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VIII. Historische Entwicklung der Namen

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Joaquín Gorrochategui, Vitoria (Spain)

110.Alteuropäische Gewässernamen
1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. Der Begriff „Alteuropäische Namen“ Verbreitung und Grenzen der alteuropäischen Namen Kontinuitätszentren der alteuropäischen Namen Zur Datierung der alteuropäischen Namen Alteuropäische Namen und alteuropäische Sprache? Die Kritiker der alteuropäischen Namen Zusammenfassendes Literatur (in Auswahl)

1.

Der Begriff „Alteuropäische Namen“

Soll ein Gewässername das Attribut alteuropäisch erhalten, muß er folgende Bedingungen erfüllen (vgl. Schmid 1982; 1983 a; 1990): (a) Er darf nicht aus einer der Sprachen (oder ihrer älteren Vorstufen) erklärbar sein, die an dem von ihm benannten Gewässer gesprochen werden oder wurden. (b) Er muß ein indogermanisches (idg.) Etymon und die morphologische Struktur eines idg. Erbwortes haben. (c) Seine Semantik muß im Wortfeld „Wasser, Fließen, Flüssigkeit“ bzw. im Feld der Eigenschaften des Wassers liegen. (d) Der Name muß ein in Europa fließendes oder stehendes Gewässer benennen. (e) Er muß in Europa mindestens einen altertümlichen wurzel- und strukturverwandten Namen als Entsprechung haben. Als Beispiel möge der Name der Elz (rechter Nebenfluß des Neckar) dienen: Die ältesten Belege 1416 wasser genant Ellentz, Ortsname (ON) 773 in villa Alantia (vgl. A. Schmid 1962, 24) erlauben eine Interpretation *Alantia. Es gibt weder im Keltischen noch im Germanischen eine Wurzel *el-/*ol-, die als einzelsprachliches Etymon für diesen Namen in Anspruch genommen werden könnte (a);

es gibt aber eine idg. Wurzel *el-/*ol- „in Bewegung setzen, fließen“, die in der Gewässernamengebung weit verbreitet ist, so daß *Alantia als ursprüngliche P artizipialbildung dieser Wurzel aufgefaßt werden darf (b, c, d); mit dem Namen der Elz vergleichbar sind Aland (Elbegebiet), Alantà (Litauen), möglicherweise auch Alonta (älterer Name des Terek, Kaukasus), (weitere Namen bei Krahe 1964, 35 ff.). — Es ist zu beachten, daß meist die größeren Flüsse einen altertümlichen Namen tragen, dennoch darf die Länge des Flusses kein Kriterium sein, denn es gibt auch kleinere, die auf topographischen Karten im Maßstab 1:25.000 noch erfaßt werden, mit solchen Benennungen. 1.1. Erläuterungen Zu (a): Aus der Anwendung der in (1) genannten Kriterien ergibt sich ein Netz voreinzelsprachlicher Namen, das ganz Europa in unterschiedlicher Dichte überzieht. Diese Erkenntnis und ihr Terminus ‘alteuropäisch’ (der sich definitionsgemäß von nicht-terminologisch gebundenen Gebrauchsweisen der P rähistoriker unterscheidet) verdankt man Hans Krahe (1949; 1954; 1964). Schon vor ihm hatten Ferguson (1862), Būga (1913), Vasmer (1913), Rozwadowski (1948) Gewässernamen miteinander in der Weise verglichen, daß ihre Zuweisung zu einer Einzelsprache ausschied. Den Eindruck der Vernetzung verstärken die an den verschiedenen Wurzeln wiederkehrenden Suffixe. Es stellen sich Namenreihen vom Typ Al(i)a—Al(a)va—Alma—Alna—Alara—Alant(i)a—Alsa— Alesta—Alta heraus (Krahe 1964, 65). Auftretende Lücken können häufig durch entsprechende Bildungen im appellativischen Wortschatz aufgefüllt werden (vgl. lat. aqua — *Aquara [Acher → Rhein] — *Aquantia

110.  Alteuropäische Gewässernamen

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[Echaz → Neckar]). Auch diese Verflechtung weist auf den gut idg. Charakter der alteuropäischen Hydronymie, darf aber nicht dazu führen, einzelne Namen herauszubrechen und mit einer gesonderten Erklärung auszustatten (vgl. zu (c), unten (5)). Zu (b): Die alteuropäische Gewässernamengebung setzt die Gesamtheit des idg. Wortschatzes voraus, also auch den derjenigen Sprachen, die in ihrer historisch bekannten Heimat nicht an der Hydronymie beteiligt sind (Hethitisch, Indoiranisch, Tocharisch, Griechisch). Das bedeutet zugleich, daß die in den Einzelsprachen notwendige Unterscheidung in primäre und sekundäre Ableitung nur noch begrenzt Anwendung finden kann (wenn z. B. aus der Reihe Ala — Alma ..., Alma selbst wieder eine neue Reihe mit *Almara—*Almantia bildet). Außerdem muß auch auf die im einzelsprachlichen Bereich übliche Realprobe verzichtet werden, weil die etymologische Reduktion feine Bedeutungsunterschiede zwar voraussetzt, aber nicht mehr erkennen läßt (Schmid 1989). Die alteuropäischen Namen (AN) sind in der Regel einstämmige Bildungen der Struktur: Bedeutungstragende Wurzel + Ableitungssuffix(e) + Flexionssuffix. Reine Konsonantstämme (Arar) bleiben die Ausnahme. Zu (c): Dieser P unkt führt auf der einen Seite zu einer erheblichen, aber vorteilhaften Einengung der in Frage kommenden Etyma (P okorny 1959 zählt z. B. 11 unterscheidbare Wurzeln *a- auf, von welchen nur Nr. 9 „benetzen, befeuchten, fließen“ für die Reihe Ava ... in Frage kommt, oder 6 Wurzeln *el/*ol-, von denen nur Nr. 6 „treiben, sich bewegen“ in den AN verwendet wird), auf der anderen Seite ergeben sich aber auch Entscheidungsschwierigkeiten. Der Keltist wird den Namen des Rheins (Rhenus) für keltisch halten (Greule 1985, 2090), denn es gibt mittelir. rían „Meer“ (der Flußname (FlN) Reno in Bologna ist keltisch!), der Germanist wird den Namen der Aura in Südfinnland für germanisch erklären, denn es gibt altnord. aurr „Kies“ und der Baltologe wird den Namen der lit. Alantà baltisch erklären können, denn es gibt lett. alots < *alantas) „Quelle“. Nach Kriterium (a) müßten also diese Namen einzelsprachlich erklärt werden und damit jeweils eine Lücke aufreißen in der Verbreitungskarte dieser Namen. Tatsächlich aber weisen die Verbreitung der Namen, Genusund Bedeutungsdivergenzen darauf hin, daß diese Namen in voreinzelsprachliche Zeit zurückreichen müssen. Ähnliche P robleme tauchen auf, wenn man den Namen der ostpreu-

ßischen Alle (heute Łyna) mit altpr. alne „Tier, Hirsch“ (Toporov 1975, 77 f., Biolik 1987, 138 f.) oder die Alma-Namen mit lat. almus (Andersson 1988, 77) verbinden will. Im ersten Fall kann generell gesagt werden, daß Gewässer von der Länge der Alle nicht mit Tiernamen ohne jegliche Ableitung identifiziert werden dürfen (Schröder 1944, 343 f.), im zweiten spricht schon die Verwendungsweise von lat. almus (klassisch nie auf Gewässer bezogen, Schmid 1989, 19 f.) dagegen. Methodisch aber gilt, daß die Lokalforschung, die einzelsprachliche Deutung, solange den Vorrang hat, bis ihr von anderen Kriterien (c, e) widersprochen wird. Zu (d): Dieses Kriterium ist als Schutzmaßnahme gegen voreilige Ausweitungen der Alteuropa-Theorie zu verstehen, denn es gibt z. B. in Kleinasien eine Reihe von Gewässernamen, die mit bestimmten Zusatzannahmen die Kriterien a, b, c, e erfüllen, aber dennoch nicht zum alteuropäischen Gewässernamennetz gehören. So hat z. B. Neumann (1988, 20) den FlN Γευδις in NW-Kleinasien zur Wz. ĝheud- „gießen“ gestellt und ihn damit mit europäischen Gewässernamen verbunden. Wendet man auf eben diese Wurzel eine „pelasgische“ Lautvertretung an (wie in griech. πύργος kleinasiat. ON Πέργη, Πέργαμος, dann ließe sich auch der kilikische FlN Κυδνος (Xen. An. 1, 2, 23, Zgusta 1984, 309) zu dieser Wurzel stellen. Ob man diese Namen als Import aus dem Balkan (wie die Namen der P hryger, Lyder, Myser auch) versteht oder als Spuren eines idg. Substrats und damit als Vorläufer der AN oder aus Beweisnot nur als kleinasiatisch einstuft, ist gegenwärtig nicht entscheidbar. In jedem Falle aber bleiben sie vereinzelt und außerhalb des alteuropäischen Namennetzes. Zu (e): Die Bedeutung dieses P unktes läßt sich am Beispiel des poln. Gewässernamens Skawa (→ Weichsel) demonstrieren (Schmid 1991). Er läßt sich mit AN wie Drava, Plava, Rava, Sava seiner Struktur nach vergleichen und mit anderen Ableitungen wie dt. Schauer, Schaum (< *skūra-, *skūma-) verbinden, es fehlt ihm nur eins, eine P arallele innerhalb der AN, so daß seine Zugehörigkeit zu den AN offen bleiben muß (er fehlt deshalb bei Udolph 1990).

2.

Verbreitung und Grenzen der alteuropäischen Namen

Nach Krahe (1964, 32 f.) dehnt sich das Netz der AN „von Skandinavien bis nach Unteritalien, andererseits von Westeuropa ein-

758

VIII. Historische Entwicklung der Namen

schließlich der Britischen Inseln bis zu den baltischen Ostseeländern“ aus. Die Frage der Ostgrenze konnte inzwischen mit Einbeziehung des slavischen Bereichs bis an den Don verschoben werden (Udolph 1990, 28—60). Eine weitere Landgrenze zeichnet sich in Nordgriechenland ab (Schmid 1983 b). Ob Krahe (1964, 33) mit seinem Satz: „Während die alteuropäische Hydronymie nördlich der Alpen dem ältesten uns überhaupt noch erreichbaren Sprachgut zugehört, ist sie in Südfrankreich und den Mittelmeerländern erst sekundär eingeführt worden und hat dort ältere Schichten überlagert“ Recht hat, ist sowohl im Hinblick auf die Verhältnisse nördlich der Alpen (s. 6.), als auch im Hinblick auf ihren sekundären Charakter etwa in Italien, eine offene, bisher nicht zufriedenstellend gelöste Streitfrage (vgl. auch Schmid 1985). Es bleibt die Tatsache, daß man in P ortugal, Spanien, Südfrankreich, Italien, Griechenland und an der Schwarzmeerküste Gewässernamen finden kann, die sich nicht mit den in 1. angegebenen Kriterien in Einklang bringen lassen. Dagegen scheinen im nördlichen Baltikum die baltischen und alteuropäischen Namen älter als die ostseefinnischen Namen zu sein, da sich hier die ältesten Flußnamen als idg. erweisen, während sich der ostseefinnische Einfluß erst in jüngeren Gewässernamen und vor allem in Ortsnamen nachweisen läßt (Schmid 1988 a; 1989 gegen Kilian 1986).

3.

Kontinuitätszentren der alteuropäischen Namen

Es widerspräche jeglicher Erfahrung, wollte man annehmen, daß die Gewässernamengebung auf einem so weiten Gebiet wie man es für die AN annehmen muß, völlig einheitlich wäre. Selbst wenn man berücksichtigt, daß durch die Methode des Vergleichs und der Rekonstruktion lautliche Unterschiede, Bedeutungsdifferenzen, durch historische Verschiebung der Sprachgrenzen auch morphologische Verschiedenheiten verwischt werden, und die Bearbeitung des Materials noch weit von einer flächendeckenden Vollständigkeit entfernt ist, lassen sich doch Differenzen sowohl in der Verteilung der zugrundeliegenden Lexeme als auch in der Art der Ableitung der Namen beobachten (z. B. sind -Ableitungen im Westen selten, im Osten häufig, -nt-Ableitungen verlieren im Osten außerhalb des Baltischen völlig an Bedeutung). — Es hat sich aber herausgestellt, daß das baltische Sprach-

gebiet ein Häufigkeitszentrum der AN bildet (Schmid 1972), d. h. sehr viele (aber nicht alle) altertümlichen Gewässernamen, gleichgültig wo man sie in Europa entdeckt, haben eine mehr oder weniger genaue Entsprechung im Baltikum. Die Frage ist nur, wie man das Häufigkeitszentrum interpretiert. Es darf nicht als Ausstrahlungsraum verstanden werden (Trubačev 1991, 28, 76 f.), sondern muß als Kontinuitätszentrum angesehen werden, in welchem eine Besiedlungskontinuität die Tradierung der Namen auch durch verschiedene sprachliche Überlagerungen hindurch gewährleistet. In diesem Sinne ist zu erwarten, daß es auch noch andere solcher Kontinuitätszentren innerhalb der AN gibt. Ein zweites existiert offensichtlich im Rheingebiet, besonders im Bereich der Mosel (Kleiber 1983; P fister 1983). Die Kontinuität, die zunächst für die keltisch-romanisch-germanischen Sprachbeziehungen bewiesen wurde, gilt auch für die AN. So ist es kein Zufall, daß gerade Nava (= Nahe) = lit. Nóva zu den frühest bekannten Namengleichungen gehört, sondern daß noch eine ganze Reihe weiterer AN beide Zentren miteinander verbinden. Der Name der Saar (Ausonius: Sarāvus) gehört mit lit. FlN Sarià in die Reihe Sar(i)a— Sar()va—Serma—Sarnus—Sarta; dem Namen der Moder (702 Matra) entspricht lit. Moterà, Matarà; der Name Nims (Ausonius Nemesa) hat ein morphologisch begründbares Gegenstück im Namen des litauischen Hauptflusses Nemunas (Greule 1981, 58) und der FlN Ruwer (633 Ruvera) stellt sich mit lit. Ruvesŷs, Rúsa, und den Gewässernamen Ruhr und Rhume in eine Reihe, die auch morphologisch mit dem appellativischen Wortschatz gestützt werden kann (griech. χρύος „Eiskälte, Frost“, lett. kruveši „hartgefrorener Kot“ — χρυερός „eisig“, χρυμός „Eiskälte, Schauder“, lett. krusa „Hagel“). Weiteres Material bei Schmid 1988 b. — Das Moselgebiet ist also für die alteuropäische Hydronymie weitaus wichtiger als Hans Kuhns Nordwestblock-Hypothese, die wegen ihrer unzureichend geprüften Materialgrundlage und ihrer Vernachlässigung der baltischen Bezüge eher für die Germanische Sprachwissenschaft als für die alteuropäische Hydronymie ein Stein des Anstoßes bleibt (Darstellung der Theorie und ihrer Kritik bei Meid 1986). — Die Existenz solcher Kontinuitätszentren, gerade in solchen Gebieten, in denen die unterschiedlichsten Sprachgemeinschaften aufeinanderstoßen und sich überlagern, verrät deutlich, daß sie nicht als Abbild alter Bevölkerungs-

110.  Alteuropäische Gewässernamen

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verhältnisse und der Verbreitung der AN in Anspruch genommen werden können. Die unterschiedliche Dichte ist nicht nur eine Frage des Vorhandenseins von zu benennenden Gewässern, sondern auch eine Frage der Namentradition. — Das baltische Zentrum und das rheinische unterscheiden sich in einem wichtigen Punkte: Im ersten gibt es eine stetige, ungebrochene Entwicklung, im letzteren gibt es zwischen den Namengebern und den heutigen Sprechern Brüche, wie sie auch z. B. in Latium oder Skandinavien erkennbar sind (Schmid 1989 a).

lenweise auch noch in viel späterer Zeit gegeben worden sein können. Deswegen empfiehlt sich, nicht von Schicht zu sprechen, sondern eher von einem Netz. Wenn Andersson (1988, 67) die Chronologie „als wunden P unkt der alteuropäischen Theorie Krahes“ bezeichnet, hat er damit zweifellos recht, aber er trifft damit ebenso die Rekonstruktion einer idg. Gemeinsprache. Mit anderen Worten, ein Gewässername Alma in Skandinavien muß nicht zeitgleich mit der Alma in Italien sein. In der P ersonennamengebung kommt man auf solche Gedanken auch nicht.

4.

Zur Datierung der alteuropäischen Namen

5.

Alteuropäische Namen und alteuropäische Sprache?

Das Alter des alteuropäischen Namennetzes kann natürlich nur geschätzt werden. Krahe (1964, 33) meinte, daß es bereits in der ersten Hälfte des 2. vorchristlichen Jahrtausends voll ausgebildet gewesen sein müsse. Wenn man bedenkt, daß Hethiter, Griechen und Indoiranier dieses Netz nicht in ihre Wohnsitze eingeschleppt haben, die Hydronymie auf dem Balkan am Vorgriechischen seine Grenzen findet und die idg. Sprachen Altitaliens die Hydronymie in Mitteleuropa bereits voraussetzen, dann läßt dies bereits vermuten, daß eine solche Schätzung keine Allgemeingültigkeit für das gesamte Namennetz beanspruchen kann. Folgende P unkte müssen berücksichtigt werden: (a) Die Zurückführung der Namen auf eine gemeinsame Grundform ist eine abstrahierende Rekonstruktion ebenso wie die Rekonstruktion einer idg. Gemeinsprache und enthält in sich keinerlei Zeitfaktor. (b) Termini wie vorgriechisch, vorlateinisch, vorbaltisch, vorgermanisch sind im Hinblick auf die Zeit keineswegs synonym, da sie mit der Ausbreitung idg. Sprachen in Europa zusammenhängen, d. h. auch voreinzelsprachlich und alteuropäisch sind nicht notwendigerweise zeitgleich. (c) Die Namen lösen sich von den Appellativa und sind in der Regel nicht mit diesen identisch. Sie können Sprachwechsel überdauern und auch in andere Gegenden übertragen werden. (d) Auch das begrenzte Suffixinventar entwickelt ein „onymisches“ Eigenleben. Billigt man nun den AN für die vorhistorische Zeit eine ebensolche Kontinuität zu, wie sie in historischer Zeit im Baltikum und im Rheingebiet (s. 3.) zu beobachten ist, dann folgt daraus, daß die AN keineswegs überall schon um 1500 v. Chr. vorhanden gewesen sein müssen, sondern stel-

Aus den vorangegangenen Abschnitten wird bereits deutlich, daß der Terminus alteuropäisch eine durch Alter, Morphologie und Verbreitung gekennzeichnete idg. Namenklasse bezeichnet, aber keinen Sprachbegriff darstellt. „Alteuropäischer Name“ gibt also zunächst eine Klassenzugehörigkeit, „deutscher Name“ eine Sprachzugehörigkeit an. Die Frage, ob die AN nicht doch einen bestimmten idg. Sprachzustand voraussetzen, liegt natürlich nahe. Der Versuch Krahes, auf der Grundlage der AN ein „Zwischenstadium“ zwischen Indogermanisch und den historisch bezeugten Einzelsprachen anzusetzen (Krahe 1957; 1963) hat sich so als nicht haltbar erwiesen (Schmid 1968). Tatsächlich lassen sich bis heute keine lautlichen, morphologischen oder lexikalischen Besonderheiten nennen, die auf der einen Seite für alle Sprachen innerhalb des von den AN abgedeckten Gebietes gelten und auf der anderen Seite sich als gemeinsame Neuerung vom rekonstruierten Gemeinidg. unterscheiden. Wenn man daher wegen fehlender Neuerungen und des verwendeten gemeinidg. Wortschatzes geneigt ist, die von den AN vorausgesetzte Sprache mit dem Idg. gleichzusetzen (Schmid 1968, 17), dann bedeutet das nicht — wie zuweilen behauptet wird (Mallory 1989, 276) — eine beträchtliche, geradezu unwahrscheinliche Zurückdatierung der AN, sondern eine Reduktion allzu kühner Vorstellungen vom Indogermanischen auf ein durch die AN lokalisierbares Sprachkontinuum, das durch mannigfaltige Isoglossen, Isonyme, Isomorphe und Isophone durchkreuzt wird, deren Bündelung erst später zur Ausbildung der verschiedenen idg. Einzelsprachen geführt hat (Schmid 1987). Wer nun allerdings am Postu-

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VIII. Historische Entwicklung der Namen

lat einer kleinräumigen idg. Grundsprache festhält, die Rekonstruktionsmethoden durch die Annahme glottalisierter Lautsysteme, aus welchen sich die bekannten Lautgesetze der einzelnen idg. Sprachen ableiten lassen, strapazieren und die Reihe der Vorschläge für die Heimat dieser „P rotolanguage“ (vgl. Scherer 1968) verlängern möchte (Gamkrelidze, Ivanov 1984; Safronov 1989), der wird entweder auf Krahes Zwischenstadium zurückkommen oder den idg. Charakter der AN ableugnen oder das Zeugnis der AN einfach unberücksichtigt lassen müssen.

6.

Die Kritiker der alteuropäischen Namen

An kritischen Stellungnahmen zur Alteuropakonzeption hat es von Anfang an nicht gefehlt. Wählt man aus diesen die fundiertesten aus, dann ergeben sich im wesentlichen drei P roblemkreise (Überblicke bei Andersson 1988, 59—75; Udolph 1990, 45—52; ältere Stellungnahmen bei Schmid 1968, 3 Anm. 2): a) Der Begriff „alteuropäisch“ (Kronasser 1962) b) Das sog. „aquale a“ (Kuhn 1954, Scherer 1963) c) Nicht-Indogermanisches in Mitteleuropa (Tovar 1977, Kuiper 1971) Zu (a): Kronasser erhebt den Vorwurf, daß der Begriff „alteuropäisch“ nur als Ersatz für „illyrisch“ diene und damit eine „kaum bekannte Größe durch eine völlig unbekannte“ ersetzt werde. Dagegen hat Krahe (1965) selbst noch Stellung nehmen können. Wichtig ist, daß der Begriff „alteuropäisch“ die Zuweisung zu einer Einzelsprache (illyrisch) beendet, die älteste Hydronymie des Balkans in europäische Bezüge einordnet, zur Deutung nur noch „aus dem Idg. erklärbar“ zuläßt und endlich die Verbreitungsrichtung der AN umkehrt. Daß bei anderen Auffassungen von Indogermanisch und dessen „Urheimat“ sich andere Bewertungen von „alteuropäisch“ ergeben müssen, wurde bereits in Abschnitt 5. erwähnt. Zu (b): Immer wieder wird — und dies mit Recht — auf die Häufigkeit des -a- in Wurzeln und Ableitungen der AN hingewiesen (dazu Krahe 1957 [1968], 446 f.) und daraus sogar der nicht-idg. Charakter der Hydronymie abgeleitet. Der Name des italienischen Arno müßte bei normaler Lautvertretung eigentlich *Orno lauten. Bemerkenswert bleibt der Um-

stand, daß von dieser „a-Mode“ auch der lateinische Wortschatz betroffen ist, ohne daß man etwa aqua, lacus, mare, palus, quattuor, salum, vadum u. a. für nicht-idg. Wörter zu halten bereit wäre. Es handelt sich also um ein noch nicht gelöstes Problem der idg. Lautlehre, nicht um ein P roblem der AN (vgl. zuletzt Schrivjer 1991). Zu (c): Die Meinungen zum nicht-idg. Bestandteil vor allem in Mitteleuropa reichen von der Annahme einer postindogermanischen Hydronymie, die mit nicht-indogermanischen Elementen vermischt sei (Tovar 1977, 16) bis zu der Behauptung, daß die AN eine nicht-idg. Sprache repräsentieren (Kuiper 1971; Cowgill 1986, 61). Die Vertreter solcher Ansichten, die eine sekundäre Indogermanisierung Mitteleuropas voraussetzen, sind allerdings stets in Beweisnot, da sie an vereinzelte mediterrane Wörter, isolierte Alpenwörter oder an das Baskische anknüpfen müssen und eine morphologische Analyse nicht leisten können. Wenn also etwa der südlusitanische ON Balsa mit bask. baltsa, palsa „P fütze, Teich“ verglichen wird, dann muß man davon lit. FlN Balsė, ON Balsiai trennen, denn diese gehören zum lit. Adjektiv basis „weiß“. Eine vor- oder nicht-idg. Schicht läßt sich so nicht beweisen. Demgegenüber versucht die Alteuropa-Konzeption ganze Reihen von Gewässernamen wie Ala— Alma—Alna in Norwegen mit Alsa in Dänemark in einen Zusammenhang mit Allia, Almo, Alna in Italien zu bringen. Der Netzcharakter der AN schließt keineswegs aus, daß sich darunter auch nicht-idg. Namen befinden, nur ihr Nachweis ist bisher in diesen und anderen Fällen nicht gelungen.

7.

Zusammenfassendes

Die Anwendung der Kriterien 1. (a)—1. (e) führt also in Auseinandersetzung mit der Lokalforschung zunächst zu einer Reihe von Namen, die sich einer lokalen, dialektalen, einzelsprachlichen oder sprachgruppenspezifischen Deutung widersetzen. Da in den einzelnen Regionen immer wieder die gleichen Namenformen begegnen, werden diese zu einem voreinzelsprachlichen Netz verknüpft, auf der Grundlage der idg. Morphologie und des idg. Wortschatzes analysiert und mit den Gegebenheiten der idg. Wortbildung verglichen. Dabei ergibt sich eine so enge Verflechtung mit dem appellativischen Wortschatz (s. 1.1.a, 1.1.e, 3.), daß eine nicht-idg. Deutung

110.  Alteuropäische Gewässernamen

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unmöglich wird. Für die Namenklasse der AN werden einzelne methodische P rinzipien, die für einzelsprachliche Gewässernamen richtig sind (wie z. B. die Realprobe) wegen ihrer Altertümlichkeit einerseits, der fehlenden semantischen Rekonstruktionsmöglichkeiten andererseits nicht mehr anwendbar. Die unterschiedliche Dichte in der Verbreitung der AN führt zu Lücken und Häufigkeitszentren, die selten aus dem Mangel oder der Häufigkeit der zu benennenden Gewässer, häufiger aus dem Fehlen einschlägiger Gewässernamen-Wörterbücher (s. Schmid 1990) zu erklären sind. Eine Vervollständigung der Materialsammlung und ihrer Bearbeitung bleibt also schon deshalb ein dringendes Desiderat, weil erst damit ein abschließendes Urteil über das Namennetz und sein Verhältnis zu den einzelsprachlichen Gewässernamen möglich wird. Die Häufigkeitszentren, vor allem das des Baltikums, erweisen sich als Kontinuitätszentren, die eine Namentradition auch über mehrfachen Sprachenwechsel hinweg verraten. Migrationen, wie sie für Kelten, Italiker, Germanen, Balten, Slaven und die Balkanvölker bekannt sind, lassen sich an dem eher statischen Charakter der AN ohne Zuhilfenahme außerlinguistischer Argumente nicht ablesen. — In der Frage des a-Vokalismus, der besonders auch im Lateinischen zu beobachten ist (s. 6. (b)), verlangt das Nebeneinander der Wurzelformen, *el-, *ol-, *al-; *pel-, *pol-, *pal- oder *se-, *so-, *saErklärungen, die in der idg. P honologie und nicht in einem vorindogermanischen Substrat zu suchen sind.

8.

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Wolfgang P. Schmid, Göttingen (Deutschland)

111. Keltische Namen
1. 2. 3. 4. 5. 6. Quellen Stand der Forschung Typische Namenbildungen Bedeutungen und Schichten Repräsentative Darstellungen und ReferenzArbeiten Literatur (in Auswahl)

1.

Quellen

Unter keltischen Namen versteht man das Material an P ersonennamen (P N) — unter Einschluß von Götternamen (GN) und Stammes- oder Völkernamen (StN) — Ortsnamen (ON) und Gewässernamen (FLN), das sich auf Grund seiner sprachlichen

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