DIE KADRIERUNG DER MACHT

BEI DAVID LYNCH
Seminar: Michel Foucault Sommersemester 2010 entstanden bei: Prof. Dr. Winfried Marotzki von Christopher Könitz

Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 2 Foucaults Begriff der Macht
2.1 Überwachen und Strafen 2.1.1 Fragestellung und Methodik 2.1.2 Was ist Macht? 2.1.3 Disziplinen und Wissen 2.1.4 Der Panoptismus als Technologie der Disziplinarmacht 2.2 Sexualität und Wahrheit. Band 1: Der Wille zum Wissen 2.2.1 Die Repressionshypothese als Ausgangspunkt 2.2.2 Sex und Diskurs 2.2.3 Perversion und Sexes 2.2.4 Ein neuer Machttyp - das Dispositiv 2.3 Kritik 1 2 2 2 3 4 5 6 6 7 8 9 11 12 12 13 15 15 15 16 18 19

3 Methodik
3.1 Das neoformalistische Filmanalysemodell nach Bordwell/Thompson 3.2 Im Blickpunkt der Macht: David Lynch

4 Die Kadrierung der Macht bei David Lynch
4.1 Der Elefantenmensch 4.1.1 Story 4.1.2 Charaktere 4.1.3 Narrationsstruktur 4.1.4 Setting und Licht

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4.1.5 Acting 4.1.6 Kostüme 4.1.7 Kinematographie 4.1.8 Editing 4.1.9 Sound 4.2 Machtstrukturen in „Der Elefantenmensch“ 4.2.1 Körperliche Gewalt und Blick 4.2.2 Disziplinierung 4.2.3 Die Macht der Institution 4.2.4 Die Menschwerdung von Merrick im Film 4.3 Mulholland Drive 4.3.1 Story 4.3.2 Charaktere 4.3.3 Narrationsstruktur 4.3.4 Setting und Licht 4.3.5 Acting und Kostüme 4.3.6 Kinematographie 4.3.7 Editing 4.3.8 Sound 4.3.9 Gefühl und Realität als audiovisuelles Muster 4.4 Machtstrukturen in Mulholland Drive 4.4.1 Das System „Hollywood“ oder: Die Disziplinierung von Adam 4.4.2 Betty und Diane – Macht und Ohnmacht 4.5 Vergleich der Machtstrukturen 4.5.1 Der Wandel der Disziplinarmacht 4.5.2 Subjekt und Anerkennung

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5 Zusammenfassung und Fazit
5.1 Zusammenfassung 5.2 Diskussion der Ergebnisse 5.2.1 Die Unterwerfung als Voraussetzung für die Subjektwerdung 5.2.2 Macht und Anerkennung 5.3 Ausblick – Der foucault'sche Machtbegriff im pädagogischen Kontext

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6 Quellenverzeichnis
6.1 Literatur 6.2 Film- und Bildquellen

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1 Einleitung

„No hay banda! [...] Es gibt keine Band. Dies ist alles eine Bandaufnahme […] und dennoch hören wir eine Band“ (vgl. Lynch 2001, 01:40:47). In diesem Zitat aus dem Film „Mulholland Drive“ von David Lynch (2001) wird deutlich, wie sehr sich Lynch darauf versteht, die Illusionen des Alltags zu brechen und Zuschauer im Film wie auch außerhalb des Films zu irritieren. Es stellt sich hierbei die Frage, was für den Menschen wirklich ist und was nicht bzw. was er er als wirklich denkt. Doch wie kommt es zu diesen Wirklichkeiten? Diese Arbeit nutzt zur Beantwortung dieser Frage die machttheoretische Position von Michel Foucault, um diese Frage zu klären. Daher werde ich im ersten Teil der Arbeit die beiden Werke Überwachen und Strafen (Foucault 2008) und Sexualität und Wahrheit – Der Wille zum Wissen (Foucault 2008a) vorstellen und zentrale Begriffe herausarbeiten. Abschließend möchte ich im ersten Teil reflektieren, was Foucault in beiden Werken formuliert und wie diese einzuordnen sind. Daran anschließend werde ich auf die Methodik der Arbeit eingehen. Hierbei werde ich das Filmanalysemodell von David Bordwell und Kristina Thompson (2008) vorstellen und einen methodologischen Anschluss zu Foucaults Werken herstellen. Zudem möchte ich mit Blick auf das filmische Schaffen von David Lynch meine Filmauswahl begründen. Im Hauptteil der Arbeit werde die ausgewählten hinsichtlich ihres Inhalts und ihrer Form nachdem Filmanalysemodell analysieren und damit die Machtstrukturen herausarbeiten. Dadurch wird es möglich die Machtstrukturen vergleichbar zu machen. Nach dem Vergleich werde ich die Ergebnisse der Arbeit in einem Fazit zusammenfassen und Reflektieren. Hierbei soll zudem auch die pädagogische Bedeutung von Foucaults Theorie über Macht herausgestellt werden.

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2 Foucaults Begriff der Macht
Im Folgenden möchte ich die für diese Arbeit zentralen Werke „Überwachen und Strafen“ (Foucault 2008) und „Sexualität und Wahrheit. Band 1: Der Wille zum Wissen“ (Foucault 2008b) hinsichtlich der Definition und Entwicklung des Machtbegriffs von Michel Foucault vorstellen. 2.1 Überwachen und Strafen 2.1.1 Fragestellung und Methodik Das Werk „Überwachen und Strafen“ leitet Foucault mit einer genealogischen Fragestellung ein: „Thema dieses Buchs ist eine Korrelationsgeschichte der modernen Seele und einer neuen Richtgewalt. Eine Genealogie des heutigen Wissenschaft/Justiz-Komplexes, in welchem die Strafgewalt ihre Stützen, ihre Rechtfertigungen und ihre Regeln findet, ihre Wirkungen ausweitet und ihre ungeheure Einzigartigkeit maskiert“ (Foucault 2008, 725). Zur Erfassung und Rekonstruktion der „modernen Seele im Strafurteil“ entwirft Foucault in seiner Analyse vier allgemeine Regeln: „1. Die Analyse der Strafmechanismen soll nicht in erster Linie an deren ‚repressiven‘ Wirkungen als ‚Sanktionen‘ ausgerichtet sein, sondern sie in die Gesamtheit ihrer positiven Wirkungen, auch der zunächst marginal erscheinenden, einordnen. Die Bestrafung soll demnach als eine komplexe gesellschaftliche Funktion betrachtet werden“ (Foucault 2008, 725-726). Mit diesem ersten Punkt umreißt Foucault bereits seinen Machtbegriff, der nicht als Herrschaft gedacht wird, sondern als produktive Macht bzw. als Mikrokosmos der Macht. Zugleich beschränkt er seine Analyse auf das Justizsystem und die Entwicklung der Strafen als Techniken: „2. Die Strafmethoden sollen nicht als bloße Konsequenzen aus Rechtsregeln oder Indikatoren von Gesellschaftsstrukturen analysiert werden; vielmehr als Techniken, die im allgemeineren Feld der übrigen Gewaltverfahren eine Eigenart haben. Die Bestrafungen sind in der Perspektive der politischen Taktik zu betrachten“ (Foucault 2008, 726).

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Neben der Betrachtung dieser Techniken betrachtet Foucault auch das Entstehen anderer Disziplinen, wie die Medizin und die Psychologie, und untersucht ob und wie diese im Zusammenhang mit der Entwicklung des juristischen Systems in Verbindung stehen: „3. Die Geschichte des Strafrechts und die Geschichte der Humanwissenschaften sollen nicht als zwei getrennte Linien behandelt werden, deren Überschneidung sich auf die eine oder andere oder auf beide störend oder fördernd auswirkt. Vielmehr soll untersucht werden, ob es nicht eine gemeinsame Matrix gibt und ob nicht beide Geschichten in einem einzigen ‚epistemologisch-juristischen‘ Formierungsprozess hineingehören. Die Technologie der Macht soll also als Prinzip der Vermenschlichung der Strafe wie auch der Erkenntnis des Menschen gesetzt werden.“ (Foucault 2008, 726) Im Zuge dieser Vermenschlichung der Strafen fragt Foucault abschließend, wie sich durch diesen Wandel das Verhältnis zwischen Macht, Körper und Seele verändert habe: „4. Die Seele tritt auf die Bühne der Justiz, und damit wird ein ganzer Komplex ‚wissenschaftlichen‘ Wissens in die Gerichtspraxis einbezogen. Zu untersuchen ist, ob dies nicht dadurch bewirkt wird, daß sich die Art und Weise, in welcher der Körper von den Machtverhältnissen besetzt wird, transformiert hat“ (Foucault 2008, 726). Ausgehend von diesen vier Analyseschwerpunkten Foucaults, möchte ich im folgenden klären, was Macht nach Foucault ist, welche Technologien zum tragen kommen, welche Rolle hierbei die Disziplinen und das Wissen spielen und wie durch diese Elemente der Zugriff auf die Seele ermöglicht wird. 2.1.2 Was ist Macht? Ausgehend von den peinlichen Strafen, die Foucault sehr plastisch anhand einer Folterprozedur beschreibt (vgl. Foucault 2008, 705f), stellt sich für ihn die Frage, wieso am Ende des 18. Jahrhunderts eine Strafmilderung in den Rechtssystemen Europas einsetzte (vgl. Foucault 2008, 710). Den Grund für die Veränderung der Strafen, sieht Foucault weniger in der humanistischen Idee, sondern vielmehr als eine Zieländerung bzw. einer Verschiebung der Ziele in den Strafoperationen (vgl. Foucault 2008, 719). Diese Verschiebung bestehe darin, dass das Strafsystem nicht mehr den Körper, sondern die Seele des Einzelnen im Blick habe:

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„Der Sühne, die dem Körper rasende Scherzen zufügt, muß eine Strafe folgen, die in der Tiefe auf das Herz, das Denken, den Willen, die Anlagen wirkt. Ein für allemal hat Mably das Prinzip formuliert: ‚Die Strafe soll, wenn ich so sagen darf, eher die Seele treffen als den Körper‘“ (Foucault 2008, 719). Mit Blick auf diese Feststellung, stellt Foucault in Bezug auf die Macht heraus, dass Macht keine Sache sei, die man besitzen könne, sondern vielmehr eine Strategie: „Diese Macht ist nicht so sehr etwas, was jemand besitzt, sondern vielmehr etwas, was sich entfaltet; nicht so sehr das erworbene oder bewahrte ‚Privileg‘ der herrschenden Klasse, sondern vielmehr die Gesamtwirkung ihrer strategischen Positionen – eine Wirkung, welche durch die Position der Beherrschten offenbart und gelegentlich erneuert wird. Andererseits richtet sich diese Macht nicht einfach als Verpflichtung oder Verbot an diejenigen, welche ‚sie nicht haben‘; sie sind ja von der Macht eingegrenzt, die Macht verläuft über sie und durch sie hindurch; sie stützt sich auf sie, ebenso wie diese sich in ihrem Kampf gegen sie darauf stützen, daß sie von der Macht durchdrungen sind.“ (Foucault 2008, 729). Diese Durchdringung der Macht wird nach Foucault durch die Disziplinen realisiert, die sich zwischen dem 17. Und 18. Jahrhundert formieren und weiterentwickeln. 2.1.3 Disziplinen und Wissen Unter dem Begriff der Disziplin versteht Foucault zunächst ein komplexes Machtsystem: „Die ‚Disziplin‘ kann weder mir einer Institution noch mit einem Apparat identifiziert werden. Sie ist ein Typ von macht; eine Modalität der Ausübung von Gewalt; ein Komplex von Instrumenten, Techniken, Prozeduren, Einsatzebenen, Zielscheiben; sie ist eine ‚Physik‘ oder eine ‚Anatomie‘ der Macht, eine Technologie“ (Foucault 2008, 922). Foucault stellt fest, dass die Justiz als Machtsystem sich im zunehmenden Maße die Humanwissenschaften wie die Medizin, die Psychologie oder die Pädagogik zu nutze mache (vgl. Foucault 2008, 933f). Das habe zum einen den Effekt, dass sich Wissen formieren und sich die Macht in den Disziplinen gegenseitig steigern würde. Zum anderen würde dieses Wissen dazu benutzt werden, um fallorientiert disziplinieren zu können. Foucault spricht daher von einem Disziplinarindividuum als Zielscheibe dieser Macht (vgl. Foucault

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2008, 934). Durch diese Mehrung und den Einsatz des Wissens der Disziplinen ist nach Foucault die Unterwerfung, die gleichsam Subjektivierung ist, erst möglich: „Die Disziplinen treten damit über die Schelle der ‚Technologie‘. Zunächst das Spital, dann die Schule, noch später die Werkstatt: sie sind durch die Disziplinen nicht einfach ‚in Ordnung gebracht‘ worden; vielmehr sind sie dank ihnen solchermaßen zu Apparaten geworden, daß jeder Objektivierungsmechanismus darin als Subjektivierung-/Unterwerfungsinstument funktioniert und das jede Machtsteigerung neue Erkenntnisse ermöglicht“ (Foucault 2008, 930-931). Daher denkt Foucault das Subjekt machtförmig. Erst durch seine Unterwerfung unter die Disziplinen, kann es eine Machtsteigerung erfahren. Daher handele es sich bei Macht um einen zweifachen Prozess: „Es handelt sich also um einen zweifachen Prozeß: um eine epistemologische Enthemmung aufgrund einer Verfeinerung der Machtbeziehungen und um eine Verfeinerung der Machtwirkungen und um eine Vervielfältigung der Machtwirkungen dank der Formierung und Anhäufung neuer Kenntnisse“ (Foucault 2008, 931). 2.1.4 Der Panoptismus als Technologie der Disziplinarmacht Bei der Durchsetzung der Disziplinen, räumt Foucault dem Panoptismus einen besonderen Stellenwert ein. Die Idee des Panoptismus führt Foucault auf Bethams Entwurf des Panopticons zurück. Hierbei handelt es sich um eine Form des Gefängnisses, in der ein Wärter jederzeit jede Zelle mit einem Gefangenen einsehen kann, während dieser nicht weiß, ob der Wächter gerade über ihn wacht (vgl. Foucault 2008, 905). „Daraus ergibt sich die Hauptwirkung des Panopticon: die Schaffung eines bewußten und permanenten Sichtbarkeitszustandes beim Gefangenen, der das automatische Funktionieren der Macht sicherstellt“ (Foucault 2008, 906). Diese Grundkogik setze sich im Panoptismus fort, der neben dem Bereich der Bestrafung auch im Bereich der Erziehung, der Heilung und der Produktion eingesetzt werde (vgl. Foucault 2008, 912). Die Allgegenwärtigkeit des Panoptismus führe zu seiner Inkorporation beim Einzelnen. Mit Hinblick auf das Gefängnis, wird der Gefangene sich daher in seinem Verhalten ändern. Diese Änderung wird durch das Wissen um die eigene permanente

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Überwachung nachhaltig. Somit werden die Individuen selbst eine Technologie der Macht: „Und doch hatte man mit dem Panopticon die abstrakte Formel einer sehr wirklichen Technologie: der Technologie der Individuen. Daß man wenig Lobreden darauf verwandte, hat seine Gründe; der offensichtlichste Grund […] ist wohl der, daß die von ihr [der Technologie, C.K.] eingesetzte und gesteigerte Macht eine unmittelbare und physische macht ist, welche die Menschen gegeneinander ausüben“ (Foucault 2008, 931). Das Ergebnis dieses Prozesses ist das sich selbst (und andere) kontrollierende Subjekt. In diesem Sinne wird klar, warum es nach Foucault keine Befreiung des Subjektes geben kann: „Der Mensch, von dem man uns spricht und zu dessen Befreiung man einlädt, ist bereits in sich das Resultat einer Unterwerfung, die viel tiefer ist als er. Eine ‚Seele‘ wohnt in ihm und schafft ihm eine Existenz, die selber ein Stück der Herrschaft ist, welche die Macht über den Körper ausübt. Die Seele: Effekt und Instrument einer politischen Anatomie. Die Seele: Das Gefängnis des Körpers.“ (Foucault 2008, 733). 2.2 Sexualität und Wahrheit. Band 1: Der Wille zum Wissen 2.2.1 Die Repressionshypothese als Ausgangspunkt Der Ausgangspunkt für Foucaults Werk Sexualität und Wahrheit - Der Wille zum Wissen ist die Repressionshypothese, die besagt, dass die Sexualität im 17. Jahrhundert mit Beginn der Industriegesellschaft verschärft unterdrückt geworden sei (vgl. Foucault 2008a: 1029f). Foucault entgegnet dieser Hypothese mit drei Einwänden, die er systematisch mit drei Fragen beantworten möchte: 1. Einwand: „[I]st die Repression des Sexes wirklich historisch evident?“ (Foucault 2008a, 1035) 2. Einwand: „[G]ehört die Mechanik der Macht und zumal diejenige, die eine Gesellschaft wie die unsrige ins Spiel bringt, tatsächlich im wesentlichen zur Ordnung der Unterdrückung?“ (Foucault 2008a, 1035)

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3. Einwand :„[U]nterbricht der gegen die Unterdrückung gerichtete kritische Diskurs den Lauf eines bis dahin unangefochtenen funktionierenden Machtmechanismus, oder gehört er nicht vielmehr zu demselben historischen Netz wie das, was er anklagt (und zweifellos entstellt), indem er es als ‚Unterdrückung‘ bezeichnet?“ (Foucault 2008a, 1035) Durch diese Fragen möchte Foucault weniger auf die Falsifizierung der Hypothese hinarbeiten, sondern vielmehr die Ökonomie der Diskurse über den Sex herausarbeiten: „Die Einwände, die ich gegen die Repressionshypothese erheben möchte, zielen weniger auf den Nachweis, daß diese Hypothese falsch ist, als vielmehr darauf, sie in einer allgemeinen Ökonomie der Diskurse über den Sex anzusiedeln, wie sie seit dem 17. Jahrhundert im Innern der modernen Gesellschaft herrscht. Warum hat man von der Sexualität gesprochen, was hat man davon gesagt? Welche Machtwirkungen wurden von dem Gesagten ausgelöst? Welche Verbindungen gab es zwischen den Diskursen, den Machtwirkungen und den Lüsten, die sie besetzen? Welches Wissen bildete sich darüber? Kurz, es geht darum, das Regime von Macht – Wissen – Lust in seinem Funktionieren und in seinen Gründen zu bestimmen, das unserem Diskurs über die menschliche Sexualität unterliegt.“ (Foucault 2008a, 1036). Foucault resümiert hierbei, dass es darum gehe die polymorphen Techniken der Macht zu erforschen. Somit setzt er das fort, was er in Überwachen und Strafen begonnen hat: eine genealogische Rekonstruktion der Mikrophysik der Macht. Jedoch ist der Fokus weniger auf das Strafsystem, sondern hauptsächlich auf den Diskurs der Sexualität gerichtet. 2.2.2 Sex und Diskurs Anschließend an die Erkenntnisse Überwachen und Strafen stellt Foucault fest, dass durch die Disziplinierung der Gesellschaft, eine Steigerung der Produktivität einsetzt: „Der Sex wird im 18. Jahrhundert zu einer Angelegenheit der ‚Polizei‘. Allerdings im vollen und starken Sinne, den das Wort zu dieser Zeit besaß – nicht Unterdrückung der Unordnung, sondern verordnete Steigerung der kollektiven und individuellen Kräfte“ (Foucault 2008a, 1046). Der Begriff des Sex wird von Foucault hierbei als universales Signifikant aufgefasst:

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„Einmal hat es der Begriff ‚Sex‘ möglich gemacht, anatomische Elemente, biologische Funktionen, Verhaltensweisen, Empfindungen und Lüste in einer künstlichen Einheit zusammenfassen und diese fiktive Einheit als ursächliches Prinzip, als allgegenwärtigen Sinn und allerorts zu entschlüsselndes Geheimnis funktionieren zu lassen: der Sex als einziger Signifikant und als universales Signifikant“ (Foucault 2008a, 1146-1147). Foucault sieht die Notwendigkeit der Auseinandersetzung und der Disziplinierung des Sex darin begründet, dass mit dem 18. Jahrhundert die Bevölkerung als ökonomischen und politisches Problem auftreten würde. Hieran schließen sich Beobachtungen und Analysen der sexuellen Verhaltensweisen, Determinationen und Wirkungen an (vgl. Foucault 2008a, 1047). Daher sei es für den Staat unerlässlich über den Sex des Volkes (Geburtenrate, Sterblichkeit, Lebensdauer, Fruchtbarkeit, Gesundheitszustand, Krankheitshäufigkeit, Ernährungsweise und Wohnverhältnisse) bescheid zu wissen (vgl. Foucault 2008a, 1046f). In Folge dieses Wissens, resümiert Foucault, sei ein neues Regime der Diskurse entstanden: „Man braucht keine binäre Teilung zwischen Gesagtem und Nichtgesagtem vorzunehmen; man müßte vielmehr die verschiedenen Arten, etwas nicht zu sagen, zu bestimmen versuchen, wie sich die, die darüber sprechen können, und die, die es nicht können, verteilen, welcher Diskurstyp autorisiert und welche Form der Diskretion jeweils erfordert wird“ (Foucault 2008a, 1048). Mit Blick auf den dritten Einwand der Repressionshypothese stellt Foucault somit heraus, dass der Diskurs auch ein Machtmechanismus sei. 2.2.3 Perversion und Sexes In Folge der Diskurse stellt Foucault fest, dass „es zu einer zentrifugalen Bewegung gegenüber der heterosexuellen Einehe“ (Foucault 2008a, 1057) gekommen sei. Daher würde das Ehepaar einen Anspruch auf mehr Diskretion besitzen. In Folge dessen werde das Ehepaar zur Norm und die Sexualität der Kinder, der Irren, der Kriminellen oder der Homosexuellen trete in den Fokus. Letztlich werden somit im Feld der Sexualität eine spezifische Dimension der Widernatur erzeugt (vgl. Foucault 2008a, 1057). Hierbei hebt Foucault insbesondere die Gestalt des Perversen hervor: „Unter dem großen Verbrecher gegen die Regeln der Ehe […] steigt eine andere Gestalt auf: der vom dunklen Wahnsinn des Sexes Getroffene. Unter dem Libertin der Perver-

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se. Noch während er entschlossen das Gesetz bricht, führt so etwas wie eine verirrte Natur ihn weit fort von aller Natur; sein Tod ist der Augenblick, in dem die übernatürliche Wiederkehr von Schuld und Sühne sich mit der Flucht in die Wider-Natur kreuzt. Die zwei großen Regelsysteme, die das Abendland verfaßt hat, um den Sex zu regieren – das Gesetz der Ehe und die Ordnung der Begehren –, sie beide sind durch die Existenz Don Juans, der an ihrer gemeinsamen Grenzlinie aufgetaucht ist, umgekehrt“ (Foucault 2008a, 1058). Mit der Gestalt des Perversen werde durch den Diskurs der Begriff des Sexes eingeführt. Dieser „erlaubt die Vorstellung von den Beziehungen der Macht zu Sexualität umzukehren, so daß diese nicht in ihrer wesenhaften und positiven Beziehung zur Macht erscheint, sondern als verankert in einer einzigartigen und selbstständigen und von der Macht bedrohten Instanz“ (Foucault 2008a, 1147). Der Sexes impliziert daher eine Negation der Macht; sie wird zum einen als Gegenteil der Freiheit gesehen. Dies wiederum impliziert den Gedanken, dass sich das Subjekt von der Macht lösen müsse um frei zu sein. In dieser Logik sieht Foucault eine verstärkte Jagd auf die peripheren Sexualitäten, die dazu führen, dass es zu einer Einkörperung der Perversionen und gleichsam zu einer Spezifizierung der Individuen komme (vgl. Foucault 2008a, 1061). Daher wird analog zu den Disziplinen auch der Diskurs inkorporiert: „Diese polymorphen Verhaltensweisen sind wirklich aus dem Körper und Lüsten der Menschen extrahiert worden – oder besser: in ihnen verfestigt, von vielfältigen Machtdispositiven hervorgerufen worden; sie sind ans Licht gezerrt, isoliert, intensiviert und einverleibt worden“ (Foucault 2008a: 1065). 2.2.4 Ein neuer Machttyp - das Dispositiv In seiner Rekonstruktion über den Diskurs über die Sexualität, macht Foucault auf einen neuen Machttyp aufmerksam: „[...] der Punkt auf den es ankommt – sichert hier ein Dispositiv, das sich [...] erheblich vom Gesetz unterscheidet, durch ein Netz untereinander verketteter Mechanismen die Wucherung und Lustarten und die Vermehrung disparater Sexualitäten“ (Foucault 2008a: 1066).

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Ähnlich wie die Disziplinen lässt sich dieser Machttyp nicht eindeutig eingrenzen. Das Sexualitätsdispositiv setzt sich somit in Diskursen, Disziplinen und letztlich auch in den Technologien der Macht fort. Das Ziel dieses Dispositivs formuliert Foucault hierbei folgendermaßen: „[D]as Begehren nach Sex: ihn zu haben, zu ihm Zugang zu haben, ihn zu entdecken, ihn zu befreien, ihn diskursiv zu artikulieren, seine Wahrheit zu formulieren. Das Sexualitätsdispositiv hat ,den Sex‘ als begehrenswert konstituiert […] während er [der Sexes; C.K.] uns in Wirklichkeit an das Sexualitätsdispositiv kettet, das aus unserer Tiefe wie eine Spiegelung, in der wir uns zu erkennen meinen, den schwarzen Blitz des Sexes hat auffahren lassen“ (Foucault 2008a: 1148). Das Sexualitätsdispositiv ist daher eine Machtstrategie, die die Macht als solches verdeckt bzw. unsichtbar machen soll. Diese Unsichtbarkeit liegt in der Diskursförmigkeit und der Inkorporation dessen begründet. Daher merkt Foucault an: „Ironie dieses Dispositivs: es macht uns glauben, daß es darin um unsere ‚Befreiung‘ geht“ (Foucault 2008a, 1151). Mit Hinblick auf Foucaults Feststellung, dass der Mensch bereits ein Resultat der Unterwerfung sei, arbeitet er mit dem Sexualitätsdispositiv einen Machttyp heraus, der sein Konzept der Macht, das er als bewegliches System mit unterschiedlichen Kräfteverhältnissen, Kämpfen und Widersprüchen versteht, unterstreicht: „[D]ie Sexualität ist eine sehr wirkliche historische Figur, die zu ihrem Funktionieren ein spekulatives Element braucht und auf den Plan gerufen hat: den Begriff des Sexes. Glauben wir nicht, daß man zur Macht nein sagt, indem man zum Sex ja sagt; man folgt damit vielmehr dem Lauf des allgemeinen Sexualitätsdispositivs. Man muß sich von der Instanz des Sexes frei machen, will man die Mechanismen der Sexualität taktisch umkehren, um die Körper, die Lüste, die Wissen in ihrer Vielfältigkeit gegen die Zugriffe der Macht auszuspielen. Gegen das Sexualitätsdispositiv kann der Stützpunkt des Gegenangriffs nicht das Sex-Begehren sein, sondern die Körper und die Lüste“ (Foucault 2008a, 1149). Das Subjekt kann sich daher nicht der Macht entziehen. Vielmehr fordert Foucault auf, sich der eigenen Unterwerfung der Macht bewusst zu werden, um diese schließlich für sich zu entfalten.

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2.3 Kritik Hinsichtlich der beiden vorgestellten Werke Foucaults, lassen sich Irritationen und Kritikpunkte ausmachen, die meiner Meinung nach erläutert werden müssen, um das Werk Foucaults einordnen zu können. Hierbei stellte ich mir zunächst die Frage, was denn beide Werke im Kern seien. Der äußeren Struktur nach, handelt es sich um zwei Studien, die eine Methodik (jedenfalls inhaltlich) aufweisen. Diese äußere Struktur täuscht. Hinter dem Begriff der Methode, stehen zunächst nur Fragen, die Foucault beantworten möchte. Hierbei klärt Foucault jedoch nicht die Systematik, wie diese Fragen zustande kommen. Dieses Fehlen der Systematik setzt sich auch in Foucaults Beispielen fort, anhand derer er die Fragen versucht zu beantworten. Hinter dem Äußeren der „Studie“ verbirgt sich meiner Meinung nach vielmehr ein Versuch über Deduktion eine Theorie über Macht zu begründen. Inhaltlich ist diese Theorie in meinen Augen sehr erkenntnisreich, da sie versucht, die Facetten von Macht in ihrer Breite zu erfassen. In diesem Sinne bleibt sie an vielen Stellen eher allgemein gehalten. Daher soll diese Arbeit einen Beitrag leisten, die foucault’sche Machttheorie anhand des Films empirisch zu respezifizieren. Im folgenden möchte ich daher die Methodik der Arbeit herausarbeiten.

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3 Methodik
3.1 Das neoformalistische Filmanalysemodell nach Bordwell/Thompson Mit Hinblick auf die Theorie über Macht von Foucault stellt sich die methodologische Frage, wie man Machtstrukturen im Film herausarbeiten und vergleichen kann. In der Filmtheorie gibt es aus der historischen Retrospektive heraus zwei Hauptströmungen. Zum einen sind dies die realistischen Filmtheorien, welche Film als Abbild der Wirklichkeit sehen. Hierzu zählen Strömungen wie der Poststrukturalismus, welche u.a. die Psychoanalyse zum Gegenstand haben. Die zweite Hauptströmung bilden die formalistischen Filmtheorien. Diese beziehen sich auf die Form des Films und gehen daher davon aus, dass Film immer etwas konstruiertes sei (vgl. Elsaesser/Hagener 2007, 25f). Mit Blick auf die Denkmodelle von Foucault, lässt sich feststellen, dass es in seinem Machtbegriff keine absoluten Wahrheiten bzw. Dogmen gibt. Vielmehr ist die „Wahrheit“ bzw. die „Wirklichkeit“ ein Produkt von fortlaufenden Prozessen der Macht und somit immer auch konstruiert. In diesem Sinne entsteht eine epistemologische Eintracht zwischen Foucaults Machtbegriff und der formalen Filmtheorie hinsichtlich des dekonstruktiven Denkens. Zwei moderne Vertreter der formalistischen Strömung sind David Bordwell und Kristin Thompson, die dem Neoformalismus zuzuordnen sind. In ihrem Werk Film Art – An Introduction (2008) beschreiben sie ein Filmanalysemodell, welches in dieser Arbeit Verwendung finden soll um Foucaults Theorie über Macht empirisch zu respezifizieren. Die Grundannahme des Modells ist die Trennung zwischen Plot und Story. Der Plot beschreibt hierbei alles Seh- und Hörbare im Film, während Story die Rekonstruktion dieser Elemente beim Rezipienten meint (vgl. ebd., 76). Durch eine Analyse der filmsprachlichen Elemente, den sogenannten Cues, ist es möglich zu rekonstruieren, wie die Sinnzusammenhänge zustande kommen. Bordwell und Thompson teilen die filmsprachlichen Elemente, entsprechend den Ebenen der Inszenierung, in Mise-en-Scène, Kinematographie, Editing und Sound auf. Alles, was vor der Kamera geschieht, wird unter dem Begriff der Mise-en-Scène (wörtlich übersetzt: in Szene setzen) zusammengefasst. Dazu zählen das Setting, das Acting, Kostüme und die Ausleuchtung der Szene bzw. das Licht (vgl. ebd., 112f). Die Kinematographie umschreibt dagegen alles, was die Kameraarbeit betrifft. Hierbei sind zum einen Begriffe aus der Fotografie wie Einstellungsgrößen, Bildkomposition, Per-

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spektive, Tiefenschärfe, Belichtung bzw. Farbe und Farbfilter zentral. Zudem ist auch die Rahmung (framing) in den einzelnen Szenen wichtig. Hierzu zählen Begriffe wie die Kamerabewegung, die Erzählhaltung der Kamera, Seitenverhältnisse oder Kadrierungen (vgl. ebd., 162f). In meiner Filmauswahl befinden sich nur Filme, die in Schwarz/Weiß gedreht wurden. Daher entfällt der Aspekt der Farbe. Es lässt sich lediglich eine Differenzierung zwischen hell und dunkel durchführen. Diese betrachte ich in meinen Analysen unter dem Gesichtspunkt der Beleuchtung der Szene. Durch das Editing bzw. die Montage in Form von Schnitten oder Blenden werden Zusammenhänge zwischen einzelnen Einstellungen und den daraus resultierenden Szenen geschaffen (vgl. ebd., 218f). Das populärste System hierbei ist das continuity editing, bei welchem durch establishment shots und das Schuss-Gegenschuss-Verfahren eine Redundanz in den Bildern hergestellt wird, mit welchen Schnitte in einer Dialogsituation unsichtbar werden (vgl. ebd., 231f). Jedoch sind auch andere Formen wie die „spatial“ oder „temporal discontinuity“ möglich, welche Schnitte sichtbar machen und mit Sehgewohnheiten brechen können (vgl. ebd., 252f). Als abschließendes Element arbeiten Bordwell und Thompson den Sound heraus, der Töne und Musik im Film umfasst. Der Sound kann im Film beispielsweise in Form von Offstimmen Orientierung schaffen oder durch das Einfügen von Musikstücken bzw. Geräusche Szenen zusätzlich dramatisieren oder diese rhythmisch machen (vgl. ebd., 264f). 3.2 Im Blickpunkt der Macht: David Lynch Empirisch soll diese Arbeit einen Fokus auf das filmische Schaffen von David Lynch legen. Mit Blick auf die foucault’sche Machttheorie sollen die Machtstrukturen mit Hilfe des Filmanalysemodells herausgearbeitet werden. Das filmische Schaffen von David Lynch erstreckt sich über frühe Experimentalfilme (z.B. Six Figures Getting Sick (1967)), Serien (z.B. „Twin Peaks“ (1990)) und verschiedene Spielfilme. Zwei dieser Spielfilme möchte in dieser Arbeit untersuchen und Vergleichen. Zum einen möchte ich den Film „Der Elefantenmensch“ aus dem Jahr 1980 untersuchen. Dieser sticht vor allem hinsichtlich seines historischen Settings im viktorianischen England aus Lynchs Spielfilmen heraus. Interessant könnte hierbei die Frage sein, wie sich die von Foucault beschriebene historische Entwicklung der Machttechnologien im Film entwickeln bzw. inszeniert werden.

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Als Kontrast zu diesem Film möchte ich den Film „Mulholland Drive“ aus dem Jahr 2001 untersuchen. Dieser hat zum einen ein modernes Setting, welches in der heutigen Zeit spielt. Zum anderen ist auch die Komplexität des Films, als Spätwerk von Lynch, eine andere. Somit bilden diese beiden Filme in historischer, wie auch in narrativer Hinsicht einen starken Kontrast. Die Frage ist nun, ob sich dieser Kontrast auch auf der Ebene der Inszenierung der Machtstrukturen wiederfinden lässt oder ob es auch Gemeinsamkeiten gibt. Im Folgenden möchte ich daher die Filme hinsichtlich ihres Inhalts und ihrer Form untersuchen, die Machtstrukturen herausarbeiten und abschließend beide Filme hinsichtlich dieser vergleichen.

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4 Die Kadrierung der Macht bei David Lynch

4.1 Der Elefantenmensch 4.1.1 Story Der Arzt und Anthropologe Treves stößt bei einem Besuch auf einem Jahrmarkt auf ein Wesen, das „Der Elefantenmensch“ genannt wird. Nachdem die Polizei jedoch die Vorführung verbietet, trifft sich Treves mit dem Besitzer namens Bytes und macht mit ihm ein Geschäft: er darf das Wesen untersuchen und der Ärzteschaft vorstellen. Es stellt sich heraus, dass das Wesen ein Mensch ist, dessen Haut zu 90 Prozent mit Tumoren überwuchert ist und sein Name ist John Merrick ist. Treves hält ihn für einen Schwachsinnigen und bemerkt, dass es in Anbetracht der Lebenszustände auch besser so sei. Als Merrick wieder zu Bytes zurückkehrt, wird dieser cholerisch und verprügelt Merrick. Auf Grund der Verletzungen ist Bytes gezwungen, Treves zu rufen. Treves erkennt sofort, dass Merrick nicht schwer gestürzt sei, wie Bytes behauptet, und lässt ihn in das Hospital einliefern. Im Hospital versucht er Merricks Aufenthalt zu verheimlichen, was ihm nicht gelingt. Es kommt die Frage auf, ob Merrick als Mensch mit chronischen Beschwerden und seiner vermeintlichen geistigen Zurückgebliebenheit überhaupt im Krankenhaus bleiben dürfe, da er nicht geheilt werden könne. Treves findet jedoch heraus, dass Merrick sprechen kann. Als dieser schließlich Bibelverse vor dem Direktor zitiert, wird er als menschliches Wesen und somit als Patient anerkannt. Bytes, der Merrick als Attraktion unbedingt wiederhaben will, wird der Institution verwiesen; Merrick sei nun Patient und er habe nicht das Recht ihn einfach mitzunehmen.

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Merrick erfährt nach und nach gesellschaftliche Anerkennung. So stellt Treves Merrick seiner Frau vor beim Teetrinken. In dieser neuen Freiheit beginnt Merrick mit dem Bau eines Kathedralenmodells. Durch Zeitungsmeldungen wird die Schauspielerin Mrs. Candle auf Merrick aufmerksam und besucht diesen. Sie sieht in ihm nicht nur einen Menschen, sondern auch ein liebenswertes Subjekt. Durch diesen Besuch wird das Zusammensein mit Merrick zur „Mode“. Dies macht eine alte Oberschwester, die anfangs gegenüber Merrick skeptisch war ihn aber nun voll respektiert, Treves deutlich. Die Besuche der Oberschicht seien nichts anderes, als die Ausstellung auf dem Jahrmarkt. Treves kommen Zweifel an seinem Handeln. Er stellt für sich fest, dass er im Grunde nicht besser als Bytes sei. Am nächsten Morgen erfährt das Krankenhaus Lob von der Königin. Hierbei wird Merrick ein lebenslanges Wohnrecht zugestanden, womit Merrick kein Patient, sondern ein freier Mann ist. Während dieser positiven Ereignisse entdeckt ein Wärter des Krankenhauses Merrick und will mit ihm als Attraktion Geld machen. Er organisiert von einer Kneipe aus, eine Führung und terrorisiert Merrick in der Nacht. Unter den Besuchern ist auch Bytes der seinen „Schatz“ nach der Führung entführt und nach Frankreich mit ihm geht. Treves wird vom Direktor angehalten nicht nach Merrick zu suchen. In Frankreich jedoch erfährt die „Attraktion“ Merrick kein Erstaunen. Vielmehr ist das Publikum entsetzt und angewidert von Bytes, der ihn auf der Bühne quält. Nach der Veranstaltung betrinkt sich Bytes und sperrt Merrick in einen Affenkäfig. Andere Artisten verhelfen schließlich Merrick zu Flucht und er reist zurück nach England, wo er schließlich wieder in das Hospital zieht. Treves stellt fest, dass er nicht mehr lange Leben wird. Nach einem Theaterbesuch, bei dem er neben der Prinzessin von Wales sitzt und er nach der Vorstellung gefeiert wird, vollendet er ein Modell einer Kathedrale. Er packt er die Kissen, die ihm das Atmen beim Schlafen ermöglichen, aus dem Bett und stirbt schließlich. 4.1.2 Charaktere Im folgenden möchte ich die Charaktere des Films kurz beschreiben und in Abbildung 1 eine Übersicht über die Personenkonstellation geben. John Merrick: Leidet von Geburt an tumorartigen Missbildungen. Er wird von Bytes wie ein Tier gehalten und ausgestellt. Durch Treves erlangt er nach und nach seine Freiheit, in dem er als Mensch akzeptiert wird. Er fängt an zu sprechen und zu gestalten. Sein Traum

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ist es ein „vollwertiger“ Mensch zu sein. Nachdem er gesellschaftlich vollends anerkannt ist, beschließt er für sich, wie ein normaler Mensch schlafen zu wollen, im Wissen das er durch seine Leiden dabei sterben wird. Dr. Treves: ein Arzt und Anthropologe, der Merrick entdeckt. Durch ihn erfährt er viel öffentliche Aufmerksamkeit. Jedoch hinterfragt er sein Handeln und findet in Merrick auch einen liebenswerten Menschen und Freund. Bytes: Ein cholerischer, gewalttätiger Mann, der viel trinkt und durch Merrick Geld verdient. Wärter: Ein grober Mann, der durch Merrick sich etwas dazu verdienen möchte und ihn im Krankenhaus terrorisiert. Direktor: Ein Fürsprecher Merricks, nachdem dieser zeigt, dass er sprechen kann und nicht schwachsinnig ist. Durch ihn wird auch der Königin Merricks Schicksal bekannt und erhält auf dessen Antrag lebenslanges Wohnrecht im Hospital. Oberschwester: ist anfangs skeptisch, sieht in Merrick jedoch dann einen vollwertigen Patienten, dem eine ordentliche Behandlung zusteht. Es entwickelt sich ein freundschaftliches, anerkennendes Verhältnis Mrs. Candle: ist eine berühmte Theaterschauspielerin. Sie sieht in Merrick nicht nur eine Sensation, sondern auch einen liebenswerten Menschen, dem sie am Ende des Films ihre Vorstellung widmet. Jedoch wird Merrick durch sie zur „Mode“, in der der Mensch Merrick keine Rolle mehr spielt.

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Abb. 1: Personenkonstellation in „Der Elefantenmensch“

4.1.3 Narrationsstruktur Die Erzählstruktur des Films ist chronologisch gehalten. Die Chronologie wird mit eine surrealen Sequenz eingeführt, in der Merricks Entstehung visualisiert wird. Die Klammer schließt sich am Ende des Films in einer Sequenz, in der Merrick in einer Jenseitserfahrung auf seine Mutter trifft. Auch an einigen Stellen im Film werden kurze surreale Einschübe gemacht, die die Vergangenheit von Merricks Mutter metaphorisch und transzendent zeigen. Trotz des chronologischen Verlaufs der Erzählung gibt es in der erzählten Zeit Zeitsprünge, deren Dauer nicht rekonstruierbar ist. Beispielsweise wird nicht geklärt wie viel Zeit zwischen Merricks Entführung und Rückkehr vergangen ist.

Abb. 2: Narrationsstruktur in „Der Elefantenmensch“

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4.1.4 Setting und Licht Jahrmarkt Ein wiederkehrendes Setting im Film ist der Jahrmarkt, auf dem Merrick ausgestellt wird. Hiebei entsteht durch die Anzahl der Buden und Besucher eine Unübersichtlichkeit des Settings. In diesem Setting sind auch andere Schausteller sind zu sehen wie eine bärtige Dame, Kleinwüchsige oder Riesen. Sensation und Elend liegen in diesem Setting nah beieinander. Während des Films ändert sich jedoch auch das Publikum. Ist es in England noch erstaunt über die Sensation, so ist das Publikum in Frankreich angewidert von der menschenverachtenden Haltung von Merrick. Die Jahrmärkte werden nur bei Nacht gezeigt und sind dementsprechend düster gehalten. „Sensationen“ werden gut ausgeleuchtet um diese hervorzuheben. Slums Die „Hinterbühne“ des Jahrmarkts bilden die Slums, in denen Bytes und Merrick leben. Der Außenbereich ist feucht, neblig und dreckig. Die Straßen sind gesäumt von Menschen mit schmutzigen Körpern und Kleidung, die an Maschinen arbeiten oder Obdachlos sind. In den Innenbereichen wie Bytes Unterkunft oder einer Kneipe, werden die rauen Umgangssitten deutlich, die direkt und voll von körperlicher Gewalt sind. Insbesondere Bytes Unterkunft ist frei von Tageslicht und wird nur durch Gas- und Öllampen beleuchtet, wodurch eine Low-Key Beleuchtung in den Innenräumen entsteht. Zudem ist der Ort feucht, was man an den kahlen, steinernen Wänden erkennt. Hospital Das Hospital in dem Treves arbeitet und Merrick unterkommt, ist im Gegensatz zum Jahrmarkt und zu den Slums ein heller, übersichtlicher Ort. Durch Fenster dringt Tageslicht ins Innere und sorgt für klare Sichtverhältnisse. Dieser Klarheit entspricht auch die Institutionelle Ordnung des Krankenhauses, da tagsüber Schwestern und Ärzte eine Kontrollfunktion ausüben. Die institutionelle Ordnung wird auch in den geordneten Schlafsälen deutlich, in der die Patienten in abgetrennten Bereichen an der Außenwand liegen, während ein Bild der Königin in der Mitte des Raums platziert ist. Auch der Empfangsbereich macht durch ein Podest und klar geordnete Sitzplätze die räumliche Strukturiertheit deutlich (vgl. Lynch 1980, 00:15:20). In der Nacht jedoch wird die Beleuchtung dunkler, da die Gasflammen heruntergefahren werden. Zudem macht das Personal Feierabend. Ent-

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sprechend des Lichts und der personalen Unterbesetzung, bringt die Nacht für Merrick „Unordnung“ bzw. Gefahr in Form des Wärters (vgl. Lynch 1980, 00:32:57f) und Bytes (vgl. Lynch 1980, 01:21:29f).

Räumliche Strukturiertheit als Merkmal der Disziplinarmacht

4.1.5 Acting Abscheu Oft werden Protagonisten (beispielsweise Schwester Nora und Treves Frau) im Film mit dem ungewöhnlichen Anblick von Merrick konfrontiert und reagieren mit Abscheu. Hierbei blicken die Protagonisten zu Boden oder richten ihre Blicke seitwärts von ihm abgewandt und verziehen ihr Gesicht leicht vor Ekel. Durch das Wegdrehen, sieht Merrick davon nichts und meint nur ehrliche Leute um sich zu haben. Latenter Wahnsinn Insbesondere in der Rolle von Bytes, werden durch Alkoholismus und cholerischen Anfällen ein latenter Wahnsinn durch das Acting sichtbar. Hierbei liegt ein Zittern in der bemüht ruhigen Stimme und in der Körperspannung von Bytes. Zudem wird er mit unnatürlich aufgerissenen Augen dargestellt, die den blinden Wahn in seinem Handeln unterstreichen. Emotionale Anteilnahme Im Laufe des Films gibt es Szenen, in denen Protagonisten ergriffen sind über Merricks Schicksal. Hier beispielsweise Mrs. Candle, die in Merrick „Romeo“ aus Romeo und Julia erkennt und ihn auf die Wange küsst. Auch Treves zeigt im Film emotionale Regungen.

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Als Merrick verschwindet und er ihn sucht blickt er durch das Fenster von Bytes Unterschlupf, der leer ist. Sein starrer Blick zeigt hierbei seine Anteilnahme. Diese äußert sich am Ende des Films durch die traurigen Blicke, im Wissen das Merrick sterben wird. Es wird deutlich, dass die besuchte Vorstellung und der schöne Abend keine Fortsetzung haben werden. Auf der anderen Seite ist auch Merrick oft emotional ergriffen. Hierbei nur gegenüber den Menschen, die ihm helfen wollen. Durch eine bebende Stimme drückt Merrick seine tiefe Dankbarkeit aus. Gegenüber seinen Peinigern zeigt er sich dagegen verschreckt und paralysiert. Er lässt sich ohne Widerstand quälen und verfällt eine Lethargie. 4.1.6 Kostüme Entsprechend der zeitlichen Verortung der Story, sind die Kostüme an die Kleidung des 19. Jahrhunderts angelehnt. Analog zu den Settings in denen die Protagonisten leben, sind auch die Kostüme gestaltet. In den Slums sieht man nur dreckige und zerlumpte Menschen. Im Hospital die Arbeitskleidung und die Anzüge der Ärzteschaft. Merricks Kleidung wandelt sich dieser Logik folgend. Am Anfang des Films trägt er ein kaputtes Hemd, eine kaputte Hose und eine Maske. Mit der Aufnahme im Hospital bekommt er zunächst die Kleidung eines Patienten und mit seinem Aufenthaltsrecht einen feinen Anzug. Hierbei legt er die Maske ab. Als er entführt wird, trägt er wieder seine heruntergekommene Kleidung und in der Öffentlichkeit seine Maske. 4.1.7 Kinematographie Die Settings im Film werden häufig durch Kamerafahrten eingeführt. Beispielsweise wird diese Technik eingesetzt, als Treves zum ersten Mal im Film die Slums betritt. Auf der Straße bewegt sich die Kamera rückwärts; daher geht Treves in Richtung des Zuschauers. Dadurch kommt es zu einem Überraschungseffekt, da an den Rändernd es Bildes neue Elemente des Settings, wie Marktkarren oder Straßenarbeiter sichtbar werden. Treves bliebt hierbei in der Bildmitte und blickt an die Ränder. Hierbei folgt die Kamera seinen Blicken durch kurze Bildeinschübe und zeigen beispielsweise, in einer halbtotalen, wie Menschen „sklavisch“ mit den Maschinen arbeiten. Durch diese einführenden Kamerafahrten wird das Setting zu einem „gelebten“ Ort (vgl. Lynch 1980, 00:08:53f).

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Die Disziplinen und ihre Folgen. Die zeitliche, räumliche und organisationale Fixierung der Körper.

Neben den Kamerafahrten werden im Film auch häufig Zooms eingesetzt. Diese werden immer dann eingesetzt, wenn Emotionen fokussiert werden. Dies sieht man beispielsweise in der Szene, in der Treves zum ersten Mal Merrick sieht. Zunächst ist Treves beim Anblick in einer halbnahen Einstellung zu sehen. Schließlich zoomt die Kamera in eine Großaufnahme des Gesichts, so dass eine perlende Träne von Treves zu sehen ist (vgl. Lynch 1980, 00:13:56f). Nahe und halbnahe Einstellung werden im Film auch für die Inszenierung von Gewalt und Drohungen eingesetzt. So versucht sich Treves im Gespräch mit Bytes sich zurückzuhalten bzw. Sich von ihm zu distanzieren, was über eine räumliche Distanz geschieht. Jedoch zwingt Bytes Treves zur Nähe, indem er ihn immer wieder am Kragen packt, wenn er mit ihm spricht. Bei diesem Vorgang wechselt die Kamera von einer halbnahen in eine nahe Einstellung, die eine unangenehme Enge zwischen den beiden Protagonisten erzeugt. Hierbei blickt Bytes Treves direkt und drohend an, während dieser sichtlich unwohl gen Boden schaut (vgl. Lynch 1980, 00:40:36f). In der gleichen Szene kommt mit dem Hinzukommen des Direktors, die Über- und Untersicht als kinematographisches Konzept zur Visualisierung von Machthierarchien zum tragen. Hierbei filmt die Kamera aus zwei Positionen in der Szene. Der Blick richtet sich über Treves und Bytes Schultern nach oben zum Direktor. In der Gegeneinstellung blickt die Kamera auf Treves und Bytes herab (vgl. Lynch 1980, 00:41:50f).

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Links: Gewaltausübung von Bytes über räumliche Nähe und Blick. Rechts: Die Hervorhebung der Macht des Direktors durch eine Untersicht der Kamera.

Die Machstrukturen im Film werden auch durch entsprechende Kadrierungen des Bildes in Szene gesetzt. In der Szene, in der über den weiteren Verbleib von Merrick durch das führende Komitee des Krankenhauses entschieden wird, zeigen sich diese Machtgefüge durch die Haltung der Kamera; hierbei ist der Direktor, als Vorsitzender an einem Kopfende mittig in einer Halbtotalen zu sehen. Sein Widersacher, der Merrick als eine Zumutung sieht, sitzt am anderen Ende des Tisches ebenfalls mittig. Die übrigen Ratsmitglieder sitzen jeweils an den seitlichen Rändern des Tisches. Durch diese vertikalen Bildstrukturen wird deutlich, dass es ein Machtkampf zwischen zwei Protagonisten ist. Als sich jedoch Prinzessin Alexandra an die Seite des Direktors stellt, kippt das Machtgefüge. Bei der Abstimmung darüber ob Merrick bleiben darf stimmen alle zu. Hierbei ist der Direktor durch eine leicht untersetzte Kameraperspektive gezeigt, die ihn erhöht, während sein Kontrahent von oben gefilmt wird und somit auch visuell unterliegt (01:19:19f). 4.1.8 Editing Im Film sind viele traumartige/surreale Sequenzen zu sehen, die durch das Editing bestimmt sind. So wird der Film mit einer Sequenz eröffnet, in der Merricks Mutter von Elefanten angegriffen wird. Hierbei ist anfangs nur eine Kamerafahrt über ein Bild zu sehen. Anschließend werden seitlich gehende Elefanten durch eine Schwarzblende eingefügt. Kurz darauf wird die Frau transparent über das Bild der Elefanten gelagert. Hierbei blickt sich leicht nach oben, so dass der Eindruck entsteht, dass sie zu den Elefanten hinauf schaut. Durch diese Überlagerung wird daher der Blick und das Angeblickte in einem Bild dargestellt. Nach einer weiteren Schwarzblende kommen die Elefanten zum Zuschauer hingerannt. Die Frau wird umgestoßen und beginnt zu Schreien. Hierbei wird auf der auditiven Ebene die Geräusche der Elefanten über das Schreien der Frau gelegt, was die

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durch weiche Blenden sich abwechselnden Bilder der schreienden Frau und des Elefanten surreal verbindet (vgl. Lynch 1980, 00:01:52f).

Die Entstehung des Elefantenmenschen durch eine surreal wirkende Bildmontage

Übergänge zwischen den Szenen werden zum einen mittels Schwarzblenden realisiert. Dadurch werden längere Zeitabstände zwischen zwei Szenen deutlich gemacht, wie beispielsweise in einer Szene, in der Treves durch Bytes leere Unterkunft blickt und Merrick nicht finden kann. Nach einer Schwarzblende, wird der Jahrmarkt in Frankreich gezeigt, der räumlich wie auch zeitlich von der vorherigen Szene getrennt ist (vgl. Lynch 1980, 01:31:27f). Neben den Schwarzblenden werden andererseits auch Schnitte für Szenenübergänge genutzt. Hierbei ist die zeitliche Distanz zwischen den Szenen geringer. Nach dem Ende einer entsprechenden Szene kommt es zum Schnitt und ein ähnliches Objekt oder ein zunächst irritierendes Objekt erscheint. Diese Objekte sind immer Detailaufnahmen, so dass der Zuschauer zunächst nicht weiß, wo er sich befindet. Durch eine Kamerafahrt oder einen Zoom wird in das Setting nach und nach eingeführt. So spricht Bytes am Anfang mit Merrick, nachdem die Polizei die Veranstaltung auflöst. Nach einem harten Schnitt ist ein Ofen zu sehen, in dem eine starke Flamme lodert und dadurch, weil er keinen Bildanschuss darstellt, irritiert. Nach einer Kamerafahrt wird deutlich, dass sich der Ofen in Treves OP-Saal befindet (vgl. Lynch 1980, 00:06:43f). Es kommt im Film auch zu Kombinationen in den Übergängen. So bittet Treves am Anfang des Films seine Kopfbedeckung abzunehmen. Darauf erfolgt eine schwarze Ausblendung des Bildes. In der nächsten Einstellung, die ohne Blende erscheint, sieht man ein helles Licht. Nach einer Kamerafahrt, wird deutlich, dass es der Scheinwerfer ist, mit dem Merrick vor der Ärzteschaft angeleuchtet wird (vgl. Lynch 1980, 00:20:15f).

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4.1.9 Sound Die Soundkulisse des Films zeichnet sich innerhalb von Häusern (beispielsweise Hospital oder Bytes Unterschlupf) durch Gasgeräusche aus, die von den Lampen ausgehen. Dadurch wird im Raum eine latent unheimliche Atmosphäre erzeugt. Ähnliche Geräusche, wie das des Gases, gehen auch von Öfen und Hochöfen aus, die im Film vorkommen. Die Bedrohung in diesem Geräusch wird im Film vor allem über Szenen und Einstellungen vermittelt, in denen Menschen unter unmenschlichen Bedingungen an Maschinen schuften. Im Geräusch schwingt daher immer das „Dreckige“ mit; der schwere Gasgeruch. Ein markantes auditives Muster bildet die Jahrmarktsmusik. Diese ertönt auf dem Jahrmarkt, in Traumsequenzen und im Krankenhaus als der Wächter mit den Schaulustigen kommt (vgl. Lynch 1980, 01:23:24f). Eingeleitet wird dieses für Merrick traumatische Klangmuster durch ein Klopfen, welches den „Vorstellungsbeginn“ darstellt. So fürchtet sich Merrick am Anfang im Hospital, als man an seine Tür klopft. Der Wärter hält die Erinnerung immer wieder wach, und verhält sich analog zu Bytes. Hinsichtlich Bytes ist das Klopfen auch mit Schlägen durch seinen Gehstock verbunden. Nach dem Klopfen kommt eine beunruhigende Klangkulisse aus Streichmusik auf. Der Zuschauer wird somit über die Musik auf das Schreckliche vorbereitet, das sich dann zusammen mit der Jahrmarktsmusik manifestiert (vgl. Lynch 1980, 01:10:52f). Durch dieses auditive Muster wird letztlich die Dramatik auf das, was kommen wird, erhöht. Neben dieser eher verstörenden und kargen Klangkulisse, bildet das Ende des Films eine Ausnahme. Hier setzt das bekannte Stück „Adagio for Strings, op.11“ von Samuel Barber ein, welches den Sterbevorgang von Merrick bewegend und melodisch begleitet (vgl. Lynch 1980, 01:50:29). Dieses Stück bildet zusammen mit den Bildern (Nahaufnahmen seines Kathedralenmodells, Einschlafen, Weg ins Jenseits) ein Requiem, das Ende von Merricks leiden. 4.2 Machtstrukturen in „Der Elefantenmensch“ Mit Blick auf Foucaults Machtbegriff möchte ich zunächst drei Perspektiven auf der Makroebene des Films eröffnen: 1. Körperliche Gewalt und Blick, 2. die Macht der Institutionen im Film und

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3. Disziplinierung durch die Moderne 4.2.1 Körperliche Gewalt und Blick Im Film wird vor allem in der Unterschicht das Thema der körperlichen Gewalt thematisiert und inszeniert. Neben derben Sprüchen ist körperliche Gewalt ein Artikulationsmerkmal der im Film dargestellten Unterschicht, zu der letztlich auch Bytes zählt. Dieser wendet gegenüber Merrick Schläge an, um diesen gefügig zu machen. Diese peinlichen, unmittelbaren Strafen, sieht Foucault als eine Strafzeremonie an (vgl. Foucault 2008, 711). Mit Blick auf den Film findet diese jedoch nur in einem kleinen Kreis statt. Somit kann sich Bytes zum einen Merrick gefügig machen und gleichzeitig den Jungen, der bei ihm lebt einschüchtern. Diese Einschüchterung kommt vor allem in jener Szene zum Eindruck, als Treves den von Bytes geschlagenen Merrick untersucht. Als sein Blick auf den des Jungen neben Bytes trifft, schaut dieser verängstigt (vgl. Lynch 1980, 00:24:43f). Jedoch beschränkt sich diese Machtstrategie seitens Bytes nicht nur auf seinen „Elefantenmenschen“ und den Jungen. Immer wieder packt er auch Treves am Kragen und versucht diesen somit einzuschüchtern Diese Einschüchtern wird im Film vor allem durch nahe Einstellungen inszeniert, die somit unmittelbar wirken. Hierbei sind die Blicke von Bytes immer starr auf seinen Gegenüber gerichtet, um die Ernsthaftigkeit des Anliegens deutlich zu machen. Die körperliche Gewalt im Film funktioniert daher nur über körperliche Nähe und direkte Blicke. Bytes steht somit für einen vormodernen, peinlichen Machttypus, welcher im Verlauf des Films immer weniger Akzeptanz findet. Vor allem am Ende des Films, als Bytes Merrick in Frankreich ausstellt, wirken die Zuschauer schockiert über Bytes Verhalten. Dieser sich durchsetzende Machttyp im Film beschreibt Foucault als Disziplinarmacht, deren Mechanismen und Ergebnisse im Film an mehreren Stellen zu sehen sind. Zeithistorisch erklärt Foucault: „[I]m Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts sind die Disziplinen zu allgemeinen Herrschaftsformen geworden. Sie unterscheiden sich von der Sklaverei, da sie nicht auf den Besitz des Körpers beruhen; das ist ja gerade die Eleganz der Disziplin, daß sie auf ein so kostspieliges und gewaltsames Verhältnis verzichtet und dabei mindestens ebenso beachtliche Nützlichkeitseffekte erzielt“ (Foucault 2008, 839). 4.2.2 Disziplinierung Diese Nutzbarmachung des Körpers, sieht man vor allem in jenen Szenen, in denen Treves Blick durch die Straßen streift und die sich gleichmäßig bewegenden Menschen an den Maschinen sieht. Diese nehmen ohne Androhung von Folter die Arbeit an und fügen

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sich dieser. Der Aspekt der Unterwerfung wird durch die nackten, schmutzigen und stummen Körper die zu sehen sind, jedoch von Lynch negativ konnotiert. Hierbei erscheint also das vermeintlich moderne als ebenso unmenschlich wie die peinlichen Strafen. Hinsichtlich der Durchsetzung von moralischen Regeln fungiert die Polizei im Film als durchsetzende Kraft. So ist am Anfang des Films zu sehen, wie sich eine Menschentraube vor der Bühne von Bytes versammelt. Die Polizei jedoch untersagt das Ausstellen von Merrick. Die Verinnerlichung dieser Regel findet sich schließlich in Frankreich, wo die Menschen bereits von sich aus die Ausstellung und das Quälen von Merrick ablehnen. Somit lässt sich folgende von Foucault herausgearbeitete Funktion der Polizei durch aus im Film wiederfinden: „Der Sex wird im 18. Jahrhundert zu einer Angelegenheit der ‚Polizei‘. Allerdings im vollen und starken Sinne, den das Wort zu dieser Zeit besaß – nicht Unterdrückung der Unordnung, sondern verordnete Steigerung der kollektiven und individuellen Kräfte“ (Foucault 2008a, 1046). 4.2.3 Die Macht der Institution Wie am Beispiel der Polizei im Film deutlich wird, spielen Institutionen im Film eine zentrale Rolle, wenn es um die Disziplinierung der Gesellschaft geht. Die zentrale Institution im Film bildet das Krankenhaus, in welchem Treves arbeitet und Merrick letztlich ein neues Zuhause findet. Die Macht im Krankenhaus entfaltet sich zunächst durch räumliche Strukturen und entsprechende Kadrierungen des Bildes. Beispielhaft hierfür ist der Krankensaal, in dem die Betten an den Wänden geordnet und voneinander durch einen Vorhang getrennt sind. In der Mitte des Raums an einem Pfeiler ist zudem das Bild der Königin Victoria zu sehen. Der Raum des Krankenhauses folgt also der Logik des Panopicons, zu welchem Foucault mit Bezug auf das Gefängnis anmerkt: „Die dichtgedrängte Masse, die vielfältigen Austausch mit sich bringt und die Individualitäten verschmilzt, dieser Kollektiv-Effekt wird durch eine Sammlung von getrennten Individuen ersetzt. Vom Standpunkt des Aufsehers aus handelt es sich um eine abzählbare und kontrollierte Vielfalt; vom Standpunkt der Gefangenen aus um eine erzwungene und beobachtete Einsamkeit“ (Foucault 2008, 906).

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Diese räumlichen Machtstrukturen setzen sich in der Institution des Krankenhauses über ihre Regeln fort. So gibt es beim Personal immer eine persönliche Distanz zu den Patienten. Beispielhaft hierfür sind die Personen des Direktors und der Oberschwester, die mit Verweis auf die Regeln des Krankenhauses Ordnung schaffen. Hinsichtlich des TagNacht-Wechsels im Krankenhaus lässt sich feststellen, dass die Institution bzw. der disziplinare Machttyp von der „Technologie der Individuen“ abhängig ist (vgl. Foucault 2008, 931). Denn als die Mitarbeiter das Krankenhaus verlassen, gibt es für Merrick keine Sicherheit mehr. Der Wärter, der um die Abläufe in der Institution weiß, nutzt dieses Wissen aus, um bei Nacht bezahlende Gäste in das Krankenhaus einzulassen. Somit wird die strenge Separation unterlaufen; Merrick wird dadurch wieder mit der peinlichen Gewalt der Unterschicht konfrontiert. Im folgenden möchte ich mich jenen Praktiken der Macht zuwenden, die aus dem „Elefantenmenschen“ die Person John Merrick machen. 4.2.4 Die Menschwerdung von Merrick im Film Anfangs herrscht ein willkürliches Regime in Form von Bytes über Merrick. Mit Blick auf Foucault besteht die Machtstrategie von Bytes darin, peinliche Strafen einzusetzen um ihn zu unterwerfen. Durch die Loslösung von Bytes durch Treves setzten jedoch verschiedene Mikromechanismen ein, die Merrick nach und nach verändern. Die Naturalisierung von Merrick Zunächst bittet TrevesMerrick seine Kopfbedeckung abzunehmen. Jedoch sieht man hier Merricks Kopf noch nicht. Stattdessen sieht man in der darauf folgenden Szene ein helles Licht eines Projektors, mit dem Merrick vor der Ärzteschaft angeleuchtet wird. Man sieht Merrick nur als schwarzen Schatten durch einen Vorhang. Durch diese Inszenierung wird ein Abstand zum entstellten Körper Merricks erzeugt, der in Treves Vortrag dazu genutzt wird, das vermeintliche Wunderwesen zu naturalisieren 1; Merrick wird hierbei zunächst mit Namen und Alter vorgestellt. Danach wird diagnostiziert, dass sein Aussehen so sei, weil er tumorartige Wucherungen am ganzen Körper hat (vgl. Lynch 1980, 00:20:15f). In diesem Sinne wird Merrick zu einem, für die Institution begreifbaren und einzuordnenden, Subjekt.
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Naturalisierung im Film meint, dass durch eine (pseudo-) wissenschaftliche Erklärung eine wunderbare Kreatur oder

eine Sache realitätskompatibel gemacht wird (vgl. Spiegel 2007, 50f). Dadurch wird folglich eine ontologische Bestimmtheit erzeugt, die sich dem Transzendenten entzieht.

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Die Feststellung des rechtlichen Status Nachdem festgestellt wurde, dass Merrick ein menschliches Wesen ist, muss im Verlauf des Films auch festgestellt werden, ob er ein Patient im Sinne der Regelungen des Instituts sei. Hierbei erfolgt die rechtliche Anerkennung über zwei Schritte. Der erste Schritt umfasst die Ansprechbarkeit. Daher kann Merrick nur als Patient gelten, wenn er als Individuum adressierbar sein kann. Nachdem Merrick beginnt zu sprechen, wird ihm dieser Status anerkannt. Gleichsam beginnt mit dem Sprechen auch die Subjektivation von Merrick. Hinsichtlich des Rechtsstatus ergibt sich für die Institution des Krankenhauses ein neues Problem. Merrick kann nun zwar rein formal Patient sein, aber dadurch, dass er eine chronische Bronchitis und Tumore hat und daher unheilbar ist, passt er nicht in das Heilungskonzept des Krankenhauses. Sensation, Moral und Ethik – Merrick im öffentlichen Diskurs Über die Presse wird über das Schicksal von Merrick berichtet. Dadurch wird er zur Mode, mit der man sich schmückt. In dieser Mode schwingt eine Doppelmoral mit, die im Film durch die Oberschwester offen angesprochen wird. Sie stellt die Frage, in wie fern sich die Oberschicht, die sichtlich angewidert von Merrick ist, sich von der Unterschicht unterscheide. Jedoch ergibt sich aus dem anfangs eher oberflächlichen, modischen Diskurs, ein Diskurs über Ethik und moralische Prinzipien. Durch den Auftritt der Prinzessin, die im Namen der Königen spricht und über die Presse von Merricks Schicksal und Behandlung im Krankenhaus erfuhr, wird deutlich, dass der Geist der Institution vom christlichen Glauben geprägt ist. Entsprechend dieser Logik ist es daher im Film möglich, dass im Zuge der christlichen geprägten Ethik der Königin und des nach außen scheinbar christlichen Handelns der Institution, diese zum neuen Zuhause von Merrick wird. Daher ist Merricks Unterbringung erst durch verschiedene Diskurse, die wiederum Auswirkungen auf die Institution haben, möglich. Handeln und Anerkennung Im Zuge dieser rechtlichen und gesellschaftlichen Anerkennung, entwickelt sich das Subjekt Merrick. Damit einhergehend erfolgt zunächst das Üben von Etikette und Konversation seitens Merrick. Dadurch kann er seine freundschaftliche Beziehung zu Treves verstärken. Zudem ist es ihm auch möglich seine Wünsche und Gedanken gegenüber anderen Menschen, wie beispielsweise Mrs. Candle zu äußern. Dadurch wiederum erhält die Per-

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son Merrick, u.a. durch die Auseinandersetzung mit dem Verbleib seiner Mutter, eine biographische Dimension. Als Ausdruck für die Wertschätzung, die ihm durch die christlich geprägte Ethik im viktorianischen England zu Teil wird, baut er ein Modell einer Kathedrale. Dieses steht im Film sinnbildlich für das Entstehen des Subjekts. Dieses wird zwar durch die Entführung in einen lethargischen Zustand versetzt, jedoch vollendet Merrick sein Werk nach seiner Rückkehr.

Die Subjektwerdung Merricks. Links: Das Objekt Elefantenmensch wird naturalisiert. Rechts: Das Subjekt John Merrick hat das Modell der Kathedrale vollendet.

Im Moment der Fertigstellung der Kathedrale entscheidet sich Merrick wie ein „normaler“ Mensch einzuschlafen. Er hat daher eine Vorstellung davon, dass er nicht dieser Norm entspricht bzw. Entsprechen kann. Jedoch visualisiert sein Blick auf das Bild eines schlafenden Menschen, dass er diesen Wunsch hat. In diesem Sinne setzt er seinen Wunsch, der einem Selbstmord gleich kommt, um und entzieht sich der Macht: „Jetzt richtet die Macht ihre Zugriffe auf das Leben und seinen ganzen Ablauf; der Augenblick des Todes ist ihre Grenze und entzieht sich ihr; er wird zum geheimsten, zum ‚privatesten‘ Punkt der Existenz“ (Foucault 2008a, 1133).

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4.3 Mulholland Drive 4.3.1 Story Betty kommt nach Los Angeles um Schauspielerin zu werden. Wohnen darf sie bei ihrer Tante, die eine erfolgreiche Schauspielerin und derzeit auf Reisen ist. In ihrer Wohnung angekommen, entdeckt sie, dass noch eine andere Frau in der Wohnung ist. Diese kann sich nach einem Verkehrsunfall nicht mehr erinnern wer sie ist. Sie weiß nur, dass sie in Gefahr ist. Da die Frau ihr Gedächtnis verloren hat, nennt sie sich Rita. Gemeinsam mit Betty gehen sie zunächst dem Unfall nach und finden neben einer Menge Geld einen blauen dreikantigen Schlüssel in Ritas Tasche. Derweil treibt Betty ihre Karriere als Schauspielerin voran. Nach einem Vorsprechen, hat sie ihre erste Rolle so gut wie sicher. Hierbei sieht sie den Filmemacher Adam, der zu diesem Zeitpunkt ein Problem mit seinem neuen Film hat. Durch mafiaartige Strukturen ist er gezwungen, eine Rolle nicht nach seinem eigenen Willen zu besetzen. Als Betty und Rita in einem Café sitzen, fällt Rita ein Name ein: Diane Sellwyn. Sie suchen im Telefonbuch nach der Adresse und begeben sich per Taxi dorthin. Dort sehen sie zwei Männer mit Sonnenbrille, worauf Rita panisch reagiert. Die beiden Protagonisten schleichen sich von Hinten an die Wohnsiedlung heran und gelangen zum Haus mit der Nummer 12. Dort angekommen, erfahren sie von einer Frau, dass Diane in Nummer 17 gezogen sei bzw. mit ihr die Wohnung getauscht hätte. Betty und Rita steigen in das Haus ein und entdecken im Schlafzimmer die Leiche einer Frau. Sie flüchten wieder in die Wohnung der Tante, in der sich die beiden sexuell näher kommen. In der Nacht wacht Rita auf und will etwas unternehmen. Beide besuchen ein Theater, in dem sie eine surreal anmutende Vorstellung sehen. In dieser Vorstellung entdeckt Betty eine blaue Schachtel in ihrer

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Tasche, mit einem dreikantigen Schlüsselloch. Sie fährt mit Rita nach Hause. Dort jedoch verschwindet Betty. Rita öffnet die blaue Schachtel und die Wahrheit kommt nach und nach zum Vorschein. Die ganze Geschichte war der Traum von Betty, die in Wirklichkeit Diane Sellwyn heißt. In dieser Wirklichkeit hat sie dank der erfolgreichen Rita, die dort Camilla heißt, einige Nebenrollen bekommen. Zudem ist Camilla mit Adam zusammen, den sie heimlich liebt. Durch die zunehmende Distanz zwischen Diane und Camilla, entwickelt Diane einen ungeahnten Hass der sie in ihrer Existenz scheiten lässt. Sie engagiert einen Auftragskiller, der Camilla tötet. Als Zeichen des erfolgreichen Auftrags, liegt am Ende des Films ein blauer Schlüssel auf dem Tisch. Durch Trauer und Wahnvorstellungen geplagt, nimmt sich Diane schließlich das Leben. 4.3.2 Charaktere Aufgrund der starken Veränderungen der Protagonisten, werde ich die jeweiligen Charaktere in einer Tabelle beschreiben.
P R O TA G O N I S T ERSTE HANDLUNGSEBENE ZWEITE HANDLUNGSEBENE

Betty/Diane

Betty ist eine erfolgreiche junge Frau, die ein Schauspieltalent ist. Sie spielt hierbei so gut, dass ihre Gegenüber nicht wissen, ob Betty oder ihre Rolle spricht. Ihr Wesen ist gutmütig und ihr Charakter stark.

Diane ist Bettys Spiegelbild. Sie tritt in Erscheinung, als Rita die blaue Box geöffnet hat. Sie ist durch ihren Hass auf Camilla eine gebrochene Person und emotional instabil.

Rita/Camilla

Rita ist auf der Flucht vor der Mafia. Durch einen Unfall verliert sie ihr Gedächtnis und ist anfangs entsprechend irritiert und mitgenommen. Dank Betty erinnert sie sich nach und nach an kleine Details. Sie nimmt daher vor dem öffnen der Box eine eher passive, bedürftige Rolle ein.

Im Gegensatz zu Rita, ist Camilla eine erfolgreiche Schauspielerin. Diese hilft ihrer Freundin Diane Nebenrollen zu bekommen. Jedoch bricht sie die Beziehung zu Diane ab, als sie eine Beziehung mit Adam eingeht. Im Gegensatz zu Diane wirkt Camilla stets gefasst und sehr kontrolliert.

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P R O TA G O N I S T

ERSTE HANDLUNGSEBENE

ZWEITE HANDLUNGSEBENE

Adam

Er ist ein talentierter Filmemacher, dessen Frau fremd geht und somit Eheprobleme hat. Zudem hat er auch Probleme mit seinen Produzenten, die gegen seinen Willen eine Rolle besetzen wollen. Letztlich fügt er sich dem Wunsch des Studios und wirkt wie gebannt, als er zum ersten Mal Betty sieht.

Nach dem öffnen der Schachtel ist Adam immer noch Filmemacher. Jedoch liebt er Camilla und möchte sie heiraten. Dies macht Diane eifersüchtig.

Coco

Coco ist im ersten Teil des Films die verständnisvolle und gutmütige Hausverwalterin von Bettys Tante.

Ist die Mutter von Adam. Sie wirkt reserviert und unnahbar gegenüber Diane.

Mr. Rock

Ist ein Mafiaboss, der in einem mit Spotlights beleuchteten Raum das Filmgeschäft steuert. Seine Mimik und Gestik ist minimal und wirkt daher sehr befremdlich.

Im zweiten Teil taucht Mr. Rock nicht mehr auf.

Cowboy

Der Cowboy ist Adams Geldgeber, der ihm eine zweite Chance für seinen Film gibt. Nämlich unter der Voraussetzung, dass dieser die Hauptrolle mit einer bestimmten Frau besetzt.

Im zweiten Teil taucht der Cowboy nur noch als Besucher einer Party von Adam auf; hierbei spielt er scheinbar keine tragende Rolle mehr.

Killer

Im ersten Teil bringt er einen Schauspielagenten um. Scheinbar sucht er nach einer brünetten Frau.

Im zweiten Teil bringt der Killer Camilla um. Der Killer ist die einzige Figur im Film, die in ihrer Rolle und in ihren Beziehungen konstant bleibt. Er ist trotz seines heruntergekommenen Aussehens skrupellos und bringt seine Arbeit immer zu Ende.

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Abb. 3: Personenkonstellation in „Mulholland Drive“

4.3.3 Narrationsstruktur Die Narrationsstruktur des Films ist hermetisch gestaltet. Der Beginn des Films wirkt hierbei zunächst wie eine Krimigeschichte. Hierbei folgt die Narration einem alternierenden Muster, welches die Handlungsstränge von Bettys und Ritas Suche nach Diane und Adams Filmproduktion erzählen. Dieses alternierende Muster durch Szeneneinschübe unterbrochen, die sich der Narration und deren Logik entziehen und zum Großteil surreal wirken. So besucht Adam beispielsweise einen Cowboy auf seiner Ranch am Stadtrand oder die Kurzgeschichte eines Mannes in einem Restaurant wird gezeigt, in der sein Alptraum wahr wird; hinter dem Restaurant findet er eine schreckliche Gestalt. Nachdem die blaue Schachtel schließlich geöffnet ist gibt es einen Bruch in der Narration; dadurch lösen sich die hermetischen Sequenzen in einer Art psychischen Rekonstruktion auf und enden mit Dianes Tod. Hierbei entsteht ein zeitliches Paradoxon; Die Leiche, die Rita und Betty finden ist scheinbar Diane. Erinnerung und Tod erfahren daher keine narrative Trennung, sondern vielmehr eine transzendente Verwebung.

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Abb. 4: Narrationsstruktur in „Mulholland Drive“

4.3.4 Setting und Licht Die Settings im Film lassen sich in zwei Gruppen zusammenfassen. Zunächst gibt es die Gruppe „Hollywood“. Diese Setting sind die Arbeits- und Lebensbereiche der Protagonisten. Hierzu zählen Dianes/Bettys Wohnung, Adams Haus sowie die Studiokulissen. Die Wohnung die Wohnung von Bettys Tante und von Diane sind durch verwinkelte Flure gekennzeichnet. Dadurch wird eine Orientierung im Raum erschwert. Dem Zuschauer wird die Raumanordnung letztlich nicht ersichtlich. Dies wird unterstützt durch das gedämmte Licht in beiden Wohnungen. Diesbezüglich ist die Unterscheidung, ob sich ein Protagonist im Flur der einen Wohnung oder der anderen aufhält, nicht eindeutig zu treffen. Hinsichtlich der Ausstattung sind beide Wohnungen übersichtlich und rustikal ausgestattet. Das zentrale Unterscheidungsmerkmal sind die Wohnzimmer in den Wohnungen. Während Bettys Tante ein gemütlich und gepflegt ausgestattetes Wohnzimmer hat, ist Dianes Wohnzimmer zu Ende des Films kühl, leer und trist. Durch die Rekonstruktion am Ende des Films wird deutlich, wie sich Diane immer mehr sozial isoliert und analog dazu sich ihre Wohnung entleert. Die Setting zeigen daher die Ambivalenz zwischen erfolgreichen und nicht erfolgreichen Schauspielern. Adams Haus verfügt im Gegensatz zu Bettys/Dianes Wohnung, über eine moderne Ausstattung. Die Räume sind durch viele Glaselemente, die die Räume hell und offen wirken

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lassen, gekennzeichnet, die die Räume hell und offen machen. Sie zeigen das reiche und moderne Los Angeles bzw. Hollywood. Die Studiokulissen stellen die Welt des Films innerhalb des Films und gleichzeitig den Arbeitsplatz der Protagonisten dar. Hierbei sind die Kulissen, die Aufnahmetechnik und die Menschen, die am Set arbeiten zu sehen. Das Licht ist durch die Geschlossenheit des Studios künstlich und nur auf die Aufnahmebereiche fokussiert. Winkies – Der Ort des Übergangs Ein zentrales Setting im Film ist das Restaurant Winkies. Hier ist zum einen der Ausgangspunkt für die Erscheinung des Monsters und zum anderen auch ein Ort der Entscheidungen. Das Setting hat den typischen Look eines amerikanischen Fast-FoodRestaurants: eine große Fensterfassade, grüne Ledersitze, Salz- und Pfefferstreuer und Bedienungen, die an den Tisch kommen. Den zweiten Teil des Settings bildet der Hinterhof mit den Mülltonnen. Dieser bildet den Übergang in das Surreale im Film, da dort ein „Monster“ haust. Beide Teile wirken durch das Sonnenlicht hell und natürlich. In so fern ist das tatsächliche Erscheinen des Monsters überraschend. Surreale Orte Zu den surrealen Orten zählen im Film die „Mafiazentrale“, die Ranch des Cowboys und der Klub Silencio. Die Mafiazentrale ist ein fensterloser Raum, dessen Wände mit roten Vorhängen verdeckt sind. Die Ausleuchtung des Raums wird über Spotlights realisiert, die bestimmte Punkte im Raum, wie Mr. Rock, hervorheben. Ein persönlicher Kontakt mit Mr. Rock ist über eine Glasscheibe mit Gegensprechanlage möglich. Die Ranch des Cowboys ist ein weiteres surreales Setting. Als Adam die Ranch betritt geht langsam eine Lampe an und erhellt eine Koppel, auf der sich die beiden Treffen. Das Setting erinnert durch das Haus und die Pferdekoppel an ein Western-Setting, welches einen starken Kontrast zum sonst urbanen L.A. darstellt. Dieses Setting ist auch für Adam befremdlich und glaubt anfangs es sei ein Scherz. Der Klub „Silencio“ stellt ein weiteres markantes surreales Setting dar, dessen blaue Eingangstür sich in einer heruntergekommen Straße in L.A. befindet. Der Aufbau des Settings ähnelt einem Theater. Es gibt Sitzreihen und eine Bühne. Die Bestuhlung und die Vorhänge im Silencio sind in rötlichen Tönen gehalten. Die Beleuchtung wird, wie im The-

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ater, über Scheinwerfer realisiert, die auf die Bühne zeigen. Der surreale Charakter des Settings kommt weniger durch das Setting, als durch das Programm auf der Bühne zum Ausdruck. So vor allem mit dem Ton gespielt und ein Ansager verschwindet spurlos auf der Bühne.

Das Unbestimmte im Bestimmten. Der surreale Ort Klub Silencio im scheinbar bestimmten Los Angeles. Betty und Rita reagieren gleichermaßen emotional mitgenommen.

Die surrealen Orte im Film haben gemeinsam, dass das Setting helle und dunkle Bereiche aufweisen. Auch die Verortung der Orte spielt hierbei eine Rolle. So ist beim Klub Silencio von außen nicht sichtbar, dass es sich um ein Theater handelt und auch die Ranch des Cowboys am Rand von L.A. ist befremdlich, da sich die helle und laute Stadt scheinbar gar nicht mehr in unmittelbarer Reichweite befindet; die Koppel ist daher außerhalb der Lichtkegel schwarz und nur der Wind ist zu hören. Auch die Mafiazentrale folgt dieser Logik. Jedoch mit dem Unterschied, dass hierbei die Verortung völlig ausbleibt. Somit ist dieses Setting völlig losgelöst von der Diegese des Films. 4.3.5 Acting und Kostüme Betty und Rita Den beiden Handlungssträngen folgend, entwickeln sich auch das Acting und die Kostüme von Betty/Diane und Rita/Camilla diametral. In der Traumwelt ist Rita ein sehr emotio-

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naler Typ, der häufig weint und nicht mehr weiß wer sie ist. Betty ist dagegen immer bestimmend und nicht aus der Fassung zu bringen. Dem entsprechend sind ihre Gesichtsausdrücke freundlich aufheiternd und kontrolliert. Hinsichtlich der Kostüme tragen Betty und Rita immer normale Straßenkleidung. Mit Blick auf Betty fällt auf, dass sie lediglich emotional wird, als sie beim Vorsprechen scheinbar eins mit ihrer Rolle wird und so emotional mitgenommen wirkt, dass man das Schauspiel nicht mehr von der Realität trennen kann. Die Auflösung der Situation erfolgt durch Bettys Schauspielpartner, der irritiert wirkt (vgl. Lynch 2001, 01:10:59f). Nach dem entdecken der Leiche findet eine Angleichung der emotionalen Ausdrücke statt. Diese Angleichung besteht darin, dass auch Betty zunehmend von den Ereignissen mitgenommen wird und häufiger weint. Die Angleichung setzt sich jedoch auch bei den Kostümen fort. Betty setzt Rita eine blonde Perücke auf. Als beide das Silencio besuchen sehen beide ähnlich aus und halten sich gegenseitig emotional mitgenommen fest (vgl. Lynch 2001, 01:42:34f). Nachdem Rita in die blaue Schatulle blickt und sich die Handlung komplett dreht, wirken die Charaktere wie ausgetauscht. Daher ändern sich nicht nur die Namen, sondern auch das Acting und die Kostüme. Betty wird zu Diane und gleichsam wird ihre Kleidung ärmlicher und ihr Charakter launisch. Ihr Haar sieht ungepflegt aus und ihre Blicke wirken verbittert und traurig. Im Gegensatz dazu wird Rita zu Camilla. Sie ist eine sich von Diane immer mehr distanzierende Person, die zum einen elegante Kleidung und Make-Up trägt. Auch ihre Blicke wirken professionell und distanzierend (vgl. Lynch 2001, 01:54:51f).

Links: Betty als freundliche Helferin. Ihre Ausdruck ist lebhaft und gepflegt und ihre Kleidung in warmen Farben gehalten. Rechts: Diane gibt den Mordauftrag. Ihr Ausdruck ist leblos und die Kleidung trist.

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Acting der Umwelt In der Traumwelt sind gute und böse Rollen eindeutig verteilt. Dies wird auch durch das Acting deutlich. So haben die Mitglieder der Mafia, die Kriminalbeamten, der Cowboy oder die Wahrsagerin starre, undurchsichtige und befremdliche Gesichtsausdrücke. Dagegen haben Personen, die Betty wohlgesonnen sind immer freundliche Gesichtsausdrücke und meinen es auch gut mit ihr. Nachdem die Handlung umschlägt wirken Bettys ehemalige Freunde befremdlich. Die Gesichtsausdrücke sind, wie der von Camilla, professionell distanziert. Es lässt sich nicht mehr eindeutig ausmachen, wie die Leute um Diane ihre Aussagen meinen. 4.3.6 Kinematographie Der gefangene Blick Mit Hinblick auf die Kinematographie, sind Nah- und Großaufnahmen für den Film ein zentrales Element. Die erste Funktion besteht im Einfangen der Blicke und Emotionen der Protagonisten. Als beispielsweise Betty zum ersten mal auf Adam trifft, treffen sich ihre Blicke unmittelbar nach ihrer Ankunft im Studio und versetzen die Protagonisten in eine Art Starre. Die Kameraeinstellung, die zunächst in einer amerikanischen Einstellung verharrt, wechselt durch eine Kamerafahrt in eine Nahe Einstellung, die die sich treffenden Blicke und die Spannung zwischen den Protagonisten in diesem Moment einfängt (Lynch 2001, 01:19:53-01:20:30). Schließlich wenden sich beide Protagonisten voneinander ab; Betty unterhält sich mit ihren Begleitern und Adam führt weiter das Casting durch. Nachdem das zweite Casting beendet ist, treffen sich die Blicke nochmals. Wieder wird Betty in einer amerikanischen Einstellung gezeigt und ein Zoom leitet wieder in eine nahe Einstellung ihres Gesichts über. Darauf dreht sich Adam in einer nahen Einstellung um und blickt Betty an. Die Kamera geht anschließend in eine Detailaufnahme, die die Augen fokussiert und somit ein Moment maximaler Spannung erzeugt. Diese Spannung wird aufgelöst, als Betty ihren Blick abwendet und das Studio verlässt (Lynch 2001, 01:23:20-01:23:50). Analog zu den zuneigenden positiven Emotionsäußerungen über den Blick, werden auch die befremdlichen bzw. negativen Blicke in nahen Einstellungen inszeniert. Beispielsweise ist am Ende des Films zu sehen, wie Dianes eifersüchtige Blicke auf dem Liebespaar Camilla und Adam verharren, ohne dass Diane sich dagegen erwehren kann. Allen Blicken in

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nahen Einstellungen ist daher gemein, dass sie Momente der Befangenheit inszenieren bzw. hervorheben. Hierbei sind die Protagonisten scheinbar nicht in der Lage, ihren Blick von ihrem Gegenüber zu lösen.

Der gefangene Blick. Die Kamera geht von einer nahen in eine Detailaufnahme von Bettys Augen, die Adam anblicken, um die Befangenheit in diesem Moment hervorzuheben.

Ebenfalls in nahen- und Detailaufnahmen werden Cues im Film gezeigt. Als sich Betty und Rita im Winkies darüber nachdenken, was zu tun ist, sieht Rita das Namensschild einer Kellnerin namens Diane und ihr fällt ein Name ein (Lynch 2001, 00:51:56-00:52:43). Als am Ende des Films Diane im Restaurant mit dem Killer sitzt, fällt ihr Blick wiederum auf das Namensschild, welches in einer Detailaufnahme diesmal Betty zeigt. Der Einsatz von Detailaufnahmen einzelner Objekte dient letztlich im Film dazu, um Verweisungsstrukturen im Film zu realisieren.

Der blaue Schlüssel als Verweisungsstruktur. Zuerst ein unbestimmtes Objekt und schließlich das Symbol für den Auftragsmord an Camilla.

Dieser Logik folgend wird auch der blaue Schlüssel, den Betty und Rita in ihrer Handtasche finden, in einer Detailaufnahme gezeigt (Lynch 2001, 00:42:30f). Nachdem die blaue Box schließlich geöffnet ist, sieht man am Ende des Films, wie Diane auf den Tisch blickt

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und man in einer Detaileinstellung einen blauen Schlüssel sieht. Dieser hat jedoch nicht die Funktion etwas zu öffnen, sondern ist vielmehr Symbol für den gelungenen Auftragsmord an Camilla (Lynch 2001, 02:13:18-02:14:00). Ähnlich wie beim Blick auf andere Protagonisten bleibt auch der Blick auf Objekte in naher Einstellung für einige Sekunden haften. Er hebt somit die Bedeutung dieser Gegenstände als Verweisstruktur im Film hervor und macht die mitunter hermetischen Handlungsabläufe erst rekonstruierbar. Die Bewegung durch den Raum Im Film werden neben statischen Kameraeinstellungen auch Kamerafahrten und Zooms eingesetzt, um nahe Einstellungen der Gesichter zu realisieren. Damit wird vor allem die plötzliche Befangenheit der Protagonisten zum Ausdruck gebracht, wie sie beispielsweise in der oben bereits erwähnten Szene, in der Betty und Adam sich zum ersten Mal sehen, vorkommt. Die Kamerafahrten fungieren daher als bewegte Übergänge zwischen Einstellungen, die wiederum emotionale Bewegungen sichtbar machen. Zudem werden Kamerafahrten auch eingesetzt, um Establishing Shots zu realisieren. Als markantestes Beispiel im Film ist hierbei die Einleitung der Szene zwischen Betty und Adam zu nennen. Zunächst zeigt die Kamera eine Sängerin und ihre Background-Singer im Stil der 60er Jahre, die ein romantisches Lied singen. Dadurch wird mit Blick auf die vorangegangene Szene und die zeitliche Differenz Irritation erzeugt. Anschließend bewegt sich die Kamera zum Zuschauer hin und zeigt, dass sich die Szene in einem Aufnahmestudio abspielt. Schließlich fährt die Kamera nochmals weiter und zeigt ein Filmstudio, in dem ein Casting für eine Filmrolle stattfindet (vgl. Lynch 2001, 01:18:54f). Durch die Kamerafahrt werden daher die Rahmungen2 verändert, so dass aus einer anfänglichen Irritation ein logischer Anschluss an das Filmgeschehen stattfindet und zugleich ein Überblick über die räumliche Beschaffenheit des Settings gegeben wird. Außer den Kamerafahrten werden POV-Shots im Film eingesetzt, um Bewegungen durch den Raum zu inszenieren. Dies dient vor allem der Immersionsteigerung, da man nie weiß,

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Mit Hinblick auf Erving Goffmans Rahmenanalyse, gelingt die Sinngebung und –übereinstimmung durch sogenannte

Rahmen. Diese beschreiben „Organisationsprinzipien für Ereignisse - zumindest für soziale – und für unsere persönliche Anteilnahme an ihnen“ (Goffman 1977, 19). Ein Rahmen kann also als die Definition einer Situation gesehen werden. Diese Konzept erklärt auch, wie durch Rahmungen Irritationen entstehen können. Eine ausführlichere Auseinandersetzung mit Goffmans Rahmenanalyse die von Wolfgang Ruge und mir im Rahmen eines Seminars durchgeführt wurde finden Sie unter: http://wolfgang-ruge.name/wp-content/uploads/2010/07/rahmenanalyse-als-zugang-zur-mediensozialisation.pdf

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was sich hinter der nächsten Ecke befindet. So wird beispielsweise in der Szene, in der die beiden Männer hinter des Restaurant gehen um nachzusehen, ob wirklich eine schreckliche Person hinter den Müllcontainern sei, ein POV eingesetzt, der den Zuschauer in die Perspektive des verängstigten Mannes versetzt und offen lässt was hinter der Ecke kommen wird (vgl. Lynch 2001, 00:14:43-00:15:42). Daher haben die POVs neben der Visualisierung von innersubjektiven Blicken der Protagonisten auch die Funktion, räumliche Strukturen undurchsichtig und unbestimmt zu machen. Diese Unbestimmtheit wird im Film erhöht, indem in einigen POV-Shot-Sequenzen scheinbar dritte Personen durch den Raum schreiten und die Protagonisten verfolgen. Beispielhaft hierfür ist jene Szene in der Betty und Rita vor dem Klub Silencio ankommen. Hierbei zeigt die Kamera beide in einer totalen Einstellung. Es entsteht der Eindruck, dass eine fremde Macht Betty und Rita beobachtet. Diese Lebendigkeit bzw. diese dritte Person wird vor allem durch ein leichtes bewegen bzw. wackeln der Kamera erzeugt. Als Betty und Rita schließlich den Klub betreten wollen, bewegt sich die Kamera mit schnellem Tempo auf die beiden zu. Es entsteht der Eindruck, als würde die fremde Macht beide angreifen wolle. Jedoch kommt sie vor der verschlossenen blauen Tür zum stehen und verfolgt die beiden nicht weiter (vgl. Lynch 2001, 01:40:23f). Durch das ausbleiben der Klärung, was sich nun genau auf die beiden Protagonistinnen zubewegte, erhält diese Szene einen transzendenten Charakter, der sich bis zur Öffnung der blauen Box fortsetzt und somit Leerstellen erzeugt.

Vom irritierenden 50er Jahre Konzert zur Studioaufnahme. Die Änderung der Rahmung durch eine Kamerafahrt.

4.3.7 Editing Für Szenenübergänge im Film werden durch verschiedene Montageformen realisiert. Zum einen gibt es fließende Übergänge des Bildes in Form von weiche Blenden. Dadurch werden direkte Fortsetzungen von Handlungen ermöglicht. So steigt Betty beispielsweise

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nach dem Besuch des Sets in das Taxi zu Rita. Hierbei wird anschließend in ein anderes Bild überblendet, in dem das Taxi bereits kurz vor dem Ziel ist (vgl. Lynch 2001, 01:23:53f). Weichen Blenden sind im Film nicht nur auf das Bild beschränkt, sondern erstrecken sich auch auf den Ton. So setzt bereits die Musik vom Filmset ein, als Betty in einen Fahrstuhl steigt. Anschließend setzt die oben erwähnte Rahmungsszene mit der Sängerin ein (vgl. Lynch 2001, 01:18:32f). Die weichen Überblendungen auf der bildlichen und auditiven Ebene des Films ermöglichen es daher, logische Übergänge zwischen chronologisch ablaufenden Handlungen herzustellen. Das Ende eines solchen chronologischen Handlungsabschnitts markieren Schwarzblenden. Nachdem Adams Film nach einem Gespräch mit dem Studioboss und Mr. Rock scheinbar nicht umgesetzt wird, wird die Szene schwarz ausgeblendet. Schließlich sieht man eine Bürogebäude in der Innenstadt, in der ein Killer bei einem Agenten ist (vgl. Lynch 2001, 00:34:39f). Schwarzblenden bereiten den Zuschauer folglich auf neue Szenen vor. Im scharfen Gegensatz dazu setzt Lynch harte Schnitte für den Übergang zwischen Szenen ein, die scheinbar außerhalb der Welt des Films bzw. deren Logik liegen. Durch solche harten Szenensprünge im Film, wirkt der Konnex zwischen der vorherigen und der aktuellen Szene für den Zuschauer irritierend und bleibt in Teilen unerklärlich. Beispielsweise legt sich am Anfang des Films die erschöpfte Rita in der Wohnung von Bettys Tante schlafen. Nach einem harten Schnitt wird zum Restaurant "Winkies" übergeleitet zu einer Szene mit zwei Männern, deren Funktion im Film im Film unbestimmt bleibt (vgl. Lynch 2001, 01:11:20f). Nachdem einer der Männer ein Monster sieht und geschockt zu Boden fällt, sieht man nach einem harten Schnitt wieder die schlafende Rita. Für den Zuschauer bliebt ungeklärt, ob das Gesehene ein Traum Ritas oder eine mögliche Wirklichkeit im Film war. Durch diese Montageform werden Unbestimmtheitsräume hinsichtlich der Ontologie des Films und letztlich auch in der Narration eröffnet. 4.3.8 Sound Die Soundkulisse im Film ist vor allem auf Geräusche und Gesprochenes aus der Filmwelt konzentriert. Lediglich unheimliche tiefe Töne bilden ein stetiges nondiegetisches Muster im Film, was vor allem dann hervortritt, wenn Unbestimmbares oder düstere Vorahnungen im Film unterstrichen werden sollen. Ein weiteres auditives Muster im Film sind die gesungenen Lieder. Diese werden ausschließlich in der Diegese des Films durch verschiedene Sängerinnen gesungen. Mit Hin-

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blick auf den Inhalt und die Form der Lieder, lässt sich feststellen, dass es immer Verbindungen zur Handlung gibt. So wird beim oben bereits erwähnten ersten Treffen zwischen Betty und Adam unter anderen das Lied "sixteen reasons (why i love you)" gesungen, dass in seiner Form ein "Oldie" aus den 60ern ist und eine inhaltliche Tendenz zum Romantisch-kitschigen hat und in der Szene eben diesen Charakter unterstreicht (vgl. Lynch 2001, 01:18:32f). Analog zur Entwicklung des Films hin zu einer tragischen Liebesgeschichte, hört man kurz vor dem Öffnen der blauen Box im Klub Silencio ein spanisches Lied von Rebekha del Rio (einer "echten" Künstlerin), die den Titel "Llorando" (zu deutsch: weinen) a capella singt (vgl. Lynch 2001, 01:43:56f). Hierbei ist bemerkenswert, dass der Klub von einem Mann eingeführt wird, der sagt, dass alles Gehörte an diesem Ort reine Illusion sei. Als das Lied mit dieser Ankündigung erklingt, beginnen Rita und Betty zu weinen. Die Illusion wird als solche sichtbar, als die Sängerin auf der Bühne zusammenbricht, die Musik jedoch weiterläuft und Rita und Betty weiter weinen. Diese Szene verdeutlicht, wie sehr im Film Schauspiel und Wirklichkeit verzahnt sind und geben einen Hinweis darauf, dass nichts so ist, wie es scheint. Durch das Spiel mit der Musik bereitet diese Szene daher den Zuschauer darauf vor, selbst "desillusioniert" zu werden. 4.3.9 Gefühl und Realität als audiovisuelles Muster Ein durchgängiges Muster im Film sind die Farben rot und blau, die dem Film als permanente Attribute von Personen und Objekten dienen. Die Farbe rot ist vor allem immer dann zu sehen, wenn Emotionen, wie beispielsweise Liebe, vordergründig sind. So ist der Klub Silencio mit roten Vorhängen ausgestattet und die Protagonisten entsprechend mitgenommen, als die in rot eingekleidete und in warmen Farben geschminkte Rebekha del Rio ihr Lied singt. In dieser Szene wird auch der Bezug zur Farbe Blau deutlich. Diese hat die Funktion auf die Wirklichkeit zu verweisen. Hierbei ist der blaue Schlüssel das zentrale Verweisungsmoment auf den Mord an Camilla. Dieser Zusammenhang wird im Film ebenfalls im Klub Silencio hervorgehoben. Als der Ansager, der den Zuschauern erklärt, es sei alles eine Illusion, wird der Klub mit blauem Licht und Blitzen eingefärbt, worauf Betty sich scheinbar erschüttert und krampfend an ihren Stuhl klammert. Als die Box geöffnet ist, und das wahre Leben von Diane zum Vorschein kommt, wirkt auch das Bild kühl. Dies wird durch hellblaue Kostüme der Protagonisten, helles Licht und hellblaue Tapeten in der Wohnung unterstrichen (vgl. Lynch 2001, 01:53:06). Der Charakter der Farbe Rot wandelt sich in ein obsessives Begehren, dass sich bei Diane in Eifersucht und schließlich in Hass wandelt. So zieht Diane ein rotes Kleid an und trägt einen auffallend roten Lip-

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penstift, als sie das letzte Mal Camilla auf einer Party besucht (vgl. Lynch 2001, 02:04:11f). Mit der Entwicklung des Hasses weicht auch die rote Farbe in den Szenen. Letztlich zerbricht Diane an ihrem Hass und nimmt sich in einer von gleißend blauen Blitzen begleiteten Szene das Leben. 4.4 Machtstrukturen in Mulholland Drive Hinsichtlich der Machtstrukturen des Films Mulholland Drive möchte ich im folgenden Abschnitt zunächst die Disziplinierung von Adam durch das Machtsystem Hollywood rekonstruieren. Anschließend werde die Entwicklung von Betty bzw. Diane im Film unter einer machttheoretischen Perspektive rekonstruieren. 4.4.1 Das System „Hollywood“ oder: Die Disziplinierung von Adam Im Verlauf des Films wird Adam zunächst in einem Gespräch mit den Produzenten und den Vertretern von Mr. Rock überredet, eine bestimmte Frau in die Hauptrolle zu bringen. Hierbei bliebt er jedoch stur und lässt sich in sein Filmschaffen nicht hineinreden. Darauf veranlasst Mr. Rock, dass der Film nicht mehr gedreht wird. Dies wird Adam von seiner Assistentin mitgeteilt. Darauf gibt ihm der Cowboy eine zweite Chance unter der Voraussetzung, dass Adam die Hauptrolle mit eine bestimmten Frau besetzt. Das Gespräch wird mit einer Schuss-Gegenschuss-Montage in einer amerikanischen Einstellung realisiert. Als der Cowboy nach einigen Fragen resümiert, dass Adam nichts an einem schönen Leben liege, wechselt die Kamera in eine nahe Einstellung. Adam soll über das Gesagte nachdenken. Der Cowboy durchschaut Adams Gedanken und zwingt ihn ehrlich zu sein und nachzudenken. Hierbei zeigt er auch, dass er Wissen über Adams Produktion hat. Letztlich wird Adam vor die Wahl gestellt, die richtige oder die falsche Entscheidung zu treffen (vgl. Lynch 2001, 01:03:02-01:06:26). Letztlich entscheidet sich Adam für die „richtige“ Wahl und unterwirft sich damit der Bitte des Cowboys. Er erkennt, dass er als Regisseur keinesfalls so viel Macht hat wie er glaubt. Der Film Mulholland Drive reflektiert Hollywood als System der Macht, welches in verschiedenen Facetten im Film gezeigt wird. Mr. Rock und der Cowboy werden dabei als undurchschaubare Geldgeber und Drahtzieher inszeniert, die Adam verunsichern. Beide haben eine scheinbar unermessliche Machtfülle, da sie Adam überall finden können. In so fern agieren beide als Disziplinarmacht mit einem panoptischen Charakter. Adam wird sich dieser Macht erst bewusst, als ihm vor Augen geführt wird, dass er beobachtet wird.

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Mit Blick auf Foucault lässt sich also sagen, dass Adam die Strafe des Delinquenten auferlegt wird: „Der Delinquent unterscheidet sich vom Rechtsbrecher dadurch, daß weniger seine Tat als vielmehr sein Leben für seine Charakterisierung entscheidend ist. Die Besserungsstrafe muß, wenn sie eine wahrhafte Umerziehung sein will, die Existenz des Delinquenten totalisieren, sie muß aus dem Gefängnis ein künstliches und zwingendes Theater machen, in dem die Existenz von Grund auf neu inszeniert werden muss“ (Foucault 2008, 958). Dieses künstliche und gezwungene Theater zeigt sich schließlich in der Casting-Szene, in der Adam mit Widerwillen und einem sichtlich erbosten Blick die geforderte Schauspielerin als die richtige für die Rolle befindet. Die Produzenten haben ebenfalls einen kühlen Blick und beglückwünschen Adam zu seiner Wahl (vgl. Lynch 2001, 01:22:32f). Das Disziplinarsystem Hollywood ist daher erfolgreich.

„Eine ausgezeichnete Wahl Adam.“ Der Blick als Ausdruck der erfolgreichen Disziplinierung.

4.4.2 Betty und Diane – Macht und Ohnmacht Im Gegensatz zu Adam, findet bei Betty keine offensichtliche Disziplinierung statt. Vielmehr ist bei Betty eine innersubjektive Entwicklung vordergründig, die sich im Film in drei aufeinander folgende Phasen unterscheiden lässt: 1. Das kontrollierte Schauspiel 2. Synchrones Auftreten von Rita und Betty 3. Kontrollverlust

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Das kontrollierte Schauspiel Das „kontrollierte“ Schauspiel Bettys zeigt sich vor allem in der Übungsszene mit Rita und beim Vorstellungsgespräch für eine Rolle. In beiden Szenen beherrscht Betty das Schauspiel so perfekt, dass ihre Gegenüber darüber verunsichert sind, ob sie spielt oder dies ernst meint. Daher kontrolliert Betty die situativen Rahmungen so gut, dass sie andere damit irritieren kann. Betty hat in dieser Phase des Films scheinbar die Kontrolle über sämtliche Situationen. So ist sie neben einer begabten Schauspielerin auch eine erfolgreiche Privatdetektivin. Hierbei agiert sie immer aktiv aus sich heraus und hat damit auch Erfolg. So ruft sie beispielsweise die Polizei von einem öffentlichen Telefonapparat an, um herauszufinden, ob es einen Unfall auf dem Mulholland Drive gab. Während des Gesprächs signalisiert sie gegenüber Rita Selbstsicherheit, indem sie ihr in einer nahen Einstellung zuzwinkert (vgl. Lynch 2001, 00:50:51f). Sie setzt somit ihr Wissen über die Polizei als Institution ein und gelangt anonym zu einer neuen Information. Mit Foucault gesprochen nutzt sie das Wissen um die Strukturen, um für sich Macht zu entfalten (vgl. Foucault 2008, 729). Gleichsam bestätigt sich in dieser Szene auch Foucaults Annahme, dass Macht nicht nur Wissen ausnutze, sondern das sie auch das Wissen hervorbringe (vgl. Foucault 2008, 730). Mit Blick auf die erste Phase von Bettys Entwicklung lässt sich zusammenfassend feststellen, dass sie durch ihr Wissen, dass sie zur Entfaltung von Macht und zur Generierung neuen Wissens einsetzt in jedem Moment dieser Phase für sich Bestimmtheit erzeugt. Synchrones Auftreten von Rita und Betty Nach dem Entdecken der Leiche wandelt sich Bettys Wesen. Sie ist wie Rita mitgenommen von den Ereignissen. Dies liegt daran, dass sie mit einer für ihre Verhältnisse großen Kontingenz konfrontiert wird. Die scheinbar perfekte Welt in der alles gelingt weicht einer Welt die zunehmend unbestimmter wird. Der Höhepunkt dieser steigenden Unbestimmtheit ist der bereits erwähnte Besuch im Klub Silencio. Neben dieser Steigerung der Unbestimmtheit gleicht sich Rita scheinbar an Betty an, indem sie zunächst eine blonde Perücke trägt. Auch innerlich scheint es eine Angleichung zu geben. Diese emotionale Ähnlichkeit sieht man als die beiden Sex haben und beim Gesang von Rebekah del Rio, zu welchem die beiden weinen. Diese Ähnlichkeit zwischen

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Betty und Rita schafft vor allem für Betty Bestimmtheit, die sich mit den Doppelspiralen von Macht und Lust erklären lassen: „Die Macht, die sich auf diese Weise der Sexualität annimmt, macht sich anheischig, die Körper zu streicheln; sie liebkost sie mit den Augen; sie intensiviert ihre Zonen; sie elektrisiert ihre Oberflächen; sie dramatisiert die Augenblicke ihrer Verwirrung. Die Macht ergreift und umschlingt den sexuellen Körper. Das steigert gewiß die Wirksamkeiten und die Ausdehnung des kontrollierten Gebietes. Zugleich führt es aber zu einer Versinnlichung der Macht und zu einem Gewinn an Lust“ (Foucault 2008a, 1062). Nach Foucault ist daher die Versinnlichung und Vertiefung der Beziehung der beiden Protagonisten eine Form der gegenseitigen Machtausübung, die letztlich gegenseitiges Vertrauen und Stabilität angesichts der zunehmenden äußeren Kontingenzen erzeugt. Kontrollverlust Nach dem Öffnen der blauen Box wird das eigentliche Leben von Betty bzw. Diane sichtbar. Dieses ist entgegengesetzt zu dem, was bis dahin gezeigt wurde; Diane ist kein Star und bekommt nur Nebenrollen. Neben finanziellen Problemen, gibt es auch Beziehungsprobleme mit ihrer Geliebten Camilla, die selbst ein Star ist. Somit wird Diane vor allem mit einem Verlust ihrer Kontrolle konfrontiert, der am Ende des Films in vielfacher Weise inszeniert. Die markanteste Szene bildet hierbei eine Szene, in der Diane zunächst allein einen Kaffee kocht. Als sie zur Couch geht, liegt die nackte Camilla darauf. Als Diane über die Lehne steigt, hat sich ihr Kaffee in ein Glas Whiskey gewandelt. Anschließend küssen sich beide und Camilla gesteht Diane, dass sie sie „wahnsinnig“ mache. Schließlich wandelt sich die Situation unvermittelt. Camilla beendet die Beziehung, worauf Diane wütend reagiert und Camilla mit Gewalt zum Sex zwingen will (vgl. Lynch 2001, 01:56:14-01:58:00). Diese Szene zeigt wiederum den Doppelimpulsmechanismus von Lust und Macht: „Lust eine Macht auszuüben, die ausfragt, überwacht, belauert, erspäht, durchwühlt, betastet, an den Tag bringt; und auf der anderen Seite eine Lust, die sich daran entzündet, dieser Macht entrinnen zu müssen, sie zu fliehen, zu täuschen oder lächerlich zu machen“ (Foucault 2008a, 1063). Die Folgen des gegenseitigen Aufrufs von Lust und Macht, seien somit laut Foucault unaufhörliche Spiralen. Mit Blick auf Diane führen diese Spiralen jedoch in eine tödliche Ob-

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session. Nicht nur in ihrem immer aggressiver werdenden Handeln äußert sich Dianes zunehmende Entfremdung. Die vorher freundlich inszenierten Charaktere, wie beispielsweise Coco, wirken nun distanziert und fremd. Diane wird daher nicht mehr die Anerkennung zu Teil, die sie am Anfang des Films bekommen hatte. Daher werden für Diane die vorher bestimmten Beziehungen unbestimmbar. In diesem Sinne werden auch die Machtstrukturen für sie immer undurchdringlicher. Der Komplex aus Macht und Wissen, den Betty am Anfang des Films für sich optimal nutzen konnte, wird am Ende des Films zu etwas, dem sie immer feindseliger gegenübersteht. So sieht sie in Camillas Handeln eine bewusste kränkende Absicht, die ihre Eifersucht in Hass umschlagen lässt.

Der Kontrollverlust Dianes. Links: Macht und Lust gehen ineinander über. Rechts: Der Versuch der Durchsetzung der Macht durch Erhebung über Camilla und Blick nach unten.

Mit Blick auf die Entwicklung von Adam und Betty bzw. Diane, wird deutlich, dass beide Charaktere in Machtstrukturen eingebettet sind. Während Adam dies erkennt und sich diesen Strukturen unterwirft, werden für Diane diese immer undurchsichtiger und treiben sie in den Wahnsinn.

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4.5 Vergleich der Machtstrukturen Im Anschluss an die vorangegangenen Filmanalysen, möchte ich abschließend beide Filme hinsichtlich ihrer Machtstrukturen vergleichen. 4.5.1 Der Wandel der Disziplinarmacht In beiden Filmen wirken Disziplinarmächte auf die Protagonisten ein. Jedoch ist die Form bzw. deren Qualität unterschiedlich. In "Der Elefantenmensch" sind vor allem die Polizei und die Institution des Krankenhauses die zentralen Disziplinarmächte. Hierbei ist beiden gemein, dass sie präsent sind. Das heißt konkret, dass die Polizei beispielsweise in das Alltagsgeschehen eingreift und die Zuschauer des Jahrmarktes diszipliniert. Im Krankenhaus sind es vor allem die räumlichen Strukturen und personalen Hierarchien, die durch die Bildkadrierungen und Kamerawinkel zum tragen kommen und eine Disziplinarmacht mit panoptischen Charakter inszenieren. Entsprechend der zeitlichen Situierung des Films im viktorianischen England, lässt sich sagen, dass durch den Einsatz von damals neuen Technologien der Macht, diese sich entfaltet. Anhand der Blicke im Film ist zu jedem Zeitpunkt deutlich, dass Treves dem Direktor untersteht, und dass dieser wiederum dem Königshaus untersteht. Die Machtstrukturen sind im Film daher nachvollziehbar und klar hierarchisch gegliedert. Der Film zeigt jedoch auch, dass die Disziplinarmacht noch nicht allgemein inkorporiert ist. Dies zeigt sich vor allem in der Nacht, in der das Krankenhaus zu einem scheinbar gesetzlosen Ort wird. Hierbei liegt der Hauptgrund darin, dass die Technologie des Individuums, in Form der Mitarbeiter der Institution, abwesend ist. Mit diesem Wissen über diese Abwesenheit, kann der Wächter die Institution für seine Führungen nutzen und daher die Machtstrukturen unterlaufen. Mit Blick auf "Mulholland Drive" zeigt sich ein anderes Bild der Disziplinarmacht. Diese habe ich unter dem Begriff "Hollywood" zusammengefasst. Dieser Machtkomplex arbeitet mit anderen, subtileren Strategien als das Hospital in "Der Elefantenmensch", um Adam zu disziplinieren. Zum einen erlangt Adam nie das Wissen über das gesamte Machtsystem. So bleibt beispielsweise Mr. Rock für ihn unsichtbar. Auch für den Zuschauer ergeben sich Leerstellen bezüglich des Machtsystems. So wird im Film beispielsweise nicht geklärt, in welcher Verbindung Mr. Rock mit dem Cowboy steht. Neben diesen undurchschaubaren Machtstrukturen des Systems Hollywood, zeigt das System in Form des Cowboys, dass es ein absolutes Wissen über Adam hat. Das geht so weit, dass der

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Cowboy scheinbar Adams Gedanken lesen kann. Von daher wird Adam klar, dass er keine Macht gegenüber dem System Hollywood hat, sondern, dass er sich dieser Macht, wenn er weiter erfolgreich arbeiten möchte, unterwerfen muss. Die Disziplinarmacht in "Der Elefantenmensch" arbeitet daher mit dem Prinzip der stetigen Präsenz, die eine panoptische Logik in sich trägt. So ist es kein Zufall, dass im Krankenhaus jeder Patient räumlich getrennt ist und in der Mitte des Saals das Bild der Königin "wacht". Wie bereits oben erwähnt, ist diese Macht jedoch nicht allgegenwärtig und vor allem bei der Unterschicht im Film nicht inkorporiert, wodurch sie für den Wärter unterlaufbar wird. Dagegen braucht die Disziplinarmacht in "Mulholland Drive" keine stetige Präsenz, um Adam zu disziplinieren. Hierbei sind selbst den Studiobossen nicht alle Informationen zugänglich. Dies wird in einer Szene deutlich, als einer der Studiobosse Mr. Rock besucht. Hierbei muss dieser durch eine Glasscheibe mit Gegensprechanlage zu ihm sprechen (vgl. Lynch 2001, 00:33:18f). Es zeigt sich, dass Adam, der sich am Anfang des Films für wichtig hält, durch das Gespräch mit dem Cowboy erkennt, dass er keine Macht hat. Hierbei ist mit Blick auf das Machtsystem zentral, dass es im Gegensatz zu "Der Elefantenmensch" keine sichtbare obere Instanz zeigt. Adams Treffen auf einen Cowboy, den er anfangs nicht für voll nimmt, zeigt jedoch, dass die Disziplinarmacht keine konkrete Form oder Instanz braucht, um wirksam zu werden. Sie erinnert Adam lediglich einmal daran, dass sein Handeln beobachtet wird und dass dies Konsequenzen habe. Adam fügt sich letztlich dieser Macht ohne weitere Interventionen des Systems. Das in "Der Elefantenmensch" noch externe und sichtbar überwachende Panopticon ist in "Mullholland Drive" eine nicht sichtbare, inkorporierte Instanz geworden. 4.5.2 Subjekt und Anerkennung Neben den Institutionen sind bzw. werden auch die Subjekte selbst machtentfaltend. In "Der Elefantenmensch" ist eine deutliche Entwicklung Merricks zu sehen. Anfangs ist dieser ein durch Repression unterdrücktes Individuum. Bezeichnend hierfür ist, dass Merrick sich scheinbar vollständig dem Regime von Bytes unterworfen hat und letztlich nicht als Subjekt hervortritt. Mit Merricks Überweisung in das Hospital lassen sich verschiedene Formen der Anerkennung ausmachen. Die erste entscheidende Anerkennung erfolgt über Treves und das Hospital, die dem "Elefantenmenschen" als den Patienten John Merrick adressieren. Durch diesen Vorgang wird festgestellt, dass Merrick ein Mensch und zugleich auch Staatsbürger ist. Der zweite Schritt bezieht sich auf die Reichweite der Ad-

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ressierbarkeit. Anfangs denkt Treves, Merrick sei schwachsinnig. Es stellt sich jedoch heraus, dass Merrick sprechen und denken kann. Dadurch ändert sich insbesondere das Verhältnis zwischen Treves und Merrick, die fortan miteinander freundschaftlich reden. Merrick ist daher nicht mehr nur ein Patient, sondern eine Person mit einer Biographie und Gefühlen. Letztlich wird diese Biographie auch anerkannt, indem die Königin Merrick im Hospital einen dauerhaften Aufenthalt gewährt. Merrick ist somit ein vollwertiger Bürger mit besonderen Privilegien. In Folge dieser zunehmenden Anerkennung entwickelt sich auch das Subjekt Merrick3 ; er wird vom schweigenden und vollständig unterworfenen "Monster" zum anerkannten Subjekt, welches sich mit seiner Biographie auseinandersetzt und künstlerisch tätig wird. Die Form der Unterwerfung erfährt daher eine starke Änderung. Während Bytes mit peinlichen Strafen Merrick zum Schweigen bringt, ist die Macht der Institution auf ein artikulierendes, d.h. sprechendes Subjekt angewiesen, um dessen Seele zu adressieren. Es zeigt sich daher im Film, wie sich die Entfaltung von Macht von einer peinlichen, direkt über den Körper gehenden Strategie in eine abstraktere disziplinierende Strategie, die Raum und Sprache nutzt, übergeht. Letztlich entzieht sich Merrick selbst dieser Machtstruktur, in dem er sich bewusst umbringt. Somit erreicht Merrick das, was Foucault den geheimsten und privatesten Punkt der Existenz nennt (vgl. Foucault 2008a, 1133). Im Film "Mulholland Drive" lassen sich mit Blick auf "Der Elefantenmensch" starke Unterschiede hinsichtlich der Subjektentwicklung feststellen. Der offensichtlichste Unterschied ist die Deutlichkeit von Institutionen. Diese werden im Gegensatz zu "Der Elefantenmensch" nur partiell und surreal inszeniert. Die zwei markantesten Institutionen im Film sind zum einen das oben bereits beschriebene System Hollywood und zum anderen die Kriminalpolizei, die nur in Form von zwei Männern mit Sonnenbrille in einem Auto gezeigt wird. Die Kriminalbeamten werden nur selten und unvorhersehbar im Film gezeigt. Sie erinnern Betty bzw. Diane an den Auftragsmord. Sie sind daher die Repräsentanten des verinnerlichten Panopticons, welches durch die Schuld Dianes immer wieder aufgerufen wird. Die angedeuteten Institutionen im Film stehen somit stellvertretend für die bereits inkorporierten Machtsysteme, die Zugriff auf die Seele haben. Hinsichtlich der Machtwirkungen zeigt sich mit Blick auf Bettys bzw. Dianes Entwicklung, dass sie ihre Umwelt immer schlechter Einschätzen kann. Dieses steigende Nichtwissen bzw. diese Kontingenz
3 Hinsichtlich der Entwicklung Merricks, lassen sich durchaus Parallelen zum Bildungsroman feststellen.

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lässt Diane nur noch reagieren, während sich das Subjekt Diane immer mehr in sich selbst zurückzieht und von der Macht der Erinnerungen eingeholt wird. Die soziale Isolation, die gleichsam als Verlust von Anerkennung zu sehen ist, treibt Diane zum Selbstmord als scheinbar letzte Möglichkeit, sich dem übermächtigen Wahnvorstellungen zu entziehen und sich somit zu befreien.

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5 Zusammenfassung und Fazit
5.1 Zusammenfassung Das Ziel dieser Arbeit war es, die Machtstrukturen und ihre Entwicklung in den Filmen "Der Elefantenmensch" und "Mulholland Drive" von David Lynch herauszuarbeiten und zu vergleichen. Hierbei habe ich eingangs zunächst Foucaults Machtbegriff anhand der Werke "Überwachen und Strafen" und dem ersten Band aus der Reihe Sexualität und Wahrheit "Der Wille zum Wissen" zu rekonstruieren. Anschließend begründete ich die Auswahl der Filme anhand der historischen Differenz der Filme in den Settings und der zeitlichen Differenz in Lynchs filmischen Schaffen. In diesem Punkt zeigte sich hinsichtlich der Analyse der Filme, dass die Komplexität von Lynchs Filmen im Verlauf seines Schaffens zunimmt. Anschließend stellte ich das Filmanalysemodell nach Bordwell und Thompson vor und begründete methodologisch die Wahl dieser Form der Filmanalyse. Mit dieser analysierte ich schließlich die Filme hinsichtlich ihrer formalen Beschaffenheiten und arbeitete die Inszenierung der Machtstrukturen heraus und verglich diese abschließend. Es zeigte sich, dass die Machtstrukturen in beiden Filmen sich hinsichtlich der Institutionen unterscheiden. Ist die Institution im Film "Der Elefantenmensch" deutlich im Vordergrund und offensichtlich, ist diese im Film "Mulholland Drive" hintergründig, jedoch stets wirksam. Hinsichtlich der historischen Settings bzw. der Mechanismen der Machtstrukturen lässt sich damit ein Wandel hin zu einer verstärkten Inkorporation von Machtstrukturen feststellen. Damit verbunden sind auch die Formen der Subjektwerdung. Im Folgenden möchte hinsichtlich der Subjektwerdung, die Aspekte der Unterwerfung und der Anerkennung des Subjekts in beiden Filmen diskutieren. 5.2 Diskussion der Ergebnisse 5.2.1 Die Unterwerfung als Voraussetzung für die Subjektwerdung Mit Blick auf Merrick, dem "Elefantenmenschen", zeigte sich, dass dieser durch die Unterwerfung unter die Machtstrukturen des Hospitals letztlich zum Subjekt wird. Im Vergleich zu Bytes verfolgt diese Institution keine Unterdrückungsstrategie, sondern ruft das Subjekt Merrick auf, um daran anschließend wirksam zu werden. Betty hingegen ist bereits durch verschiedene Machtstrukturen geprägt. Jedoch gelingt es ihr im Verlauf des Films nicht, diese Machtstrukturen zu nutzen. Vielmehr verfällt sie in eine Ohnmacht gegenüber der Welt und zu sich selbst. Die beiden Filme zeigen daher, dass das Kontinuum

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der Unterwerfung sich nicht von "absolut unterworfen" bis "frei von Macht" erstreckt. Vielmehr sind die Protagonisten immer von Machtstrukturen durchdrungen und ermöglichen es erst, ein handlungsfähiges Subjekt zu sein. Jedoch zeigt die Entwicklung von Diane, dass es nicht möglich ist, sich diesen Machtstrukturen zu entziehen, da sie in den Gedanken und Erinnerungen allgegenwärtig sind. Allein der Selbstmord bzw. der Tod stellt eine Loslösung des Subjekts von Macht dar. Jedoch ist damit auch der Tod des Subjekts verbunden. Auf der anderen Seite zeigt sich auch, dass der Anfangs als Subjekt vollständig unterdrückte Merrick, das Potential besitzt sich von der Herrschaft zu lösen. Das Kontinuum der der Unterwerfung, welches das Subjekt erst ermöglicht, kann daher nicht zwischen den absoluten Punkten der vollständigen Unterwerfung und der Freiheit liegen, sondern muss komplexer gedacht werden. Unterwerfung ist daher weder absolute Herrschaft noch Freiheit. Sie ist die Voraussetzung und das Ergebnis des handelnden Subjekts. 5.2.2 Macht und Anerkennung Die Komplexität der Unterwerfung zeigt sich in beiden Filmen auch unter dem Aspekt der Anerkennung der Subjekte. So werden Merrick von der Institution Hospital verschiedene Eigenschaften zugeschrieben und damit verbunden ein Rechtsstatus. Daher handelt es sich um eine formale Anerkennung, durch die Merrick in das Machtgefüge der Institution eingebunden und adressiert werden kann. Merrick muss sich daher an die Regeln des Krankenhaues halten. Merrick hingegen sieht in dieser Anerkennung weniger eine Unterwerfung, sondern vielmehr das Eröffnen neuer Möglichkeitsräume. Auf der anderen Seite verpflichtet sich die Institution durch die Anerkennung, für Merricks Wohl zu sorgen. Dieses Beispiel zeigt, dass Anerkennung ein Prozess ist, bei dem sich beide Seiten unterwerfen. Wie Anerkennung nicht funktioniert zeigt der Film "Mulholland Drive" an der Entwicklung von Diane. Hierbei möchte ich insbesondere deren Beziehung zu Camilla hervorheben. Anfangs haben beide eine Liebesbeziehung. Durch Adam jedoch verlässt Camilla Diane. Diese versucht durch ein herrschendes Verhalten Camilla zu halten. Jedoch sinkt dadurch die Anerkennung von Camilla. Was folgt ist ein Bruch in der Beziehung zwischen den beiden, durch den sich Diane nicht mehr anerkannt fühlt und somit keine Macht mehr entfalten kann. Damit einhergehend wirkt sie ohnmächtig und emotional niedergeschlagen.

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In beiden Filmen wird deutlich, dass Anerkennung kein einseitiger Unterwerfungsprozess ist. Die Macht liegt daher nicht bei einer Person oder Institution, sondern vielmehr in und zwischen ihnen und entfaltet sich dadurch. 5.3 Ausblick – Der foucault'sche Machtbegriff im pädagogischen Kontext Hinsichtlich der Analyse der Filme zeigte sich, dass das neoformalistische Filmanalysemodell von David Bordwell und Kristina Thompson ermöglichte, die Machtstrukturen in den Filmen hinsichtlich ihrer Inszenierung und formalen Eigenschaften herauszuarbeiten und zu vergleichen. Insbesondere die Entwicklungen der Subjekte ließen sich durch diese Kombination sehr detailliert herausarbeiten. Es stellt sich daher zunächst die Frage nach der Reichweite und Einordnung der foucault'schen Machttheorie. Die Arbeit zeigte, dass Macht sich von der gesellschaftlichen Makro- bis zur Mikroebene des Subjektes erstreckt und es keine klar abgesteckten Grenzen zwischen diesen Ebenen gibt. Foucaults Theorie hat daher eine große Reichweite. Sie bietet zum einen, mit Blick auf die Unterwerfung, Erklärungsansätze, was Sozialisation sein kann und wie diese Zustande kommen könnte. Auf der anderen Seite beschreibt Foucault gleichsam eine Genealogie der Macht, die in sich eine Modernisierungstheorie der Macht bzw. der Machtsysteme und -Technologien darstellt. Neben dem Aspekt der Sozialisation und der Modernisierung bietet der foucault'sche Machtbegriff meiner Meinung nach auch eine pädagogische Dimension, wenn es um Frage der Aufklärung geht, wie man das Individuum mündig machen kann: „AUFKLÄRUNG ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen.“ (Kant o.J.) Schaut man sich dieses berühmte Zitat Kants über die Frage was Aufklärung sei aus einer foucault'schen Perspektive an, so werden meiner Meinung nach zwei Aspekte für die Pädagogik zentral: 1. Mündigkeit ist potentiell immer möglich

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Dass das Individuum sich aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit befreien kann, lässt sich in der Machttheorie Foucaults und auch filmisch am Beispiel von John Merrick wiederfinden. Hierbei ist der von Foucault beschriebene Machtbegriff, der eben nicht Herrschaft ist und sich überall entfalten kann, an die Idee der Aufklärung durchaus anschlussfähig. Jedoch ist muss man mit Foucault eingestehen, dass das Individuum nie völlig selbstbestimmt oder völlig fremdbestimmt sein kann. Hinsichtlich der Frage, was das Subjekt sei, bleibt Foucault relativ unscharf; vielmehr beschreibt er die Prozesse in denen das Subjekt zum Subjekt wird. Die zentralen Begriffe hierbei sind zum einen die Unterwerfung, als Form der Anerkennung und Voraussetzung für das Subjekt und zum anderen das Handeln der Individuen, durch das sich Macht erst entfalten kann. Freiheit heißt daher bei Foucault, in einem Netz von sichtbaren und unsichtbaren Machtstrukturen handlungsfähig zu sein, in dem Bewusstsein, dass das Subjekt in sich bereits ein Ergebnis einer Unterwerfung sei. Insofern ist Foucaults Sicht auf die Aufklärung nachvollziehbar: „Die ‚Aufklärung‘, welche die Freiheiten entdeckt hat, hat auch die Disziplinen erfunden“ (Foucault 2008, 929). 2. Reflexivität als Voraussetzung für die Entfaltung von Macht An diese Erkenntnis anschließend, stellt sich die Frage, welche pädagogischen Implikationen ein so gedachtes Subjekt hat. Die erste Implikation ist die, dass sich ein so gedachtes Subjekt in einem permanenten Orientierungsprozess befinden muss, um die sich permanent ändernden Machtstrukturen erkennen und nutzen zu können. Somit greift ein kanonisch bzw. materiell gedachter Bildungsbegriff zu kurz. Vielmehr muss Bildung ebenso wie Macht prozessförmig gedacht werden, wie es beispielsweise Winfried Marotzki in seiner Monographie Entwurf einer strukturalen Bildungstheorie (Marotzki 1990) formuliert. Damit einhergehend ist auch ein Bewusstsein darüber, dass es Paradoxien und unauflösliche Widersprüche gibt. Die damit verbundene Haltung, die Jörissen und Marotzki in Anlehnung an Bateson „Bildung II“ nennen, ist in ihrer Komplexität für das Individuum enorm. Daher konstatieren sie: „Wir müssen jedoch zugleich darauf hinweisen, dass der somit als ,Bildung II‘ umschriebene Prozess praktisch immer nur in Grenzen erreichbar ist. Sich aller Erfahrungsgewohnheiten und Weltsichten in dieser Weise zu entledigen, ist eine hochgradig komplexe und aufwändige Haltung. Es liegt auf der Hand, dass man nicht dauerhaft

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und ständig dem (selbst-) kritischen Bewusstsein der Relativität aller Erfahrungsschemata durch den Alltag gehen kann“ (Jörissen/Marotzki 2009, 26). In so fern gibt es immer auch Machtstrukturen, die nicht reflektiert werden. Der Punkt auf den es bei Foucault wie auch bei Marotzki ankommt ist jedoch jener, sich vor der Vorstellung zu lösen, dass es absolute Wahrheiten gäbe. In diesem Sinne ist David Lynchs filmisches Schaffen und dessen Steigerung der Komplexität und den irritierenden Momenten in seinen Filmen die logische Konsequenz für diese Erkenntnis.

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6 Quellenverzeichnis
6.1 Literatur Bordwell, David/ Thompson, Kristin (2008): Film Art. An introduction. 8. Aufl., Boston: McGraw-Hill. Elsaesser, Thomas/ Hagener, Malte (2007): Filmtheorie zur Einführung. Junius Verlag, Hamburg. Foucault, Michel (2008): Überwachen und Strafen. In: Foucault, Michel (2008): Hauptwerke. 1. Aufl., Suhrkamp, S. 701-1020. Foucault, Michel (2008a): Sexualität und Wahrheit. Band I: Der Wille zum Wissen. In: Foucault, Michel (2008): Hauptwerke. 1. Aufl., Suhrkamp, S. 1021-1151. Goffman, Erving (1977): Rahmen-Analyse. Ein Versuch über die Organisation von Alltagserfahrungen. 1. Aufl., [Nachdr.]. Frankfurt a.M.:: Suhrkamp, 2008. Jörissen, Benjamin/ Marotzki, Winfried (2009): Medienbildung - Eine Einführung. 1. Aufl., UTB, Stuttgart. Kant, Imanuel (o.J.): Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung. Online unter: http://www.uni-potsdam.de/u/philosophie/texte/kant/aufklaer.htm (Stand: 20.04.2010). Marotzki, Winfried (1990): Entwurf einer strukturalen Bildungstheorie. Biographietheoretische Auslegung von Bildungsprozessen in hochkomplexen Gesellschaften. Deutscher Studien-Verlag, Weinheim. Spiegel, Simon (2007): Die Konstitution des Wunderbaren. Zu einer Poetik des ScienceFiction-Films. 1. Aufl., Schüren Verlag. 6.2 Film- und Bildquellen Lynch, David (1967): Six Figures Getting Sick. Lynch, David (1980): Der Elefantenmensch. Lynch, David (1990): Twin Peaks. Lynch, David (2001): Mulholland Drive.

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