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Auszug aus: Siegfried Weischenberg: Max Weber und die Entzauberung der Medienwelt: Theorien und Querelen – eine andere Fachgeschichte, VS Verlag, 2012, 441 S. ISBN: 978-3-531-18717-4

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Eigentlich sollte – zum 100. Jubiläum des Ersten Deutschen Soziologentages im Oktober 2010 – nur ein kleiner Aufsatz über Max Webers Plan für eine Presse-Enquête entstehen. Dazu wollte ich Webers wichtigste Texte noch einmal hervorholen, um sozusagen den Autor in Stimmung zu bringen. Als erstes griff ich zu dem Klassiker „Die protestantische Ethik und der ‚Geist’ des Kapitalismus“, von Dirk Kaesler neu herausgegeben und auf eine Weise eingeleitet, die Lust auf ‚mehr Weber’ macht. Einige hundert Quellen später ist mir bewusst geworden, dass ich die Büchse der Pandora geöffnet hatte, wobei sich das Unheil vor allem durch immer neue Verweise auf immer mehr Literatur ankündigte. Wer im schon etwas vorgerückteren Alter beginnt, seine ganze verfügbare Zeit dem großen Soziologen und der Forschung über ihn und sein Werk zu widmen, kommt auf jeden Fall zu spät. Er wird nicht mehr zu einem ‚richtigen’ Weber-Forscher, auch wenn er es denn wollte. Andererseits ist der ‚späte Blick’, die Beobachtung ‚von der Seite’ vielleicht hilfreich, um einen etwas anderen Zugang zu Max Weber zu gewinnen als der von lebenslangen Spezialisten – oder Leuten, die sich dafür halten. Und vielleicht ist dann der ‚blinde Fleck’ nicht ganz so groß wie im Falle der Dogmatiker unter den Weber-Exegeten, die mit (angeblichen) Fundstücken aus seinen Texten frei schwebende Interpretationen riskieren. Durch die Auseinandersetzung mit wichtigen Teilen der unübersehbaren Weber-Literatur ist die Studie bisweilen auf eine ‚Entzauberung’ der einschlägigen Forschung hinausgelaufen, was natürlich im Weber’schen Sinne, also nicht herabsetzend gemeint ist. Es muss jedoch erlaubt sein, auf Widersprüche, Aporien und Fehler sowie Formen durchschaubar strategischer Werkauslegung aufmerksam zu machen, die bei der Lektüre aufgefallen sind. Freilich kann hier – jenseits des Themas Medien und Journalismus – nicht der Anspruch sein, neue Lesarten des Œuvres oder gar eine neue Würdigung der Person anzubieten. Dazu gibt es Berufenere – jene, die ihr ganzes (wissenschaftliches) Wirken diesem Analytiker der Moderne geweiht haben. Jedoch sollte versucht werden, Werk und Leben an solchen Stellen zu ‚entzaubern’, wo die Belege hinreichend solide erscheinen, und auf der anderen Seite auf Texte aufmerksam zu machen, in denen eigenwillige Deutungen angeboten werden, ohne dass auf Quellengenauigkeit allzu sehr geachtet worden ist. Um dabei selbst nicht in die Falle zu laufen, Weber und seinen ‚Erben’ Gewalt anzutun, wurde vielleicht häufiger als üblich wörtlich zitiert – was im ‚von-und-zu-Guttenberg-Zeitalter’ ohnehin geboten erscheint. Im Fall des Werks von Habermas, Luhmann und Bourdieu sowie Parsons entstand so auch eine kleine, womöglich einseitige Kritik ihrer Gesellschaftstheorien. Dass Medien und Journalismus als Gegenstand der Weber-Forschung allenfalls eine periphere Rolle gespielt haben, erleichtert im Fall des ‚Mediensoziologen’ Max Weber den Zugang. Die (deutsche) Soziologie – Ausnahmen bestätigen die Regel – hat mit diesem Thema seit ihren Anfängen nie viel anfangen können. In

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den 1920er Jahren hatte sich dann die ‚Zeitungswissenschaft’ von der Soziologie zu emanzipieren versucht, deren Verbandsvorsitzender Ferdinand Tönnies sie daraufhin als „Hühnerwissenschaft“ apostrophierte. Das war 1930 beim Siebenten Deutschen Soziologentag in Berlin; bald darauf bemächtigten sich die Nationalsozialisten des Fachs, das sie von Anfang an offenbar wichtig nahmen. Im Rückblick ist schwer zu entscheiden, ob die Entscheidung der Zeitungswissenschaftler überhaupt klug war, eine eigene Disziplin etablieren zu wollen. Jedenfalls ist das inzwischen entgrenzte Fach dadurch in einem Niemandsland zwischen Sozial- und Geisteswissenschaften gelandet und wird heute oft pauschal als ‚Medienwissenschaft’ bezeichnet; für Journalisten sind ohnehin alle, die sich hier tummeln, ‚Medienwissenschaftler’. Max Weber ist erst seit den 1970er Jahren so richtig wahrgenommen worden. Das Fach, dem er noch vor dem Ersten Weltkrieg wichtige Anregungen offeriert hatte und das sich später ‚Publizistikwissenschaft’ und schließlich ‚Kommunikationswissenschaft’ nannte, hat den Wert seiner Ideen, wenn überhaupt, erst in unserer Zeit erkannt; auch hier singt inzwischen ein vielstimmiger Chor das hohe Lied auf ihn. Nun gibt es gute Gründe, einmal genauer zurückzuschauen auf das, was in Webers Medien-Plan drinsteckt und zu fragen, was daraus geworden ist – wobei die Frage müßig sein mag, was geworden wäre, wenn ... seinerzeit Medien und Journalismus so gründlich empirisch untersucht worden wären, wie dies Max Weber vorschwebte. Mit ihm begann das Jahrhundert der Soziologie, welches auch das Jahrhundert des Journalismus war. Um seine Rekonstruktion aus fachhistorischer Perspektive geht es in dieser Studie. Sie hat vier Schwerpunkte und ist deshalb in vier große Kapitel gegliedert:  In Kapitel 1 wird ein kursorischer Überblick zu Werk und Person Max Webers gegeben und versucht, erste Erklärungen für das aktuelle ‚Faszinosum Weber’ als ‚Entzauberer’ der modernen (kapitalistischen) Gesellschaft anzubieten. Dies geschieht durch die Fokussierung auf ausgewählte wissenschaftliche und persönliche Aspekte sowie eine kritische Bewertung von Interpretationen, die in der Literatur zu finden sind. Im Zentrum steht dabei die Frage, was Weber zur Beobachtung und Beschreibung von Pathologien der Moderne, die sein Thema waren, beigetragen hat.  In Kapitel 2 ist das große Projekt zur empirischen Untersuchung von Medien und Journalismus zentraler Gegenstand, welches Max Weber am 20. Oktober 1910 beim Ersten Deutschen Soziologentag in Frankfurt a. M. vorgestellt hat. Vor allem die Auswertung seiner Briefe aus jener Zeit zeigt, wie wichtig ihm die ‚Entzauberung der Medienwelt’ mit Hilfe empirischer Wissenschaft damals war. Umso unverständlicher, dass er das Scheitern des Projektes dann im Grunde selbst betrieb. Zwei Personen, die am Anfang der Kommunikationswissenschaft und Journalistik stehen, spielen in jener Phase eine zentrale Rolle in seinem Leben: Karl Bücher und Adolf Koch. Wo die Wurzeln der Mediensoziologie liegen und warum sich das Fach wie entwickelt hat, soll dabei deutlich werden.

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 In Kapitel 3 werden Max Webers Wissenschaftslehre und sein wissenschaftliches Erbe näher untersucht. Hier geht es letztlich um die Frage, welche indirekten Spuren Webers in die Kommunikationswissenschaft führen – insbesondere über den Umweg der Referenz auf Gesellschaftstheoretiker, die sich auf sein Werk stützen. Am Beispiel von Jürgen Habermas, Niklas Luhmann und Pierre Bourdieu lässt sich zudem zeigen, wie diese Bezugnahme in den aktuellen Theoriedebatten der Kommunikationswissenschaft ihren Niederschlag findet – etwa beim Diskurs über Handlungs- und Systemtheorie und insbesondere System/Akteur-Konstellationen in der Journalismusforschung.  In Kapitel 4 wird zunächst ‚Fachgeschichte als Streitgeschichte’, die sich durch Max Weber personalisieren lässt, fallstudienartig vertieft und auf die Kommunikations- und Medienwissenschaft bezogen. Dabei stehen u. a. Paradoxien der Moderne als Thema der Gesellschaftstheorie im Vordergrund, die inzwischen auch als Herausforderung für kommunikationswissenschaftliche Theorie und Empirie begriffen werden. Hier und in anderen Zusammenhängen wird nach Anschlüssen für die Medien- und Journalismusforschung gesucht, um Antworten auf die Frage zu finden, was auf den Schultern des Riesen Weber von der Medienwelt sichtbar geworden ist – und sichtbar geworden wäre, wenn sich sein großes Presse-Projekt hätte realisieren lassen. Zentrales Anliegen des Buches ist es, die vielfältigen Anregungen, welche Max Webers Werk für die Beschäftigung mit Medien und Journalismus offeriert hat, zu markieren und Linien der wissenschaftlichen Beobachtung zusammenzuführen. Konsequent setzen wir seinen vielleicht wichtigsten methodologischen Beitrag ein: den Vergleich. Komparativ geht es insbesondere da zu, wo Gemeinsamkeiten oder Unterschiede der Fächer Soziologie und Kommunikationswissenschaft zu untersuchen sind oder das Werk unserer – nach Weber – wichtigsten Gewährsleute darzustellen ist: Parsons, Luhmann, Habermas, Bourdieu. Zu den Zielen gehört auch, das Dauerthema ‚Gesellschaft – Individuum’ bzw. ‚System – Akteur’ (inkl. der ‚journalistischen Persönlichkeit’), das neuerdings auch die Journalismusforschung intensiv (und emotional) beschäftigt, noch einmal von einer grundsätzlicheren Seite anzugehen; hier ist der Rekurs auf Webers Schriften gleichfalls hilfreich. Sozusagen unter der Hand hat sich die Studie zu einer Fachgeschichte von Theorien und Querelen entwickelt. Max Weber lieferte durch den Plan für eine Presse-Enquête, der letztlich auf dem Altar seiner Ehrpusseligkeit geopfert wurde, dafür die Vorgabe. Einerseits gilt „Streit muss sein“, andererseits aber auch „Man muss Fünfe gerade sein lassen.“ Wer das nicht kann, fährt Projekte (oder Institute) vor die Wand. Nach Max Weber gibt es dafür viele Fallbeispiele. Produktiven akademischen Streit begünstigen – wissenssoziologisch – der ‚Geist von Bologna’ und – herrschaftssoziologisch – die neuen Machtstrukturen (in Tateinheit mit der WBesoldung für Hochschullehrer) wohl nicht, denn die Universitäten entwickeln sich mit zunehmender Tendenz zu Organisationen, deren Bürokratisierung die Autonomie des wissenschaftlichen Personals einschränkt, kreative Forschung behindert

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und Opportunismus belohnt; das ist der aktuelle Aspekt der Fachgeschichte. Aus Lehrstühlen sind ‚Kostenstellen’ geworden, aus Professoren ‚Kostenstellen-Verantwortliche’, die mit dem Studium von komplizierten Kontoauszügen bisweilen mehr Zeit verbringen als mit dem Studium von wissenschaftlichen Quellen. Der ‚Geist von Bologna’ entspringt übrigens nicht, wie viele glauben, der neoliberalen Ideologie des Kapitalismus, sondern eher der anachronistischen Bürokratie der Planwirtschaft. Auch dazu könnte man Einsichten bei Max Weber gewinnen. Es ist vielleicht kein Zufall, dass ausgerechnet einer der führenden WeberForscher mit allen (juristischen) Mitteln versucht hat, diesen ‚Geist’ zurück in die Flasche zu zwingen – leider ohne Erfolg. Nun fordern sogar die einstigen Apologeten ein ‚Bologna 2.0’. Zum Glück gibt es auch immer noch Hochschullehrer, die gegen Reformunsinn ankämpfen, weil sie der Meinung sind, dass z. B. elektronische Wissensabfragen der eher schlichten Art in den Lehrveranstaltungen, wie sie jetzt eingeführt werden, nicht an eine Universität gehören, und die empfehlen, das Geld nicht in ‚Clicker’, sondern in ‚Köpfe’ zu investieren. Insofern mag Webers Dante-Motto vielleicht für die Zukunft der deutschen Universitäten doch nicht zutreffen: „Lasciate ogni speranza“. Gewiss aber muss man sich aktuell aus den genannten und vielen anderen Gründen – dazu gibt es inzwischen eine beeindruckende Fülle von Literatur – Sorgen machen. Dies gilt auch für die Art und Weise, wie die Förderung bzw. Ablehnung von Forschungsprojekten organisiert ist; dafür ist der Fall Weber ebenfalls ein Demonstrationsobjekt. Die Max Weber Gesamtausgabe (MWG), nun schon seit Jahrzehnten unterwegs, konnte eine Reihe von neuen Einsichten vermitteln; von der Publikation seiner Briefe hat auch unsere Studie profitiert. Doch nach wie vor fehlen zentrale Werke Webers in der Liste der editierten Werke, und die Vergabe von Herausgeberschaften erscheint ziemlich kryptisch. Inzwischen hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft sehr viel Geld in das umstrittene Unternehmen investiert, dessen Ende nicht abzusehen ist. Ob unser eigenes Projekt ein relevanter Beitrag zur Weber-Forschung sein kann, mag dahinstehen – auch wenn man auf die Dokumentation von Webers Beschäftigung mit den Medien im Rahmen der MWG wohl noch Jahre wird warten müssen. Zurzeit bemühen wir uns in einem Projekt darum, die Spuren konkreter nachweisen zu können, welche Weber in empirischen Studien der Kommunikationswissenschaft hinterlassen hat, und zwar in Arbeiten, die (mehr oder weniger) explizit auf Fragestellungen und/oder methodische Vorschläge seines vor hundert Jahren präsentierten Enquête-Projekts rekurrieren, und solche, die seine Kategorien/Begriffe/Methodik (mehr oder weniger) forschungsleitend einsetzen. Dabei verwenden wir u. a. ein bibliometrisches Verfahren zur Erfassung und Selektion der wichtigsten (von ca. 1.700 recherchierten) Publikationen, von denen wiederum eine Stichprobe inhaltsanalytisch untersucht werden soll. Daraus wird in den nächsten Jahren vielleicht ein zweites Buch entstehen, in dem auch auf das Thema ‚Theorien

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und Querelen’ zurückzukommen ist und die ‚Streitkultur’ in der Kommunikationswissenschaft näher untersucht werden soll. An unserem ‚Weber-Projekt’ waren oder sind verschiedene Personen beteiligt, bei denen ich mich für ihre Unterstützung und ihr Interesse bedanken möchte: Swenja Kopp und Matthias Potthoff, wissenschaftliche Mitarbeiter am Lehrstuhl Journalistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Hamburg, sowie Corinna Ballweg und Silvia Worm, die als studentische Mitarbeiterinnen vor allem für die Beschaffung der vielen Quellen zuständig waren; Steffen Burkhardt danke ich vor allem für viele anregende Gespräche sowie wertvolle Hinweise. Bei Karin Doerschel (Berlin) bedanke ich mich für hilfreiches Feedback, bei Barbara EmigRoller (Wiesbaden) für das – wie stets seit vielen Jahren – vertrauensvolle und professionelle Lektorat. Zu besonderem Dank bin ich Hilde Mangels und Armin Scholl verpflichtet, mit denen ich seit vielen Jahren zusammenarbeite und die auch am Gelingen dieses Buches einen wichtigen Anteil haben. Hilde Mangels hat sich bei der redaktionellen und technischen Vorbereitung dieser zwölften gemeinsamen Produktion noch einmal selbst übertroffen. Armin Scholl (Münster) hat verschiedene Fassungen des Manuskripts kritisch-konstruktiv begleitet und mit seinem unnachahmlichen Stil eines hilfreichen Diskurses gefördert. Natürlich setzt jeder Forscher Schwerpunkte; im vorliegenden Falle liegen sie in Hinblick auf die ‚Weber-Anschlüsse’ bei der Untersuchung der Aussagenentstehung in den aktuellen Medien und ihren (ökonomischen, organisatorischen, technischen und professionellen) Bedingungen. In gewisser Weise bedeutet dieses Buch einen Rückblick auf das ‚Jahrhundert des Journalismus’ und die (sozialwissenschaftliche) Forschung, welche sich ihm gewidmet hat. Dazu passen die Aussagen auf der folgenden Seite – eine Art Kurzzusammenfassung des Textes. Die meisten stammen von dem Gesellschaftsanalytiker Max Weber, dem Gesellschaftsbeobachter Niklas Luhmann, dem Gesellschaftspädagogen Jürgen Habermas und dem Gesellschaftskritiker Pierre Bourdieu – also den Protagonisten der Studie über die ‚Entzauberung der Medienwelt’. Ich finde, dass all diese Aussagen richtig sind – oder zumindest: wichtig. Allmählich wird uns bewusst, dass wir in einem neuen Zeitalter leben, das noch mehr von Medien und ihren Technologien geprägt ist als das alte. Bis jetzt ist aber noch niemand zu erkennen, der zu den neuen Kommunikationsverhältnissen in der Gesellschaft die richtigen Fragen stellt – wie dies Max Weber vor 100 Jahren getan hat.

Hamburg, im Dezember 2011

S.W.

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