufgefallen. Gerade nach der Ausstrahlung der beiden Interviews mit Petzner, in der von Claudia Stöckl moderierten ORFhttp://www.hosiwien.at/haiderouting/ Radiosendung „Frühstück bei mir“ sowie im Krone TV, in denen er davon sprach, dass „das, was den

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EU-Migrationspolitik während der französischen Ratspräsidentschaft
Die „Direktive der Schande“ und andere Widrigkeiten
die französische Ratspräsidentschaft auszeichnet. m 8. Dezember 2008 verabschiedete der Die RepräsentantInnen derselben, allen voran Ministerrat der EU die „europäische Präsident Nicholas Sarkozy und Minister Hortefeux, Abschiebe-Direktive“. Von NGOs und sind allerdings weit davon entfernt, auf diese Kritik Menschenrechtsorganisationen wurde sie als die „directive de la honte“ - die „Direktive der Schande“ zu reagieren. Vielmehr rühmen sie sich jetzt schon bezeichnet. Der französische „Minister für Zuwand- für die migrationspolitischen „Errungenschaften“ der EU während ihrer Amtszeit. Bereits am 15. Oktober erung und nationale Identität“ (!), Brice Hortefeux, hat bereits vor einigen Wochen angekündigt, dass die 2008 wurde in Brüssel unter französischem Vorsitz Direktive, über die das europäische Parlament am 18. der „Europäische Pakt zu Migration und Asyl“ abgeschlossen. Ihm folgte am 3. und 4. November der Juni positiv abgestimmt hatte und die in weiten „Integrationsgipfel“ der Europäischen Union, zu dem Teilen der europäischen Zivilgesellschaft scharfe die Justiz- und InnenministerInnen geladen waren. Kritik hervorgerufen hat, noch Anfang Dezember offiziell angenommen werden soll. Nicht nur außer- Sarkozy scheute nicht davor zurück, diesen Gipfel in parlamentarische politische Gruppen hatten dagegen einer Stadt abzuhalten, die eine nur allzu eindeutige protestiert, sondern auch die offiziellen Vertretungen Symbolik hat: In Vichy, der Hauptstadt des französischen Kollaborateur-Regimes. einer Reihe von afrikanischen und lateinamerikaniAm 25. November fand dann in Paris der zweite schen Ländern. Boliviens Präsident Evo Morales Euro-Afrikanische hatte mit seinem offe“Die neuen Bestimmungen sehen vor, dass Gipfel zur Migrationsnen Brief, in dem er die Asylsuchende in allen Mitgliedsstaaten bis zu 18 Migrationspolitik der Monaten in Schubhaft genommen werden können.” politik statt. An dem Gipfel nahmen insgeEU, und im Speziellen die Abschiebe-Richtlinie kritisierte, Aufsehen erregt. samt nicht weniger als 80 Regierungsdelegationen In einem weiteren Protestbrief, der u.a. von den fran- teil: 53 Delegationen aus allen Staaten des afrikanizösischen NGOs Cimade und Gisti aufgesetzt wurde, schen Kontinents sowie die Delegationen der 27 Mitgliedsländer der Europäischen Union. Es war die wird die Direktive abgelehnt, da sie „die Inhaftierung, oder besser gesagt sie Internierung von zweite Konferenz dieser Art, die Folgekonferenz eines ersten Gipfeltreffens, das 2006 in der marokkaMigrantInnen in Europa zur Regel macht, weil sie nischen Hauptstadt Rabat stattgefunden hatte. ein scheußliches Bild auf Europa wirft, das auf der Den Delegierten der Konferenz „des ponts pas des ganzen Welt und im Speziellen in den murs“ („Brücken keine Mauern“), die zwei Wochen Herkunftsländern der MigrantInnen auf Empörung zuvor ebenfalls in Paris stattgefunden hatte, um stößt. Darüber hinaus verstärkt die Direktive die gegen die rassistische Politik der EU zu mobilisieren Misere und die Ungerechtigkeit in den aktuellen und die 330 Organisationen aus Afrika und Europa Kräfteverhältnissen nur noch mehr.“ umfasst, wurde der Zutritt verwehrt. In der Die neuen Bestimmungen sehen vor, dass Presseaussendung von „des ponts pas des murs“ Asylsuchende in allen Mitgliedsstaaten bis zu 18 heißt es dazu: „Diese Weigerung (uns zu empfangen, Monaten in Schubhaft genommen werden können. All das fand im Vorfeld zu den Feiern des sechzigAnm.) ist die Folge des absoluten Misstrauens gegensten Jahrestages der Erklärung der Menschenrechte über den Organisationen der Zivilgesellschaft, die zu statt, was für oben genannte Gruppen zurecht als ein keinem Zeitpunkt in die Reflexionen einbezogen weiteres Zeichen für die Ignoranz gilt, durch die sich wurden, trotz unserer wiederholten Ansuchen gegen-

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über den OrganisatorInnen in Paris. Wir lassen uns jedoch nicht von der kategorischen Empfangs-Verweigerung entmutigen. Unsere Versammlung bot schlussendlich Anlass, den Opfern der Migrationspolitik

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Demonstration der Organisation "des ponts pas des murs" Mitte Oktober in Paris. Forderungen waren u. a. eine “Regularisierung” der sans papiers.

unsere Ehre zu erweisen: Weiße Rosen wurden in die Seine geworfen und ein Blumengebinde wurde an der GrenelleBrücke angebracht.“ Die Zahl derjenigen Menschen, die allein im Jahr 2007 beim Versuch, auf Territorium der EU zu gelangen, starben oder seither vermisst werden, beläuft sich auf über 2.200. Die Ziele dieses, oben beschriebenen, Gipfeltheaters lassen sich auf einige wichtige Punkte reduzieren, die auf EU-Ebene durchgesetzt werden sollen: Noch stärkere Abschottung der Grenzen (mit Hilfe der Grenzschutzagentur FRONTEX), verstärkter Druck auf Auswanderungsländer, ihre Migrationsströme zu kontrollieren (im Gegenzug wurden Hilfsprogramme und Investitionen versprochen), Erleichterung von Abschiebungen aus der EU, die Durchsetzung von sogenannten Rücknahmeabkommen gegenüber den Herkunftsländern sowie neue

Konzepte zur „migration choisie“, also zur „ausgewählten Migration“. Mit letzterem ist die gezielte Rekrutierung von Arbeitskräften für bestimmte Wirtschaftssektoren in der EU gemeint, die je nach Bedarf und konjunktureller Lage gesteuert werden kann. Unter anderem betrifft das die saisonale Migration für Landwirtschaft oder Tourismus. In der südspanischen Provinz Huelva wurden auf diese Weise bereits tausende marokkanische Frauen für die Erdbeerernte rekrutiert. Wie die andalusische LandarbeiterInnengewerkschaft SOC berichtet, die in der Region eine Plattform für den Widerstand migrantischer ArbeiterInnen bietet, sind diese sogenannten „Herkunftsverträge“ mit groben sozial- und arbeitsrechtlichen Verstößen verbunden. Kurzum, die französische Ratspräsidentschaft gibt einen rabiaten Ton vor, was die „Harmonisierung“ der nationalen Praktiken der Mitgliedsländern in Bezug auf Migration betrifft. Dass sich dies in Form von enormem politischen Druck, ja Erpressung, gegenüber afrikanischen Ländern auswirkt, kann mensch an einer Hand abzählen. In der Presseaussendung von „des ponts pas des murs“ zur Konferenz vom 25. Oktober heißt es dazu: „Es handelt sich eindeutig um einen Prozess, bei dem die afrikanischen Länder in einen 'Dialog' gezwungen werden, der nur als Parodie gelten kann – denn es sind ausschließlich die europäischen Länder, die

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Regierung in Bamako weigerte sich. Seit zwei Jahren hatte Frankreich Druck auf Mali ausgeübt, finanzielle Erpressungs- und Anlockmanöver durchgeführt, um sie zur Annahme des Migrationspakts zu bewegen. Nun hat die Regierung in Bamako das ihr „vorgeschlagene“ Abkommen, das am 25. November hätte unterzeichnet werden sollen, explizit ausgeschlagen. Ein kleiner Schritt, aber immerhin. Gemeinsam mit transnationalen, antirassistischen Netzwerken wie „des ponts pas des murs“, dem „NoBorder“ Netzwerk oder dem Manifeste-EuroAfricain, bzw. im Ensemble mit allen sozialen Bewegungen, die v.a. in Westafrika immer stärker werden, wächst auch die Hoffnung, dass der Gegendruck groß genug wird, um zukünftige politische Erpressungen der EU gegenüber afrikanischen Ländern zu verhindern. Für die französische Ratspräsidentschaft war das Spiel noch relativ einfach. Wie es in Zukunft sein wird, hängt von der Entwicklung eben dieser gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse ab.

darin die Richtung vorgeben. Hinter dem Vorwand, einen 'globalen Ansatz zum Thema der Migration' zu entwickeln, verbirgt sich in Wirklichkeit das Vorhaben, repressive Maßnahmen durchzusetzen. Um das zu erreichen, wird den entsprechenden Ländern vorgegaukelt, dass es im Gegenzug Möglichkeiten der legalen Immigration (Stichwort 'migration choisie', Anm.) sowie Entwicklungshilfe gäbe.“

Mali verweigert Erpressung
Ein einziges Land hat dem Druck, den Frankreich und die EU entwickelten, um am Tag des Gipfels über „vorzeigbare Ergebnisse“ verfügen zu können, vorerst widerstanden und den Mächtigen in die Suppe gespuckt. Es handelt sich um eines der ärmsten Länder der Welt, nämlich um das in Westafrika gelegene Mali. Nach den Vorstellungen der Ratspräsidentschaft hätte der Anteil jener von Frankreich unerwünschten MigrantInnen, denen das malische Konsulat in Paris während der Dauer ihrer Abschiebehaft gültige Rückreisedokumente ausstellt, von 30 auf 60 % verdoppelt werden sollen. Die

„Zurück zur Natur…“ Tourismus in Ländern Afrikas
er Tourismussektor stellt einen der weltweit am stärksten wachsenden Wirtschaftssektoren dar. Gerade innerhalb des letzten Jahrzehnts ist die „Reise-Welle“ auch auf Länder des Südens1 übergeschwappt, wo bei einigen das Produkt „Tourismus“ nun zu einem der wichtigsten Exportgüter geworden ist. „Entwicklung“ durch Tourismus…ein Thema, das schon seit einiger Zeit Einzug in Entwicklungsdiskussionen gefunden hat. In diesen Diskussionen fallen immer wieder Begriffe wie „Öktourismus“ oder „Community-Based-Tourism“ (CBT), die

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einen Gegenpol zum Massentourismus darstellen sollen. Am Beispiel des Tourismussektors in Ländern des Südens lassen sich Machtungleichheiten zwischen Nord und Süd einerseits, sowie einheimischen Eliten und marginalisierten Bevölkerungsgruppen anderseits gut veranschaulichen.

Tourismus als neuer „Entwicklungs“weg?
Laut einer Welbank-Studie betrugen die Einnahmen aus dem Tourismussektor für

1: Ich verwende in diesem Artikel den Begriff „Länder des Südens“ anstatt jenem der „Entwicklungsländer“, um auf das ungleiche Machtgefälle und die Interessenskonflikte zwischen dem industrialisierten „Norden“ und dem Süden (Entwicklungsländer Asiens, Afrikas Lateinamerikas und Ozeaniens.) aufmerksam zu machen.

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Länder aus dem subsaharischen Raum im Jahr 2004 14 Milliarden US-Dollar. Offizielle Entwicklungsgelder betrugen im Vergleich dazu 26,1 Milliarden US-Dollar. Es drängt sich nun die Frage auf, in welcher Weise Tourismus als ein Wirtschaftssektor mit einem Potenzial zur Armutsbekämpfung angesehen werden kann. Als gängige Argumente für den Ausbau des Tourismussektors in Ländern des Südens werden meist folgende angeführt: Tourismus gilt vor allem in Ländern des Südens neben der Landwirtschaft als einer der zentralen Devisenbringer. Weiters schafft der Tourismussektor sowohl direkt, sprich in Hotels, Reiseorganisationen usw., als auch indirekt, wie z.B. über eine steigende Nachfrage nach Gütern aus dem informellen Bereich, verschiedene Arbeitsplätze. Die Weltbank rühmt sich in einem Bericht über die Chancen des weiteren Ausbaus des Tourismussektors mit dem Argument, dass der Tourismussektor in diesen Ländern über 4 Millionen Menschen anstellt und ca. 10,6 Millionen, wenn auch der informelle Sektor und indirekt betroffene Bereiche mit einberechnet werden. Weitere Argumente in diesem Zusammenhang beinhalten den Ausbau von Infrastruktur, der auch der Bevölkerung zu Gute kommen soll und eine eventuelle gesteigerte Einnahme an Steuern für die betreffenden Staaten. Gerade gegen diese gängigen Pro-Tourismus-Argumente können nun verschiedene Gegenstandpunkte hervorgebracht werden. Ausgehend von der Tatsache, dass gerade in afrikanischen Staaten die Mehrheit der Bevölkerung im Landwirtschaftssektor tätig ist, ist es leicht nachvollziehbar, dass diese ohne gezielte Umverteilung vonseiten des Staates bzw. ohne Verbesserung des Zugangs der ländlichen Bevölkerung zum Tourismussektor bzw. zu anderen Märkten keinen Vorteil aus einer Ausweitung des Tourismussektors ziehen kann. Jobs im Tourismusbereich wie Guides usw. mögen zwar relativ stabile Einkommen im Vergleich zu anderen Anstellungen in Ländern des Südens darstellen, die zentrale Frage besteht jedoch darin, wer Zugang zu solchen Anstellungen hat. Aufgrund fehlender Qualifikationen bleibt dieser Job-Sektor großen Teilen armer Bevölkerungsgruppen verschlos-

Maasaifrauen warten auf TouristInnen, um ihre Souvenirs zu verkaufen

sen. Armutsbekämpfung durch „Nachhaltigen Tourismus“ – ein Konzept, das in vielen Entwicklungsdiskussionen angepriesen wird hängt demnach stark von der Frage der Umverteilung der Gewinne aus dem Tourismussektor ab. Dabei stellt sich jedoch die Frage, wie eine solche geschehen soll, wenn der Großteil der Tourismusindustrie in Ländern des Südens in ausländischen Händen- und zwar in Händen des „Nordens“- oder in jenen einer kleinen elitären einheimischen Bevölkerungsgruppe liegt. Wie in anderen Wirtschaftsbereichen wird auch im Tourismusbereich ein klar privatwirtschaftliches Vorgehen propagiert, was in einem starken Widerspruch zu gemeinschaftsorientierten Tourismusansätzen steht. In Diskussionen über Auswegstrategien aus dem „Tourismus-Dilemma“ für Länder des Südens fallen immer wieder Begriffe wie „Community-BasedTourism“ (CBT), „Ökotourism“ oder „Pro-PoorTourism“. Dabei handelt es sich um Tourismusansätze, bei denen Tourismus als eine Form der Einkommenssicherung für Gemeinschaften und in weiterer Folge als eine Unterstützungsmöglichkeit lokaler Initiativen angesehen wird. Die International Ecotourism Society definiert Öktourismus als „Responsible travel to natural areas that conserves the environment and improves the well-being of the people.” (International Ecotourism Society). Ein zentrales Ziel von CBT stellt die nachhaltige Entwicklung verschiedenster lokaler Aktivitäten zur Einkommensbeschaffung dar. Dafür sind diese aber vorerst auf einen regen Tourismusansturm angewiesen. Verschiedenste Seiten wie multi- und bilaterale Geber, EntwicklungstheoretikerInnen usw. appellie-

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diesen Gebieten, die an Nationalparks angrenzen durch die Tierwanderungen stark beeinträchtigt, da z.B. große Tiere wie Elefanten über Äcker usw. einfach hinüber trampeln. Diese nun umgesiedelten Gesellschaften werden aufgrund ihrer neuen Lebenssituation, in der sie nicht mehr jagen dürfen, zur Landwirtschaft „gezwungen“. Eine solche Ausweitung der Landwirtschaft steht jedoch in einem starken Gegensatz zu Bestrebungen verschiedenster Seiten wie den Staaten, der internationalen Gemeinschaft, NGOs usw., die Biodiversität auch außerhalb geschützter Gebiete zu erhalten. Es darf jetzt jedoch nicht der Anschein erweckt werden, als wäre die lokale Bevölkerung nicht an einer Erhaltung ihrer Umwelt interessiert. Der entscheidende Punkt liegt eher darin, dass die ländliche Bevölkerung vom Safari- und Jagdtourismus nicht und wenn, nur in geringem Maß profitiert. Daher erscheint der lokalen Bevölkerung die Erhaltung der Natur versus Mensch? Natur als etwas, das für andere, sprich TouristInnen und die Tierwelt, aber nicht für sie einen Vorteil Die Diskussion um die Erweiterung von bringt. Es ist daher auch verständlich, dass lokale Naturschutzgebieten bzw. Nationalparks stellt einen Gesellschaften gerade die Landwirtschaft einsetzen, weiteren Bereich von starken Interessenkonflikten um einer Ausweitung der Nationalparks entgegen zu und Machtungleichheiten innerhalb des wirken. Die Umsiedelungen und fehlende EinbindTourismussektor in Ländern des Südens dar. Die Politik der Nationalparks hat gerade in Ländern ung lokaler Gesellschaften in eine Erhaltung der im zentral- und ostafrikanischen Raum, die reich an Biodiversität haben demnach wiederum beträchtliche Folgen für letztere: In den natürlichen Ressour"Der Schutz der Tiere und der Biodiversität cen sind, zu einem scheinen mehr wert als der Schutz des Lebens letzten Jahren ist ein Sinken der Biodiversität und auch ein paradoxen Phänomen der dort ansässigen Bevölkerung zu sein." Rückgang des Tierbestands zu geführt: Der Schutz beobachten – letzterer ist unter anderem auf die aufder Tiere und der Biodiversität scheinen mehr wert grund des Jagdverbots entstandene Wilderei und als der Schutz des Lebens der dort ansässigen Bevölkerung zu sein. Die unaufhaltsame Praxis die- Missbräuche im Jagdtourismus zurückzuführen. ser Länder, immer mehr Land unter Naturschutz zu Die Situation der Gesellschaft der Maasai in der Ngorongoro Conservation Area (NCA), dessen stellen, hat zu vielen Vertreibungen und Umsiedelungen verschiedener Bevölkerungsgruppen Krater mit einer Fläche von 260m² zum Welterbe zählt, stellt ein gutes Beispiel in Bezug auf die verin diesen Ländern geführt.Vertreibungen ohne schiedenen Auswirkungen geschützter Gebiete auf Kompensierung bringen beträchtliche Folgen wie Landlosigkeit, Arbeitslosigkeit, soziale Ausgrenzung lokale Gesellschaften dar. Die NCA ist ein touristischer Anziehungspunkt gerade aufgrund der usw. für die betroffenen Gesellschaften mit sich. Gesellschaften, die bis dahin einen Hauptanteil ihres Tatsache, dass mensch eine perfekte Verkörperung Lebensunterhalts durch Jagd- und Sammeltätigkeiten des Bildes vom „wilden Afrika“ bekommt. Im verdient haben, sollen nun von einem Tag auf den Gegensatz zu Nationalparks haben die Maasai dort anderen Landwirtschaft betreiben. die Erlaubnis erhalten, außer im Krater selbst ihre Landwirtschaftlicher Anbau wird jedoch gerade in Ansiedelungen weiter zu behalten. Landwirtschaft ist ren immer wieder für eine Eingliederung lokaler CBT-Projekte in den Mainstream-Tourismus bzw. für eine verstärkte Vernetzung zwischen großen PrivatanbieterInnen und kleinen lokalen Betrieben und Initiativen. CBT soll demnach „marktkonform“ gemacht werden. Angesichts der derzeitigen Finanzkrise stellt sich nun die Frage, inwieweit diese auch Auswirkungen auf die Tourismusmärkte in Ländern des Südens haben wird. In Arusha, einer Tourismusmetropole Tansanias haben verschiedenste Hotel- und Guesthouse-Betreibende schon während der letzten Monate (Oktober, November) von Defiziten gesprochen. In Tansania stellt der Tourismussektor beispielsweise 17, 2 Prozent des BIP dar. In diesem Sinne kann von einer zentralen Abhängigkeit vom Tourismussektor gesprochen werden.

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jedoch auf 1-2 Hektar pro Familie begrenzt, was gerade in dieser Gegend bei einer wachsenden Bevölkerung und einem gleich bleibenden Viehbestand zu einer starken Verarmung unter den dort ansässigen Maasai geführt hat. Diese Verarmung und die Restriktionen in Bezug auf Landwirtschaft und Viehhaltung, zusammen mit einer steigenden Anzahl an TouristInnen in diesem Gebiet haben zu einer Ausweitung des „kulturellen“ Tourismus unter den dort ansässigen Maasai geführt. Dies hat nun folgende Situation hervorgebracht, dass sobald mensch mit dem Safariauto irgendwo in dieser Region stehen bleibt, eine Schar an Maasai-Jugendlichen, Frauen und Kindern herbeistürmen, um einen/eine nur so mit „kulturellen“ Acessoirs zu überhäufen. In diesem Fall hat nun die starke Nachfrage des Tourismus nach einem „authentischen Afrika“ im Sinne einer „unbelassenen Natur“ und einer „harmonisch mit der Natur im Einklang lebenden

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Bevölkerung“ darin geendet, dass die im NCA lebenden Maasai ihre traditionelle Lebensweise als ViehhüterInnen nicht weiterführen können, sondern ihre Kultur zur Ware machen mussten, um überleben zu können. s stellt sich nun die Frage, ob „Ökotourismus“ und „kultureller Tourismus“ in diesem Falle nicht auch zu einer weiteren Marginalisierung bestimmter Gesellschaften wie in diesem illustrierten Falle der Maasai führen kann.

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Weiterführende Lektüre:
http://www.atlas-euro.org/pages/pdf/Cultural%20tourism%20in %20Africa%20Deel%201.pdf http://www.earthlore.ca/clients/WPC/English/grfx/sessions/PDFs/ session_3/Cernea.pdf http://www.csae.ox.ac.uk/conferences/2004-GPRaHDiA/papers/ 1f-Kweka-CSAE2004.pdf http://www.ilri.org/Link/Publications/Publications/Theme%201/ Pastoral%20conference/Papers/SachedinaJune16.pdf http://www.arushatimes.co.tz/

Wieviel Knast braucht der Staat? oder Die neue ABC Gruppe in Wien

as Anarchist Black Cross ist ein Netzwerk von Gruppen in der ganzen Welt, die unter anderem (politische) Gefangene unterstützen bzw. Antiknast-Arbeit leisten. Seit kurzem gibt es auch in Wien wieder eine solche Gruppe. Aus Freude darüber soll in dieser Ausgabe ein Artikel dem Thema Anti- Knast gewidmet werden.

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Warum ist Antiknast-Arbeit eigentlich nötig? Gibt es Alternativen zu Gefängnissen? Wenn ja, welche? Diese Fragen sind sicher nicht mit drei Sätzen zu beantworten. Entgegen einer verbreiteten Auffassung stellt das Strafgesetzbuch nicht bestimmte Verhaltensweisen unter Strafe, sondern die Einbettung dieses Verhaltens in bestimmte Kontexte. Die Intention während der Tat ist hierbei

nur ein Faktor. So wird zum Beispiel eine Vergewaltigung nicht als solche bewertet, wenn die Betroffene sich „nicht ausreichend“ gewehrt hat. Dass Gesetze für alle „gleich“ gelten, bedeutet nur, dass jedes Gesetz jedes Individuum formal gleichermaßen erfassen muss. So waren etwa Ausschlüsse in Form von aufflammenden Nationalismen sowie einer Zuspitzung des Geschlechterdualismus, mit der Frau als dem „anderen“ Wesen - den bürgerlichen Revolutionen des 18. Jh. um „gleiche Rechte“ inhärent. Die (Straf)gesetze sind zu Papier geronnene, konkrete und vielschichtige Machtverhältnisse, seien es die Absicherung des Privateigentums, das Patriarchat mit seiner heteronormativen Matrix, die Organisation von Mobilität anhand von Staatsbürger_innenschaft etc.. Strafgesetze sollen

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einem autoritären Prinzip strukturieren. Insofern der Strafvollzug abschrecken soll, muss er auch repressiv sein. Er muss langweiliger sein als der durchschnittliche Scheißjob, die Autorität muss schlimmer sein als der durchschnittliche Chef oder Ehemann. Kurz gesagt, er muss all den Gewalterfahrungen, die 1: Vgl. Foucault, wir im Alltäglichen erleben, die Stirn bieten Michel: Überwakönnen. Insofern sich das Gefängnis nicht chen und Strafen. so sehr auf die isolierte Tat, als auf das Die Geburt des Gefängnisses. gefährliche Individuum bezieht, muss es auch ein Wissensapparat sein, der um Verbesserungstechniken Bescheid weiß. Es darf nicht nur einfach gezüchtigt werden, der Gezüchtigte muss den eigenen Vorteil darin erkennen. Die simultane Verkörperung dieser Maßnahmen zur Abschreckung und Wiedereingliederung spiegeln das Paradoxe an dieser Institution wieder.

zwar auch zum Schutz des einzelnen Individuums fungieren, funktionieren aber nach der Logik der Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung. Dies ergibt den allgemeinen Kontext, in dem sie als Text immer wieder interpretiert werden müssen und in dem sie auch wandelbar sind.

Gesinnungswandelmaschine Knast?

Das Gefängnis in seiner heutigen Form ist ein Produkt der Moderne. Die humanistische Idee von Strafen hat sich mehr oder weniger von christlichen Konzeptionen der „Rache“ und „Sühne“ verabschiedet. Und auch der Souverän, der später das Gesetz selbst verkörperte, ist tot. Vorbei mit den Volksfesten der öffentlichen Marterungen, vorbei mit der Willkür der Herrschenden1. Willkommen im humanen Strafvollzug des 20. und 21. Jahrhunderts! Resozialisierungs- Paradox 2 Legitimiert sich der heutige Strafvollzug doch vor „Man sperrt mich ein, um mich auf allem dadurch, die Gesellschaft vor sich selbst zu ein Leben in Freiheit vorzubereiten. schützen. Oder noch besser, vor „den Anderen“ . Es Man nimmt mir alles, um mich zu lehren, gilt tunlichst zu vermeiden, „die Falschen“ einzuspermit Dingen verantwortungsvoll umzugehen. ren, und „die Richtigen“ falsch zu behandeln. Die Man reglementiert mich permanent, Falschen dürften nicht eingesperrt werden, da Strafe um mir zur Selbstständigkeit zu verhelfen. nicht nur Sanktionierung des Verhaltens beinhaltet. Man entfremdet mich den Menschen, Sie dient auch der Abschreckung und funktioniert um mich ihnen näher zu bringen. nach dem Prinzip: wenn ich mich konform verhalte, Man bricht mir das Rückgrat, wird mir nichts passieren. Hinzu kommt, dass auch um mir den Rücken zu stärken. jene abgeschreckt werden, die potenziell mir schaden Man programmiert mich auf Anpassung, könnten. damit ich lerne, kritisch zu leben. Und die Richtigen dürfen nicht falsch behandelt werMan bringt mir Misstrauen entgegen, den, da es schließlich darum geht, deviante Elemente damit ich lerne, zu vertrauen. möglichst zügig wieder aufzulösen. Dafür gibt es Man bricht vor meinen Augen die Gesetze, zwei Möglichkeiten: die physische Auslöschung des damit ich lerne, diese zu achten. Individuums (durch die Todesstrafe), oder die Man sagt „Zeige deine Gefühle“, Variante, für die sich die meisten „modernen“ damit man mit ihnen spielen kann. Staaten entschieden haben, nämlich zuerst die räumMan sagt „Du bist resozialisiert“, liche Auflösung durch Wegsperren, gefolgt von soziwenn ich zu allem nur noch nicke!“ aler Auflösung durch Wiedereingliederung. 2: http://www.knast.net/ Michael Diel2 Der Strafvollzug ist nach wie vor eine totale article.html?id=4069 Institution. Er beruht auf Zwang und fremdbestimmten Abläufen, welche den gesamten Alltag nach

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Sogar das Bundesjustizministerium in Deutschland musste zugeben, so richtig klappt das alles nicht. In einer vom Ministerium in Auftrag gegebenen Studie von 2004 zeigte sich, dass die Rückfallgefahr mit der Schwere der Strafe ansteigt. Besonders Jugendliche, die keine Bewährung erhalten, weisen hohe 3: http://www.bmj. Rückfallquoten auf. (3) Verfolgt mensch den bund.de aktuellen Diskurs über die „steigende 4: Kriminalität“, kippt das Bild immer wieder zwiDeleuze, Gilles: Postskriptum schen Kriminellen als Opfer (ihres sozialen über die Kontrollgesell- Umfeldes) und Täter_innen. schaften „Fortschrittlichere“ Maßnahmen sind jedoch eng mit ökonomischen Fragen verknüpft. Prävention und „alternative Methoden“ haben ihren Preis und das „Gelingen“ dieser ist schwer vorauszusehen. Dies zeigt sich etwa anhand der ewigen Debatte um die Drogenszene am Wiener Karlsplatz . Ist es nun sinnvoller die Sozialarbeit zu verstärken oder doch die Polizei hart durchgreifen zu lassen? Letztendlich bleibt immer die Frage: sinnvoller für wen eigentlich?

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Tot(al)e Institution Knast?
„Es ist einfach, jede Gesellschaft mit Maschinentypen in Beziehung zu setzen, nicht weil die Maschinen determinierend sind, sondern weil sie die Gesellschaftsformen ausdrücken, die fähig sind, sie ins Leben zu rufen und einzusetzen. Die alten Souveränitätsgesellschaften gingen mit einfachen Maschinen um: Hebel, Flaschenzüge, Uhren; die jüngsten Disziplinargesellschaften waren mit energetischen Maschinen ausgerüstet, welche die passive Gefahr der Entropie und die aktive Gefahr der Sabotage mit sich brachten; die Kontrollgesellschaften operieren mit Maschinen der dritten Art, Informationsmaschinen und Computern, deren passive Gefahr in der Störung besteht und deren aktive Gefahr Computer-Hacker und elektronische Viren bilden.“4

Deleuze stellt die Frage, inwiefern dem Staat diese totale Institution nicht mittlerweile selbst peinlich ist. Er verortet eine Krise aller Milieus, die auf Einschließung basieren. Seien dies Familie, Schule, Fabrik oder eben Gefängnis. Die zunehmenden Formen von Kontrolltechnologien wie Überwachung im öffentlichen Raum, die Überlegungen zu elektronischen Fußfesseln, etc. passen in diese liberale Effizienzlogik und weisen auf Versuche hin, die totale Institution durch Prozesse der Deterritorialisierung scheinbar aufzulösen. Das Gefühl ständig unter Beobachtung zu stehen schreibt sich in das Verhalten ein, wodurch Kontrolle wiederum reproduziert wird. Ideal wäre, wenn jede_r jede_n überwacht und jede_r sich selbst. Und das alles ganz freiwillig. Nichts desto trotz wird die plumpe, die offensichtliche, die repressive Macht nicht ihre Gültigkeit verlieren. Die Darstellung der Macht als produktive, welche die Subjekte gebiert, darf nicht übersehen, dass abseits von semantischen, symbolischen und kognitiven Ebenen vor allem widerständige Individuen Herrschaft auch ganz materiell und körperlich zu spüren bekommen.

Widerstand hinter Mauern
Widerstände von Gefangenen dringen jedoch aus den Institutionsmauern kaum nach außen. Hungerstreik etwa ist eine gängige Widerstandspraxis in Gefängnissen. In Österreich wird er vor allem von Flüchtlingen angewandt, um sich gegen die Internierung in Schubhaft zu wehren. So in den zwei Polizeianhaltezentren (PAZ) in Wien, die für die Anhaltung in Schubhaft verwendet werden. Im

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Jahr 2004 befanden sich ca. 10 000 Personen in Nonkonformismus für alle? Schubhaft. Unterschiedlichen Zahlen zufolge, gingen davon mindestens an die 1000 Leute in HungerNicht jeder Widerstand von Gefangenen ist „poli5 . Es war auch das Jahr 2005, als mit dem streik tisch“ motiviert. Oder nicht mehr als alles politisch Er verortet eine Krise aller Milieus, die auf neuen Fremdenist. Zunächst einmal ist er Einschließung basieren. Seien dies Familie, Schule, eine Reaktion auf unerträgrechtspaket die Fabrik oder eben Gefängnis. Die zunehmenden Möglichkeit der liche Zustände. Und nicht Zwangsernährung Formen von Kontrolltechnologien wie Überwachung jeder Nonkonformismus ist im öffentlichen Raum, die Überlegungen zu elektroni- emanzipatorisch. Wenn sich als Maßnahme schen Fußfesseln, etc. passen in diese dagegen, eingez.B. Neo- Nazis auf liberale Effizienzlogik führt wurde. Einer Antiknast Kampagnen Umfrage für die ORF-Sendung Report von Ende Mai beziehen, weil sie „nur ihre freie Meinung“ geäußert 2005 zufolge, meinten 51 Prozent, dass dieses Mittel haben, können wir wohl kaum von derselben angemessen sei, lediglich 39 Prozent lehnten „Antiknast“- Logik sprechen, bzw. müssen wir die Zwangsernährung generell ab. Es konnte sich hierbei Unterschiede klar verorten. also auf den rassistischen Mainstream berufen werWer Alternativen fordert, ohne grundsätzliche gesellden, denn in Schubhaft gelangen jene, denen die pas- schaftliche Veränderungen mit einzubeziehen, forsende Staatsbürger_innenschaft fehlt. dert am Ende nur eine Effizienzsteigerung des bürgerlichen Strafsystems und damit die Aufrechterhaltung des Status Quo. In diesem Sinne: Für selbstbestimmte Kollektive. Gegen Repression und Knäste!

Parteilichkeit ist gefragt!
Die Gruppe DEFMA stellt sich vor

eit 8.März 2008 bietet die Gruppe DEFMA, die ihren Namen aus den Schlagwörtern DIY, EMANZIPATORISCH, FEMINISTISCH, MILITANT und AUTONOM sowie vom Begriff „Definitionsmacht“ ableitet, Betroffenen sexualisierter Gewalt aus "linksradikalen" bzw. sich als emanzipatorisch verstehenden Szenen ihre Unterstützung an. Im Interview erzählt DEFMA von ihrer Arbeit.

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Was versteht ihr unter Definitionsmacht? Unter Definitionsmacht wird im Allgemeinen eine feministische Strategie zur Stärkung von Frauen ver-

standen, die es ermöglicht, dass allein die Betroffene bestimmt, ob eine sexualisierte Grenzverletzung vorgefallen ist. (Sexualisierte) Gewalt wird aufgrund der persönlichen Geschichte, Gegenwart und Erfahrung von Betroffenen stets unterschiedlich erlebt, eingeordnet und eingeschätzt. Mit dem Instrument der Definitionsmacht ist es möglich, dass unabhängig davon, wie ein sexualisierter Übergriff aussah, einzig und allein die Betroffene eine Vergewaltigung oder einen sexualisierten Übergriff als solchen bezeichnet, denn das entspricht dann ihrer Wahrnehmung und ist als genau das zu akzeptieren. Dafür stehen und kämpfen wir als Gruppe.

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Wie sieht eure Unterstützung aus? Wenn uns eine Betroffene von ihren Erfahrungen erzählt, behandeln wir diese streng vertraulich. Sie kann sich anonym an uns wenden und/oder sich mit uns persönlich treffen. Wir wollen einen Raum schaffen, in dem die Betroffene selbst definieren kann, was ihr passiert ist. Außerdem bieten wir z.B. Unterstützung beim Formulieren und Vermitteln von Forderungen an den Täter an. Wichtig ist, dass wir als Gruppe nur das machen, was die Betroffene ausdrücklich verlangt, und wir werden uns dafür einsetzen, dass ihre Wünsche auch von anderen respektiert werden. So können Betroffene Unterstützung bekommen, ohne sich Belästigungen durch definitionsmachtfeindliche Aussagen bzw. Aktionen aussetzen zu müssen. Wir werden aber niemals die Betroffene zu irgendetwas zwingen, über Art und Weise der Unterstützung durch DEFMA entscheidet sie ganz alleine. Wir sind keine herkömmliche Beratungsstelle, keine Psycholog_innen oder Therapeut_innen, sondern eine Gruppe, die für und mit Betroffenen innerhalb einer linken Szene parteilich agieren will. Wir versuchen, Betroffenen Spielraum und Optionen anzubieten, die im staatlichen Rahmen nicht zu finden sind und versuchen Schutz – zumindest was innerhalb unserer Möglichkeiten liegt - anzubieten. Wenn eine Betroffene zum Beispiel wünscht, dass ein Täter aus bestimmten linken Freiräumen oder Gruppen ausgeschlossen wird, oder wenn er einfach gehen soll, wenn er sie irgendwo trifft, wollen wir uns darum kümmern, dass diese Forderungen umgesetzt werden. In euer Arbeit kommt es auch auf sensible Sprache an. Könnt ihr die Begriffe, mit denen ihr arbeitet, erklären? Wir verwenden den Begriff „Betroffene“ in seiner weiblichen Form, weil wir sichtbar machen wollen, wer in den meisten Fällen die Betroffenen von sexualisierter Gewalt sind. Uns ist aber bewusst, dass es Betroffene aller Genders gibt und wir bieten unsere Unterstützung nicht nur für Frauen an. Bewusst vermeiden wir in unserer Arbeit die Bezeichung

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„Opfer“, da dieser Begriff für uns eine (scheinbare) unüberwindbare Passivität impliziert, wodurch eine schwache, unterlegene Person konstruiert wird. Wenn sich eine Betroffene allerdings selbst als „Opfer“ bezeichnen will, dann ist das klarerweise zu akzeptieren. Denn manchmal ist das Zulassen dieser Selbstbezeichnug ein erster Schritt zur Realisierung der Gewalt, die passiert ist. Ebenso verwenden wir den Begriff „sexualisierte Gewalt“ statt „sexueller Gewalt“ weil zweiteres impliziert, dass es primär um Sexualität ginge, was bei sexualisierter Gewalt aber nicht der Fall ist. Sie dient der Aufrechterhaltung und Herstellung von Machtverhältnissen, indem z.B. das Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper der Betroffenen übergangen wird. Außerdem verwenden wir den Begriff "Täter" in seiner männlichen Form, weil sexualisierte Gewalt hauptsächlich von Männern ausgeht. Wir wollen damit nicht verschweigen, dass auch andere Genders sexualisierte Gewalt ausüben können. Eine gendergerechte Formulierung könnte allerdings die tatsächlichen Herrschaftsverhältnisse in dieser Gesellschaft verschleiern. Woran arbeitet ihr gerade? Wir haben gerade an einen Text zum Umgang mit Tätern aus dem eigenen Umfeld/Freund_innenkreis gearbeitet, der mittlerweile fertig ist. Einige von uns wollen auch Texte und Veranstaltungen zum Thema Zustimmung, ein anderes Beispiel von ganz praktischem Antisexismus, nämlich das Einverständnis zu jeder einzelnen sexuellen Handlung, organisieren. Plakate, Pickerl und Broschüren sind ebenfalls in Arbeit. Wir werden auf jeden Fall präsent sein und Schweigen im Umgang mit sexualisierter Gewalt innerhalb und außerhalb unserer eigenen Szenen bekämpfen! Betroffene können sich unter defma@pulk.net an die Gruppe wenden. Buchtipp: Antisexismus_reloaded, Zum Umgang mit sexualisierter Gewalt – ein Handbuch für die antisexistische Praxis, re.Action, Münster 2007.

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„Eine Arbeitsgemeinschaft der national-freiheitlichen, farbentragenden Korporationen“
Hintergründe zum alljährlichen rechten Burschiball und sonstigen Tätigkeiten des WKR
eutschnationale Burschenschafter stehen in Österreich und Deutschland für völkischen Nationalismus, NS-Verherrlichung und HolocaustLeugnung. Ihre Deutschtümelei stellen sie in Wien unter anderem bei ihrem wöchentlichen Mittwochstreffen zur Schau, wenn sich farbentragende Korporierte “aus Tradition” vor dem Hauptportal der Universität zusammenfinden. Immer öfter treten ihnen dabei jedoch AntifaschistInnen entgegen, um dieses Treiben zu stören und ihm langfristig ein Ende zu setzen. Knapp ein Jahr ist es nun her, dass sich am Ball des Wiener Korporationsrings die deutschnationale VerbindungsstudentInnenszene ein Stelldichein gab, während DemonstrantInnen in den Straßen Wiens die Exekutive in Atem hielten. ter Ideologe des österreichischen Neonazismus antreffen, der nicht dem korporierten Milieu entstammt. Dass diese revisionistischen Verbindungen nach wie vor “salonfähig” sind, zeigt sich u.a. an dem jährlichen Ball des Wiener Korporationsrings (WKR), der in der Hofburg mitten in der Wiener Innenstadt ausgerichtet werden kann und 2008 von zahlreichen Prominenten und PolitikerInnen, zu denen beispielsweise auch fünf Rektoren österreichischer Universitäten zählten, unterstützt wurde. Allzu Recht hatte die blaue Parteizeitung NFZ mit ihrer rhetorischen Frage, „welche Räumlichkeiten … sich für diese Menschenmassen besser eignen“ würden, „als die riesigen Säle der Hofburg?“ In einem Staat, in dem aktuell beide Großparteien um die Gunst einer rechtsextremen Fraktion rittern, hätte es Burschenschaftliche Verstrickungen wirklich keinen angemesseneren Ort für das Treffen von Rechten und äußerst Rechten geben können als die repräsentaDas extrem antisemitische, homophobe, rassistische und frauenfeindliche Weltbild tivsten Räumlichkeiten des Landes. So des österreichischen Korporationswesens scheint ein großer Teil der österreichistellt wahrlich kein marginalisiertes gesell- schen Polit- und Gesellschaftsprominenz schaftliches Randphänomen dar. Deutsch- ebenso wie auch die Universitäten keine nationale Burschenschaften fungieren vor Berührungsängste mit jenen Verbindungen zu haben, die in Österreich als Hort allem auch als Kaderstätte und Verbindrechtsextremer Gesinnungen einzustufen ungsglied zwischen legal organisiertem sind. Heribert Schiedel und Martin Tröger Rechtsextremismus und der militanten Neonaziszene. So waren beispielsweise 15 stellen fest: “Doch erschöpft sich die Bevon 19 Nationalratsabgeordneten der FPÖ deutung der Burschenschaften nicht in in der vergangenen Legislaturperiode der Funktion einer Kaderschmiede oder “Alte Herren” von Burschenschaften und eines Auffangbeckens für den militanten es lässt sich auch sonst kaum ein namhaf- Rechtsextremismus (Neonazismus), auch

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Wahlspruch einer Klagenfurter Burschenschaft

die entliberalisierte Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) rekrutiert ihr Führungspersonal wieder vorrangig im korporierten Milieu.”(1) Auch im Zusammenhang mit dem WKR-Ball zeigen sich Verbindungen zwischen Burschenschaftern und der FPÖ. Angesichts der im Vorfeld geübten Kritik an dem Ball ließ der Ballausschuss verlauten, dass seine Aktivitäten „parteipolitisch ungebunden“ und „nicht auf die Nähe zu irgendeiner politischen Bewegung ausgerichtet“ seien. Die Zusammensetzung des Ausschusses belegte diese Aussage dann auch eindrucksvoll: Obmann Udo Guggenbichler war fraglos rein irrtümlich auf die UnterstützerInnenliste für den letzten Europa-Wahlkampf Andreas Mölzers (in dessen „Zur Zeit“ Guggenbichler gelegentlich schreibt) und auf die KandidatInnenlisten der FPÖ für die Nationalratswahlen 2006 gerutscht (die 10 Vorzugsstimmen, die er in Wien erreichte, sind mutmaßlich seinen Bundesbrüdern von der Wiener B!Albia und dem von ihm präsidierten Pennälerring zu verdanken). Freilich ein Einzelfall, an dem die einschlägigen parteipolitischen Aktivitäten von mindestens fünf weiteren der insgesamt sieben österreichischen Ausschussmitglieder rein gar nichts ändern. So ist Alexander Pawkowicz FPBezirksrat in Wien XII, geschäftsführender Bezirksparteiobmann sowie Mitglied der Landesparteileitung; Christian Ebner war Mitarbeiter im Kabinett Gorbach, Ex-FPGemeinderat in Salzburg sowie Kandidat für die Europawahlen 1999; in Gorbachs Kabinett werkte auch Herbert Rauch von den Freiheitlichen Akademikerverbänden; Reimer Timmel, ebenfalls Mitglied im Mölzer-Personenkomitee, Obmann der Freiheitlichen Akademikerverbände Wien/NÖ/Burgenland und bekennender Fan des Antisemiten, Neonazis und Holocaustleugners Horst Mahler, kandidierte bei der Wien-Wahl 2005 für die FP,

Michael Podesser tat selbiges im heimatlichen Kärnten/Koroška. Nichtsdestotrotz kann kein Zweifel bestehen, dass die Erklärung des Ausschusses, wonach die Ballgäste „in allen drei traditionellen politischen Lagern zu finden“ seien, in gutem Glauben erfolgt war. Dass sich dann doch größtenteils „Freiheitliche“ (aber durchaus auch Vertreter ausländischer Rechtsparteien) einfinden würden, hatte vorher ja wohl niemand wissen können. Folgerichtig ergingen sich Andreas Mölzers „Zur Zeit“ und der „NFZ“ („beim Einzug waren sämtliche freiheitliche [sic!] Mandatare vertreten“) in langatmigen Aufzählungen der anwesenden FP-Prominenz, die sich – von Strache und Rosenkranz bis hin zu den beiden Gudenüssen – auf dem Ehrenpodium drängte, während ParteigängerInnen anderer Fraktionen auch von den freiheitlichen HofberichterstatterInnen nicht ausgemacht werden konnten. Den „Ehrenschutz“ hatte ExStaatssekretär Reinhart Waneck übernommen, der es sich nicht nehmen ließ, mit dem in nicht-österreichischen politischen Kulturen ob seiner rassistischen und antisemitischen Ausfälle verfemten Jean-Marie Le Pen für Fotos zu posieren. Strache und Mölzer ließen sich für „Zur Zeit“ unterdessen mit der Gattin von Le Pens Nummer 2 im Front National, dem 2004 wegen Holocaustrelativierender Aussagen vorübergehend von seiner Lyoner Universität mit Betretungsverbot belegten Bruno Gollnisch ablichten.

Der WKR als rechtsextreme Organisation?
Der WKR definiert sich selbst als „eine Arbeitsgemeinschaft der national-freiheitlichen, farbentragenden Korporationen in Wien“ zum Zwecke der „Vertretung gemeinsamer Interessen, vor allem ... in allen rein hochschulpolitischen Fragen.“ Auf universitärem Boden tritt der WKR v.a. durch den jeden Mittwoch auf der Rampe der Uni Wien abgehaltenen „Farbenbummel“ seiner

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Während AntifaschistInnen am 8.Mai die Befreiung Europas von der Nazi-Diktatur feiern, begehen die korporierten Deutschnationalen ihn als „Tag der totalen Niederlage“, womit sie sich (wie auch in anderen Belangen) mit manifesten Neu- und Altnazis im Einklang wissen. Besonders offensichtlich wurde dies 2002, als die neonazistische Kameradschaft Germania zur Gedenkveranstaltung der Burschenschafter aufrief – dies unter Angabe der Mailadresse und Homepage des WKR als Anlaufstelle und Informationsquelle für die „Kameraden“. Gegenwärtig gehören dem 1952 „[w]eit rechts stehende Auch auf diversen deutschen Neogegründeten Verband mehr als Burschenschaften“ wie etwa die nazi-Seiten wurde zu der Veranstal20 deutschnationale Wiener Olympia „[geben] im Korptung aufgerufen. An der Uni Wien Studentenverbindungen an. orationsring den Ton an.“ hatte der WKR gemeinsam mit dem Darunter Burschenschaften Ring Freiheitlicher Studenten (RFS) (Olympia, Teutonia, u.a.), – seiner Filiale innerhalb der Österreichischen HochLandsmannschaften (Cimbria, Kärnten), Corps (Posonia, Saxonia), sowie je eine Jägerschaft (Silvan- schülerInnenschaft (ÖH) – eine Podiumsdiskussion mit Ewald Stadler, Josef Feldner (Kärntner Heimatia), Sängerschaft (Barden), ein „Verein Deutscher dienst) und dem deutschen Rechtsextremisten Claus Studenten“ (Sudetia), eine „akademische Verbindung“ (Wartburg) und ein akademischer Turnverein Nordbruch geplant, die von der Unileitung jedoch untersagt wurde und schließlich am Josefsplatz statt(WATV). Der Vorsitz wechselt alljährlich im Sommersemester zwischen den Verbindungen (seit SoSe finden sollte. Bei der abendlichen „Heldenehrung“ 2008: aB! Aldania). So wollte es der Zufall, dass An- sprach der Wiener FPÖ-Landtagsabgeordnete Wolffang der 90er Franz Radl jun., wenig später erstmals gang Jung (pB! Albia Bad Ischl, akademische Tafelrunde Wiking Wiener Neustadt). Am 8. Mai 2004 wegen Wiederetätigung verurteilter Neonazi, auf Flyern und in Aussendungen als Sprecher des WKR wiederum trat Heinz- Christian Strache (pB! Vandalia Wien) als Redner auf der WKR-Veranstaltung auftrat, dessen Vorsitz damals Radls aB! Teutonia in Erscheinung. Unter den ZuhörerInnen: Ex-VAPOinnehatte. Wenngleich eine pauschale Einstufung Führer Gottfried Küssel. Auch die Redner der Jahre aller WKR-Korporationen als „rechtsextrem“ – anders als etwa Kritik an ihrem durchwegs männer2006 (FP-Europaparlamentarier Andreas Mölzer, C! bündischen, deutsch-völkischen und konservativen Vandalia Graz) und 2007 (FP-Nationalrat Lutz WeinCharakter – nicht haltbar ist, so konstatierte Heribert zinger, aB! Bruna Sudetia Wien) unterstreichen die Schiedel vom Dokumentationsarchiv des österreichi- engen Verbindungen zwischen deutschnationalem schen Widerstandes (DÖW) 2005, dass „[w]eit rechts Korporationswesen und FPÖ. Bei der alljährlichen stehende Burschenschaften“ wie etwa die Olympia Versammlung am Grab von NS-Kriegsverbrecher „im Korporationsring den Ton an[geben].“(2) Im Walter Nowotny am Wiener Zentralfriedhof im Novom DÖW herausgegebenen „Handbuch des östervember trifft sich alles, was in der Wiener rechtsextrereichischen Rechtsextremismus“ scheint der WKR men bis Neonazi-Szene Rang und Namen hat. So sind mehrfach als Kontaktorganisation rechtsextremer auch Burschenschafter stets zahlreich vertreten. 2004 Vereine – wie der Österreichischen Landsmannschaft veröffentlichte der WKR gemeinsam mit RFS und RFJ

Mitgliedskorporationen in Erscheinung, der seit vielen Jahren immer wieder antifaschistischen Widerstand hervorruft. Abseits der Rampe agiert der WKR alljährlich als (Mit-)Veranstalter des WKR-Balls, der seit 1953 ein Nachfolgeereignis des „Burschenbundballes“ und Höhepunkt der Ballsaison für jeden aufrechten Fascho mit Frack und jeden (Neo-)Nazi mit Latinum im deutschsprachigen Raum darstellt. Bis Mitte der 1990er Jahre pflegte zudem der jeweilige Rektor der Uni Wien dem Ball seinen „Ehrenschutz“ angedeihen zu lassen. Seit sich dagegen antifaschistische Proteste regten, muss üblicherweise der Rektor der Montanuni Leoben zu diesem Behufe herangekarrt werden.

(ÖLM) und des Österreichischen Turnerbundes (ÖTB) auf.

Sonstige (rechtsextreme) Tätigkeiten des WKR

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einen Aufruf zur Gedenkveranstaltung, der wortident mit jenem des neonazistischen Bundes freier Jugend (BfJ) war. Gemeinsam mit der rechtsextremen ÖLM lädt der WKR alljährlich am 21. Juni zum Scheiterhaufenabbrennen, genannt Sonnwendfeier, in den letzten Jahren stets am Wiener Cobenzl. In geschlossener Gesellschaft treffen sich dort FPÖ-Granden, Nazigrößen wie Gottfried Küssel (der einstige Stammgast war erst 2007 – wohl aus taktischer Rücksichtnahme auf Festredner Strache – erstmals nicht eingelassen worden) und andere Brüder und Schwestern im deutschen Geiste, um germanischer Tradition zu huldigen. Die „Feuerreden“ wurden in den letzten Jahren u.a. vom Abgeordneten im FPÖ-Parlamentsklub Ewald Stadler (2001, Sängerschaft Skalden Innsbruck), dem Obmann des Ringes Freiheitlicher Jugend (RFJ) Johann Gudenus (2006, pB! Vandalia Wien) und Parteichef Heinz-Christian Strache (2007) gehalten. Letzterer dürfte sich dort immer wieder auch Inspiration für anstehende Wahlreden holen. Der Feuerredner und WKR-Sprecher Jochen Leidl (aB! Silesia Wien) wiederum verlieh 2004 seiner Überzeugung Ausdruck, dass wo „Lebensräume von Völkern durchmischt werden, [...] diese auf Dauer in Konflikte [geraten]“. Der alljährliche WKR-Kommers im Wintersemester stellt eine festliche Veranstaltung dar, auf der – wie in jeglichem burschenschaftlichen Zeremoniell – das rechte Wort zur rechten Zeit und kühles Blondes gleichermaßen im Vordergrund stehen. 2004 widmete der WKR die Veranstaltung zum „Konrad-LorenzKommers“ um, anlässlich dessen sich Geistesgrößen wie Bernd Rabehl (vom linken zum rechten Antisemiten konvertierter Professor aus Berlin), Rolf Kosiek (führender deutscher Geschichtsfälscher mit engen Beziehungen zum neonazistischen Milieu), Otto „Ich war immer schon rechts, auch in der NSDAP“ Scrinzi und Friedrich Romig (ehemaliger Berater von Bischof Kurt Krenn, der bevorzugt in Mölzers Zur Zeit seiner antisemitischen Paranoia freien Lauf lässt) am Podium versammelten. Angesichts dessen sahen sich sowohl die Uni Wien als auch ein Hotel im 7. Wiener Bezirk veranlasst, der

Veranstaltung keinen Raum zu bieten. Der Kommers musste in ruralere Umgebung (Altlengbach) umziehen. Alle paar Jahre werden zudem unter maßgeblicher Beteiligung des WKR bzw. seiner Mitgliedsbünde überregionale Burschenschafterkommerse in Wien abgehalten, wie zuletzt der „Schiller-Kommers“ in der Hofburg 2005. In dessen Umfeld stellte die Uni Wien trotz gegenteiliger Ankündigung den Burschen, repräsentiert durch ihren verlängerten Arm RFS, Räumlichkeiten im Neuen Institutsgebäude (NIG) für ein Symposium zur Verfügung, das schließlich von Polizei sowie dem privaten Sicherheitsdienst des einschlägig bekannten Christian Machowetz hermetisch abgeschirmt wurde. Studierenden wie auch Lehrenden wurde der Zutritt zu ihrem Arbeitsplatz verwehrt. Unter den Rednern befand sich u.a. Walter Marinovic, prominenter rechtsextremer Publizist (schreibt u.a. in fakten, dem Eckart, Nation & Europa, Deutsche Stimme) und gerngesehener Vortragender bei rechtsextremen Vereinen (u.a. dem mittlerweile aufgelösten Verein Dichterstein Offenhausen) und Parteien (u.a. Arbeitsgemeinschaft für demokratische Politik). Am Kommers selbst, der neben dem WKR vom Ring Volkstreuer Verbände, der FPÖ Wien, der Deutschen Burschenschaft (DB), dem Österreichischen Pennäler Ring (ÖPR) und der ÖLM getragen wurde, beschwor u.a. der Olympe Harald Stefan (zugleich Landesparteiobmann-Stellvertreter der FPÖ Wien) „die positive kollektive Erinnerung an die Leistungen der deutschen Wehrmacht“ und ordnete den „Südtiroler Freiheitskampf “ der 1960er, im Zuge dessen (nicht zuletzt) österreichische und deutsche Burschenschafter mit terroristischen Anschlägen zahlreiche Menschen in den Tod rissen, als „fortschrittlich positive[s] Ereignis“ ein. Laut FPÖ-Parteizeitung fanden Stefans Worte unter den Zuhörern „ebenso viel Anklang wie der Aufruf des RVV-Vorsitzenden Walter Sucher zur Einheit durch Wiederzusammenrücken des dritten Lagers zu einem politischen Arm.“ Durch die ungetrübte Durchführung ihrer Veranstaltungen sowie ihre gesellschaftliche Anerkennung bleibt der völkische Größenwahn dieser Verbindungen ebenso wie ihr Geschichtsrevisionismus und ihre Frauenfeindlichkeit alltäglich und “normal”. So ist

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den aktuellen Protesten sicher zu Gute zu halten, dass die neu aufflammende Diskussion um die männerbündischen Organisationen schon lange anstand und durchwegs zur Verschlechterung des Meinungsklimas gegen Burschenschafter beigetragen hat. Umso wichtiger scheint es, diese Diskussionen fortzusetzen und Burschis jederzeit und überall entgegenzutreten.

(1) Schiedel, Heribert/ Tröger, Martin: “Durch Reinheit zur Einheit” - Zum deutschnationalen Korporationswesen in Österreich abrufbar unter http://aua.blogsport.de/2007/10/27/durc ... reinheit/ (2) http://derstandard.at/?url=/?id=1862886

„Wir sind viele, wir sind krass, Antifa da geht noch was???“
einer österreichischen postnazistischen Gesellschaft, ebatten über „Antifapolitik“ können lang die sich nicht nur zum ersten Opfer der deutschen und anstrengend sein. Neben der Frage Nationalsozialisten hochstilisiert, sondern dem ausnach der Ausrichtung dieser politischen Arbeit, dem Versuch, sämtliche revolutionäre, Kapitalismus als Ganzes negierende oder wie auch immer geartete, Kritik und Praxis mit diesem Begriff harmonieren zu lassen, werden unendlich viele Teilaspekte diskutiert: Ist klassische Anti-Nazi-Arbeit eigentlich notwendig in Wien? Dient „Antifa“ nicht vielmehr nur der Profilierung einer Riege theoriefeindlicher Vollkontaktsportler und verdienen andere Ekelhaftigkeiten der österreichischen Gesellschaft, oder vielleicht auch der radikalen Linken, zur Zeit nicht viel eher unsere kritische Aufmerksamkeit?

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Immer wieder, immer wieder, immer wieder Österreich (österreichisches Fußballlied)
Antifa-Politik als Reaktion auf bestehende NeonaziStrukturen, als gesellschaftliche Intervention und als Versuch, damit Grundlage, Bedingung und Motor linksradikaler Politik zu etablieren, bedarf einer permanenten Überprüfung des eigenen Standpunktes. Und sie ist notwendig. Notwendig als zentrales Element linksradikaler Politik vor dem Hintergrund

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trofaschistischen Ständestaat am liebsten heute noch den versteckten Platz unter der dunklen Kellertreppe österreichischer Geschichtsschreibung zukommen lässt, um ihn zu ausgewählten Zeitpunkten ans Tageslicht zu befördern und als antinationalsozialistisches Widerstandsnest zu lobhudeln. Ein Land, dessen ekelhafte Vergangenheit heutzutage zur Aufforderung parteipolitischer Zärtlichkeiten benutzt-wird und zum Appell an die nationale Einheit dienen soll. Bedeutend erscheint vor Allem die österreichische Kontinuität des Austrofaschismus vom vermeintlichem Bollwerk gegen die deutschen Nazis bis zum konstituierenden Element des postnazistischen Österreich-Nationalismus, in dessen Rahmen sich die Doppellüge der ÖsterreicherInnen als Opfer der Nationalsozialisten als auch der „alliierten Besatzungstruppen“ entwickelt hat. Dass es nur eine Frage der Zeit war, bis Großteile der alten Garde deutschnationaler Ehemaliger mit den neuen österreichischen PatriotInnen zum gesamtösterreichischen Volksmob fusionierten, liegt auf der Hand.

Dass sich das Konzept „freier Kameradschaften“ in Österreich lange Zeit nicht so richtig durchsetzen konnte, liegt wohl in der Tatsache begründet, dass es dafür schlicht keine plausible Erklärung gegeben hätte. Wozu eine Konkurrenz zur „ideologieverbündeten Volksbewegung“ schaffen, wenn es dieser an Salonfähigkeit nicht mangelt und das Auftreten in deutscher Kameradschafts-manier der nationalen Sache Imagekratzer zufügen könnte?

Wie deutsche Brüder – von antiarabischem Rassismus zu den Herrschern der Welt
Obwohl gerade Kundgebungen a la „Österreich vs. Brüssel“ oder die Wahlkampfveranstaltungen der FPÖ immer auch als Sammelbecken für schmissige Burschenschafter, BürgerInnen, die denen da oben mal ihre Empörung kundtun wollen, rassistische Würschtelstandgäste und militante Neonazis fungieren, regt sich bei letzteren zunehmend das Bedürfnis nach politischer Abgrenzung und dem Aufbau eigener Strukturen. Im Mittelpunkt steht dabei der Deutschnationalismus, noch offener zur Schau gestellter Geschichtsrevisionismus, die Abwendung von der FPÖ und anderen rechten Parteien als „Systemverfechtern“ sowie die explizite Ausformulierung von dem, was die FPÖ meist etwas subtil, manchmal jedoch auch sehr direkt zum Ausdruck bringt: Antisemitismus und die Vorstellung von der Gängelung des Volkes durch dickbäuchig-zigarrenrauchende Juden im Chefsessel ostamerikanischer Skyscraper-Büros. So hat „der ewige Jude“ den „türkischen Messerstecher“ im Themen-Ranking neonazistischer Internetforen schon längst überholt und Hamas und Hisbollah entwickeln sich mehr und mehr zu gerngesehenen Mitstreitern im Kampf gegen Zionismus, Israel und die USA.

30. März 2008; Tatort Wien/Österreich
Anhand von welchem Beispiel kann die Verzahnung dieser österreichischen Ideologie der Mitte mit denen die offensichtlich bekennende (Neo-)Nazis sind, anschaulicher illustriert werden als mit der Demonstration gegen die EU und den EU-Reformvertrag Ende März letzten Jahres in Wien? Während die Kameraden einen eigenen Block bildeten und versuchten, den Rest der Demo mit Sprechchören wie „Freiheit für Gerd Honsik“ akustisch zu übertrumpfen, konnten bei „Wir sind das Volk“ alle mitschreien und die Tendenz vieler DemonstrantInnen, sich in ihrer Analyse und Bewertung des EU-Reformvertrages auf schonlängst gemachte Erfahrungen zu stützen, fand ihren passenden Ausdruck im Plakat eines historisch besonders versierten Teilnehmers: „1938: Hitler; 2008: EU – Gott schütze Österreich“

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Wellen schlagen müsse. Darüber, dieses Bild gerade zu rücken, und die Legiti-mität einer antifaschistischen Demonstration, Nazis auch mit körperlichem NachObwohl die Nationalratswahl im September 2008 druck aus solch einer auszuschließen, wurde weder verdeutlicht hat, dass der österreichische Normaldiskutiert noch öffentlich richtiggestellt. Wieso setzt zustand reicht, um linke Köpfe zum Rauchen zu bringen, ist der zu verzeichnende Anstieg neonazisti- mensch der Entpoli-tisierung und Privatisierung des Politischen durch bürgerliche Medien und Polizei scher Aktivitäten Besorgnis erregend. Neben einer regelrechten Hetzjagd wildgewordener Nazi-Horden nichts entgegen? auf Linke im Anschluss an die „Anti-EU-Demos“ auf dem Ballhausplatz, gewalttätige Übergriffe auf Anti- PartnerInnenwahl faschistInnen in der Innenstadt, permanente Aufkleberaktionen, dem Naziüberfall auf ein linkes Konzert Dass Antifaschismus als Praxisfeld in Österreich der radikalen Linken in voller Gänze überlassen wurde, in Braunau und Hakenkreuz-Schmierereien im Inist traurig. Trotz aller Widersprüchlichkeiten mit nenhof der Pankahyttn, bildet der Überfall von gut zehn vermummten Neonazis auf das Geburtstagsfest eventuellen BündnispartnerInnen und der Gefahr, sich die selbsternannten RetterInnen der Nation ins der Rosa Antifa Wien einen neuen Höhepunkt Boot zu holen, erscheint punktuelle Zusammenarbeit rechtsextremer Gewalt. Die Häufung der Vorfälle mit Gruppen, die außerhalb linker Szene-Zusamsowie teilweise deren systematisches Vorgehen lässt menhänge stehen, geradezu notwendig. Weniger als auf eine gewisse Organisierung schließen – oder inhaltliche Verdünnisierung muss das Erreichen zumindest den Versuch einer solchen. Trotzdem wähnte sich die linke, antifaschistische Szene in Still- breiterer Bevölkerungsschichten im Kampf gegen schweigen und verpasste damit die Möglichkeit, an- Nazis auch als rein pragmatischer Pluspunkt bei Gegenaktivitäten zu rechtsextremen Events vermerkt hand eines sehr konkreten Beispieles, auf die physiwerden (siehe dazu die Verhinderung etlicher Nazische Bedrohung durch Nazis hinzuweisen und den aufmärsche in Deutschland durch das NebeneinanSchulterschluss zwischen Rechtsextremen im Parlader von legalem Rückzugsraum in Form von „Bunt ment und an der Uni, dumpfen Nazischlägern und dem österreichischen, rechten Konsens der Mitte als statt Braun“-Festen und militanten Aktionen oder Massenblockaden). Umso mehr Antifaschismus die Bedingung dafür zu skandalisieren. Von effektiver Medienarbeit jenseits der obligatorischen Presseaus- Aufgabe hat, nicht nur den rechten Rand einer Gesendung, Aktionen oder einer kraftvollen, antifaschi- sellschaft in den Fokus der Kritik zu stellen, muss er stischen Demonstration keine Spur. Die Gründe da- auch im unüberschaubaren Trubel gesellschaftlicher für liegen im Verborgenen. Schließlich verhält es sich Vernetzung dazu fähig sein, der Mobilmachung gegen Nazis zur „Aufwertung des Heimatlandes“ normalerweise umgekehrt. Bei Konfrontationen mit eine klare Absage zu erteilen. Nazis wird in der Regel von Seiten der Polizei und Presse versucht, verharmlosend und entpolitisierend zu wirken. Aus "Linken und Rechten" werden "rivali- „How much is the fish“ sierende Jugendbanden", statt von "politischer Motivation" wird entkontextualisierend von "hoher Aggressi- Die Lifestyle-Attitüde und das mackerhafte Gebahren vieler männlicher Antifas hat in der jüngsten vität und Gewaltbereitschaft auf beiden Seiten" gesprochen. Als sämtliche Printmedien nach einer anti- Vergangenheit zurecht zu Diskussionen über Sexisfaschistischen Kundgebung auf der Parlamentsrampe mus und sexistische Verhaltensweisen in der linken von einer friedlichen Studenten-demo berichteten, die Szene geführt. Tatsächlich verhilft der Wunsch nach von zehn Nazis überfallen worden sei, wähnte mensch Streetfighter-Qualitäten, „krassen“ Parolen und der Anpassung an den subkulturell-typischen Kleidungssich teilweise in ungebrochener Freude darüber, dass stil weder der Linken zu Schritten in Richtung Emadie Gewalttätigkeit der Nazis ja in Anbetracht ihrer harmlosen Opfer in der Öffentlichkeit besonders hohe nzipation, noch dem Begriff der Militanz zu strategi-

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schen Höheflügen. Stehengeblieben ist die Debatte dabei leider meist an der Stelle, wo es gegolten hätte, einen positiven Militanzbegriff, fernab von dicken Oberarmen, halbtoten Nazis und pathetischen Heldengeschichten zu entwickeln. Militanz als Form eines hohen Organisationsgrades und der Enschlossenheit, den Rechten überall entgegenzutreten, wo sie sich aufstellen, um ihre menschenverachtende Propganda zu verbreiten, sollte jedoch immer noch zur Praxis linker AntifaschistInnen gehören. Im Sinne der Frage, wie sich diese unversöhnliche Haltung ausdrücken kann, ist es weder richtig, die direkte körperliche Konfrontation mit Nazis als per sè makkerhaft zu disqualifizieren, noch dieses Mittel als identisch mit militanter Praxis zu verstehen. Obwohl es, vor allem auch in Österreich, als dringend notwendig erscheint, dem bekannten Nachl-

eben des Faschismus in der Demokratie sein kritisches Hauptaugenmerk zu schenken, ist die Auseinandersetzung mit dem Nachleben oder Anstieg faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie, im konkreten Falle jedoch meist gegen MigrantInnen, Roma, Homosexuelle oder politische GegnerInnen, von unbedingter Notwendigkeit. Dass in diesem Kampf pragmatisch-bedingte Kompromisse eingegangen werden, ist nicht zwangsläufig schlecht, solange sich linksradikaler Antifaschismus gegen die Existenz physischer Bedrohung durch Nazis wendet und das postfaschistische Österreich als Grundlage dieser, als auch als Hindernis auf dem Weg zu einer befreiten Gesellschaft versteht."

Der italienische Antifaschismus in der Krise
Die aktuelle Situation
talien hat in den letzten Jahren einen massiven gesellschaftlichen und politischen Rechtsruck durchlaufen. Immer mehr wird eine grundlegende Veränderung des politischen Diskurses offensichtlich, die den antifaschistischen Konsens der Republikgründung 1945 schrittweise delegitimiert und auch vor einer Revision der Geschichte nicht halt macht. Es ist traurige Realität, dass sich Italien trotz der Erfahrung der Resistenza, der sozialen Kämpfe und der starken und aktionsfähigen ausserparlamentarischen Bewegungen in diese Richtung entwickelt. Am offensichtlichsten ist der Rechtsruck Italiens im parlamentarischen Zuwachs post- und neofaschistischer Kräfte und deren Akzeptanz in der Politik. In der Regierungsfraktion von Berlusconis Wahlbündnis Popolo delle Libertà (PdL - Volk der Freiheiten) sitzen neofaschistische Abgeordnete, die sich wie Alessandra Mussolini, Nichte des Duce, offen als FaschistInnen bekennen. Marcello Dell'Utri, Senator der PdL, verbreitet neben öffentlichen Be-

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kenntnissen zum Duce als “Ehrenmann” vor allem die Ansicht, der Antifaschismus sei ein “obsoletes Konzept”. Und mit Gianni Alemanno wählten sich die Römer BürgerInnen mit 53,7% einen Bürgermeister, der sich in seiner Jugendzeit als militanter faschistischer Schläger mit Angriffen und Anschlägen einen Namen gemacht hatte. Die Tatsache, dass solchen Gestalten in Italien der Zutritt zur Mitte der politischen Landschaft gewährt wird, liegt nicht etwa daran, dass sie als seriös getarnt im Schafspelz agieren würden. Alemanno etwa ließ bereits nach kurzer Amtszeit verlauten, am Faschismus sei nicht alles schlecht gewesen, und ordnete die Räumung aller Roma-Camps der Stadt an. Es ist hingegen so, dass sich in Italien eine Akzeptanz offen faschistischer Positionen breitgemacht hat, die sich in Deutschland oder Österreich so nicht finden ließe. Die Gründe dafür sind die politische Entwicklung der parlamentarischen Rechten seit 1994 und die außergewöhnliche Krise des italienischen Antifaschismus.

PostfaschistInnen zumindest nominell der bürgerlich-liberalen Gesellschaft zu. Die Veränderung zu einer rechtskonservativen Partei ist der AN dabei zumindest im Image durchaus gelungen - sie schafften es, viele konservative WählerInnen der verstorbenen DC für sich zu gewinnen. Die AN konnte sich als Bündnispartnerin Silvio Berlusconis immer als stabile Law-and-Order-Partnerin profilieren, und avancierte zu einer der stärksten politischen Kräfte Italiens. Ein weiterer markanter Grund für die Krise des bürgerlichen Antifaschismus ist der Niedergang der politischen Dimension der Partisanenverbände, insbesondere der Associazione Nazionale Partigiani d'Italia (ANPI). Waren die ANPI und andere Partisanenverbände früher vor allem durch ihre Nähe zur PCI und durch die aktive Mitgliedschaft tatsächlicher PartisanInnen ein Bollwerk antifaschistischer gesellschaftlicher Mobilmachung, so ist diese Rolle in den letzten Jahrzehnten zunehmend verschwunden. Die neuen Kader der ANPI, meist 40-50jährige PostkommunistInnen oder SoDie Krise des Antifaschismus zialdemokratInnen, haben sich der reinen Erinnerungsarbeit historischer Natur verschrieben, und lehnen, bis auf einzelne lobenswerte Das italienische Parteiensystem war in den Fälle, eine aktive politische Rolle ab. Dies geht frühen 90er Jahren zusammengebrochen, sei es durch Korruptionsskandale, die den bürger- sogar soweit, dass sich die ANPI entgegen den lichen ChristdemokratInnen (DC) und Sozial- Wünschen vieler PartisanInnen und AntifaschistInnen für die Kampagne zur AnerkenistInnen (PSI) den Garaus machten, oder durch den Fall der Sowjetunion, die die mäch- nung der Gefallenen der RSI ausgesprochen hat. tige Kommunistische Partei (PCI) ins Chaos stürzte. Die rechtsextreme Kleinpartei MoviPartisanInnendiskussion mento Sociale Italiano (MSI), geistiger und rechtlicher Nachfolger der Faschistischen Partei Benito Mussolinis, nutzte die Gunst der Im kulturell stark segregierten Südtirol oder in Stunde. Im Jahr 1994 den konservativen Gegenden wurde unter dem neuen des Lazio oder des Veneto Parteivorsitzenden Giankann sich die AN sogar als franco Fini die sogenannzweitstärkste Partei etabliete “Wende von Fiuggi” ren. Diese parlamentarische vollzogen- als Alleanza Entwicklung geht natürlich Nazionale (AN) wiedereinher mit einer ideologigeboren, wandten sich die schen Fortentwicklung, die neugebackenen im öffentlichen Diskurs

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Italiens stattfindet. Der antifaschistische Konsens, der die Resistenza und die PartisanInnen als Gründungsmotiv der italienischen Republik anerkennt, wird immer weiter aufgeweicht. Die ehemals starken PartisanInnenverbände, allen voran die Associazione Nazionale Partigiani d'Italia (ANPI), haben in dieser Zeit eine Veränderung durchlaufen, die sie ihrer politischen Einflusswirkung auf die italienische Gesellschaft beraubt hat. Das altersbedingte Wegsterben vieler PartisanInnen hat das politische Gleichgewicht in der ANPI stark in Richtung jüngerer sozialdemokratischer Funktionäre verschoben, die sich die ANPI nicht als politisches Organ, sondern als Traditionsverband ehrwürdiger Denkmalpflege vorstellen. Die Kader der SozialdemokratInnen und PostkommunistInnen haben den Antifaschismus zu einer reinen Gedenkangelegenheit ohne aktuelle politische Schlagkraft umdefiniert, und sind auch zu grossen Eingeständnissen gegenüber den PostfaschistInnen bereit. Am bezeichnendsten ist hierbei die Diskussion der letzten Jahre um die Gefallenen der Republica Sociale Italiana (RSI), Mussolinis letzter Zuflucht am Gardasee. Die Soldaten der RSI waren im Wesentlichen zur PartisanInnenbekämpfung eingesetzt worden und hatten zusammen mit deutschen Truppen vielerorts schwere Kriegsverbrechen begangen. Ihnen kam die Rolle der Kollaborateure und Verräter zu, die in der italienischen Gesellschaft als zumindest nicht salonfähige Personenkreise gesehen wurden. Lanciert von postfaschistischen Kräften kam es in den letzten Jahren zu der Diskussion, die Toten der RSI sollten von der Republik genauso geehrt werden wie die gefallenen PartisanInnen - alles seien ItalienerInnen gewesen, die dachten um ihre Heimat zu kämpfen. Diese Diskussion löste erschreckenderweise nicht nur wenig Aufsehen aus, sondern wurde sogar von einzelnen VertreterInnen von Partisanenverbänden begrüsst auch wenn die ANPI protestierte. Als nächstes besuchte der rechte Mailänder Vizebürgermeister Albertini die Gräber der gefallenen RSI-Leute und mehrere Gemeinden ließen Denkmäler erbauen, auf denen die Namen aller Gefallenen 1940-45 ausnahmslos alphabetisiert wurden, KZ-Häftlinge neben faschistischen Paramilitärs, Partisanen neben

italienischen SS-Männern. Die Gleichsetzung der gefallenen Mörderbanden, die den aussichtslosen Endkampf ihres Führers Mussolini mit brutalen Überfällen auf die Zivilbevölkerung Norditaliens schlugen, mit den Gefallenen der antifaschistischen Kräfte ist dabei ein Lehrstück politischer Redefinition gesellschaftlicher Begriffe.

Widerstand?
Indes ist militanter Antifaschismus, der auf der Strasse aktiv ist und Proteste und Aktionen zum Mittelpunkt antifaschistischer Tätigkeit macht, in Italien mittlerweile nur noch innerhalb der radikalen Linken, insbesondere der Centri Sociali, mobilisierbar. Dies zeigt sich in der geringen Größe und auch Seltenheit antifaschistischer Mobilisierungen ausserhalb linker Ballungsräume. Gleichzeitig hat sich die Ansicht, Faschismus sei eine akzeptable Meinung im Spektrum des demokratischen Pluralismus, in der italienischen Gesellschaft vielerorts festgesetzt. Von einer sozialen Ausgrenzung der Faschisten kann nicht mehr die Rede sein, in einigen Regionen, wie dem Lazio oder Veneto, ist das öffentliche Bekennen der faschistischen Gesinnung sogar unproblematisch. Im Fahrwasser der “gezähmten” Faschisten von Alleanza Nazionale bewegen sich andere Gruppierungen, die sich durch brutales Auftreten und durch gute Kontakte zur internationalen Neonazi-Szene hervortun. Forza Nuova, Veneto Fronte Skinheads, und die faschistischen Hausbesetzer des römischen Zentrums Casa Pound machen aus ihrer Gesinnung keinen Hehl. Ihnen werden auch die vielen Angriffe auf Antifaschisten und auf linke Jugendliche der letzten Jahre zugeschrieben, die mehrere Tote verursacht haben und in einigen Städten wie Rom und Verona zu einem Klima der Angst in den Centri Sociali gesorgt haben.

Die StudentInnenproteste
Die italienischen StudentInnenproteste der letzten Wochen haben offenbart, wie aktionsfähig und durchorganisiert neofaschistische Gruppierungen in Italien tatsächlich sind. Die erklärtermaßen faschistischen Organisationen Blocco Studentesco und

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Azione Giovani haben nicht nur teils erfolgreich an Protestaktionen, Besetzungen und Kundgebungen teilnehmen können, sondern haben vor allem eine sehr erfolgreiche Medienkampagne gefahren, die sie ins Rampenlicht der italienischen Öffentlichkeit befördert hat. Die Bilder der gewalttätigen Auseinandersetzungen vor dem römischen Senatsgebäude sind als trauriger Höhepunkt der neofaschistischen Interventionsversuche anzusehen. Dabei hatten NeofaschistInnen des Blocco Studentesco, einer SchülerInnenorganisation, die dem rechtsextremen Squat Casa Pound nahesteht, sich gewaltsam in die Kundgebung der SchülerInnen Eintritt verschafft. Sie wurden zwar durch den herbeigeeilten Sicherheitsdienst der studentischen Kollektive und der Rifondazione Comunista vertrieben, konnten dafür jedoch in den folgenden Tagen durch Fernsehauftritte nicht nur den eigenen Opfermythos pflegen, sondern auch eine landesweite Medienöffentlichkeit für ihre Zwecke nutzen. Tatsache ist, dass neofaschistische Gruppierungen insbesondere in Rom, aber auch in Städten wie Verona oder Mailand sich derart etabliert haben, dass mit ihnen als ernstzunehmende politische Kraft gerechnet werden muss. Nicht nur auf der Strasse hat sich dabei die Hegemonie faschistischer Gewalt als durchschlagend erwiesen - auch in den Parlamenten sitzen bekennende FaschismusanhängerInnen unter dem Deckmantel von Premier Berlusconis Regierungsbündnis Partito delle Libertà.

Wie weiter?
Italien durchlebt bereits seit Jahren eine schwere Krise des bürgerlichen Antifaschismus, die sich massiv auf das politische Geschehen auswirkt. Die bürgerlichen Mechanismen der parlamentarischen und medialen Ausgrenzung faschistischer MeinungsträgerInnen sind vollkommen zusammengebrochen, ebenso wie die Mobilisierungsfähigkeit bürgerlicher antifaschistischer BündnispartnerInnen. Kurzum -

die FaschistInnen, ob Neo-, Post- oder Katho-, sind in Italien dermaßen salonfähig geworden, dass sich gegen ihre Aktivitäten nur mehr die radikale ausserparlamentarische Linke und vereinzelte kommunistische Parteiunterorganisationen aktiv wehren. Dieser Zustand ist der traurige Schlusspunkt einer langen Entwicklung, die wohl mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem darauf folgenden Bedeutungsverlust der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) ihren Lauf genommen hat. Historisch etwas weiter ausgegriffen, basierte die „alte“ italienische Republik sowohl auf dem antifaschistischen Konsens der Nachkriegsparteien als auch auf der Wiederbeschäftigung faschistischer WürdenträgerInnen in staatlichen Stellen. Es bleibt zu hoffen dass diesem Trend in der näheren Zukunft eine entschlossene Gegenbewegung folgen wird, die wieder verstärkt Akzente auf den militanten Antifaschismus und aktionsgetriebene Politik setzt. Insbesondere in Rom ist diese Entwicklung abzusehen, da sich einige der sehr Kultur- und Partyorientierten Centri Sociali nun wieder verstärkt dem Antifaschismus als Politikfeld widmen. Inwiefern ein in den Parlamenten vertretener Antifaschismus in den nächsten Jahren wieder Realität werden kann ist unklar- die Parteien der Mitte-Links-Koalition sind immer noch nicht mit der katastrophalen Wahlniederlage und ihren Konsequenzen zu Rande gekommen. Ein interessantes Beispiel für eine positive Zukunftsentwicklung sind die Gründungen von „Nuova Resistenza“- Gruppen. Diese Gruppen haben sich die Organisierung junger Leute in den PartisanInnenenverband ANPI zur Aufgabe gemacht und versuchen durch eine Verjüngung des ehrwürdigen Dachverbandes auch wieder mehr Energie und Mut zum militanten Antifaschismus zu vermitteln. Die große Aufgabe, den revisionistischen Kräften aus der postfaschistischen und konservativen Ecke der Gesellschaft Paroli zu bieten, wird jedoch wohl noch jahrzentelang präsent bleiben.

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Der “Bund freier Jugend” “volkstreue Jugendgruppe” oder Neonazi-Schmiede?
er „Bund freier Jugend“, eine rechtsextreme Jugendorganisation in Österreich, trat unter diesem Namen erstmals Anfang 2003 öffentlich auf. Er stellt eine Nachfolgeorganisation der im Jahr 2002 gegründeten „AfP-Jugend“ dar. Die Umbenennung erfolgte vor allem deshalb, um nach außen hin keinen Zusammenhang mit der AfP erkennen zu lassen. Die „Arbeitsgemeinschaft für demokratische Politik“ (AfP) ist eine 1963 gegründete, sehr aktive rechtsextreme Partei. Der BfJ sollte die Jugendorganisation und Kaderschmiede für die AfP sein. Gründungsvater war vor allem der angebliche „Menschenrechtsberater“ des BfJ, Dr. Horst Ludwig, der Vorsitzender der AfP war. Nachdem ursprünglich die Gründung des BfJ als Verein angedacht war, entschied man sich aus juristischen und politischen Gründen für die Konstruktion einer Ein-Mann-Organisation in Person von Rene Hönig. Die Verantwortlichen wurden nicht müde, immer wieder zu betonen, dass der BfJ keine Partei und kein Verein sei. Er könne daher auch keine Mitglieder haben. De facto war das Unsinn und konnte im Zuge des 2008 stattgefundenen Prozesses gegen den BfJ auch klar herausgearbeitet werden. Im Laufe der Zeit zum BfJ hinzu gestoßen war Stephan Magnet (Pseudonym: Stephan Mairinger), der bald die eigentliche Führungskraft werden sollte und Rene Hönig nur noch als Marionette vor sich stellte. Stephan Magnet und Dr. Horst Ludwig – beide Mitglieder der AfP – errichteten das „NIZ“ – ein nationales Ideologie Zentrum des „inneren Kreises“, das später in „Neues Institut für Zeitgeschehen“ umbenannt wurde und in den letzten Jahren keine Tätigkeit mehr nachwies. Eine stark mit der AfP verknüpfte Vereinigung ist „Der Kreis“, der auch im Buch „Der Rechte Rand“ von Heribert Schiedel auf Seite 90 erwähnt wird. Zahlreiche „ehrenwerte“ Gäste der jährlich stattfindenden „politischen Akademien“ der AfP zählen sich dazu, allen voran eine Person namens Edmund Eminger, der den BfJ vor allem im neonazistischen „Thiazi“-Forum mental stark unterstützte. Edmund Eminger führte die Bezeichnung „Der Kreis“ sogar auf Briefpapier und als

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persönliches Symbol ein Männchen unter einem Staubmantel verwendete. Ideologisch gesehen könnte „der Kreis“ als konspirative „Nachrichtenorganisation“ der AfP betrachtet werden, der es wichtig erscheint, Informationen über staatstragende Personen und Institutionen wie Militär, Gericht, Polizei und Justiz zu sammeln. Kürzlich postete im „Heimatschutzforum“ der „Jungen Aktion“ der User „..WN 62!..“ unter dem Titel „Jüdische Politiker in Österreich“ eine als unvollständig dargestellte Auflistung jener PolitikerInnen und anderer bekannter Persönlichkeiten, die seiner Meinung nach „Volljuden“, „Halbjuden (oder geringer)“ seien bzw. deren Status noch „offen“ sei. Wie diese Menschen als „Juden“ identifiziert wurden, wird nicht beantwortet, offenbar handelt es sich um Menschen, die ihre „arischen Wurzeln“ gegenüber den Herren von BfJ, AfP und co. nicht nachgewiesen haben. Das „Heimatschutzforum“ der „Jungen Aktion“ entwikkelte sich aus dem traurigen Rest des „Bund freier Jugend“, der wegen des Prozesses und damit der damit verbundenen, massiv negativen MedienBerichterstattung aus dem Rampenlicht genommen wurde und stark an Mitgliedern einbüßen musste. Der Schwerpunkt der BfJ-Mutterpartei AfP liegt auf kultureller Arbeit mit ausgesprochen rechtsextremer Tendenz. Immer wieder finden sich in den Zeitschriften der AfP Beiträge mit neonazistischer und „revisionistischer“ Tendenz, z. B. warb man für Publikationen, in denen die Existenz von Gaskammern zur Ermordung von Menschen in nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern geleugnet wird. Die AfP verfügt über zahlreiche Kontakte zur nationalen und internationalen rechtsextremen Szene, darüber hinaus auch zur FPÖ. Jährlich veranstaltet die AfP die bereits erwähnten „politischen Akademien“, bei denen regelmäßig - und meist ungestört - bekannte RechtsextremistInnen Vorträge halten können. In einem Gutachten im Jahr 2005 kam der Verfassungsrechtler DDr. Heinz Mayer zu dem Schluss, dass „die von der AfP zu verantwortenden Publikationen

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seit Jahrzehnten massiv gegen die Bestimmungen des Verbotsgesetzes verstoßen. Offenkundige und verbrämte Verherrlichung nationalsozialistischer Ideen und Maßnahmen, zynische Leugnung von nationalsozialistischen Gewaltmaßnahmen, eine hetzerische Sprache mit deutlich aggressivem Ton gegen Ausländer, Juden und ‚Volksfremde’ sowie eine Darstellung ‚des Deutschen’ als Opfer sind typische und stets wiederkehrende Signale. Von besonderer Aggressivität sind die Beiträge im ‘Jugend Echo’“, somit einer - laut Mayer - vom BfJ gestalteten Zeitschrift, die ebenfalls der AfP zuzurechnen ist.

tionen u. a. in Deutschland und Rumänien durch. Mehrmals veranstaltete der BfJ den „Tag der volkstreuen Jugend“. – Ähnlich wie bei den AfP-„Akademien“ konnten hier Vortragsveranstaltungen mit rechtsextremen RednerInnen stattfinden sowie „Liedermacher“ usw. auftreten. Im März 2006 veranstaltete der BfJ in Ried/ Innkreis (Oberösterreich) eine Demonstration, an der sich rund 150 einschlägig gesinnte Personen beteiligten: Die vorwiegend männlichen Rechtsextremen grölten ihre Lieblingsparole „Frei, sozial und national“ und andere menschenverachtende Sprüche wie „Ausländer rein? Wir sagen nein!“ und trugen Plakate und Transparente mit einschlägigen Parolen. Die Demo war ein Ersatz Der BfJ ist eine „unselbständige Unterorganisation“ der AfP und als solche – wie bereits erwähnt - weder für den an diesem Tag aufgrund öffentlichen Drucks verhinderten „Tag der volkstreuen Jugend“. Als Anals Partei noch als Verein existent, nichtsdestotrotz existiert(e) der BFJ natürlich inoffiziell. In einer Aus- melder der Demonstration trat der Welser Rechtsextremist Ludwig Reinthaler in Erscheinung, führengabe des „Jugend Echo“ von 2004 ist zu lesen, dem de Positionen in der Demo übernahmen jedoch BFJBfJ gehe es um die Rekrutierung von „Überzeugungstäter(n)“, das „herrschende System“, die parla- Kader. Der Großraum Wels war auch der Stützpunkt des „Bund freier Jugend“ in Oberösterreich. Die Ermentarische Demokratie, gehe „unaufhörlich dem Ende entgegen“, hier solle mit „eine(r) zielsichere(n), richtung einer weiteren Zweigstelle in Wien scheiterte. Mit Stephan Magnet hatte man zwar eine Führentschlossene(n) und stolze(n) Bewegung” nachgeholfen werden. Im September 2004 veranstaltete der ungsperson gefunden, die die Aufbauarbeit übernommen hätte, diese Kraft alleine war aber nicht BfJ in Steyr eine homophobe „Mahnwache“ gegen die „Homo-Ehe“ und den damit in Zusammenhang ausreichend. Hitzige Diskussionen innerhalb der AfP darüber verloren sich im Kreisreden, letztendlich stehenden „Mord an unserem Volk“, schließlich sei legte man dieses „Kind“ gemeinsam mit dem damals die Familie die „Keimzelle des Volkes“. In einem anderen „Jugend Echo“ aus demselben Jahr betrauer- schon existierenden „Jugendkreis Hagen“ weg. te der BfJ des „Ende des deutschen Reiches“, da mit dem Nationalsozialismus eine „passende(n) und völ- Im Jahr darauf (2007) wollte der BfJ in St. Johann im kisch-geprägte(n) Kultur“ sowie die „gewachsene(n) Pongau wieder seine alljährliche Veranstaltung durchführen, diesmal hatte die langjährige zivilgeVolksgemeinschaft“ untergegangen sei. Das Printmedium „Jugend Echo“ war das Sprachrohr des BfJ – sellschaftliche Kritik aber zur Auflösung des Treffens durch die Polizei geführt. Einige Tage später kam es fast ausschließlich von Stephan Magnet betrieben zur Verhaftung von drei führenden Kadern des BfJ wie er im Zuge des Prozesses gegen ihn auch zuge(Stefan Magnet, Michal Scharfmüller und Rene ben musste. Die letzte Ausgabe erschien Anfang Hönig). Sie blieben unter dem Vorwurf der NS-Wie2007. Die „Kampfschrift der Nationalen Jugend in Österreich“ – wie sie mit Untertitel firmierte – dürfte derbetätigung ein halbes Jahr in U-Haft. Am 14. Mai eingestellt worden sein. 2008 begann am Landesgericht in Wels schließlich der Prozess gegen die drei zuvor inhaftierten Kader sowie gegen einen weiteren Kader (Markus Knoll), Abgesehen von der Gestaltung der Zeitschrift „Jugend Echo“ führte der BfJ zahlreiche Kundder als „Propaganda-Chef “ für das „Jugend Echo“ gebungen und Demonstrationen mit einschlägiger verantwortlich war und den ehemaligen VorsitzenAusrichtung, Flugblattaktionen, Lesungen, Vorträge den der AFP, Dr. Horst Ludwig wegen NS-Wiederbesowie Reisen zu Neonazigruppen und –demonstratätigung nach § 3a Z1 (Wiederherstellung einer NS-

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Organisation, in diesem Fall der „Hitlerjugend“) und 3g Verbotsgesetz. Den Prozess begleitete eine Propaganda-Kampagne der übrigen BfJ-Mitglieder und der AfP. In diesem Zusammenhang stellte man das Verfahren etwa als „Patriotenprozess“ und „Gesinnungsterror in Österreich“ dar. Man berief sich auf die „Meinungs- und Gesinnungsfreiheit“, die freilich nur dann Anwendung finden sollte, wenn Rechtsextreme etwa wegen NS-Wiederbetätigung vor Gericht stehen. An anderer Stelle, etwa im letzten „Jugend Echo“ des BfJ, wird die Meinungsfreiheit widersprüchlicher Weise scharf kritisiert: So dürfe die „hemmungslose ‚freie Meinungsäußerung’ ungestraft und frech die Kulturwerte und die sittliche Haltung unseres Volkes zerstören und zersetzen“. Nachdem der Strafrahmen bei Paragraph 3a des Verbotsgesetzes mindestens 10 Jahre beträgt, war eigentlich bereits im Vorhinein absehbar, dass es zu keiner Verurteilung der Angeklagten kommen würde. Ebenso verabsäumte man es, die nationalsozialistischen Tendenzen exakter darzustellen – man verzichtete obendrein auf die Zeugenaussage von DDr. Mayer, der wie erwähnt ein umfangreiches Gutachten zu AfP und BfJ erstellt hatte und - auf ein eigentlich absolut notwendiges Gutachten eines/einer Historikers/Historikerin. Während der Verhandlungen wurden zahlreiche VertreterInnen der rechtsextremen Szene als ZeugInnen vernommen, die meisten verweigerten jedoch die Aussage. Geladen war etwa auch ein oberösterreichischer RFJ-Obmann, der im Internet mit TShirts von Neonazi-Bands posiert hatte (Stefan Kohlbauer) und enge Kontakte zum BfJ pflegt(e). Bereits 2007 deckte mensch auf, dass es enge Verbindungen eines Bezirksobmannes (Andreas Retschitzegger) des oberösterreichischen „Ring freiheitlicher Jugend“ (RFJ, Jugendorganisation der FPÖ) zum „Bund freier Jugend“ gab. Im Juli 2008 gerieten neue Kontakte von RFJ-Bezirks- und Landesobleuten (Christian Praher, Christian Aichinger, Stefan Kohlbauer, Stefan Haider) zum BFJ ans Licht. Als Zeuge sagte bei einem Prozesstermin auch ein FPÖFunktionär (Ernst Kronegger) aus Oberösterreich aus, bei dem der BfJ ein „Sommerfest“ veranstaltet hatte. Auch das Publikum bei den Prozessterminen

bestand zu großen Teilen aus VertreterInnen der rechtsextremen Szene, diese störten nicht selten durch abfällige Zwischenrufe. Als Rechtsanwälte hatten die Angeklagten die Anwälte Herbert Schaller und Andreas Mauhart engagiert. Die AfP druckte eine Rede Schallers bei einem in Teheran im Jahr 2006 stattgefundenen Holocaust-Leugner-Kongress ab. In dem Pamphlet heißt es unter anderem: “… Erstens die Tatsache, daß die Beschuldigung der Deutschen mit dem Holocaust bisher nicht ordnungsgemäß bewiesen ist; …” (…) “Tatsache ist aber auch, daß von einem rechtsstaatlich einwandfrei erbrachten Nachweis der NS-Gaskammern nach wie vor keine Rede sein kann.”(…)”(…) die Existenz von Gaskammern scheint im Rang eines quasi-religiösen Dogmas zu stehen, dem die Wirklichkeit von Sachbeweisen nichts anhaben darf.” Speziell Mauhart verstand es bestens mit seinen schauspielerischen Fähigkeiten vom eigentlichen Thema der NS-Wiederbetätigung abzulenken. Selbst manipulativ veränderte Fotos im Zuge der Hauptverhandlung einbringend, die nie Teil des Gerichtsaktes waren, gelang es ihm in eloquenter Weise dem Verfassungsschutz den Vorwurf der Beweismittelfälschung unterzuschieben. Während Dr. Haas die Manipulationen des Verteidigers zu unterbinden verstand, schwieg der Ankläger zu den mehr als schwerwiegenden Äußerungen der Verteidigung trotz strafrechtlicher Relevanz. Die LaienrichterInnen ließen sich von den Darbietungen der Verteidung überzeugen, und sprachen alle Angeklagten vom Vorwurf der Wiederbetätigung frei, die BfJ–Kader mit 8:0, den angeblichen „Menschenrechtsverteidiger“ mit angeblicher Funktion „juristischer Beratung“ aber nur mit 6:2. Dieses (nicht rechtskräftige) Urteil bedeutet natürlich einen deutlichen Wink für die heimische Rechtsextremisten- und Neonaziszene, da es – sollte es rechtskräftig werden - quasi einem Freibrief für den Aufbau von einschlägigen Strukturen gleichkommt. Bereits wenige Tage nach dem Freispruch marschierte der BfJ-Intimus Ludwig Reinthaler mit

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Erzeugen von Angst und in weiterer Folge (die Angst und Panik als Rückenwind verwendend) um die Verschärfung der Repression gegen die oppositionelle, volkstreue Jugend“, heißt es etwa auf der Seite der BfJ-Nachfolger „Junge Aktion“, wo nun scheinbar wieder einer die braune Feder übernommen hat, der bis Anfang November anderAuch in der rechtsextremen weitig verhindert war. Weiters Monatspostille „Aula“ und heißt es im BFJ-Pamphlet: „Die bei der rechtsextremen „Navolkstreue, für Freiheit und tionalen Volkspartei“ ist Recht streitende Jugend Österman über den Freispruch reichs, hätte täglich allen Grund natürlich erfreut: Stefan an den Lügen, NiederträchtigMagnet, freigesprochener keiten und Schlägen der Feinde Führungskader des BfJ, wird unseres Volkes irre zu werden.“ in der „Aula“ als „aufrechter Hier ist natürlich die Frage zu Aktivist“ dargestellt, in stellen: Ist sie das nicht schon einem anderen Artikel moTeilnehmerInnen der Anti-EU-Demo am längst – nämlich irre? Wie kiert man sich über die 29.3.08 sonst soll man Menschen be„Ausgrenzung und Verzeichnen, die ihren Selbsthass und ihre Minderwernichtung des nationalen Gegners im politisch rechtigkeitskomplexe dadurch zu kompensieren versuchten Spektrum“ – demonstrativ wird eine Emailnachricht eines ORF-Redakteurs, der es gewagt en, dass sie auf rassistische und antisemitische Weise gegen Minderheiten hetzen, den nationalsozialistihatte, gegen die unerwünschte Zusendung von einschlägigen Emails durch den Rechtsextremisten Lud- schen Massenmord verharmlosen und/ oder verherrwig Reinthaler etwas zu sagen, abgedruckt. Die „Na- lichen, sich auf eine nicht existente „arische Volksgemeinschaft“ berufen und von Freiheit und Recht tionale Volkspartei“ NVP freut sich über die angebschwafeln, während sie in Wahrheit auf eine Abschaflich „klare Niederlage für Verfassungsschutz und linke Hetzer“. Ob der Ausgang des BfJ-Prozesses tat- fung der Freiheit und der Menschenrechte abzielen? sächlich eine Niederlage für die antifaschistische Be- „Dieses verleumdet (sic!), verteufelte, verfolgte und geschändete volkstreue Lager ertrug in den Jahrzehnwegung werden wird, wird das Urteil des Obersten Gerichtshofes in Wien zeigen. Wichtig ist nun, nicht ten des Hasses alle Niederträchtigkeiten, ohne Gewalt anwenden zu müssen“, heult man weiter auf der „Jundie Motivation zu verlieren und weiterhin entschiege Aktion“-Homepage. Aber stimmt das? Was ist mit den gegen rechtsextreme und neonazistische Umden Mordanschlägen des „Einzeltäters“ Franz Fuchs, triebe à la BfJ aufzutreten. was mit den Anschlägen der VAPO (nach deren ZerNachdem ein Neonazi Mitte Dezember einen Mord- schlagung einige Kader auch beim BfJ untergekrochen sind), was mit den Anschlägen auf linke Feste in anschlag auf den Polizeichef Mannichl verübte, ist den letzten Monaten? Festzuhalten bleibt: weiterhin man nun auch in der braunen Szene um Schadenswerden der BfJ, die Junge Aktion oder wie auch imbegrenzung bemüht. Während die Passauer NPD mer die Neonazis sich nennen, aktiv in der rassistiFeigen als Symbol für den „feigen Mordanschlag“ schen, antisemitischen und braunen Hetze bleiben, verteilte und anbot, bei der Tätersuche (im eigenen Freundeskreis?) behilflich zu sein, wird beim BfJ auf weiterhin muss es heißen: die übliche Weise gegen alles, was links vom Nationalsozialismus steht, gehetzt: Es gehe den Medien Kein Fußbreit dem braunen Pack!! und Antifaschisten „gar nicht um die Vermittlung von Wahrheit“, sondern „um das künstliche befreundeten AnhängerInnen der rechten Szene bei einer Kundgebung zum Gedenken an die antisemitische Pogromnacht der Nazis am 09. November 1938 auf, um hier zu provozieren und die TeilnehmerInnen der Kundgebung ab zu fotografieren.

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Kameradinnen und braune Schwestern Publikationen über Frauen und Rechtsextremimus

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Anders verhält es sich mit dem etwas fragwürdigen ie Debatten rund um die MittäterinnenBand „Wir sind auch die kämpfende Front – Frauen schaft von Frauen im Nationalsozialismus in der rechten Szene“ von Sonja Balbach (1994), in waren zweifellos ein wichtiger Schritt in dem die Autorin ausschließlich und völlig unkomden Auseinandersetzungen innerhalb der Frauenmentiert Interviews mit rechten Frauen, vor allem bewegung(en) wie auch der GeschichtswissenSkin Girls abdrucken ließ. Auch die Fantifa Kassel schaften und so lassen sich bis heute zahlreiche gab bereits 1991 unter dem Titel „Auch Sie, Frau Publikationen, Symposien und degleichen finden, Mustermann...?!“ einen Reader zum Thema „Mäddie versuchen die Rolle von Frauen im nationalsozichen/ Frauen und Rechtsextremismus“ heraus. alistischen Vernichtungsregime näher zu fassen. Wenige Jahre später fand im November 1996 in Diese Entwicklung ermöglichte es auch, im Rahmen Saarbrücken auch eine Tagung über „Mädchen, der Beschäftigungen mit den Kontinuitäten des NS Frauen und Rechtsextremismus“ statt. Franziska sowie der Fortsetzung rechtsextremen GedankenTenner (1996) beschreibt in ihrem Werk „Ehre, Blut guts in den postnazistischen Gesellschaften, sich und Mutterschaft - Getarnt unter Nazifrauen heute“ mit dem Themenfeld „Rechte Frauen“ näher zu ihre Erfahrungen, die sie getarnt als Sympathisantin befassen. So erschienen vor allem in den 90ern des jahrelang in der rechtsradikalen Szene beobachtet. vergangenen Jahrhunderts in Bezug auf Über den wenig später von ReDeutschland gleich mehrere „Gleichzeitig besteht von journalisti- nate Bitzan (1997) herausgegebePublikationen, die von der scher Seite immer wieder die unbe- nen Band „Rechte Frauen – „Friedfertigkeit“ und gründete und daher rasch enttäuschte Skingirls, Walküren und feine „Opferrolle“ der Frau Abstand nahmen und Frauen Erwartung, mit diesem Thema neuar- Damen“ schreibt die Volksstimtige Sensationen liefern zu können.” me vom 27.11.1997: „Angestrebt zunehmend als Anhängerwird eine Sichtbarmachung und innen rechter Gesinnungen zugleich Differenzierung des Spektrums „rechter analysierten, um nicht zuletzt auch aufzuzeigen, Frauen“, die sich, offensichtlich, in keine einheitliche dass Frauen eben in den unterschiedlichsten SpekKlischeefigur fügen [lassen].“ In der 2000 veröffenttren des Rechtsextremismus aktiv waren und sind. lichten Forschungsarbeit „Selbstbilder rechter FrauIn den unterschiedlichen Besprechungen dieser en“ der gleichen Autorin verortet sie rechte Frauen Werke wurde zumeist auch deren Besonderheit und „zwischen Antisexismus und völkischem Denken“. Vorreiterrolle hervorgehoben. In diesem Zusam„Anfang der 90er Jahre erschien eine Vielzahl von menhang ist beispielsweise der Sammelband „KaPublikationen zum Thema „Frauen und Rechtsmeradinnen – Frauen stricken am rechten Netz“ der extremismus“ - reißerische Berichte in der BouleFantifa Marburg zu nennen, über den es in der vardpresse, aber auch theoretische AuseinanderVolksstimme vom 30.3.1995 heißt: „Inmitten einer setzungen mit dem rechtsextremen Frauenbild und regelrechten Flut – in bezug auf das vorangegangene dem Zugang von Frauen zu rechtsextremen OrienSchweigen – von Publikationen zum Thema tierungen, sowie empirische Untersuchungen waren „Frauen in der rechten Szene“ reiht sich dieses Buch nur scheinbar ein, denn weder wird ein – wie auch „en vogue“. In letzter Zeit ist wieder Ruhe eingekehrt, immer gearteter – Opferstatus von Frauen diagnodie Aktivitäten der heutigen Rechtsextremistinnen in stiziert, noch kommen Proponentinnen des Rechtsden Parteien und Organisationen werden in der Öfextremismus selbst unkommentiert zu Wort.“ fentlichkeit und der Wissenschaft, das heißt auch in

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der Frauenforschung, nicht mehr adäquat wahrgenommen.“ (Sturhan 1997: 104) Auch Brigitte Bailer-Galanda (1997) bemängelt in ihrem Text „Frauenbild und Frauenrepräsentanz im österreichischen Rechtsextremismus“: „Gleichzeitig besteht von journalistischer Seite immer wieder die unbegründete und daher rasch enttäuschte Erwartung, mit diesem Thema neuartige Sensationen liefern zu können. In Deutschland mündete dieses Interesse in einige von ihrer Aussagekraft eher wertlose Publikationen, die zumeist in einer analyselosen Aneinanderreihung von Interviews mit rechtsextremen Aktivistinnen bestehen.“ So verwundert es kaum, dass es um das Thema schnell wieder ruhig wurde. Eine der wenigen Ausnahmen in diesem Zusammenhang stellt der vom „Antifaschistischen Frauennetzwerk“ und „Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus“ herausgegebene Sammelband „Braune Schwestern- Feministische Analysen zu Frauen in der extremen Rechten“ dar, bei dem auch neuere Forschungsansätze aufgegriffen werden. So zeigt sich beispielsweise in dem Beitrag von Renate Bitzan, dass bei einer genaueren Betrachtung feministischer Ansätze Forschungen der letzten Jahre nicht nur gezeigt haben, dass Feminismus und Faschismus keineswegs in einem Widerspruch stehen, sondern auch, dass nicht nur, wie vermutet werden könnte, differenzfeministische Ansätze in rechtskonservativen bis rechtsextremen feministischen Ansätzen auftauchen, sondern durchwegs auch gleichheitsorientierte Ansätze. (Bitzan 2005: 82) Zuvor hatten sich die Publikationen Anfang der 1990er mit den Profilen rechter Frauen, ihren Positionen, den unterschiedlichen Frauenorganisationen beschäftigt und verschiedene (theoretische) Ansätze auch versucht, Erklärungen zu finden, was rechtes Gedankengut für Frauen attraktiv macht. Hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang einerseits ein Ansatz, der sich vor allem an der These der Dominanzkultur orientiert, andererseits jener der Affinität von Frauen für Rechtskonservatismus und Rechtsextremismus über

Verunsicherungen mit der Individualisierungsthese während der weiblichen Sozialisation zu erklären versucht. (Vgl. Köttig 2005: 58, Ottens 1997: 200ff) Andere wiederum halten an Theorien fest, die rechte / rechtsextreme Frauen durch patriarchale Unterdrückung zu erklären versuchen. Die meist als Sammelbände herausgegebenen Schriften beschäftigen sich nicht nur mit der Affinität von Frauen zu rechtem bis rechtsextremem Gedankengut, sondern versuchen auch unterschiedliche rechte bis rechtsextreme Frauengruppen wie beispielsweise die „Deutsche Frauenfront“ (DDF), „Skingirlfront Deutschland“ (SFD) oder die „Women for Aryan Unity“ (WAU) samt ihrer historischen Entwicklungen, Eigenheiten, Frauenbildern und so weiter näher zu untersuchen. Selten wird in diesen Werken auf Österreich Bezug genommen, obwohl beispielsweise die VAPO-Frauen ihren „deutschen Kameradinnen“ um nichts nachstehen und in der medialen Berichtserstattung immer wieder Erwähnung finden. So mussten sich 1997 auch in Österreich die „Gattinnen und Freundinnen der ehemaligen VAPO (Volkstreue Außerparlamentarische Opposition)-Kader wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung verantworten.“ (Uni Libre 1997: 15) Auch in einem Beitrag „Krimhields Töchter“ (Sax 1987: 102) heißt es über Jörg Schimanek, Sohn des „Argumente“-Redakteurs H.J. Schimanek, dass den Kameraden Frauen wichtig wären und er nach „ideologisch gefestigte[n] Mädchen, die andere Mädchen anwerben“ suchen würde. Dieser Versuch, durch Freundinnen und Ehegattinnen ihrer Mitglieder eine eigene Frauengruppe aufzubauen, war jedoch bereits in seiner Anfangsphase zum Scheitern verurteilt. In diesem Sinne meint auch Bailer-Galanda (1997): „Während für Deutschland bereits eine ganze Reihe von sozialwissenschaftlichen Studien

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und theoretisch orientierten Sammelbänden zur Thematik Frauen und Rechtsextremismus vorliegt, fehlen solche Untersuchungen für Österreich nach wie vor. Insgesamt wird dieser Fragenkomplex in verschiedener Hinsicht über- bzw. unterbewertet. ... Die eher spärlichen österreichischen sozialwissenschaftlichen Arbeiten zu Vorurteilsstrukturen bzw. rechtsextremen Einstellungsmustern verzichten nur zu oft darauf, nach Geschlechtern getrennte Auswertungen anzugeben.“ Bailer-Galanda (ebd.) bemängelt außerdem, dass die meisten Forschungsarbeiten „die wesentliche Frage des Geschlechterverhältnisses im Rechtsextremismus sowie der ideologischen Festschreibung der Frauenrolle in diesem Spektrum außer acht“ lassen. Dennoch kann auch nicht geleugnet werden, dass in der (extremen) Rechten nach wie vor Männer den politischen Bereich dominieren und auch das (medial verbreitete) Bild von Männern geprägt wird. Nichtsdestotrotz ist rechtes und rechtsextremes Gedankengut keineswegs ein „Männerproblem“ und Frauen, wie gerade auch in diesen Werken belegt wird, in keinster Weise weniger anfällig für reaktionäres Gedankengut sind. „Zwar sind Amtsträgerinnen in Machtpositionen [...] sehr selten, doch zeigt sich trotzdem die Bereitschaft von rechten bis rechtsextremen Frauen, wichtige Aufgaben zu übernehmen und vielleicht auch nach einer Parteikarriere zu streben [...].“ (Sturhan 1997 :116) So meint Brigitte Bailer-Galanda (1997), dass die rechtsextreme Szene Österreichs und der Bundesrepublik „deutlich klarer männerdominiert als andere Politikbereiche“ wäre, jedoch rund ein Drittel der WählerInnen weiblich sei. Gleichzeitig zeigt sich auch, dass, wenngleich Frauenbilder bzw. die Rolle der Frau unterschiedlich diskutiert werden, zumeist der großdeutsche Gedanke als einendes Bindeglied zwischen vermeintlich „männlichem“ und „weiblichen“ rechtem und rechtsextremen Gedankengut fungiert. Gleichzeitig muss angemerkt werden, wie auch Svenja Ottens (1997: 209) in ihrem Aufsatz „Eigene Motive - eigene Formen“ betont, dass „[g]erade indem die feministische Rechtsextremismusforschung sich auf die Analyse der Äußerungsformen und Motive bei Frauen konzentriert, läuft sie Gefahr, Geschlechterunterschiede überzubetonen und Frauen Besonder-

heiten zu unterstellen, die sich in einem Geschlechtervergleich vielleicht gar nicht als Spezifikum bei Frauen erweisen würden.“
Bailer-Galanda, Brigitte (1997): Frauenbild und Frauenrepräsentanz im österreichischen Rechtsextremismus. Referat Senatsarbeitskreis Innsbruck, 22. 1. 1997 Abrufbar unter http://www.doew.at/thema/thema_alt/rech ... ildre.html Bitzan, Renate (2005): Differenz und Gleichheit. Zur Geschlechterideologie rechter Frauen und ihren Anknüpfungspunkten zu feministischen Konzepten. In Antifaschistisches Frauennetzwerk, Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus [Hrg.innen] (2005): Braune Schwestern? Feministische Analyse zu Frauen in der extremen Rechten. Münster: Unrast Verlag Köttig, Michaela (2005): Mädchen und Frauen in der extremen Rechten. Ein Diskussionsbeitrag zu Erklärungskonzepten und Forschungsansätzen. In Antifaschistisches Frauennetzwerk, Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus [Hrg.innen] (2005): Braune Schwester? Feministische Analyse zu Frauen in der extremen Rechten. Münster: Unrast Verlag Ottens, Svenja (1997): Eigene Motive - eigene Formen. In Bitzan, Renate [Hrg.in] (1997): Rechte Frauen – Skingirls, Walküren und feine Damen, Berlin: Elefanten Press Sax, Manfred (1987): Kriemhilds Töchter. Die Frauen der Neonazis. In: Wiener September 1987, S. 97-102 Sturhan, Kathrin (1997): Zwischen Rechtskonservativismus und Neonazismus – Frauen in rechtsextremen Parteien und Organisationen. In Bitzan, Renate [Hrg.in] (1997): Rechte Frauen – Skingirls, Walküren und feine Damen, Berlin: Elefanten Press Uni Libre (1997): Wiederbetätigunganklage gegen VAPO-Frauen. In Uni Libre 3/1997, S.15

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PartisanInnen in den Literaturkanon! Autobiographische Werke aus Kärnten/Koroška
ber 60 Jahre Befreiung meint vor allem in Kärnten/Koroška „Niederlage" und in Bezug auf die Erinnerungstradition in erster Linie eine Kultivierung faschistoider und antislowenischer Brauchtumspflege. Dies verdeutlicht sich in der Fortsetzung eines Gedenkens, welches an die vermeintlichen „Opfer" der PartisanInnen erinnert, nicht jedoch an ihren antifaschistischen Beitrag zur Befreiung. Auch die von ehemaligen PartisanInnen und anderen Kärntner slowenischen AutorInnen niedergeschriebenen (Lebens-)Geschichten werden weitgehend marginalisiert und haben bis heute keinen Eingang in den Literaturkanon hierzulande gefunden. Dass die ohnehin in kleinen Verlagen publizierten Werke meist nur in niedriger Auflage produziert werden, spiegelt auch die mangelnde Nachfrage nach derartigen Texten wieder. Im Gegensatz zu anderer Kärntner Prominenz wie Turrini, Handke etc., die in ihren Werken ebenso Bezug auf die slowenische Minderheit nehmen, sind beispielsweise die Erzählungen von Prezihov Voranc, Janko Messner oder Florjan Lipus weder auf den Literaturlisten der Schulen noch in den meisten österreichischen Buchhandlungen anzutreffen. Der Drava Verlag hat in den letzten Jahren mehrere autobiographische Werke und Übersetzungen von ehemaligen PartisanInnen und/oder anderen (Kärntner) SlowenInnen, die sich auf unterschiedliche Art und Weise gegen das nationalsozialistische Vernichtungsregime zur Wehr setzten, veröffentlicht. So erschienen beispielsweise im Herbstprogramm 2007 die Erzählungen zweier Autoren, Anton Haderlap und Franc Kukovica, die die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und die damit verbundenen Erlebnisse aus der Perspektive der Kinder, die sie

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damals waren, literarisch verarbeiteten. So erzählt der 1933 in Blasnitzen/Plaznica, in der Gemeinde Eisenkappel - Vellach /Železna Kapla - Bela geborene Franc Kukovica in seinem Werk „Als uns die Sprache verboten wurde. Eine Kindheit in Kärnten (1938-1945)“ von der systematischen Ausschaltung der slowenischen Sprache in Kärnten/Koroška sowie der voranschreitenden Benachteiligung, Zurücksetzung und Demütigung von slowenischsprechenden Menschen durch die Nazis. In der Schule als „Windischer“ stigmatisiert, erinnert sich Kukovica auch an seine Angst, die Verluste, die er schon als Kind machen musste und an jene Männer und Frauen, die für die Freiheit kämpften und mit denen seine Eltern während des Kriegs in engem Kontakt standen. Während sein Vater in der Fabrik für die PartisanInnen nützliche Materialien, Gegenstände und Geld sammelte und sich später auch dem bewaffneten Widerstand anschloss, übernahm Kukovica selbst Kurierdienste. In seinen Erinnerungen schreibt er: „Bei der Erledigung meiner Kurierdienste fühlte ich in meinem Körper oft eine plötzliche Spannung, mir wurde so heiß, dass ich schwitzte, das Herz schlug mir sehr stark, ich fühlte es im Halse, Angst befiel mich. Gewöhnlich dann, wenn meine Zweiliterkanne vollgefüllt mit verschiedenen Sachen für die Partisanen war und ich am Wachposten vor der Brücke über die Vellach vorbei musste. Mit vollem Rucksack ging ich nie über die Brücke.“ Die Sprachauseinandersetzungen des späteren Lehrers werden in einem Anhang über den Bedeutungswandel des

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Empfindliche Irritation des Kärtner Konsenses: Partisan_innendenkmal am Persmanhof

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„Windischen“ sowie über die Eindeutschung sloweseinen Erinnerungen schreibt er: „Für einen jungen, nischer Familiennamen fortgeführt und durch neugierigen Menschen wie mich, war vieles schwer Dokumente und Fotos veranschaulicht. Seine Kindzu verstehen. Es gab viele Fragen, auf die man heitserinnerungen waren bereits 2006 auf einem Kind zu seinem Schutz und zum Schutz der Slowenisch unter dem Titel „Nepozabljeno“ im ganzen Gruppe keine Antwort geben durfte. Drava Verlag erschienen und wurden 2008 von Geheimhaltung war lebenswichtig. Zu großes Traudi Pasterk übersetzt. Aus der Perspektive eines Vertrauen und Arglosigkeit haben viele ins Vierzehnjährigen wird auch das autobiographische Verderben gestürzt. Immer musste man mit Werk „Graparji. So haben wir gelebt. Erinnerungen Verrätern, Spitzeln und Denunzianten rechnen. Also an Kärntner Slowenen in Frieden und Krieg“ von musste ich in meinem neuen Heim warten und Anton Haderlap, ebenso 2007 im Drava Verlag auf mich an das Leben im einsamen, muffigen Raum Slowenisch sowie auf Deutsch in der Übersetzung gewöhnen.“ „Banditenkinder“, wie die Kinder von von Metka Wakounig und Klaus Amann erschienen, PartisanInnen von den Nazis bezeichnet wurden, erzählt. Ebenfalls in der Gegend von Eisenkappel waren hingegen die beiden ErzählerInnen des von /Železna Kapla situiert, bearbeitet Haderlap die Lisa Rettl und Vida Obid herausgegebenen Katalogs Geschichte zur Ausstellung seiner eines Projekts, Familie, seiwelches sich zur nes Tals Aufgabe machte, sowie der „Jugendliche aus slowenischdem Grenzsprachigen gebiet ÖsterBevölkerung reich-Slowenien seit dem zusammenzuErsten Weltbringen und sie krieg bis zur zu motivieren, späteren Verständnis und Verfolgung Toleranz gegenund Unterüber Minderdrückung heiten zu entdurch die wickeln“. Nazis. So Gleichzeitig finden auch beinhaltet der die verharmunter dem Titel losend als „Partisanenkin‚Aussiedder“ veröffentlung’ bezeichneten Portrait bei den Gedenkfeiern zur Befreiung des KZs Loibl lichte, zweisprachig gehaltene Deportationen von Katalog auch zwei „Lebensmehr als 1000 Kärntner Sloweninnen und Slowenen geschichten von Kindern, die auf beiden Seiten der im Frühjahr 1942 Erwähnung in dem besagten heutigen Grenze zu Opfern des Nationalsozialismus Werk. Weiters beschreibt Haderlap auch den starken wurden, jedoch das Glück hatten, zu überleben.“ So Zulauf der slowenischsprachigen Bevölkerung erzählt Janez Kmet unter dem Titel „Ich lebte ohne Kärntens zu den PartisanInnen, denen sich auch Liebe und Zuneigung“ von seiner Mutter, die sich sein Vater anschloss. Während Haderlaps Mutter, den PartisanInnen angeschlossen hatte und von zwei Tanten und ein Onkel sowie eine im gemeinsaderen Tod er erst nach der Rückkehr seines Vaters, men Haushalt lebende Cousine Mici von den Nazis der ebenfalls als Partisan aktiv gewesen war, aus verhaftet und nach Ravensbrück und Dachau dem Krieg erfuhr. „Die Italiener hatten Kinder, die deportiert wurden, gelang dem Autor selbst gemeinsolche Kriegswaisen waren wie ich und deren Eltern sam mit einer weiteren Tante und seinem elfjährisie arretiert hatten, nach Italien verschleppt. Das gen Bruder Zdravko die Flucht in die Wälder, wo er waren die gestohlenen Kinder. Auch mich hätte versich ebenfalls dem bewaffneten Widerstand gegen mutlich dieses Schicksal ereilt, hätte nicht die den Nationalsozialismus anschloss, als Kurier tätig Organisation der Ziherl-Mama dafür gesorgt, uns wurde und so den Zweiten Weltkrieg überlebte. In irgendwie in verschiedenen Familien zu verstecken.“

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Auch nach 1945 lebte der Erzähler mehrere Jahre bei der Nazis zur Sprache bringt. Während der Großteil seiner Großmutter. Die Bedeutung des Worts der Familie die Gräueltaten überlebte, wurde bei„Mutter“ erfuhr er erst später, als sein Vater ein wei- spielsweise der älteste Sohn der Familie, Jozek, von teres Mal heiratete, aber auch in dieser Familiender Familie getrennt und wie sich 25 Jahre später konstellation wurde ihm nicht die Aufmerksamkeit herausstellte, von dem Konzentrationslager und Liebe zuteil, die er als Kind benötigt hätte und Mauthausen in das von Österreich so lange verso wünschte er sich auch, als er selbst schon Kinder schwiegene Konzentrationslager an der Nordseite des hatte, dass seine Mutter sich für ihn und nicht für Loiblpasses gebracht, wo er als einziger Kärntner den Widerstand entschieden hätte. Romana Verdel Slowene arbeitete, bevor er zurück in Mauthausen hingegen erzählt unter dem Titel „Wir sind immer umgebracht wurde. Unter dem Geleitwort von Heinz marschiert, von Bunker zu Bunker“ wie sie durch Fischer und einem Nachwort von Klaus Ottomayr, Zufall, weil sie mit einem Kind am benachbarten Hof der die Erzählung „selbst [als] Teil einer spielte, der Verschleppung ihrer Familie, die engen Traumaverarbeitung“ einstuft, beschreibt Kokot Kontakt zu den PartisanInnen pflegte, durch die jedoch nicht nur das Schicksal, das einem Großteil Gestapo entging. Da die Nachbarin das Kind jedoch der slowenischsprachigen Bevölkerung Kärntens/ nicht lange verstecken konnte, übergab sie es den Koroškas während der nationalsozialistischen PartisanInnen, wo Verdel einen Teil ihrer Kindheit in Vernichtungsherrschaft widerfahren ist, sondern Bunkern verbrachte und das mühsame Leben im auch die Schwierigkeiten nach dem Krieg. Als Kokot Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime als Neunjähriger mit seiner Familie nach dem Krieg kennenlernte. Von diesen Erfahrungen geprägt, in ihren Heimatort Oberdorf/Zgornja vas nei überlebt sie als eine der wenigen ihrer Familie die Köstenberg/Kostanje im Kärntner Rosental zurückGräueltaten der Nazis, da sie von Vater- und kehrte, musste jene ihren Bauernhof erst von einem Mutterseite insgesamt 13 Familienangehörige verlor. deutschsprachigen Nachbarn, dem dieser zugespro„Etwas anderes ist aber auch geblieben, nämlich dass chen worden war, wieder zurückverlangen. In seinen ich nie ein Vertrauen zu jemanden gehabt habe, über von Bildmaterial untermalten Beschreibungen hält meine eigenen Gefühle, also nicht nur die Kokot an seinen kindlichen Eindrücken fest und so Kriegsgefühle, sondern meine eigenen, ganz persön- wusste er beispielsweise von Krieg kaum etwas. lichen Gefühle zu reden. Das bleibt in mir. Ich weiß Dennoch erinnert er sich, als sein Vater über die nicht ob das gut ist, aber mit dem lebe ich.“ Alliierten sprach: „Ich wusste noch nicht, wen sie Wie bereits der Titel „Das Kind, das ich war. damit meinten. Ich konnte auch zwischen der Roten Erinnerungen an die Vertreibung der Slowenen aus Armee, den Amerikanern oder den Engländern nicht Kärnten“ des 1996 auf Slowenisch und 1999 auf unterscheiden. Für mich war die vergnügliche Fahrt Deutsch im Drava Verlag erschienen Werks von mit dem Lastwagen wichtiger als das Gerede über Andrej Kokot vermuten lässt, handelt es sich auch in Krieg und Frieden. Noch wichtiger waren die diesem Fall um die Lebensmittel, die wir von den Bauern “übergab sie es den PartisanInnen, bekamen.“ Der 1916 in Loibach/ Erinnerungen eines Kindes an wo Verdel einen Teil ihrer die Gräueltaten des Zweiten Libuče geborene Tone Jelen war zwar Weltkriegs. „Als sich ÖsterKindheit in Bunkern verbrachte alt genug, um sich als Erwachsener reich mit einer Abstimmung den PartisanInnen anzuschließen und und das mühsame Leben im an Hitlerdeutschland angeWiderstand gegen das nationalso- hatte dies auch geplant, seine frühzeitischlossen hatte und mit dem zialistische Regime kennen lernte. ge Verhaftung und spätere Odysee Namen Ostmark eine der Von diesen Erfahrungen geprägt, durch eine Vielzahl italienischer und Provinzen des Dritten Reiches deutscher Lager und Zuchthäuser, die überlebt sie als eine der wenigen geworden war, war ich zwei er während des Nationalsozialismus Jahre alt." schreibt Kokot am ihrer Familie die Gräueltaten der überlebte, verunmöglichte ihm jedoch, Nazis, da sie von Vater- und Beginn seiner Erzählung, in diese Entscheidung umzusetzen. Mutterseite insgesamt 13 der er u.a. die Deportation Davon berichtet er in der biographiFamilienangehörige verlor.” und Internierung seiner schen Erzählung, die unter dem Titel Familie in die verschiedenen „Auf den Spuren der Hoffnung. Lager Frauenaurach, Rehnitz, Rastatt und Odysee eines Kärntner Slowenen (1938-1945)” einer Gerlachsheim in den Jahren 1942-1945 beschreibt überarbeiteten Übersetzung der 2002 erschienenen und die unzähligen Erniedrigungen und Verbrechen slowenischsprachigen Erstausgabe von Vida Obid

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und Helena Verdel. Auch sein Jusstudium, das er mehrmals unterbrechen musste und erst nach dem Krieg abschließen konnte, trug zu seinen Entscheidungen bei. Nachdem er in Innsbruck nicht mehr weiter studieren konnte und sich auch nicht dem Dienst für das nationalsozialistische Regime unterordnen wollte, beschloss er, nach Jugoslawien zu fliehen. Nachdem er bereits als Student politisch aktiv gewesen war, wollte er Kontakt mit der slowenischen Befreiungsbewegung aufnehmen und sich den PartisanInnen anschließen. Er wurde jedoch zuvor im Juni 1942 von den italienischen BesatzerInnen verhaftet und in das Lager Gonars gebracht. Als „Reichsflüchtling“ wurde er jedoch der SS übergeben und landete im Gefängnis von Vigaun, wo er einen Hochverratsprozess erwartete. Zu Weihnachten 1942 wurde Jelen nach Klagenfurt/Celovec überstellt, wo er unter anderen jene Kärntner Slowenen kennen lernte, die wegen Hochverrats zum Tod verurteilt und im April 1943 hingerichtet wurden. Im Juli 1943 wurde Jelen schlussendlich vor Gericht gestellt: „Hauptsächlich wurden wir damit belastet, dass wir antideutschen Kreisen der Nationalslowenen angehören, dass wir uns willentlich und wohlüberlegt der Staatsbürgerpflicht der Wehrdienstleistung entzogen haben, was in Kriegszeiten ein besonders schweres Verbrechen darstellt. Das Urteil lautete: zehn Jahre strenges Zuchthaus und Verlust der Staatsbürgerrechte.“ Als ein „rechtskräftig Verurteilter“ kam er nicht in ein KZ, sondern in die Strafanstalt Stein, wo er das Massaker vom 6. April 1945 durch glückliche Fügung überlebte. Unter einem Vorwort von Andreas Pittler, einem Kommentar der ÜbersetzerInnen und durch zahlreiche Erklärungen und von Bildmaterial ergänzt, beschreibt Jelen auf eindrucksvolle Weise die Gräueltaten und Brutalität mehrerer Haftanstalten, die am eigenen Leibe erfahren musste. Die Hoffnung scheint er dabei nie aufgegeben zu haben. Auch Lipej Kolenik erkennt in seinem autobiographischen Werk „Für das Leben, gegen den Tod.

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Mein Weg in den Widerstand", die Entscheidung, sich den PartisanInnen anzuschließen, als klare Entscheidung für die Hoffnung und somit für das Leben. Die von Erwin Köstler übersetzte deutschsprachige Ausgabe erschien 2001 im Drava Verlag, die slowenische Erstausgabe wurde hingegen bereits 1997 im selben Verlag veröffentlicht. Nach einem Vorwort von Janko Messner beschreibt der 1925 in St. Margarethen bei Bleiburg/Smarjeta pri Pliberku Geborene die Zeit, als die Deportationen der slowenischen Bevölkerung aus Kärnten/Koroška einsetzten und der junge Lipej aus der Wehrmacht desertierte und sich den Partisanen anschloss. So werden sowohl Vertreibung, Aussiedlung sowie die systematische Benachteiligung und Demütigung von Angehörigen der slowenischen Minderheit als auch die Realität der deutschen Internierungslager, die Zwangsarbeit, dem Einzug vieler Kärntner Slowenen in die deutsche Wehrmacht und der Zulauf vieler Deserteure zu den PartisanInnen thematisiert. Seine unprätentiösen Ausführungen und Erinnerungen gehen aber auch auf das Risiko und die Gefahr, im „Bandengebiet“ von den Nazis erwischt zu werden, ein und beschreiben die Solidarität, mit der die slowenischsprachige Bevölkerung dennoch den Widerstand unterstützte. Nach seiner schweren Verletzung im März 1945 wurde er von Versteck zu Versteck gebracht, überlebte so die letzten Kriegsmonate. Seine präzisen Beschreibungen enden jedoch nicht mit Kriegsende, sondern bringen auch die Enttäuschungen nach der Befreiung zur Sprache, als Kolenik – so wie viele andere PartisanInnen in Österreich – diffamiert, wiederholt verhaftet, eingesperrt, als Verräter angesehen wurde. Er hatte nämlich wie auch vielen andere im Befreiungskampf der „Osvobodilna fronta“, der politischen Organisation der slowenischen PartisanInnenbewegung, für den Anschluss an „Tito-Jugoslawien“ plädiert und auch dafür gekämpft und wurde in weiterer Folge als Verräter und NichtPatriot diffamiert. „Um zu den Tagen nach Kriegsende zurückzukehren: Nach dem Abzug der Partisanenarmee waren wir Partisanen über Nacht

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zu unerwünschten Titokommunisten geworden. Wir Erfahrungen im Umgang mit den ehemaligen waren nicht wenig über solche Behandlung entPartisanInnen in Kärnten/Koroška nach 1945 aus, täuscht, schon über die Möglichkeit, dass die frühe- die sowohl von einem antislowenischen Geschichtsren Verbündeten sich der Befreiungsbewegung revisionismus gezeichnet waren als auch ehemalige schämten.“ Aber enttäuscht wurde Kolenik auch von Angehörige des PartisanInnenkampfes als vermeintder englischen Besatzungsmacht, die nicht nur die liche TäterInnen brandmarkten und sie somit von PartisanInnen zurückdrängte, sondern teilweise auch Neuem ausgrenzten. Neben den ca. 20 Zeitzeugmit ehemaligen, gesellschaftlich bald wieder inteInnenberichte fanden auch zwei wissenschaftliche grierten Nazis paktierte. Bis zu seinem traurigen Tod Beiträge von Brigitte Entner und Avguštin Malle letztes Jahr ist er jedoch politisch aktiv geblieben. Eingang in das Werk sowie ausgewählte Zitate aus Zuletzt erschien im dem „Slovenski vest“Auch seine Erlebnisse unter der britischen Herbstprogramm des nik“ um antisloweniBesatzungsmacht wie beispielsweise die Drava Verlags 2008 der sche, minderheitenExkommunikation der ehemaligen Angehörigen der und partisanenfeindlivon Lipej Kolenik her„Osvobodilna fronta“, parteiinterne Konflikte und ausgegebene und von che Vorkommnisse zu Richtungsstreitigkeiten zwischen den KommunistInnen dokumentieren. Vor Metka Wakounig übersetzte Sammelband allem die wissensowie Kärntner SlowenInnen sowie die nahtlose „Von Neuem - Die schaftlichen Beiträge Integration ehemaliger Nazis und anderer Kärntner Slowenen verdeutlichen nicht Deutschnationaler in führende Positionen des unter der britischen Nachkriegskärntens fanden Eingang in seinen Bericht.” nur die historische Besatzungsmacht nach Dimension und 1945. Zeitzeugen, Beiträge und Berichte“. In dem Relevanz der Berichte der ZeitzeugInnen, sondern Band verarbeitet und beschreibt Kolenik ebenfalls geben ihnen auch den richtigen Rahmen. Nicht nicht nur seine Zeit während der Befreiung, das nur zuletzt sind auch mehrere Nachrufe auf Kolenik entkurz andauernde Gefühl des Sieges über das menhalten, der leider bereits vor dem Erscheinen des schenverachtende Regime der Nazis sowie die Werks verstarb. Karel Prušnik-Gašper widerum Bestrebungen, Teile Südkärntens an Yugoslawien schrieb seine Autobiographie „Gemsen auf der anzuschließen. Auch seine Erlebnisse unter der briti- Lawine – Der Kärntner Partisanenkampf “, die bereits schen Besatzungsmacht wie beispielsweise die 1958 unter dem Titel „Gamsi na plazu“ in Ljubljana Exkommunikation der ehemaligen Angehörigen der erschienen war, in der Strafanstalt Karlau, in die er „Osvobodilna fronta“, parteiinterne Konflikte und Richtungsstreitigkeiten zwischen den KommunistInnen sowie Kärntner SlowenInnen sowie die nahtlose Integration ehemaliger Nazis und anderer Deutschnationaler in führende Positionen des Nachkriegskärntens fanden Eingang in seinen Bericht. Neben seinen Ausführungen sammelte Kolenik auch die Erzählungen anderer Zeitzeug-Innen seiner Generation, zu denen Marko Dumpelnik, Franc Hafner, Blaž Kordež, Lenčka Kralj, Peter Kuhar, Danilo Kupper, Kristi Lajčahar, Marija Lienhard, Janko Messner, Janez Milač, Mira Prušnik, Marija Smrečnik, Albert Smrečnik, Leopold Smrečnik, Karl Štorman, Lubo Urbajs, Janez Wutte – Luc, Marija Žele und Apolonija Žmavce gehören. Während der Großteil der genannten Kärntner SlowenInnen ihre Erlebnisse auf unterschiedliche Art und Weise selbst niederschrieben, protokollierte Kolenik die persönlichen Erinnerungen anderer und integrierte sie in weiterer Folge in das vorliegende Werk. Einen Schwerpunkt der verschiedenen Erzählungen machen dabei auch erneut die enttäuschenden Einzigartig in Koroska: Antifaschistischstes Museum

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nach dem Sieg über die Nazis von der britischen Besatzungsmacht interniert wurde. Auch er erlebte die Publikation seines Werkes in deutscher Sprache nicht mehr, da er kurz davor im Jahr 1980 starb, zuvor jedoch gemeinsam mit Avguštin Malle und Florian Lipuš an der deutschen Ausgabe gearbeitet hatte. In seinem persönlichen Bericht stehen ebenfalls die Erinnerungen an seinen Weg in den Widerstand gegen das nationalsozialistische Vernichtungsregime sowie “Unser Ziel war ein gerechter seine Zeit als Frieden, eine gerechte demokraPartisanInnenführer tische Ordnung, die völlige und die Menschen, Liquidierung des die ihn begleiteten Faschismus". Ein Ziel, das im ebenso im Vorderoffiziellen Kärnten/Koroška grund wie seine und seinem ewigen Enttäuschungen nach 1945. So wurde Abwehrkampf gegen alles er nämlich u.a. nach Undeutsche weder seiner Rede bei der manzutreffen war noch ist.” Denkmalenthüllung 1947 in St. Ruprecht zu 12 Monaten Haft verurteilt. In seinen detaillierten Erinnerungen beschreibt er folglich nicht nur den Umgang mit den PartisanInnen in Kärnten/Koroška, sondern auch mit der slowenischen Minderheit und versucht damit gegen den hegemonialen Geschichtsrevisionismus in Kärnten/ Koroška anzuschreiben und somit seinen Kampf auf gewisse Art und Weise auch fortzuführen. So schrieb Franci Zwitter, ehemaliger Obmann des Slowenischen Zentralverbandes Kärnten, zur ersten deutschsprachigen Ausgabe dieses Werkes 1980: „Das vorliegende Werk wird sicherlich dazu beitragen, nicht nur den ehemaligen Widerstandskampf der Kärntner Slowenen gegen den Nationalsozialismus im richtigen Lichte zu sehen, sondern auch den heutigen Kampf der Kärntner Slowenen um ihre verbrieften Rechte zu verstehen und die nach wie vor notwendige Einheit der slowenischsprachigen und deutschsprachigen fortschrittlichen Kräfte in ihren Bemühungen um die Sicherung und Festigung der schwer erkämpften Demokratie zu stärken.“ Für seinen Beitrag zur Befreiung wurde Prušnik-Gašper erst 1977 durch den Bundespräsidenten ausgezeichnet. So zeigt sich in den autobiographischen Schriften ehemaliger PartisanInnen, dass die Literatur eine der wenigen Möglichkeiten darstellte, dem von ihnen Erlebtem Gehör zu verschaffen, ihre Anliegen sichtbar zu machen und das auszusprechen, was nach 1945 in Kärnten/Koroška wie auch anderswo in Österreich fast niemand hören wollte. Auffallend bei

den Werken sind vor allem auch die zahlreichen Namen und Lebensgeschichten, an die sich die unterschiedlichen AutorInnen erinnern und welche auf diese Art und Weise Zeugnis von ihren Taten ablegen, um ihnen die Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen, die ihnen eigentlich zusteht. Die Werke sind Denkmäler für jene Menschen, die sich gegen den Nationalsozialismus zur Wehr setzten und/oder ihm zum Opfer fielen. So benennen die AutorInnen jene Menschen, die ihnen in der Not zur Seite gestanden sind, die PartisanInnen auf unterschiedliche Weise unterstützten oder an ihrer Seite kämpften. Durch die Erinnerungen an Menschen, die in den besagten Werken erwähnt und beschrieben werden, wird nicht zuletzt auch ihr Schicksal davor gerettet, vergessen zu werden. So ist es ihnen zu verdanken, dass diese Teile der deutsch-österreichischen Geschichte nicht in Vergessenheit geraten und als warnendes Mahnmal niedergeschrieben wurden. Keines der Werke endet mit der Befreiung vom Nationalsozialismus, vielmehr wird auch der Leidensweg thematisiert, der den Kärntner SlowenInnen und insbesondere den ehemaligen PartisanInnen unter ihnen auch nach 1945 noch bevorstand. „Wir ahnten, dass die Zukunft dem bisherigen Schicksal der Kärntner Slowenen gleichen würde“ schreibt Lipej Kolenik über die Nachkriegszeit, die für ihn in mancher Hinsicht noch schlimmer gewesen war. Als ehemaliger Partisane den Diffamierungen als „eigentlicher Täter und Verräter“ ausgesetzt und den großen Erwartungen der Freiheit entgegen wurde er von einer wieder installierten slowenInnenfeindlichen Kärntner Obrigkeit bis Ende 1949 13 Mal eingesperrt. Auch Karel Prušnik-Gašper, ein weiterer bekannter Kärntner PartisanInnenführer, erzählt in seinem Erinnerungsbuch „Gemsen auf der Lawine“ (1981) von seiner Verurteilung zu einer zwölfmonatigen Haft, weil er in seiner Rede bei der Denkmalenthüllung in St. Ruprecht 1947 unter anderem dazu aufgerufen hatte, das Denkmal möge den Kärntner SlowenInnen für alle Zeiten eine Mahnung sein, niemals wieder „Sklaven zu sein" und immer dann zu den Waffen zu greifen, wenn es darum geht, „gegen die Fremdherrschaft" zu kämpfen: „Unser Ziel war ein gerechter Frieden, eine gerechte demokratische Ordnung, die völlige Liquidierung des Faschismus". in Ziel, das im offiziellen Kärnten/Koroška und seinem ewigen Abwehrkampf gegen alles Undeutsche weder anzutreffen war noch ist.

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Delirieren durch Utopia
Stationen eines zeitlosen Experiments

ie hatte und hat es nie leicht gehabt, die oft aus wäre eure berechtigte Hoffnung, dass dieser akademisch-trüben Einleitung etwas Lebendigeres folgen einem längeren Gedankenspiel resultierende und eventuell gar nicht zur Realisierung drän- könnte, bereits eine moderne Utopie des dritten Jahrtausends und Blochs Sozialutopien kein gende Utopie: Des Öfteren von Neokonservativen (Fest...) totgesagt und in den Kontext der gescheiter- Pleonasmus. Keine Angst, ihr seid nicht alleine, dieten totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts gestellt, ser Ausschluss trifft sowohl pastorale Idyllen, in welchen sich der einsame Schäfer angesichts der arkadischon lange vor Morus gattungskonstituierendem schen Natur ein “Einst lebt ich wie die Götter” kaum Werk “Utopia” satirisch belächelt oder gar wie bei Aristophanes Vögeln, welche in luftigen Höhen flie- verkneifen kann, als auch ästhetische Welten, welche trotz ihrer teilweise visionären Gestaltung und aufgegend das Bestreben der erdigen Menschen nach der zeigten Möglichkeiten häufig gerade als letztmögBesten aller Welten betrachten, mit höhnendem Spott bedacht, erfreut sie sich dennoch einer virulen- licher Zufluchtsort vor der rauen Sozialität erachtet werden. ten Beliebtheit und leider auch Beliebigkeit. Beliebigkeit und Beliebtheit eines Begriffes reichen Letztgenannte ist, trotz des wirklich lobenswerten sich des Öfteren (auch ohne Bloch) zaghaft die Bemühens, das Kunstwerk der Sphäre einer rein Hände, so soll es kaum überraschen, dass auf einer kapitalistischen Verwertung zu entziehen, eine der Totalität basierende (wenn auch gut gemeinte) Konsequenzen des in Blochs Standardwerk “Das Definitionen wie Kunst/Literatur/Architektur... ist Prinzip Hoffnung” entwickelten und phasenweise von linksromantischer Nostalgie getragenen Modells. Utopie hier ebensowenig von Belang sind wie die oftJenes erhebt Utopie zur anthropologischen Konstante mals unserer visionären Radikalität entgegengehaltene und schon längst vor Engels abwertend verwendeund ist letztendlich zu universal gehalten: "Utopie te Formulierung “Das ist ja utopisch”! (Zumindest [...] beginnt schon beim kleinsten Tagtraum: der Lottogewinn, die Reise in Nein, hier geht es nicht um Realisierbarkeit oder könnten die den Süden, der neue Freund fragmentarische Utopiesplitter, sondern schlicht Empörten mittels / die neue Freundin, eine und ergreifend um literarische Utopien, die in der Verwendung des deutsche Regierung ohne Darstellung des sozial Machbaren auch stets die Begriffes dystopisch zeigen, wessen Geistes Kohl u. s. w.". Bloch ist so Kritik des Bestehenden eingeschrieben haben Kind sie sind, aber das weit gegangen, sogar die ist eine andere Geschichte.) Nein, hier geht es nicht aggressiven Tagträume vom Typus ,Tod der um Realisierbarkeit oder fragmentarische Schwiegermutter' als Beginn der Utopie anzuerkenUtopiesplitter, sondern schlicht und ergreifend um nen. Immer findet sich in unserem literarische Utopien, die in der Darstellung des sozial Lebenszusammenhang ein noch nicht eingelöstes, ein >Noch-Nicht<". Abgesehen von dem bei strenger Machbaren auch stets die Kritik des Bestehenden ontologischer Analyse auftauchenden Dilemma, dass eingeschrieben haben. Auch mit diesen ein Noch-Nicht weiterhin ein Nichts ist, verhilft die- Einschränkungen ist ihre Zahl Legion, die immense ser zu universalistische Utopiezugang auch rein indi- Aktualität der Utopie fasst Trousson in folgende vidualistischen oder ästhetischen Erfahrungen zu Worte: "Einzig in Utopia gibt es keine Utopien mehr." einem utopischen Charakter. Als Minimaldefinition Funke erweitert Trousson lakonisch mit “nur in in dieser (Oh Schreck) bescheidenen Serie wird von Utopia gibt es keine Utopieforschung, aber selbst das Utopien als “soziales Gestaltetes” ausgegangen, sonst ist nicht so sicher”.

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Wir registrieren das wohlwollend und widmen uns endlich den ersten literarischen Utopien.

Zwei Gelehrtenrepubliken
Zwischen Klopstocks 1774 erschienener “Deutscher Gelehrtenrepublik” und Arno Schmidts beißender Parodie “Die Gelehrtenrepublik” liegen 183 Jahre, während Klopstocks “aufgeklärtes”, antifeudales Projekt eine Institutionalisierung einer deutschen Gelehrtenrepublik nach dem Vorbild europäischer Nationalstaaten – Frankreich besaß seit Richelieu, Preußen seit Leibniz “seine” Akademie – vorantreibt, wagt Arno Schmidt im historischen Kontext des desillusionierenden Nachkriegsdeutschlands eine literarische Korrektur der “deutschen Spielart” des Geschichtspositivismus. Eine Warnung vorweg: Klopstocks Werk zählt zu den langweiligsten der gesamten deutschen Literaturgeschichte und bedient mit seiner paragraphenähnlichen Gliederung der Gesetze das sich hartnäckig haltende Vorurteil der stilistischen Armut so mancher Utopien, zudem strotzt es nur so von expansivem Patriotismus, Elitismus und für heutige Leser_innen unverständlichen Sprachpurismus, könnte also genausogut nostalgische Lektüre so mancher Burschis sein. Radikal erfrischend präsentiert sich hier Arno Schmidts Szenario: Gesteht er den "deutschen Landen" in der Schule der Atheisten noch ein kleines, streng atheistisches “Reservat”, welches zwischen amerikanischen Matriarchat und chinesischen Patriarchat vom Tourismus abhängig ist, zu, ist im Jahre 2008 ganz Europa im Sinne mancher nuklearen Warnutopien von der Landkarte gelöscht. Der Journalist Winer bereist die moderne Gelehrtenrepublik in Form einer schwimmenden Stahlinsel, welche als sozialgeschichtlicher Reflex des Kalten Krieges in rivalisierende Hälften geteilt und als optimaler Forschungsort gedacht ist. Da das "InterworldGesetz Nr. 187" die Publikation politisch brisanter

Inhalte in lebende Sprachen verbietet, wird der Bericht Winers in eine tote Sprache, das Deutsche, welches “nicht mehr lebendigen Schritt [...] mit der technischen oder sozialen Entwicklung halten”(AS, p. 8) kann, übersetzt. Diese Arbeit übernimmt ein wohl ganz bewußt in Argentinien weilender, emeritierter Studiendirektor namens Chr. M. Stadion, welcher mit seinen insgesamt 94 Anmerkungen zu dem saloppen Bericht einen parodistischen, aber auch ideologischen Kontrast bildet. Jener markiert auch den Namen Klopstock und führt den Titel ein: “Für die IRAS (=International Republic for Artists and Scientists) des Originals. Ich wähle das deutsche Wort, zum ehrenden Gedenken an das uns – zumindest einstens – geläufige Stück des großen Klopstock”(AS, p. 78). Spätestens ab diesem Zeitpunkt wird die Kontrastierung zwischen Klopstockschen Gesetzen wie Landesverweis wegen Publikation in Fremdsprachen oder Herabsetzung von Modewörtern, welche “unter dem Scheine etwas Neues zu sagen, das Alte nur verwirren”(K, p. 55) und der vor Neologismen und phonetischen Schreibweisen nur so strotzenden Ausdrucksweise des Amerikaners Winer offensichtlich. Die Kontrastierung ist jedoch nicht sprachphilosophisch auf den Sprachpurismus reduziert, sondern gewinnt logischerweise, falls ein desillusionierter "Altnazi" aus seinem argentinischen Exil übersetzt, auch an politischem Gehalt. So kommentiert er Winers Schillerstoffe: “Was nichts mit unserem teuren deutschen Toten zu schaffen hat, sondern im Sinne von <Irisieren> zu verstehen ist” (AS, p. 69). Arno Schmidt operiert auf vielen referentiellen Ebenen, um deutsches Expansions- und Hegemonialstreben, welches bei Klopstock noch dezidiert und höchst pathetisch ausformuliert ist, in seiner Gefährlich- und Haltlosigkeit zu kennzeichnen. Klopstocks “Von Ariovisten bis Hermannen thaten die Römer zehn Feldzüge nach Deutschland: Einen gegen Hütten, zween zur Schau, einen geflüchteten, fünf siegende, keinen erobernden; den letzten

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ohne Widerkehr” (K, p. 137), transformiert Schmidt leicht erkennbar zu “Von Konrad bis Adenauer taten die Deutschen 10 Feldzüge nach Rußland: 4 gegen Hütten; 2 zur Schau; 2 geflüchtete; 2 erobernde; keinen siegenden; den letzten ohne Wiederkehr.” (AS, p. 160). Besonders interessant sind Verflechtungen im intertextuellen Universum Schmidts. So kommentiert Winer das auf der Gelehrtenrepublik aufgeführte Massenbachstück seines Urgroßenkels Arno Schmidt (welcher sich wiederholt in seine eigene Romane schummelt, siehe den Namen des Übersetzers) mit “Wenn der tatsächlich schon vor 1800 gesagt hatte: “Europa wird eine Wüste und Amerika tritt an dessen Stelle.” : ”Deutschland wird geteilt, wie Polen geteilt worden ist”(AS, p. 22), während der im argentinischen Exil grummelnde Übersetzer für dieses Werk einzig “Eine tendenziöse Verherrlichung des vergessenen Landesveräters von 1806”(AS, p. 126) übrig hat.

Wir sehen hier eindrucksvoll, dass selbst in fast rein literarischen Universen Utopie stets das Potential hat, das Bestehende gerade im Kontrast zu der erdachten Welt in vielen Facetten zu kritisieren. Das restriktive Klima der Adenauerzeit und der aus den Erfahrungen des 2. Weltkrieges resultierende Geschichtspessimismus sind nur zwei Aspekte, welche hier hervorgehoben werden können, zudem kann es keine Utopie geben, welche der Komplexität sämtlicher Aspekte menschlichen Daseins gerecht wird. Welche Dynamik die Stahlinsel erfasst und ob die Gelehrtenrepublik ihrem Namen gerecht wird, sowie was es mit dem Hominidenstreifen und Pferdeköpfen auf sich hat, solltet ihr unbedingt selber lesen.
Illustration: Auch satirisch der Utopietradition verpflichtet: Schmidts Plan der vermeintlichen Ordnungsutopie AS= Arno Schmidt: Die Gelehrtenrepublik. K= Klopstock: Die deutsche Gelehrtenrepublik

„Frauen, die zur Waffe griffen“ - Widerstand jugoslawischer Partisaninnen
Der ihm Rahmen der Reihe zur Feministischen Geschichtswissenschaft erschiene 17. Band der L'Homme Schriften widmet sich dem breiten Spektrum der Beteiligung von Frauen am aktiven und passiven Widerstand in Jugoslawien zwischen 1941-1945. Barbara Wiesinger geht dabei sowohl auf den Alltag der Partisaninnen, ihre Motive wie auch die Art der Beteiligung in Titos „Volksbefreiungskampf “ ein. Neben der Bearbeitung von Fachliteratur und Interviews mit ehemaligen Partisaninnen zeigt die Autorin die Schwierigkeiten der Recherche, die sich aufgrund der oftmals unkritischen Aufarbeitung offizieller Dokumentsammlungen sowie der Verklärung der „Volksheldinnen“ ergeben. So spricht beispielsweise das „Lexikon des Volksbefreiungskrieges und der Revolution in Jugoslawien“ von der stark übertriebenen Zahl von 100.000 Frauen, die in Titos Volksbefreiungsarmee gedient hätten, von denen 25.000 gefallen und 40.000 verletzt worden seien. Wiesinger zeigt aber auch, dass die Rolle der Frauen im kommunistischen Widerstand nicht immer einfach war, Emanzipation und Gleichberechtigung wurden von Parteiführungen zwar propagiert, selten jedoch umgesetzt. So stellt das „Fehlen eines Bewusstseins von weiblicher Kriegsbeteiligung in der Geschichte“ ihrer Meinung nach eine der „wichtigsten Ursachen dafür dar, dass der Einsatz von Frauen als Kämpferinnen in der Volksbefreiungsarmee umstritten war.“ Die unter dem Titel „Partisaninnen“ veröffentlichte und mit dem Herbert Steiner-Preis ausgezeichnete Dissertation hat sich demnach nicht nur einem äußerst schwierigen Thema genähert, sondern vor allem eine Forschungslücke gefüllt.
Wiesinger, Barbara N.: Partisaninnen. Widerstand in Jugoslawien 1941-1945. Wien, Köln, Weimar: Böhlau 2008.

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