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2011 tun & lassen

Über fehlende öffentliche Räume und einen PolizeiübergriJf auf einen Obdachlosen

«Nirgends kannst mehr hingehen»


Die vom Karlsplatz vertriebene Dro- da ist nichts. So was machen wir nicht.» - «Doch! Ein Mann, der mit einer Bierdose beim Ke-
genszene sucht einen Lebensraum. Die Ich hab es ja gerade gesehen.» bab-Stand lehnt, mischt sich ein: Auch er habe
Stadt Wien will das Entstehen eines neuen Treten wir ein paar Schritte zurück. Das Ot- einen Platzverweis für die gesamte Station. Wa -
Treffpunkts im äffentlichen Raum verhin- to-Wagner-Gebäude der U6-Station Josefstädter rum, frage ich. Weil er nicht da wohne, sagt er.
dern. Aktuell mit einem massiven Polizeiein- Straße ist von einem Baugerüst umgeben. Eine Gestern hätten sie ihn aus der Karlplatzpassage
satz rund um die U6-Station Josefstädter Notmaßnahme, denn seit einigen Monaten fallt vertrieben, dabei habe er nur ein «Kapperl» ge-
Straße. der Verputz ab, bröckelt die Fassade. Es ist spä- kauft. Er trägt tatsächlich eine neue Sportkap-
ter Vormittag, vor dem Obdachlosen-Tageszen- pe. «Das sind ja keine Zuständ, nirgends kannst
trum JOSI halten sich rund 60 Leute auf, darun - mehr hingehen!»
ter acht Polizisten. Einer der Beamten hält ein
. Klemmbrett mit einer Liste in der Hand. Im Ru - Welche Probleme löst die Vertreibung von
ienstag, 12. April, 16 Uhr, U6-Stationsge- del streifen die Uniformierten zwischen den Ein- einem Ort zum anderen?

D bäude josefstädter Straße, MüDraum. Zwei


Exekutivbeamte drücken einen Obdachlo-
sen, den sie wenige Minuten zuvor aus den
Räumlichkeiten des Tageszentrum JOSI geleitet
haben, zu Boden, eine Kollegin legt ihm Hand-
gängen von JOSI und U-Bahn hin und her, halten
mutmaßliche Drogenkonsumenten und -händler
auf•.durchsuchen Taschen, blättern in Ausweisen
und ärztlichen Verschreibungen, sprechen Weg-
weisungen aus, offiziell, und auch inoffiziell: «Ver-
Das Tageszentrum josefstädter Straße existiert
bereits seit 22 Jahren. Hier könn'en Obdachlose
essen, kochen, duschen, Wasche waschen. einen
Ruheraum benützen, Beratung bekommen, an -
schellen an. Nun wird der wehrlose Mann am Kra- lassen Sie jetzt bitte diese Örtlichkeit, und damit dere Leute treffen. Eine Qualität der Einrichtung
gen hochgezogen, bekommt von einem Polizis- ist das erledigt.» ist die besondere Lage zwischen den Gürtelfahr-
ten eine Ohrfeige und dann einen Schlag mit dem Einen grauhaarigen Mann fangen sie bereits bahnen, also ohne direkte Anrainer. Die ermög-
Knie ins Gesicht. «Das ist viel zu brutal!», regt sich bei der 2er-Straßenbahnstation ab. «Ich darf da lichte es den Klienten der JOSI bisher, den öffent-
der Augenzeuge auf, der die Szene durch die offen nimmer umsteigen, haben sie gesagt. Darf mich lichen Raum vor der Einrichtung zu nutzen, und
stehende nir beobachtet. Seine Ansprechpartner da ·nimmer aufhalten », erzählt er nach der Iden- dort auch Alkohol oder Haschisch zu konsumie-
sind zwei Polizeibeamte, die vor dem Müllraum titätsüberprüfung. Und zeigt flir die Maßnahme ren, ohne gleich Aufregung und Vertreibung zu
stehen. «Was denn?» - «Dass Sie ihn schlagen! Verständnis, «weil seit sie den Karlsplatz gesperrt riskieren. Etliche begannen sogar, Verantwor-
Noch dazu, wenn er in Handschellen ist.)) - «Nein. ham, spielt sich's hier ab.» tung für diesen «ihrem>Platz zu übernehmen
tun & lassen Nr.297, 4.5.-17.5. 2011 11

Teile der zerschlagenen Karlsplau-Szene flüchteten zum Gürtel - wo sie freilich ebenfalls keine Freiräume vorfanden. Linke Seite: Razzia am Karlsplaa

und dafür zu sorgen, dass am Abend der Müll eingeschüchtert, und der Weg zur V-Bahn gestal- sofort vor Ort ist, wenn es im Tageszentrum zu
weggeräumt wird. tet sich als regelrechter SpießrutenlauD>, schreibt prekären Konfliktsituationen kommt, sei auch
~( Das hier war einer der letzten öffentlichen eine Bezirkszeitung Anfang März. Seit Mitte März kein Nachteil. «Andererseits ist schon feststeUbar,
Räume in Wien, von denen diese Leute nicht per ist die Polizei dauerpräsent. was laut inoffiziel- dass die Grundaggression hier seit der massiven
se vertrieben wurden». sagt Alexander Minieh, len Quellen im Monat Kosten von einer Milli- PoUzeipräsenz ein Stück weit höher ist als vor-
. Leiter des Zentrums. Als er vor zwölf Jahren in on Emo verursachen soU. «Die Szene hier kann her.• Hauptproblem sei der sehr verengte nutzba-
der JOSI anfing, habe es noch den klassischen aber nicht mit dem Karlsplatz verglichen wer- re öffentliche Raum. (Es braucht in Wien wesent-
Sandler gegeben: «Rauschebart, keine übertrie- den., betont Polizeisprecher Johann Golob. «Der lich mehr öffentliche Räume für Randgruppen.
bene Körperpflege, mit oder ohne Alkoholprob- einzige Drogenhandel, der von uns beanstandet Und das soll durchaus mitten im urbanen Ge-
lem.» Im Laufe der Zeit veränderte sich die Ob- werden konnte, war Cannabis-Verkauf in einer biet sein, denn eine Gesellschaft muss es aushal -
dachlosenpopulation: «Heute haben wir es mit Seitengasse.» ten , Phänomene. die sie produziert, auch zu Ge-
verschiedenen Gruppen zu tun. Das sind Per- Die Obdachlosen vor der JOSI sehen die Po- sicht zu bekommen .•
sonen mit Alkoholproblema6k. Personen mit lizeipräsenz unterschiedJjch . .eWenn sie die Jun- Kritik an der aktueUen Drogenpolitik der Stadt
illegaler Suchtproblematik, Personen mit psy- kies vertreiben, ist mir das rech~ . meint einer. Ein äußern auch Barbara Berner und Lukas Schober
chiatrischen Auffälligkeiten und Personen mit anderer erlebt die Uniformierten als Provokati- von der BAST (Bundesarbeitsgemeinschaft Stra-
Migrationshintergrund, wobei diese letzte Grup- on. Er habe ihnen heute schon ein Gedicht vorge- ßensozialarbeit Österreich), einer ehrenamtlichen
pe wieder in verschiedene Gruppen zerfallt, je tragen, ein schönes Gedicht, und was habe er als lnteressensgemeinschaft der heimischen Street-
nach Herkunft. All diese Gruppen sind in ihren Antwort erhalten? «Wenn Sie so weiter machen, workerinnen. Die Zerstörung des «funktionie-
Verhaltensweisen sehr unterschiedlich und ver- kriegen Sie gleich zwölf Stunden Platzverbot!. - renden Systems Karlsplatz. und der Versuch, die
stehen sich nicht selbstverständlich .• «Du bist halt goscher!>, sagt seine Freundin. - Szene zu zersplinern, erschwere die Hilfe für die
Zugenommen hat der Andrang in und vor der «Na und? Was woUen sie denn da? Ist das Vorbeu- Drogenkonsumenten sehr. «Es besteht außerdem
JOSI in den letzten drei Jahren nicht zuletzt durch gung? Nein, Diskriminierung ist das. Dann soUen die Gefahr, dass nun wieder vermehrt Spritzen in
die Vertreibung der Obdachlosen von anderen sie gleich wieder den Hitler holen!. Die Polizisten Parks, auf öffentlichen Toiletten oder in Müllräu-
Orten in Wien, z. B. von den Bahnhöfen und würden nur ihre Arbeit machen, sagt sie, es gebe men herumliegen.»
ihren Vorplätzen. Seit einigen Monaten nutzt auch nette, mit denen man reden könne. Apropos Müllraum. Der Obdachlose, der laut
nun auch ein Teil der vom Karlsplatz vertrie- Augenzeugenbericht im Müllraum der U6-Stati-
benen Drogenszene den Platz vor der V-Bahn- Teure und massive Polizeieinsätze on von Polizisten geschlagen wurde, sagt, er kön-
Station und vor dem Tageszentrum als neuen machen aggressiv ne sich an nichts erinnern. Sein Brustkorb tue
Treffpunkt. ihm weh, das schon. Vor aDem beim Lachen. -
«Es wird getrunken und gepöbelt, Passan- Alexander Minich spricht von einem prinzipieU Fortsetzung folgt
ten und Anrainer ftihlen sich belästigt oder gar guten Verhältnis zur Polizei. Und dass sie nun Text und Fotos: Peter A. Krobatll

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