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Gesundheitsrisiko Ungleichheit

Hintergrund: Epidemiologen untersuchen, warum in


hierarchischen Gesellschaften Erkrankungsrisiken ein
soziales Gefälle aufweisen
Von Michael Zander

Aus junge Welt 03.05.2011 / Thema / Seite 10

Mit dem Klischee von der ungesund und disziplinlos lebenden »Unterschicht« wird
Politik gemacht. Tatsächlich ist es die Gesamtheit ihrer Existenzbedingungen, die
das Leben der Armen verkürzt Foto: dpa

Gezwungen durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, beschloß die Bundesregierung


am 3. Dezember 2010 einen Hartz-IV-Regelsatz auf neuer Berechnungsgrundlage. Für
Erwerbslose und abhängig Beschäftigte war dies nicht nur deshalb eine Niederlage, weil die
Erhöhung des Regelsatzes lächerliche fünf Euro betrug. Ihnen wurde obendrein noch
vermittelt, daß andere darüber entscheiden, welche ihrer konsumtiven Bedürfnisse als legitim
anzusehen sind und welche nicht. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) spielte sich
auf Kosten der Erwerbslosen zum Moral- und Gesundheitsapostel auf. Ausgaben für Tabak
und Alkohol waren aus der Berechnung gestrichen worden. »Das sind Genußmittel, die nicht
existenzsichernd sind«, belehrte die Ministerin die Öffentlichkeit (Die Welt, 27.9.10). Bereits
Monate vor dem Beschluß meinte die FDP-Fraktionschefin Birgit Homburger, es werde »viel
Geld ausgegeben, um über die Gesundheitsschäden durch Tabak aufzuklären«. Sie sei daher
nicht der Meinung, daß Rauchen zum Grundbedarf gehört. Auch habe sie »starke Zweifel, ob
die Allgemeinheit den Alkoholkonsum (…) für Arbeitslose weiter bezahlen muß« (Der
Tagesspiegel, 26.9.10). Der Präsident des »arbeitgebernahen« Ifo-Instituts für
Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, nannte den Konsum von Bier oder Zigaretten einen
»Luxus«, der Erwerbslosen nicht zustehe (Rheinische Post, 25.9.10). Ähnlich steht es
übrigens mit so erlesenen Gütern wie Benzin, einem Haustier oder einem Garten, für die im
Regelsatz ebenfalls kein anteiliger Betrag vorgesehen ist (Rheinische Post, 27.9.10).

Daß von der Leyen, Homburger und Sinn mit derartigen Äußerungen keine dem Anlaß
angemessenen Proteste ernten, dürfte nicht zuletzt etwas mit lang geschürten Vorurteilen
gegen Erwerbslose und Arbeiter zu tun haben. Diese werden häufig »Unterschicht« genannt
und verdächtigt, ein ungesundes und disziplinloses Leben zu führen. Besonders drastisch
äußerte sich diesbezüglich vor einigen Jahren der damalige Grüne Oswald Metzger (heute
CDU): »Menschen, die von Transfereinkommen leben«, würden »nicht aktiviert«, meinte er.
»Viele« sähen »ihren Lebenssinn darin, Kohlehydrate oder Alkohol in sich hineinzustopfen,
vor dem Fernseher zu sitzen und das gleiche den eigenen Kindern angedeihen zu lassen. Die
wachsen dann verdickt und verdummt auf« (Der Stern, 20.11.07). Thilo Sarrazin (SPD)

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meint, Menschen mit geringem Einkommen hätten sich gesundheitliche Probleme selbst
zuzuschreiben. »Weil du arm bist, mußt du früher sterben«, heiße es, aber dies sei ein
»dummer und polemischer Spruch« (Deutschland schafft sich ab, S. 121). »Wenn es einen
Zusammenhang zwischen Armut und Gesundheit gibt, dann äußert sich dieser über
Verhaltensparameter, nämlich über Ernährung, Suchtverhalten und körperliche Bewegung.
(…) Nicht die materielle, sondern die geistige und moralische Armut ist das Problem. Diese
wirkt sich auf das Verhalten aus und das wiederum auf die Gesundheit« (S. 121 ff.). Weitere
Beispiele für derartige Einlassungen könnten beliebig ergänzt werden.

»Sozialer Gradient«

Tatsächlich untersucht die Epidemiologie einen Zusammenhang zwischen Armut und


Gesundheit und kommt dabei zu bemerkenswerten Einsichten. Nicht einmal Sarrazin und Co.
werden bestreiten, daß in der Vergangenheit die persönliche Gesundheit stark davon abhing,
welcher sozialen Klasse man angehörte. Zwar sind es in Thomas Manns Roman »Der
Zauberberg« die Reichen, die an Tuberkulose erkranken, hauptsächlich traf es jedoch das
Proletariat. Obwohl Robert Koch (1843–1910) bereits 1882 den Tuberkel-Bazillus als Erreger
nachweisen konnte, waren es nicht im engeren Sinne medizinische Maßnahmen, mit denen
man die Verbreitung der Tbc zunächst eindämmte. Lange bevor in den 1950er Jahren die
ersten wirksamen Medikamente zur Anwendung kamen, konnten die Todesfälle deutlich
gesenkt werden. Bewirkt wurde dies durch eine Verbesserung der Lebensverhältnisse und
insbesondere der Ernährungslage.

Heute sind in Europa an die Stelle von Tuberkulose andere Beeinträchtigungen getreten, vor
allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wie im 19. Jahrhundert sind davon nicht alle Klassen
und Schichten in gleichem Maß betroffen. Entlang den gesellschaftlichen Hierarchien,
gemessen an Vermögen, Einkommen, Bildungsabschluß und Berufsposition, besteht ein
Gefälle bezüglich der Chance auf Gesundheit und Langlebigkeit. In der Fachsprache heißt
das, daß Erkrankungen einen »sozialen Gradienten« aufweisen. Einen wichtigen Beitrag zur
Erforschung dieses Gradienten leisteten zwei Langzeiterhebungen in Großbritannien, die
sogenannten Whitehall-Studien. Von 1967 bis heute wurden etwa 28000 Angestellte des
öffentlichen Dienstes untersucht. Das zentrale, auch für die Wissenschaftler in dieser
Deutlichkeit überraschende Ergebnis lautete: Je niedriger ein Angestellter in der Hierarchie
des öffentlichen Dienstes steht, desto höher sein Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung
und desto geringer seine Lebenserwartung. Im Rahmen von Whitehall I wurden zunächst nur
männliche Probanden untersucht, weil man damals glaubte, Herzinfarkte seien vor allem ein
Männerproblem. Whitehall II bezog dann ab 1984 auch weibliche Angestellte mit ein, und es
zeigte sich, daß ein sozialer Gradient über die Geschlechtergrenzen hinweg besteht.

Für eine Erklärung wäre es naheliegend, auf unterschiedliche Lebensstile zu verweisen. Die
unteren Angestellten rauchen tendentiell eher, sie bevorzugen fettreichere Kost und bewegen
sich weniger. Allerdings ist es möglich, in einer Statistik diese verhaltensbezogenen Faktoren
herauszurechnen, indem man sie konstant hält, beispielsweise indem man nur Nichtraucher
miteinander vergleicht. Wie Analysen zeigen, kann nur ein knappes Drittel der in Whitehall II
gemessenen gesundheitlichen Unterschiede zwischen den Ebenen der Angestelltenhierarchie
auf den individuellen Lebensstil zurückgeführt werden. Gesundheitsschädliches Verhalten
spielt eine wichtige, aber dennoch eher untergeordnete Rolle. Die entscheidenden Faktoren
müssen andere sein. Darüber hinaus wäre zu fragen, warum solches Verhalten in den unteren
Klassen gehäuft vorkommt, auch wenn die Betroffenen über das Risiko informiert sind.

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Überraschender Befund

Michael Marmot ist Epidemiologe und Leiter von Whitehall II. Bis 2008 war er Vorsitzender
einer Kommission der Weltgesundheitsorganisation, die sich mit sozialen Faktoren von
Gesundheit befaßt. In seinem Buch »Status Syndrome« (London: Bloomsburry, 2005)
diskutiert er Forschungsergebnisse zum sozialen Gradienten von Gesundheit.

Eine ganze Reihe von Krankheiten weist heutzutage einen sozialen Gradienten auf. Darunter
finden sich das Risiko für Schlaganfall, Erkrankungen des Herzens, der Lunge, der Leber, des
Magen-Darm-Trakts und viele psychische Leiden. Zahlenmäßig fallen bei letzteren vor allem
Diagnosen der sogenannten kleinen Psychiatrie ins Gewicht, also beispielsweise
Depressionen oder Angststörungen. Wer weiter unten in der Hierarchie steht, hat eine
geringere Lebenserwartung und ein höheres Risiko, durch einen Unfall, Selbstmord oder
Gewalt zu sterben. Der Gradient entsteht nicht nur durch Unterschiede zwischen den sehr
Reichen und den sehr Armen, vielmehr erstreckt sich das Gefälle über alle sozialen
Positionen. Dieser Befund ist, wie Marmot schreibt, »ziemlich überraschend«, geradezu
erstaunlich: Warum sollten, wie im öffentlichen Dienst, »gut ausgebildete Menschen mit
guten, sicheren Arbeitsplätzen ein höheres Risiko haben, tot umzufallen, als Menschen mit
etwas mehr Bildung und einer etwas besseren Stelle? (…) Warum sollte jemand mit einem
Masterabschluß eine längere Lebenserwartung haben als jemand mit einem Bachelor?« Daran
knüpft sich die Frage, wie soziale Phänomene körperliche Folgen zeitigen können.

Langer Schatten der Arbeit

Eine wichtige Antwort lautet: Streß. Dieser Begriff bedeutet allerdings in der Forschung, wie
Marmot betont, etwas anderes als im alltäglichen Sprachgebrauch. Streß heißt nicht einfach,
beschäftigt zu sein und viele Termine zu haben. Menschen entwickeln in
Bedrohungssituationen eine Form von Streß, bei der Cortisol ausgeschüttet wird und die bei
Tieren die Fluchtbereitschaft erhöht. Häufiger als Erdbeben und andere bedrohliche
Naturereignisse müssen Menschen soziale Gefahren fürchten, beispielsweise Beschämung
oder Unterlegenheit. Chronischer Streß, so die Kernthese Marmots, weist selbst einen
sozialen Gradienten auf und trägt wesentlich zu einer Vielzahl von Erkrankungen bei. Er tritt
dann auf, wenn es Menschen an Autonomie fehlt, d.h. an Einfluß auf die eigenen
Lebensbedingungen, an Vorhersagbarkeit von Ereignissen und an hilfreichen Beziehungen.
Unter diesen Umständen werden Schwierigkeiten, die anderen als positive Herausforderung
erscheinen mögen, als belastend erlebt.

Marmot unterstreicht in diesem Zusammenhang den »langen Schatten der Arbeit«. Diese
erfüllt in der bestehenden Gesellschaft wichtige Funktionen, von denen man im Fall von
Erwerbslosigkeit ausgeschlossen ist. Arbeit sichert erstens Einkommen und Lebenschancen;
zweitens hat sie Folgen für die eigene Entwicklung und das Selbstbild; und drittens definiert
der Beruf den sozialen Status. Man kann, wie Marmot lakonisch anmerkt, der schlechteste
Vater, Sohn oder Bruder der Welt sein; ist man beispielsweise der Arzt vor Ort, dann ist man
jemand in der Gemeinde. Ob allerdings Arbeit die Gesundheit eher stabilisiert oder
beeinträchtigt, hängt von ihren Eigenheiten ab. Dies betrifft nicht nur offensichtliche
Belastungen wie schwere körperliche Tätigkeiten, Schichtdienst, Lärm oder den Kontakt mit
Schadstoffen. Wichtig ist das Verhältnis zwischen Anforderungen und Einflußmöglichkeiten
bzw. zwischen Mühen und Belohnungen. Müssen Menschen in Arbeitsbedingungen
ausharren, unter denen dieses Verhältnis ungünstig ist, stellt dies ein erhebliches
Gesundheitsrisiko dar.

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Verlust der Freiheit

Diese Einsichten haben auch Bedeutung für das, was in reichen Gesellschaften unter Armut
zu verstehen ist. Rechtspopulisten wie Sarrazin verfolgen zwei Strategien: Zum einen
polemisieren sie gegen einen Begriff relativer Armut. Demzufolge werde es immer Arme
geben, auch dann, wenn alle ihr Einkommen verdoppeln könnten. Zum anderen bestreiten sie,
daß es in einem Land wie der BRD Armut gibt, indem sie, gelegentlich mit Verweis auf die
»Globalisierung«, Maßstäbe der Dritten Welt oder vergangener Epochen anlegen. Sarrazins
berüchtigte Rechnung, wonach man sich auch mit einem Hartz-IV-Budget »gesund und
abwechslungsreich« ernähren könne, wurde an anderer Stelle kritisiert (jW-Thema vom
23.9.10). Obendrein hält Sarrazin Gesundheit für eine »Gabe der Natur«. Daß in Deutschland
die Essenstafeln florieren, habe mit Armut nichts zu tun: »Wo es etwas umsonst gibt, wird das
Gesamtbudget entlastet.« Ebenso gut könne man Unterhaltungselektronik verschenken, dem
fehle aber »der für Wohltäter so attraktive biblisch-emotionale Appeal (...), den eine
öffentliche Speisung hat«. Das Geld würde besser investiert in »Kochkurse,
Hauswirtschaftskurse und Verhaltenstrainings für die Unterschicht«. Indem er angebliche
Verhaltensdefizite vorschiebt, lenkt Sarrazin vom eigentlichen Problem des Mangels ab.
Mühelos kann er sich mit den Rentenansprüchen eines Spitzenbeamten als disziplinierter
Asket inszenieren. Finanzielle Mittel sind aber umso wichtiger, je weniger man davon hat.

Marmot zitiert eine Umfrage, in der Menschen aufzählten, was sie haben oder tun müßten, um
nicht arm zu sein. Mindestens 50 Prozent der Befragten nannten folgende Gegenstände oder
Aktivitäten: Kaputte Elektrogeräte und abgenutzte Möbel ersetzen, eine Wohnung mit
angemessener Einrichtung bewohnen, eine Hausratversicherung, Telefon, Fernsehen,
Teppiche, Geld für persönliche Ausgaben, besondere Kleidung für Bewerbungsgespräche
oder andere soziale Anlässe, Familie und Freunde zu Feierlichkeiten oder zum Essen
einladen, Geschenke für sie kaufen, in den Urlaub fahren. Es sind all diese Dinge des Alltags,
für die bei Erwerbslosigkeit oft das Geld fehlt und die schmerzlich an die eigene soziale Lage
erinnern. Armut in einem reichen Land heißt aber noch mehr. Es bedeutet, seine Freiheit zu
verlieren, denn zur Freiheit gehört, an gesellschaftlichen Gütern teilzuhaben, die eigenen
Lebensumstände beeinflussen zu können und nicht der Willkür anderer, beispielsweise der
Behörden, ausgeliefert zu sein. Nicht das Leben führen zu können, das man führen will,
verursacht chronischen Streß und damit ein erhöhtes Krankheitsrisiko. Unter diesen
Umständen dürfte es sehr naheliegend sein, sich zurückzuziehen und sich mit all jenen
Gewohnheiten zu entschädigen, auf die so viele Politiker gleichsam mit Fingern zeigen:
Rauchen, Alkohol, fett- und kohlehydratreiche Kost und eine Bequemlichkeit, die körperliche
Bewegung deutlich reduziert. »Ungesundes Verhalten« zu ändern heißt auch und vor allem,
Verhältnisse zu ändern, unter denen ein solches Verhalten notwendig ist. Eine
Gesundheitspolitik, die das verschweigt und obendrein noch die Lasten der medizinischen
Versorgung überproportional den Geringverdienenden aufbürdet, ist nur Heuchelei.

Die Gene sind es nicht

Klagen über angebliche Lasterhaftigkeit der Armen wird übrigens nicht erst in unseren Tagen
geführt. Bereits eine der ersten sozialwissenschaftlichen Studien überhaupt, Friedrich Engels’
»Lage der arbeitenden Klasse in England« von 1845 spielt kritisch auf diese Sichtweise an:
»Die Fehler der Arbeiter lassen sich überhaupt alle auf Zügellosigkeit der Genußsucht,
Mangel an Vorhersicht und an Fügsamkeit in die soziale Ordnung, überhaupt auf die
Unfähigkeit, den augenblicklichen Genuß dem ferneren Vorteil zu opfern, zurückführen«
(MEW 2, S. 355). Dies sei jedoch kein Wunder. »Eine Klasse (...), die allen möglichen
Zufällen unterworfen ist, die gar keine Sicherheit der Lebenslage kennt, was für Gründe, was

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für ein Interesse hat die, Vorhersicht zu üben, ein ›solides‹ Leben zu führen und, statt von der
Gunst des Augenblicks zu profitieren, auf einen entfernteren Genuß zu denken, der gerade für
sie und ihre ewig schwankende, sich überschlagende Stellung noch sehr ungewiß ist?« (ebd.,
S.355f.)

Marmot befaßt sich ausführlich mit konkurrierenden Erklärungsansätzen für den sozialen
Gradienten und insbesondere für das erhöhte Krankheitsrisiko bei Erwerbslosigkeit. Die
genetische Ausstattung kann demnach nicht entscheidend sein, denn die ist relativ konstant
geblieben, während neben der Gesundheit beispielsweise auch die gemessene Intelligenz oder
die Körpergröße sich in historisch kurzer Frist erhöht haben; gleichzeitig haben sich die
Relationen ihres sozialen Gradienten verschoben. Aus den epochalen Verbesserungen der
Gesundheit leitet Marmot seinen Optimismus zur Änderbarkeit der ungleichen Risiken ab.
Neben der Genetik berufen sich manche Ansätze auf die These, daß nicht Erwerbslosigkeit
krank mache, sondern daß umgekehrt Kranke schwieriger eine Stelle bekämen und behielten.
In der Regierungszeit Margaret Thatchers stieg die Erwerbslosigkeit so stark an, daß eine
schlechtere Gesundheit der Entlassenen nicht länger als Erklärung taugte. Ein weiteres
schlagendes Gegenbeispiel sind die Entwicklungen in Mittel- und Osteuropa. Bereits in den
letzten zwei Jahrzehnten des damaligen Sozialismus sowjetischer Prägung verringerte sich die
Lebenserwartung im Vergleich zu Westeuropa. Mit Einführung des Kapitalismus, dem
Zusammenbruch der gesellschaftlichen Infrastrukturen und dem starken Anstieg der
Erwerbslosigkeit sackte sie insbesondere in der ehemaligen Sowjetunion jäh ab. Bald klaffte
zwischen der Lebenserwartung von Jugendlichen in der EU und derjenigen in Rußland eine
Lücke von 15 Jahren! Dafür entwickelten sich im neuen Kapitalismus krasse soziale
Ungleichheiten, deren spektakulärstes Merkmal eine reiche und verschwenderische
Oberschicht ist. Russische Erwerbslose sollen diese Lage mit dem Satz kommentieren: »Das
Schlimmste am Kommunismus ist der Postkommunismus.« Durch eine höhere
Erkrankungsrate unter den Entlassenen können diese Entwicklungen jedenfalls nicht erklärt
werden.

Ländervergleiche

Für Aufsehen sorgte 2010 die deutsche Übersetzung eines Buchs der britisch-amerikanischen
Epidemiologen Kate Pickett und Richard Wilkinson (Gleichheit ist Glück. Warum gerechte
Gesellschaften für alle besser sind, Frankfurt/M.: Tolkemitt). Im Mittelpunkt des Buchs steht
der Vergleich zwischen reichen Gesellschaften, der bei Marmot eher am Rande behandelt
wird. Die Autoren zeigen statistische Korrelationen zwischen der Verteilung der Einkommen
und dem Ausmaß von gesundheitlichen und sozialen Problemen, die innerhalb der
Gesellschaft einen sozialen Gradienten aufweisen. Je höher die Ungleichverteilung der
Einkommen, desto geringer ist die Lebenserwartung und desto häufiger sind psychische
Leiden, Teenagerschwangerschaften, Schulabbrüche, Tötungsdelikte, der Anteil von
Inhaftierten an der Bevölkerung usw. In den zahlreichen Grafiken stehen die USA,
Großbritannien und Portugal meist auf der ungünstigen Seite der Verteilung, Japan und die
skandinavischen Länder am anderen Ende. Frankreich, Kanada, Deutschland, Griechenland
und andere bilden das Mittelfeld. Als wichtigen kausalen Faktor betrachten die Autoren
wiederum Streß und Statusangst, die durch Konkurrenz und Hierarchien ausgelöst werden. Im
Ländervergleich wird besonders deutlich, was auch Marmot betont, daß nicht nur Arme von
sozialer Ungleichheit negativ betroffen sind, sondern alle Mitglieder einer Gesellschaft, also
selbst die Reichen. So liegen die Erkrankungsraten bei Diabetes, Bluthochdruck, Lungen- und
Herzkrankheiten in den USA höher als in England, und dies betrifft alle Bildungsschichten.
Und in Schweden fallen die Sterbeziffern (Todesfälle pro 10000) unter den Männern im
arbeitsfähigen Alter über alle Schichten hinweg geringer aus als in England und Wales. Auch

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die Wohlhabenden und Gebildeten müssen um ihre soziale Position fürchten. Um den
Gefahren einer unsicheren Gesellschaft zu begegnen, beschäftigen sie beispielsweise
Sicherheitsdienste und ziehen sich in bewachte Wohngegenden, sogenannte gated
communities zurück.

In einem Beitrag für das renommierte British Medical Journal befassen sich Marmot und
Wilkinson mit dem Einwand, die Konzentration auf psychosoziale Faktoren vernachlässige
den materiellen Mangel und begünstige so eine konservative Politik, die auf Verbesserung der
unmittelbaren Lebensbedingungen der Armen verzichte. Dem halten sie eine Studie entgegen,
wonach Schwarze in den USA ein vierfach höheres Einkommen hatten als in Costa Rica, aber
eine um neun Jahre geringere Lebenserwartung. Letztere müsse etwas mit den psychosozialen
Effekten relativer Armut zu tun haben, etwa mit Bildungsbenachteiligungen, Rassismus,
Geschlechterdiskriminierung oder Angst vor Verbrechen. Zu zeigen, daß eine
gesellschaftliche Struktur und relativer Mangel schmerzliche psychosoziale Folgen haben
können, sei das genaue Gegenteil von »victim blaming«, also des Versuchs, den Betroffenen
die Schuld an ihrer Lage in die Schuhe zu schieben.

Befürchtungen, sie seien möglicherweise für Sozialismus, suchen Pickett und Wilkinson zu
beruhigen. Alle Daten stammten aus »entwickelten marktwirtschaftlichen Demokratien«; zu
diskutieren sei nicht über »Demokratie an sich«, sondern »über die Unterschiede zwischen
demokratischen Gesellschaften«. Es brauche »gewiß keine Revolution, um die Dinge
zurechtzurücken«. Diese Stellungnahme wirft sicher viele Fragen auf. So ließe sich etwa
einwenden, daß nicht alle der untersuchten Länder in gleichem Maße demokratisch sind und
daß unter Umständen auch Demokratien zu ihrer Durchsetzung Revolutionen und zu ihrer
ungehinderten Entwicklung Sozialismus benötigen könnten. Damit verläßt man allerdings die
Ebene der Befunde und ihrer Interpretation und wendet sich der politischen Strategie zu.

An dieser Stelle ist vielleicht von Interesse, wie der FDP-Generalsekretär Dirk Niebel das
Buch von Pickett und Wilkinson kommentiert. Unter der Überschrift »Ungleichheit ist
besser« schreibt er im Berliner Tagesspiegel (14.12.10): »Menschen verbinden Glück,
Fortschritt und Lebenschancen nicht mit Gleichheit – sondern mit Freiheit. Um diese Freiheit
sorgen sich Liberale. (…) Der Liberalismus unterscheidet sich von der Philosophie der
Gleichheit dadurch, daß er Ungleichheit nicht bedauert, sondern als Preis der Freiheit
akzeptiert – sofern sie Ergebnis eines fairen, an für alle gleichen Regeln orientierten
Wettbewerbs ist. (…) In der Freiheitsordnung ist der Starke nicht automatisch und dauerhaft
stark, der Schwache nicht automatisch und dauerhaft schwach. Freiheit, Chancengerechtigkeit
und soziale Durchlässigkeit sind die Quellen der Hoffnung, daß Schweiß und Tränen durch
sozialen Aufstieg belohnt werden. Wer wissen will, wofür die FDP arbeitet: dafür.«

Damit wäre das auch geklärt.

* Michael Zander ist Psychologe und lebt in Berlin