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WELTKULTURERBE WARTBURG ein fauler Kompromiss?

DER FALSCHE EINGANG ZUM PALAS
Dipl. Ing. Jochen Wilk

Im Zuge seiner Wartburgerneuerung errichtete Hugo von Ritgen im Jahr 1856 eine einläufige Freitreppe vor der Hoffront als neuen Zugang zum Palas. Diese Treppe wurde 1953 ² nach nur 100 Jahren ² mit der Begründung, dass sie Å eine reine Erfindung des 19. Jahrhunderts sei´ wieder abgerissen. Diese Behauptung entspricht nicht der Wahrheit. Länger als 200 Jahre vorher stand bereits an der gleichen Stelle eine doppelläufige überdachte Freitreppe. Sie ist uns aus zahlreichen zeitgenössischen Abbildungen bekannt. Die Freitreppe war als integraler Bestandteil des Gesamtoeuvres von Hugo von Ritgen 1953 schon denkmalwürdig.

Der Palas mit der Ritgentreppe
Postkarte um 1950

Zwei Bauaufmaßzeichnungen des Hofbaumeisters Johann Wilhelm Sältzer aus den Jahren 1838 und 1840 lassen im zweiten Obergeschoss über der Freitreppe jeweils eine zugemauerte Türöffnung erkennen.

Diese Maueröffnungen beweisen eindeutig, dass es schon in allerfrühester Palaszeit einen Zugang vom Hof her in den Palas gab. Der Wartburgforscher Elmar Altwasser ist meines Wissens der einzige, der in seiner ÅRekonstruktion der Wartburg um 1200´ mit dem dargestellten zweigeschossigen Treppenturm die Mauerlücke im Obergeschoss aufgegriffen hat.

Rekonstruktion der Wartburg um 1200 von Elmar Altwasser
Entnommen aus ÄWelterbe Wartburg von Günther Schuchardt, Wartburggesellschaft Eisenach, 2007

Die Wartburgstiftung bestreitet jedoch nach wie vor einen direkten Zugang zum Palas vom Vorhof aus: ÅEs gab nur einen einzigen Zugang vom Nordgiebel her.´ Diese Behauptung widerspricht jeder Vernunft. Ein Gebäude von den Ausmaßen des Palas kann nicht von einem Åeinzigen´ ² dazu noch abgelegenen Zugang ² bewirtschaftet werden. Wenn dem wirklich so gewesen wäre, musste der Landgraf mit seinem Gefolge, allen sonstigen Bediensteten, aber auch höchsten Gästen durch eine Maueröffnung schlüpfen, durch die auch alle Versorgungsgüter für den Palas angeliefert und alle zu entsorgenden Abfälle abtransportiert werden mussten. In dem Zeitalter höchster Prachtentfaltung absolut unglaubwürdig. Wie sollten in dieser Enge fürstliche Empfänge oder der glanzvolle Sängerwettstreit anno 1207 stattgefunden haben?

Der Inhaber des Lehrstuhls für Baugeschichte an der Techn. Universität in München, Prof. Schuller, bestätigt in einem Schreiben vom Februar 2011: Å Ich teile Ihre Meinung, dass der ehemalige Zugang zur Festsaalarchitektur der Wartburg sehr wahrscheinlich über die von Ihnen bezeichnete Stelle ging, wie auch dies Herr Altwasser festgestellt hat.´ Einer alten Regel zufolge sollte ein Gast so direkt und eindrucksvoll wie möglich an das Besucherziel herangeführt werden. Vom Nordgiebel führte jedoch kein direkter Weg zu den Festräumen des Palas. Nur auf Schleichwegen und durch enge Luken konnten sie von hinten her erreicht werden. Wahrlich, ein sehr ärmlicher Empfang in Zeiten, in denen Prunk und Pracht viel galten. Bis zum Jahr 1953 gab es einen unmittelbaren Zugang vom Vorhof aus zu den Festsälen. Über die dem Palas vorgestellte Treppe gelangte man in die hellen, künstlerisch reich ausgestalteten Galerien, die sich unmittelbar in die Festräume öffneten. Wahrlich, über Jahrhunderte war dies ein fürstlicher Empfang.

Der Palas heute ÄGähnende Leere³
Photo von Jochen Wilk, 2009

Mit dem Abriss der Ritgentreppe und den 1953 durchgeführten Umbauten wurde die innere Struktur des Palas völlig umgekrempelt. Wohlgemerkt, wir lebten 1953 in DDR-Zeiten. Die Pflege altüberkommener Kulturgüter galt damals wenig. Die Wartburg wurde als immerwährender Geldsprudelautomat entdeckt. Die reichen Einnahmen dienten einzig und ganz zielgerichtet der reibungslosen Durchschleusung der Besuchermassen durch den Palas und der zentimetergenauen Erfüllung der baupolizeilichen Auflagen bei Großveranstaltungen im Festsaal. Inzwischen hat sich einiges geändert. Die DDR-Zeiten sind vorbei. Aber nicht so auf der Wartburg. Dort lebt man heute und noch weitere 100 Jahre munter mit der Wartburglüge. Wir stehen vor einer heiklen Frage: Soll die doppelläufige überdachte Steintreppe, die von 1628 bis 1856 ² immerhin mehr als 200 Jahre ² nachgewiesen ist, oder die nachfolgende Ritgentreppe von 1856 bis 1953 ² also fast 100 Jahre ² als Weltkulturerbe anerkannt werden oder muß die heutige gähnende Leere hingenommen werden? Oder gar zur historischen Tatsache deklariert werden? Was ist in diesem Fall das ÅWELTKULTURERBE´ der UNESCO? Ich habe nachgefragt: Die mit der Wahrung des UNESCOKulturerbes beauftragte Stelle, der deutsche Ableger der Monitoringgruppe ICOMOS und ihr Sprecher Giulio Marano verweisen auf ihren Experten Dr. Günther Stanzl vom Landesamt für Denkmalpflege in Mainz. Der wiederum argumentiert in einem Brief vom März 2009, dass die Welterbekommission den Antrag auf Aufnahme ins Weltkulturerbe nicht positiv beschieden hätte, wenn der Umbau von 1953 Ågravierende Verunstaltungen´ hinterlassen hätte. Doch weiß die Welterbekommision wirklich alles? Der Antrag auf Aufnahme, das sogenannte ÅNomination file´ aus dem Jahr 1999 stammt schließlich aus der Feder von ² Burghauptmann Günter Schuchardt. In diesem File geht Schuchardt nur am Rande auf den Abriss der Ritgentreppe ein.

Ganz lapidar heißt es: ÅUm den mittelalterlichen Charakter Ensembles noch besser herauszustellen, hat man Außentreppe als eine Erfindung des Jahres 1855 von Westfassade des Palas entfernt.´ Herr Schuchardt, das schlichter Betrug an der historischen Wahrheit.

des die der ist

In das Weltkulturerbe Wartburg darf sich kein fauler Kompromiss einschleichen.

PS 1 Mit dem Jahr 2021 steht uns ein wichtiges Lutherjahr bevor. Vor fünfhundert Jahren wurde Junker Jörg auf der Wartburg festgesetzt. Mit Luthers dortiger Bibelübersetzung schlug auf der Wartburg die Geburtsstunde der neuhochdeutschen Schriftsprache. Zum 500. Jubiläum darf keine verfälschte Wartburg gezeigt werden. Die Zeit drängt schon gewaltig. Es bleiben nur noch 10 Jahre für den aufwändigen Rückbau. Mir liegt für einen kulturerbegerechten Rückbau bereits eine Studie vor. Diese bedarf einer Überprüfung der Machbarkeit im technischen Detail. PS 2 Jochen Wilk ist gebürtiger Eisenacher (*1913) und war bis 1954 Bürger dieser Stadt. Zu den geplanten Baumaßnahmen am und im Palas der Wartburg nahm er ab 1953 wiederholt kritisch Stellung. Das führte schließlich zur Einberufung einer Sondersitzung des Wartburgausschusses im ÅKulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands´. Zu den Diskussionen auf der Burg wurde J. Wilk nicht zugelassen.

München, im Juni 2011 Kontakt: Dipl. Ing. Jochen Wilk Schyrenstraße 12 81543 München

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