Weber: Justiz im Dritten Reich.

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Weber: Justiz im Dritten Reich.

NJW 1988 Heft 45

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Justiz im Dritten Reich.
1933-1940. Anpassung und Unterwerfung in der Ära Gürtner. Von Lothar Gruchmann (Quellen und Darstellungen und Zeitgeschichte. Hrsg. vom Institut für Zeitgeschichte, Bd. 28). - München, Oldenbourg 1988. XXXVIII, 1297 S., geb. DM 198,-. Rechtsanwalt Professor Dr. Hermann Weber, Frankfurt Die Rolle der Juristen in der Zeit des Nationalsozialismus ist vor allem in neuerer Zeit in zahlreichen Einzelveröffentlichungen untersucht worden. Eine zusammenfassende Gesamtdarstellung hat bisher gefehlt. Eine solche Gesamtdarstellung - beschränkt freilich auf den Bereich der Justiz und auf die Ära von 1933 bis 1940 - gibt nunmehr Gruchmann, seit 1960 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte in München. Gruchmann, der sich auf einen umfangreichen Bestand unveröffentlichter Quellen stützen kann, beschreibt minuziös und anschaulich die Geschichte der Justiz in den ersten sieben Jahren des NS-Diktatur. Dabei geht es ihm nicht in erster Linie um eine Untersuchung zur Rechtsprechung; im Vordergrund stehen vielmehr die Stellung von Justizministerium und Justiz im politischen System und die Rolle, die beide bei der Durchsetzung der politischen Ziele des Regimes durch Bereitstellung des Justizapparats (also durch Personalpolitik) und des anzuwendenden Rechts (also durch Gesetzgebungspolitik) gespielt haben. Gerichtsurteile werden „nur insoweit herangezogen, als sie den Anlaß zum Tätigwerden des Justizministeriums im eigenen Ressort oder gegenüber der politischen Führung und anderen Staats- und Parteistellen abgeben, ferner um die Auswirkungen von Maßnahmen und gesetzlichen Neuerungen zu demonstrieren“ (S. 6); die Rolle, die die Justiz bei der Durchsetzung nationalsozialistischer Rechtsvorstellungen durch eine zeitgeistkonforme Interpretation des geltenden Rechts, insbesondere der Generalklauseln, gespielt hat, tritt daher in den Hintergrund. Gruchmann beginnt mit einer biographischen Skizze über Franz Gürtner, der als Deutschnationaler von 1922 bis 1932 in verschiedenen Kabinetten bayerischer Justizminister war, 1932 von v. Papen als Reichsjustizminister ins Reichskabinett berufen wurde und dies Amt auch nach der Machtübernahme durch Hitler beibehalten und bis zu seinem Tod im Januar 1941 innegehabt hatte. Es folgen Abschnitte zur Zentralisierung der Justizverwaltung beim Reich und zur Beamten- und Personalpolitik in der Rechtspflege durch personelle „Säuberung“ der Justizverwaltung und der Anwaltschaft. Noch deutlicher wird der Funktionsverlust von Recht und Justiz in den Abschnitten zur Verfolgung von Straftaten, die Angehörige der Bewegung begangen hatten, zur Ausschaltung der Justiz bei ungesetzlichen Maßnahmen der politischen Führung ("Röhm-Aktion“, „Reichskristallnacht“, Euthanasie-Aktion 1939 bis 1941) sowie zum Verhältnis der Justiz zu SS und Polizei. Abgeschlossen wird das Buch mit AbschnitWeber: Justiz im Dritten Reich. NJW 1988 Heft 45

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ten zur Gesetzgebungstätigkeit des Justizministeriums auf dem Gebiet des materiellen Rechts, insbesondere des Strafrechts, und zu den Versuchen, die Wirksamkeit der Rechtsprechungsorgane im Sinne des Regimes durch Gesetzgebungs- und Verwaltungsmaßnahmen auf den Gebieten der Gerichtsverfassung, des Verfahrensrechts und der „Lenkung der Rechtsprechung“ zu erhöhen. Gruchmann betont ausdrücklich, daß es ihm nicht um die „Verfolgung aktueller politischer Ziele", um „politisch-edukatorische Absichten" oder um die „Zumessung von Schuld an bestimmte Juristen oder Juristengruppen“ geht (S. 4). Im Mittelpunkt des Buchs steht denn auch durchweg die nüchterne Darstellung der historischen Entwicklung, wobei sich der Autor bemüht, „im wesentlichen empirisch und deskriptiv ... das aktive und reaktive Handeln der Justiz ... aus der konkreten Situation" abzulesen. Entstanden ist so ein Standardwerk historischer Forschung, das die Etappen der Abkehr vom Rechtsstaat und der mit ihr verbundenen Entmachtung der Justiz detailliert widergibt. Für die

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18.10.2007

Stellvertretend für die Rolle..asp?vpath=%2Fbibdata%2Fzeits%2FNJW%2F1988. blieben daher nicht mehr als Rückzugsgefechte. Die Versuche Gürtners nach 1933.. mit dem sich Gürtner und das Reichsjustizministerium zugleich der Möglichkeit begaben. 1143 f. den Zuständigkeitsbereich der Justiz und das einzige rechtsstaatliche Prinzip.Justiz bei der genannten Entwicklung gespielt haben. Page 2 of 2 Erörterung von Einzelheiten ist hier kein Raum.ebenfalls überwiegend konservative . als bloßer „Vernunftrepublikaner“ aber der freiheitlich-demokratischen Grundordnung von Weimar skeptisch gegenüberstand und daher als Reichsjustizminister Hitlers bereit war. angestrebten autoritären Staates und in Verkennung der wahren rechtszerstörerischen Absichten der Nationalsozialisten“ die Beseitigung nicht nur der politischen Verfassung von Weimar. der in „normalen“ Zeiten wohl ein unauffälliger Fachminister geworden wäre. 1144).Rolle Gürtners verwiesen. das sie aus eigenem Antrieb zu bewahren suchten (die Unabhängigkeit der Gerichte) wirksam zu verteidigen (S. http://rsw.und Freiheitsrechten) unter den „Vorbehalt des Politischen“ zu stellen (S. in der „Ausnahmesituation“ von 1933 „zur Aufrichtung des .) . sei stattdessen noch einmal auf die .. der Charakter des Regimes aber nicht mehr verändert werden konnte. sondern auch der rechtsstaatlichen Prinzipien hinzunehmen oder doch wenigstens solche Prinzipien (wie etwa das Prinzip der Gesetzmäßigkeit der Verwaltung und der Achtung vor den persönlichen Grund. durch die zwar im Einzelfall Schlimmeres verhindert.Juristen und die .. wenigstens Restbestände von Rechtsstaatlichkeit gegenüber dem Parteiapparat.beck.10. der SS und der politischen Polizei zu verteidigen.Weber: Justiz im Dritten Reich.wohl doch tragische . die die .überwiegend konservativen . 18.de/bib/bin/show.2007 .ein Rückzug.