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2 Das Haus der Himmlischen Harmonie


Vorderer Klappentext:

Ein wahrer Mensch ist stets gesammelt in seiner Konzentration, standfest in seiner Achtsamkeit und
beständig in seiner Dankbarkeit für die reichen Segen Gottes. Seine Fähigkeit, selbstlos zu lieben,
ist unerschütterlich. Das sind enorme Anforderungen und doch sind sie unser Leitfaden. So wie sich
ein Reisender am Polarstern orientiert, so betrachtet ein wahrer Mensch Fokus, Achtsamkeit und
selbstlose Liebe als Orientierungspunkte, um die Richtung festzulegen, in die er zu gehen hat.

Als Unifikationisten müssen wir aus der gebündelten Kraft der Einheit von Geist und Körper die Wahre
Liebe manifestieren, die uns unsere Wahren Eltern geschenkt und gelehrt haben. Die Kultivierung der
Geist-Körper-Einheit ist das Ziel des Trainings, das dieses Buch vermitteln möchte. Auf diesem Wege
können wir verstehen, wie wir erlöst wurden und selbst zu wahren Eltern werden können. Dieses Training
stärkt uns in unserer Bescheidenheit, unserem Mut und unserem Mitgefühl, und befähigt uns der Welt
besser zu dienen.


Hinterer Klappentext:

HYUNG JIN MOON ist der Autor von THE MOMENT und A BALD HEAD AND A
STRAWBERRY. Beide wurden herausgegeben von Sincerity Publications, Tarrytown, NY.

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Das Haus der Himmlischen Harmonie 3








Für alle deutschsprachigen Gesegneten Familien.

Möget ihr durch diese Zeilen die Liebe und Weisheit Hyung Jin Nims empfangen.




















4 Das Haus der Himmlischen Harmonie
















Wahrlich, aus der Meditation entspringt Weisheit.
Ohne Meditation schwindet die Weisheit.
Richte darauf dein Handeln, dass die Weisheit in dir wächst.

Buddhismus. Dhammapada 282



Wenn alle Sinne gestillt sind, wenn der Geist ruht,
wenn der Verstand nicht mehr pendelt –
dann, sagen die Weisen, beginnt der höchste Pfad.
Der, der die Stille erlangt, ist frei von Illusion.

Hinduismus. Katha Upanishaden 2.6.10-11



Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin!
Judentum und Christentum. Psalm 46,11



Das Haus der Himmlischen Harmonie 5






Copyright © 2006
HSA Publications
New York, NY 10036
All rights reserved. No part of this book may be reproduced, transmitted, or transcribed in any form or by any means including information
storage and retrieval systems without the written permission of the publisher, except by a reviewer, who may quote brief passages in a review.
All rights reserved
ISBN 10: 1-931166-27-7 ISBN 13: 978-1-931166-27-0
Printed in the United States of America

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6 Das Haus der Himmlischen Harmonie






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Oas Iaus der Iimmlischen Iarmonie Oas Iaus der Iimmlischen Iarmonie Oas Iaus der Iimmlischen Iarmonie Oas Iaus der Iimmlischen Iarmonie


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Das Haus der Himmlischen Harmonie 7

INHALT






VORWORT ZUR DEUTSCHEN AUSGABE.............................................................................................. 8
DANKSAGUNGEN DES AUTORS ............................................................................................................ 9
CHEON HWA DANG – ZIEL UND ZWECK........................................................................................... 10
AN DEN LESER......................................................................................................................................... 11
INDIVIDUELLE GEIST-KÖRPER-EINHEIT........................................................................................... 16
WARUM ÜBERHAUPT GEIST-KÖRPER-EINHEIT?............................................................................. 18
GESUNDE KOMMUNIKATION .............................................................................................................. 20
GEDANKEN-ZÜGE: „WILLKOMMEN AN BORD!“............................................................................. 23
RAUSCHMITTEL DES GEISTES............................................................................................................. 28
DIVISIONISMUS ODER UNIFIKATIONISMUS .................................................................................... 31
DER WEG................................................................................................................................................... 35
UND LOS GEHT’S! ................................................................................................................................... 39
DER EINSTIEG.......................................................................................................................................... 41
VORBEREITENDE MASSNAHMEN ZUR GEIST-KÖRPER-EINHEIT ............................................... 43
ACHT PUNKTE ZUR RICHTIGEN VORBEREITUNG.......................................................................... 46
GEIST-KÖRPER-EINHEIT........................................................................................................................ 47
DIE INDIVIDUELLE EBENE ................................................................................................................... 51
EINHEIT IN DER EHE .............................................................................................................................. 53
EINHEIT MIT UNSEREN KINDERN....................................................................................................... 61
SCHLUSSWORT........................................................................................................................................ 70
EXTRA TRAINING.................................................................................................................................... 72
ANHANG.................................................................................................................................................... 75






















8 Das Haus der Himmlischen Harmonie












VORWORT ZUR DEUTSCHEN AUSGABE

Hyung Jin Sean Moon (geb. 1979), der jüngste Sohn der Wahren Eltern
*
, setzte sich im Laufe
seines Studiums der Religionswissenschaften an der Harvard Universität gründlich mit den Lehren und
Praktiken der religiösen Traditionen der Welt auseinander. Seit dem 18. April 2008 ist Hyung Jin Moon
Präsident der Internationalen Familienföderation für Weltfrieden und Vereinigung. Für die Mitglieder der
Vereinigungsbewegung – aber auch für den interessierten Beobachter – ist es zweifellos ein Gewinn,
seine Gedanken und tiefen Einsichten besser kennen und verstehen zu lernen.

Nach seinem (fast) autobiographischen Buch „A Bald Head and a Strawberry“ (Ein Glatzkopf und
eine Erdbeere) widmet sich Hyung Jin Moon in „Cheon Hwa Dang“ (Das Haus der Himmlischen
Harmonie) der Vermittlung eines praktischen Trainingprogramms, das sich die tägliche Vereinigung von
Geist und Körper zum Ziel setzt. Durch seine langjährige Erfahrung und sein intensives Praktizieren
buddhistischer Traditionen sowie ostasiatischer Kampfkunst besitzt er einen reichen Schatz an
Erkenntnissen der Selbstkultivierung. Da er in den Vereinigten Staaten aufwuchs, ist er gut vertraut mit
den religiösen Lehren sowohl des Ostens wie auch des Westens. Darüber hinaus zeigt er Wege auf, wie
die Kluft zwischen dem Geistigen und dem Profanen überbrückt werden kann.

Sein dynamisches Amerikanisch in ein lesbares, flüssiges und zugleich korrektes Deutsch zu
übertragen, war eine spannende Herausforderung – insbesondere da es doch ein zentrales Anliegen war,
eine der deutschen Sprache würdige Übersetzung zu schaffen. Falls bei der Lektüre dieses Buches
dennoch Unklarheiten auftreten sollten oder die Botschaften des Autors nicht sinngemäß wiedergegeben
werden konnten, so trage ich die Verantwortung dafür.

In Anlehnung an das Original und um den entsprechenden Kontext zu wahren, wird in dieser
Übersetzung die Bezeichnung „Unifikationisten“ als Synonym für „Mitglieder der Vereinigungskirche
bzw. Vereinigungsbewegung“ verwendet. Ich entschuldige mich offen bei all jenen, denen die Aussprache
dieses Wortes schwer fällt. Sie dürfen gerne auf das sanftere „Unificationist“ aus dem Englischen
zurückgreifen!

Für eine kleine Anzahl besonderer Begriffe, die der Tradition der Vereinigungslehre (wie z.B.
„Hoon Dok Hae“) oder aber dem buddhistischen Kulturkreis (wie z.B. „Achtsamkeit“) entstammen und
die der Autor häufig gebraucht, ist eine Begriffserklärung sicher nützlich und eine solche befindet sich in
Form eines Glossars im Anhang. Einige wichtige Fremdwörter, die im Text auftauchen, werden in kurzen
Fußnoten erläutert.

Ohne Unterstützung wäre diese Übersetzung nie zustande gekommen. Mein besonderer Dank gilt
John Brady senior, der mich auf das Buch erstmals aufmerksam machte und mich inspiriert hat, die
deutsche Übersetzung in Angriff zu nehmen. Ich bedanke mich bei meinen Mitbewohnern des Wiener

*
Ehrenbezeichnung für Sun Myung Moon und seine Ehefrau Hak Ja Han Moon
Das Haus der Himmlischen Harmonie 9
CARP-Studentenheims, bei den Geschwistern des Emailforums Fam2000 und bei allen, die kostbare
Anregungen und Vorschläge einbringen konnten. Einen besonderen Dank möchte ich aussprechen an
Ingrid Hauseder, Kurt Sattlberger, Margit Sattler, Leopold Steinwender und Okihito Utamura, die eine
sehr gewissenhafte Korrekturlesung durchgeführt haben.

Natürlich bedanke ich mich bei Fritz Piepenburg und dem Kando-Verlag, die den Druck der deutschen
Ausgabe ermöglicht haben. Ein herzliches Dankeschön geht an Orlande Bauer, die am technischen
Layout mitwirkte. Ich danke meinem Vater, der nie aufgab mich nach dem Fortschritt der Übersetzung zu
fragen und meiner Mutter, die mich in vieler Hinsicht unterstützte.

Last but not least danke ich Hannah Zwerger, deren liebevolle Tuschezeichnungen die deutsche
Ausgabe wie ein Tüpferl das „i“ krönen. Sie symbolisieren die Ruhe, den Frieden und die Harmonie des
Geistes – jenen „Spirit“, den Hyung Jin Moon uns durch seine Zeilen vermitteln möchte.

Ich wünsche dem werten Leser viel Freude und Erfolg beim Training!

Dominic Zoehrer
Wien – Schlosspark Belvedere, zu Ostern 2009





DANKSAGUNGEN DES AUTORS

Zuallererst möchte ich den Wahren Eltern für ihre beständige Unterstützung danken und für ihre
Ermutigung, noch viele weitere Bücher zu schreiben. Ich bin meiner lieben Frau dankbar. Ohne sie hätte
ich niemals die wirkliche Bedeutung von Leben, Freundschaft und Liebe verstehen können. Ich danke
unseren Kindern Shin-Pal, Shin-Man, Shin-Goong und Shin-Joon, die mich jeden Tag beim Lehren und
Trainieren begleiten. Ich genieße die Ehre und den Segen dieses kostbare Leben mit ihnen zu teilen. Ich
liebe Euch alle. Ich danke meinen Brüdern und Schwestern, ganz besonders aber meinem älteren Bruder
Young Jin Hyung. Ohne ihn wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin.

Ich möchte der Familie meiner Schwägerin danken, die gemeinsam mit uns lebt: Wonil (Imobu),
Yeon-eun (Imo), Yang-Pyung, Yang-Gul und Yang-Mi, wir sind euch allen sehr verbunden. Ein Dank an
alle Übersetzer und Editoren, die unermüdlich arbeiteten, um dieses Buch zu vollenden: Eunsook Moon
Kim und Higashino, die mit der Übersetzung so geduldig waren, obwohl es sicher sehr mühsam war
ständig neu überarbeitete Versionen zu erhalten! Dr. Anthony Guerra, Dr. Daniel Davies, Dr. Mark Barry,
Christopher Antal, ich danke Euch für all Eure Bemerkungen, Anregungen, Ermutigungen und Eure
Unterstützung.

Zu guter Letzt richtet sich mein Dank an alle Kursteilnehmer meines Cheon-Hwa-Dang-Trainings,
für ihre Ernsthaftigkeit, Wärme und Gemeinschaft. Und schließlich möchte ich Dir, dem Leser, danken,
dass Du mir erlaubst Dir einige der Gedanken und Praktiken mitzuteilen, die mir geholfen haben, reifer,
glücklicher und achtsamer zu werden. Erlaube mir, Dir Freude und Frieden im Herzen sowie Erfolg auf
jedem deiner Schritte im Leben zu wünschen. Mögest Du dasselbe für Freund und Feind tun, für
diejenigen, die Dir nahe und weniger nahe stehen und für all jene, die Du in deinem Leben noch treffen
wirst. Alles Gute.





10 Das Haus der Himmlischen Harmonie









CHEON HWA DANG – ZIEL UND ZWECK

Als Unifikationisten glauben wir, dass das Praktizieren der Geist-Körper-Einheit, die Kultivierung
von tiefen Partnerschaften und das Errichten von starken, gesunden Familien uns darauf vorbereitet, der
Gesellschaft besser dienen zu können und der Welt, Gott und den Wahren Eltern echten und dauerhaften
Frieden zu bringen.






































Das Haus der Himmlischen Harmonie 11



AN DEN LESER

Am 13. Mai 2003 waren die Wahren Eltern gerade aus Übersee zurückgekehrt und hatten
Gelegenheit für einen kurzen Besuch in unserem kleinen Haus in East Garden, wo meine Familie und ich
wohnen. Vater fühlte sich veranlasst, uns mit einer wunderschönen chinesischen Kalligraphie zu beehren.
Die Zeichen werden „Cheon Hwa Dang“ ausgesprochen, was soviel bedeutet wie „Das Haus der
Himmlischen Harmonie“. Er schrieb meinen Namen und den meiner Frau dazu und schrieb darunter
„Cheon Aeh Bu Bu“, was soviel heißt wie „Das Paar der Himmlischen Liebe“.

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 Wir persönlich verstehen die Kalligraphie eher als vorschreibend, denn als beschreibend – als ein
Auftrag etwas zu erfüllen, was wir noch nicht sind. Wir haben uns kennengelernt und wurden durch die
Liebe des Himmels miteinander gesegnet, wobei wir uns gewiss nicht als das „wahre Modell“ der
himmlischen Liebe fühlen. (Als Paar glauben wir, dass wir unsere Beziehung täglich vertiefen und
erneuern müssen.) Die Hauptbotschaft der Kalligraphie, die der Wahre Vater an jenem Tag schrieb, lautete
jedenfalls: „Cheon Hwa Dang“.

Der Wahre Vater erklärte, dass das Schriftzeichen für „Himmel“ (", Cheon) die Zeichen für
„Zwei“ ((, Du-Ie) und „Person“ (), Saram-In) enthält. Er sagte, wenn Ehemann und Ehefrau –
symbolisiert durch „zwei Menschen“, die Geist und Körper vereinigt haben – zusammenkommen, dann
könne dort das Zeichen für „Himmel“ (") stehen. Das schaffe die Grundlage für „Harmonie“ (#, Hwa)
und wenn das geschieht, können sie gemeinsam das „Haus der Himmlischen Harmonie“ ("#$)
werden.

Theologisch betrachtet war es eine unglaubliche Behauptung, dass wir die Quelle der
Himmlischen Harmonie werden können, wenn wir in Geist und Körper vereinigt mit unserem Partner
zusammenkommen. Jedes vereinte Paar ist der Keim für eine harmonische Familie und daraus kann eine
harmonische Gesellschaft, Nation und Welt entstehen. Diese Lehre veranlasste mich mein eigenes Leben
neu zu ordnen. Das Buch, in dem Du gerade liest, ist direktes Resultat dieser tiefen Drei-Zeichen-Lektion,
die der Wahre Vater an jenem Tag niederschrieb.

Ich führte damals bereits sehr ernsthaft ein klösterliches Leben, das täglich um 2:30 Uhr morgens
begann und aus mehreren Stunden Geist-Körper-Training bestand. Aber gleichzeitig war ich auch Vater
von drei Kindern. Damals spürte ich eine unversöhnliche Differenz zwischen dem religiösen Leben der
hingebungsvollen geistigen Übung und dem Familienleben mit all seinen täglichen Pflichten wie die
Kinder aufs Töpfchen setzen, Putzen oder Wäsche waschen usw.

Ich befand mich in einem Konflikt. Es schien, als führte ich ein Doppelleben. Traditionell gibt es
in vielen Religionen zwei Kategorien oder Arten der religiösen Mitgliedschaft: Den Geistlichen (ohne
Familie) und den religiösen Laien (mit Familie). Diese zwei religiösen Lebensformen haben einander so
gut wie ausgeschlossen – die Rolle des Geistlichen, der ein Leben der religiösen Einkehr führt, war
unvereinbar mit der Rolle desjenigen, der eine Familie aufbaut.

In der klösterlichen Tradition des Christentums, Buddhismus, Judentums, Taoismus, Hinduismus
12 Das Haus der Himmlischen Harmonie
usw. ist das Leben eines Geistlichen einem anspruchsvollen religiösen Lehrplan unterworfen. Die Rolle
des Familienmenschen wird üblicherweise von Laien besetzt, die nicht in der Lage sind, sich einem derart
strikten spirituellen Weg zu verpflichten. Mit anderen Worten, die „höchste“ Rolle unter den geistlich
Praktizierenden wird dem zölibatär (ehelos) lebenden Mönch
*
gewährt, während der Laie mit Familie
üblicherweise solchen Mönchen oder Geistlichen nachfolgt.

Es gibt keinen Zweifel am Wert der klösterlichen Traditionen, in denen Mönche und Nonnen das
Opfer des Zölibats auf sich nehmen und sich einer strikten geistlichen Praxis und dem bedingungslosen
Dienen hingeben. Solche Klostergemeinschaften haben jedes persönliche Verlangen aufgegeben und
verzichten auf Annehmlichkeiten. Sie sind beispielhaft gewesen in ihrem Einsatz und dem eigenen
Glauben gegenüber. Aufgrund der zölibatären Tradition, die in den klösterlichen Orden gepflegt wurde,
hatten die Mönche und Nonnen etwas, über das die Menschen mit Familie und „weltlichen“
Verpflichtungen nicht verfügten. Gelehrte bezeichnen es als „Ressource an überschüssiger Energie“.

Diese Ressource an überschüssiger Energie wurde die Geschichte hindurch für den Dienst an
andere eingesetzt. Beispielsweise übernahmen Katholische Nonnen während der großen Depression der
1930er Jahre in Amerika die Aufgabe, Waisenkinder, die in diesen harten Zeiten ausgesetzt worden
waren, aufzunehmen und großzuziehen. Gleichermaßen waren buddhistische Klöster traditionell Orte, an
denen verwaiste Kinder aufgezogen wurden. Auch in Sri Lanka waren es Mönche, die als Erste den
Opfern der Tsunami-Katastrophe von 2004 Trost spendeten und sie mit Lebensmitteln und Unterkunft
versorgten.

Es ist jedoch meine Überzeugung, dass diese scheinbar unvereinbaren religiösen Lebensweisen –
der Lebensstil eines Mönches und jener eines Familienmenschen – in der Vereinigungspraxis integriert
und vereinigt werden müssen. Der Schlüssel dazu liegt in der Erweiterung der Begriffe „religiös“ und
„geistige Übung“. In meinem eigenen Leben praktiziere ich einerseits eine klösterliche Lebensweise,
bestehend aus ernsthaften Übungen und Training. Andererseits habe ich den Segen seit acht Jahren der
Ehemann meiner lieben Frau und dazu der Vater unserer wunderbaren Kinder zu sein.

Viele von uns gehen allein hinaus, verrichten „religiöse“ Kirchenarbeit oder üben sich in anderen
„spirituellen Tätigkeiten“. Doch wenn wir nach Hause kommen, kann es sein, dass wir die Zeit mit der
Familie oder dem Ehepartner als „weltlich“ oder profan betrachten. Genau das ist das Problem! Wir
haben praktisch das „Heilige“ und das „Religiöse“ aus unserem Zuhause weggenommen und es in die
„Kirchenarbeit“ abgeschoben. Vom Standpunkt eines Unifikationisten aus gesehen steht eine solche
Haltung jedoch im Widerspruch zu seinem theologischen Verständnis, denn das Errichten gesunder,
„wahrer“ Familien und die Vereinigung von Geist und Körper sind ein zentraler Auftrag, um – wie wir es
glauben – eine Welt des Friedens, der Harmonie und der Einheit zu schaffen. Wir dürfen das Heilige von
keinem Aspekt unseres Lebens trennen – nicht einmal von jenen Dingen, die wir als durch und durch
„weltlich“ betrachten.

Wenn wir atmen, so sollten wir das zusammen mit Hananim tun und bewusst spüren, wie der
göttliche Atem des Lebens in uns fließt. Wenn wir gehen, so sollten wir mit Gott gehen, und wenn wir
dem Gesang der Vögel lauschen, so sollten wir in Dankbarkeit zuhören anstelle jener, die nicht hören
können. Das alles sind mit Sicherheit religiöse Übungen, da sie uns die Heiligkeit der einfachsten Dinge
bewusst machen und uns mit Ehrfurcht vor dem Geschenk des Lebens erfüllen. Wir müssen jedoch den
Begriff „geistige, religiöse Praxis“ insofern erweitern, dass er sogar die allerweltlichsten, normalen, sich
wiederholenden und scheinbar „langweiligen“ Momente unseres Lebens mit einschließt. Für uns als
Unifikationisten gehört vor allem auch die Zeit dazu, die wir in unsere Familie einbringen.

Der Wahre Vater erklärte, dass es in der idealen Welt keine Notwendigkeit für Dogmen oder
Religionen geben wird. Er sagte, die Menschheit wird fähig sein, in vollständiger Einheit und innerer

*
Der etymologische Ursprung des Wortes Mönch (, monachos) liegt im griechischen monos (allein) und meint „allein
auf Gott orientiert lebend“. [Anm. d. Ü.]
Das Haus der Himmlischen Harmonie 13
Verbundenheit mit Gott zu leben. Wir werden keine religiösen Formalitäten brauchen, da wir die
Gegenwart Gottes in unserem täglichen Leben innig spüren und erleben werden. Das ist ein
entscheidender Punkt, den man sich merken sollte: Die Vereinigungslehre ist nicht nur etwas, das man
wissen soll. Viel wichtiger ist, dass sie gelebt wird.

Wenn wir mit unseren Kindern Hausaufgaben machen oder sogar wenn wir mit ihnen das „Auf ’s-
Töpfchen-Gehen“ üben, so sollten wir dies in eine ernsthafte und authentische „religiös-spirituelle
Übung“ umwandeln. Wenn wir einmal die Familie zu einem guten Kinofilm einladen, dann sollten wir
dies zu einer „religiösen Übung“ transformieren. Wenn wir die Beziehung zu unserem Partner durch
gesunde Kommunikation vertiefen, dann sollten wir darin eine „religiöse und spirituelle Übung“ sehen!
Jeder Moment im Leben ist eine frische und neue Erfahrung. Obwohl wir die Kinder vielleicht jeden Tag
zur Schule bringen oder jeden Tag mit ihnen Hausaufgaben machen, so ist doch jeder einzelne Tag und
Moment einzigartig, neu und kostbar.

Diese Änderung unserer Sichtweise besteht nicht bloß aus einem Wandel des Verständnisses oder
der Wahrnehmung. Es erfordert eine völlige Transformation dessen, wie wir in der Welt leben und sie
erleben. Das ist der Grund, warum wir Geist-Körper-Einheit praktizieren müssen. Es ist nicht
ausreichend, es bloß als religiöse Handlung zu betrachten, wenn wir bei unseren Kindern oder beim
Ehepartner sind. Wir müssen die Heiligkeit solcher Erlebnisse wahrlich spüren, wir müssen lernen unsere
gefallenen Gewohnheiten zu kontrollieren und wir müssen uns bewusst werden, welch großartiges
Geschenk das Leben ist – und zwar jetzt! Dieses neue Bewusstsein wird zunächst in unserer eigenen
Geist-Körper-Einheit gefördert und gestärkt. Das ist die Transformation von Geist und Körper.

Durch das Training der Geist-Körper-Einheit werden wir die Heiligkeit und Tiefe jedes einzelnen
Atemzuges erfahren. Wir werden eine tiefe Dankbarkeit für solch simple, oft für selbstverständlich
gehaltene „Gaben Gottes“ kultivieren. Wenn wir derart tiefgehende religiöse Zustände erleben können,
werden wir nicht nur wissen, dass die Zeit mit der Familie „religiös“ und „heilig“ ist. Wir werden auch
die Kostbarkeit und Größe dieses bedeutsamen Segens bis ins Innerste unseres Wesens fühlen.

In diesem Buch werden wir uns in erster Linie mit dem Thema der Einheit von Geist und Körper
auf der individuellen Ebene beschäftigen. Der Grund liegt darin, dass Ehepaare, Familien, Gesellschaften
und die Welt aus Einzelpersonen bestehen. Wir neigen manchmal dazu, die Familie zu betonen, ohne
ausreichend Wert auf das Kultivieren der Einzelperson zu legen. Mit dem lobenswerten Ziel eine „wahre
Familie“ zu schaffen – doch ohne jene Disziplin, die in individueller, spiritueller Kultivierung erlernt wird
– versuchen wir unsere Familie in das Modell einer „wahren“ Familie zu zwängen.

Wir ertappen uns vielleicht dabei, wie wir andere Familienmitglieder beschuldigen, während wir
in Wirklichkeit einfach unseren Ärger nicht beherrschen können. Wir beschönigen: „Ich schreie dich an,
weil du dich nicht wie ein wahres Kind verhältst.“ Doch in unserem Inneren verdecken oder rechtfertigen
wir damit einen Mangel an Selbstkontrolle. Möglicherweise drängen wir unsere Kinder dazu, nach außen
hin glücklich zu wirken und keine Fragen zu stellen. Wir geben vor, dies im Namen einer wahren Familie
zu tun. Oder vielleicht beschuldigen wir andere, dass sie Zwietracht stiften oder mit der Familiensituation
unzufrieden sind. Diese Liste könnte man beliebig fortsetzen.

Diese Probleme treten auf, wenn wir die grundlegende Einheit der Familie – nämlich die
Einzelperson – übergehen. Eine Familie besteht aus Einzelpersonen. Wir haben die Tendenz zu
behaupten, dass der wesentliche Unterschied zwischen der Vereinigungsphilosophie und anderen
Religionen in der zentralen Rolle besteht, die wir der Familie beimessen. Obwohl das teilweise stimmen
mag, werden dabei wesentliche Aspekte der Vereinigungs-Tradition übersehen: die Erfordernis der
individuellen Vervollkommnung, die Notwendigkeit der Geist-Körper-Einheit auf der individuellen
Ebene und die erste der acht Stufen zur Vollkommenheit (Individuum, Familie, Stamm, Gesellschaft,
Nation, Welt, Kosmos, Hananim).

14 Das Haus der Himmlischen Harmonie
Meine Botschaft ist sehr einfach: Wir können und werden keine „wahre Familie“ schaffen können,
ohne unser eigenes Selbst auf der individuellen Ebene zu kultivieren. Wenn jedes Familienmitglied nur
um Autorität wetteifert, alle anderen verurteilt oder sehr schnell wütend und gewalttätig wird, dann ist es
klar, dass das voraussichtlich keine „wahre Familie“ sein kann. Indem wir in Geist und Körper eins
werden, indem wir unseren Zorn, Hass oder Groll bändigen und Dankbarkeit, innere Harmonie und
Freude entwickeln, stärken wir unsere Fähigkeit gesunde gesegnete Ehen und Familien zu schaffen.

Wenn wir ehrlich sind, so sehen wir, dass wir hier und da vielleicht Fehler begehen, wie z.B.
unseren Partner wegen des schlechten Benehmens unserer Kinder zu beschuldigen oder die alleinige
Autorität im Haus für uns zu beanspruchen. Oder wir leben in einer ständigen Opferrolle und hegen einen
inneren Zorn gegen ein Familienmitglied, oder wir möchten unsere eigene Schuld nicht zugeben, auch
wenn wir mal was falsch machen usw. Wir müssen verstehen, dass das Leben im Rahmen einer Familie
sehr „real“ ist, im Gegensatz zu den Traumvorstellungen von einer „glücklichen Familie“, in der der
Mann mit seiner Frau und seinen Kindern bei Sonnenuntergang am Strand tanzt. (Gut, zugegebenermaßen
kann das im Familienleben durchaus geschehen, obwohl es sicher nicht die einzige Sache ist, die eine
Familie tut. Ich würde nämlich ganz bestimmt müde werden, müsste ich für immer am Strand tanzen. Vor
allem dann, wenn es dunkel wird, die Kinder frieren und am Ende zu jammern beginnen: „Papa, wir
wollen endlich nach Hause!“)

Diese Bilder sind schön und inspirierend, denn sie geben uns eine Vorstellung davon, welche
Freude in einer starken und gesunden Familie entstehen kann. Aber anzunehmen, dass alle
Familienmitglieder einfach nur glücklich sind, weil sie schließlich zu einer Familie gehören, ist
illusorisch. Tatsächlich werden statistisch gesehen die meisten Gewalttaten von Familienmitgliedern oder
Nahestehenden verübt. Im Laufe der Geschichte haben bittere Fehden und Geschwisterrivalitäten ganze
Familien und Nationen ruiniert. Horrorgeschichten der heutigen Zeit über Kinder, die ihre Eltern
ermorden und umgekehrt, zeigen sehr deutlich, dass die Familie bis heute ein Schauplatz der Disharmonie
und der Zwietracht gewesen ist.

Aus theologischer Perspektive war und ist die Familie aufgrund ihrer Bedeutung für Gott eine
Zielscheibe Satans. Laut heutiger Statistik ist er leider auch sehr erfolgreich gewesen. Ich möchte im
vorliegenden Buch jedoch nicht nur theologische Zusammenhänge erklären, sondern auch anwendbare,
systematische Verfahren anbieten, um die individuelle Geist-Körper-Einheit zu stärken und die Errichtung
gesunder und starker Familien zu unterstützen. Gleichzeitig muss ich jedoch zugeben, dass der
Schwerpunkt meines „Fachwissens“ (sofern man es so nennen kann) mehr im Bereich der Geist-Körper-
Einheit liegt und ich in Dingen wie z.B. Kindererziehung weniger erfahren bin. Unser ältester Sohn ist
erst sechs Jahre alt und meine Frau und ich haben die schwierigen Zeiten im Leben unserer Kinder noch
vor uns, die viele der Leser mit ihren Familien möglicherweise schon durchlebt haben.

Dessen ungeachtet hoffe ich, dass jeder von diesem Buch profitieren kann – idealerweise vom
gesamten Werk, zumindest aber von einzelnen Teilen. Deine besondere Familiensituation kenne ich nicht,
lieber Leser. Vielleicht bist Du noch Single oder Du bist verheiratet und hast Kinder, die bereits mitten im
Leben stehen. Oder vielleicht ist Deine Segnung nicht geglückt. Wie auch immer Deine Umstände sind,
ich möchte Dir gerne sagen, dass es stets eine Möglichkeit gibt, Dinge zu berichtigen und von vorne zu
beginnen.

Falls etwas in unserem Leben nicht ganz in Ordnung sein sollte, wird es natürlich Zeit brauchen,
unser Leben neu zu gestalten und unsere Familien neu zu beleben. Trotzdem leben wir noch, wir atmen
und wir haben die Möglichkeit unsere Zukunft erfüllender und bedeutungsvoller zu gestalten. Solange wir
atmen können, haben wir die Möglichkeit uns für einen inneren Wandel zu entscheiden. Wir haben die
Chance am Leben zu sein und ein Cheon Hwa Dang – ein Haus der Himmlischen Harmonie – zu
schaffen.

In meinem eigenen Leben war es eine Herausforderung, eine strikte spirituelle Disziplin mit einem
Das Haus der Himmlischen Harmonie 15
Leben als Vater und Ehemann in Einklang zu bringen. Ich gebe offen zu, dass es nicht einfach ist. Doch
glaube ich, dass es nicht nur die Mühe wert ist, sondern auch ein sehr unifikationistisches Anliegen und
Bestreben. Viele Mitglieder der Vereinigungsbewegung haben den Wunsch geäußert, ein spirituelles
Training zu betreiben, während man gleichzeitig dabei lernt bessere Eltern und bessere Ehepartner zu
sein. Wenn wir uns auf individueller Ebene einem geistigen Training unterziehen, werden wir lernen die
Zeit mit unseren Lieben in eine erweiterte Form des geistigen Trainings und der Praxis umzuwandeln.
Wir werden lernen den Begriff der „spirituellen, religiösen Praxis“ zu erweitern.

In diesem Buch werden wir uns mit folgenden drei Punkten befassen:

1) Einheit von Geist und Körper auf individueller Ebene
2) Einheit auf partnerschaftlicher Ebene
3) Einheit auf familiärer Ebene

Es ist mir klar, dass sich die Wahren Eltern nicht nur die individuelle Vollkommenheit und die
Errichtung einer wahren Familie von uns wünschen, sondern darüber hinaus auch den Dienst an der
Gesellschaft, das Errichten einer Nation usw. Allerdings glaube ich auch, dass das Fundament – nämlich
individuelle Einheit und die Errichtung einer wahren Familie – ein Sprungbrett und eine Quelle der
Inspiration sein wird, um größere Ziele, wie z.B. den Frieden in der Welt, zu erreichen.

Grundsätzlich sind das Schaffen von Weltfrieden und das Errichten eines Cheon Hwa Dang –
eines „Hauses der Himmlischen Harmonie“ in Geist und Körper, in der Segnung und in unseren Familien
– nicht voneinander zu trennen. Auch sind Gottes Leid, das Leid der Welt und das Leiden der einzelnen
Menschen nicht voneinander zu trennen. Wir arbeiten hart, um die Welt zu verändern – ohne uns selbst zu
ändern; wir trachten danach die Gesellschaft zu revolutionieren – ohne individuelle Revolution; wir
versuchen unsere Familie zu formen – ohne unseren eigenen Charakter zu formen. Aber das geht so nicht.
Wir müssen auf der untersten Ebene anfangen, dort wo Mann und Frau in der Einheit von Geist und
Körper als Ehemann und Ehefrau zusammenkommen und gesunde, starke und wahre Familien schaffen.
Wir müssen beginnen, indem wir Cheon Hwa Dang errichten.
























16 Das Haus der Himmlischen Harmonie


INDIVIDUELLE GEIST-KÖRPER-EINHEIT

Gesegnete Familien der Vereinigungsbewegung (kurz: Unifikationisten) kennen und verwenden,
so wie die meisten religiösen Traditionen, innere, mentale und spirituelle Praktiken. Wir haben Fasten-
und Gebetsbedingungen. Wir haben Ansu
*
und kalte Duschen. Wir haben Witnessing- und
Segnungsbedingungen, die Tradition des Fundraising und darüber hinaus einen Gottesdienst, der dem
protestantischen Stil ähnelt. Im Osten ist es eine gängige Praxis, mehrere, manchmal tausende
Verbeugungen (Kyung-Baes) als Bedingung der Reinigung, als Bittgesuch für einen Segen oder zur
Erlösung von Sünden auszuführen.

Die folgenden Übungen sind als Ergänzung, nicht als Ersatz für bereits bestehende Praktiken zu
verstehen. Meine direkte Beobachtung von Abonims lebendigem Beispiel, aber auch die Momente des
Gebens und Nehmens mit ihm – sei es auf dem Boot, während des Hoon Dok Hae oder ganz besonders
als er mir persönlich die Kalligraphie „Cheon Hwa Dang“ schenkte – veranlassten mich, den Text zu
verfassen, den du gerade liest.

Wie wir sehen, hat die Vereinigungstradition viele bewährte religiöse Praktiken übernommen, um
das religiöse Leben ihrer Mitglieder zu vertiefen. Viele Mitglieder visualisieren die Wahren Eltern im
Gebet oder in gefährlichen und schwierigen Situationen, um Kraft zu schöpfen und die Anwesenheit der
Wahren Eltern zu spüren. Der Wahre Vater sagte:

Religion ist ein Trainingslager und eine Lehranstalt, um den funktionsgestörten
Menschen zu reparieren und ihn zum ursprünglichen Zustand zurückzuführen... Die
Mission der Religion ist es, unseren Charakter durch ein Glaubensleben zu kultivieren,
welches zu Erleuchtung und persönlichem Wachstum führt und uns befähigt, in
unserem täglichen Leben an Gott Anteil zu nehmen... Alle Glaubensrichtungen sollten
mehr Wert darauf legen, Einzelpersonen zu erziehen und zu trainieren, um deren
Charakter zu vervollkommnen und sie zu wahren Menschen des Glaubens zu machen,
anstatt Menschen lediglich durch Zeugnisse und Predigten von einem bestimmten
Glaubensweg zu überzeugen.
1


Das ist ein starker Auftrag an die Religionen. Die Vereinigungsbewegung ist davon nicht
ausgenommen. Durch dieses Buch versuche ich ein systematisches, schrittweises Training anzubieten, das
unsere Fähigkeit, einen wahren Charakter zu kultivieren, stärkt und fördert, sodass wir unser tägliches
Leben mit Gott leben können. Der Wahre Vater betont, dass wir als Bewegung über die Grenzen von
Religion, Nation und Rasse hinausgehen sollen (Cho Jeong Gyo, Cho Guk Ka, Cho Il Yu). Der Wahre
Vater sagt auch, dass Cheon Il Guk in einer wahren Familie beginnt. Jedes Mitglied der Familie muss als
Voraussetzung dafür Geist und Körper vereinigen.

Diese Lehre war für mich zentral, doch ich wusste nicht, wie ich meine Geist-Körper-Einheit
perfektionieren könnte. Aufbauend auf verschiedenen bewährten spirituellen Traditionen – die über
Jahrtausende hinweg technisch verfeinert wurden – entwickelte ich die Kunst der Praxis der Geist-
Körper-Einheit. Es ist ein Lehrplan und eine Methode, die substantielle Einheit zwischen Geist und
Körper zu verwirklichen.

Viele der modernen, gefühlsbetonten und unterentwickelten New Age-Formen der geistigen
Übungen haben ein Problem. Sie mögen zu einer Erhöhung des Bewusstseins führen und helfen einem
sich „gut über sich selbst zu fühlen“ oder „Gott zu spüren“. Es fehlt jedoch eine lange Geschichte der
beschwerlichen Verfeinerung und Überarbeitung der Methoden. Daher kann es passieren, dass man eine
große Leere empfindet, sobald die Gefühle des Selbstwerts vergehen, und man endet schließlich in einer
Sucht nach dem „spirituellen High“. Wenn das Verlangen nach diesem geistigen Höhenflug sehr stark ist

*
Unifikationistische Form des Exorzismus und der geistigen Reinigung. [Anm. d. Ü.]
Das Haus der Himmlischen Harmonie 17
und dieses sich aber nicht mehr wiederholt, kann das zu klinischen Depressionen, ernsthaften psychischen
Traumata und sogar zu Selbstmordgedanken führen. Beschäftigt man sich also mit geistigen Übungen, so
ist es wesentlich, eine systematische, disziplinierte und kultivierte Trainingsmethode zu haben.

So haben einige Formen von spirituellen Praktiken den schwerwiegenden Fehler gemacht zu
glauben, dass man universelle moralische Standards wie beispielsweise „Du sollst nicht töten; Du sollst
nicht deines Nächsten Weib begehren; Du sollst nicht falsches Zeugnis ablegen; …“ einfach umgehen
kann. Große und nachhaltige spirituelle Traditionen warnen uns jedoch vor diesen schrecklichen Fallen.
Ich gehe davon aus, dass der Leser sich von Mord, Diebstahl, Betrug, Ehebruch, vor- und außerehelichem
Sex sowie von Suchtmitteln bereits klar distanziert.

Es gibt pragmatische sowie geistige Gründe für die Aufrechterhaltung einer solch grundlegenden
Moral. Aus der geistigen Perspektive gesehen schafft man sich einen Raum, in dem man Besinnung,
Einkehr und eine tiefe Kommunion
*
mit dem Göttlichen finden kann. Pragmatisch gesehen schützen diese
vorausgesetzten Moralmaßstäbe den Geist vor mächtigen, ablenkenden und destruktiven
Abschweifungen. Als Student der religiösen Traditionen finde ich es sehr aufschlussreich, dass alle
Hauptreligionen wie das Christentum, der Buddhismus, das Judentum, der Islam, der Hinduismus, der
Konfuzianismus, der Taoismus usw. ausdrücklich die Notwendigkeit einer grundlegenden Moral betonen,
bevor die Früchte eines tieferen geistigen Lebens genossen werden können.

Es gibt Menschen, die meinen, sie hätten Vollkommenheit, Erleuchtung, Göttlichkeit oder Geist-
Körper-Einheit erlangt, obwohl sie diese fundamentalen Gebote missachten. Mit anderen Worten, der
Prozess der „spirituellen Praxis“ wird zur reinen Selbstrechtfertigung und fördert die Illusion der
geistigen Vollkommenheit. Geistige Übungen werden zu einem weiteren Produkt oder einer Ware, die
man kaufen und verwenden kann, um die eigene Faulheit, Diebstahl, Mord, Lügen, sexuelle
Überschreitungen, etc. zu rechtfertigen. Dieses Buch möchte denjenigen, die einen krankhaft
unmoralischen Lebensstil führen und geistige Übungen für ihre Zwecke missbrauchen, keine Ermutigung
geben. Niemand ist von diesem Prinzip ausgenommen und gewiss stelle auch ich mich unter die Autorität
dieses fundamentalen moralischen Standards.























*
Von lat. „communio“: Verbundenheit, heilige Gemeinschaft [Anm. d. Ü.]
18 Das Haus der Himmlischen Harmonie


WARUM ÜBERHAUPT GEIST-KÖRPER-EINHEIT?

Es gibt wahrscheinlich keine religiöse Lehre, die eine größere Betonung auf das Erlangen von
Geist-Körper-Einheit legt als die Vereinigungslehre. Durch mein eigenes geistiges Training bin ich zur
Erkenntnis gelangt, dass wir – sofern wir nach wahrer Elternschaft streben – der Herausforderung unseren
Geist und Körper zu vereinigen nicht entkommen können. Das heißt natürlich nicht, dass ich von mir
selbst glaube Vollkommenheit erreicht zu haben (so wie höchstwahrscheinlich jeder, der dies von sich
selbst behauptet, nicht vollkommen ist). Aber ich möchte sagen, dass ich eine Methode entwickelt habe,
die mir geholfen hat ein selbstkritischerer, aber auch friedvoller und glücklicherer Mensch zu werden.

Ähnlich wie bei den Formen und Techniken in den Kampfkünsten, so werden Muster und Formen
der spirituellen Übungen in Zeiten des Kampfes verworfen, denn im Kampf sind die Dinge
unvorhersehbar. Ich hoffe, dass du mit diesen „mentalen Formen“ des Trainings fähig sein wirst, Geist
und Körper in Richtung Einheit zu trainieren. Auf dem Schlachtfeld des Lebens wird es zahlreiche
Überraschungen, Niederlagen und Hürden zu bewältigen geben. Dein Training rüstet dich mit Mut und
Furchtlosigkeit aus. Du wirst Widrigkeiten überwinden, die nicht einfach zu meistern sind.

Man mag vielleicht die Kultivierung des Wissen oder der Erfahrung als entscheidend betrachten,
doch oftmals ist es der Geist des Kriegers, der den Ausgang einer Schlacht entscheidet. Mit Geist meine
ich die innere Landschaft und es ist entscheidend, ob diese Landschaft mit Zweifel, Angst und Feigheit
oder mit Zuversicht, Furchtlosigkeit und Tapferkeit gefüllt ist.

Im Osten gibt es ein sehr altes Sprichwort, das lautet: „Aus gewaltiger Stärke kommt Schwäche.“
Das bedeutet, dass es viel Kraft erfordert, anderen gegenüber sanftmütig, mitfühlend und liebenswürdig
zu sein (Qualitäten, die viele vielleicht als „Schwäche“ bezeichnen). Deswegen ist der Geist eines
Kriegers nicht immer grimmig und hart. Er kann auch die Stärke haben, geduldig und still zu sein. Er ist
in jeder Situation völlig anpassungsfähig und offen für Veränderungen. Dadurch ist ein Krieger in der
Lage sogar in einem unberechenbaren Umfeld erfolgreich zu sein.

In diesem Zusammenhang vermittle ich die „Unifikationistische Praxis der Geist-Körper-
Einheit“– ein Lehrplan des Geist-Körper-Trainings, der für alle Geschwister auf der Welt entwickelt
wurde. Der Wahre Vater lehrte uns, dass der Kampf zwischen Gott und Satan seine Wurzeln im Kampf
zwischen Geist und Körper hat.

Wir können es nie vollständig glauben, solange wir es nicht erfahren haben. Nur im Training
erlebt man die großen Spannungen und Kämpfe zwischen Geist und Körper. Doch es reicht nicht stehen
zu bleiben auf der Ebene des Lernens durch Erfahrung. Denn es gibt noch ein weiteres Element in einer
wirksamen Pädagogik der Geist-Körper-Einheit.

Nach der Erfahrung muss die Auswertung erfolgen. Nur dann werden die Erfahrungen zunehmend
wirksam werden und nicht nur Wiederholungen sein. Nachdem wir Erfahrungen gemacht haben,
analysieren wir sie und durch die Fortsetzung des Trainings können wir „das Wort werden“. Wir können
substantiell verwirklichen, was uns die Wahren Eltern gelehrt haben. Wir dürfen nicht nur über die
Probleme reden, wir brauchen eine Methode, um sie zu lösen. Alles beginnt an der Wurzel – dem
getrennten Geist und Körper – und unser Mittel zur Lösung dieses Problems ist das Training der Geist-
Körper-Einheit.

Am 50. Jahrestag der Gründung der Vereinigungsbewegung sagte der Wahre Vater:

Sehr geehrte Damen und Herren, euer Gewissen ist euer Meister. Es ist euer Lehrer. Es
steht stellvertretend für eure Eltern. Euer Gewissen erfährt als Erstes alles über euch.
Euer Gewissen kennt all eure Gedanken. Es weiß alles bevor euer Lehrer, eure Eltern
Das Haus der Himmlischen Harmonie 19
oder sogar Gott es wissen... Beabsichtigt ihr euer Leben untätig an euch vorbeifließen
zu lassen, während ihr nur euch selbst umarmt und von den Begierden des Körpers
versklavt werdet? Erlaubt ihr eurem Körper euer Gewissen gnadenlos
niederzutrampeln?
2

Genau das ist der Kern des Trainings der Geist-Körper-Einheit. Wir müssen trainieren uns von
aller Selbstsucht, die unser Gewissen bedeckt und unterdrückt, zu reinigen. Durch das Training der Geist-
Körper-Einheit bemühen wir uns, die natürliche Weisheit des Gewissens zu stärken und zu festigen. Wenn
wir unser Gewissen und unsere Intuition kultivieren, können wir – im Unterschied zum rein
intellektuellen Lernen – mit der unverdorbenen Weisheit unseres Ursprünglichen Gemütes in Einklang
kommen.

Ich hoffe, dass diese Trainingseinheiten für dich in deiner persönlichen Nachfolge gegenüber Gott
und den Wahren Eltern hilfreich sind und auf diesem Fundament auch eine Quelle der Kraft für deine
Familie, deinen Stamm, deine Nation und letztendlich für unsere Welt, den Kosmos und den Himmlischen
Vater. Trainiere hart! Die Übung macht den Meister. Darum: Mehr Training, mehr Training, mehr
Training!





































20 Das Haus der Himmlischen Harmonie

GESUNDE KOMMUNIKATION

Was versteht man in einer Beziehung unter guter Kommunikation? Es gehören zwei Aspekte dazu:
Sprechen und Zuhören. Wenn wir als gläubige Menschen beten, sprechen wir für gewöhnlich nur
Bittgesuche – wir bitten Gott um Dinge. Oftmals jedoch hören wir nicht zu, wir kommen nicht zur Ruhe
und wir nehmen nicht teil an der Stille, in der sich Gott offenbart.

Wenn wir sprechen, wenn wir einen bestimmten Satz sagen, dann sind in diesem Satz viele
Momente der Stille, die dem Gesprochenen seinen Gesamtcharakter verleihen und die Aussage
unterstreichen. Hört man sorgfältig diesen Momenten der Stille zu, merkt man, dass sie dem
Gesprochenen eine beachtliche zusätzliche Qualität verleihen. Auf ähnliche Weise vermitteln wir sehr viel
Tiefe, wenn wir unser Verlangen andere mit unserem Reden zu überschütten bewusst zügeln und
stattdessen einfach schweigen und zuhören.

Sprachwissenschaftler erklären, dass 90% unserer Kommunikation nonverbal, also ohne Worte,
stattfindet. Nur 10% drücken wir verbal aus! Zieht man das in Betracht, wie beschränkt ist dann unsere
Kommunikation mit Gott, wenn wir in unseren Gebeten nur zu Ihm sprechen? Wir erleben nur 10%
dieser Beziehung.

Was können wir tun, um das volle Potential dieser Beziehung mit Gott zu erschließen – nämlich
die unendliche Kraft der Gnade, der Vergebung und der Liebe, die uns immer zugänglich ist? Die Bibel
empfiehlt: „Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin.“ (Psalm 46,11) In der unendlichen Stille können
wir unendliche Weisheit finden und erleben. Sie ist eine Quelle der Erneuerung, der Hoffnung und des
Guten. Doch auch den großen Schmerz und das Leid Gottes können wir in ihr erfahren.

Dies mag als Antwort auf die Kant’sche Idee von der Religion als „moralisches Postulat“ gesehen
werden. Immanuel Kant
*
dachte, es sei die alleinige Aufgabe der Religion den Menschen zu helfen,
moralischer zu sein. Ich biete aber einen Gegenvorschlag und der besagt: Es gibt etwas in unserer
religiösen Erfahrung und Praxis, das über unsere kategorisierende Vernunft hinausgeht. Im Augenblick
der Stille, des besinnlichen Gebetes, der Meditation und der Geist-Körper-Einheit gibt es Momente, die so
tiefgründig sind, dass sie Worte nicht beschreiben können. Man weiß nicht einmal, dass man sie gerade
erlebt, denn sie befinden sich vollständig jenseits der Begriffe unseres Verstandes.

Der Kant’sche Gedanke, dass jede Erfahrung durch mentale Kategorien beschränkt ist und dass es
immer einen Abstand zwischen Subjekt und Objekt gibt, vermag die Tiefe der Geist-Körper-Einheit und
der göttlich-menschlichen Verbundenheit nicht zu begreifen. Entgegen dem Kant’schen Reduktionismus
erleben wir im Training der Geist-Körper-Einheit eine Vereinigung mit dem Unendlichen, in der wir über
unsere beschränkte Auffassungsfähigkeit, unsere rationalen Begründungen und unseren Intellekt
hinausgehen. Hier kommen wir in Verbindung mit der höchsten Quelle des Guten, der Weisheit, der
Liebe: Unserem Ursprünglichen Gemüt.

Während des Trainings begegnest du diesen Momenten der tiefsten Stille. Dir wird nicht einmal
wirklich bewusst, dass du dich gerade in einem solchen befindest. Alle Grenzen oder Trennlinien
zwischen mir und dir, mir und Gott, mir und der Welt und sogar zwischen mir und dem Baum dort
draußen fallen weg. Du wirst das Ursprüngliche Gemüt direkt berühren, das unendlich, mächtig und von
Göttlichkeit erfüllt ist.

Diese Stille ist so tief, dass dein Verstand sie nicht ergründen kann. Dein Intellekt wird in der
unermesslichen Weite dieser Stille vor Ehrfurcht ergriffen dastehen. Die Stille ist ein Raum, in dem alle
Vorstellungen und Begriffe von Dualität oder von dir und mir verschwinden. Alles wird eins.

*
Immanuel Kant (1724-1804), der wohl bedeutendste deutsche Philosoph der Aufklärung. [Anm. d. Ü.]
Das Haus der Himmlischen Harmonie 21

Du wirst dir nicht einmal mehr deines eigenen Ichs bewusst sein. Die Wahrnehmung der Grenzen
deines Geistes und der Form deines Körpers wird sich so weit ausdehnen, dass du nicht mehr fähig bist,
dein Selbst zu empfinden. Das ist das weite, unergründliche Unendliche, das wir außerhalb unserer
Vernunftbegriffe erleben. Hier in der Stille fühlen wir uns eins mit Gott, wir können Seine Liebe, Sein
Leid und Seinen Schmerz spüren.

Aufgrund Seiner Liebe für uns löst sich unser Selbst auf. Wir verbinden uns mit Ihm in einem
Moment endloser Weite, offener Horizonte und unendlicher Einheit. Durch Gottes Liebe können sich
unsere Herzen öffnen und wir fühlen den Kummer und das Leid der Welt. Durch diese Art des Gebets
erleben wir die grundsätzliche Einheit der Welt: Wir sind alle Gottes Kinder. Unser Verständnis um die
Grenzen unseres Selbst wird gänzlich in Frage gestellt. Es dehnt sich aus bis es schließlich die gesamte
Menschheit und die Schöpfung umfasst.

So tief können wir den Schmerz einer Mutter spüren, die ihr sterbendes Kind wiegt, dass wir
selbst zu dieser Mutter werden. Wir werden auch zum Kind, das in ihren Armen stirbt. Wir sind die Väter,
die andere Väter im Namen der Gerechtigkeit töten. Wir sind die Unterdrückten, die in die Sklaverei und
Prostitution verkauft werden. Wir sind die Verkäufer jener Frauen, die der Sklaverei und der Prostitution
übergeben werden. Wir sind die Reichen, die Armen, die „Freien“, die Unterdrückten. Wir sind nicht von
der Welt getrennt. Wir sind Teil der Freuden der Menschheit, aber auch ihrer Leiden.

Unser Herz wird in solchen Momenten der Stille so unermesslich weit. Wir können es in diesen
Momenten der reinen Stille nicht vernunftmäßig erklären. Wenn wir jedoch gerührt aus einem solchen
Gebet hervortreten, wird unser Intellekt entfacht werden und mit Mühe zu begreifen versuchen, was man
eigentlich gerade erlebt hat. Wir versuchen die Stille als „dieses oder jenes“ zu beschreiben, doch letzten
Endes gelingt es uns nicht, das Erlebnis in seiner Tiefe zu erklären. Und trotzdem haben wir uns selbst
verändert.

Wir erleben etwas, das sich von unserem alltäglichen Bewusstseinszustand komplett unterscheidet.
Ihr kennt es, wenn Leute sagen: „Oh, er ist schwarz, sie ist weiß, er ist Spanier, sie ist Koreanerin usw.“
Doch wenn wir ein wahrhaftiges Gebetserlebnis in der Ruhe und Weisheit der tiefsten Stille haben, dann
verschwinden all diese Etiketten und Unterscheidungen und wir erfahren Gottes Herz, welches in allem
ist.

Selbst die törichtsten Menschen haben ein Ursprüngliches Gemüt. Auch die härtesten Kriminellen
sind Kinder Gottes. Das heißt natürlich nicht, dass wir den Menschen erlauben Verbrechen zu begehen
und andere zu verletzen. Ganz im Gegenteil: Wir müssen sie von derartigen Handlungen abhalten, weil
sie nicht vom Ursprünglichen Gemüt gelenkt sind. Oft übernimmt uns der Zorn, der von einem
persönlichen Streit mit jemand anderem herrührt, ein anderes Mal ist es selbstsüchtiges Handeln oder eine
feige, verletzende Tat, die darauf abzielt, jemand anderen zu verletzen um sich selbst zu erhöhen.

Das Ursprüngliche Gemüt ist jedoch anders. Im Erlebnis der Stille, mit unserem Herzen
lauschend, hören wir Gott. Wir erfahren Seine unermessliche Weite; wir spüren Seine unendliche Liebe
für alle Gesichter der Menschheit; wir hören sein Rufen nach uns, dass wir aus unserem egoistischen
Selbsterhaltungstrieb hervortreten mögen. Gott spricht zu uns während jener Stille – und danach.
Vielleicht nicht mit lauten Worten, aber sicher durch die Lektionen, die man während und nach so einem
gebetsvollen Training erhält.

Das Training der Geist-Körper-Einheit ist so lebenswichtig und wesentlich. Es ist wie Sport für
den geistigen Körper und stärkt ihn durch gesunde Nahrung. Unser geistiger Körper muss ernährt werden
und er braucht Bewegung, um ausreichend geistige Muskeln aufzubauen und chronische Krankheiten
abklingen zu lassen. Das wird durch unser Training erreicht.

22 Das Haus der Himmlischen Harmonie
Im Training der Geist-Körper-Einheit müssen wir Geist und Körper schärfen und schulen, um
unser sogenanntes Reiz-Reaktions-Muster zu kultivieren. In der Kampfkunst oder in anderen Sportarten
konditionieren wir unsere Körper und wenn ein bestimmter Angriff (Reiz) auf uns zukommt, wehren wir
ihn reflexartig mit einer eingeübten Reaktion ab. Es ist dasselbe im Training der Geist-Körper-Einheit.
Wir entwurzeln systematisch schlechte mentale Gewohnheiten und re-programmieren dann unsere
mentalen Reflex-Reaktionen, um dadurch inneren Frieden in uns und für andere zu schaffen.

Bist du schon einmal jemandem begegnet, der keinen inneren Frieden hat, der andere nur kritisiert
oder mit seiner Einstellung die Atmosphäre vergiftet? Diese Art von Negativität wird zunächst im Inneren
erzeugt und wirkt dann nach außen auf die Mitmenschen. Umgekehrt, wenn jemand einen stabilen,
friedvollen und vereinigten Geist hat, so strahlt diese Person Stabilität, Frieden und Einheit aus. Mit
anderen Worten: Wir müssen erkennen, dass innerer Friede und äußerer Friede nicht grundverschieden
sind. Sie sind tief miteinander verbunden.

Im Training begegnen und bekämpfen wir den Satan in uns: Selbstsucht, Frustration, Ungeduld,
Begierde, Hass, Konzentrationsmangel, Uneinigkeit. Wir erkennen, dass unser Ego der gefallenen Natur
wie ein Sklave dient und sich gierig nach anderen Objekten ausstreckt und sie zu besitzen sucht, seien es
Konzepte, Menschen oder Geld. Es wehrt sich vehement gegen Dinge, die es nicht mag – ob es nun
Versuche sind, selbstsüchtige Neigungen zu ändern, unsere Gier zu unterbinden oder einem Feind zu
verzeihen. Daraus ist klar ersichtlich, dass unser Geist bisher sehr egoistisch gehandelt hat.

Das Ego ist kein passiver Behälter, in dem sich nur die Informationen widerspiegeln, die es durch
äußere Reize empfängt. Im Gegenteil, das Ego ist sehr aktiv und es ist sehr gierig. Es ist entscheidend
durch selbstbezogene Konditionierung
*
verformt worden. Wir werden daher zunächst dagegen ankämpfen
müssen. Wir werden dieses Ego beschwichtigen müssen, es davon abhalten so besitzergreifend und
habgierig zu sein. Und wenn es sich beruhigt hat und nicht mehr so eigennützig ist, können wir mit der
nächsten Phase des Trainings beginnen, um selbstloser und tugendhafter zu werden.

























*
Erlernte psychische Verhaltensmuster. [Anm. d. Ü]
Das Haus der Himmlischen Harmonie 23

GEDANKEN-ZÜGE: „WILLKOMMEN AN BORD!“

Im Verlauf des Gebetes wird dein Geist uneins sein. Das erlebt jeder, ohne Ausnahme. Gedanken
werden in deinen Geist eindringen. Deine Konzentration wird abreißen. Dein Geist wird davonlaufen,
sich an diese Gedanken anklammern, sich mit ihnen unterhalten, sich mit ihnen beschäftigen und sich
ihnen hingeben.

Durch Uneinheit geht viel Energie verloren. Gedanken, die in deinem Geist auftauchen, sind wie
ein Zug, der am Bahnhof ankommt und alle Passagiere aufruft einzusteigen. Wir sind uns dessen nicht
bewusst, dass wir häufig in solche „Gedanken-Züge“ (thought trains) einsteigen, unwissentlich
mitgenommen werden und dann in einen anderen Gedanken-Zug umsteigen. Daraufhin stoßen wir auf
einen weiteren Gedanken-Zug, dann auf den nächsten und schon sind wir weg und befinden uns im Land
der Tagträume. Das wird selbst in der Stille des Gebets passieren.

Wenn wir versuchen unseren Geist zur Ruhe zu bringen, werden wir bemerken, dass wir oft in
Gedanken-Zügen der Vergangenheit oder der Zukunft festsitzen. Wir machen uns selbst oder anderen
Vorwürfe für etwas, das in der Vergangenheit passiert ist, und lassen nicht los. Wir durchleben dieses
Ereignis wieder und wieder und spüren wie dabei Wut, Furcht und Hass in uns aufsteigen. Andererseits
stecken wir auch in Zukunftsängsten fest, in der Angst zu versagen oder in der Angst von anderen nicht
wertgeschätzt zu werden.

Wo immer wir auch sind, sei es in einem Gedanken-Zug der Vergangenheit oder der Zukunft, wir
leben nicht am allerwichtigsten Ort – dem Hier und Jetzt. Der gegenwärtige Moment ist der einzige
Augenblick, der uns überhaupt zugänglich ist. Er ist ewig und erneuert sich unaufhörlich. Er offenbart uns
große Schätze. Die Vergangenheit liegt hinter uns und die Zukunft will noch erlebt werden. Wenn wir
nicht im Hier und Jetzt bleiben, können wir die Vergangenheit nicht loslassen und bessere Menschen für
die Zukunft werden. Die Zeit sich zu bessern ist immer und allein das Jetzt!

Während des Trainings kann es einerseits passieren, dass wir einige Erlebnisse in der
Vergangenheit bedauern oder andere für unseren Mangel an Selbstkontrolle beschuldigen. Andererseits
kann es auch sein, dass wir Angst vor der Zukunft haben oder kommendes Unheil ahnen. Vielleicht sagen
wir Dinge wie „eines Tages werde ich ein besserer Mensch sein“ oder „eines Tages werde ich meine
Einstellung ändern“. In Wirklichkeit klammern wir uns jedoch – anstatt gegenwärtig zu sein und aktiv
daran zu arbeiten, ein besserer Mensch zu werden und blockierende Einstellungen zu ändern – an
Vergangenes oder an Zukunftsträume und -ängste. Leider können wir damit weder die Vergangenheit
bewältigen noch eine bessere Zukunft schaffen. Wir verabsäumen es im Hier und Jetzt mit unseren
Mitmenschen zu leben, weil wir entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft sind.

Das Problem ist, dass wir von diesen Gedanken-Zügen mitgenommen werden. Unser Ego beginnt
sich mit irgendeinem vergangenen Erlebnis oder einem Zukunftstraum zu beschäftigen. Wir spielen zum
Beispiel das „Sollte, Würde, Könnte“-Spiel und sagen: „Ich könnte glücklich sein, aber er/sie hat dies
oder jenes getan und darum geht es mir mies.“ Oder wir suchen Ausreden, warum wir uns nicht genügend
bemüht haben und sagen: „Ich hätte mein Bestes geben sollen, aber ich wollte es nie wirklich.“ Wir
schieben die Schuld für unsere momentanen Schwierigkeiten oder auftretende Hindernisse auf passende
mentale Sündenböcke. Entweder sind das Personen, von denen wir uns ungerecht behandelt fühlen, oder
es sind irgendwelche äußere Vorfälle, die uns Leid bringen. Somit leben wir als Gefangene der
Vergangenheit und erklären unseren gegenwärtigen, leidvollen Zustand als Folge solch äußerer
Umstände.

In Wirklichkeit ist jedoch jeder Mensch einem bestimmten Maß von Stress und Leid ausgesetzt.
Vielleicht ist es nicht gerade physischer Hunger oder eine Krankheit, aber viele leiden unter mentalen
Schmerzen.
24 Das Haus der Himmlischen Harmonie

Wir mögen anderen oder uns selbst ständig Vorwürfe wegen der Vergangenheit machen oder
unsere eigenen Zukunftsaussichten eingrenzen. Vielleicht spielen wir das „Kann nicht, Werde nicht,
Niemals“-Spiel und sagen dabei: „Ich kann dies nicht und das nicht“, oder „Das werde ich doch niemals
schaffen.“ Solche Gedanken sind nichts anderes als selbstauferlegte, mentale Beschränkungen, die uns
blockieren und bedauerlicherweise auch unsere Zukunft bestimmen: Wenn wir glauben, dass wir können,
dann können wir. Wenn wir jedoch glauben, wir können nicht, dann können wir auch nicht. (In unserer
stressgeplagten Welt werden diejenigen, die ihren Geist beruhigen können und in Seelenfrieden
fortschreiten, viel seltener unter einem „Burn-out Syndrom“ leiden und zudem über höhere mentale
Ausdauer und Klarheit verfügen.)

Wenn wir im Training lernen, in unseren Herzen still zu werden, wenn wir lernen all die
Uneinigkeit und Verwirrung zu beenden, die uns demgegenüber taub machen, was Gott uns in diesem
Augenblick sagen möchte, dann bekommt es der „Teufel“ mit der Angst zu tun. Er wird paranoid werden.
Er wird uns alle möglichen Gedanken-Züge schicken, um uns zu unterbrechen, um uns abzulenken und zu
verführen.

Es wird sowohl glückliche und faszinierende Gedanken-Züge geben, aber auch solche voll Angst,
Eifersucht, Wut und Hass und viele andere. Still dazusitzen wird am Anfang gar nicht so still sein. Dein
Geist wird nämlich ständig Lärm machen.

Doch verzweifle nicht! Der Lärm wird abklingen. So wie sich jeder Sturm einmal legen muss, so
wird auch jeder Gedanken-Zug sein Ende erreichen. Sobald du bemerkst, dass du eigentlich in einem
Gedanken-Zug sitzt, hast du auch die Macht dies zu ändern. Denn nun hast du die Freiheit auszusteigen!
Wenn du das nicht tust, wirst du einen Zug nach dem anderen besteigen. Das Umsteigen von Zug zu Zug
wird nahtlos und glatt vonstatten gehen und am Ende wird der Teufel all die Zeit gestohlen haben, die du
eigentlich dem Training und dem Gebet widmen wolltest.

Wie oft klammern wir uns in unserem Leben an Glücksgefühle? Lobt uns jemand oder spüren wir,
dass wir „großartig“ sind, dann erleben wir durch einen solchen Gedanken-Zug ein „High“ (Hochgefühl).
Manchmal fühlen wir uns nicht genug wertgeschätzt. Vielleicht versuchen wir sogar Anerkennung von
anderen zu erzwingen und regen uns auf, wenn sie uns nicht das erwartete Lob schenken. Dann fallen wir
in ein mentales Tief. Oft befinden wir uns in diesen Zyklen von Höhen und Tiefen: Selbstvertrauen, wenn
andere uns loben, und Selbstzweifel, wenn wir nicht gelobt werden – ein Kreislauf von Euphorie und
Depression.

Wenn du lernst, deine Gedanken-Züge wahrzunehmen – seien sie nun heiter oder betrübt – wirst
du erkennen, dass all diese Züge nicht von Dauer sind. Sie werden vergehen. Wenn du also glücklich bist,
wirst du lernen, dich nicht einfach diesen Emotionen hinzugeben. Du wirst sie erleben und gleichzeitig
überlegen, was von längerfristigerem Wert sein könnte, um dich und andere noch glücklicher zu machen.
Auf ähnliche Weise wirst du nicht mehr in Selbstmitleid verfallen, wenn du niedergeschlagen bist. Du
wirst die Disziplin aufbringen, um einzusehen, dass die deprimierenden Gedanken-Züge vorüberziehen
und dass es immer Hoffnung gibt!

Allein die Einsicht, dass all unsere Gefühlszustände – große Freude oder tiefer Kummer – einmal
vergehen, ist bereits eine ungemein befreiende Erkenntnis. Da man weiß, dass die Freude über einen
bestimmten Anlass nicht für immer anhält, kann man den guten Zeiten mit mehr Dankbarkeit und Reife
entgegensehen und zwar während man sie erlebt. Ebenso kann man schwierigen Zeiten mit mehr
Hoffnung auf neue Tage und neue Chancen gegenübertreten. Denn man versteht, dass emotionale und
psychische Zustände mit Sicherheit vergehen werden.

Doch der Teufel ist kein Narr. Er will, dass du deine Zeit vergeudest und deine mentale und
geistige Energie verschwendest. Er wird dir die schönsten, reizvollsten Gedanken-Züge schicken, um dich
Das Haus der Himmlischen Harmonie 25
in das „Reich der Phantasie“, zur „Stadt der Sünde“ oder zur „Ego-Zentrale“ zu bringen. Er liebt es, wenn
du in Geist und Körper gespalten bist. Es fällt ihm dann viel leichter dich durch Eifersucht, Furcht, Wut,
Hass, Gier, Unwissenheit usw. zu verführen, während du dich auf deiner täglichen Fahrt in solchen
Gedanken-Zügen befindest.

Vielleicht erinnerst du dich an ein vergangenes geistiges Erlebnis und sehnst dich wieder nach
einem solchen. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Bruder, der mir erzählte, wie er das erste
Mal ein geistiges Erlebnis mit Gott hatte. Er sagte, er sei erfüllt gewesen mit der Liebe Gottes, die ihn
durchströmte und dass dieses Gefühl den ganzen Tag angehalten hätte. Natürlich ließ es am nächsten Tag
nach und er sagte, dass er seit dreißig Jahren auf ein weiteres Erlebnis dieser Art warte.

Als ich das hörte, sagte ich zu ihm: „Du darfst ein solches Erlebnis nicht wollen. Warum willst du
so etwas von Gott? Du erwartest ein unglaubliches Erlebnis, aber selbst wenn Gott dir ein gleiches oder
ein noch größeres Erlebnis schenkt, würdest du es nicht erkennen, da deine Erwartungen so groß
geworden sind, dass alle Geschenke Gottes dagegen verblassen würden. Lass los von deinen
Erwartungen.“

Angenommen, ich hatte in der Vergangenheit ein großartiges Erlebnis mit dem Wahren Vater.
Erwarte ich wieder ein solches Erlebnis und führe es mir immer wieder vor Augen, dann werde ich –
selbst wenn Vater mir einen Segen schenkt – nicht in der Lage sein, ihn als solchen zu erkennen.
Vielleicht lobte er mich einmal und nun wünsche ich mir, ständig von ihm gelobt zu werden, was
natürlich nicht geschehen wird. Wenn jedoch nicht eintrifft, was ich erwarte, fühle ich mich übergangen
oder ungeliebt – und das wiederum führt sehr leicht zu Anklagen, Bitterkeit und hasserfüllten Gedanken.

Hege ich jedoch keine bestimmten Erwartungen, wenn ich mir weder Lob noch Ehre von Abonim
erwarte, dann kann alles eine angenehme Überraschung sein. Sagt er etwas Nettes, kann ich dankbar sein
und es loslassen. Wenn er etwas Kritisches sagt, kann ich daraus lernen und es loslassen. Haben wir
unvernünftige, selbstsüchtige Erwartungen gegenüber unserem Partner, unseren Freunden, dem Wahren
Vater oder Gott, dann werden wir leider Enttäuschung und Frustration erleben.

Daher ist es von größter Bedeutung im Training stets ein Anfänger zu bleiben. Denn ein Anfänger
ist immer frisch und sein geistiger Horizont ist unbegrenzt. Beginne jeden neuen Tag als Anfänger!
Warum wollen wir unbedingt ein Meister sein? Meister sind in ihrer eigenen Meisterhaftigkeit gefangen.
Sie denken, sie hätten bereits alles gemeistert. Sie sind daher nicht mehr offen und können nicht mehr
wachsen.

Echte Meister hingegen bleiben Anfänger. Sie versuchen ständig dazuzulernen, überall und
jederzeit. Sie wissen, dass sie auch heute noch genauso intensiv und mit genauso viel Elan trainieren
müssen wie damals als Anfänger. Der „Meister“ ist gefangen in der Meinung, er könne bereits alles.
Deshalb ist der Wahre Vater ein wahrer Meister. Er ist stets ein Anfänger, ein Schüler Gottes. Er sagt
sogar, dass er von einem kleinen Baby am meisten lernen kann.

Wann immer ich den Segen habe, Geist-Körper-Einheit zu lehren, denke ich daran, dass ich selbst
derjenige bin, der dieses Training am meisten braucht. Es ist so verlockend zu glauben irgendeine Art von
Meister zu sein. Aber das ist eine tödliche Falle. Ich versuche mich nicht am Gedanken festzuhalten, wie
viel ich schon trainiert habe oder wie fortgeschritten ich bin usw. Das sind alles Fallgruben für das Ego.
Der Schlüssel liegt darin, jedem Tag, jedem neuen Moment, jeder neuen Trainingseinheit mit Frische,
Offenheit und der Bereitwilligkeit eines Novizen
*
zu begegnen.

Ich frage die Menschen oft: „Warum willst du unbedingt ein Meister sein? Es ist doch viel besser
ein Anfänger zu sein.“ Ich begegnete vielen, die glaubten Erleuchtung, Vollkommenheit oder die höchste

*
Neuling in einem Kloster. [Anm. d. Ü.]
26 Das Haus der Himmlischen Harmonie
Stufe des Bewusstseins erreicht zu haben. Solchen Personen sage ich immer: „Na und, wen kümmert’s?
Sei ein Anfänger!“ Wenn wir in unserer Selbstprojektion der Vollkommenheit gefangen sind, werden wir
von uns selbst so eingenommen sein, dass wir allen anderen mit Geringschätzung begegnen. Es besteht
die große Gefahr, dass wir noch dämonischer werden, da wir uns ständig mit anderen vergleichen müssen.
Unser Sinn für Verbundenheit verschwindet sofort und damit unsere Fähigkeit mitzufühlen.

Deswegen ist es von entscheidender Bedeutung, stets ein Anfänger zu bleiben. Wenn wir Anfänger
und Schüler gegenüber Gott, den Wahren Eltern und sogar unseren Mitmenschen bleiben, werden wir den
Reichtum des ständigen Lernens und Wachsens entdecken. Wenn nicht, werden wir uns im Gefängnis der
Selbstverherrlichung wiederfinden. Anstatt zu helfen werden wir andere und uns selbst verletzen. Wir
müssen daher mit Sorgfalt trainieren und üben.

Also, sei auf der Hut! Zu erkennen und einzugestehen, dass man nicht alles kann, ist Teil des
Trainings. Du zügelst dich selbst, sobald du erkennst mit welchen Zügen du für gewöhnlich unterwegs
bist. Zu erkennen, dass du dir dessen nicht bewusst warst, dass du mehr als zwei Drittel deines wachen
Lebens mit dem Pendeln auf Gedanken-Zügen verbracht hast, ist bereits eine enorme Einsicht darin, was
du mit deinem Leben machst.

Das zeigt uns, dass wir unser Leben gewöhnlich in einem Zustand „wacher Verwirrtheit“
verbringen. Vielleicht haben wir schon einmal bemerkt, dass unser Geist aufgrund der vielen mentalen
Gifte in die Irre geführt wird. Wir verwenden unsere Energien nicht, um an uns zu arbeiten und Einheit in
Geist und Körper zu manifestieren. Wir erkennen, dass wir unsere Kräfte nicht dazu verwenden, um
Wahre Liebe und ein besinnliches, tiefes spirituelles Leben zu fördern, sondern wir vergeuden sie mit
Gedanken-Zügen.

Die Geist-Körper-Einheit zu kultivieren ist ein Prozess. Wir müssen geduldig und fleißig sein. Es
ist wie beim Gewichtheben: Möchtest du 100 kg stemmen, musst du das Gewicht schrittweise erhöhen,
beginnend mit 1 kg, dann 2, 5, 10, 20 kg usw. Es tut mir leid, aber da gibt es keine Abkürzungen. Im
Frühling muss hart gearbeitet werden, damit im Herbst die Früchte geerntet werden können. Wir können
nicht bis zum Herbst warten und dann versuchen die Saat zu pflanzen. Das ist einfach nicht möglich. Das
Gleiche gilt für einen starken und vereinigten Geist und Körper.

So oft sind wir wie ein Herbstblatt, dass auf dem Wasser treibt: Wir werden vom emotionalen
Fluss unserer Gedanken weggespült und gänzlich von der Kraft der Strömung beherrscht. Durch Geist-
Körper-Einheit können wir jedoch wie ein Felsen werden, der fest und sicher steht und den Strömungen
des Geistes nicht mehr hilflos ausgesetzt ist.

Wenn wir unsere Dämonen in Engel bzw. die Gedanken-Züge der Zerstreuung in Einheit
verwandeln wollen, müssen wir zuerst beginnen still zu werden und zuzuhören. Wir müssen diese
Gedanken-Züge mit Geduld und Professionalität beobachten. Wir müssen lernen zu erkennen, wohin wir
verführt werden. An welche Orte gelange ich? Sind es Orte der Selbst-Verherrlichung oder der Selbst-
Rechtfertigung? Oder etwa Orte der Furcht? Sind es Orte, die uns dazu verleiten zu hassen oder uns
gegenseitig zu verletzen? Wohin werden wir geführt?

Beobachte einfach, lausche und sei wachsam. Schlafe nicht ein! Wir müssen aufmerksam sein, um
zu sehen, was da ist und nicht, was wir sehen möchten. Sei wahrhaftig. Sei ehrlich. Sei „Ursprünglich“
mit einem großen „U“ für „Ursprüngliches Gemüt“ und lerne von der Stille, in der sich Gott ausdrückt
und uns Weisheit lehrt.

Wie du siehst, ist die Geist-Körper-Einheit sehr wichtig. Wir brauchen nur eine beliebige Rede des
Wahren Vaters zu studieren, um über die entscheidende, zentrale Bedeutung der Geist-Körper-Einheit zu
lernen. Warum? Wenn wir fundamental in Geist und Körper getrennt sind, wird auch die Welt getrennt
sein. Sind unser Geist und Körper uneins, so werden unsere Nationen, unsere Gemeinschaften und unsere
Das Haus der Himmlischen Harmonie 27
Familien uneins sein. Weshalb? Weil Einzelpersonen, deren Geist und Körper nicht vereint sind,
gespaltene Familien, geteilte Gemeinschaften, entzweite Nationen und eine zerrissene Welt schaffen. Wie
traurig muss Gott sein, so etwas miterleben zu müssen!

Wenn wir nur danach trachten, uns selbst in unserem Egoismus zu dienen, dann bedeutet das, dass
unser Geist und Körper nicht vereinigt sind. Wir haben unsere Geist-Körper-Einheit nicht trainiert. Durch
die Erfahrung, die wir im Training gewonnen haben, entsteht eine gewisse Reife, eine bestimmte Art von
Ruhe. Diese ist wie ein klarer See, der die Berge, den blauen Himmel oder gar einen Gewittersturm
widerspiegelt. Der See mag von Wind und Regen gepeitscht werden, doch der Grund des Sees wird ruhig
bleiben. Er bleibt klar, der Staub setzt sich und das Durcheinander klingt ab.

Wir können eine fundamentale Quelle der Energie, der Inspiration und des Friedens erschließen,
nämlich unsere persönliche Beziehung zu Gott. Es ist nicht bloß ein vorübergehendes inspirierendes oder
motivierendes Gespräch oder eine Erfahrung. Das ist nicht genug. Wenn wir unsere Energie nur aus dem
Wunsch gewinnen, stimuliert zu werden, enden wir unweigerlich in Einsamkeit und Verzweiflung. Diese
Art der Energie kann nicht lange bestehen. Unsere Energie muss von etwas kommen, das grundlegender,
stabiler und zuverlässiger ist.

Sie muss von der Stabilität kommen, dem Gebetsleben, dem besinnlichen, meditativen Leben, der
persönlichen Beziehung zu Gott und den Wahren Eltern, die wir während den Übungen entwickeln, die
unsere Gier zum Schweigen und unseren Geist zur Ruhe bringen. Indem wir unseren Geist und Körper
vereinigen, verwirklichen wir den Frieden, den Vater uns gelehrt hat. Wir entwickeln damit eine tiefere
Verbindung zu Vaters Worten – sie werden nicht nur gelernt sondern auch verwirklicht. Dann können wir
selbst in Momenten, in denen wir scheinbar „nichts“ tun, in tiefer Verbundenheit mit Gott sein. Wir
sollten lauschen und lernen, welche Gedanken-Züge wir gewohnheitsmäßig besteigen, welchen wir
einfach nur nachgeben und welche uns entführen. Das ist der erste Schritt um zu verstehen, was uns von
Gott ablenkt.


























28 Das Haus der Himmlischen Harmonie

RAUSCHMITTEL DES GEISTES

Mit jedem neuen Atemzug erhalten wir neues Leben und damit eine neue Chance. Doch so viele
Male vergessen wir uns dessen bewusst zu sein. Wir werden von Phantasien über uns selbst vereinnahmt,
was zwangsläufig dazu führt, dass wir die Gelegenheit verpassen, mit jedem Atemzug und im tiefen
Gebet völlig präsent und lebendig zu sein.

Wenn wir von einem Freund 300,- €als Geschenk bekämen, wären wir sicher sehr dankbar und
würden das auch zum Ausdruck bringen. Doch was wäre, wenn wir das Leben geschenkt bekämen?
Sollten wir nicht bei jedem Atemzug dem Einen gegenüber, der es uns schenkt, unermesslich dankbar
sein? Ich denke schon.

Wenn wir unsere Beziehungen, Herzen und Gemüter vertiefen und schärfen wir unsere Sinne, um
die großartigen Geschenke zu erkennen, werden wir diesen Dingen gegenüber sensibler. Sehr oft sind die
kostbarsten und größten Geschenke unscheinbar und werden einfach übersehen. Viele äußere Geschenke
sind ein Ausdruck von innerer Dankbarkeit. Doch das innere Herz ist dabei das das eigentliche Geschenk,
obgleich wir es nicht sehen mögen.

Es gibt ein Sprichwort, das besagt: „Große Spiele werden durch Kleinigkeiten gewonnen.“ Nun,
auch Beziehungen, Vertrauen und Liebe werden durch Details gewonnen – durch die kleinen Dinge, die
wir füreinander tun und die kleinen Opfer, die wir einander bringen. Ähnlich verhält es sich mit Gott.
Warum sollte es auch anders sein? Die kleinen Gesten der Dankbarkeit, die wir jeden Tag vollziehen; in
unserem Gebetsleben; im bewussten Wahrnehmen eines jeden Atemzuges; in der Aufmerksamkeit, die
wir unserer Beziehung zu Gott widmen – all diese Dinge zielen darauf ab unsere lebendige Beziehung zu
Gott zu stärken.

Wie in jeder wichtigen Beziehung müssen wir auch in unsere Beziehung zu Gott und den Wahren
Eltern investieren. Kannst du dir ein Ehepaar vorstellen, das nie in seine Beziehung investiert? Solche
Paare haben wir gesehen. Sie leben bereits lange vor der Scheidung im Herzen voneinander getrennt. Um
bedeutungsvolle und dauerhafte Beziehungen aufzubauen, müssen ständig Investitionen und
Einzahlungen auf das „geistige Bankkonto“ gemacht werden. Wir können nicht dauernd vom anderen
nehmen und Abhebungen vom Beziehungskonto machen, wenn unser Guthaben des Vertrauens und der
Fürsorge bereits bei Null angelangt ist.

Wenn wir gehen, sehen wir da nicht, dass aus unseren Fußstapfen Blumen blühen? Merken wir
nicht, dass die Erde uns trägt? Fühlen wir nicht den Wind, der uns umarmt und mit uns über die Berge
und durch die Täler zieht? Hören wir nicht die Wolken, die nach uns rufen? Erkennen wir nicht den
Himmlischen Vater, der uns all das schenkt?

Wisst ihr, im Grunde ist es ganz einfach. Wach auf, Mensch! Aber die einfachsten Dinge sind oft
sehr schwer zu tun, nicht wahr? Wir können darüber reden, unseren Feind zu lieben oder unserem Partner
zuzuhören. Aber ist das einfach? Würden wir nicht lieber den anderen dominieren und beherrschen? Es ist
keine leichte Aufgabe, die Mauern, Barrieren und Festungen niederzureißen, die wir geschaffen haben,
um uns davor zu schützen, dass andere Menschen unsere Schwächen sehen können. Es ist nicht leicht, sie
niederzureißen und völlig nackt vor Gott zu stehen, ohne etwas verbergen zu müssen, wie einst Adam und
Eva vor dem Sündenfall.

Manchmal verhalten wir uns wie Drogensüchtige. Vielleicht trinken wir keinen Alkohol und doch
konsumieren wir „geistigen“ Alkohol, nämlich die Phantasien über uns selbst und die vielen mentalen
Selbstportraits, die uns berauschen. Sie können uns „high“ machen, da sie Dopamine und Adrenalin im
Gehirn ausschütten so wie Kokain oder andere tödliche harte Drogen.

Das Haus der Himmlischen Harmonie 29
Doch wenn wir uns selbst gründlich erforschen, werden wir möglicherweise erkennen, dass wir
uns solchen Phantasien hingeben, ohne es zu merken. Vielleicht behaupten wir: „Ich bin nicht
selbstsüchtig“ oder „Ich bin der Einzige, der versteht, was wirkliches Leid bedeutet“ oder „Ich bin ein
erleuchtetes und vollkommenes Wesen.“ Wir mögen die Vorstellung, dass wir uns solchen Phantasien
oder aufheiternden Rauschmitteln des Geistes hingeben, auf das Heftigste zurückweisen. Aber der Teufel
liebt es, uns „betrunken“ und süchtig nach egoistischen Träumen zu machen.

Höchstwahrscheinlich würde niemand von uns jemals einen anderen Menschen töten. Aber wenn
wir in Rage sind, haben wir vielleicht den Wunsch, Menschen, auf die wir sehr eifersüchtig sind,
umzubringen (wenn auch nur in Gedanken, doch Gott bewahre uns!). Vielleicht hassen wir sie und
wünschen ihnen, dass sie versagen und leiden. Oder wir möchten ihnen zeigen, dass sie böse sind, weil
sie uns nicht mögen. Und wenn sie dann einmal ein Missgeschick erleiden, lachen wir sie in unserer
Selbstgerechtigkeit aus. Wir sehen sie in ihrem armseligen Zustand und beobachten in unserer
Schadenfreude, wie sie leiden.

Vielleicht belügen wir uns selbst, indem wir nicht zugeben, dass es eine weite Kluft gibt zwischen
dem, wie wir uns selbst beschreiben, und dem, wie wir wirklich sind. Womöglich betrügen wir uns selbst
mit unseren Phantasien, mit schön gemalten und konstruierten Egos, die wir insgeheim verehren.
Wahrscheinlich stehlen wir kein Geld von anderen, doch sehr oft stehlen wir Zeit und Energie von uns
selbst, indem wir uns im Gebet ablenken lassen oder nur beten, um Anerkennung zu bekommen.
Vielleicht denken wir, dass wir treu sind, doch wenn eine reizvolle Dame an uns vorbeischreitet, dreht
unser Geist durch und wir sündigen vielleicht in Gedanken! Das sind die Drinks, der Wein und die
Drogen des „Teufels“. Er gibt sie uns, denn sie sind subtil, sie sind innerlich, sie befinden sich außerhalb
unseres Radarschirms, sie sind einfach unsichtbar. Und oft werden wir von ihnen berauscht, nicht wahr?

Wir müssen diese Dinge im Angesicht Gottes betrachten. Wir müssen eine Demut besitzen, die
stark genug ist, um zuzugeben, dass uns der Teufel berauscht hat, dass wir seinen Wein getrunken haben,
dass er unseren Geist oft durch schöne Verführerinnen, mit Trunk, Zorn, Furcht und Hass verführt hat.
Wir müssen die Realität erkennen, denn nur dann gibt es Hoffnung auf Veränderung. Wenn wir krank
sind, müssen wir unsere Krankheit diagnostizieren, um wieder gesund zu werden. Uns hinter Mauern oder
im Schatten zu verstecken, um nicht in den Spiegel sehen und unser wahres Selbst erkennen zu müssen,
wird uns nicht weiterbringen. Wenn wir nicht ehrlich vor uns selbst, vor anderen und vor Gott handeln, ist
das nichts anderes, als ob wir uns im Gebüsch versteckten – bedeckt mit Feigenblättern, um unsere
Scham zu verbergen, so wie einst Adam und Eva, die sich ihrer Nacktheit schämten.

Wenn wir einmal diese Abhängigkeiten erkennen, können wir damit beginnen die Gewohnheiten,
die Teufelskreise und die chronischen Probleme anzugehen, die uns vom Glück und von einer ehrlichen,
tiefen und spirituellen Beziehung zu Gott abhalten. Wir werden große Befreiung und Freiheit erlangen,
denn wir leben nicht mehr hinter einer Fassade. Wir sind authentisch und wahr – wahr gegenüber unserer
Ursprünglichen Natur und gegenüber Gott, der die Wahrheit ist. selbstsüchtige Phantasien rufen sowie
Drogen „Highs“ im Gehirn hervor. Das „Ego-Füttern“ schüttet chemische Stoffe im Gehirn aus, die zu
suchterzeugenden Hochgefühlen führen. Doch wenn diese Stimmungen nachlassen, brauchen wir einen
neuen „Schuss“ – wie ein Süchtiger. Satan liebt es, wenn wir nach seinen Drogen wie Wut, Hass, Groll,
Angst usw. süchtig sind. Als Abhängige sind wir umso einfacher zu beherrschen. Wenn wir uns nicht vor
Selbstverherrlichung hüten können, werden wir mehr und mehr abhängig – wir werden instabil und durch
die innere Spaltung vom Bösen kontrollierbar.

Machen wir das nicht immer wieder? Vielleicht sagen wir uns selbst, wie großartig wir sind, oder
wir glauben, dass wir „Heiligkeit“ erlangt haben. Oder wir meinen, dass uns diese oder jene Person
dankbar sein sollte, oder dass wir „erleuchtet“ sind. Schau dir all diese Rauschmittel an!

Stell dir eine Gesellschaft vor, in der alle Menschen durch die eigene Selbstverherrlichung
hypnotisiert wären. Wäre das nicht eine Gesellschaft voll Angst, Eifersucht und Hass? Alle würden mit
30 Das Haus der Himmlischen Harmonie
der Angst leben, etwas zugeben zu müssen. Sie würden sich von allem bedroht fühlen, was ihr
Selbstportrait in Frage stellen könnte. Es wäre leichter ein Leben der Illusion zu leben, als anzuerkennen,
dass wir uns selbst und andere missbrauchen, wenn wir uns konstant weigern, unseren Anteil an den
Problemen zuzugeben. Wie oft haben wir unseren Lieben die Schuld zugeschoben, obwohl wir den
gleichen, wenn nicht einen noch größeren Anteil an einem bestimmten Problem hatten? Alle würden sich
hinter „Fühl-dich-gut“-Phrasen verstecken und es wäre tabu, sich seinen Größenwahn einzugestehen.
Niemand könnte wahrhaftig sein und jeder wäre unehrlich sich selbst und anderen gegenüber.

Ich glaube nicht, dass wir „Engel des Lichtes“ oder „erleuchtet“ oder „vollkommen“ sind.
(Diejenigen, die sich selbst als erleuchtet oder vollkommen bezeichnen, sind es wahrscheinlich nicht,
denn sie verstehen nicht, dass Erleuchtung oder Vollkommenheit ein Prozess der ständigen, regelmäßigen
Anstrengung und Erneuerung ist.) Wir dürfen uns solchen absurden Suchtmitteln des Geistes nicht
hingeben. Wir sind Menschen – jene Wesen, die Gott am nächsten stehen. Warum können wir nicht
einfach dankbar sein dafür, dass wir Menschen sind?

Ich persönlich sehne mich nicht nach „Größe“ oder danach eine „historische Person“ oder ein
„Heiliger“ zu sein. Ich wünsche mir aber, stets die Demut zu haben, Gott in den bescheidensten
Handlungen zu finden. Ich möchte meine Dankbarkeit gegenüber Gott trainieren – zum Beispiel dafür,
dass ich gehen kann und nicht querschnittsgelähmt bin. Ich bin dankbar, einen unglaublichen
Sonnenuntergang an einem Winterabend zu erleben; den Duft der Kirschblüten im Frühjahr zu riechen;
meine Kinder in den Feldern spielen zu hören; in die Augen meiner Frau zu blicken und Gott in ihrem
Gesicht zu sehen; Gott im Atmen zu finden und mich in Dankbarkeit für das neue Leben zu verbeugen.
Das genügt mir.

Ein altes Sprichwort besagt: „Wenn ein einfacher Mensch Erleuchtung erfährt, wird er ein
Heiliger. Wenn ein Heiliger erleuchtet wird, wird er ein einfacher Mensch.“ Wir verpassen etwas sehr
Einfaches und Grundlegendes, wenn wir in unserem Verlangen, in unseren Ambitionen und in unserer
Gier nach dem streben, was die Medien oder unsere „Freunde“ als gutes Leben oder als Erfolg
bezeichnen. Wir verlieren die fundamentale, stille Beziehung zu Gott – eine lebendige und kraftvolle
Beziehung.

Das soll nicht heißen, dass wir keine tiefe und bedeutungsvolle Beziehung zu Gott pflegen
können, wenn wir erfolgreich sind. Aber wie für jede Beziehung gilt auch hier: Je mehr wir investieren,
desto mehr können wir erhalten und dadurch gesegnet werden – auch wenn es manchmal schwer ist, an
diese Beziehung zu glauben. Der Segen und der Reichtum einer solch persönlichen Beziehung sind
endlos, aber wir werden das erst Schritt für Schritt, nach und nach, erkennen. Das ist völlig normal und
okay.

Der Segen, den wir zu Beginn des Trainings entdecken, mag ein Empfinden von Trost und die
Einsicht sein, dass Gott uns bedingungslos liebt. Oder vielleicht äußert sich der Segen in einem
friedlichen und freudigen Geist, für den wir Gott dankbar sind. Später wird der Mut, unsere Schwächen
ehrlich einzugestehen, eine große Stärke und ein Geschenk Gottes sein.











Das Haus der Himmlischen Harmonie 31


DIVISIONISMUS ODER UNIFIKATIONISMUS
(Die Ideologie der Trennung und die Ideologie der Vereinigung)

Es kommt öfters vor im Leben, dass man unzufrieden ist oder sich traurig fühlt. Wir leiden
seelisch. Wenn unsere Perspektive selbstsüchtig ist, schotten wir uns von anderen ab. Es gibt nur ein ich,
aber viele andere und die sind alle gegen mich. Somit wissen wir tief im Inneren, dass wir eine Schlacht
kämpfen, die wir nur verlieren können. Da wir uns so radikal von anderen trennen, müssen wir unser
Selbst besser schützen. Wir müssen Barrikaden aufstellen, wir brauchen mehr Verteidigung, mehr
Rüstung, mehr Stolz und mehr Ego. Wir leben in einem ständigen Kampf und in ständiger Spannung mit
den anderen Menschen dieser Welt. Sie haben es alle auf uns abgesehen, sie konkurrieren mit uns, sie
sind eifersüchtig auf uns und so fort. Diese Sichtweise schnürt unser Herz zu und schneidet jegliches
Mitgefühl, jede Fürsorge und Liebe für andere ab.

Wisst ihr, wenn wir eine große Kluft zwischen uns selbst und anderen schaffen, vergessen wir, was
alle Menschen gemeinsam haben: Wir sind Gottes Kinder und wir tragen alle das Ursprüngliche Gemüt in
uns, welches rein und selbstlos ist. (Abonim definiert gefallene Liebe als selbst-süchtig, Wahre Liebe
hingegen als selbst-los. Wahre Liebe ist vollständig auf das Glück und Wohlergehen anderer bedacht.)
Wenn alle so radikal von mir getrennt sind, kann ich sie verletzen. Ich kann auf ihnen herumtrampeln,
kann sie ausbeuten, kann sie für kurzweilige Freuden benutzen und im heimtückischsten Fall kann ich sie
töten. Da wir uns im Geiste so sehr von den anderen distanziert haben, können wir es rechtfertigen,
andere zu hassen, wütend auf sie zu sein oder sie für unsere Probleme anzuklagen. Wir sind dann
„Divisionisten“ – das Gegenteil von Unifikationisten.

Denkt einmal darüber nach, woher all die Aspekte der gefallenen Natur wie Hass, Eifersucht,
Neid, Zorn usw. herrühren. Wenn wir von anderen völlig getrennt sind, befinden wir uns in einem
zerstörerischen Wettkampf mit ihnen. Wir müssen unser Ego besser schützen, also bauen wir Festungen
um uns herum, die uns ständig daran erinnern, dass die Welt versucht in uns einzudringen. Wir bauen
daher noch mehr Mauern und noch mehr Barrieren. Und wenn dann jemand mehr besitzt als wir, werden
wir neidisch. Instinktiv stufen wir die Menschen in „überlegen“, „ungefähr ebenbürtig“ oder „unterlegen“
ein. Wir klassifizieren die Menschen und stecken sie in unsere mentalen Kastensysteme.

Wenn wir jemanden als unterlegen einstufen, fühlen wir uns gut. Stolz und Überheblichkeit
schleichen sich ein. Beurteilen wir jemanden als mehr oder weniger ebenbürtig, befinden wir uns sofort in
heftiger Rivalität. Klassifizieren wir jemanden als überlegen, was uns natürlich am meisten zuwider ist,
fühlen wir uns plötzlich weniger selbstsicher. Wir sind neidisch auf das, was sie haben, oder reagieren
wütend und hasserfüllt, weil sie etwas haben und wir nicht. Wie wir sehen, entstehen Arroganz, Rivalität,
Eifersucht, Hass und Wut grundsätzlich aus derselben selbstbezogenen Perspektive von „alle anderen
gegen mich“.

Theologisch gesehen ist es genau das, was den Fall von Adam und Eva verursacht hat. Luzifer war
der erste Divisionist als er eifersüchtigen Zorn gegenüber Adam empfand. Er sah Adam und Eva als
Rivalen in Bezug auf Gottes Liebe und Zuwendung. Er fühlte sich von Gott getrennt. Er vergaß, dass Gott
auch ihn als Sein geschaffenes Engelwesen liebte. Luzifer begehrte aber was Adam hatte. Da er von
Selbstsucht erfüllt wurde, schien alles gegen ihn zu sein. Er fühlte sich betrogen und eingeschränkt, als
hätte er keine Wahl gehabt. Schuld daran waren die anderen. Es waren Adam und Eva. Es war ihre
Schuld, denn sie hatten ihn dazu gebracht eifersüchtig, neidisch und gierig zu sein. Auf diese Weise
versuchte er sich zu rechtfertigen.

Leider sind diese Dinge gar nicht so weit hergeholt. Wir sehen sie sogar in unserem eigenen
Leben. Es gibt viele Situationen, in denen wir genau in der gleichen Weise handeln. Es beginnt mit einer
überzogenen Sichtweise über unser Selbst, das von allen anderen abgeschnitten und völlig getrennt
32 Das Haus der Himmlischen Harmonie
gesehen wird. Diese Sichtweise rechtfertigt es, andere zu verletzen oder sich über sie zu beklagen. Das ist
„Divisionismus“ – im Gegensatz zu Unifikationismus, der uns alle daran erinnert, dass wir als
Menschheitsfamilie alle miteinander verbunden sind.

Stell dir vor, wir würden die divisionistische Zweiteilung zwischen uns selbst und anderen
aufgeben. Stell dir vor, wir könnten uns selbst in den anderen sehen. Man könnte dann nicht mehr sagen,
dass alle einfach eins oder zwei sind, sondern wir wären eins und zwei. Wir würden die Einzigartigkeit
unseres Selbst erkennen, aber gleichzeitig könnten wir auch die Einheit der Menschheit und die
Ähnlichkeit mit allen anderen Menschen sehen. Wir könnten andere Menschen voll respektieren und
ihnen die Würde entgegenbringen, die sie verdienen, da sie von derselben Einen Familie unter Gott sind.
Dann würden wir Unifikationismus und keinen Divisionismus praktizieren.

Wir könnten wahrhaft glücklich sein und voll Freude mitfühlen, wenn andere erfolgreich sind, da
wir uns nicht von ihnen abkapseln. Da wir jedoch in der Regel ignorant und mit uns selbst beschäftigt
sind, trennen wir sie von uns. Wir sind dann neidisch, eifersüchtig und wütend auf Leute, die glücklich
sind und wir sagen Dinge wie „sie denken ja sowieso nur an sich selbst“. Letztendlich projizieren wir
dabei unsere selbstzentrierte Sichtweise auf andere. Wir nehmen an, sie würden genauso denken wie wir.
Aber wenn wir sehen könnten, dass wir miteinander verbunden, dass unsere Schicksale miteinander
verwoben und dass wir alle Kinder Gottes sind und als eine Familie vereint sein müssen, sollten wir uns
auch aufrichtig freuen können, wenn andere Erfolg haben.

Wenn wir diese divisionistische Sichtweise ablegen, die das Selbst radikal vom anderen trennt,
befinden wir uns auch nicht mehr in Konkurrenz und Rivalität mit anderen. Da wir uns selbst in ihnen
sehen können, können wir unser Glück auch durch deren Glück und unsere Freude durch deren Erfolg
erleben. Wir freuen uns wahrscheinlich für unsere Kinder, wenn sie erfolgreich sind. Aber wie geht es
uns, wenn jemand erfolgreich ist, auf den wir eifersüchtig sind oder den wir hassen? Wir müssen fähig
werden, dieser Falle, uns selbst von anderen zu trennen, zu entkommen – sogar wenn es sich um unsere
Feinde handelt.

Sobald wir das schaffen, wird die Welt nicht mehr den Anschein erwecken, als wäre sie gegen uns.
Wir werden stattdessen sehen, dass sie eigentlich mit und für uns arbeitet. Wir können uns für andere
freuen, wenn sie eine gute Arbeitsstelle oder gute Noten bekommen oder wenn sie den ersten Preis in
einem Stadtwettbewerb erhalten usw. Wir können Freude mit ihnen und durch sie erleben. Wir können das
Glück erfahren, das sie erleben, und uns aufrichtig mit ihnen freuen, wenn (und nur wenn) wir uns nicht
von dem trennen, was uns Menschen ausmacht und was wir alle gemeinsam haben: Das Streben nach
dauerhaftem Glück und der Wunsch Leid zu vermeiden. Das ist der Ausgangspunkt des Göttlichen
Prinzips.

Wir können unser gemeinsames kosmisches Streben sehen, wenn wir erkennen, dass sich jeder
Mensch, genauso wie ich, nach dauerhaftem Glück sehnt – ja dass selbst Gott an dieser Freude teilhaben
möchte. Wir können bezeugen, dass wir uns alle ähnlich sind, völlig ungeachtet unserer Herkunft, Rasse
oder Nationalität und unabhängig von unserem Aussehen, unserem Körpergewicht oder welchen Glauben
wir praktizieren.

Unsere Motivation kann jedoch sehr schnell zu einem Glück „nur für mich und nicht für dich“
werden, wenn wir unser Selbst von anderen trennen und eine selbstzentrierte Sichtweise einnehmen.
Wenn wir hingegen unifikationistische Selbstlosigkeit trainieren und uns darüber im Klaren sind, dass wir
uns alle Freude wünschen, können wir andere voll und ohne Bedingungen respektieren. Wir können
glücklich für sie und mit ihnen sein. Wir können aufrichtig mit ihnen fühlen, wenn sie durch
Schwierigkeiten gehen und Erfolge feiern. Wir können die Liebe der Wahren Eltern praktizieren. Eine
solche Welt wäre tatsächlich eine ganz andere.

Wenn wir unsere Einstellung ändern und unsere Schwachstellen und Unehrlichkeit klarer sehen,
Das Haus der Himmlischen Harmonie 33
werden wir die Kraft haben solche Hindernisse zu überwinden. Überlegen wir mal: Seid ihr jemals in
einer Situation gewesen, wo ihr euch über etwas gefreut habt und gleichzeitig waren da Leute, die über
euch flüsterten und spotteten? Die Freude ist dann plötzlich verschwunden und Abwehrreaktionen sind
aufgetaucht. Wir mögen in einem solchen Moment hasserfüllt sein oder voll Angst, dass andere eine
Unzulänglichkeit oder Unsicherheit in uns sehen könnten. Was wäre jedoch, wenn wir solchen Menschen
unser Mitgefühl schenken, anstatt auf negative Weise zu reagieren? Was wäre, wenn wir uns in
Erinnerung rufen, dass sie sich nach den gleichen Dingen sehnen wie wir, und wenn wir dabei aufrichtig
für sie beten: „Mögest du stets Freude haben, möge dir kein Leid widerfahren und möge es dir gelingen
freundlich zu dir selbst und zu anderen zu sein.“?

Ich persönlich betete dieses Gebet in Zeiten, in denen ich mich von jemandem gerichtet oder
angeklagt fühlte. Ich habe dabei herausgefunden, dass sich mein rachedurstiger Geist beruhigte, wenn ich
Güte und Mitgefühl schenkte anstatt mich zu verteidigen. Als ich auf diese Weise für jene betete, die mich
kritisierten, stellte ich fest, dass ich imstande war, eine gewisse innere Ruhe und Frieden
wiederzuerlangen, anstatt mit dem Gedanken-Zug der Re-Aktivität
*
, des Zorns oder des Hasses
abzufahren.

Leider können Wut, Hass und andere quälende Emotionen unser Ego-Empfinden verstärken. Wenn
wir verurteilend denken oder Zwietracht säen, kapseln wir uns automatisch von anderen ab. Wir sind das
Opfer und die anderen sind die Täter. Wir sondern uns von anderen ab, denn sie tragen die Schuld.
(Natürlich glauben wir, dass wir gänzlich unschuldig sind.) Versteht mich bitte nicht falsch: Es ist klar,
dass es auch Zeiten gibt in denen wir andere davon abhalten müssen abscheuliche Fehler zu begehen.
Doch wir sollten dies professionell und mit Mitgefühl tun, ohne Zorn oder Rachegelüste.

Zu oft wird Egoismus leichtfertig mit Selbstvertrauen verwechselt. Das ist ein schrecklicher
Fehler, den ich – wie ich zugebe – in der Vergangenheit selbst begangen habe. Ich erkannte, dass
Menschen, die mit aufgeblähter Brust herumstolzieren, eigentlich die ängstlichsten und unsichersten sind.
Sie haben andere als unterlegen klassifiziert und sind deswegen stolz. Aber noch öfter ist es der Fall, dass
sie andere als überlegen einstufen und sie verbergen Eifersucht, Neid, Zorn und Hass anderen gegenüber
hinter ihrer Arroganz und ihrem Stolz. Sie brauchen die Anerkennung anderer, um ihre Selbstportraits
aufrechtzuerhalten. Leider nützen sie dabei andere aus um sich selbst zu bestätigen.

Sie müssen daher immer wieder eine Show abziehen. Sie verstecken sich vor Gott, vor sich selbst
und vor der Welt und klammern sich an ein selbstfabriziertes Bild ihres Egos. Wenn diese Maske
zusammenbricht, erkennt man, was sich in Wahrheit darunter verborgen hat: nämlich jemand, der geistig
unterernährt und schwach ist. Sie würden als Feiglinge entlarvt werden, die sich hinter prallen Muskeln
verstecken, die durch geistige Steroide aufgepumpt worden sind. Aber eigentlich besitzen sie eine
miserable geistige Gesundheit. An einem bestimmten Punkt meines Lebens war ich auch so.

Wenn wir also von Gesundheit sprechen, können wir deshalb nicht nur physische Gesundheit
meinen. Wir sollten weder physische noch geistige Steroide zu uns nehmen. Sie können uns groß, stark
und kräftig aussehen lassen und uns stramme Muskeln geben, aber wenn ihre Wirkung eines Tages
nachlässt, haben wir geschädigte Nieren und Lungen sowie ein geschwächtes Atem- und Kreislaufsystem.
Unser Körper zerfällt aufgrund der Nebenwirkungen dieser Drogen und Substanzen. Mit dem geistigen
Körper verhält es sich ähnlich. (Daher verwende ich diese Metapher, um vor den Fallgruben zu warnen,
die sich leider sehr oft auf dem „spirituellen“ Weg auftun.)

Wir mögen leugnen, dass wir solche Menschen sind. Wenn wir jedoch genau schauen, werden wir
sehen, dass unser Geist sehr viele von diesen Substanzen nimmt, viele solcher Rauschgifte – wir sind
„Säufer“ und „Abhängige“ unseres eigenen Selbst, das wir insgeheim zu einem Objekt der Anbetung
gemacht haben. Wenn wir diese Dinge ansprechen und zugeben können, dass wir sie verwenden, dann

*
Gegenteil von Pro-Aktivität. [Anm. d. Ü.]
34 Das Haus der Himmlischen Harmonie
wird die Saat unseres harten Trainings in der Tat aufkeimen. Ich gebe zu, dass die benötigte Aufrichtigkeit
manchmal sehr schmerzhaft sein kann. Aber sobald ihr erkennt, dass ihr ein Problem habt, habt ihr auch
die Macht das Problem zu lösen.

Es ist jedoch nicht genug das Problem einzugestehen, dann aber keine Anstrengungen zu
unternehmen sich zu ändern und nur zu sagen: „Okay, sieh doch! Ich bin stark genug es zuzugeben. Ich
bin sicher kein Feigling!“ Probleme zuzugeben, sie aber nicht zu beheben, ist bloß ein Mechanismus, der
eingesetzt wird, um den Schein von Ehrlichkeit zu wahren. Ist man jedoch wirklich ehrlich zu sich selbst,
dann gibt man das Problem nicht nur zu. Man greift es auf, arbeitet daran und verändert die Situation zum
Guten. Das Problem einzugestehen ist nur der erste Schritt – es ist fundamental für unsere geistige
Gesundheit, denn es ist die Diagnose der Krankheit. Der nächste Schritt besteht aber darin, dass wir uns
beherzt in die Drecksarbeit knien, um diese Süchte und Krankheiten zu entwurzeln. Wir müssen das
Heilmittel finden und einsetzen.








































Das Haus der Himmlischen Harmonie 35

DER WEG

Der spirituelle Weg ist kein selbstgerechter „Fühl-Dich-Einfach-Nur-Wohl-Kurs“. Vielmehr ist er
die Konfrontation mit unseren chronischen Krankheiten, den Problemen der Unsicherheit und des Hasses
anderen gegenüber, unserer mangelhaften Beziehung zu Gott und unseren inneren Schwächen. Das
erfordert eine tiefgründige Aufrichtigkeit und Shimjeong (sino-korean.: Herz). Wir müssen wie ein
Doktor sein, der die Krankheit identifiziert (=Diagnose). Wir müssen professionell handeln und die
Ursachen eines Problems erkennen (=Ätiologie), den Krankheitsverlauf abschätzen (=Prognose) und mit
der Behandlung beginnen (=Therapie).

Wenn wir beginnen den spirituellen Weg zu gehen, werden wir zunächst über unseren wahren
Zustand schockiert sein. Wir werden ihn bestimmt leugnen wollen, so wie jemand, der erstmals von
seiner tödlichen Krankheit erfährt. Am Anfang will man es nicht wahrhaben. Aber langsam müssen wir
mit der Realität unserer Krankheit zurechtkommen. Indem wir unsere Krankheit eingestehen, können wir
paradoxerweise größere Freiheit erlangen: die Freiheit, die Schwächen zu sehen und sie zu ändern. Wenn
wir diese innere Freiheit kultivieren, dann (und nur dann) können wir wahrhaftig beginnen, das echte
Leben in Dankbarkeit und in seiner ganzen Tiefe zu leben.

Doch es gibt Zeiten, in denen wir Rückschläge erleiden und die Drogen, den Wein und den
Schnaps des Teufels zu uns nehmen, die uns diese Themen und Probleme vergessen lassen. Vielleicht
verlassen wir uns manchmal auf spirituelle Lehrer, um diese wunderbar betäubenden Annehmlichkeiten
zu empfangen. (Man kann dies als ein „autorisiertes Streicheln des Egos“ bezeichnen.) Aber wir sollten
stark und reif sein, um geschickt und professionell vorzugehen.

Daher freue ich mich immer, wenn Abonim spricht. Er ist so unverblümt, so klar, so schockierend.
Er wirft alle herkömmlichen Konzepte, wie und worüber der Messias zu sprechen hat, völlig über Bord.
Abonim brüllt und spricht ungeniert über Absoluten Sex
*
– sogar vor Würdenträgern, er offenbart tiefe
Einsichten des Geistes, er schmettert unsere Egos mit schockierenden, ja sogar skandalösen Aussagen
nieder, wie z.B. dass wir – um Frieden zu schaffen – unsere Ehepartner und Kinder verkaufen müssen und
dann Kommunisten heiraten sollen, oder dass wir unbekleidet durch die Straßen laufen sollen, ohne uns
unserer Nacktheit zu schämen.

Nun, ich nehme solche Äußerungen nicht wörtlich, da sie sehr extrem sind. Doch finde ich es
recht nützlich, hier die vergleichende Religionswissenschaft zu Rate zu ziehen. Vielleicht verwendet er
solche scheinbar unerhörten Aussagen wie ein erfahrener Zen-Meister, der ein nicht entzifferbares Koan
(japan.: eine kurze, lehrreiche Anekdote) von sich gibt, um den Geist des Schülers zu erleuchten. Zum
Beispiel gibt es die berühmte, scheinbar häretische Anweisung: „Falls du Buddha siehst, töte ihn!“
Solche schockierenden Aussagen sollen den Schüler aus seiner Illusion wachrütteln und in den Bereich
der Gnade führen. Es ist jene Gnade, durch die unsere Barrieren aufgelöst werden sowie die emotionalen,
physischen, psychischen und spirituellen Anhaftungen, die wir geschaffen haben und die uns von unserem
göttlichen und reinen Ursprünglichen Gemüt trennen.

Wir müssen den Mut aufbringen, uns unseren Problemen einfühlsam zu stellen. Wir müssen sie
mit Ehrlichkeit und Wahrheit konfrontieren. Wir müssen Wahrheit verkörpern.

Wenn wir einmal Wahrheit praktizieren, sind wir mit Gott verbunden, denn Gott ist Wahrheit. So
werden wir auf unserem Weg der geistigen Reinigung und Heilung durch tiefste Dankbarkeit und durch
die Beziehung zu unserem Heiler, dem Himmlischen Vater, begleitet und unterstützt. Gott schenkt uns

*
„Absoluter Sex“ ist die unifikationistische Lehre von absoluter sexueller Reinheit vor der Ehe und absoluter Treue und
ewiger Liebe innerhalb der Ehe. Indem Ehemann und Ehefrau gemeinsam das harmonisch-duale Wesen Gottes manifestieren
(Innere Natur und Äußere Form, Yang und Yin), verwirklichen sie die Trinität von Gott, Mann und Frau als herzensmäßige
Einheit und erfüllen das ursprüngliche Ideal der ehelichen Liebe. [Anm. d. Ü.]
36 Das Haus der Himmlischen Harmonie
Gnade, Vergebung, neues Leben und neue Beziehungen.

Wenn ich selbstsüchtig lebe und denke, die ganze Welt dreht sich nur um mich, werde ich nur
Enttäuschungen erleben. Wenn ich alleine gegen den Rest der Welt kämpfe, werde ich immer das Opfer
sein und am Ende verlieren. Ich bin gegenüber all den anderen dort draußen zahlenmäßig weit
unterlegen. Wenn wir uns also von anderen absondern und Divisionismus (d.h. einen Lebensstil der
Teilung und Trennung) praktizieren, werden wir uns langsam, aber sicher, abschotten, um uns selbst zu
schützen. Tief in unserem Inneren wissen wir, dass wir gegen all die anderen dort draußen verlieren
werden. Deshalb bauen wir mehr Mauern, weitere Schutzwälle und größere Verteidigungsanlagen, um
unser Selbst und unser Ego zu schützen.

Wenn wir einmal so zu denken beginnen und schließlich aber einsehen müssen, dass ein anderer
größer, stärker oder wohlhabender ist als wir selbst, führt das unmittelbar zu Neid. Wir möchten dann
immer mehr von dem besitzen, was der oder die hat, um uns „sicherer“ und besser zu fühlen. Sehen wir
jemanden, der mehr Geld und mehr Erfolg hat oder einfach nur glücklicher ist als wir selbst, führt das
umgehend zu Eifersucht, dann zu Wut und schließlich zu Hass. Wir mögen uns selbst fragen: „Wie
können die nur so glücklich sein? Sie führen ein lockeres Leben, während ich mich in der wirklichen Welt
abrackern und kämpfen muss.“

Wir möchten mehr – und möglicherweise kommen wir auch zu mehr kurzlebigem Wohlstand.
Vielleicht erleben wir flüchtige Freuden, doch sie werden nur einen falschen Stolz nähren und zu einer
Illusion der Überlegenheit führen. Klingt dann dieser vergängliche Genuss langsam ab, sind wir wieder
niedergeschlagen und allein. Wir vergleichen uns aufs Neue mit anderen und wieder beschuldigen wir die
Welt für unsere Misere.

Wie du siehst, können wir uns nicht vom Rest der Welt absondern. Wir sind mit jedem und allem
verbunden. Du bist hier, weil dich deine Eltern geboren haben. Wären sie nicht zusammen gewesen am
Tag deiner Empfängnis, würdest du ganz einfach nicht existieren. Sogar wenn sie nur einen Moment
getrennt gewesen wären, würde heute statt dir jemand anderer hier sein. Dann bist du aufgewachsen und
wurdest mit Nahrung versorgt, die mit Hilfe von Sonne, Mond, Wind und Regen produziert wurde sowie
mit Hilfe des Bauern, der das Land pflügte, und der Tiere, die mit ihrem Mist das Land düngten usw.
Wenn man über die unzähligen Dinge nachdenkt, die stattfinden mussten, damit du geboren werden
konntest, so ist das absolut überwältigend. Am Leben zu sein, ist ein Wunder. Gehen zu können, ist ein
Wunder. Eigentlich bist du ein Wunder. Denke darüber nach!

Nichts ist von uns getrennt. Wir sind das Ergebnis all unserer Vorfahren und gleichzeitig tragen
wir in uns die Erblinie für unsere Nachkommen. Die Vergangenheit und die Zukunft sind in uns – im Hier
und Jetzt. Sie sind nicht von uns getrennt. Wenn wir sterben, kehrt unser Körper zur Erde zurück und wird
ihre Bewohner ernähren. Das Leben, das dir geschenkt wurde, die Natur, die Sonne, der Mond und der
gesamte Kosmos wurden durch ein- und denselben Hananim (den Einen Herrn) belebt. Wir sind ein Teil
aller geschaffenen Dinge und sie sind ein Teil von uns, denn so wie sie wurden auch wir durch den Einen
geschaffen.

Wenn wir uns daher um andere sorgen, kümmern wir uns gleichzeitig auch um uns selbst. Wenn
wir selbstzentriert sind und Divisionismus betreiben, dann trennt uns das von unseren Mitmenschen,
macht uns unzufrieden und beschert uns letztendlich ein Leben ständiger Auseinandersetzungen,
Zwietracht und Konflikte. Wenn wir jedoch erkennen, wie eng wir mit Gott, der Schöpfung, der gesamten
Menschheit und allen Lebewesen verflochten sind, praktizieren wir Unifikationismus. Die Spannung in
unseren Herzen kann sich lösen und wir fühlen uns befreit und erlöst in der unendlichen Weite unserer
Beziehung zu Gott und dem geschaffenen Universum.

Wenn wir in ständiger Verbundenheit und Einheit mit Gott und allen Dingen lebten, so könnten
wir die engstirnige, begrenzte und grundsätzlich falsche Ansicht, dass unser Selbst ein von allem anderen
Das Haus der Himmlischen Harmonie 37
völlig getrenntes Wesen sei, überwinden. Wir würden eine innige Verbundenheit mit allen Menschen und
zur gesamten Schöpfung spüren. Wir würden verstehen, dass wir von der Schöpfung genährt werden –
durch die Sonne und den Regen, durch die Pflanzen und die Tiere. Wir würden sehen, dass wir von
mitfühlenden Menschen erzogen wurden, die uns beschützt, versorgt und behütet haben. Wir könnten
erkennen und fühlen, dass die Menschheit eine Familie unter Gott ist und dass wir alle außerordentlich
wertvoll sind, so wie Kinder für ihre Eltern.

Wenn wir darüber reflektieren, dass wir für Gott wichtig sind, müssen wir auch bedenken, dass ein
anderer Mensch als Kind Gottes genauso wertvoll ist. Wenn wir daher Menschen leiden sehen aufgrund
ihrer beschränkten, divisionistischen Einstellung, dass sie sich im Wettstreit mit allem und jedem befinden
müssen, sollten wir mitfühlend sein und Liebe für sie empfinden. Wir können ihr Leben respektieren und
versuchen, ihnen so einfühlsam und geschickt wie möglich zu helfen, damit sie Freude finden und die
Welt der Selbstsucht und der Frustration verlassen können. Allerdings müssen wir zuerst diese
selbstzentrierte Sichtweise aufgeben, bevor wir andere aus ihrem Zustand des Getrennt-Seins von der
Welt und von Gott befreien können. Wenn zwei im Treibsand versinken, muss zuerst einer heraussteigen,
um dem anderen helfen zu können, ansonsten kommen beide um.

Aus diesem Grund ist die Geist-Körper-Einheit so wichtig, so tiefgründig, so real und so
transformativ. Denn wir müssen uns unserem Selbst, unserem inneren Schweinehund, unserem Dämon
grundsätzlich stellen. Wir müssen zum Kern des Problems gelangen, warum es keinen Frieden gibt, weder
in unseren Herzen noch in der Beziehung zu unserem Partner oder unseren Freunden, in den Familien,
Gemeinschaften, Nationen und in der Welt. Stellen wir uns der Tatsache, dass wir das Wohlergehen
anderer von unserem eigenen Wohlergehen getrennt haben.

Wenn wir weiterhin in Unwahrheit leben, wenn wir nicht von Grund auf ein Leben der Wahrheit
praktizieren, verletzen wir uns selbst sowie unsere Mitmenschen. Der Wahre Vater verwendet immer
wieder das Wort „wahr“: wahre Liebe, wahre Eltern, wahrer Ehemann und wahre Ehefrau, wahre
Geschwister, wahres Kind, wahrer Mensch. Doch wie viel Wahrheit praktizieren und verkörpern wir als
Jünger des Wahren Vaters? Wie viel Wahrheit ist in unserem Leben?

Wir sprechen sehr schnell von Wahrheit, doch in Wirklichkeit leiden wir, da wir zu oft
Unwahrheiten praktizieren. Wir leben nicht wie wahre Eltern oder wahre Geschwister. Wir geben uns
lieber den selbstfabrizierten Illusionen hin. Wir lassen uns ständig von den verlockenden Zaubertricks und
der List des Teufels verführen. Ich weiß, dass es bei mir so gewesen ist.

Wir müssen sehr vorsichtig sein. Wir müssen uns der Wahrheit über uns selbst stellen. Sei echt, sei
ursprünglich, sei nackt vor dir selbst und vor Gott. Dann kann der Prozess der Entwurzelung dieser
chronischen Krankheiten beginnen. Hätte ich einen Bonsai, der gerade im Begriff wäre zu sterben, würde
ich mich mit der Krankheit auseinandersetzen müssen. Ich könnte ihn nicht einfach mit ein bisschen
Farbe übertünchen und das eigentliche Problem ignorieren. Wenn die Blätter welken und die Wurzeln
gefährdet sind, muss ich auf jeden Fall die Störungen deutlich wahrnehmen. Sind die Zweige zu lang für
die Wurzelgröße, werden die Blätter nicht ausreichend mit Nährstoffen versorgt. Oder gibt es etwa
Parasiten oder sind vielleicht die Wurzeln beschädigt?

So oft „welken“ wir einfach vor uns hin. Ich weiß, dass es Zeiten in meinem Leben gab, in denen
ich genau das tat. So oft sind wir leer oder voll Verzweiflung. Wir sterben langsam und fühlen uns wie ein
Sack von Fleisch und Knochen mit einem gigantischen Ego – anstatt von unserer Selbstsucht loszulassen,
wahrhaft zu leben und von Mitgefühl und Gnade erfüllt zu werden.

Wenn wir genau hinsehen, erkennen wir uns selbst. Daher denke ich, dass es sehr treffend ist,
wenn der Wahre Vater das Wort „ch’am“ (*+ korean.: wahr, wahrhaft, echt) gebraucht. Dieses Wort ist
so mächtig, denn es zeigt, worauf wir uns grundsätzlich ausrichten sollen: Wir sollen wahr sein, nicht nur
in Worten und Taten, sondern auch im Herzen und im Gemüt. Sei wahrhaftig. Genau darin besteht das
38 Das Haus der Himmlischen Harmonie
Training der Einheit von Geist und Körper.

Wenn wir uns selbst gegenüber unaufrichtig sind, können wir niemals Frieden in uns finden. Sind
wir unaufrichtig gegenüber der Welt, so fühlen wir, dass die Welt uns richtet, obwohl wir uns in
Wirklichkeit selbst nicht ausstehen können und wir befürchten, dass unsere Maske durchschaut werden
könnte. Sind wir Gott gegenüber unaufrichtig, werden wir niemals eine wirklich tiefe, bedeutsame
Beziehung zu Ihm haben.

Der spirituelle Weg wird kein leichter sein. Dieser Weg ist steinig und schwer. Ich beabsichtige
nicht euch durch schöne Worte zu berauschen oder euch etwas vorzumachen. Glücksgefühle, ausgelöst
von solchen Schmeicheleien, sind nämlich unbeständig und vergehen schon nach kurzer Zeit. Sie führen
außerdem zu Sucht und dementsprechenden Entzugsphasen. Wir müssen das grundlegende Problem der
Kluft zwischen Geist und Körper mutig angehen und zwar mit Einfühlungsvermögen, Ehrlichkeit und
einer Portion gesundem Realismus.

Ich betrachte mich nicht als „erleuchtetes“ oder als „vollkommenes“ Wesen. Ich sehe mich nicht
als jemanden, der alles weiß. Ich betrachte mich vielmehr als einen „Reformkost-Koch“. Ich kann
versuchen zu helfen, die schlechte Nahrung, die ihr vielleicht esst, zu identifizieren, und mein Bestes
geben, euch mit gutem Essen zu versorgen. Ich kann euch nicht garantieren, dass gutes Essen auch immer
am besten schmeckt, doch ich bemühe mich euch das Gesündeste anzubieten. Ich kann keinen Sport für
euch betreiben oder sicherstellen, dass ihr täglich fünf Portionen Obst und Gemüse erhält. Aber ich
möchte euch einige Übungen und Methoden lehren, die euch helfen fit und in Form zu bleiben.

Ich bin nicht der Typ mit Gottes Telefonnummer, der Ihn anrufen kann, wann immer er auf den
neusten Stand der Vorsehung gebracht werden möchte. Für solche Informationen richte ich meine
Aufmerksamkeit auf den Wahren Vater. Vater gibt euch die Anweisung euren Geist und Körper zu
vereinigen, nach Israel zu gehen oder inter-religiöse Harmonie zu schaffen. Was ich tun kann, ist euch zu
helfen in Geist und Körper eins zu sein, während ihr in Gaza seid oder auf den Stufen von Capitol Hill
steht und euch für die Versöhnung religiöser Führer einsetzt.

Ich möchte euch die gesündesten und natürlichsten Geist-Körper-Einheit-Nahrungsmittel frisch
vom Heiligen Grund in East Garden zubereiten. Ich hoffe, dass sie euch helfen!





















Das Haus der Himmlischen Harmonie 39

UND LOS GEHT’S!

Der Wahre Vater sagte:

Der Ausgangspunkt, um die Probleme, denen die Menschheit heute
gegenübersteht, zu lösen ist das sichere Wissen um Gott, der Eltern aller Schöpfung ist.
Auf dieser Grundlage werden wahre Familien errichtet, die in hingabevoller Nachfolge
Gott gegenüber leben. Zunächst muss jedes Mitglied der Familie seinen individuellen
Charakter vollenden. Jeder Mensch muss die gefallene Natur abwerfen, die seit dem Fall
die Generationen hindurch weitergegeben wurde und muss die Perfektion seines
Charakters erlangen. Mit anderen Worten: Jeder Mensch muss im Kampf zwischen
Geist und Körper siegreich sein. Dann wird eine Welt der Harmonie im vollkommenen
Charakter eines jeden Menschen ihre Früchte hervorbringen: Der Zustand von einem
Herz, einem Geist und einem Gedanken. Die gefallene Natur – die Ursache von
Eifersucht, Neid, Gier, Hass und allem anderen Übel – wird nie wieder Wurzeln schlagen
können in jenem Menschen, der diesen Zustand der Einheit erlangt hat.
3



Hier müssen wir als Unifikationisten beginnen. Was hat es mit Geist und Körper eigentlich auf
sich? Warum ist dieses Thema durchwegs eines der zentralsten in den Lehren des Wahren Vaters? Wie
sollen wir unseren Geist und Körper vereinigen?

Beginnen wir diese Trainingseinheit mit einem kleinen Spiel. Wir nennen es das „Zähl-bis-Zehn-
Spiel“. Das sind die Spielregeln: Atme tief ein und tief aus, dann zähle einfach die Zahl „Eins“ im Geiste.
Atme wieder tief ein und aus, dann zähle „Zwei“ im Geiste und so weiter bis zur Zahl Zehn. Der Haken
an der Sache: Konzentriere dich von Anfang bis zum Ende auf deinen Atem und erlaube keinem einzigen
Gedanken deinen Geist zu betreten!


*

Wenn du an das Atmen gedacht hast, dann war das bereits ein Gedanke. Wenn du gerade bei
Nummer „Sieben“ warst und dabei gedacht hast, dass du nur noch drei weitere Male zu zählen hast, dann
war das auch ein Gedanke.

Warum haben wir dieses kleine Spiel gespielt? Falls du mitgemacht hast, hast du etwas
Tiefgründiges erfahren. Nicht über den intellektuellen oder logischen Weg, sondern aufgrund deiner
eigenen Erfahrung wurdest du Zeuge dessen, wie uneins dein Geist und Körper sind. Wir sagen: „Jetzt
zählen wir bis Zehn!“, doch der Geist folgt nicht. Er ist, wenn wir ehrlich sind, spätestens bei „Drei“ oder
„Vier“ in Gedanken verloren. Es sind Gedanken über die Lebensmittel, die du hättest einkaufen sollen,
oder über die Person, die du noch anrufen wolltest usw. Satan ist eingedrungen und hat Disharmonie und
Uneinigkeit geschaffen.

Manchmal frage ich die Geschwister: „Wie kommen wir eigentlich darauf zu glauben, dass wir
den Weltfrieden bringen werden, wenn wir nicht einmal bis Zehn zählen können?“ Seht ihr, wir mögen
über Weltfrieden, über Einheit schaffen oder über Brücken bauen sprechen. Aber wenn der Wahre Vater
uns auffordert: „Hebt die Hand, wenn euer Geist und Körper eins sind!“, dann hebt niemand die Hand.
Das ist durchaus etwas problematisch, falls wir diejenigen sind, die den Weltfrieden schaffen sollen. Denn
Vater betont, dass die Konflikte in den Familien, den Nationen und der Welt bleiben werden, solange
Geist und Körper des Individuums miteinander im Konflikt stehen. Das ist eine Kernaussage in den
Lehren des Wahren Vaters.

Ohne Geist und Körper vereinigt zu haben, werden wir nicht fähig sein unseren individuellen
Charakter zu vervollkommnen. Ohne Geist-Körper-Einheit können wir keine wahre Familien schaffen,
40 Das Haus der Himmlischen Harmonie
die aus „vollkommenen“ (d.h. reifen) Individuen bestehen. Ohne Geist-Körper-Einheit in uns selbst
werden wir nicht fähig sein ein Leben für andere zu führen und die Welt zu vereinigen.

Allerdings kann dies nicht intellektuell erlernt werden. Denn es handelt sich dabei nicht um
Wissen, das man besitzen kann. Stattdessen ist es ein Zustand, der „werden“ muss – und das nicht nur ein
oder zwei Mal, sondern andauernd. Wir müssen Frieden und Freude bringen, indem wir innerlich und
äußerlich, uns selbst und anderen gegenüber friedlich sind. Anders ausgedrückt, innerer Friede (den
manche als selbstsüchtiges Bestreben ächten, nur um ihren eigenen Mangel an Anstrengung zu
rechtfertigen) und äußerer Friede sind nicht getrennt, sondern unauflöslich miteinander verbunden. Aber
wenn wir ihn nur für eine Sekunde verwirklichen, ist der Friede bald wieder verschwunden. Friede muss
fortwährend manifestiert werden, von Augenblick zu Augenblick und in ständiger Wachsamkeit. Wir
haben die Macht uns für den Frieden zu entscheiden.

Ich bat einmal den Wahren Vater, ob er mir das eine chinesische Schriftzeichen zeigen könnte, das
von all den Zeichen das bedeutendste ist. Mittlerweile bezeichne ich dieses Schriftzeichen als das
Zentralste, was ein Unifikationist verkörpert oder verkörpern sollte. Unter den Zigtausenden von Zeichen
gab mir Vater an jenem hochgeschätzten Tag nur ein einziges: Es war nicht das Zeichen für „Liebe“ oder
„Gehorsam“ oder „Hingabe“, sondern es war das Schriftzeichen „Jeong-Seong Seong“ (sino-korean.:
Aufrichtigkeit):

,
Es ist eine Kombination der Schriftzeichen für „Wort“ (-.!und „werden“ (/.. Kurz gesagt, wir
müssen „das Wort werden“ (,).

Es nützt niemandem bloß über Frieden oder Liebe zu reden. Es ist viel wesentlicher Friede zu
werden, um Gottes Liebe vollständig zu manifestieren. Dann müssen Friede und Gottes Liebe nicht erst
gesucht werden. Sie sind bereits hier – manifestiert in uns und substantiell durch uns in der Welt
verwirklicht. Aus diesem Grund ist die gelebte Praxis der Geist-Körper-Einheit für uns als
Unifikationisten so entscheidend.

Wenn wir zwischen Geist und Körper keinen Frieden stiften, ignorieren wir nicht nur das Problem,
sondern wir sind vielmehr Teil des Problems! Daher biete ich dieses Training an. In meinem Lehrplan
geht es um die praktische Anwendung. Um genauer zu sein, es geht um die unifikationistische Praxis.
Eine Trainingseinheit besteht aus drei Schritten: Reflexion, Training und Widmung. Das Training, um
Geist und Körper zu vereinigen, ist unentbehrlich. Es ist der Weg zum Zentrum Gottes: Jeong-Seong
Seong – Werde das Wort!











Das Haus der Himmlischen Harmonie 41

DER EINSTIEG

Vor Trainingsbeginn müssen wir einige Grundlagen behandeln, wie Umgebung, Haltung, Atmung
usw. Diese Aspekte sind entscheidend für eine optimale Nützung jeder Trainingsminute. Sie beugen
Schläfrigkeit und Benommenheit vor, indem sie deine Konzentration und Aufmerksamkeit unterstützen.


Umgebung

Der Raum reflektiert unser Selbst. Wenn wir in unordentlichen Räumlichkeiten leben,
beeinträchtigt das zweifellos unseren Geist. Immer mehr Grundschulen (öster.: Volksschulen) entscheiden
sich für saubere, einfache, weiße Wände, anstatt alle freien Flächen mit Cartoons und Bildern
zuzupflastern. Forschungen haben ergeben, dass „unordentliche“ Räume bei Menschen – Kindern wie
Erwachsenen – Reize hervorrufen, die Frustration, Unruhe und Stress auslösen können.

Deshalb sollte der Raum Stille und Ruhe vermitteln. Er sollte keinerlei Ablenkung verursachen.
Dieser Platz sollte abgesondert von den sonstigen Räumen sein, in denen du täglich beschäftigt bist. Es
kann eine einfache Ecke eines Zimmers oder ein ordentliches, sauberes Zimmer sein. Es mag ein
Gebetszimmer sein mit Altar, Kerze und Bildern oder Skulpturen der Wahren Eltern und von großen
Heiligen. Wo immer dieser Platz auch ist, er sollte eine gebetsvolle und geistige Atmosphäre gewähren.


Körperhaltung

Es gibt acht Punkte, die bezüglich der Körperhaltung zu beachten sind:

1. Sitzfläche – Sie ist deine Verbindung zur Erde. Es ist der Sitz deiner Demut. Stelle fest, wie du ein
Gefühl von Stabilität durch den Boden (oder den Stuhl) erhalten kannst. Auch wenn du dich im 85.
Stockwerk befindest, kannst du noch die Stärke des Bodens, auf dem du sitzt, spüren.

2. Beine – Kreuze deine Beine im Schneidersitz (oder benutze einen Stuhl, wenn es nicht anders
geht). Die Beine sollten überkreuzt sein, damit die Botschaft an unser Gehirn geht: „Wir werden
nicht weglaufen, sondern trainieren. Wir werden diese Zeit dafür verwenden, unser Herz zu
erweitern.“ Wir überkreuzen also unsere Beine, um uns daran zu erinnern.

3. Hände – Lege die Hände entspannt auf deine Knie. Die Handflächen können nach oben oder nach
unten gerichtet sein. Sie müssen in keiner besonderen Position sein.

4. Rücken – Dein Rücken sollte gerade aber nicht verspannt sein. Während des Trainings wirst du in
dieser Position längere Zeit verweilen müssen. Der Rücken repräsentiert deine Ehre und Würde.
Deine Haltung sollte daher vornehm und königlich sein – nicht arrogant, aber auch nicht schwach.
Ist der Rücken gerade, so wird der gesamte Körper ausgerichtet und versetzt den Geist in einen
munteren, wachsamen Zustand. Ein gerades Rückgrat hilft dir auch deine Bauchatmung zu
kontrollieren und steigert damit die Blut- und Sauerstoffzirkulation im Gehirn sowie im restlichen
Körper.

5. Kopf – Der Kopf sollte nicht arrogant hochgestreckt werden und das Kinn etwas
zurückgenommen werden, damit sich der Kopf leicht nach unten richtet. Achte darauf, dass Kopf
und Hals mit der Wirbelsäule in einer geraden Linie stehen. Wenn wir in einer aufrechten Haltung
ausgerichtet auf den Kopf sitzen, so strahlen wir Würde aus. Würdevoll zu sein heißt, dein eigenes
inneres Ursprüngliches Gemüt sowie das Ursprüngliche Gemüt deiner Mitmenschen und deine
Umgebung zu respektieren.
42 Das Haus der Himmlischen Harmonie

6. Augen – Die Augen sollten bei Visualisierungsübungen geschlossen sein, um die Konzentration
zu erhöhen. Während anderer Trainingsformen sollen die Augen jedoch leicht geöffnet und in
natürlicher Weise nach unten gerichtet sein, um wachsam zu bleiben und Schläfrigkeit zu
vermeiden.

7. Mund – Der Mund sollte geschlossen sein und die oberen und unteren Zähne sollten sich nicht
berühren. Beiße die Zähne nicht zusammen, denn das verursacht nur mentale Spannungen und
Unruhe. Platziere deine Zunge ganz natürlich etwas hinter die oberen Schneidezähne. Das
unterbindet den Speichelfluss und erzeugt einen leichten Sog im Mund, der es dir erleichtert die
Lippen geschlossen zu halten.

8. Jeong-Seong Seong bedeutet die Aufrichtigkeit des Herzens, der Zustand deines Geistes. Dein
Körper hat nun eine Umgebung geschaffen, die mentales Training fördert. Um einen ruhigen und
aufrichtigen Geist zu haben, musst du nun ehrliche Entschlossenheit und Stärke an den Tag legen.


Atmung

Deine Atmung wird dich das Training hindurch begleiten. Sie ist eine Konstante. Auch wenn du
dir deiner Atmung meistens nicht bewusst bist, kontrolliert sie dein Atemsystem automatisch. Du musst
dich also nicht anstrengen zu atmen, andernfalls müsstest du ersticken, sobald du an etwas anderes
denkst!

Atme gleichmäßig und tief. Bei der Atmung sollte sich der Brustkorb nicht heben und senken (also
keine Brustatmung). Versuche vielmehr aus dem Unterleib heraus zu atmen – der Bauch soll sich heben
und senken, nicht aber der Brustkorb (sogenannte Bauch- oder Zwerchfellatmung). Wenn im Training die
Bauchatmung unangenehm werden sollte, darfst du auf die Brustatmung wechseln, doch versuche wieder
zur Bauchatmung zurückzukehren.

Der Grund für diese Atemtechnik liegt darin, dass der Unterleib der Mittelpunkt des gesamten
Körpers ist. Auch im Sport ist es für Spitzenleistungen entscheidend, den Unterleib und die Taille zu
stärken. Um eine tiefe Atmung zu entwickeln, musst du lernen deinen Unterleib und die Taille richtig
einzusetzen. Versuche daher von Anfang an, aus der Körpermitte und nicht aus der Brust heraus zu atmen.

Während des Atmens wirst du feststellen, dass die Phase des Einatmens im Vergleich zum
Ausatmen relativ kurz ist. Das ist normal und mit etwas Übung wirst du in der Lage sein, alle paar
Minuten nur einmal zu atmen. Deine Atmung wird so ruhig und tief sein, dass sie zur idealen Stätte für
die spirituelle Selbstkultivierung wird.


Dauer des Trainings

Manche werden zwanzig Minuten extrem schwierig und anstrengend finden. Andere, die geistig
etwas reifer sind, werden fähig sein, ein paar Stunden pro Tag zu trainieren. Doch sei dir darüber im
Klaren, dass schon fünf Minuten tägliches Training, in denen wir uns demütig der Liebe Gottes bewusst
werden, weitaus kostbarer sind, als fünf Stunden lang dahinzudösen. Versuche mit zwanzig Minuten
täglich zu beginnen und du wirst sehen, dass du schrittweise mehr Training brauchst. Du kannst dich
hocharbeiten auf dreißig Minuten oder sogar ein paar Stunden Training pro Tag, doch vergiss nicht
zwischen den Trainingseinheiten fünf- bis zehnminütige Gehpausen einzulegen, in denen du dich achtsam
besinnst.


Das Haus der Himmlischen Harmonie 43





VORBEREITENDE MASSNAHMEN ZUR GEIST-KÖRPER-EINHEIT

Geist-Körper-Einheit kann beängstigend sein, denn im Training streben wir danach zu „sterben“,
um neu „geboren“ werden zu können. Die gefallene Natur, die ich als selbstsüchtiges Selbst oder kurz
Ego bezeichne, die stets neidisch, gierig, selbstzentriert, hasserfüllt, berechnend, besitzergreifend und
eifersüchtig ist, wird ausgelöscht. Das Ursprüngliche Gemüt und das Gewissen in unserem Herzen
müssen zum Leben erweckt werden. Unser Ego muss „sterben“, damit unser Wahres Selbst, das eins mit
Gott ist, „geboren“ werden kann.

Doch wie – um Himmels willen – soll das gehen? Es hört sich alles so gut an, aber wie kann ich
das schaffen? Nun, wie bei jedem Training, muss man sich zu Beginn aufwärmen. Der Wahre Vater sagt:
„Es ist nicht einfach, die gefallene Natur abzuwerfen. Menschliche Anstrengung allein genügt nicht. Wir
müssen auf der Grundlage des absoluten Glaubens stehen, eine Beziehung zu Gott als vertikale Achse
errichten und unser ganzes Leben hindurch kämpfen.“
4


Beginnen wir also mit unserem Training. Wir wissen, dass wir es nicht alleine schaffen können.
Deshalb müssen wir zunächst eine Grundlage schaffen. Vor jeder Übung müssen wir beten und Gott
bitten uns die Kraft zu geben, um Geist und Körper zu vereinigen. Dadurch errichten wir eine Beziehung
zu Gott als unsere vertikale Achse, sodass wir unser selbstsüchtiges Ich überwinden und Gott substantiell
durch unser Wahres Selbst in unser Leben, unsere Familien, Stämme, Gesellschaft, Nationen, Welt,
unseren Kosmos und wieder zurück zu Gott bringen können. Mit anderen Worten, Gott muss von Anfang
bis zum Ende das Zentrum sein. Er ist sozusagen das ewige Zentrum.

Wir sind es, die ein stärkeres Fundament zu legen haben. Wir können nicht einfach Gott und die
Wahren Eltern bitten, alles für uns zu tun. Wir müssen uns selbst einbringen und den Entschluss fassen,
wahre Eltern für die Menschheit, ein wahrer Ehepartner, ein wahrer Bruder oder eine wahre Schwester,
ein wahrer Sohn oder eine wahre Tochter zu werden – nicht um damit prahlen zu können, wie gut und
erleuchtet wir sind, sondern um für das Wohl aller zu leben.

Unsere Entschlossenheit darf nicht nur eine Woche, einen Monat oder ein Jahr halten, sondern
unser Leben lang und sogar darüber hinaus. Der Wahre Vater sagte einmal, dass die Hölle der erste Ort
sei, zu dem er in der Geistigen Welt gehen muss, um deren Bewohner zu retten. Das ist die entscheidende
Perspektive.

Erlaubt mir an dieser Stelle eine Begebenheit aus meinem eigenen Leben mitzuteilen. Seitdem
mein um ein Jahr älterer Bruder in die Geistige Welt gegangen ist, stehe ich Morgen für Morgen um 2:30
Uhr auf, um Geist-Körper-Einheit zu trainieren. Es ist meine persönliche Verpflichtung und mein
Versprechen ihm gegenüber. Es gab Momente des Zweifelns und der Frustration, sogar der Wut und der
Selbstanklagen über die Dummheit oder den eigentlichen Nutzen dieses ganzen Trainings – besonders da
ich Vollzeit-Student, Vater und Vorstandsvorsitzender sowie auch in anderen Verantwortungsbereichen
involviert war.

Doch bin ich Gott und meinem Bruder gegenüber die Verpflichtung eingegangen, beständig zu
üben und mich selbst hart zu beurteilen – und zwar nach den folgenden acht geistigen
Trainingsprinzipien:


1. Aufrichtigkeit (Jeong-Seong Seong): Das Training des Wort-Werdens oder „zu sein, was du
44 Das Haus der Himmlischen Harmonie
predigst“. Die Praxis der Aufrichtigkeit verlangt ständige Anstrengung und unbeugsame
Ehrlichkeit zu sich selbst.

2. Hingabe: Das Training der Anerkennung und der Erneuerung der Erkenntnis, dass es eine
Transzendenz
*
gibt. Es gibt mehr als nur mich und mein selbstsüchtiges Herz.

3. Selbst-Ehrlichkeit: Das Training, den Mut zu haben, sich nicht feige hinter der eigenen Arroganz
zu verstecken oder in die Illusion der vermeintlichen eigenen Größe zu flüchten. Ich entledige
mich der Erwartung, dass andere mich gefälligst wertzuschätzen haben.

4. Respekt: Das Training, andere mit Respekt zu behandeln und Respekt verdienen, anstatt zu
fordern.

5. Furchtlosigkeit: Das Training, meine Ängste zu identifizieren und sie zu konfrontieren. Das
könnte die Angst davor sein, andere mehr zu lieben als mich selbst oder die Furcht zu versagen.

6. Disziplin: Das Training, Freude zu finden in der ständigen Herausforderung der Vereinigung von
Geist und Körper.

7. Reinheit: Das Training, alle Verunreinigungen wie Selbstsucht, zügellose Gier nach materiellem
Luxus, Hochmut oder Selbstverherrlichung, die uns daran hindern Fürsorge und Mitgefühl für
andere zu haben, zu beseitigen.

8. Ehre: Das Training, Versprechen zu geben und diese einzuhalten, sowie Bedingungen zu legen.


Zugegebenermaßen habe ich, was die oben beschriebenen Trainingsziele betrifft, oft versagt und
versage immer noch. Dennoch versuche ich beinhart in meiner Selbsteinschätzung und in der Bewertung
des Trainings zu sein. Nur wenn man Fehlern offen und ehrlich begegnet, kann man lernen und sein Herz
erweitern.

Es gab einmal einen Schüler, der seinen Meister fragte: „Meister, wie schaffst du es, wieder
aufzustehen, nachdem du hingefallen bist?“ Der Meister antwortete: „Ich stehe einfach auf.“

Für den Schüler war es verheerend, einen Fehler zu begehen. Es fiel ihm schwer seine Fehler
einzugestehen. Er beschuldigte sich maßlos, wenn sein Geist während des Trainings abschweifte. Es
kostete ihn große Anstrengung „wieder aufzustehen“, wenn er während des Trainings strauchelte. Er
wollte auf dem Boden liegen bleiben. Er beschuldigte sich selbst seiner Unzulänglichkeit, geißelte sich
für sein Versagen, doch in Wirklichkeit war er einfach faul und wollte nicht aufstehen. Es war so viel
angenehmer auf dem Boden liegen zu bleiben, aber er musste zumindest vorgeben, dass er sich bemühte.

Der Meister hingegen stand sofort wieder auf, wenn er hinfiel. Er war geistig stets wachsam. Er
war in keiner Weise träge. Daher war der Schüler voller Ehrfurcht gegenüber der Fähigkeit des Meisters,
Fehler zu identifizieren, sie anzuerkennen, daraus zu wachsen und weiterzugehen. Wenn der Meister in
seinem Training „versagte“, erkannte er dies sofort und wandte sich wieder dem Training zu. Wenn also
sein Geist und Körper uneins wurden, nahm er die Spaltung wahr und stellte die Einheit wieder her. Er
gab sich nicht einfach ab mit endlosen Anfällen des Selbst-Hasses oder der eigenen Zurechtweisung
(während er bloß am Boden lag). Im Gegenteil: Er nahm Unvollkommenheiten zur Kenntnis und
korrigierte sie.

Würde ich euch erzählen, es würde mir leicht fallen, jeden Morgen aufzustehen und Tag für Tag,

*
Von lat. transcendere, übersteigen: eine über uns hinausgehende, erhabene Realität [Anm. d. Ü.]
Das Haus der Himmlischen Harmonie 45
Monat für Monat, Jahr für Jahr zu trainieren und nebenbei alle anderen Verantwortungen zu erfüllen, dann
würde ich lügen. Jeden einzelnen Tag, sobald der Wecker läutet, muss ich gegen den Teufel kämpfen –
den Teufel der Faulheit, der Trägheit und des Zweifels. Ungeachtet dessen, wie viele Stunden (oder oft
auch nur Minuten) ich schlafen konnte, ich war bestrebt, die Bedingung niemals zu brechen. Ich
versuchte die Trainingszeit als Termin mit Gott, den Wahren Eltern und den Mitgliedern meiner Familie,
die verstorben sind, zu betrachten.

In diesem Sinne ist es mein Glaube, dass unsere Entschlossenheit und unser Einsatz – sofern sie
wahrhaftig sind – nicht nur einige Tage oder Monate dauern dürfen, sondern jeden Moment präsent sein
müssen. Sie müssen jede Sekunde erneuert werden, jede Minute und jedes Mal, wenn wir darauf
vergessen. Unser Entschluss muss ständig wiederbelebt werden, so wie unsere Beziehung zu Gott, den
Wahren Eltern und unser Verantwortungsbewusstsein der Menschheit gegenüber.

Wir müssen eins mit Gott werden, damit wir allen Menschen in der Physischen und Geistigen Welt
helfen können. Aus diesem Motiv entsteht unsere Verpflichtung für unser Training. Wir sind entschlossen,
Frieden und Einheit mit Gott zu sein. Falls wir glauben sollten, dass das einfach ist, dann sind wir mehr
als nur ein bisschen töricht. Es wird ein langer, beschwerlicher Weg. Tausende von Teufeln werden uns
entlang unseres Pfades auflauern. Zahlreiche Egos und teuflische Stimmen, die uns in die Irre führen
wollen, werden sich melden. Es wird viele Ängste und Misserfolge geben, die zu überwinden sind.
Bereiten wir uns vor.

Cheon-ju cheon-ji cheonji-in Bumo-nim (Eltern von Himmel und Erde), erlaubt uns einen
Entschluss zu fassen, der jenseits der Schranken der Zeit fortbesteht, um zum Wohle aller zu leben und
Geist-Körper-Einheit zu praktizieren, damit wir allen physischen und geistigen Wesen zu Diensten sein
können. Mögen alle Menschen wahre und dauerhafte Freude finden. Mögen alle frei von Leid sein.
Mögen alle wahrhaftigen und bleibenden Frieden finden. Amen.

Nachdem wir nun ein Bittgebet gesprochen haben, um unser Training zu beginnen, müssen wir als
Erstes eine stabile Grundlage schaffen. Ein Haus muss auf einem starken Fundament errichtet werden, so
auch der Tempel Gottes: Dieses Fundament ist unsere Geist-Körper-Einheit.

Beginnen wir mit dem Training.





















46 Das Haus der Himmlischen Harmonie

ACHT PUNKTE ZUR RICHTIGEN VORBEREITUNG


1. Ehre Gott und die Wahren Eltern mit einem Og-Mansei
*
für ihre bedingungslose Wahre Liebe für
uns. (Das kann auch rein gedanklich gemacht werden.)

2. Opfere Gott und den Wahren Eltern alle wertvollen Dinge. Wir können unsere Talente und
Tugenden opfern, unsere Güte, unseren Besitz, unseren Geist, unseren Körper und unser Herz.

3. Erneuere dein Versprechen durch das Rezitieren des Ka-Jeong Meng-se (Familiengelöbnis),
entweder mündlich oder im Herzen. Eine Möglichkeit ist auch die Wiederholung des Wortes „Ka-
Jeong Meng-se“ als abgekürzte Version (Mantra).

4. Beichte und bereue aufrichtig Unzulänglichkeiten, Schwächen oder Sünden, die du gedacht,
gesagt oder getan hast. Bitte um Vergebung und verspreche, sie nicht zu wiederholen.

5. Gedenke in Dankbarkeit und Hochschätzung der Tugendhaftigkeit Gottes und der Wahren Eltern
und nimm dir Zeit, deine eigenen Tugenden anzuerkennen. Gib dir selbst positives Feedback für
die Tugenden, die du hast.

6. Bitte die Wahren Eltern uns zu helfen und uns weiterhin zu lehren, wie wir selbst wahre Eltern
werden können, damit wir denen, die leiden, mit einem wahrhaft elterlichen Herzen helfen können.

7. Bete, dass das Opfer Gottes und der Wahren Eltern niemals in Vergessenheit gerät.

8. Übe all diese Praktiken mit Hingabe, um ein wahrer Mensch zu werden, der die Vier Großen
Herzensbereiche verwirklicht. Werde selbst wahre Eltern, ein wahrer Ehepartner, ein wahrer
Bruder oder eine wahre Schwester und ein wahrer Sohn oder eine wahre Tochter für die Welt.























*
Og-Mansei bedeutet wörtlich „10.000 x 10.000 x 10.000 Jahre“ und bedeutet soviel wie „ewiger Sieg“.
Das Haus der Himmlischen Harmonie 47



GEIST-KÖRPER-EINHEIT

Reflexion

Der Wahre Vater sagt: „Gott atmet die Luft der Liebe. So ist es in der Geistigen Welt. Was ist die
Luft in der nächsten Welt? Es ist die Liebe. Liebe.“
5
Durch Seine Liebe für uns schenkt uns Gott das
Leben. Der Atem ist die Lebenskraft, die uns erhält. Er verbindet uns mit der Natur, denn wir atmen in
Kooperation mit den Pflanzen. Wir geben und empfangen Kohlendioxid und Sauerstoff. Ohne Atmung
sterben wir innerhalb weniger Minuten. Daher ist die Atmung die unsichtbare Nahrung für unsere
Existenz. Sie ist ein fundamentales Geschenk Gottes. Das Erste, was wir tun, wenn wir bei der Geburt
diese Welt betreten, ist einzuatmen. Das Letzte, was wir tun, wenn wir diese Welt verlassen, ist
auszuatmen. Daher liegt in einem Atemzug der Wert unserer gesamten Existenz. So kostbar ist er. Das
Problem ist, dass den meisten von uns dieses unermessliche Geschenk Gottes nicht bewusst ist.

Wir sind zu beschäftigt damit, über die Vergangenheit nachzugrübeln, Pläne zu schmieden,
tagzuträumen oder wir sind einfach nur „zu beschäftigt“. Wir sind selten gegenwärtig im Hier und Jetzt,
sodass wir die kleinen Details, die Gott uns schenkt, nicht beachten. Das Training lehrt uns jene Dinge,
die wir für selbstverständlich erachten und doch von höchstem Wert sind, achtsamer und bewusster
wahrzunehmen. Wenn wir etwas so Einfaches wie einen Atemzug wertschätzen, könnten wir über das
gesamte Leben sowie über die unzähligen Geschenke, die wir erhalten, noch viel tiefere Freude
empfinden. Wir beginnen mit dem Training, indem wir unser Leben, unsere Existenz und unseren Atem
als höchst kostbar anerkennen.



Training

1. Finde eine ruhige Umgebung, in der du ungestört bist.

2. Sitze angenehm und aufrecht auf einem Stuhl oder auf einem Kissen. (Wenn aus
gesundheitlichen Gründen erforderlich, kannst du dich auch hinlegen, solange du nicht
einschläfst!) Lege deine Hände entspannt auf deine Knie. Versuche dich vollkommen zu
entspannen. Sei bereit, deinen Körper für die gesamte Dauer des Trainings nicht zu bewegen.
Lass dich nicht verführen; sei sensibel gegenüber kleinen Feinheiten: wenn du beispielsweise
versucht bist, Speichel zu schlucken oder einem Juckreiz nachzugeben. Bleib stark,
diszipliniert und eins mit dir selbst während der gesamten Zeit des formalen Trainings.
Widerstehe diesen kleinen Versuchungen und mit der Zeit wird dieses Training deine geistigen
Muskeln stärken, was dir helfen wird, größere und schwierigere Versuchungen zu erkennen
und ihnen standzuhalten.

3. Atme tief und natürlich drei oder vier Mal, während der Bauch sich beim Einatmen hebt und
beim Ausatmen senkt. Entleere deinen Körper von der abgestandenen Luft, während du
ausatmest. (Um sie vollständig auszustoßen, wirst du deine Bauch- und Beckenmuskeln leicht
anspannen müssen.)

4. Kehre zur normalen Atmung zurück und versuche bei der Atmung „dabei“ zu bleiben. Beachte
sie weiterhin im Geiste und wiederhole: „Einatmen – ich weiß, dass ich einatme. Ausatmen –
ich weiß, dass ich ausatme.“

5. Nun erweitere dein Bewusstsein und beachte die Beschaffenheit, den Klang und die
48 Das Haus der Himmlischen Harmonie
Temperatur des Atems. Spüre, wie er durch die Nasenlöcher und den Kehlkopf fließt und wie
sich Brust und Bauch heben und senken. Versuche so wahrnehmend wie möglich zu sein.
Beachte im Detail, welche Erfahrungen Gott dir schenkt, die dir normalerweise nicht bewusst
sind. Wir erhöhen dadurch unser Bewusstsein für die Geschenke Gottes. Das führt auf
natürliche Weise zu größerer Wahrnehmung und Wertschätzung der Liebe Gottes.

6. Wenn deine Konzentration an einem gewissen Punkt unterbrochen wird, ist das am Anfang
ganz normal, da die Einheit zwischen Geist und Körper noch schwach ist. Satan wird dich
ablenken und versuchen dich daran zu hindern, dein Bewusstsein und deine Liebe zu Gott zu
stärken. Wenn dein Geist nur einen Augenblick abschweift, ist er schon auf einem Gedanken-
Zug verloren. Wenn das passiert, werde nicht aggressiv dir selbst gegenüber. Lass das Gefühl,
versagt zu haben, einfach los und führe dein Bewusstsein sanft zurück zur Atmung und zum
Leben, das Gott dir in diesem Moment schenkt. Bleibe vollständig gegenwärtig.

7. Sollte dein Geist umherschweifen, benutze die Methode der mentalen Benennung: Verurteile
dich nicht, sondern benenne den Ort, zu dem dein Geist gegangen ist. Wenn dein Geist in
Gedanken umherwandert, benenne dies mit einer ruhigen, friedlichen, mentalen Stimme und
sage: „Umherschweifen – umherschweifen – umherschweifen.“ Wenn du unruhig wirst, sage:
„Ich werde unruhig – ich werde unruhig …“ Sollte deine Aufmerksamkeit auf deine Knie oder
Beine gelenkt werden, sage in sanfter Weise: „Knie – Beine – Knie…“ Wenn du frustriert oder
wütend wirst, bemerke es, indem du sagst: „Wütender Geist – frustrierter Geist, wütender
Geist – frustrierter Geist“ und so fort.

Sobald du bewusst Ablenkungen mental benennst, wirst du sehen, dass sie langsam schwächer
werden und verklingen. Dann kannst du die Ablenkung ganz natürlich loslassen und sanft zum
Atem zurückkehren. Atme tief und gleichmäßig, lass all die abgestandene Luft heraus und
führe dieses Gebet der mentalen Benennung und der Rückkehr zum Göttlichen Atem für zehn
bis zwanzig Minuten durch.


Widmung

Möge der durch mein Training gewonnene Friede des Geistes, der Einheit und der
Tugendhaftigkeit, dem Wohle anderer dienen. Möge das Herz der Wahren Liebe durch das wahre Selbst
erstrahlen und das Licht und die Liebe Gottes sich auf alle physischen und geistigen Wesen ausbreiten.
Möge ich geloben, ein wahrer Mensch zu werden, um den Leidenden zu helfen wahre und dauerhafte
Freude zu finden. Mögen wir diese Übungen Hananim, den Wahren Eltern und der Menschheit widmen.
Aju. Aju. Aju.

In diesem grundlegenden Training üben wir die Stabilisierung der Geist-Körper-Einheit. Sobald
wir mit unserer Meditation beginnen, werden wir feststellen, dass unsere Geist-Körper-Einheit sehr
instabil ist. Unser Körper ist hier, doch unser Geist ist dort. Wir sind nicht eins. Der Teufel der Ablenkung
zerrüttet unsere Einheit.

In dieser Übung ist es wesentlich, sich nicht selbst zu verurteilen. Es ist aber sehr wohl von
Bedeutung, ehrlich zu sich zu sein. Lass dich aber nicht täuschen, denn Ehrlichkeit zu dir selbst ist nicht
eine Art von „Nett-und-angenehm-gefühlsduselige, Akzeptiere-dich-und-all-deine-Fehler und Versuch-
dich-nicht-zu-verbessern“-Sentimentalität. Ehrlichkeit erfordert großen Mut und die Fähigkeit, deine
Schwächen manchmal auch streng anzugehen, doch lässt sie stets Raum für Hoffnung – Hoffnung,
selbstloser zu werden und den Geschenken Gottes in unserem Leben mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Selbst-Verurteilung behauptet: „Ich habe versagt und ich bin dazu verdammt ein Versager zu
sein!“ Selbst-Ehrlichkeit hingegen besagt: „Ich habe einen Fehler gemacht, aber ich erkenne das, greife
Das Haus der Himmlischen Harmonie 49
ihn auf, korrigiere den Fehler und gehe weiter.“ Innerhalb der Selbst-Verurteilung gibt es keine Hoffnung,
besser zu werden, mit Selbst-Ehrlichkeit sind jedoch innere Demut, Geduld sowie das Bewusstsein
verbunden, dass uns Fehler helfen können zu lernen.

Was üben wir auf einer grundlegenden Ebene? Wir trainieren machtvolle Prinzipien: Wir
trainieren die Herrschaft über uns selbst wiederzuerlangen und Menschen der Achtsamkeit zu werden –
im Gegensatz zur Achtlosigkeit, die wir normalerweise praktizieren, besonders in unserer Beziehung zu
Gott. Wir lernen „loslassen“ und „neu beginnen“. Wenn wir in unserer Übung fehlschlagen und der Geist
umherschweift, werden wir nicht in reaktionärer Weise beginnen, uns selbst als Versager zu richten.
Vielmehr werden wir achtsam sein gegenüber Gedanken der Selbst-Verurteilung und sie im Geiste
benennen.

Wenn wir beispielsweise wütend werden, so steigt der Zorn in uns auf und ergreift die Macht über
uns. Er wird zum Subjekt und wir zum Objekt. Das bedeutet, dass wir von dieser Wut – oft unbewusst –
kontrolliert werden. (Dasselbe gilt auch für andere ungesunde Zustände, wie z.B. Neid, Eifersucht, Hass,
Ressentiment usw.) Wenn wir aber dieses Gefühl der Wut gedanklich zur Kenntnis nehmen und ein
mentales Etikett darauf kleben, entziehen wir ihm seine Macht: Wir werden zum Subjekt und die Wut
zum Objekt! Je öfter wir das üben, umso mehr werden wir die Beherrschung und Kontrolle über unseren
Geist und unsere Emotionen erlangen. Da wir die Kontrolle haben, können wir entscheiden loszulassen,
zur Atmung zurückkehren und wir üben, neu zu beginnen.

Überleg einmal, wie großartig diese einfache Praxis, den eigenen Geist zu beherrschen, sein kann!
Könnten wir lernen achtsamer zu sein, schädliche Emotionen loszulassen und neu zu beginnen, so würde
das unserem Leben und dem anderer wesentlich zugute kommen. Nach einem schwierigen Ereignis in
unserem Leben verfallen wir nicht in Selbstmitleid, Depression oder Gewalt. Wir bleiben nicht einfach
passiv und lassen zu, dass diese Zustände überhandnehmen. Stattdessen nehmen wir unseren Zorn,
unseren Frust, unseren Hass und unsere Rastlosigkeit bewusst und achtsam wahr, lassen diese Gedanken
dann los und gehen mit einem frischen Geist weiter. Denkt darüber nach, wie praktisch und hilfreich das
wäre.

Angenommen, ein Banden-Mitglied wurde beleidigt und zückt daraufhin seine Pistole, um einen
anderen umzulegen. Könnte er in diesem Moment das Gefühl der Beleidigung einstecken, könnte er
loslassen und neu beginnen. Ihm würde bewusst werden, dass ein innerer Drang sein Ego verteidigen
möchte und dass er Angst hat, seine Unsicherheit zuzugeben. Dann wäre er frei, seine Gefühle des Hasses
loszulassen und einen neuen Anfang zu setzen. Damit bliebe ein Menschenleben verschont.

Geist-Körper-Einheit ist so entscheidend. Sie gewährt einen Freiraum zwischen Reiz und Reaktion.
Ein bestimmter Reiz könnte uns in Rage bringen und unsere Reaktion darauf wäre in Zorn auszubrechen
oder eine verbale bzw. physische Attacke. Doch wenn wir ausreichend unsere Geist-Körper-Einheit
trainieren, haben wir einen Freiraum, nämlich einen Atemzug zwischen dem Reiz und unserer „Kampf-
oder-Flucht“-Reaktion. Indem wir die Methode der mentalen Benennung anwenden, werden wir Subjekt
gegenüber jenen gewalttätigen und belastenden mentalen Zuständen. Wir gewinnen Abstand und können
die Herrschaft über unseren Geist wiedererlangen, anstatt vom Schmerz überwältigt zu werden. Wir
beginnen neu, indem wir zu unserer Atmung zurückkehren, unserem Zentrum, unserem Leben. Wir
können uns entscheiden, Frieden zu werden.

Viele mögen vielleicht denken, dass das der Welt nicht helfen und Gewalt nicht verhindern könne.
Doch stellen wir uns einmal vor, dass jeder, der in seiner Wut anderen Gewalt antun möchte, diese Wut
wahrnehmen, sie objektivieren, einen Abstand zwischen sich und seinen Gefühlen schaffen, sie wieder
loslassen und neu beginnen könnte. Die Welt wäre in der Tat anders! Das ist die ungeheure Macht, die in
der Verwirklichung unserer Geist-Körper-Einheit liegt. Deswegen ist die Vereinigung von Geist und
Körper stets ein zentrales Thema in den Lehren des Wahren Vaters.

50 Das Haus der Himmlischen Harmonie
Dies ist die grundlegendste meditativ-besinnliche Gebetsübung. Sie kann nicht ignoriert werden.
Dieses Training wird deine Achtsamkeit und dein Bewusstsein Gott gegenüber vertiefen. Wenn wir gehen,
können wir es vollem Bewusstsein tun: Wir gehen, ohne dass unser Geist von tausend Ablenkungen
vereinnahmt wird. Wir werden erfahren, dass Gott Seine tiefe Liebe für uns in jeder einfachen Sache
offenbart. Während wir das Geschirr abwaschen, können wir das Wasser, die Beschaffenheit des
Porzellans, die Art wie wir stehen und unseren Atem wahrnehmen. Wir können spüren, dass Gott uns die
wunderbare Möglichkeit gibt, bewusst, lebendig und wach zu sein.

Das Training erlaubt uns auch, unser Bewusstsein darüber zu schärfen, inwieweit uns
selbstsüchtige und selbstbezogene Zustände kontrollieren, und wie einfallsreich Satan uns verführt.
Zugleich liefert es uns das Werkzeug, mit dessen Hilfe wir lernen können, solche Zustände zu meistern.
Dieses Training ist absolut fundamental. In dir soll das Haus Gottes gebaut werden, also sorge dafür, dass
du in die Errichtung eines starken Fundaments investierst. Es gibt keine Abkürzungen, wenn es darum
geht, ein besserer Mensch zu werden. Sei achtsam! Sei herzlich! Sei inspiriert! Du schaffst es.







































Das Haus der Himmlischen Harmonie 51




FAZIT

DIE INDIVIDUELLE EBENE



Der Ausgangspunkt im Training der Geist-Körper-Einheit ist das Verständnis der Realität unserer
Gespaltenheit, unseres mangelnden Konzentrationsvermögens und unserer Schwäche gegenüber des
Teufels List. Wir kommen zur Einsicht, dass unsere Erkenntnisfähigkeit unzulänglich ist: Wir sind endlich,
Gott ist unendlich. Einige mögen einwenden, dass das eine pessimistische Sichtweise sei. Manche
glauben, dass es völlig irreführend sei, die Tatsache zu erwähnen, dass wir nicht gänzlich ohne Makel
sind.

Geist-Körper-Einheit ist eigentlich das exakte Gegenteil einer negativen Sichtweise. Eben weil wir
damit beginnen, unsere Unzulänglichkeiten zu verstehen, beginnen wir mit Hoffnung. Denn hätten wir
nichts, worauf wir achtsam sein sollten oder nichts an uns zu verbessern, könnte es leicht sein, dass wir
geistig stagnieren und zugrunde gehen. Ich finde, das wäre noch viel pessimistischer! Verstehen wir
hingegen unsere Krankheit, haben wir Raum dafür, gesündere und geistig stärkere Individuen zu werden.

Einige andere Trainingsmethoden versuchen das Selbstbild von Menschen „aufzublasen“ und das
Ego zu „streicheln“. Sie schaffen köstliche „Elixiere“, die unser Bewusstsein darüber, dass wir krank sind,
betäuben. Doch das alles führt letztlich nur vorübergehend zu guten Gefühlen. Die Probleme bestehen
weiterhin, sie tauchen wieder auf und werfen uns zurück in den Teufelskreis der Sucht nach noch mehr
Annehmlichkeiten, die unsere geistige Gebrechlichkeit übertünchen.

Wenn wir unsere Probleme jedoch nicht verurteilend, sondern einfühlsam wie ein Arzt behandeln,
sind wir fähig sie zu lösen. Indem wir die Quellen unserer vielen Selbsttäuschungen identifizieren,
können wir die Wurzeln unserer chronischen Krankheiten beseitigen, die uns daran hindern, wahre und
dauerhafte Freude zu schaffen, für uns sowie für die Menschen, die wir beeinflussen können.

Es ist meine Hoffnung, dass du durch dieses Training größere Ehrlichkeit, Entschlossenheit und
größeren Mut erlangen kannst, um wahrhaftig zu sein, dir selbst und anderen gegenüber. Sei wahrhaftig in
dem Sinne, dass du dir selbst hilfst zu wachsen, um ein wahrer Mensch vor Gott zu werden. Wenn wir
beständig daran arbeiten, wahrhaftiger und liebender zu werden, ehrlicher und echter, dann können wir
das Himmelreich in unseren Herzen, in unseren Familien und in unserer Welt manifestieren.

Gott ist immer da, um uns zu heilen und zu unterstützen. Wir müssen nur innerlich still werden.
Wir müssen die Weisheit hören, die wir in der Stille mit Gott erlernen. Einige meiner tiefsten Erfahrungen
mache ich, wenn ich in totaler Stille neben dem Wahren Vater sitze, bevor er zum Hoon Dok Hae
hinausgeht. In dieser Stille kann ich meine selbstsüchtigen Wünsche – gelobt zu werden oder zu hören,
dass er mich liebt oder andere ähnliche Dinge, die Kinder von ihren Eltern hören möchten – zur Ruhe
bringen.

Gerade in diesen stillen Momenten fühlte ich die starke Gegenwart Gottes. Manchmal war ich in
dieser Stille zu Tränen gerührt, zusammen mit Vater. Manchmal fühlte ich eine solch tiefgründige
Kommunikation, eine völlig demütigende Stille, die mich dazu zwang, mich zu verbeugen und in meinem
Herzen meine Unzulänglichkeiten zuzugeben.

In dieser Stille entdecken wir, wo unser Geist wirklich ist. Wir merken, dass wir nur Sehnsucht
52 Das Haus der Himmlischen Harmonie
danach haben, gepriesen zu werden. Wir sehnen uns danach, emporgehoben zu werden. Wir sagen Sachen
wie: „Ich bin so ein guter Mensch, ich bete so eifrig“ oder „Sieh doch, wie sehr ich mich einsetze,
während meine Freunde fernsehen“ usw. Wir möchten die Tatsache nicht hören, dass wir danach hungern,
gepriesen zu werden, damit wir unsere inneren Schwächen verbergen können.

Wir müssen trainieren, diese Schwächen zu sehen. Wir müssen die Risse im Damm erkennen,
denn sonst wird früher oder später das Wasser durchbrechen und uns zerschmettern. In diesen Momenten
der Stille, in diesen Momenten des Zuhörens können wir unsere Unzulänglichkeiten und unsere
egoistischen Tendenzen sehen. Wir lernen hinzuhören und erlauben unserem demütigen Herzen, uns zu
leiten.

Demut ist eine große Stärke. Sie sollte nicht verwechselt werden mit Untätigkeit oder der netten
Art einer sanften Großmutter. Demut kommt von einer grundlegenden Einsicht, dass unser menschliches
Wissen vor Gott unzulänglich ist. Wenn das der Ausgangspunkt unseres Gebetslebens ist, können wir uns
ganz für das öffnen, was Gott uns offenbaren möchte – mögen es angenehme oder harte Lektionen sein.
Wir können völlig empfänglich sein für den Segen und die Lehren der unendlichen Liebe, der Weisheit
und der Gnade Gottes.

Daher müssen wir wach, aufmerksam und bewusst sein (be awake, alert and aware)! Wenn wir
das schaffen, können wir Gott tiefen Trost bringen und den Wahren Eltern mit einem tieferen Herzen
dienen. Es ist meine aufrichtige Hoffnung, dass wir durch das Benennen unserer Stärken und – noch
wichtiger – unserer Schwächen ehrlicher zu uns selbst werden und von neuem die Begeisterung einer
persönlichen und sich ständig erneuernden Beziehung zu Gott und den Wahren Eltern erleben. Lasst uns
jeden Moment unseres Lebens mit neuer Dankbarkeit füllen und Gottes Geschenke wahrnehmen. Und ich
sage wie immer: Mehr Training, mehr Training, mehr Training!




























Das Haus der Himmlischen Harmonie 53




EINHEIT IN DER EHE

Sich selbst zu ändern hilft anderen sich zu ändern

Wir haben trainiert, um Geist und Körper zu meistern. Nun sollten wir den Nutzen und die
Einsichten, die wir aus dem Training gewonnen haben, auf andere Aspekte unseres täglichen Lebens
ausdehnen. Eines der wichtigsten Dinge, die wir in der Praxis von Geist-Körper-Einheit erfahren haben,
ist die Erkenntnis, dass wir verantwortlich sind, Einheit und Frieden in uns zu schaffen. Indem wir um
dauerhaften Frieden im Mikrokosmos von Geist und Körper ringen, schaffen wir ein Fundament und wir
eignen uns die notwendige Disziplin, Geduld, Ausdauer und Erfahrung an – Werte, die uns im täglichen
Leben zugutekommen.

Denken wir einmal über unsere Beziehungen nach. Wir haben eine Familie, Freunde, Kollegen,
vielleicht auch einen Ehepartner oder Kinder. Was ist die Konstante in all diesen Beziehungen? Ja, es sind
wir selbst. Für gewöhnlich versuchen wir, andere dazu zu bringen, sich zu verändern. Wir klagen sie an in
dem Glauben, dass sie es sind, die die entsprechenden Veränderungen vornehmen müssen, um die
Beziehung zu verbessern.

Wir sehen jedoch, dass dieser Weg zu Fehlschlag und Frustration führt. Die anderen ändern sich
nicht und letzten Endes finden wir uns in einem Sumpf der Beschuldigung und Anklage wieder. Es sind
immer die Fehler der anderen, während wir unseren eigenen Anteil an unseren Beziehungsproblemen
immer weniger beachten. Aus diesem Grund haben wir in großem Umfang Geist-Körper-Einheit trainiert.
Durch die Übungen haben wir unsere Selbstportraits und Masken mit dem Schwert der Selbst-Analyse
durchschnitten. Wir haben die Lügen und Ausreden identifiziert. Wir erkannten, dass wir andere anklagen,
um unsere Selbstportraits zu verteidigen. Wir mögen uns unbewusst fragen: „Wie könnte denn jemand,
der so wunderbar ist wie ich, zu Beziehungsproblemen beitragen?“

Der erste Schritt, um unsere Beziehungen zu verändern, ist die Erkenntnis, dass wir nur uns selbst
und unsere Einstellung ändern können. Wir können andere nicht zwingen, sich zu ändern, denn sie sind
individuelle Wahrheitsverkörperungen mit freiem Willen. Andere zu zwingen sich zu ändern, ist
wahrscheinlich die ineffektivste Methode, um eine wirkliche Veränderung herbeizuführen. Normalerweise
bestärkt dies den anderen in seinem Entschluss, sich nicht zu ändern. Man gerät in einen endlosen Kampf:
Der eine attackiert und der andere verteidigt sich.

Der effektivere Weg, eine Veränderung in Beziehungen hervorzurufen, ist die Änderung unseres
eigenen Geistes. Wir müssen ihm neue Gewohnheiten beibringen. Sobald wir unseren reaktiven Umgang
mit Beziehungsproblemen ändern, verändern wir unmittelbar all unsere Beziehungen. Weshalb? Weil wir
der entscheidende konstante Faktor in all unseren Beziehungen sind.

Indem wir aktiv daran arbeiten, uns selbst zu ändern, schaffen wir die richtige geistige Haltung für
gesunde Beziehungen. Unsere Beziehung zu unserem Ehepartner ist die intimste aller Beziehungen. Das
bedeutet aber auch, dass kleine Konflikte und Meinungsverschiedenheiten zu viel Schmerz und
Enttäuschung führen können. Aufgrund der Nähe zu unserem Partner ist es möglich, kraftvolle Liebe
auszudrücken, aber auch starke Angstgefühle zu erzeugen. Es ist wichtig zu verstehen, dass die Zustände
unserer Beziehungen – mögen sie momentan positiv, neutral oder negativ sein –ständiger Veränderung
unterworfen sind.

Wie wir im Training der Geist-Körper-Einheit erfahren haben, vergehen emotionale und
psychische Zustände wie Ärger, aber auch intensive Freude, und wir kehren zum Gleichgewicht zurück.
54 Das Haus der Himmlischen Harmonie
Erinnerst du dich noch an das Training der Geist-Körper-Einheit und wie dein Geist durch einen
Gedanken, eine Emotion oder eine Ablenkung aufgewühlt wurde? Wurden diese Störungen einmal
bemerkt und mental benannt, blieben sie nicht länger bestehen, nicht wahr? Sie verschwanden. Vielleicht
hast du erlebt, wie sie zurückkamen, sich aber wieder zerstreuten, als du ihnen durch mentale Benennung
entgegentratest und die Störungen durch Etikette wie „Ärgerlicher Geist“ oder „Ängstlicher
Geist“ benannt und aufgelöst hast. Du konntest derlei Situationen meistern, indem du unliebsamen
Ablenkungen immer wieder durch mentale Benennung entgegengetreten bist und sie in kleinere,
identifizierbare und verdaubare Stücke zerlegt hast. Darüber hinaus hast du Erkenntnisse über das Wesen
solcher Zustände gewonnen: Letzten Endes sind sie aus vielen verschiedenen Aspekten zusammengesetzt,
im Gegensatz zu einem riesigen, unkontrollierbaren Monster des Ärgers oder Hasses. Und schließlich
werden sie vergehen.

Das ist eine enorme Erkenntnis mit sehr realem und praktischem Nutzen, der sich direkt auf deine
Einheit mit deinem Ehepartner übertragen lässt. Bist du frustriert oder verärgert, so verwende die
Methode der mentalen Benennung des wütenden Gedanken-Zuges, brems ihn ab und erlaube ihm
vorbeizufahren. Dann kehre zur Atmung zurück. Atme tief und gleichmäßig die abgestandene, frustrierte
Luft aus. Schließlich führst du diesen Prozess so lange fort, bis dein Geist sich wieder eingependelt und
Ruhe gefunden hat. Sollte der Gedanken-Zug wieder kommen, benenne ihn, lass ihn vorbeifahren und
kehre zur tiefen Atmung zurück.

Nun kannst du Geist und Körper besser kontrollieren. Ich hörte von gesegneten Paaren, die
untereinander gewalttätig wurden. So etwas muss unter allen Umständen vermieden werden. Es ist
unentschuldbar. Solltest du einmal wütend, frustriert oder hasserfüllt sein, dann erkenne den Gedanken-
Zug. Steig nicht ein, sondern lass ihn vorbeifahren. Kehre zur tiefen Atmung zurück und atme die alte,
verärgerte Luft aus. Bewahre deine Würde und behalte die Kontrolle über Geist und Körper.

Wenn wir so handeln, praktizieren wir Respekt gegenüber unserem Ehepartner, aber auch uns
selbst gegenüber. Wir werden besser und bewältigen Probleme nicht, indem wir wütend oder gar
gewalttätig werden. Als Unifikationisten – als diejenigen, die Einheit statt Spaltung und Frieden statt Hass
bringen sollen – müssen wir eins sein in Geist und Körper.

Respektiere deinen Partner, indem du Geist und Körper respektierst. Respektiere die Kraft, die du
durch die Stärkung deiner Geist-Körper-Einheit gewonnen hast. Wenn ein betrübender oder
beunruhigender Gedanken-Zug ankommt, benenne ihn, bedenke, wohin er fährt und lass ihn
vorüberziehen. Du bist siegreich gewesen. Doch sollte er wiederkommen, bleibe wachsam und setze dein
Training sorgsam und fleißig fort. Das ist die Anwendung der Geist-Körper-Einheit auf der
partnerschaftlichen Ebene.

Du wirst erkennen, dass diese Praxis, die du nun in deine Beziehungen einbringst, auch weniger
intime Beziehungen fördert wie beispielsweise die Beziehung zu deinen Kindern, Geschwistern oder
Freunden. Bist du einmal fähig deine Geist-Körper-Einheit-„Muskeln“ zu stärken, kannst du auch
Hindernisse in deinen Beziehungen meistern. Wenn du auf einen Freund eifersüchtig bist, wirst du das
erkennen und deinen Gedanken als „Eifersüchtiger Geist“ etikettieren. Du lässt den Gedanken-Zug
vorbeifahren und kehrst zur Atmung zurück.

Angenommen jemand wird eifersüchtig. Er springt auf einen Gedanken-Zug auf, der immer weiter
und weiter ins „Land der Eifersucht“ fährt. Dann besteigt er einen Gedanken-Zug ins „Land der
Verurteilung“ und wechselt schließlich auf einen Gedanken-Zug in Richtung „Land des Hasses“. Das ist
ein erschreckendes Beispiel, aber leider geschieht das sehr häufig in unserer heutigen Welt. Wie oft habt
ihr im Fernsehen gesehen, dass ein eifersüchtiger Freund den Erfolg eines anderen Freundes sabotiert
oder gar seine eigenen Familienmitglieder umbringt?

In den Schriften des Altertums scheint dieses Thema in vielen Geschichten auf. Die
Das Haus der Himmlischen Harmonie 55
offensichtlichsten sind die biblischen Erzählungen von Kain und Abel, die Geschichte von Josef und
seinen Brüdern und die düsteren Schilderung der eifersüchtigen Begierden von König David. Im
Buddhismus wird das Thema „Eifersucht“ beispielhaft in der Samannaphala Sutta
6
oder der Digha
Nikaya
7
erläutert. Es geht um eine Person namens Devadatta, einem Cousin von Buddha, der Buddha’s
Stellung als Kopf der Sangha (Gemeinschaft der Mönche und Gläubigen) an sich reißen möchte und in
seiner Eifersucht versucht, Buddha zu beseitigen.

Wir sehen, dass sich auch die historischen Religionen mit menschlichen Schwächen wie
Eifersucht, Neid und Gier befassen mussten. Derjenige, der das „An-bahnen“ einer tödlichen Situation
erkennt und den tödlichen Gedanken-Zug identifiziert, ist fähig sich auszumalen, was geschieht, wenn er
aufspringen würde. Er hat die Einsicht und die Macht, diesen Gedanken-Zug vorbeifahren zu lassen und
zum reinen, frischen Atem des Lebens zurückzukehren. Zumindest haben wir jetzt eine effektive Abhilfe,
um solche potentiell gefährlichen Geisteszustände zu bewältigen. Verstehst du nun, weshalb Geist-
Körper-Einheit für den Frieden in deinen Beziehungen so entscheidend ist?




Füllt regelmäßig eure Tanks

Frieden ist nicht nur die Abwesenheit von Gewalt. Aber man muss auch anerkennen, dass
Gewaltlosigkeit ein sehr wichtiger erster Schritt ist! Während sich deine Geist-Körper-Einheits-Muskeln
entwickeln, wirst du sie auch einsetzen können, um über die glücklichen Zeiten eurer Beziehung zu
reflektieren. Angenommen, du bist mit deinem Ehepartner wirklich glücklich und ihr fühlt euch wie im
Himmel. Durch dein Training weißt du, dass alle mentalen Zustände mit der Zeit vergehen oder sich
ändern. Wenn du das bedenkst, kannst du achtsamer sein und die Dankbarkeit in deinem Herzen
gegenüber Gott und deinem Partner, die dich diese Freude erleben lassen, zum Ausdruck bringen. Somit
kannst du auch in Zeiten der Freude vollständig gegenwärtig sein und du ignorierst sie nicht einfach.
Wenn die Euphorie nachlässt, kannst du sie loslassen – wissend, dass du in der Zeit des Segens wahrhaft
anwesend und dankbar gewesen bist.

Wenn du die gemeinsame Zeit mit deinem Ehepartner genießt, so kannst du ganz bewusst ein- und
ausatmen und in jedem Moment des tiefen Ausatmens „Danke“ sagen. Auch wenn dein Partner es nicht
weiß, dankst du Gott mit jedem Atemzug, dass du an der Seite deines Partners sein darfst. Währenddessen
kannst du über die vielen Menschen reflektieren, die diese Art des Trosts und der Freude nicht erleben
können – vielleicht weil der Partner sehr krank oder bereits verstorben ist. Diese Art des einfühlsamen
Reflexionstrainings ist mit deinem Glück verbunden. Wenn du Freude mit deinem Partner erlebst, sehe
dieses Gefühl als Anregung dich daran zu erinnern, dass es andere gibt, die diese Freude nicht erleben
können. Erweitere dabei deinen „Tank des Mitgefühls“ für andere.

Wenn beide, du und dein Ehepartner, Geist-Körper-Einheit praktizieren, könnt ihr
Trainingspartner werden (ähnlich wie Trainingspartner, die einander während des physischen Trainings
im Fitnessstudio unterstützen). Wenn ihr euch zusammensetzt, um zu reflektieren und zu diskutieren,
kann dir dein Partner helfen und Tipps geben, wie Friede in Geist und Körper geschaffen werden kann.
Ihr könnt gemeinsam über andere leidende und hilfsbedürftige Menschen nachdenken oder über euer
Eheleben reflektieren. All diese Dinge sind Beiträge für euren Beziehungs-Tank. Dieser muss immer
wieder aufgefüllt werden, sonst wird das Fahrzeug der Ehe nicht ohne Getriebeprobleme und andere
mechanische Schwierigkeiten weiterfahren können.

Um die Fahrt fortsetzen zu können, musst du die kleinen Dinge tun, die das Fahrzeug in einem
Top-Zustand erhalten. So wie manchmal das Motoröl gewechselt oder das Getriebe überprüft werden
muss, braucht auch die eheliche Beziehung regelmäßige Check-Ups. Was geschieht wenn man sein Auto
für selbstverständlich nimmt und es nicht regelmäßig überprüfen lässt? Es wird früher oder später eine
56 Das Haus der Himmlischen Harmonie
Panne erleiden.

Wenn wir unsere eheliche Beziehung keinen regelmäßigen Check-Ups und gemeinsamen
Reflexionen unterziehen, werden wir uns nicht nur im Unklaren sein, wohin wir eigentlich fahren. Wir
werden nicht einmal dort ankommen, weil unser Fahrzeug unterwegs zusammenbrechen wird. Die
Ausdauer und Geduld, die wir durch die Geist-Körper-Einheit erlernt haben, werden von grundlegender
Bedeutung sein, wenn wir beginnen, sie in unserer Ehe anzuwenden.

In der Vereinigungslehre ist die Ehe das heiligste Sakrament. Wir müssen diese Institution
respektieren und uns gut darauf vorbereiten. Aus diesem Grunde haben wir das Meistern der individuellen
Geist-Körper-Einheit vor der partnerschaftlichen Einheit behandelt. Wir müssen aber bedenken, dass
diese unterschiedlichen Ebenen nicht so getrennt sind, wie man meinen möchte. Sie sind auf das engste
miteinander verbunden.

Der Wahre Vater lehrt uns über die „Acht Stufen der Vollkommenheit“, auf denen wir Einheit
verwirklichen sollen: Individuum, Familie, Stamm, Gesellschaft, Nation, Welt, Kosmos und Hananim
(Gott). Diese Ebenen sind auf natürliche Weise miteinander verbunden. Individuen bilden Familien,
Familien bilden Stämme usw. Die grundlegendste Einheit ist jedoch die Einzelperson. Jedes Individuum
steht in Beziehung zu sich selbst und zu seiner Umwelt – zu Dingen, die so nahe stehen wie der eigene
Geist und Körper oder einem Familienmitglied, sowie zu Dingen, die so groß sind wie die Welt, der
Kosmos oder Hananim.

Was die partnerschaftliche Ebene betrifft, sollten wir uns dessen bewusst sein, dass wir
miteinander verbunden sind. Idealerweise sollten wir unseren Partner ergänzen oder vervollständigen. Der
erste Schritt liegt darin zu verstehen, dass wir „Wir“ sind und nicht ein „Ich“ und ein „Du“. Wir sind
Partner.




Zuerst zuhören!

Streitigkeiten werden meist durch Missverständnisse oder durch Ignorieren des anderen ausgelöst.
Wenn ein Mann spricht, möchte er fühlen, dass er bestätigt und wertgeschätzt wird. Wenn eine Frau
spricht, möchte sie vor allem gehört und verstanden werden. Da Männer und Frauen nach
unterschiedlichen Resultaten in einem Gespräch suchen, kann das oft zu Frustration und
Missverständnissen führen.

Wenn unsere Partnerin spricht, soll sie fühlen, dass sie von uns verstanden wird. Für gewöhnlich
möchte der Ehemann gleich zum Punkt kommen, ohne ein langwieriges Gespräch führen zu müssen. Er
sagt daher gerne Dinge wie: „Ich weiß schon“, „Gut, und was möchtest du damit sagen?“, oder: „Das
macht doch keinen Sinn“ usw. Dies löst bei der Frau das Empfinden aus, nicht gehört zu werden und nicht
verstanden zu werden. Das veranlasst sie oft dazu, wieder von vorne zu beginnen und aufs Neue zu
versuchen ihre Gefühle zu erklären, was dann zu einem noch längeren Gespräch führt.

Wenn also deine Ehefrau das nächste Mal spricht, hör ihr einfach zu! Wenn dein Geist abschweift
oder eine Antwort formuliert, um „zurückzuschießen“, dann lenke deine Aufmerksamkeit auf das
Zuhören. Wenn du dich zuerst bemühst, dich einzufühlen, wird Gott dich mit einem kürzeren Gespräch
belohnen und möglicherweise lernst du auch etwas von deiner Frau! Gesegnete Brüder, hört euren Frauen
mit wahrer Liebe, Geduld und Mitgefühl zu.

Der Ehemann möchte in einer Diskussion das Gefühl haben, dass seine Argumente logisch und
sinnvoll sind und er etwas zur Sache beiträgt. Also Schwestern, wenn euer Ehemann spricht, lasst ihn
Das Haus der Himmlischen Harmonie 57
seine Meinung sagen. Wenn er fertig ist, versucht einen Punkt zu finden, den ihr hilfreich findet (auch
wenn ihr nicht mit allem übereinstimmt) und sagt ihm, dass es Sinn macht und logisch ist. Wenn ihr ihm
entgegnet mit: „Sag so was nicht“, „Das ist so blöd“, oder „Immer beklagst du dich, sei doch mal ein
Mann!“, so wird dies sein Vertrauen und seine Hoffnung verletzen, einen positiven Beitrag zu einer
bedeutungsvollen gesegneten Ehe leisten zu können.

Wenn ihr also das nächste Mal diskutiert, lasst ihn wissen, dass sein Beitrag Sinn macht, dass ihr
gewisse Punkte hilfreich findet und ihr ergriffen seid von seinen Ausführungen. Wenn ihr euch in sein
Bedürfnis einfühlt, mit Lösungen einen Beitrag zu leisten, wird er sich unterstützt fühlen und seinerseits
wiederum mehr Verständnis für eure Bedürfnisse zeigen. Achtet darauf, ihm eure Bedürfnisse konkret,
prägnant und freundlich mitzuteilen. Wenn wir uns selbst und einander besser verstehen, so wird dies
Vertrauen schaffen. Und was vorhin noch Streitereien waren, kann von nun an in unterstützende und
verständnisvolle Kommunikation umgewandelt werden. Alles ist Training! Denkt daran, einander
zuzuhören.




Treue

Eines der größten Versprechen, die wir machen, wenn wir die Ehesegnung empfangen, ist
lebenslange Treue. Treue zu unserem Partner ist ein absolutes Muss. Es gibt keine Entschuldigung für
Untreue. Manche tendieren zu glauben, dass Untreue in erster Linie durch die Schwäche des „Fleisches“,
durch die Begierden unseres Körpers verursacht wird. Diese Betrachtungsweise lässt jedoch einen
entscheidenden Punkt außer Acht, nämlich den wirklichen Ausgangspunkt für Untreue: unseren Geist.
Aus der Perspektive der Vereinigungstheologie geschah der Sündenfall des Menschen zunächst als
Luzifer Eva geistig verführte, also im Bereich des Geistes. Wenn wir durch die Übung der Geist-Körper-
Einheit die Herrschaft und das Bewusstsein über unsere unterschiedlichen Geisteszustände gewinnen,
werden wir befähigt, der Versuchung Einhalt zu gebieten, bevor sie außer Kontrolle gerät.

Wir müssen den Ehebruch stoppen, sobald er in unserem Geist auftaucht. Wenn wir ihn in
unserem Geist ausschalten, kann keine Handlung erfolgen. Es gibt viele Techniken, die man anwenden
kann, wenn Versuchungen des Fleisches in unseren Geist dringen. Zum Beispiel könnte man sich im
Moment einer Verführung kneifen oder an seinen Partner denken usw.

Eine mächtige und altbewährte Übung, die Mönche anwenden, um die Anhaftung an physische
Schönheit zu schwächen, ist die Visualisierung des Skeletts und der roten, blutigen Muskulatur der
Verführerin sowie der verschiedensten Körperflüssigkeiten, die in ihrem Körper fließen wie Blut,
Speichel, Galle, Urin und Fäkalien. Sie lenken ihre Konzentration auf die physiologische
Zusammensetzung des Körpers und betrachten nicht die oberflächliche Haut, sondern die innere
Anatomie. Diese Sichtweise vermindert die verlockende sexuelle Macht.

Wenn eine Person physisch verführerisch aussah und diese Methode angewandt wurde, so
erschien die vormals weiche, verlockende Haut plötzlich als schleimig, sehnig und blutrot. Jeder Mensch
hat eine Muskulatur mit dunkelblauen Venen, die Blut pumpen, und gähnende Augenhöhlen mit
Augenbällen, Gedärme, Lungen, Nieren, Herz usw. Dies erinnert den Praktizierenden sofort daran, dass
alle Personen – ungeachtet dessen, wie „schön“ sie sein mögen – Menschen sind. Anstatt Menschen daher
nur nach ihrer äußeren Schönheit zu beurteilen oder wertzuschätzen, verstehen wir jetzt nach diesem
Training das Wesentliche, nämlich dass sie – wie wir alle – glücklich sein wollen, frei von jeglichem Leid.

Diese Übung sollte allerdings nicht zu lange praktiziert werden, damit deine Beziehung zu deinem
Partner nicht beeinträchtigt wird. Sie sollte nur angewandt werden, wenn eine Versuchung auftaucht.
Wenn du einmal die Kontrolle über deinen Geist und Körper gewonnen hast, braucht sie nicht weiter
58 Das Haus der Himmlischen Harmonie
ausgeführt zu werden. Wenn du diese Methode anwendest, gleiche sie aus, indem du deinen Ehepartner
als besonders reizvoll, anziehend und schön empfindest, sowohl physisch als auch mental und geistig.

Eine einfachere Methode ist, energisch zur Atmung zurückzukehren, wenn verführende Gedanken
in deine Geist-Körper-Einheit eindringen. Wenn ein ehebrecherischer Gedanken-Zug aufkommt, benenne
ihn und spring ab. Wende deine vollständige Aufmerksamkeit der Atmung zu und atme all die verbrauchte
Luft aus. Spüre die Beschaffenheit des Atems, seine Temperatur und wie er über deine Lippen und in
deine Nasenlöcher fließt. Bleibe konzentriert bei deinem Atem während seiner gesamten Dauer. Wirst du
wieder von einem Gedanken-Zug mitgerissen, dann kehre zur Praxis der tiefen Atmung zurück. Fahre fort
mit diesem Prozess bis Stabilität und Geist-Körper-Einheit wiedererlangt sind.

Sollte es zu schwierig sein, stabil zu bleiben, dann greife auf die Tatsache zurück, dass eine Person
– egal wie schön oder verlockend sie zu sein scheint (sie könnte ein Supermodel sein, sehr aufreizend
gekleidet und bestückt mit Diamanten und Perlen) – überall, wohin sie auch geht, ungefähr ein Kilo Kot
mit sich trägt! Egal wie attraktiv ein Mensch körperlich sein mag, es gibt diesen widerlichen Geruch und
ekelhafte Konsistenz der Fäkalien, die sich durch dessen Gedärme wühlen und die er ständig mit sich
herumschleppt! Vielleicht ist es unangenehm, das zu hören, aber wenn man darüber nachdenkt, sind alle
Menschen so. Diese Übung sollte dir erlauben, deine Konzentration wieder auf die Atmung und das
Geschenk des Lebens zu lenken und dich von den Verführungen des Geistes fernzuhalten.




Nicht-reaktives einfühlsames Zuhören

Nun kommen wir zum Thema des nicht-reaktiven einfühlsamen Zuhörens. Diese Übung soll uns
helfen auf eine neue Ebene in unserem Verständnis von unserem Ehepartner und unserer geistigen
Beziehung zu ihm zu kommen. Wie oft hören wir unserem Partner wirklich zu? Meistens sind wir
abwesend und mit mentalen Selbstgesprächen beschäftigt, während unser Partner uns etwas sagt oder
seine Gefühle mit uns teilt. Sobald unser Partner seine Frustration zum Ausdruck bringt, bäumt sich in
uns der „Verteidigungs-Geist“ auf. Dann erscheint der „richtende Geist“. Er arbeitet mit dem
„selbstgerechten Geist“ zusammen, um irgendetwas zu finden, das uns an unserem Partner missfällt,
damit wir zurückschlagen können usw.

In der Regel sind uns diese Abläufe und Verteidigungsmechanismen nicht bewusst. Wir reagieren
automatisch, was oft dazu führt, dass wir etwas sagen, was wir im Nachhinein bereuen. Auf diese Weise
schaffen wir Wunden in unserer Beziehung und obwohl wir uns vielleicht entschuldigen, bleibt die
Verletzung. Daher müssen wir in unserer Geist-Körper-Einheit stets wachsam bleiben, insbesondere wenn
wir mit unserem Ehepartner zusammen sind.

Beim Training haben wir gesehen, dass wir gespalten sind und leicht abgelenkt werden. Wir haben
erkannt, dass uns der Teufel Gedanken-Züge schickt, um uns zu verwirren und uns von unserer inneren
Einheit wegzubringen. Auf der partnerschaftlichen Ebene geschieht dasselbe. Wenn wir uns der
Gedanken-Züge nicht bewusst sind, werden wir sehr bald an einem üblen Ort landen. In der Dynamik
einer lebendigen Beziehung braucht es erhöhte Wachsamkeit und Konzentration, um Gedanken-Züge zu
erkennen. Denn sie kommen sehr schnell und reißen uns mit, besonders wenn wir uns in intensiven
Situationen befinden.

Wenn wir uns durch unseren Ehepartner gerichtet fühlen, tauchen alle Arten von Gedanken-Zügen
auf. Sie werden uns absichtlich geschickt, um uns dazu zu bringen, die Kontrolle zu verlieren und zur
Zerstörung unserer heiligen Ehe beizutragen. Wir müssen daher wachsam sein. Wir werden nun,
gemeinsam mit unserem Partner, eine Übung des nicht-reaktiven einfühlsamen Zuhörens durchführen.

Das Haus der Himmlischen Harmonie 59


Die Übung des nicht-reaktiven, einfühlsamen Zuhörens

1. Frustration mitteilen – Jeder bekommt ein Stück Papier und beide Ehepartner sollen drei
ehrliche Punkte aufschreiben, die er oder sie am anderen frustrierend findet. Die Sätze sollen
jeweils mit „Ich“ beginnen. (Meine Schwester gab mir diese Idee und der Grund dafür liegt
darin, dass wir zu oft die Sätze mit „Du“ beginnen – „Du hast dies getan“, „Du hast das getan“,
oder „Es ist deine Schuld“, etc. Wenn du jedoch einen Satz mit „Ich“ beginnst, musst du kurz
innehalten und warten, um hinter dem zu stehen, was du gerade sagst. Du musst dann
begründen, wie du zu dieser Aussage stehst, anstatt einfach nur eine Anklage zu äußern und
selbst völlig unschuldig zu scheinen. Ich denke, man sollte diese Praxis der „Ich“-Botschaften
auch in verbalen Diskussionen mit seinem Partner anwenden.)
Sei spezifisch. Beginne deine Sätze zum Beispiel mit “Ich war verletzt, als du…”, „Ich war
wütend, als du…“, oder „Ich mochte es wirklich nicht, als du…“ Achte während des
Schreibens auf deine Atmung und die verschiedenen Gedanken-Züge der Erwartung, der
Nervosität usw. Denke nicht daran, was der andere wohl schreibt, sondern bleibe ehrlich und
konzentriert, um deine drei Frustrationen klar mitzuteilen.
Indem du deinen Ehepartner bittest aufzuschreiben, was er oder sie frustrierend an dir findet,
wirst du von deinem Partner hören, was ihm wirklich Sorgen bereitet, ohne gleich die Stimme
zu erheben oder einen schockierten Gesichtsausdruck zu machen.

2. Stärken mitteilen – Nun fahren wir fort, indem wir drei Dinge aufschreiben, die wir an
unserem Ehepartner zutiefst bewundern, wertschätzen und loben. Wieder beginnen wir mit
„ich“ und geben es still dem anderen zum Lesen. Sei spezifisch und beginne die Sätze zum
Beispiel so: „Ich liebe es, wenn du…“, „Ich fühle mich geliebt, wenn du…“ oder „Ich bin
gerührt, wenn du…“

3. Einfühlsames Lesen – Geht nun an getrennte Orte und lest, was euer Ehepartner in Stille
geschrieben hat. Versuche beim Lesen deinen Körper komplett still zu halten. Während du in
Ruhe liest, werden deine Gedanken rasen. Defensive Gedanken-Züge, richtende Gedanken-
Züge, wütende Gedanken-Züge oder nachtragende Gedanken-Züge könnten geschickt werden,
um dich zu beherrschen. Nimm sie zur Kenntnis und lass sie vorbeifahren. Sei nicht reaktiv,
sondern sei einfühlsam und verständnisvoll. Nimm die verschiedenen Gedanken-Züge wahr,
die beim Lesen auftauchen: Ego-Gedanken-Züge, genusssüchtige Gedanken-Züge,
geltungssüchtige Gedanken-Züge usw.
Beachte, dass du dein Ego verteidigst, wenn etwas Negatives gesagt wurde und registriere wie
entzückt dein Ego ist, wenn etwas Positives erwähnt wurde, von dem es vielleicht noch mehr
haben will. Das liefert uns eine wichtige Erkenntnis über unser Ego: Es lehnt Unangenehmes
instinktiv ab und gibt sich seinem Begehren hin. Wenn uns diese Tendenz so offen vor Augen
geführt wird, können wir die Befriedigung eindämmen, die das Ego von solchen Dingen
erfährt. Dadurch werden wir besinnlicher und unsere selbstsüchtigen Tendenzen bewusst
erkennen, diese Neigungen ändern, selbstloser werden und anderen aufrichtiger dienen.

4. Öffne dich für die Mitteilung deines Ehepartners – Es liegt an dir, eine Atmosphäre der
Ehrlichkeit zu schaffen, in der sich dein Partner wohl fühlen kann, wenn er sich mitteilt.
Bedenke, dass dies die religiöse Übung ist, die euch helfen einige Enttäuschungen tiefer zu
verstehen, die bislang nicht angesprochen wurden. Möglicherweise wirst du dich sehr unwohl
fühlen, unruhig sein oder beginnst ungläubig die Stirn zu runzeln usw. Registriere solche
physischen Anzeichen in deinem Geist. (Wenn du einige von ihnen identifizierst, werden sie
dir helfen, wachsam zu sein, wenn in Zukunft Emotionen des Unbehagens und der Abwehr
aufkommen.) Beachte, dass dies Reaktionen auf dein Gefühl sind, kritisiert zu werden. Sie
sind auch Teil deiner Verteidigung.
60 Das Haus der Himmlischen Harmonie

5. Unvollkommenheit zugeben – Achte auf die mentalen Gedanken-Züge und die physischen
Reaktionen und versuche einfühlsam und konzentriert auf das zu hören, was dein Partner dir
mitteilt. Gesteh dir selbst ganz nüchtern ein, dass du zumindest hin und wieder dazu neigst,
dich in einer Weise zu verhalten, die deinen Partner verärgert. Das ist ein guter erster Schritt!
Denk daran: Ein guter Zuhörer versteht die Frustration des Gegenübers als reales Gefühl, auch
im Falle dass er selbst unschuldig sein sollte.

6. Gebet der Dankbarkeit – Nachdem beide Ehepartner zu gemeinsamer Reflexion und
tieferem Verständnis der Ehe beigetragen haben, sollten sie das Gespräch mit einem
Dankgebet beenden (auf übliche Weise, im eigenen Namen).

7. Moment der Stille und Meditation – Nehmt euch Zeit, tief und ruhig zu atmen, habt Frieden
in Geist und Körper und spürt die Freude darüber, dass ihr das Verständnis über euren Partner
vertiefen konntet.

Nun beginnen wir einzusehen, wie oft wir in unserer Beziehung von Wut überwältigt werden.
Wenn wir kritisiert werden, können wir es nicht akzeptieren, und wenn wir gelobt werden, werden wir
nach Anerkennung süchtig und möchten nichts anderes mehr hören. Das ist das Problem.

In der individuellen Geist-Körper-Einheit mussten wir unsere Krankheiten ansprechen und
überwinden. Es ist nicht anders auf der partnerschaftlichen Ebene. Wir müssen einsehen, dass unser
Partner uns hilft, Schwächen zu identifizieren, wenn er/sie Frustration über bestimmte Dinge, die wir tun,
ausdrückt. Selbstverständlich kann es auch sein, dass jemand ganz versessen darauf ist, Fehler im anderen
zu finden. Das ist mit Sicherheit nicht gesund für eine Beziehung. Deswegen behandeln wir in einer
Übung jeweils nur drei Frustrationen und drei lobenswerte Dinge. Das bewahrt uns davor, dass die Liste
erdrückend wirkt und Veränderungen unrealistisch werden.

Zu wissen, an welchen drei Dingen du zu arbeiten hast und in welchen drei Dingen du gut bist,
wird dir helfen, auf deine Schwächen zu achten und deine Stärken zu fördern. Lasst euch nicht darauf ein,
in jedem freien Augenblick Fehler im anderen zu suchen. Reserviert euch vielmehr eine gemeinsam
geplante Zeit, um diese Übung zusammen durchzuführen. Nehmt euch zwanzig Minuten pro Woche Zeit,
um einander mitzuteilen, was während der Woche frustrierend und was wunderbar war. Das dürfte
ausreichen, damit die Saat für echte Ehrlichkeit und gegenseitiges Verständnis aufgehen kann. Die Übung
des nicht-reaktiven, einfühlsamen Zuhörens wird mit der Zeit Verhaltensmuster offenbaren, die für die
Gesundheit eurer Ehe entweder schädlich oder aber heilsam sind. Sie wird euch befähigen, eure
schlechten Gewohnheiten zu ändern und die guten Gewohnheiten zu stärken. Damit kann eure Ehe zu
einer mächtigen und gegenseitig bereichernden Einheit werden.

Nun nimm dir Zeit, einige Gedanken niederzuschreiben, was du über dich selbst und deinen
Ehepartner gelernt hast!












Das Haus der Himmlischen Harmonie 61


EINHEIT MIT UNSEREN KINDERN

Was man als Erstes verstehen muss, ist, dass der Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen
mindestens ein halber Meter ist. Wenn wir Kinder erziehen, sind wir gefordert, selbst zu wachsen: Wir
müssen vergebungsvoller sein, wir müssen geduldiger sein, wir müssen bedingungslos lieben, wir müssen
Zorn und Ressentiment meistern (ja, tatsächlich gibt es viele Eltern, die ihren Kindern böse sind, dass sie
ihnen ihre „Freiheit“ oder ihr „soziales Leben“ wegnehmen) usw.

Da Kinder so viel kleiner und scheinbar unterentwickelt sind, tendieren wir oft dazu, sie zu
behandeln, als wüssten sie nichts. Sicherlich gibt es einige Bereiche des Gehirns, wie z.B. den
Präfrontalen Cortex, der für Langzeit-Entscheidungen zuständig und bis zum 25. Lebensjahr nicht voll
entwickelt ist. Andererseits gibt es auch Hirnareale, die beim Kind genauso entwickelt sind wie beim
Erwachsenen, wie z.B. der Bereich, der für das Empfinden von Emotionen zuständig ist – das sogenannte
„affektive Hirn“.

Kinder können uns lehren, den „kleinen Dingen“ des Lebens gegenüber achtsam zu sein. Ich
erhalte viel Inspiration, wenn ich beobachte, wie meine Kinder jeden neuen Tag mit jungem und frischem
Elan begrüßen. Wenn wir gemeinsam mit dem Hund spazieren gehen, erinnern sie mich an die Reinheit
der Jugend und die natürliche Liebe zur Natur und zu den Geschöpfen. Ihr Humor und ihre Verspieltheit
in der Art, wie sie sich Dinge vorstellen oder einen einfachen Satz sagen – das alles zeigt mir, wie
ungemein lebendig und präsent sie in jedem Moment sind.

Kinder zu erziehen ist natürlich auch eine Herausforderung. Ich erinnere mich, als einer unserer
Jungs die anderen mit Namen wie „Waschlappen“ oder „Angsthase“ beschimpfte. Und als er einmal mit
seinen Hausaufgaben frustriert war, kam es sogar so weit, dass er seine Mutter mit solchen Ausdrücken
beschimpfte. Am Anfang stellte sie Regeln auf: Er durfte andere nicht „Waschlappen“ oder
„Angsthase“ nennen. Aber er wurde sehr kreativ und einfallsreich und produzierte andere Namen, die
nicht auf der Liste standen. Sie erkannte, dass die Regeln nicht funktionierten.

Wir sprachen miteinander über diese Herausforderung. Ich schlug vor, dass wir, anstatt eine Liste
von Regeln und Vorschriften zu erstellen, das lehren, was die überlieferten Traditionen als Tugenden
bezeichneten. Regeln sind nämlich viel zu spezifisch. Wenn wir Regeln aufstellen wie „Sag nicht alte
Oma zur Mama“, wird das Kind andere Namen erfinden und wir müssen entsprechend mit anderen
Regeln entgegenwirken. Damit würden wir erstens die Wirksamkeit von Regeln aushöhlen und zweitens
das Kind anregen, andere Namen zu finden, die nicht auf der Liste stehen. Ich schlug daher vor,
stattdessen Tugenden zu lehren.

Ich erklärte, warum mir die Kunst der Teezeremonie (!", Cha Do, sino-korean.: Weg des Tees
oder Teeweg) besonders gefällt. Sie lehrt ihre Schüler vier Tugenden: Harmonie, Respekt, Reinheit und
innerer Frieden. Man sagt, durch das Anbieten einer Schale Tee schaffe man eine Zeit der Harmonie
zwischen Gast und Gastgeber. Aus dieser Harmonie und einem natürlichen Gefühl der Dankbarkeit
entsteht gegenseitiger Respekt. Während man an der Teezeremonie teilnimmt, muss die Reinheit der
Teeutensilien, des Geistes und der Absicht beachtet werden. Wenn diese drei Tugenden verwirklicht sind,
wird sich die vierte Tugend, die friedliche Stille, ganz natürlich niederlassen.

Der Cha Do versucht seinen Schülern die Tugenden von Harmonie, Respekt, Reinheit in Geist und
Körper und den inneren Frieden zwischen sich selbst und anderen zu lehren. Diese Tugenden sollen dann
alle Aspekte des Lebens formen. Obwohl die Teezeremonie selbst sehr strukturiert und ritualisiert ist, sind
ihre Tugenden in vielen anderen Lebensbereichen, die nicht unbedingt etwas mit Tee zu tun haben müssen,
anwendbar.

62 Das Haus der Himmlischen Harmonie
Dementsprechend beschlossen wir uns auf zwei Tugenden zu konzentrieren: „Respektiere dich
selbst und andere“, und: „Vergib, vergiss und gehe weiter.“ Glücklicherweise halfen diese Tugenden
enorm. Als die Kinder wieder versuchten sich neue Namen oder Beleidigungen auszudenken, sagten wir
nur: „Respektiert andere.“ Als sie sich beklagten, dass ihnen jemand Unrecht getan hatte, erklärten wir:
„Vergib, vergiss und geh weiter.“ Diese Tugenden sind groß und breit genug, dass sie in vielen
verschiedenen Situationen Anwendung finden können. Zudem sind sie flexibel und können in
verschiedenen Gegebenheiten adaptiert werden.

Anstatt durch Regeln und Vorschriften eingeschränkt zu werden, lernten unsere Kinder diese zwei
Tugenden in einer Vielzahl Situationen anzuwenden. Wenn eines der Kinder wegen der Hausaufgaben
frustriert ist und sagt: „Ich schaffe es nicht“, oder „Ich bin einfach nicht gut genug“, dann erwidern wir:
„Respektiere dich selbst. Du kannst es schaffen.“ Sich auf diese Tugenden zu konzentrieren, fanden wir
als Eltern sehr hilfreich, effektiv und bereichernd – sogar für uns selbst.

Ich erinnere mich an einen anderen Fall, als unser Sohn mit uns zu Hause blieb, während alle seine
Geschwister einen Freund besuchten. Er war auch eingeladen und wir baten ihn doch mitzuspielen, doch
er wollte unbedingt bei uns bleiben. Sobald seine Geschwister gegangen waren, fing er an zu weinen und
sagte, dass sie Spiele spielen und Spaß haben würden. Dann erzählte er von einem Erlebnis, das er vor
einem Jahr bei diesem Freund hatte. Man hatte ihm damals nicht erlaubt, Videospiele zu spielen. Wir
erkannten, dass es in diesem Moment nicht hilfreich gewesen wäre, ihm verärgert mitzuteilen, dass dies
alles passiert sei aufgrund seiner Unfähigkeit, vernünftige Entscheidungen zu treffen, und dass seine
Klagen unlogisch seien.

Wir versuchten, mitfühlend zu bleiben. Denn genauso wie Erwachsene können auch Kinder
intensiven emotionalen Stress und Schmerz erleben. Es kann sein, dass zwei Personen dieselbe Erfahrung
machen, aber der eine bricht zusammen und verfällt in chronische Depression, während der andere mit
erneuter Entschlossenheit weitergeht. Da wir erkannten, dass er in starken inneren Nöten war, versuchten
wir einfühlsam zuzuhören und die Tugenden zu wiederholen.

Wir erklärten ihm, dass es wichtig sei, dem Freund zu vergeben und zu vergessen, dass der Freund
ihn vor einem Jahr sein Videospiel nicht spielen ließ. Wir sagten ihm, dass er „vergeben, vergessen und
weitergehen“ müsse. Als er versuchte einen anderen Weg zu finden, seine Klage auszudrücken,
antworteten wir einfach: „Vergib, vergiss und geh weiter.“ Diese Tugend ist umfassend genug, die
unterschiedlichsten Klagen über das Fehlverhalten anderer zu handhaben.

Es gab also große Herausforderungen für uns als Eltern und für unsere Kinder. Wir alle haben die
Kraft dieser einfachen Tugenden erfahren. Als Eltern konnten wir darüber reflektieren, was wir in unsere
Kinder auf ihrem Weg zur Reife und zum Erwachsenwerden einpflanzen möchten. An welche Werte
werden sie sich als Erwachsene erinnern? Mit Sicherheit sind die Tugenden „Respektiere dich selbst und
andere“ sowie „Vergib, vergiss und geh weiter“ auch für Erwachsene von hoher Bedeutung, um im Leben
erfolgreich zu sein.

Ich gebe zu, dass diese Beispiele vielen Eltern, die weit schwierigere und komplexere Probleme
mit ihren Kindern haben, bestenfalls dürftig erscheinen. Ich erinnere mich an eine Mutter, die mir sagte,
dass viele meiner „Ideen“, wie geduldig zu bleiben oder keinen Ärger aufkommen zu lassen, ganz nett
wären, doch müsste ich die schwierigeren Aspekte der Erziehung noch erleben. Sie fragte mich: „Welche
Wahl habe ich, wenn meine Tochter um ein Uhr morgens zurückkommt, mir ins Gesicht lügt, wo sie
gewesen ist, und nichts mit mir zu tun haben möchte?“

Ich sagte ihr: „Ich glaube nicht, dass du so machtlos bist, wie du vielleicht denkst!“ In dem von ihr
erwähnten Vorfall traf sie die Wahl, zornig zu werden – bis zu dem Punkt, dass sie ihre Tochter im
College-Alter schlagen wollte. Sie meinte, dass ihre Tochter ihr auf der Nase herumtanzen würde, wenn
sie einfach nur nett und freundlich blieb. Ich fragte sie: „Warum glaubst du, dass du nur zwei
Das Haus der Himmlischen Harmonie 63
Möglichkeiten hast – zornig oder nett zu sein?“

Ich fuhr fort: „Du bist ein individueller Ausdruck der Wahrheit mit unendlicher Kreativität,
unbegrenzter, innovativer Fähigkeit und grenzenloser Freiheit. Zwischen den beiden Extremen, die du zur
Auswahl siehst, gibt es eine unendliche Anzahl von ausgewogenen Reaktionen und du hast die Freiheit zu
entscheiden. Ich gebe dir Recht, dass übermäßiger Zorn die Beziehung zur Tochter verletzt. Ich glaube
aber auch, dass übermäßige Nachgiebigkeit der Beziehung ebenfalls schadet, da du deiner Tochter nicht
vermittelst, dass ihre Handlungen nicht nur Auswirkungen auf sie selbst, sondern auch auf andere haben.

Die Macht und die Freiheit, um die angemessene Erwiderung zu finden, geben dir Raum, deine
Erfindungsgabe und deine Kreativität einzubringen. Entwickle die Fähigkeit, die richtige Balance
zwischen den beiden Extremen zu finden. Du hast einen freien Willen, genau wie deine Tochter im
College-Alter. Kinder zu erziehen ist schwierig, doch häufig sind wir nicht so machtlos, wie wir meinen.

Wenn wir uns ohnmächtig fühlen und glauben, wir haben keine Wahl, dann werden wir äußeren
Umständen oder in diesem Fall unserem Kind die Schuld für unseren Frust und unsere Ohnmacht geben.
Sobald wir die Unbegrenztheit unserer Wahlmöglichkeiten und unsere unendliche Freiheit erkennen,
müssen wir uns der Tatsache stellen, dass wir unsere innovativen, kreativen Kräfte noch nicht eingesetzt
haben. In jeder Lebenssituation gibt es eine Wahl und eine Chance.

Du hast die Fähigkeit und nun erfordert es ein wenig Geschicklichkeit, die angemessene
Erwiderung zu wählen. Hier kommt die Verantwortung ins Spiel. Sobald du erkennst, dass du unendliche
Freiheit hast und dass du entscheidest, in einer bestimmten Weise zu agieren oder zu reagieren, bist du
verantwortlich. Vielleicht mag das zunächst beängstigend klingen, denn diese Erkenntnis erlaubt uns nicht
für unsere Umstände und Frustrationen einen Sündenbock zu finden. Vielmehr richtet sie die
Verantwortung auf uns selbst. Wir werden uns dessen bewusst, dass wir frei sind – frei zu wählen, frei zu
handeln, frei unsere unendliche Kreativität und unsere unbegrenzten, innovativen Fähigkeiten zu nutzen.“

Ich schlug ihr vor, zumindest zwei Dinge mit ihrer Tochter zu versuchen: Erstens, ein
Familientreffen zu arrangieren, wo einmal pro Woche die gesamte Familie miteinander Zeit verbringt, sei
es bei einem Abendessen oder zu einer anderen Stunde. Zweitens soll sie sich mindestens einmal im
Monat mit dieser Tochter treffen, und zwar ohne ihre Geschwister. Als ich das vorschlug, entgegnete die
Mutter sofort, dass es unmöglich wäre, so etwas zu organisieren und dass ihre Tochter nichts mit ihr zu
tun haben möchte. Ich sagte ihr, wenn sie ihre eigenen Gefühle erforschte, könnte es möglicherweise
genau umgekehrt sein.

Solange sie eine Chef-Angestellten-Beziehung zu ihrer Tochter möchte, würde es nicht einfach
sein. Wenn die Mutter sagt: „Tu dies“, dann tut sie es. Und wenn die Mutter sagt: „Tu das“, dann tut sie
das. Ich fragte sie, was sie in ihrer Beziehung zu ihrer Tochter wirklich will. Nach einer kurzen Pause
antwortete sie, dass sie sich inneren Frieden wünscht. Daraufhin erklärte ich ihr, dass sie, wenn sie sich
Frieden wünscht, diesen nicht nur für sich selbst haben könne. Sie müsse aktiv eine Umgebung schaffen,
in der ihre Tochter diesen inneren Frieden ebenso finden kann. „Und wie ihr wollt, dass euch die Leute
tun sollen, so tut ihnen auch.“ (Lk 6,31, Mt 7,12)

Ich erinnerte sie daran, dass sie am Leben ist, dass ihre Tochter am Leben ist, dass beide gesund
sind, dass beide unendlich kreativ, innovativ und frei sind und dass nichts unmöglich ist, wenn sie
gemeinsam daran arbeiteten, diesen inneren Frieden füreinander zu schaffen. Sie bräuchten nur ein wenig
gemeinsame Zeit zu organisieren. Die besagte Mutter meinte, sie wolle es versuchen. Ich erklärte ihr, sie
solle es nicht nur versuchen, sondern aktiv darauf hinarbeiten. Denn um Beziehungen erfolgreich zu
gestalten, reicht es nicht aus, nur zu versuchen. Es erfordert einen Prozess, die Beziehung zu entwickeln
und sie zu dem zu machen, was sich beide wünschen. Du bist diejenige, die die Macht besitzt, um die
unendliche Freiheit, Kreativität und Genialität in dir und in anderen zu erkennen. Nur du kannst dafür
sorgen, dass es klappt!
64 Das Haus der Himmlischen Harmonie

Wie viele Menschen sind blockiert, weil sie nicht an ihr eigenes Potential glauben oder ihr Leben
lang andere für ihre Misere verantwortlich machen? Wir erkannten, dass die Tugenden, die wir unsere
Kindern lehrten, wichtige Werte sein würden – nicht nur für die Zeit ihrer Kindheit, sondern auch für den
Rest ihres Lebens. Diese Tugenden sind kraftvoll, da sie in so vielen Situationen angewendet werden
können. Zusätzlich bieten sie den Kindern einen einfachen Spruch, den sie für sich selbst wiederholen
oder sogar ihren Freunden weitersagen können. (Wenn ein Freund beginnt andere zu beschuldigen,
können sie ihm freundlich empfehlen: „Komm schon! Vergib, vergiss und geh weiter.“)

Setze dich einmal zur Übung mit deinem Partner hin. Überlegt gemeinsam Tugenden, die euren
Kindern helfen, verschiedenste Umstände, die im Leben so auftauchen können, zu bewältigen. Versucht
dabei auf lange Sicht zu denken. Welche Art von Menschen sollen sie einmal werden? Beispiele für
solche Tugenden sind Integrität (ehrlich zu sich selbst und anderen zu sein); andere so zu behandeln, wie
man selbst gerne behandelt werden möchte; oder ein ausgeglichenes Leben zu führen usw. Versucht
möglichst praktisch zu bleiben, aber seid euch dessen bewusst, dass solche Tugenden oft die Grundlage
aller großen religiösen Traditionen darstellen. Und wenn wir diese Fundamente nicht aufgreifen, werden
wir bestimmt keine Fortschritte machen.

Nimm dir jetzt ein wenig Zeit, um mit deinem Ehepartner die Tugenden und Werte zu besprechen,
die ihr euren Kindern vermitteln möchtet, aber auch Tugenden, die ihr selbst lernen und anwenden wollt.
Lehrt also eure Kinder Tugenden und praktiziert sie selbst. Zusätzlich gibt es noch drei einfache, aber
transformierende Übungen, die ihr mit euren Kindern machen könnt – unabhängig von ihrem Alter.

1. Etabliert eine regelmäßige Familientradition mit euren Kindern. Das kann z.B. ein
wöchentliches Treffen sein, wo man Zeit miteinander verbringt und Spiele spielt; oder ein
jährliches Wiedersehenstreffen im Sommer, falls die Familienmitglieder weit voneinander entfernt
leben. Als ich mit meinen Geschwistern aufwuchs, war es das gemeinsame Kyung-Bae (kor.:
Verbeugung der Ehrerbietung) am Sonntagmorgen, gefolgt von Süßigkeiten und Knabbereien.
Heute mache ich dasselbe mit meiner Familie.

2. Esst mindestens eine Mahlzeit am Tag gemeinsam als Familie, insbesondere wenn eure Kinder
noch mit euch leben. Falls nicht, ruft sie wöchentlich mehrmals an – einfach so, ohne dass es
einen besonderen Anlass braucht.

3. Vereinbart Termine mit jedem einzelnen eurer Kinder und bemüht euch darum, für jedes Kind
wertvolle Erinnerungen zu schaffen. (Man sagt, dass Kinder sich mit großer Vorliebe an Zeiten
erinnern, die sie alleine mit ihren Eltern verbringen durften und in denen sie volle Aufmerksamkeit
erhielten – also nicht in der Gegenwart von anderen Geschwistern oder Bekannten.)

Bedenkt, dass diese Dinge im Sinne der Geist-Körper Einheit authentische und ernsthafte religiöse,
unifikationistische Praktiken sind! Erweitert die Definition von spirituellem Training und trainiert fleißig!




Individuelle Aufmerksamkeit

Wir können unsere Kinder mit Geschenken überschütten und dabei glauben, dass wir ihnen
individuelle Aufmerksamkeit schenken. Doch oft zögern wir, ihnen das größte aller Geschenke zu geben:
die persönliche Verbindung zu uns und unserem Leben. Vielleicht gehen wir mit ihnen einkaufen oder
besorgen ihnen schöne Sachen. Was sie sich jedoch wirklich wünschen ist, dass wir ihnen Zeit schenken,
um mit ihnen über Dinge zu sprechen, die sie beschäftigen, oder um ihnen unsere Lebensgeschichte zu
erzählen. Vielleicht sehnen sie sich nach unserer Führung und unserem Ratschlag, doch befürchten wir,
Das Haus der Himmlischen Harmonie 65
dass unsere Antworten und Lösungen nicht gut genug sind. Um unsere Unsicherheit zu verbergen,
vermeiden wir vielleicht tiefere Gespräche oder halten ihnen Ansprachen, dass sie nicht dankbar wären,
oder jagen ihnen wegen Oberflächlichkeiten hinterher.

Etwas, das Kinder verzweifelt brauchen, ist individuelle Aufmerksamkeit. Sie müssen wissen, dass
jeder von ihnen eine einzigartige individuelle Verkörperung der Wahrheit ist und dass ihre Eltern sie
wegen ihrer Einzigartigkeit lieben. Als Eltern sehen wir natürlich jedes Kind als einzigartig und wertvoll,
aber oft fühlen das die Kinder nicht ausreichend.

Eine der Familientraditionen, die meine Frau und ich mit unseren Kindern anwenden, ist es
regelmäßig Verabredungen mit jedem einzelnen Kind zu treffen. So haben wir zum Beispiel am ersten
Samstag jeden Monats zum Mittagessen ein Treffen mit unserem ersten Sohn, am nächsten Samstag mit
unserem zweiten Sohn usw. Bei diesen Verabredungen unternehmen wir eine Aktivität, die wir zuvor
gemeinsam geplant haben. Zum Beispiel gingen wir mit unserem ersten Sohn zu „Taco Bell“, wo es seine
Lieblings-Kartoffel-Wedges gibt. Beim Termin mit unserem zweiten Sohn kauften wir ihm sein
dreifarbiges Lieblings-Eis-am-Stiel und gingen dann zum Burger King.

Wir planen voraus und vereinbaren für jeden Samstag eine Verabredung mit einem unserer Kinder.
Wir zeigen ihnen auf dem Kalender, an welchem Tag ihr Termin ist, und dann planen wir mit jedem
Einzelnen, was wir tun werden. Wir bleiben dabei flexibel und verständnisvoll, denn möglicherweise
möchten sie an „ihrem“ Tag etwas anderes tun. Es ist ihnen überlassen. Das Kind bestimmt den Ablauf an
seinem Tag. Wir besprechen, was wir tun könnten und treffen dann eine letztendliche Entscheidung. (Als
Eltern versuchen wir so entgegenkommend wie möglich zu sein, allerdings ohne ihnen dabei negative
Tugenden zu vermitteln.)

Diese gemeinsame Zeit schafft Raum für eine innige Bindung und Geborgenheit. Für gewöhnlich
steht das Kind mit seinen Geschwistern im Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Es mag sogar kreativ
werden und „böse“ Dinge anstellen, bloß um negative Aufmerksamkeit – auch eine Form von Beachtung
– zu erhalten. Daher fühlt sich das Kind durch die persönliche Zeit, die es alleine mit den Eltern verbringt,
besonders und wertgeschätzt.

Wir als Eltern haben die strikte Regel, während unserer Verabredung die anderen Geschwister
nicht zu erwähnen oder sie miteinander zu vergleichen. Die Zeit ist nur dem einen Kind gewidmet. Wir
sind bemüht, unserem Sohn oder unserer Tochter unsere ganze Liebe zu schenken und ihm oder ihr eine
positive, wertvolle Erfahrung zu ermöglichen. Wir glauben, dass dies eine gute Investition in eine
gesunde und vertrauensvolle Beziehung ist.

Für Eltern ist eine Sache ganz wichtig: Wenn ihr euren Kindern ein Versprechen gebt, müsst ihr es
einhalten! Es gibt nichts, das Vertrauen mehr zersetzt, als ständig Versprechungen zu machen und sie
dann nicht einzuhalten. Eure Kinder werden mit der Zeit allem misstrauen, was ihr sagt. Zudem werden
sie in ihrer Fähigkeit, selbst Versprechungen zu machen und zu halten, geschädigt. Wenn ihr euch nicht
sicher seid, ob ihr etwas tun könnt, dann versprecht es nicht. Seid ehrlich und erklärt euren Kindern, dass
ihr nicht sicher seid und euer Bestes versuchen werdet.

Wenn ihr ein Versprechen macht, dann sorgt dafür, dass es auch eingehalten wird. Vertrauen ist
eine Tugend, die verdient werden muss und nicht einfach geschenkt werden kann. Versprechen zu machen
ist gut, denn es hilft den Kindern zu verstehen, dass ihre Angehörigen sie lieben, sie durch das Leben
begleiten und ihnen Kraft und Unterstützung geben. Versprechen zu halten ist jedoch noch viel wichtiger,
denn Vertrauen kann nur gewonnen werden, indem man sich Vertrauen verdient. Wenn du daher ein
Versprechen machst, dann sei aufrichtig und halte es auch.

Wenn du einmal ein Versprechen aufgrund unvorhergesehener Umstände absolut nicht erfüllen
kannst, ist es unbedingt erforderlich es auszugleichen und wiedergutzumachen. Es mag zwei, drei oder
66 Das Haus der Himmlischen Harmonie
sogar zehn eingehaltene Versprechen brauchen, um den Schaden eines gebrochenen Versprechens
wiederherzustellen. Du kannst das mit dem Bauen einer Ziegelmauer vergleichen. Jedes eingehaltene
Versprechen ist das Hinzufügen eines Ziegelsteins zu dieser soliden Mauer des Vertrauens. Jedes
gebrochene Versprechen hingegen bedeutet einen Ziegelstein zu entfernen und zwar nicht von oben,
sondern von unten. Daher müssen möglicherweise mehrere Ziegelsteine ersetzt werden, um die Mauer
des Vertrauens wieder in Ordnung zu bringen.

Auch wenn dieser Vergleich nicht perfekt sein mag, so zeigt er doch, dass Schweiß und
Anstrengung investiert werden müssen, um Vertrauen aufzubauen. Beziehungen sind ein Prozess und die
Situation kann sich durch bewusstes Engagement zum Besseren entwickeln oder durch Vernachlässigung
zum Schlechteren. Geht daher bewusst und achtsam mit den Mauern eures „Hauses des Vertrauens“ um,
das ihr mit euren Kindern errichtet. Es lohnt sich. Eure Kinder werden dieses hart erarbeitete Vertrauen in
Ehren halten und sie werden lernen, die Versprechen einzuhalten, die sie euch und ihren eigenen Kindern
künftig geben werden.




Jedes Kind ist ein Schatz

Meine Frau macht für jedes unserer Kinder ein wunderschönes Tagebuch. Jedes Kind hat sein
Tagebuch, in das wir als Eltern hineinschreiben, wenn wir inspiriert sind oder ein unvergessliches
Erlebnis mit einem Kind haben. Meine Frau malt dann ein schönes Bild, das die Essenz des Gefühls und
des Erlebten festhält.

Wann immer die Kinder ihrer Mama eine Blume bringen, klebt sie diese kunstvoll in das
Tagebuch und schreibt einige Gedanken und das Datum dazu. Wenn eines der Kinder ihr einen schönen
Stein mitbringt, den es draußen gefunden hat, schreibt sie das Datum auf den Stein und von wem er ist.
Wir möchten jedem der Kinder sein Tagebuch schenken, wenn es älter ist und vielleicht selbst Kinder hat.
Unsere Absicht mit dieser Methode – und ich zähle sie mit Sicherheit zu den spirituell-religiösen
Praktiken – ist es zu zeigen, dass wir uns um jedes der Kinder sorgen und jedes einzelne Kind zutiefst
lieben. Auf dem Weg, auf dem wir sie begleitet haben, gab es unvergessliche und einzigartige Erlebnisse,
die uns größte Freude bereiteten und uns dankbar dafür machten, dass wir sie in unserem Leben haben
dürfen.

Es passiert so oft, dass Kinder vernachlässigt werden und sich ungeliebt fühlen. Obwohl wir
wissen, dass wir keine perfekten Eltern sind, fühlen wir, dass es in unserem Leben als Unifikationisten
von zentraler Bedeutung ist, in dauerhafte Beziehungen mit unseren Kindern zu investieren. Es gibt für
uns keine größere Freude als achtsam und gegenwärtig zu sein, wenn wir mit den Kindern sind. Wenn wir
aufmerksam sind, sehen wir, wie weise und rein sie doch sind.

Oft bringen sie uns dazu, bestimmte Dinge nochmals zu überdenken. Sie können uns daran
erinnern, anderen zu vergeben oder in der Gegenwart wach und lebendig zu sein. Wenn ihr das nächste
Mal mit euren Kindern in der Natur seid, beachtet wie aufmerksam und einfühlsam sie sind. Sie können
Schönheit in so vielen Dingen entdecken, an denen Erwachsene achtlos vorbeigehen. Die Kinder erinnern
uns an unser Ursprüngliches Gemüt, unser inneres Gewissen der Reinheit.

In Zeiten der Herausforderung, wenn sie Führung und Hilfe von ihren Eltern brauchen, scheuen
sie sich nicht davor, verletzlich zu sein und ihre Gefühle mitzuteilen (solange wir keine Umgebung
schaffen, wo das nicht willkommen ist). Sie regen uns an, uns kontinuierlich zu verbessern, um für sie
eine Quelle der Weisheit zu bleiben, auf die sie sich während ihres Wachstums verlassen können. Wenn
wir uns nicht verbessern, werden sie uns schnell über den Kopf wachsen. Kinder verstehen mehr, als man
meinen möchte. Und doch brauchen sie euch als ihre Eltern – mehr, als ihr glaubt.
Das Haus der Himmlischen Harmonie 67

Eltern sind Eltern und nicht die Freunde ihrer Kinder. Eltern müssen ihren Kindern helfen, zu
Menschen heranzuwachsen, die gesunde und glückliche Beziehungen zu sich selbst und zu anderen
entwickeln und erhalten können. Daher müssen sie ihre Grenzen, aber auch ihr unendliches Potential
kennen lernen. Sie müssen lernen, verletzbar zu sein, aber auch Widrigkeiten mutig gegenüberzutreten.
Sie müssen lernen, sich selbst zu helfen und dann für jene da zu sein, die ihre Hilfe benötigen.

Eltern sollen Kindern eine solche Erziehung geben. Ich muss einräumen, dass man sich manchmal
sehr entmutigt fühlt und angesichts der Herausforderungen den Eindruck hat, ein schrecklicher Vater oder
eine schlechte Mutter zu sein (mir ging das oft so). Nehmt diesen Gedanken-Zug wahr und lasst ihn
vorbeifahren. Kehrt zur Gegenwart – dem Hier und Jetzt – zurück und entwickelt einen realisierbaren
Plan, um die anstehende Herausforderung zu meistern. Ihr könnt es schaffen!




Die spirituelle Praxis im Umgang mit unseren Kindern

Wie oft befinden wir uns im selben Raum mit unseren Kindern, wir spielen oder reden sogar mit
ihnen, sind aber nicht wirklich anwesend? Fällt es uns manchmal auf, dass wir uns belästigt fühlen, wenn
unsere Kinder Zeit mit uns verbringen möchten? Im Verlauf der Kindererziehung gibt es viele Situationen,
in denen die Kinder ihren Eltern auf die Nerven gehen – das ist völlig normal und in Ordnung.

Wir tendieren dazu, die Kindererziehung und das religiös-geistige Training voneinander zu
trennen. Für Unifikationisten ist es jedoch besonders wichtig zu verstehen, dass diese Trennung auf einem
falschen Konzept beruht. Wir sollten es als spirituelles Training betrachten, mit unseren Kindern Zeit zu
verbringen und mit ihnen im Hier und Jetzt zu sein. Es unterscheidet sich eigentlich kaum vom Training
der Geist-Körper-Einheit.

Welche Gedanken-Züge tauchen auf, wenn ihr Zeit mit euren Kindern verbringt? Wenn meine
Jungs Kampfsport mit mir trainieren oder ihre Star-Wars-Laserschwerttechniken mit mir üben wollen,
dann muss ich zugeben, dass ich manchmal zu müde bin. Ich nehme „Finde-eine-Ausrede“- oder „Denk-
an-deinen-eigenen-Komfort“-Gedanken-Züge wahr. Doch dann denke ich darüber nach, dass es nicht so
viele Gelegenheiten geben wird, wo meine Kinder mit ihrem Papa spielen möchten. Wenn ich jedoch
ablehne, werden sie aufhören, mich darum zu bitten. Sie werden aufgeben, weil sie fühlen, dass ich nicht
interessiert bin. Eine derartige Saat möchte ich sicher nicht säen.

Ich versuche es als Win-Win-Situation – als Gewinn für beide Seiten – zu betrachten. Wenn ich mit
meinen Kindern spiele und trainiere, helfe ich ihnen, sich zu bewegen, ihre Vorstellungskraft auszuprägen
oder ihre Koordination und Geschicklichkeit zu verbessern usw. Gleichzeitig bekomme ich ein wenig
Bewegung – und ich schaffe eine Herzensverbindung mit ihnen, indem wir gemeinsam etwas tun, das
ihnen Freude bereitet. Es geht also um eine Änderung unserer Wahrnehmung, wodurch wir eine Win-
Win-Situation für beide Seiten sehen können.

Wenn ich die Zeit mit Kindern als nervenaufreibend, weltlich oder einfach nur als lästig betrachte,
dann wird sie das auch sein. Sehe ich darin aber eine Chance, Vertrauen, Interesse und liebevolle
Bindungen aufzubauen, dann werde ich sie als solche erleben. Wir haben die Kontrolle über die Situation.
Es hängt alles von unserem Geist ab. Sich der Gedanken-Züge bewusst zu bleiben, wird euch helfen,
euren Geist zu beherrschen. Ihr werdet imstande sein, von den negativen, belastenden Gedanken-Zügen
abzusteigen, achtsam und kreativ zu bleiben und jede neue Erfahrung als Gelegenheit zu sehen.

Nehmen wir an, dein Kind bittet dich inständig, ihm eine Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen. Du
hast möglicherweise deine Kinder den ganzen Tag nicht gesehen, bist aber todmüde. Du möchtest am
68 Das Haus der Himmlischen Harmonie
liebsten schreien, damit sie verstehen, dass du müde bist und einen langen Tag hattest. Wenn du derart
frustriert bist, beginne zu erkennen auf welchen Gedanken-Zügen du fährst. Benenne sie in deinem Geist
als „Bin-frustriert“-Gedanken-Zug oder „Werde-wütend“-Gedanken-Zug usw. Kehre zur tiefen Atmung
zurück und atme all die abgestandene, verbrauchte Luft aus. Sei im Hier und Jetzt. Sei mit ganzem
Herzen bei deinen Kindern!

Seid euch dessen bewusst, dass eure Kinder heranwachsen werden und dass ihr ihnen eines Tages
nichts mehr vorlesen könnt. Wenn ihr euch belästigt fühlt oder Ärger gegenüber euren Kindern empfindet,
weil sie Zeit mit euch verbringen möchten, so bedenkt, dass diese Gefühle auch euer Unterbewusstsein
beeinflussen und später unter Umständen als Wut oder Schuldzuweisung hochkommen. Das Jetzt ist so
kostbar. Versucht für die Kinder da zu sein, wenn sie euch rufen. Diese kleinen Anstrengungen werden
dazu beitragen, dass die Kinder großes Vertrauen und großen Glauben in euch als Eltern entwickeln sowie
die Sicherheit, dass ihre Eltern sie lieben und für sie da sind. Den Kindern Gute-Nacht-Geschichten
vorzulesen, mit ihnen zu spielen und zu trainieren, ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen – all diese
Aktivitäten sind als authentisches, religiös-spirituelles, unifikationistisches Training zu verstehen!

Ich erinnere mich, als ich einmal meinem Sohn bei einer Lese-Hausaufgabe half. Wir verbrachten
zweieinhalb Stunden mit Lesen. Er übersprang dabei Wörter und so verstand er am Ende nicht, worum es
in der Geschichte ging. Das frustrierte ihn. Ständig machte er sich Vorwürfe, dass er „dumm“ oder
„ungeschickt“ sei. Er hörte nicht auf damit, obwohl ich ihm erklärte, dass er sich selbst und sein Potential
respektieren solle. Nachdem er sich zum hundertsten Mal beschimpft hatte, wurde auch ich ziemlich
frustriert.

Ich erinnerte mich jedoch daran, dass ich am Trainieren war. Ich konzentrierte mich auf meine
Atmung, benannte die Gedanken-Züge, ließ sie vorbeifahren und kehrte zum Lesen zurück. Schließlich
schafften wir es doch, die Geschichte zu Ende zu lesen. Wir waren beide müde, aber glücklich. Mein
Sohn freute sich, dass er lesen, das Gelesene verstehen und alle Fragen leicht und schnell beantworten
konnte. Ich freute mich, weil ich meine Geist-Körper-Einheit trainieren und disziplinieren konnte,
während ich mit ihm zusammen war – zusätzliches Training!

Wenn ihr also mit euren Kindern etwas unternehmt, dann seid präsent. Werdet euch eurer
Gedanken-Züge bewusst. Falls ihr frustriert seid, benennt den Gedanken-Zug, kehrt zur Atmung zurück,
atmet all die alte, verärgerte Luft aus und besinnt euch vollständig auf die gegenwärtige Aufgabe. Diese
Aufgabe könnte ein Spaziergang oder ein Gespräch mit euren Kindern sein, oder einfach nicht die
Kontrolle zu verlieren, wenn sie versuchen, euch zu ärgern.

Wenn ihr eure Reaktionen besser kontrollieren könnt, wird euer höheres Selbst ermächtigt und ihr
werdet lernen, bei euren Kindern voll anwesend zu sein. Möglicherweise werden euch kleine Dinge an
euren Kindern auffallen, die ihr vorher nie bemerkt hattet. Diese Aspekte werdet ihr im Verlauf ihres
Wachstums sehr schätzen. Indem ihr in eure Kinder investiert, investiert ihr in euer eigenes Glück und
gleichzeitig lehrt ihr sie, wie sie ihre eigenen Kinder einmal erziehen sollen. Ihr erzieht also eure
Enkelkinder, indem ihr eure Kinder erzieht. Wenn eure Kinder einmal selbst Kinder haben, werden sie in
der Kindererziehung in erster Linie darauf zurückgreifen, wie ihr sie erzogen habt.

Wir können unser Training der Geist-Körper-Einheit direkt anwenden, indem wir achtsamer und
aufmerksamer gegenüber der Einzigartigkeit eines jeden Kindes werden. Wenn der Ärger im eigenen
Gemüt reduziert wird, wirkt sich diese Veränderung auf eure Umgebung oder euer Zuhause aus. Es liegt
in eurer Hand, ob ihr euer Heim zu einem „Zuhause“ oder zu einer „Hölle“ macht. Indem ihr die
Fähigkeiten, die ihr durch das Training der Geist-Körper-Einheit erworben habt, im Alltag anwendet,
kann sich euer gesamtes Leben vollständig verändern. Die spirituelle Praxis wird sich nicht nur auf
formelle Übungseinheiten beschränken. Die Kultivierung eurer Achtsamkeit wird auch andere wichtige
Bereiche beeinflussen, wie etwa eure Selbstwahrnehmung in der Beziehung zu eurem Partner und zu
euren Kindern.
Das Haus der Himmlischen Harmonie 69

Auf diese Weise wird sogar das Helfen bei den Hausaufgaben der Kinder zum geistigen Training.
Wir müssen die Definition von „spiritueller Praxis“ erweitern. Anstatt auf frustrierende oder ablenkende
Gedanken-Züge aufzusteigen, könnt ihr sie nun benennen, vorbeifahren lassen und zur vollen
Aufmerksamkeit eurem Kind gegenüber zurückkehren. Ihr werdet imstande sein, eure eigenen
emotionalen Zustände sowie eure Gedanken-Züge nachzuvollziehen und belastende Emotionen wie Ärger
oder Frust besser zu kontrollieren, anstatt von ihnen kontrolliert zu werden. Ihr werdet diese Emotionen in
Signale umwandeln, die euch daran erinnern, zum Augenblick, zum Leben und zum Wesentlichen
zurückzukehren.












































70 Das Haus der Himmlischen Harmonie


SCHLUSSWORT


Achte darauf, das Training der Geist-Körper-Einheit niemals zu vernachlässigen. Damit du
konzentriert bleibt, musst du deine Aufmerksamkeit ständig schärfen (wie einen Bleistift). Aus
persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass es wesentlich ist, ein beständiges formelles Training der
Geist-Körper-Einheit aufrechtzuerhalten und routinemäßig zu praktizieren – und zwar zusätzlich zum
Training, das ich erhalte, wenn ich bewusst Zeit mit meiner Familie verbringe.

Wenn du deine individuelle Geist-Körper-Einheit nicht durch regelmäßige Übungen kultivierst,
könntest du einen Rückfall erleiden. Alte Gewohnheiten werden schnell wieder auftauchen. Daher
empfehle ich, dass du eine Zeit festsetzt, um bewusst den lebendigen Augenblick mit Gott zu erleben,
indem du ein tägliches, formelles individuelles Training der Geist-Körper-Einheit absolvierst. Verpflichte
dich zu mindestens zehn bis zwanzig Minuten pro Tag, um Stille und Einheit zu trainieren. Kultiviere
durch diese Übungen deine Achtsamkeit während des Tages sowie deinen Umgang mit anderen
Menschen.

Ich möchte dieses Buch beenden, indem ich dich daran erinnere, dass du von dir nicht erwarten
solltest, ständig perfekt zu sein – das kann niemand. Verstehe, dass es ein Prozess ist, Cheon Hwa Dang –
das Haus der Himmlischen Harmonie zu werden. Solltest du während des Trainings, in deinen
Beziehungen oder mit deinen Kindern eine harte Zeit haben, verzweifle nicht! Es gibt immer ein Jetzt, um
eine Veränderung zu machen und ein Morgen, um besser zu werden. Wir haben im Training gelernt, uns
nicht zu verurteilen, aber trotzdem ehrlich mit uns selbst zu sein. Verstehe die Ursachen deines
momentanen Zustands, sei wachsam im Jetzt und mache bewusst die entsprechenden Veränderungen.

Auf einer Reise von Tausend Meilen beinhaltet jeder Schritt die gesamte Reise. Jeder Schritt muss
getan werden und jeder Schritt ist so wichtig wie die Reise selbst. Bleibt man an einem Punkt stehen, so
ist die Reise vorbei – jeder Schritt hat diese Bedeutung. Bei jedem Schritt in der Gegenwart zu sein, heißt
wachsam zu bleiben und sich der reichen Landschaft bewusst zu sein. Nimm dir Zeit zu atmen und sei
achtsam auf dem Weg, den du beschreitest, um besser zu werden. Aber sei dir auch dessen bewusst, dass
du bereits einen großartigen und mutigen Anfang gemacht hast.

Obwohl wir jetzt ein sehr ernsthaftes und wichtiges Training kennengelernt haben, achte darauf,
deine eigene Person nicht zu wichtig zu nehmen und habe Spaß am Training und mit deiner Familie.
Solltest du während deiner langen Reise einmal entmutigt sein, atme bewusst tief ein und aus. Sag beim
Ausatmen aufrichtig „Danke“. Bete auf diese Weise, während du deinen Weg beschreitest, in guten wie in
schlechten Zeiten. Sie sind beide Bestandteil des Weges. Du wirst sehen, mit dieser Einstellung und
einem gebetsvollen Herzen wird alles zu einem Segen Gottes für dich. Dadurch kannst du lernen und
wachsen.

Es war mir eine wahre Freude, dich ein Stückchen auf dieser Reise begleitet zu haben. Dieses
Training hilft uns zu erkennen und zu verwirklichen, was uns die Wahren Eltern gelehrt haben. Wir alle
haben unsere 5% der Verantwortung zu erfüllen. Unsere Verantwortung als Unifikationisten ist es, Geist
und Körper zu vereinigen und die Saat für gesunde, erfolgreiche Beziehungen und Familien
hervorzubringen. Ich hoffe, dass diese systematischen Übungen von Cheon Hwa Dang euch in eurem
geistigen Leben unterstützen und dass sie die großartigen Segen, die uns umgeben, sichtbarer machen,
wenn wir aufmerksam und im Hier und Jetzt lebendig sind.

Der Wahre Vater sagte während seiner Ansprachetour „Now is God’s Time“ („Jetzt ist Gottes
Zeit“) im Jahre 2005: „Derjenige, der den Wert einer Chance zu lieben ignoriert, wird das wahrhaft
Kostbare verlieren… Eine große Persönlichkeit lebt ihr Leben in der ständigen Gewissheit, dass jeder
Das Haus der Himmlischen Harmonie 71
Moment wertvoll und einzigartig ist. Eine solche Person kann in die Ränge der Heiligen aufgenommen
werden und sogar ein göttlicher Sohn oder eine göttliche Tochter im Himmel und auf Erden werden.“
8
Es
ist meine Hoffnung, dass wir alle solche Menschen werden.

Alles Gute.

Hyung Jin Moon
East Garden Holy Ground (New York)













































72 Das Haus der Himmlischen Harmonie


EXTRA TRAINING
(Wie wir den Wahren Eltern auch aus großer Entfernung nahe sein können)

Reflexion

Als Unifikationisten ist unsere Erlösung von der gefallenen Erblinie durch die Siege der Wahren
Eltern mit Gottes Gnade verbunden. Die Wahren Eltern beschritten einen Pfad der Wiedergutmachung
und des Leidens – sei es im Gefängnis oder in geistigen Dimensionen –, damit wir in die Erblinie der
Wahren Liebe eingepfropft werden konnten. Durch diese Vergebung und Gnade können wir die
Zuversicht und die innere Stärke haben, ein Leben im Dienst an der Welt zu führen.

Wenn wir eine demütige Haltung einnehmen und uns bewusst machen, dass uns das Leben
geschenkt wurde – und zwar nicht, weil wir besonders großartig, gutaussehend oder vollkommen sind
oder weil wir es uns in irgendeiner Weise verdient hätten, sondern weil es ein Geschenk Gottes ist – dann
begreifen wir den Wert des Lebens. Wir verstehen, dass jedes Leben unendlichen Wert besitzt, da es von
Gott kommt. Wenn wir uns den geistigen Wert der Menschen vor Augen führen, unabhängig von Rasse
oder welcher Arbeit sie nachgehen, dann gibt es eine ständige Quelle der Hoffnung, die uns die Kraft gibt,
den Menschen zu helfen, zu wahren Menschen zu werden, auch wenn sie noch so sehr in egoistischen
Aktivitäten verstrickt sein mögen.

Viele Menschen, die sich dem Hedonismus, der Genusssucht, dem Selbsthass und dergleichen
hingeben, fallen in einen sich wiederholenden Zyklus von Unzufriedenheit und dem Bedürfnis nach
einem „High“. Auf die temporäre Befriedigung der Sucht folgt die Suche nach einem noch stärkeren
„Kick“, und so setzt sich der Kreislauf von Sucht und Schmerz fort. Nur für die eigene Erfüllung zu leben,
wird auf Dauer zu Enttäuschung führen. Je mehr man sich selbstsüchtiger Liebe, Gier oder Macht hingibt,
desto mehr wird man danach lechzen. Und wenn wir sie nicht bekommen können, werden wir von
unserer Selbstsucht getrieben, werden wir neurotisch und letztendlich könnte man den Verstand verlieren.
Wir merken nicht, dass wir unsere Mitmenschen verletzen, wir können ihren Schmerz nicht sehen. Wir
sind unempfindlich gegenüber dem Leid anderer und der Drang nach dem „High“ wird zum einzigen
Empfinden, das wir kennen. (Ich gebrauche hier die Metapher eines Süchtigen. Doch muss es sich nicht
unbedingt um einen Drogen- oder Sex-Süchtigen handeln, sondern es kann genauso einen Besitz- oder
Ego-Süchtigen betreffen.)

Der springende Punkt ist, dass wir im Laufe unseres Lebens in Gewohnheiten verfallen, die uns
meistens eher schaden als nutzen. Demzufolge werden wir immer wieder auf dieselbe Weise verletzt. Wir
sind im Kreislauf der Selbstzerstörung gefangen. Diese Zyklen machen uns nicht nur benommen, sie
machen uns völlig blind für das Leid, das wir anderen durch unsere Worte oder Taten zufügen. Wir sind
unzufrieden und desillusioniert. Schlussendlich entbrennt unser Zorn aufgrund der ständigen
Enttäuschungen, die dieser Kreislauf mit sich bringt.

Um wahren Altruismus
*
praktizieren zu können, ist die Kultivierung der Geist-Körper-Einheit
entscheidend. Im Training der Geist-Körper-Einheit treffen wir auf all die abschweifenden Gedanken, die
schlechten Gewohnheiten, die Ego-Trips und die inneren Spaltungen. Doch zum ersten Mal sehen wir
diese Dinge aufrichtig, klar und deutlich. Auf diesem Wege können wir damit beginnen, neue
Gewohnheiten zu schaffen und wir lernen, unser Bewusstsein für die alltäglichen Geschenke Gottes zu
kultivieren. Wir lernen Demut. Und aus dieser Demut heraus erkennen wir den Wert des gottgegebenen
Lebens, wodurch wir unseren gegenseitigen Wert verstehen lernen und ohne eigennützige Absichten
anderen helfen können.


*
Selbstlosigkeit (von lat.: alter. der andere)
Das Haus der Himmlischen Harmonie 73
Ein wahrer Mensch ist stets gesammelt in seiner Konzentration, standfest in seiner Achtsamkeit
und beständig in seiner Dankbarkeit für den reichen Segen Gottes. Seine Fähigkeit, selbstlos zu lieben, ist
unerschütterlich. Das sind enorme Anforderungen und doch sind sie unser Leitfaden. So wie sich ein
Reisender am Polarstern orientiert, betrachtet ein wahrer Mensch Fokus, Achtsamkeit und selbstlose Liebe
als Orientierungspunkte, um die Richtung festzulegen, in die er zu gehen hat.

Der erste Schritt besteht darin, sich seiner lebendigen Beziehung zu Gott, den kosmischen Wahren
Eltern (Cheon-Ju Bumo-Nim), grundlegend bewusst zu werden. In jedem Augenblick des Atmens schenkt
Er uns das Leben. Aus diesem fundamentalen Bewusstsein für den Wert des Lebens formt ein wahrer
Mensch seine Entschlossenheit mit selbstloser Liebe. Er denkt an das Wohl anderer, mehr als an sein
eigenes. Er setzt seine Liebe und Fürsorge heldenhaft für die Menschheit ein und lebt durch Wort und Tat
für das Wohl anderer.

Ich hoffe, dass dir folgende Meditations- und Visualisierungsübung helfen kann, deine persönliche
geistige Verbindung zur Kraft der Wahren Eltern zu stärken. Vorher müssen wir die Giftstoffe, die die
Wirksamkeit dieser Meditation untergraben und zerrütten könnten, ordentlich beseitigen. Das größte Gift
ist Zweifel. Es kann der Zweifel an der Realität des Erlebnisses oder der Inspiration sein; es kann Zweifel
sein, der durch Skepsis genährt wird; oder Zweifel, der durch Ressentiment und Gefühle der
Ungerechtigkeit geschürt wird usw. Woher dieser Zweifel auch immer herrühren mag, es ist
unumgänglich, alle Gedanken loszulassen und das geistige Gemüt zu leeren, wenn man den vollen Segen
dieser Übung erhalten möchte.

Als Unifikationisten müssen wir alle Fähigkeiten von Geist und Körper einsetzen, um die Wahre
Liebe zu manifestieren, die uns unsere Wahren Eltern geschenkt und gelehrt haben. Deshalb beginnen wir
mit der folgenden Übung, um zu verstehen, wie wir vom Leid erlöst wurden und wie wir nun selbst wahre
Eltern werden können, die dieser Welt mit Bescheidenheit, Mut und Mitgefühl dienen.




Visualisierungsübung

1. Leere deinen Geist von allen Gedanken. Erlaube deinen Augen sich sanft zu schließen.

2. Atme natürlich und tief. Erlaube deinem Bauch sich mit jedem Atemzug zu heben und zu senken.

3. Beim Ausatmen stößt du die ganze verbrauchte Luft aus den Lungen und dem Bauch aus. Tu das,
indem du das Zwerchfell sanft anspannst und die verbrauchte Luft herausdrückst. (Wiederhole
diese Übung der kontrollierten, tiefen Atmung fünf Minuten lang.)

4. Bereite dich jetzt auf die Visualisierung vor. Du siehst nun die Wahren Eltern vor dir schweben.
Spüre die Kraft der Gegenwart Gottes durch die Wahren Eltern, die dich und den Raum um dich
erfüllt und sage leise: „Hananim, Chambumonim oeg-mansei.“
*


5. Du bemerkst, dass sie von einem warmen, kraftvollen und strahlenden Licht umgeben sind.
Erlaube deinen Lippen, sanft zu lächeln.

6. Bänder aus glänzendem, mitfühlendem Licht fließen behutsam aus ihren Herzen in dein Herz. Sie
erfüllen dich mit göttlicher Freude und himmlischem Frieden.

7. Die Lichtwellen fließen nun aus ihren Herzen auf deine Stirn, dein Gesicht und in deinen Kopf.

*
Wörtliche Bedeutung: Himmlischer Vater, wahre Eltern, der Sieg der Billionen (10
12
) Jahre [Anm. d. Ü.]

74 Das Haus der Himmlischen Harmonie
Sie erfüllen deinen Geist mit einem warmen, strahlenden Licht. Spüre, wie dieses Licht in jede
Falte deines Gehirns und jede einzelne Faser deiner Gesichtsmuskeln dringt und dabei jede
Dunkelheit oder Unreinheit wegspült.

8. Jetzt fächert sich das Licht aus den Herzen der Wahren Eltern in alle Richtungen auf. Herrliche
Strahlen des himmlischen Lichtes bedecken deinen ganzen Körper und füllen dein gesamtes
Wesen mit der Liebe und der Gnade der Wahren Eltern.

9. Du fühlst unendliche Dankbarkeit für die Wahren Eltern und für die Liebe, die sie uns
bedingungslos schenken, obwohl wir unzulänglich und unvollkommen sind.

10. Halte deine Augen geschlossen und visualisiere weiterhin die Gegenwart Gottes und der Wahren
Eltern. Stehe langsam auf und mache drei Kyung-Baes (Verbeugungen). Damit opfern wir Gott
und den Wahren Eltern unseren Geist, unseren Körper und unsere Seele.




*



Die Wahren Eltern lieben Dich so sehr. Die Kraft der Wahren Eltern ist immer mit Dir. Als ich das
erkannte, wurde ich von den Wahren Eltern geheilt, obwohl wir weit voneinander entfernt waren. Ich
hoffe, dass dieses Visualisierungsgebet Dir helfen kann, Deine eigene, persönliche Beziehung zu den
Wahren Eltern zu kultivieren und dass Du den Segen und die Kraft ihrer Wahren Liebe und ihres
opfervollen Lebens erhalten mögest.

Erlaube mir, dir in diesem Moment meine Ehre zu erweisen. Du bist auf Deinem Weg, geheilt,
gesegnet und selbst wahre Eltern für die Menschheit zu werden. Mögest Du stets wohlauf und glücklich
sein.

Hyung Jin Moon
East Garden Holy Ground, New York



















Das Haus der Himmlischen Harmonie 75


ANHANG

QUELLENANGABE


1. 50th Anniversary of the FFWPU (Congratulatory Banquet)
2. Founder’s Address: “Fifty Years on the Providential Path to the Realization of God's Fatherland and
the Peace Kingdom”
3. Address on the 50th Anniversary of the Founding of the Holy Spirit Association for the Unification of
World Christianity, Reverend Dr. Sun Myung Moon: "God's Homeland and the Peace Kingdom are Built
on the Foundation of the Realm of His Liberation and Release"
4. Reverend Dr. Sun Myung Moon at the United States Capitol, Washington DC, March 23, 2004:
“Declaring the Era of the Peace Kingdom” (pp. 1-2)
5. Way of Students, Hoon Dok Hae series, p. 54
6. Samannaphala Sutta or the "The Sutra on the Fruits of the Contemplative Life"
7. The Digha Nikaya is the set of "long-discourses" of the Buddha found within the Pali canon
8. Reverend Dr. Sun Myung Moon, New York, June 25, 2005: “God's Peace Kingdom is the Eternal
Homeland for All Blessed Families”




GLOSSAR

Hyung Jin Moon verwendet einige besondere Ausdrücke der Vereinigungstheologie und des Buddhismus,
die im Folgenden etwas näher erläutert werden sollen.


Achtsamkeit
Als ein zentraler Wert der buddhistischen Traditionen bedeutet Achtsamkeit in jedem Moment – im Hier
und Jetzt – sich seiner Gefühle, Gedanken und Handlungen voll bewusst zu sein. Es betrifft die Qualität
und die Tiefe unserer Beziehung zu unseren Mitmenschen und zur Natur.

In der Satipatthana Sutta wird die Lehre von den vier Grundlagen der Achtsamkeit dargelegt:
Achtsamkeit auf den Körper, Achtsamkeit auf die Empfindungen, Achtsamkeit auf den Geist,
Achtsamkeit auf die Geistobjekte. Achtsamkeit ist das siebte Glied des „achtfachen Pfades“ (Rechte
Erkenntnis, Rechte Gesinnung, Rechte Rede, Rechtes Handeln, Rechter Lebenserwerb, Rechtes Streben,
Rechte Achtsamkeit, Rechte Sammlung), sowie die dritte der „Fünf Fähigkeiten“ (Vertrauen, Energie,
Achtsamkeit, Sammlung, Weisheit).


Cham Bumo Nim (*012)
Koreanisch für „Wahre Eltern“. In der Vereinigungstradition ist dies die häufig verwendete
Ehrenbezeichnung für das Gründerehepaar Rev. Sun Myung Moon und Hak Ja Han.


Cheon Hwa Dang ("#$)
Sino-Koreanische Bezeichnung für „Das Haus der Himmlischen Harmonie“. Rev. Sun Myung Moon
schenkte seinem jüngsten Sohn einst eine Kalligraphie mit jener 3-Zeichen-Lektion. Sie umfasst die
harmonische Vereinigung von Geist und Körper, von Ehemann und Ehefrau, von Eltern und Kindern
ausgerichtet auf den Willen Gottes.
76 Das Haus der Himmlischen Harmonie


Cheon Il Guk ("34.
Das Reich Gottes auf Erden und im Himmel, das durch die Verwirklichung einer vereinigten Weltfamilie
unter Gottes Liebe und Herrschaft errichtet wird und im Herzen jedes Einzelnen beginnt. Cheon Il Guk
setzt sich zusammen aus den koreanischen Begriffen „CHEON-Guk“ ("4+!Himmelreich), „Tong-
IL“ (53, Vereinigung) und „GUK“ (4+Land, Reich).


Das Göttliche Prinzip
Das Grundwerk der Vereinigungslehre. Es umfasst eine systematisierte Auslegung der Offenbarungen von
Sun Myung Moon.

Gedanken-Züge
Hyung Jin Moon vergleicht unseren Geist mit einem orientierungslosen Passagier, der sich auf einer
Zugfahrt befindet, aber oft schon nach kurzer Zeit und immer wieder den Zug wechselt. Der Geist ist
nicht Herr seiner selbst, sondern wird von den „Gedanken-Zügen“ hin- und herbewegt, ohne je an seinem
Bestimmungsort anzukommen. Das Ziel des Trainings der Geist-Körper-Einheit ist es, die Kontrolle über
unsere Gedanken wiederzuerlangen, bzw. bewusst die Gedankenzüge zu verlassen und den inneren
Frieden zu kultivieren. Die Stille des Geistes ist der Ort, an dem wir Gott und unser Ursprüngliches
Gemüt erfahren können.


Hananim (672.
Die traditionelle koreanische Bezeichnung für den monotheistischen Gott: „Der Eine Herr.“


Hoon Dok Hae (89:.
Die Zusammenkunft zum Lesen und Studieren heiliger Schriften. Eine der fundamentalen Traditionen der
Vereinigungskirche, die täglich und meist in den frühen Morgenstunden praktiziert wird.


Jeong-Seong Seong (,)
Sino-koreanische Bezeichnung für „Aufrichtigkeit“;!Das entsprechende Schriftzeichen (,, Jeong-Seong
Seong) vereint die Zeichen für Wort (#, Mal Eon) und Tat ($, Iruda Seong).


Shimjeong (<=)
Koreanisch für „Herz“, im Sinne des innersten Bereiches des menschlichen Gemüts. Es ist der geistige
Urquell der Liebe. Herz ist der ununterdrückbare, emotionale Impuls in einer Person und sehnt sich nach
Freude. Diese Freude wird durch Einheit in Liebe mit seinem Partner verwirklicht und erlebt.


Unifikationismus (engl.: Unificationism)
Die Lehre der Vereinigungsbewegung bzw. der Lebensstil, der zur Vereinigung der Menschheitsfamilie
unter Gottes liebender Herrschaft führt – jenseits von Nationen, Kulturen, Rassen, Weltanschauungen
oder Religionen.


Ursprüngliches Gemüt
Die gottgegebenen, angeborenen Anlagen des menschlichen Geistes, die nach Liebe, dem Schönen,
Wahren und Guten streben. Es ist der reine, unverfälschte innere Kern des Menschen, der ihn anregt, das
Das Haus der Himmlischen Harmonie 77
Böse zurückzuweisen und sich dem Guten zuzuwenden.


Ursprüngliche Natur
Das Wesen des Menschen, der im Einklang mit seinem Ursprünglichen Gemüt lebt. Die Ursprüngliche
Natur enthält keine Spur von Sünde oder Selbstsucht und reflektiert die ursprüngliche, liebevolle Eltern-
Kind-Beziehung zwischen Gott und Mensch.

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