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KERN- UND ELEMENTARTEILCHENPHYSIK

27. Grundlagen des Aufbaus der Atomkerne

Das Rutherford-Experiment hatte gezeigt: der größte Teil der Atommasse ist in
einem verschwindend kleinen Volumen – dem Atomkern – konzentriert. Der
typische Atomkerndurchmesser beträgt 10-15 m = 1 fm und ist somit etwa 105 mal
kleiner als der Atomdurchmesser. Die Massendichte im Atomkern ist dann (105)3 =
1015 mal größer als die typische Dichte fester Körper und erreicht den unvorstellbaren
Wert von 1017 kg/m3.

Atomkerne bestehen aus Protonen (p) mit der Ladung + e sowie aus elektrisch neu-
tralen Neutronen (n). Diese Elementarteilchen werden zusammenfassend auch als
Nukleonen bezeichnet. Sie sind beide – wie die Elektronen – Fermionen mit dem
Spin S = ½ ħ. Ihre Massen sind nahezu gleich und mehr als 1800 mal so groß wie
die eines Elektrons

mp = 1.673 10-27 kg ≈ mn = 1.675 10-27 kg > 1800 mel.

Die Protonenzahl Np eines Atomkerns ist gleich seiner Ordnungszahl Z und bestimmt
zu welchem chemischen Element das zugehörige Atom gehört. Man spricht von
isotopen Kernen oder Isotopen, wenn diese die gleiche Protonenzahl aber unter-
schiedliche Neutronenzahl aufweisen. Tatsächlich kommen viele chemische Elemen-
te in der Natur als Gemische aus verschiedenen Isotopen vor – deren Atome haben
die gleiche Elektronenhülle und damit (nahezu) gleiche chemische Eigenschaften
aber infolge unterschiedlicher Kernmassen unterschiedliche Atomgewichte (daher
resultieren schließlich die „krummen“ relativen Atommassen vieler Elemente – sie
sind ein gewichteter Mittelwert über die Massenanteile der zugehörigen Isotope).
Isobare Kerne oder Isobare, sind Kerne mit der gleichen Nukleonenzahl. Sie gehö-
ren also zu verschiedenen Elementen und haben (nahezu) gleiche Atommassen.

FOLIE: zeigt die Neutronenzahl der stabilen Atomkerne als Funktion ihrer Pro-
tonenzahl. Offenbar gilt für leichte Kerne Nn ≈ Np = Z während für
schwerere Kerne (Z > 10) die Neutronenzahl die Protonenzahl mehr
und mehr übersteigt. Offenbar wirken die Neutronen als „Kitt“, der die
elektrisch gleichnamigen Protonen trotz Coulomb-Abstoßung zusam-
menhält. Wir werden später sehen, dass die starke Wechselwirkung die
Nukleonen auf sehr kurze Distanzen mit einer sehr viel stärkeren Anzie-
hung zusammenhält.
(Demtröder: Experimentalphysik 4: Abb. 2.26)

Interessant und wichtig ist der sogenannte Massendefekt Δm, der auftritt, wenn man
die Masse eines Atomkern mit der seiner freien Nukleonen vergleicht

mKern = Np mp + Nn mn - Δm.

Er verkörpert über die Einsteinsche Energie-Massen-Äquivalenz

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EB = Δm c2

gerade die Bindungsenergie der Nukleonen. Tatsächlich ist diese – wie wir sehen
werden – außerordentlich groß und kann über Kernspaltung oder Kernfusion genutzt
werden.

Jetzt betrachten wir den Aufbau der einfachsten Atomkerne:

1
1 H (Hydrogenium, 21 D (Deuterium, 31 T (Tritium, 42 He (normales
normaler Wasser- schwerer Wasser- superschwerer Helium)
stoff) stoff) Wasserstoff)

p
p p
n n
n
n n
p p

stabil stabil instabil stabil

Tatsächlich zeigt sich, dass Atomkerne mit einer geraden Anzahl von Protonen und
Neutronen (sogenannte gg-Kerne) im Vergleich zu ihren Nachbarn besonders stabil
sind (d.h. eine besonders große Bindungsenergie pro Nukleon aufweisen;
andererseits haben uu-Kerne eine besonders kleine Bindungsenergie pro Nukleon).

FOLIE: Weiterhin. werden sogenannte „magische Zahlen“ beobachtet, bei


denen Atomkerne besonders stabil sind, d.h. eine besonders hohe Bin-
dungsenergie pro Nukleon im Vergleich zu ihren Nachbarn aufweisen.
Diese sind: Np = Nn = 2, 8, 20, 28, 50, 82, 126.
(Demtröder: Experimentalphysik 4. Abb. 5.26)

28. Kernmodelle

Tatsächlich sind Atomkerne physikalisch viel schwieriger zu verstehen als das Elek-
tronensystem des Atoms. Zum einen sind Atomkerne Systeme mit einer mittelgroßen
Anzahl von Teilchen, die eigentlich weder unmittelbar analytisch (wie das effektive
Einteilchensystem des Elektrons im H-Atom) noch mit rein statistischen Mitteln (wie
in der kinetischen Gastheorie bei einer sehr großen Teilchenzahl) behandelt werden
können. Ein weiteres Problem ist die starke Wechselwirkung, die wir auf makroskopi-
schen Abständen nicht untersuchen können und für die es – im Unterschied zur
Coulomb-Wechselwirkung kein einfaches Potential gibt.

Dennoch versucht man eine modellhafte Beschreibung, die aber derzeit noch
wesentlich ungenauer als die des Elektronensystems ist. Für leichtere Kerne wird
dabei das Schalenmodell und für schwerere das Tröpfchenmodell bevorzugt.
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Schalenmodell:

Protonen und Neutronen werden als unabhängig voneinander in einem tiefen


sphärischen Potentialtopf eingeschlossen betrachtet. Dabei fühlen die Protonen als
geladene Teilchen im Innern ein etwas höheres und außerhalb des Topfes zusätzlich
ein abstoßendes Coulomb-Potential. Die Schrödigergleichung erlaubt in diesen
Potentialtöpfen diskrete stationäre Energieniveaus, die entsprechend des Pauli-Prin-
zips mit Neutronen bzw. Protonen zu besetzen sind.

E
(Z-1 )/r

n p

r r

EF

Das Schalenmodell stellt sich insbesondere das Ziel die magischen Zahlen der
Kernstabilität (Bindungsenergie pro Nukleon) zu erklären. Dabei kann man eine
gewisse Analogie zum „Schalenmodell“ der Atomphysik – dem Periodensystem der
Elemente – erwarten. Allerdings sind dort bereits die „magischen Zahlen“ – die
Ordnungszahlen der besonders inerten Edelgase – völlig andere – nämlich 2, 10, 18,
36, 54, 86, (118). Das sollte aber wegen der dort dominierenden Coulomb-Wech-
selwirkung auch nicht zu sehr verwundern.

FOLIE: zeigt im Vergleich Potentialtöpfe aus der Festkörperphysik (Metall Cu


und Tieftemperatur-Isolator N2) im Vergleich mit einem Atomkern. Am
auffälligsten ist die Änderung der Dimension auf der Energieskala: eV
 MeV.
(Demtröder: Experimentalphysik 4. Abb. 5.22)

Als möglicher Kandidat für das Potential im Kerninnern bietet sich eine quadratische
Anziehung an

V(r) = V(r) = C r2 = C [ x2 + y2 + z2 ],

was sich in kartesischen Koordinaten als Überlagerung dreier eindimensionaler


harmonischer Oszillatoren darstellen lässt. Tatsächlich kann die Schrödingerglei-
chung

[ - ħ2 / 2m ∂2 / ∂ r2 + C r2 ] φ(r) = E φ(r)

(m – jetzt Masse eines Nukleons) in diesem Falle mit dem Ansatz


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φ(r) = φx(x) φy(y) φz(z)

separiert werden

[ - ħ2/2m (∂2/∂x2 + ∂2/∂y2 + ∂2/∂z2) + C (x2 + y2 + z2) ] φx(x) φy(y) φz(z) =

= E φx(x) φy(y) φz(z)

[ - ħ2/2m (φyφz ∂2φx/∂x2 + φxφz ∂2φy/∂y2 + φxφy∂2φz/∂z2) +

+ C φxφyφz (x2 + y2 + z2) ] = E φxφyφz.

Nach Division durch φxφyφz entsteht

[ - ħ2/2m 1/φx ∂2φx/∂x2 + C x2 – Ex ] +

+ [ - ħ2/2m 1/φy ∂2φy/∂y2 + C y2 – Ey ] +

[ - ħ2/2m 1/φz ∂2φz/∂z2 + C z2 – Ez ] = 0, Ex + Ey + Ez = E,

d.h. eine Gleichung der Form

f(x) + f(y) + f(z) = 0,

die für variable x, y, z nur lösbar ist, falls

f(x) = 0; f(y) = 0; f(z) = 0.

Somit führt

- ħ2/2m ∂2φx(x) / ∂x2 + (C x2 – Ex) φx(x) = 0 u.s.w.

auf drei eindimensionale Schrödingergleichungen für je einen eindimensionalen har-


monischen Oszillator. Dessen Energiespektrum kennen wir bereits:

Enx = ħω (nx + ½).

Entsprechend gilt nun im dreidimensionalen Fall

En = Enx,ny,nz = ħω (nx + ny + nz + 3/2).

Die niedrigsten Energieniveaus sind

E0 = 3/2 ħω

realisiert durch

nx = ny = nz = 0;

E1 = 5/2 ħω

20
realisiert durch

nx = 1, ny = nz = 0; ny = 1, nx = nz = 0; nz =1, nx = ny =0;

E2 = 7/2 ħω

realisiert durch

nx = 2, ny = nz = 0; ny = 2, nx = nz = 0; nz =2, nx = ny =0;

nx = ny = 1, nz = 0; nx = nz = 1, ny = 0; ny = nz = 1, nx =0;

E3 = 9/2 ħω

realisiert durch

nx = 3, ny = nz = 0; ny = 3, nx = nz = 0; nz =3, nx = ny =0;

nx = 2, ny = 1, nz = 0; nx = 2, nz = 1, ny = 0;

ny = 2, nx = 1, nz = 0; ny = 2, nz = 1, nx = 0;

nz = 2, nx = 1, ny = 0; nz = 2, ny = 1, nx = 0;

nx = 1, ny = 1, nz = 1.

Diese Niveaus sind also einfach, dreifach, sechsfach und zehnfach entartet. Unter
Berücksichtigung der beiden möglichen Spinorientierungen könnten also folgende
maximale Nukleonenbesetzungen stattfinden:

Magische Nukleonenzahl

1. Schale: 2 2

2. Schale: 6 8

3. Schale: 12 20

4. Schale: 20 40.

Offenbar werden die drei niederenergetischsten Schalen zumindest qualitativ richtig


wiedergegeben – für höhere Zustände ist das quadratische Potential aber nicht
geeignet.

FOLIE: natürlich hätte dieses Problem auch in Kugelkoordinaten gelöst werden


können. Dabei hätten sich die gleichen äquidistanten Energieniveaus
aber an Stelle der nx, ny, nz eine Klassifikation nach Haupt- und Drehim-
pulsquantenzahl n bzw. l ergeben.
(Demtröder: Experimentalphysik 4. Abb. 5.30)

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Eine Verbesserung liefert das in der Kernphysik gebräuchliche Woods-
Saxon-Potential (Potentialkasten mit Tiefe V0 und Radius r0 sowie mit
abgerundeten Kanten)

V(r) = - V0 / [ 1 + exp {(r – r0)/b} ],

das aber nur numerisch behandelt werden kann.


(Demtröder: Experimentalphysik 4. Abb. 5.25)

Tatsächlich muss auch hier – wie in der Atomphysik – die Spin-Bahn-Wechselwir-


kung durch ein effektives Potential

Veff(r) = V(r) + Vls(r) l s

berücksichtigt werden. Dabei erhält man ganz analog das Ergebnis, dass Zustände
mit j = l+1/2 gegenüber denen mit j = l-1/2 energetisch angehoben werden.

FOLIE: zeigt die Nukleonenzustände, die sich so ergeben und die magischen
Zahlen richtig wiedergeben.
Darunter sind die Energieniveaus in einem Neutronentopf mit N n = 82
dargestellt. Beachtenswert sind die Energielücken, die immer nach Ab-
schluss einer Schale entstehen. Darunter liegt ein „Band“ relativ eng
beieinander liegender Energieniveaus. Tatsächlich bildet sich bei relativ
schweren Kernen mit entsprechend großer Nukleonenzahl eine solche
„Energiebandstruktur“ heraus.
(Demtröder: Experimentalphysik 4. Abb. 5.32, 5.33)

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