I

Zwischen Spätantike und Frühmittelalter
II
Ergänzungsbände zum
Reallexikon der
Germanischen Altertumskunde
Herausgegeben von
Heinrich Beck, Dieter Geuenich,
Heiko Steuer
Band 57
Walter de Gruyter · Berlin · New York
III
Zwischen Spätantike
und Frühmittelalter
Archäologie des 4. bis 7. Jahrhunderts im Westen
Herausgegeben von
Sebastian Brather
Walter de Gruyter · Berlin · New York
IV
Gedruckt auf säurefreiem Papier,
das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt
ISBN 978-3-11-020049-2
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Ü
V
Inhalt
Sebastian Brather
Archäologie des 4. bis 7. Jahrhunderts im Westen. Einführung . . . 1
1. Geschichte und Archäologie
Walter Pohl
Spuren, Texte, Identitäten. Methodische Überlegungen zur
interdisziplinären Erforschung frühmittelalterlicher Identitätsbildung 13
Michael Kulikowski
Wie Spanien gotisch wurde. Der Historiker und der archäologische
Befund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
Philipp von Rummel
Ambrosius, Julianus Valens und die „gotische Kleidung“.
Eine Schlüsselstelle historisch-archäologischer Interpretation . . . . 45
2. Von der Spätantike zum Frühmittelalter
Hubert Fehr
Germanische Einwanderung oder kulturelle Neuorientierung?
Zu den Anfängen des Reihengräberhorizontes . . . . . . . . . . . . 67
Guy Halsall
Gräberfelduntersuchungen und das Ende des römischen Reichs . . . 103
Bonnie Effros
Auf der Suche nach Frankreichs ersten Christen. Camille de la Croix
und die Schwierigkeiten eines Klerikers als Archäologe im späten
19. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119
3. Archäologie der gentes
Michel Kazanski, Anna Mastykova, Patrick Périn
Westgoten in Nordgallien aus Sicht der Archäologie. Zum Stand
der Forschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149
VI Inhalt
Antonel Jepure
Interpretationsprobleme der Westgotenarchäologie. Zurück zu den
Altgrabungen anhand bisher unausgewerteter Dokumentationen . . 193
Claudia Theune
Methodik der ethnischen Deutung. Überlegungen zur
Interpretation der Grabfunde aus dem thüringischen Siedlungsgebiet 211
4. Bestattung und Identität
Sebastian Brather
Kleidung, Bestattung, Ritual. Die Präsentation sozialer Rollen im
frühen Mittelalter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237
Eva Stauch
Alter ist Silber, Jugend ist Gold! Zur altersdifferenzierten Analyse
frühgeschichtlicher Bestattungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275
Karen Høilund Nielsen
Stil II als Spiegel einer Elitenidentität? Der Tierstil von der
Herkunftsmythologie bis zur Königssymbolik und Kirchenkunst
im angelsächsischen Britannien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 297
Lyn Blackmore
Schätze eines angelsächsischen Königs von Essex. Die Funde
aus einem Prunkgrab von Prittlewell und ihr Kontext . . . . . . . . 323
5. Handwerk und Austausch
Hans- Ulrich Voß
Fremd – nützlich – machbar. Römische Einflüsse im germanischen
Feinschmiedehandwerk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 343
Jörg Drauschke
Zur Herkunft und Vermittlung „byzantinischer Importe“ der
Merowingerzeit in Nordwesteuropa . . . . . . . . . . . . . . . . . . 367
Sebastian Brather
Zwischen Spätantike und Frühmittelalter. Zusammenfassung . . . . 425
VII
Anhang
Die Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 469
Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 471
Orte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 471
Personen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 476
Archäologie des 4. bis 7. Jahrhunderts im Westen 1
Archäologie des 4. bis 7. Jahrhunderts im Westen
Einführung
Sebastian Brather
Archäologische und historische Untersuchungen zu Gruppen und Identi-
täten im frühen Mittelalter befinden sich seit einigen Jahren in einem Pa-
radigmenwechsel. Lange Zeit prägten nationale Perspektiven die Ansätze
und bohrende Fragen nach „den Ursprüngen“. Der Versuch einer möglichst
strikten, idealtypischen Trennung zwischen „Germanen“ und „Romanen“
hat darin seine wesentliche Ursache. Inzwischen beginnt eine andere Per-
spektive in den Mittelpunkt zu rücken. Statt des Trennenden wird nun die
gemeinsame Lebenswelt in Spätantike und frühem Mittelalter analysiert,
werden die zeitgenössischen Verhältnisse, ihre Wahrnehmung und ihre Ver-
änderungen untersucht. Wie sich neue politische und soziale Strukturen he-
rausbildeten, auf welche Weise neue Identitäten an die Stelle bisheriger, sich
auflösender Zuordnungen traten, ist nun von zentralem Interesse. Nicht
Römer oder Germanen, sondern ganze Bevölkerungen unterschiedlicher in-
dividueller Herkunft hatten Anteil an einer Entwicklung, die (mit dem Ti-
tel eines Forschungsprogramms der European Science Foundation der 1990er
Jahre) als „Transformation der römischen Welt“ beschrieben werden kann.
Dieser neue Ansatz bezieht seine Anregungen aus veränderten For-
schungsinteressen (die wiederum von gegenwärtigen politischen und sozia-
len Entwicklungen beeinflusst sind). Eingehende historische und soziolo-
gische Untersuchungen haben zeigen können, dass ethnische Gruppen
weder die grundlegende Form sozialer Organisation noch eine legitimatori-
sche, alle übrigen Zuordnungen überwölbende „Letzt instanz“ darstellten.
Sie waren vielmehr flexibel und situationsabhängig, sie wandelten sich
ständig und konnten von fremden Beobachtern nur vage beschrieben wer-
den, ohne dass diese ein eingehendes Verständnis für die ihnen fremde
Welt gewannen. Zunehmend interessiert sich die aktuelle Forschung für die
Bedingungen, die diese Gruppen erst formten, und für deren vielfältige
Binnenstrukturen. Es wächst das wissenschaftliche Verständnis dafür, dass
sich einerseits die germanischen Barbarengruppen erst in der Konfronta-
tion mit dem Imperium formierten und dass sie andererseits eine Form so-
Zwischen Spätantike und Frühmittelalter – RGA-E Band 57 – Seiten 1–9
© 2008 Walter de Gruyter · Berlin · New York
2 Sebastian Brather
zialer Zuordnung neben zahlreichen anderen darstellten. Deshalb werden
nun die politischen Veränderungen des 5. und 6. Jahrhunderts als Neufor-
mierungen aufgefasst, die in peripheren Regionen des Imperiums neue so-
ziale Identitäten ausbildeten, da bisherige, auf Rom zielende Zuschreibun-
gen angesichts von dessen „Niedergang“ ihre Bindungskraft eingebüßt
hatten. Diese Neuformierungen verwandelten ganze Gesellschaften.
1
Diesen inhaltlichen und methodischen Neuerungen stehen zurzeit ver-
schiedene Richtungen archäologischer Forschung gegenüber. Aufgrund un-
terschiedlicher Konzepte und Traditionen, aber auch aus rein forschungs-
praktischen Gründen lassen sich drei zentrale Ansätze innerhalb der
Frühmittelalterarchäologie unterscheiden:
1. Eine erste, „kulturhistorische“ Richtung konzentriert sich auf die Unter-
suchung von Bestattungen, der sogenannten „Reihengräberfelder“ des
5. bis 7. Jahrhunderts. Dabei gilt das Interesse den Grabausstattungen
und der Grabarchitektur sowie deren Herleitung von unterschiedlichen
Vorbildern. Besondere Beachtung finden häufig Reichtumsunterschiede
und die Herkunft von Individuen. Damit steht die Unterscheidung von
arm und reich sowie von Einheimischen und Fremden im Mittelpunkt.
2
2. Eine zweite Richtung beschäftigt sich mit Siedlungsstrukturen, Hand-
werk und Austausch. Im Mittelpunkt stehen dabei wirtschaftliche
Aspekte und das alltägliche Leben. Interpretationen setzen bei struktu-
rellen Zusammenhängen an und betonen die Rolle latenter Beeinflus-
sungen. Daher sind weniger kulturelle Besonderheiten als vielmehr
1
Vgl. Sebastian Brather, Ethnische Interpretationen in der frühgeschichtlichen Archäolo-
gie. Geschichte, Grundlagen und Alternativen. Reallexikon der germanischen Altertums-
kunde, Ergänzungsband 42 (Berlin, New York 2004); Bonnie Effros, Merovingian Mor-
tuary Archaeology and the Making of the Early Middle Ages. The transformation of the
classical heritage 35 (Berkeley 2003); Hubert Fehr, Germanen und Romanen im Merowin-
gerreich. Frühgeschichtliche Archäologie zwischen Wissenschaft und Zeitgeschichte, phil.
Diss. (Freiburg 2003); Guy Halsall, The origins of the Reihengräberzivilisation. Fourty
years on. In: Fifth-century Gaul. A crisis of identity?, ed. John F. Drinkwater/Hugh Elton
(Cambridge 1992) 196–207; ders., Archaeology and the late Roman frontier in Gaul. The
so-called Foederatengräber reconsidered. In: Grenze und Differenz im früheren Mittelal-
ter, hrsg. Walter Pohl/Helmut Reimitz. Forschungen zur Geschichte des Mittelalters 1 =
Österreichische Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Kl. Denkschrift 287 (Wien
2000) 167–180.
2
Max Martin, Zum archäologischen Aussagewert frühmittelalterlicher Gräber und Gräber-
felder. Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte 59, 2002, 291–306;
Bonnie Effros, Merovingian mortuary archaeology and the making of the early middle
ages. The transformation of the classical heritage 35 (Berkeley 2003); Heiko Steuer, Früh-
geschichtliche Sozialstrukturen in Mitteleuropa. Eine Analyse der Auswertungsmethoden
des archäologischen Quellenmaterials. Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften
Göttingen, phil.-hist. Kl., 3. Folge 128 (Göttingen 1982) 474–477, 487–494.
Archäologie des 4. bis 7. Jahrhunderts im Westen 3
funktionale Zusammenhänge, d. h. wirtschaftliche Bedingungen und
Verhältnisse von Interesse.
3
3. Eine dritte Perspektive lässt sich mit der englischsprachigen cognitive
archaeology verbinden. Ihr geht es um die Rolle der Sachkultur für den
Zusammenhalt und die Abgrenzung sozialer Gruppen. Dieser Aspekt
führt zu Fragen nach (materiellen) Symbolen und deren Bedeutung für
Identitätskonstruktionen. Das Hauptaugenmerk ist auf Repräsentatio-
nen und Rituale gerichtet, von denen auf zeitgenössische Bedeutungen
und Absichten geschlossen wird.
4
Diese Situation ist in mehrfacher Hinsicht unbefriedigend, weil keine Per-
spektive für sich genommen zu schlüssigen Resultaten führen kann. Den
offensichtlich komplexen historischen Verhältnissen ist nur mit einem
möglichst breitgefächerten Ansatz beizukommen, wozu die genannten
Perspektiven nicht neben-, sondern miteinander verfolgt werden müssen.
5
Hinzu treten neue, bislang vernachlässigte Aspekte:
– neben die Unterscheidungen von „arm“ und „reich“ sowie „fremd“ und
„einheimisch“ soziale Differenzierungen von Lokalgesellschaften nach
Alter und Geschlecht, Religion, Familie und Profession
6
;
– neben die Differenzierung zwischen einheimischer Produkten und „Im-
porten“ Fragen nach wirtschaftlichen Voraussetzungen und Rohstoff-
verarbeitung, technischem know how und Produktionsorganisation
7
;
3
Vgl. etwa Falko Daim, „Byzantinische“ Gürtelgarnituren des 8. Jahrhunderts. In: Die
Awaren am Rand der byzantinischen Welt. Studien zu Diplomatie, Handel und Techno-
logietransfer im Frühmittelalter, hrsg. ders. Monographien zur Frühgeschichte und Mit-
telalterarchäologie 7 (Innsbruck 2000) 77–204.
4
Vgl. etwa Frans Theuws/Monica Alkemade, A kind of mirror for men. Sword depositions
in late antique northern Gaul. In: Rutuals of power. From late antiquity to the early
middle ages, ed. Frans Theuws/Janet L. Nelson. Transformation of the Roman world 8
(Leiden, Boston, Köln 2000) 401–476.
5
Frank Siegmund/Andreas Zimmermann, Konfrontation oder Integration? Ein Kommen-
tar zur gegenwärtigen Theoriediskussion in der Archäologie. Germania 78, 2000, 179–191.
6
Steuer, Frühgeschichtliche Sozialstrukturen (Anm. 2) 472–474, 477–487, 498–501; Se-
bastian Brather, Kleidung und Identität im Grab. Gruppierungen innerhalb der Bevölke-
rung Pleidelsheims zur Merowingerzeit. Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters 32,
2004 (2005) 1–58.
7
Hans-Ulrich Voß/Peter Hammer/Joachim Lutz, Römische und germanische Bunt- und
Edelmetallfunde im Vergleich. Archäometallurgische Untersuchungen ausgehend von
elbgermanischen Körpergräbern. Bericht der Römisch-Germanischen Kommission 79,
1998 (1999) 107–382; Daim, „Byzantinische“ Gürtelgarnituren (Anm. 3); Jörg Drauschke,
Zwischen Handel und Geschenk. Studien zur Distribution von Waren im östlichen Me-
rowingerreich des 6. und 7. Jahrhunderts anhand orientalischer und lokaler Produkte,
phil. Diss. (Freiburg 2005).
4 Sebastian Brather
– neben die Analyse von Ornamenten und Stilen sowie deren regionaler
Herleitung Fragen nach Ritualen und Handlungen im sozialen Kontext
sowie deren Überresten in Bestattungen.
8
Außerdem bedarf es intensiver methodischer Reflexion und einer detaillier-
ten Wahrnehmung des aktuellen internationalen Forschungsstandes nicht
nur innerhalb der Archäologie, sondern auch in benachbarten Fächern –
den veränderten, nicht mehr auf „germanische Völker“ und „Staaten“ fi-
xierten Interessen der Geschichtswissenschaft ebenso wie neuen Methoden
anthropologischer Alters- und Verwandtschaftsanalyse. Neuansätze und
Forschungsstrategien gebündelt zu diskutieren, ist angesichts dessen ein ak-
tuelles Erfordernis – gerade angesichts in der interessierten Öffentlichkeit
breit rezipierter Ausstellungen wie „Die Bajuwaren“ in München
9
, „I Lon-
gobardi“ in Cividale und Udine
10
, „I Goti“ in Mailand
11
, „Die Ostgoten“ in
Bevern
12
, „Die Franken“ in Mannheim und Berlin
13
, „Die Alamannen“ in
Stuttgart und Zürich
14
, „Die Vandalen“ in Bevern und Warschau
15
.
Unter diesen Voraussetzungen fand vom 27. bis 29. April 2005 eine inter-
nationale Tagung in Freiburg statt.
16
Eingeladen hatte das Institut für Ur- und
Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters der Albert-Ludwigs-Universität.
Die Tagung unter dem Titel „Gräber, Siedlungen und Identitäten. Das 4.
bis 7. Jahrhundert im Westen“, deren Beiträge in diesem Band vorgelegt
werden, verfolgte drei einander ergänzende Ziele. Sie sollte
8
Guy Halsall, Burial writes. Graves, texts and time in early Merovingian northern Gaul. In:
Erinnerungskultur im Bestattungsritual. Archäologisch-historisches Forum, hrsg. Jörg Jar-
nut/Mathias Wemhoff. MittelalterStudien 3 (München 2003) 61–74; Sebastian Brather,
Bestattungsrituale zur Merowingerzeit. Frühmittelalterliche Reihengräber und der Um-
gang mit dem Tod. In: Körperinszenierung, Objektsammlung, Monumentalisierung.
Totenritual und Grabkult in frühen Gesellschaften. Archäologische Quellen in kulturwis-
senschaftlicher Perspektive, hrsg. Christoph Kümmel/Beat Schweizer/Ulrich Veit. Tübin-
ger archäologische Taschenbücher 6 (Münster u. a. 2007) 161–187.
9
Die Bajuwaren. Von Severin bis Tassilo 488–788, hrsg. Hermann Dannheimer/Heinz
Dopsch (München 1988).
10
I Longobardi, ed. Gian Carlo Menis (Milano 1990).
11
I Goti (Milano 1994).
12
Schätze der Ostgoten (Stuttgart 1995).
13
Die Franken. Wegbereiter Europas 1–2 (Mainz 1996).
14
Die Alamannen (Stuttgart 1997).
15
Die Vandalen. Die Könige, die Eliten, die Krieger, die Handwerker (Nordstemmen 2003).
16
Tagungsbericht: Michaela Jansen/Raimar W. Kory, Gräber, Siedlungen und Identitäten.
Das 4. bis 7. Jahrhundert im Westen. Internationale Tagung vom 27. bis 30. April 2005 an
der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters 34,
2006, 339–343.
Archäologie des 4. bis 7. Jahrhunderts im Westen 5
1. die genannten „Richtungen“ der Archäologie zusammenführen: For-
schungen zu Bestattungen und Ritual, zu Siedlungen und Technolo-
gien, zu Gruppen und Identitäten. Die Diskussion über die „Richtungs-
grenzen“ hinweg zeigt, dass gleiche Beobachtungen unterschiedlich
interpretiert werden können – und monokausale Erklärungen unzurei-
chend sind. Es ist daher das Verständnis für konkurrierende und dennoch
gleichermaßen plausible Interpretationen sowie für die Komplexität hi-
storischer Entwicklungen zu stärken.
2. Vertretern der deutsch-, englisch- und französischsprachigen Forschung –
angesichts einer bislang unzureichenden gegenseitigen Wahrnehmung –
einen intensiven Austausch ermöglichen. Jeweils spezifische Forschungs-
interessen und -ansätze gilt es einander näherzubringen, um sowohl
die eigenen Defizite als auch die Chancen besser zu erkennen, die an-
dere Ansätze bieten. Der vermeintlich große Abstand zwischen sorg-
fältiger antiquarischer Analyse auf dem Kontinent und ausgreifen den
theoretischen Modellen im englischsprachigen Raum lässt sich da-
bei überbrücken.
3. die Ergebnisse archäologischer Forschungen einerseits erweitern und
andererseits „kontrollieren“, indem Naturwissenschaftler und Histori-
ker in die Diskussion einbezogen waren. Anthropologische Untersu-
chungen ermöglichen zunehmend Aussagen zu Alter, Verwandtschaft
und Herkunft, Materialanalysen geben Aufschluss über Herstellung
und Handelsbeziehungen, und althistorische wie mediävistische Stu-
dien erhellen das politische Umfeld. Eine methodische Grundsatzde-
batte kann dazu beitragen, konzertierte Anstrengungen zur Beantwor-
tung gegenwärtiger Forschungsfragen zu unternehmen.
Damit sollte eine übergreifende, international angelegte Diskussion zwischen
unterschiedlichen Richtungen innerhalb der frühgeschichtlichen Archäolo-
gie weiter angeregt werden, die zugleich unmittelbar beteiligte Nachbardis-
ziplinen und deren aktuelle Interpretationsmodelle einbezieht. Nur so lässt
sich bisher Erreichtes bewerten und können inhaltliche wie methodische
Perspektiven im internationalen Vergleich formuliert werden. Auf diese Weise
lässt sich beurteilen, in wieweit bislang verfolgte Ansätze zusammengeführt
werden können und in welchen Fällen nach neuen Interpretationen gesucht
werden muss.
Um die angestrebte Vernetzung zu erreichen, waren drei Sektionen mit
jeweils einem spezifischen Themenschwerpunkt vorgesehen, die „quer“
zu den genannten Forschungsrichtungen und den Zielen der Tagung an-
gelegt waren. Die erste Sektion beschäftigte sich mit Kleidung, Grabaus-
stattung und Bestattungsritual, um die Vielfalt sozialer Faktoren zu be-
schreiben, die zu einem archäologischen Grabfund führen. Die zweite
6 Sebastian Brather
Sektion konzentrierte sich auf strukturelle Zusammenhänge von Sied-
lung, Produktion und Austausch sowie deren mögliche Rückwirkungen
auf bzw. Verbindungen mit regionalen Identitäten. In der dritten Sektion
wurden Symbole und Identitäten erörtert sowie unter expliziter Einbe-
ziehung von Geschichtswissenschaft und Anthropologie wechselseitige
methodische Berührungen diskutiert. Die Sektionen waren thematisch
ausgerichtet, um zunächst intensive Diskussionen über verschiedene Pro-
blemkreise (Gräber; Siedlungen; Identitäten) – jedoch unter internatio-
nalem Blickwinkel – zu ermöglichen. In jeder Sektion und in der über-
greifenden Debatte wurden dann unterschiedliche, bislang oft separierte
Ansätze verglichen und auf dieser Grundlage Forschungsperspektiven zu
skizzieren versucht.
In dem vorliegenden Band sind die Beiträge neu geordnet, wofür es in-
haltliche und pragmatische Gründe gibt. Sie bilden nun fünf Gruppen, die
inhaltlich eng zusammengehören. Am Beginn stehen sowohl grundsätzliche
als auch an Beispielen orientierte Überlegungen zum Verhältnis schriftlicher
und archäologischer Quellen und dazu, was dieses Verhältnis für interdiszip-
linäre Untersuchungen bedeutet (1). Daran schließen sich Studien zum
„Übergang“ von der Spätantike zum frühen Mittelalter an, d. h. zur „Trans-
formation“ der römischen Welt und ihrer Erforschung (2). Der nächste
Abschnitt thematisiert Aspekte „ethnischer Interpretationen“ in der Archäo-
logie, d. h. die Identifizierung von gentes, und nimmt auf methodische Pro-
bleme ebenso wie auf die jeweils vorhandenen Quellen bezug (3). Es folgen
Studien zu Fragen der Identität und damit bewusster Selbstzuordnungen
und -repräsentationen sozialer Gruppen, wie sie sich anhand von Bestattun-
gen rekonstruieren lassen (4). Damit verbunden sind naturwissenschaftliche
Untersuchungen zu Alter und Verwandtschaft und dazu, wie Grabausstattun-
gen darauf bezogen werden können. Am Schluss sind Aufsätze zusammen-
gefasst, die sich mit Fragen von Handwerk und Austausch in der römischen
Kaiserzeit und im frühen Mittelalter beschäftigen (5). Alle auf Englisch oder
Französisch verfassten Beiträge wurden ins Deutsche übersetzt.
Einige wenige in Freiburg vorgetragene Beiträge lagen für diesen Band
leider nicht vor. Barbara Theune-Großkopfs Bericht über „Krieger und
Apostel. Die Leier des 6. Jahrhunderts aus Trossingen und die frühmittel-
alterliche Bilderwelt“ ist ebenso bereits an anderer Stelle publiziert
17
wie
17
Barbara Theune-Großkopf, Krieger oder Apostel – Bilderwelt im frühen Mittelalter. Eine
vollständig erhaltene Leier aus Trossingen. In: Cum grano salis. Beiträge zur europäischen
Vor- und Frühgeschichte. Festschrift Volker Bierbrauer, hrsg. Bernd Päffgen/Ernst Pohl/
Michael Schmauder (Friedberg 2005) 303–315; dies., Die vollständig erhaltene Leier des
6. Jahrhunderts aus Grab 58 von Trossingen, Ldkr. Tuttlingen, Baden-Württemberg. Ger-
mania 84, 2006, 93–142.
Archäologie des 4. bis 7. Jahrhunderts im Westen 7
Reto Martis Studie über „Siedlungsfunde als ‚Gegenprobe‘ zu den Befun-
den der Gräberarchäologie. Das Beispiel von Reinach in der Nordwest-
schweiz“.
18
In anderer Form hat auch Frans Theuws seine Überlegungen
zu „Late Roman weapon graves in northern Gaul and changing claims on
land“ schon dargestellt.
19
Für den Überblick Hans Ulrich Nubers zum spät-
antiken „Bevölkerungswechsel am Oberrhein. Geschichte und Archäolo-
gie“ sei auf seine Beiträge zum Begleitband der Baden-Württembergischen
Landesausstellung 2005 „Imperium Romanum“ verwiesen,
20
bezüglich der
anthropologischen Übersicht Ursula Wittwer-Backofens zu „Sozialer Infra-
struktur und genetischer Verwandtschaft aus anthropologischer Sicht“ auf
das von ihr mitverfasste Handbuch der Anthropologie.
21
Falko Daims Stu-
dien zur Herstellungstechnik awarenzeitlicher Gürtel finden sich zusam-
men mit Überlegungen, was sich über mögliche Motive der gewählten
Produktionsverfahren und Verzierungen aussagen lässt, in einem Band zur
Archäologie der Awaren.
22
Dass diese Konferenz in Freiburg stattfand, ist kein Zufall. Die am Sonder-
forschungsbereich 541 „Identitäten und Alteritäten. Die Funktion von
Alterität für die Konstitution und Konstruktion von Identität“
23
Beteiligten
18
Reto Marti, „Luteo operi, sine quo tamen non transigetur“. Frühmittelalterliche Keramik
im Spiegel gesellschaftlicher und kulturräumlicher Veränderungen in der Nordwest-
schweiz. In: Hüben und drüben. Räume und Grenzen in der Archäologie des Frühmittel-
alters. Festschrift Max Martin, hrsg. Gabriele Graenert/Reto Marti/Andreas Motschi/Re-
nata Windler. Archäologie und Museum 48 (Liestal 2004) 191–215.
19
Frans Theuws, Grave goods, ethnicity, and the rhetoric of burial rites in late antique
northern Gaul. In: Ethnic Constructs in Antiquity. The Role of Power and Tradition, ed.
Ton Derks/Nico Roymans (im Druck).
20
Hans Ulrich Nuber, Das Römische Reich (260–476 n. Chr.). In: Imperium Romanum. Rö-
mer, Christen, Alamannen. Die Spätantike am Oberrhein (Stuttgart 2005) 12–25; ders.,
Staatskrise im 3. Jahrhundert. Die Aufgabe der rechtsrheinischen Gebiete. In: Imperium
Romanum. Roms Provinzen an Neckar, Rhein und Donau (Stuttgart 2005) 442–451.
21
Gisela Grupe/Kerrin Christiansen/Inge Schröder/Ursula Wittwer-Backofen, Anthropolo-
gie. Ein einführendes Lehrbuch (Berlin, Heidelberg, New York 2005).
22
Falko Daim, „Byzantinische“ Gürtelgarnituren des 8. Jahrhunderts. In: Die Awaren am
Rand der byzantinischen Welt. Studien zu Diplomatie, Handel und Technologietransfer
im Frühmittelalter, hrsg. ders. Monographien zur Frühgeschichte und Mittelalterarchäo-
logie 7 (Innsbruck 2000) 77–204.
23
Verwiesen sei hier auf folgende Tagungsbände: Grenzgänger zwischen Kulturen, hrsg. Mo-
nika Fludernik/Hans-Joachim Gehrke. Identitäten und Alteritäten 1 (Würzburg 1999);
Wir, ihr, sie. Identität und Alterität in Theorie und Methode, hrsg. Wolfgang Eßbach.
Identitäten und Alteritäten 2 (Würzburg 2000); Geschichtsbilder und Gründungsmythen,
hrsg. Hans-Joachim Gehrke. Identitäten und Alteritäten 7 (Würzburg 2001); Zwischen
Ausgrenzung und Hybridisierung. Zur Konstruktion von Identitäten aus kulturwissen-
schaftlicher Perspektive, hrsg. Elisabeth Vogel/Antonia Napp/Wolfram Lutterer. Identitä-
ten und ALteritäten 14 (Würzburg 2003).
8 Sebastian Brather
konnten zwischen 1997 und 2003 erfahren, wie fruchtbar und anregend
Diskussionen mit interessierten Kollegen anderer geisteswissenschaftlicher
Disziplinen sein können – gerade auch mit jenen, auf die man im alltäg-
lichen Geschäft nicht direkt zuginge, weil einem übereinstimmende Inter-
essen nicht gegeben scheinen. Doch auch scheinbar abgelegene Themen
vermögen der eigenen Forschung wichtige Anstöße zu vermitteln, weil sie
auf mögliche Fragestellungen und alternative Forschungsstrategien auf-
merksam machen. Sie lassen die eigenen Probleme nicht selten in neuem
Licht erscheinen, und die Freiburger philosophische und philologische Fa-
kultät haben damit besonders gute Erfahrungen.
Ein weiterer Grund ist das gleichermaßen aufgeschlossene und diskussi-
onsfreudige Klima am „Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäo-
logie des Mittelalters“ und innerhalb der gesamten Philosophischen Fakul-
tät. Eine ganze Reihe von Freiburger Arbeiten spiegelt in ihren Ansätzen
und Ergebnissen diese Atmosphäre deutlich wider und wäre ohne sie
mitunter gar nicht entstanden. Heiko Steuer, der kaum vier Wochen vor
Beginn der Tagung in den Ruhestand trat, hatte als Direktor des Insti-
tuts mehr als 20 Jahre lang für dieses Umfeld gesorgt – insbesondere
im Hinblick auf die Archäologie der Merowingerzeit und damit auch auf
das Thema dieser Tagung. Für dieses bleibende Verdienst gebührt ihm
herzlicher Dank.
Viele haben sich um die Tagung verdient gemacht, und deshalb sei Ihnen
hier besonders gedankt:
– den Referentinnen und Referenten, die sich zur Teilnahme unter vorge-
gebenen Rahmenbedingungen gewinnen ließen;
– Philipp v. Rummel für die tatkräftige Unterstützung bei Planung, Orga-
nisation und Durchführung;
– Regina Kirsten und den vielen studentischen Helfern, die hinter den
Kulissen des „Hauses zur Lieben Hand“ den reibungslosen Ablauf ge-
währleisteten;
– der Gerda-Henkel-Stiftung in Düsseldorf, die sämtliche Reise- und
Übernachtungskosten für die Referenten trug;
– dem Verband der Freunde der Universität Freiburg und ihrem damali-
gen Vorsitzenden Volker Maushardt für die Beihilfe zur abschließenden
Exkursion zum Zähringer Burgberg, nach Breisach und auf den Odilien-
berg;
– der Stadt Freiburg und ihrem stellvertretenden Kulturamtsleiter Johannes
Rühl für den Empfang der Tagungsteilnehmer in der „Gerichtslaube“;
– der Archäologischen Sammlung der Albert-Ludwigs-Universität mit
ihrem Kustos Martin Flashar für die Gastfreundschaft.
Archäologie des 4. bis 7. Jahrhunderts im Westen 9
Abb. 1. Die Referenten vor dem Tagungsort. Von links nach rechts – hintere Reihe: Frans
Theuws, Hans Ulrich Nuber, Jörg Drauschke, Ursula Wittwer-Backofen, Hans Ulrich Voß,
Antonel Jepure, Falko Daim, Reto Marti, Michel Kazanski; mittlere Reihe: Lyn Blackmore,
Michael Kulikowski, Eva Stauch, Hubert Fehr, Philipp v. Rummel, Heiko Steuer; vordere
Reihe: Guy Halsall, Walter Pohl, Bonnie Effros, Sebastian Brather, Claudia Theune,
Karen Høilund Nielsen
10 Sebastian Brather
Archäologie des 4. bis 7. Jahrhunderts im Westen 11
1. Geschichte und Archäologie
12 Sebastian Brather
Spuren, Texte, Identitäten 13
Spuren, Texte, Identitäten
Methodische Überlegungen
zur interdisziplinären Erforschung
frühmittelalterlicher Identitätsbildung
Walter Pohl
1
Kurz vor der Freiburger Tagung, auf der dieser Band beruht, fand das
„größte Begräbnis aller Zeiten“ statt – so haben es zumindest die Medien
genannt. Begraben wurde, am 8. April 2005, Papst Johannes Paul II. Als
Einstieg in das komplexe Verhältnis von Spuren, Texten und Identitäten ist
das Beispiel gut geeignet. Zahlreiche Texte in Zeitungen haben vom Ereig-
nis erzählt, die Rituale gedeutet, die Objekte beschrieben, obwohl sie dabei
keineswegs ganz übereinstimmten. Der Papst wurde in einem einfachen Zy-
pressensarg bestattet, verziert mit dem Buchstaben M für Maria (würden
Archäologen der Zukunft das deuten können?). Der Zypressensarg wurde
dann von einem Zinksarg umschlossen, auf dem ein Kreuz, der Name und
das Wappen des Papstes angebracht sind, und der wieder in einem Eichen-
sarg ruht. Sein Gesicht wurde mit einem Seidentuch bedeckt. An Grabbei-
gaben erhielt der Papst seine Mitra; einen Beutel mit 27 im Vatikan gepräg-
ten Gold- und Silbermünzen, also eine für jedes Pontifikatsjahr; sowie eine
in einem Eisenbehälter versiegelte Urkundenrolle, die auf Latein einen kur-
zen Text über sein Leben enthielt. Darauf erfuhr man, auf die Minute ge-
nau, das Sterbedatum sowie dass er der 264. Papst war. „Seine Erinnerung“,
so heißt es, „bleibt im Herzen der ganzen Kirche sowie der Menschheit.“
Abweichend sind die Angaben darüber, ob auch ein Behälter mit Erde aus
seiner polnischen Heimatstadt mitgegeben wurde, doch die meisten Be-
1
Der Artikel entstand im Zusammenhang mit dem vom FWF geförderten Wittgenstein-
Preis-Projekt „Ethnische Identitäten im frühmittelalterlichen Europa“, das am Institut
für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sowie am
Institut für Österreichische Geschichtsforschung an der Universität Wien durchgeführt
wird.
Zwischen Spätantike und Frühmittelalter – RGA-E Band 57 – Seiten 13–26
© 2008 Walter de Gruyter · Berlin · New York
14 Walter Pohl
richte meinen, die Polen hätten sich mit diesem Wunsch nicht durchge-
setzt.
2
Begräbnisse von großen Führungsfiguren sind immer außergewöhnlich,
aber einige Beobachtungen lassen sich machen. Archäologen würden sich
ähnliche Texte über die Bestatteten in frühmittelalterlichen Gräbern wün-
schen; vielleicht hat die lange Erfahrung der Kirche mit der problematischen
Identifizierung der Reliquien von Heiligen zur Beigabe der Kurzbiographie
geführt. Die symbolischen Hinweise auf die Identität des Bestatteten sind
freilich widersprüchlich. Rangabzeichen fehlen im übrigen, bis auf Ornat
und Mitra; der Ring wird bei Päpsten nicht mitgegeben, der Bischofsstab
ebenfalls nicht. Auch christliche Symbole fehlen sonst im Sarg. Dafür
könnten die Münzen spätere Archäologen zur irrigen Annahme verleiten,
hier sollte der irdische Reichtum des Papstes symbolisiert werden, oder gar,
das Geld sollte ihm Reise und Aufenthalt im Jenseits erleichtern. Ethnische
Marker gab es beim Papst aus Polen keine; auch die Heimaterde wäre das
nicht im engeren Sinn gewesen. Sie wäre von den Forschern der Zukunft
vielleicht nicht so schwer richtig zu deuten gewesen. Im übrigen kann sie
als Beispiel dafür dienen, wie die richtige Grabausstattung im Zentrum
kontroverser Diskussionen stehen kann. Selbst nach 2000 Jahren, in denen
die Kirche ihre symbolischen Diskurse bis ins letzte Detail zu kodifizieren
versucht hat, bleibt noch Spielraum zu Verhandlungen darüber. Das Papst-
begräbnis war jedenfalls ein Moment äußerster Aufmerksamkeit, der zur
Gemeinschaftsstiftung und zur Selbstvergewisserung genützt wurde. Zere-
moniell und Grabausstattung wurden allgemein für höchst berichtenswert
gehalten, wobei die Bedeutung der einzelnen Gegenstände mehr oder we-
niger gut erklärt wurde. Überschießende Sinngebung also, wobei gerade das
wenig betont wurde, was nahelag und ohnehin selbstverständlich schien,
und scheinbar Fernerliegendes symbolisch hervorgehoben wurde.
Berichte von außergewöhnlichen Begräbnissen gibt es vereinzelt auch
aus dem Frühmittelalter, etwa die berühmte Bestattung Alarichs I. cum mul-
tas opes im Busento und die Attilas.
3
Auch Attila lag, glaubt man Jordanes,
in drei Särgen: einem eisernen, der die Siege über viele Völker, einem sil-
bernen und einem goldenen, die die Geschenke Ost- und Westroms ver-
2
Ausführliche Zeitungsberichte z. B. in: Bild, 9. 4. 2005, 5; Frankfurter Allgemeine Zeitung,
9. 4. 2005, 2; Bayerischer Rundfunk online (8. 4. 2005). Allgemein zu Papstbegräbnissen
siehe Agostino Paravicini Bagliani, Der Leib des Papstes. Eine Theologie der Hinfälligkeit
(München 1997); ders., Mort du Pape. In: Dictionnaire Historique de la Papauté, ed. Phi-
lippe Levillain (Paris 1994) 1143–1146. Ich danke Claudia Rapp und Sebastian Brather für
Anregungen zu diesem Beispiel. Ich beschränke mich hier aber bewusst auf eine nicht wis-
senschaftlich fundierte Perspektive der öffentlichen Wahrnehmung.
3
Alarich I.: Jordanes, Getica XXX, 157–158.
Spuren, Texte, Identitäten 15
sinnbildlichen sollten; er erhielt reiche Grabbeigaben, wie sie eines Königs
würdig waren, darunter Waffen besiegter Feinde.
4
Von Symbolen ethni-
scher Zugehörigkeit ist hier wie anderswo nicht die Rede, nur von einem
standesgemäßen Begräbnis. Die Waffen der Feinde taugen ja gerade nicht
als Zeichen der Zugehörigkeit. Für die Grammatik der Grabbeigaben sind
die schriftlichen Mitteilungen aus dem Frühmittelalter im übrigen leider
wenig aussagekräftig. Doch zeigen Beispiele wie der Bericht vom Begräbnis
Attilas zugleich, dass Rituale wie verwendete Objekte bei der Bestattung
reiche Bedeutungen aufwiesen. Die archäologische Untersuchung der
Grabsitten trägt auch dann zur Sinngeschichte der Zeit bei, wenn der Sinn
nicht oder nur hypothetisch gedeutet werden kann. Dass sich im Grabritus
sozialer Sinn verdichtet, kann im allgemeinen gerade dort vorausgesetzt
werden, wo der Aufwand dafür hoch ist. Und das gilt sicherlich für die
meisten frühgeschichtlichen Gräber, die zur Begründung ethnischer Inter-
pretationen überhaupt herangezogen werden können.
Die Grundprobleme ethnischer Deutungen brauchen in diesem Band
nicht mehr erörtert zu werden.
5
Die Diskussion hat einen induktiven
Aspekt – was kann tatsächlich aus einem archäologischen Befund geschlos-
sen werden, und welche alternativen Deutungen gibt es dafür? Diese Fra-
gen werden in vielen Beiträgen dieses Bandes sachkundiger angeschnitten
als ich es tun kann. Es gibt aber auch einen deduktiven Aspekt: Wonach
kann die Archäologie nach unserem gewandelten Verständnis von der Rolle
ethnischer Identitäten im Frühmittelalter überhaupt suchen? Nicht zufällig
hat Sebastian Brather sein grundlegendes Buch über „Ethnische Interpre-
tationen in der frühgeschichtlichen Archäologie“ mit einer ausführlichen
Paradigmen- und Modelldiskussion begonnen.
6
In diesem Zusammenhang
möchte ich einige Punkte skizzieren, deren methodische Implikationen für
die Archäologie weiter diskutiert werden könnten.
4
Addunt arma hostium caedibus adquisita, faleras vero gemmarum fulgore praetiosas et diversi gene-
ris insignia, quibus colitur aulicum decus; Jordanes, Getica XLIX, 256–58.
5
Zur neueren Diskussion siehe Sebastian Brather, Ethnische Identitäten als Konstrukte der
frühgeschichtlichen Archäologie. Germania 78, 2000, 139–177; ders., Ethnische Interpre-
tationen in der frühgeschichtlichen Archäologie. Geschichte, Grundlagen und Alternati-
ven. Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 42 (Berlin, New
York 2004); anders Volker Bierbrauer, Zur ethnischen Interpretation in der frühgeschicht-
lichen Archäologie. In: Die Suche nach den Ursprüngen. Von der Bedeutung des frühen
Mittelalters, hrsg. Walter Pohl (Wien 2004) 45–84. Siehe auch Claus von Carnap-Born-
heim, Hans-Jürgen Eggers und der Weg aus der Sackgasse der ethnischen Deutung. In:
Eine hervorragend nationale Wissenschaft. Deutsche Prähistoriker zwischen 1900 und
1995, hrsg. Heiko Steuer. Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungs-
band 29 (Berlin, New York 2001) 173–198.
6
Brather, Ethnische Interpretationen (Anm. 5) 29–158.
16 Walter Pohl
Der bei weitem wichtigste Identitätsdiskurs der Spätantike und des
Frühmittelalters ist der christliche. Diese Beobachtung ist zunächst banal,
wird aber gerade deswegen leicht vernachlässigt. Die überwiegende Zahl
der aus jener Zeit erhaltenen Texte beschäftigt sich im weitesten Sinn mit
der Frage, was es bedeutet, Christ zu sein. Hier steht die Frage der christ-
lichen Identität ständig im Mittelpunkt.
7
Wie wird man Christ? Dabei geht
es um richtige Belehrung, Taufe und Mission. Wer ist Christ? Die ständige
Bemühung um eine immer präzisere Abgrenzung nicht nur gegenüber Hei-
den, sondern auch gegenüber Häretikern ermöglicht eine klare Zuordnung
jedes einzelnen. Warum Christ sein? Viele Textsorten, von Bibelkommen-
taren bis zu Visionsliteratur, von Predigten bis zu polemischen Traktaten,
versuchen die Einzigartigkeit der christlichen Identität zu begründen. Wie
Christ sein? Diese Frage ist Gegenstand der reichsten Literatur, von norma-
tiven Schriften bis zu Erzählungen von der Vorbildlichkeit der Heiligen.
Entscheidend ist dabei der massive Versuch der Verhaltenssteuerung, durch
den die personale Identität möglichst nahe an die kollektive gerückt wer-
den soll, bis hin zur spirituellen Selbstaufgabe für Gott und die Gemein-
schaft der Gläubigen. Die Christianisierung der Gesellschaft ab dem 4. Jahr-
hundert war der bis dahin ehrgeizigste Versuch, eine einheitliche Identität
durchzusetzen, wo es, wie das vielfach abgewandelte Wort aus dem Paulus-
brief an die Kolosser sagt, „weder Heiden noch Juden, […] weder Barbaren
noch Skythen“ gibt, sondern eben nur Christen.
8
Aus der Sicht der Religionssoziologie kann dieser „Code kollektiver
Identität“ mit einiger Berechtigung als „universalistischer Code“ abgeho-
ben werden von den „primordialen“ und den „traditionalen“ Codes, die
ethnische Zusammengehörigkeit begründeten.
9
Wichtig für unser Thema
7
Die Frage der christlichen Identität ist noch ungenügend erforscht. Explizit wird die Frage
erst gelegentlich aufgeworfen, z. B. in drei Kapiteln der Cambridge History of Early Chris-
tian Literature, ed. Frances Young/Lewis Ayres/Andrew Louth (Cambridge 2004), und
zwar jeweils unter dem Titel „Articulating identity“ für das 2. Jahrhundert (Richard A.
Norris jr., 71–90), das 3. Jahrhundert (Ronald E. Heine, 200–221) und das 4. Jahrhundert
(Lewis Ayres, 414–463). Meist werden die mit christlicher Identitätsbildung zusammen-
hängenden Probleme unter den Begriffen ‚Ausbreitung des Christentums‘, ‚Gemein-
schaftsbildung‘, ‚christliches Leben‘ etc. abgehandelt. Reiches Material enthält dazu Ar-
nold Angenendt, Geschichte der Religiosität im Mittelalter (Darmstadt
2
2000). Wertvolle
Beobachtungen auch bei Peter Brown, The Rise of Western Christendom (Oxford
2
2003),
sowie bei Friedhelm Winkelmann, Geschichte des frühen Christentums (München
2
2001).
8
Ep. Pauli ad Colossenses 3,11. Siehe dazu Walter Pohl, Telling the difference. Signs of eth-
nic identity. In: Strategies of Distinction. The Construction of Ethnic Communities,
300–800, ed. Walter Pohl, Helmut Reimitz. The Transformation of the Roman World 2
(Leiden, New York, Köln 1998) 17–69, hier 25.
9
Bernhard Giesen, Codes kollektiver Identität. In: Religion und Identität, hrsg. Werner Ge-
phart/Hans Waldenfels (Frankfurt a. M. 1999) 13–43.
Spuren, Texte, Identitäten 17
ist die Frage, wie sich in den frühmittelalterlichen Regna christliche mit
ethnischen Identitäten verbanden, und vor allem, wie der christliche Iden-
titätsdiskurs wiederum zur ethnischen Integration der Regna dienen
konnte.
10
An einer ‚Germanisierung des Christentums‘
11
kann das kaum lie-
gen, eher an alttestamentarischen Vorbildern, doch die Frage verdient wei-
tere Untersuchung.
12
Außer Zweifel steht der christliche Einfluss auf die
Grabsitten, auch wenn sich das Verschwinden der Grabbeigaben und die
Durchsetzung der Bestattung bei Kirchen keineswegs immer parallel mit
der Christianisierung vollzogen.
13
Die ethnischen Identitätsdiskurse des Frühmittelalters entsprachen dem
christlichen weder in der genauen Definition der Kriterien der Zugehörig-
keit, noch in der gezielten Verbreitung von ‚Texten der Identität‘, noch im
Versuch der Durchsetzung detaillierter Verhaltensmaßregeln. Während der
christliche Diskurs von emphatischer Selbstzuordnung dominiert wurde,
beruhen unsere Informationen über ethnische Identität vor allem auf Tex-
ten der Fremdzuschreibung. Die Völker waren für die Autoren klassischer
Texte zumeist die Anderen, und diese Redeweise hielt sich lange. Noch der
Langobarde Paulus Diaconus schreibt von den Langobarden, von ihrer
Sprache, Tracht, Geschichte fast ausschließlich in der dritten Person.
14
Eth-
nische Selbstüberhöhung findet sich erstmals in einiger Dichte in fränki-
schen Texten der Karolingerzeit, zum Beispiel im Langen Prolog der Lex
10
Zum Verhältnis des christlichen Diskurses zum Imperium siehe Averil Cameron, Christia-
nity and the Rhetoric of Empire. The Development of Christian Discourse (Berkeley 1991).
11
Die Germanisierung des Christentums erfreute sich bis 1945 einiger Beliebtheit in
deutschnationalen Zirkeln und wurde zur Freude ultrarechter und neuheidnischer Inter-
netforen wieder aufgegriffen von James C. Russell, The Germanisation of Early Medieval
Christianity (Oxford 1994). Ein ganz anderer Ansatz bei Mayke de Jong, Introduction –
Rethinking early medieval Christianity. A view from the Netherlands. Early Medieval Eu-
rope 7, 1998/3, 261–275.
12
Siehe künftig Walter Pohl, Alienigena Coniugia. Bestrebungen zu einem Verbot auswärti-
ger Heiraten in der Karolingerzeit. In: Die Bibel als politisches Argument, hrsg. Kai Tram-
pedach (im Druck).
13
Frederick S. Paxton, Christianizing Death. The Creation of a Ritual Process in Early
Medieval Europe (Ithaca, London 1990); Bonnie Effros, Caring for Body and Soul. Burial
and the Afterlife in the Merovingian World (Pennsylvania 2002); Cristina La Rocca,
Segni di distinzione. Dai corredi funerari alle donazioni ‚post obitum‘ nel regno longo-
bardo. In: L’Italia centro-settentrionale in età longobarda, ed. Lidia Paroli (Florenz 1997)
31–54.
14
Walter Pohl, Paulus Diaconus und die ‚Historia Langobardorum‘. Text und Tradition. In:
Historiographie im frühen Mittelalter, hrsg. Anton Scharer/Georg Scheibelreiter. Veröf-
fentlichungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 32 (Wien 1994)
375–405; ders., Geschichte und Identität im Langobardenreich. In: Die Langobarden.
Herrschaft und Identität, hrsg. Walter Pohl/Peter Erhart. Forschungen zur Geschichte des
Mittelalters 8 (Wien 2005) 555–566.
18 Walter Pohl
Salica, und sie benützt eine stark christlich geprägte Rhetorik.
15
Spuren
eines Wir-Gefühls der Völker finden sich freilich schon früher, nur wurde
es nicht so leicht schriftlich niedergelegt. Meist lässt es sich nur aus gemein-
samem Handeln auch in schwierigen Zeiten und dem Funktionieren ethni-
scher Netzwerke erschließen.
Daher knüpften frühmittelalterliche Autoren zunächst am klassifikato-
rischen Charakter der antiken Ethnographie an, die in einem bestimmten
Raum siedelnde oder operierende Verbände nach einem überkommenen
Kriterienkatalog ethnisch bestimmte. Freilich hatten schon die antiken Au-
toren immer die Handlungsfähigkeit oder Handlungsbereitschaft ihrer
potentiellen Gegner jenseits der Grenzen mitgedacht, sie waren also daran
interessiert, tatsächliche oder mögliche Akteure möglichst adäquat zu be-
nennen. Dabei unterschied die antike Ethnographie aber nicht prinzipiell
zwischen Namen, die sehr unterschiedliche Größenordnungen erfassten,
von ethnographischen Sammelnamen und Pauschalbezeichnungen wie
Skythen oder Germanen bis zu den Namen sehr lokaler Verbände, wie sie
etwa Ptolemaios oder im 9. Jahrhundert der Bayerische Geograph nördlich
der Donau aufzählen.
16
Deutlich wird das etwa bei der angelsächsischen
Tribal Hidage, einer Liste von Herrschaften, zu denen jeweils Bevölkerung
bzw. Wirtschaftskraft, gemessen in der Anzahl von hides, gesetzt wird. Das
geht von den großen Königreichen wie Mercia oder Wessex mit tausenden
hides bis hinunter zu ganz kleinen Herrschaften mit einigen Dutzend, ohne
dass in irgendeiner Weise unterschieden wird.
17
Vor einigen Jahren habe ich
auf einem Zwettler Symposion ein grobes Raster von acht Typen ethni-
scher Zuordnung vorgeschlagen, zwischen denen die Übergänge natürlich
fließend sind:
18
1. Lokale Siedlungseinheiten oder kleine Verbände, wie etwa bei Ptole-
maios;
15
Lex Salica, Prologus, ed. Karl August Eckhardt, MGH Leges nationum Germanicarum 4, 2
(Hannover 1969) 2–9.
16
Claudius Ptolemaeus, Opera, ed. J. L. Heilberg (Leipzig 1898–1908); Geographus Bavarus,
ed. Erwin Herrmann, Slawisch-germanische Beziehungen im südostdeutschen Raum. Ver-
öffentlichungen des Collegium Carolinum 17 (München 1965) 212–21.
17
David Dumville, The tribal hidage. An introduction to its texts and their history. In: The
Origins of Anglo-Saxon Kingdoms, ed. Steven Bassett (London, New York 1989) 225–230.
Siehe auch Walter Pohl, Ethnic names and identities in the British Isles. A comparative
perspective. In: The Anglosaxons from the Migration Period to the Eighth Century. An
Ethnographical Perspective, ed. John Hines (Woodbridge 1997) 7–40.
18
Walter Pohl, Die Namen der Barbaren. Fremdbezeichnung und Identität in Spätantike
und Frühmittelalter. In: Zentrum und Peripherie. Gesellschaftliche Phänomene in der
Frühgeschichte, hrsg. Herwig Friesinger/Alois Stuppner. Mitteilungen der Prähistorischen
Kommission 57 (Wien 2004) 95–104.
Spuren, Texte, Identitäten 19
2. Regionale Teil-Stämme oder Siedlungsgemeinschaften; Gentes innerhalb
einer Gens, wie etwa die Brisigavi, Lentienses etc. bei den Alemannen;
3. Kleinere Gruppen oder versprengte Teile anderer Völker unter fremder
Herrschaft, wie die Rugier im Ostgotenreich, die Bulgaren unter lango-
bardischer Herrschaft, oder die Sachsen von Bayeux im Merowingerreich;
4. Selbständige Völker mit regionaler Ausdehnung und einigermaßen ge-
schlossenem Siedlungsgebiet; etwa zahlreiche Völker der frühen Kaiser-
zeit in der westlichen Germania; oder im 5. Jahrhundert die Rugier an
der Donau;
5. Völker, die aus unterschiedlichen Ursachen verstreut leben, oder Na-
men, die in mehreren Gebieten auftauchen, im 5./6. Jahrhundert zum
Beispiel Sueben, Eruler, Alanen, Goten, im 7. Jahrhundert Bulgaren;
6. Ethnische Verbände mit überregionaler Ausdehnung und fehlender
oder schwacher zentraler Organisation, etwa die Sueben der frühen Kai-
serzeit oder die Alemannen und Franken bis zum 5. Jahrhundert. Hier
ist die Grenze zu ethnographischen Sammelnamen fließend, die Identi-
tätswirksamkeit des Namens oft nur schwer nachzuweisen;
7. Völker, die überregionale Herrschaften aufbauen und Träger eines Rei-
ches werden, in dem viele andere ethnische Gruppen leben, etwa Ost-
und Westgoten, Vandalen, Franken, Hunnen, Awaren;
8. Ethnographische Sammelnamen, mit denen die Bevölkerung riesiger
Gebiete charakterisiert wird: Kelten, Germanen, Skythen, Slawen.
Für die Möglichkeit, archäologische Aussagen über die Zugehörigkeit zu
solchen Völkern zu treffen, bedeutet das jeweils methodisch ganz unter-
schiedliche Ausgangspositionen. Dass sich Sammelnamen wie ‚Germanen‘
überhaupt im archäologischen Befund niederschlagen, ist unwahrschein-
lich. Lokale oder regionale Siedlungsgemeinschaften können sich eher in
ihrer Hinterlassenschaft von anderen abheben, obwohl auch das keines-
wegs selbstverständlich ist. Volk ist nicht gleich Volk, und die Frage der eth-
nischen Interpretation ist in jedem Fall methodisch anders gelagert.
Zur Beschreibung historischen Geschehens waren ethnische Bezeich-
nungen in Spätantike und Frühmittelalter jedenfalls unverzichtbar. Das
heißt, dass in den uns erhaltenen Texten weniger der Aspekt der Selbstzu-
ordnung und der Identitätssymbole thematisiert wird, sondern derjenige
gemeinsamen politischen und militärischen Handelns.
19
Für Inhalt und Be-
19
Walter Pohl, Zur Bedeutung ethnischer Unterscheidungen in der frühen Karolingerzeit.
Studien zur Sachsenforschung 12, 1999, 193–208; ders., Identität und Widerspruch. Ge-
danken zu einer Sinngeschichte des Frühmittelalters. In: Die Suche nach den Ursprüngen.
Von der Bedeutung des frühen Mittelalters, hrsg. Walter Pohl. Forschungen zur Ge-
schichte des Mittelalters 8 (Wien 2004) 23–36; ders., Geschichte und Identität (Anm. 14).
20 Walter Pohl
deutungsfeld ethnischer Bezeichnungen hat das einige Konsequenzen. Aus
dem Blickwinkel vieler Texte hängt der Begriffsumfang von der jeweiligen
Handlungsebene ab. ‚Alle Franken‘ oder ‚alle Langobarden‘ können eine
kleine Gruppe politisch Einflussreicher sein, wenn sie einen König erhe-
ben; eine größere Versammlung von Freien, die an einem Ort zusammen-
kommen, um an einer großen Inszenierung wie etwa der Promulgation der
Leges teilzunehmen; das Heer, das in den Krieg zieht; diejenigen, für die
ein Gesetz oder eine Gesetzessammlung gilt; oder alle Bewohner einer be-
stimmten Landschaft, etwa der Francia. Die Quellen unterscheiden in der
Regel nicht zwischen dem Handeln im Namen einer Gemeinschaft und
dieser Gemeinschaft insgesamt. Ob der König Krieg führt oder die Gens, ist
in der Formulierung meist austauschbar, es sei denn, der Konsens wäre zer-
brochen. Das bedeutet, dass nicht die eindeutige Abgrenzung nach außen
das Volk definiert, sondern die aktive oder passive Partizipation. Anders
wäre die Integration der romanischen Bevölkerungsmehrheit in das Volk
der Franken/Franzosen oder der Langobarden/Lombarden kaum so leicht
möglich gewesen.
Ein Stufenmodell kann manche Aspekte dieser Binnengliederung erfas-
sen: konzentrische Kreise; Zentrum und Peripherie; Traditionskern und an-
geschlossene Gruppen. Doch kann es ihre Dynamik nicht zureichend be-
schreiben. Die Großreiche des Frühmittelalters, Franken, Westgoten, bis zu
einem gewissen Grad auch Langobarden, erstreckten sich über weitläufige
Gebiete; diese ‚Steigerungsformen‘ der ethnischen Identität, wie Assmann
das genannt hat, zusammenzuhalten, war sowohl eine politische als auch
eine kognitive Leistung.
20
Das „regnum Francorum“ gegenüber örtlich wie
affektiv näher liegenden Interessen zu integrieren, setzte ein sowohl ab-
straktes als auch wirksam legitimiertes Konzept von Gens und Regnum der
Franken voraus, wofür auch Organisation und Deutungshoheit der Kirche
nötig waren. Die Führungsgruppen, auf denen die Macht des Frankenrei-
ches beruhte, zählten vielleicht einige hundert, mit ihrem Anhang einige
tausend Menschen. Viele von ihnen kannten einander persönlich und tra-
fen immer wieder in wechselnder Zusammensetzung aufeinander, um die
Geschäfte des Reiches zu besorgen. Auf ihrer Zusammenarbeit und Kon-
kurrenz beruhten Erfolg oder Misserfolg der Könige.
Nur wenige von diesen Mächtigen verbrachten aber längere Zeit bei
Hof; ihre Lebenswelt befand sich vorwiegend dort, wo das Zentrum ihres
Amtes und/oder ihrer Besitzungen lag. Dort hatten sie Umgang mit ande-
ren, teils weniger mächtigen Familien der Umgebung, mit den kirchlichen
20
Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in
frühen Hochkulturen (München 1992) 144–160.
Spuren, Texte, Identitäten 21
Autoritäten, vor allem aber mit ihrem bewaffneten Gefolge und ihrer Ver-
wandtschaft. Beide Erfahrungsbereiche wurden wohl problemlos von der
Selbstzuordnung Franken, Langobarden usw. abgedeckt. Unter diesen bei-
den Gruppen sind wohl auch jene zu finden, deren Bestattungen von der
Archäologie als Belege für ein fränkisches oder langobardisches Kultur-
modell gesammelt wurden. Volker Bierbrauer hat gerade in der jüngsten
Diskussion seine Position wieder präzisiert und die Annahme solcher im
wesentlichen ethnisch bestimmter Kulturmodelle mit bedenkenswerten
Argumenten verteidigt.
21
Eine Beobachtung liegt beim bisherigen Forschungsstand nahe: Die
Führungsgruppe der Regna auf Reichsboden des 5. bis 7. Jahrhunderts
zeichnet sich kaum durch einheitliche und ethnisch distinkte Bestattungs-
formen und Grabbeigaben ab. Bei den Vandalen in Afrika und bei den
Westgoten in Aquitanien fehlen reiche Gräber mit ‚barbarischer‘ Ausstat-
tung fast völlig.
22
Bei den Westgoten ebenso wie bei den Franken des 6. Jahr-
hunderts ist die Verteilung der Beigaben führenden Gräber regional un-
einheitlich, sie fehlen weitgehend in den spanische Küstengebieten.
23
Im
21
Volker Bierbrauer, Archäologie der Langobarden in Italien: ethnische Interpretation und
Stand der Forschung. In: Die Langobarden. Herrschaft und Identität, hrsg. Walter Pohl/
Peter Erhart. Forschungen zur Geschichte des Mittelalters 9 (Wien 2005) 21–66.
22
Zu den Vandalen siehe Christoph Eger, Vandalische Grabfunde aus Karthago. Germa-
nia 79, 2001, 347–390; Jörg Kleemann, Quelques réflexions sur linterprétation ethnique
des sépultures habilées considérées comme vandales. Antiquité Tardive 10, 2002, 123–129;
Philipp von Rummel, Habitus Vandalorum? Zur Frage nach einer gruppenspezifischen
Kleidung der Vandalen in Nordafrika. Antiquité tardive 10, 2002, 131–141; ders., Zum
Stand der afrikanischen Vandalenforschung. Antiquité Tardive 11, 2003, 13–19; sowie
künftig Philipp von Rummel, Where have all the Vandals gone? Archäologie und Vanda-
len in Nordafrika, und die Beiträge von Brather, Gauss, Eger und Kleemann in: Das Reich
der Vandalen und seine Vorgeschichten, hrsg. Guido Berndt/Roland Steinacher. For-
schungen zur Geschichte des Mittelalters 14 (Wien, im Druck). – Westgoten: Gallo-Ro-
mains, Wisigoths et Francs en Aquitaine, Septimanie et Espagne. Actes des VII
e
Journées
internationales d’archéologie mérovingienne, ed. Patrick Périn (Rouen 1991); Michel
Kazanski, Les Goths. I
er
–VII
e
après J.-C. (Paris 1991) 89–95; Volker Bierbrauer, Tracce
archeologiche dei Visigoti fra il 376 e il 496–507. In: I Goti (Milano 1994) 298–301:
„assenza di una vera e propria evidenza archeologica per i Goti di Tolosa“, 298.
23
Volker Bierbrauer, Frühgeschichtliche Akkulturationsprozesse in germanischen Staaten
am Mittelmeer (Westgoten, Ostgoten, Langobarden) aus der Sicht des Archäologen. In:
Longobardi e Lombardia. Aspetti di civiltà longobarda, Atti del 6. Congresso internazio-
nale di Studi sull’alto Medioevo (Spoleto 1980) 89–105; Gisela Ripoll López, The arrival of
the Visigoths in Hispania. Population problems and the process of acculturation. In: Stra-
tegies of Distinction. The Construction of Ethnic Communities, 300–800, ed. Walter
Pohl/Helmut Reimitz. The Transformation of the Roman World 2 (Leiden, Boston, Köln
1998) 153–188; Wolfgang Ebel-Zepezauer, Studien zur Archäologie der Westgoten vom
5.–7. Jh. n. Chr. (Mainz 2000).
22 Walter Pohl
italischen Ostgotenreich ist aus den schriftlichen Quellen gut belegt, wie
unterschiedlich stark die gotische Führungsschicht an gotischen Tradi-
tionen festhielt; besonders nach Theoderichs Tod entstanden deswegen
scharfe Konflikte.
24
Bereits Theoderich hatte ein Verbot wertvoller Grab-
beigaben erlassen, sodass die relativ geringe Anzahl als gotisch geltender
Grabfunde aus Italien nicht überrascht.
25
Bei den Langobarden wiederum
sind Waffen führende Gräber vom Typ Nocera Umbra oder Trezzo d’Adda
zwar im ganzen Reichsgebiet verteilt, aber man fragt sich, ob sie bei ihrer
relativ geringen Anzahl tatsächlich die ganze langobardische Führungs-
schicht repräsentieren.
26
Die Vermutung liegt nahe, dass viele Angehörige
der barbarischen Eliten auf ehemaligem Reichsboden längst einheimische
Grabsitten übernommen hatten. An ihrer ethnischen Zugehörigkeit än-
derte das ebenso wenig wie die Übernahme des christlichen und des katho-
lischen Bekenntnisses, Tracht- und Sprachwechsel.
27
Was archäologisch viel
eher fassbar wird, sind lokale Verbände, die neben einigen reich ausgestat-
teten Gräbern mehr oder weniger Waffenbestattungen und Frauengräber
mit typischen Trachtbestandteilen hinterlassen haben, wie eben in Nocera
Umbra. Dass es sich dabei um Langobarden handelte, liegt nahe. Schwie-
riger wird es wieder bei ärmeren oder beigabenlosen Gräbern.
28
Im Um-
kehrschluss beigabenlose oder beigabenarme Bestattungen den Romanen
24
Prokop, De bello Gothico I, 2, ed. Otto Veh (München 1966).
25
Cassiodor, Variae IV, 34: Aurum enim sepulcris iuste detrahitur, ubi dominus non habetur: immo
culpae genus est inutiliter abditis relinquere mortuorum, unde se vita potest sustentare uiuentium.
Archäologischer Überblick: Volker Bierbrauer, Die ostgotischen Grab- und Schatzfunde
in Italien. Biblioteca degli Studi Medievali 7 (Spoleto 1975).
26
Volker Bierbrauer, Frühe langobardische Siedlung in Italien. Gräberarchäologie und Sied-
lungsarchäologie – methodische Probleme ihrer Interpretation. In: I Longobardi dei du-
cati di Spoleto e Benevento. Atti del XVI congresso internazionale di studi sullalto me-
dioevo (Spoleto 2003) 29–78. Siehe auch Lidia Paroli, La necropoli di Castel Trosino. Un
laboratorio archeologico per lo studio dell’età longobarda. In: L’Italia centro-settentrio-
nale in età longobarda, ed. Lidia Paroli (Florenz 1997) 91–112.
27
Pohl, Telling the difference (Anm. 8).
28
Siehe z. B. Cornelia Rupp, Langobardische und romanische Grabfunde in Umbrien. In: I
Longobardi dei ducati di Spoleto e Benevento, Atti del XVI congresso internazionale di
studi sull’alto medioevo (Spoleto 2003) 669–700. Zur Vielfalt regionaler Bestattungsfor-
men im langobardischen Italien siehe u. a. Irene Barbiera, Sixth-century cemeteries in
Hungary and Italy. A comparative approach. In: Die Langobarden. Herrschaft und Iden-
tität, hrsg. Walter Pohl/Peter Erhart, Forschungen zur Geschichte des Mittelalters 9 (Wien
2005) 301–320. ‚Langobardische‘ Trachtbestandteile wurden bei den Grabungen der
Crypta Balbi in Rom gefunden: Marco Ricci/Federica Luccerini, Oggetti di abbiglia-
mento e ornamento. In: Roma dall’antichità al medioevo. Archeologia e storia nel Museo
nazionale romano Crypta Balbi, ed. Maria Stella Arena u. a. (Rom 2001) 351–387, bes.
380–385.
Spuren, Texte, Identitäten 23
zuzuweisen, ist fragwürdig;
29
könnte es sich bei einem bloß mit Messer
oder ohne jede Beigabe Bestatteten nicht auch um einen langobardischen
aldius oder porcarius handeln?
Daraus würde sich ergeben, dass die Langobarden in Italien archäologisch
nicht fassbar sind. Vermutlich folgten nicht alle Langobarden dem ‚lango-
bardischen Kulturmodell‘. Doch ist weiter davon auszugehen, dass Lango-
barden sich in Italien sehr wohl im archäologischen Befund abzeichnen. Da-
bei muss im Einzelfall offen bleiben, ob diese ‚Langobarden‘ pannonischer
Abstammung waren oder zum Beispiel Nachkommen der Goten oder bar-
barisierter Romanen. Archäologisch kaum nachweisbar ist auch, wie ihre
spezifische Selbstzuordnung aussah; vielleicht waren ja Menschen darunter,
die sich als Gepiden verstanden oder als Alemannen wie Dux Droctulf (der
allerdings in einer Kirche in Ravenna bestattet wurde).
30
Freilich, gerade
wenn man die Interpretation archäologischer Befunde von der Aufgabe ent-
lastet, klare Abgrenzungen zu ermöglichen und uns über individuelle oder
personale Identitäten eindeutig Auskunft zu geben, kann sie sehr wohl Hin-
weise liefern, wie ethnische Gemeinschaften aufgebaut waren und ob sie ein
gemeinsames kulturelles Profil entwickelt hatten.
31
Das ist offenbar in kon-
kreten ethnischen Verbänden sehr unterschiedlich. Die Awaren der Jahr-
zehnte nach dem Einzug im Karpatenbecken sind im Fundgut eher undeut-
lich fassbar, und noch um 600 war das Kerngebiet des Awarenreiches von
kultureller Vielfalt geprägt, man denke nur an Zamárdi oder Keszthely.
32
Im
8. Jahrhundert dagegen ist die materielle Hinterlassenschaft im Awarenreich
erstaunlich gleichförmig, von den Bronzebeschlägen mit Greifen- oder Ran-
kenzier bis zu den Beigaben in dörflichen Gräberfeldern.
33
Es fällt schwer,
29
Zusammenfassend zu den Romanen Volker Bierbrauer, s. v. Romanen. In: Reallexikon der
Germanischen Altertumskunde 25 (Berlin, New York 2003) 210–242.
30
Paulus Diaconus, Historia Langobardorum3, 18–19, ed. Georg Waitz, MGH SS rer. Lang.
(Hannover 1878).
31
Falko Daim, Archaeology, ethnicity and the structures of identification. The example of
the Avars, Carantanians and Moravians in the eighth century. In: Strategies of Dis-
tinction. The Construction of Ethnic Communities, 300–800, ed. Walter Pohl/Helmut
Reimitz. The Transformation of the Roman World 2 (Leiden, Boston, Köln 1998) 71–94.
32
Robert Müller, Neue archäologische Funde der Keszthely-Kultur. In: Awarenforschun-
gen 1, hrsg. Falko Daim (Wien 1992) 251–307; Edith Bárdos, La necropoli avara di
Zamárdi. In: L’oro degli Avari. Popolo delle steppe in Europa (Milano 2000) 76–143; Éva
Garam, Funde byzantinischer Herkunft in der Awarenzeit vom Ende des 6. bis zum Ende
des 7. Jahrhunderts (Budapest 2001).
33
Falko Daim, Avars and Avar archaeology. An introduction. In: Regna et Gentes. The
Relationship between Late Antique and Early Medieval Peoples and Kingdoms in the
Transformation of the Roman World, ed. Hans-Werner Goetz/Jörg Jarnut/Walter Pohl.
The Transformation of the Roman World 13 (Leiden, Boston, Köln 2003) 463–457; Peter
24 Walter Pohl
darin nicht das Ergebnis ethnischer Prozesse zu sehen, ebenso wie später der
rasche Niedergang des Awarenreiches mit dem Zerfall dieser gemeinsamen
Lebensweise und Symbolsprache einherging.
Wie oben gezeigt, sind ethnische Kategorien in frühmittelalterlichen
Texten vor allem für Fremdwahrnehmungen und für handlungsfähige poli-
tische Identitäten überliefert. Zur Wahrnehmung gehört auch die Wahr-
nehmbarkeit. Die Texte können die distinktiven Elemente im 4. bis 7. Jahr-
hundert nur sehr diffus angeben, auch wenn sie allgemein davon ausgehen,
dass ethnische Unterscheidbarkeit gegeben war.
34
Zumindest in ihrer Am-
bivalenz entsprechen sie gut dem archäologischen Befund, der ja auch
keine eindeutigen Unterscheidungen zwischen Gentes fixieren hilft, son-
dern allenfalls statistisch relevante Anhaltspunkte liefert. Zwar finden sich
zum Beispiel in Kriegergräbern im fränkischen Gebiet überdurchschnitt-
lich viele Beile, und Isidor von Sevilla bezeichnet die francisca genannte Axt
als typisch fränkische Waffe. Doch konkrete Beschreibungen dieser Äxte in
den Quellen sind sehr unterschiedlich (einfach oder doppelt, Wurf- oder
Hiebwaffe). Zudem bleibt immer noch eine Mehrheit ‚fränkischer‘ Krieger-
gräber ohne die von den Archäologen als Franziska bezeichneten Beile,
während sie etwa im Alemannengebiet durchaus auch vorkommen.
35
Dennoch lassen sich archäologische Befunde mit historisch belegten
ethnischen Einheiten zumindest in Verbindung bringen. Die militärisch
herrschende Schicht in gut abgrenzbaren Gebieten Italiens war seit 568 lan-
gobardisch und kam zum größeren Teil aus Pannonien. Archäologische Be-
funde können durchaus das Bild vertiefen, das wir von ihr haben. Bei der
genaueren Zuordnung von Siedlungen oder Bestattungen zu Langobarden
oder Romanen stößt die Archäologie rasch an methodische Grenzen, denn
eine solche klare Abgrenzung würde den schriftlichen Quellen gar nicht
entsprechen. Doch kann sie zur Kenntnis ethnischer Prozesse beitragen.
Wer im langobardischen Machtbereich in Italien mit Waffen bestattet
wurde, erschien als Mitglied der militärischen Elite des Langobardenrei-
ches. Zugleich wurde ein Führungsanspruch in der lokalen Lebenswelt for-
muliert.
36
Diese beiden Identitäten – Mitglied der herrschenden Schicht im
Stadler, Quantitative Studien zur Archäologie der Awaren 1. Mitteilungen der Prähistori-
schen Kommission 60 (Wien 2005).
34
Pohl, Telling the difference (Anm. 8). Siehe auch den Beitrag von Philipp von Rummel in
diesem Band.
35
Pohl, Telling the difference (Anm. 8) 33–37, mit Isidor, Etymologiae 18, 6, 9, ed. W. M. Lind-
say (Oxford
2
1987). Archäologie: Frank Siegmund, Alemannen und Franken. Reallexikon
der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 23 (Berlin, New York 2000).
36
Guy Halsall, Settlement and Social Organisation. The Merovingian Region of Metz
(Cambridge 1995).
Spuren, Texte, Identitäten 25
Regnum und eine dominante Stellung im lokalen Siedlungsverband – wi-
dersprachen einander meistens nicht, sondern waren komplementär, auch
wenn es wichtig ist, sie methodisch auseinander zu halten, denn sie konn-
ten durchaus in Widerspruch zueinander geraten. Einige Generationen spä-
ter war an die Stelle der Waffengräber die Bestattung in oder bei Kirchen
in Verbindung mit post-obitum-Schenkungen getreten.
37
Auch dadurch
wurde in Anpassung an vorherrschende Verhaltensmuster im christlichen
Regnum Status demonstriert. Dieser Wandel repräsentierte vermutlich eine
Festigung der langobardischen politischen Identität;
38
archäologisch lässt
er kaum mehr eine ethnische Differenzierung von ähnlichen Grabbräu-
chen anderswo zu. Doch sagt er ebenso wie die Waffengräber etwas aus
über die ethnische Integration, kulturelle Orientierung und symbolische
Politik der Träger des Langobardenreiches.
Man kann diese Mehrdeutigkeiten und Widersprüche insgesamt als aus-
reichende Begründung betrachten, ethnische Verbände in den Bereich des
Subjektiven und Symbolischen zu verweisen. Nach archäologischen Befun-
den dafür zu suchen, wäre dann spekulativ. Sebastian Brathers Buch geht,
trotz vielerlei differenzierender Bemerkungen im Verlauf der Argumentation,
letztlich diesen Weg.
39
Doch wenn das subjektive Bekenntnis ausschlagge-
bend für die ethnische Identität ist, heißt das nicht, dass diese nur im Kopf
stattfindet. Ethnische Identitäten werden erst durch vielfältige ethnische Pra-
xis wirksam. Das umfasst vor allem die gegenüber Rom und Byzanz neu-
artige Aufrichtung politischer Herrschaft im Namen eines Volkes: regnum
Francorum usw. Aber auch die erstaunliche Homogenität des awarischen
Fundmaterials im 8. Jahrhundert bis hin zu entlegenen dörflichen Siedlun-
gen ist am leichtesten aus ethnischer Integration zu deuten, die Lebensweise
und Kultur in einem politisch einigermaßen stabilen und zunächst außeror-
dentlich vielgestaltigen Herrschaftsraum allmählich vereinheitlichte.
Die methodische Schlussfolgerung aus diesen Überlegungen könnte
lauten: Ethnische Interpretation in der Frühmittelalter-Archäologie bedeu-
tet nicht, möglichst einheitliche ‚Kulturen‘ zu rekonstruieren oder aus den
Schriftquellen abgeleitete Herrschafts- bzw. Siedlungsgebiete mit ethnisch
mehr oder weniger signifikanten Befunden zu füllen. Nach Aussage der
schriftlichen Quellen gab es gleichzeitig unterschiedliche Muster, dieselbe
Zugehörigkeit auszudrücken; solche Binnen-Unterschiede wurden wohl
37
La Rocca, Segni di distinzione (Anm. 13).
38
Walter Pohl, Le identità etniche nei ducati di Spoleto e Benevento. In: I Longobardi dei
ducati di Spoleto e Benevento. Atti del XVI congresso internazionale di studi sull’alto me-
dioevo (Spoleto 2003) 79–103.
39
Brather, Ethnische Interpretationen (Anm. 5).
26 Walter Pohl
auch im Grabbrauch oft durchaus bewusst hervorgehoben. Es gab zudem
Menschen, die in gesteigertem Sinn Franken, Awaren oder Langobarden
waren, ‚mehr‘ dazugehörten als andere, die sich ebenfalls als zugehörig
empfanden. Und oft waren es gerade diejenigen, deren Zugehörigkeit in
Zweifel stand, die besonders deutliche Zeichen ihrer Identität zu setzen
versuchten. Vermutlich entspricht dieses differenzierte Modell ethnischer
Identität dem archäologischen Befund ohnehin besser als die antiquierte
Vorstellung von einheitlicher Tracht und Brauchtum. Aus einem geglieder-
ten Kontinuum lokaler, regionaler und überregionaler Gemeinsamkeiten
und Unterschiede und aus deren Veränderung würde sich dann das Bild der
komplexen ethnischen Landschaft ergeben, die unsere Schriftquellen nach
Völkern zu ordnen versuchen. Die kontrastierende Ergänzung der beiden
Quellengattungen (wo verfügbar, auch der philologischen Befunde) könnte
dann ein Bild der Spannungsverhältnisse ergeben, in denen frühmittelalter-
liche Identitätsbildung ablief.
Die komplexen Prozesse frühmittelalterlicher Identitätsbildung haben
Spuren hinterlassen, auch im archäologischen Befund. Geht man davon
ab, diesen Befund als kulturellen Ausdruck einer weitgehend veränderungs-
resistenten inneren Qualität eines Volkes zu deuten, werden die Ergebnisse
um vieles spezifischer und prekärer. Zugleich wird ethnische Identität aber
als Teil einer umfassenden sozialen Praxis sichtbar, die ebenso auf Distink-
tion wie auf Integration abzielte. Methodisch könnte man eine paradoxe
Beobachtung machen: Wer nur auf Ethnizität achtet, verfehlt sie; wer sie
aus der Betrachtung sozialer Zusammenhänge ausklammert, verfehlt diese
ebenso. Als Historiker kann ich nur hoffen, dass ethnische Prozesse bei al-
ler Vorsicht weiterhin Gegenstand der Archäologie bleiben.
Wie Spanien gotisch wurde 27
Wie Spanien gotisch wurde
Der Historiker und der archäologische Befund
Michael Kulikowski
I.
Die Erforschung der Spätantike in Spanien wurde lange Zeit durch die
teleologische Sicht behindert, wie sie durch den Titel dieses Beitrags illu-
striert wird. Wir wissen, dass Spanien im 7. Jahrhundert von reges Visigotho-
rum regiert wurde und dass Isidor von Sevilla, vielleicht der größte
Schriftsteller des 7. Jahrhunderts, eine Historia Gothorum verfasste, die das
Spanien des 7. Jahrhunderts als den Kulminationspunkt einer Jahrhunderte
zurückreichenden gotischen Geschichte präsentiert.
1
Moderne Gelehrte
folgten Isidors Beispiel und neigten dazu, das 5. und 6. Jahrhundert als die
Grundlegung des Königreichs des 7. Jahrhunderts zu betrachten.
2
Über die
Jahre hat diese Suche nach den Ursprüngen das Verständnis der unmittel-
bar nachantiken Jahrhunderte erheblich beeinträchtigt und damit das Pro-
blem der Retrospektive verschärft, dem sich alle Historiker gegenüber sehen.
1
Die beste Edition der Historia Gothorum ist: Las historias de los Godos, Vandalos, y Suevos
de Isidoro de Sevilla. Estudio, edición crítica y traducción, ed. Cristóbal Rodríguez
Alonso. Collección Fuentes y estudios de historia Leonesa 13 (León 1975), die die kurze
und die lange Version des Textes parallel abdruckt, wobei erstere tatsächlich vielleicht das
Werk des Maximus von Zaragoza ist, wie Roger Collins, Isidore, Maximus and the Historia
Gothorum. In: Historiographie im frühen Mittelalter, hrsg. Anton Scharer/Georg Scheibel-
reiter. Veröffentlichungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 32 (Wien,
München 1994) 354–358, argumentiert. Zu Isidors Sicht der Goten vgl. besonders Su-
zanne Teillet, Des Goths à la nation gothique. Les origines de l’idée de nation en Occident
du V
e
au VII
e
siècle (Paris 1984) 463–502, und allgemein Jacques Fontaine, Isidore de
Séville. Genèse et originalité de la culture hispanique au temps des Wisigoths (Turnhout
2000), eine brilliante retractatio eines Lebenswerks.
2
Vgl. besonders Roger Collins, Early Medieval Spain. Unity in diversity, 400–1200 (New
York
2
1995); ders., Visigothic Spain, 409–711 (Oxford 2004). Erheblich mehr spanische
Bücher, die hier aufzulisten wären, folgen dieser Perspektive, doch ein wohl besonders
repräsentatives Werk ist: Luís A. García Moreno, Historia de España Visigoda (Madrid
1989).
Zwischen Spätantike und Frühmittelalter – RGA-E Band 57 – Seiten 27–43
© 2008 Walter de Gruyter · Berlin · New York
28 Michael Kulikowski
In der Forschung wie im Alltag sind wir, wenn wir nach etwas suchen, oft
davon überzeugt, es gefunden zu haben, ob es nun stimmt oder nicht. Des-
halb soll das 5. Jahrhundert das Königreich des 7. Jahrhunderts vorgeprägt
haben, und Bücher über das westgotische Spanien umfassen gewöhnlich
die Zeit von 409 bis 711 und legen damit nahe, das von den Arabern im
Jahr 711 zerstörte Königreich hätte seinen Ursprung im Jahr 409 gehabt, als
es in Spanien tatsächlich gar keine Goten gab.
3
Es gibt einen besseren Zugang zur Spätantike in Spanien. Statt nach der
Vorgeschichte des gotischen Königreichs zu fragen, sollte man mit dem rö-
mischen Hispanien des 3. und 4. Jahrhunderts beginnen und untersuchen,
wie sich die römischen Provinzen unter dem Eindruck neuer Umstände
veränderten. Der methodische Vorteil dieses Ansatzes ist offensichtlich.
Er erlaubt es, Fragen an die Quellen des 5. und 6. Jahrhunderts zu stellen,
und er stülpt diesen nicht die Perspektive späterer Ereignisse über, die kein
Zeitgenosse vorhersehen konnte. Nachdem ich diesen Ansatz einer Mo-
nographie über das spätantike Spanien zugrunde gelegt habe, meine ich,
dass die gotische Geschichte Spaniens deutlich anders aussehen würde,
wenn man sie von der römischen Vergangenheit her betrachtete.
4
Das
wichtigste Kennzeichen jener römischen Provinz, in der schließlich Goten
siedeln sollten, war ihre Verstädterung. Spanien besaß eine prinzipiell
städtische administrative Struktur seit dem Beginn der Kaiserzeit. Obwohl
Spanien traditionell zusammen mit den anderen westlichen Provinzen in
Britannien und Gallien gesehen wird, ist diese Verknüpfung irreführend.
Die Struktur der römischen Administration in Britannien und Gallien war
im Grunde auf die Stämme und die territorialen Gruppierungen der Zeit
vor Cäsar ausgerichtet.
5
In Spanien war, z. T. mit Ausnahme des abgele-
genen Nordwestens, die Organisation prinzipiell städtisch. Die Admini-
stration war durch städtische Zentren und die von ihnen abhängigen Ter-
ritorien geprägt, und dies ließ Spanien erheblich mehr wie Italien oder
das prokonsularische Afrika erscheinen, als dass es Gallien oder Britan-
nien ähnelte.
Die coloniae und municipia der frühen Kaiserzeit blieben die grundlegen-
den Einheiten der Verwaltung, ihre Territorien die grundlegenden Organi-
3
Edward Arthur Thompson, The Goths in Spain (Oxford 1969), sah z. B. eine gotische Prä-
senz in Spanien kontinuierlich seit 415 bestehen.
4
Michael Kulikowski, Late Roman Spain and its cities (Baltimore 2004). Eine erheblich
kürzere Version einiger dieser Argumente ist verfügbar in: Michael Kulikowski, The late
Roman city in Spain. In: Die spätantike Stadt. Niedergang oder Wandel?, hrsg. Jens-Uwe
Krause/Christian Witschel. Historia-Einzelschriften 190 (Stuttgart 2005) 129–149.
5
Grundlegende Einführungen in: John F. Drinkwater, Roman Gaul (London 1983); Peter
Salway, Roman Britain (Oxford 1981).
Wie Spanien gotisch wurde 29
satoren des Raums, und die Familien ihrer Eliten die grundlegenden Orga-
nisatoren von Macht – sowohl während des späten Imperiums als auch in
den Jahrzehnten danach. Dies blieb selbst nach der großen Reorganisation
des Imperiums so, die Diokletian in den 290er Jahren unternahm. Dieser
Kaiser teilte die großen Provinzen der frühen Kaiserzeit in viel kleinere Ein-
heiten auf und fasste diese neuen kleineren Provinzen in Diözesen zusam-
men, die durch einen zivilen Beamten mit dem Titel vicarius verwaltet wur-
den. Die diokletianische Reform schuf in Spanien sechs Provinzen (Abb. 1),
wo es zuvor nur drei gegeben hatte, und legte darüber eine neue übergrei-
fende Struktur mit einem in Mérida stationierten vicarius. Sie änderte je-
doch nichts an der Bedeutung der Stadt als grundlegender Einheit der Pro-
Abb. 1. Spätantike römische Provinzen auf der Iberischen Halbinsel sowie im Text erwähnte
Gräberfelder des 5./6. Jahrhunderts
30 Michael Kulikowski
vinzialorganisation.
6
Während des gesamten 4. und bis zur Mitte des
5. Jahrhunderts gibt es denselben Befund für die spanischen curiae, die wei-
terhin ihre altehrwürdigen Funktionen ausübten, die sie bereits in der frü-
hen Kaiserzeit innehatten. Diese Feststellungen zu den spanischen Städten
müssen betont werden, weil sie kaum bemerkt werden und weil sie jene
Entwicklung prägten, durch die gotische Könige ihren Einfluss und ihre
Macht in Spanien ausüben konnten.
Wieder und wieder schickten im 5. und 6. Jahrhundert in Gallien ansäs-
sige gotische Könige Heere nach Spanien. Wieder und wieder mussten sie
dieselben Städte erobern. Die massive Invasion unter Theoderich II. hatte
456 kein bleibendes Ergebnis.
7
Abgesehen von einer berühmten, aber ver-
lorenen Inschrift des gotischen dux Salla aus Mérida existiert kein schrift-
licher Beleg für gotische Garnisonen in Spanien nach 458. Jedes gotische
Heer in Spanien war nach diesem Jahr ein aus Gallien entsandtes Expedi-
tionskorps.
8
Danach war es zunächst Eurich, dann Alarich II., die beide
versuchten, Teile Spaniens zu erobern und zu halten. Im Jahr 473 sandte
Eurich den comes Gothorum Gauterit auf die Halbinsel via Pamplona und
Zaragoza. Zur selben Zeit nahm der dux Hispaniarum Vincentius Tarragona
und andere Küstenstädte ein.
9
Die genannten Städte lassen vermuten, dass
Eurich die Provinz der Tarraconensis einzunehmen und zu halten beabsich-
tigte, doch die Erfolge blieben kurzlebig. In den 490er Jahren war es für
Alarich II. notwendig, Angriffe auf genau dieselbe Region zu unterneh-
men, die angeblich von seinem Vater erobert worden war. Unsere Informa-
tionen sind auf die rätselhafte Notiz aus einem consularia-Text beschränkt,
die sich in Randbemerkungen zu den Chroniken des Victor von Tunnuna
6
Zu Details vgl. Kulikowski, Late Roman Spain (Anm. 4) 65–84.
7
Bezeugt bei Hydatius 165–179. Hydatius ist nun nach der folgenden Edition zu zitieren,
die Theodor Mommsens in den Monumenta Germaniae Historica ersetzt: Richard W. Bur-
gess, The chronicle of Hydatius and the Consularia Constantinopolitana. Two contem-
porary accounts of the final years of the Roman Empire (Oxford 1993).
8
Die Inschrift des Salla und des Bischofs Zeno, die nunc tempore potentis Getarum Ervigii
[recte Euricii] regis lautet, wurde zuerst in emendierter Lesung publiziert von José Vives,
Die Inschrift an der Brücke von Merida und der Bischof Zenon. Römische Quartalschrift
für christliche Altertumskunde 46, 1938, 57–61. Sie ist jetzt bequem zugänglich in: José
Luis Ramírez Sádaba/Pedro Mateos Cruz, Catálogo de las inscripciones cristianas de
Mérida. Cuadernos Emeritenses 16 (Mérida 2000) Nr. 10. Aus Gallien nach Spanien ent-
sandte Expeditionstruppen sind belegt bei Hydatius 185, 188, 192, 195–196, 201, 207–208,
239–240, 244. Viele dieser Trupps sind so klein, dass sie kaum als Armeen angesehen wer-
den können.
9
Chronica Gallica a. 511, 78–79; Richard W. Burgess, The Gallic Chronicle of 511. A new
critical edition with a brief introduction. In: Society and culture in late antique Gaul.
Revisiting the sources, ed. Ralph W. Mathisen/Danuta Shanzer (Aldershot 2002) 85–100.
Wie Spanien gotisch wurde 31
und des Johannes von Biclaro erhalten haben. Diese Hinweise lassen ein
Muster von gotischen Einfällen, lokalem Widerstand, lokaler Zusammen-
arbeit und weiterem lokalen Widerstand vermuten.
10
Der Zugriff der goti-
schen Könige auf die Tarraconensis wurde durch die Zerstörung des galli-
schen Königreichs in der Schlacht von Vouillé 507 intensiviert. Aber in den
folgenden Jahrzehnten, zuerst unter Gesalich, dann bis 531 unter Amala-
rich, gibt es keinen Beleg für gotische Kontrolle außerhalb der Tarraconen-
sis. Statt dessen waren Politik und Interessen Amalarichs und seiner ostgo-
tischen Beamten auf Gallien konzentriert.
11
Es gibt keinen Hinweis auf
königlich-gotische Autorität anderenorts auf der Halbinsel. Der Kollaps
der Dynastie Theoderichs und die Ermordung Amalarichs 531 führten zu
einer Situation, in der sich die rivalisierenden Anwärter auf den Königstitel
als so ineffektiv erwiesen, dass nach der Ermordung König Athanagilds –
wahrscheinlich 568 – überhaupt kein spanischer Gote mehr ausfindig ge-
macht werden konnte, der den Königstitel hätte beanspruchen können.
Zur selben Zeit ist der Nachweis gotischer Kontrolle über spanische Ge-
biete im Wesentlichen auf jene Städte beschränkt, in denen die Könige
selbst präsent waren. Der Beweis dafür liegt in den gewaltsamen Anstren-
gungen, die dem neuen König Leovigild abverlangt wurden – einem Adligen
aus der Narbonensis, der 569 Mitregent seines Bruders Liuva wurde.
12
Im
Verlauf eines Jahrzehnts brachte Leovigild ein territoriales Königreich auf
der Iberischen Habinsel zusammen, aber er tat dies, indem er eine Stadt
nach der anderen eroberte. Eine vorläufige Zusammenfassung macht –
wenn wir mit einer Sicht aus der römischen Vergangenheit beginnen und
weniger nach den Ursprüngen des westgotischen 7. Jahrhunderts suchen –
wahrscheinlich, dass es eine beschränkte gotische Anwesenheit gab und
eine sehr unsichere königlich-gotische Kontrolle bis zum Ende des 6. Jahr-
hunderts.
10
Consularia Caesaraugustana 71a, 74a, 75a, 85a, 87a; Victoris Tunnunensis Chronicon
cum reliquiis ex Consularibus Caesaraugustanis et Iohannis Biclarensis Chronicon, ed.
Carmen Cardelle de Hartmann. Corpus Christianorum, Series Latina 173A (Turnhout
2001) 22–27. Diese exzellente neue Edition präsentiert die wichtigen Notizen dieser consu-
laria auf eine Weise, wie sie präsentiert werden sollten – als Annotationen zu den Chroni-
ken von Victor und Johannes von Biclaro und nicht als entleibter und – irreführender-
weise unabhängiger – Text, als der sie in den Monumenta Germaniae Historica erscheinen.
11
Kulikowski, Late Roman Spain (Anm. 4) 257–266.
12
Kulikowski, Late Roman Spain (Anm. 4) 271–286.
32 Michael Kulikowski
II.
Diese Interpretation ergibt sich eindeutig aus der literarischen Überliefe-
rung. Aber kann der Historiker die archäologischen Befunde dazu heranzie-
hen, die gotische Anwesenheit in Spanien genauer zu beschreiben? Lange
Jahre haben Historiker und Archäologen diese Frage zustimmend beantwor-
tet. Der Ansatz, den der große katalanische Gelehrte Ramon d’Abadal i Vi-
nyals in den späten 1950er Jahren zuerst artikulierte, bleibt die Grundlage
allgemeiner Diskussionen über das Problem. D’Abadal ging von zwei rätsel-
haften Passagen in den Consularia Caesaraugustana aus: Goti in Hispanias in-
gressi sunt, was er als Beleg für eine Wanderung las, und Gotthi intra Hispanias
sedes acceperunt, was er als Beleg für eine Ansiedlung ansah.
13
Er fuhr dann
fort, indem er diese Passagen mit archäologischen Funden in Verbindung
brachte, insbesondere mit einigen bekannten Gräberfeldern der Kastilischen
Meseta: Duratón (Segovia), Castiltierra (Segovia), El Carpio de Tajo (Toledo)
und Herrera de Pisuerga (Palencia).
14
Diese Friedhöfe waren seit den frühes-
ten Ausgrabungen in den 1920er Jahren und der internationalen Veröffent-
lichung durch Hans Zeiß in seinen grundlegenden „Grabfunden aus dem spa-
nischen Westgotenreich“, die die westgotischen Gräberfelder Spaniens von
13
Cons. Caesar. 71a, 75a; Ramon d’Abadal i Vinyals, Del Reino de Tolosa al Reino de
Toledo (Madrid 1960), wieder abgedruckt als: L’establiment dels visigots a Hispània. Del
Regne de Tolosa al Regne de Toledo. In: Dels visigots als catalans 1. La Hispània visigòtica
i la Catalunya carolíngia (Barcelona 1969) 27–56. Auch eine moderne Arbeit wie die von
Wolfgang Ebel-Zepezauer, Studien zur Archäologie der Westgoten vom 5.–7. Jh. n. Chr.
Iberia Archaeologica 2 (Mainz 2000) 360, bemüht sich, das älteste archäologische Material
direkt auf das „historische Datum“ der gotischen Einwanderung zu beziehen.
14
Duratón: Antonio Molinero Pérez, La necrópolis visigoda de Duratón (Segovia). Excava-
ciones del Plan Nacional de 1942 y 1943. Acta Arqueológica Hispánica 4 (Madrid 1948);
Gerd G. Koenig, s. v. Duratón. In: Reallexikon der germanischen Altertumskunde
2
6 (Ber-
lin, New York 1985) 284–294; Pablo G. Ciezar, Sériation de la nécropole wisigothique de
Duratón (Ségovie, Espagne). Histoire et Mesure 5, 1990, 107–144 (Karten unvollständig). –
Castiltierra: Joachim Werner, Die Ausgrabung des westgotischen Gräberfeldes von Castil-
tierra (Prov. Segovia) im Jahre 1941. Forschungen und Fortschritte 11–12, 1942, 108–109;
ders., Las excavaciones del Seminario de Historia Primitiva del Hombre en 1941, en el ce-
menterio visigodo de Castiltierra (Segovia). Cuadernos de Historia Primitiva del Hom-
bre 1, 1946, 46–50 (fast kein einziges Grab dieses Gräberfelds ist bislang publiziert). – El
Carpio: Cayetano de Mergelina, La necrópolis de Carpio de Tajo. Notas sobre ajuar en se-
pulturas visigodas. Boletín del Seminario de Estudios de Arte y Arqueología (Valladolid)
15, 1949, 145–154; Gisela Ripoll, La necrópolis visigoda de El Carpio de Tajo (Toledo). Ex-
cavaciones Arqueológicas en España 142 (Madrid 1985); dies., La necrópolis visigoda de
El Carpio de Tajo. Una nueva lectura a partir de la topochronología y los adornos perso-
nales. Butlletí de la Reial Académia Catalana de Belles Arts de Sant Jordi 7–8, 1993–1994,
187–250. – Herrera de Pisuerga: Julio Martínez Santa-Olalla, Excavaciones en la necrópo-
lis visigoda de Herrera de Pisuerga (Palencia). Memoria (Madrid 1933).
Wie Spanien gotisch wurde 33
den römischen zu trennen versuchten
15
, als archetypisch westgotisch angese-
hen worden. D’Abadal interpretierte die Bemerkungen in den Consularia als
Beleg für die Zuwanderung und Ansiedlung einer umfänglichen Bevölke-
rung aus freien westgotischen Kriegern, deren Existenz durch die Friedhöfe
in der Meseta eindeutig bewiesen sei. Obwohl seit d’Abadal viele Jahrzehnte
gelehrter Forschung kamen und gingen, haben seine Grundannahmen so-
wohl hinsichtlich der historischen wie der archäologischen Quellen stets die
Interpretationen bestimmt. Niemand hat bezweifelt, dass westgotische Zu-
wanderung und Ansiedlung sowohl historisch als auch archäologisch aus-
drücklich bestätigt sind. Einerseits ist da die methodologische Frage nach
dem Verhältnis von Sachkultur und Ethnizität. Andererseits sind da die
Schwachstellen der Texte, die viel tiefer gehen, als Gelehrte, die über andere
Regionen des frühmittelalterlichen Europa arbeiten, sich vorstellen mögen.
Obwohl einige neuere Studien die eine oder die andere der beiden Schwä-
chen thematisiert haben, hat dennoch keine beide Probleme auf zufrieden
stellende Weise behandelt. Beginnen wir mit der methodologischen Frage.
Die Schwierigkeit, ob und wie Sachkultur Ethnizität reflektiert, ist in der
Archäologie des frühen Mittelalters allgegenwärtig. Es wurde lange und wird
oft noch heute vorausgesetzt, dass bestimmte Formen von Artefakten west-
gotisch seien, andere ostgotisch, und dass überall dort, wo diese Fibeln zu
finden sind, Westgoten und Ostgoten zu lokalisieren seien. Dieser Ansatz
entstammt Gustaf Kossinnas „Siedlungsarchäologie“, wie sie von Vere Gor-
don Childe im Englischen modifiziert und popularisiert wurde und die Hans
Zeiß und seine Nachfolger viel differenzierter handhabten. Sicherlich würde
kein heutiger Archäologe zugestehen, dass noch irgendjemand Archäologie
in dieser Weise betriebe, aber es scheint, als ob die Vehemenz, mit der Kos-
sinna zurückgewiesen wird, in direktem Verhältnis zur unbewussten Akzep-
tanz seiner Ideen zunimmt. Tatsächlich ist die ethnische Interpretation
von Artefakten in archäologischen Studien zu den Barbaren allgegenwärtig.
16
15
Hans Zeiß, Die Grabfunde aus dem spanischen Westgotenreich. Germanische Denkmäler
der Völkerwanderungszeit 2 (Berlin, Leipzig 1934).
16
Volker Bierbrauer, Archäologie und Geschichte der Goten vom 1.–7. Jahrhundert. Früh-
mittelalterliche Studien 28, 1994, 51–171, hier 53, spricht sogar von der „Ethnogenese der
Wielbark-Kultur“ und setzt dabei voraus, dass eine archäologisch feststellbare, durch ver-
schiedene Elemente der Sachkultur bestimmte Kultur als ethnische Gruppe zu betrachten
wäre. Ebel-Zepezauer, Archäologie der Westgoten (Anm. 13) 158 und öfter, setzt – obwohl
exzellent in anderer Hinsicht – voraus, dass Grabbeigaben und „Trachtbestandteile“ selbst-
verständlich ein gotisches ethnos identifizieren. Ebenso jetzt Christoph Eger, Westgotische
Gräberfelder auf der Iberischen Halbinsel als historische Quelle. Probleme der ethnischen
Deutung. In: Cum grano salis. Beiträge zur europäischen Vor- und Frühgeschichte. Fest-
schrift Volker Bierbrauer, hrsg. Bernd Päffgen/Ernst Pohl/Michael Schmauder (Friedberg
2005) 165–181.
34 Michael Kulikowski
Man kann z. B. nicht sieben Jahrhunderte gotischer Geschichte mit archäo-
logischen Argumenten verbinden – wie dies ein geschätzter Artikel in den
Frühmittelalterlichen Studien tut –, ohne vorauszusetzen, dass bestimmte
Artefakte spezifisch gotisch sind und es erlauben, Goten von den Küsten
der Ostsee bis zur kastilischen Meseta zu verfolgen.
17
Ebenso wenig kann
man behaupten, dass unterschiedliche Grabbeigaben auf einem einzelnen
Friedhof verschiedene und unterscheidbare ethnische Gruppen festzustel-
len erlauben, wenn man nicht glaubt, dass einige Ornamente an sich go-
tisch und andere an sich römisch sind und so die automatische Feststellung
der Ethnizität ihrer Träger gestatten.
18
Ja, wie eine neuere Studie mit großer theoretischer Deutlichkeit darge-
legt hat – die in frühmittelalterlichen Gräbern beigegebenen Artefakte sind
nur sehr selten gute Indikatoren für Ethnizität.
19
Die Grabbeigaben erzäh-
len viel mehr über vertikale soziale Beziehungen – zwischen unterschied-
lichen Ebenen von Status innerhalb einer Gesellschaft – als über horizontale
Beziehungen zwischen ethnischen oder Sprachgruppen mit verschiedener
Identität. Während es also relativ einfach ist, vertikale Distinktionen inner-
halb eines archäologischen Befundes zu charakterisieren, stellt die Defi-
nition von Befunden im Kontrast zu anderen einen davon sehr verschie-
denen und künstlichen Prozess dar. Er bringt die Auswahl einiger
Kennzeichen – z. B. waffenlose Bestattungen und einzelne Fibelformen –
mit sich und hält sie, einzeln oder in Kombination, für ausschlaggebend
für eine archäologische Kultur.
20
Auch wenn die Auswahl der eine archäo-
17
Bierbrauer, Archäologie und Geschichte (Anm. 16).
18
Unter diesen Annahmen sind Bierbrauers zahlreiche Schriften besonders eindeutig und ver-
einfachend, und dennoch finden sie sich überall in der Literatur und nicht allein der
deutschsprachigen, wie Peter J. Heather, The Goths (Oxford 1996), bezeugt. In spanischem
Zusammenhang beruhen alle Arbeiten Gisela Ripolls auf dieser Voraussetzung, wofür El
Carpio de Tajo als Beispiel dienen mag, denn dieses Gräberfeld betrachtet sie als gemischte
Gemeinschaft von Goten und Römern. Die jüngsten Beispiele für diesen Ansatz leiten sich
ab von Wolfgang Hübener, Zur Chronologie der westgotenzeitlichen Grabfunde in Spa-
nien. Madrider Mitteilungen 11, 1970, 187–211; ders., Problemas de las necrópolis visigodas
españolas desde el punto de vista centroeuropeo. Miscelánea Arqueológica 1, 1974,
361–378, der stets von der Westgotenzeit sprach, aber nach einer ethnischen Unterschei-
dung der Westgoten selbst suchte. Dieser Ansatz erreicht seine weiteste Fortsetzung bei
Gerd G. Koenig, Archäologische Zeugnisse westgotischer Präsenz im 5. Jahrhundert. Ma-
drider Mitteilungen 21, 1980, 220–247. Für Details vgl. das Kapitel „Forschungsgeschichte“
bei Barbara Sasse, ‚Westgotische‘ Gräberfelder auf der Iberischen Halbinsel am Beispiel der
Funde aus El Carpio de Tajo (Torrijos, Toledo). Madrider Beiträge 26 (Mainz 2000) 131–144.
19
Sebastian Brather, Ethnische Interpretationen in der frühgeschichtlichen Archäologie. Ge-
schichte, Grundlagen und Alternativen. Reallexikon der germanischen Altertumskunde,
Ergänzungsband 42 (Berlin, New York 2004).
20
Sasse, ‚Westgotische‘ Gräberfelder (Anm. 18) 150, mit hilfreichen Kommentaren zu dem
gelehrten Dogma, „waffenlose“ Bestattungen seien stets und überall gotisch.
Wie Spanien gotisch wurde 35
logische Kultur definierenden Charakteristika erfolgreich Merkmale iso-
liert, die tatsächlich nicht besonders weit verbreitet sind, so begegnen wir
doch der Annahme, dass die von uns ausgewählten Charakteristika diesel-
ben seien, die die Zeitgenossen als in gewisser Weise Identität oder Alterität
ausdrückend betrachteten. Diese Annahme darf niemals allein auf archäo-
logischen Begriffen beruhen – wir brauchen eine menschliche Stimme aus
der Vergangenheit, um ein Gefühl von Identität vermittelt zu bekommen.
Anderenfalls riskieren wir, ein abstraktes Ensemble von materiellen Merk-
malen, die wir selbst ausgewählt haben, auf eine historisch real vorhandene
Gruppe von Menschen zu projizieren, der wir dann eine kollektive Identi-
tät zuschreiben oder gemeinsame Handlungen attestieren.
21
Die Gefahr
dieses Ansatzes wird noch deutlich vergrößert, wenn wir aus literarischen
Quellen entnommene Namen und Identitäten auf diese Ensembles mate-
rieller Merkmale übertragen, die wir selbst ausgewählt haben.
Diese beiden methodischen Fallstricke kennzeichnen die Diskussion
darüber, wie Spanien gotisch wurde. Die sehr spärlichen literarischen Quel-
len über gotische Einfälle in die Halbinsel werden mit den Befunden aus
den Meseta-Gräberfeldern kombiniert, die als westgotisch gelten, weil die
in ihnen gefundenen Kleidungsbestandteile als typisch gotisch definiert
werden.
22
Seitdem diese Verbindung feststeht, kann die Verbreitung von
Artefakten, die in den Meseta-Gräberfeldern gefunden werden, in ganz
Spanien dazu herangezogen werden, die Ausbreitung der westgotischen Be-
völkerung aus der Meseta heraus und in andere Provinzen zu verfolgen.
23
Nur eine Studie – der wichtige status questionis von Wolfgang Ebel-Zepe-
zauer – hat eine gemischte Argumentation mit Hilfe archäologischer und
historischer Quellen sorgfältig vermieden und beide absichtlich isoliert be-
trachtet, bevor sie zur Überlagerung gebracht wurden. Unglücklicherweise
setzt dieselbe Untersuchung ohne weitere Begründung voraus, dass die Me-
seta-Gräberfelder einer gotischen Bevölkerung zuzuschreiben sind, weil die
aus ihnen stammenden Artefakte charakteristisch für eine gotische Ethni-
zität seien.
24
21
Sebastian Brather, Ethnic identities as constructions of archaeology. The case of the Ala-
manni. In: On Barbarian identity. Critical approaches to ethnicity in the early middle
ages, ed. Andrew Gillett. Studies in the early middle ages 4 (Turnhout 2002) 149–176, hier
100: „Archaeological cultures are not realities. They are classifications.“
22
Z. B. Martín Almagro Basch, La necrópolis hispano-visigoda de Segóbriga, Saelices
(Cuenca). Excavaciones arqueológicas en España 84 (Madrid 1973); Francisco Ardanaz
Arranz, La necrópolis visigoda de Cacera de las Ranas (Aranjuez, Madrid). Arqueología,
paleontología y etnografía 7 (Madrid 2000).
23
Vgl. die in den vorangehenden Anmerkungen aufgeführten Arbeiten von Hübener, Koe-
nig und Ripoll.
24
Ebel-Zepezauer, Archäologie der Westgoten (Anm. 13).
36 Michael Kulikowski
Diese Annahme lässt sich nicht a priori voraussetzen. Lassen wir jene
Fragen beiseite, die Kunsthistoriker zu den stilistischen Vorläufern einiger
angeblich „westgotischer“ Fibeln gestellt haben.
25
Wir entbehren, und das
ist von größerer Bedeutung, der menschlichen Stimme, die es uns erlauben
würde, der Sachkultur eine ethnische Interpretation zuzubilligen. Für das
Spanien des 5. und 6. Jahrhunderts besitzen wir nicht die Vielfalt einander
überlagernder Belege, die wir für die untere Donau und das nordwestliche
Schwarzmeergebiet im 4. Jahrhundert haben. Dort kann man eine mehr
oder weniger kohärente archäologische Kultur in einer Region definieren,
in der – wie zahlreiche, voneinander unabhängige literarische Quellen be-
richten – Goten lebten.
26
Wir können deshalb recht sicher sein, dass Goten
politisch dominierende Teilhaber jener archäologischen Kultur waren, die
wir Sântana-de-Mures¸-C
ˇ
ernjachov-Kultur nennen. Eine vergleichbare Si-
cherheit ist in Spanien nicht zu erreichen. Die Meseta-Gräberfelder begin-
nen nach allgemeiner Auffassung im späten 5. oder frühen 6. Jahrhundert.
Nicht der Hauch eines historischen Belegs lässt vermuten, dass zu dieser
Zeit Goten in der Meseta präsent waren – außer den Gräberfeldern selbst;
aber diese als Beleg für eine gotische Präsenz zu akzeptieren, ist das, was
erst zu zeigen wäre.
III.
Dieser methodologische Mangel ist bezeichnend, aber die Schwierigkeiten
mit dem archäologischen Nachweis von Goten in Spanien reichen weiter.
Die Quellengrundlage, mit der wir beginnen müssen, ist erstaunlich unsi-
cher – weit mehr, als es für den Großteil Frankreichs, für Deutschland oder
Mitteleuropa der Fall ist. Keiner der paradigmatischen spanischen Fund-
plätze wurde mit modernen Methoden ausgegraben, und keine Ausgra-
bung ist vollständig publiziert worden. Die meisten unserer topographi-
schen Informationen müssen Vorberichten entnommen werden, die keine
oder fehlerhafte Pläne enthalten, die die Funde nur lückenhaft präsentie-
ren, und die es oft unmöglich machen, Grabbeigaben und bestimmte Grä-
ber zueinander in Beziehung zu setzen.
27
Noch schlimmer – mit den zur
25
Sasse, ‚Westgotische‘ Gräberfelder (Anm. 18) 151–152, mit Nachweisen.
26
Die Legitimität des Prozesses detailliert in: Michael Kulikowski, Rome’s Gothic Wars
from the third century to Alaric (Cambridge 2006), Kap. 3.
27
Das vor kurzem ausgegrabene Gräberfeld von Cacera de las Ranas im Süden der Comu-
nidad de Madrid ist ausführlich publiziert worden durch Ardanaz, Necrópolis visigoda
(Anm. 22), doch seine problematische Chronologie stützt sich auf die von Ripoll, Necró-
polis visigoda de El Carpio de Tajo (1985; 1993–1994; Anm. 14) entwickelte und in dies.,
Wie Spanien gotisch wurde 37
Verfügung stehenden Informationen ist es fast unmöglich herauszufinden,
ob irgendein bestimmtes Fundensemble einen „geschlossenen Fund“ dar-
stellt. Es wird oft behauptet, viele Funde aus Duratón, Madrona und El
Carpio de Tajo stammten aus gesicherten Kontexten. Aber in Duratón sind
nur 291 der etwa 666 Gräber mit vollständigen Inventaren publiziert und
auf einem Gräberfeldplan kartiert. Für Madrona und El Carpio de Tajo,
beide mit jeweils etwa 300 ausgegrabenen Gräbern, belegt kein Bericht,
dass es sich um geschlossene Funde handelt – dem Leser wird lediglich ver-
sichert, dies sei der Fall. Neuere Studien zu El Carpio de Tajo stützen sich
weithin auf archivalische Unterlagen der 1940er Jahre, und selbst die sehr
vertrauenswürdigen – und vollkommen inkompatiblen – Interpretationen
dieses Gräberfelds, die Gisela Ripoll und Barbara Sasse publiziert haben,
räumen ein, dass einige Funde von diesem Platz nicht mehr mit jenen Grä-
bern in Verbindung gebracht werden können, aus denen sie tatsächlich
stammen.
28
Selbst wenn man die publizierten Fundberichte über spanische
Gräberfelder beim Wort nimmt, kann man mit Ebel-Zepezauer nur 102 ver-
mutlich geschlossene Kontexte ausmachen – unter mehr als 1000 auf der
Halbinsel bekannt gewordenen und in die Zeit zwischen 450 und 711 da-
tierten Gräbern.
29
Ebenso wichtig ist, dass für die wichtigsten Gräberfelder
in Spanien keine verlässliche Gräbertypologie vorliegt.
30
Es ist unmöglich
zu sagen, wer in Gräbern bestattet wurde, die direkt in Sandstein gehauen
sind, wer in Särgen und wer mit größerem Aufwand beerdigt wurde. Dies
schränkt jeden möglichen Einblick in Familienstrukturen und Bestattungs-
rituale auf den Gräberfeldern ein, auch wenn es ihn nicht unmöglich
macht. Untersuchungen an gallischen Verhältnissen haben gezeigt, wie viel
Toréutica de la Betica (siglos VI y VII d. C.). Reial Acadèmia de Bones Lletres, Series
maior 4 (Barcelona 1998), perfektionierte Typologie, deren Grundlage in den 1920er und
1930er Jahren unsachgemäß ausgegrabene Gräberfelder bilden.
28
Ein Plan ist den 21 Tafeln in der kurzen Originalpublikation von de Mergelina, Necrópolis
de Carpio de Tajo (Anm. 14), über die Ausgrabung El Carpios im Jahre 1924 nicht beige-
geben. De Mergelinas Plan ist von Ripoll, Necrópolis visigoda de El Carpio de Tajo (1985;
Anm. 14), nach archivalischen Materialien veröffentlicht worden. Zur Geschichte der Aus-
grabung vgl. Sasse, ‚Westgotische‘ Gräberfelder (Anm. 18) 2–4. Antonel Jepure, La necró-
polis de época visigoda de Espirdo-Veladiez. Fondos del Museo de Segovia. Estudios y ca-
tálogos 13 (Segovia 2004), hat auf hervorragende Weise die Funde von Espirdo-Veladiez
und so viel, wie aus 50 Jahre zurückliegenden Ausgrabungen noch zu rekonstruieren ist,
veröffentlicht; ein ähnliches Unternehmen für die wichtigeren Meseta-Gräberfelder wäre
überaus willkommen.
29
Ebel-Zepezauer, Archäologie der Westgoten (Anm. 13) 94, 319 Liste.
30
El Carpio muss als zu dieser Gruppe gehörend angesehen werden. Sasse, ‚Westgotische‘
Gräberfelder (Anm. 18), ist – unbeabsichtigt – eindeutiger im Hinblick auf Form und
Struktur des Gräberfelds als Ripoll in ihren zahlreichen Studien.
38 Michael Kulikowski
aus Befunden sehr unterschiedlicher Qualität herausgelesen werden kann.
31
Größtenteils ist man jedoch darauf angewiesen, Kleidungsbestandteile als
wesentliche Grundlage der Interpretation zu benutzen. Diese Tatsache wie-
derum verweist auf einen weiteren Aspekt der problematischen Beweis-
grundlage, dem nur selten genügend Gewicht beigemessen wird. Kaum ein
Viertel der Bestattungen auf den anscheinend gotischen Gräberfeldern ent-
halten überhaupt Grabbeigaben. In El Carpio de Tajo waren ganze 195 der
insgesamt 285 Gräber – also fast 70% – beigabenlos.
32
Während bereits die
Kombination von Gräbern mit Beigaben einerseits und solchen ohne Aus-
stattung andererseits selbst der Erklärung bedarf, zeigen die prozentualen
Anteile beider Gruppen von Gräbern, dass man sich auch nicht so sicher
darin sein sollte, Grabbeigaben als jenen „Normalfall“ anzusehen, von dem
die Analyse ausgehen kann.
Schließlich ist da noch die Chronologie. Ripolls Typologie der Klei-
dungsbestandteile von den Meseta-Gräberfeldern scheint recht verlässlich
zu sein, und ihre Chronologie stimmt in den meisten Grundzügen mit
konkurrierenden Typologien überein.
33
Doch die absolute Chronologie ist
demgegenüber überhaupt nicht gesichert. Die paradigmatischen Meseta-
Gräberfelder wurden vor dem Aufstieg der modernen Archäologie ausge-
graben, und dies bedeutet, dass sowohl horizontale als auch vertikale Stra-
tigraphien nicht existieren. Die Sammlung aus der Baetica, die Ripoll zur
Verfeinerung ihrer Typologie für die Meseta heranzog, stammt aus dem
Antikenhandel und entbehrt sämtlicher Kontextinformationen.
34
Kein ein-
ziger Fixpunkt – eine Münze oder Scherben aus einem gesicherten strati-
graphischen Zusammenhang – existiert, um die niveles oder „Stufen“ von
Gisela Ripolls Typologie zu datieren.
35
Komparative Datierungen mit Hilfe
merowingerzeitlicher Kontexte oder danubischer Gräberfelder sind nicht
mit ausreichender Stringenz unternommen worden, um in sie Vertrauen
31
Guy Halsall, Settlement and social organization. The Merovingian region of Metz (Cam-
bridge 1995).
32
In El Carpio enthielten lediglich 90 von 285 ausgegrabenen Gräbern Beigaben; Ripoll,
Necrópolis visigoda de El Carpio de Tajo (1993–1994; Anm. 14). Nur vier Gräber (45, 73,
160 und 201) besaßen Grabbeigaben neben und über die Kleidung hinaus, in der die Toten
bestattet worden waren. Hübener, Problemas de las necrópolis visigodas (Anm. 18) 365,
war sich des Defizits bewusst und erkannte, dass darin erhebliche Interpretationsprobleme
begründet liegen.
33
Die Typologien bei Sasse, ‚Westgotische‘ Gräberfelder (Anm. 18), und Bierbrauer, Archäo-
logie und Geschichte (Anm. 16), letztere nicht vollständig, unterscheiden sich in Details,
aber nicht grundsätzlich von derjenigen Ripolls.
34
Ripoll, Toréutica (Anm. 27).
35
Beispielsweise enthielten nur zwei Bestattungen von El Carpio Münzen, in beiden Fällen
chronologisch „langlebige“ Typen.
Wie Spanien gotisch wurde 39
setzen zu können.
36
Im Ergebnis sind die den spanischen „Stufen“ zuge-
schriebenen absoluten Daten den literarischen Quellen entnommen wor-
den, wobei historisch bedeutende Jahre wie 456, 507, 589 usw. als Über-
gangsmarken für die Typologie der Verzierungen angesehen werden.
37
Es
gibt natürlich Situationen, in denen historische Ereignisse tatsächlich dra-
matische und rasche stilistische Veränderungen bewirken – römische Frisu-
ren der Kaiserzeit kommen einem gleich in den Sinn –, aber vorauszusetzen,
dass politisch signifikante Daten wie 507 oder 589 automatisch einen Wen-
depunkt in der Sachkultur markieren, ist methodologisch unbegründet.
38
Keine dieser potentiellen Schwierigkeiten ist trivial, und sie illustrieren
eine Situation, die in meinen Augen bei jeder sich bietenden Gelegenheit
in Erinnerung gerufen werden muss: es gibt eine Menge Dinge, die wir mit
dem spanischen Material beim jetzigen Stand der Forschung einfach nicht
unternehmen können. Wir können beispielsweise nicht distinkte Bereiche
der Sachkultur kartieren und annehmen, daraus historisch verlässliche In-
formationen abzuleiten, wie es Florin Curta für den frühbyzantinischen
Donauraum oder Frank Siegmund für die Alemannia tun konnten.
39
Ob
man den ethnischen Interpretationen Curtas und Siegmunds, die sie aus
ihrem Material ziehen, folgt oder nicht – und viele mögen es nicht tun –,
ihre Datengrundlage ist zumindest für jene Fragen ausreichend, die beide
daran stellen. Dies trifft für jeden Teil Spaniens zu jeder Zeit zwischen dem
4. und dem 7. Jahrhundert nicht zu. Auch nur ein Stück des Beweises zu
verändern, kann das gesamte Interpretationsgebäude zum Einsturz brin-
gen. Man stelle sich nur einmal vor, dass z. B. die absolute Chronologie
der an den Objekten aus den Meseta-Gräberfeldern angebrachten Orna-
mente tatsächlich zwanzig Jahre früher anzusetzen wäre, als gemeinhin an-
genommen wird. Oder zwanzig Jahre später. Wie sehr würde dies unsere
Vorstellungen von der westgotischen Geschichte der Halbinsel verändern?
Wäre man dann immer noch bereit, die Gräberfelder mit einer gotischen
Eroberung zu verbinden? Oder man stelle sich vor, wir würden unsere Auf-
36
Sasse, ‚Westgotische‘ Gräberfelder (Anm. 18), versucht, „gut datierte“ mitteleuropäische
Parallelen zur Datierung der spanischen Beispiele heranzuziehen, aber es ist überhaupt
nicht klar, dass Ähnlichkeiten über derart große Entfernungen brauchbar sind.
37
Ebel-Zepezauer, Archäologie der Westgoten (Anm. 13) 9, liegt völlig richtig, wenn er be-
tont, dass die Kombination archäologischer und literarischer Quellen in diesem Zusam-
menhang nur zur Vervielfachung der Fehler führen kann.
38
Sasse, ‚Westgotische‘ Gräberfelder (Anm. 18), erkennt dies und weist deshalb Ripolls auf
dieser Grundlage beruhende Chronologie zurück.
39
Florin Curta, The making of the Slavs. History and archaelogy of the Lower Danube Re-
gion, c. 500–700. Cambridge studies in medieval life and thought 4,52 (Cambridge 2001);
Frank Siegmund, Alemannen und Franken. Reallexikon der Germanischen Altertums-
kunde, Ergänzungsband 23 (Berlin, New York 2000).
40 Michael Kulikowski
merksamkeit nicht auf Fibeln und Gürtelschnallen, sondern auf andere Ge-
genstände konzentrieren. In der Meseta enthält eine überraschend große
Zahl von Bestattungen mit Grabbeigaben jeweils ein bestimmtes kleines
Messer, das mit einheimischen Grabausstattungen assoziiert ist, die man
aus den so genannten Duero-Nekropolen des 4. Jahrhunderts kennt.
40
Be-
einträchtigt diese Tatsache die Annahme einer offensichtlich westgotischen
Ethnizität in El Carpio und den anderen Meseta-Gräberfeldern nicht eher?
Kann sie nicht ebenso Kontinuität und Entwicklung aus den einheimi-
schen Meseta-Bevölkerungen bedeuten? Zumindest ist nun deutlich gewor-
den, dass man sich bei der Hypothesenbildung auf die verfügbaren Parame-
ter beschränken sollte.
IV.
Da sich ein Großteil dieses Beitrags mit den Unzulänglichkeiten unserer
Daten und den mit ihrer Analyse verbundenen Problemen beschäftigt hat,
ist es angebracht, auf den verbleibenden Seiten etwas mehr als nur eine
bloß negative Schlussfolgerung zu bieten. Ich beginne mit einer Feststel-
lung, die auf den vorangehenden Seiten oft in Zweifel gezogen worden ist:
eine ethnische Interpretation der Meseta-Gräberfelder ist tatsächlich nicht
unmöglich, zumindest wenn sie auf einem genügend hohen Niveau der
Generalisierung stattfindet.
41
Man kann unmöglich leugnen, dass einige
Gräber auf Gräberfeldern wie Duratón oder El Carpio ornamentale For-
men enthalten, die sich von jenen deutlich unterscheiden, die in den mei-
sten Teilen des spätantiken Spaniens verbreitet waren. Zumindest ein paar
Leute, die auf den Meseta-Gräberfeldern bestattet wurden, bevorzugten
eine Mode, die sich auffällig von der zeitlich vorangehenden Norm unter-
schied. Aufgrund dessen und wenn sich zeigen lässt, dass die vorgeschlage-
nen Datierungen für diese ornamentalen Formen prinzipiell zutreffen,
dann erscheint es logisch, diese Meseta-Gräberfelder einer Bevölkerung zu-
zuschreiben, die sich von der spanischen Norm unterschied. Da wir aus
literarischen Quellen wissen, dass Goten genannte Fremde während des 5.
und 6. Jahrhunderts tatsächlich in Spanien siedelten, könnten wir gut an-
40
Ángel Fuentes Domínguez, La necrópolis tardorromana de Albalate de las Nogueras
(Cuenca) y el problema de las denominadas „necrópolis del Duero“. Serie arqueología
conquense 10 (Cuenca 1989); Parallelen zur folgenden Periode benennt Ardanaz, Necró-
polis visigoda (Anm. 22).
41
Der Versuch, „mediterrane“ und „germanische“ Knochen zu unterscheiden, ist nicht hilf-
reich; pace Ardanaz, Necrópolis visigoda (Anm. 22) 288.
Wie Spanien gotisch wurde 41
nehmen, die in den Meseta-Gräberfeldern bestatteten Leute würden diese
gotischen Zuwanderer repräsentieren.
Aber auch eine so minimalistische Deutung des Falls bereitet große
Probleme. Es bleiben die Unsicherheiten der Chronologie, die keine
Sicherheit gestatten, und es ist daran zu erinnern, dass das westgotische Kö-
nigreich des 5. Jahrhunderts in Südgallien bekanntermaßen archäologisch
unsichtbar ist.
42
Weshalb die Bestattung mit Grabbeigaben und Kleidungs-
bestandteilen, die im gotischen Gallien unbekannt war, plötzlich unter den
Goten in der Meseta aufkam, ist eine Frage, die im Rahmen des herrschen-
den interpretativen Paradigmas von Ethnizität bislang niemand zufrieden
stellend beantwortet hat – eine einfache Zuwanderung aus Gallien scheitert
am Fehlen ähnlicher Kleidungsbestandteile in der Herkunftsregion, wäh-
rend kein Versuch, die Meseta-Gräberfelder als Produkt balkanischer oder
danubischer Goten anzusehen, irgendeinen Beleg zu seiner eigenen Bekräf-
tigung erbrachte.
43
Es ist tatsächlich wahrscheinlich, dass man die Meseta-
Gräberfelder einfach als indigene Entwicklung innerhalb der lokalen
Bevölkerung Zentralspaniens ansehen könnte, wenn nicht das Paradigma
einer ethnischen Deutung so tief verwurzelt wäre. Nachdem eine sehr plau-
sible Alternative zur ethnischen Interpretation der gallischen Reihengräber-
Zivilisation vorgeschlagen und wohl weithin akzeptiert worden ist
44
, dürfte
ein äquivalenter Ansatz für Spanien sehr wahrscheinlich sein.
45
Das späte 5. Jahrhundert war eine Zeit großen politischen Stress’ auf der
Iberischen Halbinsel. Die Superstruktur der Regierung, die die städtischen
42
Edward James, The Merovingian archaeology of South-West Gaul. British Archaeological
Reports, International Series 22 (Oxford 1977).
43
Koenig, Archäologische Zeugnisse (Anm. 18); Patrick Périn, L’armée de Vidimer et la ques-
tion des dépôts funéraires chez les Wisigoths en Gaule et en Espagne (V
e
–VI
e
siècles). In:
L’armée romaine et les barbares du III
e
au VII
e
siècle, ed. Françoise Vallet/Michel Kazanski
(Paris 1993) 411–423; Andreas Schwarcz, The Visigothic settlement in Aquitania. Chrono-
logy and archaeology. In: Late antique Gaul (Anm. 9) 15–25; dagegen Ebel-Zepezauer,
Archäologie der Westgoten (Anm. 13) 168. Sasse, ‚Westgotische‘ Gräberfelder (Anm. 18)
161–163, akzeptiert die Vorstellung einer mode danubienne in den Meseta-Gräberfeldern,
rechnet sie jedoch Söldnern zu, vielleicht diejenigen Eurichs, deren Ursprünge im nord-
gallischen Königreich des Syagrius lagen. Diese These ist eine nicht erforderliche Inter-
polation von Michel Kazanski, Les barbares orientaux et la défense de la Gaule aux IV
e
–V
e
siécles. In: L’armée romaine (wie oben) 175–186.
44
Guy Halsall, The origins of the Reihengräberzivilisation. Fourty years on. In: Fifth-cen-
tury Gaul. A crisis of identity?, ed. John F. Drinkwater/Hugh Elton (Cambridge 1992)
196–207.
45
Wie in einem bislang unpublizierten Beitrag vorgeschlagen von Guy Halsall, Death and
identity on the periphery? The so-called Visigothic cemetery revisited (vorgetragen auf
dem International Medieval Congress, Leeds 2001), dem meine Argumentation hier viel
verdankt.
42 Michael Kulikowski
territoria und die Provinzregierung sowie die Provinzregierung und das im-
periale Zentrum verbunden hatte, löste sich auf – gewaltsam in einigen
Bereichen der Halbinsel, unmerklich in anderen.
46
Kein Versuch, auf der-
selben Ebene zu regieren, war erfolgreich. Das Gravitationszentrum der
sozusagen westgotischen königlichen Verwaltung lag in der küstennahen
Tarraconensis und entlang der Route durch die Pyrenäen, die in Zaragoza
endete. Im größten Teil der übrigen Halbinsel fiel die Macht an die lokale
Aristokratie zurück, die entweder kirchlich oder senatorisch war, und in
weiten Teilen Spaniens war die Stadt das höchste Niveau, auf dem eine Ver-
waltung funktionierte. Die Gebiete der Meseta, in denen sich die als west-
gotisch angesehenen Gräberfelder konzentrierten, lagen an der Peripherie
solcher Kontrolle und Autorität, wie es sich für die Halbinsel vor der Mitte
des 6. Jahrhunderts belegen lässt. Vor diesem Hintergrund scheint es gut
möglich zu sein, das plötzliche Auftauchen neuer Bestattungsformen mit
einer Bevölkerung in peripheren Regionen zu verbinden, die neue Formen
der Statusdemonstration entdeckte, als sie sich relativ plötzlich von den
benachbarten Quellen der politischen Macht isoliert sah – sei sie nun hi-
spano-römisch oder gotisch. Manche der Verzierungselemente, die in die-
sem neuen Stil gefertigt waren, entstammen offenbar barbarischen und mi-
litärischen Vorbildern. Barbarische Soldaten waren in Spanien während des
gesamten 5. Jahrhunderts aktiv, und es bedurfte nur einer passenden
Situation, dass barbarische, an militärische Macht erinnernde Stile an das
ornamentale Vokabular einer sich neu formierenden Bevölkerung ange-
passt wurden und sich nicht mehr auf ein größeres römisches Reich bezo-
gen. Eine ornamentale oder stilistische Einbindung in einen einheimischen
Kontext hat genauso viel Sinn wie jede allgemein ethnische Interpretation,
und sie hilft dabei, die Parallelen zu den einheimischen Bestattungsformen
des Duero-Typs des 4. Jahrhunderts zu verstehen.
47
Wenn die Meseta-Gräberfelder des 6. Jahrhunderts keine zweifelsfreien
Belege für Goten auf der Halbinsel darstellen, wie verhält es sich dann mit
meiner Eingangsfrage – wie wurde Spanien gotisch? Wie jede andere Trans-
formation der Art, ein Land zu regieren, war der Prozess, in dem Spanien
gotisch wurde, ein politischer. Die Archäologie kann nicht dazu benutzt
werden, in dieser Hinsicht die begrenzten Informationen der schriftlichen
Quellen zu ergänzen oder zu erweitern. Es wäre vorschnell, die Möglich-
keit einer ethnischen Interpretation der Meseta-Gräberfelder auszuschlie-
ßen, aber es ist weit gefährlicher, sie weiterhin dogmatisch als Bestätigung
unserer spärlichen literarischen Quellen oder als unmittelbaren Beleg für
46
Überblick in Kulikowski, Late Roman Spain (Anm. 4) 176–214.
47
Vgl. Fuentes Domínguez, Albalate de las Nogueras (Anm. 40).
Wie Spanien gotisch wurde 43
die Ausdehnung gotischer Besiedlung anzusehen. Darüber hinaus hat es
keine weiteren Konsequenzen für die Interpretation, wenn man akzeptiert,
dass die Meseta-Gräberfelder einer ethnischen Interpretation zugänglich
sind. Das Vorkommen einer Fibel in der Baetica, die in einem Meseta-Kon-
text als „gotisch“ interpretiert werden könnte, bedeutet nicht notwendiger-
weise, dass ihre Besitzerin in der Baetica eine Gotin war.
48
Ebenso bedeutet
das Fehlen „gotischer“ Fibeln in einer Region nicht zwangsläufig das Feh-
len von Leuten, die von den Zeitgenossen als Goten angesehen wurden.
Mit anderen Worten können die spärlichen Streufunde, die den Großteil
unseres Materials außerhalb der Meseta-Gräberfelder ausmachen, nicht
dazu benutzt werden, eine ethnische Vielfalt Spaniens im 6. Jahrhundert
darzustellen. Schließlich war die Schaffung der neuen künstlerischen,
architektonischen und liturgischen Kultur des westgotischen Königreichs
im 7. Jahrhundert keine Sache einer ethnischen Umwandlung, von ethni-
scher Migration ganz zu schweigen. Im Gegenteil, sie war das Ergebnis
eines politischen Triumphs – des Erfolgs, mit dem sich Leovigilds gotische
Monarchie auf nahezu der gesamten Halbinsel etablierte und auf diese
Weise eine Umgebung schuf, in der sich eine neue, relativ uniforme Kultur
ausbreiten konnte.
48
Pace Luís A. García Moreno, En las raíces de Andalucía (ss. V–X). Los destinos de una aris-
tocracia urbana. Anuario de Historia del Derecho Español 65, 1995, 849–878.
44 Michael Kulikowski
Ambrosius, Julianus Valens und die „gotische Kleidung“ 45
Ambrosius, Julianus Valens
und die „gotische Kleidung“
Eine Schlüsselstelle
historisch-archäologischer Interpretation
Philipp von Rummel
Die Frage, was archäologische Funde über ethnische Identitäten aussagen
können, wird in den letzten Jahren auch in der frühgeschichtlichen
Archäologie wieder intensiv diskutiert.
1
Einer der zentralen Punkte ist da-
bei, ob, und wenn ja, wie ethnische Identität in Kleidung zum Ausdruck
kommt. Um hier Erkenntnisfortschritte zu erlangen, wird viel diskutiert
über Fundtypen, ihre Verbreitung und Datierung, aber auch über Gewand-
formen und die Funktion und Lage einzelner Stücke am Gewand. Es be-
steht die Hoffnung, so Muster erkennen zu können, in denen sich Eigen-
heiten frühgeschichtlicher gentes widerspiegeln. Diese könnten auf diese
Weise nicht nur identifiziert, sondern in ihrer historischen Entwicklung
verfolgt werden. Von archäologischer Seite wird dabei zumeist auf ein aus
zwei Teilen bestehendes Fundament aufgebaut. Dessen erster Teil besagt, es
habe in der Spätantike und im frühen Mittelalter gentes gegeben. Dies stehe
in den Schriftquellen und bedürfe genau wie die Kenntnis ihrer Siedlungs-
räume keiner archäologischen Begründung. Dieses Wissen könne daher als
Basis in die archäologische Forschung einfließen. Die zweite Grundlage ist
die Annahme, Kleidung habe in dieser Zeit in erster Linie die ethnische Zu-
gehörigkeit ihres Trägers demonstriert.
Obwohl von historischer Seite her schon gezeigt wurde, dass gerade die
letzte Prämisse eigentlich verworfen werden müsste, wird jedoch die Forde-
rung vom getrennten Marschieren und vereinten Schlagen der Archäolo-
1
Vgl. etwa Sebastian Brather, Ethnische Interpretationen in der frühgeschichtlichen Ar-
chäologie. Geschichte, Grundlagen und Alternativen. Ergänzungsband zum Reallexikon
der Germanischen Altertumskunde 42 (Berlin, New York 2004); Volker Bierbrauer, Zur
ethnischen Interpretation in der frühgeschichtlichen Archäologie. In: Walter Pohl/Peter
Erhart (Hrsg.), Die Suche nach den Ursprüngen. Von der Bedeutung des frühen Mittel-
alters. Forschungen zur Geschichte des Mittelalters 8 (Wien 2004) 45–84.
Zwischen Spätantike und Frühmittelalter – RGA-E Band 57 – Seiten 45–64
© 2008 Walter de Gruyter · Berlin · New York
46 Philipp von Rummel
gen und Historiker in der Archäologie manchmal so ernst genommen, dass
es nicht mehr zum vereinten Schlagen kommt. Da Termini wie Vandali,
Goti oder Alamanni nie präzise definierte Größen waren, sondern Ausdrü-
cke, die einem ständigen Wandlungsprozess unterlagen und noch immer
unterliegen, sind die scheinbar so sicheren Fundamente, auf denen Archäo-
logen ihre Interpretationen gründen, nicht so fest, wie es zuweilen darge-
stellt wird.
Dies soll im folgenden anhand eines Fallbeispieles dargestellt werden.
Ausgangspunkt ist eine schriftliche Quelle, da sich der Verf. nicht der kürz-
lich geäußerten Meinung anschließen will, die Kompetenz, über die ethni-
sche Relevanz von Tracht zu urteilen, verbleibe wegen der Widersprüch-
lichkeit der Schriftquellen bei den Archäologen.
2
Der betreffende Text
entstammt dem späten 4. Jahrhundert, also einer Zeit, in der zahlreiche
Quellen über barbarische Kleidung berichten: etwa Claudius Claudianus
und Synesios von Kyrene mit ihren Tiraden über die Fellkleidung der Go-
ten, die ihren Nachschlag bei Rutilius Namatianus und Sidonius Apollina-
ris gefunden haben. Oder Monumente wie die Basis des Theodosiusobelis-
ken und die Arkadiussäule in Konstantinopel, die ebenfalls Barbaren in
Fellmänteln darstellen. Nicht zu vergessen die Kleidungsgesetze im Codex
Theodosianus.
3
Thema dieses Beitrages sind jedoch nicht die gotischen
Felle, sondern ein Brief des Mailänder Bischofs Ambrosius,
4
in dem zwar
auch Gotisches, aber nicht Felle, sondern Hals- und Armringe thematisiert
werden.
Der Text spiegelt die religiösen Konflikte in Oberitalien und Illyricum in
den Jahren zwischen 374/375 und 381 wieder,
5
in denen Ambrosius viel
Energie aufbrachte, um die unterschiedlichen häretischen Gruppierungen
in seiner Metropolie zu bekämpfen und die Christen unter homousischen,
also nizänisch-katholischem Bekenntnis zu einen. Bedroht wurden diese
Bestrebungen besonders von der vor allem in Illyricum starken homöi-
schen (‚arianischen‘) Partei, die in Fragen der Trinitätslehre auf einer subor-
dinatianischen Theologie beharrte, also einer rangmäßigen Unterordnung
2
Bierbrauer, Zur ethnischen Interpretation (Anm. 1) 57 Anm. 76.
3
Vgl. Philipp v. Rummel, Habitus barbarus. Kleidung und Repräsentation spätantiker Eliten
im 4. und 5. Jahrhundert. Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungs-
band 55 (Berlin, New York 2007).
4
Zu Ambrosius: Christoph Markschies, Ambrosius von Mailand und die Trinitätstheologie
(Tübingen 1995); Neil B. McLynn, Ambrose of Milan. Church and Court in a Christian
Capital (Berkely u. a. 1994); Daniel H. Williams, Ambrose of Milan and the End of the
Nicene-Arian Conflicts (Oxford 1995).
5
Markschies, Ambrosius von Mailand (Anm. 4) 134–142.
Ambrosius, Julianus Valens und die „gotische Kleidung“ 47
des Sohnes unter den Vater.
6
Dieser Gefahr entsprechend ging Ambrosius
mit Unterstützung Gratians intensiv gegen die Homöer vor, unter anderem
mit seiner Schrift De fide und einem im Jahr 381 in Aquileia einberufenem
Konzil.
7
Maßgebliches Ziel dieser bischöflichen Versammlung war es, die
kirchlichen Verhältnisse in Illyricum und in Oberitalien in katholisch-nizä-
nischem Sinn zu bereinigen. Das zentrale Ereignis des Konzils war die Dis-
putation mit den homöischen Bischöfen Palladius von Ratiara (Archar,
Bulgarien) und Secundianus von Singidunum (Belgrad, Serbien) und ihre
Verurteilung.
8
Ambrosius’ Vorgehen gegen einen Bischof namens Julianus
Valens,
9
der in diesen Jahren an seinem eigenem Bischofsitz Mailand für
Unruhe sorgte, ist religionsgeschichtlich dagegen nur von untergeordneter
Bedeutung.
Über Julianus Valens, dessen Kleidung im folgenden eine bedeutende
Rolle spielt, ist nicht viel bekannt. Er kam wohl aus Mailand und gehörte
dort zur Partei des römischen Gegenbischofs Ursinus, bevor er Bischof von
Poetovio (Pettau/Ptuj) wurde und sich dort homöischem Gedankengut
zuwandte. Nach der Zerstörung von Pettau durch die Goten kehrte Valens
nach Mailand zurück und schloss sich dort der homöischen Gemeinde
an.
10
6
Markschies, Ambrosius von Mailand (Anm. 4); Christoph Markschies, Ambrosius als Tri-
nitätstheologe. In: ders., Alta Trinità Beata. Gesammelte Studien zur altkirchlichen Trini-
tätstheologie (Tübingen 2000) 265–285. – Vgl. zur homöischen Theologie im Osten:
Hanns C. Brennecke, Studien zur Geschichte der Homöer. Der Osten bis zum Ende der
homöischen Reichskirche. Beiträge zur historischen Theologie 73 (Tübingen 1988); Knut
Schäferdiek, Die Anfänge des Christentums bei den Goten und der sog. gotische Arianis-
mus. Zeitschrift für Kirchengeschichte 112, 2001, 295–310.
7
Zum Konzil: Gunther Gottlieb, Das Konzil von Aquileia (381). Annuarium Historiae
Conciliorum 11, 1979, 287–306; McLynn, Ambrose (Anm. 4) 124–137.
8
Gottlieb, Konzil (Anm. 7) 296–306.
9
Zur Identifikation vgl. Markschies, Ambrosius von Mailand (Anm. 4) 135 Anm. 285.
10
Markschies, Ambrosius von Mailand (Anm. 4) 140. Denkbar wäre auch, dass Valens erst
Bischof von Pettau wurde und sich nach der Zerstörung dieser Stadt in Mailand der ursi-
nianischen Gemeinde in Mailand anschloss. Da die dargestellte Variante ist nach Mark-
schies jedoch die wahrscheinlichere. – Vgl. auch Rudolf Egger, Die Zerstörung Pettaus
durch die Goten. Jahrbuch des Österreichischen Archäologischen Instituts 18, 1915,
253–266; Hans von Campenhausen, Ambrosius von Mailand als Kirchenpolitiker (Berlin,
Leipzig 1929) 64–80; Markschies, Ambrosius von Mailand (Anm. 4) 134–142; Alain Chau-
vaut, Opinions romaines face aux barbares au IV
e
siècle ap. J.-C. (Paris 1998) 277–281;
Ralph W. Mathisen, Barbarian Bishops and the Churches „in barbaricis gentibus“ during
Late Antiquity. Speculum 72, 1997, 664–697, hier 678f. – Zum allgemeinen Kontext vgl.:
McLynn, Ambrose (Anm. 4); Williams, Ambrose (Anm. 4); Peter Heather, Goths and Ro-
mans, 332–489 (Oxford 1991) 340f.; John H. W. G. Liebeschuetz, The Collected Letters of
Ambrose of Milan: Correspondence with Contemporaries and with the Future. In: Linda
Ellis/Frank L. Kidner (Hrsg.), Travel, Communication and Geography in Late Antiquity.
Sacred and Profane (Aldershot 2004) 95–107.
48 Philipp von Rummel
Die aus archäologischer Perspektive interessanten Angaben finden sich
in einem Brief, den das Konzil von Aquileia nach dem Abschluss der Ver-
handlungen am 3. September 381 an die Kaiser Gratian, Valentinian II. und
Theodosius (also de facto an Gratian als Kaiser des Westreiches) richtete.
11
Über Julianus Valens wird dort ausgeführt, er habe sich dem Konzil,
obwohl er sich in der Nähe befände, entzogen
12
und auf diese Weise die
kaiserliche Einladung und die Gemeinschaft der Bischöfe missachtet. Das
Konzil mit seinemspiritus rector Ambrosius war deswegen nicht in der Lage,
Valens wie die Bischöfe Palladius und Secundianus auf Grund häretischer
Aussagen auf dem Konzil zu verurteilen. Um dennoch kaiserliche Sanktio-
nen gegen Valens erreichen zu können und so der schismatischen Entwick-
lung in Mailand entgegenzuwirken, der Ambrosius alleine offensichtlich
keine wirksamen Mittel entgegensetzen konnte, mussten Vorgänge in der
Vergangenheit von Valens aufgegriffen werden. Dort stieß man auf zwei an-
klagenswerte Vorfälle: Zum einen wurde Valens als gesetzeswidriger Ketzer
dargestellt, und zum anderen als Hochverräter. Dieser Verrat, der die Kaiser
zum Handeln bewegen sollte, bezog sich auf zwei Vorkommnisse.
Erstens, Valens habe seinen Bischofssitz Poetovio an die Goten verra-
ten. Übersetzt lautet der Vorwurf: „Der, der in Pettau nicht sein konnte, der
verhöhnt jetzt Mailand nach der Zerstörung seiner Heimatstadt – um nicht
zu sagen: nach ihrem Verrat“.
13
Und zweitens, die für uns entscheidende
Stelle: Valens sei durch die Gottlosigkeit der Goten entweiht – Gothica
profanatus impietate –, und habe es gewagt, sich mit einem Halsring und
Armreif nach Stammesart gekleidet dem römischen Heer zu präsentieren:
Qui etiam torquem ut asseritur et brachiale […] more indutus gentilium ausus sit in
conspectu exercitus prodire Romani. Dies sei nicht nur für Priester sondern
überhaupt für jeden Christen ein Sakrileg: quod sine dubio non solum in sacer-
dote sacrilegium sed etiam in quocumque Christiano est – und widerspreche dem
römischen Brauch gänzlich: etenim abhorret a more Romano, und zwar um so
11
Gesta concilii Aquileiensis, Epistolae 2, 9 (Ambrosius, Epistolae extra collolae 4, 9–10)
[Michaela Zelzer, Sancti Ambrosi Opera 10. Corpus Scriptorum Ecclesiasticorum Latino-
rum 82 (Wien 1982) 322f.]: Nam quid de eius magistro Iuliano Valente dicamus, qui cum esset
proximus declinavit sacerdotale concilium, ne eversae patriae perdiorumque civium praestare causas
sacerdotibus cogeretur. Qui etiam torquem ut asseritur et brachiale, Gothica profanatus impietate,
more indutus gentilium ausus sit in conspectu exercitus prodire Romani: quod sine dubio non solum
in sacerdote sacrilegium sed etiam in quocumque Christiano est; etenim abhorret a more Romano.
Nisi forte sic solent idololatrae sacerdotes prodire Gothorum.
12
Gesta concilii Aquileiensis, Epistolae 2, 9: Iuliano Valente […], qui cum esset proximus decli-
navit sacerdotale concilium.
13
Gesta concilii Aquileiensis, Epistolae 2, 10: qui Petavione esse non potuit, is nunc Mediolani
post eversionem patriae ne dicamus proditionem inequitavit.
Ambrosius, Julianus Valens und die „gotische Kleidung“ 49
mehr, da auf diese Weise Götzenpriester der Goten aufträten: Nisi forte sic
solent idololatrae sacerdotes prodire Gothorum.
14
Vier Informationen erhalten wir also über die Kleidung von Valens. Ers-
tens, dass zu ihr Armreif und Halsring gehörten, zweitens, dass sie unrö-
misch sei, drittens heidnisch und viertens charakteristisch für Priester der
Goten. Ambrosius scheinen diese Angaben genügt zu haben, um die kai-
serliche Verwaltung von der Schwere des Vergehens zu überzeugen. Wir
hätten uns dagegen gerne noch mehr konkrete Informationen gewünscht.
Der einzige wirklich brauchbare Hinweis sind die beiden Ringe, die wegen
ihrer ausdrücklichen Erwähnung wohl ein besonders auffälliges Merkmal
an Valens gewesen sind.
Waren Hals- und Armringe also Teile einer ‚gotischen Stammestracht‘?
Die Archäologie scheint diese Angabe zu bestätigen. Betrachtet man bei-
spielsweise die von Michael Schmauder erstellte Verbreitungskarte völker-
wanderungszeitlicher Kolbenarmringe (Abb. 1),
15
zeigt sich, dass derartige
Funde fast ausschließlich im Barbaricum oder an den nördlichen Grenzen
des römischen Reiches ans Licht gekommen sind. Es handelt sich um ein
charakteristisch völkerwanderungszeitliches Verbreitungsbild, das genau
wie die Schriftquelle auf den unrömischen Charakter der Armringe hindeu-
tet. Verbreitungskarten von völkerwanderungszeitlichen Halsringen ergä-
ben ein ähnliches Bild, wobei für beide Fundgruppen auch in Skandina-
vien Schwerpunkte zu beobachten sind.
Darüber hinaus passen Details aus anderen Quellen in dieses Bild: Etwa
Julian, der, wie z. B. Karl Hauck meinte, nach germanischer Sitte mit dem
Halsring eines Soldaten gekrönt wurde,
16
oder an die bildlichen Darstellun-
gen von Leibgardisten auf Mosaiken oder Silbermissorien, die zusätzlich
zu ihren langen Haaren Halsringe tragen und deswegen regelhaft als Ger-
manen angesprochen werden. Als würde dies nicht schon reichen, unter-
streicht der berühmte Runenring aus dem Schatzfund von Pietroasa in Ru-
mänien, auf dem mit Sicherheit die Worte gutani und hailag, also „Goten“
14
Gesta concilii Aquileiensis, Epistolae 2, 9. – Das Wort profanatus bezieht sich nach der
Edition Zelzers nicht, wie es etwa Rudolf Egger oder Karl Hauck verstanden haben, auf die
Schmuckstücke, sondern auf die handelnde Person Valens.
15
Michael Schmauder, Oberschichtgräber und Verwahrfunde in Südosteuropa im 4. und
5. Jahrhundert. Zum Verhältnis zwischen dem spätantiken Reich und der barbarischen
Oberschicht aufgrund der archäologischen Quellen. Archaeologia Romanica 3,2 (Buka-
rest 2002) 116 Karte 9.
16
Karl Hauck, Halsring und Ahnenstab als herrscherliche Würdezeichen. In: Percy Ernst
Schramm (Hrsg.), Herrschaftszeichen und Staatssymbolik. Beiträge zu ihrer Geschichte
vom dritten zum sechsten Jahrhundert. Schriften der Monumenta Germaniae Histo-
rica 13, 1 (Stuttgart 1954) 145–212, hier 181–184.
50 Philipp von Rummel
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)
Ambrosius, Julianus Valens und die „gotische Kleidung“ 51
und „heilig“ zu lesen sind (Abb. 2),
17
den Hinweis des Ambrosiusbriefes,
dass Hals- und Armringe in welcher Form auch immer mit gotischen Pries-
tern verbunden waren.
18
So scheinen keine Zweifel mehr zu bestehen:
Julianus Valens trug Hals- und Armringe als Bestandteile eines typisch goti-
schen Gewandes.
Trotz dieser außerordentlichen Übereinstimmung verschiedener Quel-
lengattungen lohnt sich jedoch noch einmal ein Blick auf den Text. Wen-
den wir uns zuerst der Frage zu, was hier eigentlich unter ‚Goten‘ zu verste-
hen ist und vor wem Valens in der unpassenden Kleidung auftrat. Auf
Grund der Erwähnung von Goten war vermutet worden, dass es sich bei
dem genannten Heer um die Verbände von Alatheus und Safrax handele.
17
Mit einer Zusammenfassung der vorgeschlagenen Lesungen: Schmauder, Oberschichtgrä-
ber (Anm. 15) Bd. 1, 116f.
18
Torsten Capelle, Zum Runenring von Pietroasa. Frühmittelalterliche Studien 2, 1968,
228–232; Radu Harhoiu, Die frühe Völkerwanderungszeit in Rumänien. Archaeologia
Romanica 1 (Bukarest 1997) 65.
Abb. 2. ‚Runenring‘ von Pietroasa (Pietroasele, Jud. Buzau, Rumänien)
(nach Hauck, Halsring [Anm. 17])
52 Philipp von Rummel
Diese hätten sich nach der Schlacht von Hadrianopel, spätestens aber seit
380 als Föderaten in Pannonien aufgehalten.
19
Eine Ansiedlung der
Gruppe in Pannonien scheint jedoch eher unwahrscheinlich zu sein, wo-
bei ein greuthungischer Einfall in Pannonien gesichert zu sein scheint.
20
Goten waren demnach um 380 wohl tatsächlich in Pannonien. Da sich
die Beschuldigungen gegen Valens aber auf ein Vorkommnis in seinem
oberitalienischen Exil beziehen und nicht auf ein Geschehen in Panno-
nien, kann es sich bei dem exercitus Romanus nur um reguläre Heeres-
verbände in Oberitalien handeln. Deswegen vermutete Rudolf Egger, die
römischen Soldaten hätten wenige Jahre nach der Schlacht von Hadria-
nopel gereizt auf alles Gotische reagiert und sich an der heidnisch anmu-
tenden Kleidung von Valens gestoßen.
21
Anders schätzte dagegen Hans
von Campenhausen die Situation ein: Valens habe sich unter dem Ein-
druck des gotischen Einbruchs dem germanischen Element zugekehrt,
sich selbst als Gote gegeben und sei mit Halskette und Armringen ge-
schmückt vor die Truppen Gratians getreten, die ebenfalls schon zum
größten Teil aus Germanen bestanden hätten.
22
Ähnlich urteilte Ralph
Mathisen: „[Valens] could only have been ministering to a band of
Goths in imperial service“.
23
Während die eine Deutung also von ‚römi-
schen‘ Soldaten ausgeht, die durch ‚gotische‘ Kleidung verärgert worden
seien, geht die andere von ‚germanischen‘ Soldaten in römischen Diens-
ten aus, denen sich Valens durch seine ‚gotische‘ Kleidung habe anbie-
dern wollen.
Letztlich bleibt es jedoch der Spekulation überlassen, wie viele Soldaten
gotischer Herkunft Julianus Valens tatsächlich in dem römischen Heer ge-
genüberstanden. Gerade dieser spekulative Schritt ist es allerdings, der die
Deutung von torques und brachiales beeinflusst. So geht auch Michael Spei-
del davon aus, Valens habe mit dieser Ausstattung seine Nähe zu den goti-
schen Truppen Gratians zeigen wollen.
24
Dem ist insofern zu folgen, als Va-
19
Herwig Wolfram, Die Goten von den Anfängen bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts: Entwurf
einer historischen Ethnographie (
3
München 1990) 138–145; 250–259; Helmut Castritius,
s. v. Safrax (Alatheus-Safrax-Gruppe). In: Reallexikon der Germanischen Altertums-
kunde
2
26 (2004) 91–96 bes. 93.
20
Heather, Goths and Romans (Anm. 10) 334–340.
21
Egger, Die Zerstörung Pettaus (Anm. 10) 259.
22
von Campenhausen, Ambrosius von Mailand (Anm. 10) 65.
23
Mathisen, Barbarian Bishops (Anm. 10) 678.
24
Michael P. Speidel, Late Roman military decorations I. Neck- and wristbands. Antiquité
Tardive 4, 1996, 235–243, hier 242. Für Speidel ist für die ‚gotische‘ Deutung die Kombi-
nation von Halsringen und Armreifen entscheidend, die für sich jeweils als römische Mi-
litärauszeichnungen gewertet werden. Mehrere Stellen der wohl im ausgehenden 4. Jahr-
hundert entstandenen Historia Augusta legen jedoch eine regelhafte Kombination von
Ambrosius, Julianus Valens und die „gotische Kleidung“ 53
lens, der sich der symbolischen Wirkung von Kleidung offensichtlich
bewusst war, durch sein Äußeres beim Heer sicher nicht in Ungnade fallen,
sondern genau das Gegenteil bezwecken wollte. Ausgerechnet Gratian, also
der Kaiser, an den Ambrosius seine Beschwerde über Julianus Valens rich-
tete, war in diesen Jahren selbst mit dem Vorwurf konfrontiert, falsche Klei-
dung getragen zu haben: Die Epitome de Caesaribus überliefern, Gratian
habe in anstößigem Ausmaß eine kleine Truppe von Alanen begünstigt, die
er gegen unmäßige Goldzahlungen angeworben hatte. Unter anderem sei
der Kaiser eine so enge Freundschaft mit der alanischen Leibwache einge-
gangen, dass er sich in derselben Aufmachung gezeigt und so den Hass des
Heeres auf sich gezogen habe.
25
Der Vorwurf gegen Valens war demnach
durchaus zeittypisch.
Gratians Fall zeigt allerdings auch die Tücken dieser Problematik. Der
Unwillen des Heeres entsprang nämlich nicht Gratians Fehlgriff in sei-
ne Garderobe, sondern Privilegierungen und Geschenken an die alani-
sche Garde, die nach Zosimus mit der Vernachlässigung des restlichen
Heeres einhergingen.
26
Die Kleidung war also nicht mehr als eine Ver-
bildlichung des eigentlichen Vorfalls – ein bekanntes schriftstelleri-
sches Mittel, das etwa auch in der Historia Augusta vielfach zu beob-
achten ist.
Im Gegensatz zu dem Kaiser hat Valens jedoch nicht das Missfallen des
Heeres auf sich gezogen. Sonst hätte er wohl nicht diese Aufregung verur-
sacht, die schließlich zu seiner Anklage auf dem Konzil führte. Unwahr-
scheinlich ist außerdem, dass Soldaten gotischer Herkunft tonangebend in
den Einheiten waren, die mit Julianus Valens in Kontakt standen. Der
Anteil an Soldaten fremder Herkunft im römischen Heer war in dieser Zeit
zwar beträchtlich, mit etwa einem Viertel aber keineswegs vorherrschend.
27
Der Kontext der Quelle zwingt also nicht zu der Annahme, Valens habe
sich mittels seiner Kleidung bewusst einem ‚unrömischen Kulturelement‘
im Heer zugewandt.
Hals- und Armringen nahe. Vgl. Scriptores Historiae Augustae, Claudius 13,8; Scriptores
Historiae Augustae, Aurelian. 7,6; Scriptores Historiae Augustae, Probus 5,1; Scriptores
Historiae Augustae, Maximinian 2,4. Vgl. auch Themistios, Orationes 2,22; Prokop, Bel-
lum Gothicum 3,1,8; 4,31,9.
25
Ps. Aurelius Victor, Epitome de caesaribus 47, 6: Nam dum exercitum negligeret et paucos Ala-
nis, quos ingenti auro ad se transtulerat, anteferret veteri ac Romano militi, adeoque barbarorum
comitatu et prope amicitia capi, ut nonnumquam eodem habitu iter faceret, odia contra se militum
excitavit.
26
Zosimos, Historia 4,35,2.
27
Hugh Elton, Warfare in Roman Europe, AD 350–425 (Oxford 1996) 152; Martijn J. Nica-
sie, Twilight of the Empire. The Roman army from the reign of Diocletian until the battle
of Adrianopel (Amsterdam 1998) 97ff.
54 Philipp von Rummel
Wichtig ist weiter die Bedeutung der Worte Gothica profanatus impietate,
die gelegentlich auf die Schmuckstücke des Bischofs bezogen wurden. Dies
ist grammatikalisch aber nicht möglich. Profanatus bezieht sich vielmehr
auf Valens und bezeichnet seinen, aus der Sicht von Ambrosius, ketzeri-
schen Glauben. Angesprochen ist die homöische Häresie – also ein religiö-
ser, kein kultureller Zusammenhang. Dennoch ist der Begriff der impietas
Gothica höchst ambivalent. Er stellt nicht-nizänische Glaubensauffassun-
gen in eine Reihe mit barbarischem Unglauben einerseits und mit der poli-
tischen Bedrohung durch die Goten andererseits und ist so auf geschickte
Weise in höchstem Maß diskreditierend. Ebenso zweideutig ist die Aus-
sage, Valens sei more indutus gentilium vor das Heer getreten. Während ältere
Ansätze die Passage gerne als „nach Stammesart bekleidet“ gedeutet ha-
ben, kann more gentilium auch religiös interpretiert werden. Das Substan-
tiv gentilis bezeichnete dann entweder ‚Heiden‘ oder, dem ambrosiani-
schen Verständnis der Gleichsetzung von Barbaren, Ketzern und Heiden
entsprechend, konservativ-homöische Christen. Angesichts der Tatsache,
dass dieser Vorwurf das beherrschende Thema des Briefes wie des ganzen
Konzils ist, liegt die religiöse Deutung auf der Hand. More indutus genti-
lium wäre demnach als ‚nach Art der Heiden gekleidet‘ zu übersetzen.
Dies führt schließlich zu der Überlegung, unter den sacerdotes Gothorum
nicht gotische Priester zu verstehen, sondern nicht-nizänische, wahr-
scheinlich homöische Geistliche, die mit dem Goten-Etikett wirkungsvoll
diffamiert wurden.
Wie ist das nun jedoch mit den Hals- und Armringen in Verbindung zu
bringen? Die Antwort auf diese Frage gibt Ambrosius selbst. Wenn er sich
an anderer Stelle über junge Männer beklagt, die in militärischer Ausrü-
stung mit goldenen Halsringen zu einem Gastmahl erscheinen,
28
zeigt sich,
dass Halsringe von Ambrosius nicht als germanische Trachtbestandteile
wahrgenommen wurden, sondern ganz im Gegenteil als Ehrenzeichen des
römischen Heeres. So einfach wie eingangs angenommen war das Verständ-
nis der Hals- und Armringe für die kaiserliche Verwaltung demnach nicht.
Ihre Bedeutung musste sich aus dem Kontext erschließen, und dieser weist
nicht darauf hin, dass hier tatsächlich unrömische Kleidung getragen wor-
den sei.
28
Ambrosius, De helia et ieiunio 13,46 [Sancti Ambrosii Opera Ps. 1. De Iacob; De Ioseph;
De patriarchis; De fuga saeculi; De interpellatione Iob et David; De apologia prophetae
David; De Helia; De Nabuthae; De Tobia, hrsg. Karl Schenkl. Corpus Scriptorum Eccle-
siasticorum Latinorum 32,2 (Wien 1897)]: Apage igitur hinc adulescentes lubricos, ad convivia
proeliatorum venimus. inter arma prandendum est. stipatores hic sunt bellici, qui ministrant suc-
cincti auro et Babylonicis lumbos suffulti balteis, aureis torquibus nitent colla, aureis bullis zonam
tegunt, aureis thecis cultros includunt suos, quibus dimicent cum epulis dividendis.
Ambrosius, Julianus Valens und die „gotische Kleidung“ 55
Johannes Chrysostomos erwähnt in der siebten Predigt zum Lob des
Apostels Paulus ebenfalls goldene Halsringe als Ehrenzeichen.
29
Speidel
hat hier diejenigen, die mit Halsringen geehrt werden – ol ¬oço tuv
rçu0rv jçtuµrvot – wörtlich mit „the honored outlanders“ übersetzt.
30
Die Quelle wäre somit gegen die vorherigen Überlegungen wiederum
ein Hinweis auf den fremden bzw. unrömischen Charakter von Halsrin-
gen. Der Kontext des Zitats, in dem es um Paulus als Standartenträger
Christi geht, klärt jedoch darüber auf, dass hier keine rekrutierten Bar-
baren gemeint sind, sondern jene, die in der vergänglichen, diesseiti-
gen Welt die Ehre erworben haben, Fahnenträger der kaiserlichen Garde
zu sein und daher prächtige Kleidung und goldene Halsringe tragen
dürfen.
Dass torques in erster Linie hochrangige römische Ehrenzeichen sind,
unterstreicht auch Vegetius. In einer Aufzählung der Titel und Rangstufen
schreibt er zu den torquati: „Es gibt doppelte Halsringträger (torquati dupla-
res) und einfache Halsringträger (torquati simplares) für die ein Halsring
aus massivem Gold eine Tapferkeitsauszeichnung war. Wer diese erworben
hatte, erhielt mit der Belohnung bisweilen auch doppelte Rationen“.
31
Dies
wird von Zosimus bestätigt, wenn er von gotischen Reitern in kaiserlichem
Dienst berichtet, die für ihre Verdienste goldene Halsreifen und damit ein-
hergehend bessere Verpflegung verliehen bekamen.
32
Auch Sidonius Apol-
linaris beschreibt Halsringe als militärische Auszeichnungen.
33
Bei Pru-
dentius zeigt sich, dass goldene Halsringe regelhaft zur Ausstattung von
draconarii gehörten.
34
Der goldene Halsring aus Carnuntum aus der Wende
zum 4. Jahrhundert mit der Inschrift Felices Tun[gri] – der einzige archäolo-
gische Halsringfund, der mit Sicherheit als römisches Militärabzeichen
diente (Abb. 4) – wird von Speidel wegen der Erwähnung der Einheit, wohl
den in der Notitia Dignitatum erwähnten Sagittarii Tungri, nicht als Aus-
29
Johannes Chrysostomus, De laude S. Pauli apostoli homiliae VII [Patrologia Graeca 50,
509]: Ol µξv oσv ¬oço tuv rçu0rv toutjç jçtuµrvot tjç ttµjç, lµotto ¬rçi×rtvtot
×oλ ¬rçtou¿rvtov ×óoµov ¿çuoo0v, ×oλ ¬ovto0 ru riçt ìoµ¬çoi.
30
Speidel, Late Roman military decorations I (Anm. 24) 238: „The outlanders honored [with
the task of guarding the Labarum] are clad with coats and a golden decoration around the
neck“.
31
Vegetius, De re militari 2,7: torquati duplares, torquati simplares: torques aureus solidus virtutis
praemium fuit, quem qui meruisset praeter laudem interdum duplas consequebantur annonas.
32
Zosimos, Historia 4, 40, 8: jv oξ ¬rçtou¿rvto ¿çuo0 ¬oço pootìruç o0totç orooµrvo
¬çμç ×óoµov.
33
Sidonius Apollinaris, Carmina 7,577ff.: concurrunt proceres ac milite circumfuso / aggere com-
posito statuunt ac torque coronant / castrensi maestum donantque insignia regni.
34
Prudentius, Peristephanon 1, 64f.: ite, signorum magistri, et vos, tribuni, absiste. / aureos auferte
torques, sauciorum praemia.
56 Philipp von Rummel
zeichnung bzw. Geschenk angesprochen, sondern ebenfalls als Abzeichen
eines Standartenträgers.
35
Gleichzeitig ist er gemeinsam mit zeitgleichen
Bildquellen ein Beleg dafür, dass spätantike torques tatsächlich am Hals ge-
tragen werden konnten und nicht, wie in der späten Republik und der frü-
hen Kaiserzeit, als Miniaturen verliehen wurden. Im 6. Jahrhundert kommt
ein Bericht Prokops hinzu, Belisar habe verdiente Soldaten mit Armbän-
dern (¸rììto) und Halsketten (otçr¬toi) ausgezeichnet.
36
So wie die goti-
schen Föderaten bei Zosimus Halsringe verliehen bekamen, tragen föde-
rierte (ansonsten antiquiert-topisch bekleidete) Alanen und Goten auf der
35
Speidel, Late Roman Military Decorations I (Anm. 24) 240.
36
Prokop, Bellum Gothicum 3, 1, 8: tuv tr yoç rv çuµpoìj¸ jtu¿j×ótuv ¿çjµoot µr-
yoìotç ¬oçrµu0rtto to ¬çótrço tçouµoto ×oλ totç r0oo×tµjooot ¸rììto tr ×oλ
otçr¬touç r¿rtv Θ0ìo ¬oçrt¿rv.
Abb. 3. Leibwächter auf dem Theodosiusmissorium (nach Wilfried Seipel [Hrsg.],
Barbarenschmuck und Römergold. Der Schatz von Szilágysomlyó [Wien 1999])
Ambrosius, Julianus Valens und die „gotische Kleidung“ 57
Basis des Theodosiusobelisken in Konstantinopel Halsringe,
37
genau wie
ein hoher Hofbeamter auf dem gleichen Monument.
38
Hals- und daneben
auch Armringe sind neben ihren originären Rollen sowohl in Bodenfunden
als auch in Schriftquellen als bedeutende Bestandteile von Schätzen nach-
gewiesen.
39
Letzte Ungewissheit nimmt uns aber Ambrosius selbst. In der Leichen-
rede auf Valentinian stellt er ausdrücklich fest, dass Halsringe römische
Ehrenzeichen sind. Zitat: „Dass torques Ehrenzeichen des Sieges sind,
kann nicht ernsthaft bezweifelt werden, werden doch die, die im Krieg
tapfer gestritten haben, mit Halsringen geehrt“.
40
Obwohl die sehr deut-
lich Beteuerung der Zweifellosigkeit – dubitari non potest – ähnlich wie in
modernen Texten eher Zweifel wecken als treuen Glauben hervorrufen
sollte, kann aus dieser Aussage des Ambrosius wohl geschlossen werden,
dass es durchaus Leute gab, die daran zweifelten, ob Mitglieder der Aris-
tokratie zu Recht Halsringe trugen oder nicht. Ambrosius’ Worte weisen
durch seine Beteuerung gleichzeitig darauf hin, dass Halsringe nichts
per se fremdes waren; sie hätten trotz des jeder Leichenrede eigenen Prin-
zips des de mortuis nil nisi bene nicht zur Rede gepasst, in der sich Ambro-
sius auf Grund offensichtlicher Probleme, das von ihm erwartete posi-
tive Resumé eines christlichen Lebens zu ziehen, in die Aufzählung
eigentlich selbstverständlicher Dinge und Topoi flüchtete.
41
Zu diesen ge-
hörten die Halsringe als Ehrenzeichen, die wohl nicht passend waren für
einen Kaiser, aber hier nicht als fremd oder gar gotisch wahrgenommen
wurden.
Geklärt ist nun jedoch noch immer nicht das Problem, warum jemand,
der römische Militärauszeichnungen trägt, als more indutus gentilium be-
schimpft werden kann. Weiterhelfen kann hier möglicherweise die Schrift
de corona militis von Tertullian, die Ambrosius mit großer Wahrscheinlich-
37
Speidel, Late Roman Military Decorations I (Anm. 24) 237.
38
Gerda Bruns, Der Obelisk und seine Basis auf dem Hippodrom zu Konstantinopel (Istan-
bul 1935) 57 Abb. 63.
39
Matthias Hardt, Gold und Herrschaft. Die Schätze europäischer Könige und Fürsten im
ersten Jahrtausend. Europa im Mittelalter 6 (Berlin 2004) bes. 69–77.
40
Ambrosius, De obitu Valentiniani 68 [Sancti Ambrosii Opera Ps. 7. Explanatio simboli;
De sacramentis; De mysteriis; De paenitentia; De excessu fratris; De obitu Valentinani;
De obitu Theodosii, hrsg. Otto Faller. Corpus Scriptorum Ecclesiasticorum Latinorum73
(Wien 1955)]: torques autem insignia esse victoriae dubitari non potest, cum hi, qui in bello fortiter
fecerint, torquibus honorentur.
41
Kirsten Groß-Albenhausen, Imperator christianissimus. Der christliche Kaiser bei Ambro-
sius und Johannes Chrysostomus. Frankfurter Althistorische Beiträge 3 (Frankfurt a.M.
1999) 129.
58 Philipp von Rummel
keit kannte.
42
In dieser Quelle wird deutlich, dass militärische Auszeich-
nungen von christlichen Theologen als Teil des heidnischen Erbes betrach-
tet werden konnten, das in der christlichen Gesellschaft keine Rolle mehr
zu spielen hatte. Nach Tertullian sollte ein Soldat, der sich Christus als
Krone gewählt hatte, keine weltlichen Auszeichnungen mehr akzeptie-
ren.
43
Der wichtigste Grund hierfür war, dass militärische Auszeichnungen
idolatria – also Götzenanbetung – symbolisierten. Damit schließt sich der
Kreis zum Vorwurf gegen Julianus Valens. Denn idolatria ist exakt der Vor-
wurf, den Ambrosius gegen Julianus Valens erhebt. Mit Hilfe Tertullians
wird so deutlich, dass es sich bei dem Stein des Anstoßes nicht um gotisch-
barbarische Riten und Kostüme handelt. Valens trug militärische Auszeich-
nungen, die in den Augen orthodox-homousischer Theologen nicht er-
wünscht waren, und das erst recht nicht bei Klerikern.
Der doppelte Vorwurf gegen Valens, derjenige der Ketzerei und des
Hochverrats, wurde durch den geschilderten Vorfall, von dem man auf
dem Konzil ut asseritur, also nur gerüchteweise gehört hatte, wirksam illus-
triert. Der geschickte Rhetor und geschulte Jurist Ambrosius schuf hier ein
Vorwurfsbündel gegen Valens, das durch seine Vielschichtigkeit höchst
wirksam war. Vor dem Hintergrund, dass die eigentliche Ursache der An-
klage die ketzerischen Umtriebe von Valens in Mailand und sein wohl
wachsender Einfluss im Heer waren,
44
erweist sich ein römisches Militär-
kostüm mit Ehrenzeichen wie Hals- und Armringen als für die orthodoxe
Kirche anstößiges Mittel, Sympathien im soldatischen Publikum zu gewin-
nen. Über die Frage, warum Valens das tat, kann man nur spekulieren. Viel-
leicht hatte er tatsächlich eine militärische Position inne.
45
Ein Einzelfall
war das Tragen von Halsringen jedenfalls nicht; Ambrosius hat diese in sei-
nen Augen falsche Aufmachung von Geistlichen auch an anderer Stelle kri-
tisiert.
46
Auf dem Konzil von Aquileia wurde das Vorkommnis zu einer anklage-
würdigen Tat aufgebaut, die, so der Brief, nicht nur für Priester, sondern für
jeden Christen ein Sakrileg darstelle. Valens’ Handeln wurde auf diese
Weise geschickt so dargestellt, dass es nach den Gesetzen Codex Theodosia-
42
Markschies, Ambrosius von Mailand (Anm. 4) 207f.
43
Tertullian, De corona (als Gesamtwerk); Jacques Fontaine (ed.), Tertullian, Sur la coronne
(Paris 1966)
44
Mathisen, Barbarian Bishops (Anm. 10) 679.
45
Mathisen, Barbarian Bishops (Anm. 10) 679. – Zu Geistlichen in der römischen Armee:
Arnold H.M. Jones, Military Chaplains in the Roman Army. Harvard Theological Re-
view 46, 1953, 239–240.
46
Ambrosius, Epistolae 15 (69),7: Quid de aliis dicimus, qui hoc luxuriam dirivandum putant,ut
calamistratos et torquatos habeant in ministerio, ipsi promissa barba, illos remissa coma.
Ambrosius, Julianus Valens und die „gotische Kleidung“ 59
nus 16,1,1 und 16,2,25 den Tatbestand des sacrilegium erfüllte.
47
Das Tragen
nicht-standesgemäßer Kleidung nach Art der Heiden (more gentilium) war
ein überzeugender Aufhänger dieser Anklage. Als Homöer war Valens für
Ambrosius und die Nizäner in Oberitalien eine Bedrohung, und ganz be-
sonders war dies homöische Propaganda vor dem Heer. 381 hatte sich die
von Ambrosius geförderte nizänische Orthodoxie noch keineswegs endgül-
tig durchgesetzt. Die in Sirmium lebende und homöisch gesinnte Stiefmut-
ter Gratians und leibliche Mutter Valentinians II., Iustina, war noch immer
eine wichtige Stütze der homöischen Strömung, genau wie die wachsende
Macht der Goten mit ihrem Bischof Wulfila († 383).
48
In Ambrosius Ver-
ständnis war ein Gegner der orthodox-katholischen Lehre nicht nur ein
Feind des Christentums, sondern auch des römischen Reiches an sich und
somit barbarenähnlich.
49
Die militärischen Auszeichnungen widerspra-
chen den Regeln der orthodoxen Kirche, die sich als die einzig zu duldende
‚römische‘ Partei empfand und diesen Auftritt durchaus zu einem Fall von
Hochverrat, zum Abfall a more Romano, stilisieren konnte. Es stellt sich da-
her mit Christoph Markschies die Frage, ob Ambrosius in seinen Bemü-
hungen, den Kaiser auf eine dogmatisch einwandfreie Leitlinie festzulegen,
diese „kleine Szene modischer Inkulturation nicht bewusst völlig überinter-
pretiert hat“.
50
Ambrosius traf jedenfalls genau Ton, auf den die Verwaltung reagierte.
Eine Verbindung von Valens mit der drohenden Gotengefahr, nicht zuletzt
durch die Kleidung, machte ihn zum Verräter. Missverständlich war die
Botschaft keinesfalls, auch wenn das Vergehen des Bischofs lediglich darin
bestand, militärische Auszeichnungen getragen zu haben. So schließt der
47
Codex Theodosianus 16,1,1: Impp. Gr[ati]anus, Val[entini]anus et The[o]d[osius] aaa. edictum
ad populum urb[is] Constantinop[olitanae]. Cunctos populos, quos clementiae nostrae regit tempe-
ramentum,in tali volumus religione versari, quam divinum Petrum apostolum tradidisse Romanis
religio usque ad nunc ab ipso insinuata declarat quamque pontificem Damasum sequi claret et
Petrum Alexandriae episcopum virum apostolicae sanctitatis, hoc est, ut secundum apostolicam
disciplinam evangelicamque doctrinam patris et filii et spiritus sancti unam deitatem sub parili mai-
estate et sub pia trinitate credamus. Hanc legem sequentes Christianorum catholicorum nomen iube-
mus amplecti, reliquos vero dementes vesanosque iudicantes haeretici dogmatis infamiam sustinere
nec conciliabula eorum ecclesiarum nomen accipere, divina primum vindicta, post etiam motus nos-
tri, quem ex caelesti arbitrio sumpserimus, ultione plectendos. dat. III kal. mar. Thessal[onicae]
Gr[ati]ano a. V et Theod[osio] a. I conss. – Codex Theodosianus 16, 2, 25: Impp. Gr[ati]anus,
Val[entini]anus et Theod[osius] aaa. Qui divinae legis sactitatem aut nesciendo confundunt aut ne-
glegendo violant et offendunt, sacrilegium committunt. dat. III. kal. mart. Thessal[onicae]
Gr[ati]ano a. V et Theod[osio] a. I conss.
48
Zu Goten als Teil der homöischen Opposition gegen Ambrosius vgl. Heather, Goths and
Romans (Anm. 10) 340–341.
49
Hans von Campenhausen, Lateinische Kirchenväter (
3
Stuttgart u. a. 1960) 89.
50
Markschies, Ambrosius von Mailand (Anm. 4) 137.
60 Philipp von Rummel
Bericht an die Kaiser auch mit dem Appell, dass sie erst nach der Befriedung
der Kirchen mit der Hilfe Gottes ihre vollen Triumphe feiern könnten.
51
Die oben dargestellte Zweifellosigkeit der interdisziplinären Indizien-
kette, die Hals- und Armringe als barbarische Insignien darstellt, muss da-
her bezweifelt werden. Dies gilt auch für Julians Torqueskrönung, die mei-
ner Meinung nach nichts originär Germanisches an sich hat, genau wie für
die Leibwachendarstellungen in der Hofikonographie. Diese Gardisten tru-
gen ihre Halsringe nicht als Anzeiger einer germanischen Herkunft, son-
dern ihres militärischen Ranges innerhalb der römischen Armee. Noch
deutlicher wird das bei den Heiligen Sergius und Bacchus, die als hoch-
rangige Offiziere in der Leibgarde stets mit Halsring dargestellt wurden
(Abb. 5). Es gibt in diesem Fall tatsächlich keinen Grund, warum hier in ir-
gendeiner Weise barbarische Identität ausgedrückt werden sollte.
Auf Bodenfunde darf diese Aussage jedoch nicht ohne weiteres übertra-
gen werden. Dies liegt vor allem daran, dass wir nicht genau wissen, wie die
Hals- und Armringe, die Julianus Valens in Oberitalien trug, ausgesehen ha-
ben. Wie in so vielen anderen Fällen war der Autor des Textes auch hier
nicht daran interessiert, konkrete Informationen zu der Kleidung zu geben.
Zur Mitteilung der entscheidenden Botschaft genügte es offensichtlich, mit
torques und brachialis allgemeine Begriffe in den Raum zu stellen. Die die
moderne Forschung verständlicherweise sehr bewegende Frage nach dem
genauen Aussehen der Stücke war damals nicht von Interesse. So stellt sich
die Frage, ob etwa der ungefähr 25 Jahre nach dem Konzil von Aquileia in
51
Vgl. Speidel, Late Roman Military Decorations I (Anm. 24) 242: „Anti-Arian zeal blinded
Ambrose to the fact that even emperors stood before the Roman army wearing neck- and
wristbands“.
Abb. 4. Fragment eines goldenen Halsrings aus Carnuntum
(nach Speidel, Late Roman Military Decorations I [Anm. 25]
239 Abb. 2)
Ambrosius, Julianus Valens und die „gotische Kleidung“ 61
Abb. 5. Thessaloniki, Agios Demetrios, St. Sergius
(nach Eutychia Kourkoutidou-Nikolaïdou/Anastasia Tourta, Spaziergänge durch
das byzantinische Thessaloniki [Athen 1997] 164 Abb. 192)
62 Philipp von Rummel
dem oberitalienischen Ort Carpignano bei Pavia mit einem Schatzfund
niedergelegte goldene Halsring
52
zu jenen torques zu zählen ist oder nicht.
In der Forschung wird der Träger dieses Halsringes meist als Reiternomade
oder Germane angesprochen, der aus dem mittleren Donauraum stammte.
Als Begründung wird auf die bildlichen Darstellungen der angeblich ger-
manischen Leibwächter verwiesen und auf die hier behandelte Ambrosiuss-
telle. Diese Vergleiche sind jedoch nur bedingt zutreffend, da bei der Inter-
pretation der Schriftquellen wie auch der Bilder auf die germanische
Ansprache der archäologischen Bodenfunde hingewiesen wird und vice versa,
woraus nicht selten veritable Zirkelschlüsse entstehen. Da sowohl Bild- als
auch Schriftquellen jedoch eigentlich keine Argumente liefern, Hals- oder
Armringe als etwas Nicht-römisches anzusehen, scheint die Frage durchaus
berechtigt, ob ein Halsring wie derjenige von Carpignano nicht zu jenen
torques gehört, die in schriftlichen Quellen als Auszeichnungen der spätrö-
mischen Armee überliefert sind.
Da die barbarische Ansprache eines derartigen Bodenfundes über einen
interdisziplinären Interpretationsweg nur schwer zu begründen ist, bleibt
die rein archäologische Interpretation, die sich in diesem Fall vornehmlich
auf Verbreitung ähnlicher Typen und die Entstehungsfrage dieser Verbrei-
tungsmuster stützen muss. Jüngere Arbeiten, die neben den Bodenfunden
auch die bildlichen Quellen in die Analyse einbezogen haben, konnten je-
doch zeigen, dass die im Barbaricum gefundenen Halsringe schon seit der
frühen Kaiserzeit so stark vom Römischen Reich beeinflusst waren, dass
sie, wenn nicht als römische Originale, zumindest als Nachahmungen rö-
mischer Vorbilder angesehen werden müssen.
53
Bei Funden im Barbaricum
ist dabei im Einzelfall natürlich nicht zu klären, in welcher Funktion Hals-
ringe jeweils getragen wurden. Auf dem Boden des römischen Reiches
selbst wäre aber sehr ernsthaft darüber nachzudenken, ob hier eine Verbin-
dung mit den bekannten spätrömischen Kontexten nicht näher liegt als rät-
selhafte Verbindungen ins Barbaricum.
Nachzudenken gilt es dann auch über Funde wie diejenigen von Blu-
cˇina, Apahida, Fürst, Wolfsheim, Pouan und auch über das Childerichgrab.
Spiegeln Hals- und Armringe nicht auch hier gemeinsam mit den schon
lange als römisch erkannten Stücken eher die Ausrüstung eines römischen
52
Volker Bierbrauer, Germanen des 5. und 6. Jahrhunderts in Italien. In: Ricardo Franco-
vich/Ghislaine Noyé (Hrsg.), La Storia dell’Alto Medioevo italiano (VI–X secolo) alla luce
dell’archeologia. Biblioteca di Archeologia Medievale 11 (Florenz 1994) 33–56, hier 38. –
Ein Soldidus aus Ravenna von 404/408 gibt einen terminus post quem zur Datierung.
53
Schmauder, Oberschichtgräber (Anm. 15) Bd. 1, 100–116; Robert Stark, Studien zu den
Schatzfunden von Szilágysomlyó. Beiträge zum edelsteinverzierten Goldschmuck in der
Selbstdarstellung von Eliten spätantiker Gesellschaften, phil. Diss. (München 2000) 204.
Ambrosius, Julianus Valens und die „gotische Kleidung“ 63
Offiziers als den Ausdruck barbarischer oder gar ostgermanischer Identität?
Diese Frage ist besonders in bezug auf die goldenen Kolbenarmringe von
Interesse. Joachim Werner hatte darauf hingewiesen, dass die goldenen
Armringe aus römischem Gold hergestellt worden seien. Kyhlberg und
Schmauder haben das jüngst bestätigt.
54
Wenn damit auch noch nicht
bekannt ist, wo diese Ringe produziert wurden, bestätigt es die Vermutung
von Birgit Arrhenius, Kolbenarmringe könnten auch auf römischem
Reichsgebiet produziert worden sein.
55
Die Verbreitung von Kolbenarmringen weist jedenfalls nicht auf eine
hohe Bedeutung im römischen Reich. Allerdings kann dieses Fundbild täu-
schen, da genau die Regionen erfasst werden, in denen Toten viele Gegen-
stände mit ins Grab gegeben wurden. In der Dumbarton Oaks Collection
in Washington befindet sich ein goldener Kolbenarming aus Syrien, der dar-
auf hinweist, dass die Verbreitungskarte wohl kein Abbild der ehemaligen
Verbreitung ist, sondern eher Grabriten erfasst.
56
Aus dem 6. Jahrhundert
stammt ein Schatzfund des 6. Jahrhunderts aus Mersin in Kilikien, der
ebenfalls zwei Kolbenarmringe enthielt.
57
Es bleibt daher zu hoffen, dass
ein verstärktes Interesse an mediterranen Kleinfunden, das in den letzten
Jahren vor allem von Michel Kazanski, Max Martin oder Dieter Quast an-
geregt wurde, zukünftig auch einen besseren Einblick in diesen Teil der
Sachkultur erlauben wird. Die beiden mediterranen Funde deuten jeden-
falls darauf hin, dass goldene Kolbenarmringe wohl nichts Fremdes in der
spätrömischen Welt waren.
54
Joachim Werner, Der goldene Armring des Frankenkönigs Childerich und die germani-
schen Handgelenkringe der jüngeren Kaiserzeit. Frühmittelalterliche Studien 14, 1980,
1–50, hier 6; Ola Kyhlberg, Late Roman and Byzantine Solidi. An archaeological analysis
of coins and hoards. In: Excavations at Helgö 10: Coins, Iron and Gold (Stockholm 1986)
13–126, hier 71; Schmauder, Oberschichtgräber (Anm. 15) Bd. 1, 94. – Die Gewichtsklas-
sen der Ringen orientierten sich wohl am römischen Unzialsystem: Max Martin, Red-
walds Börse. Gewicht und Gewichtskategorien völkerwanderungszeitlicher Objekte aus
Edelmetall. Frühmittelalterliche Studien 21, 1987, 206–238.
55
Birgit Arrhenius, Connections between Scandinavia and the East Roman Empire in the
Migration Period. In: David Austin/Leslie Alcock (Hrsg.), From the Baltic to the Black
Sea. Studies in Medieval Archaeology = One World Archaeology 18 (London u. a. 1990)
118–137, hier 132.
56
Marvin C. Ross, Jewelry, Enamels and Art of the Migration Period, Catalogue of the By-
zantine and Early Mediaeval Antiquities in the Dumbarton Oaks Collection II (Washing-
ton DC 1965) 136 Nr. 179 G mit Taf. 96 G; Hubert Fehr, Bemerkungen zum völkerwan-
derungszeitlichen Grabfund von Fürst. Berichte der Bayerischen Bodendenkmalpflege 43/
44, 2002/03 (2005) 209–228, hier 225 mit Abb.12.
57
André Grabar, Un medaillon on or provenant de Mersine en Cilicie. Dumbarton Oaks Pa-
pers 6, 1951, 27–49, hier Abb. 2.
64 Philipp von Rummel
Nun aber zusammenfassend noch einmal zurück zu dem Ambrosius-
brief. Wenn es auch unklar bleiben wird, wie Hals- und Armring von Julia-
nus Valens aussahen, ist der Text dennoch wertvoll. Er ist zwar kein Hin-
weis darauf, dass es eine spezifisch gotische Tracht gegeben hat, aber er
zeigt ganz deutlich zwei Dinge: Erstens, die hohe Bedeutung von Kleidung
als Ausdrucksmittel persönlicher Identitäten, und zweitens die hier ganz
bewusst eingesetzte Vielfalt der Wahrnehmungsmöglichkeiten von Klei-
dung. Hinzu kommt die Vielfalt in der modernen Rezeption dieses Textes,
die jeder Textinterpretation eigen ist.
58
Definitive Lösungen kann dieser
Beitrag daher nicht präsentieren. Wenn er jedoch die Diskussion über die
angeschnittenen Fragen anregt, hat er seine Aufgabe erfüllt.
58
Vgl. Umberto Eco, Lector in fabula. Die Mitarbeit der Interpretation in erzählenden Tex-
ten (
3
München 1998).
Ambrosius, Julianus Valens und die „gotische Kleidung“ 65
2. Von der Spätantike zum Frühmittelalter
66 Philipp von Rummel
Germanische Einwanderung oder kulturelle Neuorientierung? 67
Germanische Einwanderung
oder kulturelle Neuorientierung?
Zu den Anfängen des Reihengräberhorizontes
1
Hubert Fehr
Einleitung
Die sogenannten Reihengräberfelder des frühen Mittelalters sind zweifellos
eine der klassischen Quellengattungen der Frühgeschichte Mittel- und
Westeuropas. Sie finden sich in einer weiten Zone an der ehemaligen Peri-
pherie des Römischen Reiches vom nördlichen Frankreich über West- und
Süddeutschland bis nach Oberösterreich. Auffallend sind vor allem ihre –
insgesamt betrachtet – geradezu verschwenderischen Grabausstattungen.
Bemerkenswert ist dabei weniger die Fülle der Beigaben in den reichen
Prunkgräbern der Epoche, die durchaus in anderen Perioden der europäi-
schen Ur- und Frühgeschichte übertroffen wird, als vielmehr die beträcht-
liche gesellschaftliche Breite des Phänomens. Durch wertvolle Grabbeiga-
ben zeichnete sich nicht nur eine Elite aus, sondern weite Teile der
Bevölkerung betrieben hierfür erheblichen Aufwand. Über acht bis zehn
Generationen hinweg waren erstaunlich viele Menschen bereit, für eine
standesgemäße Bestattung der Angehörigen bedeutende Werte zu opfern,
um auf diese Weise bei der Bestattungsfeier ihrem sozialen Umfeld die
eigene gesellschaftliche Stellung vor Augen zu führen.
Das typische Ausstattungsmuster der Reihengräberfelder wurde bereits
vielfach beschrieben und braucht hier nur angedeutet werden: Es folgt in
der Regel einem verhältnismäßig strikten geschlechtsspezifischen Muster.
Männer erhielten nicht selten Waffen mit ins Grab. Neben dem zweischnei-
digen Langschwert, der Spatha, und dem einschneidigen Hiebschwert, dem
1
Beim vorliegenden Beitrag handelt es sich um eine leicht erweiterte und mit Anmerkun-
gen versehene Version des in Freiburg gehaltenen Vortrags. Er fasst thesenhaft einige
Ergebnisse der noch unpublizierten Dissertation des Autors zusammen: Hubert Fehr,
Germanen und Romanen im Merowingerreich. Frühgeschichtliche Archäologie zwischen
Wissenschaft und Zeitgeschichte, phil. Diss. (Freiburg 2003).
Zwischen Spätantike und Frühmittelalter – RGA-E Band 57 – Seiten 67–102
© 2008 Walter de Gruyter · Berlin · New York
1
68 Hubert Fehr
Sax, finden sich Lanzen und Beilwaffen. Abgesehen von Schilden sind wei-
tere Teile der Schutzbewaffnung, besonders Panzer und Helme, selten; et-
was häufiger ist Reitzubehör. Unter dem Kleidungsbestandteilen der Män-
ner sind die Gürtel hervorzuheben, die man vor allem in der jüngeren
Merowingerzeit mit aufwändigen Beschlägen verzierte. Zur Ausstattung
der Frauen gehörte regelmäßig Perlenschmuck, Ohrringe, Gürtelschließen,
nicht selten kostbar gearbeitete Fibeln sowie sogenannte Gürtelgehänge
und Wadenbinden. Beiden Geschlechtern wurden darüber hinaus in regio-
nal unterschiedlicher Häufigkeit Speise- und Trankbeigaben mit ins Grab
gegeben, wobei Gefäße aus Glas und Metall wohlhabenden Personengrup-
pen vorbehalten waren. Nur sehr fragmentarisch blieben in der Regel orga-
nische Ausstattungsteile erhalten, etwa Textilien, aber auch Möbel, Gefäße
und sogar Musikinstrumente aus Holz.
Über den relativen Beigabenreichtum hinaus sind zwei weitere Merkmale
charakteristisch für die Reihengräberfelder: einerseits die kanonische West-
Ost-Ausrichtung der Grabgruben sowie die unverbrannte Beisetzung der To-
ten. Kein notwendiges Kennzeichen stellt dagegen die namengebende Rei-
hung der Gräber dar; der Begriff „Reihengräberfeld“ ist forschungsgeschicht-
lich bedingt und wird lediglich aus pragmatischen Gründen im Sinne eines
Terminus technicus beibehalten.
2
Im Hinblick auf die hier behandelte Fragestellung ist ferner daran zu erin-
nern, dass es sich bei den Reihengräberfeldern um einen Idealtypus (im Sinne
Max Webers) handelt und nicht etwa um ein eindeutig abgrenzbares archäolo-
gisches Phänomen. Dieser Idealtypus ist zwar hervorragend geeignet, eine große
Zahl von Friedhöfen im Gebiet des frühmittelalterlichen Merowingerreichs zu
beschreiben, was auch seine große Popularität in der archäologischen Fachspra-
che erklärt; es ist aber nicht möglich, ihn eindeutig von zeitgleichen ähnlichen
Friedhofstypen abzugrenzen, besonders den weiteren Körpergräberfeldern in
den ehemaligen römischen Nordwest- und Donauprovinzen. Tatsächlich zeigt
sich hier ein Kontinuum von regional, lokal, sozial, alter- und geschlechtsspe-
zifisch variierenden Bestattungsformen mit fließenden Übergängen. Jeder Ver-
such, in diesem Kontinuum scharfe Trennlinien ziehen zu wollen, hieße den
Idealtypus zu überfordern, und muss zwangsläufig weitgehend willkürlich blei-
ben. Entsprechende Versuche wurden nicht vom archäologischen Befund in-
spiriert, sondern beruhen in erster Linie auf der historischen Prämisse eines
grundlegenden kulturellen Antagonismus zwischen Römern und Germanen.
2
Hermann H. Ament, s. v. Reihengräberfriedhöfe. In: Reallexikon der Germanischen
Altertumskunde
2
24 (Berlin, New York 2003) 362–365, bes. 362; vgl. ders., s. v. Franken §
Archäologisches. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde
2
9 (Berlin, New York
1995) 387–414, hier 393f.
Germanische Einwanderung oder kulturelle Neuorientierung? 69
Konträre Positionen zu den Anfängen der Reihengräberfelder
Während die typologische und chronologische Ordnung des enormen
Materials, das aus Zehntausenden von Reihengräbern geborgen wurde, in-
zwischen weit fortgeschritten ist, scheiden sich bei der Frage, welche Be-
völkerungsgruppen sie hinterlassen haben, bereits seit Langem die Geister.
Etwas vereinfacht gesprochen, stehen sich hier seit vielen Jahrzehnten zwei
konträre Auffassungen gegenüber.
3
Aus forschungsgeschichtlicher Perspek-
tive könnte man diese als eine traditionelle mitteleuropäische Position einer-
seits sowie eine ursprünglich westeuropäische Position andererseits bezeich-
nen.
Die archäologische Forschung des deutschsprachigen Raums in Mittel-
europa interpretierte die Reihengräberfelder lange Zeit ausgehend von der
These eines strikten germanisch-römischen Dualismus, der unter anderem
sowohl die Sachkultur geprägt habe als auch Bauformen, die Kleidung der
Menschen und ihre Bestattungspraktiken. Dieser Position zufolge stellten
die Reihengräberfelder mit typischen Grabausstattungen im Wesentlichen
ein germanisches Phänomen dar. Durch Männergräber mit Hiebwaffen und
Bestattungen von Frauen mit mehrteiliger Fibelausstattung, insbeson-
dere der frühmerowingischen Vierfibelkleidung, würden diese Gräberfelder
als „germanisch“ ausgewiesen.
Davon zu unterscheiden seien die Bestattungen der Nachfahren der rö-
mischen Provinzialbevölkerung, die ungeachtet ihrer kulturellen Heteroge-
nität und unterschiedlichen Herkunft von der deutschsprachigen For-
schung traditionell unter der problematischen Bezeichnung Romanen
zusammengefasst werden.
4
Im archäologischen Befund seien diese vor al-
lem negativ zu fassen, d. h. durch das Fehlen der wichtigsten statusindizie-
renden Beigabengruppen in den Gräbern. Demnach habe die „romani-
sche“ Bevölkerung ihren Toten niemals Hiebwaffen, besonders Spathas,
mitgegeben, wie auch ihre Frauen keine Kleidung mit reichem Fibel-
3
Vgl. hierzu bereits Hubert Fehr, Volkstum as Paradigm: Germanic People and Gallo-Ro-
mans in Early Medieval Archaeolgy since the 1930s. In: On Barbarian Identity. Critical
Approaches to Ethnicity in the Early Middle Ages, ed. Andrew Gillett. Studies in the Early
Middle Ages 4 (Turnhout 2002) 177–200, hier 198f.; ders., Die archäologische Westfor-
schung und das Problem der germanischen Besiedlung Galliens. In: Historische West- und
Ostforschung in Zentraleuropa zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. Ver-
flechtung und Vergleich, hrsg. Matthias Middell/Ulrike Sommer. Geschichtswissenschaft
und Geschichtskultur im 20. Jahrhundert 5 (Leipzig 2004) 29–53, bes. 32f.; 49–53; aus-
führlich: Fehr, Germanen und Romanen (Anm. 1).
4
Vgl. etwa Volker Bierbrauer, s. v. Romanen. In: Reallexikon der Germanischen Altertums-
kunde
2
25 (Berlin, New York 2003) 210–242, bes. 211.
70 Hubert Fehr
schmuck, insbesondere Bügelfibeln, trugen.
5
Ausgehend von diesem
Modell wird, neben den germanischen Hauptakteuren der Geschichte, der
fortlebenden römischen Bevölkerung im Hauptverbreitungsgebiet der Rei-
hengräberfelder die Rolle einer „vergessenen Minderheit“ zugewiesen, im
gesamten Merowingerreich allenfalls die einer „schweigenden Mehrheit“.
6
Seine wichtigste Wurzel hat dieses Modell in den Arbeiten des Münch-
ner Archäologen Hans Zeiß aus den 1930er und frühen 1940er Jahren.
7
In
jüngerer Zeit wurde zwar versucht, es begrifflich zu modernisieren, indem
man die Existenz zweier antagonistischer „Totenrituale“
8
bzw. „Kultur-
modelle“
9
konstatierte; dabei handelt es sich aber im Wesentlichen lediglich
um Neubenennungen der von Zeiss aufgestellten Kriterien, ohne diese
nochmals unabhängig davon plausibel zu begründen. Hervorzuheben ist
vor allem die Tatsache, dass die beiden „Rituale“ bzw. „Modelle“ keineswegs
induktiv aus dem archäologischen Befund hergeleitet wurden. Vielmehr
setzte man sie in den betreffenden Arbeiten – ausgehend von einem entspre-
chenden Geschichtsbild – von Anfang an als modellhafte Prämisse voraus.
5
Vgl. etwa Hermann Ament, Franken und Romanen im Merowingerreich als archäologisches
Forschungsproblem. Bonner Jahrbücher 178, 1978, 377–394; ders., Francs et Romans entre
Rhin et Seine au 6
ème
et 7
ème
siècle. Bulletin de Liaison, Association française d’Archéologie
mérovingienne 2, 1980, 59–85; ders., Romanen an Rhein und Mosel. Archäologische Bemü-
hungen um ihren Nachweis. Bonner Jahrbücher 192, 1992, 261–271; Volker Bierbrauer, Ro-
manen im fränkischen Siedelgebiet. In: Die Franken. Wegbereiter Europas (Mainz 1996)
110–120; Alexander Koch, Bügelfibeln der Merowingerzeit im westlichen Frankenreich 1–2.
Monographien des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz 41 (Mainz 1998) bes.
Band 2, 565–579; Ursula Koch, Stätten der Totenruhe. Grabformen und Bestattungssitten
der Franken. In: Die Franken. Wegbereiter Europas (Mainz 1996) 723–737; Frauke Stein,
Franken und Romanen in Lothringen. In: Studien zur vor- und frühgeschichtlichen Archäo-
logie. Festschrift Joachim Werner, hrsg. Georg Kossack/Thilo Ulbert (München 1974)
579–589; dies., Die Bevölkerung des Saar-Mosel-Raumes am Übergang von der Antike zum
Mittelalter. Überlegungen zum Kontinuitätsproblem aus archäologischer Sicht. Archaeolo-
gia Mosellana 1, 1989, 89–195; dies., Kulturelle Ausgleichsprozesse zwischen Franken und
Romanen im 7. Jahrhundert. Eine archäologische Untersuchung zu den Verhaltensweisen
der Bestattungsgemeinschaft von Rency/Renzig bei Audun-le-Tiche in Lothringen. In: Ak-
kulturation. Probleme einer germanisch-romanischen Kultursynthese in Spätantike und frü-
hem Mittelalter, hrsg. Dieter Hägermann. Reallexikon der germanischen Altertumskunde,
Ergänzungsband 41 (Berlin, New York 2004) 274–310, bes. 275f.
6
Arno Rettner, Eine vergessene Minderheit. In: Die Völkerwanderung. Europa zwischen
Antike und Mittelalter, hrsg. Matthias Knaut/Dieter Quast. Archäologie in Deutschland,
Sonderheft 2005 (Stuttgart 2005) 67–71.
7
Vgl. dazu ausführlich: Hubert Fehr, Hans Zeiss, Joachim Werner und die archäologischen
Forschungen zur Merowingerzeit. In: Eine hervorragend nationale Wissenschaft. Deutsche
Prähistoriker zwischen 1990 und 1995, hrsg. Heiko Steuer. Reallexikon der Germanischen
Altertumskunde, Ergänzungsband 29 (Berlin, New York 2001) 311–415, bes. 370–390.
8
Stein, Bevölkerung (Anm. 5) 162f.; dies., Ausgleichsprozesse (Anm. 5) bes. 274 mit
Anm. 1.
9
Bierbrauer, Romanen (Anm. 5) 110–113.
Germanische Einwanderung oder kulturelle Neuorientierung? 71
Überzeugt von ihrem grundsätzlich germanischen Charakter sah die
Forschung des deutschsprachigen Raums die typischen beigabenführenden
Reihengräberfelder als Hinterlassenschaften bestimmter frühmittelalter-
licher gentes an, besonders der Franken, Alemannen und Bajuwaren. Ob-
wohl die schriftlichen Quellen genau genommen bei keiner dieser Grup-
pen eine Einwanderung in das Reihengräbergebiet überliefern, ging man
davon aus, sie hätten sich während der Völkerwanderungszeit auf ehemals
römischem Boden niedergelassen, und zwar entweder im Zuge einer soge-
nannten „Landnahme“
10
zu Beginn der Merowingerzeit oder aber durch
einen länger andauernden Infiltrationsprozess.
In der westeuropäischen Forschung wird diese Sichtweise nun seit vielen
Jahrzehnten immer wieder grundsätzlich bestritten, wobei sich die Debatte
an der Interpretation der Gräberfelder mit Waffen und Fibeln im heutigen
Frankreich und Belgien entzündete. Im Gegensatz zur mitteleuropäischen
Reihengräberforschung, die diese Friedhöfe im Wesentlichen Angehörigen
einer „germanisch-fränkischen Nationalität“
11
zuschreibt, vertraten Ge-
lehrte in Belgien,
12
Frankreich
13
und in den letzten Jahren verstärkt auch in
Großbritannien
14
und Nordamerika
15
wiederholt die Ansicht, dieses Phä-
10
Zu diesem gleichfalls äußerst problematischen Begriff vgl. Richard Corradini, s. v. Land-
nahme. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde
2
17 (Berlin, New York 2004)
602–611.
11
Ament, Franken (Anm. 5) 395.
12
Vgl. Sigfried De Laet/Jan Dhondt/Jacques Nenquin, Les Laeti du Namurois et l’origine de
la Civilisation mérovingienne. In: Études d’Histoire et d’Archéologie Namuroise dédiées
à Ferdinand Courtoy 1 (Namur 1952) 149–172; Sigfried De Laet, s. v. Belgien § Vorgeschi-
che, Frühgeschichte. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde
2
2 (Berlin, New
York 1976) 213–232, bes. 226.
13
Vgl. Patrick Périn, A propos des publications étrangères récentes concernant le peuple-
ment en Gaule à l’époque mérovingienne. La „question franque“. Francia 8, 1980,
537–552; Françoise Vallet, Regards critiques sur les témoins archéologiques des Francs en
Gaule du Nord à l’époque de Childeric et de Clovis. Antiquités Nationales 29, 1997,
219–244.
14
Vgl. Edward James, Cemeteries and the Problem of Frankish Settlement in Gaul. In: Na-
mes, Words, and Graves. Early Medieval Settlement. Lectures delivered in the University
of Leeds, May 1978, ed. Peter Sawyer (Leeds 1979) 55–89; Guy Halsall, The origins of the
Reihengräberzivilisation. Forty years on. In: Fifth-century Gaul. A crisis of identity?, ed.
John Drinkwater/Hugh Elton (Cambridge 1992) 196–207; ders., Archaeology and the Late
Roman Frontier in Northern Gaul. The so-called „Föderatengräber“ reconsidered. In:
Grenze und Differenz im frühen Mittelalter, hrsg. Walter Pohl/Helmut Reimitz. Denk-
schriften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, philosophisch-historische
Klasse, 287 (Wien 2000) 167–180.
15
Bailey K. Young, Le problème franc et l’apport des pratiques funéraires (III
e
–V
e
siècles).
Bulletin de Liaison, Association française d’Archéologie mérovingienne 3, 1980, 4–18;
Bonnie Effros, Merovingian Mortuary Archaeology and the Making of the Early Middle
Ages (Berkeley 2003) bes. 193–196.
72 Hubert Fehr
nomen sei ethnisch nicht gebunden und deshalb nicht als Niederschlag
einer Ansiedlung germanischer Gruppen zu erklären. Zur Formulierung
eines umfassenden alternativen Modells zur Entstehung des Reihengräber-
horizontes kam es bislang jedoch nicht, was sicher ein Hauptgrund war,
weshalb sich die teils nur allzu berechtigte Kritik nicht umfassend durch-
setzte bzw. die traditionelle „germanische“ Interpretation trotz dürftiger
Begründung weiter vertreten wurde.
Ungeachtet einiger sehr pointiert vorgetragener Stellungnahmen entwickelte
sich aus diesem grundlegenden Dissens über den ethnischen Charakter der
Reihengräberfelder bemerkenswerterweise keine Diskussion, die der fach-
lichen Bedeutung der Problematik angemessen wäre. Vielmehr stehen sich
die konträren Positionen seit Langem nahezu unverändert gegenüber. Be-
sonders in der deutschsprachigen Forschung fällt die Tendenz auf, die
gegenteilige Meinung zu marginalisieren oder ganz zu verdrängen.
16
Eine
Ausnahme bildete etwa Hermann Aments Stichwort „Franken“ im Lexikon
des Mittelalters, das die gegensätzlichen Standpunkte exemplarisch aufzeigt:
Ament argumentiert hier, dass sich anhand des Vorkommens von Waffen
und Kleidung mit mehreren Fibeln das fränkische Siedlungsgebiet in Frank-
reich klar abgrenzen ließe. Dem gegenüber bestreite aber insbesondere die
französische Forschung sowohl die ethnische Aussagekraft der genannten
Kriterien als auch den daraus folgernden Schluss, die beigabenführenden
Reihengräberfelder seien der Niederschlag einer massiven Zuwanderung
aus der Germania.
17
Bemerkungen zur Forschungsgeschichte
Die forschungsgeschichtlichen Wurzeln dieser konträren Positionen rei-
chen bis in das 19. Jahrhundert zurück. Ihre Entstehung und Entwicklung
wurde entscheidend von den sich wandelnden politischen Rahmenbedin-
16
Eine etwas selektive Auseinandersetzung mit der Argumentation Périns (Périn, Publica-
tions [Anm. 13]) findet sich bei Stein, Bevölkerungsverhältnisse (Anm. 5) bes. 161–163,
eine ebenfalls selektive Forschungsgeschichte bei Stein, Ausgleichsprozesse (Anm. 5)
277–284. – Positiv hervorzuheben ist allerdings Steins Zurückweisung der problemati-
schen anthropologischen Argumente, die in der Kritik Périns eine große Bedeutung besa-
ßen: Stein, Bevölkerungsverhältnisse (Anm. 5) 161 mit Anm. 455. – Zur Kritik an dieser
Argumentationsweise, die in der französischen Forschung während der 1980er Jahre recht
verbreitet war, vgl. Effros, Mortuary Archaeology (Anm. 15) 106f.; 147–149.
17
Hermann Ament, s. v. Franken, Frankenreich. In: Lexikon des Mittelalters 4 (München
1989) 689–693, hier 692.
Germanische Einwanderung oder kulturelle Neuorientierung? 73
gungen geprägt. Vor allem zwei Faktoren spiegeln sich in den archäologi-
schen Interpretationen wider: Einerseits die jeweilige historische Rolle, die
den frühmittelalterlichen gentes innerhalb der eigenen Nationalgeschichte
zugeschrieben wurde, sowie andererseits das politische Verhältnis zu den
Nachbarstaaten. Zumindest mittelbar lassen sich an den verschiedenen In-
terpretationen des Reihengräberhorizontes die Wandlungen des politi-
schen Verhältnisses zwischen Deutschland und seinen westeuropäischen
Nachbarstaaten in den vergangenen 150 Jahren ablesen, und zwar ein-
schließlich der besonders düsteren Kapitel zwischen dem Ausbruch des
Ersten und dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
Die betreffenden Entwicklungen werden an anderer Stelle ausführlich
dargestellt,
18
weshalb hier einige Kernpunkte genügen, die meines Erach-
tens den Schlüssel zum Verständnis des geschilderten Dissenses bilden: Im
deutschsprachigen Raum entwickelte sich die Frühmittelalterarchäologie
nach dem Ende des Ersten Weltkriegs allmählich zu einem Forschungs-
schwerpunkt, im Gefolge der akademischen Institutionalisierung des Fachs
nach 1933 zudem zu einer eigenständigen Subdisziplin der Ur- und Früh-
geschichtswissenschaft. In dieser „Gründerzeit“ der neueren Frühmittelal-
terarchäologie zwischen 1918 und 1945 wurden viele Interpretationen ent-
wickelt, die die Frühmittelalterforschung zum Teil bis heute erheblich
beeinflussen.
19
Wirkungsmächtig war vor allem die Tatsache, dass der Auf-
schwung der Frühmittelalterarchäologie in Deutschland nach 1918 gera-
dezu paradigmatisch auf der Überzeugung beruhte, mit den Reihengräber-
feldern die spezifischen Hinterlassenschaften der eigenen germanischen
Vorfahren zu fassen. Die meisten mitteleuropäischen Archäologen dieser
Generation waren deshalb nur wenig geneigt, die Möglichkeit in Betracht
zu ziehen, dass etwaige Zuwanderer aus der Germania und die Nachfahren
der römischen Provinzialbevölkerung ihre Toten auf so ähnliche Weise be-
statteten, dass sie nicht voneinander zu unterscheiden sind.
Die Notwendigkeit einer erneuten Diskussion
Nicht nur diese teils bis heute nicht vollständig bewältigten forschungsge-
schichtlichen „Altlasten“ legen nahe, sich erneut mit der Frage zu beschäf-
tigen, ob der Beginn der Reihengräberfelder tatsächlich ursächlich auf eine
Einwanderung von Germanen zurückzuführen ist. Auch die Fortschritte
18
Fehr, Germanen und Romanen (Anm. 1).
19
Fehr, Zeiss und Werner (Anm. 7); ders., Volkstum (Anm. 3); ders., Germanische Besied-
lung (Anm. 3).
74 Hubert Fehr
der archäologischen und historischen Forschung in den letzten Jahrzehn-
ten machen dies dringend erforderlich. Nachdenklich sollten etwa die be-
treffenden Widersprüche zwischen der traditionellen historischen Interpre-
tation und dem eigentlichen archäologischem Befund stimmen. Anlässlich
der Entdeckung der Gräberfelder von Bittenbrunn
20
und Altenerding
21
etwa wurde vor mehreren Jahrzehnten deutlich, dass die Reihengräberfel-
der in Altbayern bereits in der Mitte des 5. Jahrhunderts, rund 100 Jahre vor
der ersten Erwähnung der Bajuwaren, einsetzten,
22
d. h. in einem Zeitraum,
für den die Schriftquellen hier eine zwar bedrängte, aber durchaus intakte
römische Gesellschaft überliefern. Am geographisch anderen Ende des Ver-
breitungsgebiets der Reihengräberfelder, im Nordwesten Frankreichs, fin-
den sich – wie Françoise Vallet herausarbeitete – die frühesten Reihengrä-
berfunde dagegen in einem Gebiet, das zu dieser Zeit wohl noch zum
Herrschaftsbereich des römischen Militärbefehlshabers Syagrius gehörte.
23
Ferner zwingt die in den letzten Jahren fortschreitende Dekonstruktion
des „Germanischen“ im frühen Mittelalter durch die Geschichtswissenschaft
auch die Frühmittelalterarchäologie, ihr Germanen-Konzept grundsätzlich
auf den Prüfstand zu stellen. Bereits vor einiger Zeit wies der Historiker Ha-
gen Keller in diesem Zusammenhang darauf hin, dass einerseits das Auf-
kommen der Reihengräberfelder zweifellos ein großes Potential für die Er-
kenntnis von Strukturveränderungen während des 5. Jahrhunderts bietet;
andererseits sei aber die archäologische Forschung angesichts der sehr weit-
gehenden Relativierung der älteren Volkstums- und Landnahmekonzepte
durch die historische Forschung bislang eine systematische und kritische
Rechenschaft über ihre bisherigen Interpretationen schuldig geblieben.
24
Vor allem den vermeintlichen germanisch-romanischen Antagonismus im
Frühmittelalter, den die mitteleuropäische Forschung bei ihren Interpre-
tationen traditionell zugrunde legte, hat die historische Forschung längst
20
Rainer Christlein, Ausgrabung eines Gräberfeldes des 5. bis 7. Jahrhunderts bei Bitten-
brunn, Ldkr. Neuburg a. d. Donau. Jahresbericht der Bayerischen Bodendenkmal-
pflege 8/9, 1967/68, 87–103.
21
Walter Sage, Gräber der älteren Merowingerzeit aus Altenerding, Lkr. Erding (Oberbay-
ern). Bericht der Römisch-Germanischen Kommission 54, 1973 (1974) 212–289.
22
Hubert Fehr, In Reih und Glied? Frühmittelalterliche Gräber und ihre Deutung. In: Ar-
chäologie in Bayern. Fenster zur Vergangenheit (Regensburg 2006) 249–257.
23
Vallet (Anm. 13).
24
Hagen Keller, Strukturveränderungen in der westgermanischen Welt am Vorabend der
fränkischen Großreichsbildung. Fragen, Suchbilder, Hypothesen. In: Die Franken und die
Alemannen bis zur „Schlacht bei Zülpich“ (496/97), hrsg. Dieter Geuenich. Reallexikon
der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 19 (Berlin, New York 1998) 581–607,
hier 588.
Germanische Einwanderung oder kulturelle Neuorientierung? 75
hinter sich gelassen.
25
Mittlerweile gilt dieser eher als Erkenntnishindernis
denn als brauchbare Basis für die weitere Forschung. Wie der Historiker
Walter Pohl in diesem Zusammenhang betont, verdecken gerade solche gro-
ßen Gegensatzpaare viel zu leicht den Blick auf eine vielfältigere Realität.
26
Vorläufiger Höhepunkt der kritischen Auseinandersetzung mit dem Ger-
manenbegriff der Frühgeschichtsforschung ist das kürzlich erschienene,
wohlbegründete Plädoyer des Historikers Jörg Jarnut, das „Germanische“ als
obsoleten Zentralbegriff der Frühmittelalterforschung außerhalb der Sprach-
wissenschaft ganz abzuschaffen.
27
Die Dringlichkeit einer solchen Ausein-
andersetzung verstärkt sich noch, wenn man berücksichtigt, dass die Argu-
mente, die Jarnut gegen eine weitere Verwendung des Germanenbegriffs in
der Frühmittelalterforschung anführt, mindestens in gleichem, wenn nicht
sogar in noch stärkerem Maße für die sogenannten „Romanen“ gelten.
Wie germanisch sind die frühmittelalterlichen
Reihengräberfelder?
Ich kehre zu den Anfängen des Reihengräberhorizontes zurück. Letztlich
lässt sich der Kern des eingangs skizzierten Dissenses auf zwei Fragen zu-
spitzen. 1. Sind die typischen Reihengräberfelder tatsächlich germanischen
Ursprungs, d. h. lassen sich ihre Merkmale aus der Germania herleiten?
2. Wenn ja, blieb diese Bestattungsweise während der Merowingerzeit so
lange auf Germanen beschränkt, dass die Reihengräberfelder sinnvoll zur
Rekonstruktion germanischer Besiedlung herangezogen werden können?
Wie die Debatten der letzten Jahre gezeigt haben, sind entsprechende
Fragen nicht immer einfach zu diskutieren. Hier spielen Grundüberzeu-
gungen eine Rolle, die weit tiefer verwurzelt sind als übliche fachliche Posi-
tionen.
28
Im Hinblick auf die zweite Frage etwa schien es in der Vergangen-
heit vielfach gar nicht notwendig zu begründen, weshalb ursprünglich
25
Vgl. etwa Giuseppe Albertoni, Germanen und Romanen als geschichtswissenschaftliche
Frage. In: Romanen & Germanen im Herzen der Alpen zwischen 5. und 8. Jahrhundert
(Bozen 2005) 17–27.
26
Walter Pohl, Die Völkerwanderung. Eroberung und Integration (Stuttgart 2002) 220.
27
Jörg Jarnut, Germanisch. Plädoyer für die Abschaffung eines obsoleten Zentralbegriffes
der Frühmittelalterforschung. In: Die Suche nach den Ursprüngen. Von der Bedeutung
des frühen Mittelalters, hrsg. Walter Pohl. Denkschriften der Österreichischen Akademie
der Wissenschaften, philosophisch-historische Klasse 322 (Wien 2004) 107–113.
28
Vgl. etwa Volker Bierbrauer, Zur ethnischen Interpretation in der Frühgeschichtlichen
Archäologie. In: Die Suche nach den Ursprüngen. Von der Bedeutung des frühen Mittel-
alters, hrsg. Walter Pohl. Denkschriften der Österreichischen Akademie der Wissenschaf-
ten, philosophisch-historische Klasse 322 (Wien 2004) 45–84.
76 Hubert Fehr
„germanisches“ oder ursprünglich „römisches“ nie oder allenfalls als End-
ergebnis eines lange andauernden sogenannten „Akkulturationsprozes-
ses“
29
von der jeweils anderen Bevölkerungsgruppe übernommen wurde.
Hier rührt man an den Kern des ethnischen Paradigmas in der Früh-
geschichtlichen Archäologie, nämlich die Überzeugung, dass bestimmte
Techniken und Formen, etwa im Hausbau oder bei der Keramikherstel-
lung, bzw. bestimmte archäologisch beobachtbare Verhaltensweisen, wie
Bestattungspraktiken oder die Art sich zu kleiden, in erster Linie von eth-
nischen Traditionen geprägt und deshalb nur langsam veränderlich seien.
30
Diese generelle Problematik scheint auch in den weiteren Beiträgen die-
ses Bandes immer wieder auf und muss hier nicht grundsätzlich diskutiert
werden. Statt dessen werde ich mich im Folgenden vor allem mit der ersten
Frage auseinandersetzen; denn erst gilt es diese zu beantworten, bevor
deutlich wird, ob es notwendig ist, den zweiten Punkt in Bezug auf die hier
behandelte Problematik weiter zu diskutieren.
Angesichts der bereits skizzierten fortgeschrittenen Dekonstruktion des
„Germanischen“ im Frühmittelalter im kulturellen oder ethnischen Sinne
31
ist die Frage nach dem germanischen Charakter der Reihengräberfelder le-
diglich in Bezug auf die Germania als geographische Größe sinnvoll zu dis-
kutieren. Welche charakteristischen Züge der Reihengräberfelder haben
ihre Wurzeln in der Germania und sind diese Beziehungen insgesamt so do-
minant, dass es gerechtfertigt ist, das Gesamtphänomen als „germanisch“
zu bezeichnen?
Welche Merkmale hier zu diskutieren sind, ist – wie bereits angedeutet –
weitgehend unstrittig. Folgt man der eingangs skizzierten, gängigen Defini-
tion,
32
so handelt es sich um 1. die Körperbestattung, 2. die Orientierung,
29
Volker Bierbrauer, Frühgeschichtliche Akkulturationsprozesse in den germanischen Staa-
ten am Mittelmeer (Westgoten, Ostgoten, Langobarden) aus Sicht des Archäologen.
In: Atti del 6° Congresso internazionale di studi sull’alto medioevo (Spoleto 1980)
89–105; Hägermann (Hrsg.), Akkulturation (Anm. 5). – Zur Problematik des für diese
Fragestellung letztlich ungeeigneten Akkulturationsbegriffs: Ulrich Gotter, „Akkultura-
tion“ als Methodenproblem der historischen Wissenschaft. In: Wir, ihr, sie. Identität und
Alterität in Theorie und Methode, hrsg. Wolfgang Eßbach. Identitäten und Alteritäten 2
(Würzburg 2000) 373–406.
30
Vgl. dazu Sebastian Brather, Ethnische Interpretationen in der frühgeschichtlichen Ar-
chäologie. Geschichte, Grundlagen, Alternativen. Reallexikon der Germanischen Alter-
tumskunde, Ergänzungsband 42 (Berlin, New York 2004) 159–322.
31
Jarnut, Germanisch (Anm. 27); Matthias Springer, Zu den begrifflichen Grundlagen der
Germanenforschung. Abhandlungen und Berichte des Staatlichen Museums für Völker-
kunde Dresden 44, 1990, 169–177.
32
Anm. 2.
Germanische Einwanderung oder kulturelle Neuorientierung? 77
3. die Beigabe von Hiebwaffen, besonders Spathas, in den Männergräbern
sowie 4. die Beisetzung der Frauen in fibelgeschmückter Kleidung (Abb. 1).
Die Körperbestattung
Über die Herkunft der Körperbestattung zeichnet sich in der archäologi-
schen Forschung mittlerweile ein Konsens ab: Ganz überwiegend herrscht
gegenwärtig die Auffassung vor, die unverbrannte Bestattungsweise in den
Reihengräberfeldern sei ein römisches Erbe.
33
Bereits im 2. Jahrhundert
breitete sich im Römischen Reich die Körperbestattung aus dem ostme-
diterranen Gebiet allmählich nach Westen aus. Im Laufe des 3. Jahrhun-
derts verdrängte sie die hier zuvor üblichen Brandbestattungen. Auch am
Rhein wurden nach 300 kaum noch Brandbestattungen durchgeführt.
34
Die Hintergründe dieses grundlegenden Wandels im Bestattungswesen,
von dem die zeitgenössischen Schriftquellen bemerkenswerterweise keine
33
Ebenda, 364.
34
Wolfgang Czysz, Das zivile Leben in der Provinz. In: Die Römer in Bayern, hrsg. ders.
u. a. (Stuttgart 1995) 177–308, hier 297; Heinz-Günter Horn, Das Leben im Römischen
Rheinland. In: Die Römer in Nordrhein-Westfalen, hrsg. ders. (Stuttgart 1987) 139–317,
hier 300; André van Doorselaer, Les nécropoles d’époque romaine en Gaule septentrio-
nale. Dissertationes Archaeologicae Gandenses 10 (Brügge 1967) 59f.
Abb. 1. Der Idealtypus „Reihengräberfeld“
78 Hubert Fehr
Notiz nahmen, sind letztlich nicht geklärt.
35
Am plausibelsten handelt es
sich wohl um einen Teil einer allgemeinen Tendenz der Homogenisierung
der Bestattungspraktiken, die während des dritten Jahrhunderts im gesam-
ten Römischen Reich festzustellen ist, und bei der es sich möglicherweise
um eine kulturelle Reaktion auf die Krise des Reiches in jener Zeit handelt.
36
Am ehesten im römischen Milieu liegen auch die Wurzeln der Körperbe-
stattung der sogenannten „Laeten-“ oder „Foederatengräber“
37
des 4. und frü-
hen 5. Jahrhunderts. In den mutmaßlichen Herkunftsgebieten der germani-
schen Zuwanderer zwischen Rhein und Elbe herrschte dagegen ganz
überwiegend die Brandbestattung vor. Körpergräber kommen in den frag-
lichen Gebieten der Germania nur regional vereinzelt vor. Diese stehen nach
gegenwärtigem Forschungsstand gleichfalls im dringenden Verdacht, von rö-
mischen Vorbildern angeregt worden zu sein.
37a
Im Elbe-Weser-Dreieck fin-
den sich auf birituell belegten Gräberfeldern auch Körperbestattungen; diese
werden jedoch auf die Adaption römischer Einflüsse zurückgeführt.
38
Auch
die Körperbestattungen im südlichen Teil des sogenannten „elbgermani-
35
Grundlegend zu diesem Phänomen bereits: Arthur D. Nock, Cremation and Burial in the
Roman Empire. Harvard Theological Review 25, 1932, 321–359. – Vgl. auch Andrea Fa-
ber/Peter Fasold/Manuela Struck/Marion Witteyer, Einleitung. In: Körpergräber des 1.–3.
Jahrhunderts in der römischen Welt, hrsg. dies. Schriften des archäologischen Museums
Frankfurt/M. 21 (Frankfurt/M. 2007) 11–16.
36
Ian Morris, Death ritual and social structure in Classical Antiquity (Cambridge 1992)
31–69, bes. 33.
37
Auch hierbei handelt es sich um einen forschungsgeschichtlich bedingten terminus techni-
cus für nordgallische Körpergräber mit Waffen und Fibeln. Archäologisch ist ein Zusam-
menhang mit den historisch überlieferten „Laeten“ bzw. „Foederaten“ nicht zu belegen:
Heiko Steuer, s. v. foederati § Archäologisches. In: Reallexikon der Germanischen Alter-
tumskunde
2
9 (Berlin, New York 1995) 300f., hier 300; Horst Wolfgang Böhme, s. v. Lae-
ten und Laetengräber § 2. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde
2
17 (Berlin,
New York 2001) 584–588, hier 584 f; aus historischer Sicht wird ein Zusammenhang etwa
zu den Laeten mittlerweile geradezu ausgeschlossen: Helmut Castritius, Laeten und Lae-
tengräber § Historisches. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde
2
17 (Berlin,
New York 2001) 580–584, bes. 584. – Zur Problematik des historischen Foederatenbegriffs:
Ralf Scharf, Foederati. Von der völkerrechtlichen Kategorie zur byzantinischen Truppen-
gattung. Tyche, Supplementband 4 (Wien 2001).
37a
Jan Bemmann/Hans-Ullrich Voß, Anmerkungen zur Körpergrabsitte in den Regionen
zwischen Rhein und Oder vom 1. bis zur Mitte des 5. Jahrhunderts n. Chr. In: Faber u. a.,
Körpergräber (Anm. 35) 153–183, hier 159–162.
38
Jan Bemmann, Körpergräber der jüngeren Römischen Kaiserzeit und Völkerwanderungs-
zeit aus Schleswig-Holstein. Zum Aufkommen einer neuen Bestattungssitte im überregio-
nalen Vergleich. Studien zur Sachsenforschung 13, 1999, 5–45, bes. 22; Jörg Kleemann,
Zum Aufkommen der Körperbestattung in Niedersachsen. Studien zur Sachsenfor-
schung 13, 1999, 253–262, bes. 259; Matthias D. Schön, Gräber und Siedlungen bei
Otterndorf-Westerwörden, Landkreis Cuxhaven. Probleme der Küstenforschung im süd-
lichen Nordseegebiet 26, 1999, 123–208.
Germanische Einwanderung oder kulturelle Neuorientierung? 79
schen“ Kreises einschließlich der Prunkgräber des Typs Haßleben-Leuna
sind Jan Bemmann zufolge eher von römischen Vorbildern herzuleiten als
von den älteren Körpergräbern des Lübsow-Typs.
39
Auch die Ausbreitung der
Körperbestattung in den Gebieten östlich der unteren Saale und Weißen Els-
ter im 4. Jahrhundert führt Bemmann auf römischen Einfluss zurück.
40
Insgesamt sind also für eine Herkunft der Körperbestattung in den früh-
mittelalterlichen Reihengräberfeldern aus der Germania kaum tragfähige
Indizien zu beschaffen, während einer Herkunft aus dem spätrömischen
Milieu nichts widerspricht.
Die West-Ost-Ausrichtung
Nach dem gerade über die Körperbestattung gesagten versteht sich fast von
selbst, dass auch die Herkunft der Orientierung im römischen Bereich zu
suchen ist, denn bei Grabgruben für Brandbestattungen, wie sie in der kai-
serzeitlichen Germania vorherrschten, besteht keine Notwendigkeit, sie zu
orientieren.
Bereits in der Spätantike war es auf manchen römischen Friedhöfen üb-
lich, die Gräber entlang einer West-Ost-Achse auszurichten, d. h. die Toten
wurden mit dem Kopf im Westen niederlegt, so dass ihr Gesicht nach
Osten blickte. Daneben finden sich auf spätantiken Gräberfeldern nicht
selten Bestattungen, die entlang einer Nord-Süd-Achse ausgerichtet waren,
wie in Krefeld-Gellep, wo in spätrömischer Zeit zunächst überwiegend
Süd-Nord-orientierte Gräber angelegt wurden, bevor man in der zweiten
Hälfte des 4. Jahrhunderts mehrheitlich zur West-Ost-Orientierung über-
ging.
41
Eine feste Regel zur Ausrichtung der Grabgruben gab es in spätrö-
mischer Zeit nicht. Mitunter weisen selbst gleichzeitig belegte Gräberfelder
an einem Ort abweichende Orientierungen auf, wie z. B. die Friedhöfe von
Lauriacum zeigen: Während die Gräber von Lauriacum-Ziegelfeld vorwie-
39
So Jan Bemmann bei einem Vortrag über „Die späte Kaiserzeit und frühe Völkerwande-
rungszeit in Mitteldeutschland“ im Januar 2002 am Institut für Ur- und Frühgeschichte
und Archäologie des Mittelalters der Universität Freiburg. – Jan Bemmann, Zum Toten-
ritual im 3. Jahrhundert. In: Gold für die Ewigkeit. Das germanische Fürstengrab von
Gommern, hrsg. Siegfried Fröhlich (
2
Halle 2001) 58–73, bes. 60; 62; künftig auch: ders.,
Mitteldeutschland in der jüngeren Römischen Kaiserzeit und Völkerwanderungszeit. Eine
von den Körperbestattungen ausgehende Studie, phil. Habil. (Jena 2000).
40
Bemmann, Totenritual (Anm. 39) 62.
41
Renate Pirling, s. v. Gelduba. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde
2
10 (Ber-
lin, New York 1998) 636–646, hier 641; dies., Das römisch-fränkische Gräberfeld von Kre-
feld-Gellep 1964–1965. Germanische Denkmäler der Völkerwanderungszeit B 10 (Berlin
1979) 158; 178.
80 Hubert Fehr
gend von West nach Ost ausgerichtet waren, folgen sie in Lauriacum-Espel-
mayerfeld keiner einheitlichen Orientierung.
42
Erst in der Mitte des 5. Jahrhunderts wurde die West-Ost-Ausrichtung
zur allgemeinen Regel. In manchen Fällen lassen die Übersichtspläne von
Gräberfeldern, die seit der Spätantike kontinuierlich belegt wurden, einen
abrupten Wechsel der Orientierung erkennen, wie bei den Friedhöfen von
Bulles (Dép. Oise)
43
oder Saint-Martin-de-Fontenay (Dép. Calvados)
44
. In
anderen Fällen wurde gleichzeitig mit dem Orientierungswechsel auch ein
neues, unmittelbar benachbartes Bestattungsareal aufgesucht, wie in Fré-
nouville (Dép. Calvados)
45
oder Vron (Dép. Somme)
46
.
Auf germanische Traditionen wurde die West-Ost-Ausrichtung der
Reihengräber auch in der Vergangenheit eigentlich nie zurückgeführt, sieht
man von einer sehr frühen, wenig begründeten Ausnahme ab.
47
Lediglich
die Nord-Süd-, nicht aber Süd-Nord-Ausrichtung wurde gelegentlich in
42
Wolfgang Schmidt, Spätantike Gräberfelder in den Nordprovinzen des Römischen Rei-
ches und das Aufkommen christlichen Bestattungsbrauchtums. Tricciana (Ságvár) in der
Provinz Valeria. Saalburg-Jahrbuch 50, 2000, 213–441, hier 321.
43
René Legoux, Le cadre chronologique de Picardie. Son application aux autres régions en
vue d’une chronologie unifiée et son extension vers le romain tardif. In: La datation des
structures et des objets du haut Moyen Âge, ed. Xavier Delestre/Patrick Périn (Saint-
Germain-en-Laye 1998) 137–188 bes. 187; ders., La nécropole mérovingienne de Bulles
(Oise). Caractères généraux et particularismes. Revue archéologique de Picardie 1988,
81–88.
44
La nécropole de Saint-Martin-de-Fontenay (Calvados). Recherches sur le peuplement de
la plaine de Caen du V
e
siècle avant J.-C. au VII
e
siècle après J. C., ed. Christian Pilet (Paris
1994).
45
Christian Pilet, La nécropole de Frénouville. Étude d’une population de la fin du III
e
à la
fin du VII
e
siècle 1–3. British Archaeological Reports, International Series 83 (Oxford
1980).
46
Claude Seillier, Les tombes de transition du cimetière germanique de Vron (Somme). Jahr-
buch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz 36/2, 1989, 599–634.
47
Jules Pilloy, La question franque au Congrès de Charleroy (Belgique). Bulletin Archéolo-
gique du Comité des Travaux Historiques et Scientifiques 1891, 3–31, hier 15, führte
die West-Ost-Ausrichtung auf einen angeblichen „arischen Sonnenkult“ zurück. In seiner
Arbeit zur Entstehung der „Reihengräberzivilisation“ deutet Joachim Werner im Hinblick
auf den Orientierungswechsel des Gräberfelds von Marosszentana in Siebenbürgen die
Möglichkeit an, dass die West-Ost-Bestattung im Reihengräbergebiet auf donauländi-
schen Einfluss zurückzuführen sein könnte: Joachim Werner, Zur Entstehung der Reihen-
gräberzivilisation. Ein Beitrag zur Methode der frühgeschichtlichen Archäologie. In: Sied-
lung, Sprache und Bevölkerungsstruktur im Frankenreich, hrsg. Franz Petri. Wege der
Forschung 49 (Darmstadt 1973) 285–325, hier 309 (Erstdruck 1950). Einige Jahre später
rückte er jedoch von dieser Möglichkeit ab und zitierte den Friedhof von Marosszentana
lediglich als Beleg dafür, dass Orientierungswechsel im 4. Jahrhundert keine Besonderheit
Nordgalliens waren: ders., Les tombes de Haillot et leur axe Nord-Sud. In: Jacques Breu-
er/Heli Roosens, Le cimetière franc de Haillot. Archaeologia Belgica 34 (Brüssel 1957)
299–306, hier 300.
Germanische Einwanderung oder kulturelle Neuorientierung? 81
diesem Sinne interpretiert;
48
allerdings konnte sich diese Deutung nicht
durchsetzen, da bald gezeigt wurde, dass beide Ausrichtungen unter-
schiedslos auch auf spätrömischen Gräberfeldern vorkommen.
49
Die West-Ost-Ausrichtung wurde dagegen meist mit spätrömischen, ge-
nauer gesagt christlichen Traditionen in Verbindung gebracht. Wie aus
spätantiken Quellen bekannt ist, symbolisiert die Ostung die Hinwendung
zur aufgehenden Sonne. Sie spielt in der christlichen Liturgie eine große
Rolle, sowohl beim Taufritual als auch beim Individual- und Gemeinde-
gebet sowie, davon abgeleitet, nicht zuletzt im Kirchenbau.
50
Auch der
Gedanke, eine Bestattung so anzulegen, dass das Antlitz des Verstorbenen
der aufgehenden Sonne entgegen blickte, war im spätantiken Christentum
durchaus geläufig; zu einer conditio sine qua non einer christlichen Bestat-
tung wurde diese Ausrichtung jedoch nie.
51
Entsprechend zögert die archäologische Forschung mittlerweile, die
West-Ost-Ausrichtung als Indiz für eine christliche Bestattung zu werten,
zumal sich Beigaben christlichen Charakters auch in anders ausgerichteten
Bestattungen finden.
52
Ferner ist die symbolische Bedeutung der Hinwen-
dung nach Osten, zur aufgehenden Sonne nicht nur in der christlichen
Theologie geläufig, sondern auch in anderen religiösen Kontexten der An-
tike, etwa altorientalischen Sonnenkulten, dem griechisch-römischen Hei-
dentum und dem Judentum.
53
Insgesamt zeigt sich, dass auch die Wurzel der West-Ost-Ausrichtung der
Reihengräberfelder im spätrömischen Milieu zu suchen ist, und zwar nicht
allein im spezifisch-christlichen, sondern auch im allgemein-mediterranen.
Die Waffenbeigabe
Während die Merkmale „Körperbestattung“ und „Orientierung“ mittler-
weile relativ unbestritten als römisches Erbe angesehen werden, gilt das
nächste Element, die Beisetzung mit Hiebwaffen, zumindest in der tradi-
48
Werner, Haillot (Anm. 47) bes. 305.
49
Van Doorselaer, Nécropoles (Anm. 34) 135.
50
Martin Wallraff, Christus verus sol. Sonnenverehrung und Christentum in der Spätantike.
Jahrbuch für Antike und Christentum, Ergänzungsband 32 (Münster 2001) 60–89; vgl.
ders., Die Ursprünge der christlichen Gebetsostung. Zeitschrift für Kirchengeschichte 111,
2000, 169–184.
51
Wallraff, Christus (Anm. 50) 78f.
52
Schmidt, Spätantike Gräberfelder (Anm. 42) 321 mit Anm. 661.
53
Wallraff, Christus (Anm. 50) 27–39; Franz Josef Dölger, Sol Salutis. Gebet und Gesang im
christlichen Altertum. Mit besonderer Rücksicht auf die Ostung in Gebet und Liturgie. Li-
turgiegeschichtliche Forschungen 4/5 (
2
Münster 1925).
82 Hubert Fehr
tionellen deutschsprachigen Forschung, häufig als besonders unzweifelhaf-
tes Kennzeichen germanischer Bestattungen. Vor allem in Bezug auf das
zweischneidige Langschwert, die Spatha, wird diese Auffassung oft mit
Nachdruck vertreten.
Die Deutung der Waffenbeigabe als Kennzeichen der Germanen besitzt
eine lange Tradition. Bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die
waffenführenden Reihengräberfelder in Gallien fränkischen Invasoren zu-
geschrieben. Hintergrund hierfür war nicht zuletzt der archäologische Be-
fund, entsprach doch der militärisch geprägte Habitus der Reihengräber
recht genau dem Bild der wilden, kriegerischen Germanenvölker, das die
antiken Schriftsteller gemäß den Motiven der Barbarentopik von ihren
nördlichen Nachbarn entworfen hatten. Gleichzeitig unterscheiden sich
die frühmittelalterlichen Reihengräber mit Waffenbeigabe sehr deutlich
von den typischen römischen Bestattungsformen der Kaiserzeit und Spät-
antike, in denen Waffen in der Tat nur sehr selten vorkommen. Vor diesem
Hintergrund verwundert es nicht, dass die bereits im 19. Jahrhundert im-
mer wieder geäußerten Hinweise, dass die Nachfahren der römischen Be-
völkerung im Frühmittelalter ebenfalls militärisch aktiv waren und als Träger
der Waffenbeigabe im Frühmittelalter nicht von vorneherein ausgeschlos-
sen werden dürften,
54
sich lange Zeit nicht durchsetzen konnten.
Als Vorläufer der merowingerzeitlichen Waffengräber gelten seit Lan-
gem die spätantiken Bestattungen mit Waffen, die sich vor allem im nörd-
lichen Gallien in einiger Zahl finden.
55
Umstritten ist jedoch die Frage, von
wo diese spätantiken Waffengräber herzuleiten seien. Im mutmaßlichen
Herkunftsgebiet der Franken zwischen Rhein und Weser sind Waffengräber
nicht geläufig;
56
hier finden sich zwar in Brandgräbern vereinzelt Frag-
54
Der früheste mir bekannte Beleg für dieses Argument stammt aus dem Jahr 1858, als Ar-
cisse de Caumont, der Nestor der französischen „Archéologie nationale“, bei der 25. Sit-
zung des nationalen französischen Archäologenkongresses äußerte, es ginge erheblich zu
weit, wenn man alle merowingischen Bestattungen germanischen Zuwanderern zuschrei-
ben wolle; schließlich habe die einheimische Bevölkerung ebenso wie die Barbaren
Waffen getragen. Vgl. 25
e
Congrès de Archéologie de la France. Séances generales tenues à
Périgueux et Cambrai en 1858 (Paris 1859) 332.
55
Horst Wolfgang Böhme, Germanische Grabfunde des 4. und 5. Jahrhunderts zwischen un-
terer Elbe und Loire. Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte 19 (München 1974)
97–114.
56
Erdmute Schultze, Zur Waffenbeigabe bei den germanischen Stämmen in der späten Kai-
serzeit und der frühen Völkerwanderungszeit. Jahrbuch der Bodendenkmalpflege in
Mecklenburg 37, 1989, 19–36, bes. 21; ähnlich auch Jörg Kleemann in seinem Vortrag
„Waffenbeigaben bei den Elbgermanen vom 2. bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts“ am 7. 1.
2002 im Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters an der Uni-
versität Freiburg; vgl. künftig: Jörg Kleemann, Waffengräber der jüngeren Kaiserzeit und
frühen Merowingerzeit in Nord- und Ostdeutschland, phil. Habil. (Berlin 2001).
Germanische Einwanderung oder kulturelle Neuorientierung? 83
mente von Schutzwaffen und Waffenzubehör, Angriffswaffen im eigent-
lichen Sinne sind darunter aber kaum vertreten. Eine regelhafte Waffen-
kombination lässt sich nicht erkennen.
57
Der östliche Bereich des Reihengräbergebiets scheidet ebenfalls aus. Ab-
gesehen vom Rhein-Main-Gebiet war die Waffenbeigabe in der spätantiken
Alamannia unbekannt; sie kommt dort erst im Laufe des 5. Jahrhunderts
auf.
58
Im bajuwarischen Gebiet setzte sich die Bestattung mit Hiebwaffen
gar erst in der Mitte des 6. Jahrhunderts durch.
59
Alerdings besitzen Waffenbeigaben auch im römischen Bereich keine
wirkliche Tradition. Zwar wurde im Laufe der 1950er und 1960er Jahre im-
mer wieder auf vereinzelte provinzialrömische Waffengräber der Kaiserzeit
hingewiesen;
60
allerdings sind diese so selten und hinsichtlich der beige-
gebenen Waffen so verschieden von den spätantiken Waffengräbern, dass
eine „römische“ Wurzel der spätantiken Waffenbeigabe wenig plausibel er-
scheint. Auch die Waffengräber des Elbe-Weser-Dreiecks scheinen hier
nicht in Betracht zu kommen, da sie selbst auf Vorbilder im nordgallischen
Raum zurückgeführt werden.
61
Angesichts dieser altbekannten Schwierigkeiten bei der Herleitung der
spätantiken und frühmittelalterlichen Waffenbeigabe aus den mutmaß-
57
Frauke Stein, Waffenteile in Rhein-Weser-germanischen Brandgräbern. Ausnahmen von
der Regel oder eine durch das Totenritual verschleierte Waffenbeigabensitte? In: Reliquiae
gentium. Festschrift Horst Wolfgang Böhme 1, hrsg. Claus Dobiat. Internationale Archäo-
logie, Studia honoraria 23 (Rahden 2005) 403–417, hier 404.
58
Jakob Leicht, Die spätkaiserzeitlichen Kammergräber. In: Anke Burzler/Markus Hönei-
sen/Jakob Leicht/Beatrice Ruckstuhl, Das frühmittelalterliche Gräberfeld von Schleit-
heim. Siedlung, Gräberfelder und Kirche. Schaffhauser Archäologie 5 (Schaffhausen
2002) 79–121, hier 106f.
59
Arno Rettner, Baiuaria romana. Neues zu den Anfängen Bayerns aus archäologischer und
namenkundlicher Sicht. In: Hüben und drüben. Räume und Grenzen in der Archäologie
des Frühmittelalters. Festschrift Max Martin, hrsg. Gabriele Graenert/Reto Marti/Andreas
Motschi/Renata Windler. Archäologie und Museum 48 (Liestal 2004) 255–286, hier
259–261.
60
Hans Schönberger, Provinzialrömische Gräber mit Waffenbeigabe. Saalburg-Jahrbuch 12,
1953, 53–56; Sigfried De Laet/André van Doorselaer, Gräber der römischen Kaiserzeit
mit Waffenbeigabe aus Belgien, den Niederlanden und dem Großherzogtum Luxemburg.
Saalburg-Jahrbuch 20, 1962, 45–63; André van Doorselaer, Provinzialrömische Gräber mit
Waffenbeigabe aus dem Rheinland und Nordfrankreich. Saalburg-Jahrbuch 21, 1963,
26–31; ders., Le problème des mobiliers funéraires avec armes en Gaule septentrionale à
l’époque de Haute-Empire romain. Helinium 5, 1965, 118–135.
61
Böhme, Grabfunde (Anm. 55) 165; Kleemann, Körperbestattung (Anm. 56) 259–262;
ders., Bemerkungen zur Waffenbeigabe in Föderatengräbern Niedersachsens. In: Römer
und Germanen. Nachbarn über Jahrhunderte, hrsg. Clive Bridger/Claus v. Carnap-Born-
heim. British Archaeological Reports, International Series 678 (Oxford 1997) 43–48, hier
47.
84 Hubert Fehr
lichen Herkunftsgebieten von Franken, Alemannen und Bajuwaren im
Westen der Germania wurde in der deutschsprachigen Forschung in den
letzten beiden Jahrzehnten häufig für eine „ostgermanische“ Herkunft plä-
diert, d. h. aus dem Bereich der Germania östlich der Elbe – eine Möglich-
keit, die jedoch Joachim Werner bereits 1950 mit guten Argumenten abge-
lehnt hatte.
62
In jüngster Zeit wurde ferner eine „immaterielle Waffenbeigabensitte“
der sogenannten „Rhein-Weser-Germanen“ als mögliche Wurzel ins Spiel
gebracht.
63
Die These der „ostgermanischen“ Herkunft der Waffenbeigabe beruht
maßgeblich auf einer 1985 erschienenen Studie von Mechthild Schulze-
Dörrlamm über mitteleuropäische Schwertgräber des späten 3. und der ers-
ten Hälfte des 4. Jahrhunderts. Allerdings erscheint diese Theorie bei kriti-
scher Lektüre wenig überzeugend. Vor allem auf zwei Probleme ist in diesem
Zusammenhang hinzuweisen: Zum einen beruht Schulze-Dörrlamms Inter-
pretation auf einer Prämisse, die ohne weitere Begründung als zutreffend vo-
rausgesetzt wird, dass nämlich „die Menge und Auswahl der beigegebenen
Waffen ebenso an das Brauchtum einer bestimmten Kulturgruppe gebun-
den waren wie der völlige Verzicht auf die Waffenbeigabe überhaupt“.
64
Zum anderen zeigt sich bei näherer Betrachtung, dass die von Schulze-
Dörrlamm herausgearbeitete Gruppe frühester Schwertgräber im Westen
keineswegs so einheitliche Waffenausstattungen aufweisen, dass man sie als
„charakteristische Waffenkombination“ und damit in ihrem Sinne als zen-
trales Indiz für eine östliche Herkunft der Waffenbeigabe werten könnte.
In ihrer Studie ging Schulze-Dörrlamm von insgesamt sieben alt-
bekannten Inventaren des späten 3. bzw. der ersten Hälfte des 4. Jahrhun-
derts aus. Betrachtet man die übrigen Waffenbeigaben in den fraglichen
Gräbern – neben dem Schild kommen auch eine Lanze, drei Äxte sowie
zweimal Pfeile vor – so zeigt sich, dass keines der Gräber eine identische
Waffenkombination aufweist, sondern sie lediglich das der Auswahl zu-
grunde liegende Kriterium des Schwertes gemeinsam haben (Abb. 2).
Gleiches gilt für die zeitgleichen Gräber im Ostbereich der sogenann-
ten „Lebus-Lausitzer-Kultur“, die von Schulze-Dörrlamm als Vorbilder
der frühen Schwertgräber am Rhein und in Nordgallien angesehen werden.
Als verbindendes Element kann Schulze-Dörrlamm deshalb lediglich eine
62
Werner, Reihengräberzivilisation (Anm. 47) 297.
63
Stein, Waffenteile (Anm. 57).
64
Mechthild Schulze-Dörrlamm, Germanische Kriegergräber mit Schwertbeigabe in Mittel-
europa aus dem späten 3. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts. Zur
Entstehung der Waffenbeigabensitte in Gallien. Jahrbuch des Römisch-Germanischen
Zentralmuseums 32, 1985, 509–569, hier 561.
Germanische Einwanderung oder kulturelle Neuorientierung? 85
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)
86 Hubert Fehr
„ähnliche Vielfalt der Angriffswaffen im Ostbereich der Lebus-Lausitzer-
Kultur“ anführen.
65
Darüber hinaus gibt es in den fraglichen Inventaren
keine weiteren Hinweise auf besondere Beziehungen zum Bereich der Le-
bus-Lausitzer- oder Przeworsk-Kultur. Schließlich ist daran zu erinnern,
dass die Waffenbeigabe im sogenannten „ostgermanischen Bereich“ keines-
wegs allgemein üblich war, und deshalb auch hier kein charakteristisches
„Brauchtum“ der ansässigen Bevölkerung darstellte. Zwar finden sich hier
durchaus Waffengräber in einiger Zahl; betrachtet man aber die Masse der
Gräber, so zeigt sich, dass die waffenlose Bestattung vorherrschte.
66
Im
Grunde handelt es sich bei den Waffengräbern im Osten der Germania
letztlich ebenso um erklärungsbedürftige Ausnahmen wie bei den frühen
Schwertgräbern am Rhein bzw. in Gallien.
Gleichfalls nicht zwingend ist die jüngst von Frauke Stein entwickelte
These einer „immateriellen Waffenbeigabe“ der „Rhein-Weser-Germanen“
als Wurzel der spätantiken Waffengräber im Westen. Ausgangspunkt für
diese Theorie ist die bereits erwähnte, altbekannte Tatsache, dass in den
Brandgräbern zwischen Rhein und Weser im Grunde keine Hiebwaffen
vorkommen. Ausgehend von den Schwert- bzw. Scheidenfragmenten, die
zwar nicht in den Brandgräbern, dafür aber auf den Verbrennungsplätzen
(Ustrinen) des Gräberfelds von Liebenau (Kr. Nienburg/Weser) geborgen
wurden, wies Stein auf die Möglichkeit hin, dass Schwerter bzw. Schwert-
zubehör zwar auf dem Scheiterhaufen verbrannt, beim Auslesen der Schei-
terhaufenreste aber nicht ausgewählt und nicht mit in die Gräber gegeben
wurden. Bei der Bestattung sei somit lediglich die Anwesenheit der Schwer-
ter bzw. nur deren Zubehörs auf dem Scheiterhaufen, nicht aber in der
Grabgrube notwendig gewesen, weshalb es sich gewissermaßen um eine
„immaterielle“, nicht an die Anwesenheit der realen Objekte im Grab ge-
bundene Waffenbeigabe gehandelt habe.
Problematisch an der weiteren Argumentation Steins sind vor allem
zwei Punkte: Zwar besitzt das Gräberfeld von Liebenau wegen der andern-
orts nirgendwo erhaltenen Verbrennungsplätze eine besondere Bedeutung
für die Rekonstruktion des regionalen Bestattungswesens, da es exempla-
risch ansonsten nicht beobachtbare Abschnitte des Bestattungsvorgangs
und Bestandteile der Ausstattungen auf dem Scheiterhaufen erkennen
lässt;
67
dennoch erscheint es zweifelhaft, ob hier gemachte Beobach-
65
Schulze-Dörrlamm, Kriegergräber (Anm. 64) 552.
66
Heiko Steuer, s. v. Germanen, Germania, Germanische Altertumskunde, § Archäologie.
In: Die Germanen. Studienausgabe (Berlin, New York 1998) 129–176, hier 162.
67
Hans-Jürgen Häßler, s. v. Liebenau § Archäologisches. In: Reallexikon der Germanischen
Altertumskunde
2
18 (Berlin, New York 2001) 348–353, hier 350f.
Germanische Einwanderung oder kulturelle Neuorientierung? 87
tungen so zu verallgemeinern sind, dass von ihnen auf ein allgemeines
„Rhein-Weser-Germanisches Totenritual“
68
geschlossen werden kann, zu-
mal es sich bei den „Rhein-Weser-Germanen“ lediglich um eine moderne
wissenschaftliche Ordnungskategorie handelt, und nicht etwa um eine
zeitgenössische Kulturgruppe mit einheitlichem Brauchtum. Noch gra-
vierender ist diese Verallgemeinerung in chronologischer Hinsicht. Die
Bestattungen des Gräberfelds von Liebenau setzen erst am Ende des
4. Jahrhunderts ein, es wurde bis in Karolingerzeit belegt. Die von Stein
ins Feld geführten Schwert- bzw. Zubehörfragmente sind bereits mero-
wingerzeitlich.
69
Sie belegen daher allenfalls das Aufkommen eine „imma-
teriellen“ Waffenbeigabe gleichzeitig zum Aufkommen im Reihengräber-
gebiet – möglicherweise angeregt vom westlichen Vorbild der realen
Waffenbeigabe –, nicht aber die Existenz eines älteren Vorbilds, auf das
das Aufkommen der Waffengräber im Reihengräbergebiet zurückgeführt
werden könnte.
Insgesamt erscheint weder die Herleitung der spätantiken Waffengräber am
Rhein und in Nordgallien aus dem Osten der Germania noch von einer
„immateriellen Waffenbeigabe“ im Raum zwischen Rhein und Weser plau-
sibel. Beide Erklärungsmodelle liefern bei näherer Betrachtung auch keine
Begründung, weshalb die Waffengräber im Westen nur von „Germanen“
hinterlassen worden sein könnten. Wie ähnliche ältere Theorien, etwa die
Entstehung der Waffenbeigabe durch eine angebliche, historisch nicht
überlieferte rechtliche Privilegierung der Germanen durch die römischen
Kaiser
70
, setzen sie vielmehr den germanischen Charakter der Waffenbei-
gabe bereits voraus und versuchen lediglich, im Nachhinein eine Herkunft
aus der Germania herzuleiten.
Wesentlich weniger gezwungen erscheint dagegen die Möglichkeit, dass
es sich bei den spätantiken Waffengräbern um eine Innovation im militäri-
schen Milieu Nordgalliens bzw. des Rheingebiets handelt. Da Waffenbei-
gaben auch in anderen kulturellen Kontexten bzw. anderen Epochen der
Ur- und Frühgeschichte immer wieder vorkommen, ohne dass es in jedem
Fall einer Herleitung von älteren Vorbildern bedurft hätte, wäre dies kein
ungewöhnlicher Vorgang.
Empirisch kaum zu klären ist die Ansicht, dass lediglich Germanen auf
spätrömischem Boden die Waffenbeigabe entwickelt und ausgeübt haben
sollen – eine Theorie, für die meines Wissens noch nie eine schlüssige Be-
68
Stein, Waffenteile (Anm. 57) 413.
69
Stein, Waffenteile (Anm. 57) 412 Anm. 48.
70
Werner, Reihengräberzivilisation (Anm. 47) 297.
88 Hubert Fehr
gründung vorgelegt wurde. Als Argument, weshalb hierfür lediglich römi-
sche Soldaten barbarischer Herkunft in Betracht kämen, wurde in der Ver-
gangenheit zumeist angeführt, dass die Waffenbeigabe „unrömisch“ sei.
Und „unrömisch“ war für viele Autoren gleichbedeutend mit „germa-
nisch“. Betrachtet man die Verbreitung der Waffengräber in der kaiserzeit-
lichen Germania, so muss man jedoch feststellen, dass die Waffenbeigabe
fast ebenso „ungermanisch“ wie „unrömisch“ ist. Ob man in den spätanti-
ken Waffengräbern auf römischem Gebiet in erster Linie Bestattungen von
Armeeangehörigen germanischer Herkunft sieht, scheint insgesamt weni-
ger vom archäologischen Befund als vom historischen Kontext abzuhän-
gen, von dem man ausgeht. In der deutschsprachigen Forschung fällt dabei
die Tendenz auf, das spätrömische Heer weitgehend für Germanen oder
Barbaren vereinnahmen zu wollen. Da das römische Heer aber – soweit
sich dies historisch bestimmen lässt – auch in der Spätantike zum über-
wiegenden Teil aus Nicht-Barbaren bestand,
71
ist eine Gleichsetzung von
„militärisch“ und „germanisch“ bzw. „barbarisch“ auch in dieser Zeit kei-
neswegs gerechtfertigt.
Zudem sind die spätantiken Vorläufer für die Frage nach dem ethni-
schen Charakter der Waffenbeigabe in den frühmittelalterlichen Reihen-
gräberfeldern letztlich nicht unbedingt entscheidend. Da sich die charakte-
ristische „schwere Waffenbeigabe“ der Merowingerzeit mit Spatha, Sax,
Lanze und Schild nicht unwesentlich von den spätantiken Waffengräbern
unterscheidet, in denen Beilwaffen vorherrschen,
72
ist eine unmittelbare
Herleitung der reihengräberzeitlichen Waffenbeigabe von spätantiken Vor-
bildern nicht zwingend vorauszusetzen.
73
Wesentlich plausibler als die germanischen Herleitungen erscheint
das funktionale Modell zur Entstehung der frühmerowingerzeitlichen
Schwertbeigabe, das Frans Theuws und Monica Alkemade vor wenigen
Jahren vorgelegt haben.
74
Diese lassen die Prämisse eines vermeintlichen
germanisch-römischen Antagonismus in dieser Zeit weit hinter sich. Aus-
gehend von der Beobachtung, dass die frühen Schwertgräber in Nordgal-
71
Hugh Elton, Warfare in Roman Europe, AD 350–425 (Oxford 1996) 135; 137ff.
72
Böhme, Grabfunde (Anm. 55) 164.
73
Heiko Steuer, Frühgeschichtliche Sozialstrukturen in Mitteleuropa. Eine Analyse der Aus-
wertungsmethoden des archäologischen Quellenmaterials. Abhandlungen der Akademie
der Wissenschaften zu Göttingen, philosophisch-historische Klasse, 3. Folge 128 (Göttin-
gen 1982) 303f.; Halsall, Föderatengräber (Anm. 14) 177 Anm. 73.
74
Frans Theuws/Monica Alkemade, A Kind of Mirror for Men. Sword Depositions in Late
Antique Northern Gaul. In: Rituals of Power. From Late Antiquity to the Early Middle
Ages, ed. Frans Theuws/Janet Nelson. Transformation of the Roman World 8 (Leiden,
Boston, Köln 2000) 401–476.
Germanische Einwanderung oder kulturelle Neuorientierung? 89
lien und am Rhein die Gebiete mit fortbestehenden römischen Macht-
strukturen fast ausnahmslos aussparen, interpretieren sie das Aufkommen
der Schwertbeigabe als Versuch von Eliten in machtpolitisch periphe-
ren Gebieten, ihren sozialen Status zu stabilisieren, der während des
Kollapses der römischen Gesellschaftsordnung in der Mitte des 5. Jahr-
hunderts gerade in diesen Randbereichen besonders gefährdet gewesen
sein dürfte.
Frauenkleidung mit vier Fibeln
Ich komme zum letzten Merkmal des frühen Reihengräberhorizontes,
das als typisch germanisch angesehen wird, der Beisetzung von Frauen mit
reicher Fibelausstattung. Anhand der Lage der Fibeln im Grab lässt sich für
den frühen Reihengräberhorizont ein typischer Kleidungsstil rekonstruie-
ren, die sogenannte „Vierfibeltracht“, auch „westgermanische Fibeltracht“
genannt. Wie eingangs bereits gezeigt, gilt diese vielfach als besonders cha-
rakteristisches Merkmal germanischer Frauenbestattungen, im Gegensatz
etwa zur jüngermerowingerzeitlichen Einfibelkleidung, deren mediterraner
Ursprung seit einiger Zeit allgemein anerkannt wird.
75
Wie bereits der Name signalisiert, werden in den betreffenden Frauen-
gräbern regelmäßig vier Fibeln gefunden: Die beiden Kleinfibeln liegen
üblicherweise am Hals oder auf der Brust; die beiden Bügelfibeln finden
sich dagegen im Becken oder im Bereich der Oberschenkel. Detaillierte
Befundbeobachtungen haben in den letzten Jahren zwar gezeigt, dass diese
keineswegs so einheitlich ist wie früher angenommen; so findet sich mit-
unter nur eine Bügelfibel im Becken,
76
in anderen Fällen wird die Vier-
fibelkleidung durch ein Kleinfibel-
77
oder selten auch durch ein Scheiben-
fibelpaar
78
ersetzt. Insgesamt hebt sich der Kleidungsstil mit vier Fibeln
archäologisch aber verhältnismäßig prägnant ab.
75
Max Martin, Tradition und Wandel in der fibelgeschmückten frühmittelalterlichen
Frauenkleidung. Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 38, 1991 [1995]
629–680, hier 629–633; ders., s. v. Fibel und Fibeltracht § Späte Völkerwanderungszeit
und Merowingerzeit auf dem Kontinent. In: Reallexikon der Germanischen Altertums-
kunde
2
8 (Berlin, New York 1994) 541–582, hier 561f.
76
Stefanie Zintl, Das frühmerowingische Gräberfeld von München-Perlach. Bericht der
Bayerischen Bodendenkmalpflege 45/46, 2004/2005, 281–370, hier 345f.
77
Susanne Walter, Fibeln – einmal anders. Gedanken zu Kleinfibelpaaren als Ersatz für Bü-
gelfibel. In: Hüben und drüben (Anm. 59) 41–48.
78
Dieter Quast, Mediterrane Scheibenfibeln der Völkerwanderungszeit mit Cloisonnéver-
zierung. Eine typologische und chronologische Übersicht. Archäologisches Korrespon-
denzblatt 36, 2006, 259–278, hier 270f.
90 Hubert Fehr
Mit den Wurzeln und der Deutung dieses Phänomens hat sich in den
letzten Jahrzehnten vor allem Max Martin beschäftigt. Durch die systema-
tische Analyse gut dokumentierter Grabbefunde konnte er dabei den Ein-
fluss römischer Kleidungsstile auf die Entstehung der Vierfibelkleidung
herausarbeiten. Mit den Kleidungsgewohnheiten der kaiserzeitlichen Ger-
mania hat sie dagegen nichts zu tun, Martin konstatiert vielmehr einen
„völligen Bruch“ zwischen den älteren germanischen Kleidungsgewohnhei-
ten und der „Westgermanischen Frauentracht“.
79
In der kaiserzeitlichen Germania trugen die Frauen die sogenannte
Peploskleidung, ein Kleidungsstück, das von zwei Nadeln oder Fibeln auf
den Schultern zusammengehalten wurde. Bereits dieser Kleidungsstil ist
nicht eindeutig als „germanisch“ zu bezeichnen, da er ebenso im römisch-
mediterranen Milieu geläufig war, häufig wohl durch die Fortführung älte-
rer, vorrömischer Kleidungsstile. Das prominenteste Beispiel in diesem Zu-
sammenhang ist die sogenannte „norisch-pannonische Tracht“.
80
Auch in
Gallien war der Peplos bis ins 3. Jahrhundert in einer regionalen Ausprä-
gung bekannt.
81
Aus diesem Grund erscheint es auch nicht gerechtfertigt,
Gräber mit zwei Fibeln an den Schultern als typisch „ostgermanische“ Be-
stattungen zu werten, wie dies in der älteren Forschung weit verbreitet ist.
82
Von diesem Peplosgewand unterscheidet sich die typische Frauenklei-
dung des frühen Reihengräberhorizontes grundlegend. Wie Martin heraus-
arbeitete, ist die Vierfibelkleidung nicht aus der eigentlichen Germania
herzuleiten, sondern entstand im „westgermanischen“ Gebiet, d. h. im Ver-
breitungsgebiet der Reihengräberfelder selbst, und zwar unter „Einfluss der
provinzialrömischen Mode“. Bei ihr handle es sich um eine Neuschöpfung
des 5. Jahrhunderts, das sich auch im Bereich der Kleidung als eine „expe-
rimentierfreudige Übergangszeit“ erweise. Grundsätzlich sei anhand der
Frauenkleidung ein „Abbruch und Neubeginn“ am Übergang von der Spät-
antike bzw. Völkerwanderungszeit zur Merowingerzeit festzustellen.
83
Soweit sie sich anhand der metallenen Kleidungsbestandteile rekonstruie-
ren lässt, besteht die charakteristische Frauenkleidung des frühen Reihen-
gräberhorizontes Martin zufolge aus drei Elementen: 1. einem Mantel oder
79
Martin, Tradition (Anm. 76) 659.
80
Astrid Böhme-Schönberger, Kleidung und Schmuck in Rom und den Provinzen. Schrif-
ten des Limesmuseums Aalen 50 (Stuttgart 1997) 36f.
81
Martin, Fibeltracht (Anm. 76) 544.
82
Philipp v. Rummel, Habitus barbarus. Kleidung und Repräsentation spätantiker Eliten im
4. und 5. Jahrhundert. Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungs-
band 55 (Berlin, New York 2007) hier 323–331.
83
Martin, Tradition (Anm. 76) 674.
Germanische Einwanderung oder kulturelle Neuorientierung? 91
Umhang, der mit Hilfe des Kleinfibelpaares am Hals bzw. auf der Brust ver-
schlossen wurde, 2. dem eigentlichen Leibgewand, einer fibellosen Tunika,
sowie 3. einem Gürtel bzw. einer Schärpe, der die Tunika um die Hüften
zusammenfasste und in einem breiten Band mündete, das an der Körper-
vorderseite herabhing.
Die Wurzeln des mit einem Kleinfibelpaar verschlossenen Mantels bzw.
Umhangs identifizierte Martin im römischen Milieu des 5. Jahrhunderts,
am wahrscheinlichsten in Zentral- oder Südgallien, möglicherweise aber
auch an anderer Stelle im Mittelmeerraum.
84
Auch in formaler Hinsicht
lassen die Kleinfibeln römischen Einfluss erkennen. Bei den frühesten in
dieser Funktion nachgewiesenen Stücken handelt es sich um stark römisch
geprägte Tierfibeln, die Martin zufolge vermutlich sogar von römischen
Handwerkern hergestellt wurden.
85
Ebenfalls ins römische Milieu weisen die bekannten Vogelfibeln, die
nach der Mitte des 5. Jahrhunderts häufig als Kleinfibelpaar getragen wur-
den. Wie die eingehende Analyse von Ute Haimerl gezeigt hat, handelt es
sich auch dabei keineswegs um eine „genuin germanische“ Form, die von
den Goten aus Südrussland nach Westen gebracht wurde, wie die ältere
Forschung angenommen hatte; vielmehr seien die Vogelfibeln im Reihen-
gräbergebiet selbst entstanden und wurzelten in der „romanischen Fibel-
welt“.
86
Auch das zweite Element der frühmittelalterlichen Frauenkleidung ver-
weist in das römische Milieu: Die Tunika bestand aus einem einzigen Textil
und benötigte keine Fibeln als Verschluss auf den Schultern.
87
Seit der
späten Kaiserzeit verdrängte sie die Peploskleidung vollständig. Nach 400
finden sich im zentralen Mitteleuropa im Grunde keine Funde von Fibeln
in Schulterlage mehr.
88
Das dritte hier zu behandelnde Element der frühmerowingerzeitlichen
Frauenkleidung ist Martin zufolge ebenfalls stark von römischen Traditio-
nen geprägt. Statt auf den Schultern, wie bei der Peploskleidung, werden
die Bügelfibeln in frühmerowingerzeitlichen Frauengräbern in der Regel im
Beckenbereich gefunden. Detailliert dokumentierte Befunde lassen erken-
nen, dass sie zunächst horizontal getragen wurden. Martin zufolge besaßen
sie keine Funktion innerhalb der Kleidung, sondern wurden als reine Zier-
84
Martin, Tradition (Anm. 76) 649.
85
Martin, Tradition (Anm. 76) 646–652.
86
Ute Haimerl, Die Vogelfibel der älteren Merowingerzeit. Bemerkungen zur Chronologie
und zur Herleitung der Fibelgattung. Acta Praehistorica et Archaeologica 30, 1998,
90–105, bes. 101–103.
87
Martin, Fibeltracht (Anm. 76) 554.
88
Martin, Tradition (Anm. 76) 673.
92 Hubert Fehr
objekte an dem bereits erwähnten Gürtel bzw. der Schärpe befestigt. An-
fangs trugen die Damen diesen Gürtel noch relativ hoch, später etwas tie-
fer. In der Mitte des 6. Jahrhunderts wurden die Fibeln schließlich häufig
an einem Band bzw. einer Schärpe festgemacht, das vom Gürtel herabhing
(Abb. 3).
89
Als Vorbild des Gürtels bzw. der Schärpe identifizierte Martin ein Klei-
dungsstück, das wie kaum ein anderes eine besondere symbolische Bedeu-
tung innerhalb der römischen Welt besaß: das cingulum, der „Amts-“ bzw.
„Dienstgürtel“ der römischen Beamten und Militärs, der wie die Zwiebel-
knopffibel als zentrales Element eines Zeichencodes zum Ausdruck der
Hierarchie diente. Bereits in der Spätantike war dieses ursprünglich männ-
liche Ausrüstungsstück in manchen Fällen in die Frauenkleidung übernom-
men worden, wie der Befund des Frauengrabs 363 von Schleitheim-Hebs-
ack mit einem typischen kerbschnittverzierten Militärgürtel zeigt.
90
Als letztes Element der frühmerowingerzeitlichen Frauenkleidung ist
schließlich noch auf die Herkunft der Bügelfibeln einzugehen. Angesichts
der bereits angedeuteten römischen Wurzeln anderer frühmerowingerzeit-
89
Martin, Tradition (Anm. 76) 652–661; ders., Fibeltracht (Anm. 76) 551–556.
90
Leicht, Kammergräber (Anm. 58) 83–95, bes. 90f.
Abb. 3. Gehänge am cingulum, Rekonstruktion. 1 Völkerwanderungs-
zeit; 2 zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts; 3 6. Jahrhundert
(nach Martin, s. v. Fibel und Fibeltracht [Anm. 76] 554 Abb. 139)
Germanische Einwanderung oder kulturelle Neuorientierung? 93
licher Fibeltypen gelten sie etwa Martin als „einzige sicher germanische Fi-
belform“
91
. Allerdings stellt sich auch in diesem Fall die Frage nach der
Plausibilität dieser germanischen Zuweisung, da entsprechende Vorformen
in der Germania nicht sicher zu identifizieren sind, wie eine bemerkens-
werte Studie von Mechthild Schulze-Dörrlamm vor einigen Jahren gezeigt
hat.
92
In ihrer Arbeit über die Entstehung der „protomerowingischen Bügel-
fibeln“ diskutiert Schulze-Dörrlamm in diesem Zusammenhang mehrere
Möglichkeiten. Die „germanischen“ Spiralplattenfibeln Typ Peukendorf,
die letztlich auf Sonderformen der spätrömischen Zwiebelknopffibeln zu-
rückgehen, sind nach Schulze-Dörrlamm als Vorbilder auszuschließen.
Diese waren gegen Ende des 4. bzw. Anfang des 5. Jahrhunderts nicht mehr
gebräuchlich, und kämen deshalb als Vorbilder der Bügelfibeln der zweiten
Hälfte des 5. Jahrhunderts nicht in Frage.
93
Gleiches gelte für die etwas jün-
geren Spiralplattenfibeln des Typs Soest-Ardey. Da sie als einfache Objekte
in Bronzegusstechnik hergestellt wurden, könnten sie kaum den kostbaren
merowingischen Bügelfibeln aus vergoldetem Silber als Vorbilder gedient
haben.
94
Als letzte verbliebene Möglichkeit plädierte Schulze-Dörrlamm schließ-
lich für Vorbilder im römischen Milieu, nämlich die „romanischen Bügel-
fibeln“. Wegen der ungünstigen Überlieferungsbedingungen sei es zwar
noch schwierig, „romanische“ Bügelfibeln sicher zu identifizieren, nicht
zuletzt, weil bislang noch keine sicheren Kriterien für die Produkte römi-
scher Werkstätten herausgearbeitet wurden. „Romanische“ Bügelfibeln
habe es jedoch zweifellos gegeben: In diesem Zusammenhang verweist
Schulze-Dörrlamm auf die cloisonnierte, vergoldete Bügelfibel von Pistoia
(Prov. Florenz). Aufgrund ihrer Verzierung mit Weinrankendekor sowie
durch ein technisches Detail, das komplizierte Schraubengewinde der Na-
del, sei diese sicher ein Produkt einer römischen Werkstätte (Abb. 4).
95
Als
Ergebnis ihrer Studie hielt Schulze-Dörrlamm fest, die Vorbilder der typi-
schen frühmerowingischen Bügelfibeln seien am ehesten unter den „roma-
nischen Bügelfibeln zu suchen, die zu Beginn des ‚protomerowingischen
Horizonts‘ in provinzialrömischen Werkstätten hergestellt wurden.“
96
91
Martin, Fibeltracht (Anm. 76) 576.
92
Mechthild Schulze-Dörrlamm, Germanische Spiralplattenfibeln oder romanische Bügel-
fibeln? Zu den Vorbildern elbgermanisch-fränkischer Bügelfibeln der protomerowingi-
schen Zeit. Archäologisches Korrespondenzblatt 30, 2000, 599–613.
93
Schulze-Dörrlamm, Spiralplattenfibeln (Anm. 93) 601.
94
Schulze-Dörrlamm, Spiralplattenfibeln (Anm. 93) 604.
95
Schulze-Dörrlamm, Spiralplattenfibeln (Anm. 93) 605.
96
Schulze-Dörrlamm, Spiralplattenfibeln (Anm. 93) 608.
94 Hubert Fehr
Auch wenn die Diskussion über ihre typologische Wurzeln damit sicher
noch nicht abgeschlossen ist, so besteht bereits jetzt ein Konsens, dass die
protomerowingischen Bügelfibeln ebenso wie die gesamte „Vierfibeltracht“
das Produkt einer „Experimentier- und Übergangsphase“ in der Mitte des
5. Jahrhunderts sind, in der neben barbarischen sicher auch provinzial-
römische Elemente verarbeitet wurden.
97
So handelt es sich beim Punz-
dekor und den Pferdeprotomen beiderseits der rhombischen Fußplatte, die
etwa beim Typ Bifrons zu beobachten sind, ebenso um ein spätantikes
Erbe, wie bei der Kerbschnittverzierung, die z. B. bei den Typen Krefeld
und Heilbronn-Böckingen auftritt. Andere Elemente, wie die quergerillten
Fußplatten oder Tierkopfenden, gelten dagegen nach wie vor als „elbger-
manisch“.
98
Auch bei diesen Merkmalen „barbarischer“ Herkunft ist allerdings zu
beachten, dass sie in vielen Fällen wiederum selbst Fortentwicklungen älte-
rer römischer Formen sind. So wird etwa die charakteristische halbrunde
97
Koch, Bügelfibeln (wie Anm. 5) 470f.
98
Martin, s. v. Fibel und Fibeltracht (wie Anm. 76) 557f.
Abb. 4. Die Fibel von Pistoia/Florenz (nach Die Schraube zwischen Macht
und Pracht. Das Gewinde in der Antike [Sigmaringen 1995] 161 Abb 124)
Germanische Einwanderung oder kulturelle Neuorientierung? 95
Kopfplatte über verschiedene Zwischenformen bereits seit langem letztlich
auf eine bestimmte Variante römischer Kniefibeln der mittleren Kaiserzeit
zurückgeführt.
99
Insgesamt zeigt sich seit dem 3. Jahrhundert ein intensiver
Einfluss römischer Vorbilder auf die Fibelentwicklung in der Germania, teil-
weise meint man sogar eine „Symbiose zwischen provinzialrömischem und
germanischem Kunstschaffen“
100
zu erkennen. Vor diesem Hintergrund
scheint es m. E. wenig wahrscheinlich, dass es noch gelingt wird, einen „si-
cher germanischen“ Charakter der merowingerzeitlichen Bügelfibeln zu er-
weisen.
Fasst man den gegenwärtigen Forschungsstand zur Herkunft der Kleidung
mit vier Fibeln zusammen, so ergibt sich folgendes Bild. Diese Kleidung
besteht zum einem aus einem Umhang oder Mantel, der wohl zuerst von
gallorömischen Damen im 5. Jahrhundert getragen wurde. Das eigentliche
Gewand bildet eine Tunika, wie sie bereits seit sehr langer Zeit im Mittel-
meerraum geläufig war. Zusammengehalten wurde sie von einem Gürtel
bzw. einer Schärpe, die sich formal an das cingulum anlehnte, d. h. an ein
Kleidungsstück, das wie kaum ein anderes eine besondere Zeichenfunktion
innerhalb der römischen Kultur erfüllte. Auf dem cingulum waren Bügel-
fibeln befestigt, die typologisch am ehesten auf römische Bügelfibeln zu-
rückgehen. Gleichzeitig unterschied sich die Tunikakleidung grundlegend
von der Peploskleidung, die zuvor in der Germania getragen wurde.
Nimmt man all dies zusammen, so drängt sich die Frage auf, weshalb die
Vierfibeltracht ausschließlich von Frauen germanischer Herkunft getra-
gen worden sein soll. Alle einzelnen Bestandteile weisen im Grunde eher
ins spätrömische Milieu bzw. in die kulturell durchmischte Grenzzone
des Imperiums als in die Germania. Für die traditionelle germanische In-
terpretation dieses Kleidungsstils findet sich dagegen kein wirklich über-
zeugendes Argument, will man nicht in einen Zirkelschluss verfallen, der
auch bei der Begründung des germanischen Charakters der Waffenbei-
gabe zu beobachten ist: Diese Kleidung bzw. einzelne ihrer Bestandteile
seien deshalb germanisch, weil sie nur in germanischen Gräbern gefun-
den wird; im Gegenzug sind die beigaben führenden Gräber insgesamt
vor allem deshalb germanisch, weil in ihnen unzweifelhaft „germanische
Trachtbestandteile“ gefunden werden. Wie schon bei der Waffenbei-
99
Klaus Raddatz, Eine Fibel vom Zugmantel. Saalburg-Jahrbuch 13, 1954, 53–59, bes. 54.
100
Astrid Böhme-Schönberger, s. v. Fibel- und Fibeltracht § 32. Provinzialrömisch-germani-
sche Kontakte. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde
2
8 (Berlin, New York
1994) 518–523, hier 522.
96 Hubert Fehr
gabe erscheint der germanische Charakter weniger als Ergebnis der ar-
chäologischen Analyse als vielmehr das der Interpretation zugrunde lie-
gende Axiom.
Besonders in Anbetracht des von Max Martin herausgearbeiteten
Bruchs mit älteren Kleidungsgewohnheiten in der Germania einerseits so-
wie den starken Wurzeln im spätrömischen Milieu andererseits ist es wohl
nur vor dem Hintergrund einer über Jahrzehnte gewachsenen, fast über-
mächtigen Tradition zu verstehen, weshalb die ausschließlich germanische
Zuweisung dieses Kleidungsstils weiter aufrecht erhalten wird. Löst man
sich von dem Modell einer Traditionslinie von der Kleidung der kaiserzeit-
lichen Germania zur merowingischen Frauenkleidung und zieht statt des-
sen die Evolution dieses Kleidungsstils aus regionalen provinzialrömischen
Wurzeln in Betracht, so erscheint dieser Bruch wesentlich weniger abrupt.
Bei der frühmerowingerzeitlichen Vierfibeltracht handelt es sich aus dieser
Perspektive um eine weitere Innovation in der Mitte des 5. Jahrhunderts.
Sie wurde wohl von einer Gesellschaft im Umbruch hervorgebracht, in der
die Kategorien „römisch“ und „germanisch“ keine grundlegende kulturelle
Differenz mehr bezeichneten. Meines Erachtens spricht nichts dagegen,
dass es sich bei der sogenannten „Vierfibeltracht“ um einen regionalen
Kleidungsstil handelt, der in Gallien bzw. an Rhein und Donau aufkam
und hier von wohlhabenden Frauen sowohl barbarischer wie einheimischer
Herkunft getragen wurde.
Der germanische Charakter der Reihengräberfelder: Fazit
Überträgt man die bisherigen Überlegungen auf das eingangs vorgestellte
Modell des Idealtypus „Reihengräberfeld“, so ergibt sich folgendes Bild:
Zwei seiner wichtigsten Merkmale – die Körperbestattung und die West-
Ost-Ausrichtung – weisen in das spätrömische Milieu. Die beiden anderen
Merkmale lassen sich dagegen nicht eindeutig den Kategorien „römisch“
oder „germanisch“ zuordnen. Keineswegs unzweifelhaft „germanisch“ ist
zum einen die Waffenbeigabe im Merowingerreich, bei der es sich am ehes-
ten um eine Innovation der kulturell durchmischten Grenzzone vor allem
am Rhein handelte. Gleiches gilt für die frühmerowingische Vierfibelklei-
dung, die ihre Wurzeln in Gallien bzw. am Rhein und der oberen bis mitt-
leren Donau zu haben scheint.
Die Erkenntnis stark römisch geprägter Wurzeln der Reihengräberfelder
ist im Übrigen nicht neu, sondern auch in der mitteleuropäischen For-
schung im Grunde geläufig. So stellte Jakob Leicht vor einigen Jahren zu-
treffend fest, dass ausschlaggebend für die Ausbildung der Reihengräberfel-
Germanische Einwanderung oder kulturelle Neuorientierung? 97
der das Vorbild der spätrömischen Körpergräberfelder gewesen sei.
101
Allerdings führte diese Erkenntnis in der Regel nicht dazu, ihren ver-
meintlich germanischen Charakter zu hinterfragen. Insgesamt wird es
wohl in Zukunft verstärkt gelten, das Aufkommen der Reihengräberfelder
nicht allein durch eine Migration fremder Bevölkerungsgruppe als viel-
mehr auch durch eine Evolution vor Ort zu erklären – eine Möglich-
keit, die bislang oft etwas vorschnell als lediglich „theoretisch“ abgetan
wurde.
102
Dies gilt umso mehr, als es durchaus plausible Ansätze zu einer
alternativen Erklärung in dieser Richtung gibt, auf die ich abschließend
hinweisen möchte.
Die frühmittelalterlichen Reihengräberfelder –
Ausdruck einer kulturellen Neuorientierung?
Eines der Paradoxa der germanischen Interpretation des Reihengräberhori-
zontes ist seit jeher der Befund, dass es sich bei den Reihengräberfeldern
um eine Erscheinung handelt, die ganz überwiegend auf ehemals römi-
schem Boden anzutreffen ist. Bereits Anfang der 1920er Jahre wies der
Stuttgarter Prähistoriker Peter Goeßler darauf hin, dass sie „nur innerhalb
des einstigen Römischen Reiches und eines schmalen daran angrenzenden
Streifens gefunden werden“.
103
Kämen sie in den vermuteten Herkunftsge-
bieten der Franken, Alemannen und Bajuwaren in gleicher Weise vor, so
wäre wohl niemand auf die Idee gekommen, den germanischen Charakter
der Reihengräberfelder insgesamt anzuzweifeln.
Diese weitgehende Beschränkung der Reihengräberfelder auf ehemals
römischen Boden bestätigte sich auch in den folgenden Jahrzehnten. Sie
zeigte sich eindrücklich auch auf einer – grundsätzlich nicht unproblema-
tischen – Gesamtkartierung der Reihengräberfelder, die auf der Grundlage
älterer regionaler Kompilationen Mitte der 1970er Jahre vorgelegt wurde.
104
Besonders deutlich ist der Befund im bayerischen Abschnitt des rätischen
Limes, der noch im 7. Jahrhundert die nördliche Verbreitungsgrenze der
Reihengräberfelder darstellt.
105
101
Leicht, Kammergräber (Anm. 58) 119.
102
Vgl. etwa Dieter Quast, Vom Einzelgrab zum Friedhof. Beginn der Reihengräbersitte im
5. Jahrhundert. In: Die Alamannen (Stuttgart 1997) 171–190, hier 171.
103
Peter Goeßler, An der Schwelle von germanischem Altertum zum Mittelalter. Württem-
bergische Vierteljahrshefte für Landesgeschichte 30, 1921, 1–24, hier 22.
104
Bayerischer Schulbuchverlag (Hrsg.), Großer Historischer Weltatlas 2. Mittelalter (
2
Mün-
chen 1979) 8.
105
Wilfried Menghin, Frühgeschichte Bayerns (Stuttgart 1990) 80 Abb. 65.
98 Hubert Fehr
Dennoch galt das Vorkommen der Reihengräberfelder in manchen Ge-
bieten jenseits der spätantiken Reichsgrenze vielfach als zentrales Argu-
ment für den germanischen Charakter der Reihengräberfelder insgesamt.
Zum einen kommen etwa in Thüringen ähnliche Gräberfelder vor, anderer-
seits gehört vor allem das ehemals römische Südwestdeutschland, aus
dem sich die römische Verwaltung um 260 zurückzog, von Anfang an zu
den Kernzonen des Reihengräbergebiets. M. E. liegt jedoch der Auffas-
sung, dass dies ein sicherer Beleg für germanischen Charakter des gesamten
Reihengräberhorizontes sei, eine bestimmte, nicht unproblematische Vor-
stellung über den Charakter der römischen Grenze zugrunde.
Wie der Historiker Charles Richard Whittaker in einer grundlegenden
Studie
106
gezeigt hat, bauten zahlreiche Historiker und Archäologen seit
dem 19. Jahrhundert ihre Interpretationen auf der Vorstellung linearer
Grenzen auf. Grenzen wurden als Scheidelinien angesehen, an denen sich
Völker und Staaten feindlich gegenüberstanden, und nur danach trachte-
ten, ihren „Lebensraum“ auf Kosten der Nachbarn zu erweitern. Dieses
Konzept der Grenze als einer absoluten ethnischen und kulturellen Schei-
delinie ist gegenwärtig sowohl im Allgemeinen als auch in Bezug auf die
römische Reichsgrenze im Besonderen überholt. An Stelle dieser linearen
Vorstellung von Grenzen trat das Konzept der Grenze als einer Zone, die
durchaus ein kulturelles Eigengewicht entfalten kann.
Whittaker zufolge prallten an der spätantiken römischen Grenze an
Rhein und Donau keineswegs römische und barbarische Kultur unversöhn-
lich aufeinander. Vielmehr habe sich hier durch besondere historische Be-
dingungen eine „Grenzgesellschaft“ herausgebildet, die die Menschen auf
beiden Seiten der Grenze umfasste. Die römische Herrschaft endete be-
kanntlich nicht an der befestigten Militärgrenze, sondern umfasste auch
eine Vorlimeszone, die zumindest mittelbar von Rom kontrolliert wurde.
Diese Zone war z. T. auch wirtschaftlich eng mit den Gebieten hinter der
Reichsgrenze verflochten. Die Menschen in diesem Gebiet entwickelten
Whittaker zufolge gemeinsame kulturelle Züge, die sich unter anderem in
einem gemeinsamen „Grenzraumstil“ manifestierten. Diese Gesellschaft
lässt sich mit den Kategorien „römisch“ oder „germanisch“ im kulturellen
Sinne nicht mehr adäquat erfassen. Vielmehr verschmolzen hier während
der Spätantike römische, provinziale und barbarische, zivile und militäri-
sche Elemente zu einem Amalgam, das einen eigenständigen Charakter
aufwies.
107
106
Charles R. Whittaker, Frontiers of the Roman Empire. A social and economic study (
2
Bal-
timore, London 1997).
107
Whittaker, Frontiers (Anm. 107) bes. 192–278.
Germanische Einwanderung oder kulturelle Neuorientierung? 99
In seiner Studie war Whittaker zwar nicht in der Lage, sein Modell detail-
liert anhand der archäologischen Quellen zu untermauern, in der Summe
kommt sein Ergebnis aber den Erkenntnissen, die in den letzten Jahrzehnten
durch zahlreiche archäologische Detailuntersuchungen am Rhein und in
Süddeutschland erzielt wurden, erstaunlich nahe. So konstatiert Horst Wolf-
gang Böhme in einer aktuellen Bilanz des gegenwärtigen Forschungsstands
bereits für die Spätantike eine „kulturelle Angleichung der Gebiete östlich
und westlich der Rheingrenze“.
108
Ungeachtet der Differenzen über den es-
sentiell germanischen Charakter verschiedener Merkmale scheint man also
bei der grundsätzlichen Einschätzung des kulturellen Charakters der Grenz-
regionen im Grunde nicht weit voneinander entfernt zu sein.
Legt man Whittakers Modell zugrunde, so gehörte das ehemals römi-
sche Gebiet zwischen Limes und spätantiker Grenze an Rhein und Donau
zur kulturell gemischten Grenzzone, zumal die archäologische Forschung
mittlerweile recht einhellig von einer gewissen Kontinuität der römischen
Bevölkerung und Strukturen in diesem Raum ausgeht.
109
Hinsichtlich des
kulturellen Charakters resümiert Böhme ausgehend von einer ganzen
Summe archäologischer Beobachtungen in diesem Zusammenhang, dass
sich dieses Gebiet ebenso wie der gesamte westfälische Raum „während der
ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts zu einer starken wirtschaftlichen Kontakt-
zone zwischen dem Römischen Reich und den grenzfernen Teilen der Ger-
mania magna entwickelt konnte“.
110
Jenseits des ehemals römischen Gebiets bilden lediglich Unterfranken
und Thüringen gewissermaßen Vorposten des Reihengräbergebiets in der
Germania. Hier liegt der Verdacht nahe, dass diese Sonderstellung auf be-
sonders intensive Kontakte zum römischen Bereich zurückzuführen ist, die
sich in den betreffenden Gebieten bereits seit der jüngeren Kaiserzeit fest-
stellen lassen. In Unterfranken fällt in der Spätantike besonders die Menge
und Qualität römischer Importfunde auf,
111
die die Region in dieser Hin-
108
Horst Wolfgang Böhme, Germanen im Römischen Reich. Die Spätantike als Epoche des
Übergangs. In: Menschen, Zeiten, Räume. Archäologie in Deutschland, hrsg. Wilfried
Menghin/Dieter Planck (Stuttgart 2002) 295–305, hier 296.
109
Ebenda, 299. Bernd Steidl, „Römer“ rechts des Rheins nach „260“? Archäologische Beob-
achtungen zur Frage des Verbleibs von Provinzialbevölkerung im einstigen Limesgebiet.
In: Kontinuitätsfragen. Mittlere Kaiserzeit – Spätantike, Spätantike – Frühmittelalter,
hrsg. Susanne Biegert/Andrea Hagedorn/Andreas Schaub. British Archaeological Reports,
International Series 1468 (Oxford 2006) 77–87.
110
Böhme, Germanen (Anm. 109), 296.
111
Bernd Steidl, Die Siedlungen von Gerolzhofen und Gaukönigshofen und die germanische
Besiedlung am mittleren Main vom 1. Jahrhundert v. Chr. bis zum 4. Jahrhundert n. Chr.
In: Kelten, Germanen, Römer im Mittelgebirgsraum zwischen Luxemburg und Thürin-
gen, hrsg. Alfred Haffner/Siegmar v. Schnurbein (Bonn 2000) 95–113, bes. 109f.
100 Hubert Fehr
sicht deutlich etwa vom oberpfälzischen Vorfeld von Regensburg
112
unter-
scheiden, obwohl auch diese Landschaft durch Flüsse erschlossen wird und
ein Durchgangsgebiet Richtung Böhmen darstellt. Auch verschiedene Bau-
befunde in Unterfranken deuten in diese Richtung, besonders der steinge-
setzte Brunnen in der Siedlung von Bad Königshofen (Lkr. Rhön-Grab-
feld)
113
sowie die Funde von Hypokaustziegeln in der Siedlung von
Frankenwinheim (Lkr. Schweinfurt), die belegen, dass hier ein Gebäude in
römischer Bautradition errichtet wurde.
114
Ferner verdeutlicht auch die viel-
leicht in Mainfranken produzierte Drehscheibenkeramik römischer Form-
tradition
115
eine besonders intensive römische Beeinflussung dieses Gebiets
in der jüngeren Kaiserzeit.
Gleiches gilt wohl für den thüringischen Raum, dessen vergleichsweise
intensive Kontakte zum Römischen Reich bereits im Rahmen des frühen
Aufkommens von Körperbestattungen angesprochen wurden.
116
In die glei-
che Richtung weist auch die lokal produzierte Drehscheibenkeramik römi-
scher Machart, die in Haarhausen wohl sogar von römischen Handwerkern
hergestellt wurde.
117
Beim gegenwärtigen Publikationsstand ist die Situa-
tion in Böhmen nicht eindeutig zu beurteilen, wo parallel zu den frühesten
Reihengräberfeldern die Körpergräber der sogenannten „Vinarˇicer Kultur-
gruppe“ verbreitet sind. Ein Zusammenhang zwischen beiden bzw. eine
Vorbildfunktion wird aber gegenwärtig eher abgelehnt.
117a
112
Mathias Hensch, Mittelalter. In: Amberg und das Land an Naab und Vils, hrsg. Silvia Co-
dreanu/Uta Kirpal/Gabriele Raßhofer. Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutsch-
land 44 (Stuttgart 2004) 55–64, bes. 55; Thomas Fischer, Archäologische Funde der römi-
schen Kaiserzeit und der Völkerwanderungszeit aus der Oberpfalz (nördlich der Donau).
Verhandlungen des historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg 121, 1981, 349–388;
Günther Moosbauer/Gabriele Sorge, Römische Funde im Barbaricum. Beiträge zur Archäo-
logie in der Oberpfalz und in Regensburg 4, 2000, 301–320, hier 309–320.
113
Kerstin Nausch, Siedlungsbefunde der römischen Kaiserzeit und des frühen Mittelalters
aus Bad Königshofen i. Grabfeld, Landkreis Rhön-Grabfeld, Unterfranken. Das Archäo-
logische Jahr in Bayern 1995, 122–124, hier 124.
114
Dirk Rosenstock, Eine prachtvolle römische Emailscheibenfibel und weitere Erzeugnisse
römischen Kunstgewerbes aus der germanischen Siedlung von Frankenwinheim, Land-
kreis Schweinfurt, Unterfranken. Das Archäologische Jahr in Bayern 1983, 120–122, bes.
122; Steidl, Besiedlung (Anm. 112) 110.
115
Bernd Steidl, Lokale Drehscheibenkeramik aus dem germanischen Mainfranken. Bayeri-
sche Vorgeschichtsblätter 67, 2002, 87–115.
116
Vgl. oben.
117
Sigrid Dusˇek, Römische Handwerker im germanischen Thüringen. Ergebnisse der Ausgra-
bungen in Haarhausen, Kreis Arnstadt, 1–2. Weimarer Monographien zur Ur- und Früh-
geschichte 27 (Stuttgart 1992).
117a
Jaroslav Tejral, s. v. Vinarˇicer Kulturgruppe. In: Reallexikon der Germanischen Altertums-
kunde 32 (Berlin, New York 2006) 414–432, hier 421.
Germanische Einwanderung oder kulturelle Neuorientierung? 101
Bezieht man nun das Konzept der Grenzkultur in die Überlegungen zu
den Anfängen des Reihengräberhorizontes mit ein, so muss in Zukunft von
insgesamt drei statt wie bisher nur von zwei (Römer und Germanen) kultu-
rellen Faktoren ausgegegangen werden : 1. dem ursprünglich eher zivil ge-
prägten Milieu des provinzialen Hinterlandes, 2. der stark militarisierten
und barbarisierten Grenzzone sowie 3. der eigentlichen Germania jenseits
der Grenzzone (Abb. 5).
Sucht man nach den Wurzeln des Reihengräberhorizontes, so kommen
meines Erachtens vor allem die ersten beiden kulturellen Milieus in Frage.
Ein bedeutender Anteil der eigentlichen Germania jenseits der Grenzzone
ist dagegen kaum nachzuweisen.
Wie ich anhand der einzelnen Merkmale der Reihengräberfelder gezeigt
habe, weisen die Wurzeln einerseits deutlich ins römische Milieu; andere
Elemente sind neu, ebenso wie es sich bei der gesamten Bestattungsweise
letztlich um eine Innovation handelt, die um die Mitte des 5. Jahrhunderts
erfolgte.
In der Vergangenheit wurden kulturelle Innovationen in diesem Jahr-
hundert, das mehr als viele andere eine Zeit des Umbruchs darstellte, vor
allem den vermeintlich „jugendfrischen“ Germanenvölkern zugeschrieben.
Die angeblich unterlegene einheimische Bevölkerung wurde dagegen viel-
fach als passives und leidendes Element der frühmittelalterlichen Gesell-
schaft angesehen, das als Motor kultureller Neuerungen nicht in Betracht
gezogen wurde. Die Geschichtswissenschaft hat dieses Bild jedoch längst
grundlegend revidiert. Für Gallien zeigte der Historiker Bernhard Jussen
etwa, dass weniger germanische Migranten die römische Herrschaft auf
dem Gebiet des späteren Frankenreichs beendet haben als vielmehr die ein-
Abb. 5. Der Ursprung der Reihengräberfelder. Links: traditionelles Modell;
rechts: Modell einer „Grenzgesellschaft“
102 Hubert Fehr
heimische gallorömische Bevölkerung selbst.
118
Begleitet wurde dieser Um-
bruch, wie sich anhand der Schriftquellen gut nachvollziehen lässt, von
zahlreichen kulturellen, politischen und rituellen Innovationen. Durch
diese versuchte sich eine Gesellschaft zu stabilisieren, deren gesamte tradi-
tionelle Matrix kultureller Ordnungen innerhalb weniger Jahrzehnte weit-
gehend bedeutungslos geworden war. Nicht allein Zuwanderer aus der Ger-
mania, sondern vor allem auch die alteingessene Bevölkerung samt ihrer
sozialen Eliten hatte allen Grund, eine neue und aufwändige Bestattungs-
weise zu kreieren bzw. zu übernehmen, durch die eine prekäre soziale Ord-
nung stabilisiert und gefährdetes soziales Prestige zum Ausdruck gebracht
werden konnte. In diesem Sinne könnte das Aufkommen der Reihengräber
als Element einer kulturellen Neuorientierung der Bevölkerung in den ehe-
maligen Grenzgebieten des Römischen Reiches gewertet werden.
118
Bernhard Jussen, Über Bischofsherrschaften und die Prozeduren politisch-sozialer Um-
ordnung in Gallien zwischen „Antike“ und „Mittelalter“. Historische Zeitschrift 260,
1995, 673–718; ders., Zwischen Römischem Reich und Merowingern. Herrschaft legitimie-
ren ohne Kaiser und König. In: Mittelalter und Moderne, hrsg. Peter Segl (Sigmaringen
1997) 15–29; ders., Liturgie und Legitimation, oder: Wie die Gallo-Romanen das römische
Reich beendeten. In: Institutionen und Ereignis. Über historische Praktiken und Vorstel-
lungen gesellschaftlichen Ordnens, hrsg. ders./Reinhard Blänkner. Veröffentlichungen
des Max-Planck-Instituts für Geschichte 138 (Göttingen 1998) 75–136.
Gräberfelduntersuchungen und das Ende des römischen Reichs 103
Gräberfelduntersuchungen
und das Ende des römischen Reichs
Guy Halsall
I.
Es waren zunächst Untersuchungen von Gräberfeldern, durch die die Ar-
chäologie zur Diskussion um das Ende des römischen Reichs und die Errich-
tung von Nachfolgereichen beitragen konnte – auf dramatische Weise mit der
Entdeckung des Childerich-Grabs in Tournai um die Mitte des 17. Jahrhun-
derts beginnend, einer Bestattung, die auch dreieinhalb Jahrhunderte nach
ihrer Ausgrabung Debatten und Kontroversen anregt.
1
Sowohl die Studien
zum Ende des westlichen Imperiums als auch die archäologischen Gräber-
felduntersuchungen haben seitdem wichtige Wandlungen erfahren. Dessen
ungeachtet interpretiert die westeuropäische Archäologie frühmittelalterliche
Friedhöfe meist noch immer auf eine Weise, die sich seit anderthalb Jahrhun-
derten nicht grundlegend verändert hat. Dabei werden Artefakte und Rituale
dazu benutzt, „barbarische“ Neuankömmlinge auszumachen und verschie-
dene Typen von Zuwanderern voneinander zu unterscheiden.
2
1
Zur aktuellen Diskussion vgl. Guy Halsall, Childerics’ grave, Clovis’ succession and the
origins of the Merovingian kingdom. In: Society and culture in Late Roman Gaul. Revi-
siting the Sources, ed. Ralph W. Mathisen/Danuta Shanzer (Aldershot 2001) 116–133;
Alain Dierkens/Patrick Périn, The 5th-century advance of the Franks in Belgica II. History
and archaeology. In: Essays on the Early Franks, ed. Ernst Taayke/Tineke (Jantina Helena)
Looijenga/Otto H. Harsema/Hendrik Reinder Reinders. Groningen Archaeological Stu-
dies 1 (Groningen 2003) 165–193; Raymond Brulet, La tombe de Childéric et la topogra-
phie funéraire de Tournai à la fin du V
e
siècle. In: Clovis. Histoire et Mémoire 1. Clovis,
son temps, l’événement, ed. Michel Rouche (Paris 1997) 59–78. – Die Geschichte der Ent-
deckungen in Tournai ist gut beschrieben in: Patrick Périn, La datation des tombes Méro-
vingiennes (Paris, Geneva 1980). Zur Geschichte der Gräberfelduntersuchungen vgl. Bon-
nie Effros, Merovingian mortuary archaeology and the making of the early middle ages.
The transformation of the classical heritage 35 (Berkeley 2003).
2
Umfassende und jüngste kritische Erörterung bei Sebastian Brather, Ethnische Interpreta-
tionen in der frühgeschichtlichen Archäologie: Geschichte, Grundlagen und Alternati-
ven. Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 42 (Berlin, New
York 2004).
Zwischen Spätantike und Frühmittelalter – RGA-E Band 57 – Seiten 103–117
© 2008 Walter de Gruyter · Berlin · New York
104 Guy Halsall
Dies ist offensichtlich eine – oberflächlich – von historischen Doku-
menten bestimmte Agenda, die vom Verlust der Westprovinzen Roms an
Invasoren und Einwanderer aus Regionen jenseits der alten Reichsgrenzen
und von der Errichtung von Königreichen der Goten, Franken und Sach-
sen in den früheren Provinzen berichtet. Diese oberflächliche Wahrheit
wird noch immer von vielen britischen Archäologen vertreten, wenn sie ge-
gen Historiker polemisieren und laut nach einer archäologischen Agenda
rufen – die sie in differenzierter Form zu entwickeln bislang nicht vermocht
haben.
3
Doch das ist eine oberflächliche Sicht. Die Quellentexte werden von den
meisten Historikern nicht mehr auf diese Weise gelesen, und sie belegen
nicht notwendigerweise jene Wanderungen und Invasionen durch kulturell,
oder gar biologisch, homogene und distinkte Gruppen, die man im frühen
20. Jahrhundert und zuvor beschrieb.
4
Historiker bezweifeln aufgrund ihrer
Quellen, dass der „Fall von Rom“ ein so traumatisches Ereignis war, wie
man einst annahm. Das Fortbestehen von Institutionen und andere Aspekte
der Gesellschaften sind in den Vordergrund gerückt worden, und ein lang-
dauernder Prozess der Transformation ist an die Stelle einer kurzen Periode
von Invasion und Gemetzel getreten – als Paradigma, mit dessen Hilfe Hi-
storiker den Wandel von der antiken zur mittelalterlichen Welt erklären.
5
Archäologische Interpretationen, die Kontinuitäten betonen, besitzen eine
verlässlichere Grundlage im archäologischen Material als jene, die Invasion
und Wanderung hervorheben. Kontinuität stellt, ob sie von Historikern
oder Archäologen konstatiert wird, dennoch ein problematisches Konzept
dar, und anscheinend gibt es unter Historikern einen Trend, das Ende
des römischen Reichs wieder als traumatische, wichtige und (gerade des-
halb) relativ kurzfristige Abfolge von Ereignissen zu betrachten.
6
Dieser
3
Beispielsweise Sam J. Lucy, Housewives, warriors and slaves? Sex and gender in Anglo-Sa-
xon burials. In: Invisible people and processes. Writing gender and childhood into Euro-
pean archaeology, ed. Jenny Moore/Eleanor Scott (London 1997) 150–168; dies., Burial
practice in early medieval eastern Britain. Constructing local identities, deconstructing
ethnicity. In: Burial in Early Medieval England and Wales, ed. Sam Lucy/Andrew Rey-
nolds. Monograph series of the Society for Medieval Archaeology 17 (London 2002)
72–87. Die Aufsätze in dem zuletzt genannten Band, besonders diejenigen jüngerer Wis-
senschaftler, repräsentieren die neueren Trends in der britischen Gräberfeldarchäologie.
Nützlich ist auch die kritische Übersicht bei Tania M. Dickinson, What’s new in early me-
dieval burial archaeology? Early Medieval Europe 11, 2002, 71–87.
4
Vgl. z. B. Walter Pohl, Die Völkerwanderung. Eroberung und Integration (Stuttgart 2002).
Nützliche Erörterung bei Brather, Ethnische Interpretationen (Anm. 2) 29–96, 117–138.
5
Ein Überblick über diese Historiographie bei Guy Halsall, Barbarian Migrations and the
Roman West, 376–568 (Cambridge 2007) Kap. 1.
6
Z. B. Peter J. Heather, The Fall of Rome. A New History (London 2005).
Gräberfelduntersuchungen und das Ende des römischen Reichs 105
Sicht rechne ich mich selbst zu, nicht zuletzt deshalb, weil die archäologi-
schen Quellen diese Interpretation massiv stützen.
Außerdem haben Historiker schon seit langem unser Verständnis von
Ethnizität revidiert. Was immer es bedeutete, ein Franke, ein Gote o. ä. zu
sein, es war nicht die Zugehörigkeit zu einer rassisch oder kulturell homo-
genen Gruppe.
7
Doch wie Roger Collins jüngst mit Bezug auf die Archäo-
logie des westgotenzeitlichen Spanien schrieb, scheint dies niemand den
Archäologen gesagt zu haben.
8
Das ist natürlich eine Übertreibung. Viele
wertvolle Studien haben diese theoretische Entwicklung berücksichtigt,
und von einem längeren und klugen Buch über die Archäologie der Ethni-
zität aus der Feder von Siân Jones
9
lässt sich sagen, dass es mehr als ein Rad
neu erfindet, das Historiker etwa ein Jahrzehnt früher entdeckt hatten.
Aber es bleibt dennoch eine erhebliche Anzahl archäologischer Studien,
die Ethnizität auf althergebrachte Weise thematisieren. Viele neuere Arbei-
ten, denen eine situative und instrumentalistische Perspektive auf Ethnizi-
tät zugrunde liegt, präsentieren tatsächlich lediglich ein „Fotonegativ“ der
alten Sicht – weil Ethnizität keine Sache von Genen und geographischer
Herkunft ist, war sie unwichtig.
10
II.
In diesem kurzen Beitrag möchte ich zeigen, dass die Gräberfeldarchäolo-
gie eine wichtige Rolle in den Diskussionen um das Ende des römischen
Reichs spielen kann. Insbesondere kann sie zu neueren Diskussionen über
die Bedeutung des Niedergangs des römischen Reichs beitragen – zum Aus-
maß der Kontinuität zwischen spätrömischen und frühmittelalterlichen
Verhältnissen und ob die Zeitgenossen den Fall des Imperiums bemerkten.
Dichte, kontextuelle Studien zu den Gräberfeldern können darüber hinaus
wichtige Beiträge zur Diskussion darüber liefern, ob es tatsächlich richtig
ist, hochpolitische Ereignisse, die aus den Textquellen ermittelt worden
7
Vgl. oben Anm. 4; grundlegend Walter Pohl, Telling the Difference. Signs of ethnic iden-
tity. In: Strategies of Distinction. The Construction of Ethnic Communities, 300–800,
ed. Walter Pohl/Helmut Reimitz. The transformation of the Roman world 2 (Leiden, Bos-
ton, Köln 1998) 17–69; ders., Conceptions of ethnicity in early medieval studies. In:
Debating the Middle Ages. Issues and readings, ed. Lester K. Little/Barbara H. Rosenwein
(Oxford 1998) 15–24.
8
Roger J. H. Collins, Visigothic Spain, 409–711 (London 2004) 181.
9
Siân Jones, The archaeology of ethnicity. Constructing identities in the past and present
(London, New York 1997).
10
Beispielsweise Lucy, Burial practice (Anm. 3).
106 Guy Halsall
sind, zur Erklärung von Veränderungen im archäologischen Befund heran-
zuziehen. Um diese Beiträge zu ermöglichen, müssen die archäologischen
Quellen auf etwas andere Art und Weise betrachtet werden. Anstatt von der
Archäologie Hinweise über Siedler und Immigranten zu erwarten oder über
Ethnizität, wenn man sie in der traditionellen Weise versteht, liegt eine
vielversprechende Perspektive darin, Friedhöfe kritisch als Quellen zur
Ermittlung von Sozialstrukturen zu betrachten – ein von Heiko Steuer ge-
bahnter Weg.
11
Im einzelnen werde ich zeigen, dass die Gräberfeldarchäo-
logie einen Blick auf die lokalen und politischen Auseinandersetzungen er-
möglicht, die, in vielfacher Hinsicht, die politische Entwicklung prägten,
die Europa zwischen dem späten 4. und dem 7. Jahrhundert nahm. Auf
diese Weise lässt sich, wie es schriftliche Quellen der Zeit kaum je vermö-
gen, untersuchen, wie die hohe Politik das Leben von Myriaden lokaler Ge-
meinschaften in Europa beeinflusste und wie jene Leute dieses Niveau poli-
tischer Geschichte in ihrem eigenen lokalen Wettbewerb um Dominanz zu
ihrem Vorteil nutzten. Dies erlaubt der Archäologie, jene Verhältnisse deut-
lich zu beschreiben, unter denen der Untergang des weströmischen Reiches
erlebt wurde.
Der Schlüssel dazu liegt in einer dichten Analyse dessen, was die soziale
Bedeutung umfänglich ausgestatteter Gräber ausmachte. Darüber habe ich
bereits an anderer Stelle geschrieben, so dass hier ein kurzes Resümee ge-
nügen mag.
12
Es ist seit langem deutlich, dass an einer umfänglichen Grab-
ausstattung nichts prinzipiell Heidnisches haftet, obgleich die Idee, dass
dies dennoch so sei, von manchen noch immer verfochten wird – zumin-
dest unausgesprochen und besonders in der britischen Archäologie.
13
Au-
ßerdem sind umfängliche Grabausstattungen nichts genuin Germanisches.
Ohne das simplifizierende Modell von Wanderungen der Barbaren würden
11
Vgl. grundlegend Heiko Steuer, Frühgeschichtliche Sozialstrukturen in Mitteleuropa.
Eine Analyse der Auswertungsmethoden des Archäologischen Quellensmaterials. Ab-
handlungen der Akademie der Wissenschaften Göttingen, phil.-hist. Kl., Dritte Folge 128
(Göttingen 1982).
12
Jüngste Perspektiven bei Guy Halsall, Burial writes. Graves, „texts“ and time in early Me-
rovingian northern Gaul. In: Erinnerungskultur im Bestattungsritual. Archäologisch-Hi-
storisches Forum, hrsg. Jörg Jarnut/Matthias Wemhoff. MittelalterStudien 3 (München
2003) 61–74.
13
Die klassische Arbeit war Bailey K. Young, Merovingian Funeral Rites and the Evolution
of Christianity. A Study in the Historical Interpretation of Archaeological Material, phil.
Diss. University of Pennsylvania (Ann Arbor 1975), teilweise publiziert als: ders., Paga-
nisme, christianisme et rites funéraires mérovingiens. Archéologie Médiévale 7, 1977, 5–81.
Obwohl die These, Grabbeigaben seien heidnisch, oft (und zumindest oberflächlich) ver-
treten wird, findet man weiterhin Bezüge auf das Gegenteil – dass nämlich das fehlen bzw.
das verschwinden von Grabbeigaben christlichen Glauben anzeigt. Vgl. verschiedene Bei-
träge in: Burial in Early Medieval England and Wales (Anm.3).
Gräberfelduntersuchungen und das Ende des römischen Reichs 107
Archäologen Bestattungen mit Grabbeigaben nicht einfach Einwanderern
zuschreiben – und dabei die Herkunft der in den Gräbern vorhandenen
Gegenstände beiseite lassen; letzteres ist ein weiterer Aspekt, auf den ich
noch zurückkomme. Bestattungen mit Grabbeigaben – hin und wieder mit
Waffen und Artefakttypen, die im Allgemeinen als charakteristisch für bar-
barische Bestattungen gehalten werden – sind aus verschiedenen Regionen
innerhalb des spätrömischen Reichs bekannt: z. B. aus dem Tal des Duero
in Spanien und aus Norditalien um den Gardasee.
14
Spätrömische Gräber
mit Beigaben sind in Britannien gefunden worden.
15
Sie werden mitunter
barbarischen Siedlern zugeschrieben, doch gibt es dafür keinen plausiblen
Grund, abgesehen von der Annahme a priori, dass diese Gräber diejenigen
von Barbaren sein sollten. Ian Wood hat Texte angeführt, die von umfäng-
lich ausgestatteten Gräbern in Südgallien berichten.
16
Ich selbst habe aus-
führlich argumentiert, dass die so genannten „Föderatengräber“ in Nord-
gallien, die seit dem späten 4. Jahrhundert aufkamen, an und für sich nicht
als Bestattungen von Einwanderern von jenseits des Rheins angesehen
werden können, wenn man lediglich archäologische Argumente geltend
macht, konsequent logisch vorgeht und die archäologischen Quellen für
sich selbst sprechen lässt.
17
Überraschenderweise ist diese These bei Histo-
14
Bestattungen im Duero-Tal: Angel Fuentes Domínguez, La necrópolis tardorromana de
Albalate de las Nogueras (Cuenca) y el problema de las denominadas „necrópolis del
Duero“ (Cuenca 1989). – Bestattungen mit Grabbeigaben in Italien: Guido Gastaldo,
I corredi funerari nelle tombe „tardo romane“ in Italia settentrionale. In Sepolture tra
IV e VIII secolo, ed. Gian-Pietro Brogiolo/Gisella Cantino Wataghin. Documenti di
Archeologia 13 (Mantova 1998) 15–59; Serena Massa, La necropoli del Lugone (Salò).
Analisi della struttura sociale. In: La Fine delle Ville Romana. Trasformazioni nelle Cam-
pagne tra tarda Antichità e alto Medioevo, ed. Gian-Pietro Brogiolo. Documenti di
Archeologia 11 (Mantua 1996) 71–79.
15
Giles N. Clarke, Winchester Studies 3. Pre-Roman and Roman Winchester II. The Roman
Cemetery at Lankhills (Oxford 1979); Catherine Hills/Henry R. Hurst, A Goth at Glou-
cester? Antiquaries Journal 69, 1989, 154–158.
16
Ian Wood, Sépultures ecclésiastiques et sénatoriales dans la vallée du Rhône (400–600).
Mediévales 31, 1996, 13–21.
17
Guy R. W. Halsall, The origins of the Reihengräberzivilisation. Forty years on. In: Fifth-
Century Gaul. A Crisis of Identity? ed. John F. Drinkwater/Hugh Elton (Cambridge 1992)
196–207; ders., Archaeology and the late Roman frontier in northern Gaul. The so-called
Föderatengräber reconsidered. In: Grenze und Differenz im früheren Mittelalter, hrsg.
Walter Pohl/Helmut Reimitz. Forschungen zur Geschichte des Mittelalters 1 = Öster-
reichische Akadediem der Wissenschaften, phil.-hist. Kl. Denkschr. 287 (Wien 2000)
167–180. – Die beste Übersicht über die Funde selbst bleibt: Horst-Wolfgang Böhme, Ger-
manische Grabfünde des 4 bis 5 Jahrhunderts zwischen untere Elbe und Loire. Studien
zur Chronologie und Bevölkerungsgeschichte. Münchner Beiträge zur Vor- und Früh-
geschichte 19 (München 1974).
108 Guy Halsall
rikern auf größere Akzeptanz als unter Archäologen gestoßen.
18
Dies ist
deshalb paradox, weil die Argumente rein archäologische sind, während
sich ihre Gegner wesentlich auf eine nicht mehr zeitgemäße Interpretation
der Schriftquellen stützen. Mir ist bislang kein überzeugender archäologi-
scher Einwand gegen diese These begegnet;
19
aber wie auch immer, deren
Akzeptanz oder Ablehnung ändert sehr wenig am Gewicht der Argumente,
die in diesem Beitrag vorgetragen werden.
Selbst wenn man annimmt, dass der Bestattung mit Grabbeigaben etwas
genuin „Germanisches“ anhaftet, fällt zweierlei auf. Erstens wurden nur
sehr wenige der Germani in ihren Herkunftsgebieten auf diese Weise bestat-
tet, und zweitens begrub man nur eine sehr kleine Minderheit der Siedler
von jenseits der alten Reichsgrenzen im nachantiken Westen – z. B. in Spa-
nien und Italien – derart. Selbst wenn es sich also um ein germanisches Ri-
tual gehandelt haben sollte, so müsste mehr zu seinem Vorkommen in den
früheren Provinzen geführt haben als das bloße „Germanensein“ der sol-
cherart Bestatteten. Um die Ausbreitung dieser Bestattungsform im 5. Jahr-
hundert und später über die alte Rheingrenze hinaus zu erklären, bedarf es
einer profunderen Interpretation als die Voraussetzung einer angenom-
menen ethnischen Tradition. Man kann nicht ein „germanisches“ Heiden-
tum annehmen, ohne Wandlungen eines paganen Glaubens in dieser Zeit
zu berücksichtigen – oder eines, dem nur gewisse Bevölkerungsanteile zu-
gerechnet werden – etwas, wofür es keine Anhaltspunkte gibt. Man kann
nicht eine ethnische Identität voraussetzen, wenn man nicht zugleich glau-
ben will, dass entweder nur recht wenige Menschen diese Ethnizität teilten
oder es sich um eine neue ethnische Identität handelte. Letzteres mag sich
mit einigen neueren Konzepten von Ethnogenese decken und müsste ge-
nauer erläutert werden, aber diese Annahme würde eher die These ins Wan-
ken bringen, dass diese Bestattungsform einen einfachen Indikator für neue
Siedler darstellte. Offensichtlich bewirkte etwas diese neue Gewohnheit –
entweder der Gebrauch durch mehr Menschen oder auf andere Weise als
zuvor.
18
Vgl. beispielsweise Michael Schmauder, The relationship between Frankish gens and
regnum. A proposal based on the archaeological evidence. In: Regna and Gentes. The Rela-
tionship between late Antique and Early Medieval Peoples and Kingdoms in the Transfor-
mation of the Roman World, ed. Hans-Werner Goetz/Jörg Jarnut/Walter Pohl. The
transformation of the Roman world 13 (Leiden, Boston, Köln 2003) 271–306 (bes. 279
Anm. 31), und Hans-Werner Goetz, Gens, Kings and Kingdoms. The Franks. Ebd.,
307–344 (bes. 317–318).
19
Ich halte z. B. die Argumente von Schmauder, The relationship (Anm. 18) 279 Anm. 31,
für recht unbefriedigend, obwohl er sich mit diesen Konzepten zumindest auseinanderge-
setzt hat.
Gräberfelduntersuchungen und das Ende des römischen Reichs 109
Als umfänglich ausgestattete Gräber im barbaricum auftauchten, so la-
gen die ersten Anfänge in der römischen Kaiserzeit. Obgleich die Diskus-
sion gelegentlich diffusionistisch geprägt und nicht übermäßig interessant
erscheint, ist die Interpretation meist eine soziale – es habe mit der lokalen
Elite zu tun.
20
Meines Wissens hat niemand dafür plädiert, dass – während
kurzer Zeitabschnitte – regionale Eliten plötzlich begannen, sich germani-
scher als zuvor zu fühlen, obwohl die allgemeine Schlichtheit des „ger-
manistischen“ Paradigmas das Fehlen einer solchen Argumentation über-
raschend macht. Eine Neuinterpretation der Bestattungen im nachantiken
Westen als „soziale“ Mode sollte daher nicht allzu kontrovers sein.
III.
Die beiden Ausgangspunkte für jedes Verständnis der mit Beigaben ausge-
statteten Gräber sind die Öffentlichkeit und die Vergänglichkeit des Ritu-
als. Was auch immer die Absicht ist – Demonstration sozialen Status’, von
Reichtum, sozialer Rolle, Ethnizität oder jeder anderen Dimension sozialer
Strukturen –, Grabbeigaben sind offenkundig nicht mehr sichtbar, wenn
sie erst einmal in das Grab gelangt sind. Jede Zurschaustellung ist kurzlebig.
Diese Form der Präsentation kontrastiert interessanterweise Formen der
Erinnerung, die eine permanent überirdische Demonstration verwenden.
Da die Situation kurzlebig, vergänglich ist, bedürfen solche Gräber eines
„Publikums“ am oder um den Tag der Bestattung. Wenn niemand die Prä-
sentation der Grabbeigaben wahrnimmt, kann mit der Bestattung keine
Absicht effektiv verfolgt werden.
21
Deshalb müssen wir untersuchen, wer mit Grabbeigaben bestattet
wurde und in welchem Kontext. Sind dies Bestattungen von Männern,
Frauen und Kindern, oder wurden allein Erwachsene auf diese Weise begra-
ben? Oder wurden (beispielsweise) nur Männer solcherart bestattet, oder
nur erwachsene Männer? Kommen diese Gräber in kleinen Gruppen auf
größeren Friedhöfen vor, auf denen die meisten Bestattungen ziemlich an-
ders aussehen? Um welche Friedhöfe handelt es sich – städtische, länd-
liche, bei einer Befestigung, bei (oder in) einer Kirche gelegene? Wie um-
20
Vgl. beispielsweise Jan Bemmann, Körpergräber der jüngeren römischen Kaiserzeit und
Völkerwanderungszeit aus Schleswig Holstein. Zum Aufkommen einer neuen Bestat-
tungssitte im überregionalen Vergleich. Studien zu Sachsenforschung 13, 1999, 5–45; Jörg
Kleemann, Zum Aufkommen der Körperbestattung in Niedersachsen. Studien zur Sach-
senforschung 13, 1999, 253–262.
21
Halsall, Burial writes (Anm. 12).
110 Guy Halsall
fänglich ist – im Vergleich – die Investition in die Grabausstattungen? Und
welche Form haben die Grabbeigaben? Was wird symbolisiert?
Stellt man diese Art von Fragen an das archäologische Material aus den
Gräberfeldern, ergibt sich ein erheblich differenzierteres Bild, als wenn
schlicht angenommen wird, die auf diese Weise Bestatteten seien die einen
oder anderen Barbaren. Zunächst wird offensichtlich, dass im früheren Ab-
schnitt der im vorliegenden Beitrag behandelten Zeitepoche solche Bestat-
tungen nur in kleiner Zahl auf größeren Friedhöfen vorkamen. Das scheint
ganz allgemein der Fall gewesen zu sein, und das sollte bedeuten, dass in-
nerhalb der Gesellschaften – wenn überhaupt – nur einige wenige Familien
ihre Position durch dieses Ritual präsentierten. Verglichen mit dem allge-
mein geringen Umfang der Grabausstattungen, sollte das Fehlen von Kon-
kurrenz im Ritual damit zu erklären sein, dass deren lokale Macht relativ
gesichert war. Die Familien, die ihre Toten in diesen Gräbern bestatteten,
waren in dem einen oder anderen Sinne Anführer.
Doch weshalb sollten sie sich für diese vergängliche Präsentation im An-
gesicht der Gesellschaft entschieden haben, eine Präsentation, die weder im
Imperium noch im barbaricum verbreitet war? Dies muss eine gewisse Form
von Spannungen in den lokalen Machtverhältnissen bedeuten. Im Fall der
nordgallischen Gräber, den zahlreichsten unter den frühen Bestattungen,
lässt sich dies recht klar erkennen. Sie tauchten dann auf, als die nordgalli-
schen Villen endgültig aufgegeben wurden und als der archäologische Be-
fund – generell – eine tiefgreifende soziale und wirtschaftliche Krise an-
zeigt.
22
Man kann außerdem auf die symbolische Bedeutung der Objekte
hinweisen, die in den Gräbern vorkommen. Ob man sie als diejenigen bar-
barischer Siedler ansieht oder, wozu ich neige, als die lokaler Anführer
gleich welcher Herkunft, der Symbolgehalt der in den Gräbern präsentier-
ten Gegenstände war überwältigend und entschieden römisch. Die Arte-
fakte stammen aus römischer Fertigung, ebenso wie m. E. die Kleidungs-
bestandteile der Frauen.
23
Noch deutlicher: die Gürtel sind klassische
Statussymbole, die einen Zusammenhang zu den Machtstrukturen des rö-
mischen Reichs demonstrierten, die in dieser Region so wichtig waren. Die
Bewaffnung symbolisierte wahrscheinlich militärische Führung (von be-
sonderer Bedeutung in dieser Region des Imperiums). Andere Gegenstände
22
Halsall, The origins of the Reihengräberzivilisation (Anm. 17); ders., Archaeology and the
late Roman frontier (Anm. 17).
23
Halsall, Archaeology and the late Roman frontier (Anm. 17). Schmauder, The relationship
(Anm. 18), scheint dieses Argument zu akzeptieren, meint aber, dass dies für die Bestim-
mung der Ethnizität der in den Gräbern Bestatteten unwichtig sei. Es ist aber wichtig, weil
diese Schmuckgegenstände bislang die letzte Grundlage für eine Charakterisierung dieser
Leute als „germanisch“ darstellt.
Gräberfelduntersuchungen und das Ende des römischen Reichs 111
repräsentierten auf ähnliche Weise klassische aristokratische Werte wie die
Jagd, möglicherweise durch die Waffen und die Verzierung mancher Ob-
jekte verdeutlicht,
24
und das Vorkommen von Speisen und Getränken bei
Feiern. Diese Bestattungen veranschaulichen erstens die Bedeutung, die der
Reichsdienst für den Erhalt der lokalen sozialen und politischen Ordnung
besaß, und zweitens die Auswirkungen, die der Rückzug einer effektiven
kaiserlichen Verwaltung aus Nordgallien um 380 besaß.
25
In meinen Augen
ist die zentrale Schlussfolgerung aus den archäologischen Gräberfeldunter-
suchungen im gesamten Westen, dass hochpolitische Entwicklungen von
der „normalen“ Bevölkerung nicht unbemerkt blieben.
IV.
Die Bestattungen im Duero-Tal, die aus ungefähr derselben Zeit stammen,
bedürfen noch einer überzeugenden Interpretation. Der Gedanke, sie
stammten von barbarischen Militärs, geht von ihrer oberflächlichen Ähn-
lichkeit mit den nordgallischen Gräbern aus (deren Zuschreibung an Bar-
baren selbst zur Diskussion steht).
26
Dessen ungeachtet ist darauf hinzuwei-
sen, dass unabhängig von der Herkunft dieser Leute und unabhängig von der
Interpretation dieser Bestattungen (wahrscheinlich wiederum mit irgend
einer Art von Veränderung oder Krise in lokalen Machtkämpfen verbun-
den, wenn auch nicht auf genau dieselbe Weise wie in Nordgallien) das
Fundmaterial keinen symbolischen Bezug zu irgend etwas Nichtrömi-
schem erkennen lässt. Gürtelgarnituren erscheinen erneut machtbezogen,
wahrscheinlich wiederum aufgrund ihrer Bedeutung für die Zurschaustel-
lung imperialer Ämter. So weit ich sehe, trifft das gleiche für spätrömische
Bestattungen mit Grabbeigaben in Norditalien zu.
27
Darüber hinaus haben
die frühesten Gräber mit Beigaben im Tiefland Britanniens, z. B. von Lank-
hills bei Winchester, Gloucester oder Dorchester-on-Thames (und man be-
achte die westliche Verbreitung dieser Bestattungen), nichts Unrömisches
24
Vgl. die Verzierung des Krugs von St.-Rimay: Böhme, Germanische Grabfunde (Anm. 17)
107.
25
Halsall, Barbarian migrations (Anm. 5) Kap. 7.
26
Zu dieser Idee vgl. José M. Blazquez, Der Limes im Spanien des vierten Jahrhunderts. In:
Actes du IX
e
Congrès International d’Études sur les Frontières Romaines, ed. Dionisie
M. Pippidi (Bucures¸ti 1974) 485–502; ders., Der Limes Hispaniens im 4. und 5. Jahrhun-
dert. Forschungsstand, Niederlassung der Laeti oder Gentiles am Flusslauf des Duero.
In: Roman Frontier Studies 1979. Papers Presented to the 12th International Congress of
Roman Frontier Studies, ed. W. S. Hanson/Lawrence J. F. Keppie. British Archaeological
Reports, International Series 71 (Oxford 1980) 345–396.
27
Vgl. Anm. 14.
112 Guy Halsall
an sich.
28
Was immer in den unterschiedlichen Regionen des Westreichs im
4. und 5. Jahrhundert vor sich ging – im allgemeinen periphere Regionen in
verschiedenem Sinne – und woher die dort Bestatteten auch immer stamm-
ten, die Familien wollten den während der Bestattung Anwesenden zeigen,
dass sie – politisch – Römer waren, mit Beziehungen zu allen etablierten
und traditionellen Strukturen römischer Autorität.
In einigen Regionen änderte sich dieses Bild recht schnell. Am deut-
lichsten ist das im Flachland Britanniens der Fall, wo eine Sachkultur er-
kennbar nichtrömischen Ursprungs als Grabbeigaben nördlich der Themse
(wo auch Brandbestattungen neu auftauchen) seit dem zweiten Viertel des
5. Jahrhunderts vorkommt.
29
Mir scheint dies das beginnende Begreifen
der Bevölkerung widerzuspiegeln, dass das Imperium die Kontrolle über
ihre Regionen verloren hatte – ebenso sehr, wenn nicht stärker als Zeichen
für die Anwesenheit von Einwanderern aus Norddeutschland. Seit der frü-
hen Kaiserzeit hatte es germanischsprechende Barbaren in Britannien gege-
ben, doch sie hatten keine Notwendigkeit verspürt, ihre Identität durch
eine nichtrömische Sachkultur zu demonstrieren. Vor dem Hintergrund
des sozialen und politischen Verhaltens im Imperium ist das kaum überra-
schend. Das Aufkommen nichtrömischer Sachkultur zeigt, dass in den
mittleren Jahrzehnten des Jahrhunderts eine soziale und politische Identi-
tät bedeutend geworden war, die sich auf eine tatsächliche oder behauptete
Verbindung mit neuen Quellen der Macht, aus dem barbaricum, stützte.
Doch dies war nicht überall der Fall. Südlich der Themse lässt sich das Me-
tallhandwerk – der „Quoit Brooch Style“ – auf offizielle imperiale Vorbil-
der zurückführen.
30
Man könnte zwischen beiden Regionen politische
Differenzen und Rivalitäten konstatieren, ungefähr nördlich bzw. südlich
der Themse. Ob man dies als Opposition von „Sachsen“ und „Angeln“ be-
greift, sei hier dahingestellt.
28
Zusätzlich zu den Nachweisen in Anm.15 vgl. zu ‚Gloucester Goth‘ auch: P. D. C. Brown,
A fifth-century burial at Kingsholme. In. Henry R. Hurst et al., Excavations at Gloucester.
Third interim report. Kingsholme 1966–75. Antiquaries Journal 55, 1975, 290–294; zu
Dorchester: J. P. Kirk/Edward Thurlow Leeds, Three early Saxon graves from Dorchester,
Oxon. Oxoniensia 17–18, 1954, 63–76.
29
Gute Beschreibung des Materials bei: Horst-Wolfgang Böhme, Das Ende der Römerherr-
schaft in Britannien und die angelsächsische Besiedlung Englands im 5. Jahrhundert. Jahr-
buch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz 33, 1986, 469–574.
30
Böhme, Das Ende der Römerherrschaft (Anm. 29); Peter Inker, Technology as active
material culture. The Quoit Brooch Style. Medieval Archaeology 44, 2000, 25–52; Seiichi
Suzuki, The Quoit Brooch Style and Anglo-Saxon Settlement. A casting and recasting of
cultural identity symbols (Woodbridge 2000). Es sei darauf hingewiesen, dass dieses Ma-
terial generell in sekundären Zusammenhängen und damit wiederverwendet gefunden
wird, so dass die ursprüngliche Verbreitung verzerrt ist.
Gräberfelduntersuchungen und das Ende des römischen Reichs 113
Generell sind größere Veränderungen aber im späten 5. Jahrhundert
festzustellen. Der Wandel betrifft zunächst die den Toten beigegebenen
Gegenstände. Auch wenn Kleidung, wie z. B. Gürtelgarnituren, auch in der
nachrömischen Zeit im Mittelpunkt der Statusdemonstration steht, so än-
derten sich doch ihre Form und Verzierung. In Britannien und anderenorts
erscheint Salins Stil I, und der „subrömische“ Quoit Brooch Style verschwand
aus den Funden. Wenngleich Stil I auf römische Metallarbeiten zurück-
geht, wie seit langem bekannt ist, so stellte er selbst eine skandinavische
Entwicklung dar.
31
Ungefähr zur selben Zeit tauchte im nördlichen Gallien ein archäologi-
scher Horizont auf, der mitunter als Flonheim-Gültlingen-Horizont be-
zeichnet wird und insbesondere durch Objekte wie Gürtelgarnituren im
polychromen Stil charakterisiert ist. Während man früher glaubte, dass
diese Gegenstände mit dem Attila-Reich an der Donau zu verbinden
seien
32
, scheinen sie nun eher mediterraner Herkunft zu sein. Dessen unge-
achtet meint die jüngste und überzeugende Interpretation dieser Kleidung,
diese sei im 5. Jahrhundert durch ihren Gebrauch seitens einer militäri-
schen Elite des Imperiums mit „Barbaren“ assoziiert worden.
33
Das Vor-
kommen der Kleidung im Bestattungsritual zu dieser Zeit macht gewiss ein
Bestreben deutlich, damit sozialen Status auf eine Weise zu demonstrieren,
die sich grundlegend von traditionellen Zeichen der Einbindung in das Rö-
mische Reich unterschied.
Dass sich diese Entwicklungen auf beiden Seiten des Kanals gleichzeitig
vollzogen und genau zu der Zeit, als das weströmische Reich seinen Nie-
dergang erlebte, kann kein Zufall sein. Die Menschen wussten, dass die
Quellen politischer Macht nicht mehr länger römisch sein würden, son-
dern auf nichtrömische Militärs überzugehen schienen. Ich möchte beson-
ders betonen, dass die Veränderungen der Sachkultur nicht einfach mit
dem Eintreffen nichtrömischer Gruppen verbunden waren, sondern viel
mehr das Ergebnis einer aktiven Auswahl der Menschen in lokalen Gesell-
31
Günter Haseloff, Germanische Tierornamentik der Völkerwanderungszeit. Studien zu
Salins Stil I, Bd. 1–3. Vorgeschichtliche Forschungen 17 (Berlin 1981); Siv Kristoffersen,
Migration period chronology in Norway. In: The Pace of Change. Studies in Early-Medie-
val Chronology, ed. John Hines/Karen Høilund Nielsen/Frank Siegmund (Oxford 1999)
93–114.
32
Eine Verbindung, die besser zu meiner Argumentation passen würde!
33
Philipp von Rummel, Habitus vandalorum? Zur Frage nach einer gruppenspezifischen
Kleidung der Vandalen in Nordafrika. Antiquité Tardive 10, 2002, 131–141; ders., Habitus
Barbarus. Kleidung und Repräsentation spätantiker Eliten im 4. und 5. Jahrhundert.
Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 55 (Berlin, New York
2007).
114 Guy Halsall
schaften.
34
Die mit diesen Gegenständen Bestatteten waren lokale Einwoh-
ner, die ihre Macht auf eine Verbindung mit neuen, barbarischen politi-
schen Autoritäten stützten. Diese Auswahl setzte sich durch; eine Berufung
auf das Imperium war keine effektive Strategie mehr, und die Leute wussten
das. Oder – alternativ – diese Menschen waren selbst Neuankömmlinge,
die die Herkunft ihrer lokalen Macht verdeutlichten.
Was man aber nicht tun darf, ist, diese Menschen einfach mit Neu-
ankömmlingen gleichzusetzen und den Zeitpunkt ihrer Machtübernahme
dazu zu benutzen, die Sachkultur zu datieren. Es gab Franken in Gallien
und Sachsen in Britannien bereits zuvor, doch diese hatten nicht versucht,
ihre Identität durch eine auffällige Zurschaustellung nichtrömischen Mate-
rials zu präsentieren. Darüber hinaus war das in Nordgallien verwendete
Material in keiner Weise traditionell fränkisch. Wichtig war, dass es im tra-
ditionellen Verständnis nicht römisch, aber nun von symbolischem Wert
war. Außerdem wurde nicht jeder Franke auf diese Weise bestattet. Im spä-
ten 5. Jahrhundert war dies wie zuvor ein Ritual, das lokale Eliten ausüb-
ten. Im frühen 6. Jahrhundert hatte sich im Tiefland Britanniens und
ebenso in Nordgallien die Situation geändert, indem der Ritus von größe-
ren Teilen der Gesellschaften ausgeübt wurde.
35
Die Gründe für diesen
Wandel müssen in Nordgallien in der inneren sozialen und politischen Dy-
namik des fränkischen Königreichs liegen – mit einer geringeren Verläss-
lichkeit lokalen Vorrangs und einer zunehmenden Konkurrenz um lokale
Macht. Dies liegt jenseits der zentralen Perspektive dieses Beitrags, auch
wenn es die wesentlichen Punkte unterstreicht.
V.
Diese Schlussfolgerungen seien durch einen kurzen Blick auf das ostgoti-
sche Italien bekräftigt. Es gibt eine Reihe gut bekannter Gräber der ost-
gotischen Zeit, meist unter unklaren Umständen entdeckt, in denen die To-
ten mit Grabbeigaben unzweifelhaft donauländischer Herkunft bestattet
worden waren.
36
Es kann kaum ein Zweifel daran bestehen, dass diese Bei-
34
Guy Halsall, Gender and the end of empire. Journal of Medieval and Early Modern Stu-
dies 34/1, 2004, 17–39, wo unglücklicherweise die alte Vorstellung eines donauländischen
Kontexts des Flonheim-Gültlingen-Materials wiederholt wird.
35
Guy Halsall, Settlement and Social Organisation. The Merovingian Region of Metz
(Cambridge 1995), zur Untersuchung des Rituals in einem regionalen Kontext.
36
Eine hilfreiche Einführung in das Material bei: Volker Bierbrauer, Archeologia degli
Ostrogoti in Italia. In: I Goti, ed. Volker Bierbrauer/Otto v. Hessen/Edoardo A. Arslan
(Milano 1994) 170–213.
Gräberfelduntersuchungen und das Ende des römischen Reichs 115
gaben oder die Kleidung, zu der sie gehörten, in gewisser Weise eine goti-
sche Identität symbolisierten. Allerdings mag der Stil dieser Gegenstände,
wie bei den nordgallischen Gräbern, von allgemein mediterraner Herkunft
sein und die Verbindung mit den Goten das Ergebnis ihres Gebrauchs in
einer von Goten dominierten spätrömischen Armee – eher jedenfalls als
nur deshalb, weil sie von jenseits der Donau importiert worden waren.
37
Wiederum darf die Analyse nicht damit enden, dass das archäologische
Material einfach als passiver Reflex dessen angehen wird, dass im späten
5. Jahrhundert einige Gruppen vom Balkan nach Italien einwanderten und
dort starben und sie (bzw. eher ihre Kleidung) so aussahen. Auf diese Weise
sind die ostgotischen Gräberfelder – verglichen mit den anderen poströmi-
schen Friedhöfen – wohl besonders unzureichend behandelt worden. Dass
mit diesem Material – abgesehen von typologischen und chronologischen
Analysen – fast nichts Interessantes unternommen wurde, liegt zugegebe-
nermaßen überwiegend an den unklaren Fundumständen und dem völ-
ligen Fehlen von Angaben zu Geschlecht und Alter der Toten. Dessen un-
geachtet unterstreicht auch das inadäquate ostgotische Material meine
Hauptargumente. Erstens bemerkt auch eine minimalistische Interpreta-
tion der ostgotischen Besiedlung, dass diese Gräber nur eine Minderheit
der Einwanderer in Italien repräsentieren kann; selbst Patrick Amory
glaubte, dass es mehr als 50 Goten in Italien gab!
38
Nicht alle Goten wur-
den daher, soviel scheint offensichtlich, auf diese Weise bestattet, und das
bedeutet unmittelbar, dass nach einer sozialen Interpretation dieser Bestat-
tungen zu suchen ist – einer, die erklärt, weshalb nur einige Goten auf diese
Weise begraben wurden. Daher sind Datierung und politischer Kontext
dieser Gräber von zentralem Interesse. In Italien ist die Situation unklar,
weil die Ostrogoten 17 Jahre nach der Absetzung des Romulus Augustulus
in Italien einwanderten. 17 Jahre ist für Archäologen eine zu kurze Zeit-
spanne, um verlässliche Aussagen darüber zu machen, ob Bestattungen des
späten 5. Jahrhunderts den Truppen Odoakers oder Theoderichs zuzure-
chen sind; Aussagen müssen daher andere Hinweise auf „ethnische“ Iden-
titäten bemühen, die nicht ausschlaggebend sein können. Was auch immer
zutreffen mag, im Interesse einer klaren Argumentation sei angenommen,
die Zuschreibung der Gräber wäre korrekt und sie wären als ostgotisch an-
zusehen. Es fällt auf, dass die zahlreichen barbarischen Truppen im Italien
37
Ich danke Philipp v. Rummel für Hinweise zu diesem Thema. Vgl. v. Rummel, Habitus
Barbarus (Anm. 33) 258–269.
38
Patrick Amory, People and identity in Ostrogothic Italy, 489–554. Cambridge studies in
medieval life and thought 4/33 (Cambridge 1997) – wahrscheinlich die am meisten mini-
malistische Sicht der barbarischen, gotischen Besiedlung Italiens.
116 Guy Halsall
des 5. Jahrhunderts ihre nichtrömische Identität nicht durch die Sachkultur
demonstriert hatten. Der Kontext für diese Demonstration von Gotisch-
sein existierte erst nach 476. Sogar im Herzen des früheren Imperiums be-
deutete der Fall Roms einen Unterschied für die lokale Politik und also
auch für die Sachkultur.
Es ist festzuhalten, dass Angehörige einiger führender Familien die Not-
wendigkeit verspürten, ihre ‚gotische‘ Identität einem Publikum zu präsen-
tieren, das wahrscheinlich entweder – im Fall der Gräber in Kirchen in den
Hauptstädten des Reichs (wie Ravenna, Pavia, Rom und Mailand) – poli-
tisch wichtige Personen umfasste oder andere lokale Landbesitzer und viel-
leicht Leute minderen Rangs. Dies sollte die Spannungen erhellen, die sich
innerhalb der Führungsschicht des neuen Regimes ergaben. Es könnte z. B.
gut zu neueren Untersuchungen passen, die zeigen, wie Theoderich Herr-
schaftsideologie dazu benutzte, die verschiedenen Gesellschaften Italiens in
seinem Reich zusammenzuhalten. Man könnte z. B. die Entwicklung einer
„gotischen“ Sachkultur als Formulierung eines Anspruchs auf Autorität in
lokaler Machtkonkurrenz interpretieren. Dieses Material würde dann eine
Verbindung zum Königshof demonstrieren. Ein solcher Befund könnte uns
eine Menge sagen, und es ist schade, dass das vorhandene Material die de-
taillierte Beantwortung wichtiger Fragen nicht erlaubt, weil entweder keine
Informationen zum Kontext vorliegen oder archäologische Datierungen
nicht genau genug sein können, wenn wir wissen wollten, ob diese Grab-
ausstattungen in der späteren Regierungszeit Theoderichs mehr oder weni-
ger verbreitet waren, als dessen Ideologie selbstsicherer geworden war.
39
VI.
In einem kurzen Beitrag wie diesem ist nicht ausreichend Platz zu zeigen,
auf welche Weise zwischen dem späten 4. und dem 6. Jahrhundert im We-
sten verschiedene Kombinationen von Kontexten und Artefakten, Typen
und Verzierungsstilen die Spannungen innerhalb der lokalen Gesellschaf-
ten und Politik zeigen und die unterschiedlichen Strategien zu ihrer Bewäl-
tigung. Ich hoffe mit diesem kurzen Überblick gezeigt zu haben, dass es –
entgegen einer häufig geäußerten Meinung – keine Trennung zwischen
überregionalem politischen Wandel und den Belangen der Bevölkerung im
Westen gab; Voraussetzung für diese Erkenntnis ist es, über die traditio-
nelle Beschäftigung mit der geographischen Herkunft der Grabbeigaben –
39
Hier folge ich der Erörterung von Theoderichs Vorstellung bei Amory, People and identity
(Anm. 38).
Gräberfelduntersuchungen und das Ende des römischen Reichs 117
und möglicherweise der Menschen – hinauszugelangen und das Ritual der
umfänglichen Grabausstattung – die aktive Wahl der Beteiligten – zu the-
matisieren. Was uns die Gräberfelder zeigen, ist dramatisch; nach etwa 476
mussten die Menschen neue Identitäten und/oder neue Mittel zur Symbo-
lisierung von Autorität wählen. Das zeigt uns, dass die Zuordnung zu
neuen Quellen der Macht ein entscheidendes Mittel war, lokale Autorität
zu festigen. Dass Menschen wie jene, die ihre Toten in diesen neuen For-
men bestatteten, an die neuen Ideologien der Macht glaubten, hielt die gro-
ßen politischen Einheiten zusammen. Dass sie oder ihre Rivalen neue, al-
ternative, konkurrierende Identitäten wählten, wenn eine mächtige Gruppe
durch eine andere besiegt wurde, rief das Ausbluten politischer Autorität
hervor, das so kennzeichnend für den unmittelbar nachrömischen Westen
war. Gräberfeldarchäologie erlaubt es, normalen – oder zumindest ziemlich
normalen – Menschen und ihren Handlungsmöglichkeiten eine wichtige
Rolle in der Geschichte zurückzugeben; sie ermöglicht es, wieder die Ge-
schichte von Menschen zu schreiben. Selbst wenn die Archäologie nur dies
zur historischen Analyse Westeuropas im 5. und 6. Jahrhundert beizutra-
gen hätte, selbst dann wären die Gräberfelder eine entscheidende Quelle
für die Geschichte des Endes des römischen Reichs.
118 Guy Halsall
Auf der Suche nach Frankreichs ersten Christen 119
Auf der Suche nach Frankreichs ersten Christen
Camille de la Croix und die Schwierigkeiten eines
Klerikers als Archäologe im späten 19. Jahrhundert
1
Bonnie Effros
Im Oktober 1878 stießen die Arbeiter des Heeresoffiziers Rothmann auf
menschliche und archäologische Überreste, als in und um Poitiers auf An-
höhen Artilleriestellungen errichtet wurden.
2
Rothmann benachrichtigte
Camille de la Croix, einen Jesuiten und archäologischen Enthusiasten, der
kurz zuvor Mitglied der Société des Antiquaires de l’Ouest geworden war, um
den Platz zu besichtigen (Abb. 1).
3
Auch wenn militärische Aktivitäten es
ihm unmöglich machten, genau jene Stelle auszugraben, an der die Funde
gemacht worden waren, arbeitete Père de la Croix in unmittelbarer Nach-
barschaft und stellte rasch die Existenz eines gallorömischen Friedhofs fest.
In anschließenden Ausgrabungen deckte er die Reste von 313 Gräbern auf,
die seiner Meinung nach in die ersten vier Jahrhunderte zu datieren waren.
Diese Nekropole, die de la Croix für heidnisch hielt, lag entlang einer alten
römischen Straße und nahe einem riesigen Grabhügel von sieben Metern
Höhe, der 1832 zur Aufschüttung eines Damms beseitigt worden war.
4
1
Ich danke Sebastian Brather für die Möglichkeit, diesen Beitrag in Freiburg präsentieren zu
können, und für die schöne Übersetzung meines Vortrags. Eine frühere Version habe ich auf
der Tagung Studies in Medievalism in Fredericton, New Brunswick, im September 2004 vor-
getragen. Dieser Aufsatz ist der unermüdlichen Cécile Treffort gewidmet, die mir ihr umfas-
sendes Wissen über Poitiers, frühmittelalterliche Inschriften, die Altertumskunde und Ar-
chäologie in Frankreich zugänglich machte. Der Beitrag hätte ohne ihre hilfreiche Kritik,
umfangreiche Bibliothek und herzliche Gastfreundschaft nicht seine jetzige Form gefunden.
Die Forschungen für dieses Projekt wurden finanziell durch ein Franklin Grant der American
Philosophical Society und durch das Harpur College of Arts and Sciences an der Binghamton Uni-
versity (SUNY) unterstützt. Der Aufsatz gehört zu den Vorarbeiten zu einem demnächst er-
scheinenden Buch: Uncovering the Germanic Past. Merovingian Archaeology, 1830–1914.
2
Camille de la Croix, Monographie de l’Hypogée-Martyrium de Poitiers (Paris 1883) 3.
3
André Aeberhardt, Trois figures d’archéologues du Centre-Ouest de la France au XIX
ème
siècle. In: Les archéologues et larchéologie. Colloque de Bourg-en-Bresse (Archives). 25,
26 et 27 septembre 1992, Université de Tours. Caesarodunum 27 (Tours 1993) 33–35.
4
De la Croix, Monographie (Anm. 2) 3–6.
Zwischen Spätantike und Frühmittelalter – RGA-E Band 57 – Seiten 119–146
© 2008 Walter de Gruyter · Berlin · New York
120 Bonnie Effros
Abb. 1. Père de la Croix um 1896 zum Zeitpunkt seiner Aufnahme in die Ehrenlegion
(Poitiers, Archives départementale de la Vienne, Fonds de la Croix, propriété de la Société des
Antiquaires de l’Ouest, Biog R2)
Auf der Suche nach Frankreichs ersten Christen 121
Im Januar 1879 nutzte de la Croix die Gelegenheit, an dieser zweiten
Stelle zu graben, und entdeckte seiner Meinung nach christliche Bestattun-
gen des 6. und 7. Jahrhunderts sowie eine unterirdische Anlage, die heute
als Hypogée des Dunes bekannt ist (Abb. 2). Das Gebäude, das die Gräber
von mindestens 35 Individuen enthielt, bestand zur Zeit der Untersuchun-
gen aus einer hell ausgemalten Kammer voll mit Skulpturen und Inschrif-
ten.
5
Zur Unterstützung bei der Untersuchung der Skelettreste konsultierte
der jesuitische Archäologe Alexandre Jallet, Mediziner und Professor an der
École de Médicine de Poitiers, und Jean Jablonski, örtliches Mitglied der Société
des Antiquaires de l’Ouest. Interessanterweise zog de la Croix, in einer für Un-
tersuchungen französischer königlicher und heiliger Bestattungsplätze des
17. Jahrhunderts typischen Weise
6
, auch kirchliche Offizielle hinzu, von de-
nen Abbé Fossin als Vertreter des Bischofs von Poitiers der prominenteste
war.
7
Gestützt auf seine Interpretation einer gemalten Inschrift, die sich auf
Märtyrer bezog, und auf die von ihm hergestellte Verbindung zwischen
einem in einer Inschrift in Stein genannten Kleriker namens Mellobaudis
und einem von Gregor von Tours in den Wundern des Hl. Martin erwähn-
ten Merobaudis, zog de la Croix den etwas gewagten Schluss, dass der Platz
im 6. oder 7. Jahrhundert dazu errichtet worden war, die Reste von 72 spät-
antiken poitevinischen Märtyrern aufzunehmen (Abb. 3–4).
8
Zu dieser
Auffassung gelangte er auch deshalb, weil er vermeintliche Nischen für
Reliquien vorfand und lokale Traditionen berücksichtigte, die das Areal als
„Chemin des Martyrs“ oder „Chiron-Martyrs“ bezeichneten.
9
Père de la
Croix erwarb später den umgebenden Grundbesitz, um das Hypogäum zu
schützen, und übertrug ihn vor seinem Tod an die Société des Antiquaires de
l’Ouest.
10
Heute interpretiert man das Hypogée des Dunes nicht mehr als Marty-
rium, sondern als Mausoleum oder Grabkapelle, in dem bzw. in der die
Verstorbenen durch eine Bestattung ad sanctos geehrt wurden. Mit Hilfe
5
Kurze Beschreibung des Platzes bei: Bonnie Effros, Caring for Body and Soul. Burial and
the Afterlife in the Merovingian World (University Park 2002) 120–122.
6
Bonnie Effros, Merovingian Mortuary Archaeology and the Making of the Early Middle
Ages (Berkeley 2003) 35–40.
7
De la Croix, Monographie (Anm. 2) 120–122.
8
De la Croix, Monographie (Anm. 2) 6–30; 73–126.
9
De la Croix, Monographie (Anm. 2) 6.
10
Xavier Barral I Altet/Noël Duval/Jean-Claude Papinot, Poitiers. Chapelle funéraire dite
‚Hypogée des Dunes‘. In: Les premiers monuments chrétiens de la France 2 (Paris 1996)
302–303. Am 22. Oktober 1947 überließ die Société des antiquaires de l’Ouest ihr Eigentum
am Hypogée des Dunes und anderem Besitz der Stadt Poitiers; Robert Favreau, La société
des antiquaires de l’Ouest. Défense et illustration du patrimoine de la region. Bulletin de
la Société des antiquaires de l’Ouest 5
e
série 15 (2001) 305.
122 Bonnie Effros
Abb. 2. Inneres des Hypogäums und Lage der Gräber im Inneren
(Camille de la Croix, Monographie de l’Hypogée-Martyrium de Poitiers
[Anm. 2] Taf. II)
Auf der Suche nach Frankreichs ersten Christen 123
einer ausführlichen Analyse der originalen Ausgrabungsberichte und neuer
Ausgrabungen am Ort sind seit der Zeit von Camille de la Croix die we-
sentlichen Strukturen grundlegend neu bewertet worden.
11
Da diese Fort-
schritte durch die an diesen Bemühungen direkt Beteiligten vor kurzem
bzw. demnächst vorgelegt werden, konzentriere ich mich hier auf einen an-
deren Aspekt der Kontroverse um Père de la Croix’ Interpretation der An-
lage, der meines Wissens noch nicht die ihm gebührende Aufmerksamkeit
gefunden hat – die unmittelbaren und die fortdauernden Auswirkungen
der zeitgenössischen Reaktionen, die Forschungen und Publikationen des
Jesuiten hervorriefen. Camille de la Croix ist einzigartig, indem er einer der
lautstärksten Anwälte einer gewissermaßen christlichen Archäologie der
vorkarolingischen Zeit in Frankreich war. Da die meisten Gräber, die der
Merowingerzeit zugerechnet wurden, auf Gräberfeldern gefunden wurden
und Grabbeigaben enthielten, wurden sie gewöhnlich von Gelehrten des
19. Jahrhunderts Heiden zugeschrieben. Archäologen und Kunsthistoriker,
die sich mit Themen beschäftigten, die mit Frankreichs christlicher Vergan-
genheit zu tun hatten, konzentrierten sich demgegenüber auf Architektur-
reste einer späteren Zeit. Das Hypogée des Dunes stellte etwas völlig Anderes
dar: einen Bestattungsplatz, an dem Überreste des 6. und 7. Jahrhunderts
entdeckt worden waren, in Verbindung mit einer Anlage voller christlicher
Inschriften, Bilder und Architektur. Die Ausgrabung bot de la Croix die
einzigartige Gelegenheit, seine Ansichten zu entwickeln. Obwohl de la
Croix in Frankreich und im Ausland mächtige Unterstützung für seine
archäologischen Forschungen erhielt, darunter den vollen Rückhalt des be-
rühmten Giovanni Battista Rossi, der damals die Katakomben Roms aus-
grub und dem Vatikanischen Museum vorstand
12
, stellten sich am Ende des
Jahrhunderts viele französische Gelehrte dem unverfrorenen Versuch des
Jesuiten entgegen, die Archäologie für das antike Christentum in Gallien in
Anspruch zu nehmen. Nach de la Croix wagten es nur wenige französische
Kleriker oder Laien, frühmittelalterliche Gräber und Bestattungsplätze so
direkt mit einer christlichen Identität zu verbinden.
11
Dominique Simon-Hiernard, Poitiers (Vienne). Hypogée des Dunes. In: Le Stuc. Visage
oublié de l’art médiéval. Musée Sainte-Croix de Poitiers 16 septembre 2004–16 janvier
2005 (Poitiers 2004) 46. Viele vorangehende Studien zu diesem Thema blieben leider un-
gedruckt: Bénédicte Palazzo-Bertholon et al., L’Hypogée des Dunes à Poitiers. Une lecture
archéologique renouvelée; Patrick Périn/Alain Dierkens et al., Autour de l’Hypogée des
Dunes à Poitiers; sowie Dominique Simon-Hiernard, La nécropole des Dunes à Poitiers.
Données historiques et archéologiques.
12
Unveröffentlichter Brief Edmond le Blants an R. P. de la Croix vom 26 Dezember 1880;
Poitiers, Archives départementale de la Vienne, Fonds de la Croix, propriété de la Société des An-
tiquaires de l’Ouest. Zur Biographie de Rossis vgl.: Eve Gran-Aymerich, Dictionnaire bio-
graphique d’archéologie 1798–1945 (Paris 2001) 216–217.
124 Bonnie Effros
Abb. 3. Umzeichnung der originalen und unvollständigen Inschrift auf einem Fresko im
Hypogäum, die de la Croix für einen Hinweis auf die 72 Märtyrer von Poitiers hielt
(Camille de la Croix, Monographie de l’Hypogée-Martyrium de Poitiers [Anm. 2] Taf. 10,1)
Abb. 4. Umzeichnung des letzten Zustands der Inschrift auf dem Fresko, nachdem die
oberste Schicht entfernt und wahrscheinlich andere „Ausbesserungen“ vorgenommen worden
waren. Diese vollständigere Inschrift bestätigt de la Croix’ Lesung als Martyrium (Camille de
la Croix, Monographie de l’Hypogée-Martyrium de Poitiers [Anm. 2] Taf. 10,2)
Auf der Suche nach Frankreichs ersten Christen 125
Wissenschaftliche Kritik
an Père de la Croix’ Interpretation des Hypogée des Dunes
Es gab vielfältige Gründe für fundamentale Kritik an diesem Kleriker. Ein
Teil der Unentschlossenheit der Gelehrten, de la Croix’ Interpretationen zu
akzeptieren, war nicht direkt mit dessen Aktivitäten verknüpft, sondern
ging auf jüngste Täuschungsversuche zurück, von denen einige durch Kle-
riker wie den kämpferischen Kritiker und Konservativen Abbé Auber aus
Poitiers begangen worden waren.
13
Im Jahre 1854 hatte der Kleriker behaup-
tet, in seinem Garten eine Inschrift gefunden zu haben, die bald darauf als
Fälschung entlarvt wurde. Obwohl seine Zeitgenossen zunächst dachten,
dass sie in der frühen Neuzeit angefertigt worden wäre
14
, wurde bald Auber
als ihr Schöpfer erkannt.
15
Der bemerkenswerteste Fall wissenschaftlichen
Fehlverhaltens dieser Zeit war jedoch eine Generation zuvor durch eine
Reihe von außerordentlichen, aber unbewiesenen archäologischen Behaup-
tungen durch Charles Lenormant verursacht worden. Im Jahre 1854 publi-
zierte Lenormant, Präsident der Commission des Monuments historiques und
prominentes Mitglied der Académie des Inscriptions et Belles Lettres, einen Be-
richt über einen angeblich merowingerzeitlichen Friedhof samt, Baptiste-
rium und Martyrium, die er auf seinem Besitz in der Normandie gefunden
hatte. Obwohl 1855 und 1856 in zwei Berichten einer von der Société libre
d’Agriculture, Sciences, Arts et Belles Lettres de l’Eure eingesetzten Kommission
bald gezeigt wurde, dass Charles Lenormants geschickte Interpretation der
naiven Imitationen merowingerzeitlicher Überreste vollkommen unglaub-
würdig war, wagte es niemand, diesen mächtigen Akademiker oder seinen
Sohn François stärker zu kritisieren. Letzterer stand im Verdacht, die Fäl-
schungen produziert zu haben, doch dessen ungeachtet konnte er, wie sein
Vater, eine sehr erfolgreiche Karriere fortsetzen.
16
Tatsächlich erlangte der
Skandal außerhalb der Normandie nur wenig Publizität, und dies auch nur
13
Zum historiographischen Werk Aubers vgl.: Régis Rech, L’abbé Auber, une vision tradi-
tionaliste de l’historiographie du Poitou. Bulletin de la Société des antiquaires de l’Ouest
5
e
série 13 (1999) 243–280.
14
M. de Longuemar, Epigraphie du Haut-Poitou. Mémoires de la Société des antiquaires de
l’Ouest 1
ère
série 28 (1863) 176–177, n
o
48.
15
Paris, Bibliothèque nationale de France, ms. nouv. acq. fr. 6129 (Collection Guilhermy,
vol. 36) fol. 623v. Ich bin Cécile Treffort dafür dankbar, dass sie mich auf die unpublizier-
ten Belege für diese Kontroverse aufmerksam gemacht hat.
16
Zum Teil misslang die Verbreitung der Beschuldigungen deshalb, weil die mächtige Fami-
lie Lenormant Druck auf zeitgenössische Gelehrte ausübte. Luce Pietri, Les faux de la Cha-
pelle-Saint-Eloi (Eure). Bulletin de la Société des Antiquaires de la France (1970) 235–237;
Lucien Musset, Autour des faux de la Chapelle-Saint-Eloi. Une lettre ineditée. Bulletin de
la Société des Antiquaires de la Normandie 57 (1963–64) 658–660.
126 Bonnie Effros
mündlich, da die Familie Lenormant die Veröffentlichung der Beschuldi-
gungen in Paris verhindern konnte und ihre Unterstützer sich weigerten, sich
gegen sie zu äußern.
17
Die schärfsten Kritiken an François Lenormants Betrü-
gereien wurden nicht vor 1884 publik, als Gabriel de Mortillet, Direktor der
École d’Anthropologie und früherer Kurator für Prähistorie am Musée des Anti-
quités nationales, einen ätzenden Nachruf auf den verstorbenen Professor der
Archäologie veröffentlichte.
18
Während tatsächlich niemand de la Croix als
Fälscher beschuldigte, ist es doch wahrscheinlich, dass die Rezeption seiner
Funde durch eine kräftige Skepsis unter Akademikern an allen außerge-
wöhnlichen Erklärungen einzigartiger Fundplätze beeinträchtigt wurde.
Zurückhaltung bei der Anerkennung der bemerkenswerten Funde de la
Croix’ ergab sich aus der Wahrnehmung, dass seine Schlussfolgerungen zu
rasch erfolgt und im Kern vorgefasst waren. Bereits vor der umfassenden
Dokumentation und Publikation der Ausgrabung im Jahre 1883 verbreitete
de la Croix seine Interpretation des sogenannten Hypogée-Martyriums
mittels Korrespondenz und formaler Mitteilungen unter seinen gelehrten
Kollegen. Le Blant präsentierte beispielsweise de la Croix’ Funde auf eigene
Faust bei einem Treffen der gelehrten Gesellschaften der Provinzen an der
Sorbonne am 1. April 1880.
19
Während diese Gelegenheiten de la Croix mit
genügend Vorkenntnissen über die gemischten Reaktionen auf seine Inter-
pretation des Hypogée versorgten, bevor er seine Funde in monographi-
scher Form veröffentlichte, änderte er immer weniger seine Meinungen.
Eine Überprüfung von de la Croix’ Arbeit am Hypogée des Dunes zeigt, dass
der Jesuit von Beginn an darauf eingestellt gewesen zu sein scheint, die
17
Vgl. beispielsweise einen von Abbé Cochet an Ludwig Lindenschmit adressierten Brief, der
den aktuellen Skandal um den illustren Lenormant beschreibt: „Audisti me […] famosam
deceptionem a domino Carolo Lenormant editam Parisiis in pleno instituto, anno 1854: Dé-
couverte dun cimetière mérovingien de la Chapelle-Saint-Eloi (Eure). Ibi erant, ut dicebat, 74 ins-
criptiones Graecae, Romanae, Runiae, bilinguas et hae inscriptiones proferebant nomina
sanctorum Taurini, Turonis, Germani, Parisiorum episcopi, Childeberti regis Francorum
etc. et illud erat mendacium. Coemeterium suum erat inscriptionibus plenum et corporibus
vacuum; et nostra coemeteria Franciae sunt corporibus plena inscriptionibus vacua. Dicabat
ibi esse cryptam, basilicam, baptisterium, et haec erant furnae ad calcem (des fours à chaux).
Risum teneatis amice! Scandalum magnum factum estin Gallia et in Anglia et […] in Ger-
mania.“ Unveröffentlichter Brief Jean-Benoît-Désiré Cochets an Ludwig Lindenschmit vom
23. März 1856; Mainz, Archiv des Römisch-Germanischen Zentralmuseums.
18
André Vayson de Pradenne, Les fraudes en archéologie préhistorique avec quelques exem-
ples de comparaison en archéologie générale et sciences naturelles, ed. Pierre-Paul Bonen-
fant (Grenoble [1932] 1993) 282–304. Zu Gabriel de Mortillet vgl.: Gran-Aymerich, Dicti-
onnaire (Anm. 12) 474–476.
19
Unveröffentlichter Brief R. P. de la Croix’ an Edmond le Blant vom 23. Dezember 1880;
Poitiers, Archives départementale de la Vienne, Fonds de la Croix, propriété de la Société des An-
tiquaires de l’Ouest.
Auf der Suche nach Frankreichs ersten Christen 127
symbolische Bedeutung des Platzes für die Geschichte des Christentums
herauszustellen. Er bezog nicht allein kirchliche Beobachter sehr früh in
seine Untersuchungen auf dem Areal ein, er bestätigte auch wiederholt,
dass seine religiöse Berufung seine Einstellungen als Archäologe prägte. Im
Jahre 1880 verkündete er in einem Brief an den prominentesten frühmittel-
alterlichen Epigraphiker der Zeit, Edmond Le Blant, nicht apologetisch,
dass er seine Forschungen zum größeren Ruhme Gottes betreibe.
20
Obwohl de la Croix darauf bestand, das Hypogée als Ruhestätte von
Märtyrern zu identifizieren, waren einige seiner Zeitgenossen vorsichtiger,
wenn es um die Akzeptanz dieser Vorstellung ging. Ungeachtet wiederhol-
ter Ratschläge selbst von seinen engsten Unterstützern, er möge keine end-
gültigen Schlüsse ziehen, bevor nicht das gesamte Material zusammenge-
stellt sei
21
, lehnte es de la Croix ab, seine frühen Ansichten über das
Hypogée zu modifizieren. Verblüffenderweise zeigten viele seiner mächti-
gen Gönner ausdauernde Loyalität, auch wenn sie persönlich Zweifel hat-
ten.
22
Auch wenn Le Blant in seiner Edition der frühchristlichen Inschrif-
ten 1892 de la Croix’ Zuschreibung der Reliquien des Hypogée von lokalen
poitevinischen Märtyrern zu den gutbekannten Märtyrern Chrysanthus,
Daria und ihrer 70 Begleiter änderte
23
, so veröffentlichte er dennoch das
Hypogée als Martyrium, nachdem er die Grundlagen für die Kontroverse
um den Platz erläutert hatte.
24
Erst nach de la Croix’ Tod 1911 geriet die
20
Nach der Vertreibung der Jesuiten aus ihren Gebäuden sorgte sich de la Croix um seine zu-
künftige Unterkunft, setzte aber seine „explorations archéologique ad Majorem Dei glo-
riam“ fort. Unveröffentlichter Brief R. P. de la Croix’ an Edmond le Blant vom 23. Dezember
1880; Poitiers, Archives départementale de la Vienne, Fonds de la Croix, propriété de la Société des
Antiquaires de l’Ouest.
21
„Il est clair comme le jour que vous opérez sur un terrain farci d’antiquités romaines; vous
croyez reconnaître aussi les vestiges du premier possesseur ecclésiastique à qui ce domaine
fut donné à l’époque mérovingienne: ne vous pressez pas trop de conclure. L’important,
pendant qu’on fouille, est de suivre jusqu’au bout les pistes que se présentent, et de tenir
exactement registre de ce qu’on trouve. C’est seulement lorsque toutes les données sont
recueillies qu’il est temps de chercher la solution du problème.“ Unveröffentlichter Brief
Jules Quicherats an R. P. de la Croix vom 20. Januar 1881; Poitiers, Archives départementale
de la Vienne, Fonds de la Croix, propriété de la Société des Antiquaires de l’Ouest.
22
Einer, der keine Zweifel hegte, war de Rossi, dessen Loyalität de la Croix’ Werk gegenüber
aus denselben Behauptungen herrührte, die sie über die Rolle der frühchristlichen Fried-
höfe aufstellten; Éric Rebillard, Religion et sépulture. L’Église, les vivants et les morts dans
l’Antiquité tardive (Paris 2003) 12–17.
23
Zu diesen Märtyrern vgl.: Le martyrologe d’Adon. Ses deux familles, ses trois recensions,
ed. Jacques Dubois/Geneviève Renaud (Paris 1984) 402–405.
24
„M. l’abbé Duchesne, si versé dans l’étude des antiques martyrologes, et aux démonstra-
tions duquel je me borne à renvoyer, pense qu’il faut voir, dans ces victimes, la célèbre
phalanges des saints Chrysanthe, Daria et de leurs soixante-dix compagnons. Tel est éga-
lement le sentiment de M. de Rossi. Un groupe de même nombre de martyrs locaux n’ay-
128 Bonnie Effros
durch Freundschaft motivierte Diskretion ins Wanken. Als Léon Levillain
einige Monate nach dem Ableben de la Croix’ einen Beitrag über die Fund-
stelle schrieb, stellte er – angesichts des Mangels der in diese Richtung wei-
senden Belege – öffentlich die Ansichten des Jesuiten in Frage, dass der hei-
lige Platz die Überreste zahlreicher Märtyrer enthalten habe.
25
De la Croix’ Neigung zu Schlussfolgerungen, die frühe Berühmtheit des
christlichen Poitiers zu befördern, schwand nicht mit seiner Arbeit am Hy-
pogée, obwohl ihm die Publikation der Ausgrabung bereits erheblichen
Kummer bereitet hatte. Es ist zu betonen, dass sich die meisten Ausgrabun-
gen de la Croix’ nicht auf frühchristliche Überreste bezogen; unter den von
ihm aufgedeckten heidnischen Resten, einschließlich der Untersuchungen
der römischen Thermen von Poitiers (1878) und des gallorömischen Sanxay
(1881–1883), waren letztere für das breitere Publikum zu seinen Lebzeiten
wohl seine berühmteste Entdeckung, zu deren Erhaltung er bekannterma-
ßen erhebliche Summen aufbrachte, die er von seiner Familie geerbt hatte
(Abb. 5).
26
Dessen ungeachtet suchte de la Croix hartnäckig weiter nach
archäologischen Funden mit religiöser Bedeutung für die Geschichte des
Christentums. Einer der bedeutendsten war das Baptisterium St.-Jean in
Poitiers, dessen Inneres und dessen umgebendes Areal er zwischen 1890
und 1902 ausgrub.
27
De la Croix wies bestehende Theorien über den Ur-
sprung des Baptisteriums, es sei zuvor entweder ein Tempel oder ein Mau-
soleum gewesen und später seiner neuen Bestimmung zugeführt worden,
dogmatisch zurück, und schlug statt dessen vor, es repräsentiere eine
der frühesten christlichen Stätten in Gallien. Er datierte den Kern von
St.-Jean in die Jahre unmittelbar nach Konstantins Erlass des Edikts von
ant pu être produit par ceux auxquels cette attribution répugne, je me range à l’opinion de
mes savants confrères.“ Edmond le Blant, Nouveau recueil des inscriptions chrétiennes de
la Gaule antérieures au VIII
e
siècle (Paris 1892) 250–273, bes. 254–255. Le Blant vermied
darüber hinaus berufliche Kontroversen dadurch, dass er fragwürdige Inschriften publi-
zierte, egal was er von ihrem Wert hielt. Dieser Ansatz war im Vergleich mit respektierten
Kollegen wie dem oben erwähnten Charles Lenormant besonders bemerkenswert.
25
Léon Levillain, La ‚Memoria‘ de l’abbé Mellébaude. Bulletin de la Société des antiquaires
de l’Ouest, 3
e
série 2 (1911) 355–357.
26
„La découverte de Sanxay fut un événement européen. Tous les savants, toutes les illustra-
tions du monde s’y rendirent. En trois ans, il y vint plus de 27000 étrangers. Le gouver-
nement français finit par acquérir Sanxay. Mais, depuis lors, aucun travail n’a été fait
pour conserver cette merveille dont bientôt il ne restera plus de traces.“ Jacques de Biez,
R. P. Camille de la Croix. Galerie contemporaine de l’Ouest 3 (Poitiers 1896), 3, n
o
1. Zu
Jacques de Biez, Journalist, Mitbegründer der Ligue nationale antisémitique de France und
eine Autorität in Objekte frühmittelalterlicher Kunst vgl.: Laura Morowitz, Anti-Semi-
tism, Medievalism and Art of the Fin-de-Siècle. Oxford Art Journal 20.1 (1997) 37.
27
Michel Rérolle, Histoire des recherches. In: Le baptistère Saint-Jean de Poitiers (Poitiers
2004) 19–33; Aeberhardt, Trois figures (Anm. 3) 33–35.
Auf der Suche nach Frankreichs ersten Christen 129
Mailand
28
, wodurch es zum ältesten intakten Baptisterium wurde, das in
ganz Frankreich entdeckt worden war.
Obwohl diese frühe, von de la Croix vorgeschlagene Gründung von
St.-Jean inzwischen aus Mangel an Belegen abgelehnt wird – und es gibt
auch heute keine Einigkeit darüber, ob das Baptisterium vor dem 5. Jahr-
hundert existierte
29
–, war das Vorgehen recht typisch für de la Croix’ Aus-
28
Camille de la Croix, Étude sommaire du baptistère Saint-Jean de Poitiers (
2
Poitiers 1904)
1–140.
29
Paul-Albert Février/Brigitte Boissavit-Camus, Poitiers. Baptistère Saint-Jean. In: Les pre-
miers monuments 2 (Anm. 10) 290–301. Heute nimmt man an, daß das Baptisterium im
späten 5. oder 6. Jahrhundert auf den Resten eines gallorömischen Wohnhauses mit Bad
errichtet wurde; Brigitte Boissavit-Camus, Les recherches archéologiques récentes. In: Le
baptistère Saint-Jean de Poitiers (Anm. 27) 34–44.
Abb. 5. Zeichnung in einem Brief Léon Dumuÿs’ vom 23. Dezember 1882 in Vorbereitung für
einen Vortrag Père de la Croix’ über seine gallorömischen Funde, den dieser am 26. Dezember
vor der Société archéologique et historique de l’Orléanais hielt. In einem Brief vom 30. Dezember
1882 verdeutlicht Dumuÿs den verblüffenden Erfolg des Ereignisses, an dem 600 Personen
teilnahmen (Poitiers, Archives départementale de la Vienne, Fonds de la Croix, propriété de la Société
des Antiquaires de l’Ouest)
130 Bonnie Effros
grabungen in Poitiers und seiner Umgebung. Die Arbeit des Priesters, die
sich weithin auf die Stadt beschränkte, war darauf ausgerichtet zu belegen,
dass Poitiers einen Teil der frühesten christlichen Aktivitäten in Gallien er-
lebt hatte. Er bemühte sich ebenso darum, andere Archäologen wie Léon
Coutil, einen Archäologen und Gründer der Société normande d’études préhis-
toriques, zu ermutigen, ähnliche Schlüsse aus ihren eigenen Funden früher
christlicher Architekturreste zu ziehen.
30
Im Fall von Coutils Arbeit in Les
Andelys (Eure) riet de la Croix seinem jüngeren Kollegen, dass es sich um
ein primitives Baptisterium handele – eine Identifizierung, die schon zu
seiner Zeit in Frage stand und die nicht länger als zutreffend angesehen wer-
den kann.
31
Aufgrund seiner Neigung, sich beim Fehlen von archäologi-
schen oder historischen Anhaltspunkten, die seine Behauptungen stützen
konnten, auf diese Weise zu irren, erhielt de la Croix von seinen Zeitgenos-
sen beständig Lob für die gut ausgeführten und gründlich dokumentierten
Ausgrabungen, sah sich aber harscher Kritik an seiner voreingenommenen
Interpretation ihrer Bedeutung ausgesetzt.
32
Obgleich die Zurückhaltung gegenüber de la Croix’ Schlussfolgerungen
daraus resultierten, dass sie von unzuverlässigen Belegen für seine umstrit-
tenen Hypothesen und seinem Beharren auf der Beibehaltung dieser An-
sichten abhingen, erhielten die Reaktionen auf seine Forschungen einen
schärferen Ton, als man allein vor diesem Hintergrund erwarten sollte. Die
gemischte Reaktion auf de la Croix’ Ausgrabungen hatte nicht nur Auswir-
kungen auf seine Möglichkeiten, seine Funde an gewünschtem Ort zu ver-
öffentlichen, sie berührte auch seine Mitgliedschaft in prestigeträchtigen
gelehrten Gesellschaften und die Auszeichnung mit zumindest einigen aka-
demischen Ehrungen. Tatsächlich ist die Strenge, mit der gelehrte Maßnah-
men gegen de la Croix unternommen wurden, nur schwer zu überschauen.
30
Im Februar 1908 korrespondierten Léon Coutil und Père de la Croix über Coutils laufende
Ausgrabung in Les Andely (Eure), wo, wie sie glaubten, Coutil die Reste eines Baptisteriums
zum Untertauchen gefunden hatte, daß zum von Königin Chlothilde († 545) gegründeten
Kloster gehört habe. Unpublizierte Briefe Léon Coutils und R. P. de la Croix’ vom 2. und
7. Februar 1908; Poitiers, Archives départementale de la Vienne, Fonds de la Croix, propriété de la
Société des Antiquaires de l’Ouest. Marcel Baudoin, Léon Coutil (Les Andelys 1934).
31
Guy Verron, Un illustre préhistorien normand de la ‚belle époque‘. In: Préhistoire de
l’Eure. Données nouvelles sur l’occupation préhistorique des vallées de l’Eure, de l’Iton
et de la Seine. Nouvelles de l’Eure 56 (Evreux 1975) 70–72; Jacques Le Maho, Haute
Normandie (Eure, Seine-Maritime). In: Les premiers monuments chrétiens de la France 3
(Paris 1998) 310–314.
32
„Je ne dis pas que je souscrirais sans observation à toutes vos conclusions […]; mais je ne
puis que rendre hommage au soin minutieux que vous avez apporté dans la description
des moindres particuliarités de votre belle découverte [de l’Hypogée].“ Unveröffentlichter
Brief R. de Laysteries an R. P. de la Croix vom 15. Juni 1882; Poitiers, Archives départemen-
tale de la Vienne, Fonds de la Croix, propriété de la Société des Antiquaires de l’Ouest.
Auf der Suche nach Frankreichs ersten Christen 131
Im Oktober 1884 erhielt de la Croix z. B. eine Nachricht von M. Wallon,
Sécrétaire perpetuel de l’Académie, der ihn darüber informierte, dass ihm eine
Medaille für seine Entdeckungen verweigert würde, weil sich die Commis-
sion des Antiquités von seinen Interpretationen distanzieren wolle.
33
Als de
la Croix im Juli 1896 die Ehre zuteil wurde, in den Orden der Ritter der Eh-
renlegion aufgenommen zu werden
34
, wurde der Triumph durch die darauf
folgenden Beleidigungen reduziert. Obwohl er am 30. März 1897 zum kor-
respondierenden Mitglied des Comité des Travaux historiques et scientifiques er-
nannt worden war
35
, wurde Pére de la Croix von dieser prestigeträchtigen
Position im Jahre 1902 ohne Begründung entfernt.
36
Diese Zurücksetzung
traf de la Croix und andere Mitglieder der Kommission offenbar über-
raschend,
37
und die Kränkung schmerzte ihn sehr, obwohl er weiterhin
archäologische Aufträge in Poitiers erhielt.
38
Im Jahre 1904 kämpfte de la
Croix darum, seine Position gegen die mächtigsten archäologischen Gesell-
schaften in Paris zurückzugewinnen. Ernest Babelon, der damals eine ar-
chäologische Vorlesung am Collège de France hielt und kurz zuvor die Société
33
Unveröffentlichter Brief M. Wallons an R. P. de la Croix vom 6. Oktober 1884; Poitiers,
Archives départementale de la Vienne, Fonds de la Croix, propriété de la Société des Antiquaires de
l’Ouest, Akte B1.
34
Interessanterweise stammte der Anstoß für de la Croix’ Nominierung für diese Ehrung
nicht aus Poitiers, sondern aus dem Außenministerium, und deshalb gibt es unter seinem
Namen keine Dokumente unter den Akten, die der Präfekt von Vienne im Juli 1896 an die
Archives départementales de la Vienne übergab (Akte M
4
149). De la Croix’ Dossier zur Ehren-
legion in den Archives Nationales de France wirft kaum weiteres Licht auf diesen Vorgang,
denn es enthält nur ein Dokument – eine kurze, nach seinem Tod 1911 angefertigte Notiz.
35
Correspondance archéologique du Père de la Croix, ed. Nadine Dieudonné-Glad (Rom
2001) 3.
36
Unveröffentlichter Brief des Ministre de l’Instruction publique et des Beaux-Arts an R. P. de la
Croix vom 28. Mai 1902; Poitiers, Archives départementale de la Vienne, Fonds de la Croix, pro-
priété de la Société des Antiquaires de l’Ouest, Biog. R2.
37
„Votre lettre m’a profondément surpris. Je n’avis jamais entendu parler de votre radiation; je
l’ignorais absolument. Soyez assuré que le bureau du Comité n’a pas été consulté à ce sujet
et que la mesure qui vous afflige a été prise en dehors de lui. Jamais je n’ai entendu parler de
cette affaire: si la mesure avait été proposée en séance tous les membres du Comité, j’en ai la
conviction, auraient pris votre défense. Au Comité nous ne nous préoccupons, vous le savez
bien, que des services scientifiques. Vous devinez combien je suis affligé peiné d’apprendre
cette nouvelle. Les motifs je les ignore; mais, comme moi, vous pensez bien que ce sont des
motifs politiques. Vous n’avez jamais démérité de la science.“ Unveröffentlichter Brief Ant.
Héron de Villefosses an R. P. de la Croix vom 14. Juni 1902; Poitiers, Archives départementale
de la Vienne, Fonds de la Croix, propriété de la Société des Antiquaires de l’Ouest, Biog. R2.
38
„Figurez vous qu’au moment où le Ministre me sépare de notre Comité (ce qui n’est pas
connu ici), la Municipalité radicale de Poitiers m’a nommé et à ses frais directeur de fouil-
les archéologiques dans les terrains avoisinants l’Ecole Supérieure des filles où notre belle
Minerve a été exhumée.“ Unveröffentlichter Brief R. P. de la Croix’ an Ant. Héron de Vil-
lefosse vom 25. Juli 1902; Poitiers, Archives départementale de la Vienne, Fonds de la Croix,
propriété de la Société des Antiquaires de l’Ouest.
132 Bonnie Effros
française de fouilles archéologiques gegründet hatte, lud ihn ein, Mitglied sei-
ner Gesellschaft zu werden. Seine freundliche Versicherung, alle Parteien
seien willkommen, einschließlich Jesuiten, von denen nicht verlangt
würde, dass sie ihre kirchlichen Titel in den Mitgliederlisten anführten,
musste in den Ohren eines Mannes hohl klingen, der bereits glaubte, auf-
grund seines religiösen Berufs verfolgt zu werden.
39
Père de la Croix’ Erfahrungen mit dem Antiklerikalismus
Die heftige Reaktion auf de la Croix’ Arbeit ging weit über eine Kritik an
mangelhafter Gelehrsamkeit hinaus und spiegelte, zumindest in den Augen
de la Croix’ und seiner Unterstützer, ein wachsendes Misstrauen gegenüber
Klerikern und insbesondere Jesuiten wider, die einer wissenschaftlichen Be-
schäftigung nachgingen. Es bleibt zu untersuchen, ob der Widerstand, auf
den de la Croix traf, überwiegend mit dem durchdringenden Ausdruck anti-
klerikaler Stimmungen zusammenhing, die in vielen Kreisen in Frankreich
während des 19. Jahrhunderts existierten. Es kann kein Zweifel daran beste-
hen, dass, als die Archäologie immer mehr als wissenschaftliche Disziplin ak-
zeptiert wurde, man Kleriker zunehmend als weniger objektiv als ihre laika-
len Kollegen betrachtete und sie deshalb in steigendem Maße in einem Fach
marginalisiert wurden, das traditionell eine Bastion klerikaler Praktiker gewe-
sen war. Im Fall von de la Croix sah der Jesuit – der Möglichkeit beraubt,
seine Arbeit in einigen der exklusiveren gelehrten Kreise zu verteidigen –, die
im Wege stehenden Hindernisse eher als Diskriminierung denn als Resultat
mangelhafter oder kontroverser Gelehrsamkeit. Mit dieser Meinung im
Kopf leistete de la Croix anhaltenden Widerstand gegen diese Barrieren.
40
39
„[C]’est avec le plus grand plaisir que je vous vais présenter comme membre titulaire (20f
par an) et je vous remercie cordialement de votre adhésion. Nous ne faisons pas l’ombre
de politique et les hommes de tous les parties se coudoient dans nos rangs. Il y a déjà un
P. Jésuite, mais qui a demandé qu’on ne l’inscrire pas avec cette qualité (cherchez-le dans
notre liste!).“ Unveröffentlichter Brief Ernest Babelons an R. P. de la Croix vom 10. Juli
1904; Poitiers, Archives départementale de la Vienne, Fonds de la Croix, propriété de la Société des
Antiquaires de l’Ouest.
40
Eine in den damaligen Zeitschriften oft wiederholte Geschichte von 1896 bezog sich da-
rauf, wie Jules Quicherat, Direktor der École des Chartes, anfänglich den Priester ignoriert
hatte, als dieser an einem Treffen an der Sorbonne teilnehmen wollte. Am Ende aber
wurde er vom Enthusiasmus des Jesuiten angesteckt, als dieser ihm mit Plänen und Zeich-
nungen des Hypogée nach Hause gefolgt war. „Quicherat, très fier de son jésuite, le mon-
trait partout. ‚Je l’ai adopté‘ disait-il. Une fois qu’il eut pénétré dans l’intimité du bon Jé-
suite, Quicherat offrit son amitié à l’homme d’élite qu’il avait rencontré“; De Biez, R. P.
de la Croix (Anm. 26) 4–5.
Auf der Suche nach Frankreichs ersten Christen 133
Doch er beklagte sich Zeitgenossen gegenüber darüber, dass sogar dann,
wenn seine Studien von mächtigen Freunden an seiner Statt auf gelehrten
Konferenzen und in Zeitschriften präsentiert würden, seine sehr innovativen
Schlussfolgerungen oft weggelassen oder gänzlich übergangen würden.
41
De
la Croix sah seinen persönlichen Kampf als Teil jenes unebenen Spielfelds,
das sich Personen mit kirchlicher Zuordnung bot.
42
Auf dem Höhepunkt seines Kampfes, Anerkennung für seine Interpre-
tation des Hypogées zu erhalten, sah sich Père de la Croix dem Zorn jener
Leute ausgesetzt, die gegen den außerordentlichen Aktivismus der Societas
Jesu opponierten. In einem Erlass von 1880, der nicht vom Senat bestätigt
worden war, sich aber auf die Gesetzgebung seit der Revolution berief, wur-
den die Jesuiten als unautorisiert verurteilt und von der Regierung der Re-
publik dazu aufgefordert, sich aufzulösen und ihre Gebäude binnen drei
Monaten zu räumen.
43
Mit diesem Schlag gegen ihren Einfluss und insbe-
sondere gegen ihre Autorität im Bildungswesen sahen sich Jesuiten wie de
la Croix, die in Frankreich geblieben waren, auf unsicherem Boden und
ohne Behausung. Sie konnten sich lediglich mit großen Schwierigkeiten ge-
gen die zunehmende Schärfe der antiklerikalen Vertreter unter den Re-
publikanern verteidigen, als im Laufe des Jahrhunderts Anstrengungen
unternommen wurden, die zuvor provinziellen Netzwerke der gelehrten
Gesellschaften zu zentralisieren.
44
Im Jahre 1905 verabschiedete die franzö-
sische Regierung ein Gesetz, das Kirche und Staat trennte und dabei den
Ausschluss der Jesuiten und anderer unautorisierter Kongregationen vom
41
„Je vous envoie ci-joint le texte du petit compte-rendu que je consacre à votre lieu dans
la Gazette archéologique. Vous verrez que si je fais quelques réserves sur certains points
qui ne me paraissent pas absolument hors de doutes, je signale comme il convient l’intérêt
exceptionnel de la découverte et ce qui fait pour moi le principal mérite de votre beau
livre, c’est-à-dire la précision de vos descriptions, et le soin que vous avez apporté à vos
planches.“ Unveröffentlichter Brief R. de Laysteries an R. P. de la Croix vom 14. Februar
1884; Poitiers, Archives départementale de la Vienne, Fonds de la Croix, propriété de la Société des
Antiquaires de l’Ouest.
42
„D’une part, on m’a trouvé de trop au Comité des travaux historiques du Ministère. D’au-
tre part, on n’a donné aucun compte dans les dernières fêtes du centenaire des Ant. de
France, des nombreuses fouilles archéologiques que j’ai faites depuis 28 ans, et que toutes
cependant ont donné de bons résultats; mon nom n’a même été mentionné dans aucune
de ces réunions, d’où je conclus qu’il est devenu gênant; c’est ce qui fait que j’hésite à vous
prier de me faire admettre dans votre si honorable société.“ Unveröffentlichter Brief Ca-
mille de la Croix’ an Ernest Babelon vom 8. Juli 1904; Poitiers, Archives départementale de la
Vienne, Fonds de la Croix, propriété de la Société des Antiquaires de l’Ouest.
43
Philip A. Bertocci, Jules Simon. Republican Anticlericalism and Cultural Politics in
France, 1848–1886 (Columbia 1978) 24–25, 197–200.
44
Jean-Pierre Chaline, Sociabilité et érudition. Les sociétés savantes en France XIX
e
et XX
e
siècles (Paris 1998) 370–373.
134 Bonnie Effros
Unterricht formalisierte. Nur weltlichen Priestern war es gestattet, ihre
Rolle in der Verbreitung katholischer Bildung fortzusetzen.
45
De la Croix sah den Antiklerikalismus nicht allein im Zusammenhang
mit seiner Laufbahn und persönlichen Situation, sondern bekam recht deut-
lich zu spüren, dass Stimmungen gegen die Institution der katholischen Kir-
che das Leben in viel größerem Maße durchdrangen. In Poitiers, wo der bel-
gische Jesuit von seiner ersten Stelle als Priester bis zu seinem Tod 1911 über
40 Jahre lebte, konnten solche Spannungen rasch außer Kontrolle geraten.
Anhand von Zeitungsausschnitten, die er über Jahre sammelte und die heute
Teil seines Nachlasses bilden, der von der Société des Antiquaires de l’Ouest ver-
wahrt wird, ist offensichtlich, dass de la Croix jene Ereignisse zur Kenntnis
nahm, die symptomatisch für die geteilten religiösen Sympathien in der Stadt
waren, und über ihre langfristige Auswirkung auf die religiösen Katholiken in
Frankreich betroffen war. Einer dieser Zwischenfälle ereignete sich 1887, als
eine Prozession und die Weihe einer Statue der frühmittelalterlichen Heiligen
und früheren Königin Radegunde von Poitiers, ein von Leo XIII. sanktionier-
ter Akt, genug waren, um auf dem Platz vor der Kathedrale einen Aufruhr an-
zufachen.
46
Der Ausdruck derart hochgekochter Leidenschaften, die sich auf
die frühmittelalterliche Geschichte der Stadt bezogen, mag zu jener Kontro-
verse beigetragen haben, die sich selbst mit der Karriere de la Croix’ verband.
Von diesen Härten abgesehen, lässt sich de la Croix’ Position kaum als
ständig angegriffen verstehen. Er konnte ungeachtet der Unsicherheit sei-
ner Situation großen Erfolg erringen. Die Meinungen in zeitgenössischen
Zeitungen, die das politische Spektrum breit repräsentierten, waren dem
Jesuiten sehr oft gewogen. Nach seiner Auszeichnung als Ritter der Ehren-
legion im Jahre 1896 porträtierten Journalisten ihn als etwas exzentrisch,
aber nichtsdestotrotz bemerkenswert aufgrund seiner leidenschaftlichen
Beschäftigung mit der poitevinischen Geschichte. Félicien Pascal, der für
Le Figaro schrieb, wies darauf hin, dass dieser Jesuit unter denen, die er ge-
troffen hatte, einmalig war, da er sich selbst zu körperlicher Arbeit herab-
ließ und deshalb von der Bevölkerung Poitiers’ geliebt wurde.
47
Ein anony-
45
Émile Faguet, L’anticléricalisme (Paris 1905) 247–255.
46
Zur republikanischen Sicht vgl.: La vérité historique sur Sainte Radegonde et le couvent
de Sainte-Croix. L’éclaireur de la Vienne, Journal républicain, 2
ème
année, n
o
57bis, 18 août
1887. Zur katholischen Sicht vgl. die beiden folgenden Arbeiten, von denen die erste mo-
derater ausfällt: L. de la Brière, Notre cinquième reine. Le Gaulois, 9. August 1887; Jean
Pierre, Le centenaire de sainte Radegonde. Le courrier agricole de la Vienne et des Deux-
Sèvres, 21. August 1887.
47
„Tout le peuple, à Poitiers, vénère le P. de La Croix. Les ouvriers savent qu’il n’est pas fier.
Beaucoup d’entre eux, au moment de mourir, se souviennent de ce Jésuite qui travaille de
ses mains, comme eux, et appellent ses consolations sur leurs derniers moments“; Félicien
Pascal, Le Père de la Croix. Le Figaro, 27. Juli 1896.
Auf der Suche nach Frankreichs ersten Christen 135
mer Beitrag über Père de la Croix, der im folgenden Jahr geschrieben war,
begann mit der Feststellung, dass nun, da er den Titel eines chevalier be-
kommen hatte und Mitglied des Comité des Travaux historiques geworden
war, „nichts mehr am Ruhm dieses Jesuiten fehlt, dieses Apostels des Ob-
skurantismus, der in diesem Jahrhundert der Aufklärung einen der wich-
tigsten Plätze in der archäologischen Wissenschaft einnimmt“.
48
Der Autor
des Beitrags meinte seine Bemerkung wohlwollend, da er anfügte, dass er
die Gesellschaft dieses Jesuiten derjenigen der Freimaurer vorzöge.
49
Selbst
die republikanischen Blätter der Region enthielten gedämpftes Lob für de
la Croix, der, wie sie argumentierten, die Anerkennung der Ehrenlegion un-
geachtet seines Berufs als Jesuit verdiente, da ihm seine Forschung offenbar
diese Auszeichnung eingebracht hatte.
50
Am 31. Juli 1896 feierte Le Republi-
cain de la Vienne seinen Sieg mit einem Lobgedicht zu seinen Ehren.
51
Dessen ungeachtet sah de la Croix Kritik an seinem wissenschaftlichen
Werk weiterhin in dem größeren Zusammenhang mit seinem persönlichen
Kampf als Jesuit und Archäologe. In einem Brief z. B., den ihm Léon Du-
muÿs im November 1882 kurz vor dem Erscheinen seiner Monographie
über das Hypogée geschrieben hatte, wird das Ausmaß der Frustrationen
deutlicher. Dumuÿs, der später Kurator des Musée historique und des Musée
de Jeanne d’Arc in Orléans werden sollte, war ein Anwalt der klerikalen Sa-
48
„Chevalier de la Légion d’Honneur et membre nommé par le ministre, du comité des Tra-
vaux historiques de France, rien ne manque à la gloire de ce jésuite, de cet apôtre de l’obs-
curantisme, qui dans ce siècle de lumière laïque occupe une des places les plus considér-
ables de la science archéologique“; Le Père C. de la Croix S. J. Le Conservateur, 2. Mai
1897.
49
„Les Francs-Maçons peuvent à leur aise nous taxer de crédulité et d’ignorance; avec des jé-
suites comme celui-là nous sommes en bonne compagnie“; Le Père C. de la Croix S. J. Le
Conservateur, 2. Mai 1897.
50
„Pour notre part, nous ratifions pleinement les publics éloges décernés au P. de la Croix.
Néanmoins, qu’une remarque au sujet de sa récente nomination dans l’ordre de la Légion
d’Honneur nous soit accordée. Nous n’approuvons ni ceux qui avancent que cette dis-
tinction n’a été si tardive que parce qu’elle devait honorer un jésuite, non plus que ceux
qui affectent maintenant de s’en réjouir parce qu’elle est portée par un jésuite. Nous trou-
vons, quant à nous, qu’elle est arrivée à son heure – tant pis pour celles qui arrivent trop
tôt! – et qu’elle n’a été attribuée qu’au chercheur infatigable, au fin dépisteur, à l’artiste ha-
bile que recouvre, au sortir de ses travaux, suivant l’expression même de M. Tornézy, la
poussière olympique, pulvis olympicus, et nullement pulvis jesuiticus, qui est d’un tout autre
grain et point facile du tout à secouer – si l’on en croit l’histoire“; Le Passant, Une séance
publique à la Société des Antiquaires de l’Ouest. Républicain de la Vienne, 15. Januar
1897.
51
Auch wenn hier nicht genügend Platz ist, das Werk in Gänze wiederzugeben, sei eine Stro-
phe zitiert: „Courage donc pionnier! Piocheur infatigable! / Fouille! Creuse le sol, et si
coule la sueur: / Un jour au prix de ton labeur / Vivra l’histoire impérissable“; Echos de la
Vonne. Au Révérend Père Camille de la Croix. Le Republicain de la Vienne, 31. Juli 1896.
136 Bonnie Effros
che und ein standhafter Unterstützer von de la Croix’ Interpretation, der
zufolge die poitevinischen Märtyrer im Hypogäum lagen.
52
Eine Zeich-
nung von Hand, die sich in seiner Korrespondenz fand, signalisierte den
Ausschluss der Jesuiten – und de la Croix’ im Besonderen – durch die Re-
publikaner in Verbindung mit den Freimaurern (Abb. 6).
53
Zusammen mit
einem vertonten Gedicht beklagte das Stück das Unglück des klerikalen
Archäologen und parodierte jene Offiziellen, die ungerechterweise an die-
sem beschämendem Akt mitgewirkt hatten.
54
De la Croix’ Unterstützer, be-
sonders jene außerhalb von Paris, standen dem Jesuiten in der Not bei. Der
Priester fand ein begeistertes Publikum in katholischen Einrichtungen wie
der Université catholique de l’Ouest in Angers, von der er 1897 zu einer Vorle-
sung eingeladen worden war.
55
De la Croix’ Korrespondenz zeigt, dass sein beruflicher Kampf für den
Rest seines Lebens ein dominierendes Thema blieb. Am 6. April 1909
schrieb der Mediävist und Diplomatiker Léon Levillain aus Paris an seinen
Freund und Kollegen, er solle sich von den wiederholten Denunziationen
seiner Forschungen in der Société des Antiquaires und ebenso in den Illu-
strierten nicht entmutigen lassen. Levillain tröstete de la Croix, indem er
ihn ermahnte: „Courage, Hochwürden; geben Sie nicht auf; sondern ver-
breiten Sie weiter den Samen neuer Ideen für die Welt. Einige von ihnen
sind bereits aufgegangen und haben Eingang in den Strom zu lehrender
Wahrheiten gefunden; andere werden noch keimen und blühen. Auch
wenn einige auf sterilen Boden fallen und vom Wind hinweggeweht wer-
den, wird die Ernte ausreichen, um sicherzustellen, dass ein Gelehrter, wie
Sie einer sind, einen Ehrenplatz unter den Archäologen erhält.“
56
Dieser
52
Unveröffentlichter Brief Léon Dumuÿs’ an R. P. de la Croix vom 23. (Februar?) 1884; Poi-
tiers, Archives départementale de la Vienne, Fonds de la Croix, propriété de la Société des Antiquai-
res de l’Ouest.
53
Unveröffentlichte Zeichnung Léon Dumuÿs’ für R. P. de la Croix vom November 1882;
Poitiers, Archives départementale de la Vienne, Fonds de la Croix, propriété de la Société des An-
tiquaires de l’Ouest.
54
Unpubliziertes Gedicht, zum selben Brief wie eben (Anm. 53).
55
Unveröffentlichter Brief M. Delehayes, Secretaire général der Université catholique d’Angers,
an R. P. de la Croix vom November 1897, der ihn dazu einlädt, eine archäologische Ver-
anstaltung für die Studenten zu halten; Poitiers, Archives départementale de la Vienne, Fonds
de la Croix, propriété de la Société des Antiquaires de l’Ouest.
56
„Du courage, mon R. Père; ne jetez pas le manche après la cogne mais continuez à lancer
dans le monde la semence des idées neuves. Quelques-unes ont déjà mûri et sont entrées
dans le courant des verités enseignées; d’autres germeront encore et fleuriront. S’il en est qui
tombent sur le sol ingrat et qui soient dispersées par le vent, la moisson sera encore assez
belle pour assurer au savant que vous êtes un place d’honneur parmi les archéologues.“ Un-
veröffentlichter Brief Léon Levillains an R. P. de la Croix vom 6. April 1909; Poitiers, Archi-
ves départementale de la Vienne, Fonds de la Croix, propriété de la Société des Antiquaires de l’Ouest.
Auf der Suche nach Frankreichs ersten Christen 137
Abb. 6. Zeichnung Léon Dumuÿs’ vom November 1882 für R. P. de la Croix,
wahrscheinlich die Vertreibung des Jesuitenordens aus Frankreich beklagend (Poitiers,
Archives départementale de la Vienne, Fonds de la Croix, propriété de la Société des Antiquaires
de l’Ouest)
138 Bonnie Effros
Brief lässt die Stimmung Ernest Babelons anklingen, der de la Croix vom
Collège de France aus schrieb. Indem er den bösen Umgang der Zeitgenossen
mit ihm bestätigte, riet ihm Babelon im Juli 1904, die harschen Bemerkun-
gen feiger Funktionäre zu ignorieren. Er behauptete, sie seien nicht der Teu-
fel, aber sie würden deshalb nur so handeln, wie sie es täten, weil sie weiter-
hin ihre Gehälter von der republikanischen Regierung erhalten wollten.
57
Der Fall de la Croix im Kontext
der kirchlichen Archäologie des 19. Jahrhunderts
Während de la Croix und zumindest einige seiner Unterstützer seine Mü-
hen auf antiklerikale Stimmungen seiner Kollegen zurückführten und sie
nicht als Konsequenz einer schludrigen oder ideologisch voreingenomme-
nen Gelehrsamkeit ansahen, bleibt die Frage, ob von anderen klerikalen Ar-
chäologen im Frankreich des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts bekannt
ist, dass sie ähnlichem Widerstand gegen ihre Arbeit begegneten. Unter den
frühchristlichen Stätten, die zu Lebzeiten de la Croix’ von Klerikern unter-
sucht wurden, könnte man beispielsweise die frühmittelalterliche Krypta
von Jouarre, die zwischen 1869 und 1871 von Abbé Thiercelin ausgegraben
wurde, als in ihrer Bedeutung dem Hypogée vergleichbar ansehen.
58
Im Un-
terschied zu de la Croix scheint jedoch Thiercelin nicht jene Form von Pu-
blizität oder Ehrungen begehrt zu haben, die jener erstrebte, und seine Aus-
grabung zog nicht jenes Ausmaß von Kontroversen nach sich, wie sie das
Hypogée in Poitiers umgaben. Darüber hinaus stand die Interpretation der
merowingerzeitlichen Krypta nie in Frage, weil die Begräbniskirche von St.-
Paul in Jouarre die Gräber ihres Begründers und der Äbtissin des 7. Jahrhun-
derts, der Heiligen Theodechilde, und ihrer Nachfolgerinnen barg, und weil
all diese Personen (wenn auch nicht der Platz selbst) durch zeitgenössische
historische und hagiographische Darstellungen belegt werden konnten.
59
57
„Le monde politique est bien méchant et on a été abominablement injuste à votre égard.
Quant aux archéologues, ce ne sont pas de méchantes gens, mais ce sont des poltrons. Ils
sont poltrons parce qu’ils sont fonctionnaires pour la plupart, or, un fonctionnaire qui, à la
fin de chaque mois, touche régulièrement de l’État sa pâture et celle de sa famille.“ Unver-
öffentlichter Brief Ernest Babelons an R. P. de la Croix vom 10. Juli 1904; Poitiers, Archives
départementale de la Vienne, Fonds de la Croix, propriété de la Société des Antiquaires de l’Ouest.
58
G. Rethoré, Les cryptes de Jouarre: Notice historique (Paris 1889) 15–16; Paul-Albert
Février, Naissance d’une archéologie chrétienne. In: Naissance des arts chrétiens. Atlas des
monuments paléochretiens de la France (Paris 1991) 344.
59
Gilbert-Robert Delehaye/Patrick Périn, Jouarre. Église funéraire de Saint-Paul. In: Les pre-
miers monuments de la France 3 (Anm. 31) 188–197.
Auf der Suche nach Frankreichs ersten Christen 139
Die Feindseligkeit, der de la Croix in den 1880er Jahren ausgesetzt war,
steht offensichtlich der einflussreichen Rolle von Klerikern während der
Entwicklung der frühmittelalterlichen archäologischen Forschungen in
der vorangehenden Zeit entgegen. Da die Archäologie im 19. Jahrhundert
nicht als selbständiges Fach galt und als solche keinen formalen Platz an den
Universitäten besaß
60
, wurde ein großer Teil der Arbeiten zur Katalogisie-
rung, Ausgrabung und Restaurierung historischer Stätten traditionell von
lokalen und regionalen altertumskundlichen und archäologischen Gesell-
schaften unternommen. Viele von ihnen waren unter der Juli-Monarchie
mit der Ermutigung durch den Historiker und Minister für öffentlichen
Unterricht, François Guizot, gegründet worden.
61
Obwohl diese gelehrten
Gesellschaften in ihrer Organisation und ihren Zielen säkular waren
62
, war
die Zusammenarbeit mit lokalen Kirchen und Klerikern zentral für ihre Be-
mühungen.
63
Schätzungen zufolge stellte die Geistlichkeit um die Mitte
des Jahrhunderts, je nach Region, zwischen zwei und 26% der vor allem
der Mittelklasse entstammenden Mitglieder der einzelnen gelehrten Gesell-
schaften, wobei der Durchschnitt 6% betrug. Kleriker waren auch auf
archäologischen Kongressen aktiv: im Jahre 1842 erreichte ihr Anteil
beispielsweise 9,2% an den Delegierten der Jahresversammlung, die der
Archäologe Arcisse de Caumont aus der Normandie organisiert hatte.
64
Be-
mühungen um den Schutz von Kirchen waren ebenfalls oft die treibende
Kraft hinter der Gründung archäologischer Gesellschaften. Tatsächlich
führte eine erfolgreiche Kaufofferte, die 1832 zur Rettung des spätantiken
Baptisteriums von Poitiers vor der Zerstörung zusammengebracht worden
war, zwei Jahre später zur Formierung von Caumonts Société Française
d’archéologie in Caen. Zur Erbauung ihrer Mitglieder und von Antiquaren
in ganz Frankreich veranstaltete die Gesellschaft periodische Tagungen und
60
Éric Perrin-Saminadayar, Les résistances des institutions scientifiques et universitaires à
l’émergence de l’archéologie comme science. In: Rêver l’archéologie au XIX
e
siècle. De la
science à l’imaginaire, ed. Éric Perrin-Saminadayar. Centre Jean Palerne, Mémoires 23
(Saint-Étienne 2001) 47–64.
61
Dominique Poulot, Patrimoine et musées. L’institution de la culture (Paris 2001) 117–119.
62
Rachel Joly, La Commission des antiquités de la Côte-d’Or (C.A.C.O.) 1830–1870. In:
Aspects de l’archéologie française au XIX
eme
siècle. Actes du colloque tenu à la Diana à
Montbrison le 14 et 15 octobre 1995, ed. Pierre Jacquet/Robert Périchon. Recueil de mé-
moires et documents sur Le Forez publiés par la Société la Diana 28 (Montbrison 2000)
90–95.
63
Gilles Platret, Les débuts de la Société d’histoire et d’archéologie de Châlon-sur-Saône.
Ambitions locales et convergences politiques (1844–1872). Mémoires de la Société d’his-
toire et d’archéologie de Châlon-sur-Saône 69 (2001) 93.
64
Stéphane Gerson, The Pride of Place. Local Memories and Political Culture in Nine-
teenth-Century France (Ithaca 2003) 59–60.
140 Bonnie Effros
veröffentlichte Forschungsergebnisse über relevante Themen durch die Pu-
blikation einer gelehrten Zeitschrift, die später Bulletin monumental hieß.
65
Ihr Erscheinen als eine neue mächtige Stimme brachte die Zentralregierung
dazu, sich selbst weiterhin für den Schutz national bedeutender Stätten vor
Vandalismus und Verfall einzusetzen.
Die Beteiligung von Klerikern an antiquarischen Organisationen reflek-
tiert deren Interesse an der Lokal- und Regionalgeschichte, und sie war Teil
allgemeiner Bemühungen der kirchlichen Hierarchie, das Bildungsniveau
der Geistlichkeit zu heben.
66
Aufgrund ihrer praktischen Verantwortung für
Gebäude und Friedhöfe der Pfarreien, Klöster und Kathedralen waren Kle-
riker regelmäßig gefordert, Entscheidungen über Reparaturen und Moder-
nisierungen für aktuelle Bedürfnisse zu fällen. Da sie oft an der Spitze die-
ser Initiativen standen und häufig keine Kenntnisse in der Kunstgeschichte
oder Archäologie besaßen, wurden Kleriker meist dafür getadelt, dass sie
armselige Entscheidungen trafen oder wertvolle und unersetzliche Ressour-
cen schlecht verwalteten. Bereits 1844 intervenierten – als Antwort darauf,
was als eine Serie von furchtbar misslungenen Renovierungen und noch
schlimmeren Zerstörungen religiöser Monumente wahrgenommen worden
war – Bischöfe auf die Mahnungen von Befürwortern der Konservierung
hin und gestatteten in den Priesterseminaren die ersten archäologischen
Kurse in Frankreich. Diese Kurse, besser als Vorlesungen über kirchliche
Architektur und Kunst zu bezeichnen, dienten dazu, zukünftige Kleriker
besser auf ihre Aufsicht über religiöse Bauten vorzubereiten. Auf diese
Weise, so hoffte man, sollten unnötige Zerstörungen oder fragwürdige Re-
staurierungen historischer Gebäude verhindert werden.
67
Obwohl es sehr auf die Anstrengungen lokaler antiquarischer Gesell-
schaften angewiesen war
68
, sollte auch das französische Innenministerium
historische Monumente konservieren. Diese Unternehmungen blieben bis
zur Herrschaft Napoleons III. in ihrem Ausmaß sehr begrenzt, weil die Ge-
bäude und Stätten, die dadurch erhalten werden sollten, subjektiven Krite-
rien in Bezug auf nationale Bedeutung und ästhetische Vorzüge zu genügen
hatten.
69
Kirchen und andere religiöse Monumente umfassten einen wich-
tigen Teil dieser Bemühungen, auch wenn die Verantwortung für ihre In-
standhaltung und Erhaltung an das Comité des inspecteurs généraux des Édifices
65
Paul Léon, La vie des monuments français. Destruction, restauration (Paris 1951) 95–97.
66
Pim den Boer, History as Profession. The Study of History in France, 1818–1914, transl.
Arnold J. Pomerans (Princeton 1998) 27–32.
67
Xavier Barral I Altet, Les étapes de la recherche au XIX
e
siècle et les personnalités. In: Nais-
sance des arts chrétiens (Anm. 58) 351–352.
68
Catherine Rigambert, Le droit de l’archéologie française (Paris 1996) 16–21.
69
Léon, La vie des monuments français (Anm. 65) 138–142.
Auf der Suche nach Frankreichs ersten Christen 141
diocésans übertragen worden war, einer unabhängigen Verwaltungskommis-
sion des Amts für weltliche Angelegenheiten. In den 1850er Jahren wurde
die Institution außergewöhnlich mächtig, wie die Karriere des überaus ein-
flussreichen Architekten Eugène Viollet-le-Duc zeigen mag, der im 20. Jahr-
hundert scharfe Kritik an seinen kontroversen Methoden der Restaurierung
mittelalterlicher Monumente auf sich zog. Nachdem er in seiner Eigen-
schaft als Diözesanarchitekt Bedeutung erlangt hatte, erhielt und „verbes-
serte“ Viollet-le-Duc Kirchenbauten in 26 Diözesen während seiner langen
Amtszeit auf diesem Posten. Viele seiner Zeitgenossen missbilligten seine
Aktivitäten, die einer Zerstörung gleichkämen.
70
Da sich die Interessen weit über allein architektonische Anliegen hinaus
erstreckten, waren Kleriker auch in den aufkommenden Feldern der gallo-
römischen und frühmittelalterlichen Archäologie erfolgreich tätig. Ihr Er-
folg scheint sich aus einer Konstellation von Faktoren ergeben zu haben,
die sich zu ihren Gunsten auswirkte – einschließlich gelehrter Neigung und
Interesses für Details, Begeisterung für die Lokalgeschichte, Kontakte mit
den Gemeindegliedern, die sie über von Bauern gemachte Zufallsfunde in
der Gegend informieren mochten, und der Freiheit von familiären Verant-
wortlichkeiten und damit verbundenen finanziellen Lasten, die ihnen in
einigen Fällen eine langfristige Abwesenheit während der Grabungssaison
erlaubten. Die meisten von denen, die sich archäologisch betätigten, waren
provinzielle curés oder weltliche Geistliche; sie stellten deshalb kein solches
Ziel für republikanisches Misstrauen und juristische Attacken wie die Jesui-
ten dar, sofern sie nicht den Fehler begingen und gegen die republikanische
Regierung auftraten. Eine solche Haltung führte beispielsweise zum un-
glücklichen Abbruch der Karriere des sehr fähigen und vorausschauenden
Archäologen Abbé Haigneré im Jahre 1870, der als Konsequenz seiner poli-
tischen Aktivitäten seinen Posten und seine Haupteinkommensquelle als
Archivar von Boulogne verlor.
71
Ein Kleriker, der einige der folgenreichsten methodischen Fortschritte
in der Ausgrabungstechnik erzielte, war Abbé Jean-Benoît-Désiré Cochet.
72
Während seiner Zeit im Priesterseminar mit der Archäologie in Berührung
gekommen, empfand er großen Stolz für die einheimischen Errungenschaf-
ten der gallorömischen und merowingerzeitlichen Bewohner der Norman-
die und des übrigen Frankreich. Der Vikar aus der Normandie, der 1849
70
Bruno Foucart, Viollet-le-Duc et la restauration. In: Les lieux de mémoire 2.2, ed. Pierre
Nora (Paris 1986) 616–620.
71
Claude Seillier. Daniel Haigneré (1824–1893). L’archéologue et son temps. Septentrion 4,
1974, 45–50.
72
Effros, Merovingian Mortuary Archaeology (Anm. 6) 62–65.
142 Bonnie Effros
den Titel eines Inspekteurs der historischen Monumente in der Seine-Infé-
rieure erhalten hatte und 1861 vom Erzbischof als Diözesaninspektor für
die Kirchen eingesetzt worden war, wurde 1867 Kurator des Musée départe-
mental des antiquités de Rouen.
73
Als ein Erneuerer archäologischer Methoden
war er einer der ersten Gelehrten, die meinten, dass ausgegrabene Artefakte
viel von ihrem Wert aus dem Wissen um den Kontext bezogen, in dem
sie gefunden worden waren.
74
Um mit den methodischen Entwicklungen
Schritt zu halten, korrespondierte Cochet aktiv mit Gelehrten aus ganz Eu-
ropa und gehörte zahlreichen gelehrten Gesellschaften und Akademien an,
einschließlich der Académie des inscriptions et belles lettres seit 1864. Im selben
Jahr zum Mitglied des Institut de France ernannt, wurde Abbé Cochet weit-
hin als ein Experte, wenn nicht der Experte, der Archäologie der gallorömi-
schen und Merowingerzeit konsultiert.
75
Es gibt kaum einen Hinweis auf
irgendwelche Hindernisse, denen er als in der archäologischen Forschung
engagierter Kleriker bis zu seinem Tod 1875 begegnet wäre.
Die Gegenüberstellung von de la Croix und Cochet ist deshalb nicht
ganz fair, weil Cochets Tod den massivsten antiklerikalen Maßnahmen der
Dritten Republik voranging. Darüber hinaus waren seine Beobachtungen
entscheidend für die Entwicklung einer archäologischen Methodologie,
während die Publikationen de la Croix’ keinen gleichwertigen Beitrag lei-
steten. Obwohl de la Croix sehr fähig war und gewiss bemerkenswertes
Glück bei der Auswahl materialreicher Grabungsplätze hatte, machte er wie
viele seiner Zeitgenossen weder ausgiebige Beobachtungen auf seinen Aus-
grabungen noch führte er ein detailliertes Grabungstagebuch oder erstellte
Fundlisten. Außer seinen Publikationen der herausragenden, von ihm un-
ternommenen Grabungen stellen seine Zeichnungen und Briefe die Haupt-
quelle zum Verständnis seiner Forschungen dar. Père de la Croix war den-
noch für seine Zeit recht gewissenhaft, wenn es darum ging, die Arbeiter
anzuleiten, welche die eigentliche Ausgrabung bestritten, und Gelder für
den Ankauf wichtiger Stätten einzuwerben, um sie auszugraben und später
zu konservieren. Er hieß wiederholt Besucher aller Fachgebiete und Bedeu-
73
Jean Hubert, L’abbé Cochet et l’avènement d’une science de l’archéologie. In: Cente-
naire de l’abbé Cochet, 1975. Actes du colloque international d’archéologie, Rouen
3–4–5 juillet 1975 (Rouen 1978) 13–16; Chaline, Sociabilité et erudition (Anm. 44)
248–252.
74
Jean-Benoît-Désiré Cochet, La Normandie souterraine ou notices sur des cimetières ro-
mains et des cimetières francs explorés en Normandie (
2
Paris 1855) 2–3.
75
Laurence Flavigny, L’abbé Cochet, un champion d’archéologie nationale, 1812–1875. In:
L’anticomanie. La collection d’antiquités aux 18
e
et 19
e
siècles, ed. Annie-France Laurens/
Krzysztof Pomian (Paris 1992), 241–249.
Auf der Suche nach Frankreichs ersten Christen 143
tung willkommen, um die laufende Feldforschung zu besichtigen.
76
Ebenso
gab er angehenden Archäologen Ratschläge, sich an die Quellen zu halten
und die Phantasie zu meiden – zwei Ratschläge, die er selbst für gewöhnlich
ignorierte.
77
Der ungleiche Vergleich von de la Croix und Cochet ist dennoch hilf-
reich, um einen gewissen Einblick in die Unterschiede zu gewinnen, die
beide in Bezug auf die Bedeutung des Christentums in ihrer Einschätzung
frühmittelalterlicher archäologischer Stätten machten. Cochets Arbeit
ragte besonders in der Berücksichtigung einer verlässlicheren absoluten
Chronologie merowingerzeitlicher Artefakte heraus und zeigte, dass er zu
belegen in der Lage war, wie sowohl Christen als auch heidnische Franken
Grabbeigaben im Rahmen ihrer Bestattungssitten kannten.
78
Ganz anders
als de la Croix, der das Hypogée und später das Baptisterium in Poitiers als
Beleg für die fortgeschrittene Entwicklung christlicher Rituale in einem frü-
hen Abschnitt der französischen Geschichte ideologisch interpretierte, zog
Cochet aus den Quellen den eher verbreiteten Schluss, dass der Glaubens-
wechsel der Franken nur ein oberflächlicher gewesen war.
79
Diese Sicht und
nicht diejenige von de la Croix behielt bis zur Veröffentlichung von Édou-
ard Salins La civilisation mérovingienne die Oberhand, die die Aufmerksam-
keit auf das Schweigen der frühmittelalterlichen kirchlichen Autoritäten
in Bezug zu Bestattungsformen und Grabbeigaben lenkte.
80
Christliche
Bestattungsformen mögen ihrem heidnischen Widerpart im Gebrauch von
Kleidung und Zubehör, die die Toten in ihr Grab begleiteten, weitgehend
geglichen haben.
76
Michel Rérolle, L’oeuvre archéologique de Camille de la Croix. Bulletin de la Société des
antiquaires de l’Ouest et des Musées de Poitiers 4
e
série 14 (1977) 321–349.
77
In einem Brief an T. Masserau, einen Landbesitzer in Neuvy-Saint Sépulchre (Indre) und
Mitglied der Société académique du Centre, warnte er: „Vous pourriez peut-être remanier vo-
tre manuscrit, en vous bornant à de simples descriptions faites d’une façon très claire, en
phrases courtes. Méfiez vous en général de votre imagination. C’est un écueil où sombrent
beaucoup d’archéologues. Apportez les documents, rien de plus. En vous conformant à ce
petit programme, étant donné vos dispositions, votre acquis et votre sagacité, vous réus-
sirez certainement.“ Unveröffentlichter Brief R. P. de la Croix’ an T. Masserau vom
17. April 1876; Poitiers, Archives départementale de la Vienne, Fonds de la Croix, propriété de la
Société des Antiquaires de l’Ouest. Transkribiert und übersetzt in: Dieudonné-Glad (ed.),
Correspondance archéologique (Anm. 35) 7–8.
78
Annette Laming-Emperaire, Origines de l’archéologie préhistorique en France. Des super-
stitions médiévales à la découverte de l’homme fossile (Paris 1964) 9–13, 100–101.
79
Jean-Benoît-Désiré Cochet, Le tombeau de Childéric I
er
roi des Francs, restitué à l’aide de
l’archéologie et des découverts récentes (Brionne 1978) 189.
80
Édouard Salin, La civilisation mérovingienne d’après les sépultures, les textes et le labora-
toire 2 (Paris 1952) 233ff.
144 Bonnie Effros
Zusammenfassung
Welche Relevanz hat der Fall von Camille de la Croix für heutige Untersu-
chungen zur symbolischen Bedeutung ritueller Handlungen, die die frühmit-
telalterliche Bestattungspraxis prägten? Tatsächlich besaßen seine Ausgra-
bungen aus unterschiedlichen Gründen kaum Auswirkungen. In Frankreich
war die Anzahl der Anlagen, die mit dem Hypogée verglichen werden konn-
ten, gering, und deshalb haben sich architekturgeschichtliche Studien zu
christlichen Stätten der vorkarolingischen Zeit dort nie so verbreitet, wie das
in Italien der Fall war. Darüber hinaus blieben die frühmittelalterlichen In-
schriften Galliens lange Zeit von ihrem archäologischen Kontext isoliert, wo-
bei zahlreiche Sammlungen von Inschriften im 18. und frühen 19. Jahrhun-
dert zusammentragen wurden. Deshalb waren Forschungen im Hinblick auf
diese wichtige Informationsquelle zu heidnischem und christlichem Verhal-
ten zu Tod und Jenseits weitgehend von den Debatten der Archäologen iso-
liert. Da sich die meisten Studien des 19. Jahrhunderts zu frühmittelalterli-
chen Resten auf Grabbeigaben konzentrierten und diese mit abergläubischen
oder kaum verhülltem heidnischen Verhalten assoziiert wurde, führte dieses
Material selbst nicht zu einer Diskussion über das frühmittelalterliche Chri-
stentum.
81
Diese Fragen fanden deutlich weniger Zuhörer als jene, die sich
für die rassische und ethnische Identität der mit den Grabbeigaben Bestatte-
ten interessierten – ein Thema, das nach dem französisch-preußischen Krieg
und in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg eine viel größere Bedeu-
tung erlangte.
82
Es ist aber nicht möglich, die Arbeiten von Camille de la Croix als
isoliertes Beispiel einer Reaktion gegen eine ideologisierte Forschung in
Zeiten eines ungezügelten Antiklerikalismus abzutun. Erstens hatte de la
Croix zu Lebzeiten aufgrund einer Kombination von sturer Beharrlichkeit
und Unterstützung einflussreicher Kollegen (Abb. 7) großen Erfolg, auch
81
Einer der ersten Antiquare, die in Burgund entdeckte Grabfunde als germanisch ansahen,
Henri Baudot, bemerkte: „Cependant, quoique la religion chrétienne fût généralement
adoptée au commencement du VI
e
siècle, le paganisme avait encore des partisans zèlés
qui, dans le secret de leurs demeures, conservaient les images de leurs dieux et se livraient
clandestinement aux pratiques de l’idolâtrie, dont nous suivons la trace jusque dans leurs
tombeaux“; Henri Baudot, Mémoire sur les sépultures barbares de l’époque mérovin-
gienne, découvertes en Bourgogne, et particulièrement à Charnay. Mémoires de la Com-
mission des antiquités du département de la Côte-d’Or 5 (1857–1860) 138.
82
Diskussionen konzentrierten sich nicht immer auf den barbarischen Charakter germani-
scher Gruppen wie der Franken, konnten aber darauf gerichtet sein, den positiven Einfluss
solcher Traditionen für die Entwicklung der Kunst in Frankreich in der nachrömischen
Zeit hervorzuheben; C. Barrière-Flavy, Les arts industriels des peuples barbares de la
Gaule du V
ème
au VIII
ème
siècle 1 (Toulouse 1901).
Auf der Suche nach Frankreichs ersten Christen 145
Abb. 7. Petition von Studenten der École du Louvre vom 4. März 1891, Dank an Pére de la
Croix für seine archäologischen Entdeckungen und seine Leistungen für die gallorömische
und merowingische Archäologie. Der Briefkopf stammt von Louis Courajod, Conservateur
du Département de la Sculpture du Moyen-âge de la Renaissance et des temps modernes au Musée du
Louvre, und diesem Schreiben lag ein Brief Courajods an de la Croix bei (Poitiers, Archives
départementale de la Vienne, Fonds de la Croix, propriété de la Société des Antiquaires de l’Ouest)
146 Bonnie Effros
wenn Antipathien gegenüber Klerikern sicher die Arbeit der Archäologen
bestimmten, jene Parameter festzulegen, innerhalb der ihre Interpretatio-
nen formuliert wurden. Ungeachtet von Vorwürfen, wiederholt unrecht ge-
habt zu haben, blieb de la Croix bemerkenswert einflussreich. Die Stätten,
die er ausgrub, waren zu bedeutend, um von seinen Zeitgenossen ignoriert
zu werden, und letztlich erlangte er gebührende Ehrungen. Selbst de la
Croix’ mächtigste Kollegen befanden sich in der misslichen Situation,
seine voreingenommenen Interpretationen zu tadeln und ihn gleichzeitig
für seine Verdienste um die Funde zu loben. Zweitens bot das Hypogée am
Stadtrand von Poitiers eines der ersten Beispiele einer frühmittelalterlichen
archäologischen Fundstelle, die eine multidisziplinäre Methodologie mit
ihrem Mix von Inschriften, Skelettresten, Grabbeigaben und Architektur
erforderte. Viele zeitgenössische Archäologen wussten einfach nicht, wie
mit einem derart exzeptionellen Monument umzugehen ist, das nicht ein-
fach den gebräuchlichen Mustern von Franken oder Gallorömern zugeord-
net werden konnte und das sowohl einen Märtyrerkult als auch vermeint-
lich germanische Bestattungsformen einschloss. Dies mag ein Grund dafür
sein, dass Forscher erst in jüngster Zeit mit einer detaillierten Neubewer-
tung des Hypogées begonnen haben. Schließlich enthüllte de la Croix’
mangelnde Vorsicht, zwischen verschiedenen Erklärungen abzuwägen und
eine Vision der frühen christlichen Kirche in Gallien zu fördern, seine Vor-
eingenommenheit und stellte die Bedeutung dieser wichtigen Ausgrabung
in Frage, die er eigentlich begünstigen wollte. So sehr einige zeitgenössi-
sche Gelehrte die Bedeutung des Hypogée anerkannten, so schwer fiel es
ihnen, die Aneignung dieses Mausoleums durch einen Jesuiten ernsthaft zu
unterstützen – weil es ein Symbol im Kampf der Kleriker um die Anerken-
nung als Wissenschaftler in gelehrten Gesellschaften, Akademien und
schließlich Universitäten geworden war.
147
3. Archäologie der gentes
148
Die Archäologie der Westgoten in Nordgallien 149
Die Archäologie der Westgoten in Nordgallien
Zum Stand der Forschung
Michel Kazanski, Anna Mastykova, Patrick Périn
Zwischen der Mitte des 5. Jahrhunderts und dem ersten Drittel des 6. Jahr-
hunderts haben sich in Nordgallien Gruppen von Menschen unterschied-
licher Herkunft niedergelassen. Deutlich wird dies bei der Untersuchung
von nordgallischen Nekropolen der beginnenden Merowingerzeit, bei-
spielsweise von Arcy-Sainte-Restitue, Chassemy, Breny, Saint-Martin-de-
Fontenay oder Vicq,
1
und hierbei besonders bei der Betrachtung der Reste
der Frauenkleidung auf diesen Nekropolen. Die Neuankömmlinge haben,
obwohl sie zahlenmäßig als eher unbedeutend zu bezeichnen sind, nach
Aussage des mit diesen Gruppen zu verbindenden Prunkgräberhorizontes
zweifellos eine wichtige Rolle in militärischer und sozialer Hinsicht ge-
spielt. Die genannten Einflüsse umfassen alamannische, thüringische, lan-
gobardische, ostgotische, germanisch-donauländische, angelsächsische
und westgotische Elemente. Dass sie zeitgleich mit der Entstehung des me-
rowingischen Königreiches auftauchen, ist nicht erstaunlich. Es handelt
sich hier um ein Phänomen, das von archäologischer Seite auch aus ande-
ren „barbarischen“ Königreichen wie etwa dem der Burgunder, dem der
Ostgoten in Italien oder dem der Kiever Rus’ bekannt ist. Auch in diesen
Reichen stützte sich die königliche Macht zum Teil auf militärische Grup-
pen fremder Herkunft ohne Verbindung zur lokalen Bevölkerung, die dem
König ihre Treue zusicherte. Als Teil dieses Phänomens sollen im Folgen-
den die aus dem westgotischen Spanien kommenden Gruppen behandelt
werden, die sich in Nordgallien niedergelassen hatten.
1
Arcy-Sainte-Restitue: Françoise Vallet, Parures féminines étrangères du début de l’époque
mérovingienne, trouvées dans le soissonnais. Studien zur Sachsenforschung 8, 1993,
109–121. – Chassemy: Vallet, Parures (Anm. 1). – Breny: Michel Kazanski u. a., La nécro-
pole gallo-romaine et mérovingienne de Breny (Aisne). D’apres les collections et les archi-
ves du Musée des Antiquités Nationales (Montagnac 2002). – Saint-Martin-de-Fontenay:
Christian Pilet u. a., La nécropole de Saint-Martin-de-Fontenay, Calvados (Paris 1994). –
Vicq: Wimm H. Wimmers, Etude sur l’interprétation du cimetière mérovingien de Vicq
(Yvelines) (Hooddorp 1993).
Zwischen Spätantike und Frühmittelalter – RGA-E Band 57 – Seiten 149–192
© 2008 Walter de Gruyter · Berlin · New York
150 Michel Kazanski, Anna Mastykova, Patrick Périn
Seit den 1990er Jahren wird die Interpretation der in Nordgallien ent-
deckten ostgermanischen Elemente lebhaft diskutiert. Während franzö-
sische Forscher den donauländischen Ursprung dieser Funde vertraten,
2
unterstrichen deutsche Archäologen mit wenigen Ausnahmen
3
die Argu-
mente für eine westgotische Herkunft der Objekte.
4
Neben der Herkunfts-
frage ist aber auch die chronologische Ansprache der Funde Anlass einer
Kontroverse: nach Volker Bierbrauer und seinen Schülern ist das fragliche
Material im Wesentlichen nach 480 zu datieren, also in die Zeit nach der
westgotischen Ansiedlung in Spanien.
5
Im Gegensatz dazu werden die ent-
sprechenden Funde in Frankreich in der Regel chronologisch älter einge-
ordnet, nämlich in das dritte Viertel des 5. Jahrhunderts.
Antworten auf Fragen der Herkunft und der zeitlichen Ansprache der
Funde werden durch zwei Probleme erschwert: erstens die Tatsache, dass
sich im Bereich der Männergräber keine Fremden durch signifikante Bei-
gaben von der lokalen Bevölkerung abheben, und zweitens das Problem,
dass die spanisch-westgotische Frauenkleidung, so wie sie sich in den ar-
chäologischen Funden präsentiert, ebenfalls donauländischen Ursprungs
ist. Die spanisch-westgotische Frauenkleidung stellt sich als populäre Nach-
ahmung des prestigeträchtigen donauländischen Frauengewandes dar, das
in den mitteleuropäischen Prunkgräbern des Smolín-Horizontes der Stufe
D2/D3 der völkerwanderungszeitlichen Chronologie, also dem zweiten
Drittel des 5. Jahrhunderts, bezeugt ist.
6
Diese Kleidung umfasst insbeson-
dere zwei an den Schultern getragene ‚Silberblechfibeln‘, die häufig von
einer großen Gürtelschnalle mit rechteckigem Beschlag begleitet werden
(beispielsweise in Szabadbattyán, Maklár, Laa und vermutlich „Eszter-
gom“). Im gallischen Westgotenreich ist diese donauländische Kleidung
nicht vor dem letzten Drittel des 5. Jahrhunderts nachzuweisen. Daher
2
Vgl. z. B. Michel Kazanski, La diffusion de la mode danubienne en Gaule (fin du IV
e
siè-
cle–début du VI
e
siècle). Essai d’interprétation historique. Antiquités Nationales 21, 1989,
59–73; ders., La Gaule et le Danube à l’époque des Grandes Migrations. In: Jaroslav Tejral/
Herwig Friesinger/Michel Kazanski (Hrsg.), Neue Beiträge zur Erforschung der Spätantike
im mittleren Donauraum (Brno 1997) 285–319; Michel Kazanski/Patrick Périn, Les
Barbares „orientaux“ dans l’armée romaine en Gaule. Antiquités Nationales 29, 1997,
201–217; Vallet, Parures (Anm. 1).
3
Barbara Sasse, Die Westgoten in Südfrankreich und Spanien. Zum Problem der archäolo-
gischen Identifikation einer wandernden „gens“. Archäologische Informationen 20/1,
1997, 29–48.
4
Vgl. Volker Bierbrauer, Les Wisigoths dans le royaume franc. Antiquités Nationales 29,
1997, 167–200.
5
Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) 169–172.
6
Jaroslav Tejral, Mähren im 5. Jahrhundert (Prag 1973); ders., Zur Chronologie der frü-
hen Völkerwanderungszeit im mittleren Donauraum. Archaeologia Austriaca 72, 1988,
223–304.
Die Archäologie der Westgoten in Nordgallien 151
wurde sie dort wahrscheinlich im Zuge der Ankunft der Armee des ostgoti-
schen Prinzen Vidimer eingeführt, die mit einem kurzen Aufenthalt in
Italien (472–474) direkt von der Donau nach Gallien gekommen war.
7
Vi-
dimer genoss als Mitglied der alten Familie der Amaler großes Prestige bei
den Westgoten. Ein vergleichbarer Prozess der Ausbreitung des donaulän-
dischen Kostüms ist im pontischen Raum zu beobachten,
8
wo die Fund-
plätze der kaukasischen Tetraxitgoten und der Krimgoten des Landes Dori
zahlreiche Beispiele einer breiten Nachahmung des prunkvollen Prestigege-
wandes aus Mitteleuropa bieten.
Volker Bierbrauer legte 1997 eine ausführliche Sammlung der ostgerma-
nischen Funde der beginnenden Merowingerzeit in Nordgallien vor,
9
die
wir hier mit wenigen Ergänzungen wieder aufgreifen wollen, um die west-
gotische Ansprache dieses Materials zu überprüfen. Das fragliche Fundma-
terial umfasst mehrere Objektkategorien: ‚Silberblechfibeln‘, vogelförmige
Fibeln bzw. Adlerfibeln, Bügelfibeln, Armbrustfibeln der Typen Duratón
und Estagel sowie große eiserne oder bronzene Gürtelschnallen mit recht-
eckigem Beschlag und Cloisonné- oder Cabochonverzierung. Alle Fund-
gruppen haben Parallelen außerhalb des westgotischen Bereiches und sind
in anderen Gebieten mit ostgermanischem Einfluss nachgewiesen, insbe-
sondere an der Donau, auf dem Balkan, in Italien, auf der Krim und im
nördlichen Kaukasus. Angesichts dieser großen Verbreitung ähnlicher
Funde scheint es für eine Zuschreibung der fraglichen nordgallischen
Funde an die Westgoten notwendig, überzeugende Parallelen aus Spanien,
Septimanien und Aquitanien anzuführen und gleichzeitig ihre Abwesen-
heit in anderen von Ostgermanen besiedelten Regionen, vor allem im Do-
naugebiet, aufzuzeigen.
Die geringfügige chronologische Differenz zwischen den Objekten glei-
chen Typs aus dem Donaugebiet und Nordgallien spielt dabei keine we-
sentliche Rolle, da die hier zur Debatte stehende Epoche sich von der Mitte
des 5. bis in das erste Drittel des 6. Jahrhunderts erstreckt und somit etwa
50 bis 80 Jahre oder zwei bis drei Generationen andauert. Die zwischen 500
7
Patrick Périn, L’armée de Vidimer et la question des dépôts funéraires chez les wisigoths en
Gaule et en Espagne (V
e
–VI
e
siècles). In: Françoise Vallet/Michel Kazanski (Hrsg.), L’ar-
mée romaine et les Barbares du III
e
au VII
e
siècle (Saint-Germain-en-Laye 1993) 411–423.
8
Michel Kazanski, The Sedentary Elite in the „Empire“ of the Huns and its Impact on Ma-
terial Civilisation in Southern Russia during the Early Middle Ages (5th–7th Centuries
AD). In: John Chapman/Pavel Dolukhanov (Hrsg.), Cultural Transformations in Eastern
Europe. (Aldershot 1993) 211–235; ders., Les Germains orientaux au Nord de la mer Noire
pendant la seconde moitié du V
e
s. et au VI
e
s. Materialy po Archeologii, Istorii i Etnografii
Tavrii 5, 1996, 324–337, 567–581.
9
Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4).
152 Michel Kazanski, Anna Mastykova, Patrick Périn
und 530 bestatteten Personen wurden mehrheitlich in den Jahren zwischen
450 und 490 geboren. Gleichzeitig scheinen diese Leute Angehörige von
isolierten Gruppen im fremden gallo-römischen und westgermanischen
Milieu gewesen zu sein (obwohl ihre Gräber gut in die Gräberfelder der
Bevölkerungsmehrheit integriert sind). Deswegen erscheint es möglich,
dass ihre Beigaben gewisse archaische Züge bewahrt haben, die in ihren
Herkunftsländern schon verschwunden waren. Vergleichbar ist dies mit
verschiedenen modernen Gemeinschaften, etwa emigrierten Russen, die
im russischen Bürgerkrieg auf der Seite der „weißen“ Truppen standen,
Schwarzmeergriechen oder Wolgadeutschen, die weit entfernt von ihren
Heimatländern altertümliche Traditionen dieser Regionen bewahrt haben.
In diesem Licht können kulturelle Merkmale, die in der Donauregion
schon um 480 verschwunden sind, in Gallien bis 500, sogar bis 530 über-
dauert haben, weil die Eltern ihrer Träger im zweiten Drittel des 5. Jahrhun-
derts direkt aus dem Donauraum kamen. Die künstliche Schädeldeforma-
tion ist in diesem Sinn sehr bezeichnend. In Gallien wie generell in Mittel-
und Osteuropa sind die Personen, die in ihrer Kindheit diesem Brauch
alanisch-sarmatischen Ursprungs
10
unterzogen wurden, nach Aussage ihrer
Grabbeigaben in der nach-hunnischen Epoche gestorben. Es ist dennoch
sicher, dass der Höhepunkt dieser Mode mit dem Geburtszeitpunkt dieser
Menschen übereinstimmt, also der Blütezeit des hunnischen Reiches, in
dem Gewohnheiten aus der Steppe eine prestigeträchtige Rolle bei den Bar-
baren innewohnte.
11
Es scheint demnach sinnvoll, eine ähnliche Verschie-
bung im Bereich der Kleidungsmoden auch bei den barbarischen Gruppen
aus dem Osten anzunehmen, die isoliert im westlichen Milieu lebten.
‚Blechfibeln‘
Die großen ‚Silberblechfibeln‘ mit halbrunder Kopfplatte und gestreckt-
rautenförmigem oder zungenförmigem Fuß (Abb. 2; 4) stellen das mar-
kanteste Element ostgermanischer Herkunft im Nordgallien der frühen
Merowingerzeit dar.
12
Ihre entfernten Vorläufer sind in den „fürstlichen“
10
Michel Kazanski, A propos de l’apparition de la coutume de la déformation crânienne
artificielle chez les tribus germaniques de la Gaule. Bulletin de Liaison. Association Fran-
çaise d’Archéologie Mérovingienne 3, 1980, 85–88.
11
Joachim Werner, Beiträge zur Archäologie des Attila-Reiches (München 1956); Bodo
Anke, Studien zur reiternomadischen Kultur des 4. bis 5. Jahrhunderts (Weissbach 1998).
12
Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) 167f.; Kazanski/Périn, Les barbares (Anm. 2) 205–209;
Alexander Koch, Bügelfibeln der Merowingerzeit im westlichen Frankenreich (Mainz
1998) 413–449.
Die Archäologie der Westgoten in Nordgallien 153
Schmuckstücken aus hunnischer Zeit zu suchen (genauer in der Periode D2
bzw. zwischen 380/400–440/450 n. Chr.
13
), die in Gräbern und Schatzfun-
den wie jenen von Kacˇin in der westlichen Ukraine, Kercˇ oder Phanagoria
am kimmerischen Bosporus sowie Sinjavka an der Mündung des Don vor-
kommen.
14
Auf der Grundlage dieser Stücke entstanden im Donauraum
während des zweiten Drittels des 5. Jahrhunderts (Horizont von Smolín
bzw. Periode D2/D3, 430/440–470/480) die großen ostgermanischen Fibeln
vom Typ Smolín (mit Appliken in Palmettenform) (z. B. Abb. 1,1–2), vom
Typ Kosino (mit dreieckigen Appliken) oder Bakodpuszta (mit halbkreis-
förmigen Appliken).
15
Charakteristische Kennzeichen dieser Fibeln sind
der gestreckt-rautenförmige Fuß, der im mittleren bis unteren Teil verbrei-
tert ist, und ihre Herstellung durch Treiben eines massiven, gegossenen
Stückes Silber.
Obwohl der Großteil derartiger Fibeln an der mittleren Donau entdeckt
wurde, erstreckt sich das Fundgebiet einzelner Exemplare über ein riesiges
Gebiet zwischen Spanien und dem nördlichen Kaukasus.
16
Das einzige
nordgallische Exemplar dieser Fibeln stammt aus Arcy-Sainte-Restitue
(Abb. 2,2; 5,2; 8,1).
17
Während sich auch hier die für den Horizont von
Smolín charakteristische gestreckte Form des Fußes findet, unterscheidet
sich die Herstellungstechnik dieses gallischen Exemplars von seinen donau-
ländischen Verwandten: das im Vergleich dünnere Silberblech ist hier auf
einen metallischen Träger aufgebracht und zeigt so eine Technik, die in
Nordgallien bei den Fibeln des letzten Drittels des 5. Jahrhunderts vorherr-
schend sein wird. Neu ist diese Herstellungsweise allerdings nicht, sondern
schon bei den prunkvollen polychromen Fibeln hunnischer Zeitstellung
vom Typ Untersiebenbrunn zu beobachten.
Im östlichen Gallien sind diese Fibeln in Straßburg (Abb. 2,3) und
im Tal der Saône (Abb. 2,4)
18
belegt. Ein Paar stammt zudem aus
dem südgallischen Lezoux (Abb. 2,1)
19
, ein Exemplar aus Südwestspa-
13
Vgl. zur „barbarischen“ Chronologie: Jaroslav Tejral, Neue Aspekte der frühvölkerwande-
rungszeitlichen Chronologie im Mitteldonauraum. In: Jaroslav Tejral/Herwig Friesinger/
Michel Kazanski (Hrsg.), Neue Beiträge zur Erforschung der Spätantike im mittleren Do-
nauraum (Brno 1997) 321–392.
14
Tejral, Mähren (Anm. 6) Abb. 1,8.9; 2,11.
15
Tejral, Chronologie (Anm. 6) Abb. 31,13.14; 32,1.2.12.13; 33; 37 etc.
16
Kazanski/Périn, Les barbares (Anm. 2) Abb. 8.
17
Vallet, Parures (Anm. 1) Abb. 9,1; Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) Taf. 2,3.
18
Kazanski/Périn, Les barbares (Anm. 2) Abb. 2,1–3.
19
Hugues Vertet/Yves Duterne, Tombes mérovingiennes du cimetière Saint-Jean de Lezoux
(Puy-de-Dôme). In: Bernadette Fizellier-Sauget (Hrsg.), L’Auvergne de Sidoine Apolli-
naire à Gregoire de Tours. Histoire et Archéologie (Clermont-Ferrand 1999) 337–349, hier
Abb. 7; 8.
154 Michel Kazanski, Anna Mastykova, Patrick Périn
nien
20
und schließlich ein Fibelpaar aus Grab 79 von Duratón.
21
Die Fibeln
von Castiltierra und „aus Spanien“
22
nehmen vielleicht eine vermittelnde
Position zwischen den Fibeln des Smolín-Horizonts und denjenigen der
nachfolgenden Epoche ein.
Es ist anzunehmen, dass die ältesten ‚Blechfibeln‘ mit gestrecktem Fuß
in Gallien (Saône, Straßburg, Lezoux, Arcy-Sainte-Restitue) entweder di-
rekt aus dem Donauraum importiert wurden oder nach donauländischen
Vorbildern in Gallien hergestellt wurden. Ihre chronologische Zuweisung
an die Epoche nach 480
23
ist nicht überzeugend, da sie wegen ihres fast
gänzlichen Fehlens in den großen spanischen Nekropolen vom Typ Dura-
tón einerseits (siehe oben) und ihrer relativen Häufigkeit an der Donau vor
480 andererseits nicht an die spanische Chronologie anzuhängen sind.
Um 480 endet die Laufzeit von ‚Silberblechfibeln‘ an der Donau. Die
chronologisch jüngste Entdeckung ist der polnische Schatzfund von Ra-
dostowo an der Weichselmündung, der Münzen der Jahre 475–477 und das
Fragment einer Fibel vom Typ Kosino erbrachte.
24
An der Donau wird nun
die neue Mode der Bügelfibeln vorherrschend. In Nordgallien erscheinen
dagegen, soweit man es anhand der archäologischen Chronologie der Me-
rowingerzeit beurteilen kann, in großer Zahl späte Formen von ‚Silber-
blechfibeln‘ (Abb. 4,2.5–7; 5,1.3). Gleichzeitig sind diese Fibeln in Spanien
gut vertreten, seltener in Ostgallien (Beire-le-Châtel) (Abb. 4,1) und im
Rheinland (Rödingen, Köln-Müngersdorf).
25
In Südgallien sind aus dieser
Epoche nur seltene, recht kleine Nachahmungen bekannt.
26
Auch im
Schwarzmeergebiet, auf der Krim und an der Küste des nördlichen Kauka-
sus leben die Fibeln fort.
27
Der Hauptunterschied dieser Fibeln zu den
älteren Exemplaren besteht in der Form des Fußes, der nun zungenförmig
ist und dessen größte Breite am Bügelansatz liegt. In Nordgallien besitzen
die Fibeln häufig eine dünne Silberauflage auf einem Kern aus anderem
Metall.
20
Gerd G. Koenig, Archäologische Zeugnisse westgotischer Präsenz im 5. Jahrhundert. Ma-
drider Mitteilungen 21, 1980, 220–247, hier Taf. 61.
21
I Goti (Milano 1994) Abb. IV,18,d.
22
Koenig, Archäologische Zeugnisse (Anm. 20) Taf. 64,a–b; 65,b.
23
Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) 170.
24
Joachim Werner, Studien zu Grabfunden des 5. Jahrhunderts aus der Slowakei und der
Karpatenukraine. Slovenská Archeológia 7/2, 1959, 422–438, hier 427.
25
Kazanski/Périn, Les barbares (Anm. 2) Abb. 9.
26
Herpes, Pech, Séviac. – Vgl. Kazanski/Périn, Les barbares (Anm. 2) Abb. 2,11.12.
27
Anatolij K. Ambroz, Fibuly juga evropejskoj cˇasti SSSR. Svod archeologicˇeskich istocˇni-
kov D1–30 (Moskau 1966) 87–91,73–75; Aleksej V. Dmitriev, Rannesrednevekovye fibuly
iz mogil’nika na r. Djurso. In: Drevnosti epochi velikogo pereselenija narodov V–VIII
vekov (Moskau 1982) 69–107.
Die Archäologie der Westgoten in Nordgallien 155
Das Hauptproblem ist nun die Frage, ob die nordgallischen Fibeln wirk-
lich Importe aus dem westgotischen Spanien darstellen. Lässt man außer
acht, dass die spanischen Fibeln häufig spitze, die gallischen Exemplare
dagegen meist abgerundete Fußplattenenden besitzen, sind die Formen der
gallischen und der spanischen Fibeln ähnlich. Es gilt daher, die dekorativen
Details zu untersuchen, um die vermutete Verwandtschaft der gallischen
und spanischen Fibeln zu bestätigen oder abzulehnen. Von diesen Merk-
malen sind es vor allem zwei Details, die einen Teil der gallischen Fibeln
von den spanischen unterscheiden:
Erstens die seitlichen, tierkopfförmigen Knöpfe, die nur in Gallien be-
kannt sind und bei den Fibeln aus Grab 756 von Vicq (Abb. 3,1–2)
28
oder
denjenigen von Lezoux vorkommen (Abb. 2,1). Die seitlichen Rundeln
der gallischen Fibeln von Envermeu (Abb. 4,6), Breny (Abb. 5,1), Marché-
lepot (Abb. 2,6), Chassemy (Abb. 4,2) oder von Nouvion-en-Ponthieu
(Abb. 9,11–12)
29
sind offensichtlich von den tierförmigen Köpfen abgelei-
tet. Derartige Ableitungen sind an spanischen Fibeln unseres Wissens nur
einmal belegt, und zwar an dem Fibelpaar aus Grab 63 von Tinto Juan de la
Cruz in der Region Madrid (Abb. 4,3).
30
Vergleichbarer zoomorpher Dekor
hat donauländische Vorläufer, zum Beispiel an den Fibeln von Szabadbat-
tyán 1924,
31
Bakodpuszta,
32
Balsa,
33
Ménföcsanak
34
oder Marcianopolis.
35
28
Edmond Servat, Exemple d’exogamie dans la nécropole de Vicq (Yvelines). Bulletin de
Liaison. Association Française d’Archéologie Mérovingienne 1, 1979, 40–44, hier 42 Abb.;
I Goti (Milano 1994) Abb. IV,41; Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) Taf. 1,1.2.
29
Kazanski/Périn, Les barbares (Anm. 2) Abb. 2,6. 2,10. 7,11–12; Bierbrauer, Les Wisigoths
(Anm. 4) Taf. 2,1; 2,5; 4,11; Claude Lorren, Fibules et plaques-boucles à l’époque méro-
vingienne en Normandie (Paris 2001) Taf. 1,5; Kazanski, Breny (Anm. 1) Taf. 117; Daniel
Piton, La nécropole de Nouvion-en-Ponthieu (Berck-sur-Mer 1985) Taf. 132,12.13.
30
Rafael Barroso Cabrera/Salvador Jaque Ovejero/Manuele Major González/Jorge Morín
de Pablos/Eduardo Penedo Cobo/Pablo Oñate Baztán/José Sanguino Vázquez, Los yaci-
mentos de Tinto Juan de la Cruz Pinto, Madrid (ss. I al VI d.C.). Estudios de Prehistoria y
Arqueología Madrileñas 12, 2002, 117–174, hier Taf. 125.
31
Attila Kiss, Germanische Funde von Szabadbattyán aus dem 5. Jahrhundert. Alba Re-
gia 18, 1980, 105–132, hier Taf. 2,5.
32
Attila Kiss, Die Skiren im Karpatenbecken, ihre Wohnsitze und ihre materielle Hinter-
lassenschaft. Acta Archaeologica Academiae Scientiarum Hungaricae 35, 1983, 95–131,
hier Abb. 7,3.
33
Constantin C. Giurescu, Das westgotische Grab von Chiojdu in Rumanien. Mannus 29,
1937, 556–566, hier Abb. 3.
34
Germanen, Hunnen und Awaren. Schätze der Völkerwanderungszeit (Nürnberg 1987)
IV, 2.
35
Zuletzt: Anna Haralambieva, Marcianopolis als Anziehungspunkt für Ostgermanen (Go-
ten) vom 3. bis zum 5. Jahrhundert. In: Herwig Friesinger/Alois Stuppner (Hrsg.), Zen-
trum und Peripherie. Gesellschaftliche Phänomene in der Frühgeschichte (Wien 2004)
143–148, hier Abb. 1,2.
156 Michel Kazanski, Anna Mastykova, Patrick Périn
In ihrem Ursprung sind derartige Verzierungen hunnischer Zeitstellung wie
etwa in Kercˇ auf der Krim, Grab 165/4.1904
36
, und in Kruglica in Zentral-
russland.
37
Die Knöpfe der spanischen Fibeln sind dagegen annähernd
kugelförmig (Abb. 6,2; 7,1),
38
wobei sich dieses Element auch in Nord-
gallien findet, zum Beispiel in Straßburg (Abb. 2,3), bei einer der Fibeln aus
Marchélepot (Abb. 4,6) und einer bisher unveröffentlichten Fibel aus Hou-
dan (Musée de Dreux). In der Donauregion sind ebenfalls kugelförmige
Knöpfe an ‚Silberblechfibeln‘ nachgewiesen, zum Beispiel in Szabadbat-
tyán 1909,
39
Kisk˝ orös,
40
Levice,
41
Tiszalök,
42
Laa,
43
Ilok
44
und Székely.
45
Zweitens unterscheiden sich die die Kopfplattenappliken einiger galli-
scher Fibeln in Form zweier sich gegenüberstehender Vogelköpfe von spa-
nischen Fibeln. Derartige Appliken sind an den Fibeln der Gräber 37 oder
53 von Chassemy (Abb. 2,7), von Mouy,
46
in Grab 359 von Saint-Martin-
de-Fontenay (Abb. 2,5), Marchélepot (Abb. 2,6) und von Breny belegt
(Abb. 5,1).
47
Im dritten Viertel des 5. Jahrhunderts kommen derartige Ap-
pliken auf der Fibel von Arcy-Sainte-Restitue vor (Abb. 2,2; 5,2).
48
Im
Rheinland sind vogelförmige Appliken an den Fibeln aus Rödingen be-
legt.
49
In Gallien südlich der Loire schmücken vergleichbare zoomorphe
Appliken das Fibelpaar aus Lezoux (Abb. 2,1) aus der vorangehenden Epo-
che der Stufe D2/D3.
50
Die donauländischen Parallelen aus dem zweiten
36
Irina P. Zaseckaja, Materialy Bosporskogo nekropolja vtoroj poloviny IV–pervoj poloviny
V vv. n. e
·
. Materialy po Archeologii, Istorii i Etnografii Tavrii 3, 1993, 23–104, hier
Taf. 53,284.
37
Irina P. Zaseckaja, Klassifikacija polychromnych izdelij gunnskoj epochi po stilisticˇeskim
dannym. In: Drevnosti epochi velikogo pereselenija narodov V–VIII vekov (Moskau
1982) 14–30, hier Abb. 7.
38
Vgl. z. B. I Goti (Milano 1994) Abb. IV,20. IV,21; Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4)
Taf. 5,2; 6,1; 12,3; 14,2; 16,4.
39
Kiss, Germanische Funde (Anm. 31) Taf. 1.
40
Kiss, Skiren (Anm. 32) Abb. 10,1.
41
Tejral, Chronologie (Anm. 6) Abb. 46,1.2.
42
Tejral, Chronologie (Anm. 6) Abb. 38,3.
43
Tejral, Chronologie (Anm. 6) Abb. 31,13.14.
44
Germanen (Anm. 34) V,10.
45
Germanen (Anm. 34) V,6a.
46
Unpubliziert, vorgestellt in der Ausstellung „La Picardie, berceau de la France“.
47
Kazanski/Périn, Les barbares (Anm. 2) Abb. 2,8.9; 2,7.8; 6,1.2; Bierbrauer, Les Wisigoths
(Anm. 4) Taf. 1,1.2; 2,1.4; für Breny vgl. das Foto: Kazanski, Breny (Anm. 1) Taf. 117.
48
Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) Taf. 2.3; Kazanski/Périn, Les barbares (Anm. 2)
Abb. 4,1.
49
Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) Taf. 16.2; Kazanski/Périn, Les barbares (Anm. 2)
Abb. 4,1.
50
Kazanski/Périn, Les barbares (Anm. 2) Abb. 3,4.5.
Die Archäologie der Westgoten in Nordgallien 157
Drittel des 5. Jahrhunderts – Tiszalök,
51
Kosino,
52
Balsa
53
oder Kolut
54

weisen deutlich auf den Ursprung dieser Appliken. Dabei ist es wichtig zu
unterstreichen, dass vergleichbare Appliken im westgotischen Spanien un-
seres Wissens vollkommen fehlen. Im Gegensatz dazu sind bei den spani-
schen Fibeln späte Derivate dieser Appliken zu beobachten, jedoch ohne
vogelförmige Köpfe (Abb. 4,3.4.8; 7,1.2; 6,1.2).
55
Späte Derivate sind auch
aus Gallien bekannt, namentlich aus Chassemy (Abb. 4,2.7) und Hou-
dan,
56
bei denen man die Vogelköpfe noch erahnen kann, die sich aber
deutlich von den spanischen Exemplaren unterscheiden. Da die nordgalli-
schen Fibeln mit vogelkopfförmigen Appliken typologisch demnach früher
einzuordnen sind als diejenigen in Spanien, kann ein spanisch-westgoti-
scher Ursprung der angesprochenen gallischen Fibeln wohl ausgeschlossen
werden. Der Unterschied zwischen den Verzierungen der gallischen und
der spanischen Fibeln weist unseres Erachtens dagegen eher auf gleichartige
donauländische Wurzeln, aber offensichtlich auch auf die Entstehung in
unterschiedlichen Werkstätten. An den gallischen Fibeln sind zudem
archaische Züge zu beobachten, etwa der tier- und vogelförmige Dekor, der
bei spanischen Fibeln nur als spätes Derivat existiert.
Dieser Unterschied wurde auch von Volker Bierbrauer zur Kenntnis ge-
nommen, der daraus jedoch die gegensätzliche Schlussfolgerung gezogen
hat, an der Zusammengehörigkeit der Fibeln aus dem fränkischen Reich
und aus Spanien zu einer einheitlichen Gruppe könne kein Zweifel beste-
hen.
57
Obwohl die gallischen Fibeln typologisch älter einzuordnen sind als
51
Ilona Kovrig, A tiszalöki és mádi lelet. Archaeologiai Értesit˝ o 78/2, 1951, 112–120, hier Taf.
44.
52
Tejral, Chronologie (Anm. 6) Abb. 38,1.3.
53
Giurescu, Chiojdu (Anm. 33) Abb. 3.
54
Tejral, Chronologie (Anm. 6) Abb. 33,2.
55
Duratón Gräber 166, 190, 516, 525, 553, Aldeanueva de San Bartolome, Termes, El Carpio
de Tajo Grab 96, Tinto Juan de la Cruz Grab 63, Villel de Mesa: Bierbrauer, Les Wisigoths
(Anm. 4) Taf. 5,1.2; 6,1–4; Antonio Molinero Pérez, La necropólis visigoda de Duratón
(Segovia). Excavaciones del Plan Nacional de 1942 y 1943. Acta Arqueológia Hispánica 4
(Madrid 1948) Taf. 15.sep. 190; Taf. 31.sep 166; Antonio Molinero Pérez, Aportaciones de
las excavaciones y hallazgos casuales (1941–1959) al Museo Arqueológico de Segovia.
Excavaciones Arqueológicas en Espana 72 (Madrid 1971) Taf. 46.sep. 516, sep. 525,
Taf. 50.sep.553; Taf. 65.sep. 12; I Goti (Milano 1994) Abb. IV,3; Hans Zeiß, Die Grab-
funde aus dem spanische Westgotenreich (Berlin 1934) Taf. 1,5.8; Gisela Ripoll Lopez, La
necrópolis visigoda de El Carpio de Tajo (Toledo). Excavaciones Arqueológicas en Espana
142 (Madrid 1985) Abb. 16.sep. 96.4; Barroso u. a., Los yacimentos (Anm. 30) Taf. 125;
Ma. V. Martin Rocha/Ana María Elorrieta Lacy, El cementerio visigoda de Villel de Mesa.
Cuadernas de Historia Primitiva 2, 1947, 54–56, hier Abb. 1.
56
Kazanski/Périn, Les barbares (Anm. 2) Abb. 2,7.
57
Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) 168: „On ne peut pourtant mettre en doute l’appar-
tenance à un même ensemble des fibules du royaume franc et d’Espagne“.
158 Michel Kazanski, Anna Mastykova, Patrick Périn
die spanischen, postulierte Bierbrauer einen spanischen Ursprung der gal-
lischen Exemplare.
Die Datierung der Fibeln mit zungenförmigem Fuß ist nach den Grä-
bern von Maule 274, Nouvion 140 oder Breny 167 zwischen 470/480 und
520/530 anzusetzen. Diese Gräber enthalten Objekte wie Vogelfibeln oder
S-Fibeln, die für die erste Phase der älteren Merowingerzeit (AM I) kenn-
zeichnend sind. Die Vogelfibeln von Maule haben Parallelen in Grab 304
der burgundischen Nekropole von Beaune,
58
das anhand einer für die pro-
tomerowingische und ältermerowingische Stufe 1 charakteristischen Gür-
telschnalle vom Typ 109 nach Legoux, Périn und Vallet datiert wird.
59
In
Grab 140 von Nouvion fand sich ein S-Fibel-Paar (Abb. 9,3.15) des mero-
wingischen Typs 225,
60
ebenfalls typisch für die protomerowingische Epo-
che und die ältermerowingische Stufe 1. Schließlich enthielt Grab 167 von
Breny einen aus der gleichen Epoche stammenden Glasbecher des mero-
wingischen Typs 443.
61
Die Fibeln mit zungenförmigem Fuß können nicht von der Donau
importiert worden sein, da diese Mode in Zentraleuropa um 470–480
verschwindet (s. o.). Sie können aber auch nicht aus Spanien stammen,
weil sie typologisch mitunter früher anzusetzen sind als die spanisch-
westgotischen Exemplare. Daher ist von einer lokalen, aus älteren donau-
ländischen Traditionen abgeleiteten Herstellung auszugehen, die für eine
bestimmte, ostgermanisch dominierte Klientel bestimmt war, bei der er
sich entweder um Abkömmlinge von Soldatenfamilien in römischen
Diensten handelt
62
oder in Nordgallien angesiedelte spanische oder aqui-
tanische Westgoten.
Aus Nordgallien sind weitere Belege für eine derartige Produktion
bekannt; vor allem die Fibeln des Typs Bretzenheim (Abb. 10,2) und ihre
Derivate, die zwar fast ausschließlich in Nordgallien und im Rheinland
58
Kazanski/Périn, Les barbares (Anm. 2) Abb. 5,2; vgl. Henri Gaillard de Sémainville/Chri-
stian Sapin in Zusammenarbeit mit Didier Maranski, Les découvertes de Beaune (Côte-
d’Or). Des Burgondes en Bourgogne? In: Les Burgondes, apports d’archéologie (Dijon
1995) 143–165, hier Abb. 10,304.
59
René Legoux/Patrick Périn/Françoise Vallet, Chronologie normalisée du mobilier funé-
raire mérovingien entre Manche et Lorraine (Saint-Germain-en-Laye 2004) Nr. 109.
60
Piton, Nouvion (Anm. 29) Taf. 134,34.35; Kazanski/Périn, Les barbares (Anm. 2)
Abb. 7,3.15; vgl. Legoux/Périn/Vallet, Chronologie (Anm. 59) Nr. 225.
61
Kazanski, Breny (Anm. 1) Taf. 2.167.7; Legoux/Périn/Vallet, Chronologie (Anm. 59)
Nr. 443.
62
Der nach einem östlichen Brauch verformte Schädel der Verstorbenen von Grab 359
von Saint-Martin-de-Fontenay wäre hierfür ein Beleg: Pilet, Saint-Martin-de-Fontenay
(Anm. 1) 101f.
Die Archäologie der Westgoten in Nordgallien 159
vorkommen,
63
deren Form aber charakteristisch ostgermanisch ist.
64
Es
wurde schon darauf hingewiesen, dass eine derartige Interpretation auch
für bestimmte Schnallenbeschläge vorzuschlagen ist. Daher halten wir
diese Fibeln und die anderen angesprochenen Objekte nicht für Belege für
einen direkten Kontakt zwischen dem Donauraum und Gallien, sondern
vielmehr für Zeugnisse des Überlebens donauländischer Traditionen der
vorangehenden Epoche, die entweder von der barbarisierten römischen Ar-
mee oder von aquitanischen Westgoten nach Gallien vermittelt wurden.
Tatsächlich bestätigen die schon angesprochenen Fibeln von Lezoux die
Existenz derartiger Fibeln südlich der Loire.
Bügelfibeln
Eine kleine Serie von als westgotisch bezeichneten Bügelfibeln ist jüngst
von Alexander Koch bearbeitet worden.
65
Es handelt sich im Wesentlichen
um Fibeln der Typen Koch III.3.6.3.2 und III.3.6.3.3 (Abb. 11,1–3),
66
die in
Arcy-Sainte-Restitue, Grab 1727,
67
Creil
68
und Envermeu
69
belegt sind.
Diese Fibeln haben Parallelen in Septimanien
70
und in Aquitanien.
71
Sie
63
Mainz-Bretzenheim, Kärlich, Bassenheim, Marchélepot, Flamincourt, Champs-de-Châ-
teau-aux-Salines, Saint-Martin-de-Fontenay Grab 300, Lavoye Grab 182, Arcy-Sainte-Re-
stitue Grab 2278; einzige Ausnahme südlich der Loire ist ein Fund aus Herpes: Kazanski/
Périn, Les barbares (Anm. 2) Abb. 11; 12.
64
Vallet, Parures (Anm. 1) 118.
65
Koch, Bügelfibeln (Anm.12) 552–554.
66
Koch, Bügelfibeln (Anm.12) 235–239.
67
Koch, Bügelfibeln (Anm.12) Taf. 35,4.
68
Koch, Bügelfibeln (Anm.12) 618.
69
Laurence Flavigny, L’abbé Cochet et l’archéologie mérovingienne. In: La Normandie sou-
terraine. II. L’abbé Cochet archéologue (Rouen 1975) 135–190, hier Nr. 632; Lorren, Fibu-
les (Anm. 29) Taf. 2,3.
70
Estagel: Raymond Lantier, Le cimetière wisigothique d’Estagel (Fouilles de 1935 et 1936).
Gallia 1/1, 1943, 153–188, hier Abb. 3,T,8; Christian Landes/Eric Dally/Véronique Kra-
mérovskis (Hrsg.), Gaule mérovingienne et monde méditerranéen. Les derniers Romains
en Septimanie IV
e
–VIII
e
siècles. Actes des IX
e
journées d’Archéologie Mérovingienne (Lat-
tes 1988) Abb. IV,42.
71
Larroque-Castayrols: René Cubaynes/Françoise Lasserre, Le cimetière wisigothiqe de Lar-
roque-Cestayrols (Tarn). Ogam 18, 1966, 305–310, hier Taf. 98; Monteils: Jacques Lapart/
Julien Neveu, Objets mérovingiens de Monteils près de Caussade (Tarn-et-Garonne). In:
Montauban et les anciens pays de Tarn-et-Garonne (1986) Taf. 1; Saint-Affrique: Emile
Carthaillac, Le cimetière barbare de Saint-Affrique (Aveyron). Bulletin de la Société
Archéologique du Midi de la France 29/IV, 1902, 35–37, hier Taf. 31.2; Toulouse: Casimir
Barrière-Flavy, Etude sur les sépultures barbares du Midi et de l’Ouest de la France. Indu-
strie wisigothique (Toulouse 1892) Taf. 3,2.
160 Michel Kazanski, Anna Mastykova, Patrick Périn
sind zudem nicht selten in Spanien.
72
Die Datierung dieser Fibeln ist im
merowingischen Kontext nicht einfach. Falls die Angaben zum Fund von
Envermeu stimmen,
73
kam die Fibel aus dem Grab von 1850 mit einem
Armring des merowingischen Typs 337 ans Licht, einer Pinzette Typ 320,
einer Nadel vom Typ 314, Nieten vom Typ 195 und einer Gürtelschnalle
Typ 110,
74
die gemeinsam in der Phase AM I der älteren Merowingerzeit
vorkommen.
Eine andere Bügelfibel aus westgotischem Umfeld kam in Joches
ans Licht (Abb. 11,4).
75
Sie gehört dem Typ Koch III.3.6.3.4 an;
76
ihre
nächste Parallele hat sie in einer Fibel aus dem Grab von Routier in Septi-
manien.
77
Adlerfibeln
Mit nur zwei Funden aus Lothringen sind Adlerfibeln ebenfalls nicht zahl-
reich (Abb. 11,6.7). Anzuführen sind die Fibel aus Grab 859 von Cutry
78
und ein Einzelfund aus Ville-sur-Cousance (Meuse)
79
. Unter den spanisch-
westgotischen Funden sind derartige Fibeln gut vertreten (Abb. 11,5.8),
80
fehlen jedoch in Septimanien. In Aquitanien sind sie mit dem Grab von
Castelsagrat (Abb. 12)
81
dagegen bekannt. Andererseits sind Adlerfibeln in
der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts bzw. im ersten Drittel des 6. Jahrhun-
derts auch unter den ostgermanischen Funden in Italien belegt.
82
Ihre
große Anzahl in Spanien und ihr Vorkommen in Aquitanien sprechen je-
doch eher für einen westgotischen Ursprung der Funde aus Nordgallien.
72
Z. B. I Goti (Milano 1994) Abb. IV,27.
73
Flavigny, L’abbé Cochet (Anm. 69) 153–154.
74
Typen immer nach Legoux/Périn/Vallet, Chronologie (Anm. 59).
75
Koch, Bügelfibeln (Anm. 12) Taf. 36,1.
76
Koch, Bügelfibeln (Anm. 12) 239–241.
77
Pierre Toulze/Roger Toulze, Recherches archéologiques à Routier (Aude). Bulletin de la
Société d’Études Scientifiques de l’Aude 36, 1983, 51–64, hier Abb. 2,1; Koch, Bügelfibeln
(Anm. 12) 240.
78
Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) Taf. 9,1; René Legoux, La nécropole mérovingienne de
Cutry (Meurte-et-Moselle) (Saint-Germain-en-Laye 2005) Taf. 23,859.
79
Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) Taf. 9,5.6; Joachim Werner, Katalog der Sammlung
Diergardt 1. Die Fibeln (Berlin 1961) Taf. 50,D.
80
Z. B. Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) Taf. 9,3.4.7; Zeiß, Grabfunde (Anm. 55) zahlrei-
che Beispiele; Werner, Sammlung Diergardt (Anm. 79) Taf. 40; I Goti (Milano 1994)
Abb. IV,29.
81
I Goti (Milano 1994) Abb. IV,45.
82
Domagnano, Milano, Rom: Volker Bierbrauer, Die ostgotischen Grab- und Schatzfunde
in Italien (Spoleto 1975) Taf. 18,1; 19,2; 26,1; 36,2.3.
Die Archäologie der Westgoten in Nordgallien 161
Der für die spanischen Fibeln vorgeschlagene Datierungszeitraum umfasst
die Jahre von 480/490 bis 525.
83
Der Zeitpunkt ihres Auftretens in Spanien
ist hierbei jedoch künstlich festgelegt und korrespondiert mit der Ansied-
lung der Goten auf der Iberischen Halbinsel. Berücksichtigt man zusätzlich
den aquitanischen Fund von Castelsagrat einerseits, der wohl vor der Nie-
derlassung der Goten in Spanien anzusetzen ist, und andererseits die Exi-
stenz einer ostgermanischen Kleidung mit zwei Fibeln schon in der zweiten
Hälfte des 5. Jahrhunderts,
84
dann ist es folgerichtig anzunehmen, dass die
westgotischen Adlerfibeln möglicherweise älter sind und die ganze zweite
Hälfte des 5. Jahrhunderts und das erste Drittel des 6. Jahrhunderts umfas-
sen können.
Armbrustfibeln
Armbrustfibeln mit langem Fuß und kurzem Nadelhalter sind in Nordgal-
lien in mehreren Exemplaren belegt (Abb. 10,1; 13,1.2.4.5.11.12): St.-Pierre-
de-Vauvray, Frénouville Grab 529, Mondeville, Armentières, Grand-Verly,
Nouvion-en-Ponthieu, Grab 303,
85
Vicq, Grab 1923,
86
Maule, Grab 13,
87
Grigny, Grab 19.
88
Von Mechthild Schulze-Dörrlamm werden die Fibeln
den westgotischen Typen Duratón und Estagel zugeschrieben.
89
Die bei-
den Typen unterscheiden sich durch einen Knopf am Fußende der Fibeln
vom Typ Estagel.
83
Gisela Ripoll Lopez, Problèmes de chronologie et de typologie à propos du mobilier fu-
néraire hispano-wisigothique. In: Landes u. a., Gaule mérovingienne (Anm. 70) 101–107.
84
Vgl. z. B. der Schatzfund von Domagnano; zu dessen Datierung vgl.: Michel Kazanski/
Anna Mastykova/Patrick Périn, Byzance et les royaumes barbares d’Occident au début de
l’époque mérovingienne. In: Jaroslav Tejral (Hrsg.), Probleme der frühen Merowingerzeit
im Mitteldonauraum (Brno 2002) 159–194, hier 160.
85
Mechthild Schulze-Dörrlamm, Romanisch oder Germanisch? Untersuchungen zu den
Armbrust- und Bügelknopffibeln des 5. und 6. Jahrhunderts n. Chr. aus dem Gebieten
westlich der Rheins und südlich der Donau. Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentral-
museums Mainz 33, 1986, 593–720, Fundlisten 16–17; Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4)
Taf. 7,1.2; 8,1–5; Lorren, Fibules (Anm. 29) Taf. 1,2.3; Christian Pilet, La nécropole de Fré-
nouville. BAR International Series 83 (Oxford 1980) Bd. 3 Taf. 141,529.1; Piton, Nouvion
(Anm. 29) Taf. 131,4.5.
86
Wimmers, Etude (Anm. 1) Abb. 23,3.
87
Jacques Sirat, La nécropole de Maule (France, Yvelines). Essai de chronologie. In: Michel
Fleury/Patrick Périn (Hrsg.), Problèmes de chronologie relative et absolue concernant les
cimetières mérovingiens entre Loire et Rhin (Paris 1978) 105–107, hier Taf. 16,1.
88
Nadine Berthelier, La nécropole mérovingienne de Grigny (Essonne). Bulletin Archéolo-
gique du Vexin Français 27, 1994, 75–80, hier 80.
89
Schulze-Dörrlamm, Romanisch (Anm. 85) 643–650.
162 Michel Kazanski, Anna Mastykova, Patrick Périn
Tatsächlich kann nur für den Typ Estagel mit Fußknopf (Abb. 10,1;
13,1.2.4.5) eine Herkunft aus dem westgotischen Raum postuliert werden.
Dabei handelt es sich um Fibeln mit Wulstverzierung
90
und ohne derartige
Verzierung,
91
die Parallelen in Spanien und im südlichen Gallien haben
(Abb. 13,7–9).
92
In Aquitanien und im Languedoc finden sich sogar ihre di-
rekten Vorläufer.
93
Die von Schulze-Dörrlamm vorgeschlagene Datierung
der Fibeln vom Typ Estagel umfasst den Zeitraum zwischen dem letzten
Viertel des 5. und dem ersten Viertel des 6. Jahrhunderts. In Bezug auf
Nordgallien enthielt Grab 19 von Grigny zwei Vogelfibeln des merowingi-
schen Typs 239 (Abb. 10,1), der typisch für die ältere Merowingerzeit ist
und so allgemein die Datierung von Schulze-Dörrlamm bestätigt.
Gewisse Zweifel an dem westgotischen Ursprung dieser Fibeln sind
dennoch nicht vollkommen zu zerstreuen, da ähnliche Fibeln mit Fuß-
knöpfen auch in Zentraleuropa nachgewiesen sind, wo sie von Schulze-
Dörrlamm dem Typ Miltenberg zugeordnet werden.
94
Dies gilt besonders
für eine der Fibeln aus Weingarten.
95
Zudem steht eine Fibel aus Armentiè-
res mit Wulstverzierung am Fuß
96
zentraleuropäischen Fibeln vom Typ
Schönwarling nahe
97
und muss daher nicht zu den westgotischen Fibeln ge-
zählt werden.
Dagegen ist es schwierig, für die Fibeln vom Typ Duratón (Abb. 13,11.12)
mit oder ohne Wulstverzierung (mit: Saint-Pierre-de-Vauvray, Vicq,
Grab1924; ohne: eine der Fibeln aus Grab 303 von Nouvion) „westgoti-
sche“ Parallelen aus Nordgallien anzuführen. Die von Schulze-Dörrlamm
angeführten spanischen Fibeln,
98
darunter auch die Stücke aus Duratón,
weisen eine andersartige Form auf (Abb. 13,3.6.10.13). Ihr Fuß zeigt keine
spitze, sondern häufig langrechteckige Form, Ritzdekor und zuweilen ver-
90
Frenouville Grab 529, Mondeville, Grigny Grab 19, Maule Grab 13.
91
Grand Vely und eine der Fibeln von Nouvion 303.
92
Vgl. z. B. Schulze-Dörrlamm, Romanisch (Anm. 85) Abb. 66,1.2.4.6.9.11–13; Bierbrauer,
Les Wisigoths (Anm. 4) Taf. 8,6–8.
93
Michel Kazanski, A propos de quelques types de fibules germaniques de l’époque des
Grandes Migrations trouvées en Gaule au Sud de la Loire. Antiquités Nationales 26, 1994,
161–175, hier 163–165; ders., Les Barbares en Gaule du Sud-Ouest durant la première moi-
tié du V
e
siècle. In: Jaroslav Tejral/Christian Pilet/Michel Kazanski (Hrsg.), L’Occident
romain et l’Europe centrale au début de l’époque des Grandes Migrations (Brno 1999)
15–23, hier 17.
94
Schulze-Dörrlamm, Romanisch (Anm. 85) 609–612.
95
Schulze-Dörrlamm, Romanisch (Anm. 85) Abb. 17,5.6.
96
Schulze-Dörrlamm, Romanisch (Anm. 85) Abb. 66,14.
97
Vgl. Schulze-Dörrlamm, Romanisch (Anm. 85) Abb. 72,1.2.
98
Schulze-Dörrlamm, Romanisch (Anm. 85) Abb. 61,6–8.10.12.13.15–18; Bierbrauer, Les
Wisigoths (Anm. 4) Taf. 7,3–7.
Die Archäologie der Westgoten in Nordgallien 163
breiterte Enden. Die Fibel aus Güstow
99
gehört nach ihrer Verzierung eher
dem Typ Schönwarling an. Es entsteht daher der Eindruck einer recht will-
kürlichen Zusammenstellung von Fibeln unterschiedlicher Form im Typ
Duratón. Da einige zentraleuropäische Fibeln, die von Schulze-Dörrlamm
den Typen Miltenberg und Schönwarling zugewiesen wurden, wiederum
den sogenannten Fibeln vom Typ Duratón aus Nordgallien ähneln,
100
wa-
ren es wohl die geographischen Verbreitungsmuster, die Schulze-Dörrlamm
veranlasst haben, Armbrustfibeln mit langem Fuß und kurzem Nadelhalter
unterschiedlichen Typen zuzuweisen.
Große Rechteckbeschläge
Max Martins Zuweisung der Gürtel mit großen Rechteckbeschlägen an
die römische Frauenkleidung
101
erscheint uns unwahrscheinlich, da die Ver-
breitung dieser Schnallen und Beschläge mit Ausnahme des nördlichen
Gallien mit den Hauptgebieten der ostgermanischen Ansiedlung der zwei-
ten Hälfte des 5. und des 6. Jahrhunderts übereinstimmt: Spanien, Nord-
italien, Südgallien, dem mittleren Donauraum, dem westlichen Balkan und
der Krim. In Süditalien, Nordafrika, Griechenland und Kleinasien fehlen
diese Beschläge dagegen, genau wie in den römischen Provinzen des Vor-
deren Orients und in Ägypten,
102
wo die griechische, römische oder roma-
nisierte Bevölkerung vorherrschend war und Ostgermanen eine Minderheit
darstellten. Da manche der Schnallenbeschläge jedoch Verzierungen auf-
weisen, die für mediterrane Werkstätten charakteristisch sind,
103
ist die Her-
stellung zumindest eines Teils dieser großen Beschläge in der Tradition rö-
mischer Goldschmiedekunst nicht abzustreiten.
In Nordgallien, wo die Anzahl derartiger Beschläge zunehmend größer
wird,
104
waren Ostgermanen offenbar nicht zahlreich. Dennoch gibt es
Hinweise auf ihren Einfluss auf die lokale materielle Kultur: die schon er-
wähnten Fibeln vom Typ Bretzenheim, die eine charakteristisch ostgerma-
nische Form aufweisen, sind nur in Nordgallien nachgewiesen und reprä-
99
Schulze-Dörrlamm, Romanisch (Anm. 85) Abb. 61,14.
100
Fibeln aus Weingarten, Alzey und Seefeld: Schulze-Dörrlamm, Romanisch (Anm. 85)
Abb. 17,5.6.8; 72,3.
101
Max Martin, Zur frühmittelalterlichen Gürteltracht der Frau in der Burgundia, Francia
und Aquitania. In: L’Art des invasions en Hongrie et en Wallonie (Mariemont 1991)
31–84.
102
Ausnahme: Martin, Gürteltracht (Anm. 101) Abb. 4.
103
Z. B. Desana, Plaissan: Martin, Gürteltracht (Anm. 101) Abb. 31; 33,1.
104
Zuletzt: Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4).
164 Michel Kazanski, Anna Mastykova, Patrick Périn
sentieren daher eine lokale, aber von ostgermanischen Moden beeinflusste
Bevölkerung (siehe oben). An großen Rechteckbeschlägen sind in Nordgal-
lien verschiedene Typen zu unterscheiden, von denen wir uns zuerst den
Formen zuwenden, die direkte Parallelen in Spanien oder in Gallien süd-
lich der Loire aufweisen. Zu diesen zählen vor allem die cloisonnéverzier-
ten Beschläge des Typs Ripoll A (Abb. 3,5),
105
der in Grab 756 von Vicq
und in Saint-Denis belegt ist (Abb. 14,6),
106
diejenigen des Typs Ripoll Q
aus Saint-Martin-de-Fontenay, Grab 741 (Abb. 14,7),
107
Baron, Grab 69,
108
Flamicourt (Abb. 14,1),
109
Verwandte des Typs Ripoll O aus Rouen, sowie
diejenigen des Typs Ripoll N aus Versigny
110
(Abb. 14,4) und Houdan
111
(Abb. 14,5). Zu erwähnen sind auch die Beschläge, die nur schwer in die
spanische Typologie einzuordnen sind, wie etwa jene von Grigny, Grab 19
(Abb. 10,1) und Cutry, Grab 859,
112
die aber dennoch Parallelen in Spanien
aufweisen.
113
Gleichzeitig kommen Beschläge mit Cloisonnédekor im
burgundischen Gebiet in Ostgallien vor. So wurde ein Beschlag des Typs
Ripoll B in Grab 324 von Beaune entdeckt
114
(Abb. 14,10) und einer des
Typs Ripoll P in Vaux-Donjon.
115
Nach Aussage von Grigny, Grab 19,
Cutry, Grab 859, Saint-Martin-de-Fontenay, Grab 741, Vicq, Grab 756 tre-
105
Vgl. zur Typologie: Ripoll Lopez, Problèmes (Anm. 83) Abb. 2; Gisela Ripoll Lopez,
Materiales funararios de la Hispana visigoda. Problemas de chronología y tipología. In:
Patrick Périn (Hrsg.), Gallo-Romains, Wisogoths et Francs en Aqitaine, Septimanie et
Espagne (Rouen 1991) 111–132, hier Taf. 2.
106
Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) Taf. 1,3; 12,1; I Goti (Milano 1994) Abb. IV,41.
107
Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) Taf. 14,1; Pilet, Saint-Martin-de-Fontenay (Anm. 1)
Taf. 93,3.
108
Unpubliziert.
109
Théophile Eck, Exploration d’anciens lieux de sépultures de la Somme et de l’Aisne. Bul-
letin Archéologique du Comité des Travaux Historiques et Scientifiques 1895, 387–398,
hier Taf. 16.
110
Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) Taf. 13.2; La Picardie, berceau de la France (Amiens
1986) Nr. 186, Abb. 225.
111
Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) Taf. 13,1; Hans Zeiß, Die germanischen Grabfunde des
frühen Mittelalters zwischen mittlerer Seine und Loiremündung. Bericht der Römisch-
Germanischen Kommission 31/1, 1941, 5–173, hier Abb. 30.
112
Berthelier, Grigny (Anm. 88) 80; Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) Taf. 9,2; Legoux,
Cutry (Anm. 78) Taf. 23,859.
113
Vgl. Duratón Gräber 106, 368, 573, Madrona Gräber 32, 164, 174: Molinero Pérez, Dura-
tón (Anm. 55) Taf. 27.sep.106; Molinero Pérez, Aportaciones (Anm. 55) Taf. 32.sep. 368;
51.sep. 573; 67.sep. 32; 76. sep. 164; 77.sep. 174.
114
Gaillard de Sémainville u. a., Beaune (Anm. 58) Abb. 11,324.
115
Françoise Vallet/Michel Kazanski/Dominique de Pirey, Eléments étrangers en Bourgogne
dans la deuxième moitié du V
e
siècle. In: Les Burgondes, apports de l’archéologie (Dijon
1995), 111–127, hier Abb. 5,3.
Die Archäologie der Westgoten in Nordgallien 165
ten diese Beschläge in Nordgallien in der ersten Phase der älteren Merowin-
gerzeit auf (470/480–520/530).
Es ist jedoch riskant, diese Beschläge allein den spanischen Westgoten
zuzuweisen und sie chronologisch in der Folge dieser Zuweisung erst der Zeit
nach 480/90 zuzuordnen, die für die Iberische Halbinsel vorgeschlagen
wurde. Tatsächlich sind sehr ähnliche Beschläge südlich der Loire nachgewie-
sen, so etwa in Ardan/Niort,
116
Nérac,
117
Brens,
118
Estagel,
119
Leuc,
120
Marseil-
lan,
121
Bessan,
122
Guzargues,
123
Lunel-Viel,
124
Nîmes,
125
Plaissan
126
(Abb. 14,8)
oder Pouget/Tressan
127
(Abb. 14,3). Dies erlaubt einerseits, die für die nord-
gallischen Funde vorgeschlagene Chronologie beizubehalten und anderer-
seits, ihre Herkunft aus Südgallien in Betracht zu ziehen. Besonders durch
Grab 84 von Lunel-Viel, in dem ein derartiger Beschlag gemeinsam mit einer
sogenannten „thüringischen“ Fibel der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts
(Typ 256 nach Legoux/Périn/Vallet) gefunden wurde,
128
werden die für
Nordgallien vorgeschlagenen, etwas älteren Datierungen bestätigt.
Die gleiche Beobachtung drängt sich in Bezug auf die Beschläge mit
geometrisch verziertem Pressblechbelag der Typen Ripoll G aus Con-
cevreux und Mouy
129
(Abb. 17,6) und Ripoll H aus Grab 529 von Frénou-
ville auf
130
(Abb. 17,5). Diese Beschläge haben Parallelen in Spanien,
131
aber
116
Zeiss, Grabfunde (Anm. 111) Abb. 1; Romains et Barbares entre Loire et Gironde IV
e
–X
e
siècles (Poitiers 1989) Nr. 232.
117
Charles de Linas, Les origines d’orfèvrerie cloisonnée, Bd. 3 (Paris 1877–1887) Taf. B2.
118
Michel Labrousse, Circonscription de Midi-Pyrénées. Gallia 32, 1974, 453–500, hier 489,
Abb. 31.
119
Gaule mérovingienne 1988, Nr. 17; I Goti (Milano 1994) Abb. IV,42.
120
Barrière-Flavy, Etude (Anm. 71) Taf. 6,4.
121
Landes u. a., Gaule mérovingienne (Anm. 70) Nr. 75.
122
Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) Taf. 13,4.
123
Zeiss, Grabfunde (Anm. 55) Taf. 32,4.
124
Premiers temps chrétiens en Gaule méridionale. Antiquité tardive et Haut Moyen Age
III
e
–VIII
e
siècles (Lyon 1986) Nr. 237; Landes u. a., Gaule mérovingienne (Anm. 70) Nr. 77.
125
Jean-Pierre Caillet, L’antiquité tardive, le haut moyen âge et Byzance au Musée Cluny
(Paris 1985) Nr. 122.
126
Edward James, The Merovingian Archaeology of South-West Gaul. British Archaeological
Reports, Supplementary Series 25 (Oxford 1977) Taf. 66; Bierbrauer, Les Wisigoths
(Anm. 4) Taf. 12,2.
127
Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) Taf. 13,3.
128
Claude Raynaud, Activités du Groupe Archéologique des cantons de Lunel et Mauguio en
1985. Archéologie en Languedoc. Bulletin Trimestriel de la Fédération Archéologique de
l’Hérault 1986/1, 5–11, hier Abb. 5,4.5.
129
Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) Taf. 15,1.4; La Picardie (Anm. 110) Nr. 98, Abb. 126
und Nr. 184, Abb. 223; Martin, Gürteltracht (Anm. 101) Abb. 35,2.
130
Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) Taf. 8,5; Pilet, Frénouville (Anm. 85) Bd. 3 Taf.
141,529.2.
131
Vgl. z. B. Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) Taf. 5,2; 6,2; 15,2.3; 16,4.
166 Michel Kazanski, Anna Mastykova, Patrick Périn
auch im südlichen Gallien – in Estagel,
132
Lunel-Viel,
133
Giroussens,
134
Fiac,
135
Toulouse
136
oder Herpes
137
. Die für die vorhergehenden Beschlag-
typen erarbeiten Schlussfolgerungen gelten daher auch für diese Beschläge
mit Kerbschnittdekor.
Als schwierig erweist es sich, die Beschläge der Typen Ripoll D, E
und F, die Glascabochons auf einer ansonsten unverzierten Platte aufweisen
(Abb. 15), allein den Westgoten zuzuweisen. Nordgallische Exemplare
dieser Beschläge stammen aus Ville-en-Tardenoise,
138
Arcy-Sainte-Restitue,
139
Saint-Martin-de-Fontenay, Gräber 359
140
(Abb. 8,5), 385,
141
712 (Abb. 15,3),
142
Muids (Abb. 15,7),
143
La-Villeneuve-au-Châtelot, Grab 4 (Abb. 15,9),
144
Envermeu (Abb. 15,10),
145
Marchélepot (Abb. 15,6),
146
Lavoye, Grab 221,
147
Caranda, Grab 1073,
148
Choisy,
149
Armentières (Abb. 15,1)
150
und Gaillon-
132
Raymond Lantier, Le cimetière wisigothique d’Estagel (Pyrénées-Orientales). Fouilles en
1946, 1947 et 1948. Gallia 7/1, 1949, 55–80, hier Abb. 13.
133
Premiers temps chrétiens (Anm. 124) Nr. 238; Landes u. a., Gaule mérovingienne
(Anm. 70) Nr. 78.
134
Jean-Michel Lassure, La nécropole wisigothique des Martels à Giroussens (Tarn). In:
Patrick Périn (Hrsg.), Gallo-Romains, Wisogoths et Francs en Aqitaine, Septimanie et
Espagne (Rouen 1991) 205–223, hier Abb. 12,3.
135
Lassure, Martels (Anm. 134) Abb. 21,1.
136
Lassure, Martels (Anm. 134) Abb. 21,2.
137
Cathy Haith, Un nouveau regard sur le cimetière d’Herpes (Charente). Revue Archéolo-
gique de Picardie 1988/3–4, 71–80, hier Taf. 5
138
Charles Poulain, Le mobilier mérovingien dans la collection de Maurice Jorssen. Les sites
de Ville-en-Tardenois et de Sept-Saulx (Marne). Bulletin de Liaison. Association Française
d’Archéologie Mérovingienne 4, 1981, 80–82, hier 81 mit Abb.
139
Vallet, Parures (Anm. 1) Abb. 9,1.
140
Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) Taf. 3,3; Pilet, Saint-Martin-de-Fontenay (Anm. 1) Taf.
54,2.
141
Pilet, Saint-Martin-de-Fontenay (Anm. 1) Taf. 58,1.
142
Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) Taf. 11,1; Pilet, Saint-Martin-de-Fontenay (Anm. 1)
Taf. 89,712.1.
143
Lorren, Fibules (Anm. 29) Taf. 17,5.
144
René Joffroy, Notes sur trois sépultures franques découvertes à la Villeneuve au Châtelot
(Aube). Bulletin du Groupe Archéologique du Nogentais 10, 1973–1974 (1976), 19–25, hier
Abb. 19.
145
Lorren, Fibules (Anm. 29) Taf. 17,5.
146
Martin, Gürteltracht (Anm. 101) Abb. 36,3; Claude Boulanger, Le cimetière franco-méro-
vingien et carolingien de Marchélepot (Somme) (Paris 1909) Taf. 31,3.
147
René Joffroy, Le cimetière de Lavoye (Paris 1974) Taf. 24,221.1.
148
Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) Taf. 11,3; Frédéric Moreau, La collection Caranda.
Album des principaux objets recueillis dans les sépultures de Caranda (Saint-Quentin
1877–1892) Taf. 9,9.10; La Picardie (Anm. 110) Nr. 187, Abb. 226.
149
Moreau, Caranda (Anm. 148) neue Serie, Taf. 41,3.
150
Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) Taf. 11,2; Moreau, Caranda (Anm. 148) neue Serie,
Taf. 19,5.
Die Archäologie der Westgoten in Nordgallien 167
sur-Montcient, Grab 28.
151
Im östlichen Gallien sind sie in Sézegnin, Grab
276, belegt.
152
Nach einem Exemplar in dem Grab von Arcy-Sainte-Restitue,
in dem auch die Fibel mit gestreckt-rautenförmigem Fuß gefunden wurde
(siehe oben), treten diese Beschläge im dritten Viertel des 5. Jahrhunderts
auf. Grab 359 von Saint-Martin-de-Fontanay enthielt einen derartigen Be-
schlag und eine Fibel mit zungenförmigem Fuß (siehe oben), was zeigt, dass
diese Beschläge auch in der ersten Phase der älteren Merowingerzeit (AM I)
auftreten. Grab 4 von La Villeneuve-au-Châtelot kann einen größeren Zeit-
raum abdecken, da die Scheibenfibeln vom Typ 207, die gemeinsam mit dem
betreffenden Beschlag entdeckt wurden, sowohl in der Phase AM I als auch
in AM II (520/530–560/570) vorkommen.
Obwohl derartige Schnallen und Beschläge im westgotischen Spanien
sowie im südlichen Gallien bekannt sind,
153
besitzen sie Vorläufer im Do-
nauraum des zweiten Drittels des 5. Jahrhunderts, wie etwa den prunkvol-
len Kleidungselementen aus Laa an der Thaya und Zmajevo (Abb. 1,7).
154
Es ist daher schwierig, die Ursprungsregion dieser Beschläge mit Glascabo-
chonverzierung in Nordgallien zu bestimmen. Sie können aus Südgallien
oder Spanien kommen, aber auch eine lokale, volkstümliche Ausprägung
der prestigeträchtigen donauländischen Kleidung darstellen. Gegen die
südgallische bzw. spanische Herkunft spricht jedoch, dass derartige Be-
schläge mit dem Fund von Arcy-Sainte-Restitue in Nordgallien früher als
in Spanien und Südgallien auftreten.
Große Rechteckbeschläge vom Typ Ripoll C, die zuweilen mit un-
verziertem Silberblech belegt sind, stammen aus Cys-la-Commune
(Abb. 16,1),
155
Breny, Grab 955 (Abb. 16,9),
156
Saint-Martin-de-Fontenay,
Gräber 388, 389 und 502
157
(Abb. 16,2–4), und Vicq, Gräber 862, 1390,
1478 sowie 1924.
158
In Grab 955 von Breny fand sich außer dem Gürtel-
beschlag ein ausgebesserter Glasbecher des Typs 448; in den Gräbern 862
151
Stephane Régnard/Marc Langlois, Gaillon-sur-Montcient (Yvelines). Nécropole mérovin-
gienne de „La Garenne“ (Versailles 1997) 28 Abb.
152
Béatrice Privati, La nécropole de Sézegnin (IV
e
–VIII
e
siècle) (Genf 1983) Taf. 14,1; Martin,
Gürteltracht (Anm. 101) Abb. 6,2.
153
Estagel: Landes u. a., Gaule mérovingienne (Anm. 70) Nr. 16; Lunel-Viel: Landes u. a.,
Gaule mérovingienne (Anm. 70) Nr. 79; Fabrègues: Landes u. a., Gaule mérovingienne
(Anm. 70) Nr. 74.
154
Vgl. z. B. Tejral, Chronologie (Anm. 6) Abb. 31,4; 34,14; Martin, Gürteltracht (Anm. 101)
Abb. 24,1; Kiss, Skiren (Anm. 32) Abb. 15.
155
Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) Taf. 10,1; Moreau, Caranda (Anm. 148) Taf. 10,3.
156
Kazanski, Breny (Anm. 1) Taf. 43,8.
157
Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) Taf. 10,2.4; Pilet, Saint-Martin-de-Fontenay (Anm. 1)
Taf. 59,388; 59,389.1; 71,502.2.
158
Wimmers, Etude (Anm. 1) Abb. 47,4.5; 48,1.3.
168 Michel Kazanski, Anna Mastykova, Patrick Périn
und 1390 von Vicq kamen die Beschläge gemeinsam mit Vogelfibeln der
Typen 239, 244 und 248 zu Tage. Dieses Fundmaterial gehört in die Phasen
AM I und AM II. Im westgotischen Raum wurde ein Exemplar in einem
Grab in Toulouse, Saint-Pierre-des-Cuisines, entdeckt zusammen mit do-
nauländischen Fibeln aus dem letzten Drittel des 5. Jahrhunderts.
159
Be-
schläge dieses Typs haben deutliche donauländische Vorläufer in der Mitte
und in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts, wie sie etwa in Szabadbat-
tyán, Zemun oder Soponya nachgewiesen sind (Abb. 1,5).
160
Von der Do-
nau sind sie auch nach Italien gelangt, wo man ein Exemplar in Brescia ge-
funden hat.
161
Im Hinblick auf Nordgallien kann also eine Herkunft dieser
Beschläge aus Südgallien in Erwägung gezogen werden, oder eine lokale
Produktion unter donauländischem Einfluss. Wenn man jedoch das Vor-
kommen einer beachtlichen Gruppe von großen Rechteckbeschlägen
in Nordgallien in Betracht zieht, die weder in Südgallien noch in Spanien
Parallelen aufweisen, erscheint die zweite Möglichkeit, also eine lokale Pro-
duktion unter donauländischem Einfluss, wahrscheinlicher zu sein. Bei
den nordgallischen Funden handelt es sich z. B. um Stücke mit rundem
Cloisonnédekor aus Monceau-le-Neuf
162
(Abb. 14,9) oder Arcy-Sainte-
Restitue
163
(Abb. 14,3). Außerhalb des westgotischen Raumes sind große
Rechteckschnallen mit Cloisonnéverzierung in Italien nachgewiesen,
164
wo
sie als ostgotische Accessoires angesehen werden. Dies zeigt, dass auch au-
ßerhalb des westgotischen Einflussbereiches Werkstätten cloisonnéver-
zierte Rechteckbeschläge hergestellt haben.
Die Beschläge aus Caranda
165
(Abb. 17,2) und Hermes
166
(Abb. 17,1) tra-
gen kreuzförmig verzierte Pressblechbeschläge. Sie haben keine direkten
Parallelen; auf der Krim sind jedoch zahlreiche Beschläge vergleichbarer
Form mit einem Kreuz bekannt.
167
159
Robert Lequément, Circonscription de Midi-Pyrénées. Gallia 44/2, 1986, 309–333, hier
321 Abb. 15.
160
Kiss, Germanische Funde (Anm. 31) Taf. 1; Tejral, Chronologie (Anm. 6) Abb. 32.10; Mar-
tin, Gürteltracht (Anm. 101) Abb. 29.3; Jaroslav Tejral, Kostorvé hroby z Mistrˇina, Polko-
vic, S
ˇ
lapanic a Tasova a jejich postaveni v rámci moravskégo st˘ ehováni národ˚ u. Památky
Archeologické 64, 1973, 301–339, hier Abb. 2,3.
161
Bierbrauer, Grabfunde (Anm. 82) Taf. 52,4.
162
Claude Boulanger, Le mobilier funéraire gallo-romain et franc en Picardie et en Artois (Pa-
ris 1902–1905) Taf. 25,1.
163
Moreau, Caranda (Anm. 148) Taf. L.
164
Bierbrauer, Grabfunde (Anm. 82) Taf. 63,4.
165
Moreau, Caranda (Anm. 148) Taf. 32,4; Martin, Gürteltracht (Anm. 101) Abb. 35,1.
166
Martin, Gürteltracht (Anm. 101) Abb. 6,9.
167
Vgl. z. B. Archéologie de la mer Noire. La Crimée à l’époque des grandes invasons, IV
e

VIII
e
siècle (Caen 1997) Nr. 63, Abb. auf S. 51.
Die Archäologie der Westgoten in Nordgallien 169
Schließlich sind die Beschläge mit geometrisch verziertem Silberblech-
belag aus Saint-Martin-de-Fontenay, Grab 504 (Abb. 16,3),
168
Aiguisy
169
(Abb. 16,7) und Chouy
170
(Abb. 16,8) mit großer Wahrscheinlichkeit loka-
ler Herstellung, da sie außerhalb Nordgalliens keine Parallelen aufweisen.
171
Kleidung
Das Tragen zweier Fibeln an den Schultern oder der oberen Brusthälfte ist
spätestens seit römischer Zeit charakteristisch für das Gewand von Ostger-
maninnen.
172
Die erste Zusammenstellung derartiger Kombinationen im
nordgallischen Raum zu Beginn der Merowingerzeit stammt von Volker
Bierbrauer, der sie als spanisch-westgotisch angesprochen hat.
173
Zieht man
jedoch die unzweifelhafte Präsenz von aus dem Osten, vor allem dem mitt-
leren Donauraum, stammenden Ostgermanen (siehe oben) in Betracht,
scheint diese Interpretation zu eng gefasst. Wir ziehen es daher vor, diese
Gräber im weiteren Sinne über die in ihnen sichtbar werdenden ostgerma-
nischen Traditionslinien anzusprechen, die sowohl die Westgoten als auch
andere ostgermanische Einheiten einschließen.
Schon vor geraumer Zeit wurde festgestellt,
174
dass in Nordgallien zwei
unterschiedliche Trageweisen der „östlichen“ Fibeln zu beobachten sind.
Im ersten Fall handelt es sich um ein Kostüm mit einer oder zwei Fibeln an
den Schultern oder der Brust, die von einer Gürtelschnalle im Becken be-
gleitet werden
175
. Gelegentlich treten derartige Fibeln aber auch ohne Gür-
168
Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) Taf. 10,3; Pilet, Saint-Martin-de-Fontenay (Anm. 1)
Taf. 72,504.1.
169
Moreau, Caranda (Anm. 148) Taf. 54,2.
170
Moreau, Caranda (Anm. 148) Taf. 41,2.
171
Zu erwähnen ist ein Stück vergleichbarer Form und Technik aus dem Schatzfund von De-
sana in Italien (Bierbrauer, Grabfunde (Anm. 82) Taf. 10,1), das unseres Erachtens aus der
zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts stammt (vgl. Manfred Menke, Archäologische Befunde
zu Ostgoten des 5. Jahrhunderts in der Zone nordwärts der Alpen. In: Peregrinatio Go-
thica. Archaeologia Baltica VII (Łódz´ 1986) 239–282, hier 262; Kazanski/Mastykova/
Périn, Byzance (Anm. 84) 160). Der Beschlag von Desana trägt jedoch vegetabilen Dekor,
der in Nordgallien nicht belegt ist.
172
Magdalena Tempelmann-Maczyn´ ska, Das Frauentrachtzubehör des mittel- und osteuro-
päischen Barbaricums in der römischen Kaiserzeit (Krakau 1989).
173
Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) 168f.
174
Vgl. zuletzt Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4).
175
Vicq Grab 756: Servat, Exemple (Anm. 28); Frénouville Grab 529 (Abb. 18,3): Pilet, Fré-
nouville (Anm. 85) Bd. 2, 262f.; Arcy-Sainte-Restitue Grab 1094: Vallet, Parures (Anm. 1)
116f.; Saint-Martin-de-Fontenay Grab 359 (Abb. 8,13), Grab 502 kombiniert mit einer Fi-
bel, die den italienischen Typen von Typ Gurina oder Altenerding ähnelt: Schulze-Dörr-
170 Michel Kazanski, Anna Mastykova, Patrick Périn
telschnalle auf, wie in Arcy-Sainte-Restitue, Grab 127,
176
Breny, Grab 167,
177
Nouvion-en-Ponthieu, Grab 303,
178
Chassemy, Grab von 1888,
179
eventuell
Lavoye, Grab 182
180
(mit einer vom Typ Bretzenheim abgeleiteten Fibel
unterhalb der Brust). Dieses Gewand ist auch in Gallien südlich der Loire
belegt,
181
und seltener auch im burgundischen, östlichen Gallien.
182
Im zweiten Fall wurden die Fibeln in ostgermanischer Tradition, die
zuweilen sogar von Gürtelschnallen und -beschlägen gleicher Tradition
begleitet werden, nach merowingischer Art getragen, also im Becken oder
sogar noch tiefer. Beispiele hierfür stammen aus Cutry, Grab 859
(Abb. 18,2),
183
Grigny, Grab 919,
184
Saint-Martin-de-Fontenay, Gräber 270
(ostgotische Fibeln vom Typ Udine-Planis), 282 (Bügelfibeln ostgermani-
scher Tradition) und 300 (Abb. 10,2) (Fibeln vom Typ Bretzenheim),
185
Rödingen, Grab 472,
186
Köln-Müngersdorf, Grab 118
187
und Nouvion,
Grab 140
188
(Abb. 9). Diese Beispiele spiegeln unseres Erachtens deutlich
die Akkulturation der ostgermanischen Gruppen an das gallo-fränkische
Milieu wieder.
Zahlreiche Gräber, die einen einzelnen Rechteckbeschlag enthielten
und nicht von Fibeln begleitet wurden, wurden von Bierbrauer ebenfalls als
westgotisch angesprochen.
189
Für die Bestattungen mit Typen, die für Spa-
nien oder Südgallien typisch sind (siehe oben), ist diese Ansprache sehr
wahrscheinlich, wenn es auch nicht möglich ist, dies zu verallgemeinern.
lamm, Romanisch (Anm. 85) 661–668, Grab 741 (Abb. 18,1) mit zwei merowingischen Fi-
beln: Pilet, Saint-Martin-de-Fontenay (Anm. 1) 385, 411, 456; Villeneuve-au-Châtelot
Grab 1 mit zwei merowingischen Fibeln und einem Gürtelbeschlag, der jedoch eher zum
Männergewand gehört: Joffroy, Notes (Anm. 144) Abb. 1.
176
Etwas älter, vielleicht aus der Periode D2/D3: Vallet, Parures (Anm. 1) 111f.
177
Kazanski, Breny (Anm. 1) 94.
178
Piton, Nouvion (Anm. 29) 135.
179
Gisela Clauss, Die Tragsitte von Bügelfibeln. Eine Untersuchung zur Frauentracht im frü-
hen Mittelalter. Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz 34, 1987,
491–603, hier 602, XI,4.
180
Joffroy, Lavoye (Anm. 147) 120.
181
Die ältesen Funde sind besonders diejenigen von Saint-Pierre-des-Cuisines in Toulouse
und von Lezoux: Lequément, Midi-Pyrénées (Anm. 159); Vertet/Duterne, Tombes
(Anm. 19).
182
Beaune Grab 312: Gaillard de Sémainville u. a., Beaune (Anm. 58) 163.
183
Mit westgotischen Fibeln und Beschlag: Legoux, Cutry (Anm. 78) Taf. 93.
184
Berthelier, Grigny (Anm. 88) 80.
185
Pilet, Saint-Martin-de-Fontenay (Anm. 1) 365, 367, 368, 372.
186
Walter Jannsen, Das fränkische Reihengräberfeld von Rödingen, Kr. Düren (Stuttgart
1993) 304f.
187
Clauss, Tragsitte (Anm. 179) 602, XI,3.
188
Piton, Nouvion (Anm. 29) 75.
189
Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) 169.
Die Archäologie der Westgoten in Nordgallien 171
Gräber mit einem Schnallenbeschlag in ähnlicher Form sind in der Tat
auch am anderen Ende der ostgermanischen Welt bekannt, z. B. auf der
süd-westlichen Krim in den Nekropolen vom Typ Suuk-Su-Skalistoe. Es ist
aufgrund dessen möglich, einen gemeinsamen donauländischen Vorläufer
für diese Gewandform in Betracht zu ziehen, zumal sie auch in diesem Ge-
biet belegt ist, namentlich in Zmajevo.
190
Interpretation
Bisher konnte festgestellt werden, dass westgotische Präsenz in Gallien zu
Beginn der Merowingerzeit einerseits gut bezeugt ist, dass es andererseits
aber schwierig, zuweilen auch unmöglich ist, Elemente westgotischer Klei-
dung von denen anderer ostgermanischer Gruppen zu unterscheiden, vor
allem den Nachkommen barbarischer Soldaten in der Armee des römi-
schen Westreiches. Daher spiegeln die Verbreitungskarten sog. westgoti-
scher Funde in Nordgallien, von denen diejenige von Volker Bierbrauer die
vollständigste ist (Abb. 19),
191
tatsächlich ein allgemeines Phänomen wie-
der, in diesem Fall das einer ostgermanischen Präsenz. Die in den mero-
wingerzeitlichen Nekropolen zwischen 470/80 und 520/30 bestattete Ge-
neration wurde um die Mitte bzw. im dritten Viertel des 5. Jahrhunderts
geboren. Einige dieser Bestatteten, sogar ihre Eltern, könnten im Barbari-
cum oder im Südwesten Galliens geboren worden sein. Da die spanische
Herkunft westgotischer Elemente in Nordgallien ohnehin noch zu bewei-
sen ist, erscheint uns im Hinblick auf die Chronologie der Fundstücke eine
Herkunft aus dem südlichen Gallien wahrscheinlicher zu sein.
Bezüglich der Chronologie dieser Objekte muss betont werden, dass di-
rekte Kontakte zwischen Nordgallien und dem Donauraum nach 470/480
unwahrscheinlich sind. Hinzu kommt, dass die Entwicklung der weib-
lichen Mode in den donauländischen Regionen das Verschwinden der ‚Sil-
berblechfibeln‘ zu Gunsten knopfverzierter Bügelfibeln bewirkt. Die nord-
gallischen Fibeln behalten währenddessen einige ältere, donauländische
Elemente bei, die bei den spanischen Fibeln nicht belegt sind. Es ist dem-
nach anzunehmen, dass diese donauländischen Merkmale vor dem Jahr
480 nach Nordgallien gekommen sind, vielleicht aus dem tolosanischen
Westgotenreich südlich der Loire, wie es etwa die Funde von Lezoux oder
Toulouse nahelegen, und demnach vor dem Modelwechsel im Donauraum
und ebenfalls vor dem massiven und dauerhaften Ansiedlung von Westgo-
190
Kiss, Skiren (Anm. 32) 121.
191
Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) Abb. 1.
172 Michel Kazanski, Anna Mastykova, Patrick Périn
ten in Spanien. In Nordgallien haben diese Elemente in einem militärisch-
barbarischen Umfeld ein oder zwei Generationen überlebt – von 450/460
bis 520/530 – und stehen gleichzeitig am Anfang lokaler Ableitungen,
wie den Fibeln vom Typ Bretzenheim oder gewissen Typen von Gürtel-
beschlägen.
Ein anderes, wichtiges Indiz, auf das bereits Volker Bierbrauer hinge-
wiesen hat,
192
spricht für eine frühere Datierung dieser ostgermanischen
Funde: ihre Verbreitung stimmt gut mit dem Gebiet überein, das bis 486
unter der römischen Kontrolle von Syagrius und, weiter im Osten, von
Arbogast stand. In der Schelderegion und östlich der Somme sind diese
Stücke dagegen fast nicht vorhanden. Daher scheint es möglich, die An-
siedlung von Ostgermanen einschließlich der Westgoten in Nordgallien
mit römischen Maßnahmen zu verbinden, bevor diese Region nach 486
mit der ersten fränkischen Expansion zu Beginn der Regierung Chlodwigs
seine strategische Bedeutung verloren hatte. Diese archäologischen Funde
müssen demnach einerseits mit germanischen Soldaten der Armeen von
Aegidius, Paulus, Syagrius und Arbogast der Jahre zwischen 460 und 480 in
Verbindung gebracht werden, andererseits mit Westgoten, die wahrschein-
lich etwas später, um 470, von Alarich entsandt wurden, um seinem Alliier-
ten Syagrius angesichts der fränkischen Bedrohung zur Seite zu stehen.
Unseres Erachtens ist daher die These der Anwesenheit kleiner barbari-
scher Gruppen donauländischer und westgotischer Herkunft in römischen
und später fränkischen Diensten vorzuziehen. Dabei ist auch an die Prä-
senz von Hunnen, Alanen, Herulern, Skiren, Ostgoten oder Rugiern in
den „westlichen“ Armeen von Majorian oder Odoaker zu denken.
193
In bei-
den Fällen handelt es sich um Neuankömmlinge sowie um Barbaren der
zweiten Generation. Die vor Ort hergestellten Objekte donauländischer
Tradition gehören, zumindest in Teilen, der letzteren Gruppe an. Es ist be-
zeichnend, dass „östliche“ Ausstattung der nach-hunnischen Epoche in
den Nekropolen neben archäologischen Funden vorkommt, die für andere
barbarische Kulturgruppen charakteristisch sind, zum Beispiel alamanni-
schen Funden in der Nekropole von Arcy-Sainte-Restitue, alamannischen
und langobardischen in Breny, oder ostgotischen und angelsächsischen in
Saint-Martin-de-Fontenay, und auf diese Weise sehr heterogene Populatio-
nen erkennen lässt.
Es ist bekannt, dass die merowingischen Könige anlässlich der Konfron-
tation der Franken mit den „letzten Römern“ westlich der Seine mit Trup-
pen aus Aremorica paktierten und sie als ganze Regimenter, mit ihren Fah-
192
Bierbrauer, Les Wisigoths (Anm. 4) 170.
193
Kazanski, Diffusion (Anm. 2) 63–66.
Die Archäologie der Westgoten in Nordgallien 173
nen und „Uniformen“, in die fränkische Armee integrierten.
194
Es erscheint
in diesem Kontext nicht erstaunlich, dass sich Spuren von in der römischen
Armee des Westens tätigen östlichen Barbaren und Westgoten auch unter
dem Befehl der Merowinger wiederfinden lassen und in lokale Gemein-
schaften integriert waren. Es ist in diesem Licht bedeutsam, dass in einigen
Nekropolen „östliche“ Objekte entdeckt wurden, etwa in Arcy-Sainte-
Restitue oder Saint-Martin-de-Fontenay, in denen wahrscheinlich militäri-
schen Gemeinschaften bestatteten, die teilweise aus Fremden bestanden,
die vor der fränkischen Eroberung nach Gallien gekommen waren und dort
nach der Eroberung Chlodwigs weiter existierten. Ohne jeden Zweifel sind
diese „östlichen“ Soldaten von römischen in fränkische Dienste übergegan-
gen. Ihre Spuren verlieren sich im gallo-fränkischen Umfeld während des
zweiten Drittels des 6. Jahrhunderts.
194
Prokop, Bellum Goticum I, 12.
174 Michel Kazanski, Anna Mastykova, Patrick Périn
Abb. 1. Donauländische Vorläufer ostgermanischer Mode im Westen. 1–4 Szabadbattyán;
5 Zemun; 6 Region von Esztergom; 7 Zmajevo (1–4 nach Tejral, Zur Chronologie [Anm. 6];
5–7 nach Martin, Zur frühmittelalterlichen Gürteltracht [Anm. 101])
Die Archäologie der Westgoten in Nordgallien 175
Abb. 2. ‚Blechfibeln‘ aus Gallien. 1 Lezoux; 2 Arcy-Sainte-Restitue Grab 1094; 3 Straßburg;
4 Tal der Saône; 5 Saint-Martin-de-Fontenay Grab 359; 6 Marchélepot (nach unterschied-
lichen Vorlagen, zitiert bei Kazanski/Périn, Les Barbares [Anm. 2]; Bierbrauer, Les Wisigoths
[Anm. 4])
176 Michel Kazanski, Anna Mastykova, Patrick Périn
Abb. 3. Funde des Grabes 756 von Vicq (nach Servat, Example d’exogamie [Anm. 28])
Die Archäologie der Westgoten in Nordgallien 177
Abb. 4. ‚Silberblechfibeln‘ aus Gallien und Spanien. 1 Beire-le-Châtel; 2, 7 Chassemy; 3 Tinto
Juan de la Cruz; 4 Tiermes; 5 Marchélepot; 6 Envermeu; 8 Aldeanueva de San Bartolomé
(1,2,4–8 nach unterschiedlichen Vorlagen, zitiert bei Bierbrauer, Les Wisigoths [Anm. 4];
Kazanski/Périn, Les Barbares [Anm. 2]; 3 nach Barroso u. a., Les yacimentos [Anm. 30])
178 Michel Kazanski, Anna Mastykova, Patrick Périn
Abb. 5. ‚Blechfibeln‘ aus Nordgallien. 1 Breny Grab 167; 2 Arcy-Sainte-Restitue Grab 1094;
3 Chassemy Grab vom 31. 10. 1888 (nach Koch, Bügelfibeln [Anm. 12])
Die Archäologie der Westgoten in Nordgallien 179
Abb. 6. Funde aus spanischen Gräber mit Gewandbestandteilen donauländischer Tradition.
1 Duratón Grab 190; 2 Duratón Grab 525 (nach Molinero Pérez, Duratón [Anm. 113]; Moli-
nero Pérez, Apartaciones [Anm. 55]; Bierbrauer, Les Wisigoths [Anm. 4])
180 Michel Kazanski, Anna Mastykova, Patrick Périn
Abb. 7. Funde aus spanischen Gräbern mit Gewandbestandteilen donau-
ländischer Tradition. 1 Duratón Grab 553; 2 Duratón Grab 166 (nach
Molinero Pérez, Duratón [Anm. 113]; Molinero Pérez, Apartaciones
[Anm. 55]; Bierbrauer, Les Wisigoths [Anm. 4])
Die Archäologie der Westgoten in Nordgallien 181
Abb. 8. Austattung von Gräbern mit Kleidungsbestandteilen donauländischer
Tradition. 1–4 Arcy-Sainte-Restitue Grab 1094; 5–13 Saint-Martin-de-Fontenay
Grab 359 (1–4 nach Vallet, Parures [Anm. 1]; 5–13 nach Pilet, Saint-Martin-de-
Fontenay [Anm. 1])
182 Michel Kazanski, Anna Mastykova, Patrick Périn
Abb. 9. Grab 140 von Nouvion-en-Ponthieu (nach Piton, Nouvion [Anm. 29])
Die Archäologie der Westgoten in Nordgallien 183
Abb. 10. Gräber mit Gewandbestandteilen in donauländischer Tradition. 1 Grigny Grab 19;
2 Saint-Martin-de-Fontenay Grab 300 (nach Berthelier, Griguy [Anm. 88]; Pilet, Saint-Mar-
tin-de-Fontenay [Anm. 1])
184 Michel Kazanski, Anna Mastykova, Patrick Périn
Abb. 11. Fibeln westgotischer Tradition. 1 Frankreich; 2 Envermeu; 3 Arcy-Sainte-
Restitue Grab 1727; 4 Joches; 5 Alovera; 6 Cutry Grab 859; 7 Ville-sur-Cousance;
8 Talavera de la Reina (1–4 nach Koch, Bügelfibeln [Anm. 12]; 5–8 nach
Bierbrauer, Les Wisigoths [Anm. 4])
Die Archäologie der Westgoten in Nordgallien 185
Abb. 12. Eine der Adlerfibeln von Castelsagrat
(nach I Goti [Anm. 21])
186 Michel Kazanski, Anna Mastykova, Patrick Périn
Abb. 13. Armbrustfibeln aus Gallien und Spanien. 1, 12 Nouvion-en-Ponthieu
Grab 303; 2 Mondeville; 3, 13 Carpio de Tajo Grab B; 4, 5 Frénouville Grab 526;
6 Duratón Grab 129; 7 Duratón Grab 144; 8 Duratón Grab 341; 9 Duratón Grab
177; 10 Madrona Grab 337; 11 Saint-Pierre-de-Vauvray (nach Bierbrauer,
Les Wisigoths [Anm. 4])
Die Archäologie der Westgoten in Nordgallien 187
Abb. 14. Cloisonnéverzierte Beschläge. 1 Flamicourt; 2 Tressan; 3 Arcy-Sainte-Resti-
tue; 4 Versigny; 5 Houdan; 6 Saint-Denis; 7 Saint-Martin-de-Fontenay Grab 741;
8 Plaissan; 9 Monceau-le-Neuf; 10 Beaune Grab 324 (1 nach Eck 1895; 2, 4–8 nach
unterschiedlichen Autoren, zitiert bei Bierbrauer, Les Wisigoths [Anm. 4]; 3 nach
Moreau, Caranda [Anm. 148]; 9 nach Boulanger, Le mobilier funéraire [Anm. 162];
10 nach Gaillard de Sémainville u. a., Beaune [Anm. 58])
188 Michel Kazanski, Anna Mastykova, Patrick Périn
Abb. 15. Cabochonverzierte Beschläge. 1 Armentières; 2 Duratón Grab 229; 3 Saint-Martin-
de-Fontenay Grab 712; 4 Duratón Grab 176; 5 Duratón Grab 80; 6 Marchélepot; 7 Muids;
8 Buggingen; 9 La-Villeneuve-au-Châtelot Grab 4; 10 Envermeu (1–6, 8: nach unterschiedlichen
Autoren, zitiert bei Martin, zur frühmittelalterlichen Gürteltracht [Anm. 101]; Bierbrauer,
Les Wisigoths [Anm. 4]; 7,10 nach Lorren, Fibules [Anm. 29]; 9 nach Joffroy, Notes [Anm. 144])
Die Archäologie der Westgoten in Nordgallien 189
Abb. 16. Beschläge mit Blechbelag ohne sichtbare Verzierung. 1 Cys-la-Commune; 2 Saint-
Martin-de-Fontenay Grab 388; 3 Saint-Martin-de-Fontenay Grab 504; 4 Saint-Martin-de-
Fontenay Grab 389; 5 Duratón Grab 311; 6 Duratón Grab 439; 7 Aiguisy; 8 Chouy; 9 Breny
Grab 955 (1–6 nach unterschiedlichen Autoren, zitiert bei Bierbrauer, Les Wisigoths [Anm. 4];
7,8 nach Moreau, Caranda [Anm. 148]; 9 nach Kazanski, Breny [Anm. 1])
190 Michel Kazanski, Anna Mastykova, Patrick Périn
Abb. 17. Beschläge mit Pressblechauflage. 1 Hermes; 2 Caranda; 3 Duratón Grab 32; 4 Dura-
tón Grab 166; 5 Frénouville Grab 529; 6 Mouy; 7 Carpio de Tajo Grab 116; 8 Carpio de Tajo
Grab 119 (nach unterschiedlichen Autoren, zitiert bei Martin, Zur frühmittelalterlichen
Gürteltracht [Anm. 101]; Bierbrauer, Les Wisigoths [Anm. 4])
Die Archäologie der Westgoten in Nordgallien 191
Abb. 18. Gräber mit donauländischen und spanisch-westgotischen Obkjekten. 1 Saint-Mar-
tin-de-Fontenay Grab 741; 2 Cutry Grab 859; 3 Frénouville Grab 529; 4 Duratón Grab 176;
5 Duratón Grab 192 (nach Bierbrauer, Les Wisigoths [Anm. 4])
192 Michel Kazanski, Anna Mastykova, Patrick Périn
Abb. 19. Funde von „westgotischen“ Kleidungsbestandteilen außerhalb Spaniens
(nach Bierbrauer, les Wisigoths [Anm. 4])
Interpretationsprobleme der Westgotenarchäologie 193
Interpretationsprobleme der Westgotenarchäologie
Zurück zu den Altgrabungen
anhand bisher unausgewerteter Dokumentationen
Antonel Jepure
Zum Stand der Forschung
Als im Jahre 1858 die Votivkronen und -kreuze westgotischer Könige in
Guarrazar bei Toledo entdeckt wurden, entfachte dieser spektakuläre
Schatzfund in Spanien eine regelrechte Westgoteneuphorie. Seitdem wird
eifrig versucht, die Existenz des historisch überlieferten Westgotenreiches
nicht nur über schriftliche Quellen, sondern auch über Bodendenkmäler
nachzuweisen. Es waren jedoch zunächst Grabplünderer und Antiquitäten-
händler, die damals jahrzehntelang die methodologisch noch völlig unaus-
gereifte Archäologie mit Artefakten versorgten. Mit Ausnahme des „waf-
fenführenden“ und deshalb als fränkisch ausgewiesenen Gräberfeldes von
Pamplona
1
wurde die erste, zaghaft einsetzende archäologische Grabungs-
tätigkeit noch weitgehend vom kunstbegeisterten Adel angeführt, wie
z. B. die Grabungen des Marqués de Cerralbo bezeugen.
2
In den 1920er
und 1930er Jahren traten endlich auch vermehrt von Archäologen durch-
geführte Ausgrabungen hinzu. Allen voran stehen die Nekropolen von
‚Carpio de Tajo‘ (Toledo) und ‚Castiltierra‘ (Segovia), wobei die einzelnen
Befunde damals leider unpubliziert geblieben waren.
3
Die Monographie
1
Florencio de Ansoleaga, El cementerio franco de Pamplona (Pamplona 1914).
2
Gräberfelder wie z. B. Palazuelos, Fuencaliente und Renales, deren Funde bei Hans Zeiß, Die
Grabfunde aus dem spanischen Westgotenreich (Berlin 1934), aufgeführt sind. Zeitgenössi-
sche Archäologen gingen davon aus, dass bei solchen Grabungen wie in den genannten Grä-
berfeldern niemals Funddokumentationen angefertigt wurden (vor dem Ersten Weltkrieg).
3
Carpio de Tajo wurde 1985 erstmals ausführlich vorgelegt: Gisela Ripoll López, La necró-
polis visigoda de El Carpio de Tajo (Toledo). Excavaciones Arqueológicas en España 142
(Madrid 1985); Revision: Barbara Sasse, ‚Westgotische‘ Gräberfelder auf der Iberischen
Halbinsel am Beispiel der Funde aus El Carpio de Tajo (Torrijos, Toledo). Madrider Bei-
träge 26, 2000. – Ein Katalog über einen Teil der Funde und Befunde aus Castiltierra be-
findet sich gegenwärtig in Vorbereitung (Archäologisches Nationalmuseum Madrid).
Zwischen Spätantike und Frühmittelalter – RGA-E Band 57 – Seiten 193–209
© 2008 Walter de Gruyter · Berlin · New York
194 Antonel Jepure
über das Gräberfeld von ‚Herrera de Pisuerga‘ (Palencia)
4
schien zwar eine
befundbezogene Forschungsetappe einzuleiten, doch konnte sich in diesem
Sinn von den bedeutenden spanischen Fundplätzen nur die Publikation
des ersten Teils des umfangreichen Gräberfeldes von ‚Duratón‘ (Segovia)
5
anschließen.
Daher beruhten die ersten systematischen Studien auf meist kontextlosen
Funden, die verständlicherweise von Beginn an von einem ‚westgotischen‘
Kulturgut ausgingen.
6
Allerdings zeichnete sich bald eine Konzentration
‚westgotischer‘ Gräberfelder in Zentralkastilien ab. Das Verbreitungsgebiet
wurde von W. Reinhart als „westgotisches Siedlungsdreieck“ bezeichnet
7
,
wobei damals trotzdem noch die Hoffnung darauf bestand, dass solche Grä-
berfelder mit der Zeit auch im restlichen Gebiet der Iberischen Halbinsel
auftauchen würden.
Heute scheint sich dieses Verbreitungsbild in gleicher Weise zu bestäti-
gen wie schon vor einem halben Jahrhundert. Insbesondere die rege Bautä-
tigkeit in Spanien während des wirtschaftlichen Aufschwungs der letzten
20 Jahre ließ in sämtlichen Provinzen spätantike und frühmittelalterliche
Gräberfelder zutage treten.
8
Bestattungsplätze vom sog. ‚westgotischen‘
Typ (je nach Autor „Typ Duratón“, „Typ Castiltierra“ oder „Typ Carpio de
Tajo“ genannt) bleiben jedoch weiterhin auf die zentralspanischen Provin-
zen Segovia, Toledo, Madrid, Guadalajara und Soria beschränkt. Somit
steht die Archäologie vor der interessanten Aufgabe, dieses mittlerweile
wohl abgesicherte Verbreitungsbild zu erklären.
Sämtliche grundlegenden Fragen, die diese zentralkastilische Gräber-
feldgruppe betreffen, sind nach wie vor unbeantwortet geblieben, obwohl
sich die Westgotenarchäologie einer mittlerweile langen Forschungstradi-
tion rühmen mag. Von der ethnischen Bestimmung beeindruckt, wurden
über das gesamte 20. Jahrhundert hinweg die Antworten auf die westgoti-
sche Ethnizität der dort Bestatteten abgestimmt.
Davon betroffen ist etwa die Chronologie dieser Gräberfelder, die stets
von den historischen Erwähnungen der gotischen Einwanderung abhängig
4
Julio Martínez Santa Olalla, Excavaciones en la necrópolis visigoda de Herrera de Pisuerga
(Palencia). Memorias de la Junta Superior de Excavaciones Arqueológicas 125 (Madrid
1933).
5
Antonio Molinero Pérez, La necrópolis visigoda de Duratón (Segovia). Excavaciones del
Plan Nacional de 1942 y 1943. Acta Arqueológica Hispánica IV (Madrid 1948).
6
Nils Åberg, Die Franken und Westgoten in der Völkerwanderungszeit (Uppsala 1922);
Zeiß, Grabfunde (Anm. 2).
7
Wilhelm Reinhart, Sobre el asentamiento de los visigodos en la Península. Archivo Espa-
ñol de Arqueología XVIII, 1945, 124–139, bes. Abb. 10.
8
Die meisten dieser Notgrabungen sind bislang unpubliziert; bestenfalls liegen kurze Mit-
teilungen vor.
Interpretationsprobleme der Westgotenarchäologie 195
gemacht und nicht aus sich heraus erschlossen wurde. In Wirklichkeit weiß
man jedoch kaum etwas über die Struktur dieser Nekropolen, über ihre Be-
legungsentwicklung oder über die zugehörigen Siedlungen. Dabei sind es
gerade diese genannten Aspekte, die in der Auseinandersetzung mit dem
Thema weit vor den chronologischen und ethnischen Fragen an erster
Stelle stehen sollten. Die absolute Chronologie darf nicht von der postu-
lierten Einwanderung gotischer Bevölkerung auf die Iberische Halbinsel
abhängig gemacht werden. Dadurch hat sich letztendlich eine aus dem
Fundstoff heraus unbegründete Spätdatierung ergeben.
Das völlig unbekannte Siedlungsumfeld wurde aufgrund der „Westgo-
tenthese“ in den ländlichen Bereich gerückt. Dort nämlich sollten die sess-
haft gewordenen westgotischen Krieger innerhalb von nur einer Genera-
tion die Land- und Viehwirtschaft wiedererlernt haben. Man wollte hiermit
einen Unterschied zum westgotischen Stadtadel aufzeigen, um die Kon-
zentration jener „ruralen“ Gräberfelder zu erklären. Die meisten der be-
kannten ‚westgotischen‘ Nekropolen der Provinz Segovia können aber
nicht ohne weiteres dem rein ländlichen Umfeld zugewiesen werden, weil
sich darunter auch urbane (Duratón) und suburbane (Madrona, Espirdo-
Veladiez) Bestattungsplätze befinden.
Die ‚westgotische‘ Tracht wurde auf einfache Modelle zugeschnit-
ten, die u. a. auf den Befundskizzen von G. G. Koenig beruhen.
9
Tatsäch-
lich weicht etwa die Position der als Peplosfibeln und daher als typisch
westgotisch interpretierten Gewandspangen in zahlreichen Gräbern deut-
lich von der Schulterlage ab. Auch in Bezug auf andere Fundgruppen ergibt
sich ein viel breiteres Trachtspektrum, als es bisher vereinfacht dargestellt
wurde.
Welche Ursachen haben zu den kurz angerissenen Interpretationspro-
blemen der Westgotenarchäologie geführt? Zunächst ist ein wichtiger
Grund im Namen selbst ausfindig zu machen. Daher ist der Begriff der
„Westgotenarchäologie“ („Arqueología visigoda“) immer seltener in der
Literatur zu finden.
10
Man geht nun vermehrt dazu über, den ethnisch neu-
tralen Begriff der „Westgotenzeit“ bzw. „Época visigoda“ zu verwenden.
Der alte Begriff impliziert unweigerlich die ethnische Deutung der For-
schungsobjekte und versperrt dadurch eine freie Sicht auf kritische Beob-
achtungen. Das methodologische Gerüst wurde regelrecht vom Dach her
9
Gerd G. Koenig, Zur Gliederung der Archäologie Hispaniens vom fünften bis siebten
Jahrhundert u. Z., Magisterarbeit (Freiburg 1977).
10
Deutschsprachige Kritik: Barbara Sasse, Die Westgoten in Südfrankreich und Spanien.
Zum Problem der archäologischen Identifikation einer wandernden „Gens“. Archäologi-
sche Informationen 20/1, 1997, 29–48.
196 Antonel Jepure
aufgezogen, und man hatte sofort mit der aus archäologischer Sicht schwie-
rigsten Problematik begonnen: der ethnischen Frage. Deshalb hat die vor-
eingenommene ethnische Bestimmung den gesamten Fragenkatalog der
Westgotenarchäologie beeinflusst und den Blick auf die tatsächliche Be-
fundlage verblendet. Politisch-ideologische Einflüsse kamen besonders
während der Zeit der Franco-Diktatur auf die spanische Forschertätigkeit
noch hinzu. Geprägt durch die extrem germanophile Haltung von J. Mar-
tínez Santa-Olalla, der über die gemeinsamen Wurzeln des spanischen und
deutschen Volkes eine ideologische Nähe zum nationalsozialistischen
Deutschen Reich beschwören wollte, wurde es für jüngere Vertreter der
Westgotenarchäologie schwierig, sich von der entwickelten Konstellation
zu lösen. So blieben etwa die zweifelnden Überlegungen von P. de Palol
weitgehend unberücksichtigt. Die Verbindung zu rechtsnationalem Ideen-
gut war folglich die Ursache, dass der Bereich westgotischer Gräberfelder
für viele Jahre von spanischer Seite als archäologisches Forschungsfeld
gemieden wurde. Erst seitdem sich G. Ripoll mit der Aufarbeitung von
Carpio de Tajo an das Thema gewagt hatte, konnte die ideologische Ebene
ausgeblendet werden und mittlerweile sogar in Vergessenheit geraten. Aller-
dings scheint sich eine schon immer dagewesene emotionale Ebene weiter-
hin hartnäckig zu halten.
Von Seiten spanischer Historiker gab es seit den 1980er Jahren klar for-
mulierte Einwände gegen einige Hauptthesen der Westgotenarchäologie
11
,
zu denen sich bald auch archäologische Zweifel gesellten.
12
Um diese Darstellung auszuweiten, möchte ich kurz skizzieren, welche
Angaben der Archäologie in Bezug auf die ‚westgotischen‘ Gräberfelder tat-
sächlich zur Verfügung stehen. Dabei lassen sich die Quellen der Gräber-
feldarchäologie in Altgrabungen vor 1960/70 (Tab. 1) und in modernen
Ausgrabungen der letzten drei Jahrzehnte aufteilen (Tab. 2). Rein zufälli-
gerweise stammen jedoch die bedeutenden archäologischen Untersuchun-
gen aus der Zeit vor 1960.
11
Z. B. über die Glaubwürdigkeit der Westgotenthese und über die beschränkte Aussage-
möglichkeit der in chronologischen Fragen vielzitierten Chronik von Saragossa: Luis A.
García Moreno, Mérida y el Reino visigodo de Tolosa (418–507). Festschrift für Saez
de Buruaga (Madrid 1982) 227–240; Adolfo J. Domínguez Monedero, La „Chronica
Caesaraugustana“ y la presunta penetración popular visigoda en Hispania. In: Antigüedad
y Cristianismo (Murcia) III. Los Visigodos. Historia y Civilización (Murcia 1986)
61–68.
12
Ángel Fuentes Domínguez, La necrópolis tardorromana de Albalate de las Nogueras
(Cuenca) y el problema de las denominadas „Necrópolis del Duero“ (Cuenca 1989) bes.
271ff.
Interpretationsprobleme der Westgotenarchäologie 197
Tab. 1. Altgrabungen ‚westgotischer‘ Gräberfelder aus Spanien (Auswahl)
13141516171819202122
13
Den bisher publizierten Befundangaben zufolge.
14
Gisela Ripoll López, La necrópolis visigoda de El Carpio de Tajo (Toledo). Excavaciones
Arqueológicas en España 142 (Madrid 1985).
15
Barbara Sasse, ‚Westgotische‘ Gräberfelder auf der Iberischen Halbinsel am Beispiel der
Funde aus El Carpio de Tajo (Torrijos, Toledo). Madrider Beiträge 26 (Mainz 2000).
16
Isabel Arias/Luis Balmaseda/Soledad Díaz/Ángela Franco/Concepción Papí/Beatriz Ro-
bledo/Paz Ruiz/Gonzalo Trancho, La necrópolis visigoda de Castiltierra. Proyecto para el
estudio de sus materiales. Boletín del Museo Arqueológico Nacional 18, 2000, 187–196.
17
Santa-Olalla, Herrera de Pisuerga (Anm. 4).
18
José Pérez de Barradas, Excavaciones en la necrópolis de Vega del Mar (San Pedro de Al-
cántara). Memorias de la Junta Superior del Tesoro Artístico 128 (Madrid 1934).
19
Molinero, Duratón (Anm. 5).
20
Antonio Molinero Pérez, Aportaciones de las excavaciones y hallazgos casuales
(1941–1959) al Museo Arqueológico de Segovia. Excavaciones Arqueológicas en España 72
(Madrid 1971).
21
Ebenda.
22
Ebenda. Meine eigene Revision über Espirdo-Veladiez ist erst wenige Wochen vor diesem
Vortrag erschienen und deshalb nicht in der Tabelle aufgeführt, die den bisherigen Kennt-
nisstand westgotenzeitlicher Gräberfelder wiedergeben soll; vgl. Antonel Jepure, La necró-
polis de época visigoda de Espirdo-Veladiez. Fondos del Museo de Segovia, Estudios y Ca-
tálogos 13 (Salamanca 2004).
Gräberfeld Ausgrabung publiziert geschlossene
Funde
13
Problem
Carpio de Tajo Mergelina
1924
Ripoll 1985
14
;
Sasse 2000
15
nein Grabungstagebücher
verschollen
Castiltierra Camps
1932/33
– unbekannt (Grabung Camps z. Zt.
in Bearbeitung
16
)
Santa-Olalla
1941
Grabungsdokumentation
Santa-Olalla verschollen
Herrera de
Pisuerga
Santa-Olalla
1932
Santa-Olalla
1933
17
ja ohne Plan (insgesamt
nur geringe Fläche aus-
gegraben)
Vega del Mar Pérez Barradas
1930
Pérez Barradas
1934
17
ja beigabenarme Gräber;
unterschiedlicher Kultur-
kreis?
Duratón I Molinero
1942/1943
Molinero
1948
18
ja –
Duratón II Molinero
1944–1948
Molinero 1971;
nur Tafeln
20
nein Tafeln als geschlossene
Funde gedeutet
Madrona Molinero
1951–1960
Molinero 1971;
nur Tafeln
21
nein Tafeln als geschlossene
Funde gedeutet
Espirdo
(Veladiez)
Molinero
1944/1950
Molinero 1971;
nur Tafeln
22
nein Tafeln als geschlossene
Funde gedeutet;
wenige Gräber erfasst
198 Antonel Jepure
Tab. 2. Moderne Ausgrabungen westgotenzeitlicher Gräberfelder aus Spanien
2324252627
Der erhebliche Unterschied in Bezug auf den Kenntnisstand zwischen Alt-
grabungen und modernen Ausgrabungen stellt einen wichtigen Grund für
die beschränkten Interpretationsmöglichkeiten der Archäologie der West-
gotenzeit dar. Die großen modernen Grabungen sind gut publiziert und
bieten bei der Auswertung die erforderlichen Angaben über die archäolo-
gische Befundsituation, so dass die Geschlossenheit der Grabinventare im
einzelnen erwogen werden kann. Die wichtigsten Funde stammen aller-
dings überwiegend aus den zuvor genannten Altgrabungen – sofern man
von den Waffengräbern aus Aldaieta absieht. Der überwiegende Teil der alt
ausgegrabenen Gegenstände kann jedoch nicht den entsprechenden Befun-
den zugewiesen werden. Besonders schwer wiegt eine allgemein übliche In-
terpretation der Fundzeichnungen von A. Molinero aus den Gräberfeldern
von Duratón II (Gräber 292 bis 666) und Madrona (beide Provinz Segovia),
die von der Forschung irrtümlich als Darstellungen von geschlossenen
Grabensembles behandelt werden.
28
Dabei stellte Molinero lediglich die
Funde gemäß ihrer Grabnummer zusammen, weil er damals davon ausge-
23
Dumas Fernández-Galiano Ruiz, Excavaciones en la necrópolis hispano-visigoda del Ca-
mino de los Afligidos 1975 (Alcalá de Henares). Noticiario Arqueológico Hispánico 4,
1976, 5–90.
24
Antonio Méndez Madariaga/Sebastián Rascón Marqués, Los visigodos en Alcalá de He-
nares. Cuadernos del Juncal 1 (Alcalá de Henares 1989).
25
Maria Rosario Lucas/Vicente Viñas, Tecnología de la fíbula trilaminar de la necrópolis vi-
sigoda de Aguilafuente (Segovia). Trabajos de Prehistoria 34, 1977, 389–404.
26
Francisco Ardanaz Aranz, La necrópolis visigoda de Cacera de las Ranas (Aranjuez, Ma-
drid). Arqueología-Paleontología-Etnografía 7 (Madrid 2000).
27
Agustin Azkarate, Necrópolis tardoantigua de Aldaieta (Nanclares de Gamboa, Alava) I.
Memoria de la excavación e inventario de los hallazgos (Vitoria 2000).
28
Molinero Pérez, Aportaciones (Anm. 20).
Gräberfeld Ausgrabung publiziert geschlossene
Funde
Einschränkungen
Alcalá de
Henares (Afli-
gidos)
Fernández-
Galiano Ruiz
1970/73
Fernández-
Galiano Ruiz
1976
23
; Méndez-
Rascón 1989
24
ja kleine Teilbereiche eines
großen Gräberfeldes
Aguilafuente Viñas/Lucas – – nur ein Grab publiziert
25
(Silberblechfibelpaar)
Cacera de
las Ranas
Ardanaz
1988–1989
Ardanaz 2000
26
ja
Aldaieta Azkarate
1988–1993
Azkarate 2000
27
ja Waffenbeigabe; unter-
schiedlicher Kulturkreis?
Interpretationsprobleme der Westgotenarchäologie 199
gangen war, die Befundbeschreibungen der einzelnen Gräberfelder mono-
graphisch nachliefern zu können. Somit erscheinen die Fundinventare aus
mehrfach belegten Gräbern vermischt. Molinero übersah also den Spiel-
raum für die später eingetretenen Missverständnisse, da er selbst eindeutig
zwischen Vor- und Nachbestattungen unterschieden hatte.
Wie bedeutend die beiden letztgenannten Nekropolen für das Studium
der Westgotenzeit sind, kann aus der Kombinationstabelle von W. Ebel-Ze-
pezauer erschlossen werden.
29
Die Hälfte der vom Autor als geschlossene
Funde der Westgotenzeit ausgezeichneten Gräber stammen aus Duratón II
und Madrona. Allerdings sind eben jene Gräber solange nicht als geschlos-
sen zu bezeichnen, bis die entsprechende Befunddokumentation darüber
vorliegt.
30
Auch G. Ripoll und V. Bierbrauer haben unabhängig voneinan-
der angekündigt, anhand dieser und anderer zentralkastilischen Gräberfel-
der eine Seriation durchzuführen, weil ihrer Ansicht nach keine Zweifel
über die Geschlossenheit der dortigen Grabkomplexe bestehen.
31
Auf ge-
mischte und als solche unerkannte Gräber aus Carpio de Tajo verwies da-
gegen B. Sasse.
32
Ein weiteres Problem betrifft die Gräberfeldpläne der Altgrabungen. In
der Publikation zu Herrera de Pisuerga wurde vom Autor der Plan über-
haupt nicht beigelegt. Über Castiltierra fügte G. Ripoll ihrer Dissertation
eine nicht numerierte Umzeichnung bei.
33
Der Gräberfeldplan zu Carpio
de Tajo zeigt nur einheitlich eingetragene Gräber, so dass weder Aussagen
über den Grabbau getroffen noch Überprüfungen über die Richtigkeit des
Planes durchgeführt werden können. Dass nämlich Fehler bei der Erstel-
lung oder Vorlage von Gräberfeldplänen unterlaufen konnten, zeigen die
Pläne von Duratón und Madrona. W. Ebel-Zepezauer veröffentlichte eine
Umzeichnung G. Koenigs vom Originalplan zum Gräberfeld von Dura-
tón.
34
Bei der Übertragung der einzelnen Gräber waren Koenig zahlreiche
29
Wolfgang Ebel-Zepezauer, Studien zur Archäologie der Westgoten vom 5.–7. Jh. n. Chr.,
Iberia Archaeologica 2 (Mainz 2000).
30
Einige wenige Gräber sind vorweg sporadisch bekannt: Antonio Molinero, Guarniciones
de carteras en sepulturas visigodas segovianas. Actas del X. Congreso Nacional de Arqueo-
logía, Mahón 1967 (Zaragoza 1969) 463–475. Bei Koenig, Zur Gliederung (Anm. 9), finden
sich Zeichnungen über die Trachtlage einiger Gräber.
31
Volker Bierbrauer, Archäologie und Geschichte der Goten vom 1.–7. Jahrhundert. Versuch
einer Bilanz. Frühmittelalterliche Studien 28, 1994, 51–171, hier 158, beruft sich auf
G. Koenig, der Teile der Originalunterlagen zumindest flüchtig eingesehen hatte.
32
Sasse, Westgoten (Anm. 10) 38.
33
Gisela Ripoll López, La ocupación visigoda en la época romana a través de sus necrópolis
(Hispania). Universität Barcelona, Colecció de Tesis Doctorals Microfitxades 912 (Barce-
lona 1991).
34
Ebel-Zepezauer, Studien (Anm. 29) 101.
200 Antonel Jepure
Fehler unterlaufen, denn über 30 Gräber aus dem Bereich „Duratón II“
sind doppelt aufgeführt, womit entsprechend viele Gräber fehlen. Im noch
unveröffentlichten Gräberfeldplan von Madrona ist irrtümlich sogar die
Fläche einer ganzen Grabungskampagne an die falsche Stelle des Gesamt-
planes eingefügt worden, was ich über Messpunkte und Grabungsphotos
korrigieren konnte. Ohne die vollständige Grabungsdokumentation wäre
ein solcher Fehler kaum aufzudecken gewesen. Zu Espirdo-Veladiez lag ein
Gesamtplan überhaupt nicht vor, sondern musste erst aus Einzelplänen
rekonstruiert werden (siehe unten).
Zurück zu den Altgrabungen
Solange spektakuläre Neuentdeckungen sogenannter ‚westgotischer‘ Grä-
berfelder ausbleiben, führt für die archäologische Forschung kein Weg
an den Altgrabungen vorbei, um das Phänomen der zentralkastilischen
Nekropolen zu deuten. Allerdings sollten diese Grabungen unter einem an-
deren Gesichtspunkt betrachtet und bewertet werden als bisher geschehen.
Galten sie allgemein als schlecht durchgeführt und unzureichend doku-
mentiert, so möchte ich im folgenden diese Ansicht umkehren.
Im Rahmen meiner Dissertation habe ich die Bearbeitung der Funde aus
dem segovianischen Gräberfeld von Madrona übernommen, das von An-
tonio Molinero in den 1950er Jahren ausgegraben wurde. Ursprünglich
sollte lediglich eine Untersuchung der Grabfunde durchgeführt werden, da
sich die zugehörigen Grabungsunterlagen auf wenige Grabungsfotos und
Bemerkungen des Ausgräbers über einzelne Befunde beschränkten. Aller-
dings gaben mir die Qualität des Vorhandenen und Hinweise auf ein Tage-
buch die Bestätigung, dass mir zunächst nur wenige Teile der somit ver-
schollenen und nicht etwa inexistenten Grabungsdokumentation vorlagen.
Nach zweijährigen Recherchen in spanischen Staats- und Privatarchiven
konnte ich schließlich die Unterlagen über die Ausgrabungen in Madrona
vervollständigen sowie nebenbei die bis dahin ebenso verschollene Doku-
mentation über die Gräberfelder von Duratón und Espirdo ausfindig ma-
chen, die ebenfalls von Molinero ausgegraben wurden. Somit stellt die Auf-
arbeitung dieser drei Altgrabungen Molineros aus der spanischen Provinz
Segovia ein insgesamt längerfristiges Forschungsprojekt dar.
Der Katalog über die Funde und insbesondere der Befunde aus der
Nekropole von Espirdo liegt seit kurzem bereits vor.
35
Dabei handelt es
35
Jepure, Espirdo-Veladiez (Anm. 22).
Interpretationsprobleme der Westgotenarchäologie 201
sich nicht um einen kleinen Bestattungsplatz, wie in der Literatur aufgrund
der geringen Gräberzahl angenommen wurde (51 Grabnummern), sondern
um eine große Nekropole im unmittelbaren Umkreis der Stadt Segovia.
Die ursprünglichen Ausmaße können heute nicht einmal abgeschätzt wer-
den, da das Areal durch eine Kiesgrube großflächig zerstört wurde. Es tre-
ten auch gegenwärtig gelegentlich (beigabenarme) Grabgruppen zutage, die
entfernt von den Notgrabungsflächen Molineros aus den Jahren 1944 und
1950 liegen.
Das Gräberfeld befindet sich im Bereich der alleinstehenden Wallfahrts-
kirche „Veladiez“, deren Name auf eine mittelalterliche Wüstung zurück-
geht. Dies machte auch eine Umbenennung des zuvor unter „Espirdo“ be-
kannten Fundortes notwendig, der in den Ortsakten ausschließlich unter
„Veladiez“ geführt wird. Die neue Benennung „Espirdo-Veladiez“ sollte die
Verbindung zum zuvor bekannten westgotenzeitlichen Gräberfeld unter
Berücksichtigung der tatsächlichen Lage aufrecht erhalten.
36
Der Bestat-
tungsplatz befindet sich im unmittelbaren Einzugsgebiet der Stadt Segovia
und ist wenige Kilometer von den mittelalterlichen Vororten der alten
Bischofsstadt entfernt. Die Ausdehnung und Struktur der römischen Stadt
Segovia sind bislang wenig bekannt, doch die topographischen Gegeben-
heiten deuten darauf hin, dass sich die westgotenzeitliche Nekropole von
Espirdo-Veladiez an der nordöstlichen römischen Ausfallstraße befunden
hatte und die zugehörige Siedlung zum suburbanen Milieu Segovias gehört
haben könnte.
Die Befundlage zum Gräberfeld ist nicht zufriedenstellend, obwohl die
Grabungsdokumentation vollständig erhalten zu sein scheint.
37
Der Ge-
samtgräberfeldplan ist eine Rekonstruktion aus den losen Plänen der ein-
zelnen Grabungsschnitte.
38
Molinero beschränkte sich nämlich darauf, in
dem zerstörten Gelände an der Oberfläche bereits sichtbare Grabgruppen
zu dokumentieren, die ansonsten von Grabräubern geplündert worden wä-
ren. Damit entfällt dieses Gräberfeld für eine ausführliche Analyse.
Eine nennenswerte Überschneidung ergibt sich jedoch im Bereich des
Grabes 44, das schon vor der Befundvorlage als geschlossene Bestattung
Einzug in chronologische Studien erhalten hat. Im Körpergrab enthalten
waren eine Bügelfibel im Bereich der rechten Brusthälfte und eine eiserne
Gürtelschnalle mit rechteckiger Beschlagplatte. Die Platte war ebenfalls aus
Eisen und ist bald nach der Ausgrabung zerfallen. Davon übrig geblieben
ist eine runde Bronzeauflage mit Cloisonné und Kreuzdarstellung. Diese
36
Das Gräberfeld liegt 1,5 km vom Ort Espirdo entfernt.
37
Tagebuch, Fotos, Pläne und amtliche Schreiben.
38
Jepure, Espirdo-Veladiez (Anm. 22) 87f.
202 Antonel Jepure
kleine Scheibe war Gegenstand einer Fachdiskussion, denn sie wurde ent-
weder als Scheibenfibel
39
oder als Bestandteil des Gürtels
40
interpretiert.
Das Grabungsfoto belegt schließlich, dass die kleine Scheibe zum Gürtel
gehörte.
41
In chronologischen Fragen weichen die Forschungsmeinungen eben-
falls deutlich voneinander ab, was die Datierung des Inhalts aus Grab 44
aus Espirdo-Veladiez betrifft. G. Ripoll und P. Ciezar stellen das Graben-
semble an den Anfang ihrer jeweiligen Stufeneinteilung.
42
W. Ebel-Zepe-
39
Jörg Kleemann, Rez. zu Ebel-Zepezauer, Studien (Anm. 29). Ethnographisch-Archäologi-
sche Zeitschrift 42, 2001, 437–471, hier 449.
40
Ebel-Zepezauer, Studien (Anm. 29) 46 „Typ Cubas“ und 301 (Liste 9G). Der Autor hielt
die Schnalle allerdings für aus Bronze bestehend.
41
Jepure, Espirdo-Veladiez (Anm. 22) 116, Taf. V.
42
Gisela Ripoll López, La necrópolis visigoda de Carpio de Tajo. Una nueva lectura a partir
de la topocronología y los adornos personales. Butletì de la Reial Acadèmia Catalana de
Bellas Arts de Sant Jordi 7–8, 1993–94, 187–250; Pablo G. Ciezar, Sériation de la nécropole
wisigothique de Duratón (Ségovie, Espagne). Histoire et Mesure 5, 1–2, 1990, 107–144.
Abb. 1. Lage von Grab 44 in Espirdo-Veladiez
Interpretationsprobleme der Westgotenarchäologie 203
zauer sieht das Grab 44 als Bestandteil seiner dritten Stufe (Stufe C)
43
, ord-
net es also als jünger ein. Der stratigraphische Aspekt jedenfalls, der sich
aus der Befundlage ergibt, deutet auf eine frühe Zeitstellung hin.
Die Bestattung liegt unter Grab 33 und an der Basis des Grabes 38
(Abb. 1). Beide Gräber gehören zu einer Gruppe von wohlgeordneten „Rei-
hengräbern“, die zu den letzten Belegungsphasen des Bestattungsplatzes
zählen. Aus dem ihnen benachbarten Grab 37 stammt eine sog. ‚byzantini-
sche‘ Gürtelschnalle. Dadurch ist zwar die Datierung von Grab 44 in die
zweite Hälfte des 6. Jahrhunderts nicht widerlegt, doch die klare Überlage-
rung durch die jüngeren Gräber spricht für einen beachtlichen zeitlichen
Abstand. Eine endgültige Klärung in Bezug auf die genaue Datierung kann
hier jedoch nicht erbracht werden, so dass dieser Befund bei zukünftigen
Fragen dieser Art berücksichtigt werden sollte.
43
Ebel-Zepezauer, Studien (Anm. 29) 96, Phase C (550–570) als letzte Phase der westgoten-
zeitlichen Bestattungen mit der Beigabe von Fibeln und gotischen Schnallen.
Abb. 2. Blick auf eine Grabungsfläche in Madrona (1954)
204 Antonel Jepure
Das Gräberfeld von Madrona bietet im Gegensatz zu Espirdo-Veladiez
die Voraussetzung für eine Rekonstruktion des Grabungsverlaufs. Es befin-
det sich ebenfalls nur wenige Kilometer vor der Provinzhauptstadt Segovia.
Madrona liegt jedoch an der entgegengesetzten Ausfallstraße nach Südwe-
sten. Es handelt sich dabei mit 350 Gräbern nach Duratón um den zweit-
größten Komplex an planmäßig untersuchten Gräbern eines „westgoti-
schen“ Bestattungsplatzes, wobei auch hier – wie in Esprido-Veladiez und
Duratón – die tatsächlichen Ausmaße völlig unbekannt sind.
Antonio Molinero hatte dort 1951 eine Notgrabung begonnen, die er in
vier weiteren Kampagnen bis 1960 in eine für damalige Verhältnisse bei-
spielhafte Plangrabung umwandeln und seine jahrzehntelange archäologi-
sche Grabungspraxis einbringen konnte. Diese Erfahrung spiegelt sich in
seinen fünf Grabungstagebüchern wider, in denen er die Befundangaben zu
jedem Grab niederschrieb und mit qualitätvollen Aufnahmen ergänzte
(Abb. 2). Er unterschied bereits während der Eintragung jeweils über die
Reihenfolge und Zusammensetzung von Mehrfachbestattungen. Mit der
Fundzeichnung beauftragte er später einen Zeichner, der eine solche Unter-
scheidung nicht treffen konnte und demnach die Funde nach ihrer Grab-
nummer gruppierte. So entstand bei der Publikation dieser Zeichnungen
der Eindruck von geschlossenen Fundkomplexen
44
, die in vielen Fällen lei-
der nicht als solche gelten dürfen.
Ich möchte mich hier lediglich auf zwei ausgewählte Beispiele solcher
Vermischungen beschränken, die zugleich die Qualität der Grabungsdoku-
mentation aus Madrona vermitteln sollen.
Das Grab 222 bietet eine Doppelbestattung einer Frau und eines Man-
nes in einem Kalksteinsarkophag. Diese Bestattung stellt ein Bindeglied in
der Argumentation jener Autoren dar, die in den geschlechtlich gemischten
Doppelbestattungen den Ausdruck eines innigen Verhältnisses des Paares
zu Lebzeiten sehen.
45
Das Paar aus Madrona lag in einer Umarmung ver-
eint, wobei das Frauenskelett seitlich an das Männerskelett gelehnt war
(Abb. 3). Die Aufnahme Molineros zeigt jedoch, dass beide Tote nicht
gleichzeitig in den Sarkophag gelegt wurden. Die Positionen der Knochen
des Frauenskeletts geben zu erkennen, dass die Frauenleiche bewegt wurde,
als sie sich im fortgeschrittenen, aber noch nicht abgeschlossenen Verwe-
sungsprozess befunden hatte. So wurde etwa der rechte Arm von der Schul-
44
Molinero, Aportaciones (Anm. 20).
45
Z. B. Barbara Sasse, Frauengräber im frühmittelalterlichen Alamannien. In: Frauen in
Spätantike und Frühmittelalter. Lebensbedingungen, Lebensnormen, Lebensformen,
hrsg. Werner Affeldt (Sigmaringen 1990) 45–64; Max Martin, Bemerkungen zur Ausstat-
tung der Frauengräber und zur Interpretation der Doppelgräber und Nachbestattungen im
frühen Mittelalter. Ebd., 89–103.
Interpretationsprobleme der Westgotenarchäologie 205
Abb. 3. Doppelbestattung 222 aus Madrona
206 Antonel Jepure
ter getrennt, wobei die einzelnen Sehnenverbindungen dieser Extremität
den äußeren Einwirkungen trotzen konnten. Damit haben die Grabausstat-
ter während der Beisetzung des Mannes eine intime Bindung zwischen den
beiden Personen inszeniert.
Die einzelnen Funde aus dem Sarkophag können anhand der Fotos und
der Beschreibungen Molineros der entsprechenden Bestattung zugewiesen
werden. Da in diesem Fall kein großer zeitlicher Unterschied zwischen bei-
den Beisetzungen vorliegen kann, hat eine Vermischung der beiden Inven-
tare auf chronologische Studien keine direkten Auswirkungen.
Folgenschwer ist dagegen die Vermischung von Vor- und Nachbestat-
tungen, die keinen weiteren Bezug zueinander aufweisen, als den der Nut-
zung des gemeinsamen Grabes. Besonders in Fällen, bei denen die Reste
der vollständig verwesten Vorbestattung mitsamt den Beigaben an das Fuß-
ende der Nachbestattung verschoben wurden, ist die Zeitspanne zwischen
den beiden Graböffnungen völlig offen. Ein solches Bild ergibt sich z. B.
für Grab 188. Beide Fibeln, die Gürtelschnalle mit rechteckiger Beschlag-
platte, der Armreif, die Perlen, ein Ring und die Ohrringe lagen zwischen
den Knochenresten der Vorbestattung verstreut, die neben den Beinkno-
chen der intakten Nachbestattung zusammengehäuft wurden (Abb. 4). Das
Messer, die Taschenbeschläge, die Schilddornschnalle und der zweite Ring
gehörten dagegen zur Nachbestattung.
46
Man muss auch externe Faktoren bei der Vermischung von Grabinven-
taren berücksichtigen, wie etwa die bislang völlig ignorierte antike Grab-
plünderung. Die Wiederöffnung durch zeitgenössische Grabräuber konnte
ebenfalls erheblich auf die Geschlossenheit, die Vermischung oder die Voll-
ständigkeit der Funde einwirken, wie aus mitteleuropäischen Gräberfeldern
leidlich bekannt ist.
47
Weiterhin erschließen sich aus der Originaldokumentation andere
Aspekte, wie etwa der Grabbau und die Bestattungssitte. Als Grundlage für
diese Themenbereiche galten bisher die Gräber aus Duratón I und Herrera
de Pisuerga, die in Anbetracht der Tragweite der Aussagen im Verhältnis zu
der Gesamtzahl westgotenzeitlicher Bestattungen einen zu geringen Anteil
46
Die Beschreibung der Nachbestattung wurde vom Ausgräber veröffentlicht: Molinero,
Guarniciones (Anm. 30) 469ff. sowie Abb. 3 und 5.
47
Eine eigene Studie über den antiken Grabraub in westgotenzeitlichen Gräberfeldern ist
bereits abgeschlossen (in spanischer Sprache). Gerd Koenig hielt die spanischen Gräber-
felder für unberaubt; Gisela Ripoll López, Características generales del poblamiento y la
arqueología funeraria visigoda de Hispania. Espacio, Tiempo y Forma Serie 1, Prehistoria
y Arqueología 2, 1989, 389–418, hier 409ff., und Blanca Gamo Parras, La Antigüedad Tar-
día en la Provincia de Albacete (Albacete 1999) 276ff., verweisen zumindest auf westgoti-
sche Gesetzestexte, die den Grabraub unter empfindliche Strafen stellten.
Interpretationsprobleme der Westgotenarchäologie 207
Abb. 4. Vorbestattung aus Grab 188 in Madrona. Markiert sind (von links) die Fußplatte einer
Bügelfibel, ein Ohrring und ein Armring
208 Antonel Jepure
darstellen. Im Gräberfeld von Carpio de Tajo erlaubt die unvollständige
Dokumentation nur bedingt eine Vertiefung in die genannten Themen
48
,
und das modern erfasste Gräberfeld von Cacera de las Ranas (Madrid)
bietet nicht die gesamte Vielfalt vorhandener Formen.
49
Als Folge dessen
neigte man insgesamt dazu, Ableitungen aus der merowingerzeitlichen Ar-
chäologie zu unternehmen, die zu einer oft unzutreffenden Verallgemeine-
rung geführt haben.
Ausblick
Die Hauptaussagen der Archäologie der Westgotenzeit basieren nach wie
vor auf den Altgrabungen. Darin liegt aber zugleich das Hauptpotential
noch unbekannter Details. Ich wollte mit dem vorliegenden Beitrag darauf
hinweisen, dass dieses Potential überhaupt nicht annähernd ausgeschöpft
wurde. Außerdem hat bei der Auswertung dieser Altfunde der geringe
Kenntnisstand der Befunde einerseits dazu geführt, dass der Forschungs-
schwerpunkt in übertriebenem Maße auf die Betrachtung der Funde ver-
schoben wurde (meist ohne Untersuchungen der Originale!), weshalb stets
neue Typologien vorgestellt werden, die im Grunde aber keine wesent-
lichen Neuerkenntnisse liefern. Andererseits sind wichtige Aussagen über
bisherige Gräberfeldauswertungen ungenügend durch Befunde abgedeckt.
Solche Aussagen betreffen z. B. die Belegungsentwicklung der Bestattungs-
plätze und die Assimilierungsprozesse eingewanderter mit einheimischen
Bevölkerungsgruppen. Dabei ging man bisher viel zu sehr von homogenen
Verhältnissen in den westgotenzeitlichen Gräberfeldern aus. Auch die De-
finition von ‚germanischem‘ und ‚romanischem‘ Fundstoff beruht vermut-
lich auf zu einfachen Schemen. So kann etwa das ‚Romanische‘ nicht ohne
weiteres durch das Fehlen ‚germanischer‘ Merkmale bestimmt sein, die wie-
derum regional unterschiedlich behandelt werden.
Der Ausblick für die Forschung der Westgotenzeit ist m. E. trotzdem
positiv, obwohl die Archäologie in den folgenden Jahren genauso wie bis-
her auf die Altgrabungen zurückgreifen werden muss; allerdings unter ver-
änderten Bedingungen.
Durch die Schenkung der Dokumentation von Emilio Camps durch
seine Tochter an das Archäologische Nationalmuseum in Madrid und mei-
ner Entdeckung der Grabungsunterlagen von Antonio Molinero werden
sich in sehr naher Zukunft ganz neue Möglichkeiten für die Anwendung
48
Sasse, Carpio de Tajo (Anm. 15) 9ff.
49
Ardanaz, Cacera de las Ranas (Anm. 26).
Interpretationsprobleme der Westgotenarchäologie 209
von all jenen archäologischen Methoden eröffnen, die etwa in der Archäo-
logie der Merowingerzeit seit Jahrzehnten zur Routine gehören.
Das von der Grabungsqualität her zweitrangige Gräberfeld von Espirdo-
Veladiez liegt mittlerweile bereits vor.
50
In den kommenden Jahren werden
hoffentlich in der genannten Reihenfolge die Publikationen der Nekropo-
len von Castiltierra, Madrona und Duratón folgen. Mittlerweile konnte ich
Kollegen dazu ermuntern, sich auf die Suche nach verschollenen Unterla-
gen weiterer Altgrabungen zu begeben.
Die Westgotenarchäologie hat sich in einer Sackgasse festgefahren. Einer-
seits ist der Fragenkatalog seit der Zeit von Antonio Molinero nicht wesent-
lich erweitert worden. Andererseits ist es kaum noch zu überblicken,
welche Aussagen tatsächlich auf archäologischen Befunden und welche auf
subjektiven Einschätzungen beruhen. Mit jeder neuen Forschergeneration
erschwert sich eine Entflechtung dieser Situation, da auch kritische Ansätze
mit dem Verweis auf eine lange Forschungstradition im Keim erstickt wer-
den. Die Vorlage der segovianischen Altgrabungen von Duratón, Madrona,
Castiltierra und Espirdo-Veladiez wird vielleicht die Möglichkeit bieten,
einen Weg aus dieser Sackgasse zu finden – indem man wieder an den An-
fang zurückschreitet. Die unausweichliche Grundvoraussetzung für eine
erfolgreiche Umorientierung ist allerdings die vorläufige Aussetzung der
ethnischen Frage. Erst wenn die Befunde der zentralkastilischen Bestat-
tungsplätze rein archäologisch – d. h. ohne voreilige Einbeziehung histori-
scher Daten – ausgewertet sein werden, wird eine Überarbeitung der Chro-
nologie und schließlich auch wieder eine allmähliche Annäherung an die
ethnische Frage möglich sein. Vielleicht haben bis dahin spanische Archäo-
logen ein weiteres ‚Duratón‘ entdeckt und ausgegraben, das dann real mit
den Altgrabungen verglichen werden könnte.
50
Jepure, Espirdo-Veladiez (Anm. 22).
210 Antonel Jepure
Methodik der ethnischen Deutung 211
Methodik der ethnischen Deutung
Überlegungen zur Interpretation der Grabfunde
aus dem thüringischen Siedlungsgebiet
Claudia Theune
Einleitung
Die Diskussion um ethnische Identitäten hat eine lange Tradition und ge-
hört zu den stets aktuellen Themen der frühgeschichtlich-archäologischen
Forschung. Die ethnische Bestimmung der materiellen Hinterlassenschaf-
ten frühmittelalterlicher gentes geschah traditionell aufgrund der Aussagen
von Schriftquellen. Dort werden mehr oder weniger präzise Angaben zu
den Siedlungsräumen der gentes gemacht, in der Folge wiesen die Archäo-
logen alle in dieser Region ausgegrabenen Komplexe diesen Stämmen zu.
Gehäuft auftretenden Fundkombinationen, bzw. immer wieder kehrende
typische Stücke wurden als charakteristisch angesehen. Besonders die Frau-
entracht des 6. Jahrhunderts mit spezifischen Bügel- und Kleinfibeln gilt
bis heute als ethnischer Anzeiger. Verbreitungskarten, die oft nur vermeint-
lich ein begrenztes Vorkommen der Typen widerspiegeln, bestätigten schein-
bar die Annahmen. So lag vielfach bei den Zuweisungen der materiellen
Kultur zu einer gens das Hauptaugenmerk auf einzelne Funde, wenig Be-
rücksichtung fanden die weiteren archäologischen Quellen.
Diese älteren Ansätze in der Archäologie
1
beruhen nicht zuletzt auf der
großen Bedeutung des Nationalgefühls und des Nationalismus im 19. Jahr-
hundert, und sie wurden durch die Schriften Gustaf Kossinnas in der Zeit
um 1900 im Fach verwurzelt. Die wegweisende Studie des Mediävisten
Reinhard Wenskus
2
führte eine differenzierte Sichtweise ein. Neben der ge-
meinsamen Abstammung und der tragenden Bedeutung des Traditions-
1
Zusammenfassend bei Sebastian Brather, Ethnische Interpretationen in der frühgeschicht-
lichen Archäologie. Geschichte, Grundlagen, Alternativen. Reallexikon der Germani-
schen Altertumskunde, Ergänzungsband 42 (Berlin, New York 2004) 159ff.
2
Reinhard Wenskus, Stammesbildung und Verfassung. Das Werden der frühmittelalter-
lichen gentes (Köln, Wien 1961).
Zwischen Spätantike und Frühmittelalter – RGA-E Band 57 – Seiten 211–233
© 2008 Walter de Gruyter · Berlin · New York
212 Claudia Theune
kerns stellte er auch eine gemeinsame Kulturgemeinschaft heraus. Heute
werden weitere Aspekte betont;
3
dazu gehört auch die Feststellung, dass
Gemeinschaften dynamische Gebilde sind, dass sich die Zusammenset-
zung der Gruppen ändern kann, dass nicht alle Menschen, die in einer Re-
gion wohnen, einer gens angehören müssen, und dass Personen die Zuge-
hörigkeit zu einer ethnischen Gruppe wechseln können. Die Genese einer
Gemeinschaft ist zudem nur in der Auseinandersetzung und Reflexion mit
anderen Gemeinschaften möglich, eine verbindungslose Entstehung und
weitere Entwicklung kann nicht erkannt werden.
4
Der wissenschaftliche Diskurs um ethnische Identitäten in der Früh-
geschichte basiert heute auf neueren sozialanthropologischen, durch die
Archäologen rezipierten Theorien.
5
Auch wenn die Schlussfolgerungen
nicht kongruent sind, herrscht doch Einigkeit darüber, dass nicht mehr die
Vorstellungen einer gemeinsamen Abstammung und einer gemeinsamen
Kultur für ethnische Identitäten ausschlaggebend sind, wie sie die älteren
Forschung propagierte, sondern dass Identitäten sich stets verändernde
und sich weiterentwickelnde Wir-Gruppen sind. Das Wir-Bewusstsein und
die Abgrenzung nach außen und die dadurch bedingte Selbstzuweisung
und Fremdbestimmung sind die zwei maßgeblichen Aspekte. Andere
Merkmale wie eine gemeinsame Kultur, Sprache, Religion, Abstammung
oder ein einheitliches Territorium sind weitere wichtige, aber letztendlich
nicht ausschlaggebende Merkmale.
Wenn denn die Archäologie ethnische Bestimmungen vornehmen
möchte, muss sie Kriterien heranziehen, die eine hohe Wertigkeit für sol-
che Identitätsmerkmale besitzen. Kriterien aus dem religiösen oder kul-
tischen Bereich sind sicherlich aussagekräftiger als funktionale Aspekte.
Bestattungssitten zählen zu den Bräuchen, die das Zusammengehörigkeits-
gefühl der Gruppen bestätigen und stärken. Möglicherweise die Identität
nach außen sichtbar machende, in den Bestattungssitten und den archäo-
logischen Funden vorkommende Symbole können Archäologen gegebe-
nenfalls für die Identifizierung von Gruppen heranziehen. Nicht nur die in
3
Walter Pohl, Franken und Sachsen: Die Bedeutung ethnischer Prozesse im 7. und 8. Jahrhun-
dert. In: Christoph Stiegemann/Matthias Wemhoff (Hrsg.), 799. Kunst und Kultur der Ka-
rolingerzeit. Beiträge zum Katalog der Ausstellung Paderborn 1999 (Mainz 1999) 233–236;
ders., Die Germanen. Enzyklopädie deutscher Geschichte 57 (München 2000) 7ff.; ders.,
die Völkerwanderung. Eroberung und Integration (Stuttgart, Berlin, Köln 2002) 13ff.
4
Brather, Ethnische Interpretationen (Anm.1) 148f.
5
Frank Siegmund, Alemannen und Franken. Reallexikon der Germanischen Altertums-
kunde, Ergänzungsband 23 (Berlin, New York 2000); Brather, Ethnische Interpretationen
(Anm. 1); Claudia Theune, Germanen und Romanen in der Alemannia. Reallexikon der
Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 45 (Berlin, New York 2004).
Methodik der ethnischen Deutung 213
der Vergangenheit
6
stark in Betracht gezogenen Einzelfunde, sondern auch
Beigabenkombinationen, der Grabbefund sowie die Gräberfeldstruktur
sollten dafür mit in die Analyse einfließen, um einen möglichst umfassen-
den Einblick in die Bestattungssitten zu erhalten.
Zudem sind Überlegungen zu Herstellung und Verteilung von Objekten,
einschließlich der Trachtbestandteile, stärker zu berücksichtigen.
7
Die Inter-
pretation von weiblichen Trachtbestandteilen als ethnisches Kennzeichnen
setzt voraus, dass der Erwerb z. B. bestimmter Bügelfibeln nur bestimmten
Frauen vorbehalten war und dass diese Stücke nicht auf einem Markt beliebig
zu erhalten waren. Auffällig ist weiterhin, dass die männlichen Mitglieder
einer gefolgschaftlich organisierten Stammesgemeinschaft, die zunächst den
militärisch bestimmten Namen führten
8
, anscheinend keine für uns heute
noch sichtbaren Kennzeichen und Symbole besaßen. Nur selten werden für
bestimmte nur in Männergräbern vorkommende Funde regionale Verbrei-
tungen und damit eventuell ethnisch zu interpretierende Objekte konstatiert.
Im Folgenden sollen nach einer forschungsgeschichtlichen Einführung
sowohl die Einzelfunde und die Fundkombinationen als auch der Grabbe-
fund und die Gräberfeldstruktur näher beleuchtet werden, um gegebenen-
falls Aussagen zu der Gruppenzugehörigkeit der auf den thüringischen Grä-
berfeldern bestatteten Personen zu erlangen.
Forschungsgeschichte
Die archäologischen Forschungen zu den Thüringern setzten schon in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein.
9
Bedeutende Grabfunde aus Wei-
mar
10
oder Obermöllern
11
führten zu ersten Vorstellungen des Fundmate-
6
Brather, Ethnische Interpretationen (Anm. 1) 304ff.
7
Rainer Christlein, Die Alamannen. Archäologie eines lebendigen Volkes (Stuttgart 1978)
105ff.; Heiko Steuer, Höhensiedlungen des 4. und 5. Jahrhunderts in Südwestdeutsch-
land. In: Hans Ulrich Nuber/Karl Schmid/Heiko Steuer/Thomas Zotz (Hrsg.), Archäolo-
gie und Geschichte. Freiburger Forschungen zum ersten Jahrtausend in Südwestdeutsch-
land 1 (Sigmaringen1990) 139–205; Gerard Jentgens, Die Alamannen. Methoden und
Begriffe der ethnischen Deutung archäologischer Funde und Befunde. Freiburger Beiträge
zur Archäologie und Geschichte des ersten Jahrtausends 4 (Rahden/Westfalen 2001) 121ff.
8
Brather, Ethnische Interpretationen (Anm. 1) 148.
9
Claudia Theune, s. v. Thüringer, Archäologisch. In: Reallexikon der Germanischen Alter-
tumskunde 30 (Berlin, New York 2005) 535–544.
10
Alfred Götze, Die merowingischen Altertümer Thüringens. Verhandlungen der Berliner An-
thropologischen Gesellschaft 1894, 49–56; ders., Germanische Funde aus der Völkerwande-
rungszeit. Die altthüringischen Funde von Weimar 5.–7. Jahrhundert n. Chr. (Berlin 1912).
11
Friedrich Holter, Das Gräberfeld bei Obermöllern aus der Zeit des alten Thüringen. Jah-
resschrift für die Vorgeschichte der sächsisch-thüringischen Länder 12/1 (Halle 1925).
214 Claudia Theune
rials. Frühe zusammenfassende Arbeiten stammen von Walther Schulz und
Kurt Ziegel.
12
Schulz nannte erstmals die Bügelfibeln mit ausgezackter
Kopfplatte als kennzeichnend und führte für diesen Typ den Begriff der
„Thüringer Fibel“ ein.
13
Spezifisch thüringische Funde aus den Männergrä-
bern wurden nicht herausgestellt. Weiterhin wurde die glättverzierte Dreh-
scheibenkeramik als charakteristisch beschrieben.
14
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Archäologie der Thü-
ringer stark mit Berthold Schmidt verbunden.
15
Charakteristisch für die Ar-
12
Walther Schulz, Merowingerfunde zwischen Ohre und Harz. Jahresschrift für mitteldeut-
sche Vorgeschichte 12/2, 1925, 80–88; ders., Zur Merowingerzeit Mitteldeutschlands.
Neuere Funde und Forschungen. Mannus 18, 1926, 285–297; ders., Das Thüringer Reich
in der archäologischen Forschung. Prähistorische Zeitschrift 21, 1930, 312–313; Kurt Zie-
gel, Die Thüringer der späten Völkerwanderungszeit im Gebiet östlich der Saale. Jahres-
schrift für die Vorgeschichte der sächsisch-thüringischen Länder 31, 1939, 1–118.
13
Walther Schulz, Edelmetallschmuck der Völkerwanderungszeit in Mitteldeutschland.
IPEK (Jahrbuch für prähistorische und ethnographische Kunst) 4, 1928, 57–63, hier 60.
14
Schulz, Edelmetallschmuck (Anm. 13).
15
Berthold Schmidt, Die späte Völkerwanderungszeit in Mitteldeutschland. Veröffentlichun-
gen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle 18 (Halle/Saale 1961); ders., Die späte Völ-
kerwanderungszeit in Mitteldeutschland, Katalog Südteil. Veröffentlichungen des Landes-
museums für Vorgeschichte Halle 25 (Berlin 1970); ders., Die späte Völkerwanderungszeit in
Mitteldeutschland, Katalog Nord- und Ostteil. Veröffentlichungen des Landesmuseums für
Vorgeschichte Halle 29 (Berlin 1976); ders., Konkordanz und Diskordanz schriftlicher und
archäologischer Quellen am Beispiel des Thüringer Reiches. In: Joachim Preuß (Hrsg.), Von
der archäologischen Quelle zur historischen Aussage. Martin-Luther-Universität Halle-Wit-
tenberg, Wissenschaftliche Beiträge L 13 (Berlin 1979) 263–279; ders., Stand und Aufgaben
der Frühgeschichtsforschung im Mittelelbe-Saale-Gebiet. Jahresschrift für mitteldeutsche
Vorgeschichte 65, 1982, 145–172; ders., Die Thüringer. In: Bruno Krüger (Hrsg.), Die Ger-
manen. Geschichte und Kultur der germanischen Stämme in Mitteleuropa. Ein Handbuch
in zwei Bänden, 2. Die Stämme und Stammesverbände in der Zeit vom 3. Jahrhundert bis
zur Herausbildung der politischen Vorherrschaft der Franken (Berlin
2
1986) 502–548; ders.,
Das Königreich der Thüringer und seine Provinzen. In: Germanen, Hunnen und Awaren.
Ausstellungskatalog Nürnberg, Frankfurt/Main (Nürnberg 1988) 471–511; ders., Thüringer,
Franken und Sachsen vom 6.–8. Jahrhundert. In: Joachim Herrmann (Hrsg.), Archäologie in
der Deutschen Demokratischen Republik 1. Archäologische Kulturen, geschichtliche Peri-
oden und Volksstämme (Leipzig, Jena, Berlin 1989) 220–228; ders., Thüringer, Franken,
Sachsen, Slawen. Gesellschaftliche Veränderungen vom 6.–8. Jahrhundert in Mitteldeutsch-
land. Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte 75, 1992, 312–323; ders., Zwischen rö-
mischer Eroberung und Königreich. Archäologie in Deutschland 1996/2, 20–25; ders., Das
Königreich der Thüringer und seine Eingliederung in das Frankenreich. In: Die Franken.
Wegbereiter Europas. Ausstellungskatalog Mannheim (Stuttgart 1996) 285–297; vgl. Günter
Behm-Blancke, Zur Sozialstruktur der völkerwanderungszeitlichen Thüringer. Ausgrabun-
gen und Funde 15, 1970, 257–271; ders., Gesellschaft und Kunst der Germanen. Die Thürin-
ger und ihre Welt (Dresden 1973); Karl Peschel, Thüringen in ur- und frühgeschichtlicher
Zeit (Wilkau-Haßlau 1994); Matthias Knaut, 500 Jahre Königreich. Archäologie in Deutsch-
land 1996/2, 16–19; Wolfgang Timpel, Die Thüringer. Ein bedeutendes Volk und Reich
in Mitteleuropa. In: Sigrid Dusˇek (Hrsg.), Ur- und Frühgeschichte Thüringens. Ergebnisse
archäologischer Forschung in Text und Bild (Stuttgart 1999) 143–165; Christina Hansen,
Methodik der ethnischen Deutung 215
beiten von Schmidt sind die enge Verknüpfung von Schriftquellen mit
den archäologischen Funden und die darauf aufbauende Interpretation der
Grabfunde. Grundlage bilden einerseits die durch die Schriftlichkeit über-
lieferten regionale Abgrenzung der Siedlungsgebiete, andererseits einige
besonders in diesem Raum verbreitete Funde, wie Zangenfibeln, Vogel-
kopffibeln oder die Drehscheibenkeramik mit Glättverzierung. Gerade die
Fibeln galten als genuin thüringisch und für die thüringische Frauentracht
kennzeichnend. Danach sind die Grabfunde der zweiten Hälfte des 5. Jahr-
hunderts und des 6. Jahrhunderts zwischen Weißer Elster, Saale, Thüringer
Wald und Harz den Thüringern zuzuschreiben (Abb. 1). Ausläufer reichen
im Westen bis an die hessische Werra
16
, im Osten bis in den Fläming, der
Region um Riesa an der Elbe und im Süden bis nach Böhmen.
17
Heute sind
über 300 Fundorte in den zentralen Gebieten bekannt, hinzuzufügen sind
noch etwa 100 Fundplätze im Böhmen. Die Verbreitung der als thüringisch
beschriebenen Funde deckt sich weitgehend mit den Ortschaften, deren
Namen mit einem Suffix „-leben“ enden. Folglich werden die „-leben“-
Orte als thüringische Siedlungen angesehen.
Die Berücksichtigung der durch die Schriftquellen überlieferten Aus-
sagen bezog sich nicht nur auf die geographischen Angaben, sondern man
versuchte auch, die anonymen archäologischen Funde mit historisch be-
kannten Persönlichkeiten des thüringischen Könighauses zu verbinden
18
Frauengräber im Thüringerreich: Zur Chronologie des 5. und 6. Jahrhunderts nach Chris-
tus. Basler Hefte zur Archäologie 2 (Basel 2004).
16
Klaus Sippel, Die frühmittelalterlichen Grabfunde in Nordhessen. Materialien zur Vor-
und Frühgeschichte von Hessen 7 (Wiesbaden 1989); ders., Thüringische Grabfunde des
frühen Mittelalters in Osthessen. Archäologische Quellen zur Westausdehnung thüringi-
scher Besiedlung in karolingischer Zeit. In: Michael Gockel (Hrsg.), Aspekte thüringisch-
hessischer Geschichte (Marburg/Lahn 1992) 29–48.
17
Bedrˇich Svoboda, C
ˇ
echy v dobé steˇhování národù (Böhmen in der Völkerwanderungs-
zeit). Monumenta Archaeologica 13 (Prag 1965) 309–358; Alena Rybová, Brandgräberfel-
der des 5. Jahrhunderts in Böhmen. In: Königreich der Thüringer und seine Provinzen. In:
Germanen, Hunnen und Awaren. Ausstellungskatalog Nürnberg, Frankfurt/Main (Nürn-
berg 1988) 528–543; Jirˇí Zeman, Böhmen im 5. und 6. Jahrhundert. In: Germanen, Hun-
nen und Awaren. Ausstellungskatalog Nürnberg, Frankfurt/Main (Nürnberg 1988)
515–527; ders., Pohrˇebisˇteˇ z doby steˇhování národ˚ u (Gräberfelder aus der Völkerwande-
rungszeit). In: Miroslav Buchvaldek (Hrsg.), Lochenice. Z archeologicky´ch vy´zkum˚ u na
katastru obce. Praehistorica 16 (Praha 1990) 69–101.
18
Berthold Schmidt, Thüringische Hochadelsgräber der späten Völkerwanderungszeit. Varia
Archaelogica. Festschrift Wilhelm Unverzagt. Schriften der Sektion für Vor- und Frühge-
schichte 16 (Berlin 1964) 195–213; vgl. Paul Grimm, Zur Erkenntnismöglichkeit gesell-
schaftlicher Schichtungen in Thüringen des 6.–9. Jahrhundert. Jahresschrift für mittel-
deutsche Vorgeschichte 37, 1953, 312–322; Peter Donat, Die Adelsgräber von Großhörner
und Stößen und das Problem der Qualitätsgruppe D merowingerzeitlicher Grabausstat-
tungen. Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte 72, 1989, 185–204.
216 Claudia Theune
Abb. 1. Verbreitung ältermerowingerzeitlicher Fundplätze zwischen Werra, Elbe, Havel und
Thüringer Wald (nach Schmidt, Das Königreich der Thüringer [Anm. 15] 287 Abb. 225)
Methodik der ethnischen Deutung 217
und nahm des Weiteren Bezug auf die tradierten Ereignisse um den Unter-
gang des Thüringerreiches um 531/534 und die folgende fränkische Ober-
hoheit in dem beschriebenen Raum, bzw. die Ausbreitung des sächsischen
Einflussgebietes von Norden her
19
sowie die Einwanderung slawischer
Stämme östlich der Elbe.
20
Dem zufolge wurden die Grabfunde der Zeit
um 600 und vor allem des 7. Jahrhunderts den Franken zugewiesen
21
bzw.
zumindest ein fränkischer Einfluss postuliert.
22
Bestätigung fand diese
Sichtweise durch Funde wie fränkische Knickwandtöpfe, Angonen oder
westliche Fibeltypen, die beispielsweise aus den Gräberfeldern in Söm-
merda
23
, Alach
24
, Ammern
25
oder Deersheim
26
geborgen wurden. Die Tat-
sache, dass die als fränkisch angesehenen Funde erst rund ein bis zwei Ge-
nerationen nach dem Niedergang des thüringischen Königreiches in den
Boden gelangten, wurde mit der sich nicht sofort durchsetzenden fränki-
schen Oberhoheit interpretiert. Unklar blieb außerdem der Verbleib der
alteingesessenen Bevölkerung, oder er wurde nicht diskutiert.
19
Berthold Schmidt, Zur Sachsenfrage im Unstrut-Saale-Gebiet und im Nordharzvorland.
Studien zur Sachsenforschung 2, 1980, 423–446; ders., Thüringer, Franken, Sachsen, Sla-
wen (Anm. 15) 318; ders., Zwischen römischer Eroberung und Königreich (Anm. 15);
ders., Das Königreich der Thüringer und seine Eingliederung (Anm. 15); ders., Thüringi-
sche Einflüsse in Niedersachsen während des 5./6. Jahrhunderts n. Chr. Issendorf, Ldkr.
Stade, Grab 3575. Studien zur Sachsenforschung 10, 1997, 241–251; ders., Hermunduren,
Angeln, Warnen, Thüringer, Franken, Sachsen. Studien zur Sachsenforschung 13, 1999,
341–366; Ursula Koch, Eine sächsisch-thüringische Familie am Neckar. Vogelfibeln aus
Liebenau an der Weser und Pleidelsheim am Neckar. Studien zur Sachsenforschung 13,
1999, 263–271.
20
Hansjürgen Brachmann, Slawische Stämme an Elbe und Saale Zu ihrer Geschichte und
Kultur im 6. bis 10. Jh. – auf Grund archäologischer Quellen. Schriften zur Ur- und Früh-
geschichte 32 (Berlin 1978).
21
Schmidt, Die späte Völkerwanderungszeit (Anm. 15) 174f.; ders., Thüringer, Franken,
Sachsen, Slawen (Anm. 15) 318.
22
Bruno Krüger, Der östliche Einfluss der Franken im Spiegel der Bodenfunde. Studien zur
Sachsenforschung 8, 1993, 69–71; Wolfgang Timpel, Franken. Neue Herren in Thüringen.
In: Sigrid Dusˇek (Hrsg.), Ur- und Frühgeschichte Thüringens. Ergebnisse archäologischer
Forschung in Text und Bild (Stuttgart 1999) 167–179.
23
Schmidt, Die späte Völkerwanderungszeit. Katalog Südteil (Anm. 15) 70ff.
24
Wolfgang Timpel, Das fränkische Gräberfeld von Alach, Kr. Erfurt. Alt-Thüringen 25,
1990, 61–155.
25
Peter Sachenbacher, Neue völkerwanderungszeitliche Gräber bei Ammern, Ldkr. Mühl-
hausen. Vorbericht. Ausgrabungen und Funde 37, 1992, 264–275.
26
Johannes Schneider, Deersheim. Ein völkerwanderungszeitliches Gräberfeld im Nord-
harzvorland. Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte 66, 1983, 75–358; ders., Grab-
formen und Beigabensitte auf den völkerwanderungszeitlichen Friedhöfen von Deers-
heim und Weimar Nord. In: Fritz Horst/Horst Keiling (Hrsg.), Bestattungswesen und
Totenkult in ur- und frühgeschichtlicher Zeit. Beiträge zu Grabbrauch, Bestattungssitten,
Beigabenausstattung und Totenkult (Berlin 1991) 209–238.
218 Claudia Theune
Parallel zu den Forschungen in den heutigen Bundesländern Thüringen
und Sachsen-Anhalt wurden thüringische Grabfunde auch im Mittelrhein-
gebiet
27
, in Mainfranken
28
, in Bayern
29
und am Niederrhein
30
erkannt.
Auch hier waren es Thüringer Fibeln und verwandte Formen sowie die Ke-
ramik, die für diese ethnische Einordnung die Grundlage bildeten. Diese
thüringischen Funde außerhalb des genuinen Siedlungsgebietes galten als
Beleg für nach der Niederlage gegen die Franken ausgewanderte Thüringer,
wobei man sowohl neutral von Auswanderung sprach, als auch von einer
Umsiedlungspolitik
31
, oder es wurde eine administrative Aussiedlung von
Thüringern durch die Franken postuliert
32
, in Einzelfällen wurde von Exo-
gamie gesprochen.
33
Auch bei diesen Interpretationen steht die archäologi-
sche Deutung unter dem Einfluss historisch bekannten Ereignisse. Lediglich
für Funde im Mittelrheingebiet, die schon in der Zeit um 500 zu datieren
sind, würde eine frühere Ansiedlung von Thüringern erwogen.
34
Die frü-
27
Alfried Wieczorek, Mitteldeutsche Siedler bei der fränkischen Landnahme in Rheinhes-
sen. In: Alois Gerlich (Hrsg.), Das Dorf am Mittelrhein. Fünftes Alzeyer Kolloquium. Ge-
schichtliche Landeskunde 30 (Stuttgart 1989) 11–101; Alexander Koch/Alfried Wieczorek,
Spuren in der Fremde. Archäologie in Deutschland 1996/2, 32–35.
28
Arno Rettner, Bevor Franken fränkisch wurde. Thüringer am Main. Befunde aus dem
frühmittelalterlichen Gräberfeld von Zeuzleben bei Schweinfurt. Bayernspiegel 3 (Mün-
chen 1992); ders., Das frühmittelalterliche Gräberfeld von Zeuzleben (Gde. Werneck, Lkr.
Schweinfurt). Die Grabbeigaben, Gesamtauswertung der Funde und Befunde. Archäolo-
gisches Nachrichtenblatt 1/3, 1996, 248–250; ders., Grabhäuser und Grabräuber. Archäo-
logie in Deutschland 1996/2, 26–31; ders., Thüringisches und Fränkisches in Zeuzleben.
Acta Praehistorica et Archaeologica 30, 1998, 113–125.
29
Volker Bierbrauer, Das Reihengräberfeld von Altenerding und die bajuwarische Ethnoge-
nese – eine Problemskizze. Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters 13, 1985, 7–25, hier
22; Hans Geissler, Das frühbairische Gräberfeld Straubing-Bajuwarenstrasse I. Katalog der
archäologischen Befunde und Funde. Internationale Archäologie 30 (Rahden/Westf.
1998); Ursula Koch, Nordeuropäisches Fundmaterial in Gräbern Südwestdeutschlands
rechts des Rheins. In: Uta v. Freeden/Ursula Koch/Alfried Wieczorek (Hrsg.), Völker an
Nord- und Ostsee und die Franken. Kolloquien zur Vor- und Frühgeschichte 3 (Bonn
1999) 175–194.
30
Horst Wolfgang Böhme, Vom Wandel des Abendlandes. Thüringer im Frankenreich des
5. Jahrhunderts. Jahrbuch des Römisch-germanischen Zentralmuseums Mainz 34, 1987,
736–739; ders., Les Thuringiens dans le Nord du royaume franc. Revue archéologique de
Picardie 3/4, 1988, 57–69.
31
Ursula Koch, Das fränkische Gräberfeld von Klepsau im Hohenlohekreis. Forschungen
und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg 38 (Stuttgart 1990) 249.
32
Schmidt, Das Königreich der Thüringer und seine Eingliederung (Anm. 15) 293.
33
Vgl. Ursula Koch, Das Reihengräberfeld bei Schretzheim. Germanische Denkmäler der
Völkerwanderungszeit A 13 (Berlin 1977); dies., 2001; Schmidt, Thüringer, Franken, Sach-
sen, Slawen (Anm. 15); Koch/Wieczorek, Spuren in der Fremde (Anm. 27) 32.
34
Wieczorek, Mitteldeutsche Siedler (Anm. 27) 62ff.; Koch/Wieczorek, Spuren in der
Fremde (Anm. 27).
Methodik der ethnischen Deutung 219
hen Funde des 5. Jahrhunderts in Gallien wurden als Zeugnis von dort an-
wesenden Angehörigen von Foederaten gedeutet.
35
Die Grabfunde
Einzeltypen
Traditionell spielen spezifische Grabfunde bei der ethnischen Deutung
eine herausragende Rolle. Daher sollen sie zuerst betrachtet werden, bevor
anschließend die Bestattungssitten und die Gräberfeldstrukturen näher un-
tersucht werden.
Accessoires der Frauentracht kommt bei ethnischen Interpretationen
eine besondere Bedeutung zu. Insbesondere sind es die Fibeln, die unter
diesen Gesichtspunkten betrachtet werden. Der äußere Umriss und die Ge-
staltung von Kopfplatte und Fibelfuß sowie einige Dekorelemente sind für
die Klassifizierung ausschlaggebend. Die Häufung von bestimmten Typen
in einer Region gilt als Nachweis für die in diesem Raum übliche, ethnisch
zu deutende, Frauentracht. Dies betrifft in erster Linie die Fibeln des 5. und
6. Jahrhunderts; die Fibel- und Nadeltracht des 7. Jahrhunderts wird für
diese Analysen weniger herangezogen. Auch andere Trachtbestandteile wie
Ringschmuck, Wadenbinden- oder Schuhgarnituren oder auch Perlen fin-
den kaum Berücksichtigung. Ebenso werden die Funde aus den Männer-
gräbern nur selten für ethnische Präsentationen beachtet. Dies betrifft ins-
besondere die in den Gräbern vielfältig erscheinenden Waffengürtel und
Waffen, lediglich einige Formen wie Angonen oder Franzisken gelten als ty-
pisch fränkisch.
Als charakteristisch thüringisch werden in erster Linie bestimmte Fibeln
angesehen, aber auch die glättverzierte Drehscheibenkeramik wird bei der
Herausstellung thüringischen Kulturgutes oft herangezogen. Die hier in
Rede stehenden Bügelfibeln
36
lassen sich in Zangenfibeln, Vogelkopffibeln
sowie einigen Miniaturbügelfibeln (Abb. 2) gliedern. Die Zangenfibeln
35
Böhme, Vom Wandel des Abendlandes (Anm. 30); ders., Les Thuringiens (Anm. 30); Ale-
xander Koch, Fremde Fibeln im Frankenreich. Ein Beitrag zur Frage nichtfränkischer ger-
manischer Ethnien in Nordgallien. Acta Praehistorica et Archaeologica 30, 1998, 69–89.
36
Herbert Kühn, Die germanischen Bügelfibeln der Völkerwanderungszeit in Mittel-
deutschland. Die germanischen Bügelfibeln der Völkerwanderungszeit 3 (Graz 1981);
Schmidt, Die späte Völkerwanderungszeit (Anm. 15) 117ff. Zuletzt: Alexander Koch, Bü-
gelfibeln der Merowingerzeit im westlichen Frankenreich. Römisch-germanisches Zentral-
museum Mainz, Monographien 41 (Mainz 1998) 381ff.; Hansen, Frauengräber im Thü-
ringerreich (Anm. 15).
220 Claudia Theune
Abb. 2. Thüringische Fibeln. 1 Miniaturbügelfibel mit dreiknöpfiger Kopfplatte und Abschluss-
rundel (Typ Weimar/Arcy-Sainte Restitue) (Naumburg, Grab 21); 2 Miniaturbügelfibel mit
almandinverzierter Kopfplatte (Stößen, Grab 59); 3 Dreirundelfibel (Stößen, Grab 43); 4 Minia-
turfibel mit halbrunder Kopfplatte und gezackten Knöpfen (Naumburg, Grab 11); 5 gleicharmige
Miniaturzangenfibel (Rathewitz, Grab 16); 6 Miniaturzangenfibel mit Abschlußrundel (Stößen,
Grab 79); 7 Zangenfibel mit ovaler Fußplatte (Osendorf, Grab 1); 8 Zangenfibel mit dreifach ge-
lappter Kopfplatte (Typ Straß) (Streudorf); 9 Vogelkopffibel mit nach oben weisenden Vogel-
köpfen (Obermöllern, Grab 23); 10 Vogelkopffibel mit nach unten weisenden Vogelköpfen
(Obermöllern, Grab 20); 11 Bügelfibel mit Zonenkranz, halbkreisförmige Kopfplatte und rau-
tenförmigem Fuß (Typ Rositz) (Stößen, Grab 2) (zusammengestellt nach Schmidt, Die späte Völ-
kerwanderungszeit. Katalog Südteil [Anm. 15]; ders., Die späte Völkerwanderungszeit. Katalog
Nord- und Ostteil [Anm. 15])
Methodik der ethnischen Deutung 221
weisen verschiedene Varianten auf, die Typengliederung basiert auf der
Ausgestaltung der Kopfplatte. Formen mit zwei seitlichen Zangen auf der
Kopfplatte werden als typologisch älter angesehen (Abb. 2,7), während
Exemplare mit mehrfach gelappter Kopfplatte (Typ Straß) (Abb. 2,8) als
Weiterentwicklung beschrieben werden. Auch die Gestaltung des Fibelab-
schlusses bei den Zangenfibeln ist uneinheitlich. Neben einem ovalen oder
annähernd geraden Fuß, ist auch ein Tierkopfabschluss geläufig. Die Vogel-
kopffibeln wiederum unterscheiden sich aufgrund der auf der Kopfplatte
randlich dargestellten Raubvögelköpfe. Neben den Typen mit nach oben
beißenden Köpfen (Abb. 2,9) sind Formen mit nach unten beißenden Köp-
fen (Abb. 2,10) zu verzeichnen. Uneinheitlich ist die Fußgestaltung, häufig
endet er in einem Tierkopfabschluss. Ergänzt werden muss die Auflistung
durch Bügelfibeln mit halbrunder Kopfplatte und Zonenkranz sowie mit
rautenförmigen Fuß und Schlussrundel (Typ Rositz) (Abb. 2,11). Weiterhin
werden Miniaturfibeln als typisch thüringisch angesehen. Es kommen z. B.
gleicharmige Fibeln (Abb. 2,5), Dreirundelfibeln (Abb. 2,3–4) und Drei-
knopffibeln (Abb. 2,1–2) vor. Des Weiteren tauchen Miniaturfibeln mit
zangenförmiger Kopfplatte und Endrundel auf (Abb. 2,6). Verbindendes
Element unter den Fibeln ist neben den Zangenmotiven und Vogeldarstel-
lungen ein vergleichbares Verzierungsschema. Kennzeichnend ist ein geo-
metrischer Dekor; Mäander, Rauten, Dreiecke, getreppte Muster und Swas-
tika sowie Rundeln auf Kopfplatte, Bügel und Fuß, die zum Teil mit
Almandinen ausgelegt sind, sind hier zu nennen. Die Zangensymbolik
kann auch abgewandelt werden; neben den so gestalteten Kopfplatten wer-
den sie seitlich bei den gleicharmigen Fibeln dargestellt oder bilden die
Knöpfe an einer Kopfplatte (Abb. 2,4). Ebenfalls verbreitet und typisch ist
die Raubvogelsymbolik. Dabei handelt es sich nicht um vollständige Vo-
geldarstellungen sondern lediglich um einzelne Körperpartien. Der Vogel-
kopf mit gekrümmtem Schnabel und die Krallen werden abgebildet. Mög-
lich ist in diesem Zusammenhang, dass auch die „Zangen“ rudimentäre
Raubvogelkrallen darstellen sollen, oder von einem anderen Blickwinkel
heraus betrachtet, die Silhouette eines fliegenden Vogels.
Die Verbreitung der genannten Bügelfibeln hat zwar einen Verbreitungs-
schwerpunkt im Raum zwischen Harz, Thüringer Wald und Saale, doch
muss auch die breite Streuung außerhalb dieser Gebiete berücksichtigt wer-
den. Während die Vogelkopffibeln ihren Schwerpunkt noch vornehmlich
im mitteldeutschen Raum haben (Abb. 3), weisen die Zangenfibeln eine
weite Verbreitung auf (Abb. 4). Die typologisch jüngste Variante vom Typ
Straß mit mehrfach gelappter Kopfplatte streut über weite Teile Mitteleu-
ropas, es gibt nur wenige Belege aus dem thüringischen Sieldungsgebiet.
Ähnliches gilt für die Miniaturfibeln. So fällt auf, dass die Miniaturfibeln
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häufig in Gallien vorkommen, sogar in typologisch jüngeren Formen als in
Thüringen (Abb. 5). Hier sind also Weiterentwicklungen abseits des Her-
kunftsgebietes festzustellen.
37
Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang, dass innerhalb des thürin-
gischen Siedlungsgebietes während des 5. und 6. Jahrhunderts auch an-
dere – nicht genuin thüringische – Fibeln bekannt sind. Die Provenienz der
Fibeln wurde in der älteren Forschung ebenfalls für eine ethnische Bestim-
mung der Toten herangezogen. Als prominentes Beispiel sei lediglich auf
das reiche Frauengrab von Oßmannstedt verwiesen. Die Trachtausstattung
führte dazu, die Bestattete als ostgotische Adlige zu bezeichnen.
38
Auch die Drehscheibenkeramik mit Einglättmustern gilt als typisch thü-
ringisch. Es handelt sich meist um Schalen mit kalottenförmigem Unterteil
und scharfem Halsumbruch (Abb. 6,1a). Weitere Formen sind Becher und
Flaschen. Die frühen Gefäße besitzen einen Standring, am Übergang von
Hals zum Schulter findet sich ein Wulst. Die Gefäße bestehen aus fein ge-
schlämmtem dunkelgrauem Ton, die Oberfläche ist geglättet und poliert.
Geläufig sind auch bei der Drehscheibenkeramik wie bei den Bügelfibeln
geometrische Muster. Regelhaft treten Gittermuster auf dem oberen Gefäß-
körper auf, Streifendekor findet sich eher auf dem Unterteil. Auch Swasti-
ken sind überliefert. Ältere Stücke haben häufig eine Wellenzier.
Das Gesamtinventar
Im Folgenden soll auf das Gesamtinventar der Gräber im thüringischen
Siedlungsgebiet eingegangen werden. Es werden nicht nur Einzelfunde be-
trachtet, sondern das gesamte Fundspektrum mit seinen spezifischen Ver-
gesellschaftungen wird berücksichtigt. Im Allgemeinen kann gesagt wer-
den, dass entsprechend der Sitte des Reihengräberhorizontes die Frauen
mit Trachtschmuck und die Männer mit Waffen samt Zubehör sowie Ge-
fäßbeigabe bestattet sind. Insgesamt liegen für den betreffenden Raum
hohe Beigabenzahlen vor, die Gräber sind reichhaltig ausgestattet, es gibt
besonders in der älteren Merowingerzeit nur wenige fundlose Gräber.
Bei den Frauengräbern sind Fibelausstattungen recht häufig anzu-
treffen. Neben den oben erwähnten spezifisch thüringischen Fibeln wie
Zangenfibeln, Vogelkopffibeln und Miniaturfibeln kommen weitere Bügel-
fibeln oder Kleinfibeln vor. Selten ist das Auftreten der vollständigen Vier-
37
Böhme, Vom Wandel des Abendlandes (Anm. 30); ders., Les Thuringiens (Anm. 30).
38
Wolfgang Timpel, s. v. Ossmannstedt. In: Reallexikon der Germanischen Altertums-
kunde 22 (Berlin, New York 2003) 328–329.
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fibeltracht. Als weitere Accessoires sind Perlenketten und Gürtelschnallen
zu verzeichnen. Geräte und Kleinwerkzeuge gehören ebenfalls zum Spek-
trum, gewöhnlich sind Spinnwirtel, in einigen Fällen sind sogar Spindeln
und Webschwerter gefunden worden. Dazu treten häufig Amulette und
Spinnwirtel sowie einreihige Kämme, Schlüssel, Messer und Scheren. Ring-
schmuck und die metallenen Applikationen der Beinkleidung sind nur sel-
ten zu belegen. Geläufig sind Keramikgefäße, wobei meist mehr als ein Ge-
fäß niedergelegt wurde.
39
Für das 7. Jahrhundert fällt keine Änderung auf,
es finden sich entsprechende Objekte, also Fibeln, zahlreiche Amulette, di-
verse Geräte wie zweizeilige Dreilagenkämme sowie Spinnwirtel und Kera-
mik. Es kann also festgestellt werden, dass die Frauen in Thüringen von der
zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts bis in das 7. Jahrhundert nach einem
Muster bestattet wurden. Über den gesamten Zeitraum hinweg sind die
gleichen Objektarten ins Grab gelegt worden, auch wenn man unterschied-
liche Einzeltypen verwendete. Westliche Modeerscheinungen werden nun
in Thüringen aufgegriffen.
Während für die Funde des späten 5. und 6. Jahrhunderts eine thüringi-
sche Provenienz angenommen wird, weisen die Funde des 7. Jahrhunderts
häufiger auf eine westliche Herkunft, dazu zählen tauschierte Eisenfibeln
mit engem Zellenwerk oder Knickwandtöpfe. Allerdings sind auch schon
für das 6. Jahrhundert westliche Funde bekannt, zu nennen sind z. B. Fünf-
knopfbügelfibeln mit gleichbreitem Fuß aus Weimar, Grab 45, oder aus
Wernsdorf, Grab 3 (Abb. 6). Das Grab aus Wernsdorf mit einer Fibel, zwei
Keramikgefäßen sowie einem bronzenen Kolbenarmring verdeutlicht noch
einmal die methodische Schwierigkeit der Zuordnung eines Grabes zu
einer ethnischen Gruppe. Die Fünfknopffibel mit halbrunder Kopfplatte
mit strichverziertem Kopfplattendekor sowie strich- und kreisaugenverzier-
tem gleichbreitem Fuß wird als fränkische Erscheinung interpretiert.
40
Die
im Grab mit gefundene Thüringische Drehscheibenschale scheint auf eine
thüringische Herkunft zu deuten.
Die Ausstattung der Frauengräber im thüringischen Raum mit Fibeln,
Amuletten, Geräten und Keramik gleicht etwa dem aus dem langobardi-
schen Bereich bekannten Muster. Auch dort sind reiche Amulettbei-
gaben zu verzeichnen sowie diverse Objekte, die auf das Textilhandwerk
hindeuten.
Bei den Männergräbern fällt seit dem Ende des 5. Jahrhunderts und im
6. Jahrhundert eine umfangreiche Waffenbeigabe auf, über 35% (Stößen)
der Männer haben eine Spatha im Grab, teilweise steigt der Prozentsatz auf
39
Siegmund, Alemannen und Franken (Anm. 5) 129ff.
40
Koch, Bügelfibeln der Merowingerzeit (Anm. 36) 85ff., Karte 7.
Methodik der ethnischen Deutung 227
50% (Weimar-Nordfriedhof: 55%; Obermöllern: 72%). Unterrepräsen-
tiert ist dagegen der Sax. Bei weniger als 10% der Toten fand sich ein ein-
schneidiges Hiebschwert. Geläufig ist dagegen wiederum die Lanze, die in
ca. 30% der Gräber lag. Schilde tauchen nur im 6. Jahrhundert in 20% der
Grablegen auf. Regelhaft ist also eine Ausstattung mit Spatha, Lanze und
Schild.
41
Als weitere Funde können Gürtel sowie zahlreiche Geräte wie
Messer, Schere, Pinzette, Feuerzeuge oder einreihige Kämme genannt wer-
den. Außerdem kommen auch in den Männergräbern zahlreiche Keramik-
gefäße vor. Auch im späten 6. Jahrhundert und im 7. Jahrhundert ändert
sich das Muster nicht. In dieser Zeit werden den Männern zahlreiche Waf-
fen wie Spatha, Lanze und Schild ins Grab gelegt. Selbst im 7. Jahrhundert,
als im Allgemeinen die Niederlegung der Spatha stark zurückgeht
42
, sind
noch 10–15% der Männer mit einem zweischneidigen Schwert im Grab be-
wehrt. Hinzu treten in seltenen Fällen in der Zeit um 600 bzw. dem frühen
7. Jahrhundert noch der Sax, der Ango und eine Franziska. Dieses reichhal-
tige Fundspektrum wird erst am Ende des 7. Jahrhunderts reduziert. Reich
41
Siegmund, Alemannen und Franken (Anm. 5) 174ff., 265ff.
42
Theune, Germanen und Romanen (Anm. 5) 358ff.
Abb. 6. Wernsdorf, Grab 3, Inventar (nach Schmidt, Die späte Völkerwanderungszeit. Kata-
log Nord- und Ostteil [Anm. 15] 261 Taf. 73,1)
228 Claudia Theune
ausgestattete Männergräber zeichnen sich zudem durch die Mitgabe von
Pferdegeschirr aus. Auch in diesem Ausstattungsmuster sind die Gräber in
Thüringen mit denen der dem östlich-merowingischen Reihengräberkreis
zuzurechnenden Langobarden zu vergleichen. Die Männer im langobardi-
schen Raum kennzeichnet ebenfalls eine reiche Waffenbeigabe.
Gräberfelder und Bestattungssitten
Gräberfelder bilden die Hauptquelle bei der archäologischen Erforschung
der Thüringer des Frühmittelalters. Mehrere Hundert Fundplätze sind zwi-
schen unterer Ohre im Norden, dem nördlichen und östlichen Harzvor-
land im Westen, dem Thüringer Wald im Süden und der unteren Mulde im
Osten bekannt. Es handelt sich durchweg um kleinere Bestattungsplätze
mit rund 30–50 Gräbern, selten konnten 100 Gräber (Erfurt-Gispersle-
ben
43
, Weimar-Nordfriedhof
44
) freigelegt werden. Nicht zuletzt bedingt
durch die niedrigen Belegungszahlen, weisen die Plätze auch nur kurze Be-
legungszeiten auf, dies gilt gerade in den Randbereichen zwischen Harz
und Mulde sowie in dem dicht besiedelten Saale-Unstrut-Raum. Zwischen
Ohre, Elbe und Thüringer Wald reicht eine Nutzung teilweise bis in das
7. Jahrhundert. Auffällig ist eine weiträumige Streuung der Bestattungen
über ein größeres Areal.
Die überwiegende Mehrzahl der Bestattungen sind Körpergräber, die,
wie überall im Reihengräberkreis, West-Ost ausgerichtet sind. Die Orien-
tierung wird in der Regel eingehalten, es gibt jedoch Abweichungen von
dem üblichen Schema. So ist bei einigen Toten eine Nord-Süd-Richtung
festzustellen; hierbei handelt es sich aber nur um Einzelfälle. Eine weitere
Besonderheit sind Brandbestattungen, die häufiger auftreten und meist an
den Belegungsbeginn der Gräberfelder zu datieren sind. Die Größe der
Grabgrube kann als normal bezeichnet werden, sie beträgt im Durch-
schnitt 1,80–2,00 m × 0,70–1,00 m. Einige Körpergräber haben große Grab-
kammern, die mit Eckpfosten markiert und eventuell von einem Kreisgra-
ben umgeben sind.
45
Auch die Eintiefung liegt im Rahmen des Bekannten
aus dem Reihengräberhorizont. Ein markanter Unterschied betrifft jedoch
die Ausnutzung des gesamten Gräberfeldareals. Die Anlage der Gräber er-
folgte nicht in einer dichten Reihung. Die Gräber haben viel Platz zur Ver-
43
Wolfgang Timpel, Das altthüringische Wagengrab von Erfurt-Gispersleben. Alt-Thürin-
gen 17, 1980, 181–238; ders., Das fränkische Gräberfeld von Alach (Anm. 24).
44
Schmidt, Die späte Völkerwanderungszeit. Katalog Südteil (Anm. 15) 75ff.
45
Schneider, Grabformen und Beigabensitte (Anm. 26).
Methodik der ethnischen Deutung 229
fügung, meist sind es 30–50 m
2
, es können aber auch 100 m
2
sein, so dass
die Einzelbestattungen oft bis zu 10 m voneinander entfernt liegen. Häufig
sind einzelne Grabgruppen zu erkennen. Die Gräber innerhalb einer
Gruppe nehmen Bezug aufeinander, teilweise ist bei den Gruppen jeweils
zusätzlich ein Pferd bestattet. Die Gruppen setzen sich untereinander
durch größere freie Räume ab. Es wird sich hierbei um Familien- oder Sip-
penverbände handeln, die jeweils ein Areal auf dem Gesamtgräberfeld für
die Bestattungen innerhalb der Familie zur Verfügung hatten.
46
Diese
Merkmale sind nicht nur bei Friedhöfen des 6. Jahrhunderts, sondern auch
bei Bestattungsplätzen, die erst um 600 oder im 7. Jahrhundert angelegt
wurden, festzustellen.
Neben den menschlichen Toten wurden auch Pferde und in einigen Fäl-
len auch Hunde mit bestattet. Dies ist eine Erscheinung, die im Gebiet
nördlich der deutschen Mittelgebirge häufig zu beobachten ist.
47
Die
Hunde treten meist als Begleiter der Pferde auf.
48
Bei den Pferden handelt
es sich meist um 5- bis 10jährige Hengste, selten wurden Stuten in die Grä-
ber gelegt. Die vollständigen Tiere liegen auf der Seite, teilweise waren sie
aufgezäumt, wie einige bei den Tieren gefundene Trensen belegen. In der
Regel können die Pferde reich ausgestatteten Männergräbern, die zum Teil
außerdem noch in großen Kammergräbern bestattet wurden, zugeordnet
werden.
Die genannten Aspekte zeigen, dass die Gräberfelder im thüringischen
Siedlungsgebiet einige Besonderheiten aufweisen, die sie von den Reihen-
gräbern im fränkischen Rheinland deutlich unterscheiden.
49
Dort sind
enge Belegungen in dichter Reihung ohne Gruppenbindungen die Regel;
es gibt keine Ausnahmen von der Orientierung sowie von der Sitte der Kör-
perbestattung. Hinzu kommt eine differierende Waffenausstattung bei den
Männern; im Rheinland und in der Francia sind Sax und Lanze vorherr-
schend, die Spatha ist nur selten zu finden. Solche Merkmale lassen sich
nicht in Thüringen ausmachen. Auch nach der durch die Schriftquellen
überlieferten Niederlage der Thüringer durch die Franken, bleiben die ty-
pischen Muster der Beigabenausstattung und der Gräberfeldstrukturen er-
46
Zuletzt Hansen, Frauengräber im Thüringerreich (Anm. 15) 168.
47
Michael Müller-Wille, Pferdegrab und Pferdeopfer im frühen Mittelalter. Berichten van de
Rijksdienst voor het Oudheidkundig Bodemonderzoek 20/21, 1970/71, 119–248; Judith
Oexle, Merowingerzeitliche Pferdebestattungen – Opfer oder Beigaben? Frühmittelalter-
liche Studien 18, 1984, 122–172; Hanns-Hermann Müller, Frühgeschichtliche Pferdeske-
lettfunde im Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik. Beiträge zur Archäozoolo-
gie 4 = Weimarer Monographien zur Ur- und Frühgeschichte 15 (Weimar 1985).
48
Theune, Thüringer (Anm. 9) 538.
49
Siegmund, Alemannen und Franken (Anm. 5) 253ff.
230 Claudia Theune
halten. Ein Wechsel ist also nicht zu erkennen. Als Beispiel seien die Be-
stattungsplätze von Alach (um 600)
50
oder Bilzingsleben (7. Jahrhundert)
51
erwähnt. Auf dem Gräberfeldplan von Alach (Abb. 7) können die Bestat-
tungen in drei Gruppen unterteilt werden. In der von dem Ausgräber als
fränkisch beschriebene Gruppe 1 fanden sich drei reiche Waffengräber mit
Franziska und Angonen sowie Gürtelgarnituren, die wohl im Westen her-
gestellt wurden. Die Gräber sind, wie in diesem Raum üblich, in weitem
Abstand voneinander anlegt und werden halbkreisförmig von Pferdegrä-
bern umschlossen. Auch in Bilzingsleben ist die Gruppenbelegung noch
deutlich. Die Funde zeigen, dass dieser Platz erst im 7. Jahrhundert angelegt
wurde, der traditionelle Ritus blieb bestehen. Lediglich die regionaltypi-
schen Funde selbst sind nicht mehr vertreten, dafür haben die Objekte häu-
fig eine westliche Provenienz.
Solche Strukturen können auch in anderen Regionen – etwa in Main-
franken – festgestellt werden. In Zeuzleben
52
kommen gleichartige Befunde
wie beispielsweise die Gruppenbelegung oder Kammergräber mit Posten-
stellungen in den Ecken vor. Die Funde selbst sind vielfältig, neben Schild-
dornschnallen, Almandinscheibenfibeln, mittelrheinischer Keramik, die
eher einen westlichen Einfluss anzeigen, weist die gehäufte Mitgabe von
Geräten wie Spinnwirtel oder Webschwerter und Amuletten eher in den aus
dem thüringischen Raum bekannten Bereich.
Schlussfolgerung
Die bis in die 1990er Jahre vorherrschende Forschung zu den Thüringern
verband Schriftquellen eng mit den Bodenfunden. Die Analyse der Funde
wurde nicht unabhängig und auf der Basis der eigenen archäologischen
Quellen und Methoden durchgeführt, sondern man versuchte, die Grab-
funde entsprechend der Aussagen aus den schriftlichen Nachrichten zu
deuten. Dadurch war der Blick für eine weitergehende Interpretation ver-
stellt. Doch nur eine von den Schriftquellen unabhängige Analyse eröffnet
auch andere Erklärungsmuster. Die Deutung der frühmittelalterlichen
Grabfunde als Hinterlassenschaften der Thüringer baute im Grunde ledig-
lich auf wenige Einzelfunde auf, wobei besonders die Zangen- und Vogel-
kopffibeln mit einer einheitlichen Symbolik herangezogen wurden. Damit
50
Timpel, Das fränkische Gräberfeld von Alach (Anm. 24) Abb. 1.
51
Schmidt, Die späte Völkerwanderungszeit. Katalog Nord- und Ostteil (Anm. 15) 47.
52
Rettner, Bevor Franken Fränkisch wurde (Anm. 28); ders., Das frühmittelalterliche Grä-
berfeld von Zeuzleben (Anm. 28); ders., Thüringisches und Fränkisches (Anm. 28).
Methodik der ethnischen Deutung 231
wird aber lediglich ein Trachtkreis beschrieben, der jedoch, wie die Verbrei-
tungsbilder zeigen, gar nicht so eng an das thüringische Siedlungsgebiet ge-
bunden ist, sondern deutlich weiter streut. Trotzdem ist es möglich, dass
die einheitliche Symbolik auf den Fibeln die Trägerinnen als Mitglieder
einer Gruppe kennzeichnete. Betont werden muss auch, dass im thüringi-
schen Siedlungsgebiet nicht nur solche vermeintlich genuin thüringischen
Fibeln als Trachtkennzeichen verbreitet sind. Dies spricht dafür, dass schon
Abb. 7. Gräberfeldplan von Alach mit Gruppengliederung
(nach Timpel, Das fränkische Gräberfeld von Alach [Anm. 24] 123 Abb. 1, mit Ergänzungen)
232 Claudia Theune
im 5. und frühen 6. Jahrhundert unterschiedliche Einflüsse vorhanden wa-
ren. Das Auftreten von westlichen Formen seit der Zeit um 600 wurde wie-
derum mit historisch überlieferten Ereignissen verknüpft. Die Träger der
Funde werden als Franken angesprochen, die nach dem militärischen Sieg
über die Thüringer die Herrschaft ausübten. Man postuliert einen Bruch in
der Kulturentwicklung, der zumindest partiell auch mit einem Bevölke-
rungswechsel einherging.
Eine Untersuchung des gesamten Grabinventars, der Bestattungssitten
und der Gräberfeldstrukturen macht aber deutlich, dass es keinen Bruch in
der Entwicklung gegeben hat, sondern dass vielmehr bekannte Kulturer-
scheinungen kontinuierlich weitergeführt werden. Das Inventar der Gräber
zeigt sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern einen bestimmten
Kanon an Gegenständen, die regelmäßig mit den Toten in den Boden ge-
langten. Dies gilt für das späte 5. und 6. Jahrhundert genauso wie für die
Zeit um 600 und das 7. Jahrhundert, als die Region ihre politische Eigen-
ständigkeit an die Franken verloren hatte. Die Frauen besaßen eine umfas-
sende Trachtausstattung, etliche Amulette und zahlreiche Geräte, wobei
insbesondere die Textilverarbeitung im Grab dokumentiert wird. Die Män-
nergräber werden reichhaltig mit Waffen ausgestattet, wobei im Unter-
schied zu den Verhältnissen im Westen der Sax kaum in Erscheinung tritt.
Ebenso wie bei den Frauen ist es auch bei den Männern wichtig, dass für
das Leben nach dem Tod ein umfangreicher Satz an Kleingeräten zur Ver-
fügung steht. Damit liegt für die Gemeinschaft im thüringischen Siedlungs-
gebiet ein recht geschlossener Ausstattungskreis vor, der sich zwar vom
Westen absetzt, aber im weiteren östlich-merowingischen Reihengräber-
kreis durchaus Parallelen hat.
Als Sepulkralkreis kann die Art und Weise, einen Friedhof zu struktu-
rieren, gewertet werden. Im thüringischen Raum sind für diesen Aspekt
während der älteren und jüngeren Merowingerzeit gleichartige Merkmale
zu verzeichnen. Die Menschen legten während der gesamten Zeit Wert dar-
auf, in kleineren Gruppen, die wohl Familienverbände sichtbar machen,
bestattet zu werden. Auch die Sitte, Pferde in die Nähe von Männern von
gehobenen Status niederzulegen, ist vom 5. bis zum 7. Jahrhundert zu ver-
folgen.
Diese Ergebnisse machen deutlich, dass die alteingesessene Bevölkerung
weiterhin tradierte Bestattungsbräuche ausübte und damit ihr Gruppenbe-
wusstsein bestätigte und beibehielt.
Die provinziell aus Gallien und der Francia stammenden im thüringi-
schen Siedlungsgebiet gefundenen Gegenstände können damit in Einklang
gebracht werden. Sie zeigen zunächst einmal die Kontakte zwischen den
unterschiedlichen Gruppen im Rheinland und Raum zwischen Harz, Thü-
Methodik der ethnischen Deutung 233
ringer Wald und Saale und die auch dadurch zu beobachtende kulturelle in
der kontextuellen Auseinandersetzung mit anderen Gruppen bedingte Ent-
wicklung. Die Forschungen der letzten Jahre konnten zudem zeigen, dass
gerade Prunkwaffen als Rangabzeichen an Personen verleihen wurden, die
einen politischen oder militärischen Auftrag erhielten.
53
Dies gilt in erster
Linie für Goldgriffspathen oder Helme, aber auch Rangabzeichen wie Kol-
benarmringe wurden genannt. Die Verbreitung der Angonen gerade in Süd-
deutschland wurde zu Recht in der Weise interpretiert, dass an wichtigen
verkehrsgeographischen Punkten Personen, die mit diesen Waffen ausge-
stattet waren, die fränkische Herrschaft sicherten.
54
Ähnliches kann man
auch für das thüringische Siedlungsgebiet annehmen. Die fränkische Zen-
tralgewalt stattete z. B. in Alach ansässige Personen mit fränkischen Waffen
aus, die hier die fränkischen Interessen vertraten. Doch dies bedeutet nicht,
dass diese Personen auch tatsächlich Franken waren, vielmehr legen die
dargestellten Verhältnisse auf den Gräberfeldern es nahe, dass die einheimi-
sche Bevölkerung selbst diese Waffen erhielt und sie mit ins Grab nahm.
Es zeigt sich, dass eine unabhängige, lediglich auf den archäologischen
Quellen und Methoden beruhende Analyse der Grabfunde und Bestat-
tungssitten, im Vergleich zu den älteren Ansätzen, zu modifizierten Aussa-
gen führt. Die Gräber und Bestattungsplätze zeigen eine kontinuierliche,
sich dynamisch verändernde Gruppe im Raum zwischen Harz, Thüringer
Wald und Saale.
53
Heiko Steuer, Helm und Ringschwert. Prunkbewaffnung und Rangabzeichen germani-
scher Krieger. Studien zur Sachsenforschung 6, 1987, 189–236; Theune, Germanen und
Romanen (Anm. 5) 233ff.
54
Barbara Theune-Großkopf, Die Kontrolle der Verkehrswege. Ein Schlüssel zur fränki-
schen Herrschaftssicherung. In: Die Alamannen. Katalog Stuttgart (Stuttgart 1997)
237–242.
234
235
4. Bestattung und Identität
236
Kleidung, Bestattung, Identität 237
Kleidung, Bestattung, Identität
Die Präsentation sozialer Rollen im frühen
Mittelalter
Sebastian Brather
Viele zigtausend frühmittelalterliche Reihengräber sind bis heute ausgegra-
ben worden. Sie bilden ein immenses, kaum noch zu überschauendes
Quellenmaterial. Erstaunlicherweise beschränken sich die archäologischen
Interpretationen oft auf wenige Aspekte; Max Martin hat jüngst die beiden
Unterscheidungen zwischen „arm“ und „reich“ sowie zwischen „einhei-
misch“ und „fremd“ als die zentralen Fragen der Reihengräberarchäologie
beschrieben.
1
Dass aber die frühmittelalterlichen Gesellschaften darüber
hinaus recht komplexe Sozialstrukturen besaßen, hat Heiko Steuer bereits
vor längerem gezeigt.
2
Deren Vielfalt sei im Folgenden an drei Aspekten er-
läutert: der anhand von Grabfunden rekonstruierten Kleidung, der Hand-
lungen während der Bestattung eines Toten und der einander überschnei-
denden Identitäten und Gruppenzugehörigkeiten von Individuen. Diese
drei Perspektiven sind eng miteinander verbunden – Identitäten werden
oft in der Kleidung demonstriert, deren metallene Bestandteile weit über-
wiegend aus Grabfunden bekannt sind, und Bestattungen waren eine
wesentliche Gelegenheit, performativ Zugehörigkeit und Abgrenzung, d. h.
Identitäten, zum Ausdruck zu bringen. Allerdings sind die wechselseitigen
Zusammenhänge nicht eineindeutig – weder Kleidung noch Grab geben
unmittelbare Hinweise auf Identitäten.
3
1
Max Martin, Zum archäologischen Aussagewert frühmittelalterlicher Gräber und Gräber-
felder. Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte 59, 2002, 291–306,
hier 296–302.
2
Heiko Steuer, Frühgeschichtliche Sozialstrukturen in Mitteleuropa. Eine Analyse der Aus-
wertungsmethoden des archäologischen Quellenmaterials. Abhandlungen der Akademie
der Wissenschaften Göttingen, phil.-hist. Kl., 3. Folge 128 (Göttingen 1982) 309–416,
435–516.
3
Vgl. Howard Williams, Review article. Rethinking early medieval mortuary archaeology.
Early medieval Europe 13, 2005, 195–217.
Zwischen Spätantike und Frühmittelalter – RGA-E Band 57 – Seiten 237–273
© 2008 Walter de Gruyter · Berlin · New York
238 Sebastian Brather
1. Kleidung
Kleidung erfüllt zwei wesentliche Funktionen.
4
Sie schützt vor der Witte-
rung, und sie demonstriert Gruppenzugehörigkeiten. Kleidung bietet sich
als Mittel zur Statusdemonstration geradezu an
5
, weil sie von jedermann
gesehen wird. Kleidung ist daher ein besonders geeigneter Zeichenträger.
An erster Stelle stehen soziale Unterscheidungen innerhalb von Gesellschaf-
ten. Im Unterschied zu den zahlreichen spätmittelalterlichen und frühneu-
zeitlichen „Kleiderordnungen“, die – offensichtlich weithin vergeblich –
die sichtbare Einhaltung sozialer Grenzziehungen anstrebten, gibt es keine
vergleichbaren Zeugnisse aus dem frühen Mittelalter. Eine Anordnung Karl
d. Gr. von 808 bestimmte lediglich die Höchstpreise für einen roccus aus
Pelz und ein sagellum.
6
Angebliche Regelungen Karls zur Bauernkleidung
entstammen erst einer „Kaiserchronik“ des 12. Jahrhunderts und dürften
daher die hochmittelalterlichen Verhältnisse reflektieren.
7
Statt normativer
Quellen liegen aber etliche Hinweise aus erzählenden Quellen und vor
allem seitens der Archäologie vor. Mit seinen „Qualitätsgruppen“ hat Rai-
ner Christlein ein Hilfsmittel zur qualitativen Ordnung vorgeschlagen, das
neben metallenen Kleidungsbestandteilen und Waffen sowie Reitausrüs-
tungen jedoch die gesamte Grabausstattung einbezieht
8
– und in seiner
schlichten Interpretation als „Besitzabstufungen“ die Komplexität sozialer
Strukturen vernachlässigt.
9
Max Martin weist darauf hin, dass die Bügel-
4
Wolfgang Reinhard, Lebensformen Europas. Eine historische Kulturanthropologie (Mün-
chen 2004) 114f., unterscheidet acht Funktionen der Kleidung in der frühen Neuzeit:
1. Bedecken der Nacktheit, 2. Schutz vor der Witterung, 3. Aussenden erotischer Signale,
4. Schmuck, 5. Aussenden sozialer und 6. politischer Signale, 7. Berufskleidung, 8. Me-
dium persönlicher Identität.
5
Auch in frühmittelalterlichen Königsschätzen bedeutete Kleidung Prestige; Matthias
Hardt, Gold und Herrschaft. Die Schätze europäischer Könige und Fürsten im ersten Jahr-
tausend. Europa im Mittelalter 6 (Berlin 2004) 122.
6
Capitula cum primis constituta (808): De emptionibus et venditionibus, ut nullus praesumat ali-
ter vendere et emere sagellum meliorem duplum viginti solidis et simplum cum decem solidis; reliquos
vero minus; roccum martrinum et lutrinum meliorem triginta solidis, sismusinum meliorem decem
solidis. Et si aliquis amplius vendiderit aut empserit, cogatur exsolvere in bannum solidos quadra-
ginta, et ad illum qui hoc invenerit et eum exinde convicerit solidos viginti; Capitularia regum
Francorum 1, hrsg. Alfred Boretius. Monumenta Germaniae Historica, Legum sectio 2,1
(Hannover 1883) 139–140 Nr. 52, hier 140 § 5.
7
Die Kaiserchronik eines Regensburger Geistlichen, hrsg. Edward Schröder. Monumenta
Germaniae Historica, Deutsche Chroniken und andere Geschichtsbücher des Mittelal-
ters 1,1 (Hannover 1892) 349, Verse 14789–14802.
8
Rainer Christlein, Besitzabstufungen zur Merowingerzeit im Spiegel reicher Grabfunde
aus West- und Süddeutschland. Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 20,
1973 (1975) 147–180.
9
Steuer, Frühgeschichtliche Sozialstrukturen (Anm. 2) 315–329.
Kleidung, Bestattung, Identität 239
fibeln der Frauenkleidung des 6. Jahrhunderts fast stets aus Silber bestehen
und daher im Material keine „Reichtumsunterschiede“ erkennen lassen;
gänzlich anders verhält es sich mit den Scheibenfibeln des 7. Jahrhunderts.
10
Für die Kleidungsforschung erweist es sich als großer Nachteil, dass
Stoffe und metallene Accessoires praktisch isoliert voneinander untersucht
werden.
11
Dennoch stammen die meisten Kenntnisse über Textilien von
kleinen Resten, die sich an oder in der Korrosionsschicht von Fibeln oder
Gürtelteilen erhalten haben.
12
Über Schnitt und Aussehen verschiedener
Kleidungsstücke lässt sich auf dieser Grundlage fast nichts aussagen. Selbst
im Falle günstiger Erhaltungsbedingungen wie in Trossingen bewirkten an-
dere Faktoren eine weitgehende Zerstörung der Kleidung.
13
Hat sich ein
Kleidungsstück dennoch einmal erhalten, so stammt es wie das so genannte
„Hemd der Königin Bathilde“ aus dem 7. Jahrhundert oft nicht (mehr) aus
einem Grab.
14
Dennoch sind eine Reihe von Kleidungsstücken in Einzelfäl-
len archäologisch nachgewiesen: Kopfbinden
15
und Schleier
16
, Tunika
17
und
Hemd
18
, Gürtel
19
, Beinbinden bei Männern
20
und Frauen
21
sowie Schuhe
22
10
Martin, Zum archäologischen Aussagewert (Anm. 1) 301.
11
Vgl. aber Hajo Vierck, Trachtenkunde und Trachtengeschichte in der Sachsen-Forschung,
ihre Quellen, Ziele und Methoden. In: Sachsen und Angelsachsen. Veröffentlichungen
des Helms-Museums 32 (Hamburg 1978) 231–243.
12
Iris Bollbuck, Studien zu merowingerzeitlichen Textilien, phil. Diss. (Hamburg 1987).
13
Christina Ebhardt-Beinhorn/Britt Nowak, Untersuchungen an Textilresten aus Grab 58
von Trossingen, Kreis Tuttlingen. Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg
2002 (2003) 154–157.
14
Hajo E. F. Vierck, La „chemise“ de Sainte Bathilde à Chelles et l’influence byzantine sur
l’art de cour mérovingien au VII
e
siècle. In: Centenaire de l’abbé Cochet. Actes du collo-
que international d’archéologie Rouen 1975 (Rouen 1978) 521–64.
15
Aschheim, Grab 5; Antje Dieke-Fehr/Sigrid Müller-Christensen, Zur golddurchwirkten
Vitta aus Grab 5 bei der Pfarrkirche. In: Aschheim im frühen Mittelalter 1. Archäologische
Funde und Befunde, hrsg. Hermann Dannheimer (München 1988) 133; Kölner Dom,
Frauengrab; Otto Doppelfeld, Das fränkische Frauengrab unter dem Chor des Kölner Do-
mes. Germania 38, 1960, 89–113, hier 94 Abb. 1,5; Straubing St. Peter, Grab 3; Wirbenz,
Grab 4; Antja Bartel, s. v. Vitta § 2. Goldene Vitten aus Bayern. In: Reallexikon der Ger-
manischen Altertumskunde
2
32 (Berlin, New York 2006) 472f., Taf. 24,a.d.
16
St. Denis, Gräber 13, 38, 41, 47, 49; Michel Fleury/Albert France-Lanord, Les trésors mé-
rovingiens de la basilique de Saint-Denis (Woippy 1998) 82.
17
St. Denis, Gräber 9, 41, 47, 48 und 49; Fleury/France-Lanord (Anm. 16) 83f.
18
St. Denis, Gräber 41 und 49; Fleury/France-Lanord (Anm. 16) 83.
19
St. Denis, Gräber 28A, 28B, 31, 36, 37, 38, 41, 42, 44, 47, 48, 61, A7, A9; Fleury/France-La-
nord (Anm. 16) 84f.
20
Bonner Münster, Gräber 22 und 35; Köln, St. Severin, Grab III,100; Päffgen (Anm. 23)
444.
21
St. Denis, Gräber 47, 48 und 49; Fleury/France-Lanord (Anm. 16) 87.
22
Köln, St. Severin, Gräber III,65 und III,100; Päffgen (Anm. 23) 444f. – St. Denis, Grä-
ber 11, 28B, 31, 41, 42, 44, 47, 48, 49, 60, 61, 63 und A9; Fleury/France-Lanord (Anm. 16)
89. – Oberflacht, Grab 80; Siegwalt Schiek, Das Gräberfeld der Merowingerzeit bei Ober-
240 Sebastian Brather
und Handschuhe
23
. Mit den zahlreichen überlieferten Bezeichnungen für
Kleidungsstücke
24
(Tab. 1), die eine vielfältige Kleidung belegen, lassen sich
die Funde nur teilweise verbinden. Dies liegt sowohl an der Fragmentie-
rung der Funde als auch am grundsätzlichen Problem des Zusammenhangs
zwischen „Wörtern und Sachen“.
25
Dessen ungeachtet kann eine Vielzahl
von wichtigen Beobachtungen zur Kleidung auch an diesen bescheidenen
archäologischen Resten gemacht werden:
26
1. als Stoffe und Materialien sind Leinen, Hanf und Nessel
27
, Wolle,
Seide
28
und inzwischen wohl auch Baumwolle
29
nachgewiesen;
2. an Bindungen und Gewebetypen sind neben der häufigen Leinwandbin-
dung zahlreiche unterschiedliche Köper nachgewiesen, darüber hinaus
auch Brettchengewebe;
30
3. Kleidungsstücke konnten durch verschiedene Musterungen, durch Bor-
ten und Besätze verziert, bestickt, golddurchwirkt
31
oder perlenbestickt
sein;
flacht (Gemeinde Seitingen-Oberflacht, Lkr. Tuttlingen). Forschungen und Berichte zur
Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg 41,1 (Stuttgart 1992) Taf. 53,1–2.
23
Köln, St. Severin, Grab III,100; Bernd Päffgen, Die Ausgrabungen in St. Severin zu
Köln 1. Kölner Forschungen 5,1 (Mainz 1992) 445.
24
Vgl. etwa Mechthild Müller, Die Kleidung nach Quellen des frühen Mittelalters. Textilien
und Mode von Karl dem Großen bis Heinrich III. Reallexikon der Germanischen Alter-
tumskunde, Ergänzungsband 33 (Berlin, New York 2003), für das 9. und 10. Jahrhundert.
25
Gerhard Jaritz, Mittelalterliche Realienkunde und Fragen von Terminologie und Typolo-
gie. Probleme, Bemerkungen und Vorschläge am Beispiel der Kleidung. In: Terminologie
und Typologie mittelalterlicher Sachgüter. Das Beispiel der Kleidung. Österreichische
Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Kl. Sitzungsberichte 511 = Veröffentlichungen
des Instituts für mittelalterliche Realienkunde Österreichs 10 (Wien 1988) 7–19.
26
Johanna Banck-Burgess, An Webstuhl und Webrahmen. Alamannisches Textilhandwerk.
In: Die Alamannen. Ausstellungskat. (Stuttgart 1997) 371–378; dies., s. v. Kleidung § 5.
Frühgeschichte bis zum 7. Jahrhundert. In: Reallexikon der germanischen Altertums-
kunde
2
16 (Berlin, New York 2000) 610–614.
27
Flurlingen, Grab 4; Renata Windler/Antoinette Rast-Eicher/Ulla Mannering, Nessel und
Flachs. Textilfunde aus einem frühmittelalterlichen Mädchengrab in Flurlingen (Kanton
Zürich). Archäologie der Schweiz 18, 1995, 155–161.
28
Lauchheim, Grab 974; Banck-Burgess, An Webstuhl und Webrahmen (Anm. 26) 377. –
Köln, Sankt Severin, Grab III,73; Päffgen (Anm. 23) 439. – St. Denis, Gräber 13, 28B, 37,
38, 41, 48 und 49; Fleury/France-Lanord (Anm. 16) 189.
29
Ein Faden (!) aus Lauchheim, Grab 974; Banck-Burgess, An Webstuhl und Webrahmen
(Anm. 26) 375.
30
Kirchheim/Teck, Grab 47; Resi Fiedler, Katalog Kirchheim unter Teck. Veröffentlichun-
gen des Staatlichen Amtes für Denkmalpflege Stuttgart A 7 (Stuttgart 1962) 27 Abb. 4.
31
Lauchheim, Grab 795; Christoph J. Raub/H. Weiss, Untersuchungen von Resten der
Goldfäden eines Brokatgewebes aus Lauchheim, Ostalbkreis, Gräberfeld „Wasserfurche“,
Grab 795. Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1994, 217–220; Annema-
rie Stauffer/Felicitas Weise, Ein frühmittelalterliches Goldgewebe aus Lauchheim. Fund-
berichte aus Baden-Württemberg 22, 1998, 729–736. – Lahr-Burgheim, Grab 10; Gerhard
Kleidung, Bestattung, Identität 241
4. schließlich spielten Farben eine große Rolle, auch wenn diese durch die
Bodenlagerung häufig verändert sind.
32
Zusammen mit Angaben bei
Gregor von Tours können u. a. weiß, purpurfarben, rot, braun, violett,
blau belegt werden.
33
Tab. 1. In Schriftquellen der Karolinger- und Ottonenzeit häufiger genannte Bezeichnun-
gen für Kleidungsstücke. Über deren tatsächliches Aussehen herrscht mitunter Unklarheit, so
dass auch die Bezeichnungsvielfalt wenig über den Variantenreichtum der Kleidung aussagt.
Etliche Begriffe verwendete bereits Gregor von Tours (zusammengestellt nach Müller
[Anm. 24]; Graenert [Anm. 45] 87)
* feminalia leiten sich her von femen für Oberschenkel.
Fingerlin, Merowingerzeitliche Adelsgräber in der Peterskirche von Lahr-Burgheim.
Archäologische Nachrichten aus Baden 35, 1985, 23–35, hier 29 Abb. 6,3. – Trossingen,
Grab 47; Banck-Burgess, An Webstuhl und Webrahmen (Anm. 26) 376 Abb. 424. – Köln,
St. Severin, Gräber III,73 und III,100; Päffgen (Anm. 23) 439f. – Insgesamt: Johanna
Banck-Burgess, s. v. Goldtextilien. Reallexikon der Germanischen Altertumskunde
2
12
(Berlin, New York 1998) 386–392.
32
Vgl. Antja Bartel/Silvia Codreanu-Windauer, Spindel, Wirtel, Topf. Ein besonderer Bei-
gabenkomplex aus Pfakofen, Lkr. Regensburg. Bayerische Vorgeschichtsblätter 60, 1995,
251–272, mit Hinweisen auf die Rotfärbung von Textilien.
33
Margarete Weidemann, Kulturgeschichte der Merowingerzeit nach den Werken Gregors
von Tours 2. Monographien des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 3,2 (Mainz
1982) 362–364; vgl. St. Denis, Grab 49; Fleury/France-Lanord (Anm. 16) II-132f.
Männer Frauen
Kopf-
bedeckung
pileus, cydaris, capellus, caputium mitra, vitta, discriminalia, velamen,
velum, mafors, reticula, pittus
Umhang,
Mantel
thorax, pellicium, manthus, mantellum
sagum, sagellum, clamis, leena,
amiculum, pallium, crusenna
roccus
palla, pallia, clamis, amictus,
amiculum, tegimen, cappa, trabea
Hand-
schuhe
manus tegimen, manica, wantus
Tunika,
Hemd
interula, camisia, tunica, staminia,
staminea, trembilus
tunica, camisia, tunica subucula
Gürtel cingulum, balteus lymbum, strophium, zona, cingulum
Hosen femoralia, feminalia*, bracae –
Beinbinden fasciolae, ligaturae
tubrucus, tibracus, tibiale
periscelides
Schuhe ocrea, caligae, hosa, tibialia
pedules, sweif
calcei, calciamenta, caliculae, galliculae,
subtalares, socci
calciamenta
242 Sebastian Brather
Qualität und Anzahl dieser Nachweise erlauben allerdings keinen genauen
Aufschluss darüber, in welchem Verhältnis zueinander Material und Gewe-
betypen, Muster und Verzierungen sowie Farben vorkamen. Soziale Diffe-
renzierungen und regionales Vorkommen sind abseits von Grundzügen bis-
lang nicht ausreichend zu beurteilen. Selbst Seide fand sich nicht nur im
königlichen Umfeld wie in St. Denis und Köln, sondern auch im eindeutig
dörflichen Milieu wie in Lauchheim.
Wenn angesichts dieser Quellen und Funde die frühmittelalterliche
Kleidung vielfältig erscheint, so ist damit nur ein Teil des Erscheinungsbil-
des der Zeitgenossen erfasst. Zu berücksichtigen sind – so schwierig das im
Einzelfall auch ist – Frisuren und Bärte; ein Hinweis auf die merowingi-
schen reges criniti
34
, die ohne ihre Haare ihre Herrscherwürde verloren, mag
hier genügen, denn: „Noch größere Bedeutung als der Kleidung kam der
Haartracht für die soziale Differenzierung zu.“
35
Doch zurück zur Klei-
dung: am Gürtel von Frauen und Männern konnten zahlreiche Dinge (Ge-
hänge und Tasche) befestigt sein, wie die Grabfunde belegen.
36
Hinzu kom-
men außerdem Schmuckstücke – von Ohrringen und Perlenketten über
Armringe bis hin zu Fingerringen. Schließlich sind auch die Waffen der
Männer einschließlich Helm und Panzer zu berücksichtigen, die deren äu-
ßere Erscheinung ebenfalls wesentlich bestimmten, auch wenn sie im enge-
ren Sinne nicht zur Kleidung gehören.
37
Neben ihrer eingangs nur kurz angesprochenen sozialen Differenzie-
rung wird Kleidung durch einen weiteren Faktor gekennzeichnet – regio-
nale Unterschiede. Gleichen sich Nachbarn in der Kleidung weithin, so
34
Weidemann (Anm. 33) 364f.; Maximilian Diesenberger, Hair, sacrality and symbolic ca-
pital in the Frankish kingdoms. In: The construction of communities in the early middle
ages. Texts, resources and artefacts, ed. Richard Corradini/Maximilian Diesenberger/Hel-
mut Reimitz. The Transformation of the Roman world 12 (Leiden, Boston, Köln 2003)
173–212.
35
Reinhard Schneider, Das Frankenreich. Oldenbourg Grundriß der Geschichte 5 (Mün-
chen
2
1990) 63.
36
Birgit Dübner-Manthey, Die Kleingeräte am Gürtelgehänge als Bestandteile eines charak-
teristischen Elements der weiblichen Tracht. Archäologische Untersuchungen zu einigen
Lebensbereichen und Mentalitäten der Frauen in Spätantike und Frühmittelalter. In:
Frauen in der Geschichte 7. Interdisziplinäre Studien zur Geschichte der Frauen im Früh-
mittelalter. Methoden, Probleme, Ergebnisse, hrsg. Werner Affeldt/Anette Kuhn. Ge-
schichtsdidaktik. Studien, Materialien 39 (Düsseldorf 1986) 88–124; Claudia Theune,
Nützliches und Unnützliches am langen Band. Bemerkungen zu einer weiblichen Tracht-
sitte der Merowingerzeit. In: Königin, Klosterfrau, Bäuerin. Frauen im Frühmittelalter,
hrsg. Helga Brandt/Julia K. Koch. Frauen, Forschung, Archäologie 2 (Münster 1996)
55–72.
37
Frank Siegmund, Kleidung und Bewaffnung der Männer im östlichen Frankenreich. In:
Die Franken. Wegbereiter Europas. Ausstellungskat. Mannheim (Mainz 1996) 691–706.
Kleidung, Bestattung, Identität 243
nehmen die Unterschiede mit der räumlichen Entfernung immer mehr zu.
Die Archäologie kann sich bei entsprechenden Analysen bislang nur auf
metallene Kleidungsbestandteile stützen, weil textile Reste nicht in ausrei-
chendem Umfang vorliegen. Dass damit wesentliche Aspekte unberück-
sichtigt bleiben, ist nach dem oben Genannten offensichtlich – man denke
nur an verschiedene Stoffe, bunte Farben und auffällige Muster. Der
Schnitt der Kleidung scheint dagegen recht ähnlich gewesen zu sein, sofern
man aus der Lage von Fibeln im Grab den Verschluss der Kleidung re-
konstruieren kann.
38
Die Fibeln waren allerdings an der Kleidung nicht
„uniform“ angebracht,
39
doch scheinen (etwas spätere) Bildquellen dafür
zu sprechen, wenngleich sie nicht besonders zahlreich sind. Allerdings ist
es primär das Fehlen von Bügelfibeln im Schulterbereich, das auf die dort
vernähte Tunika verweisen soll, während deren Lage im Bereich von Brust
und Becken ebenfalls überwiegend nicht funktional interpretiert wird, näm-
lich als schmückender Bestandteil einer „Schärpe“
40
– wenngleich z. B. ein
Befund aus dem bayerischen Waging (Grab 105) anscheinend einen Klei-
dungsverschluss am Unterkörper repräsentiert.
41
Klein- und Scheibenfibeln
gelten dagegen allgemein als funktionaler Verschluss von Mantel oder Um-
hang, denn sie werden im Bereich von Brust, Hals und Schulter gefunden
(Tab. 2).
42
38
Dass dies nicht immer zutrifft, bemerkt Vierck, Trachtenkunde (Anm. 11) 242. Als Beispiel
sei eine in einem „Futteral“ beigegebene Fibel von München-Perlach genannt; Dorit Rei-
mann, Fibel und Futteral. München-Perlach Grab 18. Bericht der Bayerischen Boden-
denkmalpflege 41/42, 2001/2002, 187–194.
39
Verwesungsprozesse haben offensichtlich lediglich zu kleinräumigen Verlagerungen im
Grab geführt. Allerdings darf die Gleichförmigkeit von Lage und Form der Fibeln nicht als
Uniformität der Anbringung und Verwendung missverstanden werden. In einem Basler
Frauengrab des späten 5. Jahrhunderts verschlossen eine Bügel- und eine Kleinfibel einen
Umhang, eine weitere Bügelfibel das darunter befindliche Kleid; die Funktion einer wei-
teren Kleinfibel ließ sich nicht bestimmen; vgl. Antoinette Rast-Eicher, Das organische
Material aus den Gräbern 3 und 4 der Grabung 1996/6. In: Guido Helmig/Barbara Ihrig/
Liselotte Meyer/Martina Nicca/Antoinette Rast-Eicher/Franziska Schillinger, Frühmittel-
alterliche Grabfunde im Umkreis des Antikenmuseums in Basel. Jahresbericht der Archäo-
logischen Bodenforschung des Kantons Basel-Stadt 2001 (2003) 129–149, hier 136–143.
40
Max Martin, Tradition und Wandel der fibelgeschmückten frühmittelalterlichen Frauen-
kleidung. Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 38, 1991 (1995)
629–680, hier 652–661; vgl. Ernst-Günter Strauß, Studien zur Fibeltracht der Merowin-
gerzeit. Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 13 (Bonn 1992).
41
Antja Bartel/Ronald Knöchlein, Zu einem Frauengrab des 6. Jahrhunderts aus Waging am
See, Lkr. Traunstein, Oberbayern. Ein Beitrag zur Kenntnis der Frauentracht der älteren
Merowingerzeit. Germania 71, 1993, 419–439, hier 428–438. – Dieser Befund zeigt, dass
der Kleidungsverschluss durch Schlaufen, Ösen und Bänder komplex war und nicht allein
aus einer Fibel bestand.
42
Martin, Tradition und Wandel (Anm. 40) 643–652.
244 Sebastian Brather
Tab. 2. Lage von Bügelfibeln (5./6. Jahrhundert), gleicharmigen Fibeln (spätes 6. bis frühes
10. Jahrhundert) und zweier Scheibenfibelvarianten (6./7. Jahrhundert) in Bezug zum Körper
der bestatteten Frauen in Mittel- und Westeuropa. Angegeben sind die vorhandene Anzahl an
Funden und die jeweiligen Anteile (verändert und vereinfacht nach Strauß [Anm. 40] 83–141,
158–169; Graenert [Anm. 45] Taf. 120; Thörle [Anm. 46] 249 Tab. 36)
Der Forschung ist nicht entgangen, dass die Fibeln eine immense Varian-
tenvielfalt aufweisen.
43
Für die Kleidung war zunächst entscheidend, wo sie
angebracht waren – und weniger, wie man ihre ornamentalen Details gestal-
tet hatte. Mehr als feine stilistische Unterschiede dürften zunächst äußere
Form oder Umriss, Farbigkeit sowie Größe der Fibeln von den Zeitgenos-
sen wahrgenommen worden sein. Dafür spricht auch, dass viele Stilvaria-
nten sich in ihrer geographischen Häufigkeit nur diffus unterscheiden.
44
Dennoch lassen sich mitunter auffällig differierende Verbreitungen feststel-
len, wie das Beispiel von filigranem Ranken- und Tierstilornament bei
Scheibenfibeln des späten 6. Jahrhunderts zeigen mag (Abb. 1).
45
Bevor
sich aber stilistische Unterschiede (Tab. 3)
46
in ihrer symbolischen Bedeu-
tung beurteilen lassen, müssen sie von herstellungstechnisch bedingten Be-
sonderheiten analytisch getrennt werden. So dürfte es für die zeitgenössi-
43
Gleiches gilt für die Verwendung unterschiedlicher Fibelformen: Susanne Walter, Fibeln –
einmal anders. Gedanken zu Kleinfibelpaaren als Ersatz für Bügelfibeln. In: Hüben und
drüben. Räume und Grenzen in der Archäologie des Frühmittelalters. Festschrift Max
Martin, hrsg. Gabriele Graenert/Reto Marti/Andreas Motschi/Renata Windler. Archäolo-
gie und Museum 48 (Liestal 2004) 41–48. Auch für Perlen ist ähnliches festzustellen:
Maren Siegmann, Mitten im Leben vom Tod umfangen. Zu den Befunden einiger völker-
wanderungszeitlicher Frauengräber aus Liebenau (Kr. Nienburg/Weser). In: Studien zur
Lebenswelt der Eisenzeit. Festschrift Rosemarie Müller, hrsg. Wolf-Rüdiger Teegen/Rose-
marie Cordie/Olaf Dörrer/Sabine Rieckhoff/Heiko Steuer. Reallexikon der Germani-
schen Altertumskunde, Ergänzungsband 53 (Berlin, New York 2006) 279–304, hier 301f.
44
Vgl. etwa die Karten bei Alexander Koch, Bügelfibeln der Merowingerzeit im westlichen
Frankenreich 1–2. Monographien des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 41
(Mainz 1998).
45
Gabriele Graenert, Merowingerzeitliche Filigranscheibenfibeln, phil. Diss. (München
1998 [2001]) Karte 19.
46
Stefan Thörle, Gleicharmige Bügelfibeln des frühen Mittelalters. Universitätsforschungen
zur prähistorischen Archäologie 81 (Bonn 2001) 238–240.
Brust, Hals Schulter Oberkörper Unterkörper sonstige Lage
Bügelfibeln 63 (12%) 5 (1%) 85 (16%) 383 (71%)
Filigranscheibenfibeln 80 (68%) 14 (12%) 12 (10%) 11 (10%)
Pressblechscheibenfibeln 69 (78%) 6 (7%) 4 (4%) 10 (11%)
gleicharmige Fibeln 53 (66%) 12 (15%) 15 (19%)
265 37 101 383 36
Kleidung, Bestattung, Identität 245
schen Betrachter z. B. recht unwichtig gewesen sein, ob Scheibenfibeln des
6. Jahrhunderts mit Granatbesatz auf einem eisernen oder einem goldenen
Gehäuse aufgebaut waren, auch wenn sich auf der Karte zwei deutliche re-
gionale Schwerpunkte abzeichnen (Abb. 2).
47
Ein Zeichencharakter lässt
sich vor allem dann vermuten, wenn statt Details die ganze Form eines
Kleidungsbestandteils geographisch deutlich beschränkt blieb. Dies war bei
vielteiligen Gürtelgarnituren ebenso der Fall wie bei Spathagurten des
„Typs Civezzano“, die beide fast nur östlich des oberen Rheins bzw. des
Schwarzwalds entdeckt wurden (Abb. 3).
48
Ob es sich dabei wie bei den
47
Kathrin Vielitz, Die Granatscheibenfibeln der Merowingerzeit. Europe médiévale 3
(Montagnac 2003) 97 Abb. 42.
48
Ursula Koch, Der Ritt in die Ferne. Erfolgreiche Kriegszüge im Langobardenreich. In: Die
Alamannen. Ausstellungskatalog (Stuttgart 1997) 403–415, hier 411 Abb. 465–466; Sieg-
mund, Kleidung und Bewaffnung (Anm. 37) 698; vgl. Brigitte Gebauer-Hellmann, Stu-
dien zu so genannten spiraltauschierten Waffengurten nördlich der Alpen. In: Cum grano
salis. Beiträge zur europäischen Vor- und Frühgeschichte. Festschr. Volker Bierbrauer,
hrsg. Bernd Päffgen/Ernst Pohl/Michael Schmauder (Friedberg 2005) 183–197.
Abb. 1. Verbreitung zweier stilistischer Varianten von Scheibenfibeln des späten 6. Jahrhun-
derts mit Filigranverzierung aus mehrfach gelegten Drähten. x Verzierung in Rankenform;
Verzierung im Tierstil (verändert nach Graenert [Anm. 45] Karte 19)
246 Sebastian Brather
Goldblattkreuzen
49
primär um einen Effekt der Bestattungsrituale handelt
oder andere Faktoren, d. h. die Lebenswelt, eine Rolle spielten, bedarf dann
sorgfältiger Analyse.
Tab. 3. Regionales Vorkommen unterschiedlicher Verzierungen an gleicharmigen Fibeln des
späten 6. bis frühen 10. Jahrhunderts, bezogen auf die Gesamtzahl der entsprechend verzier-
ten Fibeln. Hervorgehoben sind die vier häufigsten Verzierungen je Region. An 100% jeweils
fehlende Angaben betreffen hier nicht aufgelistete Regionen; die Tabelle erfasst 825 bzw. vier
Fünftel der zugrunde liegenden 996 Fibeln (zusammengestellt nach Thörle [Anm. 46] 238
Diagramm 14, 240 Tab. 29)
Die Unterscheidung dieser drei Aspekte oder Ebenen – Herstellung, Verzie-
rung und Symbolik – birgt methodische Probleme in sich, denn regionale
Vorkommen bilden noch kein Argument für eine Interpretation.
50
Bevor
eine symbolische Bedeutung angenommen werden kann, müssen Fragen
nach Produktion und Distribution gestellt und beantwortet werden. Bei
49
Ellen Riemer, Zu Vorkommen und Herkunft italischer Folienkreuze. Germania 77, 1999,
609–36.
50
Vgl. Ellen Swift, Regionality in dress accessories in the late Roman West. Monographies
Instrumentum 11 (Montagnac 2000). – Walter Janssen, Genetische Siedlungsforschung in
der Bundesrepublik Deutschland aus der Sicht der Siedlungsarchäologie. In: Genetische
Siedlungsforschung in Mitteleuropa und seinen Nachbarräumen, hrsg. Klaus Fehn/Klaus
Brandt/Dietrich Denecke/Franz Irsigler (Bonn 1988) 25–66, hier 28, kritisierte die „relativ
sorglos[en]“ Interpretationen: „Man spricht z. B. von gotischen, langobardischen, thürin-
gischen oder angelsächsischen Fibeln, von sächsischer, thüringischer oder fränkischer
Keramik usf. Die Hemmschwelle, ethnisch bestimmte Termini in die Beschreibung
archäologischer Materialien einzubringen, ist, trotz der schwerwiegenden Bedenken in der
älteren Forschung, heute weitgehend abgebaut. Es wird munter und unreflektiert ethnisch
interpretiert.“
Anzahl Deutschland Frankreich Benelux England
Kreisaugen 376 22 (5,8%) 236 (62,8%) 43 (11,4%) 6 (1,6%)
Querrippen oder -leisten 132 5 (3,8%) 57 (43,2%) 40 (30,3%) 3 (2,3%)
Strichgruppen 101 6 (5,9%) 80 (79,2%) 7 (6,9%)
Tierdarstellungen 93 7 (7,5%) 54 (58,1%) 14 (15,0%) 1 (1,1%)
pflanzliche Motive 86 5 (4,6%) 15 (17,4%) 46 (53,7%) 2 (2,3%)
Punktpunzen 76 13 (17,1%) 37 (48,5%) 4 (5,3%)
plastisch bewegte Oberfläche 75 5 (4,0%) 12 (16,0%) 50 (66,7%) 4 (5,3%)
Kerbschnitt mit Spitzovalen 57 29 (50,9%) 19 (33,3%) 3 (5,3%)
Summe 996 63 (6,3%) 520 (52,2%) 223 (22,4%) 19 (1,9%)
Kleidung, Bestattung, Identität 247
Untersuchungen zu Keramik
51
und Glas
52
wird auf diese Weise ebenso ver-
fahren
53
wie bei Analysen zu römischen Kleidungsbestandteilen.
54
Ein Zei-
chencharakter kann nur dann wahrscheinlich gemacht werden, wenn dafür
51
Mark Redknap, Die römischen und mittelalterlichen Töpfereien in Mayen. In: Berichte
zur Archäologie an Mittelrhein und Mosel 6. Trierer Zeitschrift, Beih. 24 (Trier 1999)
11–401.
52
Birgit Maul, Frühmittelalterliche Gläser des 5. bis 7./8. Jahrhunderts n. Chr. Sturzbecher,
glockenförmige Becher, Tummler und Glockentummler. Universitätsforschungen zur prä-
historischen Archäologie 84 (Bonn 2002) 117–120.
53
Frank Siegmund, Alemannen und Franken. Reallexikon der Germanischen Altertums-
kunde, Ergänzungsband 23 (Berlin, New York 2000), sieht in den regional unterschied-
lichen Häufigkeiten von Keramik- und Glasgefäßen in merowingerzeitlichen Gräbern
Indizien für ethnische Identitäten. Vgl. dazu Sebastian Brather/Hans-Peter Wotzka, Ale-
mannen und Franken? Bestattungsmodi, ethnische Identitäten und wirtschaftliche Ver-
hältnisse zur Merowingerzeit. In: Soziale Gruppen, kulturelle Grenzen. Die Interpretation
sozialer Identitäten in der Prähistorischen Archäologie, hrsg. Stefan Burmeister/Nils Mül-
ler-Scheeßel. Tübinger Archäologische Taschenbücher 5 (Münster u. a. 2005) 101–186.
54
Swift (Anm. 50) 210, zufolge hängt die Verbreitung auch von Bestandteilen der Frauen-
kleidung direkt mit Aktivitäten der römischen Armee zusammen.
Abb. 2. Verbreitung zweier technischer Varianten von Scheibenfibeln mit Granatverzierung
des 6. Jahrhunderts. x Gehäuse aus Eisen; Gehäuse aus Gold (verändert nach Vielitz
[Anm. 47] 97 Abb. 42)
248 Sebastian Brather
zusätzliche Anhaltspunkte beizubringen sind. Im Hinblick auf Stilunter-
schiede fällt dies besonders schwer
55
; bei den genannten Gürteln ist die Dif-
ferenz zu anderen, weniger aufwendigen Formen in Nordgallien dagegen
augenfällig.
56
Gegenüber den häufig auf bewusste regionale Abgrenzung
55
Swift (Anm. 50) 229: „the term ‚regionality‘ rather than ‚ethnicity‘ is preferred, since it is
impossible to know to what degree those wearing regional items of dress identified them-
selves as belonging to a particular ethnic group, and whether this specifically correlated
with material culture.“
56
Eine überzeugende Interpretation dieses Befunds fehlt bislang. Da kein unmittelbarer Zu-
sammenhang zur Waffenbeigabe zu beobachten ist, dürften demonstrative Absichten zu
vermuten sein; Hubert Fehr, Zur Deutung der Prunkgürtelsitte der jüngeren Merowinger-
zeit. Das Verhältnis von Waffenbeigabe und Gürtelbeigabe anhand der Männergräber von
Schretzheim und Kirchheim/Ries. In: Archäologie als Sozialgeschichte. Studien zu Sied-
Abb. 3. Kongruente Verbreitung von vielteiligen Gürtelgarnituren und Spathagurten des
7. Jahrhunderts. Westlich des Rheins kommen beide nur selten vor. x Spathagurt vom „Typ
Civezzano“ mit bis zu neunteiligen Garnituren aus zwei Schnallen und zwei Riemenzungen,
Riemenschiebern, rautenförmigen und rechteckigen Beschlägen; spiraltauschierte vieltei-
lige Gürtelgarnituren (verändert nach Koch [Anm. 48] 411 Abb. 465–466)
Kleidung, Bestattung, Identität 249
zielenden Erklärungen für Verbreitungsbilder ist darauf hinzuweisen, dass
Symbole auch integrative, nach innen gerichtete Funktionen besaßen,
denn Identitäten bilden sich durch Exklusion und Inklusion. Begriff und
Modell der „Tracht“ stellen keine geeigneten Erklärungsmuster dar, schon
gar nicht in der simplifizierenden Gegenüberstellung konservativer bäuer-
licher „Volkstrachten“ und oberflächlicher städtischer „Moden“. „Die
Tracht gleichsam als Regionaluniform existierte wohl nirgendwo und nie,
weil auch regionale Materialien und Schnitte immer den wirtschaftlichen
wie ästhetischen Einflüssen unterlagen, die aus dem Handel, der handwerk-
lichen Produktion und der überregionalen Mobilität erwuchsen.“
57
Tat-
sächlich „drückte [die Tracht des 19. Jahrhunderts – S. B.] vielmehr die vor-
handene dörfliche Sozialordnung aus und befestigte sie im Allgemeinen“;
58
sie war also auf die binnengesellschaftlichen Verhältnisse und nicht die äu-
ßere Abgrenzung ausgerichtet. Aufgrund der mit dem Begriff „Tracht“ ver-
bundenen Konzepte des 19. Jahrhunderts sollte besser die neutrale, noch
keine Interpretation einschließende Bezeichnung „Kleidung“ verwendet
werden. Und darüber hinaus deuten bereits die feinen archäologischen
Chronologien der Merowingerzeit
59
an, dass auch für das ländliche Milieu
des frühen Mittelalters mit rasch wechselnden „Moden“ zu rechnen ist.
60
Es gab nicht „die“ Kleidung der Merowingerzeit. Sie war – und dies ist
ein drittes wesentliches Kennzeichen – vielmehr anlassgebunden, d. h. von
der jeweiligen Situation abhängig, in der sie getragen wurde. Bei Gregor
von Tours finden sich beispielsweise Angaben zur Kleidung während der
Trauer (dunkle Farben) und zur Buße (cilicia).
61
Parallel dazu lässt sich an-
nehmen, dass auch freudige Anlässe eine angemessene Kleidung voraus-
setzten.
62
Im Detail sind die Informationen Gregors aber zu spärlich, da die
lung, Wirtschaft und Gesellschaft im frühgeschichtlichen Mitteleuropa. Festschr. Heiko
Steuer, hrsg. Sebastian Brather/Christel Bücker/Michael Hoeper. Studia honoraria 9
(Rahden 1999) 105–111, hier 110f. Weshalb sich die vielteiligen cingula jedoch hauptsäch-
lich in Süddeutschland und in Oberitalien finden, ist noch zu untersuchen.
57
Wolfgang Kaschuba, Einführung in die Europäische Ethnologie (München 1999) 227.
58
Hermann Bausinger, 4. Identität. In: Hermann Bausinger/Utz Jeggle/Gottfried Korff/
Martin Scharfe, Grundzüge der Volkskunde (Darmstadt 1978) 204–263, hier 230.
59
Vgl. etwa Frank Siegmund, Merowingerzeit am Niederrhein. Die frühmittelalterlichen
Funde aus dem Regierungsbezirk Düsseldorf und dem Kreis Heinsberg. Rheinische Aus-
grabungen 34 (Köln, Bonn 1998).
60
Vgl. etwa Michel Kazanski, La diffusion de la mode danubienne en Gaule (fin du IV
e
siè-
cle – début du VI
e
siècle). Essai d’interpretation historique. Antiquités nationales 21, 1989,
59–73; Mechthild Schulze, Einflüsse byzantinischer Prunkgewänder auf die fränkische
Frauentracht. Archäologisches Korrespondenzblatt 6, 1976, 149–161.
61
Weidemann (Anm. 33) 362.
62
Vgl. Müller (Anm. 24) 101–109, zu den wenigen und vagen Angaben zur besonderen Klei-
dung von Brautleuten, Schwangeren, Säuglingen, Täuflingen, Toten und Trauernden.
250 Sebastian Brather
„richtige“ Kleidung selbstverständlich war. Für Karl d. Gr. hat Einhard in
seiner Karlsvita die Abhängigkeit der Kleidung des Königs von der jeweili-
gen Situation beschrieben. Diese Schilderungen seien, obwohl sie erst das
späte 8. Jahrhundert betreffen, ihrer Anschaulichkeit wegen hier aufge-
führt: 1. Normalerweise trug Karl „ein Leinenhemd, leinene Hosen, außer-
dem eine Tunika, die mit Seide eingefasst war, und Beinbinden; schließlich
umschnürte er die Waden mit Bändern und seine Füße mit Stiefeln, und
mit einem aus Otter- oder Marderfell gefertigten Wams schützte er im Win-
ter Schultern und Brust, er hüllte sich in einen blauen Umhang und trug
stets ein Schwert, dessen Griff und Gurt aus Gold oder Silber waren.“
63
2. Offizielle Anlässe erforderten eine angemessene Kleidung des Königs:
„er benutzte ein edelsteinbesetztes Schwert, wenn es hohe Festtage waren
oder Gesandte fremder gentes gekommen waren. […] An Festtagen ging er
in golddurchwirkter Kleidung und edelsteinbesetzten Schuhen und mit
einer goldenen Fibel, die den Umhang zusammenhielt, und mit einem
Diadem, das mit Gold und Edelsteinen geschmückt war.“
64
3. Begegnungen
mit dem Papst in Rom geboten wiederum eine andere Bekleidung Karls:
„mit langer Tunika und Chlamys bekleidet, mit nach römischer Art gefer-
tigten Schuhen“ habe der König in seinem Äußeren den dringenden Bitten
Papst Hadrians und später seines Nachfolgers Leo entsprochen,
65
doch
63
Ad corpus camisam lineam, et feminalibus lineis induebatur, deinde tunicam, quae limbo serico am-
biebatur, et tibialia; tum fasciolis crura et pedes calciamentis constringebat et ex pellibus lutrinis vel
murinis thorace confecto umeros ac pectus hieme muniebat, sago veneto amictus et gladio semper ac-
cinctus, cuius capulus ac balteus aut aureus aut argenteus erat; Einhard, Vita Karoli Magni 23
(Einhardi Vita Karoli Magni, hrsg. Georg Heinrich Pertz/Georg Waitz. Scriptores rerum
Germanicarum in usum scholarum ex Monumentis Germaniae Historicis separatim editi
25 [Hannover 1911] 20).
64
Aliquoties et gemmato ense utebatur, quod tamen nonnisi in praecipuis festivitatibus vel si quando
exterarum gentium legati venissent. […] In festivitatibus veste auro texta et calciamentis gemmatis et
fibula aurea sagum adstringente, diademate quoque ex auro et gemmis ornatus incedebat. Aliis au-
tem diebus habitus eius parum a communi ac plebeio abhorrebat; Einhard, Vita Karoli Magni 23
(Einhardi Vita Karoli Magni [Anm. 63] 21). – Ähnlich klingt die Beschreibung der Klei-
dung Ludwigs des Frommen bei Thegan: Numquam aureo resplenduit vestimento, nisi tantum
in summis festivitatibus, sicut patres eius solebant agere. Tunc nihil in illis diebus se induit praeter
camisiam et femoralia nisi cum auro texta, lembo aureo, baltheo aureo praecinctus et ense auro ful-
gente, ocreas aureas et clamidem cum auro textam, et coronam auream in capite gestans, et baculum
aureum in manu tenens; Thegan, Gesta Hludowici imperatoris 19 (In: Thegan, Die Taten
Kaiser Ludwigs; Astronomus, Das Leben Kaiser Ludwigs, hrsg. Ernst Tremp. Scriptores re-
rum Germanicarum in usum scholarum separatim editi 64 [Hannover 1995] 167–278, hier
202–204). Vgl. zu weiteren Quellen Müller (Anm. 24) 167–181.
65
Peregrina vero indumenta, quamvis pulcherrima, respuebat nec umquam eis indui patiebatur, ex-
cepto quod Romae semel Hadriano pontifice petente et iterum Leone successore eius supplicante longa
tunica et clamide amictus, calceis quoque Romano more formatis induebatur; Einhard, Vita Karoli
Magni 23 (Einhardi Vita Karoli Magni [Anm. 63] 20f.).
Kleidung, Bestattung, Identität 251
dürfte damit zugleich deutlich an die Kleidung der byzantinischen Kaiser
erinnert und somit ein klarer Ranganspruch formuliert worden sein. 4. Be-
stattet wurde Karl den so genannten Einhards-Annalen zufolge in „kaiser-
lichen Gewändern“;
66
aus dieser ungefähren Angabe lässt sich leider keine
genauere Vorstellung gewinnen.
Von den Anlässen für das Anlegen jeweils angemessener Kleidung weg
führt die Frage nach tätigkeitsspezifischer Bekleidung. Für die Gewandung
von Klerikern bietet Gregor von Tours vielfältige Angaben: Tonsur, Alba
und Gürtel (cingulum oder balteus), Obergewand mit Kapuze (Kasel und
Pluviale), Manipel, Pektorale und Bischofsstab, außerdem colobium und
Mantel (pallium) als nicht unmittelbar zum Ornat gehörende Kleidungs-
stücke.
67
Für eine bäuerliche, kaum in „Berufe“ gegliederte Bevölkerung
fällt es dagegen schwer, eine spezifische „Arbeitskleidung“ auszumachen.
68
Die aus den Gräbern bekannten aufwendigen Kleidungsbestandteile wie
Fibeln aus Edelmetall und tauschierte Gürtelgarnituren dürften ebenso wie
Waffen im „Alltag“ nicht unablässig getragen worden sein. Dass es neben
schlichten und statusbetonenden Varianten der Kleidung spezifische For-
men gab, ist wohl wenig wahrscheinlich; sie bestand vermutlich aus weni-
gen Allzweck-Kleidungsstücken. Die Bekleidung der Toten, wie sie aus den
Grabfunden bekannt ist, dürfte primär Prestige ausdrücken und keine spe-
zielle Fest- oder gar Hochzeitskleidung gewesen sein, wie gelegentlich ver-
mutet wird.
69
Die überdurchschnittlichen Ausstattungen adulter Frauen
dürfte weniger mit einer (durch den Tod „verpassten“) Hochzeit zusam-
menhängen als damit, dass Frauen diesen Alters entscheidende soziale Rol-
len ausfüllten.
70
66
Vestitum est corpus eius vestimentis imperialibus; Annales Laurissenses et Einhardi ad a. 814
(Annales Laurissenes et Einhardi. In: Monumenta Germaniae Historica, Scriptores 1,
hrsg. Georg Heinrich Pertz [Hannover 1826] 124–218, hier 201).
67
Weidemann (Anm. 33) 215f.; Müller (Anm. 24) 109–151.
68
Sie kommt wohl erst in der frühen Neuzeit auf; Diana de Marly, Working dress. A history
of occupational clothing (London 1986) 7; Irena Turnau, European occupational dress
from the fourteenth to the eighteenth century (Warsaw 1994) 17–24.
69
Vgl. Anton Distelberger, Österreichs Awarinnen. Frauen aus Gräbern des 7. und 8. Jahr-
hunderts. Archäologische Forschungen in Niederösterreich 3 (St. Pölten 2004) 54–56.
70
Vgl. unten.
252 Sebastian Brather
2. Bestattung
Die so zahlreich ausgegrabenen Reihengräber stellen lediglich die archäo-
logisch erfassten Überreste komplexer Handlungen dar. Ein Blick auf an-
tike Vorstellungen einer Bestattung
71
zeigt, dass sich nur ein Teil der Rituale
am Grab selbst abspielte (Tab. 4). Die ritualisierten Handlungen begannen
bereits mit der Präparierung des Leichnams, und sie endeten nicht mit der
Beerdigung. Für das frühmittelalterliche Gallien zeichnen die Beschreibun-
gen Gregors von Tours sowie Viten und Sakramentare ein ähnliches Bild.
Zumindest im elitären Milieu bereitete man sich angemessen auf den Tod
vor, sofern man ihn kommen fühlte.
72
Die Quellen beschreiben das an-
schließende Waschen der Leiche und deren würdevolle Bekleidung, Auf-
bahrung und Klage, die anschließende Leichenprozession, „Totenmesse“
und Grablege.
73
Die frühesten, wenngleich immer noch vereinzelten bild-
lichen Darstellungen im so genannten Warmundus-Sakramentar stammen
erst aus der Zeit um 1000, zeigen aber in zehn Miniaturen einen sehr ähn-
lichen Ablauf einer Bestattung (Abb. 4; Ordo in agenda mortuorum).
74
Tab. 4. Ablauf einer Bestattung in der Antike (zusammengestellt nach Engels [Anm. 71] 15,
24–26, 49, 156f.)
71
Johannes Engels, Funerum sepulcrorumque magnificentia. Begräbnis- und Grabluxusge-
setze in der griechisch-römischen Welt. Mit einigen Ausblicken auf Einschränkungen des
funeralen und sepulkralen Luxus im Mittelalter und in der Neuzeit. Hermes-Einzelschrif-
ten 78 (Stuttgart 1998) 15, 24–26, 49, 156f.; vgl. Jocelyn M. C. Toynbee, Death and burial
in the Roman world (London 1971) 43–64.
72
Bonnie Effros, Caring for body and soul. Burial and the afterlife in the Merovingian world
(University Park 2002) 171–177; Frederick S. Paxton, Christianizing death. The creation of
a ritual process in early medieval Europe (Ithaca u. a. 1990) 47–91.
73
Weidemann (Anm. 33) 233–237; Effros, Caring for body and soul (Anm. 72) 177–187; Da-
mien Sicard, La liturgie de la mort dans l’église latine des origines à la reforme carolin-
gienne. Liturgiewissenschaftliche Quellen und Forschungen 63 (Münster 1978).
74
Sacramentario del vescovo Warmondo di Ivrea. Fine secolo X. Ivrea, Biblioteca capitolare,
MS 31 LXXXI, ed. Luigi Bettazzi (Ivrea 1990) fol. 190–206.
griechisch lateinisch Handlungen
1. próthesis collocatio Aufbahrung und Totenklage
2. ékphora pompa funebris Leichenprozession
3. taphos sepultura Beisetzung
4. tymbos, sema monumentum, sepulcrum Grabanlage
5. mnéme rosalia, parentalia, lemuria Gedenken
Kleidung, Bestattung, Identität 253
Abb. 4. Sakramentar des Warmundus, um 1000, Anlage des Grabes für einen Verstorbenen.
Hi fodiunt tumulum, quo locitent miserum. Fossores, mosoleum (Sacramentario del vescovo War-
mondo di Ivrea [Anm. 74] fol. 205
r
)
254 Sebastian Brather
Lediglich das Grab bleibt der Archäologie übrig. Nur sporadisch finden
sich einige Hinweise auf Handlungen im Umfeld. Dazu gehören z. B. Reste
von Feuerstellen auf manchen Reihengräberfeldern, die auf verschiedene
Weise erklärt werden können – als Überreste von Totenmahlen der bestat-
tenden Gemeinschaft, als Relikt reinigender Rituale oder als einfacher
Abfall von Speisen.
75
Will man aus den Reihengräbern Rückschlüsse auf
Kleidung und auf soziale Gruppierungen ziehen, so ist zu berücksichtigen,
dass sie nur einen Teil der rituell bestimmten Vorgänge um den Tod wider-
spiegeln.
Die vielfältigen und umfangreichen Grabausstattungen machen die
merowingerzeitlichen Bestattungen nichtsdestotrotz zu einer überaus wert-
vollen sozialgeschichtlichen Quelle. Der jeweils betriebene Aufwand ver-
deutlicht, dass soziale Zugehörigkeiten im Grab präsentiert wurden. Dies
muss keineswegs so sein, sind doch zahlreiche Gesellschaften bekannt, die
dies nicht taten. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass es in diesen Fällen
keine allzu großen sozialen Differenzierungen gab – sie fanden aber offen-
sichtlich keine Widerspiegelung im Grab; sie mögen dennoch während der
vorangehenden Bestattungsrituale vorgeführt worden sein, ohne dass sich
das auf das Grab selbst auswirkte.
76
Seit den Jahrzehnten um 700 waren umfängliche Grabausstattungen
nicht mehr üblich. Stiftungen an die Kirche traten an ihre Stelle, und diese
wurden pro anima – für das individuelle Seelenheil – verfügt. Dieser Wan-
del bedeutete den Übergang zu einer neuen Form sozialer Repräsentation,
die nun nicht mehr die Bestattung als Medium nutzte.
77
Religiöse Motive
spielten dabei eine untergeordnete Rolle,
78
wie zwei Argumente belegen.
Könige und Bischöfe, die in ihrem Selbstverständnis und in den Augen der
Zeitgenossen beispielhafte Christen waren, erhielten auch weiterhin auf-
75
Bonnie Effros, Creating community with food and drink in Merovingian Gaul (Basing-
stoke 2002) 89.
76
Vgl. Sebastian Brather, Bestattungsrituale zur Merowingerzeit. Frühmittelalterliche Rei-
hengräber und der Umgang mit dem Tod. In: Körperinszenierung, Objektsammlung, Mo-
numentalisierung. Totenritual und Grabkult in frühen Gesellschaften. Archäologische
Quellen in kulturwissenschaftlicher Perspektive, hrsg. Christoph Kümmel/Beat Schwei-
zer/Ulrich Veit. Tübinger archäologische Taschenbücher 6 (Münster u. a. 2007) 161–187.
77
Effros, Caring for body and soul (Anm. 72) 205–208. Vgl. Michael Müller-Wille, Drei
Frauengräber der jüngeren Merowingerzeit in den irofränkischen Klöstern von Jouarre,
Chelles und Nivelles. Archäologisch-historische Überlieferung und geistiger Hintergrund.
Berichte aus den Sitzungen der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften 17, 1999,
Heft 3 (Hamburg, Göttingen 1999).
78
Niklot Krohn, Von der Eigenkirche zur Pfarrgemeinschaft. Kirchenbauten und Kirchen-
gräber der frühmittelalterlichen Alamannia als archäologische Zeugnisse für nobilitäre
Lebensweise und christliche Institutionalisierung. In: Centre, region, periphery. Medieval
Europe Basel 2002. Preprinted papers 2 (Hertingen 2002) 165–78.
Kleidung, Bestattung, Identität 255
wendige und umfänglich ausgestattete Gräber.
79
Und Laien konnten auf-
wendig in Kirchen bestattet werden – im Verständnis der Zeitgenossen eine
betont christliche Art der Totenruhe.
80
Wenn das Ende der Reihengräber-
felder, die Kirchfriedhöfen Platz machten, auf eine veränderte Form von
Statusdemonstration zurückzuführen ist
81
, dann dürfte gleiches für ihr Auf-
kommen gelten. Offenbar waren Bestattungen im 5. Jahrhundert eine ge-
eignete „Bühne“ dafür geworden, die sich analytisch weder als „heidnisch“
noch als „germanisch“ kennzeichnen lässt.
82
Diese „Bühne“ sah sich der jeweiligen lokalen Gesellschaft (face-to-face
society) als Publikum gegenüber. Vor dieser „Trauergemeinde“ wurden Be-
stattungen „inszeniert“. Dabei lassen sich analytisch drei „Beteiligte“ unter-
scheiden: 1. die die Bestattung Ausrichtenden, 2. die Lokalgesellschaft als
„Zuschauer“, und 3. der oder die Verstorbene.
83
Daraus kann in Anlehnung
an literaturwissenschaftliche Konzepte ein „Beziehungsdreieck“ konstru-
iert werden (Abb. 5). Art und Weise der Bestattung nehmen dabei ebenso
auf den Toten und dessen vielleicht zuvor geäußerte Wünsche Bezug wie
auf die Vorstellungen derjenigen, die die Beerdigung vollziehen, und auf
die Erwartungen der Nachbarschaft. Die Rückschau auf die Identitäten und
Zugehörigkeiten des Toten werden um prospektive, in die Zukunft der
Familie
84
, der Lokalgesellschaft und der weiteren Nachbarschaft zielende
79
Thomas Meier, Die Archäologie des mittelalterlichen Königsgrabes im christlichen Europa.
Mittelalter-Forschungen 8 (Stuttgart 2002); Bernd Päffgen, Die Speyerer Bischofsgräber
und ihre vergleichende Einordnung. Eine archäologische Studie zu Bischofsgräbern in
Deutschland von den frühchristlichen Anfängen bis zum Ende des Ancien Régime, Ha-
bilitationsschr. (Bonn 2001). Vgl. entsprechende Schilderungen bei Gregor von Tours;
Weidemann (Anm. 33) Bd. 2, 14–18.
80
Eyla Hassenpflug, Das Laienbegräbnis in der Kirche. Historisch-archäologische Studien
zu Alemannien im frühen Mittelalter. Freiburger Beiträge zur Archäologie und Geschichte
des ersten Jahrtausends 1 (Rahden 1999).
81
Hassenpflug (Anm. 80) 76, führt als (weitere) Gründe für den Übergang zu Kirchfriedhöfen
den Wunsch nach Bestattungen ad sanctos und das Zehntgebot unter den Karolingern an.
82
Vgl. die Beiträge von Hubert Fehr und Guy Halsall in diesem Band; Hubert Fehr, Germa-
nen und Romanen im Merowingerreich. Frühgeschichtliche Archäologie zwischen Wis-
senschaft und Zeitgeschichte, phil. Diss. (Freiburg 2003); Guy Halsall, Social identities
and social relationships in early Merovingian Gaul. In: Franks and Alamanni in the
Merovingian period. An ethnographic perspective, ed. Ian Wood. Studies in historical
archaeoethnology 3 (Woodbridge 1998) 141–165.
83
Frans Theuws, Grave goods, ethnicity, and the rhetoric of burial rites in late antique
northern Gaul. In: Ethnic Constructs in Antiquity. The Role of Power and Tradition, ed.
Ton Derks/Nico Roymans (Amsterdam) (im Druck).
84
Dabei dürfte es sich im Wesentlichen um „Kernfamilien“ gehandelt haben; vgl. Pierre
Guichard/Jean-Pierre Cuvillier, Europa in der Zeit der Völkerwanderungen. In: Ge-
schichte der Familie. Mittelalter, hrsg. André Burguière/Christiane Klapisch-Zuber/Mar-
tine Segalen/Françoise Zonabend (Frankfurt/M. 1997) 13–87, hier 75. – Der Auffassung,
256 Sebastian Brather
Positionierungen erweitert. Aus dieser Vermengung verschiedener Interes-
sen ergibt sich, dass Bestattungen soziale Verhältnisse nicht unmittelbar ab-
bilden. Statt eines schlierenfreien Spiegels stellen sie eher einen „Zerrspie-
gel“ des sozialen Lebens dar. Außerdem dürften die tatsächlichen
Verhältnisse performativ überdeutlich dargestellt worden sein, um keine
Zweifel am jeweiligen Status aufkommen zu lassen. Man kann in dieser ge-
wollten „Idealisierung“ der Beteiligten ein analytisches Problem erblicken,
wenn unmittelbar nach tatsächlichen Verhältnissen gefragt wird; zugleich
dass „es sich bei den hier [auf dem Reihengräberfeld – S. B.] gemeinsam Begrabenen pri-
mär um Beziehungen der Abhängigkeit und nicht der Verwandtschaft gehandelt hat“, wie
Michael Mitterauer, Mittelalter. In: Andreas Gestichl/Jens-Uwe Krause/Michael Mitter-
auer, Geschichte der Familie. Europäische Kulturgeschichte 1 (Stuttgart 2003) 160–363,
hier 238, „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ annimmt, steht die Rekonstruktion von Fami-
liengruppen auf manchen Friedhöfen gegenüber; vgl. Steuer, Frühgeschichtliche Sozial-
strukturen (Anm. 2) 365–370 Abb. 93–95.1.
Abb. 5. „Beteiligte“ an einer frühmittelalterlichen Bestattung. Während der rituellen Hand-
lungen, die die Familie durchführt, werden soziale Zugehörigkeiten des Toten und die seiner
Angehörigen vor den Augen der anwesenden lokalen Gesellschaft demonstriert und projiziert
(nach Brather, Bestattungsrituale [Anm. 76] 164 Abb. 1)
Kleidung, Bestattung, Identität 257
liegen in der absichtlichen „Verzerrung“ aber auch vielversprechende Mög-
lichkeiten der Interpretation, wenn man nach subjektiven Wahrnehmungen
und Vorstellungen bzw. Identitäten oder Absichten der Zeitgenossen sucht.
85
Die Beteiligten bestimmen über Art und Weise der Bestattung, also
auch über die zu präsentierenden Zugehörigkeiten. Es sind damit die Ver-
hältnisse in der Nachbarschaft, die im Zuge von Bestattungen symbolisch
verdeutlicht werden. Vor allem Abgrenzungen und Differenzierungen in-
nerhalb der jeweiligen Lokalgesellschaft sind dabei von Bedeutung – Selbst-
vergewisserungen von Einzelnen und Gruppen. Die Betonung von Unter-
schieden zu „Fremden“ hat angesichts des beschriebenen Publikums wenig
Sinn, zumal diese bei Bestattungen höchstens zufällig anwesend sind. Im
elitären Milieu spielten überlokale bzw. regionale Bezüge aber eine Rolle
(auch wenn diese von der Lokalbevölkerung nicht [gänzlich] verstanden
wurden), ging es doch um Positionierungen innerhalb der Oberschichten.
Grabausstattung und Grabbau stellen die entscheidenden archäologischen
Kennzeichen dar, und sie müssen zunächst für jedes einzelne Gräberfeld
untersucht werden, innerhalb dessen (bzw. innerhalb der lebenden Bevöl-
kerung) sie Unterscheidungen markieren. Die zu erfassenden Differenzen
dürften sich damit nicht allein auf eine soziale Hierarchie zwischen „Bau-
ern“ und „Adel“ beziehen, sondern oft Familie, Alter und Geschlecht be-
treffen, die in der dörflichen Lebenswelt wichtig waren.
Fast der gesamte repräsentative Aufwand einer Bestattung war nach de-
ren Abschluss nicht mehr zu sehen.
86
Nur mancher Grabhügel stellte im
7. Jahrhundert ein dauerhaftes „Monument“ dar, vielleicht auch die gleich-
zeitigen Kreisgräben (Abb. 6), indem sie einen Freiraum umschlossen oder
einen Hügel umgaben.
87
Durch den Ort selbst waren Bestattungen privile-
giert, die in Kirchen erfolgten.
88
Aufwendige Holzkammern
89
blieben den
85
Dabei ist hier nicht primär an Jenseitsvorstellungen gedacht, die meist im Mittelpunkt ar-
chäologischer Studien stehen; vgl. Reinhard, Lebensformen Europas (Anm. 4) 188.
86
Dazu gehört auch Grabschmuck, wie ihn Gregor von Tours als corona sepulchri und columba
aurea sepulchri beschreibt; Weidemann (Anm. 33) Bd. 2, 129.
87
Ingrid Sudhoff, Kreisgräben, Grabhügel und verwandte Sonderformen von Grabanlagen
im Merowingerreich, phil. Diss. (Bonn 1999); Edward James, The Merovingian archae-
ology of south-west Gaul. British Archaeological Reports, Suppl. Ser. 25 (Oxford 1977)
182 Abb. 41.
88
Hassenpflug (Anm. 80); Horst Wolfgang Böhme, Adel und Kirche bei den Alamannen der
Merowingerzeit. Germania 74, 1996, 477–507.
89
Frauke Stein, Grabkammern bei Franken und Alamannen. Beobachtungen zur sozialen
Gliederung und zu den Verhältnissen nach der Eingliederung der Alamannen in das me-
rowingische Reich. In: Herrschaft, Kirche, Kultur. Beiträge zur Geschichte des Mittel-
alters. Festschr. Friedrich Prinz, hrsg. Georg Jenal. Monographien zur Geschichte des
Mittelalters 37 (Stuttgart 1993) 3–41.
258 Sebastian Brather
Blicken ebenso entzogen wie prunkvolle und aufwendige Grabausstattun-
gen. Nur während einer recht kurzen Zeitspanne – von der Aufbahrung des
Toten bis zum Verschließen des Grabes – konnten die aufgewendeten Mit-
tel gesehen werden und ihre beabsichtigte, beeindruckende Wirkung ent-
falten. Deshalb kam es darauf an, sie besonders offensichtlich zur Schau zu
stellen, damit sie jedermann deutlich wurden – und im Gedächtnis der Ge-
sellschaft die „Gegenwart der Toten“ bewahrten.
90
Die häufige Beraubung
90
Otto Gerhard Oexle, Die Gegenwart der Toten. In: Death in the middle ages, ed. Herman
Braet/Werner Verbeke. Mediaevalia Lovanensia I,9 (Leuven 1983) 19–77; Patrick J. Geary,
Living with the dead in the middle ages (Ithaca u. a. 1991).
Abb. 6. Kreisgräben und Grabhügel des 7. Jahrhunderts, Vorkommen anhand archäologi-
scher Befunde. Fragliche Grabhügel sind nicht berücksichtigt, ebenso wenig freie Plätze
um einzelne Gräber oder Nachbestattungen in prähistorischen Hügeln. Kreisgraben;
v Grabhügel (verändert nach Sudhoff [Anm. 87] 23 Abb. 8; 141 Abb. 51; James [Anm. 87]
182 Abb. 41)
Kleidung, Bestattung, Identität 259
merowingerzeitlicher Gräber
91
dürfte mit dieser demonstrativen Inszenie-
rung zusammenhängen – und ihr letztlich gar nicht zuwiderlaufen, weil sie
unternommen wurde, als die „Vorführung“ längst ihren Zweck erfüllt hatte.
3. Identitäten
Identitäten – subjektive Selbst- und Fremdzuordnungen – kennzeichnen alle
sozialen Gruppen. Sie sind sowohl inklusiv wie exklusiv, d. h. sie beziehen
bestimmte Personen ein und schließen andere gleichzeitig aus. Dabei konsti-
tuieren nicht „objektive“ Kriterien diese Gruppierungen, die in historischer
Perspektive als flexibel und rasch veränderlich erscheinen. Es sind vielmehr
einige ausgewählte Merkmale, die in den Augen der Beteiligten über Zugehö-
rigkeit und Abgrenzung entscheiden. Dabei kommt es auf „geeignete“, d. h.
der jeweiligen Situation angemessene Kennzeichen an, die eine Unterschei-
dung ermöglichen. Sie sind damit historisch und kulturell spezifisch.
92
Die meisten und damit auch die primären Unterscheidungen betreffen
Binnenstrukturen von Gesellschaften. Die Lebenswelt war hauptsächlich auf
die nähere und weitere Nachbarschaft bezogen; innerhalb dieses sozialen
Rahmens galt es, Positionen zu beziehen. Die Reihengräberfelder repräsentie-
ren ein agrarisches Milieu, weshalb es sich 1. um überschaubare Sozialstruk-
turen handelt und 2. keine gravierenden Unterschiede zwischen Gruppen
und Personen zu erwarten sind, solange es sich um benachbarte Bauernfami-
lien handelt. Kompliziert wird die Rekonstruktion jedoch dadurch, dass jede
Person verschiedenen sozialen Gruppen gleichzeitig angehört und damit
mehrere Rollen ausfüllt.
93
Welche davon jeweils hervorgehoben wird, hängt
vom spezifischen Kontext ab. Die situative Betonung der „feinen Unter-
schiede“ erfolgt dann, wenn sie die Konstitution von Differenz verspricht.
„Die Anderen“, von denen man sich abzugrenzen suchte, um die eigene Iden-
tität zu stärken, waren Angehörige anderer Familien, anderer Altersgruppen,
des anderen Geschlechts, oder sie nahmen eine andere soziale Position ein.
91
Helmut Roth, Archäologische Beobachtungen zum Grabfrevel im Merowingerreich. In:
Zum Grabfrevel in vor- und frühgeschichtlicher Zeit. Untersuchungen zu Grabraub und
‚haugbrot‘ in Mittel- und Nordeuropa, hrsg. Herbert Jankuhn/Hermann Nehlsen/Helmut
Roth. Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften Göttingen, phil.-hist. Kl., 3. Folge
113 (Göttingen 1978) 53–84; Edeltraud Aspöck, Graböffnungen im Frühmittelalter und
das Fallbeispiel der langobardenzeitlichen Gräber von Brunn am Gebirge, Flur Wolfholz,
Niederösterreich. Archaeologia Austriaca 87, 2003 (2005) 225–264.
92
Sebastian Brather, Ethnische Interpretationen in der frühgeschichtlichen Archäologie. Ge-
schichte, Grundlagen und Alternativen. Reallexikon der Germanischen Altertumskunde,
Ergänzungsband 42 (Berlin, New York 2004) 97–117.
93
Brather, Ethnische Interpretation (Anm. 92) 102 Abb. 15.
260 Sebastian Brather
Verschiedene soziale Zugehörigkeiten überlagern sich zwangsläufig.
Guy Halsall hat dabei drei prinzipielle Grenzziehungen unterschieden:
1. eine vertikale zwischen den Geschlechtern, 2. verschiedene horizontale
zwischen „arm“ und „reich“, und 3. eine Reihe „diagonaler“, die analy-
tisch gesehen „quer“ zu den beiden ersten verlaufen und insofern eine
weitere Dimension sozialer Unterscheidungen darstellen. Eine zwei-
dimensionale Darstellung dieser „Grenzen“ vereinfacht die Verhältnisse
sehr (Abb. 7). Sie macht aber deutlich, wie sehr sich Gruppen und Rollen
überschneiden.
Abb. 7. Zuordnungen und Gruppierungen innerhalb einer Gesellschaft. Dargestellt sind die
vertikale Trennung zwischen den Geschlechtern und horizontale Abgrenzungen im Sinne
sozialer Hierarchien. Weitere Gruppierungen nach Alter, Familie oder Religion verlaufen
gewissermaßen „diagonal“ zu den beiden zuerst genannten Unterscheidungen, hier durch
die zweidimensionale Grafik stark vereinfacht (nach Brather, Alter und Geschlecht [Anm. 94]
157 Abb. 1)
Kleidung, Bestattung, Identität 261
Besonders klar erscheint die Geschlechtertrennung. Die Spezifik der
Kleidung erlaubt eine idealtypische Unterscheidung von Männer- und
Frauengräbern, auch wenn es eine ganze Anzahl von („neutralen“) Klei-
dungsbestandteilen und Grabbeigaben gibt, die bei beiden Geschlechtern
vorkommen.
94
Auf den zweiten Blick wird die Dichotomie uneindeutig,
wenn es sich um unterdurchschnittlich ausgestattete Gräber oder um Kin-
derbestattungen handelt.
95
Dann sind Zuweisungen oft unsicher oder nicht
möglich, und letztlich kann nur eine DNA-Analyse hinreichenden Auf-
schluss geben.
96
Aufgrund prinzipieller methodischer Probleme gelingt
auch dies längst nicht bei allen Bestattungen.
97
Um „Besitzabstufungen“ zu ermitteln, entwarf Rainer Christlein seine
bereits genannten „Qualitätsgruppen“. Bei dieser Kategorisierung handelt
es sich offensichtlich um regional und zeitlich nur beschränkt verwendbare
Ordnungen. Außerdem sollten die „Reichtumsunterschiede“ nicht über-
schätzt werden, handelt es sich bei den Reihengräberfeldern und den zuge-
hörigen, wenn auch selten entdeckten Siedlungen um ein bäuerliches Mi-
lieu. Die weitgehende Beschränkung „reicher“ Grabausstattungen auf
Erwachsene adulten und maturen Alters hat zu der Vermutung geführt,
dass „die Oberschicht“ eine geringere Lebenserwartung als einfache Bauern
besaß.
98
Dass dies aber eine klare Fehlinterpretation darstellt, zeigen detail-
lierte Vergleiche der Ergebnisse von Archäologie und Anthropologie.
Deshalb empfiehlt sich zunächst ein Blick auf die Altersgruppen, die in
der Frühmittelalterarchäologie noch immer sträflich unterschätzt werden.
99
94
Guy Halsall, Female status and power in early Merovingian central Austrasia. The burial
evidence. Early medieval Europe 5, 1996, 1–24, hier 9 Abb. 4; vgl. Sebastian Brather, Alter
und Geschlecht zur Merowingerzeit. Soziale Strukturen und frühmittelalterliche Reihen-
gräberfelder. In: Alter und Geschlecht in ur- und frühgeschichtlichen Gesellschaften, hrsg.
Johannes Müller. Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 126 (Bonn
2005) 157–178, hier 160 Tab. 1; Heinrich Härke, Die Darstellung von Geschlechtergrenzen
im frühmittelalterlichen Bestattungsritual. Normalität oder Problem? In: Grenze und Dif-
ferenz im frühen Mittelalter, hrsg. Walter Pohl/Helmut Reimitz. Forschungen zur Ge-
schichte des Mittelalters 1 = Österreichische Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Kl.,
Denkschriften 287 (Wien 2000) 181–196.
95
Michael Mitterauer, Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und Geschlechterrollen in
ländlichen Gesellschaften Mitteleuropas [1989]. In: ders., Familie und Arbeitsteilung.
Historischvergleichende Studien. Kulturstudien 26 (Wien, Köln, Weimar 1992) 58–148.
96
Bonnie Effros, Skeletal sex and gender in Merovingian mortuary archaeology. Anti-
quity 74, 2000, 632–639.
97
Carsten M. Pusch/Martina Broghammer/Alfred Czarnetzki, Molekulare Paläobiologie.
Ancient DNA und Authentizität. Germania 79, 2001, 121–141.
98
Alfred Czarnetzki/Christian Uhlig/Rotraut Wolf, Menschen des Frühen Mittelalters im
Spiegel der Anthropologie und Medizin (Stuttgart 1982) 13, 27 (Abb.).
99
Vgl. Klaus Georg Kokkotidis, Von der Wiege bis zur Bahre. Untersuchungen zur Paläode-
mographie der Alamannen, phil. Diss. (Köln 1999).
262 Sebastian Brather
Ihre Analyse hat zunächst den Vorteil, dass von Seiten der Anthropologie
unabhängige Daten für die Archäologie zur Verfügung stehen. Zwar diffe-
rieren biologisches und soziales Alter bekanntermaßen
100
, doch liegen mit
der naturwissenschaftlichen Altersbestimmung mehr als nur erste Anhalts-
punkte vor. Dabei gilt es jedoch, über die sehr vereinfachende Unterschei-
dung zwischen Kindern und Erwachsenen hinauszugelangen. Bereits für
das Kindesalter lassen sich altersabhängige Kleidung bzw. Grabausstattung
belegen, wie Françoise Vallet – allerdings nicht anhand moderner anthro-
pologischer Analysen – für das Gräberfeld von Lavoye, dép. Meuse, vorge-
führt hat; dort zeigt sich eine rasche Zunahme von Kleidungsbestandteilen
mit dem Lebensalter.
101
Zum gleichen Resultat gelangt Brigitte Lohrkes Stu-
die zu 1000 Kindergräbern in der Alemannia (Abb. 8).
102
Die Kleidungsbe-
100
Das Alter wird „durch die Stellung in der Geburtsreihenfolge und insbesondere in der
Generationenabfolge bestimmt. Kurz, es wird relativ im Verhältnis zu den Nachgebore-
nen definiert“; Andreas Sagner, Alter und Altern in einfachen Gesellschaften. Ethnologi-
sche Perspektiven. In: Am schlimmen Rand des Lebens? Altersbilder in der Antike, hrsg.
Andreas Gutsfeld/Winfried Schmitz (Köln, Weimar, Wien 2003) 31–53, hier 35.
101
Françoise Vallet, Die Ausstattung der Kindergräber, in: Die Franken. Wegbereiter Europas
(Mainz 1996) 712–715. Die dortigen Angaben erscheinen aufgrund von Widersprüchen
zwischen Text und Abbildungen nicht ganz zuverlässig.
102
Brigitte Lohrke, Kinder in der Merowingerzeit. Gräber von Mädchen und Jungen in der
Alemannia. Freiburger Beiträge zur Archäologie und Geschichte des ersten Jahrtausends 9
(Rahden 2004) 92 Abb. 29; 99 Abb. 30; 131 Abb. 36; 145–151.
Abb. 8. Grabbeigaben von Kindergräbern in der frühmittelalterlichen
Alemannia. Mit dem Lebensalter nahm die Grabausstattung insgesamt kon-
tinuierlich zu (nach Lohrke [Anm. 102] 148 Abb. 45,A–D)
Kleidung, Bestattung, Identität 263
standteile besaßen meist eine altersgerechte, d. h. der Körperhöhe angemes-
sene Größe (Abb. 9).
103
Die Erwachsenen zeigen eine mindestens ebenso deutliche Unterschei-
dung nach dem Lebensalter. Um dies aber en détail belegen zu können, be-
nötigt man eine möglichst auf Jahrzehnte genaue Altersbestimmung der Ske-
lette. Bislang ist die Zahl der vorliegenden anthropologischen Bearbeitungen
noch nicht besonders groß, und daher liegen detaillierte archäologische Ana-
lysen der Altersabhängigkeit von Kleidung und Grabausstattung ebenfalls
noch nicht häufig vor. Studien gibt es beispielsweise für Eichstetten am Kai-
serstuhl
104
, Fridingen an der Donau
105
und Ennery, dép. Moselle
106
. Meistens
103
Barbara Wührer, Merowingerzeitlicher Armschmuck aus Metall. Europe médiévale 2
(Montagnac 2000) 104 Abb. 103.
104
Barbara Sasse, Ein frühmittelalterliches Reihengräberfeld bei Eichstetten am Kaiserstuhl.
Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg 75 (Stutt-
gart 2001) 113–120.
105
Klaus Georg Kokkotidis, Belegungsablauf und Bevölkerungsstruktur auf dem alamanni-
schen Gräberfeld von Fridingen an der Donau in Südwestdeutschland. Fundberichte aus
Baden-Württemberg 20, 1995, 737–801.
106
Guy Halsall, Settlement and social organization. The Merovingian region of Metz (Cam-
bridge 1995) 83–86, 92.
Abb. 9. Innendurchmesser (lichte Weite) von merowingerzeitlichen Arm-
ringen aus Gräbern von Kindern und Jugendlichen. Schwarz – infans I;
grau – infans II; weiß – juvenil (nach Wührer [Anm. 103] 104 Abb. 103)
264 Sebastian Brather
muss mit interpolierten Daten gearbeitet werden, um zumindest eine unge-
fähre Vorstellung zu gewinnen. Deshalb sei hier als Beispiel das Reihen-
gräberfeld von Pleidelsheim am Neckar angeführt, das zwar nur teilweise
ausgegraben wurde, aber umfassend und mit jahrzehntgenauen anthropolo-
gischen Altersbestimmungen publiziert ist.
107
Wertvollere Kleidungsbestandteile wie Bügel- und Kleinfibeln, Nadeln
sowie Ohrringe waren auf Frauen zwischen etwa 18 und 50 Jahren be-
schränkt. Perlenketten zeigen keine so deutliche Abhängigkeit vom Lebens-
alter,
108
und dies gilt in ähnlicher Weise für weitere Kleidungsbestandteile
(wie Gürtel und Gehänge) und Grabbeigaben. Lässt sich bei Kindern und
Jugendlichen erwartungsgemäß eine meist mit dem Alter zunehmend um-
fänglichere Grabausstattung feststellen, so nimmt diese ab dem sechsten
Lebensjahrzehnt wieder deutlich und stetig ab. Bei den Männern zeigen sich
parallele Zusammenhänge bei den Waffen, die weit überwiegend bei adulten
und maturen Individuen vorkommen.
109
Die Gürtelgarnituren zeigen aber
einen klaren Unterschied: sie charakterisierten hauptsächlich Männer in
einem Alter jenseits der 40.
110
Wenngleich letztlich die Grabausstattungen
insgesamt heranzuziehen sind (Abb. 10), wird doch bereits anhand der auf-
geführten Kleidungsbestandteile ein klarer Bezug zum Lebensalter deutlich.
Außerdem zeigen sich geschlechtsspezifische Unterschiede: bei Frauen kon-
zentrierte sich ein größerer Aufwand auf das gebär- und heiratsfähige Alter
111
,
107
Ursula Koch, Das alamannisch-fränkische Gräberfeld bei Pleidelsheim. Forschungen und
Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg 60 (Stuttgart 2001).
108
Sebastian Brather, Kleidung und Identität im Grab. Gruppierungen innerhalb der Bevöl-
kerung Pleidelsheims zur Merowingerzeit. Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters 32,
2004 (2005) 1–58, hier 22 Tab. 8–9.
109
Brather, Kleidung und Identität (Anm. 108) 26 Tab. 12.
110
Brather, Kleidung und Identität (Anm. 108) 16 Tab. 4.
111
Michael Mitterauer, Christentum und Endogamie. In: ders., Historisch-anthropologische
Familienforschung. Fragestellungen und Zugangsweisen. Kulturstudien 15 (Wien, Köln
1990) 41–85, weist darauf hin, dass im christlichen Glauben Abstammung und Fortpflan-
zung aus religiöser Sicht wenig Bedeutung besaßen und damit späte Heiraten möglich
wurden – wie es indirekt bereits die genannten Fibelausstattungen in Pleidelsheim andeu-
ten könnten, die erst mit etwa 18 Jahren einsetzten. An die Stelle von Verwandtschaft
durch Abstammung traten langfristig religiöse Bindungen in der Gemeinde; ders., Ahnen
und Heilige. Namengebung in der europäischen Geschichte (München 1993) 220–293. –
Wenn hier vor allem die Mutterrolle betont wird, so sei damit nicht einem biologischen
Reduktionismus das Wort geredet, sondern lediglich auf die fragmentarischen Informa-
tionen zu Heirat und Ehe in der Merowingerzeit aufmerksam gemacht; Weidemann
(Anm. 33) 313–316. Erst seit dem 9. Jahrhundert gab es klare Regelungen; Pierre Toubert,
Die karolingischen Einflüsse (8. bis 10. Jahrhundert). In: Geschichte der Familie. Mittel-
alter, hrsg. André Burguière/Christiane Klapisch-Zuber/Martine Segalen/Françoise Zon-
abend (Frankfurt/M. 1997) 89–124, hier 112–124.
Kleidung, Bestattung, Identität 265
Abb. 10. Pleidelsheim, Kr. Ludwigsburg. Relativer Anteil der Beigaben in ungestörten Grä-
bern in Abhängigkeit vom Lebensalter. Oben Mädchen und Frauen (insgesamt 62), unten
Jungen und Männer (insgesamt 61). Besonders bei Jungen und alten Männern scheint der Feh-
ler der kleinen Zahl das Bild undeutlich werden zu lassen (verändert nach Brather, Kleidung
und Identität [Anm. 108] 21 Abb. 11, 25 Abb. 13)
266 Sebastian Brather
während mature und senile Männer deutlich aufwendiger als ihre Altersge-
nossinnen bestattet wurden.
Tab. 5. Merowingerzeitliche Bestattungen in Mitteleuropa, Abhängigkeit der Fibelausstattun-
gen vom Lebensalter. Deutlich zeigt sich die Bindung an adulte und mature Frauen. Die Auf-
stellung vermittelt jedoch nur eine ungefähre Vorstellung, da für jede Altersstufe erst das hier
vernachlässigte Verhältnis zu den Gräbern ohne Fibeln entscheidenden Aufschluss gibt. Die
stets hohe Zahl an Kindergräbern ließe dann die Ausstattung der höchstens 14jährigen Mäd-
chen weit geringer erscheinen (zusammengefasst nach Strauß [Anm. 40] 66–80)
Dass es sich bei diesen Beobachtungen nicht um einen singulären Befund
handelt, zeigen neben ähnlichen Feststellungen für andere merowingerzeit-
liche Gräberfelder (Tab. 5)
112
auch die Schriftquellen. Frühmittelalterliche
Rechtstexte enthalten ganze Kataloge von Bußzahlungen an die Geschädig-
ten bzw. deren Verwandte
113
, von denen hier die im Tötungsfall zu entrich-
112
Vgl. den Beitrag von Eva Stauch in diesem Band; Gisela Grupe/Thomas Beilner, „Erbarm’
Dich, Herr, unserer elenden Leiber, deren Leben gar kurz ist“. Über alte Menschen in zwei
frühmittelalterlichen Bevölkerungen. In: Interdisziplinäre Beiträge zur Siedlungsarchäo-
logie. Gedenkschrift für Walter Jansen, hrsg. Peter Ettel/Reinhard Friedrich/Wolfram
Schier. Studia honoraria 17 (Rahden 2002) 145–151; Helga Schach-Dörges, Zur Vierfibel-
tracht der älteren Merowingerzeit. In: Reliquiae Gentium. Festschrift Horst Wolfgang
Böhme 1, hrsg. Claus Dobiat/Klaus Leidorf. Internationale Archäologie. Studia honoraria
23 (Rahden 2005) 349–357; Sebastian Brather u. a., Grabausstattung und Lebensalter im
frühen Mittelalter. Soziale Rollen im Spiegel der Bestattungen. Fundberichte aus Baden-
Württemberg 30, 2007 (im Druck).
113
Ludger Körntgen, s. v. Kompositionensysteme. In: Reallexikon der germanischen Alter-
tumskunde
2
17 (Berlin, New York 2001) 179f.; Karl Kroeschell, Deutsche Rechtsgeschichte 1
(bis 1250) (Opladen
11
1991) 39–41. Als Quellenbeleg für die Empfänger der Bußzahlung
seien genannt Pactus Legis Salicae LXVIII: Si quis hominem ingenuum occiderit et ei fuerit
adprobatum, parentibus debeat secundum legem componere. Mediam compositionem filius habere de-
bet. Alia medietas exinde matri debet, ut ad quartam de leude illa adveniat. Alia quarta pars paren-
tibus propinquis debet, id est tres de generatione patris et tres de generatione matris; Pactus Legis Sa-
licae, hrsg. Karl August Eckhardt. Monumenta Germaniae Historica, Legum sectio 1. Leges
nationum Germanicum4,1 (Hannover 1962) 239. Gelegentlich wird bestimmt, dass ein fes-
ter Anteil der Buße oder ein zusätzlicher Betrag (fredus) an den König zu zahlen sei oder un-
ter bestimmten Voraussetzungen gezahlt werden kann; Hermann Nehlsen, s. v. Buße (welt-
liches Recht) II. Deutsches Recht. In: Lexikon des Mittelalters 2 (München, Zürich 1983)
eine Fibel zwei Fibeln drei Fibeln vier Fibeln Summe
infans I–II 56 (32%) 21 (17%) 3 (10%) 80 (22%)
juvenil 21 (12%) 16 (13%) 2 (7%) 2 (6%) 41 (11%)
adult 64 (37%) 40 (33%) 13 (43%) 17 (46%) 134 (37%)
matur 24 (14%) 32 (26%) 10 (33%) 12 (32%) 78 (22%)
senil 8 (5%) 13 (11%) 2 (7%) 6 (16%) 29 (8%)
Summe 173 (100%) 122 (100%) 30 (100%) 37 (100%) 362 (100%)
Kleidung, Bestattung, Identität 267
tenden „Wergelder“ besonders interessant sind. Da sich die – für Pleidels-
heim primär zu berücksichtigende – Lex Alamannorum vor allem und in
zahllosen Details für Verletzungen interessiert, sind die Lex Salica und die Lex
Ribvaria heranzuziehen. Die in ihnen enthaltenen Wergeldsummen besitzen
einen deutlichen Bezug zum Lebensalter, während im alemannischen Recht
fast nur Geschlecht und sozialer Rang von Bedeutung sind.
114
Im fränkischen
Recht war für die Höhe der vorgeschriebenen Ausgleichszahlung entschei-
dend, in welchem Alter jemand getötet wurde. Gegenüber der „durchschnitt-
lichen“ Summe von 200 Schilling erhöhte sich der Satz für gebärfähige
Frauen auf das Dreifache. Auffallend sind jedoch die hohen Summen für
Kinder.
115
Für Jungen galt ein ebenso hoher Satz wie für adulte Frauen; grö-
ßere Mädchen waren nur den „Normalsatz“ wert
116
, doch weibliche Säug-
linge kamen auf die erstaunliche Summe von 2400 solidi oder das Zwölffache
des Durchschnitts.
117
Alte Menschen fielen auf den „Normalsatz“ zurück
(Abb. 11).
118
1144–1149, hier 1146; z. B. Lex Salica LXXII: Si quis cuiuscumque pater occisus fuerit, medietatem
conpositionis filii recipiant, et aliam medietatem, qui propinquioris sunt tam de patre quam de matre
dividant; quod si de una parte, seu paterna seu materna, nullus parens fuerit, illam partionem fiscus
adquirat; Lex Salica, hrsg. Karl August Eckhardt. Monumenta Germaniae Historica, Legum
sectio 1. Leges nationum Germanicum 4,2 (Hannover 1969) 123.
114
Dem Pactus Legis Alamannorum XIV,6–11 (Anfang des 7. Jahrhunderts), zufolge entfiel auf
einen Mann je nach Rang ein Wergeld von 160, 200 bzw. 240 solidi; für eine Frau galt jeweils
der doppelte Satz (Leges Alamannorum I. Einführung und Recensio Chlothariana (Pactus),
hrsg. Karl August Eckhardt [Göttingen, Berlin, Frankfurt/M. 1958] 112). Ein einziger Hin-
weis zielt auf das Alter, indem für die Verursachung einer Totgeburt bzw. den Tod eines we-
niger als neun Tage alten Säuglings 40 solidi zu entrichten waren; Pactus Legis Alamannorum
XII (Leges Alamannorum I, 108). – Im burgundischen Liber constitutionum sive lex Gundobada
II,2 (In: Leges Burgundionum, hrsg. Ludwig Rudolf v. Salis. Monumenta Germaniae Histo-
rica, Legum sectio 1. Leges nationum Germanicum 2,1 [Hannover 1842] 29–116, hier 42),
sind allein soziale Unterschiede thematisiert; für Erwachsene galten 150, 200 bzw. 300 solidi.
115
Dies ist der entscheidende Unterschied zu den detaillierten altersabhängigen Sätzen in der
Lex Visigothorum VIII,4,16 (zweite Hälfte des 7. Jahrhunderts; Liber iudiciarum sive Lex Vi-
sigothorum. In: Leges Visigothorum, hrsg. Karl Zeumer. Monumenta Germaniae Histo-
rica, Legum sectio 1. Leges nationum Germanicum 1,1 [Hannover 1902] 33–456, hier
336–338), die vom Einjährigen bis zum Erwachsenen kontinuierlich ansteigende und im
Alter wieder abnehmende Summen enthält.
116
Bei den jugendlichen Mädchen kann es sich um eine „fiktive“ und aus den Angaben der
Lex interpolierte Gruppe handeln, die in der Realität kaum vorkam, wenn Mädchen dieses
Alters bereits als Frauen galten und behandelt wurden.
117
Halsall, Settlement and social organization (Anm. 106) 72f.; Katherine Fischer Drew, The
laws of the Salian Franks (Philadelphia 1991) 45f., fassen die verstreuten Einzelregelungen
zusammen; vgl. Pactus Legis Salicae (Anm. 113); Lex Salica (Anm. 113); Lex Ribvaria,
hrsg. Franz Beyerle/Rudolf Buchner. Monumenta Germaniae Historica, Legum sectio 1.
Leges nationum Germanicum 3,2 (Hannover 1954).
118
Ebenso in der Lex Visigothorum VIII,4,16 (Liber iudiciarum [Anm. 115] 336–338). In die-
sen Regelungen scheinen sich römische Vorbilder widerzuspiegeln. So bestimmten die au-
268 Sebastian Brather
Diese Wergeld-Sätze lassen sich als Indikatoren sozialer Wertschätzung ver-
stehen.
119
Während für Männer der soziale Rang bzw. die Königsnähe den
Ausschlag gab, war es für die Frauen ihre potentielle Rolle als Mutter und
Gattin.
120
Die sehr hohen Summen für Kinder machen deutlich, welch gro-
ßen (und nicht nur emotionalen) Verlust ihr Tod für die Familie bedeutete.
Bei den Neugeborenen und Säuglingen war besondere Vorsicht geboten,
gusteischen Ehegesetze, dass Frauen zwischen 20 und 50 Jahren sowie Männer zwischen
15 und 60 Jahren verheiratet sein mussten; Andreas Gutsfeld, „Das schwache Lebensalter“.
Die Alten in den Rechtsquellen der Prinzipatszeit. In: Am schlimmen Rand des Lebens?
(Anm. 100) 161–179, hier 161. – Sehr ähnlich sehen noch frühneuzeitliche „Alterstreppen“
aus; Reinhard, Lebensformen Europas (Anm. 4) 176f. Abb. 14–15.
119
Im bäuerlichen Milieu waren die festgesetzten hohen Wergelder nicht zu begleichen; hier
kommt es jedoch allein auf die Relationen an, in denen die Summen zueinander standen.
120
Gemäß der Lex Alamannorum LX,2 (LVIII,2) (Anfang des 8. Jahrhunderts) (Leges Alaman-
norum II. Recensio Lantfridana, hrsg. Karl August Eckhardt [Witzenhausen 1962] 54),
war das Wergeld für Frauen jeweils doppelt so hoch wie das für Männer, selbst bei Fehlge-
burten: Lex Alamannorum LXXXVIII,1 (Leges Alamannorum II, 65).
Abb. 11. „Wergeld“ nach der Lex Salica aus dem frühen 6. Jahrhundert und der etwa hundert
Jahre jüngeren Lex Ribvaria, angegeben in solidi, gegliedert nach Geschlecht und (schemati-
siertem) Lebensalter (nach Halsall [Anm. 117] 72f.; Fischer Drew [Anm. 117] 45f.)
Kleidung, Bestattung, Identität 269
nicht wegen möglicherweise häufiger Kindstötungen
121
, sondern wegen der
hohen Säuglingssterblichkeit, derentwegen ein gewaltsamer Tod möglichst
ausgeschlossen werden sollte. Der Unterschied, der dabei zwischen Mäd-
chen und Jungen gemacht wurde, hängt mit ihren späteren geschlechtsspe-
zifischen Rollen zusammen, bedarf aber noch weiterer Erklärung.
Beim Vergleich von Grabausstattungen und Rechtstexten fallen zu-
nächst die Übereinstimmungen auf – Erwachsene zwischen 20 und 50 Jah-
ren waren überdurchschnittlich gekleidet und ihre Tötung am höchsten
sanktioniert. Bei jüngeren und älteren Personen war beides geringer – mit
dem Erwachsenwerden nahm die Grabausstattung zu und im höheren Le-
bensalter wieder ab. Abweichungen zeigen die Kinder, denn Gräber von
Säuglingen lassen trotz hoher Wergelder eine Ausstattung meist völlig ver-
missen. „Reiche“ Kindergräber kommen vor – verwiesen sei hier lediglich
auf das bekannte Grab eines höchstens siebenjährigen Jungen unter dem
Kölner Dom (erste Hälfe des 6. Jahrhunderts)
122
und dasjenige eines etwa
fünfjährigen Mädchens unter dem Frankfurter Dom (spätes 7. Jahrhun-
dert)
123
– und scheinen ebenso den Wergeldregelungen zuwiderzulaufen;
bei diesen abweichenden Kindergräbern handelt es sich meist um höchst-
ens Siebenjährige (oder infans I nach anthropologischer Terminologie).
Beides lässt sich aber recht einfach erklären. Die hohe Säuglingssterblich-
keit verhinderte „Investitionen“ in die zahlreichen Bestattungen von Klein-
kindern; das hätte die Familien bei weitem überfordert. War allerdings ein
Kind aus dem Gröbsten heraus, dann konnte der nicht minder große Ver-
lust auch in einer entsprechenden Grabausstattung seinen Ausdruck fin-
den. Allerdings sind nicht allzu viele Kinder „reich“ bestattet worden, und
deshalb lässt sich vermuten, dass in diesen Fällen ein weiterer Grund hin-
zugekommen war: eine spezifische Situation innerhalb der Familie mag
eine „vorzeitige“, wenn auch nur nominelle Rollenübernahme erfordert ha-
ben, die im Grab demonstriert wurde. Ähnliches lässt sich für andere Ab-
weichungen von der Regel annehmen.
124
121
Diese lassen sich archäologisch nicht nachweisen; Lohrke (Anm. 102) 35–37, 174.
122
Otto Doppelfeld, Das fränkische Knabengrab unter dem Chor des Kölner Domes. Ger-
mania 42, 1964, 156–188; Georg Hauser, Schichten und Geschichte unter dem Dom. Die
Kölner Domgrabung. Meisterwerke des Kölner Domes 7 (Köln 2003) 30–41, mit einer
Jahrringdatierung auf 537 ± 10.
123
Andrea Hampel, Der Kaiserdom zu Frankfurt am Main. Ausgrabungen 1991–93. Beiträge
zum Denkmalschutz in Frankfurt am Main 8 (Nußloch 1994) 112–171.
124
Halsall, Settlement and social organization (Anm. 106) 256f.; vgl. Gabriele Graenert, Sind
die „reichen“ Kindergräber wirklich reich? Die Beigabensitte bei Kindern in der merowin-
gerzeitlichen Burgundia. In: Hüben und Drüben. Räume und Grenzen in der Archäologie
des Frühmittelalters. Festschrift Max Martin. Archäologie und Museum 48 (Liestal 2004)
159–188, hier 186f.
270 Sebastian Brather
Die klare Abhängigkeit von Kleidung und Grabausstattung vom Lebens-
alter weist darauf hin, dass altersspezifische soziale Rollen und damit ver-
bundenes Prestige ausgedrückt wurden. Alte Menschen bestattete man
ebenso wie Kinder meist nicht so „reich“ und aufwendig wie adulte und ma-
ture Erwachsene. Christleins „Qualitätsgruppen“ können deshalb nur dann
berücksichtigt werden, wenn zuvor das Lebensalter untersucht wurde –
denn „Besitzabstufungen“ sind altersabhängig und Vergleiche daher nur in-
nerhalb derselben Altersgruppe möglich (Abb. 12). Wenn aber Rollen inner-
halb der Familien symbolisiert werden, dann sagt die Grabausstattung nur
mittelbar etwas über die Individuen aus – alte Menschen dürften beispiels-
weise weiterhin soziale Anerkennung genossen haben, auch wenn die ent-
scheidenden Positionen an ihre Kinder übergegangen waren und diese da-
her im Todesfall besonders „reich“ bestattet wurden.
125
Diese Überlegung ist
außerdem ein weiteres Argument gegen die ältere rechtsgeschichtliche Auf-
fassung, die Grabausstattungen seien als „Heergewäte“ und „Gerade“ der
persönliche Besitz des bzw. der Toten gewesen.
126
Allerdings suggerieren die
biologisch bestimmten Sterbealter fälschlich recht starre Altersklassen; die
Zusammenfassung zu Gruppen von sieben bis zehn Lebensjahre umfassen-
den Abschnitten vereinfacht die komplexe Lebenswelt erheblich, und
schließlich gilt es, zwischen biologischem und kalendarischem Alter einer-
seits und sozialer Zugehörigkeit andererseits zu differenzieren.
Von besonderem Interesse ist aber schließlich auch, welche sozialen
Zugehörigkeiten nicht im Grab demonstriert wurden. In archäologischen
Begriffen ist also zu fragen, welche Aspekte nicht oder nur selten durch
Grabbeigaben symbolisiert wurden. Zwei Bereiche lassen sich nennen –
1. bäuerliche und handwerkliche Tätigkeiten sowie 2. die Religion. Teile
eines Pfluges gehören zu den großen Seltenheiten in merowingerzeitlichen
Gräbern.
127
Auch andere schwere Geräte wie Äxte, die nicht immer Waffen
125
Michael Mitterauer, Komplexe Familienformen in sozialhistorischer Sicht [1981]. In:
ders., Historisch-anthropologische Familienforschung. Fragestellungen und Zugangs-
weisen. Kulturstudien 15 (Wien, Köln 1990) 87–130, zufolge setzte sich eine Familie aus
Eltern, Kindern und „Altenteilern“ zusammen, was die soziale Anerkennung der letzteren
einschließt. – Im antiken Griechenland sah die Situation ähnlich aus; Winfried Schmitz,
Nicht ‚altes Eisen‘, sondern Garant der Ordnung. Die Macht der Alten in Sparta. In: Am
schlimmen Rand des Lebens? (Anm. 100) 87–112, hier 89f. Im römischen Bereich besaß
der pater familias zeitlebens eine sehr starke, wenn auch zunehmend eingeschränkte Stel-
lung; Gutsfeld (Anm. 118) 162f.
126
Effros, Caring for body and soul (Anm. 72) 25–28, 41–44.
127
Vgl. etwa Gerhard Fingerlin, Bräunlingen. Ein frühmerowingerzeitlicher Adelssitz an der
Römerstraße durch den südlichen Schwarzwald. Archäologische Ausgrabungen in Baden-
Württemberg 1997 (1998) 146–148, hier 148 Abb. 96.
Kleidung, Bestattung, Identität 271
darstellten, finden sich nur in recht geringer Anzahl.
128
Schließlich ist auch
die Zahl der „Schmiedegräber“ nicht besonders groß.
129
Meistens sind diese
Gräber zugleich sehr umfänglich ausgestattet, was eine symbolische Bedeu-
tung dieser Grabbeigaben über den reinen Verweis auf eine bestimmte Tä-
tigkeit hinaus andeutet. Häufiger vertreten ist die Sphäre weiblicher Be-
schäftigung, denn Spinnwirtel kommen sehr häufig
130
, Webschwerter
131
in
immerhin beträchtlicher Zahl in Reihengräbern vor.
Recht begrenzt an Zahl erscheinen christliche Symbole.
132
Ab und zu
finden sich Kreuzzeichen an Fibeln und Gürtelbeschlägen, doch oft sind
128
Theuws (Anm. 83).
129
Joachim Henning, Schmiedegräber nördlich der Alpen. Germanisches Handwerk zwi-
schen keltischer Tradition und römischem Einfluß. Saalburg-Jahrbuch 46, 1991, 65–82,
hier 74–77; 80f.
130
Im oben erwähnten Beispiel Pleidelsheim fanden sich Spinnwirtel weit überwiegend in
umfänglich ausgestatteten Gräbern adulter Frauen.
131
Arno Rettner, Baiuaria romana. Neues zu den Anfängen Bayerns aus archäologischer und
namenkundlicher Sicht. In: Hüben und drüben. Räume und Grenzen in der Archäologie
des Frühmittelalters. Festschr. Max Martin, hrsg. Gabriele Graenert/Reto Marti/Andreas
Motschi/Renata Windler. Archäologie und Museum 48 (Liestal 2004) 255–286, hier 257
Anm. 10.
132
Bernd Päffgen/Sebastian Ristow, Die Religion der Franken im Spiegel archäologischer Zeug-
nisse. In: Die Franken. Wegbereiter Europas. Ausstellungskatalog (Mainz 1996) 738–744;
Ellen Riemer, Im Zeichen des Kreuzes. Goldblattkreuze und andere Funde mit christlichem
Symbolgehalt. In: Die Alamannen. Ausstellungskatalog (Stuttgart 1997) 447–454.
Abb. 12. Schematischer Lebenslauf in einem grundherrschaftlichen Verband der Karolinger-
zeit. Der grundherrlichen familia untertänige Bauern verbrachten die Phasen des Lebenszyklus
an unterschiedlichen Orten des Herrschaftskomplexes: die Kindheit auf dem abhängigen elter-
lichen Hof, die Jugend ebendort oder als Gesinde auf dem Meierhof, das Erwachsenenalter als
Verheirateter auf dem eigenen Hof, und – nach der Ablösung als bäuerlicher Hausherr – das
Alter auf dem Bauern- oder Meierhof (nach Mitterauer, Mittelalter [Anm. 84] 283 Abb. 23)
272 Sebastian Brather
ornamentale und religiöse Bedeutung nicht zu trennen. Regional und auf
„reiche“ Gräber beschränkt blieben die bekannten Goldblattkreuze.
133
Sel-
ten sind szenische christliche Darstellungen auf Kleidungsbestandteilen
und Reliquienbehälter. Der Grund für die relative Seltenheit „professionel-
ler“ und religiöser Charakteristika dürfte in ihrer mangelnden Eignung lie-
gen, Differenzen zu markieren. In einer agrarischen Welt hatte es keinen
großen Sinn, bäuerliche Tätigkeit zu betonen, und gleiches gilt für die Be-
tonung von Religion in den christlichen Gesellschaften des frühen Mittel-
alters, denn alle gehörten (zumindest theoretisch) dazu.
134
In den Fällen, in
denen diese Aspekte dennoch hervorgehoben wurden, sind deshalb andere
Gründe zu vermuten. Spinnwirtel dürften nicht die Tätigkeit an sich, son-
dern die Rolle der Frau herausgestellt haben, und bei den seltenen Werk-
zeug- und Gerätefunden in „reichen“ Männergräbern ist vielleicht ein sym-
bolischer Verweis auf Verfügung über Land und Leute anzunehmen.
Manches christliche Symbol könnte für eine individuelle Erfahrung ste-
hen
135
oder spezifische Absichten.
Die deutlichen Abhängigkeiten der Kleidung und der Grabausstattungen
vom Lebensalter sind wohl der beste Beleg dafür, dass Positionierungen in-
nerhalb der Lokalgesellschaften an erster Stelle standen. Denn hauptsäch-
lich im Angesicht der unmittelbaren Nachbarn hatte es einen konkreten
Sinn, derart detailliert soziale Positionen zu verdeutlichen. Analog dürften
auch „Reichtumsunterschiede“, die im dörflichen Milieu – ungeachtet des
„landgesessenen“ Adels des frühen Mittelalters – nicht überschätzt werden
133
Riemer, Zu Vorkommen und Herkunft (Anm. 49).
134
Arnold Angenendt, Das Frühmittelalter. Die abendländische Christenheit von 400 bis
900 (Stuttgart, Berlin, Köln
2
1995) 173, verweist darauf, „[d]aß der Prozeß der Christiani-
sierung im Merowingerreich kaum greifbar wird“. Dies liegt u. a. daran, dass sie kein ex-
plizites Thema der zeitgenössischen Literatur war. Für den aus senatorischer Familie stam-
menden Gregor von Tours „stand die moralische Ordnung einer Gesellschaft im
Vordergrund, die er in erster Linie durch das rechte Funktionieren der von Gott eingesetz-
ten Institutionen König und Episkopat gewährleistet sah“; Martin Heinzelmann, Gregor
von Tours (538–594). „Zehn Bücher Geschichte“. Historiographie und Gesellschaftskon-
zept im 6. Jahrhundert (Darmstadt 1994) 175. Aus „zahlreichen verstreuten Bemerkungen
christlicher Autoren“ ist dennoch die angestrengte Suche „der Christen des 6. Jahrhun-
derts [zu erschließen], gewisse Übereinstimmungen zwischen ihren gegenwärtigen religiö-
sen Kenntnissen und der älteren Weltanschauung zu entdecken“; Peter Brown, Die Ent-
stehung des christlichen Europa (München 1996) 124.
135
Volker Bierbrauer, Fibeln als Zeugnisse persönlich bekannten Christentums südlich und
nördlich der Alpen im 5. bis 9. Jahrhundert. Acta praehistorica et archaeologica 34, 2002,
209–224, hier 223f., interpretiert das vermehrte Vorkommen von Kreuzfibeln seit dem
8. Jahrhundert als Indiz für eine kirchliche „Institutionalisierung“ im rechtsrheinischen
Raum.
Kleidung, Bestattung, Identität 273
sollten, auf die nähere und weitere Nachbarschaft Bezug nehmen.
136
Die
Interpretation wird dadurch erschwert, dass sich einerseits bei jeder Person
mehrere Gruppenzuordnungen und Identitäten überschnitten (Abb. 7)
und andererseits singuläre Situationen die strukturellen „Regeln“ über-
decken können. Erst im Anschluss an die sorgfältige Analyse einzelner Rei-
hengräber und Lokalgesellschaften lassen sich regionale und überregionale
Vergleiche anstellen.
137
Je weiter der Vergleich geographisch ausgedehnt
wird, desto unschärfer werden die Interpretationen; da man sich dabei
immer mehr von – soweit vorhanden – kleinregional geltenden Zeichen-
systemen entfernt, müssen Erklärungen zunehmend strukturell ausfallen.
Schließlich ist darauf hinzuweisen, dass Kleidung, Bestattung und Identität
zwar untereinander vielfältig zusammenhängen, das Verhältnis aber bei
weitem nicht eindeutig ist.
136
Zur Begrenzung mittelalterlicher „Erfahrungsräume“ auf einen Radius von 50 bis 100 km
vgl. Dick Harrison, Medieval space. The extent of microspatial knowledge in Western Eu-
rope during the middle ages. Lund studies in international history 34 (Lund 1996) 220.
137
Großräumig: Siegmund, Alemannen und Franken (Anm. 53); kleinräumig: Claudia
Theune, Germanen und Romanen in der Alamannia. Strukturveränderungen aufgrund
der archäologischen Quellen vom 3. bis zum 7. Jahrhundert. Reallexikon der germani-
schen Altertumskunde, Ergänzungsband 45 (Berlin, New York 2004) 235–367.
274 Sebastian Brather
Alter ist Silber, Jugend ist Gold! 275
Alter ist Silber, Jugend ist Gold!
Zur altersdifferenzierten Analyse
frühgeschichtlicher Bestattungen
Eva Stauch
Analog zur Entwicklung in geschichts- und gesellschaftswissenschaft-
lichen Nachbardisziplinen erfahren sozialgeschichtliche Fragestellungen
in den letzten Jahrzehnten auch in der prähistorischen Archäologie eine
verstärkte Aufmerksamkeit.
1
Doch noch immer liegt der Schwerpunkt so-
zialgeschichtlicher Fragestellungen in der Frühgeschichtsforschung auf der
vertikalen Schichtung einer Gesellschaft. Die durch biologische Faktoren
wie Geschlecht, Lebensalter oder Gesundheitszustand bedingte Zugehö-
rigkeit eines Menschen zu einer Sozialgruppe griff die Forschung dagegen
nur in sehr unterschiedlichem Grad auf. So war die geschlechtsdifferen-
zierte Betrachtungsweise aus der Gräberarchäologie von Anfang an nicht
wegzudenken, während eine altersdifferenzierte Betrachtungsweise auch
heute noch nur sehr zögerlich Raum gewinnt. Wenn aber nach den
Erkenntnissen der Soziologie wie auch der Ethnologie das Alter „neben
Geschlecht das wohl grundlegendste Prinzip gesellschaftlicher Differen-
zierung“
2
ist, so bedarf unser Zugang zur frühgeschichtlichen Gesell-
schaftsstruktur einer verstärkten Auseinandersetzung mit dieser „Un-
gleichheitsdimension“.
3
1
Beispielhaft Heiko Steuer, Frühgeschichtliche Sozialstrukturen in Mitteleuropa. Eine Ana-
lyse der Auswertungsmethoden des archäologischen Quellenmaterials. Abhandlungen der
Akademie der Wissenschaften Göttingen, phil.-hist. Klasse, Dritte Folge 128 (Göttingen
1982).
2
Andreas Sagner, Alter und Altern in einfachen Gesellschaften. Ethnologische Perspekti-
ven. In: Andreas Gutsfeld/Winfried Schmitz (Hrsg.), Am schlimmen Rand des Lebens?
Altersbilder in der Antike (Köln, Weimar, Wien 2003) 31–53, bes. 31.
3
Diesen Begriff prägte Martin Kohli, Altern in soziologischer Perspektive. In: Paul B. Bal-
tes/Jürgen Mittelstraß (Hrsg.), Zukunft des Alterns und gesellschaftliche Entwicklung.
Forschungsbericht der Akademie der Wissenschaften Berlin 5 (Berlin, New York 1992)
231–259, bes. 231.
Zwischen Spätantike und Frühmittelalter – RGA-E Band 57 – Seiten 275–295
© 2008 Walter de Gruyter · Berlin · New York
276 Eva Stauch
Diesbezügliche archäologische Studien widmeten sich jedoch fast aus-
schließlich dem Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern.
4
Mit
einer näheren Differenzierung der Erwachsenengräber beschäftigten sich
bislang fast nur Bearbeiter kaiserzeitlicher Brandgräberfelder.
5
Die zahlrei-
chen merowingerzeitlichen Gräberfelder, die ja aufgrund der Körperbestat-
tungssitte für derartige Untersuchungen weitaus geeigneter sind, wurden
nur in wenigen Ausnahmefällen unter diesem Aspekt betrachtet. Eine Kor-
relation der anthropologischen Daten mit archäologischen Sachverhalten
fand hier in der Regel allein unter dem Gesichtspunkt einer altersabhängi-
gen männlichen Waffenausstattung statt.
6
‚Alter‘ ist jedoch gleichermaßen ein biologischer Zustand wie eine ge-
sellschaftliche Einstufung, wobei keineswegs davon ausgegangen werden
darf, dass sich die Grenzziehungen beider Definitionsansätze decken. Die
wenigen Schriftquellen des frühen Mittelalters geben uns hierüber nur aus-
schnitthaft Auskunft
7
, so dass wir für diesen Zeitraum auf die Untersu-
chung archäologischer Hinterlassenschaften angewiesen bleiben. Die Frage
nach der sozialen Definition des Alters mit archäologischen Mitteln anzu-
4
Für das Frühmittelalter: Sally E. E. Crawford, Age Differentiation and Related Social Sta-
tus. A Study of Early Anglo-Saxon Childhood, diss. phil. thesis (Oxford 1991); Brigitte
Lohrke, Kinder in der Merowingerzeit. Gräber von Mädchen und Jungen in der Aleman-
nia. Freiburger Beiträge zur Archäologie und Geschichte des ersten Jahrtausends 9 (Rah-
den 2004); K. Bergmann, Untersuchungen zu frühmittelalterlichen Kinderbestattungen
der Francia und Alamannia, unpublizierte Magisterarbeit (München 1993); Sabine Donié,
Soziale Gliederung und Bevölkerungsentwicklung einer frühmittelalterlichen Siedlungs-
gemeinschaft. Untersuchungen zum Gräberfeld von Schretzheim. Saarbrücker Beiträge
zur Altertumskunde 66 (Bonn 1999) 132–136; Nick Stoodley, Post-Migration Age Structu-
res and Age Related Grave Goods in Anglo-Saxon Cemeteries in England. Studien zur
Sachsenforschung 11, 1998, 187–197.
5
Die Literatur zu diesen insbesondere von Michael Gebühr und Jürgen Kunow durch-
geführten Untersuchungen findet sich zusammengestellt in zwei jüngeren Arbeiten:
Michael Gebühr, Alter und Geschlecht. Aussagemöglichkeiten anhand des archäologi-
schen und anthropologischen Befunds. In: Berta Stjernquist, Prehistoric graves as a source
of information. Kungl. Vitterhets Historie och Antikvitets Akademien, Konferenser 29
(Stockholm 1994) 73–86; Heidrun Derks, Alter und Geschlecht. Biologische Parameter als
Instrument sozialer Differenzierung in der älteren Römischen Kaiserzeit Norddeutsch-
lands. Ethnographisch-Archäologische Zeitschrift 38, 1997, 531–550.
6
Hans-Peter Wotzka, Die Männergräber von Schretzheim: Eine quantitative Studie.
Hammaburg Neue Folge 9, 1989, 119–156; Barbara Sasse, Leben am Kaiserstuhl im Früh-
mittelalter. Ergebnisse einer Ausgrabung bei Eichstetten. Archäologische Informationen
aus Baden-Württemberg 10, 1989, 30ff. Abb. 18. 19; Klaus Georg Kokkotidis, Belegungs-
ablauf und Bevölkerungsstruktur auf dem alamannischen Gräberfeld von Fridingen an der
Donau in Südwestdeutschland. Fundberichte aus Baden-Württemberg 20, 1995, 737–801,
bes. 782–789.
7
Eva Stauch, Alte Menschen im frühen Mittelalter. Soziale Definition durch Alter und Ge-
schlecht (in Druckvorbereitung).
Alter ist Silber, Jugend ist Gold! 277
gehen, war deshalb Ziel eines von mir unternommenen Forschungspro-
jektes.
8
Ausgangspunkt war die Frage, auf welchen Merkmalen die Altersein-
schätzung durch die Mitmenschen beruht. Nach allem, was wir über mit-
telalterliche Zeit- und Zeitraum-Bestimmungen wissen
9
, können wir davon
ausgehen, dass in weiten Kreisen der mitteleuropäischen frühmittelalter-
lichen Gesellschaft das chronologische, also nach Lebensjahren gezählte
Alter einer Person allenfalls eine nachgeordnete Rolle spielte. Vielfach wird
es nicht einmal genau bekannt gewesen sein. Wichtiger dürften hingegen
relative Altersangaben gewesen sein in der Art wie „x Jahre älter als mein
Vater“ oder „nur wenige Jahre nach meiner Mutter geboren“. Von großer
Bedeutung für eine Einordnung war vermutlich die Stellung einer Person
innerhalb des Generationensystems einer Familie bzw. eines sozialen Ge-
meinwesens. Ohne genaue Kenntnis dieser relativen Bezüge war man im
Frühmittelalter – nicht anders als heute – auf äußerliche Einordnungskrite-
rien angewiesen. Solche äußerliche Kriterien für die Alterseinschätzung
eines Menschen können das Aussehen, der Gesundheitszustand, Kleidung,
Kenntnisse, Verhaltensweisen und Tätigkeiten sein. Diese Themenbereiche
dienen als Leitfaden, nach welchen Phänomenen im archäologischen Da-
tenmaterial zu suchen ist. Während Wissen oder Verhalten dabei für uns
heute nicht mehr fassbar sind, können sich Aussehen, Tätigkeiten und kör-
perliche Verfassung durchaus in einer bestimmten archäologischen Befund-
gattung – den Bestattungen – manifestieren.
Da frühmittelalterliche Gräber in enormem Umfang wissenschaftlich
vorgelegt wurden, liefern sie gerade auch für sozialgeschichtliche Frage-
stellungen ein Quellenmaterial, das hinsichtlich Qualität und Quantität
in anderen vor- und frühgeschichtlichen Epochen ohne Vergleich bleibt.
Die meist etwa 50 bis 400, in Ausnahmefällen auch weit über 1000 Bestat-
tungen dieser zwischen dem 5. und 9. Jahrhundert benutzten Gräberfel-
der weisen ein breites Spektrum differenzierter Grabanlagen auf und lassen
Beigabenausstattungen verschiedenster Qualitätsabstufungen aufscheinen.
Zudem hat die chronologische Gliederung des merowingerzeitlichen Fund-
materials einen ausgesprochen hohen Grad der Genauigkeit erreicht.
10
Rei-
8
Ebd.
9
Philippe Ariès, Le temps de l’histoire (Monaco 1954).
10
Die chronologische Einordnung der Grabinventare fußt auf einem System von 15 zeitlich
aufeinander folgenden Phasen. Zum aktuellen Stand der Chronologie und zum verwen-
deten Phasensystem vgl. Eva Stauch, Wenigumstadt. Ein Bestattungsplatz der Völkerwan-
derungszeit und des frühen Mittelalters im nördlichen Odenwaldvorland. Universitätsfor-
schungen zur Prähistorischen Archäologie 111 (Bonn 2004) 19–58, bes. 20 Abb. 7.
278 Eva Stauch
hengräber sind daher als Materialbasis für Forschungen zur Altersdifferen-
zierung vorzüglich geeignet.
Unter den zahlreichen frühmittelalterlichen Gräberfeldern wählte ich
für die Analyse solche Bestattungsplätze aus, die folgende Anforderungen
bestmöglich erfüllen: lange Belegungszeit; hohe Bestattungszahl; mög-
lichst vollständiger Erfassungsgrad des Friedhofs; gute Erhaltung von Fun-
den, Befunden und Skeletten; qualitätvolle Dokumentation der Befunde;
ausführliche anthropologische Untersuchung. Diese Kriterien treffen auf
die Bestattungsplätze von Marktoberdorf
11
und Weingarten
12
, das Gräber-
feld von Wenigumstadt
13
sowie den Bestattungsplatz von Altenerding
14
zu.
Dass die gewählten Referenzgräberfelder sämtlich in Süddeutschland lie-
gen, hat seinen Grund in der Qualität der anthropologischen Bestimmun-
gen. Auf Gräberfeldern im nördlichen Mitteleuropa sind die Bodenverhält-
nisse wegen der geomorphologischen Geschichte in der Regel weniger für
die Erhaltung von Knochenmaterial geeignet, sodass anthropologische
Bestimmungen hier nur selten einen vergleichbaren Grad der Genauigkeit
erreichen können.
Grundlage, aber auch begrenzender Faktor aller altersdifferenzierten
archäologischen Untersuchungen sind die anthropologischen Bestimmun-
gen des Sterbealters. Die einzelnen Methoden der morphologischen Alters-
bestimmung am Skelett wurden durch eine Arbeitsgruppe europäischer
Anthropologen zusammengefasst und als Empfehlung formuliert.
15
Zur
Diagnose des Sterbealters bei Erwachsenen findet insbesondere die so ge-
nannte kombinierte Methode der Altersdiagnose Anwendung.
16
Für sämt-
liche erfassten Bestattungen lag eine morphologische Altersbestimmung
nach diesem Standard vor, die in zahlreichen Fällen zudem durch eine his-
tologische Altersbestimmung präzisiert werden konnte. Die in der Anthro-
11
Rainer Christlein, Das alamannische Reihengräberfeld von Marktoberdorf im Allgäu. Ma-
terialhefte zur Bayerischen Vorgeschichte 21 (Kallmünz 1966).
12
Helmut Roth/Claudia Theune, Das frühmittelalterliche Gräberfeld bei Weingarten (Kr.
Ravensburg) 1. Katalog der Grabinventare. Forschungen und Berichte zur Vor- und Früh-
geschichte in Baden-Württemberg 44/1 (Stuttgart 1995).
13
Stauch, Wenigumstadt (Anm. 10).
14
Walter Sage, Das Reihengräberfeld von Altenerding in Oberbayern I. Germanische Denk-
mäler der Völkerwanderungszeit A 14 (Berlin 1984); Hans Losert/Andrej Pleterski, Alten-
erding in Oberbayern. Struktur des frühmittelalterlichen Gräberfeldes und „Ethnogenese“
der Bajuwaren (Berlin, Bamberg, Ljubljana 2003).
15
Denise Ferembach/Ilse Schwidetzky/Milan Stloukal, Empfehlungen für die Alters- und
Geschlechtsdiagnose am Skelett. Homo 30, 1979/2, 1–32.
16
János Nemeskéri/Laszlo Harsányi/György Acsádi, Methoden zur Diagnose des Lebensal-
ters von Skelettfunden. Anthropologischer Anzeiger 24, 1960, 70–95.
Alter ist Silber, Jugend ist Gold! 279
pologie gebräuchliche Klassifikation
17
unterteilt das Erwachsenenalter in
drei Alterstufen – adult, matur und senil –, die durch je drei Teilabschnitte –
früh, mittel und spät – in insgesamt neun Altersabschnitte untergliedert
sein können. Die für diese Altersabschnitte in den folgenden Diagrammen
verwendeten Kürzel sind Abb. 1 zu entnehmen.
Bei ausreichend präziser Altersbestimmung sollten sich in den archäo-
logischen altersdifferenzierten Analysen charakteristische Veränderungen
im Lebenslauf herausarbeiten lassen. Dafür musste sich das Sterbealter in-
nerhalb der Erwachsenenphase auf zumindest zwei der anthropologischen
Altersstufen eingrenzen lassen. Nach diesem Kriterium standen aus den
vier Referenzgräberfeldern insgesamt 1685 altersbestimmte Erwachsenen-
bestattungen
18
als Datenbasis zur Verfügung. Das Geschlechtsverhältnis ist
in dieser Datenserie nahezu exakt ausgewogen. Die Sterbealtersverteilung
der Gesamtserie (Abb. 2) zeigt nach einem Anstieg der Sterbehäufigkeit bis
zum Maximum im mitteladulten Altersabschnitt zunächst ein graduelles
17
Johann Szilvássy, Altersdiagnose am Skelett. In: Rainer Knußmann (Hrsg.), Anthropolo-
gie. Handbuch der vergleichenden Biologie des Menschen 1. Wesen und Methoden der
Anthropologie (Stuttgart, New York 1988) 421–443.
18
Hinsichtlich der Problemstellung des Forschungsprojektes waren anthropologisch nicht
bestimmte Gräber dabei ebenso wenig von Bedeutung wie Kinder- oder Jugendlichen-
gräber.
Abb. 1. Anthropologische Unterteilungen des Erwachsenenalters.
Die rechts aufgeführten Kürzel werden in den folgenden Abbildungen verwendet
280 Eva Stauch
Absinken der Sterbehäufigkeit während der maturen Altersstufe. Deutlich
weniger Menschen erreichten die senile Altersstufe, wobei auch innerhalb
der senilen Altersstufe ein weiteres graduelles Absinken festzustellen ist. In
einer Gegenüberstellung der Altersverteilung männlicher und weiblicher
Individuen (Abb. 3) wird die für präindustrielle Gesellschaften charakteri-
stische geschlechtsdifferenzierte Sterbekurve erkennbar: ein erhöhtes Ster-
berisiko für Frauen im gebärfähigen Alter sowie eine höhere Chance für
Männer, erst im maturen Alter zu sterben.
Außer den anthropologischen Informationen erhob ich als Basis für
eine präzise, möglichst detailreiche archäologische Analyse nach fein auf-
geschlüsselten Merkmalen sämtliche Daten zu Eigenheiten der Grabanlage
sowie Art, Qualität und Kombination der Beigaben.
19
Von den erfassten Er-
wachsenenbestattungen waren 1359, also fast 81 Prozent, mit insgesamt
7321 Beigaben versehen. Die „Abhängigkeit der Qualität einer Grabausstat-
tung vom Reichtum des Toten bzw. dessen Hinterbliebenen“ wollte Rainer
Christlein „als ein Mittel benutzen, um auf den Reichtum und die einstige
19
Zur Datenerfassung wurde das relationale Datenbanksystem DEADDY konzipiert und
mit Hilfe des Datenbankprogramms ‚Access‘ programmiert. Die Datenanalysen erfolgten
mittels der Abfragesprache Structured Query Language (SQL). Für jede Beigabe wurden
erfasst: Material, Verzierungstechnik, Verzierungsmotiv, Erhaltungszustand, Maße, Ge-
brauchsspuren, eventuelle Reparaturen, Paarigkeit, Lage der Beigaben in Beziehung zum
Toten sowie Lagebeziehungen der Beigaben untereinander.
Abb. 2. Sterbealtersverteilung der Gesamtserie, Anzahl der Individuen
Alter ist Silber, Jugend ist Gold! 281
wirtschaftliche Macht des Bestatteten im Rahmen der ihn umgebenden Ge-
meinschaft zu schließen“.
20
Gerade dieser Zugang zu materiellen Ressour-
cen ist – neben dem Zugang zur Macht – in den meisten Gesellschaften
aber eines der Hauptkriterien vertikaler Schichtung. Insofern könnte die
Ausstattung eines Grabes in Zeiten uneingeschränkter Beigabensitte also
durchaus den gesellschaftlichen Status innerhalb der vertikalen Schichtung
spiegeln, den der oder die Tote zu Lebzeiten innehatte. Was aber heißt ‚zu
Lebzeiten‘? Welchen Status quo repräsentiert ein Grab? Jenen eines jungen,
reifen oder alten Menschen?
In nahezu allen Gesellschaften ist das Alter einer Person neben ihrem
Geschlecht eines der wichtigsten Kriterien horizontaler Gliederung.
21
Auch
das Ansehen eines Menschen ist demnach aufs Engste verknüpft mit sei-
nem Lebensalter. In welchem Grad aber das Lebensalter eines Verstorbenen
20
Rainer Christlein, Besitzabstufungen zur Merowingerzeit im Spiegel reicher Grabfunde
aus West- und Süddeutschland. Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums
Mainz 20, 1973 (1975) 147–180, bes. 148. Diese vertikale Schichtung zu umschreiben, war
demnach das Ziel Rainer Christleins, als er Qualitätsgruppen der Grabausstattung be-
schrieb, wobei er sich jedoch ausdrücklich von einer Gleichsetzung dieser Qualitätsgrup-
pen mit einer bestimmten rechtlichen Stellung distanzierte.
21
Zur Bedeutung vertikaler und horizontaler Gliederungssysteme für die sozialgeschicht-
liche Interpretation archäologischer Befunde vgl. Heiko Steuer, Zur Bewaffnung und
Sozialstruktur der Merowingerzeit. Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 37,
1968, 18–87, bes. 19ff.
Abb. 3. Sterbealtersverteilung der Gesamtserie, getrennt nach Geschlecht
282 Eva Stauch
seine Grabausstattung beeinflusste, ist bislang ungenügend erforscht. Auch
Rainer Christleins Klassifikationsschema unterschied in dieser Hinsicht
nur zwischen „dem Mann“ und „der Frau“, nicht aber beispielsweise zwi-
schen jungem, reifem oder altem Mann. Die erste Analyse einer sozialge-
schichtlichen Untersuchung sollte aber dem Einfluss von Geschlecht und
Alter auf die Grabausstattung gelten. Erst dann kann man sich der vertika-
len Schichtung widmen. Nur so können Interdependenzen zwischen verti-
kaler und horizontaler Schichtung erkannt und der Anteil der unterschied-
lichen Faktoren
22
abgeschätzt werden.
Diese Voraussetzung für eine komplexere, weil Alter und Geschlecht
verstärkt einbeziehende sozialgeschichtliche Interpretation wollte meine
Arbeit mit einer Analyse der altersabhängigen Veränderung der Grab- und
Ausstattungsparameter schaffen. Hierfür widmete sich die Untersuchung
der Beigabenausstattung folgenden Fragenkreisen. Zunächst wurde die zeit-
liche Stellung des jeweiligen Beigabentyps umrissen, sodann sein Anteil an
bestimmten Altersgruppen herausgearbeitet. Weitere Teiluntersuchungen
galten der Beliebtheit unterschiedlicher Varianten oder Materialien bei be-
stimmten Altersgruppen sowie eventuellen altersdifferenzierten Tragewei-
sen und Deponierungssitten. Ergänzt wurden diese Analysen von Fall zu
Fall durch weitere Detailuntersuchungen.
Die statistische Auswertung ergab für nahezu alle Parameter des Grab-
baus und der Beigabenausstattung signifikante Abhängigkeiten vom Alter
der Verstorbenen.
23
Um die Relevanz dieser Ergebnisse für sozialgeschicht-
liche Interpretationen zu verdeutlichen, sei im Folgenden beispielhaft ein
Aspekt herausgegriffen: die altersabhängige Materialauswahl bei Trachtbe-
standteilen. Ich möchte mich hierbei auf die weibliche Trachtausstattung
beschränken, wenngleich sich bei männlichen Bestattungen durchaus ver-
gleichbare Ergebnisse abzeichneten.
24
Getrennt nach Altersabschnitten wurde für die verschiedenen Schmuck-
typen und Trachtbestandteile ermittelt, welchen prozentualen Anteil die
aus einem bestimmten Material hergestellten Beigaben an der Gesamtheit
des jeweiligen Beigabentyps dieses Altersabschnitts haben. Ich beschränke
mich hierbei auf metallene Schmuck- und Trachtbestandteile
25
, weil gerade
22
Johanna Sofaer Derevenski, Linking age and gender as social variables. Ethnographisch-
Archäologische Zeitschrift 38, 1997, 485–493; Anton Distelberger, Österreichs Awarinnen.
Frauen aus Gräbern des 7. und 8. Jahrhunderts. Archäologische Forschungen aus Nieder-
österreich 3 (St. Pölten 2004) 31.
23
Stauch, Alte Menschen (Anm. 7).
24
Stauch, Alte Menschen (Anm. 7).
25
Perlen, Anhänger etc. werden an dieser Stelle nicht behandelt. Eine ausführliche Analyse
findet sich in Stauch, Alte Menschen (Anm. 7).
Alter ist Silber, Jugend ist Gold! 283
deren Vorhandensein, Material und Qualität in einer Grabausstattung un-
sere bisherigen Vorstellungen von der gesellschaftlichen Zugehörigkeit ih-
rer Besitzerinnen prägte. Für eine Aufgliederung nach dem Herstellungs-
material eignen sich zudem nur solche Gegenstände, für deren Fabrikation
prinzipiell mehrere Materialen in Frage kamen; solche Gegenstandsgrup-
pen, die regelhaft aus dem selben Material hergestellt wurden – wie z. B. die
immer aus Bronze gefertigten Zierscheiben – zog ich für meine Fragestel-
lung daher nicht heran.
Die Ergebnisse der statistischen Analysen zeigen die folgenden Diagram-
me; zur besseren Vergleichbarkeit sind die verschiedenen Materialien jeweils
in der gleichen Reihenfolge von unten nach oben angeordnet. Bei dieser An-
ordnung folgte ich in erster Linie einer Trennung in silber- und goldfarbene
Materialien, in zweiter Linie dann einer Abstufung der Wertigkeit.
Die in der Tracht stets einzeln verwendeten, etwa 20 cm langen Nadeln
aus Metall befestigten nach der Argumentation Max Martins
26
einen
Schleier. Sie liegen meist an der rechten Kopfseite mit der Spitze nach hin-
ten, im 6. Jahrhundert dann zunehmend auch auf der Brust. Ab dem fortge-
schrittenen 6. Jahrhundert sind aus reich ausgestatteten Frauengräbern außer-
dem deutlich kürzere Nadeln mit großem Kugelkopf belegt; diese kommen
in der Regel paarig vor und könnten nach Max Martin eine Haube befestigt
oder geschmückt haben.
27
In 28 Frauenbestattungen der Referenzgräberfel-
der fanden sich insgesamt 33 Nadeln, da fünf Frauen frühadulten und matu-
ren Alters ein Nadelpaar besaßen. Nadeln – und damit auch den Schleier –
trug man offenbar weitgehend unabhängig vom Lebensalter; der Prozentsatz
der Nadelträgerinnen eines Altersabschnitts schwankt zwischen drei und sie-
ben Prozent und sinkt im spätsenilen Alter leicht ab auf zwei Prozent. Dabei
scheint sich in den Frauengräbern der adulten und maturen Altersstufe eine
altersdifferenzierte Trageweise anzudeuten. Auch beim Fertigungsmaterial
der Nadeln (Abb. 4) zeigen sich altersabhängige Vorlieben. Adulte und ma-
ture Frauen bevorzugten eindeutig bronzene Nadeln; silbervergoldete Na-
deln fanden sich sogar nur bei frühadulten Frauen. Insgesamt gesehen über-
wiegen bei den jüngeren Frauen also goldfarbene Nadeln. Frauen in senilem
Alter trugen dagegen Nadeln aus versilberter Bronze oder aus Eisen und be-
zeugen damit eine Vorliebe für silberfarbenen Schmuck.
26
Max Martin, Schmuck und Tracht des frühen Mittelalters. In: Frühe Baiern im Straubin-
ger Land. Katalog Gäubodenmuseum Straubing (Straubing 1995) 40–58, bes. 50ff. Max
Martin wendet sich mit tragfähigen Argumenten gegen die von Jutta Möller vorgeschla-
gene Interpretation der Nadeln als Haarschmuck; vgl. Jutta Möller, Zur Funktion der Na-
del in der fränkisch-alamannischen Frauentracht. Jahrbuch des Römisch-Germanischen
Zentralmuseums Mainz 23–24, 1976/77 (1982) [Festschrift H. J. Hundt, Teil 3] 14–53.
27
Martin, Schmuck und Tracht (Anm. 26) 54ff.
284 Eva Stauch
Auch wenn schon im 6. Jahrhundert einige wenige Frauen Ohrringe tru-
gen, kann man von einer regelrechten Ohrringmode erst während der Pha-
sen 8 bis 13, also während des ganzen 7. Jahrhunderts und der ersten Hälfte
des 8. Jahrhunderts sprechen. Insgesamt liegen von den Referenzgräberfel-
dern 115 Ohrringe aus 74 Frauengräbern vor. Prinzipiell scheint es dabei für
eine Frau jeden Alters möglich gewesen zu sein, Ohrringe zu tragen. Doch
halbiert sich der Anteil ohrringgeschmückter Frauen unter den Beigaben
führenden Frauengräbern mit Beginn der senilen Altersstufe. Alte Frauen
trugen also merklich seltener Ohrringe als jüngere. Viel stärker noch als das
Tragen von Ohrringen allgemein war das Tragen bestimmter Ohrringtypen
auf gewisse Altersabschnitte beschränkt. Körbchenohrringe und Polyeder-
kapselohrringe wurden ausschließlich von Frauen bis Anfang vierzig getra-
gen. Prunkvolle Ohrringvarianten scheinen demnach – wie bei den Awarin-
nen
28
– auch im merowingerzeitlichen Mitteleuropa auf jüngere Frauen
beschränkt gewesen zu sein. Dieser Befund koinzidiert mit den Ergebnis-
sen meiner Untersuchung der Fertigungsmaterialien (Abb. 5). Auch hier
bleiben die kostbarsten, goldenen Ohrringe auf die adulten Altersab-
schnitte beschränkt. Selbst die goldglänzenden Bronzeohrringe fanden
sich in der adulten Altersstufe in weit mehr als der Hälfte der Gräber, wäh-
rend sie in den Gräbern alter Frauen unter 30 Prozent bleiben. Das sicher
28
Distelberger, Österreichs Awarinnen (Anm. 22) 49f.
Abb. 4. Anteil verschiedener Fertigungsmaterialien je Altersabschnitt, Nadeln (n = 33)
Alter ist Silber, Jugend ist Gold! 285
nicht weniger wertvolle, jedoch weniger auffallende Fertigungsmaterial Sil-
ber nimmt dagegen mit zunehmendem Alter der Frauen einen immer grö-
ßeren Anteil ein. Tendenziell scheinen jüngere Frauen demnach goldenen
oder zumindest goldglänzenden Ohrschmuck getragen zu haben, ältere
Frauen hingegen eher silbernen Ohrschmuck.
Armringe kamen sporadisch während des gesamten behandelten Zeit-
raums vor, doch zeichnen sich Schwerpunkte vor der Mitte des 5. Jahrhun-
derts, in der ersten Hälfte und der Mitte des 6. Jahrhunderts sowie in den
Jahrzehnten um 700 ab. Nur zwölf der auf den Referenzgräberfeldern be-
statteten Frauen waren bei der Beisetzung mit einem, seltener zwei metal-
lenen Armringen geschmückt. Sie waren ausschließlich im adulten und ma-
turen Alter verstorben und zwar ganz überwiegend vor dem dreißigsten
Lebensjahr, also in den Altersabschnitten frühadult und mitteladult. Dabei
scheinen silberne oder vergoldete Armringe den jungen Frauen in den adul-
ten Altersabschnitten vorbehalten gewesen zu sein (Abb. 6). Frauen mittle-
ren Alters trugen wohl – wenn überhaupt – nur Armringe aus Bronze oder
Eisen.
29
Im Gegensatz zu den Armringen bleiben Fingerringe gänzlich auf
die adulten Altersabschnitte beschränkt. Von den 22 Fingerringen der Re-
ferenzserie waren 21 aus Bronze gefertigt (Abb. 7). Nur eine ganz junge
Frau im frühadulten Altersabschnitt trug ein goldenes Exemplar.
29
Dass in Abb. 6 für den spätmaturen Altersabschnitt ausschließlich Eisen verzeichnet wird,
darf nicht überinterpretiert werden – handelt es sich doch nur um einen Beleg.
Abb. 5. Anteil verschiedener Fertigungsmaterialien je Altersabschnitt, Ohrringe (n = 115)
286 Eva Stauch
Abb. 6. Anteil verschiedener Fertigungsmaterialien je Altersabschnitt, Armringe (n = 13)
Abb. 7. Anteil verschiedener Fertigungsmaterialien je Altersabschnitt, Fingerringe (n = 22)
Alter ist Silber, Jugend ist Gold! 287
Als Hintergrund für die folgende Teiluntersuchung sei knapp die Ent-
wicklung der merowingerzeitlichen Fibeltracht skizziert.
30
Vom mittleren
Drittel des 5. Jahrhunderts bis in die Zeit um 600 war es für die in Süd-
deutschland lebenden, besser gestellten Frauen üblich, ein Paar zunächst
noch recht kleiner, später aber immer größerer und auffälligerer Bügel-
fibeln zu tragen. Eine der wesentlichen Funktionen dieser Fibeln war es,
das Ziergehänge zu befestigen. Zusätzlich trugen wohlhabende Frauen ab
dem späten 5. Jahrhundert ein in der Regel identisches Paar von zwei Klein-
fibeln im oberen Brustbereich, meist in einem gewissen Abstand senkrecht
übereinander. Dieses Kleinfibelpaar hielt und verschloss wohl einen leich-
teren Umhang.
31
Die aus Bügelfibelpaar und Kleinfibelpaar bestehende so
genannte ‚Vierfibeltracht‘ gerät im fortgeschrittenen 6. Jahrhundert dann
zunehmend in den Hintergrund. Immer öfter nämlich wird das Kleinfibel-
paar „von einer meist größeren, einzelnen Fibel abgelöst, die an der glei-
chen Stelle im Grab zum Vorschein kommt und aufgrund anderer Indizien
eindeutig auch funktionell die Nachfolgerin des Kleinfibelpaares dar-
stellt“
32
und daher wohl ebenfalls den Verschluss des Umhangs markierte.
Zunehmend verzichtete man aber im Lauf des 7. Jahrhunderts auf die Mit-
gabe des Umhangs, sodass die großen Scheibenfibeln nur noch vereinzelt
ins Grab gelangten. Auch Bügelfibeln finden sich im 7. Jahrhundert nur
noch in wenigen, meist überdurchschnittlich reich ausgestatteten Bestat-
tungen.
Schon ein Vergleich der Kindergräber mit den Bestattungen erwachse-
ner Frauen deutete eine Altersabhängigkeit der Fibelausstattung an.
33
Ins-
besondere die vollständige Vierfibeltracht sowie Bügelfibelpaare scheinen
mit nur sehr wenigen Ausnahmen den erwachsenen Frauen vorbehalten ge-
wesen zu sein. In meiner Untersuchung ließ sich darüber hinaus zeigen,
30
Vgl. hierzu auch die zusammenfassenden Darstellungen insbesondere von Martin,
Schmuck und Tracht (Anm. 26) 49; ders., Tradition und Wandel der fibelgeschmückten
frühmittelalterlichen Frauenkleidung. Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmu-
seums Mainz 38, 1991 (1995) 629–680; ders., s. v. Fibel und Fibeltracht II. Archäologisches
K. Späte Völkerwanderungszeit und Merowingerzeit auf dem Kontinent. In: Reallexikon
der Germanischen Altertumskunde (Berlin, New York 1994) 541–582.
31
Martin, Schmuck und Tracht (Anm. 26) 47f.; Antja Bartel/Ronald Knöchlein, Zu einem
Frauengrab des 6. Jahrhunderts aus Waging a. See, Lkr. Traunstein, Oberbayern. Germa-
nia 71, 1993, 419–439.
32
Martin, Schmuck und Tracht (Anm. 26) 49; zum Trachtwandel vgl. auch ders., Tradition
und Wandel (Anm. 30) 633ff.
33
Martin, Fibel und Fibeltracht (Anm. 30) 557ff. 574; Lohrke, Kinder in der Merowingerzeit
(Anm. 4) 94; Françoise Vallet, Die Ausstattung der Kindergräber. In: Die Franken. Weg-
bereiter Europas. Katalog-Handbuch zur Ausstellung Reiss-Museum Mannheim 1996/97
(Mannheim, Mainz 1996) 712–715, bes. 713.
288 Eva Stauch
dass auch innerhalb des Erwachsenenalters eine altersdifferenzierte Fibel-
ausstattung existierte. So war die komplette Vierfibeltracht stark vom Alter
der Bestatteten abhängig. Betrug unter den ungestörten Fibel führenden
Frauengräbern der Anteil der Frauen mit Vierfibeltracht in den adulten
Altersabschnitten noch mindestens 37 Prozent, so erreichte er in den ma-
turen und senilen Altersabschnitten kaum zehn Prozent. Neben bedeutsa-
men altersabhängigen Unterschieden in der Zusammensetzung der Fibel-
tracht konnten außerdem altersdifferenzierte Trageweisen herausgearbeitet
werden.
Im Gegensatz hierzu hat das Fertigungsmaterial der Fibeln nur eine ein-
geschränkte altersspezifische Relevanz. Es scheint vielmehr in enger Ab-
hängigkeit vom jeweiligen Fibeltyp zu stehen (Abb. 8–11). So bestand das
Grundmaterial bei Bügel-, Vogel- und S-Fibeln in der weit überwiegenden
Zahl der Fälle aus Silber, das man vergoldete. Während aber bei Vogelfibeln
und Scheibenfibeln zu einem geringen Prozentsatz auch unvergoldete sil-
berne Exemplare existieren, kommt Silber in seiner unvergoldeten Form
bei Bügelfibeln und S-Fibeln so gut wie nicht vor. Hier finden sich hinge-
gen – zu einem ebenso geringem Anteil – bronzene Exemplare. Diese bron-
zenen Bügelfibeln stammen meist aus dem 7. Jahrhundert und gehören da-
mit zu den jüngeren Vertretern ihres Typs.
Die bei Bügelfibeln, Vogelfibeln und S-Fibeln vom Alter der Bestatteten
weitgehend unabhängige Materialauswahl spricht m. E. dafür, dass diese
Fibelgruppen stärker einem verbindlichen Materialkodex unterworfen wa-
ren als sonstige Schmuck- und Trachtaccessoires. Ein solcher Material-
kodex wäre vor allem dann sinnvoll, wenn mit seiner Hilfe soziale Infor-
mationen wie beispielsweise der gesellschaftliche Status optisch dargestellt
werden sollten.
Der Gürtel war offenbar ein unverzichtbarer Bestandteil der frühmittel-
alterlichen weiblichen Tracht. 445 Frauen, also gut 70 Prozent aller Frauen
gürteten ihr Gewand in oder knapp unterhalb der Taille. Dieser Prozentsatz
ist nahezu unabhängig vom Sterbealter – ein Hinweis auf die für junge wie
alte Frauen gleichermaßen wichtige funktionale Bedeutung des Gürtels für
die Befestigung der übrigen Kleidungs- und Trachtbestandteile. Die meis-
ten Frauengürtel aus dem östlich des Rheins gelegenen Teil des merowingi-
schen Reiches waren lediglich durch eine einfache Schnalle geschlossen
und nicht mit weiteren Beschlägen versehen.
34
Aus dem unscheinbaren
34
Max Martin, Zur frühmittelalterlichen Gürteltracht der Frau in der Burgundia, Francia
und Aquitania. In: Musée royal de Mariemont (Hrsg.), L’art des invasions en Hongrie et
en Wallonie. Actes du colloque tenu au Musée de Mariemont 1979, 6 (Mariemont 1991)
31–84, bes. 50.
Alter ist Silber, Jugend ist Gold! 289
Abb. 8. Anteil verschiedener Fertigungsmaterialien je Altersabschnitt, Bügelfibeln (n = 83)
Abb. 9. Anteil verschiedener Fertigungsmaterialien je Altersabschnitt, Vogelfibeln (n = 46)
290 Eva Stauch
Abb. 10. Anteil verschiedener Fertigungsmaterialien je Altersabschnitt, S-Fibeln (n = 42)
Abb. 11. Anteil verschiedener Fertigungsmaterialien je Altersabschnitt, Scheibenfibeln
(n = 74)
Alter ist Silber, Jugend ist Gold! 291
und wenig auf äußere Wirkung ausgelegten Fertigungsmaterial der Schnal-
len schloss man vielfach auf eine nicht sichtbare Trageweise der Gürtel bei-
spielsweise unter einem Gewandbausch.
35
Dieser Vermutung widerspricht
jedoch die eindeutige Abhängigkeit des Herstellungsmaterials der Gürtel-
schließen vom Alter der Bestatteten (Abb. 12). Mit zunehmendem Alter
sinkt der Anteil bronzener Schnallen stetig. Bis zu einem gewissen Grad
werden diese ab dem frühmaturen Alter durch silberfarbene Exemplare aus
versilberter Bronze, Silber oder Weißmetall ersetzt. Hätte man den Gürtel
unsichtbar getragen, so wäre für diese Veränderung kein Anlass gewesen.
Wadenbinden gewährleisteten einen straffen Sitz der Strümpfe oder Bein-
wickel. Wadenbinden- und Schuhgarnituren waren von der ersten Hälfte
des 6. Jahrhunderts bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts fast durchgehend als
Trachtbestandteil bekannt. Dabei folgten jedoch auf Zeiten höherer Popu-
larität jeweils ein bis zwei Generationen, die den auffallenden Metallbesät-
zen der Strumpfbänder eher reserviert gegenüber standen und ihre Gar-
nituren wohl durch Knoten befestigten. Nur relativ wenige der auf den
Referenzgräberfeldern bestatteten Frauen waren bei ihrer Beisetzung mit
einem Paar metallbesetzter Wadenbinden oder – seltener – einer Schuhgar-
nitur versehen. Dabei erreichte der Anteil der Frauen mit Wadenbinden-
35
Renata Windler, Das Gräberfeld von Elgg und die Besiedlung der Nordostschweiz im 5.–7.
Jahrhundert. Züricher Denkmalpflege, Archäologische Monographien 13 (Zürich 1994).
Abb. 12. Anteil verschiedener Fertigungsmaterialien je Altersabschnitt, Gürtelschnallen
(n = 445)
292 Eva Stauch
oder Schuhgarnitur nur im frühadulten bis frühmaturen Altersabschnitt
mehr als fünf Prozent der Beigaben führenden Frauenbestattungen. Mit
leicht fallender Tendenz wurden die Garnituren jedoch auch noch von mit-
tel- und spätmaturen Frauen getragen. Unter den Frauen im senilen Alter
betrug der Anteil nur noch zwei Prozent. Gewisse altersabhängige Vorlie-
ben zeigen sich beim Fertigungsmaterial der Metallbeschläge dieser Garni-
turen (Abb. 13). Garnituren aus Silber, vergoldetem Silber oder versilberter
Bronze wurden ausschließlich von adulten und maturen Frauen getragen.
Ab der maturen Altersstufe werden diese wertvolleren Garnituren zuneh-
mend durch bronzene Wadenbinden ersetzt. Alte Frauen im senilen Ster-
bealter trugen gleichermaßen eiserne oder bronzene Wadenbinden- oder
Schuhgarnituren. Die Vorliebe für silberfarbene Beschläge scheint hier mit
steigendem Lebensalter also nicht zuzunehmen. Einen Erklärungsansatz
hierfür bietet die Fundlage der Garniturenbestandteile (Abb. 14).
36
Sehr
markant nämlich zeichnet sich eine altersdifferenzierte Trageweise ab. La-
gen die metallenen Besatzstücke und Riemenzungen in den Gräbern adul-
ter Frauen überwiegend in Knie- und Wadenhöhe, so blieben sie bei matu-
36
Zur Darstellung der Ergebnisse bediente ich mich einer Funktion, die das Maximum eines
Vorkommens als Schwarz, das Minimum eines Vorkommens als Weiß darstellt. Dazwi-
schen liegende Werte werden ihrer Höhe entsprechend durch unterschiedliche Grauwerte
dargestellt.
Abb. 13. Anteil verschiedener Fertigungsmaterialien je Altersabschnitt, Wadenbinden- oder
Schuhgarnituren (n = 83)
Alter ist Silber, Jugend ist Gold! 293
ren Frauen
37
auf Knöchelhöhe beschränkt. Der obere Halteriemen war bei
älteren Frauen also nur im Ausnahmefall noch mit Beschlägen versehen.
Möglicherweise – jedoch nicht zwingend – ist hieraus auf eine kürzere
Rocklänge der jungen Frauen zu schließen. Hätte aber ein bodenlanger
Rock bei älteren Frauen sowieso die Wadenbinden verdeckt, so hätte kaum
Anlass bestanden, das Material der Garnituren dem Alter entsprechend zu
modifizieren.
37
Die geringe Anzahl ungestörter Gräber von Frauen senilen Alters erlaubte keine Kartie-
rung.
Abb. 14. Lage von Wadenbindengarnituren in ungestörten Frauenbestattungen,
links adultes Alter und rechts matures Alter
294 Eva Stauch
Die Ergebnisse der Teiluntersuchungen zur altersabhängigen Material-
verwendung bei weiblichen Schmuck- und Trachtbestandteilen lassen sich
wie folgt zusammenfassen. Mit Ausnahme der Bügel-, Vogel- und S-Fibeln
(hierzu s. o.) zeigte sich bei nahezu allen metallenen Schmuckelementen
oder Trachtbestandteilen eine ausgeprägte Bevorzugung bestimmter Mate-
rialien durch bestimmte Altersgruppen. So bleiben aus Gold gefertigte
Accessoires – Ohrringe, Fingerringe und Scheibenfibeln – auf junge Frauen
bis maximal Ende dreißig (früh-, mittel-, spätadult) beschränkt. Auch
silbervergoldete Nadeln und silberne oder vergoldete Armringe werden
ausschließlich von Frauen adulten Alters getragen. Silbervergoldete Schei-
benfibeln oder silbervergoldete Wadenbinden und Schuhgarnituren trugen
Frauen bis maximal ins mature Alter, also bis etwa zum sechzigsten Lebens-
jahr, ebenso Silber- oder Bronzenadeln, silberne Wadenbinden- und
Schuhgarnituren und Bronzearmringe.
Fasst man sämtliche behandelten Schmuck- und Trachtbestandteile mit
Ausnahme der Bügel-, Vogel- und S-Fibeln zu einem Diagramm zusammen
(Abb. 15)
38
, so wird augenfällig, in welchem Maße die von jungen Frauen
bevorzugte goldene Farbe des Schmucks (Gold/vergoldetes Silber/Bronze)
38
Der Übersichtlichkeit wegen wurden die wenigen Trachtbestandteile aus Weißmetall in
diesem Diagramm den silbernen zugeschlagen, jene aus vergoldeter Bronze oder vergol-
detem Eisen den silbervergoldeten Funden.
Abb. 15. Anteil verschiedener Fertigungsmaterialien je Altersabschnitt, Schmuck und Tracht-
bestandteile bei Frauen (n = 777)
Alter ist Silber, Jugend ist Gold! 295
mit zunehmendem Alter einer Vorliebe für silberfarbenen Schmuck weicht
(Eisen/Bronze versilbert/Silber). In der Auswahl dieser Trachtaccessoires
richtete man sich offenbar stärker nach Schönheits- und Schicklichkeits-
vorstellungen als nach der Zugehörigkeit zu einer bestimmten – vertikalen –
Gesellschaftsschicht. Immer wieder wurden jedoch gerade die kostbaren
oder weniger kostbaren Fertigungsmaterialien dieser Gegenstände als be-
stimmende Kriterien für die Stellung der Verstorbenen innerhalb der verti-
kalen gesellschaftlichen Schichtung herangezogen.
39
Wenn nun aber eine
so enge Abhängigkeit dieser Parameter vom Sterbealter besteht, so bedarf
es einer intensiven Auseinandersetzung mit den bisherigen Denkmodellen.
Die Ergebnisse der vorliegenden Teilstudie führen deutlich vor Augen, in
welchem Maße es sich bei der sozialen Hierarchie um ein mehrdimensio-
nales System handelt, in dem die horizontale Gliederung der Gesellschaft
nach Alter, nach Geschlecht, aber auch nach anderen Faktoren die vertikale
Hierarchie überlagert. Den vielfältigen Möglichkeiten gegenseitiger Beein-
flussung von vertikaler und horizontaler Hierarchie sollte fortan verstärkte
Aufmerksamkeit zugewandt werden.
39
Vgl. z. B. Christlein, Besitzabstufungen (Anm. 20) Abb. 11.
296 Eva Stauch
Stil II als Spiegel einer Elitenidentität? 297
Stil II als Spiegel einer Elitenidentität?
Der Tierstil von der Herkunftsmythologie
bis zur Königssymbolik und Kirchenkunst
im angelsächsischen Britannien
Karen Høilund Nielsen
Die Erforschung des germanischen Tierstils hat eine rund zweihundert
Jahre lange Geschichte. Sie konzentrierte sich zuerst fast ausschließlich auf
Typologie und Chronologie
1
, ohne jedoch eine verlässliche zeitliche Ab-
folge festlegen zu können. Analysen zur sozialen Einbindung und zum in-
haltlichen Hintergrund unternahm man erst gegen Ende des 20. Jahrhun-
derts, obwohl sich Kunsthistoriker in Deutschland schon vor 100 Jahren
für die geistlichen, psychologischen und sozialen Hintergründe des Tier-
stils interessierten. So schrieb der Kunsthistoriker August Schmarsow 1911
imJahrbuch der königlich-preußischen Kunstsammlungen einen Aufsatz über die
„Entwicklungsphasen der germanischen Tierornamentik von der Völker-
wanderung bis Wikingerzeit (IV.–IX. Jahrhundert)“. In seinen Schlussbe-
merkungen heißt es: „Salins Studie gibt uns nur die Tatsachen dieses in sich
verschiedenartigen Wandels, aber auch beim genauen Verfolg allmählicher
Modifikationen keine Erklärung ihres Zusammenhangs, kein psychologi-
sches Verständnis ihrer Bedingungen. Wir sehen die Metamorphose der
Köpfe, z. B. den Kopftypus eines Vierfüßers durch den eines Vogels abge-
löst, und empfangen keine Auskunft über das Warum, während wir gewiss,
auch wohl nach der Meinung nordischer Forscher, damit einen Beitrag zur
Geschichte der Religion oder zu dem Umschwung der Mythologie erhal-
ten, in denen die Bedingungen solcher Neuerung des Stils zu suchen wä-
ren.“
2
Erst im letzten Viertel des 20. Jahrhundert ist man zu der Frage nach
1
Karen Høilund Nielsen, Fra antikristne symboler til „ophitisk kunstsmag“. Dyrestil i old-
tid og nutid. Hikuin 29, 2002, 7–14; dies./Siv Kristoffersen, Germansk dyrestil (Salins stil
I–III). Et historisk perspektiv. Hikuin 29, 2002, 15–74.
2
August Schmarsow, Entwicklungsphasen der germanischen Tierornamentik von der Völ-
kerwanderung bis Wikingerzeit (IV.–IX. Jahrhundert). Jahrbuch der königlich-preußi-
schen Kunstsammlungen 1911, 143–179 hier 179.
Zwischen Spätantike und Frühmittelalter – RGA-E Band 57 – Seiten 297–321
© 2008 Walter de Gruyter · Berlin · New York
298 Karen Høilund Nielsen
dem „warum“ vorgestoßen, und es ist allgemein deutlich geworden, dass
anhand dieser Ornamentik wichtige Informationen über viele Seiten der
Gesellschaft, der Mythologie und der Religion gewonnen werden können.
Und im Jahre 2001 wurde von den Norwegern Lindstrøm und Kristoffersen
sogar ein Aufsatz über die psychologischen Perspektiven und Interpretatio-
nen des völkerwanderungszeitlichen Tierstils publiziert.
3
Im Mittelpunkt meiner Forschungen steht die Frage nach der sozialen Be-
deutung des Tierstils II – anhand von Untersuchungen des archäologischen
und des historischen Kontexts. Dafür spielt die Frage nach der Entstehung
eine wichtige Rolle; es ist schon früher wahrscheinlich gemacht worden, dass
Tierstil I (Abb. 1,a) vermutlich im (westlichen) Südskandinavien entstand
4
,
und für Stil II (Abb. 1,b) gilt ähnliches.
5
Von dort wurden die beiden Tierstile
auf den Kontinent und nach Britannien verbreitet. Zu den zentralen Fragen
gehören diejenigen, wie und warum diese Stile in welchen Gesellschaften
rezipiert wurden. Besonders für die Bevölkerungen in den – nach der Völker-
wanderungszeit entstandenen – germanischen Königtümern auf dem Konti-
nent lässt sich ein gewisser Zusammenhang zwischen Tierstil, Entstehungs-
mythen und politischer Orientierung erkennen.
6
Oberflächlich gesehen lässt
sich dieses Modell teilweise auf die Angelsachsen in Britannien übertragen.
7
Detaillierte Analysen zeigen aber, dass sich die Situation dort etwas anders
entwickelte. Darauf sei unten noch kurz eingegangen.
Das anglische Britannien und die Tierstile
In Britannien sind die Tierstile grundsätzlich anders als auf dem Kontinent
verbreitet. Stil I scheint im anglischen Britannien erheblich verbreiteter ge-
wesen zu sein, und er wurde dort auch weiterentwickelt. Stil II war im Ver-
3
Torill Christine Lindstrøm/Siv Kristoffersen, „Figure it out!“ Psychological perspectives
on perception of Migration period animal art. Norwegian Aarchaeological Review 34/2,
2001, 65–84.
4
Günter Haseloff, Die germanische Tierornamentik der Völkerwanderungszeit: Studien zu
Salin’s Stil I. Vorgeschichtliche Forschungen 17 (Berlin 1981) 172–173.
5
Karen Høilund Nielsen, Centrum og periferi i 6.–8. årh. Territoriale studier af dyrestil og
kvindesmykker i yngre germansk jernalder i Syd-og Østskandinavien. In: Fra Stamme til
Stat i Danmark 2. Høvdingesamfund og Kongemagt, ed. Peder Mortensen/Birgit M. Ras-
mussen. Jysk Arkæologisk Selskabs Skrifter XXII:2 (Højbjerg 1991) 127–154; dies., Animal
Style. A Symbol of Might and Myth. Salin’s Style II in a European Context. Acta Archae-
ologica 69, 1998, 1–52.
6
Høilund Nielsen, Animal Style (Anm. 5).
7
Karen Høilund Nielsen, Style II and the Anglo-Saxon Élite. Anglo-Saxon Studies in Ar-
chaeology and History 10, 1999, 185–202.
Stil II als Spiegel einer Elitenidentität? 299
gleich viel weniger verbreitet und besaß Häufungen in Kent, wo es sich
wahrscheinlich um einen indirekten Einfluss aus dem Frankenreich han-
delte, und in East Anglia, worin wohl ein direkter skandinavischer Einfluss
zu sehen ist.
8
Stil II besaß im anglischen Britannien eine recht kurze Le-
bensdauer; er wurde aber zur Grundlage jenes Stils, der die Handschriften
der northumbrischen Skriptorien kennzeichnete.
8
Høilund Nielsen, Style II and the Anglo-Saxon Èlite (Anm. 7).
Abb. 1. Beispiele von germanischem Tierstil. Links große Bügelfibel von Gummers-
mark mit Stil-I-Ornamentik; rechts Zaumzeugbeschlag mit Stil-II-Ornamentik aus
Dänemark, aber ohne genauen Fundort. – M. 2:3 (nach Bernhard Salin, Die alt-
germanische Thierornamentik. Typologische Studie über germanische Metallgegen-
stände aus dem 4. bis 9. Jahrhundert, nebst einer Studie über irische Ornamentik
[Stockholm 1904])
300 Karen Høilund Nielsen
Dass Stil II und dessen Weiterentwicklung auf den Britischen Inseln ein
elitär waren und eine Elitenidentität widerspiegelten, wird besonders deut-
lich, wenn man ihn vor dem Hintergrund des vorausgehenden Stils und im
Kontext betrachtet. Stil I entstand im angelsächsischen England aus dem
skandinavischen Stil I
9
und kam wohl durch Einwanderer aus Südskandi-
navien (und aus unmittelbar südlich davon gelegenen Regionen) in das da-
malige Britannien. Abgesehen von kentischen Fibeln mit ihren offensicht-
lichen Verbindungen nach Dänemark, ist Stil I in England relativ wenig
untersucht worden. Einige Detailstudien liegen vor,
10
und recht viele Grä-
berfelder dieser Periode, auch mit Gegenständen im Stil I, sind publiziert,
so dass einige vorläufige Überlegungen möglich sind.
Stil I
Im Allgemeinen kommen auf angelsächsischen Gräberfeldern des 5. bis
frühen 7. Jahrhunderts Gegenstände mit Stil I in 2–12% der Gräber vor.
11
Stil I wurde vor allem auf Fibeln, aber auch Ärmelhaken und anderen
Schmucksachen der Frau angebracht (Abb. 2). Nur selten sieht man den
Stil auf Waffen und Pferdegeschirr.
12
Die großen Bügelfibeln und Ärmelha-
ken bestehen fast ausschließlich aus Bronze – im Gegensatz zum skandina-
vischen Bestand (besonders Norwegen und Dänemark), wo hauptsächlich
Silber benutzt wurde. Vergleicht man das südwestliche Norwegen mit Eng-
land, so kommen die großen Bügelfibeln in einem gleich großen Gebiet in
England mehr als doppelt so oft vor.
13
Im Vergleich mit Dänemark ist der
Unterschied noch größer. Die großen Bügelfibeln sind also in England viel
häufiger, und sie besitzen einen niedrigeren Metallwert als in Skandina-
9
Haseloff, Die germanische Tierornamentik (Anm. 4) 167–170.
10
Etwa Tania M. Dickinson, Translating Animal Art. Salin’s Style I and Anglo-Saxon cast
saucer brooches. Hikuin 29, 2002, 163–186; dies., The occurrence of Style I in Anglo-Sa-
xon England. Anglo-Saxon Studies in Archaeology and History (in Vorbereitung).
11
Dickinson, The occurrence of Style I (Anm. 10).
12
Vgl. Ders., Symbols of Protection: The significance of animal-ornamented shields in Early
Anglo-Saxon England. Medieval Archaeology 49, 2005, 109–163; Tania M. Dickinson/
Chris Fern/Mark A. Hall, An early Anglo-Saxon bridle fitting from South Leckaway, Forfar,
Angus, Scotland. Medieval Archaeology 50, 2006, 249–260; Chris Fern, The archaeological
evidence for equestrianism in early Anglo-Saxon England, c. 450–700. In: Aleksander Plus-
kowski (ed.), Just Skin and Bones? New Perspectives on Human-Animal Relations in the
Historic Past. British Archaeological Reports, International Series 1410 (Oxford 2005) 43–71.
13
Die Auszählung stützt sich auf John Hines, A new corpus of Anglo-Saxon great square-
headed brooches. Reports of the Research Committee of the Society of Antiquaries of
London 51 (Woodbridge 1997), und Siv Kristoffersen, Sverd og spenne. Dyreornamentikk
og sosial kontekst. Studia humanitatis Bergensia 13 (Kristiansand 2000).
Stil II als Spiegel einer Elitenidentität? 301
Abb. 2. Beispiele des angelsächsischen Stils I. Oben kreuzförmige Fibel aus Sleaford,
Lincolnshire; unten Ärmelhaken aus Cambridgeshire. – M. 1:1 (nach Reginald A.
Smith, British Museum guide to Anglo-Saxon antiquities [London 1923])
302 Karen Høilund Nielsen
vien. Das könnte bedeuten, dass Stil I im angelsächsischen Britannien weit
verbreitet ist, geographisch wie sozial.
Die folgenden Erörterungen stützen sich hauptsächlich auf Körpergrä-
berfelder.
14
Die Brandgräberfelder werden weiter unten kurz berücksichtigt.
14
Folgende Gräberfelder wurden in den Analysen berücksichtigt: Abingdon – Edward Thur-
low Leeds/Donald B. Harden, The Anglo-Saxon cemetery at Abingdon, Berkshire (Oxford
1936); Andover – Allison M. Cook/Maxwell W. Dacre, Excavations at Portway, Andover
1973–1975. Oxford University Committee for Archaeology Monograph 4 (Oxford 1985);
Alton – Vera I. Evison, An Anglo-Saxon Cemetery at Alton, Hampshire. Hampshire Field
Club and Archaeological Society 4 (Winchester 1988); Apple Down – Alec Down/Martin
Welch, Chichester Excavations 7. Apple Down and The Mardens (Chichester 1990); Bar-
rington A – Tim Malim/John Hines, The Anglo-Saxon Cemetery at Edix Hill (Barrington
A), Cambridgeshire. Council for British Archaeology, Research Report 112 (York 1998);
Beckford B – Vera I. Evison/Prue Hill, Two Anglo-Saxon Cemeteries at Beckford, Hereford
and Worcester. Council for British Archaeology, Research Report 103 (York 1996); Bergh
Apton – Barbara Green/Andrew Rogerson, The Anglo-Saxon Cemetery at Bergh Apton,
Norfolk. East Anglian Archaeology 7 (Gressenhall 1978); Berinsfield – Angela Boyle/Anne
Dodd/David Miles/Andrew Mudd, Two Oxfordshire Anglo-Saxon Cemeteries. Berinsfield
and Didcot. Thames Valley Landscapes Monograph 8 (Oxford 1995); Buckland Dover –
Vera I. Evison, Dover. Buckland Anglo-Saxon Cemetery. Historic Buildings and Monu-
ments Commission for England, Archaeological Report 3 (London 1987); Buckland Do-
ver – Keith Parfitt/Trevor Anderson, Buckland Anglo-Saxon Cemetery, Dover. Excavations
1994. Canterbury Archaeological Trust/British Museum (in Vorbereitung); Empingham II –
Jane R. Timby, The Anglo-Saxon Cemetery at Empingham II, Rutland. Oxbow Mono-
graph 70 (Oxford 1996); Great Chesterford – Vera I. Evison, An Anglo-Saxon cemetery at
Great Chesterford, Essex. Council for British Archaeology, Research Report 91 (York 1994);
Lechlade – Angela Boyle/David Jennings/David Miles/Simon Palmer, The Anglo-Saxon
Cemetery at Butler’s Field, Lechlade, Gloucestershire 1. Prehistoric and Roman Activity,
and Grave Catalogue. Thames Valley Landscapes Monograph 10 (Oxford 1998); Mill Hill,
Deal – Keith Parfitt/Birte Brugmann, The Anglo-Saxon Cemetery on Mill Hill, Deal, Kent.
The Society for Medieval Archaeology, Monograph Series 14 (London 1997); Morning
Thorpe – Barbara Green/Andrew Rogerson/Susan G. White, The Anglo-Saxon Cemetery
at Morning Thorpe, Norfolk. East Anglian Archaeology 36 (Gressenhall 1987); Norton –
Stephen J. Sherlock/Martin G. Welch, An Anglo-Saxon Cemetery at Norton, Cleveland.
Council for British Archaeology, Research Report 82 (London 1992); Sewerby – Susan M.
Hirst, An Anglo-Saxon Inhumation Cemetery at Sewerby, East Yorkshire. York University
Archaeological Publications 4 (York 1985); Snape – William Filmer-Sankey/Tim Pestell,
Snape Anglo-Saxon Cemetery. Excavations and Surveys 1824–1992. East Anglian Archae-
ology 95 (Ipswich 2001); Spong Hill – Catherine Hills/Kenneth Penn/Robert Rickett, The
Anglo-Saxon Cemetery at Spong Hill, North Elmham III. Catalogue of Inhumations. East
Anglian Archaeology 21 (Gressenhall 1984); Westgarth Gardens – Stanley E. West, The
Anglo-Saxon Cemetery at Westgarth Gardens, Bury St Edmunds, Suffolk. East Anglian Ar-
chaeology 38 (Bury St. Edmunds 1988); West Heslerton – Christine Haughton/Dominic
Powlesland, West Heslerton. The Anglian cemetery (Yeddingham 1999); Worthy Park – So-
nia Chadwick Hawkes/Guy Grainger, The Anglo-Saxon Cemetery in Worthy Park, Kings-
worthy, near Winchester. Oxford University School of Archaeology, Monograph 59 (Ox-
ford 2003). – Für die chronologischen Verhältnisse wurde hauptsächlich benutzt: Birte
Brugmann, Glass beads from Anglo-Saxon graves. A study on the provenance and chrono-
logy of glass beads from Anglo-Saxon graves based on visual examination (Oxford 2004).
Stil II als Spiegel einer Elitenidentität? 303
Typen und Datierung
Im anglischen Gebiet (Abb. 3) kommt Stil I vor allem auf kreuzförmigen
Fibeln, großen Bügelfibeln und Ärmelhaken vor. Gestützt auf Perlendatie-
rungen nach Birte Brugmann,
15
lässt sich Stil I in die Stufen A1–B2 setzen
und damit in die zweite Hälfte 5. bis zum zweiten Viertel des 7. Jahrhun-
derts datieren. Die größte Anzahl gehört aber in die Stufen A1–A2. In der
Stufe A dominieren verschiedene Varianten von kreuzförmigen Fibeln, wo-
gegen in Stufe B eher die großen Bügelfibeln vorherrschen.
Im Vergleich dazu kommt Stil I in Kent auf Bügelfibeln verschiedener
Größen in Stufe A vor, während Scheibenfibeln die Stufe B charakterisie-
ren. In den sächsischen Gebieten kommt Stil I auf Schalenfibeln in beiden
Stufen (A und B) vor. Zusätzlich kommen in beiden Regionen in Stufe A
Knopffibeln vor; sie besitzen zwar keine Tiere, aber eine Maske, die eben-
falls ein Element von Stil I bildet.
Im Allgemeinen kommt Stil I also überwiegend in der Stufe A vor, ob-
wohl er zum Teil in Stufe B weiter existiert.
Frauen, Fibeln und Bauernhöfe
Bei Berücksichtigung des Lebensalters zeigt sich, dass Stil I fast nie in Kin-
dergräbern gefunden wurde. Die meisten Stil-I-Gegenstände gibt es in Be-
stattungen von Frauen, die mit 25 Jahren oder in höherem Alter gestorben
waren (Abb. 4). Es ist zu erwarten, dass Frauen dieses Alters meist verheira-
tet und oft schon Mütter waren.
Es ist möglich, den Umfang der Bevölkerung für einzelne Gräberfelder
zu berechnen und damit auch die Zahl der Haushalte bzw. Bauernhöfe zu
schätzen, alles natürlich ungefähr und mit Vorsicht.
16
Dennoch lässt sich
damit eine Vorstellung von den lokalen Verhältnissen gewinnen. Die mei-
sten Friedhöfe repräsentieren wahrscheinlich relativ kleine Siedlungen mit
nur wenigen Bauernhöfen; anhand der vollständig ausgegrabenen Fried-
höfe sind zwei bis sieben Bauernhöfe zu erwarten. Nur einige der Brand-
gräberfelder könnten eine etwas andere Situation andeuten, wenn etwa
für Spong Hill rund fünfzig Bauernhöfe angenommen werden. Diese
vergleichsweise große Zahl muss aber nicht die Größe einer Siedlung be-
15
Brugmann, Glass beads (Anm. 14).
16
Die Berechnungen wurden auf der Basis von Formeln und Überlegungen in Høilund Niel-
sen, Centrum og periferi i 6.–8. årh (Anm. 5) und in einer unveröffentlichten Arbeit der
Verf. durchgeführt.
304 Karen Høilund Nielsen
Abb. 3. Karte der Britischen Inseln mit wichtigen Regionen und Fundorten. 1 Buck-
land Dover; 2 Buckland Dover 1994; 3 Mill Hill, Deal; 4 Apple Down; 5 Alton;
6 Andover; 7 Worthy Park; 8 Abingdon; 9 Berinsfield; 10 Lechlade; 11 Beckford B;
12 Barrington A; 13 Great Chesterford; 14 Westgarth Gardens; 15 Snape; 16 Morning
Thorpe; 17 Bergh Apton; 18 Spong Hill; 19 Empingham II; 20 Sewerby; 21 West Hes-
lerton; 22 Norton
Stil II als Spiegel einer Elitenidentität? 305
zeichnen, können die Höfe doch auch zu verschiedenen Siedlungen ge-
hört haben.
Weitere Berechnungen ergeben ein ungefähres Bild von der Häufigkeit
von Stil I. Stil I im weiteren Sinne kommt im anglischen Gebiet auf unge-
fähr jedem zweiten Bauernhof vor, in Kent ist er etwas häufiger. Er ist damit
in sozialer Hinsicht sehr weit verbreitet. Auf der anderen Seite sieht es so
aus, als ob es selten mehr als ein bis vier Höfe mit Stil I in einer Siedlung
gab – auch dann, wenn die Siedlung etwas größer war.
Ein Vergleich mit der Häufigkeit von Fibeln insgesamt zeigt, dass es im
anglischen Gebiet durchschnittlich mehr als zwei Fibeln pro Haushalt oder
Abb. 4. Stil I in Gräbern mit Altersbestimmung der Skelette,
Verteilung auf die Altersgruppen in den drei Hauptregionen (vgl. Anm. 1)
306 Karen Høilund Nielsen
Bauernhof gab, aber in Kent weniger. Zusammen mit dem Vorkommen
von Stil I insgesamt bedeutet dies, dass bei den Angeln etwa jede vierte fibel-
tragende Person Fibeln mit Stil-I-Ornamentik besaß. Im Vergleich dazu be-
saßen fast drei Viertel der Fibelträger in Kent Fibeln mit Stil-I-Ornamentik.
In Empingham II, das ein gutes Beispiel darstellt, bestatteten wahr-
scheinlich etwa vier Bauernhöfe. Die Gräber mit Stil I verteilen sich – von
einer Ausnahme abgesehen – auf zwei getrennte Gruppen (Abb. 5). In jeder
der beiden Gruppen gibt es einige Gräber mit Stil I, die während einer et-
was längeren Zeit beerdigt wurden. In einem Grab ist eine Frau mit relativ
reichen Beigaben, unter anderem auch mit Stil I, zusammen mit einem
halbwüchsigen Mädchen (ihrer Tochter?) beerdigt worden. Das Mädchen
besaß ebenfalls umfangreiche Beigaben, aber die Schmucksachen waren
nicht im Stil I verziert. In einem separierten, wohl relativ späten Frauen-
grab mit Stil I ist eine junge Frau zusammen mit einem Kleinkind beerdigt
worden; die Fibel im Stil I lag zusammen mit anderen Schmucksachen in
einem Beutel. Das bestätigt Vermutungen, dass Stil I auf bestimmte Fami-
lien und fast ausschließlich auf erwachsene Frauen beschränkt war, die
bereits Kinder geboren hatten. Das Vorkommen eines Schildbuckels mit
frühem Stil I in einer Gruppe lässt es wahrscheinlich werden, dass Stil I –
wenngleich selten – auch Männern derselben Familien zukam.
Generell gab es im anglischen Gebiet in jedem Bauernhof bzw. Haus-
halt mehrere Frauen mit Fibeln. Einige Haushalte, im Durchschnitt höch-
stens vier Höfe pro Siedlung, besaßen Gegenstände im Stil I – meistens auf
Fibeln, aber auch auf Ärmelhaken oder seltener auf Waffen. Die Fibeltypen
sind sämtlich Weiterentwicklungen „skandinavischer“ Fibeltypen. Stil I war
vermutlich erwachsenen, verheirateten Frauen, die vielleicht auch Mütter
waren, vorbehalten.
In Kent gab es im Vergleich dazu relativ wenige Frauen mit Fibeln – oft
nur eine pro Haushalt oder Bauernhof, dann aber oft im Stil I. Das könnte
bedeuten, dass in den Haushalten in Kent die „erste“ Frau des Hofes die Be-
sitzerin sowohl von Fibeln als auch von Stil I war. Die Fibeltypen wurden
mit der Zeit immer mehr vom Kontinent angeregt. Damit waren sozusagen
Fibeln und Stil I die Symbole der Frau des pater familias in den Bauernhö-
fen Kents.
Im anglischen Gebiet bezeichneten die Fibeln dagegen eine größere An-
zahl von Frauen, nicht nur die Frau des pater familias. Und Stil I kam in
Kent zwar seltener vor, aber oft auf mehreren Bauernhöfen pro Siedlung,
wo Stil I dann wohl die Frau des pater familias charakterisierte.
Wie Stil I bei Männern zu interpretieren ist, ist weniger klar. Am häu-
figsten sieht man Stil I auf Schilden, obwohl – hauptsächlich im südlichen
und südöstlichen Britannien – auch eine Reihe von Schwertern Stil I trug.
Stil II als Spiegel einer Elitenidentität? 307
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)
308 Karen Høilund Nielsen
Schilde mit Stil I sind im anglischen Gebiet am häufigsten,
17
und sie wur-
den meist in Gräbern „reifer“ Männer (über 30 Jahren) gefunden. Bisher
gibt es höchstens ein Exemplar pro Gräberfeld. Auch wenn die Gräber
nicht besonders reich ausgestattet sind, gibt es trotzdem Grund zu der An-
nahme, dass diese Gräber in der lokalen Gesellschaft auffielen.
18
Sowohl in Kent als auch im anglischen Gebiet findet sich, bei allem Vor-
behalt gegenüber den hier angestellten Berechnungen, Stil I bei einem gro-
ßen Teil der Bevölkerung, und wahrscheinlich handelt es sich dabei oft um
die Frauen der patres familiae – jedenfalls um Frauen, die ein gewisses Alter
erreicht und wohl zumindest die erste Geburt überlebt hatten. Die Frauen
wurde sozusagen zu „Traditionsträgerinnen“: in Kent war es allein die Frau
des pater familias, wenn sie sowohl Fibeln als auch solche im Stil I besaß,
und für das anglische Gebiet erscheint es möglich, dass nicht nur Frauen
mit Objekten im Stil I, sondern auch die übrigen fibeltragenden Frauen
dazu zählten, weil die Fibelformen dort konservativer ausfielen. Der Un-
terschied zwischen Kent und dem anglischen Gebiet mag andeuten, dass in
Kent die Familienstrukturen wahrscheinlich etwas hierarchischer waren;
die Fibeltypen weisen darauf hin, dass Kent im allgemeinen sehr viel mehr
Kontakte zum Kontinent unterhielt.
Die relativ lange Entwicklungsgeschichte von Stil I stimmt mit der Rolle
des Tierstils I in den Familienhaushalten im angelsächsischen Gebiet über-
ein. Stil I repräsentiert nicht einen Horizont in der politischen Geschichte,
er symbolisiert eher die Frauen der patres familiae, der Häupter der Abstam-
mungsgruppen oder Sippen. Und damit symbolisiert Stil I wohl die „genea-
logische“ Linie über die Frauen als Traditionsträgerinnen zurück zu den
Herkunftsregionen.
Brandgräber
Die oben genannte Diskussion bezieht sich allein auf die Körpergräber. Be-
sonders im anglischen Gebiet gibt es eine große Zahl von Brandgräbern, die
auf diese Weise nicht berücksichtigt sind und bereits eine gänzlich andere
Welt kennzeichnen. An dieser Stelle mögen einige wenige Kommentare
genügen. Generell sind Beigaben auf Brandgräberfeldern unterrepräsen-
tiert, aber unter Berücksichtigung von Spong Hill
19
ist es wahrscheinlich,
17
Dickinson, Symbols of Protection (Anm. 12) 113 Fig. 1, 144.
18
Dickinson, Symbols of Protection (Anm. 12) 144–145.
19
Catherine Hills, The Anglo-Saxon cemetery at Spong Hill, North Elmham I. Catalogue of
cremations, nos. 20–64 and 1000–1690. East Anglian Archaeology 6 (Gressenhall 1977);
Stil II als Spiegel einer Elitenidentität? 309
dass auch diese Bevölkerungsgruppe dieselben Symbole benutzte, da man
auch dort beispielsweise Ärmelhaken und Fibeln mit Stil I findet.
Tab. 1. Relative Verteilung von Glas, Stil I und Fibeln in Kent, Cambridgeshire/Suffolk,
Norfolk und auf dem Brandgräberfeld Spong Hill (vgl. Anm. 1; Hills et al., Spong Hill I, II,
IV, V [Anm. 14 und 19])
Zu Vergleichszwecken sind hier dieselben Berechnungen für die (rund
2500) Brandgräber von Spong Hill durchgeführt worden (Tab. 1). Fibeln
kommen nur in 5% der Gräber vor. Funde im Stil I stammen aus lediglich
0,6% der Gräber und damit nur aus etwa 5% der Bauernhöfe. Stil I ist dort
also sehr selten. Gläser dagegen sind viel häufiger. In Kent, wo die meisten
angelsächsischen Gläser gefunden wurden, kommen Glasgefäße in etwa
5% der Gräber vor, während sie im Brandgräberfeld von Spong Hill in 8%
der Gräber gefunden wurden. Zum Vergleich sei angeführt, dass in Cam-
bridgeshire und Suffolk nur 1,4% sowie in Norfolk, wozu auch Spong Hill
gehört, nur 0,2% der Gräber Glasbeigaben besaßen. Oft wird der Unter-
schied zwischen Brand- und Körpergräbern in Spong Hill als soziale Diffe-
renz interpretiert:
20
die Körperbestattungen seien einer Elite zuzuschrei-
ben, die sich im Laufe der Zeit entwickelte und auf bestimmte Art und
Weise Abstand zu alten Tradition demonstrieren wollte. Diese Interpreta-
tion wäre allerdings zu überdenken. Es sieht eher so aus, als ob es unter-
schiedliche rituelle Traditionen in der anglischen Gesellschaft, aber davon
abgesehen wahrscheinlich dieselbe materielle Kultur und Reichtum gab –
dies./Kenneth Penn, The Anglo-Saxon cemetery at Spong Hill, North Elmham II. Cata-
logue of cremations, nos. 22, 41 and 1691–2285. East Anglian Archaeology 11 (Gressenhall
1981); dies./Kenneth Penn/Robert Rickett, The Anglo-Saxon cemetery at Spong Hill,
North ElmhamIV. Catalogue of cremations, nos 30–2, 42, 44A, 46, 65–6, 2286–799, 2224
and 3325. East Anglian Archaeology 34 (Gressenhall 1987); dies./Kenneth Penn/Robert
Rickett, The Anglo-Saxon cemetery at Spong Hill, North ElmhamV. Catalogue of crema-
tions (nos. 2800–3334). East Anglian Archaeology 67 (Gressenhall 1994).
20
Mads Ravn, Death ritual and Germanic social structure (c. AD 200–600). British Archae-
ological Reports, International Series 1164 (Oxford 2003) 127–128; Christopher Scull,
Archaeology, early Anglo-Saxon Society and the Origins of Anglo-Saxon Kingdoms.
Anglo-Saxon Studies in Archaeology and History 6, 1993, 65–82, hier 75–76.
Anzahl der Bestattungen Gläser (%) Stil I (%) Fibeln (%)
Kent 492 5 9 14
Cambridgeshire/Suffolk 431 1,4 5 18
Norfolk 485 0,2 5 28
Spong Hill, Brandgräberfeld 2465 8 0,6 5
310 Karen Høilund Nielsen
wenn nicht sogar, wie die Glasbeigaben andeuten könnten, der Reichtum
auf den Brandgräberfeldern größer war als bei den Körperbestattungen.
Stil II
Im anglischen Gebiet fand Stil I sein Ende im frühen 7. Jahrhundert. Bereits
im letzten Drittel des 6. Jahrhunderts tauchte Stil II auf, nun aber in einem
völlig anderen Kontext und nur in geringer Anzahl. Stil II spiegelt dort
wahrscheinlich direkte Kontakte nach Skandinavien wider, was bereits in
verschiedenen Studien als Interpretation vorgeschlagen worden ist.
21
Von
zentraler Bedeutung für diese Ansicht sind selbstverständlich die reichen
Funde von Sutton Hoo. Bereits früher wurden für Kent und das anglische
Gebiet zwei verschiedene Wege der Einführung und Weiterentwicklung
von Stil II belegt.
22
East Anglia
Von den oben im Hinblick auf Stil I diskutierten Gebieten sind Suffolk und
Cambrigeshire von besonderer Bedeutung für die Untersuchung von Stil II.
Obwohl dieser Raum den Südostteil des anglischen Gebiets im weiteren
Sinne darstellt, ähnelt er in einer Reihe von Merkmalen eher den Verhält-
nissen in Kent. Wie in Kent gibt es relativ viele Gläser und wenig Fibeln.
Objekte im Stil I sind etwas seltener, dafür gibt es häufiger Pferdegeschirr.
23
Im Vergleich zum übrigen anglischen Gebiet scheinen Suffolk und Cam-
bridgeshire damit ungewöhnlich zu sein. Die Qualität von Stil I auf großen
Bügelfibeln und Ärmelhaken ist – wenn auch lediglich subjektiv gesehen
24

21
Rupert Bruce-Mitford, The Sutton Hoo Ship-burial. Comments and general interpreta-
tion. In: ders. (ed.), Aspects of Anglo Saxon Archaeology. Sutton Hoo and other discove-
ries (London 1974) 1–72; Høilund Nielsen, Style II and the Anglo-Saxon Élite (Anm. 7)
187–188; George Speake, Anglo-Saxon Art and its Germanic Background (Oxford 1980)
94–95.
22
Høilund Nielsen, Style II and the Anglo-Saxon Élite (Anm. 7) 186–192.
23
Dickinson et al., An early Anglo-Saxon bridle fitting (Anm. 12); Fern, The archaeological
evidence for equestrianism (Anm. 12); Steven Plunkett, Suffolk in Anglo-Saxon times
(Stroud 2005) 51–52.
24
Vgl. die Abb. bei John Hines, Clasps, hektespenner, agraffen. Anglo-Scandinavian clasps
of classes A–C of the 3rd to 6th centuries A.D. Typology, diffusion and function. Kungl.
Vitterhets Historie och Antikvitets Akademien (Stockholm 1993); ders., A new corpus
(Anm. 13).
Stil II als Spiegel einer Elitenidentität? 311
oft sehr hoch, und es gibt dort auch große Bügelfibeln aus Silber.
25
Bügel-
fibeln verwendete man dort wohl auch länger als in Kent. Es ist bereits
oben darauf hingewiesen worden, dass Stil I nur ausnahmsweise auf Waffen
vorkommt. Wenn dies der Fall ist, dann gehört vor allem das anglische Ge-
biet dazu. Besonders zu erwähnen sind einige Schildbeschläge von Tran-
mer,
26
nur 500 m von Sutton Hoo entfernt
27
, die am Übergang zu Stil II ste-
hen und etwas früher als die Gräber von Sutton Hoo zu datieren sind.
28
Funde wie Pakefield
29
und Snape
30
bezeugen, dass es schon früh Fami-
lien mit herausragender Position oder Reichtum gab. Auf dem Gräberfeld
von Snape gab es einerseits ein beraubtes Bootsgrab mit einzelnen sehr rei-
chen Beigaben (Goldring mit Gemme wie in Krefeld-Gellep, Grab 1782),
andererseits auch einige Gräber mit Fibeln und Ärmelhaken im Stil I.
In Suffolk und Cambridgeshire existierte offenbar bereits ein hoher
Standard des Kunsthandwerkes und von dessen Symbolsprache; man stand
im Tierstil verzierten Waffen und Pferdegeschirren nicht fremd gegenüber.
Obwohl die Auswahl der materiellen, symbolisch aufgeladenen Kultur in
dieser Gegend sehr anglisch war, scheint die soziale Struktur eher von Kent
beeinflusst gewesen zu sein.
Die lange Existenz von Stil I – ohne oder nur mit wenig „Degenera-
tion“ –, das Festhalten an skandinavischen Schmuckformen und Stilen, das
Vorkommen von Bootsgräbern und Pferde(-geschirr) lassen darauf schlie-
ßen, dass man an einem skandinavischen Hintergrund festhielt und viel-
leicht auch kontinuierliche Kontakte unterhielt. Vor diesem Hintergrund
ist das Auftauchen des skandinavischen Stils II zu sehen.
Stil II verteilt sich im anglischen Gebiet auf drei Gruppen
31
: 1. gibt es
einige skandinavische Importstücke, die alle aus Sutton Hoo stammen;
2. existiert eine Reihe von Funden, die offensichtlich auf der Basis des skan-
dinavischen Stils II weiterentwickelt worden sind (in zwei Stufen zu untertei-
25
Plunkett, Suffolk in Anglo-Saxon times (Anm. 23) 45.
26
Die Funde wurden auch in Current Archaeology 180, 2002, 498–505, vorgelegt.
27
Martin O. H. Carver, Sutton Hoo. A seventh-century princely burial ground and its con-
text. Reports of the Research Committee of the Society of Antiquaries of London 69 (Lon-
don 2005) 483–487.
28
Dickinson, Symbols of Protection (Anm. 12) 119 Abb. 4c–e.
29
Scull, Archaeology (Anm. 20) 76; Helen Geake, The Use of Grave-Goods in Conversion-
Period England c.600–850. British Archaeological Reports, British Series, 261 (Oxford
1997) 179.
30
William Filmer-Sankey, Snape Anglo-Saxon Cemetery. The Current State of Knowledge.
In: Martin O. H. Carver (ed.), The Age of Sutton Hoo. The Seventh Century in north-
western Europe (Woodbridge 1992) 39–51, hier 50; Filmer-Sankey/Pestell, Snape Anglo-
Saxon cemetery (Anm. 14); Geake, Use of Grave-Goods (Anm. 29) 180.
31
Vgl. Høilund Nielsen, Style II and the Anglo-Saxon elite (Anm. 7).
312 Karen Høilund Nielsen
len) und die sich deutlich von Stil II in Kent unterscheiden; 3. lässt sich
schließlich eine spätere Weiterentwicklung feststellen, die sowohl auf Metall-
objekten wie in den Evangeliaren der klösterlichen Skriptorien vorkommt.
Sutton Hoo
Den Mittelpunkt des anglischen Stils II stellen die Funde von Sutton Hoo
in Suffolk dar.
32
Dieses Gräberfeld wurde wahrscheinlich erst am Ende des
6. Jahrhunderts angelegt; damit gab es keine Kontinuität zurück in die Ver-
gangenheit und auch nicht zurück zum alten Stil I oder den damit ver-
knüpften Fibeln, Ärmelhaken, Waffen oder Pferdegeschirren. Außerdem
handelt es sich um ein Hügelgräberfeld, das auch wegen seiner Monumen-
talität außergewöhnlich ist. Mindestens drei Gräber enthielten Beigaben,
die im Stil II verziert sind. Hügelgrab 2 und Hügelgrab 17 datiert man
„um 600“ und Hügelgrab 1 „um 625“. Hügelgrab 1 enthielt sowohl Objekte
im ältesten, skandinavischen Stil II als auch Gegenstände, die in der sehr
späten, mit den Evangeliaren verknüpften Version des anglischen Stils II ver-
ziert sind. Hügelgrab 2 und Hügelgrab 17 enthalten beide Gegenstände im
anglischen Stil II. Bei neuen Untersuchungen von Hügelgrab 2 sind jedoch
Fragmente von Trinkhornbeschlägen mit denselben Ornamenten wie die
von Hügelgrab 1 entdeckt worden.
33
Damit kamen wohl auch in diesem
Grab skandinavische Gegenstände vor, zusammen mit zwei scheibenförmi-
gen Beschlägen im anglischen Stil II. Hügelgrab 17 enthielt vor allem ein
Pferdegeschirr im anglischen Stil II.
Die skandinavischen „Importe“, der Schild (Hügelgrab 1) (Abb. 6) und
die Trinkhörner (Hügelgräber 1 und 2), gehören wohl in die frühe zweite
Hälfte des 6. Jahrhunderts. Die Gegenstände sind jedoch später repariert
oder einige Teile hinzugefügt worden. Es ist möglich, dass die Gegenstände
als Geschenke eines skandinavischen Königs angesehen werden können.
Bei der großen Goldschnalle ist es aber eine offene Frage, wo sie hergestellt
worden war. Stilistisch besitzen die Ornamente auf dem Beschlag nur Pa-
rallelen in Skandinavien – abgesehen von einem kleinen Tierornament, das
32
Rupert Bruce-Mitford, The Sutton Hoo Ship-Burial 1. Excavation, background, the ship,
dating and inventory (London 1975); ders., The Suttton Hoo Ship-Burial 2. Arms, armour
and regalia (London 1978); ders., The Sutton Hoo Ship-Burial 3. Late Roman and Byzan-
tine silver, hanging-bowls, drinking vessels, cauldrons and other containers, textiles, the
lyre, pottery bottle and other items (London 1983); Carver, Sutton Hoo (Anm. 27).
33
Angela Evans, Seventh-century assemblages. In: Martin O. H. Carver, Sutton Hoo.
A seventh-century princely burial ground and its context. Reports of the Research Com-
mittee of the Society of Antiquaries of London 69 (London 2005) 201–282, hier 256–258.
Stil II als Spiegel einer Elitenidentität? 313
aus England bekannt ist. Reliquiarschnallen sind in Skandinavien unbe-
kannt, und die Ornamente auf dem Bügel sind in Kombination mit den
Ornamenten auf dem Beschlag auch nicht typisch skandinavisch. Die
Frage ist also, ob man hier von einem skandinavischen Handwerker ausge-
hen kann, der nach Suffolk geschickt wurde. Die anglische Weiterentwick-
lung von Stil II würde für die Anwesenheit eines oder mehrerer skandina-
vischer Handwerker sprechen. Diese Entwicklung dürfte im königsnahen
Milieu East Anglias stattgefunden haben.
In den verschiedenen Fundgruppen von Hügelgrab 1 kann man Verbin-
dungen nach Skandinavien an den Waffen (Schild und Helm und wohl
auch die große Goldschnalle) und am Trinkgeschirr (Trinkhörner) erken-
nen. Schwert und Schwertgurt sowie die Münzen zeigen Verbindungen
Abb. 6. Schildbuckelbeschläge aus dem Hügelgrab I von Sutton Hoo,
Details des Tierstil II. – M. 1:1 (nach Bruce-Mitford, Sutton Hoo 2 [Anm. 32])
314 Karen Høilund Nielsen
zum Frankenreich oder eine Beeinflussung von dort, obwohl fränkische
Schwerter auch in Skandinavien verbreitet sind. Silberschalen und Löffel
zeigen einen recht diskreten christlichen Zusammenhang,
34
die Silbertab-
letts sind etwas älter und stammen aus dem östlichen Mittelmeerraum. Die
großen Steinbarren, der eiserne Ständer, die eiserne Lampe, einige der höl-
zernen Kleingefäße und das Hängegefäß sind Beispiele angelsächsischen
Kulturguts. Die Schulterbeschläge sind vom Typ her eigentlich römisch,
aber stilistisch gesehen bilden sie mit der Tasche, der Leier und einigen der
hölzernen Kleingefäße ein Ensemble, in dem man anglische Weiterent-
wicklungen des Stils II sieht. Generell spiegeln die dem Verstorbenen bei-
gegebenen Gegenstände mit Symbolwert einen Bezug nach Skandinavien
wider, sei er nun tatsächlich vorhanden oder lediglich vorgeschützt wor-
den. Die Hauptgefäße des Trinkgeschirrs stellen skandinavische Trinkhör-
ner dar, obwohl Trinkhörner und die damit verbundenen Trinkgebräuche
auch in den angelsächsischen Gesellschaften zu Hause waren.
Die nicht vorhandene Kontinuität des Gräberfeldes in die Vergangen-
heit, die Errichtung von Grabhügeln, die neue, symbolisch aufgeladene
materielle Kultur und die skandinavischen Verbindungen machen deutlich,
dass man hier mit einer Abstammungsgruppe zu rechnen hat, die sich
gleichzeitig mit der Anlage des Gräberfelds wohl auch politisch manife-
stiert und als königliche Familie etabliert hatte – und die sich durch skan-
dinavische Symbole legitimierte. Die Bevölkerung hatte zuvor meist
am skandinavischen Stil I und entsprechendem Schmuck festgehalten; es
könnte sein, dass diese noch so auf ihre „skandinavische“ Heimat bezogen
war, dass eine neue Führungsschicht einfach eine „skandinavische“ Entste-
hung – eine „skandinavische“ Genealogie – mit Hilfe eines skandinavi-
schen Symbolguts behauptet hat (sei sie tatsächlich vorhanden oder ledig-
lich vorgeschützt gewesen), um Position und Macht zu erwerben bzw.
ihren Anspruch auf soziale Spitzenpositionen zu legitimieren.
Das anglische Gebiet im allgemeinen
Von Sutton Hoo abgesehen, gibt es bisher keine anderen Import-Funde
im skandinavischen Stil II. Die anglische Weiterentwicklung von Stil II
verbreitete sich aber in der anglischen Umgebung. Das Hügelgrab von
Caenby, Lincolnshire, wurde 1850 gefunden und enthält eine Reihe von
runden und axtförmigen Beschlägen im Stil II (Abb. 7) für ein Kästchen,
34
Joachim Werner, A Review of The Sutton Hoo Ship Burial 3. Some remarks, thoughts and
proposals. Anglo-Saxon Studies in Archaeology and History 5, 1992, 1–24, hier 2–8, 21.
Stil II als Spiegel einer Elitenidentität? 315
Fragmente eines Helms mit Pressblechornamentik vom selben Typ wie in
Sutton Hoo sowie Mündungsbeschläge für ein Trinkhorn oder ähnliches.
35
Funde aus anderen Orten stellen meistens axtförmige Beschläge, oft für
Pferdegeschirre, und Modelle für Pressbleche dar. Sie sind in Suffolk, Cam-
bridgeshire, Norfolk und Lincolnshire verbreitet. Bei den meisten handelt
es sich um Einzelfunde, aber Beschläge für das Pferdegeschirr deuten aus
sich heraus auf eine gewisse Ranghöhe hin.
36
Stil II verbreitete sich im ang-
lischen Gebiet kaum auf alttäglicheren Gegenständen – die wenige Ausnah-
men sind zeitlich spät anzusetzen. Auf lange bestehenden Gräberfeldern,
die in das 6. Jahrhundert zurückreichen, ist bisher nichts im Stil II gefun-
den worden. Stil II scheint daher fast ausschließlich einer kleinen Gruppe
hochrangiger Männer zuzuweisen zu sein. Die soziale Zuordnung unter-
scheidet sich also grundlegend von der des Stils I.
Das mit Sutton Hoo zeitgleiche Fundmaterial ist begrenzt und die
Anzahl der Gräber relativ klein. Frauengräber sind oft nur durch Perlen zu
datieren; die Zahl der Fibeln geht zurück, und die Typen stellen oft ent-
wickelte Spätversionen früherer Formen dar. Dazu kommen vereinzelt
35
Geake, Use of grave-goods (Anm. 29) 167.
36
Fern, Archaeological evidence for equestrianism (Anm. 12) 67.
Abb. 7. Caenby, Lincolnshire, Kästchenbeschläge in Stil II. – M. 1:1
(nach Smith, British Museum guide [Abb. 2])
316 Karen Høilund Nielsen
Scheibenfibeln. Ähnlich verhält es sich mit Männergräbern. Die vorhande-
nen Typen wurden weiterentwickelt, die Anzahl der Gräber ging immer
weiter zurück. Umfängliche, eine breite Bevölkerung kennzeichnende
Grabausstattungen kamen allmählich aus der Mode, während sich die
Sachkultur im Allgemeinen nur wenig änderte.
Wohl in den Jahrzehnten nach der Anlage des Grabes 1 von Sutton Hoo
änderte sich die Sachkultur grundlegend. Nur wenige Gräber wurden über-
haupt ausgestattet, und die Gräberfelder besaßen vergleichsweise wenige
Bestattungen. Die Ausstattung der Frauen besteht oft aus Nadeln, die
durch eine Kette miteinander verbunden waren, Anhängern, Kolliers von
Drahtringen und einigen Perlen besonderer Typen, alles oft aus Gold, Sil-
ber und Edelsteinen – und meist in einem antik-klassisch-byzantinischen
Stil.
37
Vereinzelte, große und kompliziert gefertigte Scheibenfibeln tauchen
gelegentlich auf. Männergräber enthalten sehr hohe Schildbuckel von
Typen, die man auch auf dem Kontinent kennt, relativ große Lanzen und
Speere sowie Saxe und Schwerter. Manche der Breitsaxe stammen vom
Kontinent; ab und zu wurden auch Scheide und Gürtel von dort bezogen.
Sie wurden bislang oft in der Nähe gleichzeitiger Handelszentren wie Ips-
wich gefunden.
38
Das bedeutet, dass die säkulare anglische Gesellschaft in der Mitte und
der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts ihre Anregungen nicht mehr in
Skandinavien suchte, sondern in der klassisch-byzantinischen Welt und bei
ihrem nächsten Nachbarn auf dem Kontinent – den Franken –, auch wenn
der klassische Stil zumindest teilweise auf Altmaterial aus der römische Ver-
gangenheit Britanniens zurückgehen sollte.
39
Diese Entwicklung fand über-
all im angelsächsischen Britannien statt.
Dieses Bild verstärkt den Eindruck, dass Stil II kurzfristig als elitärer
Stil benutzt wurde, um die Machtverhältnisse im anglischen Gebiet zu ver-
ändern. Er wurde nur solange benutzt, bis sich entweder die Macht stabili-
siert hatte oder bis die Symbole keinen Anklang mehr in der Bevölkerung
fanden. Man muss dabei berücksichtigen, dass gerade zu dieser Zeit die Ge-
gend christianisiert wurde und die Könige deshalb ihre Machtpositionen
wohl vor allem durch christliche Symbole zum Ausdruck brachten.
37
Geake, Use of grave-goods (Anm. 29); ders., Invisible kingdoms. The use of grave-goods in
seventh-century England. Anglo-Saxon Studies in Archaeology and History 10, 1999,
203–215.
38
Christopher Scull/Alex Bayliss, Radiocarbon dating and Anglo-Saxon graves. In: Uta v.
Freeden/Ursula Koch/Alfried Wieczorek (Hrsg.), Völker an Nord und Ostsee und die
Franken. Kolloquien zur Vor- und Frühgeschichte 3 = Mannheimer Geschichtsblätter NF,
Beiheft 2 (Bonn 1999) 39–50, hier 41.
39
Geake, Use of grave-goods (Anm. 29) 121–122.
Stil II als Spiegel einer Elitenidentität? 317
Vergleich mit den südöstlichen Gebieten Britanniens
Außerhalb des anglischen Gebiets besaß nur Kent einen größeren Anteil
an Stil II. Stilistisch ähnelt dort Stil II sehr viel mehr jenem Stil II, den man
bei Franken und Alemannen findet
40
, und oft wurde der Stil auf kontinen-
talen Typen verwendet – zum Beispiel an Gürtelschnallen mit dreieckigem
Beschlag. Der kentische Stil II degenerierte schnell, und es sieht so aus, als
ob die Form der Gegenstände wichtiger als der jeweils auf ihnen applizierte
Stil gewesen wäre. In Kent blieb Stil II nicht auf Objekte einer Männerwelt
beschränkt, sondern findet sich auch auf von Frauen getragenen Fibeln und
Anhängern. Auf den Fibeln übernahm Stil II lediglich die Rolle von Stil I –
es handelte sich also eigentlich um einen Modewechsel.
Es gibt eine Reihe reicher Gräber, von denen mehrere Objekte des ken-
tischen Stils II enthalten und die eine Gruppe elitärer Gräber bilden. Sie
liegen sämtlich im „Grenzgebiet“ zwischen kentischen und anglischen
Interessensphären – in Taplow, Broomfield, Prittlewell.
41
Alle drei sind
Kammergräber unter Hügeln und gehören in die Zeit um 600 oder kurz da-
nach. Keines der drei Gräber erreicht das Ausstattungsniveau von Grab 1 in
Sutton Hoo, aber sie gehören dennoch gewissermaßen „zur Familie“. Die
Bestattung von Broomfield erscheint nicht ganz so reich wie die beiden an-
deren Gräber, und sie enthält anscheinend kein im Tierstil verziertes Ob-
jekt. Der Stil II auf den Trinkhörnern und den hölzernen Gefäßen aus Pritt-
lewell und Taplow gehört zur kentischen Version (Abb. 8). Bei den
Trinkhörnern von Taplow sind die Originalbeschläge im Stil I verziert und
die Beschläge im Stil II erst später sekundär hinzugefügt worden. Die übri-
40
Høilund Nielsen, Style II and the Anglo-Saxon Elite (Anm. 7) 199.
41
Geake, Use of grave-goods (Anm. 29) 146 und 151 mit weiteren Hinweisen; Sue Hirst,
Prittlewell Prince. The discovery of a rich Anglo-Saxon burial in Essex. Museum of Lon-
don Archaeology Service (London 2004). Vgl. Den Beitrag von Lyn Blackmore in diesem
Band.
Abb. 8. Taplow, Buckinghamshire, im Tierstil II
verzierte Pressblechbeschläge eines Holzgefäßes. – M. 1:1
(nach Smith, British Museum guide [Abb. 2])
318 Karen Høilund Nielsen
gen Grabbeigaben sind entweder lokale Typen, von einer kontinentalen
Form oder stammen aus dem östlichen Mittelmeerraum.
Obwohl die drei genannten Gräber zum königsnahen Umfeld in Kent,
Buckinghamshire und Essex gehören, liegen sie an der Peripherie von Kent,
und dort wurden anscheinend keine skandinavischen „Wurzeln“ zur sym-
bolischen Legitimation der Macht instrumentalisiert.
Der historische Rahmen
Der Stil-II-Horizont ist ungefähr gleichzeitig mit dem Erscheinen angelsäch-
sischer Könige auf der historischen Bühne und der „Bekehrung“ der Angel-
sachsen. Diese Entwicklung begann zuerst in Kent mit seinen engen Kontak-
ten zum Kontinent. Æthelbert war König bis seinem Tod im Jahre 616 und ab
592 auch Oberkönig.
42
Die Schwester Æthelberts war mit Sledd in Essex ver-
heiratet, und Æthelbert versuchte wahrscheinlich, eine kentische Expansion
nach Essex zu unternehmen; er hatte dort wohl Sledd zur Macht geholfen,
aber erst Sledds Sohn Sabert wurde von Æthelbert bekehrt.
43
Auch über East Anglia hatte Æthelbert die Oberhoheit gefordert; er ver-
suchte, Rædwald, einen der Wuffinge, zu bekehren, aber Rædwald besaß
trotzdem den Oberbefehl über seine Streitkräfte und folgte später Æthel-
bert als Oberkönig nach.
44
Das sogenannte Tribal Hidage deutet an, dass
East Anglia im 7. Jahrhundert eine politische Einheit bildete
45
, und spätere
Quellen berichten, dass die Wuffinge ab 571 East Anglia regierten
46
und
dass eine dauerhafte überregionale Königsherrschaft in East Anglia erst mit
den Wuffingen entstand.
47
Möglicherweise spielt auch das Beowulf-Epos eine Rolle. Man hat vor-
geschlagen, die dort präsentierte Genealogie mit der Genealogie der Wuf-
finge in East Anglia zu verknüpfen und damit den Wuffingen eine mytho-
logische Herkunft aus Südskandinavien zu verschaffen.
48
Dabei haben die
Wuffinge sowohl genealogisch als auch symbolisch an das südskandinavi-
sche Königshaus angeknüpft – stilistisch und mythologisch.
42
Barbara Yorke, Kings and kingdoms of early Anglo-Saxon England (London 1990) 28.
43
Yorke, Kings and Kingdoms (Anm. 42) 28, 46–47.
44
Yorke, Kings and Kingdoms (Anm. 42) 62.
45
Christopher Scull, Before Sutton Hoo. Structures of Power and Society in Early East An-
glia. In: Martin O. H. Carver (ed). The Age of Sutton Hoo. The Seventh Century in north-
western Europe (Woodbridge 1992) 3–23, hier 3; ders., Archaeology (Anm. 20) 67.
46
Scull, Before Sutton Hoo (Anm. 45) 5.
47
Scull, Archaeology (Anm. 20) 79.
48
Sam Newton, The Origins of Beowulf and the Pre-Viking Kingdom of East Anglia (Cam-
bridge 1993) 77, 81–82, 133.
Stil II als Spiegel einer Elitenidentität? 319
Nachfolger von Stil II
Da Stil II keine breite Anerkennung erhielt, würde man erwarten, dass diese
Symbolsprache nur kurze Zeit überlebte – nämlich nur so lange, wie es not-
wendig war, um das anglische Königshaus zu etablieren. Es verhielt sich aber
anders. Schon vor der Errichtung von Grab 1 in Sutton Hoo wurde Stil II
zu einer Version weiterentwickelt, die man auf den Schulterbeschlägen und
zum Teil auch auf der Tasche von Grab 1 sieht – „Manuskript-Stil“ II (MS)
genannt.
49
Aus diesem entwickelten sich später jene Tierstile, wie man sie
z. B. vom Lindisfarne-Evangeliar kennt.
Zur MS-Stufe von Stil II (Abb. 9) gehört nur eine kleine Anzahl von
Metallobjekten, die aber erheblich weiter verbreitet waren als der anglische
Stil II – von Kent bis ins heutige Schottland.
50
Relativ oft findet man aber
diesen Stil auf der Rückseite von Objekten, die auf der Schauseite in einem
ganz anderen Stil verziert sind. Außerdem gehört der Tierstil des Durrow-
Evangeliars und einiger verwandter Evangeliare ebenso zu dieser Stilstufe.
Die kleine Goldtafel von Bamburgh, dem Kloster Lindisfarne direkt gegen-
über, und das ein wenig weiter westlich gelegene Yeavering, ein anglo-bri-
tischer Zentralort
51
, gehören ebenfalls zu dieser Stufe. Zusammen mit den
Evangeliaren reflektiert sie gewissermaßen die Zukunft des Tierstils – den
Wechsel vom säkularen hin zum sakralen Bereich.
52
49
vgl. Høilund Nielsen, Style II and the Anglo-Saxon Elite (Anm. 7).
50
Høilund Nielsen, Style II and the Anglo-Saxon Élite (Anm. 7) 188–189, 195.
51
Brian Hope-Taylor, Yeavering. An Anglo-British centre of early Northumbria. Depart-
ment of the Environment, Archaeological Reports 7 (London 1977).
52
Vgl. Geake, Use of Grave-Goods (Anm. 29) 124–125.
Abb. 9. Schwertknauf von Crundale, Kent, Beispiel der MS-Stufe
von Tierstil II. – M. 1:1 (nach Smith, British Museum guide [Abb. 2])
320 Karen Høilund Nielsen
Diese MS-Stufe und ihre Weiterentwicklung (Abb. 10) fanden haupt-
sächlich in Northumbrien statt, wo Edwin im Jahre 616 mit Hilfe Rædwalds
das Regiment übernahm und nach dessen Tod auch sein Nachfolger als
Oberkönig wurde.
53
Northumbrien stand unter dem Einfluss der irischen
und der römischen Kirche. Im Jahre 635 wurde Kloster Lindisfarne von
dem bedeutenden irischen Mutterkloster Iona in Dalriada gegründet. Auf
der königlichen Burg Dunadd in Dalriada, nicht weit von Iona entfernt, hat
man Werkstätten ausgegraben, die anglische und irische Gegenstände pro-
duziert hatten.
54
Es gab also eine handwerkliche und künstlerische Wech-
selwirkung zwischen Iren und Angeln in Dalriada, und aufgrund der inten-
siven Kontakte zwischen beiden Klöstern sowie politischer Beziehungen
wurden Northumbrien und seine nördlichen Nachbarn ein Schmelztiegel
für das anglo-irische Kunsthandwerk – besonders in den Klöstern, aber mit
Ausläufern im irischen Schmuckhandwerk.
55
Die Evangeliare von Durrow,
Durham, Köln und, etwas später, Lindisfarne sind Beispiele klösterlicher
Produkte in dieser frühen Blütezeit anglo-irischer Kunst.
Zusammenfassung
Der anglische Stil II existierte nur kurze Zeit, und er schmückte nur eine re-
lativ kleine Anzahl von Objekten einer „Männerwelt“. Trotzdem besaß er
große Bedeutung für die Etablierung der anglischen Könige. Stil II spiegelte
eine skandinavische Elitenidentität wider, die offensichtlich benötigt wurde,
um die Machtposition der Wuffinge zu legitimieren, so wie diese ihre Posi-
53
Yorke, Kings and Kingdoms (Anm. 42) 77–78.
54
Ewan Campbell/Alan Lane, Celtic and Germanic interaction in Dalriada. The seventh-
century metalworking site at Dunadd. In: R. Michael Spearman/John Higgitt (ed.), The
Age of Migrating Ideas. Early Medieval Art in Northern Britain and Ireland (Stroud 1993)
52–63, hier 54–60.
55
Campbell/Lane, Celtic and Germanic interaction (Anm. 54) 61–62.
Abb. 10. Gussform vom Klosterareal in Hartlepool, Beispiel der Weiterentwicklung
der MS-Phase von Tierstil II. – M. 1:1 (nach Robin Daniels, The Anglo-Saxon monas-
tery at Hartlepool, England. In: Jane Hawkes/Susan Mills [ed.], Northumbria’s golden
age [Stroud 1999] 105–112)
Stil II als Spiegel einer Elitenidentität? 321
tion auch genealogisch untermauerten. In dieser Weise kontrastieren Stil I
und Stil II. Stil I entwickelte sich in Britannien zum Symbol einer skandi-
navischen Herkunft für einen großen Teil der eingewanderten angelsächsi-
schen Bauernfamilien – und mit Frauen als den Traditionsträgerinnen. Der
Bericht Bedas über die Einwanderung von Angeln, Sachsen und Jüten zeigt
wohl, dass man sich – vielleicht besonders unter den Angeln – der fremden
Herkunft bewusst war; dadurch lässt sich auch die bewusste Wahl eines
skandinavischen Stils zur Legitimation neuer Machthaber erklären.
Von außen gesehen, gehörte der angelsächsische Stil I, der hauptsäch-
lich mit der weiblichen Sphäre verbunden war und die Herkunft der Bevöl-
kerung symbolisierte, zu einer Gesellschaft mit relativ wenig sozialer Hie-
rarchie, während Stil II auf Waffen und Trinkgeschirr einer „Männerwelt“
eine hierarchischere Gesellschaft widerspiegelte und auf eine Elite bezogen
war. Der Stil symbolisierte jetzt nur mehr die „Herkunft“ des Königs. In
Kent gab es diesen Kontrast zwischen Stil I und Stil II nicht. Der eine trat
einfach in die Fußspuren des anderen.
Überall folgte danach der klassisch-byzantinisch inspirierte Stil, und er
reflektierte wahrscheinlich die Christianisierung und die Gründung von
Königtümern, die zunehmend christlich begründet wurden.
56
Man muss
sich fragen, ob diese Entwicklung nicht auch ohne Tierstil II und die
Machtübernahme der Wuffinge stattgefunden hätte. Was die anglo-irische
Kunst betrifft, kam dem anglischen Stil II aber sicher eine fördernde Rolle
zu.
Dank
Für ständige Inspiration und Hilfsbereitschaft immer dann, wenn mein
Wissen sich als allzu unzulänglich erwies, danke ich Tania Dickinson sowie
Birte Brugmann, Nancy Edwards, John Hines, Chris Loveluck und Keith
Parfitt herzlich.
56
Geake, Invisible kingdoms (Anm. 37) 209–214.
322 Karen Høilund Nielsen
Schätze eines angelsächsischen Königs von Essex 323
Schätze eines angelsächsischen Königs von Essex
Die Funde aus einem Prunkgrab
von Prittlewell und ihr Kontext
Lyn Blackmore
Einführung
Kleidung, Grab, Ritual, Siedlung, Handwerk, Austausch, Geschichte, Chro-
nologie und Identität – Prittlewell betrifft alle diese Themen der Freiburger
Tagung, und noch einige mehr. Während der Schwerpunkt des folgenden
Beitrages auf den Artefakten aus der Grabkammer von Prittlewell liegt, wer-
den Fragen an Bestattungsriten, Siedlung und Identität auch im Zentrum der
zukünftigen Forschungen an diesem Platz stehen.
1
Entdeckt wurde die Fund-
stelle in Prittlewell während einer archäologischen Untersuchung des Gelän-
des, die von W. S. Atkins im Namen der Gemeinde Southend-on-Sea in Auf-
trag gegeben und zwischen Oktober und Dezember 2003 vom Museum of
London Archaeology Service (MoLAS) durchgeführt wurde. Nach der Ausgra-
bung wurden bisher nur die für die Erhaltung der Funde nötigen Konservie-
rungsmaßnahmen unternommen, die großzügigerweise von English Heritage
finanziert wurden. Da gegenwärtig keine Mittel für die weitere Analyse des
Grabfundes zur Verfügung stehen und wir nicht der Endpublikation vorgrei-
fen wollen, handelt es sich bei den folgenden Zeilen um einen sehr knappen
Vorbericht mit wenigen Verweisen.
Nach der Aufgabe Britanniens durch das Römische Reich im frühen
5. Jahrhundert kehrten große Teile der Bevölkerung wieder zu paganen Kul-
ten zurück. Um das Jahr 596 sandte Papst Gregor jedoch, so berichten über-
einstimmend die Angelsächsische Chronik und Beda Venerabilis, Missio-
nare unter Führung des Benediktiners Augustinus (von Canterbury) nach
1
Der Freiburger Vortrag wurde im Namen des Museum of London Archaeology Service (Mo-
LAS) gehalten und verdankt vieles der gemeinsamen Arbeit der Projektgruppe, darunter
besonders Ian Blair (Grabungsleiter), Dave Lakin (Projektmanager), Liz Barham und Liz
Goodman (Konservatorinnen) sowie Sue Hirst (Redakteurin und Spezialistin für angel-
sächsische Archäologie) und Andy Chapping (Fotograf).
Zwischen Spätantike und Frühmittelalter – RGA-E Band 57 – Seiten 323–340
© 2008 Walter de Gruyter · Berlin · New York
324 Lyn Blackmore
England.
2
Die Missionare erreichten England 596/597 und trafen sich mit
Æthelbert I., dem König von Kent und Herrscher über alle Engländer süd-
lich des Humber.
3
Æthelbert, der schon mit einer christlichen fränkischen
Prinzessin verheiratet war,
4
konvertierte daraufhin zum Christentum und
überzeugte seinen Neffen Sabert,
5
König der Ostsachsen (Essex), seinem
Beispiel zu folgen.
6
Im Jahr 604 erbaute Æthelbert in London eine dem
Heiligen Paul geweihte Kirche für Bischof Mellitus, der von Augustinus
eingesetzt worden war, um bei den Ostsachsen zu predigen.
7
616 starb
Æthelbert und wurde in Canterbury bestattet. Sabert verstarb ebenfalls um
diese Zeit. Über ihn oder seine letzte Ruhestätte ist jedoch fast nichts be-
kannt,
8
und Saberts Platz in der englischen Geschichte ist daher nicht son-
derlich prominent.
Genau 1400 Jahre nach der Errichtung von St. Paul wurde der MoLAS
im Rahmen eines geplanten Straßenbauprojektes mit der archäologischen
Untersuchung eines schon bekannten angelsächsischen Gräberfeldes in
Prittlewell beauftragt. Prittlewell liegt auf der südöstlichen Seite eines fla-
chen Tales im Norden Southends, wo der Bach Prittle nach Norden ab-
biegt, um nicht in die Themse, sondern in den Fluss Roach zu münden
(Abb. 1). Die ersten Hinweise auf eine angelsächsische Belegung dieses Plat-
zes fanden sich während des Baus der London-Southend-Bahn im Jahr
1887 mit der Entdeckung eines Speeres und anderer Objekte.
9
Die Existenz
eines angelsächsischen Friedhofes wurde im Laufe von Straßenbauarbeiten
im Jahr 1923 erkannt, als weitere frühmittelalterliche Gräber zusammen
mit römischen Brandgräbern, einem römischen Bleisarkophag und ande-
ren Hinweisen auf eine römische Belegung des Platzes ans Licht kamen.
10
2
Bertram Colgrave/Roger A. B. Mynors (ed.), Bede’s ecclesiastical history of the English
people (1969) 68f.; The Anglo-Saxon Chronicle, ed. Dorothy Whitelock (London 1961) 14.
3
Colgrave/Mynors, Bede’s (Anm. 2) 562f.
4
Barbara Yorke, Kings and kingdoms of early Anglo-Saxon England (London 1990) 28f., 47f.
5
In der Literatur auch Saberht, Saebert, Saeberht und Saebryht genannt.
6
Colgrave/Mynors, Bede’s (Anm. 2) 562f.; The Anglo-Saxon Chronicle (Anm. 2) 15.
7
Colgrave/Mynors, Bede’s (Anm. 2) 142f.
8
Obwohl vermutet wurde, dass er mit seiner Frau in der Abtei von Thorney Island in West-
minster bestattet worden sei (Thomas Wright, The history and topography of Essex [Lon-
don 1836]), wird dies nicht von Beda erwähnt, und es gibt keine anderen Belege für eine so
frühe Kirche am Ort.
9
Susan Tyler, The Anglo-Saxon cemetery at Prittlewell, Essex: an analysis of the grave
goods. Essex Archaeology and History 19, 1988, 91–116, hier 91; Helen Geake, The use of
grave goods in Conversion-period England c.600–c.850. British Archaeological Reports,
British Series 261 (Oxford 1997) 152.
10
William Pollitt, The Roman and Saxon settlements at Southend-on-Sea. Transactions of
the Southend-on-Sea District Archaeological Society 12, 1923, 93–141; Tyler, Anglo-Sa-
xon cemetery (Anm. 9) 91.
Schätze eines angelsächsischen Königs von Essex 325
Ein auffälliges Merkmal des angelsächsischen Gräberfeldes ist das Vorherr-
schen männlicher „Kriegergräber“, insgesamt 18 Bestattungen mit Waffen,
Schildbuckeln und Schwertern. Weibliche Grabgruppen wurden dagegen
nicht gefunden, obwohl vereinzelte Frauengräber während des Eisenbahn-
baus im Jahr 1930 im östlichen Abschnitt des Fundplatzes angeschnitten
wurden.
11
Dies legt die Möglichkeit abgegrenzter Bestattungsareale nahe.
Eines der Frauengräber enthielt eine Halskette und zwei Scheibenfibeln
11
Pollitt, Settlements (Anm. 10).
Abb. 1. Lage des Fundplatzes (© MoLAS)
326 Lyn Blackmore
mit zentralen Granateinlagen.
12
In zwei weiteren Gräbern fanden sich An-
hänger des 6./7. Jahrhunderts in kentischem Stil.
13
Verbindungen nach
Kent und zum Kontinent sind außerdem durch zwei bikonische Becken
fränkischer Herkunft belegt.
14
Gemeinsam lassen diese Gräber auf Hoch-
zeiten hochrangiger Frauen aus Kent mit Männern aus Essex schließen
und/oder auf kommerzielle Kontakte zwischen diesen beiden Regionen
und darüber hinaus.
15
Aufgrund dieser Vorkenntnisse war damit zu rechnen, dass während der
Untersuchung des MoLAS weitere Gräber auftauchen würden. Dass aller-
dings ein so außergewöhnliches Grab entdeckt wurde, war eine große Über-
raschung. In Essex ist mit derjenigen von Broomfield nur eine andere Begräb-
nisstätte von überdurchschnittlichem Status bekannt;
16
eine weitere lag
möglicherweise in Rainham.
17
Andere vergleichbare und im Folgenden ange-
sprochene Plätze sind Sutton Hoo, Taplow und Cuddesdon, Oxfordshire.
18
Das Grab
Die MoLAS-Ausgrabung unter der Leitung von Ian Blair begann im späten
Oktober 2003 mit der Anlage dreier Schnitte. Die beiden Schnitte im Nor-
den und im Zentrum des Fundplatzes erbrachten die Überreste einiger Grä-
12
Die Verzierung ist von Formen aus Kent beeinflusst, kommt aber dennoch nicht in Kent,
sondern in East Anglia vor. – Vgl. Vera I. Evison, Anglo-Saxon finds near Rainham, Essex,
with a study of glass drinking horns. Archaeologia 96, 1955, 159–96, hier 194; Richard
Avent, Anglo-Saxon garnet inlaid disc and composite brooches. British Archaeological
Reports 11 (Oxford 1974); Geake, Grave goods (Anm. 9) 152.
13
Evison, Anglo-Saxon finds (Anm. 12) 194; Tyler, Anglo-Saxon cemetery (Anm. 9) 113.
14
Evison, Anglo-Saxon finds (Anm. 12) 194; dies., A corpus of wheel-thrown pottery in Ang-
lo-Saxon graves (Leicester 1979) 16 Abb. 16a, 16b, 26a; Tyler, Anglo-Saxon cemetery
(Anm. 9) 114.
15
Tyler, Anglo-Saxon cemetery (Anm. 9) 118; John Wymer/Nigel R. Brown, Excavations at
North Shoebury. Settlement and economy in south-east Essex 1500 BC–AD 1500. East
Anglian Archaeology 75 (Gressenhall 1995) 163.
16
Charles Read, The exploration of a Saxon grave at Broomfield, Essex. Proceedings of the
Society of Antiquaries London 15, 1893–1895; Reginald A. Smith, Anglo-Saxon remains.
In: H. Arthur Doubelday/William Page (ed.), Victoria County History of the County of
Essex 1 (London 1903) 315–31.
17
Evison, Anglo-Saxon finds (Anm. 12).
18
Sutton Hoo: Rupert L.S. Bruce-Mitford, The Sutton Hoo Ship burial I (London 1975);
ders., The Sutton Hoo Ship burial II (London 1978); ders., The Sutton Hoo Ship burial
III,1–2 (London 1983). – Taplow: J. Stevens, On the remains found in an Anglo-Saxon tu-
mulus at Taplow, Bucks. Journal of the British Archaeological Association 40, 1884,
61–71. – Cuddesdon: Tania M. Dickinson, Cuddesdon and Dorchester-on-Thames. Two
early Saxon „princely“ sites in Wessex. British Archaeologial Reports 1 (Oxford 1974).
Schätze eines angelsächsischen Königs von Essex 327
ber, aber nichts Bemerkenswertes. Im südlichen Schnitt tauchte in einem
von späteren Eingriffen ungestörten Areal jedoch bald ein angelsächsisches
Hängebecken auf (Abb. 2; 3).
19
Wenig später wiesen feine dunkle Spuren
darauf hin, dass man auf eine ungewöhnlich große, rechteckige Grabgrube
gestoßen war, in der sich das Hängebecken noch in situ am Platz seiner ur-
sprünglichen Aufhängung an einem eisernen Haken an der Wand einer ab-
gesenkten Kammer befand. Schnell kamen weitere Gefäße hinzu, die eben-
falls an der Wand der Kammer aufgehängt worden waren, oder auf dem
Boden stehend gegen die Wände gelehnt waren (Abb. 4; 5).
Die Kammer misst vier Meter im Quadrat, ist 1,4 m tief, und besitzt Bo-
den und Wände aus Holz. Am nördlichen Ende der Kammer war der
Leichnam in einem hölzernen Sarg niedergelegt. Vierzehn eiserne Winkel-
stützen verstärkten den Sarg an den Ecken und fixierten den Deckel; am
Boden fanden sich keine derartigen Verstärkungen.
20
Wegen des hohen
Säuregehaltes des Bodens haben sich weder organische Reste noch mensch-
liche Knochen erhalten. Zwei bronzene ‚Schuhschnallen‘ ließen vermuten,
dass die Füße des Toten im Osten lagen. Bestätigt wurde dies durch Reste
menschlichen Zahnschmelzes im Erdmaterial am westlichen Ende des Sar-
ges. Nach der Begräbniszeremonie wurde die Kammer durch ein Dach aus
Holzplanken verschlossen und über dem Grab ein Hügel von 10 m Durch-
messer aufgeschüttet.
21
Anschließend füllte sich die Kammer allmählich
mit sandigem Material, das die Gegenstände am Platz ihrer originalen Auf-
stellung und Anbringung fixierte.
Die Grabbeigaben innerhalb des Sarges sind im Vergleich mit der Pracht
der Funde in der Kammer als maßvoll zu bezeichnen. Neben den erwähnten
‚Schuhschnallen‘ enthielt der Sarg zwei kleine Goldblechkreuze, die im Be-
reich des Kopfes gefunden wurden (Abb. 6),
22
zwei Goldmünzen, beides Tre-
19
Vgl. zu den Becken: Bruce-Mitford, Sutton Hoo III (Anm. 18) 202–315); Jane Brenan,
Hanging bowls and their contexts. British Archaeological Reports, British Series 220
(Oxford 1991); Geake, Grave goods (Anm. 9) 85–87; dies., When were hanging bowls de-
posited in Anglo-Saxon graves? Medieval Archaeology 43, 1999, 1–18.
20
Solche Verstärkungen sind sehr selten in angelsächsischen Bestattungen in England, sind
aber möglicherweise in Broomfield vorhanden gewesen (Smith, Anglo-Saxon remains
[Anm. 16] 324).
21
Der Hügel wurde durch den Pflug vollständig abgetragen, war aber in Resten noch wäh-
rend der Grabung zu erkennen.
22
Der Brauch der Mitgabe von goldenen Folienkreuzen stammt ursprünglich aus dem lan-
gobardischen Italien und entstand wohl unter romanischem Einfluss. Folienkreuze sind
aber vom 6. bis zum 8. Jahrhundert auch im alamannischen Gebiet bekannt, dabei aber
auf die Gräber mit höchstem sozialen Status beschränkt. – Vgl. hierzu neben anderen Ar-
beiten; Rainer Christlein, Die Alamannen, Archäologie eines lebendigen Volkes (Stuttgart
1979); Ellen Riemer, Zu Vorkommen und Herkunft italischer Folienkreuze. Germania 77,
1999, 609–36.
328 Lyn Blackmore
Abb. 2. Das Hängebecken in situ (© MoLAS)
Abb. 3. Die Unterseite des Hängebeckens nach ihrer Konservierung (© MoLAS)
Schätze eines angelsächsischen Königs von Essex 329
misses aus dem merowingischen Frankenreich,
23
goldene Brokatreste aus der
Gegend des Halses und eine goldene Gürtelschnalle, die wohl englischer
Herkunft ist und in sich in sehr gutem Erhaltungszustand befand (Abb. 7).
24
Die Kreuze, die wahrscheinlich über den Augen lagen, sind die ersten beiden
in England gefundenen Exemplare ihres Typs und unterscheiden sich von
den meisten kontinentalen Exemplaren durch ihre Gestalt in Form eines la-
teinischen Kreuzes, die flache, unverzierte Oberfläche und das Fehlen von
Befestigungslöchern. Möglicherweise wurden die Kreuze und die Schnalle in
England eigens für die Bestattung hergestellt. Ein weiterer persönlicher Ge-
genstand ist ein byzantinischer Silberlöffel, der wahrscheinlich im 6. Jahrhun-
dert hergestellt wurde. Wohl im 7. Jahrhundert wurde die Laffe des Löffels
23
Die Münzen wurden von Anna Gannon und Gareth Williams vom British Museum be-
stimmt. Eine Münze wurde in Paris geprägt, die Herkunft der anderen Münze ist bisher
unbekannt.
24
Prittlewell ist erst der dritte Fundort einer goldenen Gürtelschnalle in England. Die beiden
anderen Schnallen von Sutton Hoo und Taplow sind reich verziert, während diejenige aus
Prittlewell durch ihre unverzierte Oberfläche einzigartig ist. Die Tatsache, dass die
Schnalle innen hohl ist und die Bodenplatte über die Seiten hinausreicht, mag ein Indiz
dafür sein, dass es sich um eine Reliquiarschnalle handelt.
Abb. 4. Ansicht der ausgegrabenen Grabkammer, Blick nach Osten
330 Lyn Blackmore
mit einem Kreuz und einer zweizeiligen lateinischen Inschrift versehen
(Abb. 8). Der Löffel wurde außerhalb des Sarges gefunden, gemeinsam mit
einer Anzahl weiterer persönlicher Gegenstände, die wohl in einem bemalten
hölzernen Kasten in der Südwestecke der Kammer deponiert worden waren.
An der Ostwand der Kammer wurden zwei Trinkhörner und fünf hölzerne
Gefäße aufgestellt, die mit bronzenen und goldenen Pressblechen mit Verzie-
rung in Tierstil II beschlagen waren,
25
sowie zwei korrespondierende Krüge
25
Die Holzgefäße sind den Exemplaren aus Broomfield (Smith, Anglo-Saxon remains
[Anm. 16] 322) und Sutton Hoo sehr ähnlich. Nach Aussage der Funde in Sutton Hoo wa-
ren die Tassen wohl aus Wurzelnuss-Holz und die Krüge aus Ahorn. – Vgl. Rupert L. S.
Bruce-Mitford/Katherine East, Drinking horns, maplewood bottles and burrwood cups.
In: Bruce-Mitford, Sutton Hoo III (Anm. 18) 316–395.
Abb. 4. Ansicht der ausgegrabenen Grabkammer, Blick nach Osten
Abb. 5. Rekonstruktion der Grabkammer von Faith Vardy (© MoLAS)
Schätze eines angelsächsischen Königs von Essex 331
Abb. 6. Die beiden Goldblattkreuze in Form lateinischer Kreuze (Länge 30 mm)
mit eingeritzten Linien, die die Schnittlinien der Goldfolie anzeigen (© MoLAS)
Abb. 7. Goldene Schilddornschnalle mit dreieckigem Beschlag und drei halbkugelförmigen
Nieten (© MoLAS)
332 Lyn Blackmore
aus blauem und grünen Glas (Abb. 9; 10).
26
Zwei weitere Holzgefäße fanden
sich zwischen dem Sarg und der nördlichen Kammerwand, nahe einer
Gruppe von 57 beinernen Spielsteinen und zwei großen Würfelspielen aus
Geweih.
27
Gemeinsam mit zwei Eimern und einer großen Wanne, die eine
Sense und ein bronzenes Becken enthielt, zeigen die Funde die Rolle des Ver-
storbenen als Ernährer, als einen Mann mit Geschmack und als Strategen. In-
ternationale Kontakte belegen ein byzantinischer Henkelkrug (Abb. 11) und
ein Becken aus dem östlichen Mittelmeerraum.
28
26
Die Glasgefäße wurden wahrscheinlich in Kent hergestellt. Vergleichbare Krüge aus
blauem Glas kamen unter anderem in Broomfield, Aylesford (Kent) und Cuddesdon (Ox-
fordshire) zu Tage (John Y. Akerman, Remains of Pagan Saxondom [London 1855] Taf. 6;
Read, Exploration [Anm. 16] 252f.; Donald B. Harden, Catalogue of Greek and Roman
glass in the British Museum [London 1956] 141f. mit Abb. 25; Dickinson, Cuddesdon
[Anm. 18] Taf. 1; 2).
27
Die Erhaltung dieser Funde im Grab, in dem sich ansonsten gar keine organischen
Überreste erhalten haben, lässt vermuten, dass sie in einem Beutel deponiert wurden und
durch ein besonderes Mikroklima zwischen dem Sarg und der Kammerwand geschützt
waren.
28
Henkelkrüge dieses Typs wurden zwischen dem 6. und dem 9. Jahrhundert hergestellt und
weit über des östlichen Mittelmeerraum und den Nahen Osten verbreitet; eine Anzahl
verwandter Formen wurde in Korinth (Griechenland) und Sardis (Türkei) entdeckt (vgl.
Arne Effenberger, in: Christoph Stiegemann [Hrsg.], Byzanz. Das Licht aus dem Osten.
Kult und Alltag im Byzantinischen Reich vom 4. bis zum 15. Jahrhundert [Mainz 2001]
352f.). Fünf Exemplare stammen aus wikingischem Kontext in Schweden (Peter Paulsen,
Alamannische Adelsgräber von Niederstotzingen, Kreis Heidenheim. Veröffentlichungen
des Staatlichen Amtes für Denkmalpflege 12 [Stuttgart 1967] 29). Der Fund von Prittlewell
ist bisher jedoch der einzige seiner Art aus einem archäologischen Befund in Nordwesteu-
ropa. Becken sind generell in Südengland etwas häufiger, obwohl das Exemplar aus Pritt-
lewell bisher jedoch das einzige aus Essex ist. Ostmediterrane Gefäße sind auch aus Sutton
Hoo, Taplow und Cuddesdon bekannt (Geake, Grave goods [Anm. 9] 85; 87f.).
Abb. 8. Detail des silbernen Löffels und einer zweizeiligen Inschrift
mit den Buchstaben ‚FAB‘ und ‚RONAM‘ in der zweiten Zeile neben
einem Kreuz; die zweite Zeile ist unlesbar (© MoLAS)
Schätze eines angelsächsischen Königs von Essex 333
Königtum des Verstorbenen, zumindest aber aristokratischer Status,
zeichnen sich in einer Anzahl von Objekten ab. So lag am Kopfende des
Grabes ein eiserner Klappstuhl, der das erste nachrömische Exemplar seiner
Art in England darstellt.
29
In der entgegengesetzten Ecke stand eine bis zu
29
Klappstühle waren in der römischen Zeit beliebt und blieben in romanisierten Regionen bis
über das 4. Jahrhundert hinaus in Benutzung (David Wilson, An Inlaid Folding Stool in the
British Museum, Medieval Archaeology 1, 1957, 39–56). Ihr Auftreten in Gräbern ist zwei-
fellos ein Zeichen für Reichtum und Macht (vgl. Michael Kazanski, La nécropole gallo-ro-
maine et mérovingienne de Breny [Aisne] [Montagnac 2002]).
Abb. 9. Glasgefäße, hölzerne Gefäße und Trinkhörner in situ
(© MoLAS)
334 Lyn Blackmore
Abb. 10. Die Glasgefäße nach der Konservierung
Schätze eines angelsächsischen Königs von Essex 335
Abb. 11. Byzantinischer Henkelkrug mit drei identischen Medaillons
mit Abbildungen eines Reiterheiligen auf einem um den Hals gelegten
Band, das in um den Griff gewickelten Drähten endet (© MoLAS)
336 Lyn Blackmore
einer Höhe von 1,33 m erhaltene, eiserne Standarte.
30
Die Waffen umfassen
ein Schwert mit goldenen Beschlägen auf beiden Seiten des Griffs in einer
mit Wolle gefütterten hölzernen Scheide,
31
einen Schildbuckel mit einer
silbernen Spitze und zwei Speere, die ursprünglich an der Wand aufgehängt
waren. Die anderen Grabfunde in Prittlewell machen es wahrscheinlich,
dass das Schwert eine damaszierte Klinge besaß und dass die Speerspitzen
blattförmig waren.
32
Eine Leier, das mit Abstand besterhaltene Exemplar
aus einem englischen Grab,
33
symbolisierte Muße, Kultur und stellte den
Toten als Förderer der Kunst dar. Sie wurde mit der Oberseite auf dem Bo-
den liegend gefunden und stand daher entweder zwischen den Speeren an
der Wand oder hing, vielleicht an einem Haken, an der Kammerwand. Die
Leier wurde mehrfach repariert und besaß ein hohes Alter, als sie ins Grab
gelegt wurde.
34
Seit April 2005 an der Leier ausgeführte Arbeiten haben an
beiden Seiten des Jochs kleine, vergoldete Rundbeschläge ans Licht ge-
bracht, die mit Flechtbändern um einen zentralen Granat verziert waren,
und Befestigungen für den Gurt, der vermutlich aus Leder war. Was zuerst
für den Steg gehalten wurde, ist wahrscheinlich Teil des Saitenhalters. Zahl-
reiche andere Teile der Leier haben sich in situ erhalten und werden helfen,
die Leier zu rekonstruieren.
Zusammen wurden mehr als 140 Objekte aus Bronze, Gold, Silber und
Eisen dort gefunden, wo sie ungefähr 1400 Jahre zuvor niedergelegt worden
waren. Etliche Stücke, darunter das Schwert, der Schildbuckel, die Speere,
die Eimer, die Wanne, der Kessel, die Standarte, der Klappstuhl, der Kasten
mit dem Löffel sowie eine Ständerlampe,
35
die derjenigen von Broomfield
gleicht,
36
wurden im Block geborgen und im Labor des Museum of London
ausgegraben.
30
Die Standarte hat vier Füße und einen aus dekorativen Gründen in Intervallen gedrehten
Schaft; Teile des oberen Teils fehlen wohl, doch sind zwei kurze Ansätze erhalten die ver-
tikal vom Schaft abgehen. Das Oberteil war mutmaßlich einfacher gestaltet als der korb-
förmige Aufsatz der Standarte von Sutton Hoo, die mit 1,72 m Höhe auch deutlich größer
ist (Bruce-Mitford, Sutton Hoo III [Anm. 18] 403–431).
31
Das Schwert aus Broomfield befand sich ebenfalls in einer hölzernen Scheide (Smith,
Anglo-Saxon remains [Anm. 16] 320).
32
Tyler, Anglo-Saxon cemetery (Anm. 9) 108–110.
33
Die Leier besitzt exakt die gleiche Größe wie die vermutete des weniger vollständigen
Exemplars aus Sutton Hoo (Myrthe Bruce-Mitford/Rupert L. S. Bruce-Mitford, The mu-
sical instrument. In: Bruce-Mitford, Sutton Hoo III [Anm. 18] 611–731).
34
Sowohl das Schwert als auch die Leier wurden in einem Computertomographen des Paul
Strickland Scanner Centre untersucht, um 3D-Bilder der Objekte zu erlangen.
35
Im Inneren hat sich in der Lampe ein dickes gelbliches Material erhalten, bei dem es in Ana-
logie zu einem ähnlichen Fund in Sutton Hoo um Bienenwachs handeln kann (Mike Pitts,
New light on Prittlewell ‚prince‘ grave. British Archaeology 83, July–August 2005, 9).
36
Read, Exploration (Anm. 16) 254; Smith, Anglo-Saxon remains (Anm. 16) 323.
Schätze eines angelsächsischen Königs von Essex 337
Diskussion
Die Ausgrabung, die während der Arbeiten aus Angst vor Schatzsuchern
geheim gehalten wurde, konnte am 24. Dezember 2003 abgeschlossen wer-
den. Seit die Entdeckung schließlich im Februar 2004 in der Presse veröf-
fentlicht wurde, ist sie in zahlreichen Vorträgen und Artikeln bekannt ge-
macht worden.
37
Der Fund gehört offensichtlich zu einer Gruppe von
Prunkgräbern des 7. Jahrhunderts in England und auf dem Kontinent, die
als Anzeiger einer sozialen Strafizierung der Gesellschaft und der Entwick-
lung von Königreichen gewertet werden.
38
Gemeinsam stellen Hügel und
Grabkammer einen enormen Kraftaufwand dar, wobei die vermutete
Größe des Grabhügels (10 m Durchmesser) Prittlewell jedoch eher an das
untere Ende der Reihe vergleichbarer Monumente stellt. Im Gegensatz
dazu ist die Kammer jedoch auch im europäischen Maßstab außergewöhn-
lich groß.
39
In ihrer Größe von ungefähr vier Metern im Quadrat wird sie
alleine von der Kammer im Schiffsgrab von Sutton Hoo (Hügel 1), die ca.
5,6 × 4,5 m misst, übertroffen. Reichtum und hoher Status können auch
anhand der Anzahl der im Grab vorhandenen Gefäße bemessen werden.
Mit einer Anzahl von insgesamt 22 Gefäßen (inklusive der Eimer und Kes-
sel) erscheint Prittlewell als das zweitreichste Grab in England nach Sutton
Hoo (Hügel 1) mit 43, aber vor Taplow mit 18 bis 29 Gefäßen; für Broom-
field ist die Gesamtzahl wegen der Beraubung des Grabes unbekannt, vor-
handen waren aber zumindest elf Gefäße. Daher ist heute allgemein aner-
kannt, dass es sich bei dem Grab von Prittlewell um den bedeutendsten
37
Prittlewell. Treasures of a Saxon king of Essex. Current Archaeology 190, 2004, 430–436;
The Prittlewell discovery. Saxon, The Newsletter of the Sutton Hoo Society 40, 2004, 1–3;
Ian Blair, The Prittlewell discovery. A resumé of the Spring Lecture. Saxon. The Newsletter
of the Sutton Hoo Society 43, 2005, 1–2; ders., The Anglo-Saxon prince. Archae-
ology 58/5, September/October 2005, 24–29; Ian Blair/Liz Barham/Lyn Blackmore, My
lord Essex. British Archaeology no. 76, May 2004, 10–17; Jennifer S. Holland, Crossing
over, a Saxon tomb set for a Christian king. National Geographic 207/3, 2005 (unnum-
merierte Seiten); Pitts, New light (Anm. 35).
38
Horst Wolfgang Böhme, Adelsgräber im Frankenreich. Archäologische Zeugnisse zur He-
rausbildung einer Herrenschicht unter den merowingischen Königen. Jahrbuch des Rö-
misch-Germanischen Zentralmuseums Mainz 40, 1993, 397–534; Ursula Koch, Stätten
des Totenruhe – Grabformen und Bestattungssitten der Franken. In: Die Franken. Wegbe-
reiter Europas (Mainz 1996) 723–737; Martin O. H. Carver, Sutton Hoo. A seventh-cen-
tury princely burial ground and its context. Reports of the Research Committee of the So-
ciety of Antiquaries of London 69 (London 2005) 284, 292–306, 497–502.
39
Sie ist tiefer und geräumiger als hochrangige Gräber von Köln und Morken in Deutsch-
land (Otto Doppelfeld/Renate Pirling, Fränkische Fürsten im Rheinland [Düsseldorf
1966]) oder Basel-Bernerring in der Schweiz (Régine Lejan, Austrasien. Versuch einer Be-
griffsdefinition. In: Die Franken. Wegbereiter Europas [Mainz 1996] 222–226).
338 Lyn Blackmore
Grabfund angelsächsischer Zeitstellung in England seit der Entdeckung des
berühmten Schiffsgrabes von Sutton Hoo im Jahr 1939 (in Hügel 1) han-
delt. Herausgehoben wird der Fund außerdem dadurch, dass er eines der
wenigen entsprechenden Gräber darstellt, die mit modernen Methoden er-
graben wurden, dass er besser erhalten ist als das Grab in Hügel 1 von Sut-
ton Hoo, und dass er Gegenstände ans Licht brachte, die in England zuvor
noch niemals in archäologischem Kontext, seien es Grabfunde oder an-
dere, bekannt geworden sind. Dennoch hat das Grab viele Fragen zu seiner
Datierung, zur Identität des Bestatteten und zum Fundplatz hervorgerufen.
Die erste dieser Fragen lautet: warum an diesem Platz? Prittlewell liegt in
der Nähe der Themse. Das Grab hätte daher in Richtung von Kent blicken
können und so die in den Beigaben sichtbaren Beziehungen nach Kent
auch räumlich ausdrücken können. Statt dessen orientiert sich das Grab
aber nordwärts entlang des Prittle-Tales in Richtung der Mündung des
Roach, und somit in das Herz von Essex. Bei den anderen hier angespro-
chenen englischen Prunkgräbern handelt es sich bei Sutton Hoo um einen
separierten, elitären Hügelgräberfriedhof, bei Taplow und Broomfield um
isolierte Einzelgräber. Das Prunkgrab von Prittlewell scheint dagegen auf
oder bei einem gleichzeitigen angelsächsischen Friedhof angelegt worden
zu sein; ob es sich dabei um eine hervorgehobenes Areal des Friedhofes
handelt, muss noch untersucht werden.
Die Präsenz zweier Prunkgräber in Essex, dem einen in Prittlewell, dem
anderen in Broomfield, impliziert das Vorhandensein von Königsbesitz. Ein
möglicher weiterer Fundplatz eines Prunkgrabes, das, zumindest kulturell,
eher nach Essex als nach Kent orientiert war, liegt näher an London in Rain-
ham.
40
Abgesehen von London gibt es keine anderen Orte des 7. Jahrhun-
derts im ostsächsischen Königreich, deren Name bekannt wäre, aber den
historischen Nachweis zweier Königshöfe:
41
einer davon in Writtle (nahe
der römischen Stadt Camulodunum/Colchester), in der Nähe von Broom-
field, der andere in North Benfleet, etwa 11 km westlich von Prittlewell. Ob
der hier bestattete „Fürst“ in Benfleet lebte, ist jedoch unsicher, da auch Be-
lege für eine nahegelegene sächsische Siedlung im Prittle-Tal existieren.
42
40
Evison, Anglo-Saxon finds (Anm. 12) 192f.
41
Stephen Rippon, Essex c. 700–1066. In: Owen Bedwin (ed.) The archaeology of Essex.
Proceedings of the Writtle conference (Chelmsford 1996) 117–128, hier 117–120.
42
Tyler, Anglo-Saxon cemetery (Anm. 9) 91; Wymer/Brown, Excavations (Anm. 15) 163 mit
Abb. 100. – Die bekannten Befunde umfassen ein Grubenhaus und frühsächsische Kera-
mik, Glas, Knochen und Teile eines Schmelztiegels in Temple Farm, 1 km nordöstlich des
Fundplatzes von Prittlewell. Tönerne Webgewichte wurden an zwei anderen Plätzen in der
Region gefunden. Bedeutsamer sind die Überreste eines Bogens aus dem 7. Jahrhundert in
der Kirche, die sich 750 m südlich der Fundstelle befindet. Es wurde auch vermutet, dass
Schätze eines angelsächsischen Königs von Essex 339
Die zweite sich stellende Frage ist: wann wurde die Bestattung vorge-
nommen? Die zeitliche Stellung der Gräber in Prittlewell und Broomfield
zum größeren Grab von Sutton Hoo, bei dem es sich vielleicht um die Be-
stattung des um 630 verstorbenen Königs Rædwald handelt,
43
ist zur Zeit
noch eine offene Frage. Obwohl dort und an anderen Plätzen vergleichbare
Objekte gefunden wurden, zeigt jede Bestattung ihren eigenen, einzigarti-
gen Charakter, der die Erstellung sicherer chronologischer Sequenzen er-
schwert. Bei den in Prittlewell gefundenen Artefakten handelt es sich größ-
tenteils um gut datierbare Funde, die es nahelegen, die Bestattung zwischen
600 und 650 n. Chr. anzusetzen. Mit Hilfe der Ergebnisse der Analysen
nach der Ausgrabung wird sich diese Datierungsspanne hoffentlich noch
genauer eingrenzen lassen.
Drittens: Wer war der Verstorbene? Die Anlage des Grabes – ein Kam-
mergrab mit reichen Beigaben unter einem Grabhügel – deutet auf die
Bestattung eines sehr hochstehenden Heiden. Einige der Grabbeigaben,
wie etwa das koptische Becken, der Henkelkrug und der silberne Löffel,
standen vielleicht im Zusammenhang mit christlichen Riten und weisen
auf einen Kontakt, wenn nicht sogar auf eine Konversion mit oder zu dem
christlichen Glauben. Diese Annahme wird gestützt durch die Ost-West-
Orientierung des Sarges und die beiden Goldblattkreuze auf dem Gesicht,
die darauf schließen lassen, dass der Mann zum Zeitpunkt seines Todes tat-
sächlich ein Christ war. Dabei ist natürlich nicht auszuschließen, dass hier
lediglich eine romanische bzw. fränkische Mode nachgeahmt wurde und
die christliche Symbolik bei ihrer Übernahme durch die Aristokratie in Es-
sex nicht vollständig in ihrem ursprünglichen Glaubenskontext verstanden
wurde. Bemerkenswert ist außerdem der Gegensatz zwischen der relativen
Sparsamkeit der Gegenstände, die an oder bei dem Toten in den Sarg gege-
ben wurden, und dem Reichtum der umgebenden Kammer. Er legt zwei
unterschiedliche Rituale nahe, erstens ein einfaches und privates Bestat-
tungsritual in dem Sarg, und zweitens einen prächtigen Begräbnisakt, der
von und für diejenigen arrangiert wurde, die um einen bedeutenden Mann
trauerten.
Fassen wir alle Anhaltspunkte zusammen und versuchen, einen christ-
lichen König vom Essex in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts zu finden,
der starke Verbindungen nach Kent hatte, dann ist Sabert, der Neffe von
Æthelbert I., der im Jahr 604 zum Christentum konvertierte,
44
der einzige
dort eine Kirche für die Umgebung von Prittlewell existierte (Wymer/Brown, Excavations
(Anm. 15) 165).
43
Bruce-Mitford, Sutton Hoo I–III (Anm. 18).
44
Yorke, Kings and kingdoms (Anm. 4) 47.
340 Lyn Blackmore
naheliegende Kandidat. Möglich wäre auch sein Bruder Seaxa, über den je-
doch nichts bekannt ist. Die Umstände von Saberts Tod und seines Begräb-
nisses um das Jahr 616 sind unbekannt. Beda berichtet lediglich, dass nach
Saberts Tod seine drei Söhne wieder zu paganen Kulten zurückkehrten und
Bischof Mellitus sowie Missionare Gregors aus London verbannten.
45
Erst
im Jahr 653 wurde Saberts Enkel Sigebert ‚Sanctus‘ von Missionaren aus
Northumbria unter dem Hl. Cedd überzeugt, zum Christentum überzutre-
ten. Dies erscheint jedoch zu spät für den ‚Fürsten von Prittlewell‘, weshalb
der wahrscheinlichste Kandidat der ostsächsische König Sabert ist. Die
Identität des Toten wird dennoch wahrscheinlich immer ein Rätsel bleiben.
Weitere Informationen zum Fund von Prittlewell und Bilder ausgewählter
Funde sind im Internet zu finden: www.molas.org.uk. Das Straßenbaupro-
jekt wurde bewilligt, weitere Grabungen und die Nacharbeit an den Funden
hängen jedoch von der Genehmigung der notwendigen Mittel ab.
Dank
MoLAS ist Herrn W. S. Atkins zu Dank verpflichtet, der die Untersuchung
im Namen der Gemeinde Southend-on-Sea in Auftrag gab, sowie English
Heritage für die großzügige Unterstützung der bisher ausgeführten Konser-
vierungsmaßnahmen. Dank gilt auch allen Institutionen und Personen, die
dem Projekt mit Rat und Informationen zum Fundplatz und zu Funden
zur Seite standen, und Ian Blair für seine Durchsicht dieses Textes.
45
Colgrave/Mynors, Bede’s (Anm. 2) 152f.; Yorke, Kings and kingdoms (Anm. 4) 48.
Schätze eines angelsächsischen Königs von Essex 341
5. Handwerk und Austausch
342 Lyn Blackmore
Fremd – nützlich – machbar 343
Fremd – nützlich – machbar
Römische Einflüsse im germanischen
Feinschmiedehandwerk
Hans-Ulrich Voß
„Römer und Germanen – Nachbarn über Jahrhunderte“ lautet der Titel eines
Sammelbandes mit Studien zu verschiedenen Aspekten römisch-germani-
scher Beziehungen, darunter auch der römischen Einflüsse auf germani-
sches Buntmetallhandwerk als Teil des sogenannten „Technologietransfers“
in verschiedenen Bereichen handwerklicher Produktion.
1
Derartige Frage-
stellungen gerieten seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts
verstärkt in den Blick der Forschung, ausgehend von den Edel- und Bunt-
metallfunden in mitteldeutschen Körpergräbern des 3. und frühen 4. Jahr-
hunderts waren sie Gegenstand eines von der Stiftung Volkswagenwerk in
den Jahren 1994–1997 geförderten Projektes der Römisch-Germanischen
Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts.
2
Die Problematik war der Forschung angesichts vielfältiger typologischer
Ähnlichkeiten im archäologischen Fundstoff allerdings schon im 19. Jahr-
hundert bewusst und ist zugespitzt mit der Frage „römisch oder germa-
nisch?“ umschrieben. Wie diffizil die Beantwortung sein kann, führt der
Fund von über 200 Augenfibeln der sogenannten preußischen Nebenserie
Almgren Gruppe III, Figur 57/58–60 aus Augusta Vindelicorum/Augsburg
1
Clive Bridger/Claus v. Carnap-Bornheim (Hrsg.), Römer und Germanen. Nachbarn über
Jahrhunderte. British Archaeological Reports, International Series 678 (Oxford 1997). –
Siehe Reinhard Stupperich, Export oder Technologietransfer? Beobachtungen zu römi-
schen Metallarbeiten in Germanien. Ebd., 19–24; Peter Hammer/Hans-Ulrich Voß, Me-
tallkundliche Untersuchungen an römischen und germanischen Funden des Elbegebietes.
Ebd., 25–28; Wolf-Rüdiger Teegen, Zur Metallversorgung germanischer Buntmetall-
schmiede am Beispiel des Pyrmonter Brunnenfundes und des Moorfundes von Strückhau-
sen. Ebd., 29–35.
2
Hans-Ulrich Voß/Peter Hammer/Joachim Lutz, Römische und germanische Bunt- und
Edelmetallfunde im Vergleich. Archäometallurgische Untersuchungen ausgehend von
elbgermanischen Körpergräbern. Bericht der Römisch-Germanischen Kommission 79,
1998 (1999) 107–382.
Zwischen Spätantike und Frühmittelalter – RGA-E Band 57 – Seiten 343–365
© 2008 Walter de Gruyter · Berlin · New York
344 Hans-Ulrich Voß
beispielhaft vor Augen. In verschiedenen Teilen des Stadtgebietes fanden
sich neben vollständig erhaltenen Fibeln auch zahlreiche Halbfabrikate, je-
doch bislang keinerlei anderen Hinweise auf die Anwesenheit germanischer
Produzenten.
3
Das Verbreitungsbild derartiger Fibeln aus der zweiten
Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. zeigt den Schwerpunkt im nordostmittel-
europäischen Barbaricum östlich der Oder und Warthe, also weitab von der
rätischen Provinzhauptstadt (Abb. 1). Sollten provinzialrömische Hand-
werker eine spezifische Fibelform des Barbaricums für den Export an die
„Bernsteinküste“ angefertigt haben? Darf man als Schlussfolgerung mit ei-
ner Form des Handels, besser Produktenaustausches rechnen, wie aus der
frühen europäischen Kolonialzeit in Afrika und anderswo überliefert, ein-
schließlich der in diesem Zusammenhang immer wieder genannten Glas-
perlen?
Weitere Beispiele für die Produktion germanischer Fibelformen in den
Grenzprovinzen des Imperiums lassen sich anführen, jedoch in der Regel,
etwa im Falle der Kastelle Saalburg und Zugmantel, verbunden mit der An-
wesenheit von germanischen Söldnern im römischen Heer.
4
Im Gegensatz
dazu gaben technologische Details wie die Verwendung von Zentrumsboh-
rern und Punzstempelbändern an sogenannten böhmischen Augenfibeln
Almgren III, 45/46 Anlass, die „Beteiligung provinzial-römischer Hand-
werker an der Herstellung dieses Fibeltyps“ im Barbaricum, konkret im
Marbodreich, anzunehmen.
5
3
Lothar Bakker, Zeugnisse des Handels. Neues aus der rätischen Hauptstadt AELIA
AVGVSTA (Augsburg). In: Wilfried Menghin/Dieter Planck (Hrsg.), Menschen, Zeiten,
Räume. Archäologie in Deutschland (Berlin 2002) 262–264 Abb. 3. – Für weiterführende
Auskünfte danke ich Herrn Lothar Bakker, Augsburg. – Fibeltypologie nach Oscar Alm-
gren, Studien über nordeuropäische Fibelformen der ersten nachchristlichen Jahrhun-
derte mit Berücksichtigung der provinzialrömischen und südrussischen Formen. Mannus-
Bibliothek 32 (
2
Leipzig 1923).
4
Astrid Böhme, s. v. Fibel und Fibeltracht, I. Römische Kaiserzeit im Provinzialrömischen
Gebiet und Beziehungen zur Germania Magna. In: Reallexikon der Germanischen Alter-
tumskunde (Berlin, New York 1994) 511–523; dies., Die Fibeln Almgren 101. In: Jürgen
Kunow (Hrsg.), 100 Jahre Fibelformen nach Oscar Almgren. Forschungen zur Archäologie
im Land Brandenburg 5 (Wünsdorf 1998 [2002]) 175–185; dies., Die provinzialrömischen
Fibeln bei Almgren. Ebd., 351–366, besonders 361.
5
Erhard Cosack, Die Fibeln der Älteren Römischen Kaiserzeit in der Germania libera. Göt-
tinger Schriften zur Vor- und Frühgeschichte 19 (Neumünster 1979) 61; Jürgen Kunow,
Die Hauptserie der Augenfibeln: Gruppe III, Fig. 45–54. In: ders., 100 Jahre Fibelformen
(Anm. 4) 93–118; besonders 101; 107. – Zum augusteischen Typ Haltern der Augenfibeln
als Fibel für Angehörige germanischer Hilfstruppen siehe Thomas Völling, Bemerkungen
zu einem frühgermanischen Grab aus Eggolsheim, Lkr. Forchheim. In: Birgitt Berthold/
Elmar Kahler et al. (Hrsg.), Zeitenblicke. Ehrengabe für Walter Janssen (Rahden/Westf.
1998) 125–132.
Fremd – nützlich – machbar 345
Abb. 1. Verbreitung der Augenfibeln der preußischen Nebenserie Almgren Gruppe III, Figur
57–61 nach Pfeiffer-Frohnert und die Augenfibeln aus Augusta Vindelicorum/Augsburg
346 Hans-Ulrich Voß
Die Augenfibeln sowie zeitlich spätere Beispiele etwa aus dem Bereich
militärischer Ausrüstung verdeutlichen,
6
dass schon die vermeintlich einfa-
che Frage „römisch oder germanisch“ nicht immer eindeutig, sondern häu-
fig mit „sowohl als auch“ beantwortet werden muss. Römischer Einfluss im
germanischen Feinschmiedehandwerk ist daher nicht mittels formenkund-
licher Übereinstimmungen im Sachgut, sondern nur anhand der verwende-
ten Materialien in Verbindung mit der Herstellungs- und Verzierungstech-
nik zu erschließen.
Wenn hier dennoch von „römischen“ und „germanischen“ Erzeugnis-
sen die Rede ist, wird dem im Fach gängigen, nicht ganz unbegründeten
Sprachgebrauch gefolgt. Der damit einhergehenden, gelegentlich proble-
matischen Verallgemeinerung sind wir uns wohl bewusst.
Zur Verwendung von Bunt- und Edelmetallen
Bis in die zweite Hälfte des 1. Jahrtausends n. Chr. hinein waren germani-
sche Stämme zwischen Rhein und Weichsel auf den Import von Kupfer
und Kupferlegierungen, Blei und Zinn sowie Gold und Silber angewiesen,
nennenswerte Nachweise für die Ausbeutung einheimischer Lagerstätten
etwa im Harz, dem Mansfeld oder Erzgebirge zur Gewinnung solcher Me-
talle gibt es im Unterschied zur reichlich bezeugten Eisenerzverhüttung
bislang nicht. Die nachhaltige Erschließung der reichen Silbererzvorkom-
men des Rammelsbergs im Westharz z. B. begann den vorgelegten Funden
und Befunden zufolge erst in karolingischer Zeit.
7
Der Zugang zu fremden Quellen für Metalle und andere Rohstoffe wie
Glas oder Schmucksteine war somit eine entscheidende Voraussetzung für
6
Claus v. Carnap-Bornheim, Römische Militaria aus dem Thorsberger Moor. Fundzusam-
mensetzung, Kontext, Interpretation. In: Michael Erdrich/Claus v. Carnap-Bornheim,
Corpus der Römischen Funde im europäischen Barbaricum, Deutschland 5. Freie und
Hansestadt Hamburg und Land Schleswig-Holstein (Bonn 2004) 15–24.
7
Vgl. Lothar Klappauf/Friedrich Albert Linke, Montanarchäologie im westlichen Harz.
Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 66, 1997, 21–53. – Hingegen zur Bleigewin-
nung im Gefolge der römischen Okkupation bei Brilon, Lkr. Hochsauerlandkreis, in
Westfalen und die damit vermutlich zu verbindende Verarbeitung von Blei und Buntme-
tallen auf einer germanischen Siedlung des 1. Jahrhunderts n. Chr. bei Soest, Lkr. Soest,
siehe Norbert Hanel/Peter Rothenhöfer, Germanisches Blei für Rom. Zur Rolle des römi-
schen Bergbaus im rechtsrheinischen Germanien im frühen Prinzipat. Germania 83, 2005,
53–65; Walter Melzer/Ingo Pfeffer, Römerzeitliche Bleiverarbeitung in Soest. In: Günter
Horn/Hansgerd Hellenkemper/Gabriele Isenberg/Jürgen Kunow (Hrsg.), Von Anfang an.
Archäologie in Nordrhein-Westfalen. Schriften zur Bodendenkmalpflege in Nordrhein-
Westfalen 8 (Mainz 2005) 373–375.
Fremd – nützlich – machbar 347
die Entfaltung des germanischen Feinschmiedehandwerks. Seit spätrepu-
blikanischer Zeit dienten provinzialrömische Bronzegefäße im mitteleuro-
päischen Barbaricum als Leichenbrandbehälter oder Grabbeigabe. Eine
Vielzahl germanischer Siedlungen mit nach derzeitigem Kenntnisstand
Fundspektren des späten 2. und 3. Jahrhunderts in Mitteldeutschland –
Thüringen und Sachsen-Anhalt – belegt inzwischen die Verwertung römi-
schen Metallgeschirrs, darunter Silbergefäßfragmente, ferner Münzen und
anderer Gegenstände für die Herstellung einheimischer Erzeugnisse.
8
Hort-
funde wie die „Alamannenbeute“ aus dem Rhein bei Neupotz mit 10 kg Sil-
ber, 197 kg Buntmetall, 1,5 kg Zinn und mehr als 220 kg Eisen sowie we-
sentlich kleinere Funde wie der aus der Elbe bei Grieben geborgene
Hortfund mit Metallgefäßen ebenfalls des 3. Jahrhunderts veranschau-
lichen die Bedeutung dieser „Rohstoffquelle“ nachdrücklich.
9
Dasselbe gilt
für die Buntmetall-Sammelfunde von spätantiken Höhensiedlungen Süd-
westdeutschlands.
10
Vergleichende Materialanalysen römischer und germa-
nischer Gegenstände des 3. Jahrhunderts im Rahmen des zu Anfang ge-
nannten Projektes bestätigten die Übereinstimmungen bei der Verwendung
der Legierungstypen nach deren Verarbeitungseigenschaften, mit denen
auch germanische Handwerker bestens vertraut waren (Tab. 1). Gießen und
Schmieden, Verformbarkeit und Elastizität, niedriger Schmelzpunkt und
8
Übersicht in Voß/Hammer/Lutz (Anm. 2) 350ff. (Fundliste 2); Hans-Ulrich Voß, All-
täglicher Luxus? Bemerkungen zum Fundspektrum römischer Sachgüter zwischen Ostsee
und Thüringer Wald. In: Michael Meyer (Hrsg.), „ … trans Albim fluvium“. Forschungen
zur vorrömischen, kaiserzeitlichen und mittelalterlichen Archäologie [Festschrift Achim
Leube]. Studia honoria 10 (Rahden/Westf. 2001), 441–452; Matthias Becker, Klasse und
Masse. Überlegungen zu römischem Sachgut im germanischen Milieu. Germania 81,
2003, 277–288; siehe ferner Corpus der Römischen Funde im europäischen Barbaricum,
Deutschland 6. Land Sachsen-Anhalt (Bonn 2006).
9
Ernst Künzl, Die Alamannenbeute aus dem Rhein bei Neupotz. Römisch-Germanisches
Zentralmuseum, Monographien 34,1–3 (Mainz 1993); Karl-Heinz Otto, Ein provinzialrö-
misches Bronzegeschirrdepot aus dem Elbetal bei Grieben, Kr. Stendal. In: Klaus Schwarz
(Hrsg.), Strena Praehistorica [Festschrift Martin Jahn] (Halle 1948) 217–238.
10
Heiko Steuer, Handwerk auf spätantiken Höhensiedlungen des 4./5. Jahrhunderts in
Südwestdeutschland. In: Poul Otto Nielsen/Klaus Randsborg/Henrik Thrane (ed.), The
Archaeology of Gudme and Lundeborg. Arkæologiske Studier 10 (København 1994)
128–144; Michael Hoeper/Heiko Steuer, Eine völkerwanderungszeitliche Höhenstation
am Oberrhein. Der Geißkopf bei Berghaupten, Ortenaukreis. Germania 77, 1999,
185–246; besonders 216ff. Abb. 21–23. – Zur Wiederverwendung von Metall jetzt Martin
Baumeister, Metallrecycling in der Frühgeschichte. Untersuchungen zur technischen,
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rolle sekundärer Metallverwertung im 1. Jahrtau-
send n. Chr. Würzburger Arbeiten zur Prähistorischen Archäologie 3 (Rahden/Westf.
2004).
348 Hans-Ulrich Voß
Formfüllungsvermögen gaben die technischen Parameter für die Material-
auswahl und den Materialeinsatz vor.
11
Wegen seiner optimalen Eigenschaften und Farbe wurde Messing, das
antike aurichalcum, besonders gern verwendet; Bronze mit um 10% Zinn-
gehalt war daneben eine weitere „Standardlegierung“ diesseits und jenseits
des Limes. Dabei deutet sich an, dass nicht überall und zu allen Zeit-
abschnitten germanischen Handwerkern entsprechendes Metall zur Verfü-
gung stand. So lässt das Gewicht von Fibeln zumindest für das Elbegebiet
Phasen mit offenkundig sparsamem Einsatz von Buntmetall erkennen
(Abb. 2). Auch beim Silber kann, wie in der Merowingerzeit, schon an Ge-
genständen des 3. bis frühen 5. Jahrhunderts die Verwendung von Silber-
legierungen mit Feingehalten unter 90% beobachtet werden.
12
Neben dem geschilderten „Basiswissen“ erforderten Techniken der
Oberflächenveredlung wie etwa die verschiedenen Arten der Vergoldung,
das Plattieren oder Tauschieren mit Silber oder anderen Metallen und das
Verzinnen, aber auch Verfahren zum Verbinden von Metallen durch Löten
und Schweißen spezielle Kenntnisse über Materialeigenschaften und da-
raus resultierende, präzise einzuhaltende Verarbeitungstemperaturen.
Während eine riesige Menge an Funden verschiedenster Art – Bestand-
teile von Tracht und Schmuck, Bewaffnung und Ausrüstung, aber auch Ge-
rätschaften – die erfolgreiche, gelegentlich auch misslungene Anwendung
dieser Kenntnisse vor Augen führt, sind Zeugnisse für die Tätigkeit des
11
Peter Hammer in Voß/Hammer/Lutz (Anm. 2) 179ff.; 277ff. Tab. 30.
12
Voß/Hammer/Lutz (Anm. 2) 286ff.; Holger Schnarr/Manfred Füting/Matthias Becker,
Mikroskopische und mikroanalytische Untersuchungen an Fundstücken aus dem Fürsten-
grab Gommern. Jahresschrift Mitteldeutsche Vorgeschichte 76, 1994, 249–262; Josef Rie-
derer, Metallanalysen der Silberobjekte. In: Hans Geisler, Das frühbaierische Gräberfeld
Straubing-Bajuwarenstraße I. Textband. Internationale Archäologie 30 (Rahden/Westf.
1998) 348–355. – Inzwischen werden Metallanalysen der Beigaben frühgeschichtlicher
Grabfunde zahlreich publiziert, jedoch meist ohne Informationen zur Herstellungstech-
nik. Vgl. z. B. Jaroslav Frána in: Eduard Droberjar, Dobrˇichov-Picˇhora. Ein Brandgräber-
feld der älteren römischen Kaiserzeit in Böhmen (Ein Beitrag zur Kenntnis des Marbod-
Reichs). Fontes Archaeologici Pragenses 22 (Prag 1999), 185ff.; Eduard Droberjar/Jaroslav
Frána, Antická mosaz (aurichalcum) v C
ˇ
esky´ch nálezech cˇasné doby rˇímské. (Das römer-
zeitliche Messing [Aurichalcum] in böhmischen Funden der frühen römischen Kaiser-
zeit). Archeologie ve Strˇedních C
ˇ
echách 8, 2004, 441–462; Jacek Andrzejowski, Nadkole 2.
A cemetery of the Przeworsk Culture in eastern Poland. Monumenta Archaeologica
Barbarica 5 (Kraków 1998) 125ff. und weitere Bände der Publikationsreihe Monumenta
Archaeologica Barbarica. – Metallzusammensetzung und Herstellungstechnik von rund
3500 Fibeln behandelt die Untersuchung von Justine Bayley/Sarnia Butcher, Roman
Brooches in Britain. A Technological and Typological Study based on the Richborough
Collection. Reports of the Research Committee of the Society of Antiquaries of Lon-
don 68 (London 2004).
Fremd – nützlich – machbar 349
Handwerkers um vieles seltener. Werkzeuge, Gusstiegel und -formen, Halb-
fabrikate, Werkabfälle und Rohmaterial aus Siedlungen, Gräbern, Horten
sowie südskandinavischen Heeresbeuteopfern vermitteln einen Eindruck
vom – im Wortsinne – „Handwerkszeug“ und der Arbeitsweise germani-
scher Feinschmiede.
13
Die Kulturen der Antike und des Mittelalters bieten
demgegenüber zusätzlich schriftliche Informationen, z. B. Plinius, Naturalis
13
Voß in Voß/Hammer/Lutz (Anm. 2) 129ff.; 350ff. Abb. 3–5.
Abb. 2. Vergleich des Gewichtes vollständig erhaltener germanischer Fibeln (Gewichtsverlust
durch Beschädigung oder Abnutzung geschätzt max. 1 g) mit dem römischen Gewichtssystem
(uncia 27,287 g; semiuncia 13,644 g; vierteluncia 6,822 g)
350 Hans-Ulrich Voß
historia, Theophilus Presbyter, Schedula diversarum artium, und bildliche
Darstellungen zum Fein- bzw. Goldschmiedehandwerk.
14
Ein wesentlicher Grund für die eingeschränkte archäologische Überlie-
ferung germanischen Feinschmiedehandwerks ist darin zu sehen, dass die
erforderlichen zumeist eisernen Gerätschaften nicht übermäßig massiv wa-
ren, nur bei guten Erhaltungsbedingungen eindeutig erkennbar sind und
sich angesichts des Werkstoffes nahezu beliebig „recyceln“ ließen. Bean-
spruchte das Werkzeug schon vergleichsweise wenig Platz, so fehlen in der
Regel Hinweise auf die Werkplätze etwa anhand archäologisch nachweisba-
rer Schmelzöfen.
15
Die Herstellungstechnik
Gießen und Schmieden sind die Ur- und Umformtechniken, deren Beherr-
schung Grundlage jeglichen Feinschmiedehandwerks ist. In den römischen
Provinzen war die Gusstechnik als effektives Verfahren insbesondere zur
Serienfertigung von Massengütern in verschiedenen Variationen perfektio-
niert worden. Dazu gehörte die Verwendung von Mehrfach- und Dauer-
formen ebenso wie die Herstellung von Objekten mit komplizierten
Durchbruchmustern im sogenannten „Feinguss“, während germanische
Handwerker erst gegen Ende des 3. Jahrhunderts, vor allem jedoch ab dem
4. Jahrhundert, den Guss zur vollständigen Formgebung anwendeten. Bei
komplexen Gegenständen wie zum Beispiel Fibeln brauchte dann der Na-
delhalter nicht mehr umgebogen bzw. ausgeschmiedet werden, oder Verzie-
rungen werden vollständig mitgegossen, wie dies für den Kerbschnitt ty-
pisch ist (Abb. 3).
Ebenfalls erst gegen Ende des 4. Jahrhunderts begegnen Weichlötungen
für beanspruchte Verbindungen wie Nadelhalter von Fibeln.
14
Zusammenstellung bei Kilian Anheuser, Im Feuer vergoldet. Geschichte und Technik der
Feuervergoldung und der Amalgamversilberung. Schriftenreihe zur Restaurierung und
Grabungstechnik 4 (Stuttgart 1999), 17ff.; ferner Projektgruppe Plinius (Hrsg.), Gold und
Vergoldung bei Plinius dem Älteren. Attempto Werkhefte Naturwissenschaften 13 (Tübin-
gen 1993).
15
Hans-Ulrich Voß, s. v. Werkstatt und Werkzeug; Bunt- und Edelmetallverarbeitung. Real-
lexikon der Germanischen Altertumskunde
33
(Berlin, New York 2006) 463–465.
Fremd – nützlich – machbar 351
Verzierung und Oberflächenveredelung
Wesentlich klarer manifestieren Techniken der Verzierung und Oberflä-
chenveredlung römischen Einfluss und die Möglichkeiten germanischer
Handwerker, entsprechende Anregungen aufzunehmen und umzusetzen.
Die Kenntnis römischer Metallgegenstände und ihrer Verarbeitung wurde
maßgeblich durch das Militär vermittelt. Neben den Waffen waren es die
Ausrüstungsgegenstände der Soldaten, mit denen Germanen auf die eine
oder andere Weise konfrontiert wurden. Ein mit Silbertauschierung, Niello
und Emaileinlagen versehener Dolch aus dem augusteischen Lager Hal-
tern, Kr. Recklinghausen, vereint beispielhaft charakteristische frühkaiser-
zeitliche Ziertechniken, die zweifellos das Interesse germanischer Betrach-
ter hervorriefen (Abb. 5,1).
16
Wie Fundkarten zeigen, fanden mehr noch als nielloverzierte Militaria
insbesondere emaillierte Fibeln großen Anklang bei den Germanen.
17
Wäh-
rend die im Römischen Reich vor allem in augusteisch-claudischer und spät-
römischer Zeit an Militaria beliebte Nielloverzierung ab der Völkerwande-
16
Herbert Westphal, Ein römischer Prunkdolch aus Haltern. Untersuchungen zur Schmie-
detechnik und Konstruktion. Ausgrabungen und Funde in Westfalen-Lippe 9B (Mainz
1995) 95–109.
17
Eckhard Deschler-Erb, Niellierung auf Buntmetall. Ein Phänomen der frühen Römischen
Kaiserzeit. Kölner Jahrbuch 33, 2000, 383–396; Karen Stemann Petersen, Danish niello
inlays from the Iron Age. Journal of Danish Archaeology 12, 1994–1995, 133–149; Astrid
Böhme, Die provinzialrömischen Fibeln (Anm. 4) 363ff. Abb. 10.
Abb. 3. Gussrohling einer Armbrustfibel Almgren Gruppe VI,2 vom
Runden Berg bei Urach, Kr. Reutlingen/Baden-Württemberg, mit
Gussnähten und ausgeformtem Nadelhalter. – M. 1:1
352 Hans-Ulrich Voß
rungszeit auch an germanischen Gegenständen regelhaft begegnet, wurde die
ebenso komplexe Technik des Emaillierens nicht übernommen. Ganz anders
die Tauschierung insbesondere mit Silber, die hauptsächlich vom späten
1. bis zum 2. Jahrhundert und dann wieder während der Völkerwanderungs-/
Merowingerzeit besonders geschätzt worden ist (Abb. 4,2).
18
Die weite Ver-
18
Wilhelm Holmqvist, Tauschierte Metallarbeiten des Nordens aus Römerzeit und Völker-
wanderung. Kungl. Vitterhets Historie och Antikvitets Akademiens Handlingar 70:2
(Stockholm 1951); Wilfried Menghin (Hrsg.) Tauschierarbeiten der Merowingerzeit. Mu-
seum für Vor- und Frühgeschichte, Bestandskataloge 2 (Berlin 1994); Jaroslav Tejral, Die
Völkerwanderungen des 2. und 3. Jh.s und ihr Niederschlag im archäologischen Befund
des Mitteldonauraumes. In: Ders. (Hrsg.), Das mitteleuropäische Barbaricum und die
Krise des römischen Weltreiches im 3. Jahrhundert. Spisy Archeologického ústavu CR
Brno 12 (Brno 1999) 137–213; besonders 147ff.; Helmut Roth, The Silver-Inlaid Iron Belt
Fittings in the Morgan Collection. In: Katharine Reynolds-Brown/David Kidd/Charles T.
Abb. 4. 1 Römischer Dolch augusteischer Zeit, verziert mit Email-, Niello- und Silbereinlagen
(Tauschierung) aus Haltern, Lkr. Recklinghausen, Westfalen; 2 Silberner Stuhlsporn, partiell
vergoldet, mit eisernem, silbertauschiertem Dorn aus Hagenow, Lkr. Ludwigslust, Mecklen-
burg-Vorpommern, Grab I/1899, erste Hälfte des 2. Jahrhunderts; 3 Birnenförmiger Goldber-
lock mit Filigrandrahtzier und Granulation aus Plöwen, Lkr. Ücker-Randow, Mecklenburg-
Vorpommern, Grab 6 (Brandschüttungsgrab), erste Hälfte/Mitte des 2. Jahrhunderts. –
1a M. 1:4; 1b.2 M. 1:2; 3 M. 1:1
Fremd – nützlich – machbar 353
breitung derart verzierter Sachgüter legt nahe, dass zahlreiche Werkstätten im
mitteleuropäischen Barbaricum, so im unteren Elbegebiet und in Südskandi-
navien, diese Technik ebenso perfekt beherrschten, wie dies in den Provinzen
der Fall war.
Sowohl im militärischen wie auch im zivilen Kontext begegnen germa-
nische Gegenstände mit Filigran und Granulation. Bekannt sind die zu-
meist reich verzierten birnenförmigen Goldberlocken des 1. und 2. Jahr-
hunderts, deren Herstellung mit Impulsen späthellenistischer Goldarbeiten
aus dem östlichen Mittelmeer und pontischen Raum in Verbindung ge-
bracht wird (Abb. 4,3).
19
Auch in der Folgezeit bleibt Granulation, gele-
gentlich kombiniert mit der Verwendung von Schmucksteinen, exklusiven
Schmuckstücken wie den Goldfibeln aus dem spätkaiserzeitlichen Grab der
„Fürstin“ von Haßleben bei Erfurt in Thüringen vorbehalten.
20
Aufschluss-
reicher sind daher die an einem breiteren Sachspektrum anzutreffenden
Arten der Vergoldung, die bei unterschiedlich großem Aufwand spezifische
Anwendungsmöglichkeiten bieten. Als einfachstes Verfahren kann die
Plattierung mit Goldblech oder -folie (Stärke je nach Definition unter
0,1/0,05 mm) angesehen werden, die schon an frühkaiserzeitlichen Funden
wie Zierbeschlägen aus Hagenow, Grab I/1899, nachgewiesen ist (Abb. 5,1).
Nachteilig ist die in Abhängigkeit von der Oberfläche geringe Haftfestig-
keit und Anfälligkeit gegen Abrieb sowie Korrosion des Trägermaterials.
21
Sehr aufwendig wegen des hochreinen Ausgangsmaterials, der kompli-
zierten Herstellung sowie den Arbeitsschritten beim Aufbringen ist die
Blattvergoldung, mit der allerdings bei minimalem Goldverbrauch große
Flächen beschichtet werden können. So reicht 1 g Gold für eine Oberfläche
von 500 cm
2
. Wegen der erforderlichen Glättung und Politur ist dieses Ver-
fahren nicht für stark reliefierte Oberflächen geeignet. Sicher nachgewiesen
ist die in den antiken Hochkulturen bekannte Blattvergoldung bislang erst
an dem Prachtgürtel aus dem Körpergrab von Gommern bei Magdeburg
aus dem zweiten Drittel des 3. Jahrhunderts. Ein silberner Schildbuckel aus
dem gleichen Grab trägt vergoldete Silberpressbleche, während der Aufsatz
Little (Ed.), From Attila to Charlemagne. The Metropolitan Museum of Art Symposia 1
(New York 2000) 292–307.
19
Kent Andersson, Romartida guldsmide i Norden III. Övriga smycken, teknisk analys och
verkstadsgrupper. AUN 21 (Uppsala 1995) 21ff.
20
Walther Schulz, Das Fürstengrab von Haßleben. Römisch-Germanische Forschungen 7
(Berlin 1933) Taf. 1; 4–6; 22; Günter Behm-Blancke, Kunst und Gesellschaft der Germa-
nen. Die Thüringer und ihre Welt (Dresden 1973), Abb. 1; 3; 5; 10; Claus v. Carnap-Born-
heim, Granrat, Karneol, Onyx und Bernstein. Zu schmucksteinverzierten Gegenständen
der Römischen Kaiserzeit in Nord-, West- und Ostmitteleuropa. In: Voß/Hammer/Lutz
(Anm. 2) 242–275; 374–380.
21
Voß/Hammer/Lutz (Anm. 2) 190ff.; 302 Abb. 24; Tab. 16; Taf. 51,1.
354 Hans-Ulrich Voß
feuervergoldet ist (Abb. 5,2).
22
Die Herstellung vergoldeter Pressbleche ba-
siert auf dem Verfahren der Diffusionsbindung, bei der im Kontakt metal-
lischer Oberflächen von Gold- und Silberblech unter Hitzeeinwirkung eine
Diffusion der Metallatome stattfindet. Die beiden Metalle sind dann so
fest verbunden, dass eine Weiterverarbeitung durch Schmieden und Prägen
möglich ist. Der Nachteil dieses seit Ende der Markomannenkriege 180
n. Chr. in großen Mengen an Militaria aus den südskandinavischen Heeres-
beuteopfern nachgewiesenen Verfahrens besteht in der Notwendigkeit, die
Pressbleche stets mit einem Träger zu kombinieren. Vom Ende des 2. bis
zum 4. Jahrhundert sind derartige Pressbleche an vielfältigen Schmuck-
und Ausrüstungsgegenständen appliziert worden.
23
Mit der im letzten Drittel des 4. Jahrhunderts aufkommenden Kerb-
schnittverzierung wurde die Anwendung der Feuervergoldung unumgäng-
lich. Das wie die Blattvergoldung aufwendige, zudem an die Verfügbarkeit
von Quecksilber gebundene Verfahren wird bereits bei Plinius, Naturalis hi-
storia (33,64–65.100) beschrieben.
24
Nachteilig ist unter anderem der ver-
gleichsweise hohe Goldverbrauch, vorteilhaft die Eignung für detailliert
ausgeformte Oberflächen. Aus dem 1. und 2. Jahrhundert sind noch keine
feuervergoldeten Gegenstände bekannt, deren Herstellung germanischen
Handwerkern zugeschrieben werden kann. Die Untersuchung eines Prunk-
sporns und zugehöriger Schuhbeschläge aus einem Grab der ersten Hälfte
des 2. Jahrhunderts von Hagenow bei Schwerin in Mecklenburg, bestätigte
22
Matthias Becker/Manfred Füting/Holger Schnarr, Metallkundliche und analytische Un-
tersuchungen am Fundmaterial aus dem „Fürstengrab“ von Gommern, Lkr. Jerichower
Land. In: Voß/Hammer/Lutz (Anm. 2) 204–216; Matthias Becker, Bekleidung –
Schmuck – Ausrüstung. In: Siegfried Fröhlich (Hrsg.), Gold für die Ewigkeit. Das ger-
manische Fürstengrab von Gommern (Halle(Saale) 2000) 136ff. Abb. S. 136; 143; 144;
197; Heiko Breuer/Hans-Joachim Naumann, Restaurieren – Faktensammeln zum Objekt.
Ebd., 182–189. – Zum Gürtel siehe auch Marzena J. Przybyła, Ein Prachtgürtel aus dem
Grab 1 von Wrocław-Zakrzów (Sakrau). Archäologisches Korrespondenzblatt 35, 2005,
105–122.
23
Siehe Claus v. Carnap-Bornheim/Jørgen Ilkjær, Illerup Ådal 5. Die Prachtausrüstungen.
Textband. Jutland Archaeological Society Publications 25,5 (Aarhus 1996) 389ff.; dies., Il-
lerup Ådal 7. Die Prachtausrüstungen. Tafeln (Aarhus 1996). – Zur Technik: Unn Plahter/
Evabeth A. Astrup/Eldrid S. Straume, Norwegian rosette-brooches of the 3rd century AD:
their construction, materials and technique. The Journal of the Historical Metallurgy So-
ciety 29, 1995, 12–24; Voß/Hammer/Lutz (Anm. 2) 192; 303f. Taf. 46–49; 60–62; Becker/
Füting/Schnarr (Anm. 22) 207ff.; Matthias Becker/Manfred Füting/Peter Hammer,
Reine Diffusionsbindung. Rekonstruktion einer antiken Vergoldungstechnik und ihrer
Anwendungsbereiche im damaligen Metallhandwerk. Jahresschrift Mitteldeutsche Vorge-
schichte 86, 2003, 167–190.
24
Dazu u. a. Projektgruppe Plinius (Anm. 14), 65ff.; Anheuser (Anm. 14) 17ff.; Unn Plahter/
Christian J. Simensen, Some characteristic features of gilded jewellery from the 3rd, 5th,
and 8th centuries found in Norway. Germania 80, 2002, 547–570; besonders 564ff.
Fremd – nützlich – machbar 355
die vermutete Feuervergoldung nicht.
25
Somit ist der bereits erwähnte
Schildbuckelaufsatz aus Gommern der bislang einzige sichere Beleg vor der
Völkerwanderungszeit, ab der die Feuervergoldung als gängiges Verfahren
der Oberflächenveredelung, des öfteren in Kombination mit Nielloverzie-
rung, zum Einsatz kam (Abb. 5,3).
25
Zu Hagenow vgl. Friedrich Lüth/Hans-Ulrich Voß et al., Neue ‚Römergräber‘ aus Hage-
now. Ein Vorbericht. Bodendenkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern. Jahrbuch 48,
2000, 149–214; Hans-Ulrich Voß, Hagenow in Mecklenburg. Ein frühkaiserzeitlicher
Bestattungsplatz und Aspekte der römisch-germanischen Beziehungen. Bericht der Rö-
misch-Germanischen Kommission 86, 2005 (2006) 19–59. – Für die Untersuchung danke
ich Herrn W. R. Aniol, Schleswig.
Abb. 5. 1 Silberne Zierscheibe mit Perldraht und Plattierung aus Goldfolie von Hagenow, Lkr.
Ludwigslust, Grab I/1899, erste Hälfte des 2. Jahrhunderts (die Beschädigung der Goldfolie
durch Abrieb ist deutlich zu erkennen); 2 Silberner Schildbuckel mit vergoldetem Pressblech-
besatz, Glasflusseinlagen und partiell feuervergoldetem Aufsatz (Pfeile) aus Gommern,
Lkr. Jerichower Land, Körpergrab, zweites Drittel des 3. Jahrhunderts; 3 Silberne Blechfibel
Typ „Wiesbaden“, partiell vergoldet und nielloverziert, Wiesbaden, Hessen, Körpergrab, erste
Hälfte des 5. Jahrhunderts. – 1a M. 2:1; 3 M. 1:2; übrige ohne M.
356 Hans-Ulrich Voß
Die an römischen Erzeugnissen geläufige Verzinnung und Silberplattie-
rung ist bei zeitgleichen germanischen Gegenständen des 1. bis. 4. Jahrhun-
derts mit regionalen und zeitlichen Schwerpunkten zu beobachten.
26
Schlussfolgerungen
Als Fazit ist festzuhalten, dass im Verlaufe des 1. Jahrhunderts vor allem an-
hand der Tauschierung, nach den Markomannenkriegen Ausgangs des
2. Jahrhunderts mit der Anwendung der Diffusionsbindung zur Herstel-
lung vergoldeter Pressbleche, insbesondere jedoch in der Spätantike mit
der Anwendung von Feuervergoldung, der Nielloverzierung, aber auch
dem Feinguss und der Lötung römische Feinschmiedetechnik über-
nommen worden ist, die eine gewisse „Breitenwirkung“ im einheimischen
Sachgut des mitteleuropäischen Barbaricums entfalten konnte. Andere
Techniken wie Granulation oder Goldplattierung blieben ebenso wie die
Verwendung von Schmucksteinen auf „Prestigegüter“ beschränkt (Tab. 2).
Damit ergeben sich Kriterien, die neben den individuellen Fähigkeiten
des jeweiligen Handwerkers ein qualifiziertes germanisches Feinschmiede-
handwerk erschließen lassen, das über Spezialwissen und Zugriff auch auf
seltenes oder aber wertvolles Material wie Edelmetall verfügte und den
Ansprüchen der Vertreter eines gehobenen sozialen Milieus Rechnung tra-
gen konnte. Die Entwicklung dieses qualifizierten Handwerks lässt sich seit
dem 1. Jahrhundert n. Chr. recht kontinuierlich verfolgen, die Spezialisten
selbst treten jedoch erst in völkerwanderungs- und merowingerzeitlichen
Grabfunden häufiger in Erscheinung.
27
Als „Nachbarn über Jahrhunderte“ waren Römer und Germanen mit
einem Kulturgefälle konfrontiert, das nahezu alle Bereiche handwerklicher
Produktion umfasste.
28
Neben Rohstoffen, vor allem Metall, war auch
26
Voß/Hammer/Lutz (Anm. 2) 304ff. Tab. 39.
27
Voß/Hammer/Lutz 307ff. – Zur Spezialisierung des Feinschmiedehandwerks Cosack
(Anm. 5), 82; Claus v. Carnap-Bornheim, The Social Position of the Germanic Goldsmith
A.D. 0–500. In: Bente Magnus (ed.), Roman Gold and the Development of the Early Ger-
manic Kingdoms. Kungl. Vitterhets Historie och Antikvitets Akademie Konferenser 51
(Stockholm 2001) 263–278; kritisch bzw. ablehnend Torsten Capelle, Zu den Arbeitsbe-
dingungen von Feinschmieden im Barbaricum. In: Daniel Bérenger (Hrsg.), Archäologi-
sche Beiträge zur Geschichte Westfalens [Festschrift Klaus Günther]. Studia honoria 2
(Rahden/Westf. 1997) 195–198; Timm Weski, Zum Problem der spezialisierten Handwer-
ker in der römischen Kaiserzeit. Archäologisches Korrespondenzblatt 13, 1983, 111–114.
28
Z. B. in der Keramikherstellung, die römische Verfahren der Massenproduktion zunächst
nur ansatzweise und kurzzeitig übernahm, vgl. Sigrid Dusˇek, Römische Handwerker
im germanischen Thüringen. Ergebnisse der Ausgrabungen in Haarhausen, Kr. Arnstadt.
Fremd – nützlich – machbar 357
handwerkliches Spezialwissen bei den Germanen begehrt und geschätzt,
wie Nachrichten antiker Autoren wiederholt bestätigen. Die vielfältigen
Kontakte mit dem Römischen Reich boten aber auch Möglichkeiten, etwa
im Rahmen des Militärdienstes handwerkliche Kenntnisse und Fähigkeiten
zu erwerben.
29
Obwohl die Untersuchungen zum römischen Einfluss im
Feinschmiedehandwerk erst am Anfang stehen und die reichlich vorhande-
nen Sachgüter bislang nur stichprobenartig untersucht worden sind, er-
weist sich der sogenannte „Technologietransfer“ bei näherer Betrachtung
vielgestaltiger, als zunächst angenommen. Nicht bloße Nachahmung oder
Kopie fremder Vorbilder aus der Hochkultur, wie bei Fibeln u. a. durch
Nachahmung von Gewinde oder bei der Ikonographie früher Goldbraktea-
ten besonders eindrucksvoll zu veranschaulichen (Abb. 6),
30
sondern die
bewusste Auswahl und Übernahme von Sachgütern, Formen, Materialien
und Techniken beginnt sich derzeit abzuzeichnen. Das als nützlich, prak-
tisch oder nur „schön“ und technisch machbar erkannte wurde den eigenen
Bedürfnissen angepasst und umgesetzt. Bestimmend für die Materialaus-
wahl und Verwendung von Verzierungstechnik wie Filigran, Granulation
oder Vergoldung war das Modeströmungen unterworfene Stilempfinden
germanischer Eliten. Der Zugang zu den Rohstoffen, weniger wohl zu tech-
nischem „Know how“, setzte dabei Grenzen. Neben der Verwendung kost-
barer Materialien wie Edelmetalle oder Schmucksteine, war auch die nicht
zwangsläufig sofort ins Auge fallende, dem Kundigen jedoch erkennbare
besondere Herstellungs- und Verzierungstechnik von Gegenständen status-
markierend. Auch auf diese Weise konnten offenbar „Rangunterschiede“
sichtbar gemacht werden (Tab. 3).
So weisen im Grab 9/1995 aus Hagenow, Lkr. Ludwigslust, unter ande-
rem silberne, filigranbesetzte Teile eines cingulumartigen Leibriemens und
Weimarer Monographien zur Ur- und Frühgeschichte 27 (Stuttgart 1999); Bernd Steidl,
Lokale Drehscheibenkeramik römischer Formgebung aus dem germanischen Mainfran-
ken. Zeugnis für die Verschleppung römischer Reichsbewohner nach Germanien? Bayeri-
sche Vorgeschichtsblätter 67, 2002, 87–112. – Andererseits warnen Befunde etwa der Tex-
tilherstellung oder Holzverarbeitung vor allzu einseitigen Schlüssen; siehe Lise
Bender-Jørgensen, North European Textiles until AD 1000 (Århus 1992); Martin D.
Schön, Der Thron aus der Marsch. Ausgrabungen an der Fallward bei Wremen im Land-
kreis Cuxhaven I. Museum Burg Bederkesa, Begleithefte zu Ausstellungen 1 (Bremerha-
ven 1995).
29
Siehe Horst-Wolfgang Böhme, Germanische Grabfunde des 4. bis 5. Jahrhunderts zwi-
schen unterer Elbe und Loire. Münchner Beiträge Vor- und Frühgeschichte 19 (München
1974) 17; ders., Sächsische Söldner im römischen Heer. In: Frank Both/Heike Aouni
(Red.), Über allen Fronten. Nordwestdeutschland zwischen Augustus und Karl dem Gro-
ßen (Oldenburg 1999) 49–73; besonders 64; Stupperich (Anm. 1) 22.
30
Rüdiger Krause, Das Gewinde in der Antike. In: Reinhold Würth/Dieter Planck (Hrsg.),
Die Schraube zwischen Macht und Pracht (Sigmaringen 1995) 23–54; 196 Nr. D 3.
358 Hans-Ulrich Voß
Abb. 6. Beispiele für die Umsetzung römischer Vorbilder im germanischen Milieu. 1 Schar-
nierarm- und 2 Bügelknopffibel sowie 3 Variante der Zwiebelknopffibel mit Nielloverzierung
und Armbrustkonstruktion des Nadelapparates; 4 Schraubverschluss der goldenen Zwiebel-
knopffibel des Childerichgrabes und 5. Nachahmung an gegossener kreuzförmiger Fibel aus
Bordesholm, Kr. Rendsburg-Eckernförde; 6 Goldmedaillon Constantius II. (348–349);
7 Goldbrakteat von Tjurkö. – 1–3 M. 1:2; 6 M. 1:1; übrige ohne M.
Fremd – nützlich – machbar 359
mit teilweise goldplattierten figürlichen Darstellungen versehene Silber-
platten eines Prunkgürtels auf die besondere Stellung des dort zu Beginn
des 2. Jahrhunderts n. Chr. begrabenen Kriegers hin.
31
Im Königsgrab von
Musˇov, Bez. Brˇeclav (Mähren), aus der Zeit der Markomannenkriege
(166–180 n. Chr.), charakterisieren Ausrüstungsgegenstände mit goldplat-
tiertem Silberfiligran die Stellung des oder der Bestatteten, im eine Gene-
ration jüngeren Heeresbeuteopfer A von Illerup in Jütland Prunkausrüstun-
gen mit vergoldetem Silberpressblech und Schmucksteineinlagen den Rang
der militärischen Anführer.
32
Auf die Herstellung von Email musste und konnte ganz verzichtet wer-
den, andere aufwendige Verfahren fanden erst unter den veränderten Be-
dingungen zu Ende des 4. Jahrhunderts und vermutlich aktiver Beteiligung
provinzialrömischer Handwerker Eingang in die germanische Sachkultur
(Tab. 2). Bereits seit dem Ende des 2. Jahrhundert ist im militärischen Mi-
lieu Südskandinaviens und des nördlichen Mitteleuropa die Entstehung
einer „Mischkultur“ zu beobachten, die mit den beiden Thorsberger Zier-
scheiben augenfällig in Erscheinung tritt (Abb. 7). Hier waren versierte
Spezialisten zwar nicht mit dem Sinngehalt römischer Bildkunst, wohl aber
mit dem nötigen herstellungstechnischen „Know how“ bestens vertraut.
33
In anderen Fällen kann nicht ausgeschlossen werden, dass seit dieser
Zeit provinzialrömische Werkstätten oder dort ausgebildete Handwerker
hin und wieder Schmuck und Ausrüstungsgegenstände nach dem Ge-
schmack germanischer Verbündeter anfertigten. In Betracht kämen der
Schildbuckel (Abb. 5,2) und der Prunkgürtel aus dem Grab von Gommern,
die, wie geschildert, mit Feuervergoldung und Blattvergoldung in ihrer Zeit
bislang beispiellos sind.
34
Gut 100 Jahre später, seit der zweiten Hälfte des
31
Vgl. Anm. 25.
32
Claus v. Carnap-Bornheim, Der Trachtschmuck, die Gürtel und das Gürtelzubehör. In:
Jaroslav Pesˇka/Jaroslav Tejral, Das germanische Königsgrab von Musˇov in Mähren. Rö-
misch-Germanisches Zentralmuseum, Monographien 55,1 (Mainz 2002), 189–305, beson-
ders 247ff.; v. Carnap-Bornheim/Ilkjær (Anm. 23); Claus v. Carnap-Bornheim, Kaiser-
zeitliche germanische Traditionen im Fundgut des Grabes des „Chef militaire“ in
Vermand und im Childerich-Grab in Tournai. In: Thomas Fischer/Gundolf Precht/Jaros-
lav Tejral, Germanen beiderseits des spätantiken Limes. Spisy Archeologického ústavu AV
C
ˇ
R Brno 14 (Köln, Brno 1999) 47–61.
33
v. Carnap-Bornheim (Anm. 6); ders., Neue Forschungen zu den beiden Zierscheiben aus
dem Thorsberger Moorfund. Germania 75, 1997, 69–99.
34
Matthias Becker, Halle, danke ich für die anregende Diskussion und Kritik zu dieser Prob-
lematik. – Vgl. dazu z. B. auch ausgehend von Tauschierarbeiten in awarischem Kontext
die Überlegungen von Orsolya Heinrich-Tamaska, Studien zu den awarenzeitlichen Tau-
schierarbeiten. Monographien zur Frühgeschichte und Mittelalterarchäologie 11 (Inns-
bruck 2005) 134 Anm. 167, sowie in gleichem Zusammenhang zum Import Jörg Drauschke
in diesem Band.
360 Hans-Ulrich Voß
Abb. 7. Die Zierscheiben des Thorsberger Moorfundes (Süderbrarup, Lkr. Schleswig-Flens-
burg, Schleswig-Holstein). – M. 2:3
Fremd – nützlich – machbar 361
4. Jahrhundert, trugen provinzialrömische Werkstätten germanischem Stil-
empfinden bereits wie selbstverständlich Rechnung. Stellvertretend für
viele andere Beispiele mag dies eine silberne Bügelfibel mit Nielloverzie-
rung, Armbrustkonstruktion und polyedrischen Knöpfen – Elementen der
Zwiebelknopffibeln einerseits, Bügelknopffibeln andererseits – aus dem
Fürstengrab der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts von Blucˇina-Cezavy,
Bez. Brno-venkov/Mähren, illustrieren (Abb. 6,3).
35
So gesehen erfolgte
noch einmal ein „Schub“ aus der mediterranen Kultur, als der Frankenkö-
nig Childerich I. († 482) neben römischen Insignien der Macht cloisonné-
verzierte Waffen und Ausrüstungsgegenstände erhielt, die stilbildend für
eine ganze Epoche wurden.
36
Abbildungsnachweis
Abb. 1: Ute Pfeiffer-Frohnert, „Mit Augen am Fuß und mit Wulst statt Scheibe“.
Verbreitung und Zeitstellung der preußischen Nebenserie und ihrer Varianten.
In: Kunow (Anm. 4), 125–134 Abb. 1; Bakker (Anm. 3) Abb. 3; Legende: To-
masz Skorupka, Kowalewko 12. Archeologiczne badania ratownicze wzdłu˙ z
trasy gazociagu tranzytowego 2,3 (Poznan´ 2001) Taf. 48:162,1; Taf. 152:485,3
Abb. 2: Überarbeitet nach Voß in Voß/Hammer/Lutz (Anm. 2) Abb. 49; Fibeln aus
Kunow (Anm. 4) Tafeln nach Almgren
Abb. 3: Reiner Christlein, Anzeichen von Fibelproduktion in der völkerwande-
rungszeitlichen Siedlung Runder Berg bei Urach. Archäologisches Korrespon-
denzblatt 1, 1971, 47–49 Abb. 1,1
Abb. 4: 1 Westphal (Anm. 16) Abb. 8a; 10b; 2 J. Seele (Schwerin); 3 Hartmut
Stange, Ein Gräberfeld der frührömischen Kaiserzeit von Plöwen, Kr. Pasewalk.
Bodendenkmalpflege in Mecklenburg. Jahrbuch 1978, 133–192 Abb. 4
Abb. 5: 1 Archäologisches Landesmuseum Mecklenburg-Vorpommern, Wiligrad;
2 Becker (Anm. 22) Abb. S. 143; 3 Joachim Werner, Zu einer elbgermanischen
Fibel des 5. Jahrhunderts aus Gaukönigshofen, Ldkr. Würzburg. Bayerische
Vorgeschichtsblätter 46, 1981, 225–254 Beilage 2,1
Abb. 6: 1a Joachim Werner, Zu den römischen Mantelfibeln zweier Kriegergräber
von Leuna. Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte 72, 1989, 121–134
Abb. 2,1 (Leuna, Lkr. Merseburg-Querfurt, Grab 2/1917); 2 Hans-Ulrich Voß,
Die Bügelknopffibeln. Almgren Gruppe VI, 2, Fig. 185 und 186. In: Kunow
35
Mechthild Schulze-Dörrlamm, Germanische Spiralplattenfibeln oder romanische Bügel-
fibeln? Zu den Vorbildern elbgermanisch-fränkischer Bügelfibeln der protomerowingi-
schen Zeit. Archäologisches Korrespondenzblatt 30, 2000, 599–613, Abb. 8,2 („westliche
Variante byzantinischer Zwiebelknopffibeln vom Typ Jerusalem“).
36
Horst Wolfgang Böhme, Der Frankenkönig Childerich zwischen Attila und Aëtius. Zu
den Goldgriffspathen der Merowingerzeit. In: Festschrift für Otto-Herman Frey zum
65. Geburtstag. Marburger Studien zur Vor- und Frühgeschichte 16 (Marburg 1994)
69–110, besonders 105ff.; Birgit Arrhenius, Garnet Jewelry of the Fith and Sixth Centuries.
In: Reynolds-Brown/Kidd/Little (Anm. 18) 214–225; dies., Beliefs behind the Use of Poly-
chrome Jewellery in the Germanic Area. In: Magnus (Anm. 27) 297–310.
362 Hans-Ulrich Voß
(Anm. 4) 271–282 Abb. 3,3 (Pritzier, Lkr. Ludwigslust, Grab 532); 3 Schulze-
Dörrlamm (Anm. 35); 4 Patrick Périn/Michel Kazanski, Das Grab Childerichs I.
In: Alfried Wieczorek/Patrick Périn (Hrsg.), Die Franken, Wegbereiter Europas
(Mainz 1996) 173–182 Abb. 119; 5 Krause (Anm. 30); 6 Aleksander Bursche,
Złote medaliony rzymskie w Barbaricum. S
´
wiatowit Supplement Series A2
(Warszawa 1998) Taf. S,22; 7 Brakteat von Tjurkö (Lund). Karl Hauck, s. v.
Brakteatenikonologie. Reallexikon der germanischen Altertumskunde
2
3 (Ber-
lin, New York 1978) Taf. 21a
Abb. 7: Erdrich/v. Carnap-Bornheim (Anm. 6) Taf. 40; 41
Fremd – nützlich – machbar 363
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364 Hans-Ulrich Voß
Tab. 2. Vergleich ausgewählter Herstellungs-, Verzierungs- und Veredlungstechnik an Bunt-
und Edelmetallarbeiten im Römischen Reich und im elbgermanischen Teil des Barbaricums
(überarbeitet nach H.-U. Voß in Voß/Hammer/Lutz [Anm. 2] Tab. 39)
y Belege (Literatur) Belege durch eigene Untersuchungen
Y Umstritten (Literatur) x Vermutet (eigene Untersuchungen)
X Vermutet (Literatur) – Bislang kein Nachweis bekannt oder ungebräuchlich
! ! Für den Nachweis der Übernahme römischer Technik von besonderem Interesse.
(1) Zur Verlängerung durch Querschnittsverringerung. – (2) Lötverbindung belastbarer Teile wie Gefäßatta-
chen, Nadelhalter von Fibeln etc. (Festigkeitsverbindung). Incoctilia: PLINIUS, Naturalis Historia 34,162.
Vgl. Projektgruppe Plinius (Hrsg.), Plinius der Ältere über Blei und Zinn. Attempto-Werkheft(e) 10 (Tübin-
gen 1989). – Blattvergoldung: PLINIUS, Naturalis Historia 33,61; 33,64. – Feuervergoldung: PLINIUS,
Naturalis Historia 33,58–68; 33,80–94; 33,99–100; 123; 125. Vgl. Projektgruppe Plinius (Anm. 14). – (3) Für
Vergoldung auf Silber (Preßbleche).
Herstellungs-, Veredlungs-
und Verzierungstechnik
Römi sches Rei ch Germani a
frühe mittlere späte frühe späte Völker-
wanderungszeit
Kaiserzeit Römische
Kaiserzeit
1. Guß
Kokillenguß(Metallform) ? X X x ? ? y y ?
Schleuderguß ? x ? – – –
f. Durchbrucharbeiten y y y y y y y y y y y y y y v ? ? ?
2. Spanende Formänderung
Drehen y y y y y y y y y y y y y y – – ?
3. Spanlose Formänderung
Drücken y y y y y y y y y y y y y y – – ?
Schmieden im Gesenk y y y y y y y y y y y y y y X x X x X x X x ?
Prägen (Preßbleche) y y y y y y y y y y y y y y y y y y y y y y y
Ziehen (Draht) (1) Y X Y Y X Y X Y Y X Y Y Y Y Y Y X Y Y Y Y Y y
4. Verbindungstechnik
Löten (2) y y y y y y y y y y y y y y ? y y y y
Schweißen y y y y y y y y y y y y y y – – ?
5. Veredlungs- und
Verzierungstechnik
Plattieren/(Folien) y y y y y y y y y y y y y y y y y
Verzinnen y y y y ny y y y y y ? y y y y y y y
– " – „incoctilia“ PLINIUS y y y y y y y y ? ? y y y
„Weißsieden“ (Ag) y y y y y y y y y – ? ?
Blattvergoldung PLINIUS y y y y y y y y y y ! x? ! y y y y y y
Feuervergoldung PLINIUS y y y y y y y ! – ! y x Y y y y y y
Diffusionsbindung (3) x ? x x ? x x ? x ! x? ! y y x x x
Emaillieren y y y y y y y y y y y y y y – – –
Niellieren y y y y y y y y y y y y y y – – y y y y y
Tauschieren (auch Fe) y y y y y y y y y y y y y y y y y y y y y y y y
Kerbschnitt – – y y y y – – y y y y y
Filigran y y y y y y y y y y y y y y y y y y y y y y y y
Granulation y y y y y y y y y y y y y y y y y y y ? y
Fremd – nützlich – machbar 365
Tab. 3. Hagenow, Lkr. Ludwigslust, Mecklenburg-Vorpommern (Urnengrab 9/1995), und Mu-
sˇov, Bez. Brˇeclav, Körpergrab (Mehrfachbestattung). Vergleich verwendeter Materialien und
ausgewählter Verzierungs- und Oberflächenveredelungstechniken
Gold y Y Silber ¥ goldplattiertes Silberfiligran x Bronze (aes und aurichalcum)
Goldtauschierung Silbertauschierung Niet/Zierniet in Perldrahtring v V Eisen
*) Trägerplatten mit verschränkten Längsseiten, Silberplattierung von bronzenen Randhülsen gefasst
Grab/
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Hagenow, Grab 9/1995
Schildniete (5/1) x y
Schildfessel (5/2) x Y? y Silberauflage? RFA
Stuhlsporenpaar A (7/) x v y
Stuhlsporenpaar B (8/) x v y
Stuhlsporenpaar C (9/) x v y
Schnalle (11/1) y x y Durchbruchmuster
Nietscheiben (11/7.8) y x Durchbruchmuster
Scharnierbeschlag/Zwingen (11/9) y x y Durchbruchmuster
Zwingenpaare (11/11.12) y y
Zwinge mit Ring (11/3) y y
Ösenverschlüsse (32/) y y Scharnier
Scharniergürtel (12/) x y y Randhülsen*)
Messer (13/) v
Feuerstahl (14/) v x y br. Endknopf
Anhängespitze (15/) v x y eis. Endknopf
Kniefibel Almgr. V, Ser.9 (22/) x Y? Lot, Preßblech(?); Silberauflage
CZ Musˇov, „Königsgrab“
Lanzenspitze A 3 v
Schildrandbeschläge A 22.23 x y y
Stuhlsporenpaar B 1.2 x v y ¥
Scheiben von Stuhlsporn B2c-d y ¥
Stuhlsporenpaar B 3.4 v y
Stuhlsporenpaar B 5.6 v
Stuhlsporn B 7 v
Schnallen C 3.4 y ¥
Riemenzungen C 6.7 y ¥
Riemenendbeschlag(?) C 12 v y ¥
Rosettenbeschläge C 13.14 y ¥ Durchbruchmuster
Triskelenbeschläge C 15.16 y ¥ Durchbruchmuster
Sternförm. Beschläge C 17–20 y ¥
Zierscheiben C 21–29 y ¥ zweinietig
Riemenbeschläge C 31–37 y ¥
Riemenbeschläge C 39.40 x y
Riemenhalter C 45 y ¥
Blechfragment C 55 y
Rechteckbeschlag C 44 x y verzinnt, Silberniete
Riemenbeschlag C 64 x y y y verzinnt, Silberniete, Silbergranalien
Feuerstahl C 52 v x Knauf aus Zinn
366 Hans-Ulrich Voß
Herkunft und Vermittlung „byzantinischer Importe“ 367
Zur Herkunft und Vermittlung „byzantinischer
Importe“ der Merowingerzeit in Nordwesteuropa
Jörg Drauschke
„Byzantinische“ Funde – Eine Forschungsaufgabe
In den letzten Jahren hat sich das Forschungsinteresse an „byzantinischen“
beziehungsweise mediterranen Funden merklich gesteigert, wobei der The-
menkomplex von Seiten verschiedener Disziplinen aufgegriffen wurde: Die
Frühgeschichtliche Archäologie betrachtet das infrage kommende Fundma-
terial vornehmlich aus der Perspektive der an der Peripherie des Byzantini-
schen Imperiums liegenden Herrschaftsgebiete der germanischen Reiche
von Franken, Langobarden usw. oder der reiternomadischen Kulturen von
Hunnen, Awaren oder Bulgaren. Im Mittelpunkt stehen die „byzantini-
schen“ Kleinfunde, die ein Spektrum abdecken, zu dem unter anderem
kostbare Helme und Prunkschwerter, Gürtelschnallen und Münzen sowie
Metall- und Glasgefäße gehören.
1
Zum Forschungsfeld der Christlichen Ar-
1
Literaturauswahl neuerer Titel: Attila Kiss, Frühmittelalterliche byzantinische Schwerter
im Karpatenbecken. Acta Archaeologica Academiae Scientiarum Hungaricae 39, 1987,
194–210; Joachim Werner, Neues zur Herkunft der frühmittelalterlichen Spangenhelme
vom Baldenheimer Typus. Germania 66,2, 1988, 521–528; Horst Wolfgang Böhme, Der
Frankenkönig Childerich zwischen Attila und Aëtius. Zu den Goldgriffspathen der Mero-
wingerzeit. In: Claus Dobiat (Hrsg.), Festschrift für Otto-Herman Frey zum 65. Geburts-
tag. Marburger Studien zur Vor- und Frühgeschichte 16 (Marburg 1994) 69–110; Carl
Pause, Die Franken und der Orient. Rheinisches Landesmuseum Bonn 1996,2, 41–49;
Dieter Quast, Ein byzantinischer Gürtelbeschlag der Zeit um 500 aus Weingarten (Lkr. Ra-
vensburg) Grab 189. Fundberichte aus Baden-Württemberg 21, 1996, 527–539; Péter So-
mogyi, Byzantinische Fundmünzen der Awarenzeit. Monographien zur Frühgeschichte
und Mittelalterarchäologie 5 (Innsbruck 1997); Falko Daim (Hrsg.), Die Awaren am Rand
der byzantinischen Welt. Monographien zur Frühgeschichte und Mittelalterarchäologie 7
(Innsbruck 2000); Adrien Pásztor/Tivadar Vida, Eine frühbyzantinische Bronzekanne aus
dem awarenzeitlichen Gräberfeld von Budakalász. In: Csanád Bálint (Hrsg.), Kontakte
zwischen Iran, Byzanz und der Steppe im 6.–7. Jahrhundert. Varia Archaeologica Hunga-
rica 10 (Budapest, Napoli, Roma 2000) 303–311; Éva Garam, Funde byzantinischer Her-
kunft in der Awarenzeit vom Ende des 6. bis zum Ende des 7. Jahrhunderts. Monumenta
Avarorum Archaeologica 5 (Budapest 2001); Dieter Quast, Byzantinisch-gepidische Kon-
takte nach 454 im Spiegel der Kleinfunde. In: Eszter Istvánovits/Valéria Kulcsár (Hrsg.),
Zwischen Spätantike und Frühmittelalter – RGA-E Band 57 – Seiten 367–423
© 2008 Walter de Gruyter · Berlin · New York
368 Jörg Drauschke
chäologie und Byzantinischen Kunstgeschichte gehören traditionell die ar-
chitektonischen und ikonografischen Denkmäler profaner und sakraler Na-
tur sowie die Kleinfunde frühchristlichen Charakters. Zusammen mit der
Klassischen und Provinzialrömischen Archäologie des Mittelmeerraumes
wurde seit den 1970er Jahren verstärkt die mediterrane Keramik – Transport-
amphoren sowie Feinwaren – als Schwerpunkt entdeckt. Das stimulierte im
Zusammenspiel mit den historischen Fächern interessante und bis heute
andauernde Diskussionen über den Charakter des Warenaustausches und
der spätantiken Wirtschaft im Mediterraneum seit der Spätantike.
2
Die Ent-
deckung von Produktionszentren insbesondere der Amphoren und die
mögliche Zuordnung von Gefäßen zu bestimmten Herkunftsregionen mit-
tels naturwissenschaftlicher Analysen lassen die Rekonstruktion von Wa-
renströmen und Rückschlüsse auf die Intensität der Teilnahme einzelner
Plätze am mittelmeerweiten Güterverkehr zu.
3
Festzustellen ist nicht nur
eine Ausweitung der Forschungen auf diese wirtschaftsgeschichtlichen Fra-
gestellungen, sondern schließlich auch auf den gesamten Bereich der mate-
riellen Kultur des Byzantinischen Reiches sowie auf siedlungsgeschichtliche
Zusammenhänge einzelner Orte und ganzer Teilregionen.
4
International Connections of the Barbarians of the Carpathian Basin in the 1st–5th cen-
turies A.D. Konferenz Aszód, Nyíregyháza 1999 (Aszód, Nyíregyháza 2001) 431–452; Jörg
Drauschke, Funde ostmediterraner/byzantinischer Herkunft im merowingerzeitlichen
Südwestdeutschland. Archäologische Informationen 25, 2002, 151–156; Anthea Harris,
Byzantium, Britain and the West. The Archaeology of cultural identity AD 400–650
(Stroud 2003).
2
Ein Überblick zu den divergierenden Modellen bei: Jean-Michel Carrié, Les échanges
commerciaux et l’État antique tardif. In: Économie antique. Les échanges dans l’Anti-
quité. Le rôle de l’État. Entretiens d’Archéologie et d’Histoire 1 (Balma, Fonsegrives 1994)
175–211 bes. 175f.
3
Paul Reynolds, Trade in the Western Mediterranean, AD 400–700: The ceramic evidence.
British Archaeological Reports, International Series 604 (Oxford 1995); Jean-Pierre So-
dini, Production et échanges dans le monde protobyzantin (IV
e
–VII
e
s.). Le cas de cérami-
que. In: Klaus Belke u. a. (Hrsg.), Byzanz als Raum. Zu Methoden und Inhalten der His-
torischen Geographie des östlichen Mittelmeerraumes. Österreichische Akademie der
Wissenschaften, phil.-hist. Kl., Denkschriften 283 = Veröffentlichungen der Kommission
für die Tabula Imperii Byzantini 7 (Wien 2000) 181–208; Joseph M. Gurt i Esparraguera
u. a. (Hrsg.), LRCWI. Late Roman coarse wares, cooking wares and amphorae in the Me-
diterranean. Archaeology and Archaeometry. British Archaeological Reports, Internatio-
nal Series 1340 (Oxford 2005).
4
Zusammenfassend: Jean-Pierre Sodini, La contribution de l’archéologie à la connaissance
du monde byzantin (IV
e
–VII
e
siècles). Dumbarton Oaks Papers 47, 1993, 139–184; Ange-
liki E. Laiou (Hrsg.), The economic history of Byzantium. From the seventh to the fif-
teenth century. Dumbarton Oaks Studies 39 (Washington D. C. 2002); Jaques Lefort u. a.
(Hrsg.), Les villages dans l’Empire Byzantin, IV
e
–XV
e
siècle. Réalités byzantines 11 (Paris
2005); Ken Dark (Hrsg.), Secular buildings and the archaeology of everyday life in the By-
zantine Empire (Oxford 2004).
Herkunft und Vermittlung „byzantinischer Importe“ 369
Der daraus resultierende Erkenntniszuwachs spiegelt sich merklich in
der zunehmenden Anzahl von in Mittel- und Westeuropa identifizierten
Funden und Objektgruppen, deren Ursprung im Mittelmeerraum bezie-
hungsweise im Byzantinischen Reich gesucht wird und die daher als „by-
zantinisch“ bezeichnet werden. Für das Merowingerreich dienten vor allem
die gewandelten Vorstellungen zur Provenienz der frühmerowingerzeit-
lichen Goldgriffspathen, Gürtelschnallen und -beschläge sowie der Span-
genhelme vom Baldenheimer Typ als neuerlicher Forschungsschub
5
, nach-
dem bereits bis in die 1970er Jahre hinein eine erste Phase mit zahlreichen
Veröffentlichungen zu diesem Thema zu verzeichnen war
6
.
Es ist an dieser Stelle nicht das Ziel, den in Westeuropa nachgewiesenen
„byzantinischen“ Funden eine weitere Gattung hinzuzufügen oder die äl-
teren Verbreitungskarten um Neufunde zu ergänzen – wobei auch das in
Einzelfällen geschehen wird. Vielmehr soll der Versuch unternommen wer-
den, eine kritische Zwischenbilanz der mittlerweile enorm angewachsenen
Menge des als „byzantinisch“ bezeichneten Kleinfundmaterials zu ziehen.
In dem hier ausgebreiteten, angesichts der Fülle infrage kommender Ob-
jektgruppen lediglich ausschnitthaften Überblick, der sich auf die archäo-
logischen Hinterlassenschaften des östlichen und nördlichen Merowinger-
reiches mit Ausblicken auf die Britischen Inseln stützt, wird der Fokus
5
Werner, Spangenhelme (Anm. 1); Dieter Quast, Die merowingerzeitlichen Grabfunde aus
Gültlingen (Stadt Wildberg, Kreis Calw). Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühge-
schichte in Baden-Württemberg 52 (Stuttgart 1993); Böhme, Goldgriffspathen (Anm. 1).
6
Literatur (in Auswahl): Joachim Werner, Die byzantinische Scheibenfibel von Capua und
ihre germanischen Verwandten. Acta Archaeologica (København) 7, 1936, 57–67; Gyula
László, Die byzantinischen Goldbleche des Fundes von Kunágota. Archaeologiai Értesit˝ o
51, 1938, 55–86; 131–148; Joachim Werner, Italisches und koptisches Bronzegeschirr des
6. und 7. Jahrhunderts nordwärts der Alpen. In: Johann F. Crome u. a. (Hrsg.), Mnemo-
synon Theodor Wiegand (München 1938) 74–86; Hans Zeiß, Die frühbyzantinische Fibel
von Mengen, Ldkr. Freiburg i. Br. Germania 23, 1939, 269–273; Joachim Werner, Hallaz-
gos de origen byzantino en España. Cuadernos de Historia Primitiva 3, 1948, 107–112;
Dezs˝ o Csallány, Les monuments de l’industrie byzantine de métaux I. Acta Antiqua Aca-
demiae Scientiarum Hungaricae 2, 1954, 340ff.; Joachim Werner, Zwei gegossene kopti-
sche Bronzeflaschen aus Salona. Zbornik Radova Posvec´enik Michael Abramic´u 1. Vjes-
nik za Arheologiju i Historiju Dalmatinsku 56/59, 1954/57, 115–128; ders., Byzantinische
Gürtelschnallen des 6. und 7. Jahrhunderts aus der Sammlung Diergardt. Kölner Jahrbuch
für Vor- und Frühgeschichte 1, 1955, 36–48; Dezs˝ o Csallány, Byzantinische Schnallen
und Gürtelbeschläge mit Maskenmuster. Acta Antiqua Academiae Scientiarum Hungari-
cae 10, 1962, 55–77; Syna Uenze, Die Schnallen mit Riemenschlaufe aus dem 6. und
7. Jahrhundert. Bayerische Vorgeschichtsblätter 31, 1966, 142–181; Gerhard Fingerlin,
Eine Schnalle mediterraner Form aus dem Reihengräberfeld Güttingen, Ldkrs. Konstanz.
Badische Fundberichte 23, 1967, 159–184; ders., Imitationsformen byzantinischer Körb-
chen-Ohrringe nördlich der Alpen. Fundberichte aus Baden-Württemberg 1, 1974,
597–627.
370 Jörg Drauschke
daher auf die Frage gerichtet, welche Formen überhaupt verlässlich aus dem
Mittelmeerraum und – wenn möglich – aus welchen Regionen dort herge-
leitet werden können.
Gleichsam als Vorbemerkung wird diskutiert, ob der Begriff „byzanti-
nisch“ nicht einer stärkeren inhaltlichen Definition bedarf und alternative
Benennungen für eine Reihe der bekannten Materialgattungen nicht sinn-
voller wären. Diese Frage stellt sich zwangsläufig nach einer kritischen Sich-
tung der möglichen Herkunftsregionen. An das Resumé des Formenspek-
trums schließen sich Bemerkungen zu den Wegen und Formen an, die die
Überführung der Objekte nach Nordwesteuropa betreffen. Der häufige Ge-
brauch der Bezeichnungen „Import“ und „Fernhandelsgüter“ in Bezug auf
mediterrane Funde zeigt, dass hauptsächlich handelstechnische Modalitä-
ten für deren Transport in den Westen und Norden verantwortlich gemacht
werden. Dies ist anhand der zur Verfügung stehenden schriftlichen wie ar-
chäologischen Quellen zu überprüfen.
Während der Merowingerzeit sind vielfältige von Byzanz ausgehende
Einflüsse auf verschiedenen Ebenen belegbar, welche den Hintergrund für
jeden nachweisbaren Kontakt liefern. Die Vorbildfunktion des kaiserlichen
Hofes in Konstantinopel und des gesamten staatlichen Hofzeremoniells
für die barbarischen Königreiche steht außer Zweifel. Durch deren Imita-
tion sollte der Herrschaftsanspruch legitimiert werden.
7
Dieser ideologisch
motivierte Vorgang lässt sich als imitatio imperii im geistig-ideellen Bereich
bezeichnen.
8
Eine imitatio im profaneren Kontext, die auch in der materiel-
len Kultur fassbar ist, hat erst jüngst H. Schach-Dörges im Zusammenhang
mit gedrechselten Liegemöbeln in Gräbern des 6. Jahrhunderts nachweisen
können.
9
Auf dieser Ebene bewegt sich auch die von H. Vierck und
M. Schulze-Dörrlamm herausgearbeitete Aneignung mediterran-byzantini-
7
Helmut Buschhausen, Byzantinische Repräsentationskultur. Gold, Silber, Seide, Elfen-
bein. In: Falko Daim (Hrsg.), Hunnen und Awaren. Reitervölker aus dem Osten (Eisen-
stadt 1996) 238–240.
8
Besonders deutlich anlässlich der Ereignisse in Tours im Jahre 508, als Chlodwig die Ver-
leihung der Insignien königlicher Würde durch den Kaiser von Konstantinopel und damit
seine staatsrechtliche Anerkennung feiert und eindeutig an spätantik-frühbyzantinische
Hofzeremonielle anknüpft; Karl Hauck, Von einer spätantiken Randkultur zum karolin-
gischen Europa. Frühmittelalterliche Studien 1, 1967, 3–93, hier 30–37; Michael McCor-
mick, Clovis at Tours, Byzantine public ritual and the origins of medieval ruler symbo-
lism. In: Evangelos K. Chrysos/Andreas Schwarcz (Hrsg.), Das Reich und die Barbaren.
Veröffentlichungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 29 (Wien, Köln
1989) 155–180, hier 163–171.
9
Helga Schach-Dörges, Imitatio imperii im Bestattungsbrauch? Germania 83,1, 2005,
127–150.
Herkunft und Vermittlung „byzantinischer Importe“ 371
scher Vorbilder und Moden.
10
Die Übernahme gewisser Modeerscheinun-
gen – man denke beispielsweise an die in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhun-
derts aufkommende Mode, den Umhang der Frau mit einer anstatt mit
zwei Fibeln zu verschließen
11
– bedingte zwangsläufig die Nachahmung
mittelmeerischer Objekte selbst, wie M. Schulze-Dörrlamm zuletzt an
Knebelverschlüssen und gleicharmigen Bügelfibeln aufgezeigt hat.
12
Wertvolle Nachrichten zu den nach Mittel- und Westeuropa vermittel-
ten Waren kann man den schriftlichen Quellen entnehmen, die bereits
mehrfach im Hinblick auf mediterrane Handelsgüter untersucht worden
sind.
13
Bis auf wenige Ausnahmen (zum Beispiel Gewürze und Textilien)
überschneiden sich die von Archäologie und historischer Überlieferung
nachgewiesenen mediterranen Produkte nicht. Um das Bild zu vervollstän-
digen, sei außerdem auf indirekt erschließbare Rohstoffe verwiesen, die zur
Produktion bestimmter Waren nördlich der Alpen vorausgesetzt werden
müssen. Dazu zählen unter anderem das zur Feuervergoldung nötige
Quecksilber und das in der Glasherstellung bis in das 8. Jahrhundert hinein
verwendete mineralische Soda.
14
Gegenstand dieses Beitrags sind aber die
10
Hayo Vierck, Werke des Eligius. In: Georg Kossack/Günter Ulbert (Hrsg.), Studien zur vor-
und frühgeschichtlichen Archäologie. Festschrift J. Werner. Münchner Beiträge zur Vor- und
Frühgeschichte, Ergänzungsband 1,II (München 1974) 309–380; Mechthild Schulze, Ein-
flüsse byzantinischer Prunkgewänder auf die fränkische Frauentracht. Archäologisches Kor-
respondenzblatt 6, 1976, 149–161; Hayo Vierck, La „Chemise de Sainte Bathilde“ à Chelles
et l’influence byzantine sur l’art de cour Mérovingien au VII
e
siècle. In: Centenaire de
l’Abbé Cochet (Rouen 1978) 521–570 bes. 522ff.; ders., Imitatio imperii und interpretatio Ger-
manica vor der Wikingerzeit. In: Rudolf Zeitler (Hrsg.), Les pays du nord et Byzance (Scan-
dinavie et Byzance). Figura N. S. 19 (Uppsala 1981) 64–113 bes. 90ff.
11
Max Martin, Tradition und Wandel der fibelgeschmückten frühmittelalterlichen Frauen-
kleidung. Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz 38, 1991,
629–680 bes. 649.
12
Mechthild Schulze-Dörrlamm, Byzantinische Knebelverschlüsse des frühen Mittelalters.
Germania 80, 2002, 571–594 bes. 585f.; dies., Gleicharmige Bügelfibeln der Zeit um 600 aus
dem byzantinischen Reich. Archäologisches Korrespondenzblatt 33, 2003, 437–444 bes. 440.
13
Adriaan Verhulst, Der Handel im Merowingerreich: Gesamtdarstellung nach schriftlichen
Quellen. Antikvarisk Arkiv 39 = Early Medieval Studies 2, 1970, 2–54, hier 24; Dagmar
Schwärzel, Handel und Verkehr des Merowingerreiches nach den schriftlichen Quellen.
Kleine Schriften aus dem Vorgeschichtlichen Seminar Marburg 14 (Marburg 1983) 2–6;
Dietrich Claude, Der Handel im westlichen Mittelmeer während des Frühmittelalters.
Untersuchungen zu Handel und Verkehr der vor- und frühgeschichtlichen Zeit in Mittel-
und Nordeuropa II. Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften Göttingen, phil.-
hist. Kl., 3. Folge 144 (Göttingen 1985) 83–95.
14
Helmut Roth, Handel und Gewerbe vom 6. bis 8. Jh. östlich des Rheins. Vierteljahrschrift
für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 58, 1971, 323–358, hier 356; Pause, Orient (Anm. 1)
48–49. – Karl Hans Wedepohl, Mittelalterliches Glas in Mitteleuropa. Zusammensetzung,
Herstellung, Rohstoffe. Nachrichten der Akademie der Wissenschaften Göttingen II. Ma-
thematisch-Physikalische Klasse, 1998,1 (Göttingen 1998) 10–13; 34f.
372 Jörg Drauschke
tatsächlich aus dem Mittelmeerraum beziehungsweise aus dem Byzantini-
schen Reich nach Nordwesteuropa gelangten Objekte. Die Überlieferung
dieser Objekte ist fast ausschließlich an die Beigabenausstattung der Rei-
hengräber gebunden, so dass man sich des ausschnitthaften Charakters des
Materials bewusst sein sollte.
Der „byzantinische“ Charakter der mediterranen Funde
Wie in den folgenden Ausführungen deutlich werden wird, sind vom aus-
gehenden 5. Jahrhundert bis in die Zeit um 700 Beziehungen zwischen
dem byzantinisch beherrschten östlichen Mittelmeerraum und Nordwest-
europa stärker über Objekte fassbar, die man kaum unter dem Begriff
„byzantinisch“ subsumieren kann, weswegen „orientalisch“ als Sammel-
bezeichnung gewählt wurde.
15
Außerdem lagen die Produktionsstätten
einiger ganz typischer „byzantinischer“ Artefakte während des hier betrach-
teten Zeitraums mit hoher Wahrscheinlichkeit im westmediterran-itali-
schen Raum oder dem nordwestlichen Balkangebiet. Zu dieser Gruppe
zählen einige frühmerowingerzeitliche Schnallen sowie Spangenhelme, die
meisten Silberlöffel, alle Körbchenohrringe und Stengelgläser, einige
Schnallentypen des 6. und 7. Jahrhunderts sowie diverse Gewichte und eine
Anzahl von byzantinischen Münzen, vielleicht auch einige Prunkspathen.
Bei den Fibeln handelt es sich im Kern höchstwahrscheinlich um ostmedi-
terrane Objekte, die aber erst sekundär als Gewandschließen verwendet
wurden. Daneben lassen sich einige Objektgruppen – zum Beispiel im Be-
reich der Gürtelschnallen – anführen, die häufig als „byzantinisch“ einge-
stuft werden, bei denen es sich jedoch letztendlich um lokale Produkte
handelt, die mediterrane Elemente aufnehmen.
Um den recht unterschiedlichen Bezügen der einzelnen Objektgruppen
gerecht zu werden, ist eine stärkere begriffliche Differenzierung mediterra-
ner Erzeugnisse hilfreich. Allzuoft wird mit dem zentralen Begriff „byzan-
tinisch“ in erster Linie der Kernraum des Reiches im Osten und die Haupt-
stadt Konstantinopel selbst verbunden – eine Herkunftsbezeichnung, die
für viele der hier besprochenen Materialgruppen nicht zutreffend ist und
den Blick auf die wahren Bezugssysteme verstellt, auch wenn damit die sti-
listisch-typologischen Beziehungen der einzelnen Artefakte korrekt ange-
geben sind.
15
Roth, Handel (Anm. 14) 350; Jörg Drauschke, Zwischen Handel und Geschenk. Studien
zur Distribution von Waren im östlichen Merowingerreich des 6. und 7. Jahrhunderts an-
hand orientalischer und lokaler Produkte, phil. Diss. (Freiburg 2005).
Herkunft und Vermittlung „byzantinischer Importe“ 373
Bei der Analyse der tatsächlich aus dem Mittelmeerraum eingeführten
Objekte ist die stilistisch-typologische Klassifizierung von der Lokalisierung
von Produktionsstätten der jeweiligen Objekte zu unterscheiden – wobei die
inhaltliche Definition von „byzantinisch“ als typologischem Werkzeug je
nach Materialgattung sehr unterschiedlich ausfallen kann. Grundlagen dafür
legte u. a. um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert A. Riegl, der in der
spätrömischen Kunst ein „fernsichtig-koloristisches Kunstwollen“ identifi-
zierte, dessen „reifste Ausdrucksform“ die Granateinlage sei, welche sich an
den spätvölkerwanderungs- und frühmerowingerzeitlichen Schnallen mit
cloisonnierten Beschlägen – als Vorlage diente ihm eine Schnalle aus Apa-
hida – wiederfinden ließ.
16
Als weitere typische Merkmale galten ihm die
Durchbruchsornamentik, die das Aussehen der späteren Schnallen – Typ
Balgota beziehungsweise D 9 – und der Körbchenohrringe bestimmte, und
stilistische Details wie die Pflanzenornamentik, die in anderen, eindeutig
zeitgleichen Zusammenhängen wie der Architektur bekannt waren.
17
Seines
Erachtens war die Kleinkunst im „östlichen Binnenlande“ von einem ge-
meinsamen Grundcharakter geprägt und eine „in den Hauptzügen uniforme
und normative Kunst“.
18
Bereits kurze Zeit später erschienen bei N. Åberg
einige der von A. Riegl behandelten Schnallen unter den Funden „byzanti-
nischen Charakters“, wobei er darunter den materiellen Teil der nicht-germa-
nischen Kultur verstand, auf die die Ostgoten und Langobarden in Italien
stießen.
19
Damit war für die frühgeschichtliche Archäologie der Begriff von
„byzantinischen“ Kleinaltertümern definiert, typologisch-stilistische Merk-
male wurden im Anschluss für die einzelnen Objektgruppen weiter entwi-
ckelt und verfeinert. Diese Entwicklung verlief nahezu ohne Verbindung zur
Diskussion um den „byzantinischen“ Kunstbegriff in der Christlichen Ar-
chäologie und Byzantinischen Kunstgeschichte, die sich wiederum kaum auf
archäologische Kleinfunde bezieht.
20
16
Alois Riegl, Spätrömische Kunstindustrie (Wien 1901 [unveränderter Nachdruck 1927])
339f.
17
Riegl, Kunstindustrie (Anm. 16) 289–291; ders., Oströmische Beiträge. In: ders. (Hrsg.),
Beiträge zur Kunstgeschichte. Festschrift F. Wickhoff (Wien 1903) 1–11, hier 3.
18
Riegl, Beiträge (Anm. 17) 11. – Im Gegensatz dazu steht die Kunstauffassung E. Kitzingers,
der die frühbyzantinische Kunst keinesfalls als einheitlich ansieht, sondern als bisweilen
zusammenhanglose Abfolge und gegebenenfalls Gleichzeitigkeit gewisser „Strömungen“
in den verschiedenen Bereichen des Mittelmeeres; Ernst Kitzinger, Byzantinische Kunst
im Werden. Stilentwicklungen in der Mittelmeerkunst vom 3. bis 7. Jahrhundert (Köln
1984) 11ff.
19
Nils Åberg, Die Goten und Langobarden in Italien. Arbeiten utgifna med understöd af
Vilhelm Ekmans Universitetsfond 29 (Uppsala u. a. 1923) VI; 12f.; 122ff.
20
Vgl. hierzu Kitzinger, Kunst (Anm. 18); Rainer Warland, s. v. Byzantinische Kunst. In: Le-
xikon für Theologie und Kirche 2 (Freiburg 1994) 863–867; Cyril Mango, Introduction.
374 Jörg Drauschke
Zur Lokalisierung von Produktionsstätten kommt der Verbreitung der
Funde weiterhin eine große Bedeutung zu, zumal der Forschungsstand er-
hebliche Fortschritte gemacht hat und nun auf einer je nach Objektgattung
mehr oder weniger repräsentativen Materialbasis verlässliche Aussagen zur
Verteilung auch im Bereich des Mittelmeeres gemacht werden können.
21
Dagegen führt eine alleinige Fixierung auf vermeintlich typisch byzantini-
sche Charakteristika unter Umständen dazu, Fundgruppen ohne derartige
spezifische Merkmale, aber tatsächlich östlicher Provenienz nicht wahrzu-
nehmen. Nur über eine Kombination von Merkmalen und Fundverteilun-
gen gelangt man zu exakteren und abgesicherteren Aussagen bezüglich der
vermeintlichen Herkunft der jeweiligen Objekte.
Allerdings sind die stilistische Ausprägung eines Typs, die immer auch
ein Spiegel der Vorstellungen einer Gesellschaft vom „richtigen“ Aussehen
des betreffenden Gegenstandes ist und daher Aussagen über dahinter ste-
hende kulturelle Traditionen zulässt, und die Verbreitung des Typs sich er-
gänzende, aber nicht immer kongruente Größen. Vielfach sind typologisch
eindeutig „byzantinische“ Funde außerhalb der Reichsgrenzen wesentlich
häufiger aufgefunden worden, was in den unterschiedlichen Überliefe-
rungsbedingungen, vor allem in der bei den Barbaren extensiv ausgeübten
Beigabensitte begründet liegt. Allerdings ist damit zu rechnen, dass typisch
„byzantinische“ Objekte auch jenseits der Grenzen produziert worden sind.
Wie F. Daim betont hat, kann mit einer byzantinischen Gussform auch tief
im Barbaricum nur ein byzantinisches Produkt hergestellt worden sein.
Die Frage der Produktionsorte ist daher mit einer stilistisch-typolo-
gischen Methodik allein nicht zu beantworten, denn es stellt sich die Frage,
was noch als „byzantinisch“ und was schon als „barbarische, lokale Nach-
schöpfung“ zu gelten hat.
22
Dieses Problem ist in den direkten Kontakt-
zonen zwischen Barbaren und Römern/Byzantinern, zum Beispiel im lan-
In: ders. (Hrsg.), The Oxford history of Byzantium (Oxford 2002) 3f. (am Beispiel des Jus-
tiniansmosaiks von San Vitale, Ravenna); 13ff. (zum Wesen der byzantinischen Kultur). –
Teilweise wird der Begriff „byzantinisch“ auch nur auf das Kunstschaffen des östlichen
Mittelmeerraumes bezogen.
21
Zum Beispiel in Bezug auf die Gürtelschnallen; vgl. den Katalog von Mechthild Schulze-
Dörrlamm, Byzantinische Gürtelschnallen und Gürtelbeschläge im Römisch-Germani-
schen Zentralmuseum I. Kataloge vor- und frühgeschichtlicher Altertümer 30,I (Mainz
2002). – Die Verbreitung als Kriterium betonen auch Michel Kazanski u. a., Byzance et les
royaumes barbares d’Occident au début de l’époque mérovingienne. In: Jaroslav Tejral
(Hrsg.), Probleme der frühen Merowingerzeit im Mitteldonauraum. Spisy Archeologického
Ústavu AV CR Brno 19 (Brno 2002) 159–193, hier 159, die den Begriff „byzantinisch“ nur
für Objekte gelten lassen, die über Parallelfunde im Mittelmeerraum nachgewiesen sind.
22
Falko Daim, „Byzantinische“ Gürtelgarnituren des 8. Jahrhunderts. In: ders., Awaren
(Anm. 1) 77–204, hier 81.
Herkunft und Vermittlung „byzantinischer Importe“ 375
gobardenzeitlichen Italien, noch schwerwiegender. Gerade im weiterhin
zum Byzantinischen Reich gehörenden Rom hat sich durch die Funde aus
der Crypta Balbi gezeigt, dass bislang als „byzantinisch“ und als „germa-
nisch“ klassifizierte Funde durchaus in derselben Werkstatt gefertigt wor-
den sind.
23
Ergänzt werden sollte der Kriterienkanon daher durch technisch-
naturwissenschaftliche Untersuchungen, die einerseits Auskunft über die
verwendeten Rohstoffe und deren Provenienz geben und andererseits
handwerkliche Verfahrensweisen offen legen können, deren Traditionen
wiederum auf das Entstehungsmilieu rückschließen lassen. So hat zum Bei-
spiel hat F. Daim anhand eines scharf definierten Kriterienkatalogs, in dem
die technischen Analysen einen zentralen Platz einnehmen, einige Gürtel-
typen byzantinischer Produktion unter den vielteiligen Gürteln des 8. Jahr-
hunderts im Awarenreich identifizieren können.
24
Angesichts der möglichen Unschärfen bei der Lokalisierung von Produk-
tionsorten im Mittelmeerraum scheint es angebracht, dem Beispiel einiger
Studien zu folgen
25
und die infrage kommenden Fundtypen zunächst als
„mediterran“ zu bezeichnen, was gegebenenfalls noch um „ost-“ oder
„west-“ zu ergänzen ist. Lassen sich darüber hinaus noch engere Bezüge zu
bestimmten Regionen oder Provinzen herstellen, könnte eine weitere Unter-
teilung in italisch-byzantinisch und afrikanisch-byzantinisch oder balka-
nisch-byzantinisch erfolgen.
26
Im Osten des Mittelmeeres ist der Kern des
Byzantinischen Reiches um Konstantinopel herum zu unterschieden vom
nördlichen Schwarzmeergebiet und von den Provinzen im Nahen Osten
und in Ägypten. Die Erforschung der materiellen Kultur im Mittelmeerraum
des 5. bis 7. Jahrhunderts ist soweit fortgeschritten, dass derartige Zuweisun-
gen für einige Objektgruppen bereits möglich sind. Es ist gleichzeitig eine
Voraussetzung dafür, die unterschiedliche Provenienz der mediterranen und
23
Marco Ricci, Relazioni culturali e scambi commerciali nell’Italia centrale romano-longo-
barda alla luce della Crypta Balbi in Roma. In: Lidia Paroli (Hrsg.), L’Italia centro-setten-
trionale in età longobarda (Firenze 1997) 239–273; Maria S. Arena u. a. (Hrsg.), Roma
dall’Antichità al Medioevo. Archeologia e Storia. Nel Museo Nazionale Romano Crypta
Balbi (Roma, Milano 2001) 266ff.
24
Daim, Gürtelgarnituren (Anm. 22) 86ff., zum „Dreisäulenmodell der Archäologie“, das es
ermöglichen soll, Fundobjekte scharf zu definieren, mögliche Imitate auszuschließen und
in einer erweiterten Form auch die Geschwindigkeit der Vermittlung beziehungsweise Re-
zeption einzubeziehen.
25
Fingerlin, Schnalle (Anm. 6); Michel Kazanski, Les plaques-boucles méditerranéennes des
V
e
–VI
e
siècles. Archéologie Médiévale (Paris) 24, 1994, 137–198; Dieter Quast, Garnitures
des ceintures méditerranéennes à plaques cloisonnées des V
e
et début VI
e
siècles. Antiqui-
tés Nationales 31, 1999, 233–250.
26
Zur Möglichkeit einer derartigen Differenzierung siehe auch Garam, Funde (Anm. 1) 12f.
376 Jörg Drauschke
orientalischen Funde im nordwestlichen Europa zu bestimmen und darüber
Bezüge zu den verschiedenen Regionen des Mittelmeeres herzustellen.
Die mediterranen Funde der frühesten Merowingerzeit
Schon mit dem Beginn des eigentlichen „Reihengräberhorizontes“ in der
zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts fassen wir im Fundstoff Mittel- und
Westeuropas verstärkt Objekte, die mit großer Wahrscheinlichkeit einen
mediterranen Ursprung besitzen. Einen Schwerpunkt bilden hierbei die
Goldgriff- und andere Prunkspathen (Abb. 1). Ausgehend von den Schwer-
tern des Childerichgrabes – zu dem einige sicher spätrömisch/frühbyzanti-
nische Objekte zählen, wie die Zwiebelknopffibel der Form Keller 6
27
– und
ihrer cloisonnierten Bestandteile waren die möglichen Herstellungsorte
schon im 19. Jahrhundert Anlass zu kontroversen Diskussionen. So wurde
ihr Ursprung bei byzantinischen Handwerkern und deren „fränkischen“
Schülern, die die Stücke an einem fränkischen Königshof produziert haben
sollen, aber auch bei Ostgoten und Hunnen in Südrussland beziehungs-
weise Ungarn gesucht.
28
Die stilistischen Verbindungen dorthin wurden
auch in der Folgezeit betont, eine Fertigung aber vornehmlich in Mitteleu-
ropa angenommen
29
, was gerade die Gliederung der Goldgriffspathen in
fränkische und alamannische Typen deutlich macht
30
.
27
Patrick Périn/Michel Kazanski, Das Grab Childerichs I. In: Alfried Wieczorek u. a.
(Hrsg.), Die Franken. Wegbereiter Europas (Mainz 1996) 173–182.
28
Holger Arbmann, Les épées du tombeau de Childéric. Årsberättelse (Lund) 1947/48,
97–137, hier 124ff., mit älterer Literatur.
29
Kurt Böhner, s. v. Childerich von Tournai III. Archäologisches. In: Reallexikon der Germani-
schen Altertumskunde 4 (Berlin, New York 1981) 441–460 bes. 442ff.; 455ff.; Irina P. Zaseck-
aja, Klassifikacija polichrommnych izdelij gunnskoj epochi po stilisticˇeskim dannym. In:
Drevnosti epochi velikogo pereselenija narodov V–VIII vekov (Moskva 1982) 14–30; 246–248.
30
Hermann Ament, Fränkische Adelsgräber von Flonheim in Rheinhessen. Germanische
Denkmäler der Völkerwanderungszeit B 5 (Berlin 1970) 51ff. Abb. 4f.; Wilfried Menghin,
Das Schwert im frühen Mittelalter. Wissenschaftliche Beibände zum Anzeiger des Germani-
schen Nationalmuseums 1 (Stuttgart 1983) 155ff.; 162 (Typen IIIa und b sowie IVa, b und c);
Kurt Böhner, Germanische Schwerter des 5./6. Jahrhunderts. Jahrbuch des Römisch-Germa-
nischen Zentralmuseums Mainz 34, 1987, 411–490, hier 421ff. (Typen B sowie C2–6); Max
Martin, Bemerkungen zur chronologischen Gliederung der frühen Merowingerzeit. Germa-
nia 67, 1989, 121–141 bes. 125ff. (Typen B1–3). – Die hauptsächlich auf dem Cloisonné-Be-
satz basierende ethnische Ansprache der Spathen wurde nicht zuletzt durch die Neufunde
aus Villingendorf, Kr. Rottweil (C. Sebastian Sommer, Ein neues alamannisches Gräberfeld
in Villingendorf, Kreis Rottweil. Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1996,
221–223) und Bräunlingen, Schwarzwald-Baar-Kreis (Gerhard Fingerlin, Bräunlingen. Ein
frühmerowingerzeitlicher Adelssitz an der Römerstraße durch den südlichen Schwarzwald.
Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1997, 146–148) infrage gestellt.
Herkunft und Vermittlung „byzantinischer Importe“ 377
Erst B. Arrhenius hielt in ihrer Studie zum merowingerzeitlichen Granat-
schmuck eine Herstellung der Schwerter des Childerichgrabes in Konstanti-
nopel selbst für möglich. Ihre Beurteilung fußte auf der Identifizierung von
gipshaltigem Zement als Klebstoff der Cloisonné-Verzierungen, der ihrer
Meinung nach nur in einem zentralen Atelier in Konstantinopel verwendet
worden sein konnte.
31
H. W. Böhme erweiterte diesen Ansatz und postulierte
schließlich eine mediterrane Herkunft für die meisten Schwerter dieses Typs.
Aufgrund des Inventars aus dem Childerichgrab vermutete er eine häufige
Vergabe von Amtsfibeln, Prunkgewändern, Subsidienzahlungen und Waf-
fenausrüstungen vom oströmischen Kaiser an gepidische und germanische
31
Birgit Arrhenius, Merovingian Garnet Jewellery. Emergence and social implications
(Stockholm 1985) bes. 98ff.
Abb. 1. Verbreitung der Goldgriffspathen und anderer Prunkschwerter
(nach Böhme, Goldgriffspathen [Anm. 1] 81, Abb. 7 mit Ergänzungen)
378 Jörg Drauschke
Anführer. Dies soll ein 476/477 durch die Vermittlung von Odoaker zwi-
schen Childerich und dem byzantinischen Kaiser geschlossener Vertrag er-
möglicht haben. Er leitete gleichzeitig einen Zustrom mediterraner Güter
nach Mitteleuropa ein, den es vorher nicht gegeben hatte, da bislang nur Ver-
träge mit Machthabern in Gallien geschlossen worden waren.
32
Ein wichtiger Aspekt hinsichtlich der Herkunft der Prunkspathen war ihre
Vergesellschaftung mit mediterranen Schnallen. Die Literatur gerade zur Mate-
rialgattung der frühmerowingerzeitlichen Gürtelschnallen und -beschläge
mediterraner Herkunft ist in den letzten Jahren enorm angewachsen.
33
Durch die Vorlage der Sammlung des Römisch-Germanischen Zentralmuseums
in Mainz durch M. Schulze-Dörrlamm erfuhren sie darüber hinaus eine neue
typologische Klassifikation.
34
Somit sind wir über das Spektrum mediterra-
ner Schnallen von der zweiten Hälfte des 5. bis zur ersten Hälfte des 6. Jahr-
hunderts mittlerweile sehr gut unterrrichtet; Vergleich und Einordnung der
nördlich der Alpen gefundenen Exemplare ist weitestgehend möglich. Es
handelt sich in erster Linie um Schnallen aus Gold oder vergoldeter Bronze
mit cloisonnierten, rechteckigen, D- oder nierenförmigen Beschlägen,
Schnallen aus Meerschaum bzw. Magnesit, Kristallschnallen (Abb. 2) und
herzförmige Schnallen sowie wenige andere Sonderformen.
35
32
Böhme, Goldgriffspathen (Anm. 1) bes. 100f.
33
Eine mediterrane Herkunft der Goldschnalle mit nierenförmigem, cloisonniertem Be-
schlag aus Apahida vermutete bereits Riegl, Kunstindustrie (Anm. 16) 339f. – Weitere Li-
teratur zu den frühmerowingerzeitlichen, mediterranen Schnallen (in Auswahl): Joachim
Werner, Zu den donauländischen Beziehungen des alamannischen Gräberfeldes am alten
Gotterbarmweg in Basel. In: Rudolf Degen u. a. (Hrsg.), Helvetia Antiqua. Festschrift E.
Vogt (Zürich 1966) 283–292; Ament, Flonheim (Anm. 30) 30f.; Joachim Werner, Archäo-
logische Bemerkungen zu den dendrochronologischen Befunden von Oberflacht. Fund-
berichte aus Baden-Württemberg 1, 1974, 650–657, hier 654; Volker Bierbrauer, Die ostgo-
tischen Grab- und Schatzfunde in Italien. Biblioteca degli Studi Medievali 7 (Spoleto
1975) 160; Quast, Gültlingen (Anm. 5) 54; 133 Liste 3; Böhme, Goldgriffspathen (Anm. 1)
bes. 82; 98ff. u. Fundliste 1; Kazanski, Plaques-boucles (Anm. 25); Dieter Quast,
Schmuckstein- und Glasschnallen des 5. und frühen 6. Jahrhunderts aus dem östlichen
Mittelmeergebiet und dem Sasanidenreich. Archäologisches Korrespondenzblatt 26,
1996, 333–345; Karl von der Lohe, Die Gürtelgarnitur aus Grab SN–19b von Bremen-
Mahndorf. Byzantinische Mode an der Weser. In: Über allen Fronten. Nordwestdeutsch-
land zwischen Augustus und Karl dem Großen. Archäologische Mitteilungen aus Nord-
westdeutschland, Beiheft 26 (Oldenburg 1999) 135–140; Quast, Garnitures (Anm. 25);
Michael Herdick, Vom Mineral zum Prestigeobjekt. Überlegungen zur Fertigung und kul-
turhistorischen Bedeutung der Meerschaum- und Magnesitschnallen. Concilium medii
aevi 3, 2000, 327–347; Quast, Kontakte (Anm. 1) 444–446 Listen 1–3, Abb. 3–6.
34
Schulze-Dörrlamm, Gürtelschnallen (Anm. 21).
35
Vgl. Anm. 33–34; Werner, Bemerkungen (Anm. 33) 650–657. – D. Quast wies auf eine
Gruppe von runden, cloisonnierten Gürtelbeschlägen ostmediterraner Provenienz hin,
die nördlich der Alpen in sekundärer Verwendung als Fibeln getragen wurden (Schwen-
ningen Grab 4/1938; Weingarten Grab 189); Quast, Gürtelbeschlag (Anm. 1).
Herkunft und Vermittlung „byzantinischer Importe“ 379
Um den Bereich der Waffen und Waffengürtel abzuschließen, muss au-
ßerdem auf die schmalen Langsaxe verwiesen werden, die in der zweiten
Hälfte des 5. Jahrhunderts dicht von der unteren Donau bis nach Ostfrank-
reich verbreitet sind (Abb. 3). Ihre Entwicklung im reiternomadischen
Milieu steht wohl außer Frage, und ein Teil der heute bekannten Schwerter
wird über die Hunnen in diesen Raum vermittelt worden sein.
36
Ein Paral-
lelfund aus Sardis in Kleinasien, also dem byzantinischen Kerngebiet, und
die Vermutung einer Fertigung der Waffen des Childerich in Konstantino-
pel lassen die Herkunft auch der Exemplare jenseits der Reichsgrenzen aus
dem Oströmischen Reich durchaus möglich erscheinen. Eine Vorausset-
36
Helga Schach-Dörges, Das frühmittelalterliche Gräberfeld bei Aldingen am mittleren Ne-
ckar. Materialhefte zur Archäologie in Baden-Württemberg 74 (Stuttgart 2004) 68.
Abb. 2. Verbreitung der Kristallschnallen (nach Quast, Kontakte [Anm. 1] 436 Abb. 4)
380 Jörg Drauschke
Abb. 3. Grab 7 von Aldingen mit schmalem Langsax (nach Schach-Dörges, Aldingen
[Anm. 36] 96f. Abb. 35f.). – M 1:3, außer * M. 1:1 bzw. 1:4
Herkunft und Vermittlung „byzantinischer Importe“ 381
zung wäre, dass der schmale Langsax Eingang in die Bewaffnung des byzan-
tinischen Heeres gefunden hat.
37
Stammen die bislang besprochenen Funde fast ausschließlich aus reich
ausgestatteten Männergräbern, so sind byzantinische Silberlöffel (cochlearia)
auch in Frauengräbern zu finden. Ihre Erforschung wurde fast vollständig
von der Frage bestimmt, ob sie eine Funktion innerhalb des christlichen
Kultes erfüllten und somit über das Glaubensbekenntnis der Toten, zu
deren Ausstattung ein solcher Löffel gehörte, Aussagen treffen können.
Während in der älteren Forschung eine christliche und/oder liturgische
Interpretation der Löffel dominierte
38
, wird in den jüngeren Studien für die
nördlich der Alpen gefundenen Exemplare eine profane Deutung favori-
siert
39
. Die Silberlöffel der nördlich und westlich der Alpen gefundenen
Typen – es handelt sich bei den Exemplaren im Westen hauptsächlich um
die Formgruppen Isola Rizza, Desana, Barbing-Irlmauth und Lampsakos C
(Abb. 4) nach S. Hauser
40
– stammen, soweit ein Fundkontext überliefert
37
Dieter Quast, Auf der Suche nach fremden Männern. Die Herleitung schmaler Langsaxe
vor dem Hintergrund der alamannisch-donauländischen Kontakte der zweiten Hälfte des
5. Jahrhunderts. In: Thomas Fischer u. a. (Hrsg.), Germanen beiderseits des spätantiken
Limes. Spisy Archeologického Ústavu AV CR Brno 14 (Köln 1999) 115–128. – Zur Verbrei-
tung siehe auch: Ursula Koch, Das alamannisch-fränkische Gräberfeld bei Pleidelsheim.
Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg 60 (Stutt-
gart 2001) 279; Abb. 113 mit Liste 31.
38
Ernst Kitzinger, The Sutton Hoo ship-burial. The silver. Antiquity 14, 53, 1940, 40–63,
hier 59ff.; Hermann Dannheimer, Silberlöffel aus Reihengräbern. Bayerische Vorge-
schichtsblätter 30, 1965, 278; Harald v. Petrikovits, Frühchristliche Silberlöffel. In: Co-
rolla memoriae Erich Swoboda dedicata. Römische Forschungen in Niederösterreich 5
(Graz, Köln 1966) 173–182; Vladimir Milojcˇic´, Zu den spätkaiserzeitlichen und merowin-
gischen Silberlöffeln. Mit einem Beitrag von Hermann Vetters. Bericht der Römisch-Ger-
manischen Kommission 49, 1968, 111–152 bes. 122f.
39
Horst Wolfgang Böhme, Löffelbeigabe in spätrömischen Gräbern nördlich der Alpen. Jahr-
buch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz 17, 1970, 172–200 bes. 189f.;
Bierbrauer, Grab- und Schatzfunde (Anm. 33) 184ff.; Max Martin, Esslöffel/Weinsiebchen
und Toilettgerät. In: Herbert A. Cahn/Annemarie Kaufmann-Heinimann (Hrsg.), Der spät-
römische Silberschatz von Kaiseraugst. Basler Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte 9
(Derendingen 1984) 55–132 bes. 92; Stefan R. Hauser, Spätantike und frühbyzantinische Sil-
berlöffel. Jahrbuch für Antike und Christentum, Ergänzungsband 19 (Münster 1992) 82ff.
40
Hauser, Silberlöffel (Anm. 39). Der Fundliste sind mittlerweile hinzuzufügen: Grab 268
aus Eltville a. Rhein, Erbacher Straße, Rheingau-Taunus-Kreis, Gruppe „Desana“ 2.1 (ca.
470/480–510/520); Markus C. Blaich, Das frühmittelalterliche Gräberfeld von Eltville,
Rheingau-Taunus-Kreis. Fundberichte aus Hessen, Beiheft 2 = Hessische Forschungen zur
geschichtlichen Landes- und Volkskunde 44 (Kassel, Wiesbaden 2006) 452 Taf. 117,1.
– Frauengrab 180 aus Hechtsheim, Stadt Mainz, Gruppe „Lampsakos C“ mit Mono-
gramm IOHANNIS (erstes Drittel des 6. Jahrhunderts); Wieczorek, Franken (Anm. 27)
1025 Abb. – Grab 33 aus Niedernai „Kirchbuehl“, Dép. Bas-Rhin, Vorform Gruppe „De-
sana“ aus dem 4. bis frühen 5. Jahrhundert (Grablege um 500); Marianne Zehnacker, Nie-
dernai. Une necropole du V
e
et VI
e
siècle après J. C. Fouilles recentes 4. In: Bernadette
382 Jörg Drauschke
ist, aus durchweg sehr reich ausgestatten Gräbern von Männern und
Frauen, die bis auf wenige Ausnahmen der Stufe AM I nach H. Ament an-
gehören.
41
Aus dem Mittelmeerraum sind vor allem als Bestandteile von
Schatzfunden bzw. Kirchenschätzen bekannt.
Schnitzler (Hrsg.), À l’aube du Moyen Age. L’Alsace mérovingienne. Les collections du
Musée Archéologique 5 (Strasbourg 1997) 89–137, hier 114–118 Abb. 9f. – Prunkgrab von
Prittlewell, Essex (Grablege erste Hälfte des 7. Jahrhunderts). The Prittlewell Prince. The
discovery of a rich Anglo-Saxon burial in Essex (London 2004) 28f. Abb. S. 29, 40; vgl. au-
ßerdem den Beitrag von Lyn Blackmore in diesem Band.
41
Der Löffel aus Grab 1/1958 von Speyer-Germansberg gelangte dem Befund entsprechend
erst im zweiten Drittel des 6. Jahrhunderts in den Boden. In die erste Hälfte des 7. Jahr-
hunderts gehören die Löffel aus Sutton Hoo und Prittlewell.
Abb. 4. Frühbyzantinische Silberlöffel. 1 Krefeld-Gellep Grab 1782 (Typ Isola Rizza); 2 Lau-
sanne, Bois de Vaux Frauengrab (Typ Desana); 3 Barbing-Irlmauth Grab 19 (Typ Barbing-Irl-
mauth); 4 Sutton Hoo, Schiffsgrab (Typ Lampsakos C Var. 1); 5 Erfurt-Gispersleben, Frauen-
grab (Typ Lampsakos C Var. 2). (1–3.5 nach Hauser, Silberlöffel [Anm. 39], Taf. 4a; 8a; 14a;
22c; 4 nach Kitzinger, Silver [Anm. 38] 55 Fig. 5)
Herkunft und Vermittlung „byzantinischer Importe“ 383
Mit den folgenden Objektgruppen verlassen wir nun den engeren Rah-
men der frühesten Merowingerzeit, da sie – besonders auch außerhalb des
Reihengräberkreises – durchaus in jüngeren Fundkontexten zutage kamen.
Dabei handelt es sich zum Beispiel um die Spangenhelme vom Typ Balden-
heim, die gelegentlich mit den bereits vorgestellten Prunkschwertern und
Gürtelschnallen sowie anderen mediterranen Gegenständen in denselben
Gräbern vergesellschaftet sind.
42
Die Forschungsgeschichte dieser Helme
ist – ähnlich wie die der Childerichwaffen – durch unterschiedlichste
Herkunftszuweisungen gekennzeichnet: vorderasiatische, „koptische“, ita-
lisch-ostgotische und rein fränkische Zuweisungen dominierten die Dis-
kussion
43
, bis J. Werner die bekannten Exemplare angesichts von Neufun-
den aus den Zerstörungsschichten frühbyzantinischer Städte auf dem
Balkan als byzantinische Offiziershelme ansprach und für die Mehrzahl
eine Herstellung im östlichen Byzantinischen Reich, vielleicht sogar in
zentralen fabricae der Hauptstadt, favorisierte
44
. D. Quast bestätigte wenig
später diesen Ansatz und kam aufgrund verschiedener Indizien zu dem
Schluss, dass alle Helme vom Typ Baldenheim aus oströmischen Werkstät-
ten stammen würden.
45
Im archäologischen Befund aus naheliegenden Gründen sehr selten
sind Nachweise von exotischen Textilien. Für eine „byzantinische“ Herkunft
kommen insbesondere Seidenstoffe infrage. Da sich die Manufakturen im
Byzantinischen Reich jedoch hinsichtlich der Muster und Farben an sasa-
nidischen Webereien orientierten, ist es heute nur schwer möglich, die frü-
hen Produkte der beiden Reiche zu unterscheiden.
46
Dabei ist anhand ver-
42
Helmgrab von Gültlingen (Schnalle, Spatha); Helmgrab von Entringen (Spatha); Helm-
grab von Planig (Spatha, Schwertanhänger aus Meerschaum, Seidentextilien [?], Solidus
Leon I. [Con.?]); Prunkgrab von Morken (Schwertanhänger aus Meerschaum, Seidentex-
tilien, Solidus Tiberios I. [Con.]); Krefeld-Gellep Grab 1782 (Silberlöffel). Weiterführende
Literatur bei: Quast, Gültlingen (Anm. 5) 131f. Liste 2; Kurt Böhner, Die frühmittelalter-
lichen Spangenhelme und die nordischen Helme der Vendelzeit. Jahrbuch des Römisch-
Germanischen Zentralmuseums Mainz 41, 1994, 471–549. In Rechnung zu stellen ist die
geringe Zahl von Helmen, die aus geschlossenen Grabkontexten stammen.
43
Zur frühen Forschungsgeschichte siehe Quast, Gültlingen (Anm. 5) 30.
44
Werner, Spangenhelme (Anm. 1) 523ff.
45
Quast, Gültlingen (Anm. 5) 36ff. So fanden sich die besten ornamentalen Entsprechun-
gen für die Verzierungen der Stirnbänder im östlichen Mittelmeerraum, und eine Analyse
der Merkmalskombinationen ließ keine weiteren Rückschlüsse auf geografisch abgrenz-
bare Gruppen zu.
46
Helmut Roth, Seidenstoffe des 4. bis 9. Jh. in Westeuropa. In: Geld aus China. Kunst
und Altertum am Rhein 108 (Köln, Bonn 1982) 110–115; Xinru Liu, Silk and religion.
An exploration of material life and the thought of people, AD 600–1200 (Delhi et al. 1996)
21.
384 Jörg Drauschke
schiedener Gründe die Aufnahme der Seidenweberei im Byzantinischen
Reich bereits vor dem legendären Datum von 552 anzunehmen.
47
Bislang
liegen in Mitteleuropa als sicherer Nachweis der frühen Merowingerzeit
Reste eines blauen Seidenkleids aus Grab 974 von Lauchheim „Wasserfur-
che“ vor, außerdem konnte im Grab ein Baumwollfaden nachgewiesen wer-
den.
48
Botanische Reste exotischer Pflanzen sind bereits aus der Zeit um 500
in Schleitheim in Form von Weihrauchspuren nachgewiesen.
49
Byzantinische Glasgefäße bleiben in der frühen Merowingerzeit äußerst
selten. Ein herausragendes Einzelstück ist die Glasflasche aus Grab 51 von
Bräunlingen, Schwarzwald-Baar-Kreis, das in das dritte Viertel des 5. Jahr-
hunderts datiert werden kann.
50
Die knapp 40 cm hohe, schmale Glasfla-
sche mit geriefelter Oberfläche lässt sich recht überzeugend mit syrischen
Glasgefäßen parallelisieren, zum Beispiel einer Flasche aus Palmyra.
51
Ver-
47
Die Legende, nach der zwei Mönche die Seidenverarbeitung in China ergründeten und
Raupeneier des Maulbeerseidenspinners (bombyx mori) in den Westen schmuggelten,
ist anzuzweifeln, da die Seidentechnologie gemäß chinesischer Quellen gar kein Ge-
heimnis war; Liu, Silk (Anm. 46) 74 Anm. 1. Aufgrund der hohen Komplexität der Sei-
denproduktion ist ihre Anwendung quasi „über Nacht“ außerdem nahezu ausgeschlos-
sen. Schließlich liegen mittlerweile aus Syrien Nachweise von Seidenraupen vor, die
bereits in das 5. Jahrhundert gehören; Anna Muthesius, Essential processes, looms, and
technical aspects of the production of silk textiles. In: Laiou, History (Anm. 4) 147–168,
hier 150.
48
Ingo Stork, Lauchheim, Ostalbkreis 1994 – frühe Phasen des großen Gräberfelds der Me-
rowingerzeit. Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1994, 212–216, hier
216; Johanna Banck-Burgess, An Webstuhl und Webrahmen. Alamannisches Textilhand-
werk. In: Die Alamannen (Stuttgart 1997) 371–378 bes. 375; 377; dies., Ein merowinger-
zeitlicher Baumsarg aus Lauchheim/Ostalbkreis – Zur Bergung und Dokumentation der
Textilfunde. In: Lise Bender Jørgensen (Hrsg.), Textiles in Europaean archaeology. 6th NE-
SAT Symposium Borås 1996. GOTARC Ser. A 1 (Göteborg 1998) 115–124; Ingo Stork,
Fürst und Bauer, Heide und Christ. 10 Jahre archäologische Forschungen in Lauchheim/
Ostalbkreis. Archäologische Informationen aus Baden-Württemberg 29
2
= Schriften des
Alamannenmuseums Ellwangen 1 (Ellwangen 2001) II. – Die Identifizierung von Seide im
Helmgrab von Planig (Gudula Zeller, Die fränkischen Altertümer des nördlichen Rhein-
hessen. Germanische Denkmäler der Völkerwanderungszeit B 15 [Stuttgart 1992] 181ff.)
bedarf einer Überprüfung mittels moderner Methoden.
49
Gräber 626, 752 und 789. Anke Burzler u. a., Das frühmittelalterliche Schleitheim. Sied-
lung, Gräberfeld und Kirche. Schaffhauser Archäologie 5 (Schaffhausen 2002) 175–176;
197; 205 Taf. 76; 93; 100. Zur Herkunft siehe Anm. 151.
50
Gerhard Fingerlin, Ein alamannischer Adelshof im Tal der Breg. Schriften des Vereins für
Geschichte und Naturgeschichte der Baar 44, 2001, 19–29, hier 26 Abb. 13; Alfried Wie-
czorek/Patrick Périn (Hrsg.), Das Gold der Barbarenfürsten. Publikationen des Reiss-Mu-
seums 3 (Stuttgart 2001) 170 Nr. 4.15 m. Abb.
51
Erwin M Ruprechtsberger (Hrsg.), Syrien. Von den Aposteln zu den Kalifen. Linzer Ar-
chäologische Forschungen 21 (Linz 1993) 399 Nr. 12 m. Abb.
Herkunft und Vermittlung „byzantinischer Importe“ 385
gleichbar sind auch die Exemplare aus Grab 259 von Djurso und aus
Grab 11 von Sopino im nördlichen Kaukasus.
52
Schließlich müssen in diesem Zusammenhang auch die Fundmünzen des
Byzantinischen Reiches einbezogen werden. Betrachtet man die Anzahl
der Prägungen aus mediterranen Münzstätten in diachroner Perspektive,
wobei zur besseren Vergleichbarkeit der unterschiedlich langen Regierungs-
jahre und damit Prägezeiträume der Quotient Münzanzahl/Regierungs-
zeit und damit die durchschnittliche Anzahl von Fundmünzen pro Regie-
rungsjahr dargestellt ist (Abb. 5), so fällt der recht hohe Anteil von Gold-
münzen unter den Regierungszeiten Leons I. (457–474) und Zenons
(474–491) auf. Nach dem endgültigen Zusammenbruch des Weströmischen
Reiches nimmt der Zustrom von byzantinischen Goldmünzen stark ab, zu-
mal die ostgotenzeitliche Münzprägung Italiens hier nicht zur byzanti-
nischen Reichsprägung hinzugerechnet wird.
53
Dagegen ist die unter Anas-
tasios I. wieder aufgenommene Prägung von Kupfermünzen deutlich
fassbar. Trotz der überlieferungsbedingten Unschärfen – ein Gutteil der
Münzen sind durch ihre Verwendung als Obolus oder in sekundärer Nut-
zung als Schmuck über die Grabfunde auf uns gekommen – sind somit die
allgemeinen Tendenzen byzantinischer Münzprägung am Befundbild ab-
lesbar.
54
In Großbritannien ist eine erstaunliche, möglicherweise überlieferungs-
bedingte Zweiteilung hinsichtlich der mediterranen beziehungsweise by-
zantinischen Importe festzuhalten. Die frühen Einfuhrgüter der zweiten
Hälfte des 5. und beginnenden 6. Jahrhunderts bestehen fast ausschließlich
aus Keramik (Abb. 6). Dabei handelt es sich in erster Linie um Amphoren
der Typen LR1 und LR2 sowie um Sigillaten, hauptsächlich der Phocaean
Red Slip Ware (PRSW) und – weniger häufig – der African Red Slip Ware
52
Michel Kazanski/Anna Mastykova, Le Caucase du Nord et la région méditerranéenne aux
V
e
–VI
e
siècles. Eurasia Antiqua 5, 1999, 523–573, hier 560 Abb. 22,5; 563 Abb. 24,11. Für
weitere Hinweise danke ich M. Kazanski herzlich.
53
Zur ostgotischen Münzprägung jetzt Michael A. Metlich, The coinage of Ostrogothic
Italy (London 2004). – An dieser Stelle bedanke ich mich herzlich bei J. Fischer, der mir
Einsicht in die Einträge byzantinischer Münzen aus dem Katalog seiner Doktorarbeit ge-
währte; Josef F. Fischer, Der Münzumlauf und Münzvorrat im Merowingerreich, phil.
Diss. (Freiburg 2001)
54
Hauptreferenzwerk: Wolfgang Hahn, Moneta Imperii Byzantini 1–3. Österreichische
Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Kl., Denkschriften 109; 119; 148 = Veröffent-
lichungen der Numismatischen Kommission 1; 4; 10 (Wien 1973; 1975; 1981). – Gesamt-
darstellungen: Philip Grierson, Byzantine coins (Berkeley, Los Angeles 1982); Michael F.
Hendy; Studies in the byzantine monetary economy c. 300–1450 (Cambridge u. a. 1985);
Cécile Morrisson, Byzantine money. Its production and circulation. In: Laiou, History
(Anm. 4) 909–966.
386 Jörg Drauschke
Abb. 5. Diagramm zur Häufigkeit imperialer byzantinischer Fundmünzen auf dem
Gebiet des Merowingerreiches (Territorium der Zeit um 600, einschließlich dem thü-
ringischen, alemanischen und bayerischen Gebiet), aufgeteilt nach Münzmetallen
und Prägestätten im Westen und Osten des Reiches. Münzen des Childerich-Grabes
und Hortfunde nicht berücksichtigt (vgl. Anm 53)
Herkunft und Vermittlung „byzantinischer Importe“ 387
(ARSW).
55
Auf dem Festland streuen diese Warenarten mit nur wenigen
Nachweisen noch nördlich von Lyon.
56
Zu den wenigen übrigen byzantinischen Funden dieser frühen Periode
auf den Britischen Inseln zählen außerdem Nachweise von mediterranen
Gürtelschnallen.
57
Byzantinische Münzen bleiben selten, sogar im west-
55
Harris, Byzantium (Anm. 1) 143ff. mit Abb. 44.
56
Michel Bonifay/Françoise Villedieu, Importations d’amphores orientales en Gaule
(V
e
–VII
e
siècles). In: Vincent Déroche/Jean-Michel Spieser (Hrsg.), Recherches sur la cé-
ramique byzantine. Bulletin de correspondance hellénique, Suppl. 18 (Athen 1989) 17–46;
Carlo Citter u. a., Commerci nel Mediterraneo occidentale nell’Alto Medioevo. In: Gian
Pietro Brogiolo (Hrsg.), Early Medieval towns in the Western Mediterranean. Documenti
di archeologia 10 (Mantova 1996) 121–137.
57
Böhme, Goldgriffspathen (Anm. 1) Abb. 23. – Sonja Marzinzik, Early Anglo-Saxon belt-
buckles (late 5th to early 8th centuries A.D.). British Archaeological Reports, British Series
Abb. 6. Fundplätze mit byzantinischer Keramik in Britannien
(Harris, Byzantium [Anm. 1] 148 Abb. 44)
388 Jörg Drauschke
lichen Landesteil.
58
Silberlöffel sind lediglich aus den angelsächsischen
Prunkgräbern von Sutton Hoo und Prittlewell bekannt geworden, die in
die erste Hälfte des 7. Jahrhunderts zu datieren sind.
59
Somit fand die Nie-
derlegung der Löffel wesentlich später statt als die der Exemplare auf dem
Festland. Die Zusammensetzung der aus dem Byzantinischen Reich stam-
menden Funde ist in Großbritannien also teilweise ähnlich, allerdings ist
ihre Anzahl geringer. Völlig abweichend ist der hohe Fundniederschlag von
mediterraner Keramik.
Angesichts der aufgezählten „byzantinischen Importe“ der frühesten
Merowingerzeit in Nordwesteuropa scheint es somit einen beträchtlichen
Zustrom mediterraner Erzeugnisse gegeben zu haben, unter denen viele
einen direkten Kontakt zwischen Byzanz beziehungsweise Konstantinopel
und den barbarischen Königreichen vermuten lassen.
Bei eingehender Analyse der Fundstücke wird jedoch deutlich, dass
einige der genannten Objektgruppen bezüglich ihrer Provenienz alles an-
dere als zweifelsfrei aus dem Mittelmeerraum oder dem Byzantinischen
Reich herzuleiten sind. Um wiederum bei den frühmerowingerzeitlichen
Prunkschwertern zu beginnen, so sind die bekannten Exemplare stärker zu
differenzieren. Die mediterrane Provenienz der klassischen Goldgriffspa-
then hängt vor allem an der Zuweisung des Cloisonnés der Childerichwaf-
fen an ein Atelier aus Konstantinopel, doch ist dessen Lokalisierung reine
Spekulation, da eine Gips-Zement verarbeitende Werkstatt durchaus auch
woanders, zum Beispiel in Italien oder Karthago, gelegen haben kann.
Auch die alleinige Fertigung der Cloisonné-Besatzstücke im mediterranen
Raum ist eine Möglichkeit. Darüber hinaus bestehen berechtigte Zweifel an
der Existenz des vermuteten Abkommens zwischen Childerich und dem
oströmischen Kaiser.
60
Für eine explizit westmediterrrane Herkunft haben sich P. Périn und
M. Kazanski mehrfach ausgesprochen. Die Interpretation des Münzschat-
zes aus dem Childerichgrab als Subsidienzahlung zurückweisend, sehen sie
in der Zellendekormode der Waffen und übrigen cloisonnierten Gegen-
stände eine Mode der „barbarisierten Militäraristokratie“ des Weströmi-
357 (Oxford 2003) Taf. 81,4; 82,2–4 (Lyminge, Gräber 17, 32 und 36; Petersfinger, Grab 21;
Mill Hill, Grab 61; Abingdon, Grab 119).
58
Harris, Byzantium (Anm. 1) 152ff.; 163f.
59
Prittlewell Prince (Anm. 40); Rupert Bruce-Mitford, The Sutton Hoo Ship-Burial III,1,
hrsg. Angela Care Evans (London 1983) 125ff.
60
Nach einer alternativen Lesart der Quelle, die einen Kontakt zwischen Childerich und
Odoaker belegen soll, könnte eher ein sächsischer Adliger namens Adovacrius gemeint
sein; Dieter Quast, Les Francs et l’Empire Byzantin. L’horizon des épées à poignée en or.
Les Dossiers de l’Archéologie 223, 1997, 56–63, hier 63 Anm. 3.
Herkunft und Vermittlung „byzantinischer Importe“ 389
schen Reiches der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts. Vorbilder dafür seien
zwar das Ansehen der donauländischen, barbarischen Könige und der
Prunk des byzantinischen Hofes, der Ursprung dieser speziellen Ausprä-
gung sei aber im westlichen Mittelmeeraum zu suchen, wo sich als Vorläu-
fer aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts die Funde aus Beja und Ca-
praia anführen ließen.
61
Die Werkstätten im Westen dürfen sicherlich nicht
unterschätzt werden, doch lassen sich gerade an den Objekten des Childe-
richgrabes Elemente anführen, zum Beispiel die Verzierung mit Almandin-
rundeln, welche unter anderem auch in den Fundkomplexen von Apahida,
Olbia und Kercˇ zu finden sind, die eher für eine östliche Herkunft spre-
chen.
62
Beim gegenwärtigen Bearbeitungsstand ist festzuhalten, dass eine
mediterrane Provenienz für einige Prunkspathen durchaus plausibel er-
scheint, eine Fertigung in Werkstätten der östlichen Reichshälfte jedoch
keinesfalls abgesichert ist.
63
M. Kazanski lenkte die Aufmerksamkeit außerdem stärker auf eine
Gruppe von Schwertern, die im Westen aus Befunden der ersten Hälfte des
5. Jahrunderts bekannt geworden sind (Beja, Altlußheim) und deren
Hauptverbreitung im nordpontischen Raum liegt. Verbreitung und die De-
tails der polychrom verzierten Parierstangen der Schwerter sprechen für
eine Zuweisung an eine mediterrane oder auch pontische Werkstätte.
64
Auch die schmalen Langsaxe sind stärker zu differenzieren. So stellt die
Waffe des Childerich den Typ eines klassischen Scramasax dar, der im 4.
und 5. Jahrhundert nach M. Kazanski u. a. außer in Mitteleuropa vor allem
im Transkaukasus und in Mittelasien vorkommt. Zu diesem Typ zählt auch
das Exemplar aus Sardis in Kleinasien, woraus auf einen Ursprung dieser
Waffe in Mittelasien und eine Vermittlung nach Westeuropa über das By-
zantinische Reich geschlossen werden kann. Davon zu unterscheiden sind
längere einschneidige Schwerter („Säbel“), die häufiger aus reiternomadi-
schen Grabkontexten der eurasischen Steppen bekannt geworden sind und
61
Périn/Kazanski, Childerich (Anm. 27) bes. 180ff.; Kazanski/Mastykova, Caucase
(Anm. 52) 539; Kazanski u. a., Byzance (Anm. 21) bes. 160.
62
Claus v. Carnap-Bornheim, Eine cloisonnierte Schnalle mit wabenförmigem Zellenwerk
und Almandinrundeln aus Olbia. Germania 73,1, 1995, 151–155. – Entgegnung zu Périn/
Kazanski, Childerich (Anm. 27): Michael Schmauder, Die Oberschichtgräber und
Verwahrfunde Südosteuropas und das Childerichgrab von Tournai. Anmerkungen zu
den spätantiken Randkulturen. Acta Praehistorica et Archaeologica 30, 1998, 55–68 bes.
59ff.
63
Kazanski u. a., Byzance (Anm. 21) 162ff. bes. 166.
64
Michel Kazanski, Les épées „orientales“ à garde cloisonnée du V
e
–VI
e
siècle. In: Eszter Ist-
vánovits/Valéria Kulcsár (Hrsg.), International Connections of the Barbarians of the Car-
pathian Basin in the 1st–5th centuries A. D. (Aszód, Nyíregyháza 2001) 389–418.
390 Jörg Drauschke
deren Fertigung in byzantinischen Werkstätten gegenwärtig nicht belegt
werden kann.
65
Eine westliche Komponente innerhalb des Cloisonné-Stil