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Gregor Kritidis »Irgendwann nehmen die Tränen Rache«
Zur Renaissance des Anarchismus in Griechenland
»Meine Seele verkaufe ich nicht, und ich ziehe meines Weges.« Nikolas Asimos

Mitte der 1990er Jahre begann das lange Ende der »Metapolitevsi«, wie die gesellschaftliche Ordnung seit dem Sturz der Diktatur 1974 in Griechenland genannt wird. Mit dem Tod des Vorsitzenden der PASOK , Andreas Papandreou, und dem Aufstieg des ›Reformers‹ Kostas Simitis in die Partei- und Regierungsspitze 1996 wurde der neoliberale Block in Griechenland hegemonial. Zwei Ereignisse kurz zuvor verweisen auf die neue Dynamik des sozialen und politischen Widerstands gegen diese Entwicklung: Unabhängig von den traditionellen Genossenschaften und Bauernverbänden blockierten im Herbst 1995 Landwirte die Nationalstraßen und hielten wochenlang die Öffentlichkeit in Atem. Außerdem kam es im November 1995 im Zusammenhang mit der jährlichen Demonstration zum Gedenken an die Niederschlagung der Studentenrevolte gegen das Obristenregime – am 17. November 1973 hatte die Junta die besetzte Polytechnische Hochschule im Zentrum Athens mit Panzern stürmen lassen und ein Blutbad unter den Besetzer/innen angerichtet – zu stundenlangen Straßenschlachten in der Hauptstadt. Sondereinheiten der Polizei stürmten das erneut besetzte Polytechneio und verhafteten über 500 jugendliche Aktivisten. Angesichts des »universitären Asyls«, das seit 1974 der Polizei das Betreten des Campus nur mit Einwilligung der universitären Selbstverwaltungsorgane gestattet, stellte dieser Einsatz einen unerhörten Tabubruch dar. In der medialen Öffentlichkeit zeigte man sich von der Zahl der verhafteten »Randalierer« überrascht. Bis dato galten die »Koukouloforoi« (Kapuzenträger) genannten Anarchist/ innen als marginale Subkultur; einige Kommentatoren hatten dieses Phänomen gar mit steigenden Scheidungszahlen in Verbindung gebracht, woraufhin anarchistische Gruppen ihre Flugblätter mit »Kinder aus kaputten Familien« unterzeichneten. Als Aktivist/innen auf dem Dach der besetzten Panteion-Universität die griechische Fahne einholten und verbrannten, gab es einen kollektiven Aufschrei des Establishments: Was sollte man von einer Jugend halten, der nichts heilig zu sein scheint und die alle traditionellen Werte und Überzeugungen mit Füßen tritt? Die Dezember-Revolte und ihre Deutung An diesem Reaktionsmuster hat sich auch mit der Revolte 2008 im Prinzip nichts geändert, wobei die These von einer »unbedeutenden und irregeleiteten Minderheit« diesmal kaum überzeugen konnte. Zu groß war die Beteiligung an den DezemberDAS ARGUMENT 289/2010 ©

2 Dementsprechend nahm die Mehrheit der griechischen Bevölkerung – wie Meinungsumfragen dokumentieren – die Dezember-Ereignisse auch als eine »soziale Rebellion« bzw. multinationale Firmen und Zeitungsredaktionen sowie zu Plünderungen von Einkaufszentren und Luxusgeschäften. Die Staatsanwaltschaft sieht es für erwiesen an. dass er trotz Rückzugsbefehls »in ruhiger Verfassung« die Pistole gezogen und zwei Schüsse auf das Opfer abgefeuert habe. Theatern und weiteren öffentlichen Einrichtungen (vgl. Die Revolte war auch keineswegs auf die städtischen Arbeiterbezirke beschränkt. Teilnehmer/innen an den Protesten. wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. dass bei Weitem nicht alle Demonstrierenden an militanten Aktionen beteiligt waren und jeden Angriff befürworteten.»Irgendwann nehmen die Tränen Rache« 827 Aufständen und die Zahl derjenigen. Die Verteidigung hatte argumentiert. Ihr unmittelbarer Auslöser – die Erschießung des Schülers Alexandros Grigoropoulos am 6. es aber eine allgemeine »Akzeptanz der Gewalt« gab. Agence France Press zit. Dreis 2008a). z. Dezember 2008 – ereignete sich bei dem Einsatz einer Sondereinheit der politischen Polizei mitten im Athener Szeneviertel Exarchia. ein 38-jähriger Polizist. die weit über den sogenannten »schwarzen Block« hinausreichte (vgl. an dessen Rand das traditionsreiche Hauptgebäude der Polytechnischen Hochschule liegt. zu Attacken auf Ministerien. 2 Während der Aufstände im Dezember 2008 fanden sowohl zwei eintägige Generalstreiks gegen die Wirtschafts. das Opfer sei von einem Querschläger getroffen worden. Dabei kam es zu gezielten Angriffen auf Polizeistationen. Trotz aller Diffamierungsversuche kamen auch einige Politiker der herrschenden Parteien nicht umhin. Mentinis 2010). DAS ARGUMENT 289/2010 © . selbst in eher »bürgerlichen« Vororten Athens griffen Schüler/innen Polizeiwachen an.B. Ein zweiter Polizist wurde als Mittäter verurteilt. In verschiedenen städtischen Behörden kam es zu Arbeitsniederlegungen. der Entwaffnung der Polizei und einer Reform des Bildungssystems. Rundfunkstationen. Dimítris 1 Im Oktober 2010 wurde der Täter. die in diesem Bezirk traditionell stark verankert sind.und Sozialpolitik der Regierung als auch mehrere kleinere spontane Streiks in Solidarität mit dem Toten und den Aufständischen statt. So verkündete der konservative Ex-Bürgermeister von Athen. Es folgte die Besetzung von 700 Schulen und 140 Hochschulfakultäten. die zum größeren Teil schon lange keine politischen Aktionen mehr erlebt hatten.1 Während die ersten Demonstrationen in Reaktion auf den Tod des 15-Jährigen von organisierten linksradikalen und anarchistischen Gruppen ausgingen. einen »Volksaufstand« wahr (Mavris 2008. heben hervor.n. Die Gewerkschaften der Lehrer und Universitätsangestellten solidarisierten sich mit den aufständischen Schüler/innen und Studierenden und ihren Forderungen nach dem »Rücktritt der Mörderregierung«. Bratsis 2010). anderswo mehrere Zehntausend Menschen umfassten. die mancherorts nur einige wenige Hundert. die mit ihnen sympathisierten. wurde der Konflikt dann erheblich ausgeweitet. Thessaloniki und Iraklion. breiteten sich die wütenden antistaatlichen Proteste innerhalb von weniger als zwei Tagen auf mehr als ein Dutzend griechischer Städte und Inseln aus. weil sich die Angestellten an Massenprotesten und Streiks beteiligten. die neue Qualität der militanten Proteste anzuerkennen. die in den städtischen Zentren bis zum Jahresende anhielt. mehreren Rathäusern in Athen. In der zweiten Phase des Aufstandes.

von denen vielen aufgrund ihres »illegalen Status« die Abschiebung droht. Sravros Stavrides (2010).828 Gregor Kritidis Abramópoulos. Was sie bei aller Unterschiedlichkeit einigt – neben den schlechten Berufsaussichten und den negativen Erfahrungen mit dem Bildungssystem –. Kyriakopoulos 2008. der zumindest für eine kurze Zeit vor allem junge Menschen verschiedener sozialer und kultureller Herkunft im Widerstand gegen die als unerträglich empfundenen gesellschaftlichen Verhältnisse und Zukunftsaussichten zusammengeführt hat. Jugendliche aus der Mittelschicht mit Jugendlichen aus armen Familien und Griechen mit Migranten zusammengebracht habe. Soziologe an der Universität der Ägäis (Mytillini). Zum ersten Mal in der Geschichte Griechenlands habe sich eine Grenzen überschreitende Jugendbewegung formiert. während andere einen Keil zwischen einheimische und ausländische Revoltierende zu treiben suchten. die in der Verweigerung von direkten Verhandlungen mit der Staatsmacht und der Forderung nach radikalen Veränderungen aller Lebensbereiche zum Ausdruck komme. zum anderen der klassenübergreifende Charakter der Revolte. die bislang zum Thema erschienen sind (vgl. der sich schon lange vor der im Herbst 2008 ausgebrochenen Finanzkrise zeigte und auch die Linksparteien betraf. Architekturprofessor an der Polytechnischen Hochschule in Athen. Dabei geht es ihm weniger um eine unkritische Idealisierung der tagelangen Belagerungen der innenstädtischen Zentren als Akte der (Wieder-)Aneignung des weitgehend kommerzialisierten Raums (ein Slogan lautete »Die Straße ist unsere Bühne. Petropoulou 2010. wiederum plädiert dafür.3 Die meisten Einschätzungen und Analysen von griechischen Linken und Sozialwissenschaftler/innen. Masouridou 2009). Sotiris 2010). sondern als originäre neue soziale Bewegung. Kouvelakis 2008. sondern um die Stadt bzw. die zwar massenhaft gebrandschatzt.a. es müsse nun vor allem darum gehen. das »Recht auf Stadt« (Lefèbvre 1968) gekämpft wurde. bei der nicht nur in der Stadt. die Revolte unsere Kunst«).n. die noch schlimmer seien als die einheimischen »Kapuzenträger«. DAS ARGUMENT 289/2010 © . als vielmehr um die Anerkennung der zahlreichen und zum Teil diffusen Versuche 3 Anscheinend hat sich die griechische Polizei bei den Festnahmen während der Unruhen auf jugendliche Migrant/innen konzentriert. Studierende mit jungen Arbeiter/innen und Erwerbslosen. »die Anarchisten von den Schülern und Studenten zu trennen« (zit. interpretiert die Aufstände in Abgrenzung zu den Riots in den französischen Vorstädten nicht nur als eine Rebellion. sich aber wenigstens nicht persönlich bereichert hätten (Mentinis 2010). Anastasopoulos 2008. u. sei eine zutiefst antisystemische Haltung. die Gymnasiast/innen mit Berufsschülern. Sie sollen zwei Drittel der etwa 350 Verhafteten ausmachen (vgl. eine Woche nach dem Beginn der Aufstände. die den Dezember-Ereignissen eine besondere Sprengkraft verliehen haben: zum einen der tiefgreifende Legitimationsverlust des gesamten politischen Systems in großen Teilen der griechischen Bevölkerung. betonen übereinstimmend zwei Aspekte. Panagiotis Sotiris. die Dezember-Aufstände als eine »urbane Revolte« zu sehen. In einigen Zeitungen wurden »plündernde Immigranten« zu den wahren »gefährlichen Klassen« erklärt. Dreis 2008b).

noch bei ihren Eltern wohnen müssen. des kollektiven Austauschs und der Entwicklung konkreter Utopien für einen anderen städtischen Alltag jenseits von Leistungsdruck. muss zum Teil horrende Mieten bezahlen.B. mit Besetzungen und Versammlungen in ihrem unmittelbaren Umfeld Orte der Begegnung.»Irgendwann nehmen die Tränen Rache« 829 der Aufständischen. Auch Chryssanthi Petropoulou (2008 u. Flüchtlinge und Arbeitsmigranten) unter zum Teil miserablen Wohnbedingungen4. Immobilienspekulation und schnellem Wachstum auf Kosten der Umwelt) auf die Lebensqualität in Großstädten. Während die marxistisch geprägte Linke in den letzten Jahren an Anhängerschaft verloren hat. individuellem Konsum und permanenter sozialer und staatlicher Kontrolle zu schaffen. konzentrieren sich v. den Verkehr. den städtischen Alltag und damit räumliche Fragen der Reproduktion der sozialen Verhältnisse berühren. Trotzdem litten vor allem die Bewohner/innen der ärmeren Innenstadtviertel im Norden und Nordwesten Athens (darunter viele Roma. Wer nicht zu den über 70 Prozent der Bevölkerung gehört. die über Häuser oder Eigentumswohnungen verfügt oder von Verwandten Wohnraum überlassen bekommt. betont den negativen Einfluss neoliberaler urbaner Entwicklungskonzepte (basierend auf Privatisierung.2008. vor deren Hintergrund die Dezember-Unruhen erst verständlich würden. Rolle und Ausrichtung der anarchistischen Bewegung Auch jenseits der Dezember-Unruhen könnte man die anarchistischen Bewegungen historisch und aktuell als urbanes Phänomen betrachten. ist insgesamt eher wenig über ihre soziale Zusammensetzung.5 Es seien neben der Empörung über die wachsenden Zumutungen des Arbeitsmarktes und den Rückbau sozialstaatlicher Absicherung daher vor allem die Fragen. 11. z. die von Polizeivertretern auch »Aktion Besen« genannt werden. dass viele junge Erwachsene. Verdichtung. womit ihr »Recht auf Stadt« permanent in Frage gestellt werde. Spiegel Online. wo Universitäten und eine spezifische urbane Infrastruktur (noch) ein gewisses Maß an Freiräumen und Entfaltungsmöglichkeiten bieten. 9. zieht es immer mehr junge Menschen in den Städten in das anarchistische Lager. selbst Dreißigjährige. Dies führt häufig zu Überbelegungen und dazu. Zumindest sind sie heute dort präsent. auf das Athener Zentrum und das Stadtviertel Agios Panteleimonas.a. Zwar weisen Athen oder Thessaloniki aufgrund einer spezifischen Geschichte der Stadtplanung eine weniger starke ethnische und soziale Segregation auf als andere vergleichbare europäische Metropolen. Konkurrenz.12. 5 Diese Schikanen.2008). DAS ARGUMENT 289/2010 © . taz. Obwohl im In. die das Wohnen. ihr politisches und kulturelles Selbstverständnis sowie ihre 4 Die Wohnraumversorgung in griechischen Städten basiert auf privat genutztem Eigentum. Dozentin für Stadtplanung an der Universität von Thessaloniki. die Freizeitgestaltung. Aswestopoulos 2009). einem Mangel an öffentlicher Infrastruktur sowie unter den ständigen Schikanen der Polizei.12. 6 Auch in deutschen Medien wird hin und wieder in einer seltsamen Mischung aus Abscheu und Bewunderung über die außergewöhnliche Organisiertheit und »Schlagkraft« der griechischen Anarchist/innen berichtet (vgl.und Ausland gerne über die besondere Militanz der »griechischen Autonomen« räsoniert wird6. 2010). in dem die Wohnsituation besonders angespannt ist (vgl. die Bildung.

wurden Schulbesetzungen wiederholt zum Angriffsziel von Polizei und parastaatlichen faschistischen Gruppen. So hat die Staatsanwaltschaft vor kurzem versucht. Während das universitäre Asyl diese Aktionsform bis heute begünstigt. Einen historischen Bezugspunkt bildet zum einen die antifaschistische Partisanenbewegung ELAS .830 Gregor Kritidis Organisationsformen bekannt.7 Zum anderen wurzeln die neueren anarchistischen Strömungen im Aufstand der Studierenden gegen die Diktatur Anfang der 1970er Jahre. Obwohl diese immer wieder von rechten Angriffen. Mit ihrer Radikalopposition gegenüber Staat und Kapital haben sie jedoch in fast allen sozialen Kämpfen seit 1973 eine wichtige Rolle gespielt. dass der Rembetiko – eine populäre Musikrichtung.und Gewerkschaftsorganisationen der Linken ab und begannen.B. scheiterte jedoch daran. die auch für Übergriffe auf Migrant/innen bekannt sind. der mittlerweile zum vielleicht wichtigsten Medium zur Verbreitung politischer Ideen unter Jugendlichen geworden ist. mit neuen Aktionsformen zu experimentieren. 7 Die ELAS (Griechische Volksbefreiungsarmee) bildete den sozialrevolutionären Teil der griechischen Widerstandsbewegung. stehen häufig unter der Leitung ehemaliger Angehöriger der staatlichen Sicherheitsorgane und sind eine wichtige Form illegitimer Machtausübung. Es ist daher kein Zufall.8 Ähnliches erlebten Jugendliche und anarchistische Gruppen. die in den Innenstädten leerstehende Gebäude besetzten. gegen diese Zwänge aufzubegehren und sich zumindest temporäre Freiräume zu erobern. die mit Gewalt gegen die Protestierenden vorgingen und die Konflikte um das chronisch unterfinanzierte griechische Bildungssystem radikalisierten. konnten sich manche zu wichtigen Stützpunkten des sozialen Widerstands entwickeln. polizeilichen Razzien und Räumungen betroffen waren. mit Indymedia Athen die Internetplattform zum Austausch und zur Mobilisierung linksradikaler Gruppierungen abzuschalten. Eine neue Dynamik erhielt die populäre antiautoritäre (Sub-)Kultur zudem durch den Punk sowie später den Hip Hop. 8 Diese parastaatlichen Gruppen. dass die Seite auf dem Server des Polytechneio liegt. 221). Angesichts der Kommerzialisierung der städtischen Alltagskultur und des zunehmenden Leistungsdrucks im Bildungssystem wurden Besetzungen in den 1990er Jahren zum beliebten Mittel. um sich – vergleichbar mit der Jugendzentrumsbewegung in Deutschland – selbstverwaltete Orte der Kommunikation und Kultur zu schaffen. darunter auch Überläufer der in Griechenland eingesetzten deutschen »Strafdivision 999« wie z. die rechtsextreme »Chrisi Avgi«. mit der sich die städtischen Unterklassen ab den 1920er Jahren eine eigenständige Ausdrucksform schufen – in dieser Phase wiederentdeckt wurde.B. wie z. Nach Schätzungen gibt es in Griechenland etwa 100 solcher Initiativen und Zentren (Petropoulou 2010. ihr gehörten etwa 120 000 Kämpfer/innen an. DAS ARGUMENT 289/2010 © . Daneben spielen alternative Radiosender sowie Websites für die anarchistische Szene eine bedeutende Rolle. die oftmals als der »griechische Blues« bezeichnet wird. Auch diese sind wiederholt ins Visier der staatlichen Sicherheitsbehörden geraten. Insbesondere Schüler/innen und Studierende wandten sich bereits in den 1980er Jahren von den Partei. die während des Zweiten Weltkrieges gegen die faschistischen Besatzungstruppen und deren Kollaborateure kämpfte. Wolfgang Abendroth.

Hinzu kommen weitere Auseinandersetzungen um den öffentlichen Raum. die hauptsächlich aus Albanien. die auf den Ausbau von Internierungslagern und repressive Maßnahmen setzt. Bulgarien und der ehemaligen Sowjetunion. Zum einen gab das Ende des »real existierenden Sozialismus« der Suche nach neuen linken Orientierungen Auftrieb. keinen legalen Status hat (Aswestopoulos 2009). Die meisten arbeiten zu Hungerlöhnen im Tourismussektor. die in Athen im Zuge der Ausrichtung der Olympischen Spiele deutlich zugenommen hat (vgl. Ihre scharfe Kritik an dem exorbitant aufgeblähten Rüstungskomplex und die Unterstützung von Kriegsdienstverweigerern brachten sie – angesichts der bis heute anhaltenden Spannungen zwischen Griechenland und der Türkei – wiederum in direkte Konfrontation mit fast allen etablierten politischen Kräften und vor allem der Staatsmacht. DAS ARGUMENT 289/2010 © . sondern nicht zuletzt mit den besonders engen Verbindungen wichtiger Politiker mit der französischen bzw. Dass der hohe griechische Rüstungsetat – eine der Ursachen für die griechische Staatsschuldenkrise – nicht vorrangig dem Konflikt mit der Türkei geschuldet ist.»Irgendwann nehmen die Tränen Rache« 831 Inhaltlich gewannen anarchistische Strömungen anfangs mit ökologischen Themen und anti-militaristischen Kampagnen an Bedeutung. in diesem Zusammenhang kann der Einfluss der Ideen der zapatistischen Bewegung in Griechenland kaum hoch genug veranschlagt werden. aber auch aus afrikanischen Ländern oder Kriegsregionen wie Irak oder Afghanistan kommen. ist ein offenes Geheimnis. wo sich die einzige staatliche Anlaufstelle für asylsuchende Flüchtlinge befindet und die Zahl der »Undokumentierten« am größten ist. der in Ballungszentren aufgrund einer enormen Bautätigkeit 9 In Griechenland gibt es keine legale Möglichkeit der Kriegsdienstverweigerung.und Asylpolitik. Neben dem Widerstand an den Schulen und Universitäten gegen neoliberale Reformpläne wie die Zulassung von privaten Hochschulen oder die Abschaffung der Lehrmittelfreiheit hat zudem eine Reihe von ebenfalls außerhalb der Sphäre der Lohnarbeit angesiedelten lokalen Konflikten an Bedeutung gewonnen. in der Bauindustrie sowie in der Landwirtschaft. Anarchistische Gruppen gehörten zu den ersten. Dazu gehören die verstärkte Polizeipräsenz in von Migrant/innen und linken Subkulturen geprägten Vierteln sowie die Überwachung des städtischen Raums mit Kameras. Mit der verstärkten Zuwanderung in den 1990er Jahren verschärften sich zudem die sozialen Konflikte im städtischen Alltag – nicht zuletzt in Athen. Sie bieten ihnen praktische Unterstützung und Treffpunkte in ihren Räumlichkeiten an und mobilisieren gegen die regelmäßig stattfindenden rassistischen Angriffe von neofaschistischen Gruppen sowie gegen die inhumane staatliche Migrations. dass etwa die Hälfte der rund eine Million Migrant/innen. Stavrides 2008). deutschen Rüstungsindustrie zusammenhängt. die mit der in Deutschland vergleichbar wäre. die Betonung von egalitärer. Die schon in der Sprache ihrer Manifeste deutlich werdende Abkehr von leninistischen Organisationsprinzipien. genossenschaftlicher Selbstorganisation sowie ihre antistaatliche Ausrichtung fanden einen breiten Widerhall.9 Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks kamen weitere Einflüsse und Aktionsfelder hinzu. die sich mit den weitgehend rechtlosen Migranten und Flüchtlingen solidarisierten. Es wird geschätzt.

Dementsprechend haben die Abholzung von Parks. In Griechenland spielt der Staat eine zentrale Rolle in der Ökonomie. um ihn vor der Umwandlung in einen Parkplatz zu schützen (Petropoulou 2010). egalitären und ökologischen Ausrichtung ein heterogenes Feld lose zusammenhängender Initiativen.und Gesundheitswesens nach ihrer Regierungsübernahme 1981 wandelte sich der personale Klientelismus in einen (Massen-)Partei-Klientelismus. Zentren und Milieus. Ein wichtiger Referenzpunkt ist außerdem der in London lebende anarchistische Intellektuelle Takis Fotopoulos und dessen Konzept einer »Inclusive Democracy« (2003). Fotopoulos’ fundamentale Kritik der westlich-kapitalistischen Vergesellschaftung stellt eine bedeutende Aktualisierung libertären sozial-ökologischen Denkens dar. so hat sich eine anarchistisch inspirierte Gruppierung gegründet. Es ist 10 Wie weit sich der »Virus der sozialen Befreiung« (so der Name einer anarchistischen Website) mittlerweile verbreitet hat. antistaatlichen. Zusätzlich gehen viele öffentliche Bedienstete einer weiteren Beschäftigung nach und betreiben z. Etwa ein Fünftel der Griech/innen ist hier beschäftigt. DAS ARGUMENT 289/2010 © . die das freie Zelten jenseits kommerzieller Campingplätze propagiert. Die Popularität des Anarchismus unter deklassierten Bevölkerungsteilen als auch unter Mittelschichts. die Errichtung von Shopping-Malls und nicht zuletzt die versuchte Privatisierung von Strandabschnitten durch Einzäunungen in den letzten Jahren einen ungewöhnlich heftigen lokalen Widerstand ausgelöst. und zwar in doppelter Hinsicht. Mit der Entwicklung der PASOK zur Massenbewegung nach 1974 und dem Ausbau des Bildungs. In diesen Unternehmen arbeiten zumeist weitere Familienangehörige. belegt die Existenz einer sozialrevolutionären Gruppe innerhalb der orthodoxen Kirche. die soziale Selbstorganisation und »direkte Aktionen« propagieren. antirassistischen.832 Gregor Kritidis und Immobilienspekulation ohnehin begrenzt ist. 11 Obwohl die Stellen im öffentlichen Sektor in der Regel schlecht bezahlt sind. Zu Auseinandersetzungen mit den Behörden kommt es auch bei Formen alternativen Reisens. einen Handel mit Autoteilen oder eine Tischlerei. der häufig auch von linken Stadträt/innen und Bürgermeistern unterstützt wird.10 Insgesamt bildet die anarchistische Bewegung in Griechenland mit ihrer radikalen antimilitaristischen. Der Bewegung lassen sich keine eindeutig abgrenzbaren sozialen Gruppen zuordnen. Auch hierbei kam es zu gewalttätigen Zusammenstößen mit der Polizei.B. Sie beziehen sich auf Klassiker des Anarchismus wie Malatesta und Bakunin sowie auf Vordenker der ökologischen Bewegung wie Murray Bookchin oder rätekommunistische Strömungen wie »Socialisme ou Barbarie«. Kurz nach den Dezember-Aufständen besetzten Jugendliche im Athener Arbeiterviertel Kypseli wochenlang einen kleinen Park. sind sie für die Sicherung des Grundeinkommens enorm wichtig. Zum einen ist der öffentliche Sektor als Arbeitgeber von großer Bedeutung.und Arbeiterkindern erklärt sich nicht zuletzt aus deren spezifischen Erfahrungen mit einer besonders perfiden Kombination von auf Klientelismus gestützten Machtstrukturen und neoliberaler »Modernisierung«.11 Die politische Hegemonie der PASOK während der »Metapolitevsi« basierte vor allem auf der Reproduktion politischer Macht mit dem Mittel der Stellenvergabe.

und Rüstungswirtschaft von Bedeutung. 13 Interessanterweise gibt es in Griechenland ein Gesetz.13 Je schwächer die klientelistische Einbindung und damit die relative Autonomie der Parteien infolge der neoliberalen Politik wurden.12 Zum anderen ist der Staat als Auftraggeber für die Bau. Neben einer Umverteilungspolitik zugunsten des ohnehin privilegierten. an denen auch deutsche Großkonzerne wie Hochtief und Siemens beteiligt waren. 14 Siemens wird dabei vorgeworfen.und Fernsehsender Anfang der 1990er Jahre haben die Familiendynastien des Handelskapitals ihren Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung noch intensiviert. Mit der Hegemonie der neoliberalen Kräfte und der Regierungsübernahme der konservativen Nea Dimokratia 2004 wurde der Druck auf die Arbeiter/innen und Angestellten noch einmal drastisch verschärft.und Mediengruppen. welche die Peloponnes mit dem Festland verbindet. Charalambis 1981.und Handelskapitals sowie der Abhängigkeit Griechenlands von ausländischen Kapitalgruppen vgl.und Arbeitsschutzes). womit ein direkter Zugriff auf die Lohnabhängigen möglich war. die griechischen Regierungsparteien – PASOK und Nea Dimokratia – in den 1990er Jahren mit bis zu 100 Mio € »geschmiert« zu haben. Mit der Zulassung privater Radio. um die Reproduktionskosten der Ware Arbeitskraft zu senken. desto abhängiger wurde die politische Klasse von der Gunst privater Kapital. Die Vergabe von staatlichen Aufträgen ist so gut wie immer mit der Zahlung von Schmiergeldern und anderen Formen der Einflussnahme verbunden. international agierenden Reederei. Zu den Großprojekten gehörten der Ausbau der West-Ost-Autobahn von Igoumenitsa zur türkischen Grenze. Allerdings konnten die Privatisierung der staatlichen und kommunalen Unternehmen sowie die Entrechtung der dort Beschäftigten wegen des anhaltenden Widerstands der Gewerkschaften bis dato nur unvollständig realisiert werden. Dies leitete eine ökonomische Entwicklung ein.»Irgendwann nehmen die Tränen Rache« 833 darüber hinaus sehr bezeichnend. die Brücke Rio-Antirio.und Handelskapitals wurden staatliche Unternehmen privatisiert und der Arbeitsmarkt dereguliert (Abbau des Kündigungs. die Lohnabhängigen staatlich zu kontrollieren. haben historisch immer wieder zu Friktionen der Gewerkschaftsorganisationen geführt. der neue Athener Flughafen sowie die Attische Metro. So hat sich die GSEE seit ihrer Gründung wiederholt in eine »offizielle« und »inoffizielle« Richtung gespalten. Die Politik zielte auf die Etablierung eines neuen Arbeitsregimes. die sich gleichzeitig im Medienbereich engagieren oder familiäre Beziehungen dorthin haben. privater Sektor) und ADEDY (Oberste Leitung der Verbände öffentlich Bediensteter) lange Zeit die Mehrheitsfraktion stellen konnte. dass die PASOK als langjährige Regierungspartei mit dem Richtungsverband PASKE in den beiden großen Dachorganisationen der Gewerkschaften GSEE (Allgemeine Konföderation der Arbeiter Griechenlands. die überwunden geglaubte Abhängigkeitsverhältnisse erneuerte: Mit EU -Mitteln wurden gigantische Infrastrukturprojekte realisiert. Zur Bedeutung des Reederei. In 12 Die Versuche. In der Folge waren von der Verschlechterung der Arbeitsbedingungen lange Zeit hauptsächlich gewerkschaftlich nur schwach oder gar nicht organisierte Bereiche vor allem in der Privatwirtschaft betroffen und damit überdurchschnittlich viele junge Leute. das die Vergabe von öffentlichen Aufträgen an Unternehmen untersagt.14 Dieses von einer unmittelbaren Verflechtung von wirtschaftlichen und politischen Interessen geprägte Entwicklungsmodell setzte eine Ausdehnung des griechischen Staatskredits voraus. DAS ARGUMENT 289/2010 © .

dass im Dezember 2008 der Weihnachtsbaum – ein »Import« aus Mitteleuropa. was einen Passanten zu der Bemerkung veranlasste. einen ihrer Qualifikation entsprechenden Job zu finden (vgl. Und doch gibt es eine Rückbesinnung. Dazu gehören neben dem Großteil der Migrant/innen vor allem junge Leute. 15 So wurde 2007 der Sohn eines SYRIZA-Politikers wegen eines politisch motivierten Bankraubs verurteilt. deren Kehrseite eine zunehmende Politik der Repression bildet.«16 Es war daher von herausragender Symbolik. Diejenigen.15 Die Anarchist/innen richten sich gegen die Zerstörung von Gesellschaftlichkeit überhaupt. gegen eine Reduzierung des Menschen auf egoistische Privatinteressen und die warenförmige Zurichtung aller sozialen Beziehungen.834 Gregor Kritidis Griechenland spricht man in diesem Zusammenhang von der »Generation der 700 Euro«. die trotz abgeschlossenen Studiums häufig keine Aussicht haben. Allem Anschein nach sind es vor allem die jungen. Mehr als 30 Prozent aller 15. ein ›sich Sehnen nach Tiefgang. waren unter den Verhafteten die Kinder des stellvertretenden Parlamentspräsidenten. 16 Nachzulesen auf www. In den darauffolgenden Tagen wurde der Weihnachtsbaum ausgetauscht und von einer Hundertschaft der Sonderpolizei MAT bewacht. Sotiris 2010). einem Stadtteil nördlich von Piräus. Allein eine oberflächliche Betrachtung anarchistischer Plakatkunst sowie die unzähligen anarchistischen Websites lassen auf ein umfassendes technisches Know-how und damit einen hohen Ausbildungsgrad schließen. teilweise gut ausgebildeten Prekarisierten. Sie repräsentieren vornehmlich diejenigen. Allein in den letzten zehn Jahren ist daher eine halbe Million junger Griech/innen ins Ausland gegangen. während der Begriff der Prekarisierung erst seit der Dezember-Revolte stärker Eingang in die Debatte gefunden hat (vgl.html DAS ARGUMENT 289/2010 © . stelle jetzt aber gleich eine Hundertschaft für den Schutz einer Plastiktanne zur Verfügung. die jährlich wiederkehrenden Waldbrände zu verhindern. die sich in anarchistischen Gruppen organisieren. Die spöttisch nach dem Bürgermeister Athens benannte »Tanne des Kaklamanis« stand für die kapitalistische Konsumkultur schlechthin.bis 24-jährigen Griechen sind erwerbslos und leben unterhalb der Armutsgrenze (Eurostat 2010).moviemaze. dass der Anarchismus auch unter Jugendlichen aus Familien des politischen Establishments populär ist: Bei Polizeirazzien finden sich mitunter auch Kinder von Funktionären der PASOK und SYRIZA (Koalition der Radikalen Linken) unter den Verhafteten. die keinen Zugang zu den klientelistischen Netzwerken haben. das orthodoxe Weihnachtsfest kennt keinen Baum – auf dem Platz der Verfassung in der Hauptstadt zunächst mit Schlachtereiabfällen und Müll behängt und dann in Brand gesetzt wurde. die geblieben sind. In einer Rezension des Films Kleine Verbrechen schreibt Dimitrios Athanassiou: »Heute gehört die Jugendkultur Griechenlands in den Großstädten zu den schnelllebigsten und oberflächlichsten ganz Europas. und bei der Stürmung des anarchistischen Cafés Resalto 2009 in Keratsini. Balaouras 2008). Herzlichkeit und Echtheit‹. Die anarchistischen Strömungen sind einerseits eine Reaktion auf den sukzessiven Verzicht auf eine Integration der subalternen Schichten. Zudem gibt es Hinweise darauf. die Regierung sei zwar nicht in der Lage. schlagen sich häufig mit Gelegenheitsjobs und befristeten Verträgen durch.de/filme/2937/kleine-verbrechen.

an der Polytechnischen Hochschule. Von den im Parlament vertretenen Parteien verteidigte lediglich das Wahlbündnis SYRIZA . um die Desinformation in den und durch die Medien zu konterkarieren. Dagegen wollten die Anarchist/innen mit den massenhaften Besetzungen ihre Idee »befreiter Zonen« in die Praxis umsetzen. den Koukouloforoi die »Ohren zu streicheln«. Stavrides 2010). die sich während der Dezember-Revolte 2008 sowohl gegen die staatliche Repression als auch gegen die »Randalierer« gestellt hat. die sich 1990 von der KKE abgespalten hat) und der SYRIZA . eine Organisation. Aber selbst die Beziehungen zwischen SYRIZA und anarchistischen Strömungen sind angespannt. denen sie außerdem vorwerfen. die politische Willensbildung an die studentischen Vollversammlungen. Denn die Berichterstattung der Fernsehund Rundfunkstationen ist – von Ausnahmen abgesehen – weit davon entfernt. Auch bei den Besetzungen im Zuge der Dezember-Aufstände stießen die Fraktionen der radikalen Linken aufeinander. So rief die KKE nach dem Tod Alexandros Grigoropoulos ihre Anhänger in demonstrativer Abgrenzung zu allen anderen linken Organisationen zu einem eigenen Protestzug auf. Trotzkisten. ein DAS ARGUMENT 289/2010 © . Der Vorwurf seitens bürgerlicher Medien. Maoisten und ökologischen Gruppen. Besonders scharf grenzen sich die anarchistischen Gruppen von der ehemals »moskautreuen« KKE (Kommunistiko Komma Ellados) ab. »Forget ’68. der Neuformierung kapitalistischer Herrschaft nicht entschlossen genug entgegenzutreten.und Fernsehsendern. der Athener Wirtschaftshochschule und an der Theaterhochschule in Saloniki Menschen »aller Couleur« aus den angrenzenden Vierteln an den Vollversammlungen zu beteiligen. der mit dem Wiedererstarken des Anarchismus verbunden ist. die Anarchisten wollten die Universitäten zerstören. zeitweise die Zentren der Bewegung. fight now« – eine Parole. Ähnliches gilt für die zahlreich besetzten Rathäuser und andere öffentliche Gebäude. Neben den dauerhaften Besetzungen kam es im Dezember 2008 auch zu symbolischen Besetzungen von Radio. hat in dieser radikalen Öffnung der Institution Hochschule gegenüber der Gesellschaft seinen Kern. das heißt an eine universitäre Statusgruppe. die zeitweise zu »Nachbarschaftszentren« umgewandelt und in denen mit Formen lokaler Basisdemokratie experimentiert wurde (vgl. Dabei kristallisierten sich bei der Okkupation der Hochschulen. Deshalb versuchten sie. Daraufhin wurde ihnen von der KKE vorgeworfen. Ihre radikale Ablehnung von Hierarchien sowie von repräsentativen Formen politischer Vermittlung bringt sie auch in Opposition zu den traditionellen Linksparteien und Gewerkschaften. So haben einige Gruppierungen auf die Öffnung von SYRIZA gegenüber der Antiglobalisierungsbewegung seit Ende der 1990er Jahre mit dem Slogan »Ein anderer Krieg ist möglich« reagiert.»Irgendwann nehmen die Tränen Rache« 835 Die anarchistischen Gruppierungen begehren jedoch nicht nur gegen falsche neoliberale Versprechungen sowie gegen die staatlichen Institutionen und Machtapparate auf. die während der Dezember-Revolte sehr populär war – zeigt anschaulich den Bruch zwischen den Generationen innerhalb des linken Spektrums. anzubinden. bestehend aus Eurokommunisten. zwei politische Ansätze heraus: An der juristischen Hochschule in Athen versuchten Aktivist/innen der NAR (Neue Linke Strömung. die Aufständischen.

um möglicher Desinformation nicht noch den Schein von »Authentizität« zu ermöglichen.wordpress.20 Praktische Unterstützung aus der anarchistisch-studentischen Bewegung in Thessaloniki bekamen zu Beginn dieses Jahres auch mehrere Hundert ägyptische Fischereiarbeiter. Zwar gibt es Ansätze anarchosyndikalistischer Organisierung. dass auch sie – anders als in den Medien kolportiert – an dem Aufruhr beteiligt waren. die in einem nordgriechischen Dorf monatelang für höhere Löhne 17 Angesichts der Eigentumsverhältnisse im Medienbereich ist das wenig überraschend. bei der sich Aktivist/innen aus der Masse der prekär Beschäftigten zu Wort meldeten. die der Basisgewerkschaft der Reinigungskräfte und Hausangestellten angehört.org/artikel/ art_081209-141610 20 Vgl. private und staatliche Medien haben kritische Positionen weitgehend ausgegrenzt und zu einer Entpolitisierung der Öffentlichkeit beigetragen. ist ihre eigene Verankerung unter Arbeiter/innen und Angestellten noch gering.836 Gregor Kritidis Korrektiv politischer und ökonomischer Machtausübung zu sein. Damit wurde erstmalig der Anspruch der GSEE . die zum Anarchismus tendieren. nachdem auf die bulgarische Feministin und Arbeiterin Konstantina Kouneva. Neonazi – all das Gesindel arbeitet zusammen« und »Wenn die Lüge vorherrscht. Im Gegenteil.18 Schon aus Prinzip wird ihnen bei Besetzungen oder anderen Veranstaltungen der Zutritt verweigert. haben inzwischen eigenständige Gewerkschaften gegründet. Journalist/innen gelten als Propagandisten der herrschenden Eliten und werden Ziele von Attacken. Das gilt auch für die traditionell militanteste Fraktion in der GSEE . TV.19 Zudem kritisierten die Besetzer/innen die Korruption der Gewerkschaftsführung und ihre Distanzierung von der Revolte. Eines der wenigen Gegenbeispiele ist die wichtigste linksliberale Tageszeitung Eleftherotypia (»Freie Presse«) sowie der Internet-Fernsehsender TVXS. zwei Berufsgruppen. 19 Vgl. DAS ARGUMENT 289/2010 © . die PAME (Militante Arbeiterfront). Bislang überwiegen aber Solidaritätsaktionen mit denjenigen. nachdrücklich in Frage gestellt. die erste Erklärung der Besetzer/innen in deutscher Übersetzung: www. Motorradkuriere sowie Angestellte des Gastronomiegewerbes. Eine besondere Provokation für die traditionelle Arbeiterbewegung stellte darüber hinaus die mehrtägige Besetzung der GSEE -Zentrale in Athen dar. ein lebensgefährlicher Anschlag verübt worden war. die Gesamtheit der in der Privatwirtschaft tätigen Lohnabhängigen zu repräsentieren. 18 Die Slogans »Batsi (Bullen). So besetzten antiautoritäre Gruppen nach Weihnachten 2008 das Gebäude der Athener Verkehrsgesellschaft ISAP . Obwohl sich anarchistische Gruppen positiv auf die spanische CNT (Confederación Nacional del Trabajo) oder die us-amerikanische IWW (Industrial Workers of the World) beziehen. wird das Aussprechen der Wahrheit zur revolutionären Tat« bringen die Position der Anarchisten gegenüber den Medien zugespitzt auf den Punkt. Dort findet sich auch eine deutsche Version der Erklärung der Besetzer/innen. http://katalipsihsap. die von den etablierten Interessenorganisationen in der Regel nicht vertreten werden.fau.com. um deutlich zu machen.17 Dieser Funktionswandel der Medien hat bei den anarchistischen Gruppen zu einer kategorischen Ablehnung des Medienbetriebs geführt.

jenseits der bisherigen ideologischen Fixierungen nach neuen Wegen zu suchen und bestehende Gräben innerhalb der Linken zu überwinden. Die Spaltung der Linken wird daher auf absehbare Zeit der größte Trumpf der regierenden PASOK bleiben. Inwieweit sich daraus ein verallgemeinerbares politisches Konzept entwickeln kann. Angesichts des Übergewichts einer regierungskonformen Medienberichterstattung liegt das politische Deutungsmonopol eindeutig auf Seiten der Eliten. 21 Vgl. angreifbar. könnte nur eine kooperierende Linke die politischen und ökonomischen Machtpositionen der Eliten erschüttern. haben die Gewerkschaften zwar Generalstreiks mit breiter Beteiligung organisiert. in der sich die verschiedenen linken Gruppierungen über gemeinsame und differierende Positionen verständigen. dass die konservative Nea Dimokratia die Macht verlor. 13 Sitzen im Parlament vertreten. Immer mehr Menschen jedoch tendieren zu eigenständigem und selbstorganisiertem politischen Handeln. Die anarchistische Strömung stellt bislang den dynamischsten und militantesten Teil der antikapitalistischen Kräfte. Nach einem klaren Wahlsieg im Oktober 2009 regiert nun wieder die PASOK mit absoluter Mehrheit (160 von 300 Abgeordneten). Zwar haben die Aufstände von 2008 sowie die 2009 anhaltenden Kämpfe in Form von zahlreichen Generalstreiks und Großdemonstrationen maßgeblich dazu beigetragen.21 Bei diesen und anderen Anlässen kam es zumindest temporär zu einer Zusammenarbeit von libertär und internationalistisch orientierten Gruppierungen wie dem »Netzwerk für Politische und Soziale Rechte« und traditionellen linken Organisationen wie der kommunistischen PAME . Darüber hinaus gibt es jedoch kaum Anzeichen. hierzu einen Bericht aus der Zeitschrift Wildcat. die fast in allen politischen Organisationen vertreten sind. Auch KKE und SYRIZA sind mit 21 bzw. dabei aber den Rahmen symbolischen Protests kaum überschritten. Da die Regierung Papandreou über die formale demokratische Legitimation verfügt und darüber hinaus die Rückendeckung der EU genießt. gibt es jedoch allenfalls in Ansätzen. dass sich die Kluft zwischen den linken und linksradikalen Strömungen überwinden ließe. Während die Parlamentsfraktionen von KKE und SYRIZA weiterhin von einer effektiven Einflussnahme auf die Regierungspolitik ausgeschlossen sind. April 2010.»Irgendwann nehmen die Tränen Rache« 837 und sichere Arbeitsbedingungen streikten. Gleichzeitig macht sie sich durch diejenigen Gruppierungen an ihrem Rand. Die Krise des politischen Systems hat sich jedoch infolge der unter Druck der EU und des IWF verabschiedeten drakonischen Kürzungspakete zur Abwendung des Staatsbankrotts erheblich verschärft. Der »Kampf gegen den Terror« ist auch in Griechenland ein zentrales staatliches Instrument zur Delegitimierung jeglicher Systemopposition und zur Rechtfertigung von Formen extralegaler Gewaltausübung durch die Polizei. DAS ARGUMENT 289/2010 © . die Formen individueller Gewalt propagieren. hängt vom Einfluss der dissidenten Gruppen ab. und von ihrer Fähigkeit. Eine Gegenöffentlichkeit.

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