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DO llFUSS· GEMÄlDE IM PARLAMENT KeinerweiB, wann das Bild in den ÖVP·Klub kam und wer esgemalt hat

KAPellE IN INNERVlllGRATEN IN TlROl Seit 1995 finden im Bethaus neben den Kruckenkreuzen DollfuB·Ehrungen statt

Totenkult

E

welcher - erstaun lich genug - die grüne Fraktion den Anstoß gab, sind bisher an diesem Mythos gescheitert. Ein Gesetzes· Engelbert Dollfuß kommt text. der in diesen Tagen im Parlament ver· hand elt wird, spricht zwar von .Mitgefühl· nach wie vor im ÖVPmit den Opfern, enthält sich aber jeder Be· Parlaments klub zu Ehren. wertung. Auch in zahlreichen DenkFür SPÖ· Bundesgeschäftsführer GÜn· ther Kräuter, der selbst schon einmal in mälern wird der austroeiner Parlamentsdebatte DolIfuß einen faschistische Führer bis .. klei nen, schmierigen Faschisten" nannte, wäre das ein fauler Kompromiss: .. Für uns heute hartnäckig verklärt. ist das un vorstellbar. Es muss klar sein, dass diejenigen, die für die Demokratie kämpften. im Recht waren und diejenigen. die sie abschafften, im Unrecht." VON CHRlSTA ZÖCHLING Die Dollfuß·Verehrung unterlag Kon· ngelbert DolIfuß, ein Vorzeitname, junkturen. Nach seiner Ennordung im Juli von der historischen Distanz ver· 1934, als nationalsoz iali stische Putschis· klän, ist der österreich ischen Jugend, ten den SaHhausplatz gestürmt und den wenn überhaupt, als .. erstes Opfer Hitlers" schwer getroffenen Kanzler auf einer Sie· geläufig. Ein beharrlicher Erinnerungs· dermeiercouch hatten verbluten lassen. strom in den Reihen der Konservativen setzte ein Totenkult ein, der in Heiligen· hat es zur Quantite negligeable erklärt, verehrung gipfelte. Allein in Wien stieß man dama ls in fast jedem Bezirk auf Ge· dass der austrofasch istische Kanzler die Demokratie abschaffte, das Parlament auf- denksteine, Büsten. Inschriften, Fresken löste, all e Parteien außer der eigenen in und Re liefs, die den . Heldenkanzler·, bis· den Untergrund verbannte, eine klerikal· weilen betend in Gesellschaft von Jesus faschistische Gemeinschaft etab li erte und Christus, abbildeten. Eine monumentale politische Gegner stand rechtlich erschi e· Statue des . Heiligen Engelbert' thronte bis ßen ließ. Es ist so gut wie vergessen, dass zu ihrer Demontage durch die National· DolIfuß in seiner Cartellverbindung ein Judenverbot beantragte. Die Märtyrerlegende ist im Laufe der "Ein DoIIfuB· Jahre entstanden, gestützt durch die staatliche Opferthese und großkoalitionäre keinen Platz im Rücksichtnahme. Selbst zur Zeit der SPÖ· Alleinregierung von Sruno Kreisky, der Nationalrat, auch unter den Austrofaschisten als Hochver· wenn es ,nur' räter im Gefängnis saß, wurde alljährlich U am Ball hausplatz eine Dollfuß·Messe ge· im ÖVP·Klub hängt lesen. All e Bemühungen zur Rehabilitie· Ludle Dreldemy, rung der Opfer des Austrofaschismus, zu HIstorikerl.

Porträt hat

sozialisten weithin sichtbar am Fuß des Kahlenbergs. Schon in den ersten Nachkriegsjahren wurden Dollfuß·Denkmäler ohne großes Aufsehen wieder installiert. In dieser Zeit muss auch das umstrittene Dollfuß·Por· trät in den ÖVP·Parlamentsklub gelangt sein. Das Gemä lde in Öl birgt ein Geheim· nis. Es ist nicht signiert und gibt keinen Hinweis auf den Zeitpunkt seiner Herstel· lung. Keiner weiß, wann das BUd in den Klub kam und wer es gema lt hat. Es zeigt den austrofaschistischen Kanzler in ziviler Kleidung (nicht in der Uniform der Heimwehr), was den Historiker Helmuth Wohnout vermuten lä sst, dass es erst in den fünfziger Jahren angefertigt wurde. Ober die historische Rolle DolIfuß' ent· brannten freilich schon in den vierziger Jahren leidenschaftliche Parlamentsdebat· ten zwischen sozia ldemokratischen Poli· tikern. deren Freunde hingerichtet wor· den waren, und ÖVp·Politikem, die Teil des Regimes gewesen waren. Das Dollfuß·Porträt im övp·Klub kam erstma ls am 4. April 1973 in einer Wort· meldung von Heinz Fischer, dem heuti· gen Bundespräsidenten, zur Sprache: .Wo· für ich als junger Abgeordneter kein Ver· ständn is habe, ist, dass man in diesem Haus, in diesem Parlament, auf dessen Funktionieren in der Zweiten Republik wir stolz sind, ein Bild jenes Mannes hängen hat, der am Ende der Ersten Republik zum Ende des Parlamentarismus beigetragen hat: Laut Protokoll hatte Fischer in der· selben Sitzung noch einmal ins Plenum gebrüllt, DolIfuß habe die . Demokratie ru iniert', und die Parteigranden der SPÖ entsChuldigten sich für ihn. Die Historikerin Lucile Dreidemy, die an der Wiene r Universität den Dollfuß· Mythos wissenschaftlich untersucht, ist

38 profil 41 • 10. Oktober 20 11

MUSEUM IM NIEDERÖSTERREICHISCHEN TEXING
Im Geburtshaus von DollfuB ist eine

KAPELLE IN DER WIENER MICHAELERKIRCHE
Betender DollfuB in einer Gedenkstätte für Opfer im KZ Dachau

von zahllosen Totenmasken ausgestellt

bisher auf drei Dutzend Dollfuß-Denk- . Erneuerer Österreichs· gehuldigt wird. Im mäler, -Marterln und -Malereien gestoßen, Jahr 2006 musste ein neu angefertigtes . auch auf eine Dollfuß-Moumainbike- Andachtsbild mit DoUfuß in der Prandtauerstrecke in Tiro!. kirche in St. Pötten nach Protesten entfernt In den neunziger Jahren, nach dem ver- werden. Am Dollfuß-Denkmal der Pfarre heerenden internationalen Echo auf die Neufünfhaus im 15. Wiener GemeindeKriegsvergangenheit Kurt Waldheims, war bezirk wurde im Vorjahr eine kritische der Dollfuß-Kult neuerlich aufgeblüht. Auf Zusatztafel angebra cht, die jedoch bald Betreiben von ÖVp· Politikern waren Fres gestohlen wurde. Für das Ehre ngrab von ken, Gedenk- und Wallfahrtsstätten mit DolIfuß am Hietzinger Friedhof zahlt nach staatlichen Geldern restauriert oder sogar wie vor die Gemeinde Wien die Miete. neu geschaffen worden: In InnerviIIgra- Eine Kontroverse um den Ehrenstatus des Grabs ist im Sa nd verlaufen. ten in Osttirol beten Dollfuß-verehrer in der 1995 eröffneten Hauskapelle neben . Nach der Waldheim-Debatte erlebte die den Kruckenkreuzen. Die . Dr. DolIfuß- Opferthese, gestützt auf den Topos von Gedenkstätte an der Hohen wand· südlich DolIfuß' Widerstandskampf, eine neue Geburt·, analysiert Dreidemy. Ein Dollfußvon Wien erJebte eine Renaissance. 1998 weihte der niederösterreichische Landes- Ponrät habe .. keinen Platz im Nationalrat. haupnnann Erwin Pröll in Texing ein 0011- auch wenn es ,nur ' im ÖVP-Klub hängt·, fuß-Museum ein. Es befindet sich im Ge- findet die Historikerin. Das Parlament sei burtshaus des austlofaschistischen Politi- kein privater Raum, sondern eine Instikers und wurde mit Landessubventionen tution der Republik. Bald könnten keine und Kunstfördergeldern des Bundes er- Zeitzeugen mehr daran erinnern, was war. richtet. Die Schulklassen, die dort durchEs sei höchste Zeit. den Dollfuß-Mythos geführt werden, erfahren auf einer Markritisch zu hinterfragen. wolle man mortafel am Eingang, dass hier dem vermeiden. dass er sich im Langzeit-

gedächtnis verfestige, meint Dreidemy. Es könnte bereits zu spät sein. In den Jahren von Schwarz-Blau hatten die Sozialdemokraten noch keck auf den 0011fuß-Kult in der ÖVP ve rwiesen. Sozialdemokratische Bundesräte stellten eine parlamentarische Anfrage an den damaligen Kanzler Wo lfgang Schüssel, ob er nun vorhabe, das von den Austrofaschisten gep lante, aber nie verwirklichte DolIfußDenkmal am Ballhausplatz zu errichten. SPÖ-Kanzler Alfred Gusenbaue r sorgte bei seinem Amtsantritt im Jahr 2006 dafür, dass in der kleinen Gedenkstätte im Bundeskanzleramt das Dollfuß-Porträt und die Kerze entfernt wurden. Sein Nachfolger Werner Faymann hat im Vorjahr den alljährlichen Gedenkgottesdienst mit Fürbitten für den .. Diener Engelbert" in der Amtskapelle am Ballhausplatz abgeschafft. Doch um das Dollfuß-Porträt in den Räumen des ÖVP-Parlamentsklubs ist es ruhig geworden. Auch das Gesetz zur Rehabilitierung der Opfer wurde vorerst verschoben. •