Avalist

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Zeitung am Historischen Seminar

Das Glück des Mannes, nie arbeitslos!!

Gehobener Mediumismus mit 57 Variationen des Wortes „Historiker“!! Nr. 36, Mai 2011

Aus der Redaktion

Studentische Zeitung am Historischen Seminar der Universität Hannover
Ausgabe 36 - Mai 2011 - c/o AStA der Leibniz Universität Hannover - Welfengarten 2C - 30167 Hannover - redaktionavalist@web.de Wir suchen laufend Leute mit Interesse am Schreiben, Layouten und Kreativ sein. Den Termin für die nächsten Redaktionstreffe geben wir am Ratsbrett (vor dem HistorikA-Café), unter www.avalistluh.wordpress.com oder www.studierendenrat.wordpress.com bekannt. Redaktion: Lisa Dopke, Viviane Lüer. Jan Heinemann, Jonathan Voges, Sophie SchmidtDrewniok, Kathy Schlüter, Laura Kemper, Yannik Roth, Leon Passchier, Kristian Kröger.

Avalist
Der Neue!

Aus der Redaktion

Editorial
von der Redaktion
Gestern war Holland, heute der 1. Mai. Tag der Arbeit. Beides Feiertage. Wir feierten den Königinnentag und der Arbeit mit der Fertigstellung dieser Ausgabe – Ausgabe 36. Die Redaktion konnte eine Großzahl der Rechtschreibfehler ausmerzen- wollten wir doch unseren Rekord der letzten Ausgabe mit 49 Fehlern unbedingt unterbieten. Wir hatten viele Helfer am Wochenende, so unter anderem jemanden vom Asta, der Lisa beim Umgang mit InDesign geholen hat. Dieser Helfer hat auch seinen Namen auf einen Zettel geschrieben, der kam allerdings im Aufräumwahn abhanden. Trotzdem vielen Dank, unbekannter Astahelfer! An dieser Stelle auch ganz ganz ganz viel Dank an die anderen Schreiberlinge und unsere Karikatistin Sophie (die diesmal so viele Karikaturen gezeichnet hat, wie nie zuvor) ausgesprochen! Ohne euch wär diese Ausgabe nicht zustande gekommen. Wieder einmal hat es also sehr viel Spaß gemacht und wieder einmal war das Redaktionswochenende erfolgreich. Sehr erfolgreich sogar. Wir haben eine richtig dicke Ausgabe zusammen bekommen. „Gender Studies Reloaded“ – dies ist der Titel von Ausgabe 36. Warum? Weil einfach viele Dinge mal gesagt werden mussten und… warum auch nicht? Aber wir geben zu: nicht alle Artikel sind unbedingt gegendert – bei einem Kneipenabend entstand beispielsweise die Idee, eine neue Kategorie einzufügen. Ihr dürft nun in jeder AvalistAusgabe eine historische Persönlichkeit erraten (S. 43) – danke, Arne und Niels! In dieser Ausgabe sind wir wirklich zeitnah am Geschehen – auch ganz gendermäßig. Wir schrieben über die Frauenquote (S.9), über die Hochzeit von Kate und William (S. 11) und (nicht gegendert) über Fukushima (S. 39). Zudem haben wir dieses Mal gleich zwei Reiseberichte im Heft: Malta und Thüringen. Entscheidet euch selbst, wo ihr lieber hin möchtet… Gesagt werden sollte auch noch, dass mittlerweile ein (beinahe fast) neuer Redaktionskern entstanden ist – nicht wundern also, wenn einige Namen unbekannt erscheinen. Wie ihr auf dem Gruppenfoto (S. 47, vielen Dank an Frau Hatzky fürs Foto machen!) erkennen könnt, gehört Rainald Grebe jetzt auch dazu. Dank gebührt an dies Stelle dem/der fleißigen, aber doch anonymen Fehlersuchenden(In), welche/r uns auf etliche Fehler in der letzten Ausgabe aufmerksam machte. Wir würden uns freuen, dich, anonyme/r FehlerpolizistIn beim nächsten Redaktionswochenende begrüßen zu dürfen! Ansonsten gilt aber: viel Spaß bei der Fehlersuche – wer die meisten findet, wird im nächsten Heft auch gerne namentlich erwähnt! Es ist ja wie die Suche nach dem Osterei: wenn man es gefunden hat, dann freut man sich, isst es und wartet auf nächstes Jahr. Über die Ostereier vergisst man jedoch oftmals die eigentliche Bedeutung des Osterfestes – die Auferstehung Jesu. Werdet Avalisten, erkennt die eigentliche Bedeutung hinter der Fehlersuche, nämlich die zweite Ausgabe unseres auferstandenen Avalists! Für alle Ungläubigen gilt: es gibt, wie extraviele Ostereier, auch extra Fehler in dieser Ausgabe. Nahezu alle Wörter die etwas mit „historisch“ zu tun haben sind falsch geschrieben. Zählt sie, sagt im Café die Zahl und es gibt einen Kaffee! Mitglieder der Redaktion ausgeschlossen! Eine weitere Neuerung ist ein während des Redaktionswochenendes gedrehtes Video. Dieses wird dann auf unserem Blog einsehbar sein, was allerdings noch ein bisschen dauern kann – also verfolgt immer schön unsere Updates, auch bei Twitter und Facebook: www.avalistluh.wordpress.com www.twitter.com/avalistluh www.facebook.com/avalist Unsere nächsten Termine für Interessierte, Autoren und Redakteure: 08.07.2011: 12 Uhr im HistorikA-Café – Vorbesprechung und Artikelverteilung 07.10.-09.10.2011: Redaktionswochenende Und nun viel Spaß beim Lesen!

Special Support:
Studierendenrat Geschichte, Özlem Yabansu, Hannes Scheland.

Impressum Editorial

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Inhalt

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Für die Exoten unter uns

Wissen

11. April 1954

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Mehr als nur ein Aufschrei? 39 Gender....Was zur Hölle Von MännerInnen Seimal ein Mann! William und Kate Asmaa Mahfouz Die Schraube zurückdrehen

T itel

4 7 9 11 13 15

At the Mountains of Madness Ein neues Selbstbewusstsein

Welfengarten

Studenten gefragt 24 26

WikiLeaks nach dem Sturm 41

Rest
London Sessions Hitler und die Angst vorm Tod Gejagt- Auf Leben und Tod

Die Welt

Wer bin ich? 28
29 30 31

43 43
45

Oh ma pauvre Patrie!
Wider die deutschen Zustände!

Im Moore
Studierendenrat aktuell Die Jungen wilden Weisheiten Cocktailabend 16 17 18 19

Das Leben ohne braune Brühe....

Thüringen - Das grüne Herz Deutsch33 lands Die spinnen, die Malteser!

Aus der Redaktion
Ticker, Sprüche Aber selber, Termine, Kontakt, Extra 46

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47

Printshop Volgersweg 13 30175 Hannover http://www.printshop-hannover.de

Printed by:

Eure Avalist-Redaktion
P.S.: Wie immer gilt: bitte nicht alles so ernst nehmen!

Anmerkung: Alle „älteren Werbeanzeigen“ stammen aus dem Simplicissimus (erschienen 8.Juni 1914).

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Avalist 36, Mai 2011

Avalist 36, Mai 2011

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Titel: Gender Studies reloaded

Titel: Gender Studies reloaded
Erklärung so rückständig erscheint? Immerhin schrieb Platon das „Gastmahl“ bereits um 380 vor Christus! Ziemlich schnell (schon in der Einleitung) musste ich also feststellen, dass Gender Studies kein Synonym für Feminismus, ist und dass das alles auch nicht so viel mit Alice Schwarzer zu tun hat (auch, aber nicht nur). Gender beschreibt eben nicht nur das Geschlecht, also jenen indiskutablen biologischen Unterschied, sondern vielmehr das „soziale Geschlecht“. Zurecht magst du dich jetzt fragen, was zur Hölle das nun sein soll… Lass es mich so erklären: Es gibt auch in unserer Zeit der scheinbaren Gleichberechtigung eine bestimmte Rollenverteilung. Eine Rollenverteilung, die so fest in unserem binär-geprägten Weltbild verankert ist, dass wir sie kaum noch aktiv wahrnehmen. Schon ein Blick in die alltägliche Werbung genügt, um diese These zu bestätigen: Frauen loben das neue Persil über den Klee und stopfen ihre perfekten Kinder mit Süßigkeiten voll, während die Männer sich den Kopf über Altersvorsorge und Bausparverträge zerbrechen. Hinzu kommen die nicht enden wollenden Shows eines bestimmten Stand-up Comedian, der sich nicht zu fein dazu für nichts weltbewegendes zu interessieren scheint. Denn Männer sitzen gerne Bier trinkend und Fußball guckend vor dem Fernseher, während Frauen tratschen und Café Latte schlürfen. Ja, ich weiß, das sind wirklich abgedroschene Klischees. Aber frage dich einmal selbst, ob sie nicht einer gewissen Daseinsberechtigung unterliegen. Was das jetzt alles mit Gender Studies zu tun hat? Nun ja, dieses oft belächelte und gemeinhin unterschätzte Gebiet der Forschung beschäftigt sich mit der Frage, warum unsere Gesellschaft so binär gespalten ist, wie sie ist. Warum wir uns als Frau fühlen, wenn wir uns Kleider anziehen, warum wir uns als Mann fühlen, wenn wir Fußball gucken. Oder, wie Simone de Beauvoir es ausgedrückt hat: Geschlecht ist Handeln. Ein Handeln, das uns von der Gesellschaft aufinstruiert wird, das uns sagt, wie wir uns zu verhalten haben, wenn wir als Mann oder Frau geboren werden. Laut den Gender Studies ist jenes Geschlecht, dass wir ja als so gegeben hinnehmen, eigentlich nichts weiter ist, als ein Konstrukt. Ein Konstrukt, das von der Gesellschaft eifrig gehegt und gepflegt wird und dadurch ein System etabliert, dem es nur sehr schwer zu entrinnen gilt. Vor allem dann, wenn jemand sich außerhalb dieser klar aufgeteilten Bipolarität zwischen weiblich und männlich wiederfindet. Immer noch ist Heterosexualität in unserer Gesellschaft als Norm etabliert und so etwas wie Transsexualität steht dem, obwohl augenscheinlich akzeptiert, als Ausnahme gegenüber. Der Grund dafür ist genauso einfach wie bestürzend: Weil es uns schwer fällt, die Welt um uns herum in all ihren Graustufen zu begreifen, statt sie einfach nur als schwarz oder weiß, männlich oder weiblich, gut oder schlecht zu sehen. Die Gender Studies untergraben diese „göttliche“ Bipolarität. Sie bedienen sich dabei der post-strukturalistischen Theorie und stellen nicht nur die Kategorie Geschlecht in Frage sondern auch solche wie „class“ und „race“. Solche vorbestimmten Muster werden, so die Gender-Forschung, dazu benutzt um hierarchische Machtstrukturen zu erhalten. Es ist ja kein Geheimnis und auch keine umstrittene Tatsache, dass die Politik der letzten Jahrhunderte vor allem eine männlich geprägte Politik war. Frauen wurden, vor allem am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, als von Natur aus schwächer, feiner, zarter erklärt, aufgrund eben jenes biologischen Unterschieds.

Gender... Was zur Hölle...??? Ein Erfahrungsbericht...
Laura Kemper
In einer Zeit, in der sich immer wieder neue Bereiche der Wissenschaft auftun, sind wohl die „Gender Studies“ eines der am meisten debattierten. Sicherlich hast auch du schon einmal was von Gender Studies gehört. Und vielleicht hast du dich, genauso wie ich, gefragt was das eigentlich sein soll. Als alteingesessene Anglistin kommt mir sofort die Assoziation „Geschlecht“ in den Kopf. Also ein Interessenbereich, bei dem es um Geschlechter geht, im weitesten Sinne. Und da hört es ja für viele auch schon auf. Verständlicherweise, denn mir ging es genauso. Ich dachte zuerst an Feminismus, Alice Schwarzer, Frauenquote und solche Dinge. Etwas, mit dem ich mich nie, nie, NIE beschäftigen wollte, denn für mich war die Sache klar: Es gibt eben Männer und Frauen und zwischen ihnen einen deutlichen, nicht wegzudiskutierenden Unterschied (mal größer, mal kleiner, haha). Peng, aus, Ende im Gelände. Denn so wird es ja auch vermittelt – am Anfang waren Adam und Eva, die sich nicht beherrschen konnten… Und dann, urplötzlich, mir ist bis jetzt nicht so ganz klar, wie ich da eigentlich hineingeraten bin, saß ich in einem Seminar mit dem Titel „Einführung in die Gender Studies“. Wie das Leben eben manchmal so spielt. Also begann ich damit, mir das (meiner Meinung nach) viel zu überteuerte Einführungswerk zu kaufen. Ich dachte: So schwer kann das ja nicht sein, ein bisschen Blah-blah über die Rechte der Frauen, schnell eine These zusammengeschustert und dann die Note kassiert! Ich hätte nicht weiter daneben liegen können! Denn die Auseinandersetzung mit „Gender Studies“ sich als folgenreicher, als ich zuerst hätte ahnen können. Man stelle sich die Büchse der Pandora vor: Einmal geöffnet, lässt sie sich ja bekannter Weise nie wieder schließen.

Als erstes stolperte ich über Platons Kugelmenschen; eben jene abstrusen Gestalten über die Aristophanes in Platons „Gastmahl“ berichtet, unsere kugelförmigen Vorfahren, die sich rollend fortbewegen. (Unweigerlich kommt mir hier Mr. Garrison‘s „It“ in den Sinn, aber dazu wann anders mal mehr!) Und ich komme nicht umhin, mich über diese scheinbar harmonische Vorstellung des Ursprungs der Geschlechter zu wundern. Denn am Anfang, so Aristophanes, gab es drei Wesen, die Frau-Frau, den Mann-Mann und das Mann-Frau. Aber diese Wesen, so vollkommen in sich vereint, waren so stark, dass sie sich gegen die Götter auflehnten. Zeus war ‚not amused‘ über die ganze Geschichte und entschied kurzerhand, die Wesen zu bestrafen indem er sie durchtrennte – und sie dazu verdammte, für immer ihrer verlorengegangenen Hälfte hinterher zu jagen. Erstaunlich ist daran, dass den alten Griechen daher gleichgeschlechtliche Liebe als völlig natürlich erschien. Das kennt der Mensch der Moderne nicht. Man denke nur mal an das Dritte Reich, als homosexuell zu sein noch ein guter Grund dafür war, ins Lager abgeschoben zu werden. Was also ist passiert, dass unsere Vorstellung der Geschlechterverteilung mir angesichts der antiken

ist, der ganzen BRD haarklein zu zerlegen, wie dämlich (haha) seine Freundin ist, weil sie Blue Ray für einen Schauspieler hält und sich außer für Schuhe und Klamotten

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Avalist 36, Mai 2011

Avalist 36, Mai 2011

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Titel: Gender Studies reloaded
Zum Beispiel wurden Frauen, die unglücklich oder einfach nur depressiv waren, gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts oft und gern als „hysterisch“ hingestellt. Noch immer hat dieses Wort für uns eine Bedeutung. Damals wurde diesem „Krankheitsbild“ ein ganzes Register voller Symptome zugesagt. Die Hysterie (das Wort stammt übrigens vom griechischen ‚hystera‘ ab, was auch eine Bezeichnung für die Gebärmutter war) war ein weibliches Phänomen und oft bestand die Heilung darin, eine Frau an ihr Bett zu fesseln und 24/7 im Haus einzusperren, damit sie sich „beruhigt“. Man stelle sich heute einmal einen Depressionspatienten vor, der der Welt schon überdrüssig ist. Wie wird er sich wohl fühlen, wenn er den ganzen Tag lang an die Raufasertapete starrt? Aber auch über die Hysterie hinaus war das Frauenbild des späten neunzehnten Jahrhunderts geprägt von der Vorstellung der blassen, zerbrechlichen, kränklichen Hausfrau, die, immer bedacht auf ihr Äußeres, die täglichen Hausarbeiten erledigt und die Kinder zur Welt bringt. Eine solche, (augenscheinlich von der Natur bestimmte) Ordnung ermöglicht es dem Mann, über die Frau zu „herrschen“. So wirft bereits Ende des 18. Jahrhunderts Mary Wollstonecraft, eine „Vorbereiterin“ des Feminismus, ihren Geschlechtsgenossinnen vor, dass sie ihre soziale Rolle akzeptieren und ihre intellektuellen Talente verschwenden. Doch im Unterschied zum Feminismus zweifeln die Gender Studies sogar die Annahme an, dass es die Identität „Frau“ als homogene Kategorie überhaupt gibt. Sie argumentieren, dass die Grenzen zwischen den Geschlechtern viel durchlässiger sind. Man stelle es sich wie eine Art Fragebogen vor: Anstatt zweier von einander getrennter Kästchen unter denen ‚männlich‘ und ‚weiblich‘ steht, sehen die Gender Studies eine fortlaufende Linie, eine Skala zwischen beiden Extremen. Fühle ich mich nun in Bezug auf meinen Klamottenstil eher weiblich? Okay, aber das muss nicht automatisch heißen, dass ich nicht genauso gerne Fußball gucke. Because the truth is somewhere in-between – es gibt weder genau das Eine oder das Andere, sondern unzählige, verschiedene Abstufungen dazwischen. Bei all diesen post-strukturalistischen Ansätzen, dem ständigen Hinterfragen der Dinge, die wir als gegeben hinnehmen, fällt es jedoch schwer, die Gender Studies von anderen Disziplinen klar abzugrenzen. Heutzutage nennt man ein solches Interessenfeld ‚interdisziplinär‘, da es sich an den verschiedensten, theoretischen Richtungen bedient. Wie soll ich die Gender-Verhältnisse in einer sozialen Gruppe betrachten, ohne das nötige, sozialwissenschaftliche Handwerk? Und wenn ich die politischen Hierarchien einer Kultur untersuche? Wie viel Hintergrundwissen von welcher Disziplin benötige ich eigentlich um als ordentlicher Gender-Forscher durchzugehen? Und was zur Hölle kann ich mit einem Bachelor in Gender Studies machen? Außerdem möchte ich an dieser Stelle eine gut gemeinte Warnung aussprechen. Sich zu lange den Kopf über Poststrukturalismus zu zerbrechen, kann auf Dauer ernsthaft verwirren und zu erheblichen Kopfschmerzen beitragen! Letztendlich habe ich gerne mit Barbies gespielt, auch wenn das heißt, dass ich mich von einem gesellschaftlichen Konstrukt habe hinreißen lassen. Die Gender Theorie entbehrt nicht einer gewissen Daseinsberechtigung, denn es ist schwer in der Grauzone zu leben, nicht dazu zu gehören zu der breiten Masse und trotzdem ein halbwegs normales Leben zu führen. Auch als leidenschaftliche Literaturwissenschaftlerin fällt es mir schwer, jedes einzelne Werk auf Gender-Merkmale zu untersuchen. Und das aus zweierlei Gründen: Erstens lässt sich alles, aber auch alles, irgendwie Gender-mäßig betrachten. Zweitens raubt es einem romantischen Gedicht wirklich allen Charme, achtet man nur darauf, dass die weibliche Protagonistin einem Stereotype der Zeit entspricht. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch Werke, in denen eine Betrachtung der Gender-Identitäten durchaus interessant sein kann. Man denke da nur mal an Herrn Oscar Wilde oder Walt Whitman (Anglistin, sag ich ja...). Wie du siehst, sind die Gender Studies eine komplizierte Angelegenheit. Büchse der Pandora, sag ich nur! Und doch bin ich, als anfängliche Skeptikerin, nun der Überzeugung, dass ein wenig Zweifel durchaus berechtigt ist. Weil eben bei genauerem Betrachten eigentlich nichts nur in jene, vereinfachte Bipolarität aufgeteilt ist und dass wir nur dazu tendieren jenes zu ignorieren oder „einzunorden“, was nicht in dieses Schema passt.
Literatur: Schößler, Einführung in die Gender Studies, in: Iwan-Michelangelo D‘Aprile, Akademie Studienbücher Literaturwissenschaft, Berlin, 2008

Titel: Gender Studies reloaded

Von MännerInnen und Frauen
ein Kommentar
Jonathan Voges
Ja, ja, als Frau wird man nicht geboren, zur Frau wird man gemacht, das wusste schon Madame Beauvoir – Gleiches gilt sicher auch für den Mann, selbst in initiationsritenfreien Peergroups oder auch ganz ohne. Und schon stecken wir mitten im Dilemma: Denn wie schön ist doch das Passiv, zeigt es uns doch, mit wem etwas geschieht, schweigt aber achso häufig verschämt darüber, wer nun eigentlich der tatsächlich Handelnde ist. Und genau darum sollte es doch auch in zeitgemäß ausgerichteten geschlechtergeschichtlichen Studien gehen – das ist keine Frage der Gerechtigkeit, sondern eine des wissenschaftlichen Interesses. Wie läuft es aber stattdessen so häufig? Man(n) erfährt, dass die Frau an sich zwar ein biologisches Geschlecht habe, sich dem aber nun doch recht aufdringlich auch ein/eine „Gender“ hinzugeselle. Der Mann hingegen hat nur die Macht, ihr letzteres ganz nach seinem Gusto zuzuweisen; wovon er auch perfide – so isser halt – gerne Gebrauch macht. Und weil er nun nicht nur gemein, sondern zusätzlich noch bauernschlau und gerissen (aber bei Göttin nicht intelligent, davor bewahre uns der ich weiß nicht wer) ist, macht er die Frau glauben, dass sie mit der Rolle, die er ihr – fürsorglich, wie er dummdreist meint – zugewiesen hat, glücklich ist; und wenn schon nicht glücklich, so doch wenigstens im Glauben, dass sie nicht die Möglichkeit besitze, sich aus diesen Zwängen zu befreien. Wie befreiend ist es dagegen, auf den guten alten Wehler zu hören, der im Bielefelder Kliotempel hinter allem eunuchenhaft geschlechts- und sicher auch genderlose Strukturen vermutet, für die der einzelne Mensch gänzlich unverantwortlich ist – denn die Verhältnisse sind nun mal nicht so. (Okay, das kommt von Brecht, und der ist nun allerdings für alles Mögliche bekannt, nicht aber für eine genderkorrekte Sprachwahl oder gar Lebensweise. Bei Wehler bin ich mir bei letzterem nicht so sicher.) Wie interessant wäre es dagegen, doch einmal zu fragen, wann der Mann denn nun ein Mann ist, und diese Frage nicht einfach der neudeutsch gewellten Populärkultur zu

überlassen; und selbst die arbeitet ja zu einem großen Teil mit den seit Jahrhunderten eingefahrenen Zuschreibungen und wenn sie sie hinterfragt, dann letztlich ja auch nur, um sie wiederum zu bestätigen. Um hinter diese Bilder zu gelangen, bedarf es einer kritischen (und warum nicht auch fröhlichen) Wissenschaft. Nur sie ist in der Lage, derartige Stereotype auf ihren Sinngehalt und auch auf ihre Entwicklungsgeschichte hin abzuklopfen – und genau das könnte die Geschichtswissenschaft leisten. Zum Glück geschieht dies auch immer häufiger mit immer interessanteren Ergebnissen: Eine mehr als überfällige Kulturalisierung der Militärgeschichte hinterfragt das als typisch männlich gekennzeichnete Konstrukt der soldatischen Kameradschaft und nimmt ihr so einen Gutteil ihres männerbündelnden Zaubers; anhand von Duellen aus dem 19. Jahrhundert wird der maskuline Ehrbegriff analysiert und in seinem Konstruktionscharakter entlarvt – was am Ende dabei herauskommt, zeigt, dass es sich letztlich dabei vielleicht doch nicht um mehr handelt als um ein präpubertäres Werhatdenlängsten, das mit militaristischem Pomp bis zur Unkenntlichkeit aufgepumpt wurde. Trotz allem glaubt man(n) natürlich auch weiterhin gerne daran, dass Männer dafür da sind, überschwere Koffer von Frauen zu tragen. Und selbstredend sind Frauen dafür da, ihre Koffer übervoll zu packen, auch wenn sie

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Avalist 36, Mai 2011

Avalist 36, Mai 2011

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Titel: Gender Studies reloaded
genau wissen, dass sie deren Inhalte niemals benötigen werden: Sie tun es aber trotzdem, damit der Mann etwas zu tragen hat und so seine Stärke beweisen kann. Mammuts erschlagen kann er ja nicht mehr, da bekommt er Ärger mit Greenpeace; oder mit der Frau, die sich in den Kopf gesetzt hat, diese wegen ihres Haarkleids putzig oder, noch gefährlicher, niedlich zu finden. So hat am Ende jede(r) seine Aufgabe in der Welt und der Kreis schließt sich aufs Beste. Alle sind glücklich, Friede, Freude, Eierkuchen, den dann aber wieder die Frau zu backen hat, und schon fühlt sie sich wieder ungerecht behandelt und das wahrscheinlich nicht mal ganz zu unrecht. Nun gut, Spaß beiseite: Ich bin wirklich der allerletzte, der etwas gegen die wissenschaftliche Erforschung von Geschlechterbeziehungen und Genderstereotypen einzuwenden hätte; so lange die Sache wirklich ernst genommen wird, versteht sich, und Geschlechtergeschichte nicht auf Frauengeschichte reduziert bleibt, die ihre Berechtigung hat, aber eben nur als eine Seite der Medaille. Schnell wird sonst aus dem berühmten deuxième sexe das alleinige Geschlecht, das als der Untersuchung wert befunden wird. Während auf diese Art Weiblichkeit als interessante, historischen Wandlungsprozessen unterworfene Kategorie analysierbar gemacht wird, bliebe Männlichkeit im schlimmsten Fall eine A-historische Grundkonstante – was ebenso falsch wie wissenschaftlich unredlich wäre; wenn es auch so manche(r) nicht glauben mag, auch beim starken, oft aber allzu schwachen und deshalb Stärke möglichst lautstark vortäuschenden Geschlecht hat sich was getan, auch hier wären Wandlungsprozesse zu beobachten. Mag sich der ein oder andere zuweilen nach dem Genuss von geistvollen Getränken verhalten, als wäre sein Role Model ein bärtiger Höhlenbewohner archaischer Epochen, so ist dies doch bei weitem nicht mehr das einzige Konzept von Männlichkeit – zum Glück! Doch kommen wir auf den Anfang zurück und ergeben uns unserer Frankreichsehnsucht: Denn während dort eine Tochter aus gutem Hause eben dieses vernachlässigend den Mandarins von Paris begegnete und mit niemand geringerem als einem Sartre auf Augenhöhe und eventuell gar noch darüber hinaus disputierte, hatten und haben wir: Alice Schwarzer, die inzwischen derart abgebrüht ist, dass ihr auch der Wechsel von Emma zu Bild ohne Reibungsverluste gelang und es nicht einmal den Anschein hat, als schäme sie sich dafür. Eine Person, die sich damit brüstet (na ja, sagen wir lieber, sie rühme sich damit), bei Johannes B. Kerner, der Ausgeburt journalistischer Knopfdruck-emotionalität, einem Haufen solariumsgebräunten Spinats (richtig, der mit dem Blubb!) P a r o l i geboten zu haben; auch wenn ich mir nicht so sicher bin, wer da wirklich gewonnen hat, zeigten beide doch, dass auch F r a u e n sich eines männlichinfantilen Argumentationsgestus befleißigen können – mehr aber im Grunde auch nicht. Während Schwarzer Verona vorwarf, sie sei ein geistloses Konsumprodukt, erwiderte diese (nicht expressis verbis, man war ja bei den ÖffentlichRechtlichen), dass ihre Kontrahentin letztlich nichts weiter sei, als eine frustrierte Klugscheißerin. Oh, holde Einfalt! Und nun springt sie auch noch auf den fahrenden Zug der Islamophobie auf, kämpft sich mit publizistischer Schützenhilfe des Titten-Tote-TerrorismusHeftchens, dem sie sich nun offenbar verbunden fühlt, in dessen Führerkabine, und muss dort letztendlich doch feststellen, dass an diesem illustren Ort wieder mal ein Mann sitzt, sich ebenda häuslich eingerichtet hat und die Medienöffentlichkeit allein für sich beansprucht: Der olle Macho Sarrazin, und der denkt gar nicht daran, den Platz freizumachen, sondern legt noch eifrig Kohlen nach.

Titel: Gender Studies reloaded

Sei mal ein Mann!
Die Frauenquote
Viviane Lüer
Seit einigen Monaten wird in Deutschland über eine gesetzliche Frauenquote in Vorstands- und Führungspositionen diskutiert. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) forderte die Einführung einer solchen Quote und wirbelte damit den patriarchalischen Staub vorangegangener Generationen auf. Familienministerin Kristina Schröder (CDU) nahm die Idee einer Frauenquote auf und stellte zwei Wochen später ihre Idee einer flexiblen Frauenquote vor. Schröder will keine starre Regelung für jedwedes privatwirtschaftliche Unternehmen, sondern die Quote als Wettbewerbsanreiz und transparente Selbstverpflichtung einführen. Demnach kann sich ein Unternehmen selbst eine Mindest-Frauenquote auferlegen, muss diese dann aber auch erfüllen – die Transparenz soll zu positiver Publicity und Wettbewerb führen. Ein Vorteil dieser flexiblen Quote ist, dass Unternehmen die Quote nach Bewerberzahl schalten können. Kritiker bemängeln allerdings, dass Unternehmen, die eine niedrigere Frauenquote haben, abschreckend für weibliche Bewerberinnen wirken können und somit die Frauenquote entweder nicht erfüllt und noch weiter heruntergesetzt oder aber niedrig bleiben wird. Für Branchen, in denen die weibliche Bewerberzahl ohnehin gering ist, könnte die gesetzliche Frauenquote von Ursula von der Leyen allerdings den politisch-ökonomischen Genickbruch bedeuten. Das sieht zumindest Familienministerin Schröder so. Es sei absurd, Maschinenbauunternehmen zu derselben Frauenquote zu verdonnern wie Unternehmen der Kommunikationsbranche, so Schröder im Gespräch mit der Onlinezeitung crn.de. Die Frauenquote à la Schröder soll folglich also unternehmensspezifisch festgelegt werden. Ich selbst bin eine Frau. Und auch ich machte mir Gedanken zur Frauenquote. Es sei vorab gesagt: Ich habe zunächst keine Pro- und auch keine Contra-Antwort gefunden. Ich tendiere, geschlechterbedingt, eher zum Pro-Argument – und finde die Argumentation Schröders schlüssig. Nicht in jeder Branche ist eine solche Quote durchzusetzen. IT, Ingenieurwesen, Bauwesen und andere männerdominierte Bereiche werden wohl auch die nächsten Jahre männerdominiert bleiben, da die Anzahl an Hochschulabsolventinnen in diesen Fachbereichen eine Führungspositionen-Quote von 30 % nicht hergeben würde. Apropos 30%-Quote: laut dem Bericht „Frauen in Führungspositionen“ des Ministeriums für Familie und Soziales aus dem Jahr 2010 sind ca. 30% aller Führungspositionen in Deutschland mit Frauen besetzt. Damit liegt Deutschland in der Europäischen Union zwar nur auf Platz 11 und somit unter dem EU-Durchschnitt von 32,5%, aber die von von der Leyen geforderte 30%-Quote scheint schon längst erfüllt zu sein. Schaut man nun aber auf die 200 größten Unternehmen in Deutschland, sieht man, dass gerade mal 15% der Aufsichtsratsmitglieder Frauen sind. Im Vorstand bekleiden lediglich 2,5% Frauen

einen Posten. Ein gutes Beispiel für die Errechnung der Frauenquote zeigt das System, das wir alle gut zu kennen glauben: die Universität. Bundesweit sind mittlerweile 51% aller Hochschulabsolventen weiblich. Die Anzahl der Frauen bei Promovenden liegt bei 40%, bei Habilitanden schrumpft die Zahl auf nur noch 22%, Professuren sind mit geringen 15% besetzt und auf C4Stellen (also höher dotierten Stellen in der Wissenschaft) liegt der Frauenanteil bei gerade mal 10%. Diese universitären Missstände wurden

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Avalist 36, Mai 2011

Avalist 36, Mai 2011

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Titel: Gender Studies reloaded
auch in der Oster-Ausgabe der FAZ thematisiert. Neben beispielhaften Frauen, die trotz Familie eine Professur ergattern konnten und Mentoring-Programmen, die jungen Wissenschaftlerinnen unterstützend zur Seite stehen sollen, wurde in dem FAZ-Artikel auch die Wichtigkeit eines Netzwerkes, eines Vitamin-B-Adressbuches beschrieben. Frauen sollten nicht ausschließlich versuchen, über eigene Kraft und Leistung hochzukommen – das schaffen auch Männer nicht unbedingt immer. Aber genau das war die Kernaussage aller Frauen, die ich über ihre Einstellung zur Frauenquote befragte: sie wollen keine „Quotenfrauen“ werden, sie möchten es aus eigenem Antrieb und mit eigener Leistung schaffen, kurz: Sie wollen keine Hilfe aus der Politik und haben Angst davor, von männlichen Kollegen als minderwertig betrachtet zu werden, da sie es „vielleicht auch ohne, aber wohl meistens dann mit Quote hoch geschafft“ hätten. Aber kaum jemand „schafft es nach oben“ ohne Netzwerk, ohne Hilfe von außen, ohne Vitamin B. Und genau dies scheint eine Männerdomäne zu sein. Netzwerke schaffen, Kontakte halten und das (für uns Frauen oftmals dreist erscheinende) Profitieren von ebendiesen Kontakten. In Deutschland gibt es beispielsweise 1451 Lions Clubs – davon sind nur 419 gemischt und 80 reine Damenclubs, die Herren dominieren also diese riesige Kontaktbörse. Warum also, liebe Frauen, nicht auf das Netzwerk Politik bauen? In anderen Ländern taten die Frauen genau das. In Norwegen beispielsweise wurde eine Frauenquote von 40% in Führungspositionen eingeführt und nach wenigen Jahren auch erreicht, da die Bewerberanzahl von qualifizierten Frauen rasant anstiegnachdem die Quote eingeführt wurde. Ein weiterer Punkt, den Familienministerin Schröder anspricht, ist eine flexible Arbeitszeitenregelung, welche mit der flexiblen Frauenquote Hand in Hand gehen soll. Durch die Möglichkeiten des Heimarbeitsplatzes, Gleitzeiten, Telefon- und Internetkonferenzen oder Kinderbetreuung am Arbeitsplatz sollen vor allem Frauen mit Familie angesprochen werden, sich auf sonst oftmals unflexible, zeit- und mobilitätsaufwendige Führungspositionen zu bewerben. Eine Studie des Instituts für Zukunft der Arbeit in Bonn (IZA) errechnete, dass mit flexiblen Arbeitszeiten ca. 1,56 Millionen Vollzeitstellen besetzt werden könnten – darunter auch viele Stellen, die seit Jahren aufgrund von Fachkräftemangel und dem Mangel an unterqualifizierten Bewerbern nicht zu besetzen waren. Gerade Frauen bleiben nach dieser Studie oft zuhause bei der Familie, auch wenn sie eine gute Ausbildung und einen guten Abschluss erzielten. Gründe liegen häufig in der jeweiligen Unternehmenspolitik und nicht bei der Abschlussnote und/oder der Qualifikation der Frau. Die Einführung einer flexiblen oder gesetzlich festgelegten Frauenquote zieht viel Kritik auf sich. Manche Kritik, wie die bereits von den technischen Branchen oder auch die von den von mir befragten Frauen genannte, ist durchaus angebracht und verständlich. Andere Kritik kommt vorzugsweise von männlichen Kommentatoren in Online-Foren. Mit einer „Behindertenquote“ wurde die Frauenquote zum Beispiel gleichgesetzt. Abgetan wurde der Vorwurf, dass bei einer Stellenbesetzung auch das Alter und damit ein möglicher Ausfall durch Schwangerschaft und Mutterschutz einhergehen – dies sei doch gesetzlich verboten. Dass dies per Gesetz nicht mehr der offizielle Grund für die Absage sein darf, stimmt. Aber wer kann schon sagen, was sich in den Köpfen der zukünftigen Chefs abspielt? Ich bin ganz ehrlich: Selbst ich als Frau würde nicht lange überlegen, ob ich bei gleicher Qualifikation den 30-jährigen Mann oder die 30-jährige, kinderlose, aber verheiratete Frau einstellen würde. Ich würde den Mann engagieren. Weil bei der Frau die „Gefahr“ einer oder mehrerer Schwangerschaften bestünde. Weil sie als Führungspersönlichkeit präsent sein müsste. Vollzeitkraft. Überstunden, wenn nötig. Kraftvoll. Energiegeladen, auch spontan mal ein kurzfristig angesetztes Geschäftsessen durchstehen muss. Kinder wären im Weg bei solchen Arbeitsbedingungen ohne Hausmann oder Kindermädchen. Ein Personalchef würde diese Gedankengänge öffentlich nicht zugeben, hat sie aber mit großer Wahrscheinlichkeit auch. Eine Frauenquote würde dem entgegenwirken. Flexible Arbeitszeiten auch. Beides würde zunächst wohl nicht das Denken ändern, aber immerhin die Einstellungspolitik. Sobald man sieht, dass ein Unternehmen auch mit flexibler Arbeitszeit, flexibler Frauenquote und vor allem Frauen in Führungspositionen wirtschaftsfähig ist, käme das Umdenken. Mary Wollstonecraft, eine Feministin der ersten Generation, forderte im 18. Jahrhundert eine höhere Bildung für Frauen. In unserer heutigen Gesellschaft haben Frauen den Zugang zu höherer Bildung – doch oftmals bleibt ihnen denoch heute noch der Zugang zu den Jobs, die die höhere Bildung voraussetzen, verwehrt.

Titel: Gender Studies reloaded

William und Kate...
... DIE Traumhochzeit?
Leon Passchier
Freitag, 29. April 2011. Heute Morgen stand ich schon um 8 Uhr auf, um von der Hochzeit des Jahres nichts zu verpassen. Natürlich hatten wir das letzte Jahrzehnt schon mehrere königliche Hochzeiten. Ich denke dabei nur an die Hochzeit Willem-Alexanders und Maxima Zorreguietas (Niederlande 2002), oder die Hochzeit Victorias von Schweden und Daniel Westlings im vergangenen Jahr. Aber die heute war doch etwas Besonderes. Ich kann mich nicht erinnern, ein so großes Ereignis miterlebt zu haben. Groß vor allem deshalb, da es sich um jemanden handelt, der noch überhaupt kein Kronprinz ist. Auch der Fakt, dass die Beiden noch in den Zwanzigern sind, ist etwas Besonderes. Ich war deswegen auch richtig gespannt, wie diese Hochzeit wohl aussehen wird. Wird es eine traditionelle Hochzeit, wie man es bei Königshäusern gewöhnt ist? Oder werden diese beiden jungen Menschen eine sehr moderne Hochzeit feiern? Ich hoffte auf Letzteres! Wenn man sich die Menschen in der Kirche ansieht, ist das Erste, was auffällt, dass – obwohl viele Stars und Abgeordnete ausländischer Königshäuser anwesend sind – es sich hier nicht um eine Hochzeit eines Kronprinzen handelt. Die Staaten der Welt haben eben nicht ihre höchsten Regierungsmitglieder nach London gesandt. Vielleicht ist das aber auch nicht so schlimm; das junge Paar hatte so die Möglichkeit voll im Rampenlicht zu stehen. Es versprach, eine Superhochzeit zu werden. Um 11 Uhr ging es dann endlich los. Voller Spannung warteten alle auf das, was kommen wird und wahrscheinlich sind alle genauso enttäuscht gewesen wie ich, als der Gottesdienst vorbei war. Keine moderne Hochzeit. Die Musik entsprach keinem modernen Genre, auch wenn kein Mozart gespielt wurde. Auch war keine moderne Hochzeitskleidung an diesem Tag vorhanden. Unter dem Strich heirateten William und Kate genauso traditionell, wie Williams Eltern Charles und Diana es vor 30 Jahren auch taten. William und sein Bruder Harry, der scheinbar noch am meisten Spaß an diesem Dienst hatte, erscheinen beide in Uniform und grüßen den Union Jack, genaus so wie es sich für gute Soldaten gehört. Kates Brautkleid, über das vorher viel geredet wurde – welche Farbe? Welcher Hersteller? Schlicht oder geschmückt? - ist zwar schön, aber modern… nicht wirklich! Aber immerhin zeitlos.

Die tatsächliche Eheschließung dauert insgesamt fünf Minuten und bringt noch nicht mal den Spaß, Kate mit Williams Ring kämpfen zu sehen. Er bekommt überhaupt keinen, weil er das nicht will und weil es der Tradition entspricht. Noch so eine altmodische Tradition des britischen Hochadels: Die Frau bindet sich an den Mann, er aber erhält sich doch noch einen Teil seiner Freiheit. Auch eine Form von Gender

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Avalist 36, Mai 2011

Avalist 36, Mai 2011

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Titel: Gender Studies reloaded
Roles. Nach diesen fünf Minuten, um die sich eigentlich der ganze Tag dreht, wird noch schön eine halbe Stunde lang die Wichtigkeit der Anglikanischen Kirche im Leben der königlichen Familie gezeigt. Man überlegt sich, ob die arabischen Fürstenhäuser die Kirchenlieder genau so laut mitsingen wie z.B. Elton John – aber gut, die Kirche muss natürlich bei einer traditionellen königlichen Hochzeit eine große Rolle spielen. Lustig wird es erst, als das Ehepaar die Trauregister unterschreiben muss. Das passiert in dem heiligsten Teil der Kirche, der St.Edward-Chapel. K o m i s c h e r- w e i s e ist Edward der Schutzheilige von komplizierten Hochzeiten – hoffentlich kein schlechtes Omen für die Jungverheirateten. Insgesamt muss man sagen, dass die britischen Buchmacher Recht hatten, was den Gottesdienst anging. Bei ihnen konnte man nämlich vorher Wetten abschließen, ob Prinz Philip während des Gottesdienstes einschlafen würde oder nicht. Die Buchmacher wussten also schon vorher, dass es in der Kirche nicht so spannend sein würde. Nach dem Gottesdienst kam für das normale Volk dann endlich die Zeit ihrem Hochzeitspaar zu zujubeln. Die Straßen auf dem Weg von Westminster Abbey zum Buckingham Palace waren überfüllt mit Menschen und, das muss gesagt werden, William und Kate haben die Massen strahlend und mit viel Vergnügen begrüßt. Als die offene Kutsche mit dem Ehepaar dann vorbei gefahren ist, bewegten sich die Menschen zum Palast, um sich den Höhepunkt des Tages anzuschauen: Den Kuss auf dem Balkon. Genau nach Protokoll – von Freiheit für das Paar war heute keine Rede – fand dieser Kuss um 14.28 Uhr statt. Das Wort „Kuss“ zu nutzen ist hier vielleicht etwas zu viel gesagt; mehr als ein Küsschen war es nicht. Vielleicht haben sie die 0,4 Sekunden, die Williams Eltern brauchten, überboten, aber dem fünf-Sekunden-Rekord Willem Alexanders und Maximas blieben sie weit entfernt. Ein zweiter Versuch war schon ein bisschen besser, konnte aber das Volk nicht völlig befriedigen. Etwas moderner wurde es erst, als Kate und William in einem Cabrio davon fuhren. Naja, und Kate ist ja bürgerlich – seit 350 Jahren die erste Bürgerliche, die in das Königshaus einheiratet. Insgesamt muss gesagt werden, dass der Tag mit großer Hoffnung angefangen hat – junge Menschen, ergo tolle Hochzeit – am Ende aber gewannen Enttäuschung und Langeweile Überhand. Ein wenig mehr Liebe und Zärtlichkeiten, ein wenig mehr Lächeln wär doch was gewesen! Man hätte diesen schönen Tag auf jeden Fall besser verbringen können; so wie einige Briten das beispielsweise machten: Sie versammelten sich lieber im Park, anstatt sich diese Hochzeit anzuschauen. Die Zusammenfassung zu sehen reicht meiner Meinung nach vollkommen.

Titel: Gender Studies reloaded

Asmaa Mahfouz und Wael Ghonim
Facebook ruft die Demokratie aus!
Özlem Yabansu
Den 25. Januar 2011 wird kein Ägypter und keine Ägypterin so schnell vergessen. Auf dem Tahrir-Platz oder (auf dem Platz der Befreiung), in der Innenstadt Kairos, versammeln sich zehntausende Menschen, um gegen die korrupte Regierung Mubaraks zu demonstrieren. Der fast seit drei Jahrzehnten regierende Staatpräsident Mahammad Husni Mubarak soll zurücktreten, lautet die Forderung, die sich erst am 11. Februar 2011 erfüllt. Eine der Initiatoren der Demonstration ist die 26 Jahre junge Asmaa Mahfouz, welche auch ein Gründungsmitglied der Jugendbewegung 6. April ist. Auf Youtube kann man ihr Video („Meet Asmaa Mahfouz and the blog that helped spark the Revolution“) sehen, bei dem sie die Ägypter und Ägypterinnen zum Protest am 24. Januar aufruft. Vor der Kamera sitzt eine junge Frau mit gestreiftem Pullover und einem hellen Kopftuch. Im Hintergrund sieht man eine Tür und eine weiße Wand, die im Grunde unwichtig ist, denn hier ist der Inhalt bedeutend. Sie spricht mit einer energischen Stimme auf Arabisch ihre Mitmenschen an; wir können sie durch die englischen Untertitel verstehen. Ihren Appell beginnt sie mit den Sätzen: „Four Egyptians have set themselves on fire to protest humiliation and hunger and poverty and degradation. They had to live with for 30 years.” Diese vier Ägypter sind wichtig für ihre Protestrede, denn diese stehen für Protestler, die keinen anderen Weg gesehen haben, als sich selbst zu töten. Sich selbst anzünden würde sich Mahfouz nicht; die Polizei kann es aber gerne machen, denn diese Frau hat keine Angst vor der Polizei. Sie hat einen enormen Willen und Mut. In dem Video erzählt sie vom 18. Januar 2011, als sie alleine zum Tahrir-Platz zum Demonstrieren ging. Zuvor hatte sie dies auf Facebook verkündet und trotzdem kamen nur drei Männer mit. Ohne Scheu fing sie an, in einen Lautsprecher zu schreien. Sie erzählte von den vier Männern, die sich aus Verzweiflung anzündeten und keinen anderen Ausweg mehr sahen. Sie und die drei mitdemonstrierenden Männer erhielten von den Menschen am Tahrir-Platz schnell Aufmerksamkeit, wurden jedoch von der Polizei unterbrochen. Sie hätte dafür eine Genehmigung gebraucht, wie es sich in einem anderen Video (MemriTV-Interview) herausstellt. Die fehlende Genehmigung hielt Mahfouz aber nicht davon ab, ein Video zu drehen, um die Ägypter und Ägypterinnen zur Demonstration am 25. Januar zu rufen.

Aber England bleibt eben England.

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Avalist 36, Mai 2011

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Titel: Gender Studies reloaded
Wiederholend verweist sie auf die Menschenrechte, auf die Freiheit, die die Bürger und Bürgerinnen wieder erlangen sollen. Sie habe es satt, sich ständig von den Menschen in ihrer Umgebung Klagen anzuhören, aber niemanden in Aktion zu sehen. Und deshalb forderte sie: „I am going down on January 25th and I will say NO to corruption, NO to this regime!” ein Blogger und hat angeblich ein Video veröffentlicht, auf dem Polizisten zu sehen sind, die konfiszierte Drogen untereinander aufteilen. Im Juni 2010 haben ihn zwei Polizisten daraufhin in Alexandria so brutal zusammengeschlagen, dass er starb. Wenn man seinen Namen googelt, findet man Fotos von einem Mann, dessen Gesicht, von Blut überströmt, nicht mehr zu erkennen ist. Solche Repressalien seien nichts Ungewöhnliches in Ägypten, da sich die Polizei sicher fühlt und keine Konsequenzen befürchtet. Sein Konterfei sollte nun als Symbol für die Protestbewegung in Ägypten stehen. Das Vorgehen ist vergleichbar mit dem an der Iranerin Neda Soltan, deren Tod die ganze Welt auf Youtube mitverfolgen konnte. Der Protest führte sich in den sozialen Netzwerken fort. Früh erkannte Ghonim das Potenzial des Internets. In einem Interview sagte er: „Vor einem Jahr habe ich gesagt, das Internet wird die politische Szene in Ägypten verändern, und da haben sich einige Freunde über mich lustig gemacht.“ Er hatte jedoch Recht. Die Blogger und User haben sich in Foren gruppiert. Achtzehn Tage haben sich die Menschen auf der Straße zusammengeschart und gegen den Präsidenten Husni Mubarak protestiert, bis er abdankte. Das Netz half nicht nur landesweit. In Tunesien beginnend, verbreiteten sich die Unruhen wie ein Lauffeuer in den arabischen Staaten: Libyen, Bahrain, Jemen, Syrien… Der Weg bis zur Demokratie ist jedoch in allen Staaten weit. Noch am Tag seiner Entlassung wird Ghonim von DreamTV interviewt. Er redet mit einer ruhigen Stimme, die phasenweise energischer wird. Er ist sehr mitgenommen; sein Blick traurig. Er stockt manchmal, weil er versucht seine Tränen zu unterdrücken. Die Toten bei den Aufständen nehmen ihn mit. Ebenso empört ihn, dass man ihn und „die Unruhestifter auf Facebook“ als Verräter beschimpft hat. „Wir haben alles aus Liebe zu Ägypten gemach“, denn im Grunde hätte er sich auch in seinem Swimming Pool ausruhen können. Nach dem Interview sind die Reaktionen erstaunlich. Seine Mitmenschen seien stolz auf ihn. Er ist ein Held. Auf Facebook wird er als Sprecher für die Ägyptische Revolution gehandelt. Eid wahda! Wir zusammen! Ghonim unterstreicht jedoch, dass die wahren Helden die Demonstranten seien. Er wäre nur in Haft gewesen.

Titel: Gender Studies reloaded

Die Schraube zurückdrehen-

das Puddingabi reanimieren!?
Oder auch Monoedukation vs. Koedukation Marcel Schrenk
Der in den 1950er und 1960er Jahren im Gebiet der BRD etablierten Koedukation (die Genossen im Gebiet der späteren DDR pflegten bereits 1945 Mädchen und Jungen gemeinsam zu unterrichten) weht aktuell ein eisiger Wind ins Gesicht. Galt die Koedukation gerade zur Zeit der Studentenbewegungen als das Mittel der Gleichberechtigung und Gleichstellung von Buben und Dirnen, so wird die Koedukation aktuell als Hindernis im Bildungsprozess gesehen. Die Studien sind deutlich: Jungen sind begabt, stören aber häufiger, Mädchen sind fleißiger, dafür „weniger kompetent“. Woran liegt das? Allgemein gilt die These, dass Koedukation das klassische Rollenverhalten fördert. Somit dominieren Jungen und versuchen durch primitives Balzgehabe die Aufmerksamkeit des weiblichen Gegenparts auf sich zu ziehen, wohingegen sich die Mädchen zurückhaltend dem Schauspiel hingeben. Die starken Jungs glänzen in ihren Fächern, den Naturwissenschaften und Sport, Mädchen sich eher in den traditionell weiblichen Disziplinen wie Französisch, Kunst und Musik auszeichnen. Es wurde bewiesen, dass Mädchen in den naturwissenschaftlichen Disziplinen bessere Leistungen erbringen, wenn sie in einer rein homogenen Mädchengruppe unterrichtet werden. Andererseits fiel es den Jungen leichter sich im Deutschunterricht zu beteiligen und Perspektivübernahmen aktiv zu gestalten, wenn keine Mädchen anwesend waren. Sehen wir einmal durch den Nebel, so erkennen wir, dass in England deutlich bessere Noten von SchülerInnen erzielt werden, die getrenntgeschlechtliche Schulen besuchen. Unterstüzt wird diese Beobachtung durch Ergebnisse aus Kanada, Chile, Schottland und Australien. Doch tun sich auch hier Probleme auf. Das Organisationsvolumen an monoedukativen Schulen und der Arbeitsaufwand für Lehrer würde ansteigen, die Verteilung von Lehrerinnen und Lehrern in den einzelnen Schulformen müsste der Verteilung von Schülerinnen und Schülern entsprechen (zwar hat sich der Anteil von Lehrerinnen in den vergangenen 40 Jahren stetig vergrößert, doch ist die Verteilung schulartspezifisch auffällig. Viel mehr Lehrerinnen sind an Grund-, Realund Sonderschulen angestellt, dort beträgt die Quote von Lehrern durchschnittlich nur ca. 28%). Desweiteren wird befürchtet, dass Monoedukation die Sozialisation der Jugend gefährdet, da der Kontakt zum anderen Geschlecht erheblich eingeschränkt wäre. Weiterhin muss befürchtet werden, dass reinen Mädchenschulen wieder eine leichtere Ausbildungs nachgesagt würde und dort Fächer wie Hauswirtschaft und Textiles Gestalten wieder eine Renaissance erfahren könnten. Das Bildungssystem sieht sich also vor folgendes Problem gestellt. Sowohl in koedukativen, als auch im monoedukativen Unterricht wird der heimliche Lehrplan fortgeführt, sodass Jungen zu Wirstschaftsunternehmern und Mädchen zu Hauswirtschafterinnen erzogen werden. Als Lösung bleibt augenscheinlich nur eine Mischform, die „reflexive Koedukation“. Es sollen die Schülerinnen und Schüler temporär voneinander getrennt unterrichtet werden, wobei die Altersstufen, als auch die Fächer einzeln auf die Effektivität von Monoedukation untersucht werden müssen. Die „reflexive Koedukation“ fordert jedoch auch, Mädchen und Jungen gemeinsam zu unterrichten. So und nun mal Studien und wissenschaftliche Erhebungen beiseite... Schülerinnen und Schüler sind für koedukativen Unterricht. Man kann ihnen die Pubertät schlecht verbieten und rollen-typisches Verhalten abschaffen, indem man die Gruppen weiter voneinander separiert. Für die Befürworter der monoedukativen Lehre hier ein Vorschlag: Lasst uns das Ganze an der Universität oder im histroischen Seminar testen und abwarten, wie die Reaktionen sind.

Asmaa Mahfouz ist eine von etlichen Aktivisten, die via Facebook, Twitter oder Youtube zur Demonstration aufgerufen haben. Ein sehr bekannter Internet-Aktivist ist Wael Ghonim, der auch einer der Strippenzieher der ägyptischen Revolution war. Er ist der MarketingDirektor von Google für die Region Nahost und Nordafrika. Er organisierte die Proteste im Internet mit und wurde wohl deswegen verhaftet. Obwohl er anonym blieb, wurde er während einer Kundgebung auf dem Tahrir-Platz am 28. Januar 2011 in der Menschenmasse gefunden. Vier Polizisten nahmen ihn fest, verbanden ihm die Augen und brachten ihn weg. Seine Hilfeschreie halfen nicht. Nach 12 Tagen wurde er freigesprochen – noch bevor Mubarak zurücktrat. Ghonims Vergehen? Unter dem Pseudonym El Shaheed (was Märtyrer bedeutet) gründete er die Facebook-Gruppe We are all Khaled Said, diese Gruppe spielte während der Revolution eine wichtige Rolle bei der Organisation der Proteste. Khaled Said gilt als Ikone des Protestes im Februar. Der 28 Jahre junge Mann war

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Avalist 36, Mai 2011

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Im Moore

Im Moore

Studierendenrat aktuell
Cocktailabend, Sommerfest, Rat...
Daniel Kilian
Sommerfest, Cocktailabende, Gremienarbeit, Ersie-Woche und vieles mehr – der Studierendenrat Geschichte hat sich auch für die kommenden Monate wieder viel vorgenommen. An dieser Stelle möchten wir Euch einen kleinen Einblick in die alltägliche Arbeit des Studierendenrat Geschichte liefern, zurückblicken auf einige schöne Veranstaltungen und Euch auf kommende Aktionen aufmerksam machen. Zunächst möchten wir uns bei Euch allen bedanken, die dem Studierendenrat Geschichte bei den diesjährigen Uni-Wahlen im Januar wieder das Vertrauen geschenkt haben. Auch wenn die Uni-Wahlen aufgrund des basisdemokratischen Charakters des Studierendenrats keinen direkten Einfluss auf die alltägliche Arbeit des Rates haben, so sind eure Stimmen dennoch enorm wichtig, um dem Rat in den unterschiedlichen universitären Gremien Mitsprache- und Stimmrecht einräumen zu können, damit er sich dort für alle Studierenden des Hiiistorischen Seminars einsetzen kann. Der Rat stellt in diesem Jahr drei Vertreter für den Fakultätfachschaftsrat der Philosophischen Fakultät, zudem wird der Studierendenrat jeweils einen Vertreter in den Studentischen Rat und die Studienkommission delegieren, wo wir uns mit unserer Stimme für bessere Studienbedingungen einsetzen können. Auch im Vorstand und der Institutskonferenz des Hristorischen Seminars w e r d e n Vertreter des Studierendenrats wieder studentische Anliegen einbringen. Neben dieser Gremienarbeit liegt der Schwer-punkt natürlich in der Arbeit direkt am Historisschen Seminar. Viele Studierende wendeten sich mit Problemen insbesondere in Studien- und Prüfungsangelegenheiten an den Rat, um die sich mit viel Engagement gekümmert wurde. Auch in Zukunft möchten wir uns gern für Konfliktlösungen einsetzen und freuen uns, wenn Ihr Euch an uns wendet. Ferner kümmert sich der Studierendenrat um die Seminarwahlen am Historischän Seminar, die Erstsemesterwoche und natürlich die zahlreichen Veranstaltungen. Erst vor ein paar Wochen gab es den letzten Cocktailabend im HistoricACafé, der wieder mal sehr gut besucht war und hoffentlich allen viel Spaß bereitet hat. Nach dem tollen Erfolg im letzten Jahr soll es auch in diesem Sommer am 30.06. wieder ein HistoriekA-Sommerfest im Welfengarten geben. Zusammen mit dem Historischhen Seminar wollen wir wieder mit Livebands, Grillstation, Cocktail- und Sektbar, Schankwagen und sommerlichen Wetter gemeinsam einen schönen Semesterabschluss zelebrieren. Um dies alles auf die Beine stellen zu können, brauchen wir aber Eure Unterstützung. Die Planungen fürs Sommerfest sind sehr umfangreich, ebenso wie für die vielen anderen Veranstaltungen. Die Gremienarbeit schlaucht und der alltägliche Wahnsinn an der Uni kostet ebenso viel Zeit. Daher kann der Studierendenrat nur funktionieren, wenn genügend Leute sich engagieren, mithelfen und die eine oder andere Aufgabe übernehmen. Wie Ihr lest, ist die Arbeit des Rates sehr vielfältig, wodurch für jeden Geschmack etwas dabei ist – vom Partyplaner bis zum politischen Akteur. Die Sitzungen des Studierendenrat Geschichte sind immer Mittwochs ab 18 Uhr im HischtorikA-Café. Hier werden allgemeine Angelegenheiten besprochen und diskutiert, Planungen und Organisationen angegangen und in lockerer Atmosphäre gequatscht. Daher: kommt doch einfach mal vorbei! Wir freuen uns über Eure Vorschläge, Fragen, Kritik oder andere Anliegen, aber vor allem auch über Eure Mithilfe und Mitarbeit, ohne die vieles in Zukunft nicht mehr möglich sein wird. Um Euch über die Arbeit des Studierendenrats auf dem Laufenden halten zu können, sind wir nun auch wieder im Internet vertreten. Dort findet Ihr neben allgemeinen Infos stets die aktuellen Neuigkeiten rund um den Rat, das HistorikA-Café, den FC Kniefall Warschau und vielen anderen Dingen. Infos über alle anstehenden Veranstaltungen, Fotos, Berichte und vieles mehr erwarten Euch dort, daher schaut doch einfach mal rein:

Die jungen Wilden
Der FC Kniefall Warschau im Umbruch
Jan Hendrik Stroebel
Nach einer langen Saison mit Höhen und Tiefen war der Trainer des FC KW froh, dass er seine Spieler in die Winterpause entlassen konnte. Die Mannschaft steht nach der Niederlage im Finale der CampusLiga nun vor einem Umbruch. Doch wie kam es zu diesem Ereignis? Nach einer langen Saison mit teilweise schweren Verletzungen (Oberschenkelbruch bei Claus F.) schaffte es der FC KW, mit herausragenden Leistungen in das Finale der Campus-Liga einzuziehen. Dieses wurde von B. Rafati, einem aus Hannover stammenden Schiedsrichter, gepfiffen. Wie sich jedoch später herausstellen sollte, wurde dieses Spiel von der Wettmafia manipuliert. Beim Stand von 1:1 in der Verlängerung pfiff der Schiedsrichter einen Elfmeter für die gegnerische Mannschaft. Jedoch war klar zu erkennen, dass dieses „Foul“ eine klare Schwalbe war. Die aktuellen Veröffentlichungen der Staatsanwaltschaft Hannover belegen klar, dass hier eine Manipulation vorlag. Viele der aktiven Spieler konnten die Schmach dieser Niederlage lange nicht verdauen und versuchten sich im ausgezeichneten Partyleben Hannovers abzulenken. Hierbei kam es jedoch zu etlichen Skandalen, wie zum Beispiel der Schlägerei von Andreas in der Nobeldisko Zaza, sowie dem Sexskandal um den Mannschaftsführer Christan L., welcher das Historrrische Seminar in den Semesterferien erschütterte. Dieser wurde in Frankreich angeklagt, eine Affäre mit einer minderjährigen Prostituierten (Monique Mangeur de Grenouille, Avalist berichtete) zu haben. Auch wenn sich das Management des FC KW in dieser Situation voll und ganz hinter den Kapitän stellte, konnte dieser den Skandal nie richtig aus seinem Kopf streichen, was vor allem in den Spielen auf der internationalen Bühne zu sehen war. Schließlich entschloss sich Christian L. sein Amt als Kapitän niederzulegen und sich vom aktiven Campus-Fußball zurückzuziehen. Da weder Schuld noch Unschuld des Kapitäns bewiesen wurde, stand nun auch das Management in Frage. Der damalige Teammanager Rouven wechselte diese Saison zum englischen Topklub „Arsenal London“.

Insider berichten, dass dieser Wechsel ein von der Präsidentenebene erzwungener gewesen sei, da man nach den Skandalen um die Spieler in den Semesterferien „frischen Wind“ in den Verein bringen wollte und somit anstrebte, Trainer und Manager zu ersetzen. Nun will das neue Interimsmanagerteam um Marius L. und Jan-Hendrik S. verstärkt auf die Jugend setzen. Diese seien laut der Aussage von Marius L. „wie Rohdiamanten, die es zu schmieden gilt“. Hierbei sprechen sich auch beide Manager gegen die alte Transferpolitik des FC KW aus, welche schon immer für Toptransfers und hohe Ausgaben stand und deshalb werden die zahlreichen Fans nun wohl doch nicht die gewünschten Verpflichtungen, wie Manuel Neuer als neuen Torwart, begrüßen dürfen. Diese Sparmaßnahmen sollen auch zur Verringerung der Schuldenlast führen, welche vor allem in der Zeit von Felix Magath als Manager entstanden ist und den Klub fast in den finanziellen Ruin führte. Die sportliche Zukunft scheint also momentan unklar zu sein. Gegenwärtig gibt es noch keine Stellungnahme zum Trainingsauftakt im Sommersemester, jedoch

http://studierendenrat.wordpress.com
euer Rat

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gehen viele Experten wieder von der Lösung der Dienstags- und Donnerstagsaktivität am Moritzwinkel aus. Vieles wird allerdings von der nachrückenden Jugend abhängig sein. Denn wenn diese nicht gewillt ist, den sportlichen Umbruch einzuleiten, wird wohl der FC KW im tabellarischen Nirgendwo enden. Hierzu äußerte sich der Fanclub-Vorsitzende Daniel: “Ich bin mir sicher, dass die Studenten des ersten Semesters dem Klub weiterhelfen können, aber sie müssen halt den Willen besitzen, dienstags und donnerstags Fußball zu spielen, egal, ob Training oder ein Spiel gegen die Mathematiker ansteht. Sie müssen sich ihr goldenes Trikot verdienen, denn es gibt noch ein paar von der alten Garde, die auch noch was erreichen wollen.“ Diesen Optimismus sollten auch die Spieler des FC KW teilen; auch wenn der Umbruch im Team schon weit fortgeschritten ist, so sollten die Interimsmanager noch einmal neue Ersie-Spieler scouten und vielleicht noch den einen oder anderen verpflichten. Marius L. sagte zu diesem Thema: „Natürlich sind wir bereit noch weite-

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Cocktailabend 2011
schön ist‘s gewesen
Annanymous
Wieder einmal hat im HistorikA-Café ein Cocktailabend stattgefunden mit den üblichen Verdächtigen wie den leckeren Getränken oder den ein oder anderen Betrunkenen, aber auch neuen Gesichtern aus vielen Teilen der Uni. Leider war er nicht so gut besucht wie die anderen Abende, dafür hatten die BesucherInnen aber wieder viel Spaß und der Abend zog sich bis spät in die Nacht hinein. Da es diesmal auch einen externen Bierstand gab, verteilten sich die Gäste gemütlich auf zwei Räume und man hatte sowohl Platz zum Feiern als auch zum Quatschen und Kontakte Pflegen. Die ein oder andere seltsame Gestalt war selbstverständlich auch wieder vertreten, trübte aber nicht die durchgehend gute Stimmung – besonders nicht die der Thekenschichten. Da sich alle Gäste wohl entschieden hatten zur gleichen Zeit zu kommen, konnte man beim Mixen ordentlich ins Schwitzen geraten. Die Fotos lassen jedenfalls darauf schließen, dass die Qualität der Cocktails nicht unter dem Stress gelitten hat; Der Abend war bunt wie ein Tequila Sunrise und würzig wie ein Mojito. Für das nächste Mal werden auf jeden Fall mehr HELFENDE Hände benötigt, die die Schichten mitmachen – immerhin gibt’s da ja auch gratis Cocktails - und die Cocktailabende, die ja bereits zur Tradition geworden sind, brauchen immer wieder frischen Nachwuchs. Frischer Nachwuchs wird auch benötigt um die nächste Veranstaltung mit zu planen und durchzuführen: Das HistorikA-Sommerfest! In diesem Jahr findet das Sommerfest am 30.06 statt – wenn auch ihr mitmachen wollt bei den Vorbereitungen, dann kommt zu den Planungstreffen: Jeden Dienstag von 14-16 Uhr im HistorikA-Café :-)

re Spieler zu verpflichten, da unser Team für die lange Saison sicher noch ein paar Verstärkungen gebrauchen kann.“ Dies muss auch die Grundlage sein, um in der CampusLiga wieder voll und ganz in den Titelkampf einzugreifen.

Weisheiten von unseren liebsten Dozis
gesammelt von Jessica Brechler
Becker: „Kontroversen kann es nur geben, wenn es Historiker gibt.“ „Wir steigen jetzt mal in einen Hubschrauber und betrachten das Problem von oben…“ Hildebrandt: „Ihre innere Schönheit wird metaphorisch durch die Beschreibung ihrer Brüste charakterisiert.“ Schneider: „Im Grunde finde ich Ihre Referate ja eigentlich ganz nett.“ „Wir könnten auch das Buch weiterlesen, das würde langweilig werden, auch wenn ich das ganz spannend finde.“ Feuerle: „Singlehaushalte gibt es viele, ob die dann religiös sind, hängt von der Madonnenstatue auf dem Fernseher ab.“ „Trampen Sie noch mal um die Welt, bevor Sie in der Schule enden... Das meinte ich positiv.“ Thema: Herrscher mit körperlichen Einschränkungen; Student: „Der König von Hannover war ja auch blind!“ Schneider: „Ja, deswegen hat Hannover auch den Krieg verloren, da sieht man es mal wieder.“ Füllberg-Stollberg: „Hier riecht es wie in einem orientalischen Männerpuff!“ Kehne: „Sklaven sind wie Stühle, und wenn sie untereinander heiraten, dann sind sie immer noch Stühle!“ Aschoff: „Also über den hab ich auch schon mal geschrieben.“

Schaut beim nächsten mal einfach vorbei!

Die T ermine werden ausgehängt.
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Welfengarten

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arbeit vorstellte, schlummerte er kurz ein. Die Prüfung fand am nächsten Tag statt. Der Prüfer zeigte keine Nachsicht und stellte strenge Fragen. Ich glaube, er war der Meinung, ich wäre selbst Schuld an seinem Versäumnis, ich hätte ihn noch mal erinnern müssen, als wir uns im Flur trafen. Was war Ihre schlechteste und beste Leistung im Studium? Ich glaube meine schlechteste Leistung lieferte ich in einem Seminar zur Philosophiegeschichte ab. Die Note war eine 3, und dies völlig zu recht. Eigentlich sollte ich eine Arbeit über Kants „Kategorischen Imperativ“ verfassen, ich habe aber ziemlich zügig angefangen selbst frei zu philosophieren. Das war bei den ‚normalen’ Frankfurter Philosophen, etwa Apel und Habermas, durchaus erwünscht, aber eben nicht bei diesem Dozenten. Er meinte, es wäre ja ganz schön, was ich geschrieben hätte. Allerdings sollte ich doch bitte erstmal wiedergeben, was Kant sagt, bevor ich ihn kritisiere und selbst philosophiere: „Das darf vielleicht Herr Habermas, aber Sie nicht!“. Das gefiel mir zwar in diesem Moment nicht so besonders, es war aber im Nachhinein sehr lehrreich. Meine sprachlich beste Leistung war sicherlich meine germanistische Magisterarbeit. Nicht unbedingt inhaltlich, aber die Formulierung des Textes finde ich auch heute noch sehr rund. Wissenschaftlich betrachtet war sicherlich meine Dissertation die beste Leistung. Wie sind Sie zur Mediävistik gekommen? Auslöser war eine Vorlesung in der Germanistik (Abteilung: Ältere Philologie), die zwar von ihrer Fragestellung her sozialhistorisch bis marxistisch strukturiert war, aber dennoch permanent den „Interpretatorischen Rest“ als ästhetischen Wert betonte. Dieser war mir letztendlich zu groß. Da ich mich mit diesem „Rest“ nicht zufrieden geben und mehr wissen wollte, bin ich zu den Historikern gegangen, und vor allem in mediävistische Veranstaltungen. Dass ich dort geblieben bin, lag vor allem an zwei Dozenten. Zum einen einer Dozentin der osteuropäischen Geschichte, Charlotte Warnke. Sie hat sich sehr intensiv um die Studenten gekümmert. Zum anderen an meinem Ex-Chef Johannes Fried und seinen immer spannenden Annäherungen an das Mittelalter. lopädien und Naturlehren betreiben; daneben haben sich neue Themenkomplexe ergeben: 1. die Kartographie, hier vor allem der Wandel von mimetischen zu metrischen Darstellungsformen und Weltbildern. 2. Städtische Briefbücher als materielle Basis der Kommunikation. Wie verlief Ihr weiterer Werdegang nach dem Studium? Zunächst war ich in Frankfurt bei Johannes Fried an einem Lehrstuhl für Früh- und Hochmittelalter tätig. Allerdings musste ich eine Zusatzprüfung ablegen, bevor ich die Stelle bei Herrn Fried antreten konnte, da Geschichte nur mein drittes Fach war. Nach erfolgreichem Bestehen war ich zunächst als Assistent beschäftigt, dann als Projektmitarbeiter innerhalb eines DFG-Forschungsprojekts. Hiernach wechselte ich als Hochschulassistent nach Köln zu Eberhard Isenmann, was eine chronologische Erweiterung auf das Spätmittelalter und die Frühe Neuzeit bedingte. Thematische Schwerpunkte bildeten dort die Stadtgeschichte sowie die Rechts- und Verfassungsgeschichte. Danach arbeitete ich in einem landesgeschichtlichen Forschungsprojekt in Gießen zu „Fehdeführung und Territorialisierungsprozess im Spätmittelalter“ mit dem räumlichen Schwerpunkt Thüringen/Meißen, welches noch nicht beendet ist. Zu guter Letzt bin ich nun hier in Hannover angekommen. Was halten Sie von der Aussage, dass das Mittelalter ‚überforscht’ ist? Nichts! Es gibt immer Neues zu entdecken. Das Mittelalter ist weder quellenmäßig noch methodisch erschlossen. Wie in jeder Wissenschaft schaffen neue Quellen und neue methodische Zugänge neue Erkenntnisse. Welche Fähigkeiten sollten sich Studenten im Studium aneignen, um im Beruf erfolgreich zu sein?

Der Neue: Michael Rothmann
„Fröhliche Wissenschaft“ (Friedrich Nietzsche)
von Mandy Hesse
Er ist der „Neue“. Neue Leute interessieren uns brennend. Vor allem, wenn diese Neuen uns auch noch bewerten. Mandy hat den „Neuen“ befragt. Ganz direkt schossen ihre Fragen auf den „Neuen“ los. Frei nach Peter Fox: „Nur noch konkret reden, gib mir ein Ja oder Nein- Schluss mit Larifari...“. Er stand Rede und Antwort. Hier das transkribierte Ergebnis:
Herr Rothmann, würden Sie sich kurz vorstellen? Mein Name ist Michael Rothmann, ich bin 51 Jahre alt. Nach demAbitur habe ich auf den guten Rat meiner Eltern hin zunächst eine Ausbildung als Versicherungskaufmann abgeschlossen. Anschließend war ich mehrere Jahre im Bank- und Versicherungsgewerbe beschäftigt. Danach habe ich ein Studium der Germanistik, Philosophie und als 3. Fach Geschichte begonnen. Erst nach meinem erfolgreichen Studienabschluss bin ich in die Geschichte gewechselt, angeregt durch die Faszination meines damaligen Lehrers Johannes Frieds und des Angebots einer Assistentenstelle. Meine Dissertation behandelte die Geschichte der Frankfurter Messe, die Habilitation die „Otia Imperialia“ des Gervasius von Tilbury, eine der ersten hochmittelalterlichen Enzyklopädien. Im Zentrum stand dabei der Übergang von Naturwissen zur Naturwissenschaft. Hatte ich mich schon in der Dissertation mit einer durchaus vergleichbaren Messestadt beschäftigt, so weist auch das Thema der Habilitation eine enge Verbindung zu Niedersachsen auf: zum einen ist die Enzyklopädie dem welfischen Kaiser Otto IV. gewidmet, ihr Autor wird mit der „Ebstorfer Weltkarte“ in Verbindung gebracht und der erste Editor war Leibniz. Es scheint fast, als hätte ich unbewusst auf Hannover zugearbeitet. Anschließend war ich an verschiedenen Stationen- zunächst in Frankfurt, dann Köln und später in Gießen- tätig. Nun lehre ich hier in Hannover, zunächst als Vertretung, aber ich bin guter Hoffnung, dass ich dauerhaft bleiben kann und werde. Neben der Wissenschaft ist die Familie das zweite Zentrum in meinem Leben. Vor allem die Geburt meiner Tochter hat meine Lebenswelt sehr verändert und mich sogar ehefähig werden lassen. Würden Sie uns ein lustiges Erlebnis aus Ihrem Studium erzählen? Das war der Tag meiner letzten mündlichen Prüfung. Ich hat-

te meinen Prüfer, am selben Tag, im Seminar getroffen, und wir haben uns begrüßt und diskutiert. Als ich dann zur Prüfung erschien, war er nicht anwesend. Ich bin mit seinem damaligen Assistenten in sein Büro. Dort klebte an der Lampe ein riesiger Zettel „Heute Prüfung Rothmann“. Auch telefonisch war er nicht zu erreichen. Somit fiel die Prüfung an diesem Tag aus. Vielleicht hätte mich ein vorheriges Erlebnis mit diesem Dozenten warnen sollen. Als ich ihm das Thema der Magister-

Zunächst grundsätzlich sich schnell Informationen beschaffen zu können, Stichwort Recherche. Der nächste Schritt ist es, die gefundenen Informationen in Wissen zu transformieren, dazu gehört: die systematische Sammlung, Ordnung, Analyse und Darstellung. Die letzten zu vermittelnden „Handwerkzeuge“ sind Präsentationstechniken und Medienkompetenz. Dies alles kann ein geschichtswissenschaftliches Studium sehr gut verWo liegen Ihre Schwerpunkte? mitteln. Denn im Grunde ist jede rationale Analyse für zukünftiges Handeln auch eine historische. Historische WissenschafKurz gesagt: Wirtschafts- und Sozialgeschichte geprägt durch ten vermitteln zwar keine eindeutigen Handlungsanweisungen meine Dissertation. Durch meine Herkunft aus der Germanis- für die Zukunft, können aber mögliche Handlungsoptionen tik blieb auch die Ideen-/Geistes- und Kulturgeschichte immer anbieten, die sich in der Vergangenheit bewährt haben. „Ohne ein Schwerpunkt, was vor allem in die Habilitation einfloss. kulturelles Gedächtnis lebt eine Gesellschaft in kollektivem Daneben interessieren mich noch viele andere Themen: allge- Alzheimer.“ Neben inhaltlichem Wissen fördert das Gemeine Stadtgeschichte, Landes-/ Verfassungsgeschichte und schichtsstudium die methodischen Fähigkeiten, welche auch politische Geschichte. Eigentlich alle klassischen historischen für andere Berufsfelder unserer Dienstleistungsgesellschaft Themenfelder. Die meisten meiner Themen gründen auf eige- qualifizieren, z. B. Marketing uvm. Zwar muss man als Histoner Archivarbeit. In Hannover werde ich sicherlich weiterhin riker sicher deutlicher beweisen, was man im Studium gelernt die Wirtschaftsgeschichte und meine Forschungen zu Enzyk- hat, allerdings hat man sich mit einem guten Geschichtsstudi-

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um durchaus vergleichbare Voraussetzungen erarbeitet wie ein durchschnittlicher BWL-Student. Vor Bewerbungsgesprächen sollte kein Historiker Angst haben, sondern selbstbewusst sein Wissen und seine Fähigkeiten dokumentieren. Ich bin mir sehr sicher, dass niemand durch ein Geschichtsstudium dümmer geworden ist. Wie bewerten Sie die Bachelor-/ Masterstudiengänge? abfedern sollten. Will man die Studiengebühren beibehalten, wäre hier sicher noch Handlungsbedarf. Sie sind zwar erst ein paar Wochen hier, trotzdem die Frage: Wie gefällt Ihnen das Historische Seminar in Hannover?

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Für die Exoten unter uns...
Die Masterstudiengänge im Überblick
Lisa Dopke
Bachelor - und was nun? Diese Frage stellen sich dieser Tage bestimmt einige von uns Bachelorstudenten. Wir hören viel: „Master of Education“- im Volksmund liebevoll „auf Lehramt“ genannt: „Geschichte Master“- auch „Fachmaster“. Und dann gibt es an der LUH für uns noch relevante und so exotische Studiengänge wie „European Studies“ und zu guter Letzt „Atlantic Studies in History, Culture and Society“. Zu all diesen eher exotischen Studiengängen gibt es natürlich auch Flyer, die ich auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin „untersucht“ beziehungsweise gelesen habe.
(Diejenigen von euch, die über diese Studiengänge schon genügend wissen, können jetzt getrost weiterblättern.) Nun, widmen wir uns doch zuerst den Berufsfeldern. Abschlüsse in den European und Atlantic Studies befähigen zu Tätigkeiten im internationalen Bereich, in der Politikberatung, den Medien und in diversen Forschungseinrichtungen. HistorikaInnen hingegen enden als Lehrer und Lehrerinnen in der Erwachsenenbildung und an Hochschulen. Einige arbeiten im Dokumentations- und Verlagswesen oder im medialen oder kulturellen Bereich. Auch der Auswärtige Dienst ist möglich. Dann gibt es natürlich noch die klassischen Berufsfelder wie die Arbeit in Archiven, Bibliotheken und Museen. Inhaltlich sich die European Studies und die Atlantic Studies interdisziplinär. Die Veranstaltungen der European Studies bewegen sich in den Bereichen der politischen Wissenschaft, der Geschichte und Soziologie, sowie den Religions- und Wirtschaftswissenschaften. Abschließend ist hier noch Jura zu nennen. Die Atlantic Studies fahren auf ihren Faltblättern mit den Forschungsbereichen der Lehrenden auf, die da wären: Multikulturalität/Ethnizität/Identität; Kulturelle Repräsentation und Symbolisierungsprozesse; Transformation von Geschlechterverhältnissen; Translokale Räume und Prozesse; Global Communities und Cities; Internationalisierung von Problem- und Konfliktfeldern; Migration/Flucht; „Globalisierung“; Prekäre Staatlichkeit; Rechtspluralismus; Differenz und Konflikt und zum Schluss (un)freie Arbeitsverhältnisse in kolonialen und postkolonialen Gesellschaften. Die Worte, die ich über Geschichte fallen lassen könnte, lass ich mal weg. Das ist ja auch Geschichte und wir studieren das auch alle, das heißt wir sollten also wissen, worum es dabei geht (auch wenn ich mir dabei nicht immer sicher bin). Bei den Zugangsvoraussetzungen ist eine Gemeinsamkeit der Studiengänge die Voraussetzung eines BA-Abschlusses in einem mit dem Studiengang verwandten Thema. Die European Studies fordern dazu noch sprachwissenschaftliche, wirtschaftswissenschaftliche oder journalistische Kenntnisse. Ein Motivationsschreiben wird von den European Studies ebenso gefordert, wie von Geschichte. Vielleicht hilft dieser Lückenfüllerartikel bei einigen von euch ja den eigenen Horizont zu erweitern. Und vielleicht entscheiden sich einige von euch ja auch gegen den klassischen Weg des Lehramts und werden zu den wirklichen Exoten unserer Zunft ;-)

Es gefällt mir ausgezeichnet! Die Studenten haben ein hohes Maß an Mitspracherecht und nutzen dies auch. Das finde ich Nicht allzu glückhaft. Wenn man einiges an Modularisierung sehr wichtig. Vor allem habe ich auch den Eindruck, dass die zurückfahren könnte, wäre das ausgesprochen schön. studentische Partizipation ernst genommen und auf die BedürfVorteilhaft ist sicherlich, dass man sein Studium schneller nisse der Studenten eingegangen wird. Es scheint, als würde abschließen kann, besser wäre natürlich, wenn man es nicht das Seminar sehr gut zusammenarbeiten, sowohl verwaltungsmüsste. Ein durchdachtes Studium braucht ab und an auch Zeit. technisch als auch wissenschaftlich. Die verschiedenen Abschlussmöglichkeiten finde ich sinnvoll, Vor allem finden sich zentrale Begegnungszentren. Das Studie Modularisierung der Studiengänge hat jedoch zu einer dentencafé ist meiner Meinung nach eine Institution, die man Verschulung des Studiums geführt, die zuvor nicht vorhanden fördern und die Beteiligten in ihrer Arbeit bestätigen muss. war. Dies erscheint mir als Einschränkung der Freiräume der So etwas gibt es an vielen anderen Unis nicht mehr. Die BibStudenten, ihre eigenen Schwerpunkte selbständig zu wählen. liothek befindet sich direkt im Haus. Das historische Seminar In Hannover sind aber nach meinen bisherigen Erfahrungen ist nicht nur eine räumlich eigenständige Einheit, man hat das diese Unwegsamkeiten relativ gut gelöst und klug aufgebaut. Gefühl, es arbeitet auch als Einheit. Vielleicht klingt das ein Die Themenbereiche der Module sind gut strukturiert, und es wenig zu sozialromantisch, aber ich kann nur hervorheben: wurden spezielle Seminartypen, z.B. Praxis- oder Forschungs- es macht auf mich bisher einen hervorragenden Eindruck. Ich lernmodule auf die neuen Studiengänge zugeschnitten. Die fühle mich dort wohl. thematische Schwerpunktsetzung durch neue Studiengänge finde ich sinnvoll, wenn sie nicht allzu alleinstehend gestaltet Was erwarten Sie von der Zukunft? werden. Dagegen finde ich den Wechsel von Noten zu CreditPoints überflüssig. Ganz allgemein: Ich würde mich als skeptischen Optimisten Was ich am Historischen Seminar sehr gelungen finde, sind die bezeichnen. Die Skepsis hat mit dem Alter zugenommen, und Anlaufstellen für die Studierenden, wie die Studienberatung, der Optimismus ist schwerer aufrecht zu erhalten. Man muss die über die Schwellen der Modularisierung hinweghelfen. das Gute immer mehr suchen. Aber gerade im Hinblick auf Dort sind regelmäßig Mitarbeiter präsent, die kompetent bei meine Familie gibt es keine Alternative, als optimistisch in die allen Fragen beraten können. An anderen Unis ist dies wesent- Zukunft zu schauen. lich schlechter organisiert oder gar nicht vorhanden. Für die Geisteswissenschaften und die Universität insgesamt hoffe ich ebenfalls auf eine gute Zukunft. Die Universität sollte Wie stehen Sie zu Studiengebühren? ein Experimentierfeld sein, in dem sich junge Leute und erfahrene „Besserwisser“ gemeinsam ausprobieren dürfen, auch Da ich schon in vielen Landesteilen beschäftigt war, hab ich in wenn nicht alles sofort als effektiv erscheint. Ohne „Glasperdiesem Zusammenhang entsprechend viel erlebt, von kurzfris- lenspiele“ ohne Grundlagenforschung gäbe es keinen Erkennttiger Abschaffung bis kurzfristiger Einführung von Studienge- nisgewinn. Die Universität muss ein Ort für konkrete Utopibühren. Meine persönliche Tendenz geht in Richtung Abschaf- en bleiben. Ebenso hoffe ich, dass die Geisteswissenschaften fung der Studiengebühren. Um eine Uni am Leben erhalten zu nicht weiter an Bedeutung verlieren, ist doch eine ihrer Kernkönnen, sind die momentanen Studiengebühren viel zu gering. aufgaben die Vermittlung von Orientierungswissen und gesellVon daher müsste eine Grundsatzentscheidung getroffen wer- schaftlichen Werten. den: Investiert der Staat in Bildung oder überlässt er diese Auf- Bezogen auf mein Fach: Ich würde in Hannover gerne einen gabe seinen Bürgern. Gerade in einem an Ressourcen armen kleinen, immer größer werdenden, mediävistischen Kreis von Land wie Deutschland müsste eigentlich Bildung als Ressour- Nachwuchswissenschaftlern aufbauen, in dem man sein Wisce und als staatliche Kernaufgabe begriffen werden. sen mit andern intensiv teilt und diskutiert und dieses in jener Als einen durchaus spürbaren positiven Aspekt kann man den alten Verbindung aus Forschung und Lehre an die Nachwelt Studiengebühren wohl zuschreiben, dass sich das Zahlenver- weitergibt. hältnis von Lehrbeauftragten zu Studenten verbessert hat. Die Anzahl der Lehrbeauftragten ist gestiegen, somit ist die Betreu- Wir bedanken uns und wünschen Herrn Rothmann ung der Studenten und die Qualität des Studiums durchaus verage bessert worden. Für eine Verbesserung des Studiums war das einen guten Start und viele schöne T bei uns :-) dringend notwendig. Ich frage mich allerdings, wo die versprochenen Stipendien geblieben sind, die die Studiengebühren

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Welfengarten

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altbackenen Elitendogmen völlig neu ausgestaltet. Erwähnenswert ist seine Vorstellung bezüglich der sogenannten „Trickle-Down-Economics“ – da das Land sich qua CDU-verordeneter Schuldenbremse nicht mehr verschulden darf, sollten die Studierenden doch jetzt einmal endlich von ihrer irrationalen Verschuldungsangst befreien. Inkompetenz und böser Wille sind ab einem gewissen Punkt nicht mehr zu unterscheiden. Schickt Ronald Reagan in die Provinz, gebt ihm eine Pickelhaube und heraus kommt Dr. Joseph Lange, das bildungspolitische Preußenschwein. Zum schnöden Mammon: Die Gebühren in Niedersachsen sind bundesweit die höchsten; wer überzieht, wird bestraft; das Geld türmt sich auf den Konten und verstaubt. Die Universitäten kommen einfach nicht schnell genug hinterher, ihre Kernkompetenzen als sogenannte „Lehrverbesserung“ über Studiengebühren abschreibbar zu machen. Vermehrte Kalorienzufuhr führt nicht zu vermehrter Leistungsfähigkeit, sondern zu vermehrter Verfettung. Der Plan von der Querfinanzierung des Landeshaushaltes funktioniert also nur bedingt, zum Beispiel bei Langzeitgebühren. Wenn das Land dann im Gegenzug, wie jüngst beim StuWerk landesweit kürzt, dann ist es auf eben solche Gebühren angewiesen. Die Bildungsprivatisierung wäre doch um so einiges einfacher, wenn die Niedersächsische CDU sich selber nicht so sehr als Apologeten der Rechtsstaatlichkeit inszenieren würde. Der Geist der Weihnacht. Erst kürzlich ergab eine Anfrage der Linken, namentlich von Victor Perli, dass die Beträge teils in den zweistelligen Millionenbereich reichen, und somit teilweise über die Höhe der Einnahmen von zwei Semestern gehen. Im Lüneburger Präsidium gingen daraufhin die ersten Anträge für Rückzahlungen gegen die Studiengebühren ein, jedoch ist jenes Präsidium zu geblendet vom Leuphana-Glanz, um überhaupt noch irgendetwas erkennen zu können. Im letzten Sommer fertigte das Ministerium für Wissenschaft und Kultur, frisch unter Frau Wanka, auch eine so genannte Evaluation der Studiengebühren in Niedersachsen an. Das Pamphlet war demagogischer als dieser Text hier und verwendete genau eine Quelle. Mit einem Wort: Affirmativ. Wer sich damit genauer auseinandersetzen möchte, sei auf die Stellungnahme der LandesASTenkonferenz verwiesen. Zu beschaffen im AStA der Uni Hannover oder allen entsprechenden brandredenschwingenden Orten, die euch sicherlich auch versichern können, dass Niedersachsen trotz horrender Gebühren alles andere als der Studienort eurer Wahl ist. Wenn sich Hochschulen damit brüsten (wie kürzlich die LUH), in ihrer Region eine wichtige Marke zu sein, ist das kein Qualitätsmerkmal, sondern ein Armutszeugnis. Kurzum: Die Situation in Niedersachsen ist scheußlich. Gebühren hoch, Qualität runter. Studiert lieber woanders, liebe Leute.

At the Mountains of Madness
Über die Studiengebühren in Niedersachsen
Kristian Kröger
Die Berge des Wahnsinns erheben sich nicht nur in der Lovecraftschen Antarktis, sondern sind auch jene Barriere, an der die Administration der niedersächsischen Hochschullandschaft regelmäßig scheitert und mit dem Denken aufhört. Das Triumvirat um Wanka, Lange und Hillmer gibt sich auch nach Stratmanns und Nackes Abgang ignorant und verrennt sich bestensfalls in Bismarcksche Floskelei, um die eigene Stümperei dritten Kind erlässt. Damit ist Niedersachsen im knutogermanischen Kaiserreich zwar immernoch eine abgehängte Rotlaterne, aber Frau Wanka nennt dies „sozial“. Folgend eine Leerstelle zur Reflektion... ...Ob Jörg Hillmer als Vorsitzender des Wissenschaftsausschusses sich ebenso im Kaffeetasse-im-Bauchnabel-balancieren-nachGutsherrenart profiliert wie sein Vorgänger Jens Nacke, dies wird sich zeigen. Ein Mehr an

zu kaschieren. Lutz Stratmann, welcher für einen Menschen ohne eigene Meinung erstaunlich unflexibel wirkte, wird ersetzt durch Johanna Wanka, die uns Studierenden wenigstens soweit entgegenkommt, als dass sie die Zinsen für Studienkredite ab dem

Ignoranz gegenüber dem gebohrenen Radprofi Nacke („nach oben buckeln, nach unten treten“) ist auch nur schwerlich zu erreichen. Zu guter Letzt bleibt Doktor Josef Lange als Staatssekretär ein Virtuose auf der Klaviatur neoliberaler Theoreme jenseits von Genie und Wahnsinn, welche die

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Ein neues Selbstbewusstsein
Zum Geschichtsstudium im Zeichen von Public History und History Marketing
Jonathan Voges
Ein Gespenst geht um in den Medien – das Gespenst des Knoppismus. Nicht klammheimlich oder vorsichtig-tastend, nein, trommelwirbelnd brachial und kanonenmächtig polternd erobert sich die populär aufbereitete Geschichte Marktsegment um Marktsegment, macht sich breit im Vorabend- und Nachtprogramm, hat inzwischen gar immer wieder aufs Neue seine Primetime-, ja, Kinotauglichkeit unter Beweis gestellt. Beinahe jeden Abend marschiert die Wehrmacht, konspiriert die Stasi, kämpfen die Germanen; der Berghof wird akribisch rekonstruiert, vergangene Schlachten mit den Möglichkeiten des digitalen Sandkastens nachgestellt, die Waffentechnik aller beteiligten Parteien durchanalysiert. Und natürlich überzeugt das Dargebotene nicht in allen Punkten den Expertenkreis der Historiographie: Basale Anforderungen geschichtswissenschaftlicher Quellenkritik werden zuweilen auf dem Altar des Boulevards mit seiner größtmöglichen Zuspitzung auf das Human-Interest-Level geopfert: Komplexität wird reduziert und statt Forschungsdiskussionen ein quasihistoristisches So-Ist‘s-Gewesen dargeboten. Selbstredend sind Herrn (Prof. Dr.) Knopps moralisierend in die Kamera geraunten Kommentare nicht der Weisheit letzter Schluss, als die sie verkauft werden, sind dessen Folgerungen und Vereinfachungen des Öfteren durchaus problematisch, um es vorsichtig auszudrücken. Was tun? Nun gut, wir (angehende) HistorikärInnen könnten uns auch weiterhin zurücklehnen und selbstgerecht feststellen, dass das, was die Mainzer Dokumentationsfließbandproduktion – und die ist bei weitem nicht mehr die einzige – massenkompatibel ausstößt, unserer nicht würdig ist und damit auch nicht wahrgenommen zu werden braucht (Wenn dann nur heimlich, sofern kein Kommilitone im Raume ist...). Und falls man irgendwann doch einmal – aus Versehen, beim ‚Zappen‘ – daran hängenbleibt, wird sich bei Chips und Bier (‚tschuldigung: Karottensticks und Bionade) über dessen Banalität mokiert und amüsiert – im guten Gefühl, dass man es ja doch besser weiß. Oder – und das wäre mein Vorschlag – man nimmt das offenbar breit gestreute Interesse an Geschichte wahr und ernst und fragt sich, was daraus zu machen wäre. Wir sollten uns dessen bewusst sein, dass die Absolventenzahl unseres Fachs nicht unbedingt im proportionalen Verhältnis zur Anzahl der Arbeitsplätze in den klassischen Berufsfeldern an Universitäten und anderen Forschungs- und Lehreinrichtungen steht. Es ist schwer und wird zukünftig sicher immer noch schwerer werden, sich für eine Stellung auf Lebenszeit unter die arg gerupften Fittiche der öffentlichen Hand zu begeben – vor allem weil diese selber vermehrt darauf angewiesen ist, sich drittmittelgestützt das eigene Federkleid auszubessern. Nichts Anderes bleibt uns also übrig, als dem Gespenst der Populärgeschichte ein Stück weit seinen Schrecken zu nehmen und uns zu fragen, welche Chancen sich aus einer gesteigerten öffentlichen Aufmerksamkeit an dem von uns in mehr oder weniger vielen Semestern erworbenen Wissens- und Kompetenzenreservoir ergeben.

Es ist nicht ehrenrührig, eine gut geschriebene historische Reportage zu lesen oder sich eine professionell gemachte Dokumentation anzuschauen – geschweige denn, eine solche zu schreiben oder ihr mit wissenschaftlicher Expertise beratend zur Seite zu stehen. Unter begrifflichen Rahmungen wie Public History, Angewandte Geschichte oder History Marketing werden augenblicklich – ausgehend, wie so vieles, von den USA – Konzepte verhandelt, wie eine Vermittlung zwischen Fachwissenschaft und interessierter Öffentlichkeit geleistet werden kann und welche Fertigkeiten neben der klassischen historiographischen Ausbildung von Vorteil sind und wie diese zu erwerben wären. Eigene Studiengänge, vereinzelt auch schon in Deutschland und anderen europäischen Ländern, bilden Fachleute zur Besetzung der Schnittstelle zwischen Geschichtswissenschaft und Gesellschaft aus, die sowohl im Umgang in der Disziplin als auch in modernen Vermittlungsformen kompetent zu agieren vermögen; in interdisziplinär angelegten und stark praxisbezogenen Seminaren arbeiten die TeilnehmerInnen in Gruppen an der Ausgestaltung konkreter Projekte zur Öffentlichkeitswirksamkeit von Geschichte. Die Geschichtsdidaktik wird aufgewertet, werden doch ihre theoretischen Angebote nicht mehr nur allein für den schulischen Kontext, sondern auch darüber hinausgehend fruchtbar gemacht und angewendet. Geschichtsagenturen widmen sich der Aufarbeitung von Firmenund Familiengeschichten, ordnen Archive oder konzipieren Ausstellungen. Initiativen von interessierten Laien fragen nach der Geschichte im lokalen Umfeld, organisieren sich in Geschichtswerkstätten und publizieren ihre Ergebnisse zielgruppengerecht in Broschüren und vermehrt auch im Internet. Neben wissenschaftsjournalistischen Magazinen wie PM History, Damals und Geo Epoche unterhalten große

Tages- und Wochenzeitungen eigene historishe Artikelserien, die im Turnus der Jahrestage mit histoirisch informierten Essays und von mal zu mal auch mit elegant geschriebenen Dossiers aufwarten. Reiseveranstalter stellen GeschichtsabsolventInnen ein, auf dass sie bildungsbeflissenen Kultur-touristen, die historiscke Gewordenheit ihres Reiseziels ebenso anekdotenhaftunterhaltend wie wissenschaftlich korrekt näherbringen. Das Feld öffentlichkeitswirk-samer Geschichtsdarstellungen ist also ebenso weit wie bunt und bietet durchaus Anknüpfungspunkte, die über Hitlers „Ich-weiß-nicht-was-noch-alles“ hinausgehen. Über allem steht die Frage, wie der boomende Geschichtsmarkt bedient werden kann, ohne dass professionelle Standards zugunsten von konkreten Auftraggebern oder einer vermeintlich ausgemachten Mehrheitsmeinung aufgegeben werden müssen. Denn neben allen Forderungen nach breitenwirksamer Anschlussfähigkeit sollten wir durchaus auch daran festhalten, was uns auszeichnet: Die Fähigkeit zum kritischen Umgang mit Quellen, zum Erkennen von historishen Zusammenhängen und zur forschungsnahen Auseinandersetzung mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Positionen. Für uns heißt die Gretchenfrage nicht, wie wir es mit der Kirche halten, sondern ob es uns gelingt, trotz populärerer Formen und vergrößerter (oder zumindest veränderter) Zielgruppen, weiterhin möglichst nah an den Anforderungen unserer Wissenschaft zu arbeiten. Sollte uns das gelingen, können wir selbstbewusst – in Abwandlung eines Werbeslogans der FriseurInnenInnung im Kampf gegen die Discountschnippelei – antworten:

Was HistorikärInnen können, können nur HistorikärInnen!

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Die Welt: Kultur und Politik

Die Welt : Kultur und Politik

London Sessions
Eine Homage an frisch vergangene Tage
Philipp Radau
Am 05. Februar 2011 wurde auf ihrer Homepage das Ende des Bandprojekts „LCD Soundsystem“ verkündet. Das Konzert am 02. April im Madison Square Garden sollte das letzte der Band werden. Dies habe ich zum Anlass genommen, die kürzlich physikalisch erschienene Platte „London Sessions“ genauer unter die Lupe zu nehmen. „London Sessions“ ist der Versuch, einen Querschnitt durch zehn Jahre LCD Soundsystem zu produzieren. Das besondere an der CD ist der komplette Verzicht auf elektronisch erzeugte Beats oder die bisher oft dominanten Synthie-Sounds. Dies erzeugt keine neuen Lieder mag man denken, aber es ist doch erstaunlich, wie viel eine solche Veränderung ausmachen kann. Sämtliche Songs wurden an einem Tag aufgenommen – und das hört man auch. Wenn sicherlich durch den Kopf der Truppe James Murphy am Ende ordentlich durchproduziert, so hat man beim Hören der CD das Gefühl, man steht direkt neben der Band im Probenraum. So muss echte Musik klingen. Das Album schlängelt sich um den großen Erfolgshit „Daft Punk Is Playing At My House“, welchen jeder schon mal irgendwo, und sei es im Fernsehen oder Kino, gehört hat. Ein Song, der damals den Nerv der Zeit getroffen hat und wenn man einen musikalischen Rückblick auf das vergangene Jahrzehnt macht, darf dieser Song darin nicht fehlen. Die CD beginnt sehr stark mit dem deftigen „Us V Them“. Der acht minütige Track, der gerne als Konzertopener verwendet wurde, schafft auch bei „London Sessions“ einen wuchtigen Beginn. Um wieder etwas runterzukommen, wird anschließend „All I Want“ vom letzten Album „This is Happening“ gespielt. Der Song besticht durch seine dominante Gitarre, die sehr an gute Zeiten der „Strokes“ erinnern. Murphy bleibt dann beim „This is Happening“, um die bisher vorletzte Single „Drunk Girls“ zum Besten zu geben. Trotz eines gewitzten Texts, wie etwa „Drunk boys keep in pace with the pedophiles, Drunk girls are boringly wild“, kann das Lied nicht den LCD-typischen Sound transportieren und beginnt daher schon schnell zu langweilen. Die lahme Pause findet ein jähes Ende durch den innovativen Opener vom „Sound of Silver“ Album „Get Innocuous!“. Der eingängige Bass schleift den Hörer in einem atemberaubenden Tempo durch sieben Minuten feinste Tanzmusik – er ist vorbei, bevor er eigentlich richtig angefangen hat – nur noch übertroffen durch das darauf folgende „Daft Punk...“. Nun kehrt wieder Ruhe ein. „All My Friends“ ist das mit Abstand melancholischste Stück der Platte. Das lyrische Ich blickt auf seine Vergangenheit voller Alkohol und Party zurück und fragt sich immer wieder „Where are your friends tonight?“. Ein sehr rührender Text und eine wunderbare Musik machen dieses Lied zum Geheimtipp. Der siebte Track, „Pow Pow“ , ist ebenfalls ein Rückblick auf das bisher vergangene Leben. Ein sehr ernüchternder Rückblick, muss man dazu sagen. Innerhalb von acht Minuten wird kontinuierlich musikalisch ausgereizt, was die Instrumente zum Reizen hergeben. Besonders schön sind folgende Zeilen: ”On this occasion, there are a couple of things that we know that we learned from fact magazine; One, the king wears a king hat and lives in a king house; Two, your time will come, but tonight is our night, so you should give us all of your drugs; Three, we have a black president and you do not, so shut up, because you don‘t know shit about where I‘m from that you didn‘t get from your TV”, welche speziell für das London Sessions Album etwas umgedichtet wurden. Leider hat auch das Album eine, oder besser gesagt zwei Schwachstellen. Die letzten beiden Lieder. Textlich mag der vorletzte Track „I Can Change“ ja ganz anrührend sein, aber beim Hören fällt er nur störend auf. Keine spannenden Elemente, sondern eine nervig-hallige Stimme von Murphy, welche gefühlsüberbetont vor sich hinmurmelt. Auch das darauf folgende „Yr City Is A Sucker“ langweilt nur noch. Zum Glück liegen diese beiden Lieder am Ende des Albums, welches mit 58 Minuten Gesamtlaufzeit eine gute Länge hat. So kann man problemlos die ersten 40 Minuten vollends genießen und dann einfach ausschalten. Schade, es hätte ein perfektes Gesamtkunstwerk zum Ende einer innovativen und abseits des Mainstreams agierenden Band werden können. So ist es halt nur gut, aber jedem Hörer wird klar, warum LCD Soundsystem zu einer der wichtigsten Bands des frisch vergangenen Jahrzehnts gehört. Und daran lässt sich nun so gar nichts mehr ändern.

Hitler und die Angst vorm Tod
Rezension
Jonathan Voges
„I am the chairman of the department of Hitler studies at the College-on-the-Hill.“ Und damit nicht genug: Seinen Sohn nennt Jack Gladney gutgermanisch ‚Heinrich‘, er schneidet sich Lehrvideos aus Riefenstahl-Filmen zusammen und organisiert darüber hinaus noch eine große Hitler-Tagung an seiner Universität – sein Problem ist nur, dass er kein Wort Deutsch versteht und zu einem derartigen Thema doch durchaus auch deutsche Gäste zu erwarten sind, die gebührend Sprache – des also in der – „Führers“ hübsche Spioninnen, für die Gladney offenbar eine besondere Vorliebe hegt, scheint er doch vornehmlich CIA-Angestellte zu heiraten und mit ihnen Kinder zu zeugen, die Szenerie bevölkern. Während also Gladney seinen Jahre Majors Advanced des Jahrzehnts, wird, mit höchstwahrscheinlich geborenen ein Nazism Hitler in lehrt, im Hitler-Boom der 1970er Seminar

belastet ihn die Todesangst apokalyptischen der versucht chemischen Provenienz

Stimmungsaufhellern fragwürdiger entgegenzusteuern. Es kommt also so Einiges zusammen in diesem Roman: Katastrophisches aus der aus dem Chemiewerk, Problematisches Lendengegend, Vorlautes aus Kindermund und für die Krimifreunde unter uns auch noch ein Mordversuch. Alles gewürzt mit bitterbösem Witz, kulturkritisch geerdet und stilistisch mehr als gekonnt vorgebracht. Ist der Roman also schon wegen der Hitler-Studies-Episoden nicht zuletzt für GeschichtsstudentInnen unbedingt lesenswert, US-amerikanischer so ist er doch darüber hinaus auch eine realsatirische Dystopie auf die Auswüchse des American way of life und der damit verbundenen Vorstellung der unbedingten Machbarkeit der Welt. Don Delillo: White Noise. London 1984.

begrüßt sein wollen. Währenddessen arbeitet sein Kollege Murray typisch postmodern an der Aufwertung des Populären, gibt Seminare zur Ästhetik des filmreifen Autounfalls, untersucht deren ideologische Implikationen, und bemüht sich darum, für Elvis zu erreichen, was Gladney für Hitler gelang: „You‘ve installed a wonderful thing here with Hitler. […] It‘s what I want to do with Elvis.“ Neben diesen Voraussetzungen für einen veritablen College-Roman Machart finden sich auch Handlungsstränge, die uns mit zurück in die Mentalität der 1980er Jahre nehmen, in der Umweltgifte und zwischenmenschliche Frustrationen, transnationale Patchworkfamilien und

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Die Welt: Kultur und Politik

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Gejagt – Auf Leben und Tod (Tracker)
Filmkritik
Jan Heinemann
noch als Wilden und Verbrecher zu entlarven, während der Maori dadurch versucht, mehr über Van Diemens Geschichte zu erfahren, die dieser verbittert verschweigt. Mit der Zeit stellt sich heraus, dass beide ein ähnliches Schicksal teilen, nämlich dass sie als Vertriebene und Verfolgte von den Briten aus dem eigenen Land verjagt wurden. Es bildet sich sogar eine gewisse Sympathie, wenn nicht sogar eine gewisse Freundschaft zwischen den beiden. Nachdem sie wieder mit der Gruppe von Major Carlysle zusammentreffen, zu der nun auch Saunders gestoßen ist, der den Maori und am liebsten auch den Buren, den er aus dem Krieg kennt, tot sehen will. Van Diemen ermöglicht Kereama die Flucht, woraufhin es zu einer gnadenlosen Hetzjagd kommt, an deren Ende – hier soll nicht zu viel verraten werden! – Van Diemen in einer dramatischen Situation durch einen gerissenen Trick das Schicksal Kereamas und sein eigenes entscheidet. Der in Großbritannien und Neuseeland unter der Regie von Ian Sharp gedrehte Film, uraufgeführt auf den Internationalen Filmfestspielen in Toronto am 12.09.2010 und am 29. April 2011 in den britischen Kinos gestartet, wurde von David Burns produziert und verfügte über ein Budget von 6,5 Mio. US-$. Obwohl der Film mit einer sehr geringen Anzahl an Darstellern – die zudem auch nicht Hollywoods Bestbesetzung, sondern zum großen Teil neuseeländischer Abstammung sind – auskommt, schafft er durch seine „bodenständige“ Art Unterhaltung der ersten Klasse – ganz ohne Effekt- und Soundfeuerwerke. Mit ruhigen Schnitten, die mit der Einstellung und Kameraführung zwischenzeitig an Western der alten Schule erinnern, passt sich der Filmstrang der Umgebung an, in der er gedreht wurde. Denn neben den schauspielerischen Leistungen sind die farbenkräftigen (natürlich!) und zum Teil monumentalen Landschafts- und Naturaufnahmen, die während des gesamten Films eine stetige, überaus überzeugende und schön anzusehende Konstante bilden, der zweite große Faktor, der den Film durchaus sehenswert macht. Fazit: Nichts für CSI- und Rambo-Freunde. Ein Film für alle, die ohne große Effekte, rasante Action, laute Explosionen und Hollywoodstars auskommen, sondern denen der Inhalt, die „Moral von der Geschicht’“ und die Natürlichkeit der Bilder mehr Wert sind. Der Film überzeugt sowohl mit der Handlung, den Schauspielern und der Brillanz seiner Bilder. 98 Min., UK/NZ 2010, Universum Film, FSK ab 12

Das Leben ohne braune Brühe...
Zwei Wochen ohne...
Lisa Dopke, Viviane Lüer
Manchmal muss man auch Dinge an sich selbst ausprobieren. Zwei Wochen ohne Kaffee – Lisa und ich starteten das gewagte Selbstexperiment in den letzten zwei Wochen der Semester-„Ferien“. Genau die Zeit des Endspurts also, der Abgabezeitraum der letzten Hausarbeiten. Kurz gesagt: Nachtschichten. Wenig Schlaf. Und dann kein Kaffee. Aber gut, wir hatten uns völlig spontan dazu entschieden und mussten da jetzt durch. Bevor wir damit anfingen, gönnten wir uns einen Tag vorher nochmal einen großen (0,5 l) Coffee to go mit extra Espresso. Die volle Dröhnung Koffein. Voller Enthusiasmus starteten wir in Tag eins. Viviane: Schwarzer Tee. Die Notlösung für mich. In Irland habe ich mich aufgrund des grausigen Kaffees an meinem Arbeitsplatz quasi davon ernährt. Schwarzer Tee – großartig und macht auch wach, wenn man nur genug davon trinkt. Gut gelaunt ging ich in die Uni. Mittagessen mit Lisa. Diskussion darüber, ob wir Cola bestellen dürften. Eigentlich ja nicht. Ist ja auch Koffein drin. Demnach entschlossen wir uns, das Experiment zwar weiterhin „Kaffee-Experiment“ zu nennen, aber eigentlich auf jegliche Wachmacher zu verzichten. Also starb der Schwarze Tee für mich. Lisa: Ich werde am ersten Morgen von Laura geweckt. Schlaftrunken gehe ich in die Küche und will die Kaffeemaschine anstellen. Automatismus eben. Im letzten Moment fällt mir das Experiment ein und ich entscheide mich grummelnd für den Früchtetee von Aldi. Wehmütig denke ich an den Kaffee vom Vortag. Extra groß. Extra Espresso. Extra teuer. Aber es hilft ja alles nichts, ich muss zur Arbeit. Im Zug geht es mir auch noch ganz gut. Die erste Doppelsitzung mit vier Nachhilfeschülern habe ich gut überstanden, die zweite wurde richtig, richtig schlimm. Beim Korrigieren ihrer Arbeiten mache ich Fehler, beim Schreiben bin ich dabei, wegzunicken. Als ich um 19 Uhr nach Hause komme, gehe ich sofort ins Bett und schwupps, bin ich eingeschlafen. Viviane: Tag zwei begann nicht so gut. Vier

Am 20. Mai 2011 erscheint wieder einmal ein Film in den deutschen Läden (13,99€ bei Amazon in der Vorbestellung), dem eine Aufführung im Kino mehr zustände als so manchem anderen (zuletzt „New Kids Turbo“, nach relativ viel versprechendem Trailer insgesamt total überzogen stupide und mit etlichen Längen), der aber dennoch in der Bundesrepublik nur auf DVD und Blue-Ray vertrieben wird und so wahrscheinlich an der breiten Publikumsmasse vorbeigeht. Neuseeland, 1903. Der Maori Kereama (Temuera Morrison, bekannt aus „Star Wars“ Episode II und III) wird unglücklicherweise in einem Stall der Armee von Soldaten bei einem Schläferstündchen erwischt. Die betrunkenen Soldaten, die in ihm lediglich einen Wilden und einen Pferdedieb sehen, wollen ihm eine Lektion erteilen, im entstehenden Kampfgewirr ersticht Sergeant-Major Saunders (Mark Mitchinson, bekannt aus der Serie „Spartacus: Blood and Sand“) einen Kameraden und Kereama kann entkommen. Saunders beschuldigt Kereama, den Mord begangen zu haben und Major Carlysle (Gareth Reevers, bekannt aus „A Song of God” und „I´m Not Harry Jenson”) nimmt mit einer kleinen Gruppe unter der Führung des einheimischen Fährtenlesers Bryce (Andy Anderson, bekannt aus „House of Wax“ und der Serie „Sea Patrol“), der auch der Bure Arjan Van Diemen (Ray Winston, bekannt aus „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ und „Percy Jackson – Diebe im Olymp“) angehört, die Verfolgung auf. Van Diemen, der im Burenkrieg gegen die Briten kämpfte und seine Frau und Töchter verloren hat, trennt sich bald von der Gruppe und verfolgt den Maori allein, bis er ihn bald auch gefunden und gefangen genommen hat. Während der „Reise“ durch das Land und wiederholten kleinen Faustkämpfen kommen sich die beiden näher und es stellt sich heraus, dass Kereama durchaus kein Wilder, sondern in einer Missionsschule aufgewachsen ist. Van Diemen und er versuchen immer wieder, sich mit Bibelzitaten aus der Reserve zu locken; Van Diemen, um ihn doch

Stunden Schlaf, Hausarbeit Wunschdenken.... immer noch nicht fertig. Kein Kaffee. Kein Schwarzer Tee. Keine Cola. Nichts. Ich rauchte mittlerweile fast Kette. Vielleicht hielt das ja wach. Wieder an der Hausarbeit geschrieben. Fünf Sätze in drei Stunden. Konzentration? Fehlanzeige! Also auf ins Büro, arbeiten. Die Sommerakademie wollte ja auch organisiert werden. Es ging. Drei Stunden lang war ich voller Konzentration. Abends freute ich mich auf mein Bett. Um 21 Uhr ging ich schlafen. Lisa: Am zweiten Tag habe ich verschlafen. Das ist auch mit Kaffee nichts Neues. Nur dieses Mal war es wirklich extrem. Dabei hatte ich noch nicht einmal einen Termin oder dergleichen. Bloß das Essen mit Viviane. Die Diskussion, ob wir Koffein (oder ähnliche Substanzen) überhaupt trinken dürfen, wurde oben ja schon dargelegt. Wir klagen uns unser Leid und gehen wieder unserer Wege. Viviane: Die nächsten Tage waren ähnlich wie Tag zwei. Anstrengend. Wenig Schlaf. Wobei – ich schlief

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Die Welt: Kultur und Politik
immer und überall ein. Also ging es eigentlich mit dem Schlaf. Keine Konzentration. Kein Koffein bedeutete für mich viel Nikotin. Sehr viel. Dies wiederum bedeutete ständige Ablenkung. Meine Gedanken wanderten so wirr wie nie zuvor durch meinen Kopf und ich umwaberte meine Mitmenschen mit meinen spinnigen Ideen. Meine Mutter fragte irgendwann, ob ich Drogen genommen hätte. - Nee, hatte ich nicht. Genau das war ja das Problem! Lisa: Am Mittwoch muss ich wieder arbeiten. Dieses mal läuft es noch schlimmer als vorher. Meine Chefin begrüßt mich mit den Worten: „Frau Dopke, was ist denn jetzt schon wieder los?“ Naja, es läuft wirklich nicht gut. Ich bin gereizt, ermahne die Schüler für Dinge, die ich ihnen sonst durchgehen lasse. Ich bin unausstehlich. Wenn ich Schülerin wäre, würde ich mich für die Aufgaben, die ich verteile, hassen. Wirklich hassen. Abgrundtief hassen. Ich beende den Unterricht fünf Minuten früher. Ich bin kurz davor, zum Waffenhändler zu gehen. Wie können Schüler so begriffsstutzig sein? Wie kann ein einziger 16 Jähriger Schüler so penetrant nerven? Ich hasse diese Schüler! Ich hasse diesen Nebenjob! Ich hasse das Studentendasein! Ich hasse das Leben ohne Kaffee! Ich bin wieder zu Hause. Ein Blick in den Kalender sagt mir, dass ich morgen ein anstrengendes Videoprojekttreffen habe. Schneiden. Ekelhaft! Ich bin aber wieder frohen Mutes und freue mich auf „Hangover“. Komme nach Hause. Mein Kater hat neben das Sofa uriniert. Ich könnte durchdrehen! Nein- kein Konjunktiv! ICH DREHE DURCH! Ich bin geneigt einfach die Kaffeemaschine einzuschalten. Gehe stattdessen zum CD Player. Wie passend: Robbie Williams, „me and my Monkey“. Ich will nur noch ins Bett. Nächster Morgen. Das Videoprojekttreffen. Ich versinke in meine eigene, kaffeelose Welt. Ich höre den Anderen zu, erkläre, arbeite. Sie gehen. Eine bleibt. Wir sprechen den Kommentar. Müde. Bett. Sofort. Halt! Erst noch einkaufen! Koffeinfreier Kaffee? Ist das erlaubt??? Ich beschließe: JA! Nach dem Einkauf schwebe ich im siebten Himmel. Wenn man sich vormachen kann, dass man intelligent und schlau ist und all sowas, dann kann man sich auch vormachen, dass koffeinfreier Kaffee mir in meiner Lage hilft. Und er tut es! ER TUT ES! Viviane: Das erste Wochenende ohne Kaffee war eine Herausforderung für mich. Insgesamt drei Geburtstage wurden gefeiert, davon nur einer nachmittags mit Kaffee und Kuchen und Geschichten über Schlesien bei meiner Oma. Der war ja erst am Sonntag. Freitag und Samstag – das waren Nächte des Feierns. Alkohol. Party. Um sieben Uhr morgens ins Bett, um zwölf Uhr mittags jeweils wieder wach. Mit Kater. Und Halsschmerzen. Und ohne Kaffee. Alle tranken Kaffee, nur ich nicht. Furchtbar! Lisa: Ich trinke die nächsten Tage nur koffeinfreien Kaffee. Schmeckt langsam eeeeekelhaft, gut, der schmeckt immer ekelhaft, aber der Entzug macht’s, das vorgaukeln funktioniert. Bis Montagmorgen. Viviane: Der Montag nach der Party war dann mein persönlicher Super-GAU. Eine Woche ohne Koffein, Teein, oder was auch immer. Am Wochenende gefeiert. Meine Augen brannten, als hätte ich zu lange im Chlorwasserbecken getaucht. Mein Körper fühlte sich fremd an. Ich radelte zur Uni und fuhr über drei rote Ampeln, erschrak mich aber noch nicht einmal über die hupenden Autos. Es war alles so unwirklich – wie in Zeitlupe. Ein erschütterndes Gefühl. Ich ging gegen 18 Uhr schlafen. Lisa: Der koffeinfreie Kaffee ist leer, mein Freund füllt die Kaffeedose mit koffeinHALTIGEM Kaffee nach und ich koche eine ganze Kanne. Zuerst merke ich nichts. Dann fällt mir auf, dass ich ohne Grund anfange zu lachen. Mein Freund kommt nach Hause. Er kocht Kaffee, ich sage ihm, dass das aber der koffeinfreie ist. Er erzählt mir, was er getan hat. Er hat unabsichtlich versucht, mich zu sabotieren! Na, da kann ich das Projekt auch gleich aufgeben. Es geht mir auch so guuuut mit Kaffee! Immerhin eine Woche geschafft! Ich erzähle das Viviane. Sie guckt komisch, nicht verurteilend. Aber komisch. EEEEEGAL! Viviane: Am Dienstag war ich um sechs Uhr wach. Und mir ging es super. Die eine Woche kalter Entzug war wie vergessen: keine brennenden Augen mehr, keine Müdigkeit mehr. Wunderbar. Voller Enthusiasmus radelte ich zur Uni - um acht Uhr saß ich im Büro und koordinierte fleißig. Dann Mittagessen. Jonathan war überglücklich, dass ich nicht mehr aussah wie der Tod höchstpersönlich und auch nicht mehr nöhlig war. Und zickig. Und reizbar. Und fies. Mir ging es prima! Gegen 20 Uhr schlief ich bei den Nachrichten ein. Die restlichen Tage waren alle gut. Ich brauchte eben nur rund acht Stunden Schlaf. Wie sollte ich mit diesem Schlafrhythmus nur meine Hausarbeiten fertig schreiben? Als ich in Woche drei endlich wieder Kaffee trinken konnte, pendelte sich mein Schlafrhythmus bei vier Stunden ein, die Hausarbeiten wurden fertig gestellt und ich hatte wieder die typischen Stimmungsschwankungen von völlig überdreht (nach vier Tassen Kaffee) und todmüde (nach drei Stunden ohne Kaffee). Und einen Lerneffekt hatte das ganze Experiment auch. Ich lernte, dass Kaffee durchaus abhängig macht. Und dass ich abhängig bin. Und ein Leben ohne Kaffee erst gesund ist, wenn man es länger als eine Woche macht. Vorher ist es gefährlich. Und das man für ein Leben ohne Kaffee Zeit braucht. Viel Zeit zum Schlafen.

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Thüringen- Das grüne Herz Deutschlands
Seit wann sind Herzen grün?
Lisa Dopke
Reinald Grebe hat Thüringen zwischen Dänemark und Prag verortet. Er selbst sagt, es sei das Land ohne Prominente und schwierig sei es deshalb, weil es keiner außerhalb von Thüringen kennt. Nur Goethe. Der wusste Thüringen zu schätzen und kam aus dem Westen hergezogen. Dieses Herz Deutschlands wollten Viviane und ich uns ansehen. Wir haben keine Kosten und Mühen gescheut und beschlossen nach Engelsbach zu fahren.
bekannt, da wird noch nicht viel aus dem Fenster gesehen, außerdem ist das ja auch noch Niedersachsen. Das Umsteigen in Göttingen gestaltet sich nicht schwer: Runter vom Gleis, schnell noch was zu essen besorgen und wieder ab aufs Gleis. Die ersten eineinhalb Stunden der Reise sind damit auch schon vergangen. Und schon geht es in die unendlichen und unbekannten Weiten der Welt – nach Göttingen kommt nur noch das hessische Eichenberg und schon bewegen wir uns im Zonengebiet. Heiligenstadt, Leinefelde, Mühlhausen und dann folgt ein heiliger Moment: wir fahren in Bad Langensalza ein. Ich rekapituliere in meinem Kopf den Inhalt des Seminars „Königreich Hannover“ von Herrn Aschoff und schon landen wir in Gotha (B). Gotha, bekannt durch das Feakstook Festival, bei dem einmal im Jahr Horden von Jesus Freaks eine Invasion starten. Gotha das naturwissenschaftliche Pendant zu Weimar. Gotha, der Standpunkt der Oettinger Brauerei. Gotha – die fünftgrößte Stadt Thüringens! Als wir einfahren, geben wir uns der Illusion hin, im Sonnenschein ein Eis zu essen und durch Gotha zu flanieren. Ein Blick auf den Fahrplan sagt uns aber, dass wir nicht viel Zeit haben – ungefähr fünf Minuten, reicht noch nicht einmal für eine Zigarette! Also Gepäck geschnappt und vom Gleis geflüchtet. Die Anzeigentafel verkündet eine Fahrplanänderung: Wir haben 45 Minuten Zeit. Wunderbar! Also ab auf den Vorplatz in die Sonne. Ein Bahnhofsvorplatz zur Stoßzeit Freitagmittag, also erwartet haben wir etwas Anderes! Er ist leer. Leerer geht es nicht. Leer. Nichts. Nur eine einsame Straßenbahn, die sich ihren

Am Anfang jeder Reise ohne Flugzeug und Auto steht der Besuch bei bahn.de. Schnell merken wir, dass es keinen Bahnhof „Engelsbach“ gibt. Immerhin gibt es eine fragwürdig anmutende Wahlmöglichkeit „Engelsbach Abzw. Leinatal“. 3:34 Stunden Fahrtzeit – klingt gut. Könnte sein, dass wir im thüringischen Nichts landen, in Dunkeldeutschland, im weltlichen Nirwana – super, fahren wir hin! Eine Übernachtungsmöglichkeit gibt es auchPerfekt! Noch schnell mit ein paar Leuten vor Ort verabreden, damit die Reise auch einen Sinn hat und schon geht es los! Die Strecke Hannover-Göttingen (A) ist

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Weg in die Innenstadt bahnt. Wir setzen uns auf eine Bank wurden, fällt mit Vivianes zärtlicher Berührung an ihr zu und betrachten das Geschehen, welches eigentlich nicht Boden. Fröttstedt könnte als Kulisse für „The Hills have da ist. Bald fallen uns ein paar Jugendliche auf, die Eyes“ dienen. Als deutsches Testgelände für nukleare links neben dem Haupteingang versteckt auf unsere Sprengwaffen. Verlassene Häuser. Keine Menschen, alles Blicke warteten. Ganz vorurteilsbehaftet fallen Sprüche verfällt, nur die Gardinen in den Fenstern wiegen sich im wie: „Hier ist ja gar nichts! Kein Wunder, dass die alle Wind. Uns bleibt nichts übrig, als den Kuchen aus abwandern oder Nazis werden!“. Ja, wir verstehen die Gotha zu essen und uns unserer Nikotinsucht hinzugeben. Welt! Und dann erscheint das Fremde – wie aus dem Nachts will keine von uns allein hier sein. Aber in unserer Vorstellung gibt es sowieso Nichts. Eine Frau, die ihr nichts Schlimmeres, als Kind an einer Leine führt. allein in Fröttstedt zu sein. Ein zweiter Blick bestätigt Allein in Fröttstedt. Der das Gesehene, es ist ein Kind Begriff der Hölle wird mit und kein Hund. Schnell ein einer Vorstellung gefüllt. Erinnerungsfoto und schon Als der Zug einfährt, müssen wir auch wieder auf merken wir, dass dies eine das Gleis. Vorher kaufen wir Bahn mit den Endhalten aber noch einen Kaffee und Fröttstedt-Friedrichsroda ist. ein rieeeeesen Stück Kuchen Wieder müssen wir grinsen. – für 1,50 Euro. Solche Preise Die zwanzig Minuten Fahrt, gibt es nur im Osten! die letzte Etappe, nehmen Eine Durchsage wir aber gern auf uns. Wir verkündet die Ankunft eines finden die Fahrt ungeheuer Inter Citys und löst einen witzig und sind trotz des Lachanfall aus. Lachen als Nichts in der Umgebung fast eine psychische Reaktion. ausschließlich am Lachen. Lachen als Ausdruck des In Friedrichsroda (D) Unfassbaren. hatten wir ursprünglich den Kurz danach fährt Plan, den Rest der Strecke unser Zug ein, wir setzen zu Fuß zurück zu legen. die Fahrt nach Fröttstedt (C) Auf Grund mangelnder fort. Wenn es in Gotha keine Leerer Bahnhofsvorplatz in Gotha Ortskenntnis sprechen wir einen Eisdiele gibt, dann wenigstens in Fröttstedt. Stedt kommt von Stadt. In einer Stadt gibt es Einheimischen an und fragen nach dem Weg. Das Eis. Studentische Logik ist immer noch unbezwingbar. Gespräch verläuft in etwa so: Fünf Minuten später fahren wir ein, das Glitzern in den Viviane: „Entschuldigen Sie, können Sie uns sagen, wie wir Augen ist groß, die Spannung steigt ins Unermessliche… nach Engelsbach im Leinatal kommen?“ Einheimischer Wir steigen aus, wir blicken nach links, nach rechts. Sehen Mensch: „Oh, da sind Sie völlig falsch.“ Ich: „Aber nichts, was auf Menschen hinweist. Erst als der Zug fährt, Google Maps hat gesagt, wir müssen hier her und dann erscheint vor uns genau EIN Haus. Wie war das? Stedt sinds nur noch zwei Kilometer!?“ Einheimischer Mensch: „Ja, aber Sie wollen doch nach Leina! Da sind Sie hier kommt von Stadt, also ist Fröttstedt eine Stadt? Durch die Verschiebung in Gotha haben wir falsch.“ Viviane: „Nein Engelsbach im LEINATAL.“ auch hier 45 Minuten Aufenthalt. Wenn wir dachten, Einheimischer Mensch: „Ja Leina – da müssen Sie mit der in Gotha sei nichts, belehrt uns dieser Bahnhof eines Bahn hinfahren. Eine Station Richtung Friedrichsroda, Besseren. Eine Bank, praktischer Weise in der Sonne, dann in die Waldbahn und die fährt Sie direkt dahin.“ Ungläubigkeit macht sich breit, aber es handelt ein verlassenes Bahnhofsgebäude. Eine der Platten, die zwecks Abdichtung eingeschlagener Fenster angebracht sich ja eindeutig um einen Einheimischen, der Dialekt

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belegt dies. So bedankten wir uns und erwischen gerade in die Suchmaske der Bahn eingegeben haben, als wir drei noch die Bahn mit der wir kamen und fahren eine Station nett aussehende kleine Jungs erblicken. zurück. Als wir aussteigen erblicken wir eine mit Graffiti Wir fragen nach dem Weg. Ich: „Entschuldigung, wir wollen nach Engelsbach. Wo müssen wir da lang gehen?“ übersäte Wand. Ein Blick nach links, ein Blick nach rechts Junge 1: „Hahahahaha“. Parallel Junge 2: „Da sind Sie und uns war klar, dass wir wieder einmal eine neue Form hier vollkommen falsch!“. Ich: „Oh Gott, ich brauch des Nichts kennenlernen würden. Immerhin gibt es hier laut den Graffitis auch Hooligans. Mal was Neues, aber eine Zigarette“. Viviane: „Ähhh wieso? Wir wurden aus Friedrichsroda hier her geschickt und ein Ortskundiger auch nichts unerwartetes im Osten… Wir gehen um das Gebäude herum und fragen hat gesagt, dass die Karte von Google Maps falsch uns, warum ein so sei.“ Junge 1 (immer noch): schönes Gebäude „Hahahahahahahaha“. mit Buntglasfenstern Ab hier kann ich das Gesagte leer steht. nicht mehr aus meiner eigenen Die WaldErinnerung rekapitulieren, da bahn zu finden, meine Konzentration darauf gestaltete sich gerichtet war, mein Feuerzeug nicht schwer. Da zu finden. Laut Viviane ging es sie auch ziemlich aber so weiter: gleich kommt, Junge 3: „Na, das Internet ist haben wir keine auch falsch. Das alles hier ist das Zeit uns weiterhin Leinatal. Und Engelsbach ist ein umzugucken. In der Ort im Leinatal. Da waren Sie Bahn stellen wir in Friedrichsroda schon ganz fest, dass dies die richtig.“. Während sich Junge 1 Straßenbahn ist, die immer noch seinem Hahahaha auch in Gotha an hingibt, bin ich einer Ohnmacht uns vorbei fuhr – Straßenbahn, bzw. Waldbahn nahe. Wir laufen zurück zur Waldbahnhaltestelle. zumindest handelt es sich bei Dem Plan entnehmen wir, dass heute keine Bahn ihr um die selbe Linie. Uns überfällt eine leichte Form mehr zurück nach Friedrichsroda fährt. Ratlosigkeit des Ärgers, der aber angesichts der Landschaft schnell macht sich breit, bis ich auf die Idee komme, in der verfliegt. Herberge anzurufen. Da wir uns idealerweise dort mit Unser Weg schlängelt sich durch einen Wald, vielen Hessen verabredet hatten, fanden wir auch schnell eine Plattenbausiedlung und eine Kleingartenkolonie. Uns jemanden, der bereit war uns einzusammeln. Am Telefon entwischen viele „Ahhhhs“ und „Ohhhhs“. Wir fangen höre ich nur, dass das kein Problem sei, man habe zwar an, die Landschaft zu bemerken. Unser Thüringenbild kein Navi, aber es sei eine Karte da. Wir warten. Und warten. Und warten. Viviane wandelt sich. Das Nichts wird gefüllt. Zwar mit Bäumen, und ich fangen an, Witze zu machen. Über den Osten. Die Plattenbauten und Kleingärten, aber immerhin! Uns kommt es so vor, als wären wir eben erst Situation. Und wie recht Rainald Grebe doch mit seiner eingestiegen, als die hochdeutsche Stimme „Leina“ Landeshymne hat. Wir warten. Und warten. Wir warten eine Stunde an der Straßenecke. (E) ankündigt. Schnell greifen wir unsere Taschen und bewegen uns zur Tür, steigen aus, ein Blick links, ein Ausnahmslos jeder Autofahrer guckt uns an, zwei Fahrer (ich meine hier wirklich männliche Fahrer, das ist nicht Blick rechts. Wieder nichts. Nur eine aus Strohballen gebaute Mauer, an aus Versehen vergessen worden zu gendern) hupen sogar. die ein Bettlaken gepinnt ist. Auf ihm steht: „1225 Jahre Klischee. Leina“. Na, Geschichtsbewusstsein haben sie hier! Wir Mit der Zeit vergeht uns auch das Lachen und … sehen noch nicht viel von einer Siedlung, gehen aber davon aus, dass die ganzen Häuser um die Ecke liegen Aber irgendwann werden wir abgeholt. und stiefeln los. Uns stellt sich wieder die Frage nach dem In der Herberge angekommen, sehen wir, dass Leina gar Weg. Ein Taxi ist nirgends zu finden und die Menschen nicht auf der Karte ist. sind restlos in den Häusern geblieben. Wir laufen Bei der Recherche zu diesem Artikel und Erstellung der die „Hauptstraße“ entlang und lachen über unsere Karte sagte mir Google es gäbe kein Fröttstedt. mangelnden Ortskenntnisse und dass wir den Ort falsch

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zustellen und sei es, dass der Täter/ das Opfer mit dem Cousin dritten Grades vom Freund der Schwester in eine Schule ging. Die Megalithtempel Maltas sind ein Muss für jeden Touristen auf Malta, man muss sich jedoch in Acht nehmen, denn dort kann es zu Begegnungen der dritten Art kommen. Nein, damit meine ich nicht etwa Außerirdische, sondern Erich von Däniken. Wobei das im Wesentlichen auf ein und dasselbe hinaus läuft. Nach der dänikischen Theorie war Malta Atlantis, (wenn man Malta rückwärts ausspricht, kling das ja ein wenig wie Atlantis, also muss es auch Atlantis sein!), das von Außerirdischen gebaut wurde. (Es müssen Außerirdische gewesen sein, wie kamen man jedoch den Reflex, sich von Mauern aller Art ferndenn sonst die ganzen schweren Steine zuhalten, oder der Zunge des Hundes im Matrix-Stil dorthin, wo sie heute noch stehen, wenn sie nicht gebeauszuweichen. Wem jetzt der Gedanke kommt, dass amt wurden?) Ich wünschte ich hätte vor dem Besuch diese Insel irgendwie seltsam ist… hat Recht. Weitere bei den Tempeln einen getrunken, aber wer ahnt denn Beispiele gefällig? Die Uhren an den maltesischen Kir- auch so was… chen gehen alle falsch, eigentlich stellt das eine SicherNeben diesen Tempeln stehen, wie überall auf heitsmaßnahme dar, die verhindern soll, dass der Teu- Malta, Johannesbrotbäume. Da diese Bäume zu den fel rechtzeitig zum Gottesdienst kommt. Ich persönlich wenigen Pflanzen gehören, die auf der Insel überhaupt bin jedoch zur Überzeugung gelangt, dass es zusätzlich wachsen, ist es absolut verboten, die Bäume zu beschädazu dienen soll, uhrlose Touristen, zu denen ich auch digen oder zu fällen. Wer auf Malta ein Haus auf einem zähle, so zu verwirren, dass sie den nächsten Bus zu- Grundstück mit Johannesbrotbäumen bauen will, muss rück zu ihrem Hotel verpassen. a) um die Bäume herum bauen, oder b) das mit dem Interessant ist auch die maltesische Einkaufs- Bauen ganz sein lassen. Auf Grund des Vegetationskultur. Das Prinzip des Supermarktes setzt sich auf mangels finden die Malteser übrigens Deutschland echt der Insel nur langsam durch, und wird übrigens aus toll, weil: „you´ve got so many trees there! It´s aweDeutschland, in Form einer Supermarktkette, die mit L some!“ So berichtet mir eine Schwarzwald-verliebte anfängt und idl aufhört, importiert. Ansonsten kaufen Malteserin begeistert und versteht gar nicht, was wir die Malteser, in kleinen Tante-Emma-Läden ein, die Deutschen an Malta eigentlich so toll finden. Gründe nur in Touristenorten als solche zu erkennen sind. Eige- dafür gibt es genug: die wunderschöne Kalksteinküste, ne zarte Anläufe der Malteser das Supermarkt-Prinzip mittelalterliche Festungsstädte wie Mdina oder Valletzu übernehmen führten zu dem Ergebnis, dass auf Mal- ta, in denen man halb damit rechnet, dass einem ein ta Tiefkühlläden zu finden sind, die im Wesentlichen alter Johanniter entgegenkommt und in denen sich die mit Kühltruhen voll gestellte Tante-Emma-Läden sind, bunte kulturelle Vergangenheit der Insel widerspiegelt, in denen es ausschließlich Tiefkühlware zu erwerben Höhlen, Grotten und abgelegene Lagunen, die man nur gibt. per Boot erreicht. Ein Ereignis der besonderen Art stellen Mor- Nach einer Woche Malta, mit verrückten Hunden und de dar, zum einen weil sie so selten auf der Insel vor- Menschen, fand ich meinen eigenen Geisteszustand kommen, zum anderen weil es, wenn es dann mal doch plötzlich gar nicht mehr so bedenklich. Abgesehen passiert, ein beliebter Zeitvertreib ist, herauszufinden, davon habe ich sogar meine Eidechsen gefunden, das ob es eine Verbindung zwischen einem selbst und dem mit dem Zählen habe ich recht schnell wieder gelassen, Opfer bzw. dem Täter gibt. Hierzu veröffentlicht die denn auch wenn Malta für ein Land klein sein mag, für Presse auf Malta den kompletten Lebenslauf von Op- einen Felsen im Mittelmeer ist es verdammt groß! fer und Täter, auf Grund der geringen Größe der Insel gelingt es fast jedem Malteser, eine Verbindung her-

Die spinnen, die Malteser!
Reiseempfehlung!
Kathy Schlüter
Kennt ihr das? Das Semester geht zu Ende und Ihr habt einen Berg von Hausarbeiten auf Eurem To-Do-Stapel und so überhaupt keine Lust und Kraft diesen anzugehen? In meinem Fall lag im Sommer letzten Jahres die Bachelor-Arbeit ganz oben auf dem Haufen eben dieses Stapels und da ich fand, dass man mit einem gewissen Elan an die Abschlussarbeit gehen sollte, beschloss ich, mir vorher eine kleine Auszeit zu nehmen. Um mein Gewissen zu beruhigen, wählte ich ein hitorisch wertvolles Ziel: Malta. Denn auf einem Felsen im Mittelmeer zu sitzen und Eidechsen zu zählen, war in Anbetracht meines nervlichen Zustandes eine verlockende Beschäftigung. Sich nebenbei noch ein wenig von Kultur und Geschichte berieseln zu lassen, konnte so falsch auch nicht sein. Also schwang ich mich in die Lüfte. Schon beim Anflug auf die Mittelmeerinsel sehe ich, dass ich mit dem Felsen gar nicht so weit daneben lag, denn im Hochsommer präsentiert sich Malta in einem eintönigen braun, wachsen tut hier um diese Jahreszeit kaum etwas. Dass trotzdem tausende von Touristen die Festungsinsel besuchen, liegt an der bunten Geschichte und Kultur der Insel, die einzigartig sind. Von dem 7. Jahrtausend v. Chr. bis in das 19. Jahrhundert hinterließen alle möglichen und auch unmöglichen Kulturen ihre Spuren auf Malta, das aus diesem Grund ein Eldorado für Archäologen, Histoikär und Geschichtsinteressierte ist. So finden sich auf der Insel die Überreste einer geheimnisvollen Megalithkultur, deren Tempel zu den ältesten noch halbwegs erhaltenen freistehenden Gebäuden auf der Welt zählen, bronzezeitliche Dolmengräber und Fliehburgen, phönizische, vandalische und byzantinische Handelsstützpunkte, römischchristliche Katakomben und eine arabisch geprägte Sprache. Auch die Normannen, Staufer, Angeviner und die Spanier legten ein Gastspiel auf Malta ein, unter den Johannitern wurde Malta schließlich ein Bollwerk gegen die osmanische Übermacht im Mittelmeerraum, nach einem zweijährigen Aufenthalt der napoleonischen Truppen übernahmen die Briten das Zepter bis Malta 1962 seine Unabhängigkeit erklärte und weitere zehn Jahre später die Republik ausrief. 2004 trat die Insel schließlich der Europäischen Union bei. 10.000 Jahre Geschichte auf einer Viertelseite, zum Glück schreibe ich meine Hausarbeiten nicht so… Aber zurück zum Thema: Malta, Landeanflug. Abgesehen von der kargen Landschaft fällt mir noch etwas Anderes in Auge: Die Hauptinsel Maltas mit einer Länge von lediglich 28 Kilometern verfügt über eine fast 5 Kilometer lange Landebahn! Die Gründe dafür sind, wie ich später erfahre, die wöchentlichen Direktflüge aus und nach Australien. Malta hat eine Einwohnerzahl von 300.000. 150.000 weitere Malteser leben in Down Under und die kehren, selbst noch in der dritten Generation, regelmäßig auf ihren Felsen zurück. Anlässe gibt es mehr als genug, diverse Dorffeste, Omas Geburtstag oder auch den des Wellensittichs, die Geburt der Welpen des Nachbarhundes… Wo wir gerade beim Thema Hunde sind, auf Malta gehen die Vierbeiner einer eigenartigen Beschäftigung nach: sie sitzen, wenn möglich, auf Mauern und schlecken vorbeigehenden Touristen, die nichts Böses ahnen, ohne Vorwarnung quer durch das Gesicht. Nachdem einem das einige Male passiert ist, entwickelt

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Der langweiligste Tag der Geschichte
Philipp Radau
Es ist geschafft. Einem anscheinend gelangweiltem Wissenschaftler namens William Tunstall-Pedoe hat mit Hilfe des von ihm entwickelten Programms „True Knowledge“ herausgefunden, dass der 11. April 1954 der langweiligste Tag der Menschheit war. Weltweit. Die Website www.trueknowledge.com ist mit allerlei Daten gefüttert. Man tippt einfach seine Frage ein und wenige Sekunden später bekommt man eine Antwort. Selbstverständlich ist dies noch in der Beta-Phase und nur englischsprachig zu nutzen. Anhand sämtlicher in dieser Suchmaschine eingespeicherten Fakten (Stand 26.04.2011: 515.288.458) und einem ebenfalls selbstverständlich geheim gehaltenem Algorithmus, wurden mit dem 11. April 1954 die wenigsten Fakten verknüpft, so dass behauptet werden kann, dass dieser Tag objektiv gesehen der langweiligste war. Unmut könnte diese Meldung bei dem auf einmal weltweit bekannten Elektroingenieur Abdullah Atalar, Rektor der ersten privaten Universität Bikent (Türkei), auslösen. Er wurde am 11. April 1954 geboren, aber die Welt hat das anscheinend nicht weitreichend genug verändert. Laut Wikipedia (und damit auch in der Datenbank eingespeichert) starb an besagtem Tag der wenig bekannte Fussballer John Shufflebotham, welcher bei Aston Villa spielte. Allerdings wurde er auch an einem 11. April geboren, nämlich 1885. Ein sehr großer Zufall und so wurde dann doch ein interessantes, wenn auch tragisches Ereignis am 11. April 1954 aufgedeckt. Nachforschungen bei der Aston Villa Player Database haben allerdings ergeben, dass das genaue Todesdatum von Jack Shufflebotham unklar ist (das Jahr ist hingegen unstrittig). Der aufmerksame Leser hat bemerkt, dass John auf einmal Jack heißt. Ja, auch da ist man sich bei Wikipedia und der Player Database nicht so ganz einig... Wenn man jedoch den Stammbaum der Shufflebotham bei TheGenealogist.co.uk sucht, findet man zu John wesentlich mehr Einträge als zu Jack. Also sollten wir uns auf John einigen (wobei Jack immerhin eine eigene Facebook-Seite hat). War sonst noch was? Achja, in Belgien wurde an besagtem Sonntag das Parlament gewählt. Es gewannen die Sozialisten. Bei so vielen uninteressanten Ereignissen kann es schnell passieren, dass auch dieser Artikel nur ein lautes Gähnen vom Leser ernten wird. Dennoch sollte man sich als Historikääär einmal mit dieser Meldung auseinandersetzen. Ich habe beispielsweise im letzten Semester ein Seminar mit dem prestigeprächtigen Titel „Sternstunden der Weltgeschichte“ besucht. In 14 Sitzungen wurden zahlreiche Höhepunkte der Menschheit analysiert. Das es auch so etwas wie das Gegenteil einer solchen Sternstunde gibt, fand ich hochinteressant. Die Geschichtswissenschaft entwickelt sich aber momentan in eine Richtung, in der der „kleine“ Mann oder die „kleine“ Frau stärker in den Fokus der Forschungen gerückt wird. So gab es mit Sicherheit Menschen, für die der 11. April 1954 ein ganz bedeutsamer Tag gewesen ist. Sei es eine Hochzeit, die Geburt eines - für die Weltgeschichte unbedeutenden - Enkels oder vielleicht der Tod eines besonderen Menschens. Bestimmt hatte irgendein Mensch an diesem Tag irgendeine Idee, die sein Leben und/oder das Leben anderer Menschen grundlegend veränderte. Während meiner Recherche für diesen Artikel (die aufgrund der wenigen Ereignisse nicht lange dauerte, siehe weiter unten) wurde ich geradezu von mir selber angefixt: es muss doch etwas passiert sein, was von Bedeutung ist. Ich fand kaum etwas. Je länger ich suchte, umso öfter fragte ich mich dann aber auch, ob es überhaupt wichtig ist. Kleine Ereignisse sind vor allem für die Menschen, die sie betreffen, wichtig. Wenn ich rausgefunden hätte, dass am 11. April 1954 Erna Meyer endlich ihren geliebten Thomas Müller geheiratet hat, dann... ja, was dann? Dies ist ein Ereignis, dass für zwei Menschen und die nähere Verwandtschaft ein geschichtsträchtiger Tag war – aber auch nur für sie. Und so sollte es auch bleiben. Der Historikuuhr muss nicht in allem immer etwas versuchen zu erkennen, was nun mal einfach nicht da ist, er kann genauso gut das „kleine“ Ereignis anerkennen und an anderer Stelle weitersuchen. Während in der Geschichtswissenschaft der Fokus von ereignisreichen Daten immer stärker wegrückt, ist die Öffentlichkeit, gelenkt durch die Medien, immer noch sehr stark fixiert, geradezu besessen auf Daten, die etwas bedeuten. Es gibt den Menschen Sicherheit. Und Stabilität. In der Fülle von Informationen, die heutzutage über einen hereinregnen, ist der Bürger froh, wenn er sich an gewissen Daten orientieren kann. Dazu gehören die Ergebnisse meiner Recherche dann eben nicht. Wer etwa will wissen, dass am 11. April 1954 der geschichtsträchtige Klostergasthof in Andechs (bei München) nach langer Renovierungszeit endlich wieder eröffnete (immerhin existiert dieser Hof schon seit 1438)? Oder, dass an diesem Tag eine weitere Folge von „Die Hesselbachs“ (eine sehr erfolgreiche Hörfunk-, später auch Fernsehserie) erschienen ist? Sicherlich kaum einer. Sicher ist nur, dass der 11. April 1954 auf einmal ein gar nicht mehr so uninteressanter Tag ist.

11. April 1954

Mehr als nur ein Aufschrei?
„Wir haben hier dieses hochgefährliche Ding, das keine Flutwellen und kein Salzwasser verträgt.“ „Ok. Lasst es uns direkt ans Meer bauen!“
Yannik Roth Fukushima. Erinnert Ihr euch noch?
Oder ist das Thema in den Medien und den Köpfen schon eine Randnotiz geworden? Läuft es vielleicht so ab wie mit der Ölkatastrophe letztes Jahr, als die Deep Water Horizon explodierte und eine der schlimmsten Öl-Katastrophen der Geschichte verursacht hat? Damals empörten sich alle über die anscheinend skrupellosen, nur am Gewinn orientierten Ölfirmen und nicht selten wurde von Boykottierungen bestimmter Firmen gesprochen. Was hat sich getan? BP will schon bald wieder Bohrungen vornehmen und dabei (fast) so weiter machen wie bisher – auch wenn immer noch nicht geklärt ist, wie genau es zu der Katastrophe kommen konnte. Und die Menschen tanken weiter wie vorher auch. Oder läuft es so ab wie mit dem (gegen die Ölkatastrophe wie eine Lapalie anmutenden) Dioxin-Skandal Anfang des Jahres. Die Empörung war wieder groß in Deutschland. Eier wurden gemieden und im Supermarkt liegen gelassen. Alle redeten von Bio-Eiern. Heute ist fast nichts mehr von verseuchten Lebensmitteln zu hören, obwohl sich bisher wenig verändert hat. Das Kaufverhalten hat sich wieder normalisiert – bis zum nächsten Skandal. Das waren nur zwei Beispiele, ich könnte die Liste noch viel weiter führen. Die Halbwertszeit der Wahrnehmung ist bei solchen Katastrophen und Skandalen meist sehr gering. Frei nach dem Motto: Aus den Augen aus dem Sinn. Die Titelbilder in den Zeitungen und die Bilder in den Nachrichten bestimmen die Wahrnehmung der Menschen und setzen Prioritäten. Natürlich muss das Thema behandelt werden, aber dann wird es eben im immer kleineren Rahmen getan, da es die Menschen sonst langweilen könnte. Och nein, nicht schon wieder diese Ölkatastrophe... Dann wird eben lieber seitenlang über die Hochzeit eines britischen Prinzen berichtet. Viele Menschen denken wahrscheinlich auch so über die täglichen Nachrichten nach Anschlägen beispielsweise in Afghanistan oder im Irak. Täglich die gleichen Bilder von explodierten Autos und verwüsteten Straßen. Das übliche eben. Passiert doch jeden Tag. Kann man eigentlich auch weglassen, oder? Kann man natürlich nicht. Es ist jeden Tag eine neue Tragödie, über die berichtet werden muss – wenn möglich vor den Berichten über eine Hochzeit. Aber das würde jetzt zu weit führen... Jetzt ist es also wieder passiert. Atomkatastrophe. Erinnerungen an Tschernobyl werden wach, selbst wenn man damals noch nicht gelebt hat. Restrisiko? Ein abstrakter Begriff ohne Belang. Radioaktive Strahlung? Nein danke, ich höre kein Radio. In Deutschland werden jetzt wieder die Stimmen nach einem Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Atomkraft lauter (langsam wird das mit den Ausstiegen ganz schön kompliziert) und die AntiAtomkraft-Bewegung bekommt merklich Zulauf. Überall im Land sieht man „Atomkraft? Nein danke“-Plakate, -Buttons, -Aufkleber usw. Die Bundesregierung lässt eine Ethikkommission „ohne Tabus“ und „ergebnisoffen“ über die Atomkraft diskutieren und hat die Verlängerung währenddessen ausgesetzt. Was dabei rauskommt, wird sich zeigen. Man kann gespannt sein. Wenn man allerdings Politiker (vor allem Regierungsmitglieder) zum Thema Atomkraft so reden hört, fragt man sich schon, wer denn da eigentlich die Laufzeitverlängerung beschlossen hat. Unangenehmes Thema im Moment – vor allem vor Wahlen. Aber vielleicht lernt da wirklich jemand dazu? Bei den Bürgern ist die überwiegende Meinung klar. Sie wollen einen möglichst schnellen Atomausstieg.

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Denn knapp 60% der Deutschen glauben, dass sich so eine Katastrophe wie in Japan auch in Deutschland ereignen könnte. Genauso viele bezweifeln, dass die Sicherheitsvorkehrungen in den deutschen Reaktoren ausreichen. Deswegen wollte nach der Katastrophe in Fukushima ein Großteil der Bevölkerung aktiv etwas tun und beispielsweise zu einem Ökostrom-Anbieter wechseln – wenn nötig auch für mehr Geld. Doch wenn man mal die Leute auf der Straße befragt, was für Strom sie beziehen, ist die Ernüchterung groß. Zu oft nur heiße Luft. Ankündigungen ohne Folgen. „Sind sie gegen Atomstrom?“ „Ja natürlich!“ „Was halten Sie von Ökostrom?“ „Find ich klasse!“ „Haben Sie den Anbieter schon gewechselt?“ Dann reichen die Antworten von „zu kompliziert“ bis „zu teuer“. Dabei ist immer mindestens ein Ökostrom-Anbieter billiger als der Grundversorger und das Wechseln an Einfachheit nicht zu überbieten. Trotz der Katastrophe ist die Anti-AtomkraftBewegung in Deutschland fast einmalig auf der Welt. Auch wenn sich jetzt in Japan erstmals eine größere Masse kritisch mit Atomenergie auseinandersetzt, was vorher kaum oder gar nicht der Fall war. Vielleicht kann Deutschland beim Thema Atomausstieg und erneuerbare Energien ja Vorbildfunktion haben. Solange das Thema in Deutschland noch aktuell ist und nicht aus den Medien und aus den Köpfen verschwindet, sobald die nächste Katastrophe kommt. Und die wird kommen. Ganz bestimmt.

Wissen

WikiLeaks nach dem Sturm
... was ist eigentlich mit Assange?
Philipp Radau Es ist ruhig geworden um WikiLeaks, deren Veröffentlichungen und deren Gesicht Julian Assange. Jedenfalls vermutet man das. Es war sicher geschickt von Assange, bei dem ganzen Rummel um seine Persönlichkeit mit weiteren heiklen Veröffentlichungen erst einmal zu warten, damit etwas Gras über alles Vergangene wächst und die Menschen, die den Tod Assanges fordern, nicht noch mehr werden. Assange ist momentan immer noch in England und kämpft jeden Tag gegen die Auslieferung an Schweden. Die Auslieferung wurde im Februar beschlossen, aber Assanges Anwalt ging natürlich in Berufung und konnte so noch etwas Zeit gewinnen. Das entscheidende Urteil soll nun im Juli fallen. Die neuesten Veröffentlichungen sind die Zustandsberichte der Guantanamo-Häftlinge. Diese sind nicht ganz so brisant wie vermutet und bedürfen noch einer weitreichenden Interpretation, denn momentan können sowohl Gegner als auch Befürworter von Guantanamo ihren Nutzen aus der Veröffentlichung ziehen. Wahrscheinlich sind die Akten nicht so brisant, da allgemein schon bekannt ist, beziehungsweise vermutet wurde, dass die Bedingungen, unter denen die Häftlinge gehalten werden, an oder hinter der Grenze zur Menschenwürde liegen. WikiLeaks arbeitete vor dieser Veröffentlichung jeweils mit dem TimeMagazine, sowie dem Guardian zusammen. Aufgrund von Berichten, die Assange kritisierten, versagte WikiLeaks die weitere Zusammenarbeit. Kurz vor der Veröffentlichung der Guantanamo-Akten wurde jedoch bekannt, dass durch ein „Leak“ bei WikiLeaks diese Akten auch an das Time und den Guardian gelangt sind. In einer Hau-RuckAktion wurden dann über Ostern die Akten bei den eigentlichen Partnern vorzeitig veröffentlicht. Leidtragender war unter anderem der deutsche Spiegel, da deren Ausgabe schon im Druck war. Spiegel konnte die Informationen nur noch auf SpiegelOnline zugänglich machen. WikiLeaks ist auf eine koordinierte Veröffentlichung angewiesen, da ein Großteil der Spenden von den Medienpartnern kommen. Wenn die sich nicht auf eine exklusive Berichterstattung

USA : 104 AKW (28 stillgelegt, 1 im Bau); Frankreich: 58 (12, 1); Japan: 54 Atomkraftwerke (5, 1)... ; Deutschland: 17 AKW (19 stillgelegt), Moratorium: 8 AKW vom Netz.

Studenten gefragt
Was sagst Du dazu, dass Herr Feuerle den Preis für exzellente Lehre gewonnen hat?
„Feuerle ist ein Brainmensch mit etwas Esprit. Es ist klar, dass er den Preis bekommen hat.“ „Wieso gerade er und nicht Herr Barricelli?“ „Ich fand, dass er den durchaus verdient hat!“ „Ähm...ja, ist doch ganz nett... also...für ihn und das Seminar an sich ja auch...“ „Kommt drauf an, was man unter guter Lehre versteht. Tolle akademische Vorträge sind bei Feuerle klar da... das macht er super. Aber so dieses neue experimentell-interaktive Zusammenspiel mit Studenten fehlt. Es ist schon gut... aber etwas oldfashioned.“ „Ja, aber ich kenn den Mann doch überhaupt nicht!“

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verlassen können, wird das Geld ausbleiben. WikiLeaks hat letztes Jahr 1,3 Mio. Euro an Spenden eingenommen. Deutliche Spendeneinnahmen waren jeweils nach der Veröffentlichung von brisantem Material zu verzeichnen. Wohin das Geld geflossen ist, wurde aber nicht sehr deutlich. Etwa 100.000 Euro wurden als Personalkosten verzeichnet. Ob und wie viel Julian Assange davon bekommen hat, ist nicht herauszufinden. Betont wurde allerdings mehrfach, dass seine Verfahrenskosten von Assange selber zu tragen sind. Die Sueddeutsche Zeitung schrieb unter der Überschrift „Das letzte Hurra“, dass davon ausgegangen werden muss, dass die GuantanamoAkten das letzte brisante Material von dem Whistleblower, der auch schon das CollateralMurder Video und die Botschaftsdepeschen, vermutlich Bradley Manning (immer noch in Einzelhaft, eine Stunde Bewegung und fünf Stunden Schlaf pro Tag, in der engeren Wahl zum Mann des Jahres beim Time Magazine), gewesen sein soll. Sollte dies tatsächlich der Fall sein, steht WikiLeaks nun vor einer weiteren Bewährungsprobe, denn ohne Material gibt es auch kein Geld. Auch kann so schnell ein Vertrauensverlust der Whistleblower entstehen, wenn sie nicht mehr davon ausgehen können, dass ihre Anonymität gewährleistet ist, wenn es innerhalb von WikiLeaks Maulwürfe geben sollte. Wir warten gespannt ab. Während die Memoiren von Assange voraussichtlich nun doch nicht im April erscheinen werden, hat Daniel Domscheit-Berg, ehemaliger Pressesprecher von WikiLeaks und Mitbegründer von OpenLeaks (Avalist berichtete), am 11. Februar im Econ Verlag das Buch „Inside WikiLeaks. Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt“ veröffentlicht. Das für ein Taschenbuch ungewöhnlich teure Werk (18 Euro) verkauft sich sehr gut. Der Inhalt allerdings ist fragwürdig. So sind sich auch die Medien nicht einig, ob das Buch hilft, den Komplex WikiLeaks besser zu verstehen, oder ob das Buch nur geschrieben wurde, um mit Assange abzurechnen, ihn schlecht dastehen zu lassen, um das eigene Projekt, was kurz zuvor an den Start ging, in ein besseres Licht zu rücken und zu promoten. Beim Querlesen sprangen mir aber die Verunglimpfungen von Assange sehr stark ins Auge. OpenLeaks läuft noch nicht rund und es wird immer noch fieberhaft an einem funktionierenden Konzept gearbeitet. So sollen eventuell bald die User abstimmen dürfen, welche Zeitungen/Zeitschriften die geheimen Informationen bekommen sollen. Eine Art „Deutschland sucht den SuperNGO“, witzelte Domscheit-Berg auf der re:publica. Anders als bei WikiLeaks sollen so auch kleinere Verlage die Möglichkeit bekommen, an die brisanten Materialien zu kommen. Erfolge werden sich laut Domscheit-Berg wohl erst im nächsten Jahr einstellen. Wir warten gespannt ab.

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Wer bin ich?
Personenrätsel
Arne Schrader
Mithilfe eines Kardinals leitete meine Mutter bis Ein kleines Ratespiel... Welche historische Persönlichkeit erzählt euch hier zu dem Zeitpunkt die Staatsgeschäfte, an dem ich volljährig werden sollte. Ich hatte also genügend Gelegenheit zu lernen etwas über sich? An einem Septembertag des Jahres 1643 erblickte ich in SaintGermainen-Laye das Licht der Welt. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich natürlich noch nicht im Geringsten a h n e n , was für ein ereignisreiches Leben vor mir liegen sollte. Doch dass ich ein Mensch sein würde, der ebenso anders wie besonders, der zu Höherem berufen war, erkannte ich rasch. Meine Eltern gaben mir den Beinamen, der „Gottgegebene“. Gott war es, der mir im jungen Alter meinen Vater nahm – da war ich gerade vier Jahre alt. Ab sofort übernahm meine Mutter die Initiative, was das Wohl unserer Familie anging. Doch ich merkte bald, dass es weit mehr war als die Familie, über die sie wachte, es war ein ganzes Reich. Ich war also ein Königssohn, allerdings nach dem Tode meines Vaters noch zu jung um die Herrschaft zu übernehmen.

und mich auf diese Aufgabe vorzubereiten und erkannte bald, dass uns Herrschern gegenüber dem einfachen Volke immer mehr Autorität verloren ging. Mit siebzehn wurde ich zunächst an eine Cousine von mir verheiratet, ehe ich fünf Jahre später, als der Kardinal gestorben war, endlich die Alleinherrschaft übernehmen konnte. Nun fielen alle Ämter und wichtige Stellungen im Staate alleine mir zu. Somit konnte ich nach Belieben regieren, wie es mir gerade in den Sinn kam, ohne es jedoch zu versäumen, einen Rat um mich zu scharen, der mir bei wichtigen politischen Angelegenheiten zur Seite stand. Oberste Priorität besaß die Ausdehnung meines Herrschaftsgebietes, zudem galt es aufständische Volksgruppen im Innern nieder zu kämpfen. Es gehörte außerdem zu den Aufgaben des Staatsoberhauptes, seinem Volke, oder sagen wir, den Privilegierten im Volke, Kunst und Theater nahe zu bringen. Ehe meine Frau 1683 verstarb, befand sich meine Herrschaft auf dem Höhepunkt. Doch es sollte bald zu finanziellen, wie politischen Schwierigkeiten kommen, die mich stark schwächten, jedoch nie bezwangen. So überlebte ich auch den strengen Winter 1709/1710 und die Pockenepidemie ein Jahr später. Lösung: L_____ ___.

„Oh ma pauvre patrie!“
Jan Heinemann
Diese Worte rief Berthier, der aufgrund eines den Bourbonen geleisteten Treueides seinem Kaiser nicht zur Seite stehen konnte, am 01. Juni 1815 aus dem Fenster des Bamberger Schlosses, bevor er sich aus dem dritten Stock auf die Straße stürzte, auf der gerade russische Soldaten nach Frankreich marschierten. Die Betreiber des FacebookAuftritts von Gregor Gysi titelten am 18. März: „In Libyen droht Krieg.“ Ganz so als säße DIE LINKE im Wunderland hinter den sieben Bergen und bekäme nicht mit, dass in Libyen längst Krieg ganz oben auf der Tagesordnung steht; der Einsatz der „Alliierten“ kam da doch reichlich spät, wenn man sich an das ehemalige Engagement in Afghanistan und dem Irak erinnert, zumal es sich in diesem Falle sogar akut um eine „Befreiung“ zu handeln scheint. Zeitgleich ist die Guttenberg-Diskussion im Sinne der Erkenntnis der „medialen Fokustheorie“ des Verteidigungsministers a.D. gänzlich von der öffentlichen Bildfläche verschwunden. Guttenberg in seiner Rücktrittserklärung: „Es ist bekannt, dass die Mechanismen im politischen und medialen Geschäft zerstörerisch sein können.“ Die Guttenberg-Abschaffe schafft sich selber ab und offen-

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bart damit ihren inneren Irrsinn. Gleich fühlt man sich an den Höflingsgeist erinnert, den Tocqueville in seinem Standardwerk „Über die Demokratie in Amerika“ anmahnt: „Da die Mehrheit die einzige Macht ist, der zu gefallen wichtig ist, wirkt alles eifrig an ihren Unternehmungen mit; sobald sie aber nicht mehr hinsieht, ruhen sofort alle Anstrengungen.“ Mindestens Teilnehmer des politikwissenschaftlichen Seminars über die Politische Kommunikation müssten mittlerweile verstehen, worauf ich hinaus möchte. Mit dem Libyen-Krieg, welcher neben dem an die erste Stelle vorgerückten japanischen Supergau bereits unlängst wieder in den Schatten getreten ist, will das nach Schreckensnachrichten süchtelnde Volk unterhalten werden – ganz im Sinne von „Brot und Spiele“, denn „satte Menschen, denen es gut geht und deren Schüsseln nicht leer werden, sind zufrieden und glücklich; nur der Hunger erzeugt Rebellen“, so Wencker-Wildberg. Andernorts versucht man, die Gesellschaft zu revolutionieren und zwar durch Wirtschaftskonzeptionen, bei denen „Arbeit als Spiel“ begriffen wird – vergleiche hierzu Finalkonzeptionen des Onlineprojekts „Ich bin Revolution. Also sind wir.“ der Zeitschriften agora42 und OgilvyOne –, ohne scheinbar die banale Tatsache zu begreifen, dass die wirklich revolutionsbedürftige (oder reformbedürftige, um sich gemäßigter auszudrücken) Sache die gesellschaftspolitische Grundeinstellung der Bevölkerung ist; ohne zu begreifen, was Winfried Martini bereits 1954 vermerkte, „daß die überwältigende Mehrheit der Wähler weder ein politisches Urteil noch ein politisches Interesse hat.“ Statt einer politisierten Mehrheit im Volke sehen wir gerade einmal 1,5% der Bevölkerung als Mitglieder der Parlamentsparteien und darüber aktiv an der Politik mitwirken (von deren letztendlich tatsächlichem Einfluss auf die Parteispitze, sprich die Parlamentsabgeordneten, ganz zu schweigen) – na, wenn das kein Elitismus ist! Ganz im Geiste Livius’ der die äußeren Angelegenheiten Roms (in diesem Falle den endlosen Krieg gegen alles nicht-römische) aus der banalen Tatsache heraus, von inneren Zwistigkeiten und Problemen abzulenken, die das Reich zu Geschichte gemacht hätten (welch mächtiges Wortspiel!...), als Primat des Handelns erhebt, so richtet sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf alles Dramatische und noch Dramatischere, was hinlänglich für Empörung, Besorgnis oder Schrecken sorgt, um von den eigenen Widrigkeiten abzulenken. Ich glaube daraus resultiert überhaupt auch das so genannte Problem der medialen Konsumgesellschaft, aus einer zutiefst banalen soziologischen Eigenheit des Menschen, vielleicht einer Art blinden Selbstschutzmechanismus. Nun gut, das alles scheint aber weiter niemanden zu stören und doch steht unleugbar fest, was Mill in seinem Werk „Über die Freiheit“ feststellt, nämlich dass „man […] anderen nicht nur durch seine Taten, sondern auch durch seine Untätigkeit Übles tun [kann], in beiden Fällen ist man ihnen rechtlich für den Schaden verantwortlich.“ Sollte man sich nicht also nach 62 Jahren Bundesrepublik endlich um eine legitime und vor allem demokratische Verfassung bemühen?! (Scheinbare) Funktionalität hin oder her, denn: Parlamentsherrschaft kann niemals demokratisch sein (so die radikal-demokratische Doktrin) und ist es auch nicht – zumindest so wie sie aktuell gestaltet ist. Sollte man nicht lieber das Augenmerk von den großen Schrecken der Welt auf die eigenen „kleinen“ Angelegenheiten richten, die noch um einiges größer sind als alle anderen und beginnen, gesellschaftliche Grundwerte zu re-etablieren, die Bevölkerung für politische Fragestellungen zu mobilisieren und Probleme im intensiven Dialog zu lösen versuchen und wenn man sich zu diesem Schritt aufgerafft hat, nicht wieder nur im Kommunikationsprozess zu verharren, sondern in den Handlungsprozess fortzuschreiten? Entwürfe z.B. zu demokratischeren und die Probleme des ParteienParlamentarismus umgehenden Ansätzen sind ja durchaus vorhanden; man betrachte nur die „Reformkonzeption[en]“ von Prof. Kruse (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg); doch der liebe Bürger gibt sich im Schatten der übermächtig lastenden deutschen Vergangenheit lieber mit der bestehenden „Errungenschaft“ zufrieden – wer weiß, wohin Veränderungen womöglich führen und – was noch viel schlimmer ist – was die anderen von einem denken, wenn man sich zu einer nicht-reaktionären Haltung bekennt! „Es ist nicht vorteilhaft, gegen den Geist seines Jahrhunderts und seines Landes anzukämpfen; und möge man einen Mann für noch so mächtig halten, er wird seine Zeitgenossen schwerlich für Gefühle und Ideen gewinnen, die von all ihren Begehren und Gefühlen abgelehnt werden. […] Er erschöpft sich im Bemühen, diese gleichgültige und zerstreute Masse anzufeuern, und zuletzt sieht er sich der Ohnmacht verurteilt, nicht weil er besiegt wäre, sondern weil er allein ist.“ (wieder Tocqueville) Also führen wir uns wie Björn Beton zurück in die Realität und geben die Hoffnung auf, die Menschen könnten sich selbst demaskieren und die Dinge anpacken, denn „vom Asylanten bis Fabrikanten weiß bald jeder es schon“, nein, keiner weiß es! Wenden wir unsere ganze Kraft wie gehabt auf, um die eigenen Probleme nicht an uns heran zu lassen, bis schließlich dieses projizierte Bild der Makellosigkeit, oder zumindest der Annehmbarkeit kollabiert und der Staat, die Gesellschaft noch dazu. „Oh mein armes Vaterland!“, rufe nun ich voller Entsetzen und Trauer, der ich ja anscheinend verdammt bin, tatenlos zuzusehen – nur die Sache mit der Schwerkraft spar’ ich mir für später auf; an Anlässen dazu mangelt es jedenfalls nicht, wenn ich mir täglich anschaue, was in der bösen, bösen, so sehr geliebten Welt da draußen (nicht!) geschieht…

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Wider die deutschen Zustände
Eine Humorkritik
Kristian Kröger
Die Königsdisziplin der Befreiung des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit ist der Vaterlandsverrat, und diesen möchte ich hiermit begehen. Frei ist der Mensch dann, wenn es ihm frei steht, gemäß den eigenen Bedürfnissen Entscheidungen zu treffen. Frei ist aber nicht, wer dabei andere Menschen einschränkt, denn dies führt unweigerlich zum nietzscheanischen Übermenschentum, der sogenannten Überwindung des Lebens und somit dem Tod im Krieg wie beim historischen Vorbild Cesare Borgia. Für den Imperator machen die Begriffe Thron und Zeitbombe keinerlei Unterschied. Abseits dieser Abstrakta ist dies eine Polemik gegen die deutschen Zustände. In Deutschland kommt alles gute von oben. Es geht dabei nicht nur um miese Graupelschauer und Schnee im Sommer. In Deutschland geht mensch nicht wählen, in Deutschland gibt man die Stimme ab und schimpft danach zum ersten, dass es doch eh egal sei, wer denn gewählt wird, und zum zweiten, dass die dort oben alle in den sprichwörtlichen Sack und geschlagen gehören. Problem ist hier, dass im Sack weniger die da oben als vielmehr die eigenen Eier(stöcke) sind, abgegeben mit der eigenen Stimme. Wer draufschlägt, spürt das fiese, fiese Ziehen im Unterleib. Dies ist aber erst der Anfang. Weiter geht es beim Autofahren, denn auf deutschen Straßen ist jeder sein eigener Herr. Abseits von Pickelhaube und Gartenzwerg ist es doch der deutsche Benz, der Preußens Gloria verspricht, eingetauscht gegen den Schweiße des eigenen Angesichts. Wie bei der Wahl wird das Geld abgegeben, und dann im Stau oder an der Ampel gestanden, und auf andere geschimpft. Weil mensch es ja eilig hat, für den nationalen Standort ist der langsame Opel, jene Schnecke und Trantüte, dann auch ein solches Problem – und weil die eigene narzistische Phallussymbolik beim Ausgebremstwerden nicht mehr zieht, und der ganze Minderwertigkeitskomplex an die silbergraue Oberfläche kommt. Widerlich wird es, wenn die narzisstische Kränkung dann zurückkommt an der Stelle, wo am Stammtisch gegen die Krücken und Asozialen im Straßenverkehr gepöbelt wird, und dem gekränkten Schnurbartträger gerne auch mal die Hand ausrutscht gegenüber dem Migranten an der Theke oder der Punkette, die in den Laden nicht reinkam. Wirklich, wirklich widerlich wird es dann, wenn die Umstehenden mitspielen und die sadistischpreußische Staatsräson dann auf einmal lustig erscheint. Wenn vermeintlich Schwache für ihre Erniedrigung ausgelacht werden und die Solidarisierung mit dem Täter beginnt. Das ist der Moment, wo das Treten nach unten und das Buckeln nach oben beginnt, und das Entsetzen in den Augen der Betroffenen unerträglich und absurd erscheint. Entsetzlich ist der Schmerz deshalb, weil dem Menschen Empathie innewohnt, die hier erst einmal überwunden werden muss. Empathisch ist der Mensch deswegen, weil Kooperation grundsätzlich immer der beste Weg ist, den eigenen Bedürfnissen gerecht zu werden. Schmerz bereitet in diesem Sinne nur dem oder der Freude, welche_r sich selbst verletzen will. Sich selbst verletzen zu müssen, und zwar aus einer Apologie gegenüber einer gewalttätigen Autorität, ist nur erträglich mittels eigener sadistischer Kompensation, mit dem tiefschwarzesten Zynismus. Es erscheint absurd, weswegen die Lache losbricht. Was dabei nicht vergessen werden sollte: Die Lache ist ein Hilferuf und in Deutschland kommt die Hilfe, so wie alles andere stets von oben. Star Wars Episode I hat eine U-Boot-Szene, die uns daran erinnern soll, dass es immer einen größeren Fisch gibt. Großer Fisch heisst hier: Bomber Harris. Lacht also, und schaut vorsichtig nach oben. Oder verkneift es euch, und ändert etwas. Das ist zwar anstrengender, aber die Verantwortung tut weniger weh, wenn sie zurückkommt. Ich schreibe diese anklagenden Zeilen, diese archaische Moralkeule deshalb, weil ich mich selbst dabei ertappt habe, gewisse Zwischenrufe eines Behältnistransportierers in der letzten Ratssitzung als witzig empfunden zu haben. Witzig, weil sie stören und zwar jene, die dort ihre Freizeit opfern und sich engagieren, für andere, die dies nicht tun. Ich schäme mich dafür. Richtig wäre gewesen: Vaterlandsverrat. Raus den Typen, bis er es gelernt hat. Mein Selbstwert sollte hoch genug sein, als dass ich meinen Bedürfnissen nachkommen kann; und zudem müsste ich nicht das gleiche Spiel in der nächsten Sitzung ertragen. Geschichte studieren bedeutet eben nicht, sich in Passivität und Zynismus zu flüchten oder gar sadistisch zu gackern wie das Klischee des irren Wissenschaftlers in Kapitulation vor dem eigenen Größenwahn, sondern eben auch dann und wann Geschichte zu schreiben. Dass es immer einen größeren Fisch gibt, ist bereits zu Genüge bewiesen, als dass mensch dies noch herausfordern müsste.

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Aus der Redaktion

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Nachrichten, wie die Redaktion sie gerne hätte...
20.5.2011 Nicolas Cage kommt auf der Suche nach dem Bernsteinzimmer in das HistorikA Café. Unter der Theke wird er fündig! 23.5.2011 Feuerle ändert Sprechzeiten. Becker folgt. Tür bleibt geschlossen. 13.6.2011 Platon neuer Hiwi von Frau Rauh, Hegel außer sich. 14.6.2011 Erschreckend: Geist der holländischen Königinmutter plant feindliche Übernahme des Historischen Seminars. Angst. 27.6.2011 Kehne wechselt den Beruf, er wird Tischler und zimmert Ehestühle. 1.7.2011 BA hat endlich seinen MasterIn. 13.7.2011 Becker beim Rauchen im Café erwischt, dem Delinquenten fällt vor Schreck alles aus dem Gesicht, sogar die Hornbrille. 28.7.2011 Feuerle verbündet sich mit Holland. Er trägt orange. 30.7.2011 George W. Bush endlich in Den Haag. 6.8.2011 Kate Middleton is pregnant. Ultraschall sagt: Es wird ein Kugelmensch. 7.8.2011 Rainald Grebe komponiert Hymne für Niedersachsen. Thüringen erscheint nicht mehr ganz so scheiße. 9.8.2011 Avalistredaktion rettet die Welt. Alle AKWs ausgeschaltet. WELTWEIT! 9.9.2011 Feuerle will ins Lehramt. Verabschiedet sich für die Weltreise. Er trampt. 10.9.2011 Erich Barke verkauft heute Meisenknödel für einen guten Zweck.

Ticker

Sprüche
Ein

Hoch auf Sektenmitglieder!

- Du, Urheberrechtsverletzungen werden mit zwei bis drei Jahren Freiheitsentzug betraft. - Naja, gibt ja das Fernstudium. Ich tu so, als ob ich was tu. Jetzt hab ich meinen Stock durchgelutscht! Er holt einen großen Karton raus, entweder ist da ne Pizza oder ein Kopf drin. Ich mag es, ein Messer in meiner Nähe zu haben. Über die Sprüche auf dem Jungenklo: Dafür fehlt euch Frauen das Gen. Also nicht die literarischen Fähigkeiten sondern für die Zerstörung. - Pizzalieferant: Wem gehört die Nummer? Das klang wie eine Oma! - Nee, das ist Böhmes Nummer. Das letzte Mal wurde er am Telefon für eine Frau gehalten diesmal für eine Oma… auch nicht schlecht. Über unsere HistorikA Flagge: Das soll ein Maulwurf sein? Ich dacht immer das ist ne Kartoffel! Wenn man ins Alter kommt, vergisst man seine revolutionäre Vergangenheit und ist nur noch lustig. Morgen ist Holland und Sonntag ist der 1. Mai, richtig? Das verschissene…ne das versunkene Schlösschen. Über Viviane: Du bist wie Hitler und Stalin in einer Personalunion! A: Was hat denn die Frau für ein Ding unter der Nase? B: Das ist der Mund. Peter Maffay ist die Rache von Rumänien für den zweiten Weltkrieg. A: Ich hab Gott als Freund! B: Bei facebook oder was? OH NEIN OH NEIN OH NEIN… Tut mir leid ich reagiere da etwas panisch. Das ist der Schütte unter den Bauern. Diese Fehlersuche ist das Grauen!

Aber selber, Termine, Kontakt, Extra Kontakt: www.avalistluh.wordpress.com
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TAvalisttreffen, 12 Uhr im Café ermine: 8.7.

19.9. Deadline für Avalistartikel 7.-9.10. Redaktionswochenende im Café 12.5., 18 Uhr: Spätlese im Café 30.6. Sommerfest

Aber Selber....

Das Extra für MilitärhitorikerInnen:
das Sd.Kfz.251 zum Ausmalen.

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