Ein Pionnier der Homosexuellenbewegung in Konfrontation mit dem Nationalsozialismus

Magnus Hirschfeld (1868-1935)

Magnus Hirschfeld (14 mai 1868 - 14 mai 1935)
Das "Mémorial de la Déportation Homosexuellex" gibt diese Publikation mit dem Ziel heraus, Magnus Hirschfeld zu würdigen, einen der Pioniere der Homosexuellen-Bewegung, den die nationalsozialistische Bedrohung ins Exil zwang. Als brillanter Mediziner und aktiver Humanist spielte dieser deutsche jüdische Intellektuelle in seinem Land und in Europa eine entscheidende Rolle. Er kämpfte für die Legalisierung der Abtreibung, er engagierte sich für den Mutterschutz und dafür, dass Grundschullehrerinnen und Hausangestellte heiraten durften. Doch Magnus Hirschfeld hat sich besonders in seinem Kampf für die Rechte der Homosexuellen hervorgetan. Auch wenn die Homosexualität schon immer existierte, war es sein Verdienst, die Frage nach der sozialen Akzeptanz der Homosexualität zu stellen, wurde diese doch oft auf eine mehr oder weniger heimlich ausgeübte Sexualpraxis reduziert. Als Zeitgenosse des französischen Schriftstellers André Gide, der ein Recht auf Homosexualität und ihre vollständige Anerkennung forderte, hatte sich der deutsche Arzt Magnus Hirschfeld aus wissenschaftlichen Gründen zur Gleichheit vor dem Recht bekannt. Von Oscar Wildes Prozess und dem Selbstmord eines homosexuellen Freundes zutiefst getroffen, kämpft Magnus Hirschfeld dafür, die Sicht der Gesellschaft, ihre Wahrnehmung und den Umgang gegenüber Homosexuellen zu verändern. Die Gründung seines Instituts für Sexualwissenschaft fand international Anerkennung für die Qualität seiner Arbeiten; der Umfang seiner Sammlung (mehrere zehntausend Bücher, Fotos, Zeichnungen, Grafiken und Plastiken) zog Besucher aus der ganzen Welt an. Die Anzahl von Magnus Hirschfelds Initiativen machte aus Berlin einen bedeutsamen Ort für offen gezeigte Homosexualität und aus seinem Institut für Sexualwissenschaft einen Zufluchtsort für Homosexuelle. Dies war leider ein unsicherer Zufluchtsort von kurzer Dauer, dem noch ein tragisches Schicksal beschieden sein sollte. Der Mut und die Ausdauer Magnus Hirschfelds bescherten ihm sehr bald äußerst heftige Angriffe von Seiten deutscher Konservativer. Die Machtergreifung der Nazis sollte den Hass vervielfachen, den er bei ihnen auslöste. Als Jude, Homosexueller, politisch links Stehender und avantgardistischer Intellektueller vereinte Magnus Hirschfeld in seiner Person mehrere, in den Augen seiner Widersacher, abstoßende Eigenschaften, weswegen er bald zu ihrem Sündenbock wurde. Er wurde schikaniert, boykottiert, zensiert und angegriffen, doch das hinderte Magnus Hirschfeld nicht daran, sich mit aller Kraft in den Kampf zu werfen, den Kampf seines Lebens. Magnus Hirschfeld wurde für die homosexuellen Deutschen das, was Harvey Milk einige Jahrzehnte später für die homosexuellen Amerikaner war: eine wichtige Vaterfigur! 75 Jahre sind vergangen und keine einzige Hommage, die diesen Namen verdienen würde, wurde in Frankreich diesem außergewöhnlichen Mann zuteil. Wir haben uns auf unsere Art und mit unseren Mitteln darauf eingesetzt, diese Ungerechtigkeit zu beheben und ihm zu gedenken. Wir bedanken uns bei allen Beteiligten, die uns bereitwillig ihr Wissen über Magnus Hirschfeld zurVerfügung gestellt haben, um ihn zu entdecken oder genauer gesagt, um ihn wiederzuentdecken. Hussein BOURGI, Präsident des MDH

Vorführung und Debatte zum Film Magnus Hirschfeld, The Einstein of Sex
Regie: Rosa von Praunheim Land: Deutschland / Jahr: 1999 / Länge: 98 Minuten Zusammenfassung: Ein jüdischer Sexologe,Sozialist und Homosexueller im Nazi-Deutschland. Der fiktive Film schildert das außerordentliche Leben des berühmten Sexologen Magnus Hirschfeld, auch "The Einstein of Sex" genannt.

Film zum Verkauf an: http://www.bqhl.com/

Marseille
Samstag, 8.Mai 2010, 16 Uhr im Cinéma Les Variétés
Organisiert vom Festival Reflets Preise unter : www.festival-reflets.org

Nizza
Freitag, 14.Mai 2010, 20 Uhr im Cinéma Le Mercury (16 Place Garibaldi)
Organisiert von der Organisation Polychrome in Zusammenarbeit Mit dem MDH im Rahmen des Festivals „Espoirs de Mai“ Preise unter: www.polychromes.fr

Editionen QuestionDeGenre / GKC veröffentlicht wurden im Jahr 2001 eine sehrArbeit interessante inentgegengesetzter Richtung mit zwei Bücher Die Homosexuell Berlin, 1908Magnus Hirschfeld The Lesbian Berlin, 1928 - Ruth RoelligMargarete Dieses Buch erklärt, durch die Popularisierung der Theorien von Dr. Magnus Hirschfeld. Diese Ausgabe istergänztdurch Anhänge, wie: wesentlich "Typen sexuellen Zwischenstufen" von Herrn Hirschfeld 'Gide und Hirschfeld von Patrick Pollard Die Sterbeurkunde und den Willen des Herrn Hirschfeld Ein Vorwort zu dem Buch von Ruth Margarete Roellig von Dr. Hirschfeld, fürToleranz Erhältlich in allenguten Buchhandlungen oder direkt www.gaykitschcamp.com Patrick Cardon / GayKitschCamp 5 rue duPavillon 34000 Montpellier Tel. 06 03 554 566

Montpellier
Donnerstag, 27.Mai 2010, 18 Uhr 30 in der Mediathek Centrale d’Agglomération Federico Fellini (Place Paul Bec-Echelles de la Ville)
Organisiert vom Kollektiv gegen Homophobie In Zusammenarbeit mit dem MDH Eintritt frei / www.cch.asso.fr

Paris
Montag, 28 Juni 2010, 18 Uhr 30 Im Auditorium des Rathauses Paris Eingang Nummer 5, Rue Lobau
Haltestelle Hôtel de Ville (Linie 1) Organisiert vom MDH http://deportation-homosexuelle.blogspot.com/ Obligatorische Anmeldung unter mdhcontact@yahoo.fr oder unter 06 89 81 36 90

Öffentliche Würdigung und Beschmückung Magnus Hirschfelds Grab auf dem Friedhof Caucade in Nizza, Freitag 14.Mai 2010, 18 Uhr.

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Eckdaten zum Leben von Magnus Hirschfeld von Gérard Koskovich

1868 - Geburt am 14. Mai in Kolberg, an der baltischen Küste (damals in Deutschland, heute Kołobrzeg in Polen). 1888-1892-Medizinstudium in Straßburg, München, Heidelberg und Berlin.

Sexualwissenschaftler Havelock Ellis und dem schweizer Psychiater Auguste Forel ist. 1930-1931- Reise und Reihe von Konferenzen in den USA, Asien, Indonesien, Indien und im Mittleren Orient, von der Hirschfeld in seinem 1933 auf deutsch und 1938 als französische Übersetzung erschienenen Buch mit dem Titel Weltreise eines Sexologen (Le Tour du monde d’un sexologue) erzählt. 1931 - Im Institut für Sexualwissenschaft wird die erste Vaginoplastik eingesetzt, um die Umwandlung „vom Mann zur Frau“ einer Transsexuellen zu ermöglichen. 1932-1933 - Angesichts des Aufstiegs der NSDAP und Adolf Hitlers in Deutschland flieht Hirschfeld vor der Gefahr und kehrt nie wieder nach Deutschland zurück. Zunächst hält er sich in der Tschechoslowakei, dann in der Schweiz auf. 1933 - Im Februar schließen die nationalsozialistischen Machthaber das Institut für Sexualwissenschaft. Am 6. Mai verwüstet eine von der SA organisierte Studentengruppe das Institut, anschließend werfen die Nazis bei einer großen Bücherverbrennung am Abend des 10. Mais vor der Berliner Oper den Großteil seiner Bibliothek und seines Archivs in die Flammen. Am 14. Mai, seinem 65. Geburtstag, lässt sich Hirschfeld endgültig in Frankreich nieder. Seine Wohnung und seine Praxis befinden sich in Paris, 24, avenue Charles Floquet, gegenüber des Champ de Mars. 1934 - Ende November Umzug nach Nizza. Die Wohnung befindet sich 63, promenade des Anglais, im Gebäude Gloria Mansions I. 1935 - Im April erscheint das letzte Buch Hirschfelds, das noch zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wird: Die Seele und die Liebe, sexologische Psychologie. Die französische Originalausgabe wird von Gallimard herausgegeben. Am 14. Mai stirbt Hirschfeld in Nizza am Tag seines 67. Geburtstags. Er wird auf dem Friedhof Caucade in Nizza beerdigt. Gérard Koskovich ist Journalist und Buchhändler. Er ist Gründungsmitglied der GLBT Historical Society, dem Museum und Archivzentrum LGBT San Francisco und dort seit 25 Jahren ehrenamtlich tätig.
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1896 - Praxiseröffnung in Charlottenburg (damals Berliner Vorort, heute Stadtteil von Berlin) Erste Publikation zur Homosexualität: Sappho und Socrates, oder Wie erklärt sich die Liebe der Männer und Frauen zu Personen des eigenen Geschlechts? 1897 - Gründung des Wissenschaftlich-Humanitären Komitees, der ersten Gesellschaft weltweit, die sich für die Rechte von Homosexuellen einsetzt, am 15. Mai in Berlin. Erste Petition, die die Abschaffung des Paragraphen 175, jenes deutsche Gesetz, das den Analverkehr zwischen Homosexuellen verbietet, fordert. 1899-1923 - Publikation des Jahrbuch für sexuelle Wissensstufen, Hirschfeld als Herausgeber. 1901 - Publikation einer Schrift, um die Unterstützung der Öffentlichkeit für die Kampagne gegen den Paragraphen 175 zu erhalten: Was soll das Volk vom dritten Geschlecht wissen? 1904 - Publikation von Berlins drittes Geschlecht, 1908 unter dem Titel Les Homosexuels de Berlin ins Französische übersetzt. 1910-Publikation von Die Transvestiten, die erste Monografie, die vollständig der Psychologie und der Soziologie von Transvestiten und anderen transsexuellen Personen gewidmet ist. 1914 - Publikation von Homosexualität des Mannes und des Weibes, ein Hauptwerk zu diesem Thema von 1067 Seiten. 1919 - Im Juli Eröffnung des Instituts für Sexualwissenschaft in Berlin, dessen Gründer und Direktor Hirschfeld ist. 1928 - Gründung der Weltliga für Sexualreform, deren Mitbegründer Hirschfeld neben dem amerikanischen
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Magnus Hirschfeld: Verkannter Pionier der Homosexuellenbewegung (LGBT) Von Florence Tamagne

Renommierter Sexologe und unermüdlicher Kämpfer für die Rechte der Homosexuellen, erscheint Hirschfeld heute, 75 Jahre nach seinem Tod, wie ein Pionier der LGBT-Bewegung. Obwohl während der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts sein Bekanntheitsgrad weit über die Grenzen Europas hinaus ging, ist erdemgroßenPublikumheuteunbekannt, gerade in Frankreich. Und das obwohl der deutsche Mediziner mit jüdischen Wurzeln, von den Nazis gehasst, sich gerade in dieses Land nach der Machtergreifung Hitlers flüchtete. Zwischen Erfolg und Misserfolg ist die Karriere Magnus Hirschfelds vor allem vom Risiko des Kampfes für die Homosexuellen-Rechte geprägt – vom 19.Jahundert bis heute. Hirschfeld lehnte die Annährung auf pathologischer Ebene, die die Arbeiten vieler Mediziner und Ärzte beherrschte, ab und zog es als Nachkomme K. H. Ulrichs vor, die Homosexuellen als „intermediäre Sexuelle“ zu sehen, in einer Kategorie, die ebenfalls Transvestiten, Transsexuelle und Intersexuelle einschließt. Obwohl wissenschaftlich umstritten und von Aktivisten wie Adolf Brand, der eine elitäre und frauenfeindliche Vorstellung, die von der griechischen Päderastie abstammt, verteidigte, angefochten, beeinflusste die Theorie vom „dritten Geschlecht“ die Identitätsbildung vieler homosexuellen Männern und Frauen. Hirschfeld gründete außerdem am 14.Mai 1897 in Berlin das WhK (Wissenschaftlich-humanitäres Komitee), eine der ersten Homosexuellenbewegungen. 1919 gründete Hirschfeld in Berlin ein in der ganzen Welt berühmtes Institut der Sexualwissenschaft, welches gleichzeitig

Empfangs- und Dokumentationszentrum über das „dritte Geschlecht“ war. Zur Besichtigung kamen zum Beispiel André Gide oder René Crevel. Während der zwanziger Jahre erweiterte Hirschfeld seine Arbeiten noch indem er die Bildung von Gruppen außerhalb Deutschlands förderte, welche dann 1921 zur Bildung der „Weltliga für Sexualreform“ beitrugen. Hirschfelds Werk jedoch bleibt unvollendet. Sein Geschmack für Werbung, seine Über-Mediatisierung brachten ihm selbst in Kreisen der Homosexuellenbewegung Kritik ein. Er hat es nie geschafft, alle Homosexuellen zum Kampf ihrer Rechte zu vereinen. Sich selbst als unpolitisch bezeichnend, fehlte ihm oft das nötige Taktgefühl, zum Beispiel wenn er den Homosexuellen gebot, die linken Parteien, die die Entkriminalisierung unterstützten, zu wählen, aber gleichzeitig seine Aufrufe unter den konservativsten Parteien vervielfachte, in der Hoffnung diese für seine Sache zu gewinnen. Die Aufhebung des Artikels 175, obwohl 1929 beschlossen, trat niemals in Kraft und die Unterdrückung wurde unter den Nazis sogar nochverstärkt.1933wurdeseinInstitutderSexualwissenschaft vonderHitlerjugendgeplündertundallseineDokumentationen verbrannt. Hirschfeld, der sich zu diesem Zeitpunkt im Ausland befand, kehrte nie wieder nach Deutschland zurück. Ausgelaugt stirbt er 1935 in Nizza ohne sein Institut wieder aufgebaut haben zu können. Die Dokumente, die er retten konnte, waren zum großen Teil zerstreut. Obwohl der Kampf für die Homosexuellenrechte noch weit davon entfernt ist, abgeschlossen zu sein und die Geschichte der Homosexuellen in Frankreich gerade erst beginnt als Studienrichtung anerkannt zu werden, ist jetzt die Zeit an Magnus Hirschfeld zu erinnern und die Spuren seines Erbes zusammenzutragen. Florence Tamagne ist Professorin für Neure Geschichte an der Universität Lille III. Sie schrieb, unter anderem Geschichte der Homosexualität in Europa: Berlin, London, Paris, 1919-1939 (Seuil, 2000).
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In dieser Stadt wurde von 1934 bis 1939 die DEUTSCHE FREIE BIBLIOTHEK errichtet. Sie wurde von deutschen Schriftstellern und Hitler-Gegnern und mit Hilfe französischer Schriftsteller gegründet. Die P.E.N. (poets essayists novelists) Frankreichs und Deutschlands würdigen mit der Anbringung dieses Schilds die Tradition der Solidarität der Schriftsteller aller Nationen vor den Bedrohungen von Aggression und Krieg.

Die Reaktion auf die Bücherverbrennung der Nazis war, während der Gründung der „Bibliothek der verbrannten Bücher“ in London, New York (eingeweiht von Einstein) und Paris (Cité fleurie, 65 boulevard Arago Paris) gering. Wir verdanken dem emigrierten Schriftsteller Alfred Kantorowicz den Anstoß zur Gründung der Deutschen Freien Bibliothek. Diese öffnete am 10.Mai 1934, am ersten Jahrestag der Bücherverbrennung, in Paris. Im Unterstützungs-Komitee kann man unter anderem Lion Feuchtwanger, André Gide, Heinrich Mann, Joseph Roth, Anna Seghers und Ernst Toller finden. Der Aufruf zur Einrichtung einer solcher Bibliothek, die den Schriftstellern, die von Hitler auf den Index gesetzt wurden, gewidmet ist, kann nicht außerhalb von Paris realisiert werden. Diese freien deutschen Bibliotheken sammelten alle von den Nazis verbotenen, zensierten oder verdammten Bücher, ähnlich wie die Emigranten-Bibliotheken. Sie sammelten außerdem, so wie die Archive des internationalen Antifaschismus, zur Erforschung des Faschismus Hitlers nützliche Bücher. Von der Seite der Schriftsteller wie Egon Erwin Kirsch und Alfred Kerr, hielt Magnus Hirschfeld eine Eröffnungsrede als Repräsentant der deutschen Wissenschaft. Die deutsche freie Bibliothek blieb, vor allem durch ihre Ausstellungen (1937) und zahlreichen Veröffentlichungen bis zur Besetzung Paris (1940) ein Aktivitätszentrum des deutschen Widerstandes und der Intellektuellen Linken. Die Bibliothek wurde 1940 von der Polizei eingenommen, in die Nationalbibliothek integriert und in der Region Bordeaux in Sicherheit gebracht.

Als Galionsfigur der Bewegung für die Magnus Hirschfeld Befreiung der Homosexuellen am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts (1868–1935) gründete Magnus Hirschfeld 1897 das von James Steakley wissenschaftlich-humanitäre Komitee, die erste Organisation der Welt, die sich aktiv für die Gleichheit der Homosexuellen vor dem Gesetz einsetzte. Als unermüdlicher Forscher, Organisator und Autor war Hirschfeld zu seiner Zeit als der deutsche Spezialist für Sexualität allgemein anerkannt. Am Ende seines Lebens wurde er durch die Machtergreifung der Nazis in seiner Existenz zutiefst getroffen und in seiner Arbeit stark behindert. Am 14. Mai 1868 als Sohn eines angesehenen Arztes geboren, der in der Stadt Kolberg an der baltischen Küste von Pommern praktizierte, trat Hirschfeld der sozialdemokratischen Partei bei und schrieb schon seit seiner Jugend Artikel für Zeitungen. Nach dem Medizinstudium in Straßburg, München und Heidelberg erhielt er 1892 in Berlin seinen Doktortitel. Während dieser Jahre entwickelte Hirschfeld eine säkulare Weltanschauung, die auf den Darwinismus gestützt war, und bekannte sich schließlich nicht mehr zum jüdischen Glauben. Als Arzt wurde er Anhänger der Naturheilkunde, einer ganzheitlichen Therapieform. Traditionelle Ärzte betrachteten die Naturheilkunde oft mit Skepsis, doch durch die Anwendung dieser Methode lernte Hirschfeld, Wahrheiten, die als unumstößlich galten, zu hinterfragen. Ab den 1890er-Jahren arbeitete Hirschfeld mit Naturalisten, Impfungsgegnern und Abstinenzlern zusammen, allesamt Anhänger dessen, was man die „Reformbewegung für
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modernes Leben“ nannte. Während dieser Zeit lernte Hirschfeld, in der Öffentlichkeit das Wort zu ergreifen und die nötige Unterstützung für seine politischen und anderen Reformen zu erhalten, eine Erfahrung, die ihm später in seinem Kampf für homosexuelle Anliegen sehr nützlich sein sollte. Im Jahr 1895 war der Prozess von Oscar Wilde, dessen Echo weit über die Grenzen Großbritanniens hinausging, für Hirschfeld das Schlüsselerlebnis, das ihn dazu brachte, sich für die Befreiung der Homosexuellen zu engagieren. Für Hirschfeld war die Gesellschaft dieser Zeit bereit, eine neue Diskussion über die Homosexualität zu führen. 1896 gab er die Anwendung der Naturheilkunde auf, eröffnete eine Praxis in einem Berliner Vorort und konzentrierte sich zunehmend auf die Bereiche Sexualwissenschaft und Psychiatrie. Seine erste sexualwissenschaftliche Abhandlung. Sappho und Socrates oder Wie erklärt sich die Liebe der Männer und Frauen zu Personen des eigenen Geschlechts?“ (1896) wurde unter einem Pseudonym veröffentlicht, doch Hirschfeld bestand darauf, dass sein Verleger die wahre Identität des Autors veröffentlichte. Die Kontaktaufnahmen, die darauf folgten, führten zur Gründung des wissenschaftlich-humanitären Komitees 1897. Das Komitee setzte es sich als oberstes Ziel, den Paragraphen 175, jenen Teil des deutschen Strafgesetzbuchs, der den Analverkehr untersagte, abzuschaffen, und in dieser Absicht reichten sie eine Petition beim Reichstag ein. Diese Petition, die von Hirschfeld verfasst und in den Jahren von 1897-1930 weit verbreitet wurde, wurde letztendlich von tausenden deutschen Persönlichkeiten unterzeichnet. Hirschfeld jedoch erachtete es als noch wichtiger, allgemeine Vorurteile gegen Homosexuelle abzubauen, als das Strafgesetzbuch zu ändern. In dieser Überzeugung vervielfachte er seine öffentlichen Appelle und verfasste die Schrift „Was soll das Volk vom dritten Geschlecht wissen?“ (1901). 1911 wurden 50 000 Exemplare dieses Werkes gedruckt. Hirschfeld war zunächst einmal und vor allem ein Naturalist. Methodisch bevorzugte er, erst zu beobachten und dann Schlüsse aus seinen Beobachtungen zu ziehen.
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Hirschfeld und sein Freund Li-Shiu Tong kurz nach ihrer Ankunft im Exil in Frankreich (1933). Titelseite der Wochenzeitung Voilà, Nr. 119 (1. Juli 1933). p.11

1898 veröffentlichte er die erste Ausgabe eines ausführlichen Fragebogens der Sexualwissenschaft, der bis zu seinem siebten und letzten Erscheinen 1930 mehrmals überarbeitet und herausgegeben wurde. Hirschfeld trug detaillierte Schilderungen des Sexuallebens von 30 000 Individuen zusammen. Er begab sich selbst in Bars und zu anderen Treffpunkten der homosexuellen Subkultur Berlins und diverser europäischer, amerikanischer und nordafrikanischer Metropolen, und veröffentlichte eine tausendseitige Monografie mit dem Titel „Homosexualität des Mannes und des Weibes“ (1914). Für Hirschfeld stellten Homosexuelle, Transvestiten und ZwittereineweitläufigeGruppe„sexuell Dazwischenliegender“ dar, deren bloße Existenz auf die irrtümliche und zu einfache Annahme einer binären Sexualitätsbeschaffenheit „Mann-Frau“ hinwies. 1899 erschien unter seiner editorischen Aufsicht die erste Ausgabe seines „Jahrbuch für sexuelle Wissenstufen“. Trotz des Ersten Weltkrieges erschien diese monumentale Schrift ohne Unterbrechung bis 1923. Sie deckte in Form einer Enzyklopädie die Felder Medizin, Recht, Psychologie, Anthropologie, Soziologie, Religion, Geschichte, Kunst und Literatur ab. Hirschfeld kam in den Genuss öffentlicher Anerkennung und einer wachsenden Unterstützung bis zu seinem Einsatz 1907 als Sexualwissenschaftler in der EulenburgAffäre (1907-1908), die von Artikeln des Journalisten Maximilian Harden (1861-1927) zum mutmaßlich homosexuellen Umfeld des Kaisers Wilhelm II. ausgelöst wurde. Hardens Entlassung aus dem Gefängnis verursachte heftige antisemitische und homophobe Reaktionen im konservativen, pro-monarchistischen Milieu und die Bewegung für die Befreiung der Homosexuellen musste sich bis zur Abdankung des Kaisers 1918 im Hintergrund halten. Erst in der Weimarer Republik hatte Hirschfelds Kampagne für die Rechte der Homosexuellen ihre ganze Dynamik wiedererlangt. 1919 verwirklichte er einen Traum, den er schon seit Anfang des Jahrhunderts gehegt hatte und
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gründete das Institut für Sexualwissenschaft, ein Forschungs-, Informations-, Beratungs- und Therapiezentrum und ein Ort der Verteidigung des Rechts des Einzelnen auf sexuelle Intimität und Empfängnisverhütung. Hirschfelds Tätigkeitsbereich ging inzwischen weit über die Homosexualität hinaus und erstreckte sich nun deutlich auf die Legalisierung von Abtreibungen. Seine Kampagne führte zu einem produktiven Bündnis mit der neu gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands und der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. 1928 wurde Hirschfeld Mitbegründer der Weltliga für Sexualreform, die die Vorzüge der Sexualpolitik in der vorstalinistischen UDSSR anpries. Ende 1929 sprach sich ein Komitee des Reichstags für eine vollständige Reform des Strafgesetzbuchs, eingeschlossen des Paragraphen 175, aus. Für Hirschfeld war der Erfolg zum Greifen nah, doch eine neue Wahl ermöglichte es den Nazis, einen bedeutenden Teil des Parlaments zu stellen. Nachdem er seit 1920 immer wieder von Faschisten heftig angegriffen wurde, von der nationalsozialistischen Presse verunglimpft und von Rivalen seitens der Bewegung für die homosexuelle Befreiung wegen seiner medizinische Behandlung der Sexualität, seiner politischen Einstellung und seines jüdischen Glaubens abgelehnt wurde, brach Hirschfeld Ende 1930 zu einer Konferenzreise in die USA und nach Asien auf. Bei seiner Rückkehr nach Europa ließ er sich erst in der Schweiz und dann in Frankreich nieder. Im Februar 1933 schlossen die Nazis das Institut für Sexualwissenschaft und der Großteil dessen Bibliothek wurde am 10. Mai 1933 verbrannt. Hirschfeld lebte die letzten drei Jahre seines Lebens im Exil in Frankreich, erst in einer Wohnung nahe dem Champ de mars in
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Ein eher expressionistisches Gemälde, welches das SexologieInstitut in Berlin um 1930 abbildet. Reproduktion. Berlin Pankow, chemischpharmazeutische Titus-Fabrik [1930].

Paris, dann in Nizza, wo er am 14. Mai 1935, dem Tag seines 67. Geburtstags, starb. James D. Steakley ist Deutschprofessor an der Universität Wisconsin, Madison. Er ist der Autor von „Die Bewegung für die homosexuelle Befreiung in Deutschland“ (Arno Press, 1975), „Die Schriften von Dr. Magnus Hirschfeld: Eine Bibliografie“ (1985) und von zahlreichen Artikeln über die Geschichte der Homosexualität im Deutschland des 20. Jahrhunderts.

Karl Giese, Hirschfelds Freund, gibt eine Führung durch das Museum im Institut für Sexualwissenschaft in Berlin in den 20er-Jahren Foto erschienen in Der Aufklärung, Nr. 5 (Juni 1929) Titelblatt der Gründungsschrift des wissenschaftlich-humanitären Komitees, Was soll das Volk vom dritten Geschlecht wissen? (1901). Der Text fordert die Außerkraftsetzung des Paragraphen 175. p.14 p.15

Hirschfeld habe sich auf gewisse Weise mit Napoléon verglichen, der, im Exil von Sankt Helena das Meer betrachtete und von seinem Vaterland träumte. Unglücklicherweise ist der Blick, der sich früher Hirschfeld bot, heute von Gloria Mansions IV, einem während der fünfziger Jahre im Garten von Gloria Mansion I errichtetem Gebäude, versperrt. Hirschfeld ging gerne am Meer und in den Strassen der Stadt spazieren. Die zahlreichen Photos des deutschen Mediziners in Begleitung seines chinesischen Schülers und Geliebten Li Shiu Tong (Tao Li) und der Besucher häufen sich in seinem persönlichen Gästebuch. Das Paar organisierte auch kurze Ausflüge nach Monaco oder in die nahe Künstlerkolonie von Haut-de-Cagnes, in der sich Suzy Solidor nach dem Krieg niederließ. Aber Hirschfeld widmete seine letzten Tage in Nizza ebenfalls unermüdlich seiner Arbeit. Sein nahes Ende schon ahnend, aber immer noch von der Hoffnung, seine Forschungen im Bereich Sexologie in Frankreich fortzuführen und zu fördern, genährt, widmete Hirschfeld sich intensiv der Übersetzung seiner Arbeiten ins Französische. Nach seiner Ankunft in Nizza entdeckte Hirschfeld, dass die Stadt bereits zahlreiche aus Deutschland emigrierte Juden beherbergte. Einer unter ihnen, der Schriftsteller Hermann Kesten, sah Hirschfeld sogar am Tag seines Todes. An einem Tisch im Café de France, in der rue de France 64, (in einem Gebäude, das zur Zeit gerade abgerissen wird) sitzend, sah Kesten Hirschfeld auf dessen morgendlichem Spaziergang, der sein letzter sein sollte, wahrscheinlich in Begleitung von Ernst Maass, seinem in Mailand wohnenden Neffen und Robert Kirchberger, dem persönlichen Sekretär Hirschfelds während seines Aufenthalts in Nizza. Hirschfeld starb an seinem Geburtstag, am 14.Mai 1935, gegen Mittag, nach seinem Spaziergang. Obwohl er ausdrücklich keine religiöse Beerdigung wollte, fand eine Woche später eine Zeremonie unter der Leitung des Rabbiners von Nizza, Samuel Schumacher, statt. Magnus Hirschfelds
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Ein Löwe im Winter: Magnus Hirschfelds letzte Tage in Nizza (1934-1935) Von Hans P.Soetaert und Donald W. McLeod

Nur wenige Menschen wissen, dass MagnusHirschfeld,diesegroßeGalionsfigur der Homosexuellenbewegung, die letzten Monate seines Lebens in Nizza verbracht hat und dass sich in dieser Stadt heute sein Grab befindet. Das milde winterliche Klima war wahrscheinlich einer der Hauptgründe, die Hirschfeld bewogen, Paris zu verlassen und sich Ende November 1934 in Nizza niederzulassen. Nachdem er zwischen 1930 und 1932 eine Reihe von Konferenzen in der ganzen Welt gehalten hatte, verschlechterte sich Hirschfelds Gesundheit nach und nach. In Nizza wohnte er zunächst im Hôtel de la Méditerranée, einem Gebäude auf der Promenade des Anglais, das heute verschwunden ist.

Einige Monate später, im Februar 1935, zog Hirschfeld in eine Wohnung im Gloria Mansions I, einem prächtigen Gebäude, welches sich ebenfalls auf der Promenade des Anglais befindet. Hirschfeld wohnte in der fünften Etage, in einer Wohnung, die sich offensichtlich im westlichen Flügel des Gebäudes befand und den Blick nach Süden auf das Mittelmeer frei gab. In Kolberg an der Ostsee geboren, liebte Hirschfeld schon immer das Meer. Von seinem Balkon aus, hatte er einen unverbaubaren Blick auf die Baie des Anges. In einem nach seinem Tod veröffentlichten Artikel, schreibt ein Lokaljournalist,
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Asche befindet sich auf dem Friedhof von Caucade, in einem eleganten und kostpieligen Gab. Hirschfeld selbst schrieb, dass der Akt, sich zu dem Grab der Wegbereiter der Homosexuellenbewegung zu begeben, ein Zeichen von Respekt darstelle. Eine seltsame Anekdote wird mit dem Grab von Magnus Hirschfeld in Verbindung gebracht. Über Jahre hinweg war ein Porzellankreuz auf dem Granitgrabstein angebracht gewesen. Wir glauben, dass dieses Kreuz dort kurz vor dem Krieg von einem nahen Familienmitglied angebracht wurde, um das Grab vor antisemitischem Vandalismus zu schützen. Das Kreuz wurde 2009 vom Friedhofspersonal entfernt. Heute würdigen nur noch kleine, von Verehren während Pilgerfahrten auf das Grab gelegte Steine, einen der größten Sexologen der Geschichte.

Hans P. Soetaert ist Philosoph. Er geht einer Teilzeitbeschäftigung im Dienstleistungssektor nach und ist Mitbegründer und langjähriges Mitglied des Verwaltungsrats des Fonds Suzan Daniel, Archiv- und Dokumentationszentrum der Homosexuellen in Belgien. Donald W. McLeod ist Bibliothekar an der Forschungsbibliothek John P.Robarts an der Universität Toronto. Er arbeitet ehrenamtlich im kanadischen Archiv-Zentrum der Homosexuellen.

Magnus Hirschfeld auf dem Kongress der „Vereinigung zur sexuellen Reform“ in London (1929). Photographie erschienen in der „Aufklärung“, Nummer 8 (September 1929) p.18 p.19

Magnus Hirschfeld: weder vergessen noch wirklich bekannt Dose von Ralf

Die Schwulenbewegung und das, was daraus entstanden ist und wofür es auf Deutsch nicht einmal ein Wort gibt – die LGBT Bewegung – beginnen langsam, sich eines ihrer Vorfahren nicht nur zu erinnern, sondern sich seiner zu bemächtigen: 75 Jahre nach seinem Tod im französischen Exil ist Magnus Hirschfeld kein Vergessener mehr, wenn auch immer noch nicht wirklich bekannt. Das war zu seiner Zeit anders: André Gide und Sergej Eisenstein, Emma Goldman und Margaret Sanger mögen hier als Namen genügen um das intellektuelle Spektrum aufzuzeigen, in dem Hirschfeld sich bewegt hat.

Hirschfeld war kein Theoretiker. Aber der theoretische Schatz, der in seinen – letztlich immer aus der ärztlichen und beratenden Praxis bezogenen – Arbeiten steckt, ist nur zu heben, wenn man seine Sprache spricht oder sie wenigstens versteht. Das macht die Wiederentdeckung des Werkes heute so mühsam, dass eine differenzierte Würdigung immer noch aussteht. Denn von Hirschfelds Werk sind nur Bruchteile in anderen Sprachen erschienen. Zu seinen Lebzeiten sprachen Wissenschaftler/innen deutsch – oder konnten es wenigstens lesen. Seine deutschen Landsleute haben dafür gesorgt, dass dem nicht mehr so ist. Den Autor Hirschfeld haben sie vertrieben, sein Werk weitgehend zerstört, und fast – aber nur fast – wäre es ihnen auch gelungen, ihn ganz der Vergessenheit auszuliefern. 75 Jahre nach Hirschfelds Tod ist nicht einmal die historische Rekonstruktion abgeschlossen. Das Erbe zu sichern, bleibt vordringliche Aufgabe. Gerade in Frankreich: Dort liegen irgendwo im Verborgenen diejenigen Teile von Hirschfelds Besitz, die er vor den Nazis aus Deutschland retten oder auch von ihnen zurückkaufen konnte. Es wird Zeit, diesen Schatz zu heben. Ralf Dose ist Begründer und Direktor der Magnus-HirschfeldGesellschaft in Berlin. Er ist Autor einer deutschen HirschfeldBiographie: „Magnus Hirschfeld. Deutscher, Jude, Weltbürger (Hentrich & Hentrich, 2005).

Hirschfelds Ausgangspunkt – im späten 19. Jahrhundert! – war es, homosexuellen Männern (und Frauen) eine Lebensperspektive zu eröffnen, indem er ihre Sexualität als eine von vielen möglichen Variationen menschlicher Sexualität begriff und sie als lebbar und lebenswert darstellte. Schon das war damals unerhört. Aber das damit angelegte Konzept öffnete eine viel weitere Perspektive, gerade weil die unendlichen Variationen der Sexualität sich – allen Versuchen Hirschfelds und anderer zum Trotz (zum Hohn?) – einer Systematisierung und Klassifizierung immer wieder entziehen.
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Historisches Bild der Gloria Mansions I (um 1925-1930), Gebäude in Nizza, in dem Hirschfeld wohnte.

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Bildtitel Photographie des Titelblattes Hirschfeld um 1930. Portrait auf der Titelseite des Prospekts. Herstellung von Sexualhormonen. Berlin-Pankow. ChemischPharmazeutische Titus Fabrik. [1930]

"Daß des Gehirnes Wächter das Gedächtnis"
Macbeth, I, 7
William Shakespeare

© Hans Soetaert

Chefredakteur: Hussein BOURGI Koordination: Gérard KOSKOVICH Layout: jerome.bedelet@orange.fr Photografien: Abbildungen aus der persönlichen Sammlung von Gérard Koskovich, und Seite 21 Hans Soetaert.

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Hirschfeld um 1925 Titelblatt von Magnus Hirschfel „Geschlechtskunde auf Grund dreißigjähriger Forschung und Erfahrung, Band I“, Stuttgart, Julius Püttmann, 1926