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 Die Bedeutung der Eigennamen: Volksetymologien

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Sonderegger, Stefan (1 985 b): Terminologie, Gegenstand und interdisziplinärer Bezug der Namengeschichte, ebd., 2067—2087. Sonderegger, Stefan (1 987): Die Bedeutsamkeit der Namen. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 17, 11—23. Wolf, Ursula (1 985). Hrsg.: Eigennamen. Doku-

mentation einer Kontroverse (Suhrkamp Theorie). Frankfurt a. M. Wotjak, Gerd (1 989): Bedeutung und Wissenskonfiguration — ein Vorschlag zur Güte. In: Zeitschrift für Germanistik 10, 459—470.

Gerhard Koß, Regensburg (Deutschland)

68. Die Bedeutung der Eigennamen: Volksetymologien
1. 2. 3. 4. 5. Volksetymologie als semantische Neumotivierung Volksetymologien ohne formverändernde Auswirkungen Volksetymologien mit formverändernden Auswirkungen Auswirkungen von Volksetymologien Literatur (in Auswahl)

1.

Volksetymologie als semantische Neumotivierung

Nach Bildung und Bedeutung unterscheiden sich Nomina propria und Nomina appellativa zur Zeit ihrer Entstehung nicht voneinander. Dies gilt insbesondere von den hier zu behandelnden Ortsnamen im weitesten Sinn mit Siedlungs-, Hof-, Straßen-, Gewässer-, Flur-, Berg-, Wald-, Gegend- und Ländernamen. Gleichgültig ob Appellativa unmittelbar zu Ortsnamen werden oder solche durch Ableitung mit bestimmten Suffixen oder durch Komposition entstehen, wobei ein Substantiv, Adjektiv, Verballexem oder ein schon vorhandener Name (Personen- oder Ortsname) die Basis bildet bzw. als Bestimmungsglied zu einem Substantiv als Grundglied tritt, so sind Ortsnamen anfänglich semantisch motiviert und werden in der jeweiligen Sprachgemeinschaft wie jedes andere Wort verstanden. So werden die deutschen Ortsnamen zur Zeit ihrer Entstehung insbesondere in alt- und mittelhochdeutscher Zeit von der Seßhaftwerdung der germanischen Stämme am Ende der Völkerwanderungszeit im 6. Jahrhundert bis ins 1 3./1 4. Jahrhundert im Redezusammenhang auch wie Appellativa gebraucht und syntaktisch nach Kasus und Numerus eingebettet, wenngleich sich angesichts der besonderen Bezeichnungsfunktion auch einzelne grammatikalische Eigenheiten einstellen können (vgl. u. a. Wiesinger 1 992). Erst allmäh-

lich, wenn durch Lautwandlungen und besonders in Komposita durch Abschwächungen und Verkürzungen mehrsilbiger Bestimmungsglieder, durch das Abkommen von in Ortsnamen enthaltenen Personennamen sowie durch den Verlust von in Ortsnamen enthaltenen Appellativen die semantische Transparenz eines Namens auf dem Hintergrund des allgemeinen Wortschatzes verlorengeht, beginnt jener Zustand einzutreten, der als „Bedeutungslosigkeit“ von Eigennamen bezeichnet wird, weil dem Sprachbenützer ein Bedeutungsbezug zwischen Benennung und Objekt nicht mehr einsichtig ist. Dieser Zustand gilt von vornherein bei Ortsnamen fremdsprachiger Herkunft, die von einer anderssprachigen Vor- oder Nachbarbevölkerung übernommen und bloß phonologisch und morphologisch integriert sind. Obwohl dann ein solcher „bedeutungsloser“ Ortsname immer noch die Grundeigenschaft des sprachlichen Zeichens erfüllt, indem er aus signifiant (Signifikant, Bezeichnung, Lautkörper, Form) und allerdings auf den bloßen Örtlichkeitsbezug reduziertem signifié (Signifikat, Bedeutung, Inhalt) besteht, fehlt diesem tradierten Ortsnamen in seinem synchronen Zustand eine einsichtbare, verstehbare inhaltliche Motivierung. Diese bloße unmotivierte Etikettierung ist der häufigste Zustand, in dem die seit Förstemann (1 852) sogenannte „Volksetymologie“ entsteht. Sie betrifft zwar am häufigsten Ortsnamen, kommt aber ebenso bei Appellativen vor und dürfte eine sprachliche Universalie sein (Panagl 1982). In der Volksetymologie werden im Sprachschatz isolierte und deshalb inhaltlich unmotivierte Wörter wieder bedeutungsmäßig transparent gemacht. Das geschieht in der Weise, daß sie in Lautung/Schreibung und Morphologie an bedeutungsmäßig einsichtige ähnliche Wörter durch assoziative Verknüpfung und lautliche/schriftliche Adaptierung

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angeschlossen werden. Volksetymologie ist daher Wortumbildung und Wortum- bzw. Wortneudeutung als Analogie- und Assimilationserscheinung. Sie ist bezüglich der Ortsnamen keineswegs eine allgemeine Erscheinung, sondern betrifft unter der Vielzahl der gänzlich oder teilweise unmotiviert erscheinenden Ortsnamen bloß einzelne. Die Volksetymologie ist bezüglich ihrer Entstehung ebensowenig eine kollektive Erscheinung wie das Volkslied oder das Volksepos. Sie hat stets ein Individuum als Schöpfer. Doch kann eine Volksetymologie dann kollektiv werden, wenn eine Sprachgemeinschaft eine einmal vollzogene Wortumbildung und -umdeutung akzeptiert und in ihren Sprachschatz integriert. Bei Ortsnamen äußert sich dies vor allem in der Verfestigung einer die Neumotivierung ausdrückenden Schreibung. Während die wissenschaftliche Etymologie eine diachronische Interpretation darstellt, die mit Hilfe der entsprechenden sprachlichen Entwicklungsregeln, der Lautgesetze, anhand der überlieferten historischen Urkundenschreibungen und der örtlichen mündlichen Dialektform die ursprüngliche Wortform und Bedeutung eines Ortsnamens für die Zeit seiner Entstehung rekonstruiert, verkörpert die Volksetymologie eine assoziative synchronische Interpretation. Sie ist ab jenem Zeitpunkt möglich, ab dem das bildungsmäßige Verständnis eines Ortsnamens nicht mehr gegeben ist, so daß eine Neumotivierung auf Grund lautlicher und morphologischer Ähnlichkeit mit dem herrschenden Sprachzustand oder in gelehrter Weise mit dem einer fremden Sprache, doch dann ohne Berücksichtigung von Entwicklungszusammenhängen, vollzogen wird. Vgl. auch Ruoff, Art. 52, Ashley, Art. 69. Volksetymologie äußert sich grundsätzlich in zweifacher Weise. Sie kann einerseits als gelehrter oder naiver Zugang in der Suche nach Verständnis und Erkenntnis einen Ortsnamen bedeutungsmäßig erklären, ohne daß sich dieses Einsichtigmachen auf die Form des betreffenden Ortsnamens in Aussprache und Schreibung auswirkt. Gelegentlich kann aber ein derartiger gelehrter Eingriff auch in der Schreibung fortan verbindlich werden. Andererseits kann der motivierende Zugang formverändernd wirken, wobei sich das neue volksetymologische Verständnis in Aussprache und Schreibung oder nur in der Schreibung niederschlägt. Letzteres betrifft besonders die Namen kleiner und kleinster Sied-

lungseinheiten sowie Flur-, Hof- und Straßennamen, die lange Zeit nur eine geringe oder gar keine schriftliche Verwendung fanden und bloß mündlich gebraucht und tradiert wurden. Sie wurden manchmal zwar schon in früheren Jahrhunderten, vielfach aber erst im 1 9. Jahrhundert von Verwaltungsbeamten auf Grund ihrer dialektalen Aussprache und das dann oftmals motivierend verschriftlicht. Die folgenden Beispiele stammen aus Österreich, insbesondere aus Oberösterreich (= O) nach Bertol-Raffin/Wiesinger 1 989, 1 991 und aus Niederösterreich (= N) nach Schuster 1989, 1990 sowie zum Teil nach eigenen Aufzeichnungen, weil gerade zur adäquaten Erklärung von Volksetymologien genaue Kenntnisse der Dialekt- und Schreibgeschichte eines Raumes erforderlich sind.

2.

Volksetymologien ohne formverändernde Auswirkungen

2.1. Gelehrte Zugänge Da bereits spätalthochdeutsche und frühmittelhochdeutsche Lautveränderungen das etymologische Verständnis einer Reihe deutscher Ortsnamen verdeckten und es gebietsweise auch integrierte Ortsnamen fremder, besonders romanischer und slawischer Herkunft gab, begann schon im 1 2. Jahrhundert im Rahmen der scholastischen Wissenschaft eine gelehrte volksetymologische Deutung unter Einbringung damaligen Geschichtswissens. Als assoziative Etymologie geht sie bis in die Antike zurück und wurde von Isidor von Sevilla im 6. Jahrhundert erneuert. So bringt die Vita Altmanni von ca. 1 1 30 den Namen des von Bischof Altmann von Passau gegründeten, auf einem Berg gelegenen niederösterreichischen Benediktinerstiftes Göttweig (1130 Kothwich zu einem slaw. PN) mit den Goten und dem Wich genannten Kriegsgott Mars in Verbindung: Mars ... lingua eorum [Gothorum] dicitur Wich, ergo a Gothis et Wich mons vocatur Gotewich, non ut vulgus dicit Kotewich (MGH. SS. 3, 437). Das nicht weit davon entfernte, ebenfalls einen Namen slawischer Herkunft aufweisende Benediktinerstift Melk (892 Medelicha) erklärt das Breve Chronicon Austriae Mellicense von ca. 1170 wegen seiner günstigen, geschützten Lage auf einem Felsen über der Donau mit lateinischem Mea dilecta: Mons [Medelicensis] ... propter oportunitatem situs et munitionem antiquitus Mea Dilecta vocabatur (MGH. SS. 24, 70).

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Eine Fortsetzung erfuhren solche gelehrte volksetymologische Erklärungen dann in Geschichtswerken der Humanisten des 1 6. Jahrhunderts, deren österreichischer Hauptvertreter der Wiener Arzt und Historiograph Wolfgang Lazius (1 514—63) war. So erklärt er in seiner geographischen und historischen Beschreibung ‚Typi chronographici Provinciae Austriae‘ (Basel 1 561 ) z. B. durchsichtiges Moosburg in Niederbayern und Seefeld in Tirol auf Grund der Appellativa Moos ‘Moor, Sumpf’ und Feld völlig richtig als palus und campus a lacum copia nominent. Er geht aber am Sinn des ebenfalls rein deutsch benannten oberösterreichischen Höhenzuges Hausruck (1 088 Husruke) vorbei, wenn er es mit Germanen in Verbindung bringt, die sich vor den Römern in einem Ruck hätten zurückziehen müssen, und scheitert am Wiener Ortsnamen Sievering (11 30 Sûveringen zum PN Sufheri), den er wegen seiner Ähnlichkeit mit dem im niederösterreichischen Donauraum von ca. 460—482 wirkenden spätrömischen Missionar Severin in Verbindung bringt. Schließlich glaubt Lazius in einer Reihe von Südund Osttiroler Ortsnamen indogermanischvoreinzelsprachlicher, romanischer, deutscher und slawischer Herkunft antike keltisch-rätische Volksstämme zu erkennen wie Pyrustres in Pustertal, Viruci in Virgen(tal), Boi in Bozen, Merromenes in Meran und Sennones in Sonnenburg. Für den Paßnamen Brenner (1328 Prenner ‘bei einem, der durch Brennen rodet’) kommt Lazius auf dem Umweg über den angeblich schon von den Griechen darauf bezogenen Bergnamen Pyrenaeus und das darin vermutete Appellativum πῦρ ‘Feuer’ zur durchaus akzeptablen sinnverwandten Deutung ab igne als deutsche Übersetzung. Nur gelegentlich beeinflussen solche gelehrte Volksetymologien die Ortsnamenschreibung. Obwohl der Name des Benediktinerstiftes Admont im steirischen Ennstal auf slawisch *adъmǫt- ‘ringsum anschwellend’ basiert und lautgerecht als Adamunta (1 006) eingedeutscht wurde, deutete es die mittelalterliche Gelehrsamkeit als lateinisches ad montem, was sich schließlich in der Schreibung durchsetzte. Als im 1 9. und frühen 20. Jahrhundert im Frühstadium wissenschaftlicher Namenforschung mit Hilfe der diachronischen Etymologie die Forschungsmethoden noch unzureichend entwickelt und vergleichende toponomastische Erkenntnisse noch ungenügend vorhanden waren, kam es trotz der Anwendung gegenstandsadäquater linguistischer Methoden zu damals zwar als wissenschaft-

lich geltenden Erklärungen, die aber heute überholt und wie gelehrte Volksetymologien einzustufen sind. So erklärte z. B. der germanistisch ausgebildete, verdiente niederösterreichische Namenforscher Richard Müller 1 884 das obengenannte Göttweig als Kompositum aus ahd. cot ‘deus’ und uuîch ‘vicus’ und damit als „Stätte, an der ein Gott wohnt oder verehrt wird“ und stellte 1 900 den niederösterreichischen Gewässernamen indogermanisch-voreinzelsprachlicher Herkunft Ybbs (837 Ipusa) zu got. ibuks ‘zurück’ und ahd. ippihhôn ‘sich drehen’. Von solchen mit fortschreitender Erkenntnis überholten, in bester wissenschaftlicher Absicht erarbeiteten Namenerklärungen des 1 9./20. Jahrhunderts müssen aber jene assoziativen volksetymologischen Deutungen getrennt werden, wie sie zum Teil wider besseres Wissen auch heute noch immer wieder von einzelnen ambitionierten Heimatforschern gegeben werden. Sie praktizieren dieses längst überholte, inadäquate Deutungsverfahren, weil ihnen die Ergebnisse anschaulicher, wirklichkeitsnäher und geschichtsträchtiger erscheinen als die ihnen mangels Voraussetzungen und Schulung unzugänglichen, oft schwierigen, nicht immer zweifelsfreien Erklärungen der wissenschaftlichen Etymologie. Sie werden leider in Laienkreisen meist auch für glaubwürdiger gehalten als die oft nüchtern wirkenden wissenschaftlich fundierten Ergebnisse. 2.2. Naive Zugänge Auch von heimatkundlich interessierten Einwohnern selbst wird immer wieder versucht, unverstandene Ortsnamen durch Anschluß an ein lautgleiches oder lautähnliches Wort des Dialektes oder der Schriftsprache zu motivieren (vgl. Ruoff, Art. 52). Oftmals werden solche volksetymologischen Erklärungen in geschichtsbezogene Sagen eingekleidet, so daß es sich dabei um Aitologien der betreffenden Namen (vgl. Sanders 1 975) handelt. Derartige gegenwärtige, zum Teil auch humoristisch gemeinte Erklärungen sind ohne Einfluß auf Form und Schreibung des jeweiligen Ortsnamens. Solche Beispiele aus Niederösterreich sind die beiden folgenden. Den Namen des Ortes Kematen im Ybbstal (1292 Chematen zu mhd. chemenâte ‘heizbares Wohngebäude’, als ON auch ‘sonnenzugewandter Siedlungsplatz’) erklärt man dort mit der Sage, daß die 1 683 von herumziehenden plündernden Türkenheeren bedrängten Bewohner auf befreiende kaiserliche Truppen gewartet und in

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ihrem Dialekt verzweifelt ausgerufen hätten „Wann’s nur schon kematen“ (der dialektale Konjunktiv II ‘kämen’). Den Namen von Maria Lanzendorf bei Wien (1 391 Lanzendorf zum PN Lanzo) führt man dort auf Funde römischer Lanzen zurück. Dabei mag die legendäre Geschichte des Wallfahrtsortes in barocken Historienbildern von 1 746 zusätzlich Pate gestanden haben, denn sie läßt an diesem Ort einen Markomannensieg des römischen Kaisers Marc Aurel 1 74 n. Chr. durch seine christliche XII. Legion stattfinden und diese zum Dank die erste Kultstätte errichten. Neben derartigen Motivierungen einzelner Ortsnamen gibt es auch zusammenhängende Erklärungen für die Namen einer Gruppe von benachbarten Orten. So zeigte das Marktwappen von Himberg bei Wien (1171 de Hintperge zu mhd. hinte ‘Hinde, Hirschkuh’), das auf das Wappen des gleichnamigen Ministerialengeschlechtes des 1 2. Jahrhunderts zurückgeht, bis ins 1 8. Jahrhundert eine auf einem Berg stehende Hinde, doch wandelte sich diese im 19. Jahrhundert zu einer Hündin (Rupp 1928, 42 ff.), weil dieses Wort im Dialekt Umlautentrundung aufweist und damit eine Neumotivierung des nicht mehr verstandenen ursprünglichen Tiernamens bot. Die Ortssage erzählt nun, diese Hündin habe nach der Türkennot von 1 683 als einziges Wesen überlebt und sich über das Wasser — westlich des Ortes lag bis um 1 920 der dann drainagierte, gegen 2 km lange Schadeteich — auf das Kirchbergl gerettet (Rupp 1928, 110). Von hier aus werden dann die auf ein und derselben Wegstrecke gelegenen benachbarten Orte Pellendorf (1 1 08 Pellindorf zum PN Pëllo), Zwölfaxing (1 1 1 5 zǒ Welfossingin zum PN *Welfohso) und Kettenhof (1 388 Jansen der Chetner von mhd. chettenære ‘Kettenmacher’) folgendermaßen erklärt: Eine Hündin sei in Kettenhof an der Kette gelegen, aber freigekommen und äußerst schnell entflohen, weil sie, wie man in Zwölfaxing sah, nicht weniger als zwölf Hachsen ‘Beine’ gehabt habe. In Pellendorf habe sie fest zu bellen begonnen und sei schließlich in Himberg auf dieser 6 km langen, in einem Lauf bewältigten Strecke vor Erschöpfung hin geworden.

motivierende schriftsprachliche Schreibung auf Grund einer regulär entwickelten dialektalen Aussprache. Sie braucht keineswegs, wie vielfach behauptet, erst das Ergebnis der amtlichen Katastralerfassung besonders der kleinsten Siedlungseinheiten der Rotten und Einzelhöfe sowie von Flurnamen am Ende des 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch oftmals gebietsfremde Beamte sein. Auch schon spätmittelalterliche Schreiber des 1 4.—1 6. Jahrhunderts haben in Urbaren und Urkunden solche formverändernde, neu interpretierende Schreibungen vorgenommen. Je nach dem Verhältnis von dialektaler Aussprache und schriftlicher Wiedergabe gibt es hier verschiedene Möglichkeiten einer Neumotivierung. 3.1.1. Phonetische Direktanzeigung mit dem dem dialektalen Phonem lautgleichen, doch diachron anderen Phonem/Graphem der Schriftsprache, was aus schriftsprachlicher Sicht bedeutungsverändernd wirkt So wird Frauendorf (N), das 1 299 noch korrekt Vrondorf heißt und somit auf mhd. vrô ‘Herr’ oder vrôn ‘dem Herrn gehörig’ zurückgeht, auf Grund der dialektalen Diphthongierung von mhd. ô vor Nasal zu [au] schon 1304 zu Vravndorf und damit nun Frau mit mhd. ou zugeordnet (Schuster 1 990, 51 ). Derselbe Vorgang trifft für Bauland (N) zu, das sich auf Grund von 1 290 Ponland als ‘Landstrich, auf dem Bohnen gebaut werden’ (zu mhd. pône) erweist und mit der neuen Schreibung wie für mhd. û ab 1 549 belegt ist (Schuster 1989, 225). Flohleiten (O) wird schon 1433 als Flochleittn wiedergegeben und geht auf flach zurück, das dialektal [flo:] lautet und schriftsprachlichem Floh entspricht (Bertol-Raffin/ Wiesinger 1 991 , 1 1 1 ). Mehrere Ortschaften auf Edel- wie Edelbach (N) und Edelhof (N) sind keineswegs ‘edel’, sondern enthalten das [e:-l] mit silbischem dentalem l ausgesprochene mhd. erle ‘Erle’, wie 1 21 0 Erlpach — 141 5 Edelbach und 141 5 Erlhof — 1 587 Edlhof zeigen (Schuster 1 989, 472). Durch Umlautentrundung und d-Assimilation wurde mhd. vröüde ‘Freude’ in Freinberg (N), das 1 372 noch als Frewdenperg bezeugt ist, zu [frainbεɐg] — erstmals 1596 Freinberg — und damit vom freudebringenden, ertragreichen zum abgabefreien Gelände (Schuster 1 990, 54). Die semantische Neumotivierung kann aber auch in dialektaler Schreibform erfolgen. Dies ist z. B. in Truckenstetten (N) der Fall,

3.

Volksetymologien mit formverändernden Auswirkungen

3.1. Volksetymologische Schreibungen auf Grund regulärer Aussprachen Die häufigste Art der volksetymologischen Formveränderung eines Ortsnamens ist die

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in dessen Personennamen Trutkêr aus Truhtgêr in 1 1 1 4 Truthkeristetin die Lautfolge -tkzu -kk- assimiliert und -er wie -en zu [ɐ] vokalisiert wurde, so daß [drukɐʃde:dn] mit dialektalem trucken ‘trocken’ lautgleich wurde und der Name schon 1392 mit Drukchensteten als wasserarmer, trockener Ort aufgefaßt wurde (Schuster 1 989, 444). Solche semantisch umgedeutete phonetische Direktanzeigen liefern bei älterer Bezeugung zugleich annähernde Datierungsmöglichkeiten für das Alter des jeweiligen dialektalen Lautwandels. Eine Variante dieses Typs ohne Niederschlag in der Schreibung ist die rezente volksetymologische Umdeutung eines Ortsnamens in der örtlichen dialektalen Aussprache, wenn sich eine jüngere Dialektaussprache an Stelle einer älteren einbürgert und dadurch ein bislang in Aussprache und Schreibung korrespondierender Ortsname auf Grund seiner neuen dialektalen Aussprache auch neu motiviert wird. So war im oberösterreichischen Innviertel die heute auf den Süden beschränkte Vokalisierung von mhd. il und ül zu [i:] früher auch im mittleren Bereich verbreitet und wurde dort von der nördlichen Diphthongaussprache [ui] zurückgedrängt. Davon werden nun auch Ortsnamen mit etymologisch anderem [i:] erfaßt, wie Minaberg (1 298 Mnichberg zu mhd. münich ‘Mönch’) und Münsteur (1 1 40 Munsture, mhd. münstre ‘Klosterkirche’), die zwar auch schon bisher, jetzt aber mit ihrem neuen dialektalen [ui] umso deutlicher als „Müllnerberg“ und „Mühlsteuer“ aufgefaßt worden (Bertol-Raffin/Wiesinger 1991, 153). 3.1.2. Wiedergabe des dialektalen Phonems mit dem diesem zugeordneten, doch anders realisierten schriftsprachlichen Phonem/Graphem, was aus schriftsprachlicher Sicht bedeutungsverändernd wirkt So geht Schiefeck (O) auf Scherfeck ‘scharf = spitz zulaufendes Gelände’ mit regulärem diphthongischem [iɐ] für mhd. e vor r zurück, so daß sich bei schriftsprachlicher Wiedergabe mit 〈ie〉/[i:] die neue Bedeutung schief und damit ‘abfallendes Gelände’ einstellt. Da dem dialektal diphthongischen mhd. uo der schriftsprachliche Monophthong 〈u〉/[u:] entspricht, konnten 1 363 Tttenperg und 1 508 Tuetendorf für Duttenberg (O) und Duttendorf (O) besonders ab dem 1 6. Jahrhundert auch als 1 551 Tutenperg und 1 51 4 Tutendorf wiedergegeben und so mit Tutte/Dutte ‘weibliche Brust’ assoziiert werden, was bei Duttenberg

besonders nahe liegt und dann auch die entsprechende Umbildung der dialektalen Aussprache auslöste (Bertol-Raffin/Wiesinger 1989, 31 ; 1991 , 2). Da offenes dialektales [ɔ] schriftsprachlichem 〈a〉/[a] entspricht, wird aus nasaliertem offenem [] in 1282 Freuntshausen durch Kürzung [], das dann zu 1 554 Frantzhausen und damit zur Umdeutung des mhd. Personennamens Vriunt zu Franz führt, so daß der Ort seither Franzhausen (N) heißt (Schuster 1 990, 48). Da eine häufige schriftsprachliche Entsprechung von dialektalem [a] der Diphthong 〈au〉/[au] ist, wird der unverstandene Gewässername 1 31 2 Erlaf (schon 832 Erlafa) zu 1466 Erlauff, heute Erlauf (N), sinnvoll neumotiviert (Schuster 1 989, 51 7). Auch das etwas kompliziert zustande gekommene Haringsee (N), das die dialektale Aussprache des im Süßwasser nicht vorkommenden Meeresfisches Hering (mhd. häring, in Österreich bis ins 1 8. Jahrhundert Haring/ Häring geschrieben) enthält und den See-Namen plausibel macht, ist hier zu nennen. Seine älteste Überlieferung 1 1 96 Horgwense entpuppt es als mhd. *ze hörwegen sê(we) ‘beim schmutzigen, kotigen See’, dessen ö vor r zu dialektal offenem [ε] entrundet und über die Korrespondenz von [ɔ]—[ε] für mhd. ô—oe und o—ö vor r in jene von [ɔ]—[a] für mhd. a—ä hinübergezogen wurde, so daß mit den üblichen frühnhd. Wiedergaben von mhd. ä als 〈a, , ê〉 und der Anpassung der Endung -gen an das häufige Ortsnamensuffix -ing 1429 Haringsee, 1456 Hêringsee zustande kam (Schuster 1990, 216). 3.1.3. Neumotivierung bei gleichbleibender dialektaler Aussprache, wenn die Schriftsprache dialektal neutralisierte Phonemoppositionen beibehält und in der Schreibung hyperkorrekt das diachron-etymologisch nicht entsprechende Graphem eingeführt wird Häufig ist dies bei dialektaler Umlautentrundung mit dem Zusammenfall, doch schriftsprachlich weiterhin geltender Trennung des palatal-gerundeten und palatal-ungerundeten Phonems der Fall. Darauf beruht der Wandel von 1 363 Hollczleiten ‘Waldabhang’ (mhd. lîte) zu 1474 Holczlewten ‘Waldleuten’ (mhd. lte) für heute wieder korrekt geschriebenes Holzleiten (O, Bertol-Raffin/Wiesinger 1 989, 77) und umgekehrt von Dürrbauer ‘Bauer auf dürrem, trockenem, wenig ertragreichem Boden’ zu besonders einsehbarem Tierbauer ‘Viehzüchter’ (O, Bertol-Raffin/Wiesinger 1991, 127). Ähnlich liegen die Verhältnisse bei

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regulärem 1171 Uolsenberg, 1396 Völsenperig mit dem slawischen Personennamen *Bolešь, das zu Felsenberg (N) umgeformt wurde (Schuster 1990, 18). Auch die Umdeutung des auf mhd. üe zurückgehenden dialektalen Diphthonges [iɐ] zu schriftsprachlich entsprechendem 〈ir〉 auf Grund des vollständigen dialektalen Zusammenfalles von mhd. ir—ür und mhd. ie—üe, wodurch 1 271 Huetenberch mit dem im Genitiv umgelauteten Personennamen Huoto zu Hirtenberg (N) ‘Berg, wo sich Hirten aufhalten’ wird (Schuster 1 990, 276), gehört hierher. Bei 1 41 7 Eybenbach ‘Bach, an dem Eiben wachsen’ (mhd. îbe) bewirkte der Labial Rundung und Assimilation zu [aym], das dadurch mit der durch lVokalisierung entstandenen Lautfolge 〈eil〉/ 〈eul〉 identisch wurde und schriftsprachlich entsprechend zu Eulenbach (N) ‘Bach, an dem Eulen leben’ umgedeutet werden konnte (Schuster 1989, 527). Auch heute verschwundene ältere Beziehungen zwischen niederer und höherer Sprachschicht können in der von der höheren Sprachschicht bestimmten Schreibung einen umdeutenden Niederschlag finden. So wurde das Grundglied von 1 260 Hohenaich dialektal bei ch-Schwund als [ɔɐ], aber in der von der höheren Herrensprache abhängigen frühneuhochdeutschen Lesesprache als [a:] realisiert, so daß der Name dort wegen der selben Aussprache von mhd. ou von ‘bei der hohen Eiche’ zu Hohenau (N) und damit ‘bei der hochgelegenen Au’ umgedeutet werden konnte (Schuster 1990, 290). 3.2. Volksetymologische Neumotivierungen durch lautliche Veränderungen Während die bisher besprochenen volksetymologischen Umdeutungen auf dem Verhältnis von Aussprache und Schreibung beruhen, kommt ein weiterer Teil durch assoziative Formveränderungen im Gesprochenen zustande, indem ein nicht mehr verstandener Ortsname durch kleine lautliche Veränderungen an einen Personennamen oder ein Appellativum des aktuellen Wortschatzes angepaßt und dadurch neu motiviert wird. Obwohl auch hier ein gewisses Zusammenspiel von Phonologie und Graphemik besteht, lassen manche Namenforscher bloß solche Veränderungen als echte Volksetymologien gelten, weil nur sie den normalerweise lineargenetischen, lautgesetzlichen Entwicklungsgang von Ortsnamen an einem gewissen Punkt ihrer Tradierung unterbrechen. Anhand von Beispielen versuchen wir im folgenden die möglichen Gründe für die Umgestal-

tung und damit verschiedene Deutungstypen zu ermitteln, ohne daß solche mit Formveränderung verbundene Neumotivierungen systematisch erfolgen würden. 3.2.1. Neumotivierung durch Anschluß obsolet gewordener Personennamen und Appellativa an aktuelle Personennamen So wird der PN Marzo in 1 1 80 Merczenmos zunächst zu 1 532 Märtzlmoss diminuiert und schließlich das unverstandene Diminutiv auf Grund seiner Aussprache mit [a] zum Diminutiv von Max als Maximoos (O) umgeformt (Bertol-Raffin/Wiesinger 1989, 23). Hubertendorf (N) basiert als 1 270 Herbortendorf auf dem PN Herborto und wird noch 1 728 Herbedendorf geschrieben, ehe das 1 9. Jahrhundert dafür den geläufigen PN Hubert einsetzt (Schuster 1990, 310). Der aus dem Appellativ pûman ‘Bauer’ hervorgenangene und diminuierte PN Pûmanlîn in 1 1 66 Paumlinesperg wird bei Monophthongierung, Vernäselung und Suffixabschwächung zu [pã:lɐs-] in 1433 Päleinsperg, so daß er bei Vernachlässigung der Nasalierung mit dem einst ebenfalls zu Pal monophthongierten Apostelnamen Paulus assoziiert und zu Paulusberg (O) umgeformt wird (Bertol-Raffin/Wiesinger 1 99 , 1 108). 3.2.2. Neumotivierung durch Anschluß obsolet gewordener Personennamen und Appellativa an aktuelle Standesund Volksgruppenbezeichnungen, was oftmals mit Aufwertung verbunden ist Unverstandenes ahd. prunissa ‘Brandrodung’ in 1120 Prunsin-, 1258 Prnssendorf wird bei Umlautentrundung schon 1 41 3 zu Printzendorf, heute Prinzendorf (N, Schuster 1 989, 341 ). Schon 1 292 wird der PN Chunihôh in 971 Chunihohestetin zu Chunigsteten, 1 429 Künigstetten und damit zu König in Königstetten (N, Schuster 1 990, 402) umgebildet. Hauptmannsberg (N) basiert auf 1 31 6 Haertweigsperg mit dem PN Härtwîg, der schon in 1 490 Happnsperg als phonetische Direktanzeige die Umbildung zum Appellativ aufweist und dann in regulären Schreibungen 1 522 als Hetmanns- und 1587 als Hauptmannsperg auftritt (Schuster 1990, 236). Heutiges Chorherrn (N), das als 1 1 43 Charcharen auf mhd. charechæren ‘bei den Karrern, Fuhrleuten’ zurückgeht, erfuhr seine Umdeutung bereits mit 1377 Chorhern in Anlehnung an die Chorherren des nicht weit entfernten Stiftes Kloster-

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neuburg (Schuster 1 990, 404). Mhd. jugent zur Bezeichnung des Jungwaldes wurde zu Juden umgebildet, so in Fischerjuden (O, 1363 Jugent), Daxjuden (O, 1532 Hanns Dachs am Jugn) und Schimmerljuden (O, 1 350 Jugen, 1787 Schirmerljuden; Bertol-Raffin/Wiesinger 1989, 38, 41, 45). 3.2.3. Neumotivierung durch Anschluß von Personennamen an charakterisierende, aufwertende Appellativa, vor allem in Burg- und Hofnamen So wird der ursprünglich auf die Burg bezogene Ortsname 1 1 20 Walchenstein zum PN Walcho schon rasch mit 11 35 Valchinstein zu Falkenstein (N) und der Hofname Adelsperig (13. Jh.) mit dem PN Adal zu 1580 Adlesperg und heutigem Adlersberg (O) mit Bezug auf die ritterlich-höfischen Vögel Falke und Adler umgebildet (Schuster 1 990, S. 8; Bertol-Raffin/Wiesinger 1991, 1 ). Auch Gutenhofen (N), schon 1220 Gutenhouen aus 1151 Gottenhoven zum PN Gotto ist hier zu nennen (Schuster 1990, 186). 3.2.4. Religiöse Neumotivierung obsolet gewordener Personnamen und unverstandener syntaktisch eingebetteter Ortsnamen Das schon 1 31 0 als Tausentengel bezeugte Tausendengel (O) basiert mit 1303 Tausenengel auf dem mit dem PN Tûso kombinierten Diminutiv von mhd. enge ‘Enge, schmales Tal’ als engelîn (Bertol-Raffin/Wiesinger 1 989, 102). Ebenso wurde das mit dem Bachnamen Enknach (PN Anko und ahd. aha ‘Fluß’) gebildete Englberg (O, 1240 von Enchnahberge) umgebildet (Bertol-Raffin/Wiesinger 1 989, 103). Die mit Gott und Gnade neumotivierten Orte Gottsberg (N) und Gnadendorf (N) enthalten die unverstandenen PN Gozzo (1 237 Gozzinsperg — 1380 Gotsperge) und Gnanno (1120 Gnannendorf — 1669 Gnadendorf; Schuster 1 990, 1 33, 1 1 8). Die unverstandene syntaktische Einbettung mit der Präposition [dsɐn] aus mhd. ze dem/den schafft die normalerweise mit Heiligennamen nach den Kirchenpatrozinien gebildeten Sankt-Namen St. Freien (N, 1422 dacz den Frein ‘bei den [Abgabe]freien oder Freigeborenen’) und St. Haus (N, 1491 zum Haus; Schuster 1990, 53, 236). 3.2.5. Sagenhaft-mythische Neumotivierung von Personennamen und Appellativen Der Name des bestehenden Dorfes Venusberg (N) geht, wie die Namen zweier abgekom-

mener Dörfer als 1 527 Fenisberg und 1 555 Vennesperg zeigen, auf den Übernamen Fenis/ Fenes (zu mhd. venichel ‘Fenchel’) zurück und wurde schon 1536 als Venusberg mit der Tannhäusersage in Verbindung gebracht (Schuster 1 990, 1 9). Obwohl Elechse ‘Traubenkirsche’ ein aktuelles Dialektwort ist, wird Elexlochen (O, 1532 Elxenlauch) in der örtlichen Dialektaussprache zu [hεksnlɔu] ‘Hexenloch’ umgebildet, weil das Zweitglied nicht mehr als ‘Buschwald’ (mhd. lôch) verstanden wird (Bertol-Raffin/Wiesinger 1989, 35). 3.2.6. Neumotivierung durch Anschluß unverstandener Personennamen und Appellativa an einsichtige Appellativa Dieser Vorgang betrifft sehr häufig Ortsnamen mit slawischen Personennamen, die zu Eigenschaftswörtern als Erläuterungen des Grundgliedes umgebildet werden wie in Trübensee (N) aus 971 Trebinse wohl zum slaw. PN Treban und Dunkelstein (N) aus 1140 Domechinstein zum slaw. PN Domecha als 1365 Tungkelstain (Schuster 1 989, 443, 448). An Speisebezeichnungen angeschlossen werden Schmalzhofen (O) aus 1 240 Swalishofen mit dem PN Swali zu 1532 Schmaltzhofen (BertolRaffin/Wiesinger 1989, 107), Krapfenberg (N) aus 1394 Chappenperig zu mhd. chaphen ‘Ausschau halten’ als 1591 Krapffenberg (Schuster 1990, 412) sowie Äpfelgeschwent (N), ein Rodungsname, aus 1 1 75 Hepfengeswende mit dem PN Hapfo zu 1357 Öphelgeswent (Schuster 1989, 185). Neue Örtlichkeitsbezeichnungen ergeben sich in Kochholz (N) aus 1 339 Choboltz als genetivischer ON mit dem Übernamen Kobold (Schuster 1 990, 396); Amstall (N, mit Endbetonung) aus 1 1 08 Humistal, 1 302 Aumstal zum PN Ûmi (Schuster 1 989, 1 76); Hochkuchl (O) als ‘hochgelegene Küche’, indem der in 1150 de Hohenchuchen enthaltene dativische Lokativ von ahd. *chohho ‘Erhebung’ als mhd. kuche ‘Küche’ aufgefaßt wird und so die bairische Umbildung zu Kuchl in 1 363 Hochkuchel erfährt (Bertol-Raffin/ Wiesinger 1 991 , 1 0). Eine Motivierung des Baubestandes schafft Hütteldorf, ein Stadteil des 1 4. Wiener Gemeindebezirkes, indem 1 1 56 tendorf mit dem umgelauteten PN Uoto zum Diminutiv von Hütte als 1440 Huttel-, 1 572 Hüeteldorf umgebildet wird (Schuster 1 990, 31 5). Manche neumotivierende Umbildungen sind in bezug auf die Örtlichkeit nicht einsichtig und erhalten erst nachträglich eine aitologische Erklärung wie das Hochzeit bedeutende und 1 593 auch als solches schon bezeugte Hochzeth (O), das als

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V. Namensemantik

1 470 Haczan, 1 51 3 Hochtzern auf mhd. haczûn ‘Abzäunung durch Gebüsch’ oder auf mhd. ze den hatzern ‘bei den Hetzern = Jägern’ zurückgeht (Bertol-Raffin/Wiesinger 1991, 46), Almosen (N), ein genitivisches 1317 Almars vom PN A(da)lmâr (Schuster 1 989, 1 64) oder Frühwärts (N) bzw. dialektales ‘Frühwirds’ aus genitivischem 1230 Fribredzs vom PN Vrideprëht (Schuster 1990, 63). An zeitlich knapp aufeinander folgenden Belegen mit der ursprünglichen Bildung und ihrer volksetymologischen Umformung wie Falkenstein und Tausendengel wird deutlich, daß im Falle des Fehlens echter Erstbezeugungen die Ermittlung von Volksetymologien schwierig sein kann oder solche überhaupt nicht erkennbar sind. 3.2.7. Neumotivierung in humoristischer Absicht Einen Sonderfall der Neumotivierung von Ortsnamen bewirken schließlich humoristisch gemeinte, scherzhafte Umbildungen, wie sie als Spiel mit Sprache besonders in intellektuellen Kreisen vorkommen. So wird etwa in Wien das österreichische Bundesland Steiermark gerne zu St. Eiermark umgeformt, wozu einerseits das Autokennzeichen ST und andererseits die Belieferung der Stadt mit Eiern und Hühnern Anlaß gibt. Uneinsichtige Schreibungen verleiten zu französischen Aussprachen wie Pointengasse im 17. Wiener Gemeindebezirk (zu mhd. piunte ‘eingezäuntes Grundstück’) als [bũãtn-] oder des niederösterreichischen Dorfes Rotheau (1 320 Radichow zum slaw. PN Radecha) in der Stadt St. Pölten zu [ro’do:]. Schließlich entbehren auch naive Zugänge oft nicht belustigender, humoristischer Züge (vgl. 2.2.).

dem Mittelalter ererbten Wappentradition volksetymologisch bedingte Bildveränderungen wie im Falle von Himberg (vgl. 2.2.), oder Wappenbilder werden unter volksetymologischem Einfluß neu geschaffen. So zeigt das Wappen des Salzburger Marktes Henndorf (8. Jh. Hohindorf zu mhd. hôch) nach der volksetymologischen Aussprache [he:ndɔɐf] und der Schreibung eine Henne, in Oberösterreich das Wappen der Stadt Schärding (804 Scardinga zum PN Skardo) schon seit 1 386 auf Grund der dialektalen Aussprache [ʃa:riŋ] eine Schere, dialektal [ʃa:], des Marktes Offenhausen (1 1 40 Offenhusen zum PN Offo) wegen dialektalem [ɔf] seit 1 579 einen Affen und des Marktes Raab (1084 Rurippe, zu mhd. rûh ‘rauh, mit Gestrüpp bewachsen’ und rippe ‘Rippe, Geländeerhebung’) seit 1813 nach der Schreibform einen Raben. Von Tragwein (1 230 Tragen zum slaw. PN Dragonъ) mit einem Weinfaß auf einer Trage seit 1 750 erzählt die Sage, daß beim Kirchbau, nachdem das Wasser ausgegangen war, zum Mischen des Mörtels, damit keine Bauverzögerung eintritt, aus den Kellern Wein herbeigetragen wurde. 4.3. Niederschlag in aitologischen Sagen Der Ursprung vor allem von Klöstern, Wallfahrtskirchen und Burgen und ihrer Namen wird gerne mit aitologischen Sagen erklärt. Dies gilt nicht nur für volksetymologisch neu motivierte Ortsnamen, sondern auch für richtig verstandene, wenn das Benennungsmotiv merkwürdig anmutet. So wird von der steirischen Wallfahrtskirche Maria Rehkogel in Frauenberg bei Kapfenberg (1 363 am Rechchogel, zu mhd. rêch ‘Reh’) erzählt, ein von Jägern verfolgtes Reh sei an einem Baum zusammengebrochen, in dessen hohlem Stamm ein Marienbild entdeckt wurde, so daß man den Ort nach dem Reh benannt habe. Volksetymologisch motiviert ist die Gründungslegende des steirischen Wallfahrtsortes Maria Buch bei Judenburg (925 Puoch ‘Buchenwald’). Sie erzählt, Eleonore, die Gemahlin Kaiser Friedrichs III., habe sich 1455 im Wald aufgehalten und ihr wertvolles Gebetbuch verloren und gelobt, an der Stelle seiner Auffindung eine Marienkirche zu erbauen. Von Klöstern werden oft gelehrte lateinische Volksetymologien berichtet (vgl. 2.1 .). So erzählt eine Chronik des 1 7. Jahrhundert vom steirischen Kloster Seckau, der Graf Adelram von Waldeck wollte, nachdem seine Gründung im Murtal dauernd überfallen und ausgeraubt wurde, diese an einen

4.

Auswirkungen von Volksetymologien

Die Auswirkungen volksetymologisch neu motivierter Ortsnamen sind hauptsächlich dreifacher Art. 4.1. Niederschlag in der offiziellen amtlichen Schreibung Wie die Beispiele gezeigt haben, ist dies nicht erst eine neuzeitliche Erscheinung, sondern geschieht oftmals bereits im Spätmittelalter. 4.2. Niederschlag in Ortswappen Da in Österreich Städte und Märkte Wappen führen dürfen, gibt es einerseits in der aus

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sichereren Ort verlegen, wußte aber nicht wohin. Als er nun auf einer Jagd ermüdet im Wald eingeschlafen war, erschien ihm im Traum die Muttergottes und rief ihm zu „Hic seca“. Wahrscheinlich erklärte man den Namen slawischer Herkunft schon im Mittelalter auf diese Weise, wie die häufige, ungewohnte Schreibung mit cc statt mit kk, gk 1 1 42 Seccowe (slaw. Žekova zu žekti ‘brandroden’) vermuten läßt. Von der niederösterreichischen Burg Greifenstein (11 35 Grifinsteine zu mhd. grîfe ‘Greif’ oder dem davon abgeleiteten PN Grîfo) wird in mehreren Varianten eine Sage erzählt, an deren Ende ein namenmotivierender Schwur steht, der an einem im Burghof befindlichen ausgehöhlten Stein zu leisten ist: „So wahr ich greife in den Stein“. Die meisten dieser namenbegründenden Sagen enthalten auch ein Körnchen historischer Wahrheit, so die Erbauung der gotischen Wallfahrtskirche Maria Buch um 1 450/60 und die Verlegung der Erstgründung von Seckau.

reich 1). Wien. Bertol-Raffin, Elisabeth, Wiesinger, Peter (1 991 ): Die Ortsnamen des Politischen Bezirkes Ried im Innkreis (Ortsnamenbuch des Landes Oberösterreich 2). Wien. Christmann, Ernst (1 937): Zur Frage der Volksetymologie. In: Teuthonista 13, 1—8. Förstemann, Ernst (1 852): Über deutsche Volksetymologien. In: Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung 1, 1—25. Koch, Max (1 963): Volksetymologie und ihre Zusammenhänge. In: Beiträge zur Namenforschung, 162—168. Müller, Richard (1 884): Altösterreichisches Leben aus Ortsnamen. In: Blätter des Vereines für Landeskunde von Niederösterreich 18, 101—121. Panagl, Oswald (1 982): Aspekte der Volksetymologie (Innsbrucker Beiträge zur Sprachwissenschaft, Vorträge und Kleinere Schriften 30). Innsbruck. Pöttinger, Josef 1 950): ( Niederösterreichische Volkssagen. Wien. Rupp, Leopold (1 928): Himberg. Ein Heimatbuch. Wien. Sanders, Willy (1 971 —1 975): Zur deutschen Volksetymologie. 1 . Terminologische Prolegomena. 2. Linguistische Analyse volksetymologischer Erscheinungsformen. 3. Volksetymologie und Namenforschung. In: Niederdeutsches Wort 1 1 (1 971 ), 1 —6; 12 (1972), 1—15; 15 (1975), 1—5. Sann, Hans von der (1 890): Sagen aus der grünen Mark. Graz. Schuster, Elisabeth (1 989/90): Die Etymologie niederösterreichischer Ortsnamen. 2 Bde. Wien. Wiesinger, Peter (1 992): Zur Morphologie der bairischen Ortsnamen im Althochdeutschen. In: Philologie der ältesten Ortsnamenüberlieferung. Hrsg. von Rudolf Schützeichel (Beiträge zur Namenforschung NF, Beiheft 40). Heidelberg, 355—400.

5.

Literatur (in Auswahl)

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Peter Wiesinger, Wien (Österreich)

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1. 2. 3. 4. 5. 6. Introduction Naming Tales Jocose False Etymology Misunderstandings Conclusion Selected Bibliography

1.

Introduction

In his introductory and pioneering book, Brunvand (1968) wrote:
Place names, both for geographic features and for communities, have been more thoroughly re-