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EINESTAGES - 10. Oktober 2011 9:41 URL: http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/23602 /1/ich_will_so_leiden_wie_ich_bin.

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HUNGERN ALS SHOW

Ich will so leiden, wie ich bin
BILDARCHIV PREUSSISCHER KULTURBESITZ

Mager, aber berühmt: Im 19. Jahrhundert boomte in Europa eine äußerst merkwürdige Jahrmarktsattraktion. Wochenlang hungerten Menschen in Schaukästen - und das Volk bejubelte sie dafür. Für viele der Fastenfreaks begann mit dem künstlichen Kostverzicht eine steile Karriere. Von Katja Iken
Der bärtige Mann baumelte neben der Londoner Tower Bridge, neun Meter über dem Potters Fields Park in der Luft. Eingesperrt in einen quadratischen Plexiglaskasten, durchlitt er sein selbstgewähltes Martyrium: 44 Tage lang nahm der US-Amerikaner David Blaine keinen einzigen Bissen zu sich - allein Wasser aus Plastikflaschen durfte er trinken. Rund um die Uhr hing er da, einer Zirkusattraktion gleich, jeden Tag ein bisschen weniger, jeden Tag ein bisschen apathischer.

Meist schlief er, manchmal blätterte er in einem Buch oder schaute runter, auf die gaffende Menschenmenge zu seinen Füßen. Bis er am 19. Oktober 2003 schließlich, mehr tot als lebendig, heruntergelassen und auf eine Bahre gelegt wurde, um in einer Klinik wieder zu Kräften zu kommen. "Above the Below" ("Über dem Abgrund") hieß die umstrittene Aktion des Stunt-Artisten, Zauberers und Illusionisten David Blaine.

Mit seinem freiwilligen Horrortrip verfolgte er keinerlei politische Absichten, vielmehr ging es dem Selbstdarsteller einzig und allein um die Show. Damit knüpfte Blaine an eine rund 130 Jahre alte Tradition an, die heute längst vergessen ist: das Schauhungern. Ende des 19. Jahrhunderts eroberte dieser bizarr anmutende Unterhaltungssport die Städte und Jahrmärkte rund um den Globus. Ihren Anfang nahm die neue Entertainment-Form ausgerechnet im Burger-Paradies Amerika - mit der Wette eines Askese-Fans.

Vom Medizinversuch zum Geschäftsmodell

Der Arzt Henry Tanner, der mit 17 Jahren von England in die Vereinigten Staaten ausgewandert war, wettete 1880, dass es ihm gelänge, 40 Tage lang nur Wasser zu sich zu nehmen. Er wollte damit den Beweis antreten, dass der Geist, wenn er sich richtig anstrengt, über das schwache Fleisch triumphieren kann. Zudem war Tanner davon überzeugt, dass Hungern schlichtweg gesundheitsfördernd sei.

Am 28. Juni, um neun Uhr morgens, begann Tanner in der Clarendon Hall in New York City mit seinem Selbstversuch. Um nicht zu mogeln, umgab er sich permanent mit Wächtern, einmal am Tag ging er in einen

der 1886 mit seiner ersten Fastenshow begann. Generalkonsuln und Gräfinnen erwiesen ihm ihre Reverenz. fehlte Anfang des 20. Zu einem der berühmtesten Vertreter seiner Zunft geriet Giovanni Succi.u.k. Allerdings regte sich in der genussorientierten k. Beefsteak und Sekt für den Fastenkönig So bekam der freiwillig Hungernde etwa zwei Würstchen überreicht. und nach vierzig Tagen hatte er glücklich die Würde eines Champion-Hungerers errungen.und hatte sich durchs Darben nebenbei ein hübsches Salär dazu verdient. da die Opernbesucher nur noch Augen für den Hungerkünstler hatten. erbarmst uns sehr. 30 Tage lang hungerte sich der Italiener in die Herzen der Mailänder Bevölkerung. deren Körper von der Norm abwichen. selbst aus dem Ausland reisten die Menschen an. Hermaphroditen. mussten die Sänger kurzzeitig die Vorstellung unterbrechen. sondern auch dessen Transformation. war zum Star avanciert . Prinzen. täglich vermeldete das "Illustrierte Wiener Extrablatt" Gewicht und Gesundheitszustand des Hungerleiders. Varietés und Hotels. Wir sind so gut. kugelrunde "Kolossaldamen" oder extrem behaarte "Affenmädchen". "musste Dr. selbst Erzherzog Leopold Salvator schaute vorbei.wobei sie nicht einfach nur ihren Körper. um frisches Quellwasser zu trinken.bald wurde auch in Europa der Kostverzicht zum rentablen Unterhaltungssport. Der Hunger hatte den Darbenden reich gemacht . mit der Botschaft: "Wir Wiener lieben keine mageren Leut' . Tanner fast alltäglich erbrechen. doch überwand er auch diese Störungen. Richtig gut erging es dem Arzt dabei nicht: Am Ende der Fastenzeit. In dieses bunte Panoptikum reihten sich nun die Hungerkünstler ein . so fasst es das Handbuch über "Fahrend Volk" von 1895 zusammen. was sie von der Aktion hielten. zwei Würstel senden wir daher.Park. Als Succi eines Abends unter ärztlicher Begleitung in die Oper ging. Tausende Besucher kamen vorbei und zahlten 25 Cent Eintritt. wie der österreichische Historiker Peter Payer rekonstruiert hat.haben nur an Dicken große Freud. der mal in einer Hängematte lag und Zeitung las. um den "Hungerdoktor" zu bestaunen. Zehn Jahre später gastierte der populäre Succi im schicken Hotel Royal in Wien. Jahrhunderts auf kaum einem Jahrmarkt." Henry Tanner hatte den schnöden Hunger besiegt. Und dies auf Jahrmärkten ebenso wie in Gaststätten. Siamesische Zwillinge oder Menschen mit Albinismus: Die Zurschaustellung von Menschen. Als ein Arzt Succi in der letzten Woche seiner 30-tägigen Show unangemeldet in seinem Hotelzimmer besuchte. entzauberte sich eine ganze Branche: Der erstaunte Mann überraschte den angeblichen . um sich den darbenden Mann mit dem imposanten Schnauzbart anzusehen.-Metropole auch Widerstand gegen das freiwillige Darben: Empörte Grantlhuber ließen Succi per Zusendung von Leckereien wissen. Krawatten zu Ehren des Hungerstars Die Menschen um die Jahrhundertwende trieb ein schier unstillbares voyeuristisches Verlangen nach außergewöhnlichen Erscheinungen jedweder Art um. Eine Herrenboutique lancierte Succi-Krawatten. mal mit seinen Bewachern plauschte. und ein Professor überbrachte Zigaretten mit der Aufschrift "Guten Appetit!". die Abmagerung zeigten. Ob kleinwüchsige "Zwergköniginnen" oder gigantisch große "Riesenknaben"." Eine Dame schickte "Appetitpulver. eine Stunde vor der nächsten Mahlzeit einzunehmen".

der Ruf war ramponiert. Büchern.000 Zigaretten.000 Zigaretten in 45 Tagen Dennoch erlebte die Kunst des Kostverzichts im gleichen Jahr. um "Jolly" zu bewundern. Leselampe und Toilette ausgestatteten.000 Zuschauer kamen. mit dem Unterschiede. allerorten traten selbsternannte Hungerkünstler an. 24.Fastenkönig bei Beefsteak und Sekt . dass wir in keinem Glaskasten saßen und nicht ein hübsches Stück Geld damit verdienen konnten". Schenk toppte die Hungershow ihres Vorgängers um 48 Stunden. der besseren Kontrolle halber. In Wien. Andere begnügten sich nicht mit Rauchen. sondern schummelten. die ihm von seinen Wärtern zugesteckt worden war und stärkte sich Hungerkünstler "Harry Nelson" in Leipzig mit Hühnerbrühe und Malzbonbons. allem Nachkriegselend zum Trotz. einen letzten großen Boom. was das Zeug hielt. stieg dann in seinen mit Bett. um vor den Zuschauern ein mehrgängiges Menü zu verspeisen. "In den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr zurückgegangen".bis eine Frau ihm den Ruhm streitig machte. wollte keiner mehr so recht den Fastenfreaks zuschauen. um ihm nachzueifern. konstatierte Schriftsteller Franz Kafka in seinem 1922 verfassten Psychogramm eines Hungerkünstlers. 10. Schuld war der Hungervirtuose "Jolly". Schon am zweiten Tag kamen 1. die man ihm nachts durch eine Öffnung im . dass der Darbende jederzeit tot umfallen könnte. Der robusten Schenk bekam ihre Hungershow gut: Nach 23 Tagen verließ sie ihr durchsichtiges Verließ um zehn Kilo erleichtert und bester Laune.000 Menschen kamen. 350. Am Ende der selbstgesetzten Fastenfrist entstieg der Künstler seiner Zelle unter großem Brimborium. Nur einen Monat nach Sacco ließ sich die Schauspielerin Auguste Victoria Schenk in einem benachbarten Kaffeehaus einsperren. eine Kapelle spielte ihr Lieblingsstück.und ließ sich bestaunen. folgte die Hungerkunst-Show einem ritualisierten Procedere: Der Artist nahm ein letztes ausgiebiges Mahl zu sich. wo die durchsichtigen Kerker oftmals in Kaffeehäusern standen. dafür aber fürchterlich langweilig. vergnügten sich die zahlenden Zuschauer umso mehr: Haftete der Dauerfasterei doch der Thrill an. Sofa. So knabberte "Jolly" heimlich Schokolade. als der Deutsche Wilhelm Bode alias "Riccardo Sacco" im Mai 1905 im Wiener Prater auftrat. Ab sofort wurden die Hungerkünstler in einem Glaskasten eingebuchtet oder in einem Turm eingemauert. streng bewachten Glaskasten . Und auch die Schaustellerzeitschrift "Komet" schimpfte über die darbenden JahrmarktsArtisten: "Im Krieg haben wir übrigens alle (…) einen unfreiwilligen Vorbereitungskurs für diesen Beruf durchmachen müssen. seine Popularität war ungebrochen . ätzte das "Illustrierte Wiener Extrablatt" und verurteilte solcherlei "Emancipations-Gelüste". erregte sich ein Autor 1926. was ihr bei der Presse nicht nur Applaus einbrachte: Die Frauen würden den Männern nun auch noch "die brotloseste aller Künste" streitig machen. Das auch in Berlin im Glaskasten eingesperrte Fasten-Paar "Harry und Fastello" knackte den Rekord zwar. der in Berlin einen neuen Weltrekord von 44 Tagen aufstellte. schlitterte jedoch knapp an einer Nikotinvergiftung vorbei: Während ihres 45-Tage-Martyriums pafften die beiden rund 10. vor dem Glaskasten häuften sich die Blumensträuße. Emanze im Glaskasten War die Show für den Hungerkünstler zwar einträglich.100 Menschen. Erst als der Erste Weltkrieg heraufzog und echter Hunger die Menschen im Würgegriff hielt. Die Menschen klopften an die Scheibe. als wäre Sacco ein seltenes Zootier.

"Ich weiß auch nicht so genau. Mit der zunehmenden Popularität des Fernsehens nach dem Zweiten Weltkrieg wirkten Hungerkünstler vollends antiquiert und peinlich. ausgerechnet per Hungerstreik. der 53 Tage lang in einem Glaskasten im Frankfurter Zoo vor sich hinvegetierte. weshalb er sie überhaupt gestartet hatte.Glaskasten reichte. Zwar liebte ihn eine Minderheit für seine enorme Willensstärke und befestigte Botschaften wie "Wir haben die Schönheit erlebt. Zudem flogen Farbbeutel. Verlag Sonderzahl 2002. Mit blanken Brüsten gegen den Selbstdarsteller Feierte man die Hungerkünstler zu Beginn des 20. wie wenn man mit dem Motorrad so schnell wie möglich fährt. erntete David Blaine vor allem Spott und Hass für seine Performance in London. gestand er im Dezember 2003 dem "Guardian". Doch nahm der Hungerleider ein unrühmliches Ende: Im August 1950 hielt man ihm eine Anklageschrift von außen an die Glasscheibe . zu akut die Magersuchtsproblematik in den Industrienationen. Um den Magier zu provozieren. David" am Maschendrahtzaun unter dem Selbstdarsteller. Als völlig entnervte Fastenfreaks wie "Wolly" gar aus ihrem Käfig ausbrachen. Und eine DritteWelt-Hilfsgruppe protestierte. Eines Tages hatte ich einfach diesen Traum und tat es. gegen die sinnentleerte Aktion . des Diebstahl und der Unterschlagung schuldig gemacht. entblößten Frauen ihre Brüste und Männer ihre Pos. warum ich es tat". Eingereicht von: KATJA IKEN © SPIEGEL ONLINE 2008 Alle Rechte vorbehalten Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH . Eine Boulevard-Zeitschrift ließ einen ferngesteuerten Hubschrauber um Blaine kreisen. Eier und Golfbälle gegen den in der Luft baumelnden Kasten." Zum Weiterlesen: Peter Payer: Hungerkünstler in Wien. Für Furore sorgte einzig der Deutsche Ludwig Schmitz alias "Heros".zu präsent der reale Hunger in der Dritten Welt.schließlich gab es längst andere Vergnügungen. blieb das Publikum gleich ganz weg . Eine verschwundene Attraktion. etwa das Kino. an Deiner Seite zu leiden" oder "I love you. Insgesamt jedoch überwog die Empörung . "Es ist.kurz darauf wanderte der abgemagerte "Heros" ins Gefängnis. von dem ein Cheeseburger grinste. Er hatte sich ein paar Jahre zuvor der Erpressung. Jahrhunderts zumeist noch wie Stars.von der selbst Blaine keine Ahnung hatte.