You are on page 1of 31

Institut für

Wirtschaftsforschung
Halle

Wirtschaft im Wandel
Axel Lindner
Editorial
Udo Ludwig
Aktuelle Trends:
IWH-Konjunkturberichterstattung
für Sachsen-Anhalt
Ingmar Kumpmann
Im Fokus: Sanktionen gegen Hartz-IV-Empfänger:
Zielgenaue Disziplinierung oder allgemeine
Drohkulisse?
Martina Kämpfe
Weltfinanzkrise trifft russische Wirtschaft
aufgrund struktureller Schwächen hart
Götz Zeddies
Exportweltmeister trotz Euro-Höhenflug
– Zum Einfluss der Wechselkurse auf die
deutschen Ausfuhren –
Peter Franz, Martin T. W. Rosenfeld, Annette Illy
Wie werden Städte zu Zentren der Kreativität und
Innovation? Ein Bericht über das „2nd Halle Forum
on Urban Economic Growth“ am IWH
Cornelia Lang 6/2009
IWH-Industrieumfrage im Mai 2009 24.06.2009, 15. Jahrgang
Editorial
Laien ist die Ratio wirtschaftspolitischer Maßnahmen zur Eindämmung der Finanz-
krise oft nur schwer zu vermitteln. Ein Beispiel dafür sind die Mitte Mai von der Bun-
desregierung beschlossenen Eckpunkte für das geplante Konsolidierungs- oder „Bad“-
Bank-Modell. Kaum geringere Verständnisschwierigkeiten haben damit freilich auch
geschulte Ökonomen. Welches Problem angegangen werden soll, ist immerhin klar:
Die Finanzmarktkrise droht nach wie vor, die Kreditversorgung der Wirtschaft zu
drosseln. Denn die Banken müssen damit rechnen, weiterhin in erheblichem Umfang
Abschreibungen auf ihr Portfolio aus strukturierten Wertpapieren vornehmen zu müs-
sen. Das zur Absicherung dieser Risiken zu hinterlegende Eigenkapital steht den Ban-
ken dann nicht mehr für die Kreditvergabe zur Verfügung. Die Eckpunkte des Bad-
Bank-Modells sehen nun vor, dass den Finanzinstituten die Möglichkeit gegeben
wird, die Problem-Papiere aus ihren Bankbilanzen in institutsspezifische Zweckge-
sellschaften (bad banks) auszulagern. Im Gegenzug erhalten sie von den Zweckge-
sellschaften herausgegebene Schuldverschreibungen. Durch die staatliche Garantie
dieser Titel erledigt sich der Abschreibungsbedarf.
Der Clou des Modells ist, dass die Garantie der Schuldverschreibungen die Steuer-
zahler nichts kosten soll, denn etwaige Verluste der Zweckgesellschaften haben wie-
derum die Banken selbst zu tragen. Aber kommen damit nicht die alten Belastungen
durch die Hintertür wieder zu den Finanzinstituten herein? Nein, oder zumindest nicht
so schnell, denn die Zweckgesellschaften sind nicht an die Bilanzierungsrichtlinien für
Banken gebunden. Sie werden Verluste deshalb eher zum Zeitpunkt der tatsächlichen
Zahlungsausfälle einstellen statt im Gleichschritt mit den aktuellen Wertpapierpreisen
an den Finanzmärkten, welche bereits heute in der Zukunft vermutete Zahlungsausfäl-
le vorwegnehmen. Eben solche Auslagerungen von Risiken strukturierter Wertpapiere
in Zweckgesellschaften zur Umgehung von Bilanzierungsvorschriften werden als eine
wesentliche Ursache der Weltfinanzkrise angesehen – nun soll der Kunstgriff bei der
Krisenbewältigung helfen. Die Befürworter des Modells sehen in ihm aber mehr als
einen bloßen Buchungstrick. Vielmehr soll es die Abwärtsspirale aus Wertberichti-
gungen, Notverkäufen und Preisverfall zum Halten bringen. Allerdings: Das dafür
adäquate Instrument wären Anpassungen internationaler Bilanzierungsrichtlinien, wie
sie in letzter Zeit zum Teil auch schon erfolgt sind. Hingegen wird die Preisbildung für
Problem-Papiere auf den Weltfinanzmärkten durch das auf Deutschland beschränkte
Konsolidierungsmodell kaum zu beeinflussen sein. Was also bleibt, ist eine Wette dar-
auf, dass Finanzmärkte die Papiere gegenwärtig zu niedrig bewerten. Es ist ziemlich
sicher, dass sich privates Kapital an dieser Wette nicht beteiligen wird, dass sich also
Finanzinstitute, die das Angebot einer Konsolidierungsbank annehmen, auf absehbare
Zeit kein Eigenkapital an den Finanzmärkten beschaffen können. Von dieser Seite ist
dann auch für die Kreditversorgung der deutschen Wirtschaft keine Besserung zu er-
warten.

Axel Lindner,
Stellvertretender Abteilungsleiter Makroökonomik

234 Wirtschaft im Wandel 6/2009


Aktuelle Trends

IWH-Konjunkturberichterstattung für Sachsen-Anhalt*


Globale Konjunkturkrise trifft Wirtschaft hart
- Veränderung gegenüber Vorjahresquartal in % -
Reales Bruttoinlandsprodukt Reale Bruttowertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe
6,0 20,0

15,0
4,0
10,0
2,0
5,0

0,0 0,0

-2,0 -5,0

-10,0
-4,0
Sachsen-Anhalt -15,0 Sachsen-Anhalt
-6,0 Deutschland Deutschland
-20,0

-8,0 -25,0
2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009
1. Vj 1. Vj 1. Vj 1. Vj 1. Vj 1. Vj 1. Vj 1. Vj 1. Vj 1. Vj 1. Vj 1. Vj 1. Vj 1. Vj

Quellen: Arbeitskreis Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung der Länder; Vierteljährliche Volkswirtschaftliche Gesamtrech-


nung des IWH für Sachsen-Anhalt, Stand: Juni 2009.

Die globale Finanz- und Konjunkturkrise hat im vergangenen Winterhalbjahr tiefe Spuren in der
Wirtschaft Sachsen-Anhalts hinterlassen. Alle großen Wirtschaftsbereiche, allen voran die Industrie,
mussten herbe Rückschläge hinnehmen. Im Verarbeitenden Gewerbe hat die internationale Wirt-
schaftskrise am stärksten auf das Land durchgeschlagen. Der Umsatzeinbruch im Ausland hat sich im
ersten Vierteljahr deutlich verstärkt. Im Inland sind die Umsätze ebenso gefallen, wenn auch weniger
stark. Dieses Gefälle zieht sich durch alle industriellen Hauptgruppen. Die stärksten Einbußen muss-
ten die Produzenten von Vorleistungsgütern hinnehmen, im Schnitt ging deren Auslandsumsatz um
rund ein Drittel gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurück. Die Investitionsgüterproduzenten verloren
rund ein Viertel, darunter die Hersteller von Kraftfahrzeugteilen sogar deutlich mehr als ein Drittel.
Im Vergleich dazu schnitten die Hersteller von Verbrauchsgütern mit einem Minus von knapp 13%
im Ausland noch recht günstig ab. Im Inland verloren sie kaum. Im Baugewerbe hat sich der Rück-
gang der Produktion gegenüber dem Schlussquartal beschleunigt. Auch gegenüber dem Vorjahres-
zeitraum bedeutet dies ein deutliches Minus. Einen wesentlichen Anteil daran dürften allerdings die
ungünstigen Witterungsverhältnisse gehabt haben. Im ersten Quartal gerieten zudem die Unterneh-
mensdienstleister in den Sog des Abschwungs. Im Verkehr beschleunigte sich der Leistungsrückgang,
im Handel schwächte er sich dagegen ab.
Allerdings wurde die Wirtschaft Sachsen-Anhalts im ersten Quartal weniger stark vom konjunktu-
rellen Abschwung getroffen als die deutsche Wirtschaft insgesamt. Ausschlaggebend dafür ist die ge-
ringere unmittelbare Abhängigkeit des hiesigen Verarbeitenden Gewerbes von den Auslandsmärkten.
Die Produktion im Land ist zwar gegenüber dem Schlussquartal 2008 weiter abgestürzt, und dies bei
rund 10% erstmals mit einer zweistelligen Rate. In Deutschland verringerte sie sich jedoch im Schnitt
um 16%. Infolge des gesamtwirtschaftlich deutlichen Produktionsrückgangs im Verlauf des ersten
Quartals unterschritt das Bruttoinlandsprodukt Sachsen-Anhalts auch seinen Stand vor Jahresfrist mit
4,6% deutlich. Bundesweit hat es sich um 6,7% verringert.

Udo Ludwig (Udo.Ludwig@iwh-halle.de)

* Die vierteljährliche Konjunkturberichterstattung des IWH erfolgt in Zusammenarbeit mit dem Statistischen Landesamt
Sachsen-Anhalt. Für die Berechnungsergebnisse trägt allein das IWH die Verantwortung.

Wirtschaft im Wandel 6/2009 235


Im Fokus: Sanktionen gegen Hartz-IV-Empfänger:
Zielgenaue Disziplinierung oder allgemeine Drohkulisse?

Ein zentrales Ziel der Hartz-IV- Betreuung und verstärkten Druck Abbildung 1:
Reform war es, die Förderung der die Entstehung von Langzeitar- Sanktionsquoten bei arbeitslosen
Langzeitarbeitslosen durch arbeits- beitslosigkeit schon im Ansatz zu Empfängern von Grundsicherung
marktpolitische Leistungen um ei- verhindern. in 355 Kreisen und kreisfreien
ne Komponente verstärkten For- Die Zahl der Hartz-IV-Empfän- Städten
- in % -
derns zu erweitern. In diesem Sinne ger mit mindestens einer Sanktion
5,0
sind die im Gesetz vorgesehenen stieg nach Einführung des SGB II 4,5
und 2007 verschärften Sanktions- im Jahr 2005 bis Herbst 2006 auf 4,0
3,5
möglichkeiten als ein Kernelement etwa 100 000 Personen an.1 Im 3,0
der Arbeitsmarktreform anzusehen. Jahr 2007 erfolgte eine Verschär- 2,5
2,0
Angesichts der bei Hartz IV nur fung der Sanktionsregeln. Die Ku- 1,5
geringen Hinzuverdienstmöglich- mulation mehrerer Sanktionen bei 1,0

keiten fungieren die Sanktionen wiederholter Pflichtverletzung wur- 0,5


0,0
auch als Ersatz für fehlende finan- de verstärkt. Zudem wurde die Jun 06 Jan 07 Jul 07 Feb 08 Aug 08 Mrz 09

zielle Arbeitsanreize. Inzwischen Möglichkeit eingeführt, bei drei- IWH

wird die Verhängung von Sank- maliger Pflichtverletzung innerhalb Anmerkung: Die Quote ist höher als im Ge-
samtdurchschnitt, da in den hier berücksich-
tionen bei der Bundesagentur für eines Jahres das Arbeitslosengeld II tigten Kreisen und kreisfreien Städten, für die
Arbeit (BA) umfangreich statis- vollständig zu streichen. Seit der eine solch lange Zeitreihe verfügbar ist, fast
keine Optionskommunen vertreten sind, diese
tisch erfasst. Verschärfung stieg die Zahl der aber im Durchschnitt weniger sanktionieren.
Sanktionen werden nach § 31 Sanktionierten noch einmal an. Quellen: Statistik der Bundesagentur für
SGB II verhängt, wenn die betrof- Für den vergangenen Winter ist Arbeit, Datenzentrum Nürnberg
(Hrsg.): Sanktionen nach Krei-
fene Person die ihr in einer Ein- ein leichter Rückgang erkennbar sen, Auswertung 2009; Darstel-
gliederungsvereinbarung oder einem (vgl. Abbildung 1). Im Januar 2009 lung des IWH.
entsprechenden Verwaltungsakt auf- lag die Zahl bei etwa 124 000 Per-
erlegten Pflichten nicht erfüllt, eine sonen oder 2,6% aller erwerbsfä- Zum Verständnis regionaler
zumutbare Arbeit oder einen Ein- higen Grundsicherungsempfänger. Unterschiede der Zahl der Sank-
Euro-Job ablehnt bzw. abbricht Betrachtet man nur die Arbeitslo- tionierten wird eine Regressions-
oder der Pflicht zur Meldung im sen unter ihnen (zumal viele Sank- analyse für 438 bzw. 370 regio-
Job-Center nicht nachkommt. Die tionen bei Nicht-Arbeitslosen nicht nale Träger der Grundsicherung
Sanktionen bestehen darin, den anwendbar sind)2, lag die Quote durchgeführt (vgl. Tabelle). Darin
Regelsatz (monatlich derzeit 351 bei 3,7%.3 wird der Anteil der Hartz-IV-
Euro, ab 1. Juli 2009 359 Euro für Empfänger mit mindestens einer
Alleinstehende) für drei Monate 1 Vgl. STATISTIK DER BUNDES- Sanktion als zu erklärende Variable
um 30%, bei wiederholter Pflicht- AGENTUR FÜR ARBEIT: Grundsi- verwendet. Als unabhängige Va-
cherung für Arbeitsuchende: Sanktio-
verletzung um 60% und am Ende nen gegenüber erwerbsfähigen Hilfe-
riablen werden die (logarithmierte)
einschließlich der Unterkunfts- bedürftigen. Bericht der Statistik der Arbeitslosenquote, der Anteil der
kosten um 100% zu kürzen. Bei BA. Nürnberg, April 2007, S. 5, S. 7. unter 25-Jährigen an den Hartz-
2 Nicht arbeitslose Leistungsbezieher
Meldeversäumnissen beträgt die IV-Empfängern, eine Dummy-
sind z. B. solche Hartz-IV-Empfänger,
Kürzung 10%. Jungen Menschen die einen Ein-Euro-Job haben, sich in Variable für Optionskommunen
unter 25 Jahren wird der Regel- einer Weiterbildungsmaßnahme befin- und der Betreuungsschlüssel ver-
den oder die Grundsicherung aufsto- wendet.
satz bereits bei der ersten Pflicht-
ckend zu eigenem Lohneinkommen er-
verletzung vollständig gestrichen. halten. Vgl. BUSCHER, H. S.: Wer ist
Bei der zweiten Pflichtverletzung arbeitslos, wer ist Leistungsbezieher?,
in: IWH, Wirtschaft im Wandel 4/2005,
entfallen auch die Unterkunfts- Grundsicherung für Arbeitsuchende
S. 112-118. nach dem SGB II, Sanktionen. Nürn-
kosten. Es ist intendiert, bei jun- 3 STATISTIK DER BUNDESAGEN- berg, Januar 2009, Daten mit einer
gen Menschen durch intensivere TUR FÜR ARBEIT: Statistik der Wartezeit von drei Monaten.

236 Wirtschaft im Wandel 6/2009


Tabelle: bei getrennter Aufgabenwahrneh-
Regressionsanalyse zu den Einflussfaktoren auf die Sanktionsquote mung).4 Eine mögliche Erklärung
Koeffizienten (t-Statistik) ist, dass die Kommunen als Trä-
ohne ger der Sozialhilfe mit den Folgen
alle Träger
Optionskommunen von Armut direkter befasst sind
Konstante
4,18*** 4,79*** und daher im Vergleich zu den
(8,77) (8,88) Arbeitsagenturen direkte Armuts-
Arbeitslosenquote −1,00*** −1,02*** vermeidung etwas höher gewichten
(logarithmiert) (−11,46) (−10,76)
als die Aktivierung zur Arbeit. Um-
Anteil der Empfänger 0,05** 0,05**
unter 25 Jahren, in % (2,20) (2,27)
gekehrt wird die Bundesagentur
für Arbeit allein an ihrem Erfolg
Optionskommune −1,02***
(Dummy-Variable) (−9,46) hinsichtlich der Senkung der Ar-
Betreuungsschlüssel −0,004*** beitslosenzahlen gemessen und be-
(Empfänger je Mitarbeiter) (−2,84) rücksichtigt möglicherweise die
Beobachtungen 438 370 Armutsrisiken der Aktivierungs-
Bestimmtheitsmaß 0,34 0,30 strategien etwas weniger. Aller-
*/**/*** = signifikant auf dem 10-/5-/1-Prozent-Niveau.
dings wird eine Angleichung zwi-
Abhängige Variable: Anteil der Hartz-IV-Empfänger mit mindestens einer Sanktion an allen schen den verschiedenen Träger-
Hartz-IV-Empfängern in %. OLS-(Ordinary-Least-Squares-)Regression mit robusten Standard- formen konstatiert.5
fehlern mit Daten auf Trägerebene für Dezember 2008. Erfasst werden alle Träger der Grund-
sicherung für Arbeitsuchende außer der Stadt Erlangen, für die keine Daten zu den Sanktionen Schließlich lässt sich zeigen,
vorliegen. dass der Betreuungsschlüssel ei-
Quellen: Statistik der Bundesagentur für Arbeit: Statistik der Grundsicherung für nen signifikanten Einfluss auf die
Arbeitsuchende nach dem SGB II – SGB-II-Kennzahlen für interregionale
Vergleiche; Mitteilung des Bereichs POE 3 – Personalwirtschaft – der Bun-
Sanktionen hat. Zahlen zum Be-
desagentur für Arbeit; Berechnungen des IWH. treuungsschlüssel liegen nicht für
die 69 Optionskommunen vor, so-
Je geringer die Arbeitslosig- besteht folglich mehr Möglichkeit dass dessen Effekt nur für die
keit in einer Region ist, desto grö- zur Sanktionierung. Dies könnte Träger der Grundsicherung mit
ßer ist hier der Anteil der Sank- auch erklären, warum im Winter Beteiligung der Arbeitsagenturen
tionierten. Bei geringer Arbeits- 2008/2009 – einer Zeit mit wie- überprüft werden kann (zweite
losigkeit haben Personen, die auf der steigender Arbeitslosigkeit – Spalte in der Tabelle). Der Be-
Arbeitsuche sind, eine bessere die Sanktionszahlen absolut und treuungsschlüssel ist definiert als
Chance, aus dem Leistungsbezug relativ zurückgingen. die Zahl der Hartz-IV-Empfänger,
auszuscheiden, sodass hier unter Der Anteil von jungen Leis- die auf einen Mitarbeiter im Be-
den verbleibenden Leistungsemp- tungsempfängern wirkt sich im reich „Markt & Integration“ im
fängern der Anteil derjenigen, die regionalen Vergleich signifikant Job-Center entfallen.6 Je weniger
nicht nach Arbeit suchen, mög- steigernd auf die Sanktionszahlen
licherweise größer ausfällt. Hinzu aus. Bei den Leistungsempfän-
4 Dies bestätigt entsprechende Ergeb-
kommt, dass die Job-Center in gern unter 25 Jahren ist die Quote
nisse aus der Hartz-IV-Evaluierung,
Regionen mit niedriger Arbeitslo- der Sanktionierten deutlich höher vgl. ISR; IA; INFA; SIMMA & PART-
sigkeit den Langzeitarbeitslosen als bei den älteren Arbeitslosen NER; WZB: Evaluation der Experimen-
auch relativ viele Angebote ma- (vgl. Abbildung 2). tierklausel nach § 6c SGB II – Untersu-
chungsfeld 2: Implementations- und
chen können. Möglicherweise wird Die Regressionsanalyse zeigt Governanceanalyse. Abschlussbericht
hier von Hartz-IV-Empfängern außerdem, dass in den 69 Kommu- 2008, S. 209, Abb. C.4.1-9.
öfter erwartet, im Job-Center vor- nen, die die Hartz-IV-Verwaltung 5 Vgl. Bericht zur Evaluation der Expe-

zusprechen oder Bewerbungen zu allein leisten (Optionskommunen), rimentierklausel nach § 6c des Zwei-
ten Buches Sozialgesetzbuch. DEUT-
schreiben, weil die Erfolgsaus- der Anteil der Sanktionierten si- SCHER BUNDESTAG: Drucksache
sichten höher sind. Wird mehr von gnifikant kleiner ist als dort, wo 16/11488, 18.12.2008, S. 19.
den Arbeitslosen erwartet, steigt die Arbeitsagenturen beteiligt sind 6 Dabei wird für die Zahl der Hartz-IV-

das Risiko der Verfehlung und (in Arbeitsgemeinschaften oder Empfänger ein gleitender Jahresdurch-
schnitt angesetzt, um saisonale

Wirtschaft im Wandel 6/2009 237


Leistungsbezieher auf einen dor- gegeben, in 12% wurde sie abge- die unter 25-Jährigen bei 1 zu 91,
tigen Mitarbeiter entfallen, desto wiesen.7 Diese hohen Anteile er- bei den Älteren bei 1 zu 173.8
mehr wird sanktioniert. Bei einer folgreicher Einsprüche könnten Die hohe Zahl an Sanktionen
höheren Betreuungsintensität könn- darauf zurückzuführen sein, dass gegen junge Arbeitslose steht in
ten an die Langzeitarbeitslosen hö- vor allem dort Widerspruch ein- bemerkenswertem Kontrast zu Er-
here Anforderungen gestellt wer- gelegt wird, wo er von Anfang an gebnissen aus dem Sozio-oekono-
den, sodass es auch häufiger zu erfolgversprechend ist. Möglich ist mischen Panel (SOEP) zur Ar-
Fällen kommt, in denen den Anfor- aber auch, dass im Allgemeinen beitsbereitschaft von Arbeitslosen
derungen nicht entsprochen wird. viele Sanktionen im Sinne des Ge- verschiedener Altersgruppen.9 Im
Im Jahr 2008 beruhten 54% der setzes die Falschen treffen. Wel- Rahmen dieser Erhebung werden
Sanktionen auf Meldeversäumnis- cher Erklärung die größere Bedeu- an Arbeitslose unter anderem Fra-
sen. 17% der Sanktionen ergingen tung zukommt, kann nicht ohne gen zur Arbeitsbereitschaft ge-
wegen Verletzung von Pflichten Weiteres beantwortet werden. stellt. Auf Basis der gegebenen
aus so genannten Eingliederungs- Hartz-IV-Empfänger unter 25 Antworten lässt sich belegen, dass
vereinbarungen, wenn also bei- Jahren werden aufgrund des Ge- nur unter den älteren Arbeitslosen
spielsweise ein Arbeitsloser we- setzes für dieselbe Pflichtverlet- ein höherer Prozentsatz dem Ar-
niger Bewerbungen schrieb als zung schärfer sanktioniert. Auf- beitsmarkt nicht mehr zur Verfü-
vorgesehen. 20% der Sanktionen fallend ist, dass junge Menschen gung stehen möchte. Vermutlich
wurden verhängt aufgrund der jedoch nicht nur härter, sondern empfinden es viele Ältere als nicht
Weigerung, eine angebotene Ar- auch deutlich häufiger sanktio- mehr lohnend, einen aufwendigen
beit, Ausbildung oder Maßnahme niert werden als ältere Arbeits- Neueinstieg in den Arbeitsmarkt
aufzunehmen bzw. fortzusetzen. lose. So liegt die Sanktionsquote zu probieren, und stellen sich be-
Der hohe Anteil von Melde- unter den arbeitslosen Hartz-IV- reits auf den Ruhestand ein. Un-
versäumnissen an den Sanktions- Empfängern ab 50 Jahren bei ter denjenigen jüngeren Arbeits-
gründen deutet darauf hin, dass 1,4%, bei den 25- bis unter 50- losen, die dem Arbeitsmarkt nicht
oft eher mangelnde Selbstorgani- Jährigen bei 3,9% und bei den sofort voll zur Verfügung stehen
sation als fehlende Arbeitsbereit- unter 25-Jährigen bei 9,7% möchten, befindet sich ein hoher
schaft Ursache von Sanktionen
(Stand: Januar 2009). Die Älteren Anteil von Frauen mit Kindern.
sein könnte. Auch Sanktionen bei
mangelnder Bewerbungsaktivität dürften am schwierigsten in Ar- In der Altersgruppe der unter 25-
treffen möglicherweise oft eher beit zu vermitteln sein, sodass Jährigen ist die Arbeitsbereitschaft
die von erfolglosen Bewerbungen vermutlich der Mangel an Ange- demnach kaum geringer als in
Frustrierten als die Unwilligen. boten für Ältere dazu führt, dass den anderen Altersgruppen.
Im Jahr 2008 haben die Be- von ihnen auch weniger Aktivität Jedoch werden von den Jünge-
troffenen gegen 10% der Sank- eingefordert wird. Bei der hohen ren überproportional viele sanktio-
tionen Widerspruch eingelegt. 37% Sanktionsquote der Jüngeren unter niert. Die meisten und härtesten
der Widersprüche wurde voll, 25 Jahren kann eine Rolle spielen, Sanktionen treffen also eine Alters-
weiteren 4% teilweise stattgege- dass für sie die Betreuungsinten- gruppe, die von den Job-Centern
ben. In 1% der Sanktionen kam es sität höher ist. So lag der Betreu-
im Jahr 2008 zur Klage. Von den ungsschlüssel zum 1. Dezember 8 Die Zahlen zum Betreuungsschlüssel
im Jahr 2008 erledigten Klagen 2008 im Bundesdurchschnitt für beziehen sich ebenfalls nicht auf die
wurden 51% ohne Gerichtsurteil 69 Optionskommunen. Politische Ziel-
vorgaben sind Betreuungsschlüssel
dadurch abgeschlossen, dass das 7 Diese Daten beziehen sich auf die von 1 zu 75 bei den Jüngeren und 1 zu
Job-Center die Rechtmäßigkeit der Träger der Grundsicherung mit Betei- 150 bei den Älteren.
Klage anerkannte. In 14% wurde ligung der BA, also in Form der Ar- 9 Vgl. BRENKE, K.: Arbeitslose Hartz
der Klage durch Gerichtsentschei- beitsgemeinschaft oder der getrennten IV-Empfänger: Oftmals gering qualifi-
Aufgabenwahrnehmung. Damit erfas- ziert, aber nicht weniger arbeitswillig,
dung ganz oder teilweise Recht sen sie 94% aller verhängten Sanktio- in: Wochenbericht des DIW Berlin, Nr.
nen. Für die 69 Optionskommunen 43/2008, S. 678-684. – Ders.: Sind die
liegen keine Daten dazu vor. Quelle: Arbeitslosen arbeitsunwillig?, in: Wo-
Schwankungen aus dieser Kennzahl Mitteilung der Bundesagentur für Ar- chenbericht des DIW Berlin, Nr.
herauszurechnen. beit. 22/2002, S. 347-353.

238 Wirtschaft im Wandel 6/2009


Abbildung 2: steigerung im letzten Aufschwung
Arbeitsbereitschaft und Sanktionsquoten verschiedener Altersgruppen verstärkte.11
der arbeitslosen Hartz-IV-Empfänger Die Androhung und die Ver-
hängung von Sanktionen tragen
50 somit zur Aktivierung der Er-
12
45 werbsarbeit bei, stehen dabei je-
doch im Widerspruch zur Garan-
10
40 tie des Existenzminimums für alle.
35
Eine Beurteilung der bestehenden
Regelungen erfordert somit ein
8 30 Werturteil hinsichtlich der Abwä-
gung zwischen diesen beiden Zie-
25
6 len. Angesichts der geringen Treff-
20 sicherheit und der besonderen
4 Härte, die eine Kürzung der Grund-
15
sicherung unter das Existenzmi-
10 nimum individuell bedeutet, soll-
2
te darauf verzichtet und anderen
5
Formen der Arbeitsanreize, etwa
0 0 verbesserten Hinzuverdienstmög-
15 25 35 45 55 65 lichkeiten, der Vorzug gegeben
Altersgruppen werden.
Anteil der arbeitslosen Hartz-IV-Empfänger, die dem
Arbeitsmarkt nicht sofort oder gar nicht mehr zur Ingmar Kumpmann
Verfügung stehen möchten, in % (rechte Skala) (Ingmar.Kumpmann@iwh-halle.de)

Anteil der arbeitslosen Hartz-IV-Empfänger mit mindestens


einer Sanktion, in % (linke Skala)
IWH
Quellen: Brenke (2008), vgl. Fußnote 9; Statistik der Bundesagantur für Arbeit, vgl.
Fußnote 3; Darstellung des IWH.

intensiver betreut wird, die aber mutlich darin, eine allgemeine At-
den Ergebnissen aus dem SOEP mosphäre des Drucks zu erzeugen,
zufolge nicht weniger arbeitsbe- in der die Konzessionsbereitschaft
reit ist als der Gesamtdurchschnitt von Arbeitslosen gegenüber poten-
(vgl. Abbildung 2). ziellen Arbeitgebern erhöht wird.10 11 Vgl. beispielsweise BACH, H.-U.;
Somit hängt die Wahrschein- Einige Studien finden auch empi- GARTNER, H.; KLINGER, S.;
lichkeit, sanktioniert zu werden, rische Hinweise, dass die Arbeits- ROTHE, T.; SPITZNAGEL, E.: Ar-
von einer Vielzahl von Faktoren marktreform die Beschäftigungs- beitsmarkt 2007/2008 – Ein robuster
Aufschwung mit freundlichem Gesicht.
ab, die teilweise nichts mit Ar- IAB-Kurzbericht 15/2007, S. 2 f. –
beitsbereitschaft zu tun haben und SACHVERSTÄNDIGENRAT ZUR
oft außerhalb der Person liegen. BEGUTACHTUNG DER GESAMT-
10 Vgl. KETTNER, A.; REBIEN, M.: WIRTSCHAFTLICHEN ENTWICK-
Insgesamt ergeben sich erheb- Hartz-IV-Reform – Impulse für den LUNG: Das Erreichte nicht verspielen.
liche Zweifel, ob ein treffgenaues Arbeitsmarkt. IAB-Kurzbericht Jahresgutachten 2007/08, Ziffern 481-
Sanktionssystem, wie es mit § 31 19/2007. – KOCH, S.; KUPKA, P.; 504. Für eine kritische Sicht vgl.
STEINKE, J.: Aktivierung, Erwerbs- HORN, G.; LOGEAY, C.; STAPFF, D.:
SGB II intendiert ist, überhaupt tätigkeit und Teilhabe – Vier Jahre Viel Lärm um nichts? Arbeitsmarkt-
realisierbar ist. Die Hauptwirkung Grundsicherung für Arbeitsuchende. reformen zeigen im Aufschwung bis-
der Sanktionen besteht jedoch ver- IAB-Bibliothek 315. Nürnberg, Biele- her kaum Wirkung. IMK Report
feld 2009, S. 229 ff., S. 270. Nr. 20/2007.

Wirtschaft im Wandel 6/2009 239


Weltfinanzkrise trifft russische Wirtschaft aufgrund
struktureller Schwächen hart

– Kurzfassung –

Bis in das Jahr 2008 hinein hat sich die einset- sätzlich ein Paket von konjunkturstimulierenden
zende Verringerung der Liquidität im Bankensektor Maßnahmen verabschiedet, das zu Beginn dieses
auf die Realwirtschaft nicht spürbar ausgewirkt. Jahres in Kraft trat. Es sieht neben Steuervergüns-
Mit dem Nachfrageeinbruch an den Rohstoff- tigungen für Unternehmen Kreditgarantien des
märkten, dem rapiden Absturz des Ölpreises und Staates sowie Maßnahmen zur sozialen Abfede-
der Zuspitzung der internationalen Finanzkrise im rung der Krisenfolgen vor. Dank enormer Mittel,
vorigen Sommer haben sich fallende Exportein- die in den letzten Jahren im Stabilisierungsfonds
nahmen und massive Kapitalabflüsse jedoch un- aufgrund der hohen Rohstoffpreise akkumuliert
mittelbar ausgewirkt. Der Rubel geriet unter Druck, worden sind, kann die Regierung zunächst eine
und mit dem Einbruch am russischen Finanzmarkt stabilisierende Finanzpolitik betreiben. Die Aus-
setzte auch ein wirtschaftlicher Abschwung ein, sichten für die wirtschaftliche Entwicklung sind
der sich zu Beginn dieses Jahres verstärkte. Das insgesamt jedoch durch die hohe Abhängigkeit der
Ausmaß des wirtschaftlichen Einbruchs und des Wirtschaft vom Ölpreis mit großen Risiken behaftet.
Vertrauensverlustes in die Währung ließ Verglei- Vor diesem Hintergrund wird das Bruttoinlands-
che mit der Krise von 1998 aufkommen. produkt in diesem Jahr deutlich zurückgehen und
Die russische Regierung hat mit massiven In- sich dann 2010 leicht erholen.
terventionen den Finanzmarkt und den Wechsel-
kurs zu stabilisieren versucht. In Reaktion auf die Martina Kämpfe (Seite 242)
Verschlechterung der Wirtschaftslage wurde zu-

Exportweltmeister trotz Euro-Höhenflug


– Zum Einfluss der Wechselkurse auf die deutschen Ausfuhren –

– Kurzfassung –

Trotz anfänglicher Skepsis hat sich der Euro in union weniger anfällig gegenüber Wechselkurs-
den ersten zehn Jahren nach seiner Einführung an schwankungen geworden sein dürfte, sondern auch
den Devisenmärkten behauptet und gegenüber für die Warenlieferungen in Länder außerhalb des
wichtigen Fremdwährungen deutlich an Wert ge- Euroraums. Ein zunehmender Ausgleich nominaler
wonnen. Obgleich ein Großteil des Außenhandels Wechselkursveränderungen durch Preisanpassun-
der EWU-Mitgliedstaaten seit der Euro-Einführung gen findet zwar statt, kann aber sicherlich nicht als
keinem Wechselkursrisiko mehr unterliegt, birgt alleiniger Erklärungsansatz für die schwindende
ein starker Euro für exportorientierte Länder wie Wechselkursreagibilität der Ausfuhren dienen, so-
Deutschland dennoch Gefahren. dass weitere Faktoren in Betracht zu ziehen sind.
Der vorliegende Beitrag untersucht die Auswir- So zeigt sich etwa, dass die Exporte auch auf
kungen von Wechselkursveränderungen auf die Veränderungen der realen Wechselkurse und da-
deutschen Exporte im Zeitverlauf. Die Analysen be- mit der internationalen Preisrelationen immer we-
stätigen, dass insbesondere die nominalen Wech- niger reagieren. Stattdessen werden die Ausfuhren
selkurse an Einfluss verloren haben. Allerdings zunehmend durch die konjunkturelle Entwicklung
gilt dies nicht nur in Bezug auf den Gesamtexport, in den Handelspartnerländern determiniert. In die-
der allein durch die Verwirklichung der Währungs- sem Zusammenhang konnte Deutschland aufgrund

240 Wirtschaft im Wandel 6/2009


seiner geographischen Lage sicherlich stärker als auf Investitions- und qualitativ hochwertige Indus-
andere Länder von der kräftigen Nachfrageaus- triegüter ausgerichteten Warenangebots kaum ge-
weitung der mittel- und osteuropäischen Staaten schadet.
profitieren, die die Euro-Aufwertung überlagert
hat. Zudem haben die Kursgewinne des Euro den Götz Zeddies (Seite 247)
deutschen Exportgüterproduzenten auch wegen des

Wie werden Städte zu Zentren der Kreativität und Innovation?


Ein Bericht über das „2nd Halle Forum on Urban Economic Growth“ am IWH

– Kurzfassung –

Die Abteilung Stadtökonomik des IWH veranstal- in mehrerlei Hinsicht noch weiterer Forschungs-
tete am 27. und 28. November 2008 das zweite bedarf besteht. Insbesondere ist bislang ungenü-
Halle Forum on Urban Economic Growth. Die Fo- gend geklärt, über welche Wirkungskanäle Wissens-
rumsvorträge sowie die in das Programm einge- Spillovers zwischen Wissenschaft und lokaler
bettete Podiumsdiskussion beschäftigten sich mit Wirtschaft verlaufen. Daneben muss die – auch im
der Frage, welche strategischen Handlungsmög- Verlauf der Tagung mehrfach erhobene – Forde-
lichkeiten Städten offenstehen, um sich als Zentren rung nach einer stärkeren Passung der Fächer-
der Kreativität und Innovation entwickeln zu kön- struktur der Wissenschaftseinrichtungen mit der
nen. Diese Frage stellt sich insbesondere Städten Branchenstruktur der Wirtschaft in der Region
in Transformationsökonomien, die durch einen er- noch durch weitere empirische Forschung auf ihre
heblichen Strukturwandel gekennzeichnet sind und Angemessenheit hin überprüft werden. Darüber
die nach Chancen für einen wirtschaftlichen Neuan- hinaus ist unklar, wie weit die unternehmerische
fang Ausschau halten. Die Vorträge und Diskus- Orientierung von Hochschulen getrieben werden
sionsbeiträge behandelten die allgemeine Bedeu- kann, wie z. B. bei der wirtschaftlichen Verwer-
tung lokaler Kontextbedingungen für Kreativität, tung der in ihren Mauern entwickelten Patente,
die Wissensvermittlung und verschiedene Ansätze, ohne dass sich das Hochschulpersonal Identitäts-
die entsprechenden Kontextbedingungen gezielt zu problemen und Konflikten mit den Werten des Wis-
gestalten. senschaftssystems gegenübersieht.
Neben Hinweisen zu praktikablen Handlungs-
strategien für Städte mit Wissenschaftseinrichtun- Peter Franz, Martin T. W. Rosenfeld,
gen lieferte das Forum ebenso die Erkenntnis, dass Annette Illy (Seite 255)

Wirtschaft im Wandel 6/2009 241


Weltfinanzkrise trifft russische Wirtschaft aufgrund
struktureller Schwächen hart
Die dynamische Wirtschaftsentwicklung setzte sich der Metallindustrie betroffen, die in Zahlungs-
im Jahr 2008 in Russland zunächst noch weitge- schwierigkeiten gerieten oder Konkurs anmeldeten.
hend unbeeindruckt von den Auswirkungen der Sie hatten zur Finanzierung ihrer Tätigkeit und der
internationalen Finanzmarktturbulenzen fort.12 Erste weiteren Bedienung von Krediten seit geraumer
Anzeichen einer Verschlechterung der Kreditkon- Zeit auf Kredite durch ein Bankenkonsortium von
ditionen hatten zwar schon zuvor zu einer Verrin- russischen und ausländischen Banken (so genannte
gerung der Liquidität im Bankensektor geführt, syndicated loans) zurückgegriffen, die sich nicht
doch größere negative Effekte auf die Realwirt- mehr wie bisher aufrechterhalten ließen.13
schaft waren bis in das Jahr 2008 hinein weitge- In den Jahren zuvor war bereits ein Anstieg der
hend ausgeblieben. Das änderte sich schlagartig Kreditaufnahme des privaten Sektors sowohl auf
mit der Zuspitzung der internationalen Finanzkrise dem inländischen Markt als auch im Ausland zu
im vorigen Sommer. Der weltweite Nachfrageein- verzeichnen. Die inländischen Banken ihrerseits wa-
bruch an den Rohstoffmärkten und der rapide Ab- ren dieser sprunghaft gestiegenen Kreditnachfrage
sturz des Ölpreises innerhalb kurzer Zeit trafen die nur durch eine zunehmende Kapitalbeschaffung auf
Wirtschaft hart: Fallende Exporteinnahmen und ausländischen Märkten gewachsen. Im Herbst des
massive Kapitalabflüsse ließen den Rubel unter Jahres 2008 betrug die Verschuldung des Banken-
Druck geraten und erschütterten den Finanzsektor. sektors und der Unternehmen im Ausland etwa
Wenig später wurde auch die Realwirtschaft direkt 500 Mrd. US-Dollar, was einer Zunahme von etwa
getroffen; zusammen mit dem Ölpreisverfall und 20% allein seit Beginn des Jahres entspricht.14 Da-
der einsetzenden starken Abschwächung der welt- von entfielen knapp zwei Drittel auf die Unterneh-
weiten Nachfrage nach russischen Exporten kam men. Ein Drittel der Gesamtverschuldung entfiel auf
es ab dem vierten Quartal vergangenen Jahres zu die Banken, und davon wiederum etwa ein Drittel
Kontraktionen, die sich in den ersten Monaten die- auf Kredite mit einer Laufzeit bis zu einem Jahr.
ses Jahres ungebremst fortsetzten. Die Verschlechterung der Kreditkonditionen auf
den internationalen Finanzmärkten bildete für den
Banken- wie den Nicht-Bankensektor ein Problem.
Zuspitzung der Weltfinanzkrise destabilisiert
Die Situation im russischen Bankensektor unter-
russischen Finanzsektor
scheidet sich von der in den meisten mittel- und
Die Zuspitzung der Weltfinanzkrise provozierte ei- osteuropäischen Ländern, da sich nur ein ver-
nen Kapitalabfluss vom russischen Finanzmarkt und gleichsweise geringer Anteil, etwa 25%, in auslän-
destabilisierte ihn; das Misstrauen unter den Banken discher Hand befindet, und dies auch erst durch
wuchs, sie betrieben eine sehr vorsichtige Kredit- Anteilsverkäufe zweier Großbanken im Jahr 2007,
politik und hielten einen Teil ihrer Mittel in Reser- davor waren es nur 16%.15 Es besteht eine große
ve. Obwohl die Banken noch Liquidität hatten, Konzentration des Kapitals: Von den etwa 1 150
stiegen die Zinsen am Geldmarkt als Zeichen der Banken halten fünf Großbanken in mehrheitlichem
Unsicherheit, des Vertrauensschwunds und der In-
flationserwartungen der Marktteilnehmer. Die Kre-
ditvergabe geriet ins Stocken, das Kreditwachstum 13 Diese Form der Kreditvergabe ist in Russland stark gestie-
wurde schwächer. Es sank gegenüber den Nicht- gen, das Land ist inzwischen der drittgrößte Schuldner die-
Banken im vierten Quartal 2008 um 26% im Ver- ser Form in Europa. Vgl. REUTERS LOAN PRICING
CORPORATION, http://www.loanpricing.com/.
gleich zum dritten Quartal, wobei im November 14 BANK OF RUSSIA: External Debt of the Russian Federa-
und Dezember ein absoluter Rückgang eintrat. Die tion, March 2009 (estimate). Vgl. http://www.cbr.ru/eng/
Folge war eine Störung der Geldversorgung, die statistics/credit_statistics/print.asp?file=debt_est_e.htm, Zu-
sich auf die russischen Unternehmen unmittelbar griff am 18.05.2009.
auswirkte. Neben kleineren und mittleren Unter- 15 Ausländische Beteiligungen, auch wenn sie in den letzten
nehmen waren auch mehrere große Unternehmen Jahren zugenommen haben, unterliegen strengen Auflagen
und sind im Bankensektor, der von der Regierung wie die so
genannten „strategischen Sektoren“ behandelt wird, eher un-
12 Das IWH untersucht die aktuelle Wirtschaftsentwicklung erwünscht. Beteiligungen werden oft nur aus inländischem
und den Stand der Reformen in Russland seit einer Reihe Kapitalmangel heraus zugelassen. Der Anteil reiner ausländi-
von Jahren, letztmalig im Jahr 2008. scher Privatbanken ist bedeutungslos, er liegt bei etwa 5%.

242 Wirtschaft im Wandel 6/2009


Staatsbesitz ca. 45% der Gesamtaktiva des Ban- der Nachfrage nach Staatspapieren setzte das Finanz-
kensektors. Über diese Großbanken wird die Geld- ministerium den Handel für drei Monate ganz aus;
versorgung der Unternehmen und der Kleinbanken im ersten Quartal 2009 fielen die Renditen wieder,
gelenkt. Wenn sich die Finanzierung dieser Ban- die Nachfrage blieb jedoch weiterhin gering.
ken verschlechtert, verschlechtert sich auch die
Lage auf dem Bankenmarkt insgesamt. Zur Ver- Abbildung 1:
ringerung der ausländischen Kapitalbeschaffung Russian Trading System Stock Exchange und Preis
kam für die Banken erschwerend hinzu, dass sich für Erdöl der Marke Ural, 2008 bis 2009
die Einlagen (Depositen) der Unternehmen und der Ural Ölpreis RTS-Index
privaten Haushalte seit 2007 erheblich langsamer 200 3 000

entwickelt haben und es teilweise auch – ausgelöst 180


2 500
160
durch Unsicherheiten im weiteren Verlauf der Fi-
140 2 000
nanzkrise – zum Abzug von Einlagen kam. Für die 120
Unternehmen mit ausländischer Verschuldung war 100
1 500

vor allem problematisch, dass die Erneuerung der 80 1 000


kurzfristigen Kredite durch ausländische Banken 60
500
nicht mehr gesichert schien oder gar nicht weiter 40

stattfinden konnte. 20

01.04.2008

01.05.2008

01.06.2008
01.07.2008

01.08.2008

01.09.2008
01.10.2008

01.11.2008

01.12.2008

01.01.2009

01.02.2009
01.03.2009

01.04.2009
01.05.2009
Mit dem Fall des Preises für russisches Öl der
Marke Ural im September 2008 um etwa ein Drit-
tel unter den Höchstpreis von Mitte Juli desselben Ural Ölpreis RTS
IWH
Jahres16 geriet der Wertpapiermarkt unter Druck.
Quellen: EIA (Energy Information Administration); RTS
Der Index der wichtigsten 50 Industrieunternehmen (Russian Trading System Stock Exchange); Darstel-
RTS (Russian Trading System Stock Exchange) lung des IWH.
verlor innerhalb weniger Tage mehr als 35% an Wert,
ebenso brach der MICEX, der Moskauer Börsen-
index, ein (vgl. Abbildung 1). Bisherige Geld- und Wechselkurspolitik
Der RTS-Index reagiert sehr empfindlich auf erschwert schnelle Entspannung der Lage
Preisveränderungen an den Rohstoffmärkten, da in
Zentralbank und Regierung handelten koordiniert,
ihm mehr als die Hälfte der Unternehmen der Öl- und
um den Finanzmarkt zu stabilisieren. Die Zentral-
Gasindustrie sowie der Metallbranche enthalten sind.
bank senkte unmittelbar nach dem ersten Börsen-
Die Korrektur der Börsenwerte der Unternehmen war
einbruch Mitte September 2008 die Mindestreserve-
am stärksten im Oktober 2008, schließlich lag der
sätze um vier Prozentpunkte – was nahezu eine
RTS fast 70% unter dem Wert vom Januar 2008,
Halbierung des bisherigen Zinses bedeutete –, einen
der MICEX schrumpfte um 60%. Neben Aktien der
Monat später nochmals um vier Prozentpunkte bis
Ölindustrie sowie der Metallurgie waren nun auch
auf 0,5%. Zugleich erweiterte sie die Refinanzie-
Unternehmen des Maschinenbaus, der Telekommu-
rungsmöglichkeiten für die Banken erheblich, ins-
nikation, der Stromversorgung sowie Kreditinstitute
besondere durch die Möglichkeit, Kredite ohne
betroffen, die ihre Talfahrt 2009 fortsetzten.
jegliche hinterlegte Sicherheiten zu bekommen; auch
Wenig später verschlechterten sich auch am Markt
die Laufzeit der Kredite wurde auf sechs Monate
für Staatspapiere die Konditionen: Mit einem rapi-
ausgedehnt. Damit wurde es den Banken erleich-
den Anstieg der Renditen für Staatspapiere (bond
tert, sich bei der Zentralbank zu refinanzieren. Das
yields) als Reaktion des Markts auf die Ankündi-
Finanzministerium stellte den drei führenden Groß-
gung der Herabstufung des Kreditratings für Russ-
banken kurzfristig Mittel zur Verfügung, die über
land durch die Ratingagentur Standard & Poor’s im
den Interbankenmarkt an kleinere Banken weiter-
Oktober 2008 stiegen die Finanzierungskosten für
gegeben werden sollten, und erklärte sich darüber
den Staat.17 Aufgrund dann beginnender mangeln-
hinaus bereit, Verluste dieser drei Banken auf
dem Interbankenmarkt zu decken. Über die VEB
16 Der Preis für Öl der Marke Ural sank von 139 US-Dollar je
(Vneshekonombank), eine auf Auslandstransaktionen
Barrel im Juli auf 92 US-Dollar im September und 32 US-
Dollar im Dezember 2008.
17 Die Reaktion erfolgte bereits auf die bloße Ankündigung Stabilisierung des Finanzsystems und ein für 2009 drohen-
einer Herabstufung hin, Standard & Poor’s nannten als des Budgetdefizit. Die eigentliche Herabstufung von BBB+
ausschlaggebend u. a. Kapitalabflüsse, hohe Kosten der auf BBB erfolgte Anfang Dezember 2008.

Wirtschaft im Wandel 6/2009 243


spezialisierte Bank, wurden Mittel aus den Zentral- Abbildung 2:
bank-Devisenreserven zur Verfügung gestellt, um Nominaler Rubelwechselkurs gegenüber US-Dollar,
Unternehmen kurzfristig bei der Finanzierung ih- Euro und Währungskorb
res ausländischen Schuldendienstes zu unterstüt- - Januar 2007 bis Mai 2009; Januar 2007 = 100 -
zen. Schließlich beschloss die Regierung Ende 140
Index

September 2008, nötigenfalls Unternehmensanteile


130
russischer Unternehmen aufzukaufen und als An-
120
teile zu halten, bis sich der Markt beruhigt hat.18
Auch für die Wechselkurspolitik änderten sich 110

die Bedingungen. Der Rubel wertete seit dem Som- 100

mer 2008 gegenüber dem US-Dollar ab, im Septem- 90

ber gab der Kurs stärker nach als in den Vormo- 80

naten und es bestand die Gefahr einer kurzfristigen

01.01.2007

01.03.2007

01.05.2007

01.07.2007

01.09.2007

01.11.2007

01.01.2008

01.03.2008

01.05.2008

01.07.2008

01.09.2008

01.11.2008

01.01.2009

01.03.2009

01.05.2009
abrupten Abwertung. Die Nachfrage der Wirtschafts-
akteure nach Devisen wuchs aufgrund der Abwer-
RUB zu Euro RUB zu US-Dollar RUB zu Währungskorb
tungserwartungen stark. Die Zentralbank ließ den IWH
Rubel gegenüber einem Währungskorb aus US- Quellen: Bank of Russia; Berechnungen und Darstellung des
Dollar und Euro in kleinen Schritten abwerten, in- IWH.
dem sie die Schwankungsbreite des Wechselkurs-
bands über mehrere Wochen, teilweise mehrmals Trotz der zunehmend kritischeren Situation auf
wöchentlich, geringfügig erweiterte. Durch diese dem Finanzmarkt hat die Zentralbank ihren restrik-
schrittweise erfolgende und kontrollierte Abwertung tiven geldpolitischen Kurs nie ganz aufgegeben.
konnte verhindert werden, dass massive Rubelver- So hat sie noch im Jahr 2007 und in den ersten drei
käufe privater Anleger das Bankensystem gefähr- Quartalen 2008 bis unmittelbar zum Krisenszenario
deten. Im Januar 2009 traf die Zentralbank angesichts im September die Mindestreservevorschriften ver-
andauernder Kurskorrekturen und weiterer Ab- schärft und die Leitzinsen mehrfach angehoben,
wertungsspekulationen die Entscheidung für einen mit der Begründung einer zu großen Liquidität im
kräftigen einmaligen Abwertungsschritt und erwei- Bankensektor. Sie wich von diesem Kurs auch dann
terte das Wechselkursband um 10% auf 41 Rubel nicht ab, als die drei größten Banken Sberbank,
als Untergrenze gegenüber dem Währungskorb. Vneshtorgbank (VTB) und Gazprombank ange-
Seitdem hat sich der Kurs innerhalb des Zielkorri- sichts der einsetzenden Finanzierungsprobleme im
dors stabilisiert und seit März 2009 sowohl zum Bankensektor wiederholt öffentlich die Geldpolitik
offiziellen Währungskorb als auch zum Euro wie- der Zentralbank kritisierten. Daraufhin hat die No-
der etwas aufgewertet (vgl. Abbildung 2). tenbank lediglich andere Maßnahmen zur Geld-
Um den im Sommer 2008 einsetzenden Kapi- mengensteuerung ergriffen, so u. a. ihre Liste von
talabfluss19 einzudämmen, wurde der Leitzins im Wertpapieren erweitert, die sie als Sicherheiten für
vierten Quartal 2008 in zwei Schritten auf zuletzt Darlehen anerkennt, im Übrigen jedoch erklärt,
13% angehoben, er lag damit drei Prozentpunkte dass die Liquiditätsverringerung dem Bankensek-
über dem Wert vom Dezember 2007. Zugleich wur- tor bislang keine wesentlichen Probleme bereite.
den nochmals die verschiedenen Refinanzierungs- Hintergrund dieses restriktiven geldpolitischen
instrumente ausgeweitet: Die zuvor beschlossene Kurses ist die vergleichsweise hohe Inflation, die
befristete Senkung der Mindestreservesätze wurde bereits seit geraumer Zeit nicht wesentlich weiter
bis Ende April 2009 verlängert, ebenso verlängert zurückgeführt werden konnte und die sich 2008
wurde die Laufzeit unbesicherter Kredite von sechs wieder stärker beschleunigte (vgl. Abbildung 3).
Monaten auf ein Jahr. Die stärkere Beschleunigung im vergangenen Som-
mer war zwar überwiegend den damaligen Preis-
entwicklungen auf den Weltmärkten geschuldet,
18 Im weiteren Verlauf der Weltfinanzkrise hat die Regierung
die Inflationsbekämpfung zuvor war jedoch weit-
eine derartige Vorgehensweise, die sichern sollte, dass
Anteile strategischer Unternehmen nicht durch Illiquidität gehend erfolglos geblieben.20
an ausländische Gläubiger fallen, aufgegeben.
19 Der Kapitalabfluss durch private Investoren setzte ausgelöst 20 Zum Problem der Inflationsbekämpfung durch die Zentral-
durch den Georgienkonflikt im August 2008 ein und betrug bank vgl. auch KÄMPFE, M.: Russland: Anhaltend kräftige
im dritten Quartal 17,4 Mrd. US-Dollar, im vierten Quartal Wirtschaftsentwicklung wird von hoher Inflation überschat-
mit Zuspitzung der Krise dann 130,5 Mrd. US-Dollar. tet, in: IWH, Wirtschaft im Wandel 6/2008, S. 237-243.

244 Wirtschaft im Wandel 6/2009


Abbildung 3: und overnight rate), jeweils um einen halben Pro-
Verbraucherpreisindex (VPI) und Kerninflationa, zentpunkt auf derzeit 12%.
2006 bis 2009
- in % -
Starker realwirtschaftlicher Abschwung fordert
16
weitere Antikrisenmaßnahmen heraus
14
12 Mit dem Einbruch am russischen Finanzmarkt setzte
10
8
im Herbst vergangenen Jahres auch ein wirtschaft-
6 licher Abschwung ein, der sich zu Beginn dieses
4 Jahres verstärkte und einen Einbruch der Produk-
2
0
tion und des Absatzes in nahezu allen Wirtschafts-
I III V VII IX XI I III V VII IX XI I III V VII IX XI I III sektoren mit sich brachte (vgl. Abbildung 4). In
2006 2007 2008 2009
den ersten Monaten 2009 haben sich die Erwartun-
gen der Unternehmen in einem Maß verschlechtert
VPI Kerninflation wie zuletzt in der Zeit der Krise 1998.
IWH
a
Unter der Kerninflation wird nach gängiger Definition der um die Abbildung 4:
Preise für Energie und unverarbeitete Lebensmittel bereinigte Ver-
braucherpreisindex verstanden. Reales Bruttoinlandsprodukt (BIP), Investitionen
Quellen: Bank of Russia: Quarterly Inflation Review; Darstel- und privater Konsum, 2006 bis 2009
lung des IWH. -in % zum Vorjahresquartal -
25
Die Zentralbank befand sich in einem Dilemma 20
zwischen Wechselkursstabilisierung und Inflations- 15

bekämpfung. Sie versuchte während vergangener 10

Jahre, durch den Aufkauf von Devisen den Wert 5

des Rubel zum Währungskorb aus Euro und US- 0

Dollar annähernd konstant zu halten (vgl. Abbil- -5

-10
dung 2), wodurch die Geldmenge und damit das -15
Inflationspotenzial stiegen. Wiederholte Interven- -20
tionen am Devisenmarkt in den letzten Jahren haben I II III IV I II III IV I II III IV I

somit nicht unwesentlich zur Persistenz der Infla- 2006 2007 2008 2009

tionstendenzen beigetragen.21 Die jüngeren Maß- BIP Investitionen privater Konsum


nahmen zur Geldpolitikstraffung wurden als Zei- IWH
chen dafür gewertet, dass die Zentralbank nunmehr
Quellen: Rosstat; 2009: Schätzung; Darstellung des IWH.
der Inflationsbekämpfung den Vorrang vor der
Wechselkursstabilisierung gibt. Unmittelbar in der Auch das Konsumentenvertrauen hat sich in ähn-
Krise erklärte die Regierung dann zwar, dass nun lichem Ausmaß verschlechtert. Umfragen des Sta-
die Stabilisierung des Marktes mit allen Mitteln den tistischen Amtes zeigen einen absturzartigen Rück-
Vorrang habe und die Inflationsbekämpfung zweit- gang des Vertrauens-Index im ersten Quartal dieses
rangig sei. Allerdings ist es ihr trotz einer raschen Jahres.22 Die rasch steigende Arbeitslosigkeit so-
und koordinierten Handlungsweise bis zum Früh- wie das stark abgeschwächte Lohnwachstum ha-
jahr 2009 nicht gelungen, über staatliche Interven- ben die Einkommenslage eingetrübt; erstmals seit
tionen den Kreditfluss wieder in Gang zu setzen, Jahren sanken die Einzelhandelsumsätze in den
und es gab anhaltende Kritik, die Zinsen seien für ersten Monaten 2009 absolut.
die derzeitige Wirtschaftslage unangemessen hoch. Im Unterschied zur Binnennachfrage, die sich
Erst im zweiten Quartal senkte die Zentralbank erst im vierten Quartal 2008 spürbar verlangsamte,
dann zweimal die Leitzinsen (Refinanzierungszins schwächte sich die Außennachfrage bereits seit dem
Jahresende 2007 ab. Gegen Jahresende 2008 kam
21 Wiederholt hat der Internationale Währungsfonds (IWF) es schließlich auch zu einer absoluten Schrump-
von der Zentralbank gefordert, sich entschiedener um eine
Senkung der Inflation zu bemühen und im Interesse des
Stabilitätsziels auch auf den Ankauf ausländischer Währun- 22 Vgl. ROSSTAT: Potrebitel’skije ozidania v Rossji v I kvar-
gen zur Begrenzung der Wechselkursaufwertung zu ver- tale 2009 g, http://www.gks.ru/bgd/free/B04_03/IssWWW.
zichten. exe/Stg/d02/57.htm, Zugriff am 16.04.2009.

Wirtschaft im Wandel 6/2009 245


fung der Exporte, die sich zu Beginn dieses Jahres dem Wirtschaftsministerium über geeignete wirt-
beschleunigt fortsetzte. Der Außenbeitrag verrin- schaftspolitische Maßnahmen und die Verwendung
gerte sich, da die Importe weniger stark zurück- staatlicher Mittel dafür gekommen. Während der
gingen (vgl. Abbildung 5). Finanzminister vor einer weiteren Inflationsanhei-
zung durch zu extensive Kreditvergabe warnte und
Abbildung 5: sich für eine restriktivere Haushaltspolitik und die
Entwicklung der Exporte und Importe nach Quar- strengere Kontrolle der Verwendung von Haus-
talen, 2006 bis 2008 haltsmitteln aussprach, vertrat das Wirtschaftsmi-
- Veränderungsrate in % zum Vorjahr - nisterium eine entgegengesetzte Haltung. Schließ-
30 lich wurde eine Einigung über Maßnahmen erzielt,
die zum Jahresbeginn 2009 in Kraft traten. Darin
20 sind weitere Mittel für die Stabilisierung des Fi-
nanzmarktes, aber auch für die Förderung der Be-
10
schäftigung sowie Steuersenkungen für die Unter-
nehmen vorgesehen. Es wurde eine Liste von ca.
0
300 Unternehmen erstellt, die Zugang zu spezieller
-10
staatlicher Unterstützung erhalten sollen; darüber
I-06 II-06 III-06 IV-06 I-07 II-07 III-07 IV-07 I-08 II-08 III-08 IV-08 hinaus hat die Regierung die Übernahme von Kre-
Exporte Importe ditgarantien angekündigt, die bis zu 50% der Kre-
IWH ditsumme für Unternehmen in allen Branchen de-
Quelle: Rosstat; Berechnungen und Darstellung des IWH. cken sollen, in der Rüstungsindustrie bis zu 70%.
Zum Jahresbeginn 2009 trat außerdem eine Anhe-
Tabelle 1: bung des allgemeinen Mindestlohns und der Ar-
Eckdaten der wirtschaftlichen Entwicklung für Russ- beitslosenunterstützung in Kraft, die in ihrem Aus-
land in den Jahren 2007 bis 2010 maß bisherige Schritte in dieser Hinsicht übertrifft:
2007 2008 2009 2010 Der Mindestlohn wurde etwa verdoppelt, die Ar-
Veränderung gegenüber dem Vorjahr in % beitslosenunterstützung mehr als verdreifacht. Sie
Bruttoinlands-
8,1 5,6 −5,0 0,5 beträgt nunmehr etwa ein Drittel des monatlichen
produkt Durchschnittslohns.
Private Kon-
13,7 11,3 −2,5 1,3
sumausgaben
Tabelle 2:
Staatskonsum 3,4 2,5 3,6 3,6
Beiträge der Nachfragekomponenten zum Anstieg
Anlage-
investitionen
21,1 10,0 −12 −1,2 des realen Bruttoinlandsprodukts, 2007 bis 2010
Exporte 6,3 0,5 −5,3 −1,5 - in Prozentpunkten -
Importe 26,5 15,0 −6,5 −3,5 2007 2008 2009 2010
Veränderung gegenüber dem Vorjahr in % Private
6,7 5,4 −1,2 0,6
Verbraucher- Konsumausgaben
9,0 14,1 12,5 10 Staatskonsum 0,6 0,4 0,6 0,7
preise
in % der Erwerbspersonen Anlageinvestitionen 4,0 2,2 −2,5 −0,2
Arbeitslosen- Vorratsveränderung 0,3 0,6 −0,1 −0,2
6,1 6,3 10 10
quotea Außenbeitrag −3,5 −3,0 −2,0 −0,4
a
a
Arbeitslosenquote. ILO-Methode. Bruttoinlandsprodukt 8,1 5,6 −5,0 0,5
a
Quellen: Rosstat; 2009 und 2010: Prognose des IWH. Veränderung gegenüber dem Vorjahr in %.
Quellen: Rosstat; Berechnungen des IWH; 2009 und 2010:
Die russische Regierung hat in Reaktion auf die Prognose des IWH.
Verschlechterung der Wirtschaftslage und die stei-
gende Arbeitslosigkeit ein Paket von konjunktur- Das Haushaltsgesetz – in seiner ursprünglichen
stimulierenden, finanzmarktstabilisierenden und so- Fassung bereits im Vorjahr verabschiedet – wurde
zialpolitisch motivierten Maßnahmen verabschiedet. überarbeitet und den neuen Realitäten angepasst.23
Zuvor war es im Vorfeld der Diskussionen zum
Haushaltsgesetz für 2009 angesichts einer drohen- 23 Die Einnahmen wurden auf der Basis eines durchschnitt-
den wirtschaftlichen Krise bereits zunehmend zur lichen Ölpreises von 41 US-Dollar/Barrel (statt in alter
Uneinigkeit zwischen dem Finanzministerium und Fassung 95 US-Dollar) berechnet, das Defizit wurde auf
7,4% des zugrunde gelegten BIP veranschlagt.

246 Wirtschaft im Wandel 6/2009


Es sieht nunmehr stärker verminderte Einnahmen nicht nur der Staatshaushalt ein Defizit aufweisen,
einschließlich eines Budgetdefizits vor. Grundlegend sondern werden zukünftig auch die Finanzmittel
geändert wurde die Ausgabenstruktur: Mehr Mittel für wichtige Reformvorhaben (u. a. Renten- und
werden zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise ein- Gesundheitssystem) sowie für die geplante Mo-
gesetzt. Stärker zur Finanzierung der Antikrisen- dernisierung von Teilbereichen der Wirtschaft nicht
maßnahmen in Anspruch genommen werden soll mehr in dieser Weise zur Verfügung stehen. Die
der Stabilisierungsfonds. Er ist mit seinen im „Re- Abhängigkeit der russischen Wirtschaft von der
servefonds“ akkumulierten Mitteln ohnehin zum Lage auf den Rohstoffmärkten trifft sie unter den
Ausgleich von Einnahmeeinbußen des Haushalts gegenwärtigen Bedingungen besonders hart. An-
vorgesehen, zusätzlich sollen jedoch aufgrund der gesichts höherer Finanzierungskosten für die Un-
besonderen Lage auch Mittel des zweiten Teil- ternehmen werden die Investitionen zunächst weiter
fonds („Fonds des Nationalen Wohlstands“) ver- gedämpft werden; schlechtere Einkommensaus-
wendet werden. Beide Teilfonds haben angesichts sichten werden den Konsum drücken. Allerdings
der 2008 im Jahresvergleich noch außerordentlich dürfte sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der
hohen Einnahmen aus dem Ölexport beträchtliche russischen Unternehmen durch die Abwertung des
Mittel akkumuliert.24 Rubel verbessern, sodass die Produktion und die
Aufgrund dieses Finanzpolsters kann die Regie- Exporte angeregt werden. Das Bruttoinlandsprodukt
rung also zunächst eine Politik betreiben, die die wird sich daher nach einem deutlichen Rückgang
Lage stabilisieren dürfte. Eine schnelle Entspan- in diesem Jahr dann 2010 wieder leicht erholen.
nung ist dennoch nicht zu erwarten. Sollte sich der
Ölpreis auf einem so niedrigen Niveau einpegeln, Martina Kämpfe
wie es in den letzten Monaten erreicht wurde, wird (Martina.Kaempfe@iwh-halle.de)

Exportweltmeister trotz Euro-Höhenflug


– Zum Einfluss der Wechselkurse auf die deutschen Ausfuhren –
Mit den Vorbereitungen zur Einführung einer eu- in einer hohen Außenstabilität häufig eine Gefahr
ropäischen Gemeinschaftswährung Ende der 1980er für die exportierenden Unternehmen gesehen, deren
Jahre kamen schnell Zweifel auf, ob in der damali- preisliche Wettbewerbsfähigkeit dadurch geschwächt
gen Europäischen Gemeinschaft (EG) überhaupt die wird. So hat der Euro von 2002 bis 2008 etwa gegen-
ökonomischen Voraussetzungen einer Währungs- über dem Yen um gut 40%, gegenüber dem Briti-
union gegeben sind. Da die Mitgliedstaaten auf- schen Pfund um 29% und gegenüber dem US-
grund erheblicher makroökonomischer Divergen- Dollar gar um 78% aufgewertet, und die deutschen
zen die Kriterien eines optimalen Währungsraums Ausfuhren in diese Länder haben sich seitdem
nicht erfüllten, fürchtete man um die Stabilität einer deutlich unterdurchschnittlich entwickelt. Gleiches
gemeinsamen Währung. Doch entgegen diesen Be- gilt jedoch für die Exporte in den Euroraum, sodass
fürchtungen hat sich der Euro in den ersten zehn sich die Frage stellt, in welchem Maß überhaupt
Jahren nach seiner Einführung, trotz einer anfäng- die Euro-Aufwertung und nicht die im Vergleich
lichen Schwächephase, gegenüber wichtigen Wäh- zu anderen Regionen schwächere konjunkturelle
rungen behauptet und teilweise sogar deutlich an Dynamik in den Industrieländern die Ursache die-
Wert gewonnen. Erst die Verschärfung der Welt- ser Entwicklung war. Denn der deutsche Export
finanzkrise hat den Aufwärtstrend der europäischen wuchs während der Aufschwungphase der vergan-
Währung gegenüber US-Dollar, Yen und weiteren genen Jahre trotz Euro-Aufwertung insgesamt
Fremdwährungen im Sommer vergangenen Jahres recht kräftig. Erst in den zurückliegenden Monaten
gestoppt. erfuhren die deutschen Ausfuhren, v. a. in die USA
Während die Binnenstabilität einer Währung und nach Japan, aber auch in den Euroraum, im Zuge
als Garant für Wachstum und Wohlstand gilt, wird der dramatischen Verschärfung der Weltfinanzkrise
einen regelrechten Einbruch, und das trotz starker
24 Zum 01.05.2009 betrugen die Mittel des Reservefonds
Abwertung des Euro seit Juli vergangenen Jahres.
Für eine Vielzahl von Ländern, so auch für Deutsch-
107 Mrd. US-Dollar, die des Nationalen Wohlstandsfonds
86 Mrd. US-Dollar. land, wurde bereits nachgewiesen, dass die Aus-

Wirtschaft im Wandel 6/2009 247


Kasten:
Fehlerkorrekturmodell zur Bestimmung der Wechselkurselastizität der Exporte

Die Reaktion der realen Warenexporte auf Wechselkursveränderungen wird mit Fehlerkorrekturmodellen
ermittelt, welche die folgende Grundstruktur besitzen:
k
Δyt = α0 + 
i 0
i Δzt-i – λ (yt-1 – γi zt-1) + εt.

Dabei steht yt für den Wert der abhängigen Variablen in der Periode t und zt für den Vektor der erklärenden
Variablen. Während der erste Teil der Gleichung die Kurzfristdynamik beschreibt, enthält der zweite Teil
die langfristige Gleichgewichtsbeziehung. βi bzw. γi stehen für die Regressionskoeffizienten der Kurz- bzw.
Langfristbeziehung, λ für den Fehlerkorrekturterm, und εt bezeichnet die Residuen. Sämtliche Schätzungen
basieren auf Quartalsdaten. Als abhängige Variablen fließen jeweils die realen Warenexporte ein, also die
mit dem Ausfuhrpreisindex deflationierten nominalen Exporte. Als erklärende Variablen dienen die Indus-
trieproduktion der Handelspartnerländer sowie nominale bzw. reale Wechselkursindizes.
Augmented-Dickey-Fuller-Tests zeigen für sämtliche Datensätze, die den folgenden Schätzungen
zugrunde liegen, dass alle Variablen in den Niveaus nicht-stationär sind. Für die ersten Differenzen wird
die Nullhypothese der Nicht-Stationarität dagegen abgelehnt, sodass sämtliche Variablen integriert vom
Grad eins sind. Zudem zeigen Engle-Granger-Kointegrationstests, dass zwischen Warenexporten, Wech-
selkursen und Auslandskonjunktur jeweils langfristige Gleichgewichtsbeziehungen bestehen. Damit sind
die Voraussetzungen zur Schätzung von Fehlerkorrekturmodellen gegeben.

fuhren im Lauf der Jahre weniger anfällig gegen- selkurse auf die deutschen Warenausfuhren26 soll
über Wechselkursschwankungen geworden sind.25 durch Schätzungen für zwei verschiedene Zeit-
Aufgrund der Tatsache, dass seit der Gründung der räume, zum einen von 1980 bis 1998, also für die
Europäischen Währungsunion (EWU) über 40% Zeit vor, und zum anderen von 1999 bis 2008, also
der deutschen Exporte in den Euroraum fließen die Zeit nach der Euro-Einführung, ermittelt wer-
und zudem viele osteuropäische Länder ihre Wäh- den. Die empirische Analyse erfolgt jeweils in drei
rungen eng an den Euro gebunden haben, könnte Schritten: Zunächst fließen die nominalen Wech-
sich dieser Effekt gerade in den vergangenen zehn selkurse als erklärende Variable für die realen Wa-
Jahren verstärkt haben. renexporte ein. Da seit der Euro-Einführung ein
Vor diesem Hintergrund untersucht der folgende Großteil des deutschen Außenhandels jedoch über-
Beitrag die Reaktion der deutschen Warenexporte haupt keinen Wechselkursveränderungen mehr un-
auf nominale, aber auch auf reale Wechselkursver- terliegt, werden die Schätzungen zum einen für
änderungen vor und nach der Euro-Einführung. In den gesamten Warenexport, zum anderen für den
diesem Zusammenhang wird auch das Preisset- Export in einen Länderkreis außerhalb der EWU
zungsverhalten der Exporteure in Bezug auf nomi- durchgeführt.27 Im zweiten Schritt wird die Reak-
nale Wechselkursveränderungen analysiert. tion der Ausfuhren auf Veränderungen der realen
Wechselkurse (auf Basis der Verbraucherpreise)
analysiert. Im dritten und letzten Schritt wird schließ-
Empirische Analyse
lich untersucht, wie sich die Ausfuhrpreise an Ver-
Der Einfluss nominaler und realer, also um in- und änderungen der nominalen Wechselkurse anpassen.
ausländische Preisdifferenzen bereinigter Wech-
26 Da Dienstleistungsexporte nach Ländern und Regionen
nicht für den gesamten Beobachtungszeitraum zur Verfü-
gung stehen, beschränkt sich die Analyse auf die Waren-
25 Vgl. DEUTSCHE BUNDESBANK: Monatsbericht März ausfuhren.
2008, S. 35-49. – SMITH, M.: Impact of the Exchange 27 Rein theoretisch können auch die Ausfuhren Deutschlands
Rate on Export Volumes, in: Reserve Bank of New Zea- in den Euroraum von einer Euro-Auf- oder Abwertung be-
land Bulletin, Vol. 67, No. 1, March 2004, pp. 5-13. – troffen sein, weil sich dadurch die Wettbewerbsposition
STAHN, K.: Has the Impact of Key Determinants of Ger- gegenüber Anbietern außerhalb der Währungsunion, mit
man Exports Changed?, in: O. de Brandt (ed.), Conver- denen Deutschland auf den europäischen Absatzmärkten
gence or Divergence in Europe. Growth and Business konkurriert, verändert (vgl. DEUTSCHE BUNDESBANK:
Cycles in France, Germany and Italy, 2006, pp. 361-384. Monatsbericht März 2008, S. 35-49).

248 Wirtschaft im Wandel 6/2009


Tabelle 1:
Determinanten der realen Warenexporte Deutschlands
Zeitraum 1980Q1 bis 1998Q4
Kurzfristbeziehung Langfristbeziehung
Lag (0) (−1) (−2) (−3) Koeffizient Elastizitäta
λ −0,35*** (−3,51)
IProdOECD 0,08 (0,21) 0,73* (1,96) 0,13 (0,34) 0,93*** (2,80) 0,72*** (3,05) 2,06
EffERnom −0,25*** (−2,67) −0,17 (−1,59) −0,24** (−2,43) −0,13 (−1,32) −0,35*** (−2,89) −0,98
DummUni −0,02* (−1,94)
N = 72, R2 = 0,37
Zeitraum 1999Q1 bis 2008Q4
Kurzfristbeziehung Langfristbeziehung
Lag (0) (−1) (−2) (−3) Koeffizient Elastizitäta
λ −0,44** (−2,54)
IProdOECD 1,65*** (4,17) 1,58*** (3,04) 0,93** (2,10) 0,83* (1,84) 1,49** (2,73) 3,37
EffERnom 0,12 (0,88) 0,02 (0,12) 0,02 (0,13) 0,08 (0,52) −0,35** (−2,13) −0,78
N = 36, R2 = 0,61
Signifikanzniveaus: *** (1%), ** (5%), * (10%). – a Marginale Veränderung der realen Warenexporte bei einer marginalen Veränderung der erklä-
renden Variablen.
Quellen: OECD; IMF; Deutsche Bundesbank; Berechnungen des IWH.

Die empirische Analyse erfolgt mittels Fehler- Den Schätzergebnissen zufolge hatten sowohl
korrekturmodellen (vgl. Kasten). Die realen Wa- Veränderungen der wirtschaftlichen Aktivität im
renausfuhren werden dabei zum einen über die Ausland als auch Veränderungen des nominalen
Nachfrage des Auslands erklärt. Da Daten zum Wechselkurses in den 1980er und 1990er Jahren
Bruttoinlandsprodukt nicht für alle Länder ab 1980 kurzfristig Einfluss auf die realen Warenausfuhren.
vorliegen, dient die Industrieproduktion als Ersatz- Dies zeigt sich gleichermaßen in der Langfristbe-
indikator für die wirtschaftliche Aktivität im Aus- ziehung; auch hier sind sowohl Veränderungen der
land. Zum anderen fließen als zweite erklärende Weltproduktion als auch der Wechselkurse signifi-
Größe effektive, also exportgewichtete Wechsel- kant mit dem erwarteten Vorzeichen. Wie den aus
kurse ein. den Koeffizienten der Langfristbeziehung und aus
dem Fehlerkorrekturterm errechneten Elastizitäten
zu entnehmen ist, hatte eine marginale Veränderung
Einfluss nominaler Wechselkurse auf den
der Weltproduktion jedoch einen deutlich stärke-
Gesamtexport
ren Einfluss auf die deutschen Ausfuhren als mar-
In der ersten Schätzung wird der gesamte reale ginale Veränderungen des nominalen effektiven
Warenexport Deutschlands durch die Industriepro- D-Mark-Wechselkurses. Für den Zeitraum von
duktion in den OECD-Ländern (IProdOECD)28 sowie 1999 bis 2008 stellt sich dies noch sehr viel extre-
durch den Index des nominalen effektiven Wech- mer dar, hat doch die Reaktion der deutschen Aus-
selkurses (EffERnom)29 erklärt. Die durch die Wie- fuhren auf Veränderungen der Weltproduktion so-
dervereinigung bedingten Exportrückgänge werden wohl in der kurzen als auch in der langen Frist
über eine Dummy-Variable (DummyUni) erfasst, die weiter zugenommen.30 Dagegen hatte der effektive
vom dritten Quartal 1990 bis zum zweiten Quartal Wechselkurs in den Jahren nach der Euro-Einführung
1993 den Wert eins, ansonsten den Wert null an- nur noch langfristig Einfluss auf die realen Aus-
nimmt. Die Schätzergebnisse sowohl für den kurz- fuhren. Allerdings waren Signifikanz und Elasti-
als auch für den langfristigen Einfluss der erklären- zität geringer als in den knapp 20 Jahren zuvor,
den Variablen auf die realen Warenexporte Deutsch- sodass die Schätzergebnisse die Hypothese eines
lands für die Perioden 1980 bis 1998 sowie 1999 schwindenden Einflusses von Wechselkursverän-
bis 2008 sind in Tabelle 1 zusammengefasst. derungen auf die Exporte bestätigen.31

28 Vgl. OECD: Main Economic Indicators, von 1999 bis 2008 30 Vgl. z. B. auch STAHN, K., a. a. O.
einschließlich Polen, Tschechien, Ungarn und der Slowa- 31 Hierbei ist allerdings zu berücksichtigen, dass für den Zeit-
kei. raum von 1999 bis 2008 deutlich weniger Beobachtungen
29 Vgl. IMF: International Financial Statistics. zur Verfügung stehen.

Wirtschaft im Wandel 6/2009 249


Tabelle 2:
Determinanten der realen Warenexporte Deutschlands in Nicht-EWU-Länder
Zeitraum 1980Q1 bis 1998Q4
Kurzfristbeziehung Langfristbeziehung
Lag (0) (−1) (−2) (−3) Koeffizient Elastizitäta
λ −0,20*** (−3,73)
IProdTP9 1,68*** (4,72) 0,80** (2,33) −0,43 (−1,22) 0,38 (1,17) 0,51*** (3,43) 2,54
EffERTP9 −0,19* (−1,88) 0,03 (0,22) 0,16 (1,38) 0,06 (0,51) −0,22*** (−3,42) −1,11
DummUni −0,02* (−1,79)
N = 72, R2 = 0,54
Zeitraum 1999Q1-2008Q4
Kurzfristbeziehung Langfristbeziehung
Lag (0) (−1) (−2) (−3) Koeffizient Elastizitäta
λ −0,71*** (−3,80)
IProdTP9 1,53*** (4,56) 1,32** (2,50) 0,70 (1,48) 1,18** (2,55) 1,39*** (3,53) 1,96
EffERTP9 0,01 (0,11) 0,05 (0,58) −0,02 (−0,20) −0,04 (−0,40) −0,63** (−2,56) −0,89
N = 36, R2 = 0,71
a
Signifikanzniveaus: *** (1%), ** (5%), * (10%). – Marginale Veränderung der realen Warenexporte bei einer marginalen Veränderung der erklä-
renden Variablen.
Quellen: OECD; IMF; Deutsche Bundesbank; Berechnungen des IWH.

Einfluss nominaler Wechselkurse auf die Wie die Ergebnisse zeigen, werden auch die
Exporte in den Nicht-Euroraum Ausfuhren in die Nicht-EWU-Länder kurz- wie
langfristig vor allem durch die wirtschaftliche Ak-
Es stellt sich jedoch die Frage, ob das obige Er-
tivität in den Zielländern determiniert. Ähnlich wie
gebnis allein auf die Verwirklichung der Währungs-
in der ersten Schätzung erhöhten sich die realen
union und den Wegfall der Wechselkurse gegenüber
Exporte gemäß der Elastizitäten bei einem Anstieg
wichtigen Handelspartnerländern zurückgeführt wer-
der Industrieproduktion in den Zielregionen in
den kann. Aus diesem Grund soll zusätzlich getestet
beiden Beobachtungszeiträumen überproportional
werden, wie sich der Einfluss nominaler Wechsel-
(im Zeitraum von 1980 bis 1998 um das Zweiein-
kurse auf die realen Exporte in Länder außerhalb
halbfache, im Zeitraum von 1999 bis 2008 um das
der Währungsunion entwickelt hat. Dazu werden
Zweifache). Doch interessanterweise hat auch die
die Warenausfuhren in eine Ländergruppe beste-
Wechselkurselastizität der Exporte in den Nicht-
hend aus Norwegen, Schweden, Dänemark, dem
Euroraum im Zeitverlauf abgenommen, und die no-
Vereinigten Königreich, Kanada, Japan, den USA
minalen Wechselkurse haben in dieser Schätzung
und der Schweiz betrachtet, in die im Jahr 2008
ebenso an Signifikanz verloren. Folglich kann nicht
knapp 50% der deutschen Exporte in den Nicht-
allein die Euro-Einführung für den im Zeitverlauf
Euroraum flossen.32 Als erklärende Variablen die-
gesunkenen Einfluss der nominalen Wechselkurse
nen, wiederum als Nachfrage-Indikator, die Indus-
auf die deutschen Ausfuhren verantwortlich sein.
trieproduktion dieser Länder (IProdTP9)33 sowie
Eine weitere mögliche Ursache könnte darin lie-
der nominale effektive Wechselkurs der D-Mark
gen, dass die deutschen Produzenten die Preise der
bzw. des Euro gegenüber den Währungen dieser
Exportgüter aufgrund des gestiegenen Wettbewerbs-
Staaten (EffERTP9).34 Die Schätzergebnisse sind
drucks in den langanhaltenden Aufwertungsphasen
Tabelle 2 zu entnehmen.
immer stärker nach unten angepasst und dadurch
nominale Aufwertungen stärker kompensiert ha-
ben. Denn langfristig sind für die Entwicklung der
32 Die mittlerweile für den deutschen Export recht bedeuten- Exporte nicht die nominalen, sondern die realen
den mittel- und osteuropäischen Länder können aufgrund Wechselkurse entscheidend, deren Einfluss im Fol-
der schlechten Datenlage für die 1980er Jahre keine Be- genden ermittelt werden soll.
rücksichtigung finden.
33 BIP-gewichtet, vgl. OECD: Main Economic Indicators.
34 Vgl. DEUTSCHE BUNDESBANK: Devisenkursstatistik,
diverse Ausgaben; IMF: Direction of Trade Statistics Year-
books; Berechnungen des IWH.

250 Wirtschaft im Wandel 6/2009


Tabelle 3:
Einfluss des realen effektiven Wechselkursesa auf die deutschen Warenexporte
Zeitraum 1980Q1 bis 1998Q4
Kurzfristbeziehung Langfristbeziehung
Lag (0) (−1) (−2) (−3) Koeffizient Elastizitätb
λ −0,68*** (−4,90)
IProdOECD 1,73*** (3,13) 1,11* (1,78) 0,43 (0,75) −0,50 (−1,05) 0,99*** (5,14) 1,45
EffERreal −0,19 (−0,77) 0,29 (1,08) 0,11 (0,46) 0,09 (0,42) −0,71*** (−3,89) −1,04
DummUni −0,03** (−2,63)
N = 72, R2 = 0,53
Zeitraum 1999Q1 bis 2008Q4
Kurzfristbeziehung Langfristbeziehung
Lag (0) (−1) (−2) (−3) Koeffizient Elastizitätb
λ −0,26*** (−3,32)
IProdOECD 1,15*** (3,63) −0,28 (−0,62) 1,04** (2,33) 1,04** (2,68) 0,87*** (3,43) 3,31
EffERreal −0,32 (−1,20) 0,21 (0,82) −0,55** (−2,11) 0,23 (0,84) −0,24** (−2,25) −0,92
N = 36, R2 = 0,63
Signifikanzniveaus: *** (1%), ** (5%), * (10%). – a Indikator der preislichen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft gegenüber 23 Indus-
trieländern. – b Marginale Veränderung der realen Warenexporte bei einer marginalen Veränderung der erklärenden Variablen.
Quellen: OECD; IMF; Deutsche Bundesbank; Berechnungen des IWH.

Reale Wechselkurse und Exporte Ausfuhren auf Veränderungen der wirtschaftlichen


Aktivität im Ausland als für die 1980er und 1990er
In der folgenden Schätzung wird anstelle der no-
Jahre. Dagegen ist der Indikator der preislichen
minalen effektiven Wechselkurse einer der von der
Wettbewerbsfähigkeit seit der Euro-Einführung we-
Deutschen Bundesbank berechneten Indikatoren der
niger signifikant als zuvor, und auch die Elastizität
preislichen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen
hat sich im Zeitverlauf leicht verringert. Allerdings
Wirtschaft in die Schätzgleichung aufgenommen.
ist die preisliche Wettbewerbsfähigkeit im Ver-
Diese basieren auf Unterschieden in den Verbrau-
gleich zu den nominalen effektiven Wechselkursen
cherpreisen zwischen In- und Ausland und können
immer noch von recht großer Bedeutung für den
im Grunde als reale effektive Wechselkurse ange-
Export. Gleichwohl ist der schwindende Einfluss
sehen werden. Die Schätzungen werden wiederum
insoweit überraschend, als etwa der im Zuge der
für die Zeiträume von 1980 bis 1998 sowie von
Globalisierung gestiegene internationale Wettbe-
1999 bis 2008 durchgeführt. Da reale Wechselkurs-
werb die Vermutung nahelegt, dass sich die Preis-
veränderungen auch gegenüber Mitgliedstaaten der
elastizität der Nachfrage eigentlich erhöht und die
EWU auftreten können, wird die Schätzung in bei-
preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Länder an Be-
den Perioden nur für den gesamten Warenexport als
deutung gewonnen haben müsste. Dem kann jedoch
abhängige Variable durchgeführt. Als erklärende
die zunehmende (vertikale) Spezialisierung insbe-
Variable dient, neben der Industrieproduktion der
sondere bei Industriegütern entgegengehalten wer-
OECD, der Indikator der preislichen Wettbewerbs-
den, in deren Konsequenz Qualitätsmerkmale mehr
fähigkeit der deutschen Wirtschaft gegenüber 23 In-
und mehr an Bedeutung gewonnen haben.
dustrieländern (EffERreal), da nur dieser seit 1980
Da den Schätzergebnissen zufolge der Einfluss
zur Verfügung steht.35 Die Schätzergebnisse sind
der realen Wechselkurse auf die Warenausfuhren
in Tabelle 3 dargestellt.
und damit die Preiselastizität der Nachfrage im Zeit-
Mit Bezug auf die erklärende Variable ‚Indus-
verlauf nur leicht abgenommen hat, ist für den deut-
trieproduktion‘ zeigen die Schätzungen für die
lich verringerten Einfluss der nominalen Wechsel-
vergangenen zehn Jahre eine stärkere Reaktion der
kurse eine genauere Ursachenanalyse erforderlich.
Neben der leicht verringerten Preiselastizität der
35 Dieser enge Länderkreis dürfte die Schätzergebnisse aber
Nachfrage könnte die bereits erwähnte zunehmende
kaum verzerren, da sämtliche von der Deutschen Bundes-
Anpassung der Güterpreise an die vorherrschenden
bank veröffentlichten Indikatoren der preislichen Wettbe- Währungsaufwertungen seitens der Produzenten
werbsfähigkeit, unabhängig von der Größe des Länderkrei- eine weitere Ursache für den schwindenden Ein-
ses, sehr eng miteinander korreliert sind (vgl. DEUTSCHE fluss nominaler Wechselkurse auf die Exporte sein.
BUNDESBANK: Monatsbericht Mai 2007, S. 30-43).

Wirtschaft im Wandel 6/2009 251


Abbildung: preise keine geeigneten Indikatoren für die preis-
Entwicklung nominaler und realer effektiver Wech- liche Wettbewerbsfähigkeit der Länder sind. Pro-
selkurse (Index 2000 = 100) bleme ergeben sich insbesondere dann, wenn das
130
Exportgütersortiment deutlich von der Zusammen-
setzung des in den Verbraucherpreisindex einflie-
120 ßenden Warenkorbes abweicht. Eine Alternative
110 besteht darin, die internationale preisliche Wettbe-
werbsfähigkeit auf Kostenbasis zu ermitteln. Zieht
100
man als Indikator der preislichen Wettbewerbsfä-
90 higkeit Deutschlands den realen effektiven Wech-
80
selkurs auf Lohnstückkosten-Basis heran, wird deut-
lich, dass sich dieser über lange Zeit relativ parallel
70 zum nominalen effektiven Wechselkurs entwickelt
60 hat. Doch seit dem Jahr 2000 besteht dieser Gleich-
lauf nicht mehr, und die preisliche Wettbewerbs-
1981Q1
1982Q3
1984Q1
1985Q3
1987Q1
1988Q3
1990Q1
1991Q3
1993Q1
1994Q3
1996Q1
1997Q3
1999Q1
2000Q3
2002Q1
2003Q3
2005Q1
2006Q3
2008Q1
fähigkeit der deutschen Wirtschaft hat sich seitdem,
trotz Euro-Aufwertung, auf Lohnstückkosten-Basis
realer effektiver Wechselkurs verbessert. Somit war die Entwicklung der Lohn-
(auf Basis der Verbraucherpreise)
realer effektiver Wechselkurs stückkosten in Deutschland in den vergangenen
(auf Lohnstückkostenbasis) Jahren so günstig, dass nicht nur der Lohnstück-
nominaler effektiver Wechselkurs
IWH
kosten-Anstieg im Ausland, sondern zusätzlich die
Aufwertung des Euro überkompensiert wurde. Dies
Quellen: IMF: International Financial Statistics; Deutsche
Bundesbank; Darstellung des IWH. kann als eine Ursache dafür angesehen werden,
dass die kräftige Euro-Aufwertung der vergangenen
Denn je stärker die Preise an nominale Wechsel- Jahre nicht so stark auf die Exportentwicklung
kursveränderungen angepasst werden, umso weni- durchgeschlagen hat.
ger ändern sich die realen Wechselkurse und dem- Faktisch ist für die preisliche Wettbewerbsfä-
zufolge auch die Exporte. Aus diesem Grund soll higkeit eines Landes jedoch entscheidend, wie sich
im Folgenden die Entwicklung nominaler und die Angebotspreise heimischer Güter auf den Aus-
realer Wechselkurse genauer betrachtet werden. landsmärkten an nominale Wechselkursverände-
rungen anpassen. Ausschlaggebend ist hierbei nicht
zuletzt die unternehmerische Zielfunktion, die ne-
Nominale und reale Wechselkurse,
ben der Maximierung des Gewinns in der Regel
Ausfuhrpreise und Exporte
auch die Sicherung von Marktanteilen bzw. die
In der Abbildung ist die Entwicklung des nomina- Umsatzmaximierung als Zielgröße enthält. Somit
len und realen effektiven Wechselkurses, sowohl ist denkbar, dass die Exporteure bei nominalen
auf Basis der Verbraucherpreise36 als auch auf Wechselkursveränderungen zunächst von der eher
Lohnstückkosten-Basis, abgetragen. Wie der Ab- auf längere Sicht anzustrebenden Gewinnmaximie-
bildung zu entnehmen ist, hat sich die preisliche rung abweichen, kurz- bis mittelfristig versuchen,
Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft, so- Marktanteile zu verteidigen und dafür eine Varia-
fern man Differenzen in den Verbraucherpreisen tion der Gewinnmargen in Kauf nehmen. Bei no-
zugrunde legt, in den vergangenen acht Jahren ver- minalen Aufwertungen würde das Preissenkungen
schlechtert. erfordern. Denn sofern diese ausbleiben, ändern
Die nominalen Euro-Aufwertungen wurden also sich die internationalen Güterpreisrelationen. Doch
nicht durch in- und ausländische Inflationsunter- dann würde sich eine internationale Preisdifferen-
schiede ausgeglichen, sondern haben sich auch in zierung einstellen. Langfristig sind derartige Ab-
einer realen effektiven Aufwertung niedergeschla- weichungen vom Gesetz des einheitlichen Preises
gen. Allerdings wird häufig argumentiert, dass reale jedoch nur bei niedriger Preiselastizität der Nach-
effektive Wechselkurse auf Basis der Verbraucher- frage möglich. Bei vollkommenem Wettbewerb und
hoher Homogenität der international gehandelten
Güter müssten sich die Preise mittelfristig aufgrund
36 Indikator der preislichen Wettbewerbsfähigkeit der deut- einsetzender Güterarbitrage zwangsläufig wieder
schen Wirtschaft gegenüber 23 Industrieländern (auf Basis angleichen. Insbesondere im Fall einer Aufwertung
der Verbraucherpreise).

252 Wirtschaft im Wandel 6/2009


der heimischen Währung sollte dies die Produ- Tabelle 4:
zenten zur Anpassung der Preise an diejenigen der Determinanten der Ausfuhrpreise
Wettbewerber auf den Auslandsmärkten (pricing Zeitraum 1980Q1 bis 1998Q4
to market) veranlassen.37 Variable Langfristbeziehung Elastizität
a

Im Folgenden soll der Einfluss von Wechselkurs- Koeffizient T-Statistik


schwankungen auf die deutschen Ausfuhrpreise λ −0,14*** −2,78
bestimmt werden. Auch dies erfolgt auf der Basis IProdOECD −0,00 −0,12 −0,012
eines Fehlerkorrekturmodells, in das, neben dem PProd 0,12** 2,45 0,877
nominalen effektiven Wechselkurs (EffERnom), der EffWKnom −0,021** −2,01 −0,150
Produzentenpreisindex (PProd) als erklärende Va- N = 72, R2 = 0,87
riable einfließt, um die Entwicklung der Produk- Zeitraum 1999Q1 bis 2008Q4
tionskosten der Unternehmen abzubilden. Darüber Variable Langfristbeziehung Elastizitäta
hinaus dient erneut die Industrieproduktion der Koeffizient T-Statistik
OECD (IProdOECD) als erklärende Variable. Hier- λ −0,30*** −3,18
bei wird unterstellt, dass die Unternehmen die Preise IProdOECD 0,10*** 4,49 0,338
an die Nachfrageentwicklung auf den Absatzmärk- PProd 0,12* 1,71 0,407
ten anpassen. Sowohl für den Produzentenpreisin- EffWKnom −0,06*** −3,75 −0,190
dex als auch für die Industrieproduktion der Han- N = 36, R2 = 0,88
delspartner wird somit ein positiver Einfluss auf Signifikanzniveaus: *** (1%), ** (5%), * (10%). – a Marginale Ver-
die Ausfuhrpreise unterstellt. Dagegen sollte zwi- änderung der Ausfuhrpreise bei einer marginalen Veränderung der er-
klärenden Variablen.
schen dem nominalen effektiven Wechselkurs und
Quellen: OECD; IMF; Deutsche Bundesbank; Berechnungen
den Ausfuhrpreisen ein negativer Zusammenhang des IWH.
bestehen.
Während für den Zeitraum von 1980 bis 1998 Den Schätzergebnissen zufolge hatte die wirt-
der Preisindex für den Gesamtexport als abhängige schaftliche Aktivität in den Handelspartnerländern
Variable dient, wurde für die Periode nach 1998 erst in der jüngeren Vergangenheit signifikanten Ein-
der Ausfuhrpreisindex in den Nicht-Euroraum als fluss auf die Ausfuhrpreise. Offensichtlich passen
abhängige Variable gewählt, weil die Preise der in die Produzenten die Angebotspreise auf den Aus-
den Euroraum gelieferten Güter von Wechselkurs- landsmärkten deutlich stärker an Nachfrageschwan-
schwankungen kaum betroffen sind.38 Da die Ex- kungen an, als dies früher der Fall war. Demgegen-
portpreise häufig erst mit erheblicher zeitlicher über hat der Erzeugerpreisindex an Signifikanz
Verzögerung auf Veränderungen der erklärenden verloren, und die Produzenten konnten die im ge-
Variablen, insbesondere der Wechselkurse, reagie- samten Beobachtungszeitraum kontinuierlich ge-
ren, sind in Tabelle 4 lediglich die Ergebnisse der stiegenen Erzeugerpreise offensichtlich immer we-
Langfristbeziehung aufgeführt. niger in die Ausfuhrpreise überwälzen.
Mit Bezug auf Veränderungen der nominalen
effektiven Wechselkurse zeigt sich, dass deren Über-
wälzung in die Ausfuhrpreise im gesamten Be-
obachtungszeitraum äußerst gering war, im Zeit-
verlauf aber dennoch leicht zugenommen hat. Dies
kann ein Indiz dafür sein, dass die Produzenten die
37 Dem können jedoch Menükosten und Unsicherheiten über
Ausfuhrpreise in den langen Aufwertungsphasen
die zukünftige Wechselkursentwicklung entgegenstehen.
Solange sich der Devisenmarkt aus Sicht der Produzenten zunehmend nach unten angepasst haben. Während
nicht im Gleichgewicht befindet und Korrekturbewegungen Wechselkursveränderungen im Zeitraum von 1980
erwartet werden, verhalten sich die Anbieter unter Um- bis 1998 nur zu 15% in die Ausfuhrpreise weiter-
ständen eher abwartend (vgl. DEUTSCHE BUNDES- gegeben wurden, lag dieser pass through nach der
BANK: Monatsbericht Januar 1997, S. 43-62).
Euro-Einführung bei knapp einem Fünftel. Trotz
38 Dadurch werden im Zeitraum von 1999 bis 2008 die Aus-
des leichten Anstiegs zeigen die Ergebnisse im Hin-
fuhrpreise in den Nicht-Euroraum auch durch den Index
der Industrieproduktion derjenigen EWU-Länder, die Mit- blick auf Euro-Aufwertungen, dass diese in der Ver-
glieder der OECD sind, erklärt. Dies dürfte jedoch kaum gangenheit nur in geringem Umfang durch Preis-
mit Inkonsistenzen verbunden sein, da durch den interna- senkungen kompensiert wurden, die Exportgüter
tionalen Konjunkturverbund die Industrieproduktion der sich also infolge nominaler Aufwertungen verteuert
EWU mit der Industrieproduktion der gesamten OECD
recht hoch korreliert ist (Korrelationskoeffizient: 0,98).
haben.

Wirtschaft im Wandel 6/2009 253


Exportboom trotz Euro-Aufwertung rungen reagieren. Das ist nur dann der Fall, wenn
die Preis- bzw. Wechselkurselastizität der Nachfrage
Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die deut-
entsprechend hoch ist. Auch wenn die Variable in-
schen Exportgüterproduzenten die Euro-Aufwertun-
frage gestellt werden kann, deuten die Schätzun-
gen der vergangenen Jahre nur zu knapp einem
gen mit dem Indikator der preislichen Wettbewerbs-
Fünftel durch Preissenkungen kompensiert haben,
fähigkeit der deutschen Wirtschaft darauf hin, dass
drängt sich die Frage auf, weshalb die Wechsel-
sich die Preiselastizität der Nachfrage verringert
kurselastizität der deutschen Exporte im Zeitver-
hat. Dafür könnte etwa die spezifische Produktpa-
lauf abgenommen hat und die recht kräftige Euro-
lette der deutschen Exportwirtschaft sprechen. So
Aufwertung der vergangenen Jahre den deutschen
haben deutsche Produzenten vom weltweiten Auf-
Exporten nur wenig anhaben konnte.
schwung der vergangenen Jahre auch deshalb be-
Zunächst wurde den Schätzergebnissen zufolge
sonders profitiert, weil dieser in starkem Maß
der Gesamtexport zunehmend durch die Weltkon-
durch Investitionen getrieben war und die für den
junktur bestimmt. Demgemäß hat die voranschreiten-
deutschen Export wichtigen Investitionsgüter trotz
de Globalisierung dazu geführt, dass der weltweite
Euro-Aufwertung weltweit gefragt waren. Darüber
Aufschwung der vergangenen Jahre die deutschen
hinaus hat, speziell bei Industriegütern, die verti-
Ausfuhren, trotz kräftiger Euro-Aufwertung, be-
kale Produktdifferenzierung im Lauf der Jahre
flügelt hat. Hinzu kommt, dass gerade Deutschland
deutlich zugenommen, wodurch sich die Substitu-
aufgrund seiner geographischen Lage sicherlich
tionsmöglichkeiten verringerten. So könnte Deutsch-
stärker vom Aufschwung profitiert hat als andere
land diesbezüglich von der Spezialisierung auf
Industrieländer, da insbesondere die Exporte in die
Markenwaren und qualitativ hochwertige Güter pro-
nahegelegenen mittel- und osteuropäischen Länder
fitiert haben, bei denen die Kundenbindung recht
aufgrund besonders hoher Nachfragesteigerungen
hoch und die Preiselastizität der Nachfrage ent-
stark expandierten.
sprechend gering ist.41
Darüber hinaus dürfte auch die zunehmende
Importdurchdringung der Exportgüterproduktion die
Anfälligkeit der deutschen Industrie gegenüber Fazit
Wechselkursschwankungen geschmälert haben.39 So
In den vergangenen Jahren wurden Befürchtungen
verbilligt eine Aufwertung der heimischen Wäh-
laut, dass der Höhenflug des Euro der exportorien-
rung die Vorleistungsimporte aus Fremdwährungs-
tierten deutschen Wirtschaft erheblichen Schaden
räumen und bietet damit, für sich genommen,
zufüge. Wie die vorausgegangenen Analysen zei-
Preissenkungsspielräume bei den Endprodukten. Je
gen, ist ein signifikanter Einfluss nominaler Wech-
höher die Importquote der inländischen Exportgü-
selkurse auf die Ausfuhren nicht von der Hand zu
terproduktion ist, umso weniger schwächen Auf-
weisen. Dieser ist jedoch nur langfristig vorhanden
wertungen der heimischen Währung die preisliche
und hat sich zudem im Zeitverlauf deutlich verrin-
Wettbewerbsfähigkeit der Produzenten.40 Hierbei
gert. Stattdessen werden die Exporte mehr und
wirkt begünstigend, dass sich der Euro bei den
mehr durch die konjunkturelle Entwicklung in den
Einfuhren bei Weitem nicht so stark als Fakturie-
Handelspartnerländern bestimmt. Interessanterweise
rungswährung durchgesetzt hat wie bei den Expor-
betrifft dies aber nicht nur den Gesamtexport, der
ten. So verbilligen Aufwertungen Rohstoffimporte,
infolge der Euro-Einführung von Wechselkursver-
die nach wie vor in Fremdwährung fakturiert sind.
änderungen weniger betroffen ist, sondern auch
Mit Bezug auf das Preissetzungsverhalten der
die Lieferungen in Fremdwährungsländer.
Produzenten ist darauf hinzuweisen, dass ausblei-
Wesentliche Ursachen für den gesunkenen Ein-
bende Preisanpassungen zwar eine notwendige, aber
fluss der nominalen Wechselkurse auf die deutschen
keine hinreichende Bedingung dafür sind, dass die
Ausfuhren liegen sicherlich in einer verringerten
realen Exporte auf nominale Wechselkursverände-
Preiselastizität der Nachfrage in Verbindung mit
einer zunehmenden Spezialisierung sowie in der
39 Während der Importgehalt der Exporte (einschließlich Re- gestiegenen Importdurchdringung der Exportgü-
Exporte) im Jahr 1995 noch bei 31,1% lag, ist dieser bis terproduktion. Hinzu kommen die günstige Ent-
zum Jahr 2006 auf über 44% angestiegen (vgl. LOSCHKY, A.; wicklung der Lohnstückkosten in den vergangenen
RITTER, L.: Konjunkturmotor Export, in: Wirtschaft und
Statistik 5/2007, S. 478-488).
40 Dieser Effekt findet in den Indikatoren der preislichen 41 Vgl. PORTER, M. E.: What is Strategy?, in: Harvard Busi-
Wettbewerbsfähigkeit überhaupt keine Berücksichtigung. ness Review, Vol. 72, Nov-Dec 1996, pp. 61-78.

254 Wirtschaft im Wandel 6/2009


Jahren und die vergleichsweise starke Fokussie- minalen oder gar die realen Wechselkurse unbe-
rung der Ausfuhren auf Wachstumsregionen. In- deutend für die deutsche Exportentwicklung sind.
folge dieser Faktoren sind die deutschen Exporte Insbesondere der preislichen Wettbewerbsfähig-
resistenter gegenüber Wechselkursveränderungen keit kommt nach wie vor eine hohe Bedeutung zu.
geworden, und die Gefahren eines starken Euro für
die Exportgüterproduzenten haben sich deutlich Götz Zeddies
abgeschwächt. Das heißt jedoch nicht, dass die no- (Goetz.Zeddies@iwh-halle.de)

Wie werden Städte zu Zentren der Kreativität und Innovation?


Ein Bericht über das „2nd Halle Forum on Urban Economic Growth“ am IWH
Gerade in Städten in Posttransformationsökono- sionsbeiträge werden im Folgenden zusammenfas-
mien, aber auch in anderen Regionen, die durch send dargestellt.
einen erheblichen Strukturwandel gekennzeichnet
sind, wird in einer verstärkten Hinwendung zu ei-
Wissen ist nicht ubiquitär verfügbar, sondern in
ner innovationsorientierten und wissensbasierten
lokale Netzwerke eingebunden!
lokalen Ökonomie die große Chance für einen
wirtschaftlichen Neuanfang gesehen. Fraglich ist In seinem einleitenden Vortrag ging Prof. Dr.
allerdings, (1.) ob es jeder Stadt gelingen kann, Eberhard von Einem (Fachhochschule für Technik
eine entsprechende Entwicklung zu durchlaufen, und Wirtschaft Berlin) der Frage nach, welche Re-
oder ob hierfür eine bestimmte gegebene Faktor- levanz Wissen heute allgemein und vor allem im
ausstattung unerlässlich ist, und (2.) mit welchen lokalen Kontext hat. Ausgangspunkt des Vortrags
Strategien es möglich ist, die lokalen Kräfte im war der empirische Befund, wonach die Umstellung
Bereich von Kreativität und Innovation hinreichend des Wertpapierhandels auf elektronische Medien
zu stärken. Vor diesem Hintergrund führte das IWH nicht dazu geführt hat, die Vorteile der räumlichen
am 27. und 28. November 2008 eine Tagung durch, Nähe in Bezug auf den Informationsaustausch zwi-
die sich mit den Möglichkeiten beschäftigte, wie schen Börsianern, Bankern und Managern in den
Städte zu Zentren der Kreativität und Innovation Zentren des Wertpapierhandels (z. B. in London)
werden können.42 Neben Vorträgen und jeweils an zu entwerten. Nicht kodifiziertes Wissen wird in
sie anschließenden Diskussionen fand eine Po- erster Linie unverändert über den personengebun-
diumsdiskussion statt, an der neben Vertretern der denen, auf Vertrauen basierenden, persönlichen
Wissenschaft auch Politiker und leitende Ministe- Austausch vermittelt. Hier ist die räumliche Nähe
riale teilnahmen. Die Leitung der Podiumsdiskus- zwischen den Akteuren von großer Bedeutung.
sion übernahm Prof. Dr. Heinz Sahner von der Von Einem untersuchte vor allem die Fähigkeit
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. großer Stadtregionen, neues Wissen an sich zu zie-
Die Vorträge und Diskussionsbeiträge beschäf- hen. Gemäß der so genannten Infektionstheorie des
tigten sich mit der allgemeinen Bedeutung lokaler Wissens ist die „Wahrscheinlichkeit einer Anste-
Kontextbedingungen für Kreativität, Wissensver- ckung“ von neuen Ideen lokal dort am höchsten,
mittlung und Wissenstransfer, mit Ansätzen, die wo sich spezifisches Humankapital ohnehin schon
entsprechenden Kontextbedingungen gezielt zu ge- stark konzentriert hat (historische Pfadabhängig-
stalten, sowie mit wesentlichen Strategien und In- keit). In den Metropolen ist mithin die Kontakt-
strumenten, die den Städten bei ihren Bemühungen, wahrscheinlichkeit am höchsten. Vertrauensbildung
„Wissensstädte“ zu werden, zur Verfügung stehen. setzt persönliche Kontakte voraus – hieran haben
Die wichtigsten Inhalte der Vorträge und Diskus- die modernen Medien des Informationsaustauschs
nichts geändert. Auch Wissens-Spillovers auf dem
42 Die Tagung war die zweite Folge des „Halle Forum on Ur- Weg des Wechsels von Mitarbeitern sind auf die
ban Economic Growth“, das im November 2006 erstmalig Zentren konzentriert, da die Mitarbeiter aufgrund
am IWH stattfand. Das Ziel der Veranstaltungsreihe be- einer Tendenz zur Immobilität zumeist einen neuen
steht darin, ein Diskussionsforum für Forscher zu bieten, Arbeitsplatz in räumlicher Nähe zum alten bevor-
die sich mit Strategien und Entwicklungen von Städten in
zugen. So entwickeln Stadtregionen im Zeitverlauf
altindustriellen Regionen und Posttransformationsökono-
mien beschäftigen. ihre eigenen Spezialisierungen für bestimmte For-

Wirtschaft im Wandel 6/2009 255


men des Wissens. Dadurch verstärken sich im dia- üben, indem sie (a) öffentliche Investitionen (mit
lektischen Sinne Arbeitsmarktbedingungen und multiplikativen Effekten) beinhalten, (b) als Wissens-
Standortwahl der Unternehmen gegenseitig mit der reservoir und Wissensvermittler fungieren, (c) re-
Folge, dass sich historisch eingespielte Entwick- gionsexternes Wissen aufspüren und einfangen (An-
lungspfade stabilisieren. tennenfunktion) sowie (d) als Magnet für kreative
Zusammenfassend betrachtet wird von Einem Menschen und private Investitionen wirken. Wäh-
zufolge die Lernfähigkeit der Stadtregionen zum rend in vielen älteren Studien zur regionalen Wirkung
zentralen Faktor der Stadtentwicklung. Vor dem Hin- von Hochschulen die (Nachfrage-)Effekte (a) im
tergrund dieser Entwicklung stellt von Einem die Mittelpunkt standen, sieht man heute in den mit den
Frage, ob damit die Bildungs- und Forschungs- Wirkungsebenen (b) bis (d) verbundenen Ange-
politik zukünftig wichtiger als die traditionelle Stadt- botseffekten den zentralen und eigentlich interes-
entwicklungspolitik für die Zukunft der Städte sein santen Untersuchungsgegenstand. Die Analysen von
wird. In der Diskussion sowie auch im Rahmen der Fritsch auf der Grundlage einer Wissensproduk-
weiteren Vorträge wurde indes deutlich, dass auch tionsfunktion lassen darauf schließen, dass Wissens-
die traditionelle Politik unverändert von Bedeutung Spillovers von Hochschulen auf die regionale Wirt-
für die Stadtentwicklung ist – allerdings könnte es schaft bis zu einem Radius von ca. 50 km feststell-
erforderlich sein, den Fokus der traditionellen In- bar sind. Die Intensität von Wissens-Spillovers ist
strumente stärker auf die Unterstützung der Städte in jenen Städten und Regionen besonders deutlich
in ihrer Funktion als Wissens-Magneten zu legen. ausgeprägt, die einen hohen Industrieanteil, eine
hohe Branchen-Diversität, eine hohe Bevölkerungs-
dichte und einen hohen Anteil an FuE-(Forschung
Unter welchen Bedingungen können Wissen-
und Entwicklung)-Beschäftigten aufweisen.
schaftseinrichtungen als zentrale Potenzial-
Für die Effizienz regionaler Innovationssysteme
faktoren für eine Stärkung lokaler Kreativität
in Deutschland – gemessen an der Zahl der aus ih-
und Innovation dienen?
nen hervorgehenden Patentanmeldungen – stellt
Die meisten größeren Städte sind als Oberzentren nach Fritsch das Vorhandensein von Hochschulen
u. a. auch Sitz von Hochschulen und hochschulex- in einer Stadtregion per se keinen Vorteil dar. Effi-
ternen Forschungseinrichtungen. Es liegt auf der zienzsteigernd wirkt jedoch, wenn die lokalen Hoch-
Hand, dass derartige Einrichtungen – wenngleich schulen viele Drittmittel einwerben, wenn sie in die
sie zumindest in Deutschland nicht direkt von den regionale Wirtschaft eingebunden sind und wenn
Städten, sondern von den Ländern getragen wer- Fraunhofer- und Max-Planck-Forschungsinstitute als
den – als Kristallisations- und Ausgangspunkte für Akteure das regionale Innovationssystem ergänzen.
städtische Maßnahmen dienen können, die der Hochschulen werden in regionalen Innovations-
oben genannten Zielsetzung Folge leisten wollen. netzwerken dort wirksam, wo sie als zentraler Knoten
Vor diesem Hintergrund beschäftigten sich meh- eine Kontaktvermittlungs- und Koordinierungsfunk-
rere Vorträge des „Halle Forums“ zunächst im tion wahrnehmen. Dies ist z. B. in den Stadtregio-
Detail mit den Effekten, die von Hochschulen und nen Jena und Dresden der Fall. Fritsch kommt zu
Forschungsinstituten auf die Wirtschaftsentwick- dem Schluss, dass die absorptive Kapazität der
lung von Städten und deren Umland ausgehen. Region entscheidend dafür ist, ob sich Wissen-
Von welchen Faktoren hängen diese Effekte ab? schaftseinrichtungen und lokale Wirtschaft vernet-
Können diese Faktoren gegebenenfalls auch als An- zen. Diese Kapazität kann gesteigert werden, wenn
satzpunkte für lokale Strategien der Wirtschafts- sich die Hochschulforschung stärker auf das Bran-
förderung dienen? chenprofil der Region ausrichtet, wenn die An-
Prof. Dr. Michael Fritsch von der Friedrich- siedlung komplementärer Unternehmen gelingt und
Schiller-Universität Jena gab im Rahmen seines wenn vermehrt Spin-off-Gründungen aus den Hoch-
Vortrags zur „Bedeutung von Wissenschaftsein- schulen erfolgen.
richtungen für die Regionalentwicklung“ einen Als dringend klärungsbedürftig sieht Fritsch die
Überblick über die Befunde umfangreicher eigener Forschungsfragen an, welche institutionellen Rah-
empirischer Forschungen zu dieser Thematik und menbedingungen für das Auftreten von Wissens-
wies zugleich auf noch offene Forschungsfragen Spillovers besonders günstig sind und ob sich be-
hin. Grundsätzlich ist anzumerken, dass Wissen- stimmte Katalysatoren für das Entstehen kooperativer
schaftseinrichtungen auf vier Wegen für die lokale Netzwerke zwischen Hochschulen und privaten
und regionale Wirtschaftsentwicklung Effekte aus- Firmen ausmachen lassen. In der Diskussion wurde

256 Wirtschaft im Wandel 6/2009


hieran anknüpfend betont, dass angesichts der FuE- ten 15 verschiedene Kanäle von Wissenstransfers
Schwäche ostdeutscher Unternehmen derartige Netz- identifiziert werden. Am weitesten verbreitet sind
werke dort von besonderer Bedeutung sind. informelle Kontakte von Wissenschaftlern zu Unter-
nehmensvertretern, gefolgt von gemeinsam betriebe-
nen Forschungs- und Publikationsprojekten sowie
„Branchenkongruenz“ als Indikator zur
von formell vereinbarten FuE-Vorhaben. Bei der
Messung der Ausrichtung von Wissenschaftsein-
räumlichen Reichweite der Beziehungen zwischen
richtungen auf die lokalen Wirtschaftsstrukturen
Wirtschaft und Wissenschaft wurde deutlich, dass
Der Frage der komplementären Ausrichtung von sich die Aktivitäten der Forschungsinstitute bei sechs
Wissenschaftseinrichtungen und der Wirtschaft in von 15 Kanälen zu mehr als 75% auf die Region
einer Region ging M. Sc. David Reiniger (RWTH Jena konzentrieren. Im Unterschied dazu streuen die
Aachen) in seinem Vortrag „Komplementarität von Kontakte der Hochschulvertreter stärker über das
Wissenschaft und Wirtschaft am Beispiel vier ost- restliche Thüringen und die gesamte Bundesrepublik.
deutscher Großstädte“ nach. In seiner Studie zu Ausländische Unternehmen dominieren beim Trans-
den Städten Dresden, Leipzig, Chemnitz und Halle ferkanal befristeter Wissenschaftler-Aufenthalte.
(Saale) überprüfte er, inwieweit die Fächerausrich- Die Befragungsdaten erlauben die Überprüfung
tung der größten Hochschulen in diesen Städten mit der Hypothese, dass die am FuE-Prozess beteiligten
der Branchenstruktur der lokalen Wirtschaft über- Wissenschaftler aufgrund eines hohen Anteils von
einstimmte. Um den Grad dieser Kongruenz messen Tacit-knowledge-Elementen bevorzugt Face-to-face-
zu können, entwickelte Reiniger ein Kongruenz- Kontakte mit Unternehmensvertretern in räumlicher
maß, das die Spezialisierung der Forschungs- und Nähe suchen. Die errechneten Korrelationsmaße zei-
Lehrkapazitäten auf einen Wirtschaftszweig misst. gen das erwartete Vorzeichen, bewegen sich aber
Vergleichbare Indikatoren lagen bislang nicht vor; nur teilweise im signifikanten Bereich.
Reinigers Studie ist demnach als eine besondere Für Sauer deuten die Ergebnisse insgesamt ge-
Pionierleistung zu bezeichnen. Im Ergebnis der um- sehen auf die Vieldimensionalität und die hohe
fangreichen empirischen Untersuchungen zeigt sich Komplexität der Austauschbeziehungen zwischen
für Halle und Leipzig eine deutlich niedrigere Wirtschaft und Wissenschaft hin. Dementsprechend
Branchenkongruenz als für Dresden und Chemnitz. ist den Befunden derjenigen Studien mit Vorsicht
In der Diskussion wurde darauf hingewiesen, zu begegnen, die nur einen Transferkanal betrach-
dass die errechneten Kongruenzmaße nur die Quan- ten oder in ökonometrischen Gleichungen Größen
tität, aber nicht die Qualität der Ausrichtung einer wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP) einer Region
Hochschule auf die lokale Branchenstruktur wie- und die Zahl ihrer Hochschulen in Beziehung set-
dergeben. Darüber hinaus wurde angemerkt, dass zen. In der Diskussion wies Prof. Kunzmann dar-
für die normative Forderung, Hochschulen sollten auf hin, dass häufig auch Vereine vor Ort als Ka-
sich stärker auf die Branchenstruktur ihrer Region talysatoren für Kontakte dienen und es für die
ausrichten, bisher noch zu wenig stützende empiri- Kontaktaufnahme auch eine Rolle spielt, in wel-
sche Befunde vorlägen. Hier bestehe also weiterer chem Ausmaß Professoren am Hochschulort ihren
Forschungsbedarf. Wohnsitz haben.

Lokale Beziehungen zwischen Wissenschaftsein- Hochschulen als „Unternehmen zur Förderung


richtungen und Unternehmen sind äußerst kom- der stadtregionalen Entwicklung“?
plex und mehrdimensional!
Aus einer stärker an der räumlichen Stadtentwick-
Auf die verschiedenen Formen der Beziehungen zwi- lung orientierten Perspektive berichtete Dipl.-Ing.
schen Wirtschaft und Wissenschaft in der Region Jörn Krupa vom Leibniz-Institut für Regionalent-
Jena bezog sich Prof. Dr. Thomas Sauer von der wicklung und Strukturplanung in Erkner über die
Fachhochschule Jena in seinem Vortrag „Spatial Wissenschafts-Wirtschafts-Beziehungen in den Fach-
Localization of Knowledge-transfer Channels and hochschulstädten Eberswalde und Brandenburg an
Face-to-face Contacts: A Survey on the Jena der Havel. In seinem Vortrag „‘Wissensknoten‘
University-Industry Linkages“. Mittels einer Fachhochschule? Zum Wissenstransfer zwischen
Befragung von 174 Professoren der Jenaer Hoch- Fachhochschulen und Unternehmen im stadtregio-
schulen und 123 Wissenschaftlern der dort angesie- nalen Kontext – die Beispiele Eberswalde und
delten außeruniversitären Forschungsinstitute konn- Brandenburg an der Havel“ versuchte er die Fragen

Wirtschaft im Wandel 6/2009 257


zu beantworten, in welcher Weise Fachhochschu- tigten sich zwei weitere Vorträge. Dr. Peter Franz
len (FH) die Funktion eines Wissensknotens über- vom gastgebenden Institut für Wirtschaftsforschung
nehmen können und welche politischen Strategien Halle nahm in seinem Vortrag „‘Willkommen in
diese Funktionsübernahme erleichtern. Obwohl die der Universitätsstadt Halle‘ – Wie lassen sich die
beiden untersuchten FH bundesweit gesehen über- Potenziale von Wissenschaftseinrichtungen für die
durchschnittlich erfolgreich bei der Einwerbung von Stadtentwicklung nutzbar machen?“ exemplarisch die
Drittmitteln sind, erweist sich ihre Bedeutung als wissensbasierten Potenziale der Stadt Halle (Saale)
Ansprechpartner für die Unternehmen in den bei- in Sachsen-Anhalt genauer in Augenschein und
den Regionen als relativ gering. Häufiger werden von diskutierte mögliche Strategien, diese Potenziale
den Unternehmen dagegen Berliner Hochschulen zukünftig noch stärker als bisher zu nutzen. Ausge-
als Informationsquellen und Kooperationspartner hend von der Annahme, dass immer größere Teile
genannt. Aus der Summe verschiedener Experten- der wirtschaftlichen Aktivitäten auf der Grundlage
interviews und Gruppendiskussionen ergibt sich systematisch und gezielt erzeugten Wissens erfol-
bei Krupa der Befund, dass die regionalökonomi- gen, erlangen Städte sowohl als Produktionsstätten
sche Einbindung der FH an den beiden Standorten als auch als Knoten und Austauschorte von Wissen
noch nicht so weit gediehen ist, dass sie die Funk- in einer solchen „wissensbasierten Ökonomie“ er-
tion von Wissensknoten übernehmen könnten. Da- höhte Bedeutung. Um diese städtischen Funktio-
zu trägt auch bei, dass die Fächerschwerpunkte an nen gezielt zu verstärken, propagiert Franz den so
den FH zu wenig auf die Branchenstruktur in Ebers- genannten Knowledge-City-Ansatz. Eine Stadt mit
walde und in Brandenburg an der Havel ausge- dem Leitbild einer knowledge city zeichnet sich
richtet sind. Einengende Regulierungen auf der dadurch aus, dass ihre Wissenschaftseinrichtungen
Länderebene und eine noch zu geringe absorptive in intensivem Austausch untereinander stehen und in
Kapazität auf der Seite der Unternehmen kommen Forschung und Ausbildung auf die Unternehmen
als weitere Hemmfaktoren hinzu. der Region orientiert sind. Darüber hinaus unter-
Um diese ungünstigen Voraussetzungen zu än- stützen sowohl die Stadt als auch die Wissenschafts-
dern, schlägt Krupa vor, dass sich die FH selbst einrichtungen die Expansion vorhandener und die
stärker als Unternehmen verstehen müssten, die lo- Ansiedlung neuer wissenschaftlicher Einrichtungen.
kale öffentliche Güter mit dem Ziel anbieten, regio- Vor dem Hintergrund dieses Knowledge-City-
nalwirtschaftliche Entwicklungsprozesse zu unter- Ansatzes weist die Stadt Halle (Saale) mit ihrer
stützen. Allerdings brauche es Zeit, um Vertrauen Vielzahl an Wissenschaftseinrichtungen ein er-
zwischen den Akteuren in der Region aufzubauen, hebliches Potenzial auf. Einen Hemmfaktor für die
so sein Ausblick. Umsetzung dieses Potenzials stellt bisher die ge-
In der Diskussion plädierte Prof. Fritsch dafür, ringe Handlungsautonomie der Hochschulen dar,
dass Hochschulprofessoren ihre Dienstleistungen die – gemäß den Regeln des deutschen Föderalis-
als private und nicht als öffentliche Güter anbieten mus – in vielfacher Hinsicht von der Landesregie-
sollten. Andere Diskussionsbeiträge zogen die Eig- rung gesteuert werden. Handlungsbedarf besteht
nung von Eberswalde als Untersuchungsfall auf- – Franz zufolge – in der Stärkung von Fächern, die
grund der geringen räumlichen Distanz zu Berlin in für die regionale Wirtschaft bedeutsam sind, in der
Zweifel. Prof. Rosenfeld stellte die Frage, ob gerade Gestaltung von Weiterbildungsangeboten für Ar-
im Fall von Eberswalde die Fächerstruktur der FH beitskräfte der Unternehmen in der Region und in
grundsätzlich stärker auf die regionale Branchen- der Berücksichtigung von Belangen der Stadtent-
struktur ausgerichtet werden sollte, um die Effekte wicklung beim Management der im Besitz des
für die lokale Wirtschaft zu verstärken. Landes befindlichen Hochschul-Immobilien.
In der Diskussion verwies Dr. Franke von der
Wirtschaftsförderung der Stadt Halle (Saale) auf
Grundsätzliche Ansatzpunkte der Stadtentwick-
die geringen Möglichkeiten der Stadt, die Stand-
lung im Rahmen einer Politik zur Aktivierung
ortentscheidung für Einrichtungen der örtlichen
lokaler Wissens- und Innovationspotenziale
Hochschulen zu beeinflussen. Prof. Kunzmann be-
Mit den grundsätzlich möglichen politischen Stra- zweifelte, ob das im Vortrag als positives Beispiel
tegieansätzen, wie Städte mit Wissenschaftsein- einer Deregulierung im Hochschulbereich angeführte
richtungen diese noch stärker als Faktor für die nordrhein-westfälische Hochschulfreiheitsgesetz auch
Stadtentwicklung und für ein dynamischeres wirt- die erwarteten Effekte nach sich ziehen könnte.
schaftliches Wachstum nutzen können, beschäf- Dr. Kronenberger vom Sächsischen Staatsministe-

258 Wirtschaft im Wandel 6/2009


rium für Wirtschaft und Arbeit forderte die Hoch- nehmen sowie zwischen Unternehmen und Wissen-
schulen dazu auf, nicht erst auf neue Gesetze zu schaftseinrichtungen mit Hilfe von Wissenschafts-
warten, sondern sich selbst mehr für die eigene Stand- parks und Technologie- und Gründerzentren (TGZ)
ortregion zu engagieren. Dies setzt jedoch vermut- zu unterstützen. Letztere haben über die Netzwerk-
lich veränderte Anreizstrukturen voraus. förderung hinaus auch die Aufgabe, als Inkubator
Den zweiten Vortrag mit Blick auf die strategi- für junge, technologieorientierte Unternehmen zu
sche Nutzung von Wissenschaftseinrichtungen für wirken. Es stellt sich die Frage, ob die gewünsch-
die Stadtentwicklung aus stadtplanerischer Sicht ten Effekte in der Realität tatsächlich auftreten.
bestritten Dr. Brigitta Ziegenbein (Dresden) und Der größte deutsche Wissenschaftspark ist jener
Prof. Dr. Klaus R. Kunzmann (Potsdam/ETH Zü- in Berlin-Adlershof. Dieser wurde von Dr. Petra
rich) zum Thema „Potsdam: Turning a Town into a Jähnke (Leibniz-Institut für Regionalentwicklung
Knowledge City“. Nach einer kurzen Darstellung und Strukturplanung, Erkner) im Rahmen einer
der Geschichte Potsdams als Residenz-, Garnisons- Fallstudie näher untersucht. Ausgangspunkt für die
und Wissenschaftsstandort wurde der nach 1990 Analyse war die Theorie der so genannten knowl-
erfolgte Aufbau neuer Wissenschaftseinrichtungen edge scapes. Diese stellen ein Spektrum von In-
in der Stadt näher untersucht. Auffällig ist die teraktionsbeziehungen der Akteure von weichen
Fragmentierung der Hochschulen und Forschungs- Wissensmilieus bis hin zu harten Wissensnetzwerken
institute im städtischen Raum („isolierte Archipele dar. Nähe wird dabei mehrdimensional verstanden,
des Wissens“), wodurch sowohl die öffentliche umfasst also neben geographischer beispielsweise
Wahrnehmung dieser Ballung an Wissenschafts- auch soziale, organisatorische und institutionelle
einrichtungen erschwert als auch die Entstehung Nähe. Diese Näheformen können unterschiedliche
eines kreativen Milieus gebremst wird. Dazu trägt Raumdimensionen annehmen.
aus Sicht von Ziegenbein und Kunzmann auch das In Berlin-Adlershof, einem Areal mit Wissen-
Fehlen symbolischer wissensbezogener Bauten in schafts- und Technologiepark, universitären und
der Innenstadt bei. Forschungseinrichtungen sowie Unternehmen der
Auf die Frage, was auf Seiten der Stadtentwick- Medienbranche, ließen sich diese verschiedenen In-
lungsplanung getan werden könne, diese Hinder- teraktionsbeziehungen zeigen. Jähnke erklärte, dass
nisse für das Entstehen einer knowledge city abzu- beispielsweise die Kooperationen zwischen For-
bauen, sehen die beiden Wissenschaftler (1) eine schungseinrichtungen und Unternehmen, insbeson-
stärker raumbezogene Moderation der Standortinter- dere in den Schlüsseltechnologiefeldern, eher in-
essen von Stadt und Wissenschaft, (2) eine intensi- stitutionalisiert seien, während die Interaktionen
vierte (visionäre) Entwicklungsplanung für Wissens- zwischen Forschungsinstituten und Hochschulen oft
quartiere, (3) Maßnahmen zur stärkeren Vernetzung auf persönlichen Beziehungen beruhen. Im Bereich
der einzelnen Wissenschaftsstandorte und (4) die Ein- des Medienstandorts sei eine starke Eigendynamik
setzung von Quartiers-Managern als praktikabel an. entstanden. Zudem sei insbesondere für Unterneh-
In der Diskussion bewertete Dr. Manfred Kühn men auch die überregionale Einbindung wichtig.
(Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Struk- Die Planbarkeit als „Wissensort“ sei dadurch be-
turplanung, Erkner) die Diagnose fragmentierter grenzt. Demgemäß sollten Planer laut Jähnke in
Wissenschaftsstandorte für Potsdam als zutreffend. erster Linie versuchen, Rahmenbedingungen für
Er verwies zudem auf ebenfalls fragmentierte po- wechselseitige Anpassungen zu schaffen.
litische und soziale Strukturen der Stadt. Prof. In der Diskussion wurde deutlich, dass für den
Kunzmann ergänzte seine Ausführungen durch den Wissenstransfer soziale Nähe, die beispielsweise
Hinweis, dass die Stadtplaner vor Ort kaum Kapa- durch Forschungsprojekte entstehe, sehr wichtig
zitäten für die erforderliche konzeptionelle Pla- ist. Man kenne sich zum Teil noch aus Studenten-
nung aufbringen können, da sie durch die Fülle zu zeiten. Nach Ausgründungen bleibe der Kontakt
bewältigender Tagesprobleme zu stark in Anspruch zur akademischen Welt bestehen.
genommen werden. Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion lag
auf dem Konzept von Wohnen, Arbeiten und Leben
Wissenschaftsparks und TGZ als Ansätze zur an einem Standort. Ein Teilnehmer verwies darauf,
Unterstützung lokaler Netzwerkbildung dass dies heutzutage nicht mehr funktioniere. Die-
se Tendenz zeigte sich auch in Berlin-Adlershof.
Seit den 1980er Jahren wird von den Kommunen Die Schlüsselakteure bevorzugten meist andere
versucht, die lokale Vernetzung zwischen Unter- Wohngegenden. Jähnke bestätigte den Hinweis,

Wirtschaft im Wandel 6/2009 259


dass sich Netzwerke oft an den Verbindungen ver- Fazit
schiedener Schwerpunkte und weniger innerhalb
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Städte,
der Kernbereiche herausbilden. Dies gelte in Berlin-
in denen es bereits wissensgenerierende Potenziale
Adlershof beispielsweise für die Solartechnik.
in Form von Wissenschaftseinrichtungen gibt, einer-
Michael Schwartz (Institut für Wirtschaftsfor-
seits sicherlich gut beraten sind, diesen Einrich-
schung Halle) präsentierte die Ergebnisse einer
tungen einen hohen Stellenwert im Rahmen ihrer
Studie über Entwicklungstrends deutscher Tech-
städtischen Entwicklungsstrategien zukommen zu
nologie- und Gründerzentren (TGZ). Schwerpunkt
lassen. Zwar sind in Deutschland die Länder und
der Analyse war die Frage, ob sich die Spezialisie-
nicht die Kommunen für die Hochschulen zustän-
rung von TGZ auf einzelne Branchen derart aus-
dig. Die Städte können aber entscheidend dazu
zahlen kann, dass hierdurch die Effekte für die lo-
beitragen, dass die von den Hochschulen angebo-
kale Wirtschaft erhöht werden.
tenen „Schätze“ auch von der lokalen Wirtschaft
2006 waren von etwa 415 TGZ in Deutschland
gehoben werden können. Städten ohne Wissen-
lediglich 74 spezialisiert. Für die Studie wurden
schaftseinrichtungen sind entsprechende Möglich-
nun 161 Unternehmen aus jeweils 13 spezialisier-
keiten verbaut – dies spricht dafür, die vorhandenen
ten und nicht spezialisierten TGZ befragt. Dabei
Potenziale im interlokalen Wettbewerb auch zu
zeigte sich, dass in Bezug auf das Raumangebot und
nutzen. Andererseits: Soweit die lokale Absorp-
auf Gemeinschaftseinrichtungen für Unternehmen
tionsfähigkeit nur gering ist, werden sich auch die
eine Spezialisierung von Vorteil ist, insbesondere
Effekte der Wissenschaftseinrichtungen in Gren-
wenn die Unternehmen teure Ausstattung und
zen halten.
Anlagen benötigen. Auch die Beratungs- und
In politischer Hinsicht konkurriert die Forde-
Betreuungsleistung wurde in spezialisierten TGZ
rung nach einer stärkeren regionalen Ausrichtung
besser bewertet, da sie dort eher auf die Probleme
der Hochschulen derzeit mit den Ansprüchen aktuell
der jeweiligen Branche ausgerichtet werden kann.
ablaufender hochschulinterner Reformaktivitäten
Der Effekt von Spezialisierung auf die Vernetzung
(Bologna-Prozess, Exzellenzinitiativen, Ablösung
innerhalb der Zentren war jedoch uneindeutig. Ei-
fixer Haushaltsansätze durch flexible Budgets),
nerseits böte die Zugehörigkeit zu einer Branche
sodass natürlich auch die Frage zu stellen ist, wie
mehr Anknüpfungspunkte. Andererseits bestehe
hoch derzeit das Risiko für Hochschulvertreter ist,
aber auch die Gefahr, dass es durch den Konkur-
durch Reformstress überfordert zu werden.
renzkampf zu stärkerer gegenseitiger Abschottung
Es besteht zudem unverändert ein erheblicher
kommt.
Forschungsbedarf hinsichtlich der diskutierten Fra-
Insgesamt gesehen ist laut Schwartz eine Spezia-
gestellungen. Insbesondere ist noch immer nicht
lisierung von TGZ aus unternehmerischer Sicht
ausreichend geklärt, über welche Wirkungskanäle
grundsätzlich vorteilhaft. Allerdings seien letztlich
Wissens-Spillovers zwischen Wissenschaft und
auch die Rahmenbedingungen, z. B. das Potenzial
Wirtschaft verlaufen. Daneben sollte die – auch im
an Jungunternehmern, ausschlaggebend.
Verlauf der Tagung mehrfach erhobene – Forde-
In der Diskussion erläuterte Schwartz, dass kei-
rung nach einer stärkeren Passung der Fächerstruk-
nes der TGZ besonders als Leuchtturm aufgefallen
tur der Wissenschaftseinrichtungen mit der Bran-
sei, frühe TGZ jedoch recht viel Erfolg verbuch-
chenstruktur der Wirtschaft in der Region noch durch
ten, da sie die Nachfrage nach ihren Leistungen als
weitere empirische Forschung auf ihre Angemes-
Erste abschöpfen konnten.
senheit hin überprüft werden. Darüber hinaus ist
Es wurde für eher unwahrscheinlich gehalten,
unklar, wie weit die unternehmerische Orientierung
dass (spezialisierte) TGZ helfen können, die For-
von Hochschulen getrieben werden kann, z. B. bei
schungsschwäche in Ostdeutschland zu überwin-
der wirtschaftlichen Verwertung der von ihren
den. Die FuE-Intensität hänge vielmehr von der
Mitarbeitern entwickelten Patente, ohne dass beim
Branchenstruktur ab und sei durch das Angebot
Hochschulpersonal Identitätsprobleme und Kon-
von TGZ nicht einfach zu erhöhen.
flikte mit den Werten des Wissenschaftssystems
Des Weiteren wurde in der Diskussion auf die
auftreten.
Bedeutung von Kooperationen verschiedener Ak-
teure wie Stadt, Industrie- und Handelskammern
Peter Franz (Peter.Franz@iwh-halle.de)
sowie Hochschulen bei der Errichtung von TGZ
Martin T. W. Rosenfeld
hingewiesen.
(Martin.Rosenfeld@iwh-halle.de)
Annette Illy (Annette.Illy@gmx.de)

260 Wirtschaft im Wandel 6/2009


IWH-Industrieumfrage im Mai 2009: Vorerst keine Aufhellung in Sicht
Eine Erwärmung des Geschäftsklimas im Verar- Lageeinschätzung von „eher schlecht“ zu „schlecht“
beitenden Gewerbe Ostdeutschlands ist nicht in verantwortlich. Ein Teil der Industrieunternehmen
Sicht. Das geht aus den Ergebnissen der IWH- gibt aber auch eine Lageverbesserung seit März
Industrieumfrage vom Mai unter rund 300 Unter- an, deren Bedeutung reicht jedoch nicht aus, um
nehmen hervor. Gegenüber der Umfrage vom März dem Abwärtstrend entgegenzusteuern. Stabilisie-
hat sich die Beurteilung der aktuellen Geschäfts- rend wirken in der ostdeutschen Industrie derzeit
lage um einen Saldenpunkt verschlechtert, die der die Konsumgüterproduzenten, und hier vor allem
Geschäftsaussichten für die nächsten sechs Monate die Hersteller von Nahrungsgütern. Über 80% von
um sieben Saldenpunkte (vgl. Tabelle). Export- letzteren bewerten sowohl die gegenwärtige Lage
unternehmen bewerten Lage und Aussichten etwas als auch die Aussichten „gut“ oder „eher gut“, im
trüber als Nichtexporteure. Wie schon in den vor- gesamten Konsumgüterbereich sind es ca. zwei
herigen Umfragen kommen die negativen Bot- Drittel.
schaften am häufigsten von den Vorleistungsgüter- Die zurückhaltende Einschätzung der Geschäfts-
produzenten. Dafür ist vor allem ein Wechsel ihrer aussichten wird gestützt durch die rückläufigen

Entwicklung der Geschäftslage und Geschäftsaussichten im ostdeutschen Verarbeitenden Gewerbe


- Saldena, saisonbereinigte Monatswerte -

Verarbeitendes Gewerbe insgesamt Vorleistungsgütergewerbe


100 100
90 90
80 80
70 70
60 60
50 50
40 40
30 30
20 20
10 10
0 0
-10 -10
-20 -20
-30 -30
-40 -40
-50 -50
-60 -60
01 03 05 07 09 11 01 03 05 07 09 11 01 03 05 01 03 05 07 09 11 01 03 05 07 09 11 01 03 05
2007 2008 2009 2007 2008 2009

Investitionsgütergewerbe Konsumgütergewerbe
100 100
90 90
80 80
70 70
60 60
50 50
40 40
30 30
20 20
10 10
0 0
-10 -10
-20 -20
-30 -30
-40 -40
-50 -50
-60 -60
01 03 05 07 09 11 01 03 05 07 09 11 01 03 05 01 03 05 07 09 11 01 03 05 07 09 11 01 03 05
2007 2008 2009 2007 2008 2009

──── Geschäftslage - - - - - Geschäftsaussichten


IWH
a
Die Salden von Geschäftslage und -aussichten werden als Differenz aus den Prozentanteilen der jeweils positiven und negativen Urteile der
befragten Unternehmen berechnet und nach dem Berliner Verfahren (BV4) saisonbereinigt. Für längere Zeitreihen siehe „Daten und Informa-
tionen/Aktuelle Konjunkturdaten“ unter www.iwh-halle.de.
Quelle: IWH-Industrieumfragen.

Wirtschaft im Wandel 6/2009 261


Auftragseingänge. Sowohl die Hersteller von Vor- Eine Bereinigung der Daten um saisonale
leistungsgütern als auch die Investitionsgüter- Effekte indes relativiert die positiven Meldungen
produzenten melden nochmals eine schlechtere der Konsumgüterproduzenten und verweist auch
Auftragslage als im März. Starke Einbrüche geben hier auf eine konjunkturell abwärtsgerichtete Ent-
beispielsweise die Maschinenbauer an. Die Ge- wicklung, jedoch von höherem Niveau aus und
schäftsaussichten bewerten sie dennoch etwas weniger steil als bei den anderen Hauptgruppen
freundlicher als im März. (vgl. Abbildung). Verschiebungen in den Urteilen
Auch in der Chemischen Industrie überwiegt über die Geschäftstätigkeit bewegen sich in der
nunmehr eine pessimistische Bewertung der Auf- Regel zwischen „eher gut“ und „eher schlecht“,
tragslage. Die Urteile über Geschäftslage und also nicht in extremen Veränderungen.
-aussichten haben sich in der Branche weiter ein-
getrübt. Aus den Unternehmen des Holz-, Papier- Cornelia Lang
und Druckgewerbes kommen ebenfalls nochmals (Cornelia.Lang@iwh-halle.de)
negativere Bewertungen. Im Fahrzeugbau hinge-
gen sind die Einschätzungen der Auftragslage und
des Geschäftsklimas nahezu unverändert schlecht.

Geschäftslage und Geschäftsaussichten laut IWH-Umfragen im ostdeutschen Verarbeitenden Gewerbe


- Vergleich der Ursprungswerte mit Vorjahreszeitraum und Vorperiode, Stand Mai 2009 -
Gruppen/Wertungen gut (+) eher gut (+) eher schlecht (−) schlecht (−) Saldo
Mai Mrz. Mai Mai Mrz. Mai Mai Mrz. Mai Mai Mrz. Mai Mai Mrz. Mai
08 09 09 08 09 09 08 09 09 08 09 09 08 09 09
in % der Unternehmen der jeweiligen Gruppea
Geschäftslage

Industrie insgesamt 42 17 13 42 30 33 15 40 37 1 13 17 68 −7 −8
b
Hauptgruppen
Vorleistungsgüter 37 9 6 43 23 25 18 52 44 2 16 25 61 −36 −39
Investitionsgüter 52 24 13 38 28 39 10 35 43 0 13 5 80 4 4
Ge- und Verbrauchsgüter 41 24 27 44 42 40 14 25 22 1 9 11 69 32 34
dar.: Nahrungsgüter 28 37 35 50 33 46 20 25 14 2 5 5 57 40 62
Größengruppen

1 bis 49 Beschäftigte 37 17 14 35 34 35 24 33 34 4 16 17 46 1 −1
50 bis 249 Beschäftigte 41 19 13 46 31 37 12 38 38 1 12 12 74 0 1
250 und mehr Beschäftigte 49 11 12 38 23 18 13 52 43 0 14 27 74 −31 −39
Geschäftsaussichten

Industrie insgesamt 36 11 12 51 34 30 12 42 47 1 13 11 74 −9 −16


b
Hauptgruppen
Vorleistungsgüter 34 5 6 47 29 18 17 51 63 2 15 13 64 −33 −51
Investitionsgüter 42 14 9 55 33 40 3 38 42 0 15 9 94 −6 −2
Ge- und Verbrauchsgüter 33 18 24 52 46 42 14 28 26 1 8 8 70 28 33
dar.: Nahrungsgüter 33 30 40 51 49 47 13 17 11 3 4 2 67 58 75
Größengruppen

1 bis 49 Beschäftigte 27 11 15 43 43 31 28 35 39 2 11 15 42 8 -9
50 bis 249 Beschäftigte 36 11 11 55 34 31 7 40 51 2 15 7 83 −11 −15
250 und mehr Beschäftigte 46 9 9 44 26 27 10 54 49 0 11 15 79 −31 −27
a b
Summe der Wertungen je Umfrage gleich 100 - Ergebnisse gerundet, Angaben für Mai 2009 vorläufig. – Die Klassifikation der Hauptgruppen
wurde der Wirtschaftszweigsystematik 2003 angepasst.
Quelle: IWH-Industrieumfragen.

262 Wirtschaft im Wandel 6/2009


Veranstaltungen:

Vorankündigungen:

„Pilgrims to the Euro Area: Romania and Other New EU Members ante Portas“
Conference from September 4 to 6, 2009, in Brasov, Romania
We invite economists to present their latest research results on the possible tensions and pro-
blems for new member countries on their road to EMU and for the enlarged Euro area. The
background is the debate on an emerging split of the current EMU countries in terms of current
account imbalances, different inflation rates, and unit labor cost developments nine years after
the introduction of the Euro. Is there a split, and if, would new EMU members aggravate it? A
related objective is to contribute to the ongoing debate on institutional reforms of the EU and
the Euro area in particular. Papers with empirical, theoretical or institutional orientation are
highly welcomed.

„Zur Zukunft der kommunalen Wohnungspolitik“


3. Hallesches Kolloquium zur Kommunalen Wirtschaft am 5. und 6. November im IWH
Am 5. und 6. November 2009 wird das IWH wieder ein Kolloquium zu einem Themenschwer-
punkt aus dem Bereich der Kommunalwirtschaft veranstalten. Das zentrale Anliegen der Kon-
ferenz besteht darin, – nicht nur vor dem Hintergrund der aktuellen globalen Finanzkrise, des
demographischen Wandels oder der Stadtumbauproblematik – die künftige Rolle der kommu-
nalen Wohnungswirtschaft zu diskutieren und im Vergleich zu alternativen wohnungspoliti-
schen Instrumenten zu bewerten.
Die Veranstaltung ist grundsätzlich interdisziplinär und nicht rein akademisch ausgerichtet. Sie
soll auch dem Dialog zwischen Wissenschaftlern, Politik und Praktikern dienen.
Nähere Informationen für Interessenten, die einen Vortrag halten möchten (Einreichung bitte
bis 30.06.2009), finden sich unter www.iwh-halle.de, „Termine und Veranstaltungen“.

Für weitere Informationen zu den Veranstaltungen siehe www.iwh-halle.de (Termine).

Durchgeführte Veranstaltungen:

„Analysen und Politik für Ostdeutschland – aus der Forschung des IWH –“
Konferenz am 4. Juni 2009 im IWH
Am 4. Juni 2009 veranstaltete das IWH zum dritten Mal in Folge die Konferenz zum Thema:
„Analysen und Politik für Ostdeutschland – aus der Forschung des IWH –“. Die Veranstaltung
verfolgt das Ziel, im Rahmen der wirtschaftspolitischen Beratung, einem wesentlichen Auftrag
des IWH, den Abgeordneten, Vertretern der Ministerien der Neuen Bundesländer und einem
interessierten Fachpublikum Analysen zur wirtschaftlichen Entwicklung in Ostdeutschland vor-
zutragen und zu diskutieren. Es wurden Fachvorträge von Wissenschaftlern und Wissenschaft-
lerinnen aus allen Forschungsabteilungen des Instituts gehalten. Prof. Dr. Udo Ludwig behan-
delte die Frage, welche Auswirkungen die Finanzmarktkrise auf die Wirtschaft in den Neuen
Ländern, insbesondere in Sachsen-Anhalt, hat. Dr. Gerhard Heimpold widmete sich den In-
strumenten und Entwicklungen der Industriepolitik in den Neuen Bundesländern rückblickend
seit 1990 und skizzierte die industriepolitischen Herausforderungen von morgen. In einem
weiteren Vortrag behandelte Katja Wilde die Frage, ob die Neuen Bundesländer im Hinblick
auf das Auslaufen der Solidarpaktmittel hinreichend vorbereitet sind. Dr. Peter Haug stellte Er-
gebnisse einer empirischen Untersuchung vor, die sich mit den Folgen des Stadtumbaus für die
Kosten der technischen Infrastruktur in Mitteldeutschland befasst. Dr. Herbert S. Buscher prä-
sentierte Ergebnisse zur Untersuchung des zukünftigen Fachkräftebedarfs in Thüringen. Die
Veranstalter freuten sich über die rege Teilnahme und die fruchtbaren Diskussionen. Das IWH
wird diese Konferenzserie im nächsten Jahr fortsetzen.

Wirtschaft im Wandel 6/2009 263