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Sir Simon Rattle im Interview

„Orchester bewegen sich langsam wie tektonische Platten“
29. Juni 2007 Bilanz nach fünf Jahren: Sir Simon Rattle, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, äußert sich im F.A.Z-Gespräch erstmals öffentlich über Konflikte, Enttäuschungen und seine Ziele für die Zukunft. Vieles bleibt angedeutet: „Ich hoffe, dass die Musik die Antwort gibt.“ Sir Simon, seit fast fünf Jahren sind Sie Chef der Berliner Philharmoniker. Wie ist es heute um Ihr
"Alles kommt vom Herzschlag her": Sir Simon Rattle

Deutsch bestellt? (Auf deutsch:) Ganz perfekt. Wie Thomas Mann.

Wie steht es, apropos, mit Ihrer Thomas-Mann-Lektüre? (Auf englisch:) Ich glaube, ich habe fast alles von Thomas Mann gelesen. Als später Teenager und in meinen frühen Zwanzigern gehörte das zu den wichtigsten Dingen. (Auf deutsch:) Knifflig. (Wieder auf englisch:) Ein Musiker, der „Doktor Faustus“ nicht gelesen hätte . . . Einer Ihrer größten Erfolge bisher in Berlin war der Film „Rhythm Is It“, eine Dokumentation über ein Tanzprojekt der Philharmoniker mit Jugendlichen. Ja, wenn wir wollen, dass Menschen zu uns kommen, dann müssen wir unsererseits auf sie zugehen. Die Idee, dass den Menschen wirklich die Gelegenheit gegeben wird, in unsere Konzerte zu kommen, scheint mir das Wichtigste zu sein, was wir verwirklichen können. Seit wann interessieren Sie sich für musikalische Education-Arbeit? Das begann schon vor mehr als fünfundzwanzig Jahren, in Birmingham. In England war es nicht mehr zu übersehen, dass es in den Schulen immer weniger Musik gibt. Ich hatte damals eine außergewöhnliche Schlagzeugerin im Orchester. Sie sagte: „Wir müssen mehr Musik für taube Kinder machen.“ Wir haben damit erstaunliche Erfahrungen gemacht. Ich fragte zum Beispiel eine Gruppe tauber Jugendlicher: „Was habt Ihr denn nun gehört?“ Und die Antwort war: „Alles!“ Als wir Messiaen aufführten und ich etwas über den Gesang der Vögel erklärte, sagte ein taubes Kind zu mir: „Gut, und wie klingt nun der Gesang eines Schmetterlings?“ Das war eine der poetischsten Fragen, die ich je gehört habe.

Zum Thema Was bleibt von Karajan? Eine kleine Machtmusik

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Enthält der Filmtitel „Rhythm Is It“ auch Ihr musikalisches Credo? Absolut. Meiner Meinung nach spielt der Rhythmus entwicklungsgeschichtlich eine primäre Rolle. Alles kommt vom Puls, vom Herzschlag her. Ich als alter Schlagzeuger muss das auch sagen! Wäre ich Geiger, hieße der Filmtitel vielleicht: „Portamento Is It“. Gibt es etwas, worauf Sie stolz sind nach diesen fünf Jahren? Noch am Leben zu sein! Nein, ich mache Spaß. Ich gestehe, es liegt mir nicht besonders, stolz zu sein. Ich bin realistisch. Ich freue mich sehr darüber, wie Berlin und die Philharmoniker einander angenommen haben in diesen Jahren. Und ich freue mich darüber, wie flexibel und offen sich alle gezeigt haben, auch wenn nicht jeder mit allen neuen Ideen sofort einverstanden war. Können Sie Bilanz ziehen? Gibt es für Sie ein vorläufiges Zwischenergebnis? Nein. Es gibt bei uns keine olympischen Gold- oder Silbermedaillen zu gewinnen, es gibt kein „richtig“. Als ich zum ersten Mal das Cleveland Orchestra dirigierte, sagte mir ein Musiker: „Simon, Sie werden manchmal während einer Phrase schneller und dann wieder langsamer. Geben Sie uns doch einfach einen klaren Schlag und bleiben Sie dann im Tempo. Dann machen wir es Ihnen perfekt.“ Diesen Satz werden Sie in Berlin niemals hören. So etwas wie Perfektion gibt es hier nicht, stattdessen spielt das Orchester oft besser als perfekt. Also: kein Ergebnis. Bei dieser Arbeit handelt sich um einen fortschreitenden Prozess. Haben Sie mit einer rascheren Entwicklung gerechnet? Man muss wissen, dass das Verhältnis zwischen einem Orchester und einem Dirigenten extrem langwierig ist. Die ersten fünf Jahre sind eine Übergangszeit. So war es auch bei all den anderen Orchesterchefs der Philharmoniker – viel größeren Dirigenten, als ich es bin. Die Dinge entwickeln sich sehr sanft, sie folgen eigenen Gesetzmäßigkeiten. Hat sich das Orchester unter Ihnen stark verändert? Hauptsächlich nein. Orchester bewegen sich so schnell wie die tektonischen Platten. Sie bewahren auf diese Weise viel von dem, was das Spezielle an ihnen ist. Überraschend für mich war es zu sehen, dass die älteren Musiker hier oft radikaler sind als die jüngeren. Ich glaube, das Maß an Neugier hat sich inzwischen verändert. Ich würde nicht beanspruchen, dass das an mir liegt. Ich laufe nur über das Feld, werfe ein wenig Saat aus und schaue, ob etwas dabei herauskommt. Es ist ganz wie bei altmodischem Ackerbau. Woran entzünden sich Konflikte? Die Neue-Musik-Frage kann heikel sein. Einerseits gibt es viele Musiker, die sich für Zeitgenössisches engagieren. Andere müssen aber erst überzeugt werden. In den zwanziger Jahren unter Furtwängler war Neue Musik eine ganz normale Sache. Denken Sie an all die Programme, die Hermann Scherchen oder Ernest Ansermet hier dirigiert haben! Ich nehme an, auch damals schon wurde auf der Busfahrt zum Konzert darüber gestöhnt. Dennoch sind wir als Institution verpflichtet, uns fortzuentwickeln. Das kann man nicht nur
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mit dem Repertoire des neunzehnten Jahrhunderts. Haben Sie selbst sich verändert in Berlin? Man verändert sich geradezu physisch, wenn man hierher kommt. Für mich ist es das erste Mal, dass ich als Emigrant im Ausland lebe. Außerdem braucht dieses Orchester ganz anderen Umgang als andere. Wer glaubt, die Berliner Philharmoniker antreiben zu können, macht sich lächerlich. Dann fliegt der Sportwagen schnell aus der Kurve. Hier gibt es genug Energie für mehrere Nuklearexplosionen. Diese Musiker müssen nur in die richtige Richtung ausgerichtet werden. Laufen können sie von allein. Haben Sie ein Ziel, das Sie mit den Berliner Philharmonikern in den nächsten fünf Jahren erreichen möchten? Ich hoffe, dass die Musik die Antwort gibt. Eine andere Botschaft habe ich nicht. Finden Sie diese Frage unfair? Nein. Ich glaube nur nicht, dass es eine echte Antwort darauf geben kann. Es ist ein bisschen wie bei der Frage: Was wünschen Sie sich für Ihre Kinder? Außer Gesundheit, Glück, Leidenschaft, was könnte man da sagen? Vielleicht wäre genau dies die richtige Antwort. Empfinden Sie so etwas wie Vatergefühle für die Berliner Philharmoniker? Gelegentlich. Man muss sich durchaus kümmern. Ich musste mich allerdings erst daran gewöhnen, dass zweiundfünfzig von ihnen, also die Mehrheit, jünger sind als ich. Aber ich mag die Art, in der man sich in diesem Orchester umeinander sorgt, wenn jemand Schwierigkeiten hat. Sobald man aufgenommen ist, gibt es ein unglaubliches Gefühl der Loyalität und Zusammengehörigkeit. Das schafft eine „Gesellschaft“ – im Sinne von Schiller. Sie führen heute Abend Wagners „Walküre“ mit den Berliner Philharmonikern auf – beim Festival in Aix-en-Provence. Ist das ein komplett neues Stück für Ihre Musiker, vierzig Jahre nach Karajan? Ja. Nur etwa fünf haben den „Ring“ schon unter Karajan gespielt. Kaum mehr als fünfzehn kennen ihn überhaupt. Aber diese Arbeit stellt eine wunderbare Reise dar, es ist das Gefühlszentrum für ein solches Orchester. Wir führen den „Ring“ nach dem „Rheingold“ in Berlin nun nicht weiter, denn viele Leute haben uns gesagt, es gebe bereits genug „Ring“Zyklen in Berlin. Ich glaube, da haben wir uns verrechnet. Warum sind Sie zurückhaltend mit dem Aufführen britischer Musik? Es stimmt, ich war immer sehr vorsichtig mit britischem Repertoire. Ich habe erst jetzt in der Waldbühne erstmals ein Stück von Delius aufs Programm gesetzt. Obwohl Delius in Wirklichkeit Deutscher war. Der Klang eines deutschen Orchesters passt wunderbar dazu. Dennoch fürchte ich, eine Oper wie „The Magic Fountain“ werde ich hier niemals dirigieren. Es wäre zwar ein Vergnügen. Aber ich hätte ein schlechtes Gewissen danach.
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Welche Musik würden Sie nie dirigieren? Stücke, die ich nicht verstehe. Zum Beispiel Beethovens „Missa Solemnis“. Auch wenn ich es bis zum Ende meiner Tage weiter versuchen werde. Manchmal denke ich, diese Musik ist wie eine Kreuzigung. Man möchte schreiend hinauslaufen. Aber ich kenne auch Menschen, die es für ein sehr trostreiches Stück halten.
Die Fragen stellte Kai Luehrs-Kaiser.

Text: F.A.Z. Bildmaterial: dpa

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