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Universität Passau Lehrstuhl für Physische Geographie Prof. Dr.

Dieter Anhuf

Diplomarbeit im Studiengang Sprachen, Wirtschafts- und Kulturraumstudien

D IE B ERÜCKSICHTIGUNG VON U MWELT - VON U MWELT D IE B ERÜCKSICHTIGUNG UND S OZIALASPEKTEN
BEI GROßEN

S TAUDAMMPROJEKTEN IN A M AZONIEN UND S OZIAL ASPEKTEN BEI GROßEN

Eine vergleichende Analyse am Beispiel IN A M AZONIEN S TAUDAMMPROJEKTEN der Staudämme Tucuruí und Belo Monte am Beispiel Eine vergleichende Analyse

November 2009

Vorgelegt von

Anna-Maria Besold Fenitzerplatz 4 90489 Nürnberg annamaflor@hotmail.com

Matrikelnummer 45082 9. Fachsemester
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Danksagung

Mein herzlicher Dank geht an

das Team des IUCN Regional Office for Europe dafür, dass es mein Interesse an Umweltthemen stärkte und mir den ersten Anstoß für das gewählte Thema gab.

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Herrn Prof. Anhuf für die Betreuung und seine Anregungen. Glenn Switkes von International Rivers für seine Unterstützung bei der Materialbeschaffung und die schnelle, zuverlässige Hilfe bei allen Fragen zum Projekt Belo Monte.

Roland Zink für die kompetente Beratung und die hilfreichen inhaltlichen Tipps.

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meine Eltern für die wertvolle Unterstützung und große Geduld. Katrin Kamin und Lena Lázaro Rüther für die konstruktiven Ratschläge.

INHALT
Glossar .................................................................................................................... i

1. Einleitung ................................................................................1
1.1. Vorgehen ..................................................................................................... 2 1.2. Forschungsbericht...................................................................................... 3 1.3. Definitionen ................................................................................................. 4

2. Grundlagen der Wasserkraftnutzung in Brasilien................7
2.1. Wirtschaftsentwicklung braucht Energie .................................................. 7 2.2. Verteilung und Stellenwert der Wasserkraftressourcen in Brasilien ...... 7 2.3. Geographische Eigenschaften des Untersuchungsgebietes................... 9 2.4. Expansionspläne der Regierung.............................................................. 11 2.5. Wahl des Untersuchungsgegenstandes.................................................. 12

3. Problemanalyse am Beispiel Tucuruí .................................14
3.1. Soziale Kosten........................................................................................... 14 3.1.1 Gegensätzliche Interessen .............................................................................14 3.1.2. Fehlende Partizipation und Transparenz ......................................................16 3.1.3. Vertreibung und Vernichtung von Lebensgrundlagen ..................................17 3.1.4. Beeinträchtigung der Gesundheit..................................................................22 3.2. Ökologische Probleme ............................................................................. 23 3.2.1. Die integrierte Bewertung von Dämmen: Kosten und Nutzen......................24 3.2.2. Forschungsstand ...........................................................................................26 3.2.3. Überflutung und Verlust von Regenwald.......................................................28 3.2.4. Klimafaktor: Treibhausgasemissionen durch Staudämme ...........................29 3.2.5. Auswirkungen auf Ökosysteme und Biodiversität.........................................31
3.2.5.1. Begriffsklärung und Problematik .................................................................. 31 3.2.5.2. Das natürliche Gleichgewicht des Flusses................................................... 32 3.2.5.3. Wasserqualität.............................................................................................. 33 3.2.5.4. Verluste in Flora und Fauna ......................................................................... 35

4. Soziale und ökologische Entwicklungsprozesse...............38
4.1. Meilensteine der internationalen Debatte über Großstaudämme .......... 38 4.2. Die wachsende Bedeutung der staudammkritischen Zivilgesellschaft in Brasilien ................................................................................................ 40 4.3. Fortschritte in der brasilianischen Gesetzgebung und ihrer Umsetzung.. 42 4.3.1. Verbesserte Umweltgesetze .........................................................................42 4.3.2. Neues Gefüge von Umweltinstitutionen........................................................44 4.3.3. Partizipative Einforderung der gesetzlichen Garantien.................................46 4.4. Reaktionen des Eletrizitätssektors auf die Veränderungen ................... 46 4.5. Rückschritte und Kritik............................................................................. 47

5. Analyse des geplanten Projektes Belo Monte....................50
5.1. Historische Bedeutung und Entwicklung des Projektes........................ 50 5.2. Beschreibung des Projektes .................................................................... 52 5.3. Die Wirtschaftlichkeitsfrage unter Berücksichtigung sozialer und ökologischer Kosten................................................................................. 56 5.3.1. Traditionelle Wirtschaftlichkeitsrechnung ......................................................56 5.3.2. Nutzen versus Umwelt- und Sozialkosten ....................................................59 5.4. Forschung zu den Umweltauswirkungen Belo Montes .......................... 61 5.5. Die Berücksichtigung sozialer Aspekte................................................... 63 5.5.1. Verteilung des Nutzens .................................................................................63 5.5.2. Partizipation und Transparenz.......................................................................64
5.5.2.1. Akteure und Koalitionen für soziale und ökologische Interessen ................ 64 5.5.2.2. Erfolgreiche Partizipation und die Rolle des Ministério Público ................... 65 5.5.2.3. Information, Transparenz und öffentliche Anhörungen................................ 68 5.5.2.4. Kritik an Eletronortes Informations- und Partizipationspolitik....................... 69

5.5.3. Repression und fragwürdige Praktiken .........................................................71 5.5.4. Regionale Auswirkungen und Nutzen...........................................................72
5.5.4.1. Erwartete Auswirkungen .............................................................................. 72 5.5.4.2. Die Frage nach der Regionalentwicklung .................................................... 75

5.5.5. Die Indigenenproblematik..............................................................................78
5.5.5.1. Problemdarstellung ...................................................................................... 79 5.5.5.2. Die Berücksichtigung der Indigenen in der Projektplanung ......................... 81

5.6. Die Berücksichtigung ökologischer Aspekte.......................................... 84 5.6.1. Kurze Charakterisierung der betroffenen Gegend........................................84 5.6.2. Erwartete Auswirkungen des Baus von Belo Monte.....................................86 5.6.3. Verminderung der Flutungsfläche .................................................................89 5.6.4. Die Umweltverträglichkeitsstudie (EIA) und geplante Maßnahmen .............91

5.6.4.1. Der Erhalt eines ökologischen Mindestwassers .......................................... 92 5.6.4.2. Weitere in der EIA vorgesehene Umweltmaßnahmen................................. 94 5.6.4.3. Kritik an der EIA ........................................................................................... 97

5.6.5. Schutz vor indirekten Auswirkungen .............................................................98 5.6.6. Der Klimafaktor: Belo Monte und Treibhausgase .........................................99

6. Fazit .....................................................................................100
Anhang ........................................................................................ 105 Abbildungsverzeichnis.................................................................................. 105 Tabellenverzeichnis ....................................................................................... 105 Quellenverzeichnis ........................................................................................ 106

Glossar ANEEL Agência Nacional de Energia Elétrica – Nationale Agentur für Elektrische Energie. Die Agentur wurde 1996 gegründet. Sie reguliert und kontrolliert den brasilianischen Strommarkt und nimmt dort eine Vermittlerrolle ein. Bei neuen Anlagen und Dienstleistungen (z.B. Staudämmen) ist ihre Genehmigung einzuholen. Conselho Indigenista Missionário – Indigenenmissionsrat. Er unterstützt die Indigenen im Kampf um ihre Rechte. Sein Präsident, Bischof Erwin Kräutler, ist eine Schlüsselfigur im Kampf gegen Belo Monte Conselho Nacional do Meio Ambiente – Nationaler Umweltrat. Estudo de Impacto Ambiental – Umweltverträglichkeitsstudie. Sie ist die größte Elektrizitätsfirma in Lateinamerika und wird von der brasilianischen Regierung kontrolliert, die die Mehrheit des Aktienkapitals hält. Ihre Tätigkeitsfelder umfassen sämtliche Wertschöpfungsstufen der Stromversorgung. Eine der zwölf Tochterfirmen Eletrobrás. Sie ist für die Stromversorgung im brasilianischen Norden zuständig. Empresa de Pesquisa energética – Firma für Energieforschung. Sie wurde 2004 gegründet und untersteht dem Energieministerium. EPE bietet Forschungsdienste für den Energiesektor an. Fundação Viver, Produzir e Preservar – Stiftung Leben, Produzieren und Bewahren. Die Organisation ist im Umweltschutz und im Sozialen sehr aktiv und nimmt eine Schlüsselrolle im Widerstand gegen Belo Monte ein. Instituto Brasileiro do Meio Ambiente e dos Recursos Naturais Renováveis – Brasilianisches Institut für Umwelt und erneuerbare Naturressourcen. International Commission on Large Dams. Eine internationale NRO, die ihren Mitgliedern ein Forum zum Austausch von technischem Wissen und Erfahrung im Staudammbau bietet. Eine internationale NRO, die unter anderem in Brasilien tätig ist. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt im Amazonas, weshalb der Verantwortliche der Region, Glenn Switkes, aktiv den Widerstand gegen Belo Monte unterstützt. Instituto Socioamiental – Institut für Umwelt und Soziales. Das 1994 gegründete Institut setzt sich für Sozial- und Umweltfragen sowie für indigene Bevölkerungen ein. Movimento dos Atingidos por Barragens (Bewegung der von Staudämmen Betroffenen. Eine bedeutende Bewegung nationalen Ausmaßes, in der sich die verschiedensten von Staudämmen betroffenen Gruppen zusammengeschlossen haben, um ein stärkeres Gewicht zu erhalten.

CIMI

CONAMA EIA Eletrobrás

Eletronorte EPE

FVPP

IBAMA

ICOLD

International Rivers

ISA

MAB

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MDTX

Movimento pelo Desenvolvimento da Transamazônica e do Xingu – Bewegung für die Entwicklung der Transamazônica und des Xingu. Ein Netzwerk mit ca. 113 Basisgruppen der Gegend, welches Interessen der Regionalbevölkerung vertritt. Ministério do Meio Ambiente – Umweltministerium. Bewegung Xingu für immer lebendig. Zusammenschluss verschiedener Gegner Belo Montes, die mit dieser Bewegung ein gemeinsames Sprachrohr kreierten. Ministério Público – Ministerium für die Öffentlichkeit. Eine Art Staatsanwaltschaft, die für den Schutz öffentlicher Interessen zuständig ist. Die kleinste brasilianische Verwaltungseinheit, vergleichbar mit einer deutschen Gemeinde. Nicht-Regierungs-Organisation. Programa de Aceleração do Crescimento – Programm zur Wachstumsbeschleunigung. Es soll durch private und staatliche Investitionen die Entwicklung des Landes und die soziale Integration fördern. Ein Schwerpunkt ist die Modernisierung der Infrastruktur (Logistik, Energie, sozial-urbane Infrastruktur). Plano Decenal de Expansão de Energia – Zehn-Jahres-Plan zur Energieexpansion. Der Plan wird jährlich von der EPE erstellt und soll als Orientierung für Entscheidungen zum Energieausbau dienen. Relatório de Impacto Ambiental – Bericht über Umweltauswirkungen. Öffentlich zugänglicher Bericht zu den EIA. Sistema Nacional de Meio Ambiente – Nationales Umweltsystem Ein großes unberührtes Waldgebiet im Xingubecken, das knapp 200 km südwestlich von Belo Monte anfängt. Sie liegt zwischen dem Rio Xingu und seinem Zufluss Iriri und erstreckt sich über 7,9 Mio. ha, von denen ein großer Teil schon unter Schutz gestellt wurde. in etwa

MMA Movimento Xingu Vivo Para Sempre MP

Munizip NRO PAC

PDEE

RIMA

SISNAMA Terra do Meio

Transamanzônica Die größte und wichtigste Straße in Amazonien, deren Bau in den 1970er Jahren begann und den Amazonas ursprünglich vom Atlantik bis zum Pazifik durchqueren sollte. Der menschliche Vorstoß in das Amazonasgebiet erfolgt seitdem entlang dieser Achse. Várzeas Amazonas-typische Überschwemmungsländer mit hohem Nährstoffgehalt, charakterisiert durch regelmäßig überschwemmte Waldareale. Die „große Kurve“ ist eine besonders starke Biegung des Rio Xingu kurz hinter der Stadt Altamira. Sie zeichnet sich durch eine außergewöhnliche Biodiversität und viele Stromschnellen aus. Hier soll Belo Monte gebaut werden.

Volta Grande

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1. Einleitung
In den letzten drei Jahrzehnten hat die westliche Welt in Bezug auf den Umgang mit der Umwelt einen gewaltigen Sprung gemacht. Es war ein Sprung in ein neues Bewusstsein, an dessen Ursprung eine allgemeine Erkenntnis über die Endlichkeit der Ressourcen unserer Erde steht. Diese Endlichkeit tritt in einer globalisierten Welt in neuer Klarheit hervor und wird uns durch die immer deutlicher erfahrbare Klimaerwärmung und eine bevorstehende Erdölkrise praktisch täglich von verschiedensten Medien vor Augen geführt. Die 15. UN-Klimakonferenz in Kopenhagen Ende 2009 ist nur eines der aktuellen Beispiele für die Brisanz der Debatte. In diesem Kontext gewinnen alternative Energien zunehmend an Bedeutung. Trotz des vermeintlichen Vorsprungs der westlichen Länder ist Brasilien vielen Industrieländern beim Anteil der erneuerbaren Energien an der Energiematrix weit voraus. Eine besondere Rolle spielt hierbei die Wasserkraft, die seit den 1970ern kontinuierlich ausgebaut wird. Vor allem Großstaudämme bergen ein enormes Versorgungspotenzial im Elektrizitätssektor. Zu dessen Ausbau soll auch das neue Großprojekt namens Belo Monte am Rio Xingu beitragen. Die Vorgeschichte dieses Projektes reicht – mit einigen Modifikationen – bis in die 1970er-Jahre zurück. Dass es bisher nicht zum Bau des Staudammes gekommen ist, lässt darauf schließen, dass auch die Wasserkraft trotz ihrer Vorzüge nicht unproblematisch ist. Tatsächlich entbrennen um Planung und Bau von Großstaudämmen weltweit seit Jahrzehnten Konflikte. Obwohl die im Amazonasgebiet bestehenden Staudämme sehr umstritten sind, misst die brasilianische Regierung neuen Projekten in der Region weiterhin große Bedeutung bei. Erst kürzlich wurde mit dem Bau von zwei Staudämmen im Rio Madeira begonnen und auch das Projekt Belo Monte am Rio Xingu scheint dem Baubeginn immer näher zu rücken. Es stellt sich dennoch die Frage, inwieweit aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt wurde. Schon 1998 schrieb der Tübinger Universitätsprofessor Gerd Kohlhepp: „Die Zeit der „verordneten“, Konflikte provozierenden Großprojekte ist vorbei.“1. Nur wenig später äußerte der in Brasilien tätige Forscher Philip Fearnside hierzu eine andere Meinung: „The decision-making process for hydroelectric development is perverted in a variety of ways with the result that the environmental and human impacts of dams have very little weight in the actual decision to implant the projects.“2

Kohlhepp, Gerd (1998): Große Staudammprojekte in Brasilien. Ökologische und sozioökonomische Probleme. In: Geographische Rundschau, Jg. 50, H. 7-8, S. 436. 2 Fearnside, Philip M. (2001): Environmental Impacts of Brazil's Tucuruí Dam. Unlearned Lessons for Hidroelectric Development in Amazonia. In: Environmental Management, Jg. 27, H. 3, S. 393.

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1. E I N L E I TU N G Es stellt sich also die Frage, ob die Kritik an der Umsetzung der Projekte zu einer Verbesserung der Planung und Durchführung von Großstaudammbauten geführt hat.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Berücksichtigung von Umwelt- und Sozialaspekten bei großen Staudammprojekten im brasilianischen Amazonasgebiet. Untersucht werden vor allem die Entwicklungen und Fortschritte, die sich in diesen Feldern in den letzten Jahrzehnten ergeben haben. Dazu wird analysiert, inwiefern beim aktuell umkämpften Projekt Belo Monte, dessen Verfechter noch auf eine Genehmigung warten, ökologischen sowie sozio-ökonomischen Bedenken im Vorfeld und beim Bau inzwischen besser Rechnung getragen wird. Als Vergleichsobjekt dient der in den 1980er Jahren vollendete Staudamm Tucuruí. 1.1. Vorgehen Um die Relevanz des geplanten Projektes deutlich zu machen, wird in Kapitel 2 zunächst ein Überblick über die Nutzung und Bedeutung der Wasserkraft in Brasilien gegeben sowie die strategische Bedeutung der Untersuchungsregion dargestellt. Daraufhin werden in Kapitel 3 die zentralen Punkte der Kritik an bisherigen Staudammprojekten im Amazonas herausgearbeitet. Gegenstand dieser Kritik sind besonders die sozialen und ökologischen Folgen, auf die sich diese Arbeit fokussiert. Sie werden zunächst generell beschrieben und daraufhin anhand des Referenzprojektes Tucuruí, das am Rio Tocantins gelegen ist und 1984 mit der bisher größten Kapazität in Amazonien ans Netz ging, illustriert. Im weiteren Verlauf werden die Entwicklungen analysiert, die sich bis zum aktuellen Projekt – Belo Monte – vollzogen haben. Zunächst wird beleuchtet, wie Umwelt- und Sozialagenda international und daraufhin auch in Brasilien immer mehr in den Vordergrund rückten (Kapitel 4). Darunter fallen z.B. deren veränderte Rolle in Politik und Gesetzgebung sowie der Einfluss verschiedener Akteure und Institutionen. Die zentrale Analyse findet auf diesen Grundlagen in Kapitel 5 statt. Anhand der in Kapitel 3 festgestellten Defizite und in Bezugnahme auf die in Kapitel 4 genannten Entwicklungen findet hier eine Bewertung des bisherigen Vorgehens und der Pläne für das erwähnte Dammprojekt Belo Monte statt. Angesichts der Komplexität der ökologischen Problematik wird hier keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit erhoben. Vielmehr geht es darum, eine Tendenz im Umgang mit den erkannten Problemen darzustellen.

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1. E I N L E I TU N G Diese Arbeit berücksichtigt die Ereignisse bis Ende September 2009. 1.2. Forschungsbericht Im deutschsprachigen Raum befassen sich nur sehr wenige Autoren mit Staudammprojekten in Brasilien. Kohlhepp, der das Thema schon seit mehreren Jahrzehnten bearbeitet, war in diesem Feld äußerst aktiv. Ein Großteil der verwendeten Quellen stammt jedoch aus Brasilien und den USA.

Zum Staudamm Tucuruí waren ein paar kürzere Analysen sozialer und ökologischer Probleme zugänglich, wovon die meisten jedoch relativ zeitnah zum Abschluss der Bauarbeiten verfasst wurden und daher wichtige Fragen

unbeantwortet lassen. Die aktuellsten und ausführlichsten Analysen, auf die in dieser Arbeit vorrangig zurückgegriffen wurde, wurden 1996 von Teixeira – im Rahmen einer Doktorarbeit – und im Jahr 2000 von La Rovere und Mendes – als ausführliche Fallstudie für die World Commission on Dams (WCD) – verfasst. Es fällt auf, dass ein Großteil der im Rahmen dieser Arbeit zugänglichen allgemeinen Texte zu ökologischen und sozialen Folgen von Staudämmen in den 1970er und 1980er Jahren entstand.

Zu Belo Monte gibt es aufgrund seiner Aktualität kaum Analysen in Schriftform. Das zentrale Werk zu diesem Thema trägt den Titel Tenotã-Mõ, das 2005 von Oswaldo Sevá Filho und Glenn Switkes über die Nichtregierungsorganisation (NRO) International Rivers Network herausgegeben wurde. Dabei handelt es sich um eine Sammlung kritischer Beiträge zu dem geplanten Projekt. Die Aktualität der Geschehnisse, aber auch die geographische Entfernung des Untersuchungsobjekts, führte dazu, dass die in dieser Arbeit verwendeten Informationen und Berichte zu einem großen Teil aus dem Internet stammen. Dort fanden sich auch viele Artikel zu den aktuellsten Entwicklungen. Hilfreiche Quellen waren die Website der Fundação Viver, Produzir e Preservar (FVPP –Stiftung Leben, Produzieren und Erhalten) und des Ministério Público (MP – Ministerium für die Öffentlichkeit), der NRO International Rivers, sowie des Instituto Socioambiental (ISA – Institut für Umwelt und Soziales). Zahlen und Fakten wurden vor allem offiziellen Plänen der brasilianischen Ministerien entnommen, die auf deren Websites verfügbar sind. Dadurch wird weitgehend gewährleistet, dass es sich um die aktuellsten verfügbaren Daten handelt.

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1. E I N L E I TU N G Die Problematik eines starken Rückgriffs auf das Internet ist der Verfasserin bewusst, und selbstverständlich wurde auf die Reputation der Seiten geachtet. Einen wichtigen Bestandteil der Analyse bilden zudem offizielle Dokumente der staatlich kontrollierten Energiefirma Eletrobrás wie die vollständigen Umweltverträglichkeitsstudie EIA (Estudo de Impacto Ambiental) und der dazugehörige Bericht RIMA (Relatório de Impacto Ambiental). Als besonders schwierig erwies sich, dass sich die Quellenlage zu dem hier untersuchten Projekt Belo Monte während der Sichtung der Quellen durch die Verfasserin ständig veränderte. So wurden einige der zitierten Berichte erst im Laufe der Erstellung dieser Arbeit in ihrer endgültigen Version veröffentlicht und teilweise ergänzt, darunter EIA und RIMA sowie der Zehnjahresplan für Energieexpansion des Energieministeriums. 1.3. Definitionen Es folgen grundlegende Definitionen, die dem besseren Verständnis dieser Arbeit dienen sollen. Bei der Wasserkraftnutzung wird die potenzielle Energie des Wassers, welche durch Höhenunterschiede im ruhenden Wasser besteht, durch das Wasser aufstauende Sperrbauwerke (Wehr, Staudamm, Staumauer etc.) nutzbar gemacht. Außerdem wird dabei die kinetische Energie des Wassers, d.h. die

Bewegungsenergie des fließenden Wassers, genutzt, meist durch den Einsatz von Turbinen. Die elektrische Leistung, die so entsteht, wird primär durch den Durchfluss und die Fallhöhe bestimmt, wobei sich die Fallhöhe generell durch die Differenz zwischen Ober- und Unterspiegel vor und hinter dem Stauwerk definiert.3 Im Gegensatz zu anderen Arten der Stromerzeugung können Wasserkraftwerke mit Speicherbecken sehr gut auf Spitzenwerte in der Nachfrage reagieren, da das während geringer Nachfrage aufgestaute Wasser schnell in Strom verwandelt werden kann.4 Zwar gibt es verschiedene Typen von Stauwerken und Talsperren, von denen der Staudamm nur eine Kategorie darstellt, jedoch werde ich im Folgenden, dem allgemeinen Sprachgebrauch entsprechend, zu deren Bezeichnung generell auf den Term „Staudamm“ zurückgreifen.

Das Untersuchungsgebiet für diese Arbeit stellt Amazonien dar. Damit ist die Amazônia Legal genannte Region gemeint, die aus politischen Planungs- und
Vgl. Giesecke, Jürgen; Mosonyi, Emil (2005): Wasserkraftanlagen. Planung, Bau und Betrieb. 4. Aufl. Berlin, Heidelberg: Springer-Verlag Berlin Heidelberg, S. 23-28. 4 Vgl. MacCully, Patrick (2001): Silenced Rivers: The Ecology and Politics of Large Dams: Enlarged and Updated Edition, 2.Aufl. London: Zed Books, S. 11.
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1. E I N L E I TU N G Verwaltungsgründen durch das Gesetz 5.173/66 definiert wurde und die Bundesstaaten Acre (AC), Amazonas (AM), Roraima (RR), Rondônia (RO), Pará (PA), Amapá (AM), Mato Grosso (MT) und Tocantins (TO) vollständig umfasst, sowie einen Teil des Staates Maranhão (MA). Nur zwei dieser Staaten gehören nicht zur administrativen Region Norden, wie man auf Abbildung 1 erkennen kann. Abbildung 1: Amazônia Legal und die administrative Gliederung Brasiliens

1) Mittelwesten 2) Nordosten 3) Norden 4) Südosten 5) Süden Quelle: MMA (Caderno da RH Amazônica), http://de.wikipedia.org/

Diese Arbeit beschränkt sich auf die Betrachtung von Großstaudämmen. Zwar gibt es verschiedene Ansätze zur Definition von Großstaudämmen, die meist nicht nach installierter Leistung erfolgt, eine international geläufige Definition ist jedoch diejenige der International Commission on Large Dams (ICOLD), wonach sie mindestens 15 m hoch sein müssen. Liegt das Speichervolumen des Dammes bei über 3 Mio. m³, so zählen auch Bauten von zwischen 5 m und 15 m dazu. Die Weltkommission für Staudämme hat diese Definition übernommen, und auch die Weltbank verwendet einen Richtwert von 15 m.5 Die Definition nach Höhe ist vor allem im flachen Amazonasgebiet jedoch keine besonders geeignete Größe – vielmehr muss man hier den Umfang der Stauseen mit einbeziehen.

In Brasilien gibt es laut Definition der Agência Nacional de Energia Elétrica (ANEEL – Nationale Agentur für Elektrische Energie)6 drei Größenkategorien von Staudämmen. Alle Staudämme mit einer Leistung über 30 Megawatt (MW) gelten als große Wasserkraftwerke, Usinas Hidrelétricas de Energia (UHEs – Hydro-

elektrische Kraftwerke). Es folgt die Pequena Central Hidrelétrica (PCH – Kleine hydroelektrische Zentrale) mit einer installierten Leistung von zwischen einem und
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Vgl. Asian Development Bank: What is the definition of a large dam? Verfügbar unter http://www.adb.org/Water/Topics/Dams/dams0120.asp, zuletzt geprüft am 11.08.09. 6 Anmerkung: Die Übersetzung dieser und aller folgenden portugiesischsprachigen Eigennamen, Begriffe und Zitate wurde von der Verfasserin nach bestem Wissen und Gewissen vorgenommen.

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1. E I N L E I TU N G 30 MW, wobei gleichzeitig auch die Größe des Speicherbeckens eingeschränkt ist (generell auf 3 km²)7. Alles, was ein MW unterschreitet, gilt als Central Geradora Hidrelétrica (CGH – Zentrale, die Wasserkraft erzeugt). Im Gegensatz zu der offiziellen brasilianischen Einteilung beginnen Großwasserkraftanlagen Prof. Jürgen Giesecke zufolge i. d. R. erst bei 100 MW.8

Vgl. ANEEL (Agência Nacional de Energia Elétrica) (2003): Resolução No 652, de 9 de Dezembro de 2003. Online verfügbar unter http://www.aneel.gov.br/cedoc/res2003652.pdf, zuletzt geprüft am 18.07.09 8 Vgl. Giesecke; Mosonyi (2005), S. 84.

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2. Grundlagen der Wasserkraftnutzung in Brasilien
2.1. Wirtschaftsentwicklung braucht Energie Brasilien gehört zu den aufstrebenden Wirtschaftsmächten unserer Zeit. Doch um das kontinuierliche Wirtschaftswachstum weiterhin gewährleisten zu können, braucht das Land Energie. Aktuelle Prognosen gehen davon aus, dass bei einem erwarteten Bevölkerungszuwachs von ca. 20 Mio. der Elektrizitätskonsum bis 2017 jährlich um ca. 5,4 % steigen wird, von 434 Terrawattstunden (TWh) im Jahr 2008 auf 700 TWh im Jahr 2017.9 Im Norden wird ein überdurchschnittliches Wachstum erwartet, was v.a. auf die geplante Ansiedlung großer Industrien zurückgeht.10 Um diese Nachfrage zu bedienen, setzt die brasilianische Regierung auch in Zukunft stark auf Wasserkraft. Besonders die Energiekrise von 2001 gab diesen Expansionsplänen zusätzlichen Auftrieb. Seit den 80er Jahren war das

Energieangebot aufgrund fehlender Investitionen langsamer als die Nachfrage gewachsen. Eine extensive Trockenzeit, gefolgt von einer Verknappung der hydroelektrischen Ressourcen, führte daraufhin zu einem Zusammenbruch des unzureichenden Versorgungssystems. in der Auch heute ist das des Risiko eines

Versorgungsdefizits

Zukunft

angesichts

konstanten

Wirtschaftswachstums langfristig noch nicht entschärft, so dass die Regierung weiter einen Ausbau der Energieproduktion vorantreibt. 11 2.2. Verteilung und Stellenwert der Wasserkraftressourcen in Brasilien Doch warum wird gerade auf Wasserkraft gesetzt? Begünstigt durch natürliches Potenzial besitzt Wasserkraft in Brasilien eine Sonderstellung, die entscheidend dazu beiträgt, dass beinahe die Hälfte des internen brasilianischen Energieangebots aus erneuerbaren Quellen stammt. Weltweit liegt der Beitrag der erneuerbaren Energien durchschnittlich nur bei 12% (2006). Lange Zeit war Wasserkraft die wichtigste Quelle erneuerbarer Energie Brasiliens, wurde aber in Folge des Ausbaus der Ethanolproduktion im Jahr 2007 von Zuckerrohr knapp überholt. Der Anteil der Wasserkraft an der nationalen Energieerzeugung ist mit 14,9% im Jahr 200712 (2008 noch 13,8%)13 weiterhin sehr hoch. Auf dem Strommarkt nimmt Wasserkraft weiterhin eine regelrechte Monopolstellung ein: Insgesamt stellte Wasserkraft im Jahr 2007 74,3% des
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Vgl. Ministério de Minas e Energia (MME), Empresa de Pesquisa Energética (EPE) (Hg.) (2009a): Plano Decenal de Expansão de Energia 2008/2017. Bd.1. Rio de Janeiro: EPE, S. 41. 10 Vgl. EPE (2009a), S. 42. 11 Vgl. Carvalho, Georgia O. (2006): Environmental Resistance and the Politics of Energy Development in the Brazilian Amazon. In: The Journal of Environment & Development, Jg. 15, H. 15, S. 248f. 12 Vgl. EPE (2009a), S. 25. 13 Vgl. Ministério de Minas e Energia (MME), Empresa de Pesquisa Energética (EPE) (Hg.) (2009b): Resultados preliminares do BEN 2009. Rio de Janeiro: EPE, S. 2.

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2. G R U N D L A G E N D E R W A S S E R K R A F T N U T Z U N G I N B R A S I L I E N Stromes bereit, der zu 98% aus größeren Kraftwerken (d.h. über 30 MW Kapazität) stammte (siehe Abbildung 2)14. Abbildung 2: Struktur des internen Angebots elektrischer Energie nach der primären Erzeugungsquelle15

Quelle: BEN (2008)16

Laufend aktualisierte, offizielle Daten im Internet geben am 13. August 2009 folgende Werte an: Wasserkraft stellte zu diesem Zeitpunkt 69,0% der installierten Leistung für den brasilianischen Strommarkt dar, was ca. 78.016 MW entsprach und auf 802 operierende Wasserkraftanlagen verteilt war.17 In Deutschland dagegen leisteten erneuerbare Energien im Jahr 2008 nur einen Beitrag von 9,5% zur Energiebereitstellung. Insgesamt verfügt Deutschland über eine installierte Wasserkraftleistung zur Stromerzeugung von gerade einmal 4.740 MW, die 2008 3,5% der elektrischen Energie lieferten.18 Auch im internationalen Kontext ist das hydroelektrische Potenzial Brasiliens von beachtlicher Bedeutung: Das Land zeichnet für ca. 10% der weltweiten Produktion verantwortlich.19

Trotz dieser eindrucksvollen Zahlen wird nur ein Bruchteil der existenten Wasserkraft-Ressourcen Brasiliens, die die Elektrizitätsfirma Eletrobrás auf 246.133 MW schätzt, genutzt. Im Januar 2007 waren es nur knapp 28% dieses hydroelektrischen Gesamtpotenzials. Weitere 42% befanden sich zu dem Zeitpunkt in verschiedenen Stadien der geplanten zukünftigen Nutzung, von sogenannten Inventarstudien bis zur Konstruktion und bei zusätzlichen 30% des ermittelten
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Ministério de Minas e Energia (MME), Empresa de Pesquisa Energética (EPE) (2008): Balanço Energético Nacional (BEN) 2008: Ano base 2007. Rio de Janeiro: EPE. S. 11. 15 Übersetzung der Bezeichnungen: Térmica = Thermische; PCH = kleinere Wasserkraftwerke; Nuclear = Nukleare, Improtação = Import; Hídrica = (hier:)Wasserkraft. 16 Vgl. Ministério de Minas e Energia (MME), Empresa de Pesquisa Energética (EPE) (Hg.) (2008): Balanço Energético Nacional (BEN) 2008: Ano base 2007. Rio de Janeiro: EPE, S. 11. 17 Vgl. Agência Nacional de Energia Elétrica (ANEEL) (2009): Banco de Informações de Geração (BIG). Verfügbar unter http://www.aneel.gov.br/, zuletzt geprüft am 13.8.09. 18 Vgl. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) (Hg.) (2009): Entwicklung der erneuerbaren Energien in Deutschland im Jahr 2008, S. 5, S. 11, S. 15. 19 Vgl. Tundisi, José G.(2003): Agua no século XXI. Enfrentando a escassez. São Carlos: RiMa, S. 87.

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2. G R U N D L A G E N D E R W A S S E R K R A F T N U T Z U N G I N B R A S I L I E N Potenzials handelte es sich noch um Schätzungen. Auffällig ist, dass sich fast 80% dieser Schätzungen auf das Amazonasbecken beziehen, wobei die größten Reserven in den Bundesstaaten Pará und Amazonas liegen sollen. Pará verfügt mit über einem Fünftel des Gesamtpotenzials (50.315 MW inkl. Schätzungen) über das größte hydroelektrische Potenzial aller Bundesstaaten, wovon erst ca. 11% durch in Betrieb befindliche Wasserkraftwerke genutzt werden. Bisher haben sich die Unternehmungen zur Nutzung der Wasserkraft auf den Süden des Landes konzentriert, wo das Potenzial in hohem Grade ausgeschöpft ist. So befinden sich die größten bereits genutzten Ressourcen in Paraná, was v.a. dem Großstaudamm Itaipú zuzuschreiben ist.20 2.3. Geographische Eigenschaften des Untersuchungsgebietes Im Smithsonian Atlas of the Amazon heißt es, „the Amazon Basin has the greatest hydroelectric potential in the world“.21 Tatsächlich stellt die hydrographische Region des Amazonas das größte hydrographische Netz der Erde dar und ist damit auch in ökologischer Hinsicht von großer internationaler Bedeutung. Sein brasilianischer Teil (3.843.402 km2) verteilt sich auf die folgenden brasilianischen Bundesstaaten: Acre, Amazonas, Amapá, Rondônia, Roraima, 76,2% von Pará und 67,8% von Mato Grosso. Der Norden des benachbarten Einzugsgebietes des Tocantins birgt ebenfalls ein großes Potenzial. Es erstreckt sich über die Bundesstaaten Pará, Maranhão und vor allem Tocantins.22 Obwohl die brasilianische Regierung die Einzugsgebiete voneinander trennt, wird der Rio Tocantins oft zum Amazonasbecken

hinzugerechnet. Zwar mündet dieser eigentlich nicht in den Amazonas, sondern in den Rio Pará, trifft dort jedoch auf ein Gemisch von Pará- und Amazonas-Wasser. Noch wichtiger scheint, dass das Ökosystem am Unterlauf des Tocantins direkt mit dem an der Amazonasmündung verbunden ist und somit dessen Flora und Fauna enge Verwandtschaft mit Arten des Amazonasbeckens aufweisen. Die

Überschneidung der Einzugsgebiete wird auch in Abbildung 3 deutlich.

Eletrobrás (2007a): Potencial Hidrelétrico Brasileiro por Bacia Hidrográfica - janeiro 2007. Verfügbar unter http://www.eletrobras.com/EM_Atuacao_SIPOT/sipot.asp, zuletzt geprüft am 20.07.09. 21 Goulding, Michael; Barthem, Ronaldo B.; Ferreira, Efrem J. ; Duenas, Roy (2003): The Smithsonian Atlas of the Amazon. Washington, DC, London: Smithsonian Books, S. 65. 22 Vgl. Ministério do Meio Ambiente (MMA) (2006b): Plano Nacional de Recursos Hídricos. Divisão Hidrográfica Nacional. Verfügbar unter http://pnrh.cnrh-srh.gov.br/, zuletzt geprüft am 14.07.09.

20

9

2. G R U N D L A G E N D E R W A S S E R K R A F T N U T Z U N G I N B R A S I L I E N Abbildung 3: Hydrogeographische Einzugsgebiete Brasiliens

Quelle: Ministério dos Transportes (2009)

23

Die Beziehung der Einzugsgebiete Brasiliens zu den dort aufzufindenden Biomen wird aus Abbildung 4 ersichtlich. Die Aufteilung der Gebiete wurde zuletzt 2003 durch den Conselho Nacional de Recursos Hídricos (CNRH – Nationaler Rat der Wasserressourcen) vorgenommen. Obwohl Tucuruí und das geplante Belo MonteProjekt in verschiedenen hydrographischen Becken liegen, gehören sie beide zum Biom des Amazonasregenwaldes, welches in dieser Arbeit exklusiv betrachtet wird. Die Abbildung lokalisiert zudem die bisher größten Wasserkraftwerke in Amazonien, und auch die Konzentration der Wasserkraftwerke auf den Süden wird deutlich.

23

Ministério dos Transportes (o. D.): Bacias Hidrográficas. Verfügbar unter http://www.transportes.gov.br/, zuletzt geprüft am 28.07.09.

10

2. G R U N D L A G E N D E R W A S S E R K R A F T N U T Z U N G I N B R A S I L I E N Abbildung 4: Vorhandenes System der hydroelektrischen Stromerzeugung

Belo Monte (geplant) Balbina Samuel Tucuruí

1

2

Legende UHE in Betrieb Bundeshauptstadt Wasserbecken

1 2

Amazonas-Becken AraguaiasTocantins-Becken

Quelle: EPE (2009) , Bearbeitung durch die Verfasserin

24

2.4. Expansionspläne der Regierung Die Blicke der Staudammplaner richten sich aktuell auf den Norden Brasiliens. Dargelegt werden die Pläne zum Ausbau der Energiegewinnung durch Wasserkraft z.B. im Regierungsprogramm Programa de Aceleração do Crescimento (PAC – Programm zur Beschleunigung des Wachstums), das sich ein sozial- und

24

EPE (2009a), S. 359.

11

2. G R U N D L A G E N D E R W A S S E R K R A F T N U T Z U N G I N B R A S I L I E N umweltverträgliches Wirtschaftswachstum zum Ziel gesetzt hat und den Zeitraum von 2007 bis 2010 umfasst. Eine etwas langfristigere Planung ist im Plano Decenal de Expansão de Energia 2008-2017 (PDEE – Zehnjahresplan zur

Energieexpansion) aufzufinden. Er sieht den Bau von 71 Wasserkraftwerken vor, die die brasilianische Wasserkraftkapazität um ca. 28.938,5 MW erhöhen sollen. Der mit Abstand größte Teil davon, nämlich 18.525,5 MW, soll im Einzugsgebiet des Amazonas gewonnen werden, wo 15 neue Kraftwerke geplant sind. An zweiter Stelle steht mit über 4.353,3 MW das Tocantins-Araguaia-Becken.25 Die drei zentralen Projekte des Planes sind aufgrund ihrer geplanten Kapazität Belo Monte mit über 11.000 MW und die Staudämme Jirau und Santo Antônio am Rio Madeira mit zusammen 6.450 MW. Alle drei Projekte befinden sich in der Nähe des Amazonas und die beiden letzteren wurden 2008 genehmigt, obwohl sie als ökologisch höchst bedenklich kritisiert werden. 2.5. Wahl des Untersuchungsgegenstandes Das bedeutendste aller Projekte, Belo Monte, wartet noch auf seine Genehmigung. Es wäre das erste Wasserkraftwerk am Rio Xingu. Der Xingu, dessen Flussgebiet eine hydrographische Sub-Region des Einzugsgebietes des Amazonas darstellt, birgt alleine 14% des inventarisierten Wasserkraftpotenzials Brasiliens.26
„Es [Belo Monte] wird auch als strategisches Bauvorhaben für den brasilianischen Elektrizitätssektor betrachtet, da es genauso wie diejenigen am Rio Madeira die Integration zwischen hydrographischen Becken mit unterschiedlichem Wasserregime erwirkt, was einen 27 Gewinn an garantierter Energie im Nationalen Verbundsystem zur Folge hat.“

So soll das Amazonasbecken in den brasilianischen Strommarkt integriert werden. Der am Unterlauf des Rio Xingu im Bundesstaat Pará gelegene geplante Großstaudamm wird den Hauptgegenstand der Untersuchung in dieser Arbeit darstellen. Das wichtigste Vergleichsprojekt der Vergangenheit wird das MegaProjekt Tucuruí am Unterlauf des Tocantins bilden, das mit 8.370 MW installierter Kapazität das viertgrößte Wasserkraftwerk weltweit ist.28

Vgl. EPE (2009a), S. 408. Vgl. Ministério do Meio Ambiente, Secretaria de Recursos Hídricos (MMA) (Hg.) (2006a): Caderno Setorial de Recursos Hídricos: Geração de Energia Hidrelétrica. Brasília, Kap. 5, S.62. 27 „Esta [Belo Monte] é considerada também uma obra estratégica para o Setor Elétrico Brasileiro, pois da mesma forma que as do rio Madeira, proporcionará a integração entre bacias hidrográfi cas com diferentes regimes hidrológicos, resultando em um ganho da energia garantida no Sistema Interligado Nacional – SIN.” MMA (2006a), S. 65. 28 Vgl. industcards.com (2009): The Top 100 - Part I: The World's Largest Power Plants. Verfügbar unter http://www.industcards.com/top-100-pt-1.htm, zuletzt geprüft am 24.6.09; ANEEL (2009b).
26

25

12

2. G R U N D L A G E N D E R W A S S E R K R A F T N U T Z U N G I N B R A S I L I E N Belo Monte – in Kapitel 5 genauer beschrieben – wurde aus folgenden Gründen gewählt: • • Beispielhaftigkeit: Es ist ein zentrales Projekt in der geplanten Erschließung des enormen Wasserkraftpotenzials des Amazonas. Geschichtliche Entwicklung: Das in den 70er Jahren erstmals geplante und mehrmals am Bau gehinderte Projekt ist beispielhaft für einen erstarkten Widerstand und ein größeres öffentliches Problembewusstsein in Bezug auf Staudämme. • Aktualität und Stellenwert: und Das stellt Projekt eine befindet sich derzeit Priorität im der

Genehmigungsverfahren

strategische

brasilianischen Regierung dar.

Der Staudamm Tucuruí ist aus mehreren Gründen besonders als Referenz geeignet: • Geographische Nähe: Die beiden Projekte befinden sich nahe am dritten Breitengrad, im Bundesstaat Pará. Sie liegen im amazonischen Regenwald und weisen beide eine für das Amazonasbecken typische Flora und Fauna auf. Klimatisch und ökologisch sind sie daher gut vergleichbar. • Ausmaß: Auch von der Größenordnung lassen sie sich vergleichen: Belo Monte würde mit über 11.000 MW installierter Kapazität Tucuruí als zweitgrößtes Wasserkraftwerk Brasiliens nach Itaipú ablösen. • Geschichte: Das noch in der Hochphase des brasilianischen Staudammbaus 1984 vollendete Projekt repräsentiert politisch und ökonomisch das „alte Brasilien“, noch vor Einflussnahme der Umweltdebatte.29 • Einfluss: Die durch die negativen Auswirkungen des Projektes entstandenen Kontroversen haben entscheidend zur Entstehung einer Gegenbewegung und entsprechender Änderungen der Gesetze und Vorschriften geführt.

Vgl. Teixeira, Maria G. (1996): Energy policy in Latin America. Social and environmental dimensions of hydropower in Amazônia. Aldershot [u.a.]: Avebury (Avebury studies in green research), S. 2.

29

13

3. Problemanalyse am Beispiel Tucuruí
Die wichtigsten Kritikpunkte bei vergangenen Wasserkraftprojekten im brasilianischen Amazonas beziehen sich auf die dabei entstandenen negativen sozialen und ökologischen Folgen. Am Beispiel Tucuruí sollen diese im Folgenden deutlich gemacht werden. Tucuruí ist 250 km südöstlich von Belém, der Hauptstadt Parás, gelegen und nach einer nahe gelegenen Ortschaft benannt. 1975 begonnen, wurde die entscheidende Bauphase 1984 abgeschlossen. Die zweite Phase des Projekts, die die Kapazität von 4.000 auf über 8.000 MW erhöhte, fand erst nach 2002 statt und spielt für diese Betrachtung keine Rolle, da sie die Problematik kaum verändert. 3.1. Soziale Kosten 3.1.1 Gegensätzliche Interessen Mit dem Ausbau der Wasserkraftnutzung im Norden reagiert die brasilianische Regierung auf eine wachsende Energienachfrage und will eine größere

Energiesicherheit garantieren. Die Nutznießer und somit treibenden Kräfte der jeweiligen Projekte lassen sich jedoch noch genauer bestimmen, wobei hierin großes Konfliktpotenzial zu Tage tritt.

Der Staudamm Tucuruí war Teil des Projeto Grande Carajás, das das Gebiet durch die Förderung der reichen Mineralienvorkommen der industriellen Entwicklung erschließen sollte.30 Das Carajás-Vorkommen wurde 1967 entdeckt und stellt die größte bekannte Eisenerzlagerstätte der Welt dar. Des Weiteren wurde die Industrialisierung der Region durch die Entdeckung eines Bauxit-Depots von ca. 4 Mrd. Tonnen am Rio Trombetas vorangetrieben, was Brasilien zum drittgrößten Versorger der Welt macht. Da Bauxit vor allem zur Aluminiumgewinnung verwendet wird, gab dies einen wichtigen Anstoß zur Niederlassung der elektrizitätsintensiven Aluminium-Industrie in der Region. Der dadurch bedingte erhöhte Strombedarf wiederum führte zur Gründung des regionalen, vom Staat kontrollierten

Stromkonzerns Eletronorte, einer Tochtergesellschaft von Eletrobrás. In diesem Kontext wurde auch der brasilianisch-japanische Aluminiumkomplex Albrás-Alunorte gebaut.31 So überrascht es kaum, dass diese beiden multinationalen

Aluminiumunternehmen auch den größten Vorteil aus Tucuruí ziehen, denn an sie

Vgl. Kürschner-Pelkmann, Frank (2007): Das Wasser-Buch. Kultur, Religion, Gesellschaft, Wirtschaft. 2.Aufl. Frankfurt a. M.: Lembeck O., S. 29. 31 Vgl. Teixeira (1996), S. 55f.

30

14

3. P R O B L E M A N A L Y S E A M B E I S P I E L T U C U R U Í gehen ca. 60% der produzierten Energie.32 Teile des Stroms gehen außerdem an die Stadt Belém und fließen ins nationale Verbundnetz.33 Diese Entwicklung setzt Teixeira in den allgemeinen Kontext der Globalisierung von Produktionsprozessen und bezeichnet die Aluminiumindustrie als „one of the best examples of a truly global industry with worldwide sources and markets”34. Der Strom geht vorrangig an exportorientierte Betriebe mit ausländischem Kapital, die nur ca. ein Drittel des sonst üblichen Preises zahlen. Somit werden sie auf Kosten von Steuerzahlern
35

und

über

die

Stromrechnungen

der

“Normalverbraucher“ subventioniert. Mio. US-Dollar (US$).36

Laut La Rovere und Mendes liegen die

jährlichen Subventionen an energieintensive Unternehmen zwischen 193 und 411

Letztendlich

bringt

diese

Entwicklung

der

Mehrheit

der

brasilianischen

Bevölkerung keine Vorteile, umso mehr, da die hauptsächlich begünstigte Aluminiumindustrie denkbar wenige Arbeitsplätze schafft. So haben die Firmen Albras und Alumar bei Tucuruí zusammen weniger als 2.000 Jobs für die Lokalbevölkerung geschaffen, obwohl alleine bei Albras um die 60.000 Arbeiter beschäftigt sind.37 Der Ökonom Célio Bermann kritisiert, dass sechs elektrointensive Sektoren, darunter Aluminium und Eisenlegierungen, für 30% des nationalen Stromverbrauchs verantwortlich zeichnen, dabei aber nur
38

eine

geringe

Wertschöpfung erzielen, also für das Land kaum rentabel seien.

Laut Teixeira wird diese Problematik zunehmend wahrgenommen:
„There is an increasing concern that large mining industries have not been beneficial to the country, mainly those established in the Amazon […] the economic return that one would 39 expect from such activities is almost non-existent in the present situation.” .

Statt auf nationaler siedelt auch Petrella den Profit auf globaler Ebene an:
„die eigentlichen Nutznießer dieser Großprojekte, die von der Weltbank (und ihren regionalen Statthaltern) finanziert werden, sind die großen multinationalen Unternehmen aus Nordamerika, Westeuropa und Japan […]. Der Gewinn der lokalen Bevölkerung steht in keinem Verhältnis zum Gewinn, den die Bauunternehmen, die Verwaltungs- und ConsultingGesellschaften erzielen. Insgesamt ziehen die Unternehmer der entwickelten Länder den 40 größeren Nutzen aus dem Bau von Staudämmen als die lokalen Bevölkerungen.“

Ein Dokument der brasilianischen Organisation Movimento dos Atingidos por Barragens (MAB – Bewegung der von Staudämmen Betroffenen) identifiziert die
Vgl. Fearnside (2001), S. 392; Kürschner-Pelkmann (2007), S. 30. Vgl. Teixeira (1996) S. 88f. 34 Teixeira (1996), S. 66. 35 Vgl. Ebenda, S. 90. 36 Vgl. La Rovere, Emilio L.; Mendes, Francisco E. (2000): Tucuruí Hydropower Complex, Brazil. A WCD case study prepared as an input to the World Commission on Dams. Kapstadt, S. x. 37 Vgl. Teixeira (1996), S. 109. 38 Vgl. Instituto Socioambiental (ISA) (2003): Especial Belo Monte: Destino da Energia Gerada. Verfügbar unter http://www.socioambiental.org/esp/bm/dest.asp, zuletzt geprüft am 22.07.09. 39 Teixeira (1996), S. 74. 40 Petrella, Riccardo (2000): Wasser für alle. Ein globales Manifest. Zürich: Rotpunktverlag, S. 106f.
33 32

15

3. P R O B L E M A N A L Y S E A M B E I S P I E L T U C U R U Í folgenden (vorwiegend internationalen) Privatfirmen, die „den brasilianischen Stromsektor kontrollieren“ (Abbildung 5). Abbildung 5: Privatfirmen, die den brasilianischen Stromsektor kontrollieren

Quelle: MAB

41

Selbst wenn die treibenden Kräfte hinter der Konstruktion von Großstaudämmen meist externer Herkunft sind, so wäre es dennoch möglich, die regionale Bevölkerung an den entstandenen Gewinnen zu beteiligen. Meist geschieht das jedoch nicht. So wurden etwa die Bewohner um Tucuruí erst 1997 an das Stromnetz angeschlossen und große Teile der weiteren Umgebung, durch die die Stromleitungen laufen, blieben ohne Versorgung.42 Auch bei Balbina waren fünf Jahre nach Inbetriebnahme der Anlage noch alle Dörfer am Uatumã-Fluss ohne jegliche Stromversorgung.43 Es ist jedoch nicht nur so, dass die Lokalbevölkerung kaum Nutzen aus den Unternehmungen zieht, sondern viele lokale Gruppen sogar durch diese geschädigt werden, wie in den folgenden Punkten gezeigt wird. 3.1.2. Fehlende Partizipation und Transparenz Die betroffene Bevölkerung wurde bei früheren Großprojekten nicht in die Planung und Entscheidung über Staudämme einbezogen. Eletronorte hat in der Vergangenheit außerdem eine sehr spärliche Informationspolitik betrieben und somit vieles vor der Bevölkerung geheim gehalten. Große Furore verursachte der Plan 2010, der von Eletronorte erst nach seinem partiellen Bekanntwerden im Jahr 1987 publik gemacht wurde. Er sah die Errichtung von 79 Staudämmen in Amazonien vor, die insgesamt 10 Mio. Hektar überschwemmen würden, was 2%

41

Movimento dos Atingidos por Barragens (MAB) (Hg.) (2008): A luta dos atingidos por barragens contra as transnacionais, pelos direitos e por soberania energética, São Paulo, S. 9. 42 Vgl. La Rovere; Mendes (2000), S. xiii. 43 Vgl. Teixeira (1996), S. 97.

16

3. P R O B L E M A N A L Y S E A M B E I S P I E L T U C U R U Í der offiziellen Fläche von Amazonien entspricht.44 Expansionspläne werden inzwischen nicht mehr in ihrem langfristigen Umfang bekannt gegeben und von Eletrobrás nur sehr begrenzt an die Öffentlichkeit gelassen.45

Die soziale Akzeptanz wurde zur Zeit des Baus von Tucuruí stark vernachlässigt:
„No vertical communication mechanisms were ever established to ensure that the large development plans coincided with social needs and priorities and the included public opinion“46.

Solche Mechanismen können z.B. öffentliche Diskussionen und Anhörungen sein. Diese werden von der Zivilgesellschaft in immer stärkerer Weise gefordert, um eine bessere Partizipation der betroffenen Bevölkerung zu gewährleisten. 3.1.3. Vertreibung und Vernichtung von Lebensgrundlagen Das Amazonasgebiet stellt auch wegen seiner geringen Bevölkerungsdichte einen bevorzugten Standort für Großprojekte dar. Obwohl die Zahl der Betroffenen daher weit geringer ist als bei Projekten wie dem Drei-Schluchten-Staudamm in China, wo ca. 1,1 Mio. Menschen von Zwangsumsiedlung betroffen sind47, müssen auch hier Menschen der Errichtung dieser Bauten weichen. Das zieht

schwerwiegende soziale Konsequenzen nach sich und stellt den radikalsten sozialen Eingriff dar. Schätzungen gehen von insgesamt ca. 1 Mio. Menschen (ungefähr 300.000 Familien) aus, die in Brasilien aufgrund von Staudammprojekten ihre Heimat verlassen mussten.48

Die Vertreibung oder Umsiedlung betrifft vor allem Kleinbauern und Landarbeiter, sowie in Amazonien außerdem indigene Gruppen. Zwar werden im Vorfeld der Unternehmungen den Bewohnern der relevanten Gegend meist große

Versprechungen von zu erwartenden regionalen Entwicklungsfortschritten gemacht. In der Praxis jedoch wie erhalten unzählige die Betroffenen selten angemessene 70% der

Entschädigungen,

Untersuchungen

berichten.

beeinträchtigten Familien sollen sogar laut der brasilianischen Bewegung MAB keinerlei Ansprüche zugesprochen bekommen haben. Außerdem sei die primäre

Vgl. Fearnside, Philip (2004): Greenhouse gas emissions from hydroelectric dams: Controversies provide a springboard for rethinking a supposedly “clean” energy source. In: Climatic Change, Jg. 66, H. 1/2, S. 6; Fearnside, Philip (2006): Dams in the Amazon: Belo Monte and Brazil’s Hydroelectric Development of the Xingu River Basin. In: Environmental Management, Jg. 38, H. 1, S. 5. 45 Vgl. Fearnside (2001), S. 392. 46 La Rovere; Mendes (2000), S. xix. 47 Vgl. Kohlhepp, Gerd: Interessenskonflikte beim Bau großer Wasserkraft- und Staudammprojekte in Brasilien. In: Meyer, Günter (Hg.) (2002): Wasserkonflikte in der Dritten Welt. Mainz: Univ. (Veröffentlichungen des Interdisziplinären Arbeitskreises Dritte Welt, 15), S. 110. 48 Vgl. Coy, Martin; Geipel, Florian (2004): Staudämme in Brasilien. Energiegewinnung im Spannungsfeld von Wirtschaft und Gesellschaft. In: Geographische Rundschau, Jg. 56, H. 12, S. 28.

44

17

3. P R O B L E M A N A L Y S E A M B E I S P I E L T U C U R U Í Strategie der Unternehmer gegenüber der Bevölkerung eine finanzielle Abfindung, da diese weniger Aufwand bedeutet als eine Umsiedlung – und die 60-70% der Familien gezwungenermaßen akzeptieren.49

Die Umsiedlungsproblematik und die damit verbundenen sozialen Folgekosten spielten bisher in der Projektplanung eine marginale Rolle. Sie wurden von den Projektverantwortlichen meist unzureichend berücksichtigt und offensichtlich

unterschätzt. Dazu gehört, dass die Zahl der Umzusiedelnden zu niedrig angesetzt wurde, woraus sich geringere Entschädigungsansprüche ergaben. Meist wurden die Betroffenen außerdem im Voraus kaum über den Ablauf des Baus und der Umsiedlung in Kenntnis gesetzt. Die undurchsichtigen besitzrechtlichen

Verhältnisse im Amazonas – denn viele der Siedler verfügten über keine offiziellen Landtitel – erschwerten die Erfassung der Situation und schwächten die rechtliche Position der Betroffenen.

Ein weiterer Konflikt entstand um die Festlegung des in der brasilianischen Verfassung bei Enteignungen zugesicherten “gerechten Preises“, u.a. da

Grundstücke unter ihrem Marktwert bewertet wurden. Berichte zeugen auch von einer Annahme der festgelegten Bedingungen durch die Siedler unter finanziellem und psychologischem Druck, der bis zur Androhung von Gewalt gereicht haben soll. Ein weiterer, weit verbreiteter Vorwurf ist der der Ungleichbehandlung:

einflussreiche Persönlichkeiten sollen bevorzugt behandelt worden sein, um den Widerstand zu schwächen. Als problematisch ist auch anzusehen, dass die Firmen, die Projekte durchführten (im Amazonas meist Eletronorte), selbst dafür zuständig waren, die Kriterien zur Definition von Betroffenen und die “angemessene“ Entschädigungssumme ohne Kontrolle durch unbeteiligte Dritte festzulegen.50 Angesichts dieser Praktiken nennt Teixeira die Umsiedlung einen „process that continues to ensure that priviledged social groups have access to the best environments.“51 Wo Umsiedlungsprojekte geplant waren, funktionierten diese aufgrund von Unterfinanzierung und diverser Mängel in der Planung großteils nicht wie vorgesehen. Ein Hauptkritikpunkt hierbei ist die fehlende Berücksichtigung der Grundbedürfnisse der Bevölkerung und deren Anspruch auf die Sicherung einer würdigen Existenz.52

49 50

Vgl. MAB (2008), S. 6, S. 16. Vgl. Ebenda, S. 17. 51 Teixeira (1996), S. 146. 52 Vgl. Kohlhepp (2002), S. 109-111.

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3. P R O B L E M A N A L Y S E A M B E I S P I E L T U C U R U Í Das Amazonasgebiet ist gleichzeitig der Lebensraum vieler indigener Gruppen, die durch die “Entwicklungsprojekte“ bedroht werden. Die Staudämme greifen entweder direkt oder indirekt in Territorien ein, die dieser Bevölkerungsgruppe zugesprochen wurden. Tatsächlich machen offiziell ausgewiesene Terras Indígenas (Indigenengebiete) 25% des Amazonasbioms aus.53 Im Pará liegt diese Zahl bei 22,62%.54 Die Indigenen stehen den mit Infrastrukturprojekten verbundenen Bedrohungen häufig schutz- und mittellos gegenüber und werden zu Opfern von Zwangsumsiedlungen. Nicht nur der Bau an sich, sondern besonders auch die damit verbundenen Infrastrukturmaßnahmen und Entwicklungsdynamiken stellen eine Bedrohung ihres Lebensraumes und ihrer Lebensgrundlagen dar.

Im Falle von Tucuruí waren die Betroffenen vor allem Kleinbauern und Landarbeiter, die zwischen den 1950er- und 1970er-Jahren aus dem Norden zugewandert waren, angezogen durch das hohe Vorkommen an Paranüssen, einem wichtigen Exportprodukt, oder auf der Suche nach Diamanten in den Flüssen. Einen wichtigen Teil ihrer Lebensgrundlage bildeten zudem die Landwirtschaft, das Sammeln von Früchten, Jagen und Fischen. Durch die Aufstauung des Flusses wurden 14 Dörfer überschwemmt und laut Eletronorte mussten 23 871 Menschen ihr Land verlassen, exklusive der indigenen Bevölkerung, die dabei vertrieben wurde. Teixeira merkt an, dass solche Betroffenen-Zahlen mit Vorsicht zu behandeln sind, da sie anderen Schätzungen stark widersprechen55 und spricht von einer „systematischen Unterschätzung“ durch Eletronorte.56 Durch die definitorische Beschränkung der Betroffenen auf den Umfang der zukünftigen Stauseefläche etwa wurden Entschädigungszahlungen minimiert und kein Einblick in die Zahl tatsächlich Betroffener gewährt. Zudem entwertete die starke Migration in die Gegend die ursprünglichen Prognosen.57 So versechsfachte sich die Bevölkerung der unmittelbaren Umgebung. Die gesamte Gegend verdoppelte ihre Einwohnerzahl innerhalb von 10 Jahren. Dies wiederum führte zur Slumbildung, was nach Bauende durch eine Massenarbeitslosigkeit verschlimmert wurde.58
53 54

Vgl. EPE (2009a), S. 356. Vgl. Instituto Socioambiental (ISA) (2009d): Áreas Protegidas na Amazônia Legal por Estado, Stand: 20.10.09. Verfügbar unter www.socioambiental.org/uc/quadro_geral, zuletzt geprüft am 25.10.09. 55 Mugeot gibt beispielsweise eine Zahl von 25.000 bis 30.000 Beteiligten schon im Jahre 1980, d.h. vor der massiven Migrationsbewegung in die Gegend, an. Vgl. Mugeot, Luc J. : O reservatório da usina hidrelétrica de Tucuruí, Pará, Brasil. Uma Avaliação do Programa de Reassentamento Populacional (1976-85). In: Kohlhepp, Gerd; Schrader, Achim (Hg.) (1987): Homem e natureza na Amazônia. Simpósio internacional e interdisciplinar ; Blaubeuren 1986 = Hombre y naturaleza en la Amazonía : simposio internacional e interdisciplinario ; Blaubeuren 1986. Tübingen: Geograph. Inst. der Univ. (95), S. 389. 56 Vgl. Teixeira (1996), S. 199. Von einer systematischen Unterschätzung spricht auch Mugeot (1987), S. 389. 57 Vgl. Mugeot (1987), S. 389. 58 Vgl. La Rovere; Mendes (2000), S. xiii.

19

3. P R O B L E M A N A L Y S E A M B E I S P I E L T U C U R U Í

Erst vor ein paar Jahren soll Eletronorte die Bevölkerung, die in der Nähe des Dammes wohnt, als „Betroffene“ anerkannt haben, die durch eine dramatische Reduktion des Fischbestands beeinträchtigt werden.59 Robert Goodland, den Eletronorte mit einem Umweltbericht betraut hat, merkt kritisch an, dass die staatliche Firma 1978, lange nach Baubeginn, die Zahl der Umzusiedelnden immer noch nicht berechnet hatte und gesteht ein, dass seine erste Schätzung von 15.000 Umzusiedelnden weit verfehlt war. Er spricht von 40.000 Betroffenen.60 Umgesiedelt wurden laut La Rovere und Mendes über 14.000 Personen.61

Eine logische, jedoch schwer erfassbare Konsequenz aus den Umwälzungen solcher Bauprojekte ist die Zerrüttung sozialer Strukturen und Bindungen. Die Unkenntnis über das Sozialgefüge der Region seitens der Unternehmer war ein großes Manko der sozialen Programme der Vergangenheit. Erste sozioökonomische Studien zur Gegend um Tucuruí wurden erst mehrere Jahre nach Baubeginn durchgeführt und wiesen auch dann laut Teixeira nicht die nötige Tiefe auf.
62

Der Entschädigungsprozess konnte somit lokalen Realitäten nicht gerecht tatsächlich prallten sogar verschiedene kulturelle Auffassungen

werden;

aufeinander. Die Bevölkerung nämlich praktizierte eine Form von Agrarwirtschaft, die ohne legale Dokumentation auf sozialer Kontrolle basierte. Hierzu gehörte auch, dass anliegende Gebiete wie Wälder kollektiv genutzt wurden, was einen wichtigen Teil ihrer Lebensgrundlage darstellte. Eletronorte jedoch erkannte die

vorherrschenden Strukturen nicht und agierte vor allem nach dem Prinzip des (eingetragenen) Privateigentums, welches als Einziges zur Sicherung von Ansprüchen anerkannt wurde. Da viele Familien nicht über eingetragenes Land verfügten, hatten sie kaum Chancen auf eine angemessene Entschädigung, auch wenn sie das Land schon seit Jahren bewirtschafteten. Die wegen des schwer kontrollierbaren Zuzugs, u.a. im Rahmen von Besiedlungsmaßnahmen der Regierung, verworrene besitzrechtliche Situation sowie Reglementierungslücken und Änderungen in der Gesetzgebung ließen Eletronorte Spielraum, um die Zahlungen an die Bewohner niedrig zu halten. Nicht alle Familien wurden entschädigt und

Vgl. Vainer, Carlos B. (2007): Recursos hidráulicos: questões sociais e ambientais. In: Estudos Avançados, Jg. 21, H. 59, S. 133. 60 Vgl. Goodland, Robert (2005): Evolução histórica da avaliação do impacto ambiental e social no Brasil: sugestões para o complexo hidrelétrico do Xingu. In: Sevá Filho, A. Oswaldo; Switkes, Glenn (Hg.) (2005): Tenotã-Mõ. Alertas sobre as conseqüências dos projetos hidrelétricos no rio Xingu. 1. Aufl. São Paulo: International Rivers Network, S. 176. 61 Vgl. La Rovere; Mendes (2000), S. xiii. 62 Vgl. Teixeira (1996), S. 199.

59

20

3. P R O B L E M A N A L Y S E A M B E I S P I E L T U C U R U Í wenn dann oft mit völlig unzureichenden Beträgen, um eine neue Existenz aufzubauen.

Auch bezogen die Pläne selbst in Bezug auf die offiziell anerkannten Landbesitzer nur die Umsiedlung eines Teils ein, und für die Bevölkerung ohne Landtitel fehlte eine Umsiedlungspolitik völlig, was auch Robert Goodland in einem Gutachten für Eletronorte kritisiert.63 Viele Familien wurden enteignet, obwohl die neuen Siedlungen noch nicht fertig waren und ein Jahr nach Füllung des Reservoirs (1985) waren immer noch 1.500 Familien heimatlos. Die dennoch erfolgten Umsiedlungsversuche schlugen meist fehl. Da die Planung der neuen Siedlungen ohne Berücksichtigung der Lebensgrundlagen und Wirtschaftsweise der

Lokalbevölkerung vollzogen wurde, konnten diese mit den neuen Gebieten oft nichts anfangen. Zugeteilte Landparzellen wurden häufig gar nicht erst bezogen oder nach einiger Zeit wieder aufgegeben. Es mangelte an (teils versprochener) Infrastruktur wie Zugangsstraßen und öffentlichen Einrichtungen sowie an adäquater Behausung. Auch wurde ihnen keine institutionelle Hilfestellung zum Neuaufbau einer landwirtschaftlichen Existenz gegeben. Eine durch den Stausee verursachte Moskitoplage erschwerte zudem die Lebensbedingungen, weshalb es vielen nicht gelang, in der neuen Umgebung Fuß zu fassen.

Tucuruí hatte zudem Auswirkungen auf folgende indigene Gemeinschaften: Parakanã, Gavião da Montanha, Gavião Parakateje, Asuriní do Tocantins, Krikati, Guajajara.64 38.700 Hektar (ha) des Indigenen-Gebietes der Parakanã wurden überflutet, was dazu führte, dass alle 247 bekannten Angehörigen dieser Gruppe umgesiedelt werden mussten. Die Aktion, in deren Verlauf mehrere erneute Umsiedlungen stattfinden mussten, führte zur Spaltung der Gruppe. Erst sehr viel später konnte das Volk effektive Unterstützung in Gesundheit, Bildung etc. erlangen. Das Programm für die Parakanã gilt letztlich als vorbildlich, da es ein gefährdetes Volk stabilisieren konnte und dessen Situation sogar verbesserte. Die NRO Comissao Pró-Indio jedoch kritisiert, dass dieses Programm in keinem Verhältnis zu den vielen anderen von Eletronorte vernachlässigten Völkern steht, die unter Staudammprojekten zu leiden haben.65 Direkt betroffen waren auch die Gebiete der Gavião da Montanha, denen 60-70% ihres Territoriums durch Eletronorte streitig gemacht wurden66. Erst in Folge von Gewaltvorkommnissen und erheblichem psychologischem Druck verließen diese ihr
63 64

Vgl. Teixeira (1996), S. 212. Vgl. Teixeira (1996), S. 241. 65 Vgl. ebenda, S. 246. 66 Vgl. ebenda, S. 241.

21

3. P R O B L E M A N A L Y S E A M B E I S P I E L T U C U R U Í Gebiet, ohne jedoch eine adäquate territoriale Entschädigung zu erhalten. Stattdessen mussten sie ihr Land mit einem Stamm teilen, mit dem sie früher in Konflikt standen.67 Andere Stämme, die nicht direkt vom Staudamm sondern indirekt, z.B. durch Stromleitungen betroffen waren wurden oft nicht vorher informiert geschweige denn konsultiert (Gavião Parakateje, Asurini). Auch unter Wasserverschmutzung hatten manche zu leiden (z.B. Asurini). Wenn Entschädigungen durchgesetzt werden konnten, konnten diese den Verlust meist nicht ausgleichen. Schwierig war auch die Verwaltung der Gelder durch die Regierungsbehörde Fundação Nacional do Índio (FUNAI – Nationale Indigenenstiftung), die für die Indigenenpolitik zuständig ist. In manchen Fällen wurde sie der Veruntreuung der Gelder beschuldigt.68 3.1.4. Beeinträchtigung der Gesundheit Die beschriebene Situation der von Staudämmen Betroffenen wird durch zusätzliche Gesundheitsrisiken verschlimmert: Einerseits bringt ein Zuzug von Bauarbeitern neue Krankheiten in die Gegend, darunter oftmals AIDS. Die Ausbreitung von Krankheiten wird durch die meist notdürftigen und überfüllten Unterkünfte begünstigt. In tropischen Gegenden bieten die künstlich kreierten Stauseen zudem ideale Bedingungen als Brutstätten für Insekten, Schnecken und andere Vektoren von Krankheitserregern. Besonders die Proliferation von Malariaüberträgern wurde in Tucuruí durch das stagnierende Wasser und die verrottende Vegetation begünstigt. Die ca. 8.000 um das Reservoir ansässigen Menschen wurden schwer von den Insekten geplagt: manche gaben an, von den Moskitos bis zu 700mal in einer Stunde gestochen worden zu sein. Vektorkrankheiten wie Malaria und

Leishmaniase breiteten sich infolgedessen seuchenartig aus. Die Fieberkrankheit Malaria, übertragen durch Anophelesmücken (in Brasilien der Gattung darlingi) ist lebensbedrohlich und auch Leishmanianse, übertragen durch Sandmücken (phlebotominae), kann zu lokaler Hautentzündung, Fieber, Anämie, Diarrhö und Lungenentzündung führen und in extremen Fällen tödlich enden.69 Die Amazonasregion registriert 99,5% der Malariafälle des Landes.70 Des Weiteren bieten tropische Stauseen optimale Bedingungen für Wasserschnecken, die die Wurmkrankheit Schistosomiasis übertragen.71

Vgl. La Rovere; Mendes (2000), S. xvii. Vgl. Teixeira (1996), S. 243. 69 Vgl. MacCully (2001), S. 93. 70 Vgl. Ministério da Saúde, Secretaria de Vigilância em Saúde (Hg.) (2007): Vigilância em saúde. Situação epidemiológica da Malária no Brasil. Brasília, S. 1. 71 Vgl. Kohlhepp (2002), S. 107.
68

67

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3. P R O B L E M A N A L Y S E A M B E I S P I E L T U C U R U Í

Eine öffentliche Kontroverse entstand zudem über die Anschuldigung, dass Entlaubungsmittel in und um das Reservoir eingesetzt wurden, was Eletronorte bestritt. Mit Sicherheit kam es aber bei den Stromleitungen zu einem solchen Einsatz. Durch die Verbreitung des Giftes infolge von Regen soll es zu Vergiftungen bei Mensch und Tier gekommen sein.72 Darüber hinaus soll die Konzentration von beim Goldabbau freigesetztem Methylmercury in Fischen durch den Staudamm auf bedrohliche Werte angestiegen sein. Es gibt jedoch keinen eindeutigen Beweis dafür und Eletronorte erkennt entsprechende Studien nicht an.73

Das durch Staudämme oftmals erhöhte Erdbebenrisiko, das außerdem die Leben der Anwohner gefährden kann, spielt in Brasilien bisher keine große Rolle und wird daher hier nicht genauer behandelt.

3.2. Ökologische Probleme „Flüsse, Wasserscheiden und aquatische Ökosysteme sind die biologischen Motoren des Planeten.“74 Durch die Stauung von Flusssystemen stellen Großstaudämme einen erheblichen Eingriff in die genannten Naturerscheinungen dar. Sevá Filho betont, dass hierbei gravierende Transformationsprozesse entstehen, die nicht durch den Term „Auswirkungen“ verharmlost werden sollten. Die „natürliche Dynamik“ (chemische Elemente, Aggregatszustände, Energie und Masse) wird verändert und weicht etwas gänzlich Neuem.75 Dies führt zu unwiederbringlichen Verlusten in der Natur, die neben den sozialen Kosten die gravierendsten Umweltkosten beim Staudammbau darstellen und eng mit diesen zusammenhängen. Diese Veränderungen betreffen laut Giesecke folgende Elemente des

Ökosystems: Atmosphäre, Hydrosphäre (d.h. ober- und unterirdische Gewässer), das biologische System (Flora und Fauna), obere Bodenschichten sowie die Erdkruste.76 Die vorliegende Analyse kann aufgrund ihres Umfangs nicht ausführlich auf alle genannten physischen Komponenten eingehen. Aus diesem Grund werden die zentralen Probleme, die in der Referenzliteratur auftauchen, hervorgehoben.
Vgl. Teixeira (1996), S. 204, Fearnside (2001), S. 386f. Vgl. La Rovere; Mendes (2000), S. xv. 74 Weltkommission für Staudämme (2000): Staudämme und Entwicklung: Ein neuer Rahmen zur Entscheidungsfindung. Ein Überblick, S. 30. 75 Vgl. Sevá Filho, A. Oswaldo: Conhecimento crítico das mega – hidrelétricas: para avaliar de outro modo alterações naturais, transformações sociais e a destruição dos monumentos fluviais, in: Sevá Filho, A. Oswaldo; Switkes, Glenn (Hg.) (2005): Tenotã-Mõ. Alertas sobre as conseqüências dos projetos hidrelétricos no rio Xingu. 1. Aufl. São Paulo: International Rivers Network, S. 284. 76 Vgl. Giesecke; Mosonyi (2005), S. 668.
73 72

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3. P R O B L E M A N A L Y S E A M B E I S P I E L T U C U R U Í

3.2.1. Die integrierte Bewertung von Dämmen: Kosten und Nutzen In vielen wissenschaftlichen Abhandlungen wird die grundsätzliche Frage gestellt, ob der erwartete Nutzen eines Staudammprojektes die Kosten, die für die Umwelt entstehen, rechtfertigen kann. Die Frage bezüglich der Verhältnismäßigkeit ist aber schwer zu beantworten, da es kein anerkanntes und allgemeingültiges System gibt, die Kosten für die Natur zu bewerten, um diese dem ökonomischen Nutzen entgegenzustellen. Vielmehr bleiben Umweltkosten in ökonomischen Kosten-Nutzen-Rechnungen bisher außen vor, was Umweltschützern in wirtschaftlicher Hinsicht eine schwache Verhandlungsposition verleiht. Zwar existieren inzwischen innovative Ansätze zur Einbeziehung der Umweltwerte in unser Wirtschaftssystem, die besonders von internationalen Organisationen zunehmend gefördert werden, wie z.B. das Konzept „payment for ecosystem services“
77

. Allerdings stecken solche Ansätze noch in

ihren Kinderschuhen und können bisher nur als Hoffnungsschimmer für effektiveren Umweltschutz aufgefasst werden.

Eine nahe liegende und einfache Vergleichsgröße, die dennoch Aufschluss über grundsätzlichen Sinn oder Unsinn eines Projektes geben kann, ist der Ratio von gefluteter Fläche zu erzeugter Energie. Goodland bezeichnet den Verlust von intaktem Habitat, bzw. die Größe der überfluteten Fläche, als „the single most relevant proxy for environmental impact“78. Dieser Wert, gemessen in gefluteten Hektar pro Megawatt, sollte zur Unterscheidung zwischen „guten“ und „schlechten“ Dämmen herangezogen werden. Vergleicht man die existierenden Großstaudämme in Brasilien nach diesem Kriterium, so schneidet Itaipú mit 11 ha / MW am besten ab. Auch der Ratio bei Tucuruí wird mit 32 ha / MW als effizient angesehen. Anders sieht es bei Balbina aus, wo 944 ha überschwemmter Fläche auf ein produziertes MW kommen.79 Diesen Vergleich stellen unter anderem auch Junk und Nunes de

Dieser Ansatz wird z.B. von der International Union for Conservation of Nature (IUCN) vorangetrieben. Ökosystemdienstleistungen werden definiert als der Nutzen, den Menschen aus Ökosystemen ziehen, wie z.B. Bestäubung von Blüten, sauberes Trinkwasser, Nahrung, natürlicher Hochwasserschutz etc. Vgl. Alcamo, Joseph (2003): Ecosystems and human well-being. A framework for assessment. Washington, D.C.: Island Press (Millenium Ecosystem Assessment Series). 78 Vgl. Goodland, Robert: Environmental sustainability in the hydro industry. Disaggregating the dabate. In: Dorcey, Anthony H. (Hg.) (1997): Large dams: Learning from the past - Looking at the future; workshop proceedings, Gland, Switzerland, April 11-12, 1997. Gland, Switzerland, Washington, D.C: IUCN; World Bank, S. 84. 79 Vgl. ebenda, S. 85.

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3. P R O B L E M A N A L Y S E A M B E I S P I E L T U C U R U Í Mello an, allerdings unter Verwendung des umgekehrten Ratio (gemessen in MW/km²).80 Einen negativen Einfluss auf diesen Wert hat das generell schwache Gefälle im Amazonasgebiet. Um bei geringer Fallhöhe des fließenden Wassers genug kinetische Energie (als Funktion von Durchfluss und Fallhöhe) zu erzeugen, müssten daher trotz hoher Wasserführung meist große Flächen überschwemmt werden, die eine geringe Tiefe aufweisen, was sich bei Balbina bewahrheitet hat. Bei diesem Vergleich sollte man laut Goodland auch die Arten von Ökosystemen, die der Überschwemmung anheim fallen, berücksichtigen, da diese je nach Standort einen unterschiedlichen Wert verkörpern.81

Selbst unter Vernachlässigung von sozialen und ökologischen Kosten ist eine realistische Einschätzung von Aufwand und Kosten der Projekte im Vorfeld der Planung bisher nicht erfolgt. Infolgedessen wurde der wirtschaftliche Nutzen der Projekte generell zu hoch angesetzt. Im Falle Tucuruís liegt die

Kostenüberschreitung gegenüber der Machbarkeitstudie bei 51%, und rechnet man die während der Bauphase angefallenen Zinsen (die 26,3% der Endkosten ausmachten) hinzu, liegt sie sogar bei 77%. Die Endkosten betragen demnach US$ 7,5 Mrd. (US$ 5,5 Mrd. ohne Zinsen). Die Ausgaben für eine Errichtung der Stromleitungen sind hierbei noch nicht berücksichtigt.82 Auch bei Balbina erhöhte sich die Kostenschätzung zwischen 1976 und 1989 um 96%.83 Es stellt sich die Frage, ob diese Fehlkalkulation bewusst geschieht, um eine größere Akzeptanz für die Bauprojekte zu erwirken. Laut La Rovere und Mendes hat Tucuruí sogar in Folge der hohen Subventionen an die energieintensive Industrie letztendlich keinen finanziellen Profit erzielt.84

Somit kann festgestellt werden, dass die vorhandenen Kosten-Nutzen-Analysen, anhand derer der Bau von Wasserkraftanlagen im Amazonas entschieden wird, nicht nur ohne Berücksichtigung der schwer messbaren Umweltkosten erstellt werden, sondern bisher zudem in Bezug auf messbare wirtschaftliche Werte ein verzerrtes Bild gezeichnet haben.

Vgl. Junk, Wolfgang J.; Nunes de Mello, José A.: Impactos ecológicos das represas hidrelétricas na bacia amazônica brasileira. In: Kohlhepp, Gerd; Schrader, Achim (Hg.) (1987): Homem e natureza na Amazônia. Simpósio internacional e interdisciplinar ; Blaubeuren 1986 = Hombre y naturaleza en la Amazonía : simposio internacional e interdisciplinario ; Blaubeuren 1986. Tübingen: Geograph. Inst. der Univ. (95), S. 371. 81 Vgl. Goodland (1997), S. 84. 82 Vgl. La Rovere, Mendes (2000), S. 31. 83 Vgl. MacCully (2001), S. 267. 84 Vgl. La Rovere; Mendes (2000), S.ix.

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3. P R O B L E M A N A L Y S E A M B E I S P I E L T U C U R U Í 3.2.2. Forschungsstand Die ökologischen Auswirkungen eines großen Staudamms sind kaum absehbar:
„Es ist bekannt, dass die Beurteilung von Umweltauswirkungen weit davon entfernt ist, eine Übung einer exakten und positiven Wissenschaft darzustellen und dass es einen hohen Grad 85 von Unsicherheit gibt.“

Um mögliche Folgen vorauszusagen, ist eine genaue Kenntnis des lokalen Ökosystems und des Artenvorkommens daher umso wichtiger. Es existieren jedoch enorme Wissenslücken bezüglich der Funktionsweise von Flüssen, besonders in den Tropen. Aus diesem Grund bezeichnet Patrick MacCully den Staudammbau als “a huge, long-term and largely irreversible environmental experiment without a control.”86

Generell wurden Umweltstudien bei vergangenen Staudammprojekten in Amazonien vernachlässigt. Bei den Staudämmen Balbina und Tucuruí kann Zeitdruck als ein Grund dafür angeführt werden. Der Bau von Balbina wurde von der Sorge um eine Stromknappheit in der rapide wachsenden Stadt Manaus angetrieben. Infolge dieser Vernachlässigung kritisierten Medien und

Wissenschaftler die Umweltstudien von Eletronorte und Beratungsfirmen als völlig unzureichend. Kritisiert wurde auch die unzureichende Erforschung geologischer Gegebenheiten, was zu einer Überschätzung der erzeugbaren Wasserkraft durch die Techniker und somit zu unangenehmen wirtschaftlichen Überraschungen geführt hatte.87 Der Zeitdruck im Falle Tucuruís war vor allem bedingt durch dessen Einbettung in Industrieprojekte, die dringend einer Stromversorgung bedurften. Darin lag ein Grund, warum notwendige wissenschaftliche Untersuchungen im Vorfeld zu kurz kamen, wie u.a. Teixeira kritisiert: „The decision to locate such a large-scale enterprise in a region in which research development is still in an embrionic stage, was too rapid.“88 In einer noch kaum erforschten Gegend gehe man damit das Risiko einer Umweltkatastrophe ein. Eletronorte unternahm bzw. beauftragte nur zwei Umweltstudien sehr begrenzten Umfangs, in Form einer Aufstellung der vorhandenen Informationen sowie einer einmonatigen Feldforschung, das meiste davon nach Baubeginn.89 So wurde Robert Goodland in der Bauphase mit der Erstellung eines Gutachtens betraut, das er 1978 fertigstellte.90 Auf seine
85

„é sabido que as avaliacoes de impactos ambientais estao longe de constituir um exercício de ciência exata e positiva, e que há um elevado grau de incerteza.”. Vainer (2007), S. 125f. 86 MacCully (2001), S. 31. 87 Vgl. Teixeira (1996), S. 91-93. 88 Ebenda, S. 91. 89 Vgl. Fearnside (2001), S. 388. 90 Vgl. Goodland, Robert: Evolução histórica da avaliação do impacto ambiental e social no Brasil: sugestões para o complexo hidrelétrico do Xingu. In: Sevá Filho, A. Oswaldo; Switkes, Glenn (Hg.)

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3. P R O B L E M A N A L Y S E A M B E I S P I E L T U C U R U Í Empfehlungen hin, umfassendere Studien durchzuführen, wurde das Instituto Nacional de Pesquisas da Amazônia (INPA – Nationales Institut für Forschung in Amazonien) mit solchen betraut.91 Angesichts des großen Untersuchungsgebietes, der großen Artenvielfalt, des kurzen Erhebungszeitraums und der zu geringen Zahl eingesetzter Forscher waren die durchgeführten botanischen und zoologischen Erhebungen völlig unzureichend.92 Studien zu den beträchtlichen Folgen von mit dem Projekt verbundener Infrastruktur wie Straßen oder Leitungsnetzen wurden gänzlich ausgelassen.

Die im Laufe der Jahre von Eletronorte in Auftrag gegebenen Studien waren ineffektiv, da nicht ergebnis- bzw. problemlösungsorientiert. Stattdessen handelte es sich vor allem um eine Erfassung von Arten und Messungen, ohne anschließende Auswertung. Nichtsdestotrotz hatte diese Feldforschung den Effekt, dass Tucuruí für eine der größten Wissenskonzentrationen über die Biodiversität der Amazonasregion verantwortlich zeichnet.93 Dennoch führten die Komplexität der Ökosysteme, das fehlende Wissen über diese, die fehlende Objektivität und die geringe Systematisierung der Informationen dazu, dass die Umweltstudien auch nach dem Bau oft nicht einmal die einfachsten Fragen über Auswirkungen von Tucuruí auf die Umweltqualität beantworten konnten.94

Umweltverträglichkeitsstudien, in Brasilien EIA genannt, wurden bei beiden genannten Projekten erst parallel zu den Bauarbeiten erstellt. Auch beim Staudamm Samuel wurde der öffentliche Bericht zu den Ergebnissen der EIA erst 1988, sechs Jahre nach Beginn der Bauarbeiten, vorgestellt.95 Umweltfragen flossen also ganz offensichtlich bisher nicht in die grundsätzliche Entscheidung über Projekte im Amazonas ein. Die Finanzierung von Maßnahmen zu ökologischen Folgeschäden war bei diesen ersten Großprojekten zudem höchst mangelhaft.96

(2005): Tenotã-Mõ. Alertas sobre as conseqüências dos projetos hidrelétricos no rio Xingu. 1. Aufl. São Paulo: International Rivers Network, S. 176. 91 Vgl. La Rovere; Mendes (2000), S. 43f. 92 Vgl. Junk; Nunes de Mello (1987), S. 371. 93 Vgl. Fearnside (2001), S. 388-390. 94 Vgl. La Rovere; Mendes (2000), S. 76. 95 Vgl. Teixeira (1996), S. 98. 96 Vgl. Kohlhepp (1998), S. 432.

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3. P R O B L E M A N A L Y S E A M B E I S P I E L T U C U R U Í 3.2.3. Überflutung und Verlust von Regenwald Die Flutung durch Stauseen lässt ganze Landstriche verschwinden. Das bedeutet auch oft die Zerstörung einmaliger Naturdenkmäler, wie z.B. im Falle des Projektes Itaipú an der Grenze zu Paraguay, wo die berühmten Wasserfälle Sete quedas unter Wassermassen begraben wurden. Bei der Errichtung von

Staudämmen mit großen Speicherseen im Amazonas werden außerdem große Flächen Regenwald überflutet. Besonders in der Zeit zwischen 1978 und 1990 nahm dies mit der Flutung von mehr als 1.000 km² Regenwaldfläche ein beträchtliches Ausmaß an.97 Diese Überflutung bringt mehrere Nachteile mit sich: Zum einen führt sie zu Opportunitätskosten, da andere potentielle Nutzungsmöglichkeiten des Waldes wegfallen. Die Vernichtung wertvollen Baumbestands ist aber nicht nur mit ökonomischen, sondern auch mit ökologischen Wertverlusten verbunden. Kohlhepp zählt diese „zu den umfangreichsten Umweltkosten“98. Besonders die

Biodiversitätsabnahme, auf die weiter unten genauer eingegangen wird, sei hier hervorgehoben; Diese Verluste fließen nicht in das Kostenkalkül der

Projektverantwortlichen ein:
“Our poorly developed ability to place a value on loss of tropical forest does not diminish the reality of these losses, although it does effectively exclude them from consideration in almost 99 all decision-making on projects leading to forest destruction.”

Zum anderen hat die Existenz und Zersetzung der Biomasse im See vielfältige negative Folgen für Wasserqualität und Schiffbarkeit.

Entgegen Empfehlungen, 85% der zu überflutenden Fläche vorher abzuholzen, sah der Plan von Eletronorte im Falle Tucuruís vor, dass nur 30% der zu überflutenden Fläche gerodet werden solle. Die beauftragte Firma jedoch, die infolge eines Korruptionsskandals bankrott ging, entwaldete nur einen kleinen Bruchteil dieser Fläche (10%). Trotz Beteiligung von Eletronorte an der Abforstung wurden wohl weniger als 5% der Speicherseefläche frei geräumt. Mit der Überschwemmung eines Großteils des übrigen Holzes ging gleichzeitig ein großer ökonomischer Wert verloren; laut einer Schätzung hätte das Holz US$ 2 Mrd. erwirtschaften können. Durch die Schaffung einer Stauseefläche, die offiziell 2.430 km² beträgt, gingen ca. 1.783 km² intakter Wald verloren.100 Tatsächlich ist der größte Teil des mit einem Staudamm verbundenen Kahlschlags nicht dem Bauvorhaben an sich zuzuschreiben, sondern entsteht infolge der hierdurch errichteten Infrastruktur. Nicht nur die umgesiedelte
97 98

Vgl. Teixeira (1996), S. 53. Kohlhepp (2001), S. 104. 99 Fearnside (2001), S. 381. 100 Vgl. Teixeira (1996), S. 230; Fearnside (2001), S. 381.

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3. P R O B L E M A N A L Y S E A M B E I S P I E L T U C U R U Í Bevölkerung schafft sich durch Rodung neue Lebensräume, auch findet eine beträchtliche ökonomisch motivierte Migration in die Gegend statt, die unweigerlich mit noch stärkerer Abholzung einhergeht. Die Infrastruktur, die ein Wasserkraftwerk mit sich bringt, erleichtert bzw. ermöglicht erst den Zugang zu bisher entlegenen Gegenden im Amazonas. Aus diesem Grund hat sich beispielsweise die Gegend um Tucuruí zu „Amazoniens wichtigstem Entwaldungs-Hotspot“ entwickelt. 101 3.2.4. Klimafaktor: Treibhausgasemissionen durch Staudämme Ein wichtiges Argument, das in Zeiten einer starken Klimadebatte von Wasserkraftbefürwortern betont wird, ist, dass es sich um eine Technologie ohne Treibhausgas-Ausstoß handelt. Auch die International Energy Agency (IEA) stellt eine zunehmende Anerkennung der Wasserkraft als ein Instrument gegen den Klimawandel fest und führt an, dass der aktuelle weltweite Ausstoß von Klimagasen ohne die existierenden Wasserkraftwerke 11% höher liegen würde.102 Doch wie umweltfreundlich ist Wasserkraft wirklich? Nicht nur wird in diesem Kapitel deutlich, dass Großstaudämme mit erheblicher Umweltzerstörung

verbunden sind. Selbst das Klimaargument wird zunehmend in Frage gestellt. Zwar ist die Forschung hierzu noch jung, doch die vorliegenden Ergebnisse belegen, dass vor allem in tropischen Gegenden bisweilen ein starker Treibhausausstoß von Stauseen ausgeht. Die Überflutung der Flora nämlich, die bei Tucuruí und Balbina große Flächen umfasste, führt bei der Zersetzung dieser Biomasse zur Freisetzung von Kohlenstoffdioxid (CO2) und Methan (CH4). Die Vegetationsdichte und die klimatischen Bedingungen in tropischen Regenwäldern begünstigen diesen Prozess. Wie bereits beschrieben, werden die Areale vor der Flutung oft kaum abgeholzt, da dies technisch aufwändig und teuer ist.

Bei den ersten Kalkulationen der durch Tucuruí verursachten Emissionen wurde nur der CO2-Ausstoß berücksichtigt. Junk und Nunes de Mello berechneten dafür die Emissionen durch die Zersetzung der gesamten im Stausee befindlichen Biomasse und kamen zu dem Ergebnis, dass ein Dieselkraftwerk der gleichen Leistung diesen Emissionswert schon nach 1,5 Jahren erreicht hätte. Jedoch wiesen sie darauf hin, dass unter Einbeziehung der Rodungsdynamiken um den

Vgl. Fearnside (2001) auf Basis von Daten des INPE (Instituto Nacional de Pesquisas Espaciais – Nationales Institut für Raumforschung) (1999). 102 Vgl. International Energy Agency (IEA) (2000): Hydropower and the Environment: Present Context and Guidelines for Future Action, S. 41.

101

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3. P R O B L E M A N A L Y S E A M B E I S P I E L T U C U R U Í Staudamm und unter Annahme einer schwächeren Auslastung die CO2-Bilanz erst nach 37 Jahren positiv wäre.103 In detaillierten Berechnungen von Fearnside schneidet Tucuruí über einen 100Jahres-Zeitraum (auf der Basis von Werten von 1990) hinsichtlich seiner Emissionen einer Berechnung zufolge 4,5mal besser ab als fossile Energieträger. Im Unterschied zur fossilen Energieerzeugung werden aber die Gase bei Staudämmen nicht konstant relativ zur erzeugten Energie ausgestoßen, sondern sind in den ersten Jahren nach Entstehung des Stausees besonders hoch. Da diese Emissionen die Atmosphäre somit länger belasten, ist der genannte Wert Fearnside zufolge zu optimistisch. Eine Berücksichtigung des Zeitfaktors würde fossile Energiequellen im Vergleich aufwerten. Auch wurden andere relevante Größen (z.B. Emissionen an den Turbinen, Entwaldung um den See) nicht berücksichtigt.104 Der genaue Beitrag von Stauseen zur Klimaerwärmung ist generell schwer zu ermitteln, da die Emissionen immer Schätzungen unterliegen.

Neueste Erkenntnisse zeigen, dass im Gegensatz zu CO2 der Großteil von CH4 nicht im Sammelbecken freigesetzt wird, sondern wenn das Wasser die Turbinen passiert. Von Methan geht demzufolge mit 13,7 Mio. t CO2-Äquivalenz105 eine größere Klimawirkung aus als früher angenommen: statt der ursprünglich berechneten 17% soll Methan tatsächlich zu 59% des durch Tucuruí verursachten Treibhauseffekts beitragen. Da Methan ein weit größeres Treibhauspotenzial als Kohlendioxid besitzt, schreibt Fearnside: „It is CH4 that makes the impact of hydroelectric dams a concern for global warming.“106 Die gesamten Emissionen aus Tucuruí im Jahr 1991 entsprechen seinen Berechnungen zufolge dem von der Stadt São Paulo im gleichen Zeitraum durch fossile Energien freigesetzten Kohlenstoff. Da die Ergebnisse abhängig von der eingesetzten Berechnungsmethode stark voneinander abweichen, sind sie allerdings schwer zu bewerten.

Besonders dramatisch gestaltet sich die Klimabilanz bei Balbina: Laut Junk und Mello könnte eine positive CO2-Bilanz hier erst nach 107 Jahren erreicht werden, und das, ohne die Abholzung in Nähe des Staudamms einzubeziehen. Somit liegen die Emissionen im Falle Balbinas höher als bei fossilen Energiequellen. Goodland betont, dass dies international eine absolute Ausnahme darstellt, wobei er die Möglichkeit einräumt, dass große, flache Stauseen in eng bewaldeten Gebieten
Vgl. Junk; Nunes de Mello (1987), S. 381. Vgl. Fearnside (2001), S. 383f. 105 Bei diesen Berechnungen wurde das damals vom IPCC verwendete Treibhauspotential von 21 für Methan zugrunde gelegt. Vgl. Fearnside (2001), S. 383f. 106 Fearnside (2004), S. 4.
104 103

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3. P R O B L E M A N A L Y S E A M B E I S P I E L T U C U R U Í mehr Treibhausgase produzieren als ein äquivalentes Gaskraftwerk. Aus der Klimaperspektive sollten solche Projekte nicht durchgeführt werden.107 Auch wenn die Literatur ein heterogenes Bild der Relevanz von Emissionen durch Wasserkraft zeichnet, erfahren diese wachsende Beachtung. La Rovere und Mendes ordnen Tucuruí eine niedrigere Klimawirkung zu als Wärmekraftwerken auf Kohle-, Dieseloder Ölbasis, und eine vergleichbare Wirkung wie einem gasbetriebenen Kraftwerk, betonen aber, dass auch höhere Schätzungen vorliegen und daher noch Forschungsbedarf besteht.108

Erwähnt werden sollte auch, dass der Klimawandel beim Staudammbau nicht nur vom Stausee beeinflusst wird. Emissionen entstehen auch beim Einsatz fossiler Energien während des Staudammbaus. Dies geschieht etwa bei der Produktion eingesetzter Materialien wie Zement und Stahl, und besonders durch die veränderte Landnutzung, die mit Entwaldung und intensiver Landwirtschaft verbunden ist.

3.2.5. Auswirkungen auf Ökosysteme und Biodiversität 3.2.5.1. Begriffsklärung und Problematik Ein Ökosystem kann definiert werden als “a dynamic complex of plant, animal, and microorganism communities and the nonliving environment, interacting as a functional unit.”109 Menschen sind ein integraler Bestandteil dieser Einheit. Der Begriff der Biodiversität bezieht sich auf die Vielfalt dieser Systeme:
“Biological diversity’ means the variability among living organisms from all sources including, inter alia, terrestrial, marine and other aquatic ecosystems and the ecological complexes of which they are part; this includes diversity within species, between species and of 110 ecosystems”.

Biodiversität gilt als Quelle vieler Leistungen des Ökosystems, darunter Nahrung und genetische Ressourcen. Der Mensch ist daher stark von der Existenz und Funktionalität dieser Systeme abhängig.

Flüsse und Überschwemmungsgebiete gehören zu den Lebensräumen mit den facettenreichsten Ökosystemen.111 Gerade im Amazonasgebiet existiert eine besondere Vielfalt von Lebensformen, wobei es sich um ein sensibles und verletzliches System handelt. Das amazonische Biom, das ein Drittel des tropischen
107 108

Vgl. Goodland (1997), S. 393-395. Vgl. La Rovere; Mendes (2000), S. 77. 109 Alcamo (2003), S. 49. 110 United Nations (UN) (2001): Multilateral Convention on biological diversity (with annexes). Concluded at Rio de Janeiro on 5 June 1992. In: United Nations Treaty Series, Bd. 1760. New York, S. 146. 111 Vgl. MacCully (2001), S. 32.

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3. P R O B L E M A N A L Y S E A M B E I S P I E L T U C U R U Í Regenwaldes der Erde beherbergt, stellt die größte Genbank des Planeten dar. Zwar sind noch nicht alle Arten erforscht, jedoch wurden 1,5 Mio. Pflanzenarten registriert, 3.000 Fischarten und 950 Vögelarten, ganz abgesehen von Insekten, Reptilien, Amphibien und Säugetieren.112

Staudämme stellen eine Bedrohung dieser Ökosysteme dar: „Auswirkungen […] haben in vielen Fällen zu einem erheblichen und nicht umkehrbaren Verlust an Tierund Pflanzenarten sowie Ökosystemen geführt“113, lautet ein Ergebnis der WCD. Nicht immer wurde dies beachtet: Zur Zeit des Baus von Tucuruí stellte die Erhaltung der Integrität des Ökosystems kein öffentliches Anliegen dar. Stattdessen sorgte man sich um die Auswirkungen des Ökosystems auf den Bau viel mehr als umgekehrt.114 Im Weiteren wird die gegensätzliche Blickrichtung verfolgt. 3.2.5.2. Das natürliche Gleichgewicht des Flusses Durch den Staudammbau ändern sich die Eigenschaften eines Flusses und somit sein Gleichgewicht, an das sich die aquatischen Lebewesen angepasst haben. Es ergeben sich starke hydrologische, hydrochemische sowie

hydrobiologische Veränderungen, die im Stausee selbst, aber auch flussabwärts große Folgen zeigen. Die wichtigsten Veränderungen werden hier grob in geomorphologische und hydrologische Auswirkungen unterteilt.

Bei den morphologischen Auswirkungen sind die Erosion sowie die durch sie bedingte Sedimentation besonders problematisch. Die Erosion hängt von

verschiedenen Faktoren ab, darunter Hangneigung, physikalisch-chemische BodenEigenschaften und der Grad der Entwaldung.115 Natürlicherweise sind die Flüsse des Amazonas zwar vor Erosion gut geschützt, jedoch kann die zunehmende Abtragung des Waldes, unter anderem infolge der Wirtschaftsaktivitäten, die durch Wasserkraft im Amazonas begünstigt werden, zu einer 10- bis 100-fach erhöhten Erosion führen. Die damit verbundene Sedimentablagerung, die langfristig die Speicherkapazität des Sees reduziert und die Turbinen gefährdet, kann die Lebensdauer eines Kraftwerks drastisch verkürzen.116 Durch den Damm wird die Sedimentfracht zurück gehalten und fehlt nun flussabwärts. Aus diesem Grund „sucht“ sich das Wasser neue Sedimente, indem

Vgl. IBAMA (o.D.): Ecossistemas Brasileiros. Amazônia. Verfügbar unter http://www.ibama.gov.br/ecossistemas/amazonia.htm, zuletzt geprüft am 30.09.09. 113 Vgl. Weltkommission für Staudämme (2000), S. 20. 114 Vgl. La Rovere; Mendes (2000), S. 43 115 Vgl. Kohlhepp (1998), S. 430. 116 Vgl. Junk; Nunes de Mello (1987), S. 374; Fearnside (2001), S. 385.

112

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3. P R O B L E M A N A L Y S E A M B E I S P I E L T U C U R U Í es das Flussbett und Ufer unterhalb des Damms abträgt. Das Flussbett sinkt und wird langfristig tiefer und enger, womit der Lebensraum vieler Tier- und Pflanzenarten verschwindet.117

Ein Damm ändert die hydrologischen Eigenschaften eines Flusses. Davon sind nicht nur Fließgeschwindigkeit und Abflussmenge betroffen, sondern auch der saisonale Wechsel von Hoch- und Niedrigwasser, der manche Gegenden im Amazonas prägt. Periodische Überschwemmungen liefern Nährstoffe und

Biomasse, die als Nahrung für viele Fischarten und andere Wasserlebewesen dienen. Sie schützen das aquatische System und sind Quellen seiner Biodiversität.118 Viele Lebewesen sind in ihren Reproduktionsmustern und Migrationsverhalten von diesem System abhängig, das gleichzeitig auch den Fluss mit Nährstoffen anreichert.119 Durch das Aufstauen des Gewässers gehen diese Schwemmlandschaften flussabwärts des Dammes bisweilen gänzlich verloren. Ihr Wegfall kostet viele Arten ihren Lebensraum und verringert die Biodiversität. MacCully unterstreicht die Bedeutung der Überschwemmungsfunktion: “the elimination of the benefits provided by natural flooding may be the single most ecologically damaging impact of a dam.”120 Flussabwärts von Tucuruí betrifft dies das amazonastypische Ökosystem der Várzeas, Überschwemmungslandschaften mit hohem Nährstoffgehalt. Diese Gegenden machen einen Großteil der Biodiversität des Amazonas aus und weisen eine hohe Produktivität auf. Beispielsweise leben viele Fische vielmehr in Nebengewässern als im Hauptstrom. Das Ausbleiben der Überschwemmungen führte zur Verarmung der Böden.121 Erosion hingegen erfolgte hier nur in geringem Umfang. Bisher wurde diese v.a. im Zusammenhang mit gerodeten Uferpassagen festgestellt.122 3.2.5.3. Wasserqualität Auch die chemische, thermische sowie physische Beschaffenheit des Wassers kann durch Stauseen verändert werden.

In der Regel ist die Flutung des Stausees zunächst mit einer überhöhten Freisetzung von Nährstoffen verbunden, da Biomasse überschwemmt wird. Dies führt

117 118

Vgl. MacCully (2001), S. 33f. Vgl. Tundisi (2003), S. 84. 119 Vgl. MacCully (2001), S. 47. 120 Ebenda, S. 31. 121 Vgl. La Rovere; Mendes (2000), S. 48. 122 Vgl. MacCully (2001), S. 50.

33

3. P R O B L E M A N A L Y S E A M B E I S P I E L T U C U R U Í jedoch oft zur Eutrophierung, d.h. zu einer rasanten Vermehrung von

Wasserpflanzen, die eine große Menge Sauerstoff ausstoßen. Wenn sie absterben, konsumieren sie Sauerstoff in den untersten Schichten des Sees. Die sich zersetzende Biomasse verstärkt die Sauerstoffarmut und führt zur Übersäuerung des Wassers. In tropischen Gewässern kommt es zu einem Temperaturanstieg, der die Lösbarkeit von Sauerstoff zusätzlich verringert.123 Viele Organismen können in einem so sauerstoffarmen Gewässer nicht mehr überleben, was auch nützliche Bakterien betrifft. So kann Sauerstoffarmut zu Fischsterben führen. Die

Übersäuerung fördert außerdem die Lösung schädlicher Mineralien wie Eisen und Mangan. Infolge der Pflanzenwucherung ist der See auch nicht mehr schiffbar, das Fischen unmöglich und das Wasser nicht mehr trinkbar. Wie weiter oben bemerkt, bieten diese Bedingungen die ideale Grundlage zur Vermehrung bestimmter Krankheitsvektoren wie Mücken und stellen somit ein Gesundheitsrisiko dar.124 In Abhängigkeit von der Dynamik, d. h. der Durchflussgeschwindigkeit im Stausee, können diese Prozesse in schwächerem Maße auftreten. Je statischer ein Gewässer, desto schlechter die Wasserqualität. Da Dämme nicht nur Sedimente, sondern auch Nährstoffe zurückhalten, herrscht unterhalb der Barriere Nährstoffmangel. Es kommt zu einer Verschlechterung der Wasserqualität durch das vorgelagerte Staubecken sowie zu einer erheblichen Biodiversitätsreduktion.

Bei Tucuruí kam es nach Füllung des Stauseebeckens zu einem schnellen Wachstum von Wasserpflanzen. Arten wie Salvinia (Schwimmfarn), Scirpus und Pistia („Wassersalat“) sind am häufigsten aufzufinden, stellenweise auch Eichhornia crassipes, die Wasserhyazinthe. Im Jahr 1986 waren ca. 25% der Stauseefläche von solchen Pflanzen bedeckt. Dies beeinträchtigte die Fauna sowie den Menschen in Schifffahrt, Fischerei, Baden und durch die Verbreitung von Krankheitsvektoren. Jedoch konnte seitdem ein starker Rückgang der Pflanzen festgestellt werden, auf 10% der Stauseefläche im Jahr 1994.125 Infolge der Eutrophierung herrscht im Tucuruí-Reservoir vor allem in der Trockenzeit in den unteren Schichten Sauerstoffarmut, die sich in der niederschlagsreichen Zeit verringert.126 Generell hat sich die Wasserqualität des Sees in den ersten Jahren nach seiner Entstehung erheblich verschlechtert, auch

123 124

Vgl. Junk; Nunes de Mello (1987), S. 379. Vgl. MacCully (2001), S. 36-39; Fearnside (2001), S. 107. 125 Vgl. La Rovere; Mendes (2000), S. 49. 126 Vgl. Junk; Nunes de Mello (1987), S. 380.

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3. P R O B L E M A N A L Y S E A M B E I S P I E L T U C U R U Í wenn seit 1990 eine Verbesserung beobachtet werden kann. Das Wasser ist für viele Zwecke nutzbar, sollte jedoch nicht direkt vom Menschen getrunken werden.127 Das Sauerstoffproblem ist bei Tucuruí weniger gravierend, da ein relativ schneller Austausch des Stauseewassers stattfindet.128 Die durchschnittliche Austauschzeit wird mit 51 Tagen beziffert129, und während der Hochwasserperiode beträgt die Austauschzeit laut Junk und Nunes de Mello nur zwei bis drei Wochen.130 Dabei sind die Bedingungen im See keinesfalls homogen: eine Studie von Eletronorte unterteilt den See in drei Zonen mit variierender Wasserqualität.131 Fearnside hebt hervor, dass ein Seitenarm eine Austauschzeit von sieben Jahren aufweist.132 Der Wasseraustausch bei Balbina dauert bis zu 14 Monate, eine im Vergleich zu Tucuruí um einiges problematischere Situation.133 Flussabwärts hat der Sauerstoffgehalt auch abgenommen, vor allem durch abgelassenes Unterwasser. Für bessere Werte sorgte das Wasser aus weiter an der Oberfläche angesiedelten Abflusskanälen. Festgestellt wurden außerdem Vergiftungen von Fischen durch von Wasserpflanzen produzierte Stoffe wie Ammoniak und Methan. Diese Stoffe sind auch der Wasserqualität abträglich.134 3.2.5.4. Verluste in Flora und Fauna
„No one has any idea of how many species of plants and animals are now extinct because 135 their last habitat was flooded by a dam, but the number is likely far from negligible.”

Die Flutung von offiziell 2.430 km² für das Tucuruí-Kraftwerk betraf die Flora und Fauna eines beträchtlichen Stückes Regenwald. Dem wurde mit einer

spektakulären Tierrettungs-Aktion begegnet, wobei es v.a. um die Öffentlichkeitswirkung ging.136 Die sogenannte „Operação Curupira“, die von Eletronorte durchgeführt wurde, siedelte 284.000 Tiere um, großteils Säuger.137 Die Effektivität einer solchen Aktion wird jedoch offen angezweifelt. Die Umsiedlung von Tieren in schon bevölkerte Zonen verursacht meist eine Stresssituation für das gesamte System und die Überlebenschancen im neuen Lebensraum sind gering, auch infolge anthropogener Einflüsse. Zwar wurden bedeutende Verluste für Tier- und Pflanzenwelt vorhergesagt, jedoch sind keine genauen Informationen über den relativen Reichtum und die
127 128

Vgl. La Rovere; Mendes (2000), S. 46. Vgl. Kohlhepp (2001), S. 107. 129 Vgl. Fearnside (2001), S. 380. 130 Vgl. Junk; Nunes de Mello (1987), S. 373. 131 Vgl. La Rovere; Mendes (2000), S. 45. 132 Vgl. Fearnside (2001), S. 380. 133 Vgl. Kohlhepp (2001), S. 108. 134 Vgl. La Rovere; Mendes (2000), S. 46f. 135 MacCully (2001), S. 32. 136 Vgl. Kohlhepp (2001), S. 100. 137 Vgl. Fearnside (2001), S. 387f.

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3. P R O B L E M A N A L Y S E A M B E I S P I E L T U C U R U Í Dichte der Tierarten in dem überschwemmten Gebiet vor Flutung vorhanden.138 In Bezug auf die Flora ist die Situation ähnlich. Um den Artenverlust zu verringern, richtete das Forschungsinstitut INPA eine Genbank verschiedener Baumarten ein, die auf Inseln gepflanzt wurden. Fearnside sieht hierin wiederum vor allem eine PRFunktion, da diese kaum gepflegt wird.139

Neben

der

Habitatvernichtung

hebt

MacCully

die

Fragmentierung

von

Ökosystemen durch Dämme hervor. Durch einen Damm werden nämlich wichtige Migrationsrouten abgeschnitten, was Arten ober- und unterhalb des Dammes voneinander isoliert. Die negativen Folgen hiervon zeigen sich besonders deutlich in der Ichthofauna.

Der Tocantins Fluss weist eines der größten Artenreichtümer an Fischen im Amazonas auf. Das Forschungsinstitut INPA identifiziert beispielsweise 350 Arten vor Aufstauen des Flusses.140 La Rovere und Mendes geben infolge einer Analyse verschiedener Quellen 280 Arten an.141 Sie unterstreichen gleichzeitig die widersprüchlichen Ergebnisse unterschiedlicher Studien zum Fischbestand,

weshalb man die Zahlen nur als Orientierung auffassen sollte. Wie vorausgesagt, führte die Schaffung des Stausees zu teils erheblichem Fischsterben. Auf den Flussunterlauf wirkte sich neben dem unterbrochenen Durchlauf und dem Verschwinden von Flussauen das abfließende Unterwasser besonders schädlich aus, das sauerstoffarm, aber reich an Schwefelwasserstoffgas war. Flussaufwärts führte vor allem die Überflutung von Stromschnellen zu hohen Sterberaten. Einbußen wurden damit wie erwartet auch beim lokalen Artenreichtum verzeichnet. Die gefangenen Arten verringerten sich flussabwärts um ca. 19% von 164 auf 133, im Stausee um ca. 29% von 173 auf 123. Die Gesamtanzahl an Arten fiel von 181 auf 169. Betroffen waren v.a. Wanderfische, Fische aus Bodenzonen, und solche deren Lebensraum Stromschnellen bieten. Auch kommerziell bedeutende Arten erlitten Verluste: So verschwand etwa der Wanderfisch Ubarana (Anodus elongatus) flussabwärts fast vollständig. Die Fischerei unterhalb des Dammes nahm zwischen 1981 und 1998 stetig ab. In der Region um Cametá wurden 1998 nur 492 Tonnen (t) Fisch gefangen, während es 1981 mit 900 t noch fast das Doppelte war. Im See dagegen verzeichnete der Fischfang einen zehnfachen Zuwachs: von 319 t im Jahr 1981 auf 3.211 t im Jahr
138 139

Vgl. La Rovere; Mendes (2000), S. 63, S. 76. Vgl. Fearnside (2001), S. 388. 140 Vgl. Fearnside (2001), S. 385. 141 Vgl. La Rovere; Mendes (2000), S. 51.

36

3. P R O B L E M A N A L Y S E A M B E I S P I E L T U C U R U Í 1998. Weiter flussaufwärts wurde ebenfalls ein Zuwachs verzeichnet, von 315 t auf ca. das Dreifache (959 t).142

Das Ökosystem änderte sich sowohl in der Zusammensetzung der Fischarten als auch ihrer Nahrungskette. Die größte Zunahme verzeichneten fischfressende Arten, den größten Rückgang verzeichneten Saprobionten („Fäulnisfresser“), in besonders ausgeprägtem Maße im Stausee.143 Bei einem Vergleich der Angaben über Umweltauswirkungen von 125 Dämmen hat die WCD die Migrationsbarriere für Wanderfische als „the most significant ecosystem impact”144 identifiziert. Im Gegensatz dazu gehen La Rovere und Mendes bei Tucuruí davon aus, dass die Folgen für Wanderfische „nicht katastrophalen“ Ausmaßes sind, da man eine große Präsenz einiger

Wanderfischarten (darunter mapará, curimatã, ubarana) flussaufwärts des Dammes beobachten kann. Arten wie Lachs, die aufgrund ihres Migrationsverhaltens z.B. in den USA in Folge von Staudämmen in manchen Flüssen vom Aussterben bedroht sind, seien im Amazonas nicht bekannt.145 Eine größere Bedeutung messen sie daher dem fehlenden Genaustausch durch die Isolation der Flussabschnitte bei. Eine neue Gefahr für die Fische könnten zudem in Zukunft artengefährdete Fischereimethoden (wie zu enge Netze, die die Brut mitfangen), die im Stausee gemeldet wurden, darstellen.146

Insgesamt stellen La Rovere und Mendes fest, dass die vorausgesagten negativen ökologischen Auswirkungen eingetreten sind, jedoch oftmals unter dem vorausgesagten Ausmaß blieben.147 Dennoch sollte man beherzigen, dass große Wissenslücken weiterbestehen:
„In the little-studied rivers of the tropics many species unknown to science have almost 148 certainly been extinguished, or are about to be extinguished by the building of dams.“

Vgl. ebenda, S. 51-76. Vgl. ebenda, S. 53, S. 55, S. 58. 144 World Commission on Dams (2001): Dams and development. A new framework for decision-making ; the report of the World Commission on Dams. 1. Aufl. London: Earthscan Publ., S. 82. 145 Vgl. La Rovere; Mendes (2000), S. 60f. 146 Vgl. ebenda, S. 61. 147 Vgl. ebenda, S. 60. 148 MacCully (2001), S. 48.
143

142

37

4. Soziale und ökologische Entwicklungsprozesse
Lange Zeit waren Umweltbelange im Amazonas ein wenig beachtetes Thema – eine Situation, die erst einige Zeit nach Ende der Militärdiktatur (1984) eine bedeutsame Trendwende erfuhr. Ein wichtiger Anstoß dafür war der internationale Diskurs. Dieser führte zu einem größeren Gewicht für zivilgesellschaftliche Akteure und Interessensgruppen, die in diesem Aufwind ihre Organisation wesentlich verbesserten. Ihre Stärkung ging einher mit Fortschritten in der brasilianischen Gesetzgebung und im Apparat brasilianischer Umweltinstitutionen.

4.1. Meilensteine der internationalen Debatte über Großstaudämme Eine intensive Auseinandersetzung mit der durch Staudämme verursachten Umweltproblematik begann gegen Anfang der 1970er Jahre. So stand dieses Thema auch auf der Agenda der im Jahr 1972 stattfindenden United Nations Conference on Environment in Stockholm. Der internationale Druck verstärkte sich zu dieser Zeit, was u.a. dazu führte, dass die Weltbank gegenüber Brasilien Empfehlungen aussprach, Umweltaspekte in die Machbarkeitsstudie aufzunehmen. 149

Ebenso setzt die 1928 gegründete Nicht-Regierungsorganisation (NRO) International Commission on Large Dams seit den 1960er Jahren einen Schwerpunkt auf Umwelt.150 Seit dem Jahr 1973 wurden auch auf ihren Kongressen Umweltfragen thematisiert.151 Infolge wachsender Kritik an großen Entwicklungsprojekten, die verheerende Folgen für die Natur nach sich zogen, sahen sich auch multilaterale Entwicklungsbanken gezwungen, ihre Politik zu überdenken. So schuf 1987 die Weltbank ihre Umweltabteilung.152

Einen Meilenstein der internationalen Beachtung von Umweltproblemen stellt die legendäre United Nations Conference on Environment and Development dar, die 1992 in Rio de Janeiro stattfand und häufig „Erdgipfel“ genannt wird. Daraus resultierende internationale Abkommen wie die Agenda 21, die Rio Declaration on Environment and Development und die United Nations Convention on Biological Diversity verschafften den Anliegen von Staudammkritikern auf der internationalen Bühne Aufwind.

Vgl. Teixeira (1996), S. 115. Vgl. International Commission on Large Dams (ICOLD) (o.D.): ICOLD History. Verfügbar unter http://www.icold-cigb.net/, zuletzt geprüft am 30.09.09. 151 Vgl. Veltrop, Jan A.: Impact Assessment of Dams and Reservoirs. The Work of the International Commission on Large Dams. In: Goodland, Robert; Edmundson, Valerie (Hg.) (1994): Environmental Assessment and Development. Washington, DC., S. 82. 152 Vgl. Fearnside (2006), S. 5.
150

149

38

4. S O Z I A L E U N D Ö K O L O G I S C H E E N TW I C K L U N G S P R O Z E S S E Die bislang umfassendste und wichtigste internationale Untersuchung von Umwelt- und Sozialbelangen beim Staudammbau und –betrieb wurde durch die unabhängige World Commission on Dams unternommen. Deren Einrichtung im Jahr 1998 stellte eine bedeutende Neuerung in der Staudammdebatte dar: Erstmals arbeiteten Staudammindustrie und Staudammkritiker zusammen, um kritische Fragen zu Großstaudämmen zu klären. Die Kommission war ein Ergebnis einer internationalen Konferenz, die von der International Union for Conservation of Nature (IUCN) und der Weltbank 1997 gemeinsam ins Leben gerufen wurde, und die Repräsentanten von Regierungen, des Privatsektors, internationaler

Finanzinstitutionen, Organisationen der Zivilgesellschaft und betroffener Menschen an einen Tisch brachte.153 Diese Gruppen sollten auch an der Kommission mitwirken, deren Auftrag lautete: • • „die Wirksamkeit von Großstaudämmen im Entwicklungsprozess zu prüfen […] international annehmbare Kriterien, Richtlinien und wo sinnvoll Normen für die Planung, den Entwurf, die Begutachtung, den Bau und Betrieb, die Überwachung und Stilllegung von Staudämmen zu entwickeln.“154 Bei der Arbeit der WCD handelt es sich um die “most detailed analysis yet undertaken of the performance of existing dams”155. Im Jahr 2000 veröffentlichte sie ihren Abschlussbericht mit dem Titel Dams and development. A new framework for decision-making. Die fünf Grundwerte der Kommission zur Bewertung von Projekten stellten Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Effizienz, partizipative Entscheidungsfindung und Rechenschaftspflicht dar. Sowohl soziale als auch ökologische Kriterien spielten eine wichtige Rolle. So sind öffentliche Akzeptanz, die Anerkennung von Ansprüchen und die Teilung des Nutzens, sowie die Erhaltung von Flüssen und Lebensgrundlagen drei der sieben strategischen Prioritäten. Das Ergebnis der Arbeit der WCD ist eine Verdichtung von Informationen:
„Mainly due to the work of the World Commission on Dams, there has probably been more information produced on the performance, impacts and politics of dams and their alternatives 156 in the past five years than in the previous fifty.”

Multilaterale Institutionen wie die WCD und internationale Organisationen wie die ICOLD sowie kleinere Initiativen haben umfangreiche Verbesserungsvorschläge gemacht. Jedoch bemängelt Scudder, dass diese von Regierungen und Projektverantwortlichen weltweit oft ignoriert werden. Dies liegt ihm zufolge u.a. am unverbindlichen Charakter der Richtlinien von ICOLD und WCD. Die oben
Vgl. Weltkommission für Staudämme (2000), S. 2. Ebenda, S. 2. 155 Scudder, Thayer (2005): The future of large dams. Dealing with the social, environmental and political costs. London: Earthscan, S.299. 156 MacCully (2001), S. xv.
154 153

39

4. S O Z I A L E U N D Ö K O L O G I S C H E E N TW I C K L U N G S P R O Z E S S E aufgeführten fünf Grundwerte sowie die sieben strategischen Prioritäten würden weiterhin nicht berücksichtigt, obwohl sie weltweit fast einhellige Zustimmung erhalten hätten.157

In diesem Kontext fand gleichzeitig eine international beobachtbare Stärkung lokaler Institutionen statt, was ihre Mitwirkungschancen erhöhte. Gründe dafür sind Scudder zufolge die unterstützende Haltung internationaler Institutionen wie der UN, verstärkte Netzwerkbildung und Organisation indigener Völker sowie eine gestiegene Kompetenz seitens lokaler Institutionen und Führerschaft und das Engagement von NROs.158 Er sieht die NROs als wichtigste Unterstützer der lokalen Bevölkerung:
„NGOs have been by far the most important advocates for the rights of dam-affected people since 159 the end of the 1970s. They have also played an important research role.”

4.2. Die wachsende Bedeutung der staudammkritischen Zivilgesellschaft in Brasilien Auch in Brasilien haben lokale Interessensgruppen Aufwind erhalten. Den Prozess, der zu einem größeren Gewicht der staudammkritischen Gruppen führte, beschreibt Teixeira folgendermaßen:
„By the end of the 1980s, the interests expressed by grassroots movements in the region and by opposition groups at the national level increasingly coincided with the new international debate regarding the environmental consequences of “development” models adapted and stimulated by the leading international financing and development agencies[…]. The result was the rise of new alliances that established direct links between lobby groups with a global agenda and social groups (activists) which operated at the local level. New channels of participation (material resources, access to information and media, and new bases of legitimacy) became available to indigenous populations and their supporters. For the first time, Amazonian people began to have an impact on the course of development policy and for the 160 first time international media recognized the existence of people in the Amazon forest.”

So wurde die Debatte um Großstaudammprojekte in Brasiliens Norden “internationalisiert”, da die Bedeutung des Amazonas-Tropenwalds für das internationale ökologische und klimatische Gleichgewicht in den Mittelpunkt rückte. Die internationale Debatte verstärkte auch Umweltbewusstsein und

Umweltaktivismus innerhalb des Landes. Eine wichtige Voraussetzung für diese Entwicklung war das Ende der Militärregierung, das eine Belebung

basisdemokratischer Prozesse erst ermöglichte. Infolge dieser Demokratisierungsprozesse verbesserte sich auch der

öffentlichkeitswirksame Widerstand gegen geplante Projekte. Vainer schreibt bewundernd von einem
157 158

Vgl. Scudder (2005), S. 17. Vgl. Scudder (2005), S. 259. 159 Ebenda, S. 266. 160 Teixeira (1996), S. 59f.

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4. S O Z I A L E U N D Ö K O L O G I S C H E E N TW I C K L U N G S P R O Z E S S E
„ außergewöhnlichen Reifungsprozess einer Gesellschaft, die nach zwei Jahrzehnten Militärdiktatur dazu überging, das sozial ungerechte und ökologisch unverantwortliche Entwicklungsmodell in 161 Frage zu stellen, das manu militari eingerichtet worden war.“

Im Kampf um eine gerechtere Sozialpolitik beim Staudammbau nimmt die Organisation Movimento dos Atingidos por Barragens eine herausragende Rolle ein. Sie entstand in Reaktion auf die prekäre Lage der von Enteignung und Umsiedlung Betroffenen (siehe Kapitel 3). Die Erfolgsgeschichte der MAB hatte im Süden Brasiliens, am Rio Uruguay, ihren Ursprung. 1981 wurde dort eine regionale Kommission von Staudämmen Betroffener gegründet, die entscheidende Erfolge erzielte: kollektive Verhandlungen statt Einzelfallentschädigung und eine

Verknüpfung des Zeitplans für den Bau mit dem Fortschritt in sozialen Fragen. Bald weitete sich die Organisation auf andere Regionen aus, 1990 entstand auch in Amazonien ein regionales Komitee.162 Im Amazonasgebiet erfolgten die ersten drei maßgeblichen Protestaktionen gegen die Sozialfolgen des Tucuruí-Dammes zwischen 1982 und 1984. Sie versammelten bis zu ca. 2.000 Menschen, die der Kampf um Land einte. Durch ihre gemeinschaftliche Aktivität, die die tagelange Belagerung von Standorten Eletronortes einschloss, erreichte die Bewegung, dass Eletronorte mit ihnen verhandelte und sogar Zugeständnisse machte. Es gelang ihr, bundesweite Aufmerksamkeit zu erwecken und u.a. Unterstützung von kirchlicher und politischer Seite sowie durch Privatinitiativen zu erlangen. 163 Trotzdem verbesserte sich an den Umsiedlungsproblemen in den darauffolgenden Jahren wenig, wozu auch die rezessionsbedingten Sparmaßnahmen Eletronortes beitrugen.164 Nach der Redemokratisierung konnte die Bewegung ihren Einfluss ausbauen. Das erste nationale Treffen fand 1989 statt. Die nationale Basis des MAB wurde schließlich 1991 beim I. Kongress der Betroffenen aus ganz Brasilien (I Congresso dos atingidos de todo o Brasil) offiziell gegründet. Der Bewegung gelang es, ihre Reichweite noch weiter auszubauen. So fand 1997 das 1. Internationale Treffen der von Staudämmen betroffenen Völker (1º Encontro Internacional dos Povos Atingidos por Barragens) in Curitiba (Bundesstaat Paraná) statt. Die daraus resultierende Erklärung von Curitiba war ein Grundstein für die Gründung der WCD noch im gleichen Jahr.165
161

“extraordinário amadurecimento de uma sociedade que, após duas décadas de ditadura militar, passava a questionar o modelo de desenvolvimento socialmente injusto e ambientalmente irresponsável implantado manu militari.” Vainer (2007), S. 120. 162 Vgl. MacCully (2001), S. 294f. 163 Vgl. Teixeira (1996), S. 221-224. 164 Vgl. ebenda, S. 227. 165 Vgl. Movimento dos Atingidos por Barragens (MAB) (o.D.): História do MAB. Verfügbar unter http://www.mabnacional.org.br/menu/historia.html, zuletzt geprüft am 15.08.09.

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4. S O Z I A L E U N D Ö K O L O G I S C H E E N TW I C K L U N G S P R O Z E S S E

Die Hauptgruppen, die sich in der MAB-Bewegung zusammenschließen, sind Kleinbauern, landlose Landarbeiter, Pächter, Landbesitzer, indigene Völker, Bevölkerungen aus Niederlassungen geflohener Sklaven (quilombos), Fischer und Bergarbeiter. Das Organisationsprinzip basiert auf direkter und aktiver Beteiligung aller Mitglieder. Das MAB gibt an, besonders an zwei Fronten aktiv zu sein: 1. Im „Kampf gegen Staudämme und für die Rechte der Betroffenen“ 2. Im „Kampf für Energiesouveränität und ein neues brasilianisches Energiemodell“
166

(welches nicht mehr dem Gewinn multinationaler Unternehmen,

sondern der Wohlfahrt der brasilianischen Bevölkerung zu Gute kommt.) Die MAB wurde und wird von verschiedenen Institutionen unterstützt, darunter gewerkschaftliche Vereinigungen, kirchliche Organe, Menschenrechts-

Organisationen, Politiker und Rechtsanwälte. Ihre Artikulation erfolgt über lokale Presse, Petitionen, Generalversammlungen, Protest-Camps, Demonstrationen und Belagerung von Firmensitzen, wie z.B. von Eletronorte.

4.3. Fortschritte in der brasilianischen Gesetzgebung und ihrer Umsetzung Die Umweltgesetzgebung Brasiliens zählt weltweit zu den am weitesten entwickelten.167 Manche behaupten sogar, dass Projekte wie Tucuruí, Balbina und Samuel im Falle einer strengen Anwendung der Gesetze sowie Kontrolle und Partizipation durch die Zivilgesellschaft in Zukunft nicht mehr umgesetzt würden.168 Doch was hat sich seit Tucuruí geändert? Die zentralen Gesetze und Institutionen einer verbesserten Umweltpolitik werden im Folgenden beschrieben.

4.3.1. Verbesserte Umweltgesetze Eine explizite Umweltgesetzgebung wurde erstmals 1981 durch Gesetz 6938 geschaffen. Wichtige Inhalte waren die Vorschrift von Umweltverträglichkeitsstudien (Estudo de Impacto Ambiental– EIA) sowie institutionelle Neuerungen in Form der Einrichtung des Nationalen Umweltrates (Conselho Nacional do Meio Ambiente – CONAMA) und des Nationalen Umweltsystems (Sistema Nacional de Meio Ambiente – SISNAMA). Spezifiziert und umgesetzt wurde dieses Rahmengesetz jedoch erst später.

„Luta contra as barragens e pelos direitos dos atingidos”, „Luta por soberania energética e um novo modelo energético para o Brasil”. Movimento dos Atingidos por Barragens (MAB) (Hg.) (2009): MAB Movimento dos Atingidos por Barragens. 167 Vgl. La Rovere; Mendes (2001), S. xx. 168 Vgl. Teixeira (1996), S. 71.

166

42

4. S O Z I A L E U N D Ö K O L O G I S C H E E N TW I C K L U N G S P R O Z E S S E Das Erfordernis einer Umweltgenehmigung ist das wichtigste ordnungsrechtliche Instrument der staatlichen Umweltverwaltung.169 Der Umweltgenehmigungsprozess wird definiert als
„administratives Verfahren, durch das das zuständige Umweltorgan die Ortsbestimmung, die Installation, den Ausbau und den Betrieb von Unternehmungen und Aktivitäten genehmigt, welche Umweltressourcen verbrauchen und als potenziell verschmutzend gelten oder die auf irgendeine 170 Weise eine ökologische Degradierung verursachen können […].“

Eine Genehmigung erfolgt bei Großprojekten in drei Etappen: vorläufige Lizenz, Einrichtungslizenz, Betriebslizenz. Einer der bedeutendsten Fortschritte ist die CONAMA-Resolution 001 aus dem Jahr 1986. Sie führt genauere Richtlinien für die der vorläufigen Lizenz vorangehenden Umweltverträglichkeitsstudie EIA ein. Sie müssen der Öffentlichkeit außerdem in einem allgemein verständlichen Bericht, dem Relatório de Impacto Ambiental (RIMA), zugänglich gemacht werden.171 Zusätzlich sind öffentliche Anhörungen zum RIMA verpflichtend. Durch weitere Resolutionen, die unter anderem Definitionen und Zuständigkeiten genauer klärten, wurde die Regelung der EIA fortgehend erweitert, zuletzt 1997. Außerdem wurde die strafrechtliche Verantwortung im Falle umweltschädlichen Verhaltens 1998 (Gesetz 9605/98) ausgeweitet, wodurch auch juristische Personen stärker haftbar gemacht wurden.172

Das oberste Gesetz, die demokratische Bundesverfassung (Constituição Federal – CF) von 1988, räumt dem Umweltschutz eine größere Bedeutung ein, indem sie ihm ein ganzes Kapitel173 widmet. So gesteht Artikel 225 jedem Bürger das Recht auf eine ökologisch ausgeglichene Umwelt zu. Erhaltung und Schutz der Umwelt ist gemeinsame Pflicht des Staates und der Gemeinschaft. Erwähnenswert ist auch, dass der brasilianische Amazonaswald als Nationalerbe bezeichnet wird, das es zu schützen gilt. Die Vorschrift der Erstellung von Umweltverträglichkeitsstudien ist ein weiterer Bestandteil.174 Auch Rechte indigener Völker wurden in der Verfassung erstmals anerkannt. Insbesondere wird ihnen das Besitz- und Nutzungsrecht an den von ihnen traditionell bewohnten Gebieten zuerkannt, inklusive den dort

Vgl. Scholz, Imme; Dräger, Daniel; Floer, Isabelle (2003): Handlungsspielräume zivilgesellschaftlicher Gruppen und Chancen für kooperative Umweltpolitik in Amazonien. Darstellung anhand des Staudamms von Belo Monte und der Bundesstraße BR-163. Bonn: DIE Deutsches Institut für Entwicklungspolitik, S. 24. 170 „procedimento administrativo pelo qual o órgão ambiental competente licencia a localização, instalação, ampliação e a operação de empreendimentos e atividades utilizadoras de recursos ambientais, consideradas efetiva ou potencialmente poluidoras ou daquelas que, sob qualquer forma, possam causar degradação ambiental […].” CONAMA (1997): Resolução CONAMA nº 237, de 19 de dezembro de 1997. 171 Vgl. Scholz et al. (2003), S. 23f.; La Rovere; Medes (2000), S. 154; Fearnside (2001), S. 388. 172 Vgl. Scholz et al. (2003), S. 26; La Rovere; Mendes (2000), S. 156. 173 Titel VIII, Kapitel VI (besteht aus Art.225) 174 Genauer geregelt in Gesetzen 6938/81 und 9784/99 und Dekret 99.274/90.

169

43

4. S O Z I A L E U N D Ö K O L O G I S C H E E N TW I C K L U N G S P R O Z E S S E vorhandenen natürlichen Ressourcen (Art.231). Infolgedessen leisten indigene Gebiete heute einen zentralen Beitrag zum Umweltschutz.

Ein

weiterer

Fortschritt

ist

die

Einführung

einer

nationalen

Wasserressourcenpolitik. Diese wird durch das Gesetz 9433 aus dem Jahr 1997 geregelt. Unter Einfluss dieses Gesetzes haben die meisten Bundesstaaten Amazoniens seit 2001 die Verwaltung der Wasserressourcen formalisiert. Mit der Aufgabe, die nationale Wasserressourcenpolitik umzusetzen, wurde im Jahr 2000 die Agência Nacional das Águas (ANA – Nationale Wasseragentur) auf Grundlage des Gesetzes 9984 gegründet. Eine wichtige Entwicklung des Naturschutzes in Amazonien stellt zudem das 2000 gesetzlich eingeführte Nationale Schutzgebietssystem dar.175 Es unterteilt die Schutzeinheiten in vollständig geschützte und nachhaltig nutzbare Einheiten, die entweder durch den Bund oder den Bundesstaat ausgewiesen werden können. Inzwischen stehen ca. 22% der Fläche Amazoniens in über 300 Schutzeinheiten unter Schutz (exklusive Indigenenschutzgebiete).176 Zwischen 2002 und 2006 ist das Gebiet staatlicher Schutzeinheiten in der Region um 47% gewachsen. Eindrucksvoll ist auch, dass allein in Pará im Jahr 2006 15 Mio. Hektar durch die Regierung des Bundesstaats zu Schutzgebieten erklärt wurden.177 Die Existenz dieser Schutzeinheiten erschwert die Durchführung von Infrastrukturprojekten in der Region und stellt somit ein zusätzliches Hindernis für den Staudammbau dar. 4.3.2. Neues Gefüge von Umweltinstitutionen Eine Umweltgesetzgebung kann nur so effektiv sein wie die ausführenden Organe. Auch institutionell haben sich seit 1980 Verbesserungen ergeben. Wie bereits erwähnt, wurden 1981 das Umweltsystem (SISNAMA) und der Umweltrat (CONAMA) eingerichtet. Das SISNAMA klärt Zuständigkeiten auf allen staatlichen Ebenen. Zentrales Organ ist das Ministerio do Meio Ambiente (MMA – Umweltministerium), dessen Zuständigkeiten auf fünf Sekretariate verteilt sind. Außer den Ministerien und Sekretariaten umfasst das Umweltsystem den CONAMA und das Instituto Brasileiro do Meio Ambiente e dos Recursos Naturais Renováveis (IBAMA – Brasilianisches Institut für Umwelt und erneuerbare Naturressourcen). Der Nationale Umweltrat berät das Bundeskabinett, schlägt Umweltrichtlinien vor, und wird manchmal mit zusätzlichen Sachfragen betraut. Die Gründung des IBAMA stellte eine Fusion verschiedener Umweltbehörden dar, die während der
175 176

Sistema Nacional de Unidades de Conservação (SNUC), Gesetz 9.985/2000. Vgl. ISA (2009d). 177 Vgl. EPE (2009a), S. 355.

44

4. S O Z I A L E U N D Ö K O L O G I S C H E E N TW I C K L U N G S P R O Z E S S E Militärregierung entstanden waren. Das IBAMA ist das ausführende Organ des MMA vor Ort.

Generell ist der Umweltschutz in Brasilien stark zentralisiert; Landes- und Kommunalbehörden besitzen meist eine geringe Bedeutung. Auch das

Landesumweltministerium Parás spielt laut Scholz keine große Rolle und steht zudem unter starkem Einfluss der Wirtschaft.178 Obwohl sich die Landesregierungen um die Konsolidierung eigener Umweltsysteme bemühen (1995 wird auch die Umweltpolitik Parás gesetzlich geregelt), sind diese wenig effektiv. Das MMA nennt als Hauptgründe für die lokale institutionelle Schwäche in den Bereichen Umwelt und Wasserressourcen in Amazonien einen Mangel an qualifiziertem Humankapital, eine nicht hinreichend definierte Rolle und Agenda
179

und

eine

fehlende

Unabhängigkeit gegenüber einflussreichen Lokalgruppen.

Aus diesem Grund

wenden sich zivile Interessensgruppen bevorzugt an Institutionen des Bundes.

Eine wichtige Rolle bei der Durchsetzung von Umweltpolitik in Amazonien nimmt das IBAMA ein. Es trat besonders in Amazonien ein schwieriges Erbe an, da es mit unqualifiziertem Personal und gegen eine einflussreiche, teils skrupellose Elite arbeiten musste, was für sein Personal sogar mit Sicherheitsrisiken verbunden war. Dennoch erstarkte die Behörde in den 1990ern mit Unterstützung der

Zivilbevölkerung und schaffte es sogar, die Genehmigung von einigen umstrittenen Unternehmungen zu verhindern. In Pará ist das IBAMA v.a. mit der Kontrolle des Holzeinschlags betraut, was aufgrund von logistischen und personellen Mängeln sowie Korruptionsfällen jedoch nicht effektiv geschieht.180

Das nationale Umweltsystem weist mehrere Schwächen auf: Zum Ersten werden nicht alle relevanten Umweltakteure einbezogen. Hinzu kommt, dass die Zusammenarbeit zwischen den Institutionen nicht hinreichend gesetzlich geregelt ist, weshalb sich Kompetenzstreitigkeiten ergeben. Infolgedessen gibt es

Spannungen zwischen IBAMA und MMA, zwischen IBAMA und den Regierungen von Bundesstaaten und Kommunen sowie zwischen den beiden letzteren. Eine effektivere Umweltpolitik wird zusätzlich dadurch beeinträchtigt, dass diese Institutionen sich gegenseitig ihre Informationen und Datenbanken vorenthalten, anstatt zu kooperieren, und selbst im Umweltministerium ist die interne Kompetenzverteilung unklar.
Vgl. Scholz et al. (2003), S. 30f. Ob die Umstrukturierung des Ministeriums im Jahre 2007 daran etwas geändert hat, geht aus der verfügbaren Literatur nicht hervor. 179 Vgl. MMA (2006a), S. 96f., S.101. 180 Vgl. Scholz at al. (2003), S. 28-30; Teixeira (1996), S. 61-64.
178

45

4. S O Z I A L E U N D Ö K O L O G I S C H E E N TW I C K L U N G S P R O Z E S S E

4.3.3. Partizipative Einforderung der gesetzlichen Garantien Teixeira stellt Mitte der 1990er noch keine wesentliche Verbesserung der Umweltsituation fest und schreibt dies vor allem den fehlenden Ressourcen der brasilianischen Regierung zu. Sie sieht eine wichtige Aufgabe zur Durchsetzung der Gesetzgebung bei der Bevölkerung.181 Die Verfassung stellt hierfür wichtige Partizipationsrechte zur Verfügung, die schon in vielen Fällen effektiv genutzt wurden. Die Bevölkerung verfügt über weitreichende Klagemöglichkeiten zur Durchsetzung von Umweltgesetzen und wird dabei vom einflussreichen, unabhängigen Ministério Público (MP) unterstützt. Dieses ist für die Verteidigung der Rechtsordnung zuständig und vertritt das öffentliche Interesse, wozu ausdrücklich der Umweltschutz zählt. Interessen und Rechte der indigenen Bevölkerung sollen ebenfalls vom MP verteidigt werden.182 Es wird faktisch als die zentrale Institution in der Umweltpolitik Parás angesehen.183

Als das effektivste Instrument hat sich die Klagebefugnis des MP bei Verstößen gegen Umweltgesetze erwiesen, was beispielsweise über eine öffentliche Zivilklage geschehen kann.184 Über sie kann Schadensersatz oder eine gerichtliche Anordnung zum Tun oder Unterlassen erwirkt werden. In diesem Zusammenhang sind besonders einstweilige Verfügungen bedeutsam, die umweltschädigende Handlungen vorläufig verhindern können. In den letzten Jahren sind vermehrt große Infrastrukturprojekte Ziel der Anklage, wozu auch die verbesserte umweltrechtliche Ausbildung durch die Universitäten beigetragen hat.185 Weiterhin bieten die obligatorischen öffentlichen Anhörungen eine Möglichkeit zur Partizipation. Als Partizipationsinstrument nehmen die meisten beteiligten zivilgesellschaftlichen Organisationen diese Anhörungen zwar als fehlerbehaftet und daher ineffektiv wahr. Dennoch sind die Veranstaltungen öffentlichkeitswirksam und dienen den Organisationen als Informationsquelle. 4.4. Reaktionen des Eletrizitätssektors auf die Veränderungen Auch die staatliche Elektrizitätsfirma Eletrobrás konnte sich dem wachsenden Druck, nicht zuletzt durch internationale Finanzgeber, und den geänderten gesetzlichen Bedingungen nicht entziehen. So richtete Eletronorte im Jahr 1983 eine

Vgl. Teixeira (1996), S. 72. Vgl. Constituição Federal (CF) (1988): Art. 129. 183 Vgl. Scholz et al. (2003), S. 36. 184 Klagebefugt sind außerdem Bund, Länder und Munizipien, sowie infolge einer Gesetzesreform auch Umweltvereine. Vgl. Scholz et al. (2003), S. 36. 185 Vgl. Scholz et al. (2003), S. 38.
182

181

46

4. S O Z I A L E U N D Ö K O L O G I S C H E E N TW I C K L U N G S P R O Z E S S E Umwelt-Beratungsstelle ein. Eletrobrás schuf im Jahr 1986 einen konsultativen Rat für Umweltfragen und gründete im folgenden Jahr eine Umweltabteilung. Ebenfalls 1986 verfasste Eletrobrás die ersten zwei Dokumente, die sich alleine

Umweltaspekten widmen, darunter der erste Umweltleitplan des Elektrizitätssektors (Plano Diretor de Meio Ambiente do Setor Elétrico – I PDMA). Seine Neuauflage, der II PDMA – 1991/1993, definiert noch heute die Umweltpolitik des Elektrizitätssektors. Der Plan beinhaltet Verpflichtungen und Ziele gegenüber der Umwelt sowie der betroffenen Bevölkerung. Das 1997 verfasste Inventarhandbuch des Elektrizitätssektors sieht zudem eine stärkere Integration von Umweltstudien schon in die Machbarkeitsstudie vor: Umweltaspekte fließen in die Entscheidung mit ein, indem die Kosten von umweltbezogenen Vorbeugungs-, Abhilfe- und Kompensationsmaßnahmen von Anfang an eingerechnet werden.186 Einen weiteren institutionellen Fortschritt stellt eine Koordinierungsstelle für die Umweltpolitik des Elektrizitätssektors dar, die 1988 gegründet wurde.

Trotz dieser Veränderungen wird kritisiert, dass die Elektrizitätsindustrie nur passiv auf Forderungen reagiere und dass viele Änderungen bloße Absichtsbekundungen blieben.187 4.5. Rückschritte und Kritik Die beschriebenen, in den späten 1980ern und frühen 1990ern erzielten Fortschritte werden von einer Privatisierungstendenz des Elektrizitätssektors konterkariert, die im Zuge der sektorialen Umstrukturierung geschieht. Private Konsortien erwerben Elektrizitätsfirmen und konkurrieren um den Bauauftrag, haben jedoch selten Erfahrungen bzw. Kompetenzen im Umgang mit Umwelt- und Sozialaspekten. Dadurch werden die über Jahre etablierten Strukturen der sozialen Kontrolle und Einflussnahme sowie die erzielten institutionellen und formalen Verbesserungen untergraben. Ursache der Privatisierung war eine verminderte Investitionsfähigkeit des Staates in große Infrastrukturprojekte, die zeitlich mit der Suche des internationalen

Vgl. Eletrobrás (2009e): Manuais e Diretrizes. Manual de Inventário Hidrelétrico de Bacias Hidrográficas. Verfügbar unter http://www.eletrobras.com/elb/data/Pages/LUMIS4AB3DA57PTBRIE.htm, zuletzt geprüft am 15.08.09. 187 Vgl. Teixeira (1996), S. 105; La Rovere; Mendes (2000), S. 156.

186

47

4. S O Z I A L E U N D Ö K O L O G I S C H E E N TW I C K L U N G S P R O Z E S S E Privatkapitals nach sicheren Investitionen wie dem Stromsektor zusammentraf.188 Zusätzlich fördert die Weltbank diese Privatisierungstendenz.189

Auch die Gesetzgebung entwickelte sich in der Folge nicht immer zugunsten sozialer und ökologischer Aspekte. Besonders kritisiert Vainer in diesem Zusammenhang die 1995 verabschiedeten Gesetze zur Konzessionsvergabe (Nr. 8987 und 9074). Soziale und ökologische Fragen werden darin beinahe vollständig ausgeklammert. Auch wird die Bevölkerung nur im Umfang ihrer Besitzrechte berücksichtigt, und den Firmen wird sogar ein Enteignungsanspruch – mit der Deklarierung des Gebietes als Gebiet von öffentlichem Nutzen – zugesprochen. Das ermöglicht der zuständigen Firma, die Entschädigungsansprüche selbst festzulegen. Vainer geht soweit, die beschriebenen Rückschritte als Rückkehr zu territorialpatrimonialen Strukturen der Militärregierung zu bezeichnen.190

Noch 1989, als Belo Monte erstmals umgesetzt werden sollte, hatte die Debatte eine größere Reichweite als heute. Vainer kritisiert, dass eine breite öffentliche Debatte über die nationale Energiepolitik bzw. Projekte nationaler Reichweite inzwischen kaum noch stattfindet; stattdessen werden Entscheidungen im kleinen Kreis bestimmter Interessensgruppen gefällt.191 Bermann sieht das ähnlich: „The involvement of society in the issues related to hydroelectric installation is limited, when it exists at all“192. Er nennt die Flussanwohner als Beispiel: Ihm zufolge wird deren Existenz im Entscheidungsprozess weiterhin bewusst nicht thematisiert, um die Investitionskosten niedrig zu halten. Er nennt dies das “invisibility phenomenon”, welches eine Anerkennung und Einbeziehung abweichender Interessen verhindert.

Um den privatisierten Markt zu kontrollieren und regulieren, wurde 1996 die Behörde Agência Nacional de Energia Elétrica (ANEEL – Nationale Agentur für Elektrische Energie) gegründet. Sie nimmt eine Vermittlerrolle zwischen den verschiedenen Akteuren auf dem brasilianischen Strommarkt ein. Bei neuen Anlagen und Dienstleistungen (z.B. Staudämmen) ist ihre Genehmigung einzuholen. Sie soll geeignete Bedingungen schaffen, damit die Entwicklung des Strommarktes im Gleichgewicht zwischen den Wirtschaftssubjekten und zum gesellschaftlichen

Vgl. Kelman, Jerson; Pereira, Mario V.; Aripe Neto, Tristão A.; Sales, Paulo R. de H.: Hidreletricidade. In: Rebouças, Aldo Da C. ; Braga, Benedito; Tundisi, José G. (Hg.) (2002): Águas doces do Brasil. Capital ecológico, uso e conservação. 2.Aufl. São Paulo: Escrituras Editora, S. 378. 189 Vgl. Vainer (2007), S. 127. 190 Vgl. Vainer (2007), S. 123f. 191 Vgl. Vainer (2007), S. 133. 192 Bermann, Célio (2007): Impasses and controversies of hydroelectricity. In: Estudos Avançados, Jg. 21, H. 59, S. 143.

188

48

4. S O Z I A L E U N D Ö K O L O G I S C H E E N TW I C K L U N G S P R O Z E S S E Nutzen erfolgt. 2004 entstand zudem die staatliche Empresa de Pesquisa Energética (EPE – Firma für Energieforschung), die Forschungsdienste zur Unterstützung der Energieplanung zur Verfügung stellt. Leider mangelt es den beiden mit dem Energieministerium verknüpften Organen an einer klar definierten Übernahme von Umweltverantwortung. Den Interessen an der Bewahrung der Natur stellt sich zudem eine an Popularität gewinnende „Anti-Umweltschutz“-Rhetorik entgegen, die den Umweltschutz als Entwicklungsbremse beschreibt und damit Druck auf Behörden wie das IBAMA ausübt, das für die Genehmigung wichtiger Projekte zuständig ist.193

193

Vgl. ebenda, S. 121f.

49

5. Analyse des geplanten Projektes Belo Monte
5.1. Historische Bedeutung und Entwicklung des Projektes Das Projekt Belo Monte ist die modifizierte Wiederaufnahme eines Projektes, das ein historisches Ereignis in der Geschichte des Staudammbaus darstellt: Zum ersten Mal gelang es der Zivilgesellschaft, die Umsetzung eines geplanten Großstaudammes zu verhindern. Erste Inventarstudien begannen am Rio Xingu im Jahr 1975.194 Ergebnis waren zwei mögliche Alternativen zur Nutzung des Potenzials. Alternative A sah fünf Kraftwerke am Rio Xingu und eines an seinem Zufluss Iriri vor. Alternative B schlug insgesamt sieben Kraftwerke vor, davon wiederum fünf am Xingu und zwei am Iriri. Flutungsfläche und Energieerzeugung wären bei beiden Alternativen ähnlich: für eine Stromerzeugungskapazität von mehr als 20.000 MW würden über 18.000 km² überschwemmt werden. Im Anschluss wurde die Machbarkeitsstudie der zwei ersten zu erbauenden Staudämme eingeleitet, die sich auf die Projekte Kararaô (später Belo Monte genannt) und Babaquara (später Altamira) bezogen. Diese beiden lagen in der Nähe der sogenannten Volta Grande (Große Kurve), bei der 70% des identifizierten Wasserkraftpotenzials lokalisiert war.195 Bei Fertigstellung der Studien im Jahr 1989 stand das Projekt Kararaô im Vordergrund, dessen geplantes Leistungspotenzial von ca. 8.000 MW auf 11.000 MW gestiegen war.196

Die Planer stießen jedoch auf unerwarteten Widerstand aus der Zivilgesellschaft. Der gesamte Staudammkomplex hätte ca. 37 Ethnien beeinträchtigt197 und ca. 70.000 Personen hätten von ihrem Wohnort vertrieben werden müssen, darunter 10 verschiedene indigene Gruppen198. Ein wichtiger Anstoß für die entstehende internationale Aufmerksamkeit war ein Treffen von indigenen Anführern mit Vertretern der US-Regierung und der Weltbank 1988. Unterstützt durch den amerikanischen Forscher Darrel Posey trugen die Kayapó-Häuptlinge Paulinho Paiakan und Kube-i ihre Bedenken gegenüber den geplanten Projekten am Rio Xingu in Washington vor, da die Weltbank zu den voraussichtlichen Geldgebern für das Projekt gehörte. Als die brasilianische Regierung sie wegen dieser Aktion anklagte, führte das zu öffentlicher Empörung. Zusätzlich rückte der Mord an dem Kautschukarbeiter und Bürgerrechtsaktivisten Chico Mendes
194

Vgl. Fearnside (2006), S. 1; Eletrobrás (Hg.) (2009a): Aproveitamento Hidrelétrico Belo Monte: Estudo de Impacto Ambiental – EIA. Februar 2009. Bd.1. Rio de Janeiro: Centrais Elétricas Brasileiras (Eletrobrás), S. 18. 195 Vgl. Eletrobrás (2009a), Bd. 1, S. 28f. 196 Vgl. Eletrobrás (Hg.) (2009b): Aproveitamento Hidrelétrico Belo Monte: Relatório de Impacto Ambiental – RIMA. Mai 2009. Rio de Janeiro: Centrais Elétricas Brasileiras (Eletrobrás), S. 18. 197 Vgl. Fearnside (2006), S. 1. 198 Vgl. Teixeira (1996), S. 112.

50

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE im gleichen Jahr die Region in das internationale Blickfeld. Posey und Paiakan nutzten das internationale öffentliche Interesse, um ein Treffen in Altamira, Pará, zu organisieren, in dem die Projektverantwortlichen zu den Vorwürfen Stellung nehmen sollten: das I. Treffen der Indigenen Völker (I Encontro dos Povos Indígenas) am Rio Xingu im Februar 1989. Es nahmen ca. 3.000 Menschen daran teil, darunter ca. 650 Indigene, außerdem Sozial- und Umweltbewegungen, NROs und Medien, jeweils mit nationalen und internationalen Vertretern, sowie Regierungsvertreter und

internationale Rockstars wie Sting. Die Versammlung stellt einen Meilenstein im Kampf gegen Staudammprojekte dar. Ein Höhepunkt war die dramatische Geste einer Angehörigen der Kayapó, die Muniz Lopes, dem damaligen Präsidenten von Eletronorte, eine Machete ans Gesicht hielt, um ihre Opposition zu den geplanten Projekten auszudrücken. Dieses Bild wurde weltweit verbreitet. Nur einen Monat nach diesem historischen Ereignis und infolge großer weltweiter Proteste gegen die Weltbank zog diese den geplanten Kredit an Brasilien zurück und schuf kurz darauf ihre Umweltabteilung.199 Das Projekt verschwand auch aus den Regierungsplänen, wofür es verschiedene Gründe gab: zum einen waren Geldgeber infolge des negativen Images, des neu entstandenen internationalen Drucks und der Kostenüberschreitung vorheriger Staudämme schwer zu finden, zum anderen war die Investitionsfähigkeit der brasilianischen Regierung aufgrund der Schuldenkrise gering.200 Zweifellos war das Altamira-Treffen ein wichtiger Grund für die Aussetzung der Projekte. Jedoch konnte schon bald beobachtet werden, dass die Regierung den Standort immer noch als strategisch bedeutend einstufte, denn schon bald wurde der Plan wiederbelebt, wenn auch in geänderter Ausführung. Eine Übersicht über die Entwicklung des Projektes gibt Tabelle 1.

199 200

Vgl. MacCully (2001), S. 294; Teixeira (1996), S. 112. Vgl. Carvalho (2006), S. 258.

51

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE Tabelle 1: Chronologie der Wiederaufnahme des Projektes Belo Monte Jahr 1994 Ereignis Verändertes Projekt vorgeschlagen, in dem die Flutungsfläche von 1225 km² auf 400 km² reduziert wurde Neue Machbarkeitsstudie, inkl. Umweltstudie EIA, für die veränderte Version beginnt mit Genehmigung der Elektrizitätsbehörde ANEEL Infolge einer Zivilklage durch das Ministério Público wird die EIA aufgrund von Zweifeln an der beauftragten Stiftung gerichtlich abgewiesen Machbarkeitsstudie fertig gestellt, allerdings ohne das Umweltkapitel Kongress autorisiert durch das Dekret No. 788 die Durchführung des Projektes, insofern folgende Studien anerkannt werden: I) EIA II) RIMA III) AAI – Avaliação Ambiental Integrada (integrierte Umweltauswertung) IV) Anthropologische Studien zur indigenen Bevölkerung, inkl. Anhörung dieser 2005 Vertrag zur technischen Kooperation zwischen Eletrobrás und den Konstruktionsfirmen Camargo Corrêa, Norberto Odebrecht und Andrade Gutierrez bei der Durchführung der vom Kongress verlangten Machbarkeitsstudie Beginn der Erarbeitung von EIA und RIMA nach den Plänen der Machbarkeitsstudie von 2002 September: EIA/RIMA werden durch eine Klage des MP auf Verfassungswidrigkeit mit einer einstweiligen Verfügung gestoppt. Grund: Fehlende Anhörung Indigener Dezember: einstweilige Verfügung tritt außer Kraft März: Projekt erneut mittels Klage durch das MP auf Eis gelegt. Nach Scheitern der einstweiligen Verfügung wird diese später von höherer Instanz wieder in Kraft gesetzt. Grund: fehlende Anhörung Indigener Dezember: Außerkrafttreten der Verfügung, Wiederaufnahme von EIA und RIMA Belo Monte wird ins neue Wachstumsprogramm PAC der Regierung aufgenommen 2007 Oktober: Aktualisierte Inventarstudien werden bei ANEEL eingereicht Dezember: IBAMA verkündet die Richtlinien zur Erstellung von EIA und RIMA 2008 April: erneute gerichtliche Verfügung, die die EIA lahmlegt, durch das MP erreicht. Grund: Beteiligung von Konstruktionsfirmen an der EIA Mai: Verfügung tritt außer Kraft, Wiederaufnahme der Studien

2000 2001 2002

2006

52

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE

Juli: Resolution No.06/08 des Nationalen Rates für Energiepolitik (CNPE), die gleichzeitig das strategische Interesse der Wasserkraftnutzung am Rio Xingu und die strategische Bedeutung des Flusses für den Schutz von Biodiversität und indigener Kultur bekräftigt. Als Folge wird Belo Monte auch zukünftig als einziges Projekt am Xingu festgelegt. Februar: EIA wird beim IBAMA eingereicht (vorläufige Version), Frist zur Ausstellung der vorläufigen Lizenz: 180 Tage März: Aktualisierte Machbarkeitsstudie wird bei der ANEEL eingereicht, sie soll laut ANEEL erst nach Ausstellung einer vorläufigen Lizenz durch das IBAMA genehmigt werden Mai: Endversion der EIA/RIMA werden beim IBAMA eingereicht, nachdem dieses technische Inspektionen vor Ort durchgeführt hat 2009 Juni: einstweilige Verfügung Unvollständigkeit der EIA durch das MP erwirkt, Grund:

Juli: Präsident Luiz Inácio Lula da Silva (kurz: Lula) empfängt Vertreter sozialer Bewegungen, Staatsanwälte des MP, den Bischof Erwin Kräutler und Wissenschaftler, um ihre Forderungen anzuhören August: Juristische Blockade wird aufgehoben September: vier öffentliche EIA/RIMA finden statt Plan Anhörungen zu den Umweltberichten

Das MME plant Ausschreibung des Projektes bis Ende des Jahres

Quellen: Eletrobrás (2009a), Bd.1, Kap.1, S. 18, S. 24-27, Eletrobrás (2009b), S. 18f., pron.com.br, www.direito2.com.br, www.pa.trf1.gov.br, www.brasiloeste.com.br, www1.folha.uol.com.br, www.estadao.com.br, www.amazonia.org.br

5.2. Beschreibung des Projektes Das umstrittene Projekt Belo Monte gilt als richtungsweisend in der brasilianischen Energiepolitik:
„VerteidigerInnen und KritikerInnen des Staudammprojekts sind sich in einem Punkt einig: Am Xingu wird die Zukunft der Wasserkraft in Amazonien entschieden. Wenn es nicht gelingt, diesen Staudamm zu verhindern, werden weitere Projekte mit schweren Konsequenzen 201 folgen“

Das hängt damit zusammen, dass Brasilien, wie in Kapitel 2 gezeigt, stark auf Wasserkraft setzt, um die wachsende Nachfrage nach elektrischer Energie zu bedienen. Eine Wiederaufnahme des 1989 vorerst begrabenen Projektes war u.a. durch den wirtschaftlichen Kontext der Energiekrise 2001 erleichtert worden.202 In der Zukunftsplanung nimmt das Projekt einen wichtigen Stellenwert ein, da seine installierte Leistung 38% des im Plan 2008-2017 vorgesehenen Ausbaus der

Fatheuer, Thomas (2008): Machetenschlag gegen Eletronorte. Indigene im Amazonasgebiet greifen zu drastischen Mitteln, um ihren Lebensraum vor Zerstörung zu schützen. In: Lateinamerikanachrichten, H. 409/410, Juli/August 2008, o.S. 202 Vgl. Carvalho (2006), S. 249.

201

53

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE Stromversorgung darstellt und 6,4% des gesamten nationalen Elektrizitätskonsums entspricht.203 Der Standort Belo Monte liefert mit einem Höhenunterschied von 90m204 und einer durchschnittlichen Wasserführung von 7.851 m³/s (zwischen 1931 und 2000) am Standort Pimental205 besonders gute natürliche Voraussetzungen für den Bau eines Staudamms. Jedoch variieren die Durchflussmengen im Jahresverlauf beträchtlich: der niedrigste je gemessene Monatswert betrug 444 m³/s (Oktober 1969) und der maximale Durchfluss lag bei 30.129 m³/s (März 1980).206

Die Reduktion der Stauseefläche verglichen mit dem ursprünglichen Design, von 1.225 km² auf aktuell 516 km², entsteht durch eine Konstruktion von zwei großen Kanälen.207 Diese leiten den Fluss zum Hauptkrafthaus um, indem die große Kurve (Volta Grande), die der Fluss an dieser Stelle beschreibt, abgekürzt wird. Die geplante Konstruktion ist für Staudammbauten außergewöhnlich, da der Damm nicht im natürlichen Flusslauf integriert ist, sondern das Wasser fast im rechten Winkel abgeleitet wird. Der benötigte Erdaushub ist so enorm, dass Angestellte von Eletronorte von “perhaps the largest excavation project since the Panama Canal”208 sprechen. Dadurch entstehen zwei Stauseen, einer am Flusslauf selbst (382 km²) und einer nach den Kanälen (134 km²). Die maximale Höhe über dem Meeresspiegel beträgt 97 m beim Stausee am Xingu und 96 m beim Stausee bei den Kanälen. Bei einem Wasserspiegel von 97 m misst die durchschnittliche Tiefe im Stausee am Xingu 6,2 m, im Stausee bei den Kanälen 17,6 m.209 Die Bauarbeiten verteilen sich auf vier Standorte: Pimental, ca. 40 km flussabwärts von Altamira gelegen, wo der Hauptdamm samt Hochwasserentlastung und einem komplementären Krafthaus entsteht; Belo Monte, wo das zentrale Krafthaus liegt; Bela Vista, wo eine zusätzliche Entlastungsanlage gebaut wird und die Region der Kanäle und Deiche (Vgl. Abbildung 6). Drei Munizipien210 sind direkt von den Stauseen betroffen: Vitória do Xingu (wo 48% der Seefläche liegen wird), Altamira
203 204

Vgl. EPE (2009a), S. 382. Vgl. Eletrobrás (2009a), Bd. 1, S. 39. 205 Vgl. Sousa Júnior, Wilson C. de; Reid, John; Leitão, Neidja C. (2006): Custos e Benefícios do Complexo Hidrelétrico Belo Monte. Uma Abordagem Econômico-Ambiental. Lagoa Santa: Conservation Strategy Fund (CSF), S. 51. 206 Vgl. ebenda, S. 51f. 207 Zwar war noch bis vor kurzem von 440 km² die Rede, jedoch hat sich durch neueste technische Berechnungen die Fläche auf 516 km² erhöht. Vgl. Eletrobrás (2009a), Bd. 1, S. 40. 208 Rohter, Larry (2001): Brazil searches for more energy. In: The New York Times. 21.10.01. Verfügbar unter http://www.nytimes.com/2001/10/21/international/americas/21BRAZ.html, zuletzt geprüft am 23.08.09. 209 Vgl. Eletrobrás (2009a), Bd. 1, S. 83. 210 Ein Munizip ist die kleinste brasilianische Verwaltungseinheit, in etwa vergleichbar mit einer deutschen Gemeinde.

54

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE (51,9%) und Brasil Novo (0,1%). Das Hauptkrafthaus soll eine Kapazität von 11.000 MW und das zusätzliche Maschinenhaus von 233,1 MW haben.211 Die Kapazität der Turbinen liegt bei 13.900 m³/s.212 Die Bauphase soll insgesamt 10 Jahre dauern.213 Geplant ist eine öffentliche Vergabe des Unternehmens noch für 2009. In Betrieb soll das Kraftwerk ab 2014 gehen, mit jeweils 550 MW im Dreimonatstakt.214 Abbildung 6 : Die geplante Anordnung der Wasserkraftanlage Belo Monte

Quelle: Eletrobrás

215

.

Vgl. Eletrobrás (2009b), S. 21-23. Vgl. Fearnside, Phillip: Hidrelétricas Planejadas no rio Xingu como fontes de gases do efeito estufa: Belo Monte (Kararaô) e Altamira (Babaquara). In: Sevá Filho, A. Oswaldo; Switkes, Glenn (Hg.) (2005): Tenotã-Mõ. Alertas sobre as conseqüências dos projetos hidrelétricos no rio Xingu. 1. Aufl. São Paulo: International Rivers Network, S. 209f. 213 Vgl. Eletrobrás (2009b), S. 24. 214 Vgl. EPE (2009a), S. 132, S. 382. 215 Eletrobrás (2008): Plano de Atendimento à População Atingida: Principais Diretrizes. III Fórum Técnico: Eletrobrás/UFPA - 14 a 16 de outubro de 2008. Verfügbar unter http://www.eletrobras.com/elb/main.asp?View={46763BB8-3B05-432F-A206-C8F93CC3BA90}, zuletzt geprüft am 31.08.09.
212

211

55

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE 5.3. Die Wirtschaftlichkeitsfrage unter Berücksichtigung sozialer und

ökologischer Kosten 5.3.1. Traditionelle Wirtschaftlichkeitsrechnung Um die Investitionen und externen Kosten rechtfertigen zu können, muss das Unternehmen zumindest aus wirtschaftlicher Sicht rentabel sein. Doch auch bezüglich der Marktfähigkeit von Belo Monte bestehen Zweifel. Die Diskussion um die Rentabilität des Vorhabens dreht sich zum einen um die Frage nach einer realistischen Einschätzung der Baukosten, zum anderen um die tatsächliche Energieproduktion des Wasserkraftwerks.

Die Argumente, die von Eletrobrás zur Wirtschaftlichkeit des Projektes angeführt werden, sind die hohe Wettbewerbsfähigkeit durch die niedrigen Stromerzeugungskosten, sowie der Gewinn für das nationale System, da die Hochwasserperioden im Norden und im Süden zeitlich versetzt auftreten. In Spitzenzeiten von Belo Monte müssen daher im Süden die Stauseen nicht beansprucht werden und können gefüllt werden, was die Energiesicherheit des Landes erhöht. Es wird immer wieder betont, dass die 2007 aktualisierte Machbarkeitsstudie Belo Monte als einziges

Wasserkraftunternehmen am Rio Xingu empfiehlt, das als isolierte Unternehmung und unabhängig von der Nutzung der Wasserkraft flussaufwärts marktfähig sei und dass die Resolution des CNPE von 2008 dies bestätige.216

Die größten Bedenken bezüglich der Wirtschaftlichkeit hängen mit der beträchtlichen Diskrepanz zwischen installierter Leistung (11.233,1 MW) und der sogenannten energia firme (“sichere Leistung“) von 4.796 MW (laut Eletrobrás)217 zusammen. Diese „sichere Leistung“ wird definiert als
„die maximale kontinuierliche Energieproduktion, die erbracht werden kann, wenn man vom Auftreten der trockensten Sequenz der je für den [betroffenen] Fluss […] registrierten Abflüsse 218 ausgeht“.

Der niedrige Wert ist der periodisch stark schwankenden Abflussdynamik des Rio Xingu zuzuschreiben. Aufgrund der geringen Speicherkapazität kann der Durchfluss nicht hinreichend reguliert werden, um eine höhere Energieproduktion zu

Vgl. Eletrobrás (2009a), Bd.1, S. 20, S. 386. Vgl. Eletrobrás (2009a), Bd. 1, S. 19, S. 383. 218 „A energia firme de uma usina hidrelétrica corresponde à maxima produção continua de energia que pode ser obtida, supondo a occorência da sequëncia mais seca registrada no histórico de vazões do rio onde ela está instalada.” Agência Nacional de Energia Elétrica (ANEEL) (2005): Energia assegurada. Brasília: ANEEL (Cadernos Temáticos ANEEL; Bd.3: Comercialização de Energia Elétrica), S. 9.
217

216

56

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE ermöglichen. Aus diesem Grund würde das Kraftwerk im besten Fall nur drei Monate im Jahr mit annähernd seiner Maximalleistung operieren.219 Außerdem weichen die Zahlen bezüglich der Kosten des Komplexes stark voneinander ab. Auch Eletrobrás selbst sprach im Laufe der Jahre von unterschiedlichen Baukosten. Werden im Jahr 2001 noch US$ 6,5 Mrd. (inkl. Leitungsnetz) angegeben, so sind es 2003 nur noch ca. US$ 4 Mrd.220 Bermann, der an der Universität von São Paulo (USP) lehrt, ist einer der stärksten Kritiker dieser Zahlen. Er veranschlagte schon 2002 Kosten von mindestens US$ 11 Mrd (inkl. Übertragungskosten).221 Neueste Schätzungen scheinen ihm Recht zu geben: Selbst der Alstom-Konzern, der potenziell an Belo Monte beteiligt sein wird, schätzt die Gesamtkosten auf fast US$ 16 Mrd. Auch in der Zeitung O Globo wird von höheren Kosten berichtet, die sogar bei der brasilianischen Regierung Zweifel an der Rentabilität aufkommen lassen sollen.222 Kürzlich gab dann auch Muniz Lopez, der Präsident von Eletrobrás, Werte an, nach denen die Gesamtkosten voraussichtlich zwischen US$ 11 Mrd. und US$ 33 Mrd. liegen würden.223 Im Juli 2009 soll Präsident Lula bei einem Treffen mit Projektgegnern gesagt haben:
„It is not possible to build a dam with 11.000 MW and then have only 4.000 MW year-round. The energy is going to be very expensive… If the project can be improved, let’s build it. If it’s 224 inviable, we won’t build it”.

Selbst der Wert der erreichbaren Energie wird jedoch angezweifelt, ganz besonders seit an der bundesstaatlichen Universität von Campinas (UNICAMP) ein neues Simulationsmodell mit dem Namen HidroSim entwickelt wurde, mit dem eine durchschnittliche Energieverfügbarkeit von nur 1.172 MW für Belo Monte errechnet wurde.225 Etwas später ermittelte Sevá auf Basis desselben Modells, dass Belo Monte zwischen 1931 und 1996 eine durchschnittliche “sichere Leistung“ von 1.356

Vgl. Switkes, Glenn; Sevá Filho, Arsenio O: Resumo Executivo. In: Sevá Filho, A. Oswaldo; Switkes, Glenn (Hg.) (2005): Tenotã-Mõ. Alertas sobre as conseqüências dos projetos hidrelétricos no rio Xingu. 1. Aufl. São Paulo: International Rivers Network, S. 18; Bermann, Célio (2002): O Brasil não precisa de Belo Monte. Amazonia.org.br. 10.04.02. Verfügbar unter http://www.amazonia.org.br/opiniao/artigo_detail.cfm?id=14820, zuletzt geprüft am 25.08.09. 220 Vgl. Pinto, Lúcio Flávio: Grandezas e misérias da energia e da mineração no Pará. In: Sevá Filho, A. Oswaldo; Switkes, Glenn (Hg.) (2005): Tenotã-Mõ. Alertas sobre as conseqüências dos projetos hidrelétricos no rio Xingu. 1. Aufl. São Paulo: International Rivers Network, S. 100. 221 Vgl. Instituto Socioambiental (ISA) (2003): Especial Belo Monte. O que diz o especialista. Verfügbar unter www.socioambiental.org/esp/bm/esp.asp, zuletzt geprüft am 22.07.09. 222 Vgl. Switkes, Glenn (2009a): Real Cost of Belo Monte begins to emerge. International Rivers. 07.01.09. Verfügbar unter http://www.internationalrivers.org/en/blog/glenn-switkes/real-cost-belomonte-dam-begins-emerge, zuletzt geprüft am 02.09.09. 223 Vgl. Medeiros, Carolina (2009): Belo Monte: audiências públicas acontecerão em setembro. Canal Energia. 25.08.09. Verfügbar unter http://www.amazonia.org.br/noticias/noticia.cfm?id=324890, zuletzt geprüft am 02.09.09. 224 Switkes, Glenn (2009b): Lula promises not to shove Belo Monte down our throats. International Rivers. 27.07.09. Verfügbar unter http://www.internationalrivers.org/en/blog/glenn-switkes/lulapromises-not-shove-belo-monte-down-our-throats, zuletzt geprüft am 02.09.09. 225 Vgl. Sousa Júnior et al. (2006), S. 54.

219

57

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE MW erbracht hätte.226 Die Differenz wird dadurch erklärt, dass das vom Elektrizitätssektor verwendete Modelo de Simulação a Usinas Individualizadas (MSUI – Simulationsmodell mit individualisierten Kraftwerken) die Daten für das individualisierte Projekt unter Einbeziehung des regulierenden Einflusses von möglichen Wasserkraftwerken flussaufwärts berechnet. Beim Modell HidroSim wurde das Projekt vollkommen isoliert von diesen Einflüssen untersucht.227 Eletrobrás argumentiert demgegenüber, dass die traditionellen Ansätze des Elektrizitätssektors über Jahre hinweg entwickelt worden seien und sich bewährt hätten.228

Automatisch wird mit den Baukosten auch das Argument der günstigen Stromerzeugung in Frage gestellt. Während Eletronorte die Produktionskosten 2002 bei US$ 12 / MWh ansiedelt (plus 8 US$ / MWh für die Verbindung mit dem nationalen Leitungssystem), kommt Bermann bei eigenen Berechnungen auf US$ 41 / MWh.229 Nichtsdestotrotz bekräftigt Eletrobrás die günstigen Zahlen: In der aktuellen EIA werden gemäß dem Energieexpansionsplan PDEE 2007-2016 27 brasilianische Reais (R$) (ca. US$ 14230) pro MWh und inklusive Netzanschluss R$ 45 pro MWh (ca. US$ 24) angegeben.231 Im Vergleich dazu liegt der aktuelle Standard der Energieerzeugungskosten des Landes laut PDEE 2008-2017 bei R$ 120 / MWh232.

Unumstritten wiederum ist, dass das Projekt durch die Anlage zusätzlicher Staudämme flussaufwärts in seiner Rentabilität stark erhöht werden würde, da diese den Durchfluss regulieren könnten und somit die gesicherte Energie stark erhöhen würden. Fearnside (2006), Sousa Júnior et al. (2006), Bermann (2002), Switkes und Sevá Filho (2005) sind nur einige der zentralen Autoren, die nicht an ein Ende des Baus von Großstaudämmen am Rio Xingu nach Fertigstellung von Belo Monte glauben. Sie sehen in dem Bau des Staudamms einen wichtigen Schritt, um weitere Staudämme zu rechtfertigen, und einige von ihnen erkennen eindeutige Indizien in
Vgl. Sevá Filho, A. Oswaldo: Dados de vazão do Xingu durante o período 1931-1999; estimativas da potência, sob a hipótese de aproveitamento hidrelétrico integral. In: Sevá Filho, A. Oswaldo; Switkes, Glenn (Hg.) (2005): Tenotã-Mõ. Alertas sobre as conseqüências dos projetos hidrelétricos no rio Xingu. 1. Aufl. São Paulo: International Rivers Network, S. 148. 227 Vgl. Cabral de Sousa Júnior et al. (2006), S. 54. 228 Vgl. Cardinot, Flavio C.; Sampaio, Lilian L.; Rezende, Paulo F.; Domingues, Paulo C. (2007): A geração do Aproveitamento Hidrelétrico Belo Monte. Eletrobrás, S. 16-18. Verfügbar unter http://www.eletrobras.com/elb/main.asp?View={46763BB8-3B05-432F-A206C8F93CC3BA90}, zuletzt geprüft am 02.09.09. 229 Vgl. Instituto Socioambiental (ISA) (2003): Especial Belo Monte: Custos e financiamento de Belo Monte. Verfügbar unter www.socioambiental.org/esp/bm/inv.asp, zuletzt geprüft am 22.07.09. 230 Diese und die folgenden Umrechnungen basieren auf dem Wechselkurs vom 01.08.09 (R$ 1 = US$ 0,536), Zahlen gerundet. Verfügbar unter www.oanda.com. 231 Vgl. Eletrobrás (2009a), Bd. 1, S. 385. 232 Vgl. EPE (2009a), S. 382.
226

58

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE Dokumenten bekräftigen.
233

und

Äußerungen

von

Eletronorte,

die

diese

Vermutungen

In jedem Falle wäre nach dem Bau Belo Montes der Druck höher, zusätzliche Bauwerke umzusetzen, besonders im Falle einer Energiekrise. 5.3.2. Nutzen versus Umwelt- und Sozialkosten Ob der erwartete wirtschaftliche Nutzen die hohen sozialen und ökologischen Kosten aufwiegt, ist schwer zu ermitteln. Eine erste Beurteilung der

Umweltdimension kann laut Goodland durch einen Vergleich der überschwemmten Fläche mit der erzeugten Leistung erfolgen, und in der sozialen Dimension sollte an erster Stelle die Zahl der umgesiedelten Personen pro MW betrachtet werden.234 Mit 4,6 ha / MW (installierter Energie) bei einer Stauseefläche von 516 km² stellt Belo Monte ein im Vergleich sehr gutes Verhältnis dar. Auch wenn man die laut Eletronorte sichere Energieerzeugung von 4.796 MW zu Grunde legt, wird mit 10,7 ha / MW noch ein relativ gutes Ergebnis erzielt. Geht man jedoch von der durch das Modell HydroSim errechneten Energieerzeugung von 1.172 MW aus, steigt dieser Ratio auf 44 ha / MW und liegt damit über dem von Tucuruí (32 ha / MW). Auch dieser Wert scheint im internationalen Vergleich noch vertretbar.235

Die geringe Bevölkerungsdichte im Amazonasgebiet lässt den zweiten Wert relativ niedrig liegen. Geht man davon aus, dass alle 19.242 Personen, die laut EIA in der direkt betroffenen Gegend wohnen236, umgesiedelt werden müssen, so entspräche das einem Ratio von 1,7 Personen pro installiertem MW, ein relativ niedriger Wert. Bei nur 1.172 MW erzeugter Energie wären es rund 16 Personen pro MW. Im Vergleich dazu kommen viele Projekte in Asien, aber auch in Afrika, auf wesentlich höhere Zahlen. Beim Drei-Schluchten-Staudamm z.B. liegt der Ratio bei 71 Personen pro MW, in Thailand (Pak Mun Projekt) wurde sogar einmal ein Wert von 1.000 erreicht.237

Z.B. schließt Eletronorte laut Fearnside 2005 in sein Budget eine Machbarkeitsstudie für den Altamira-Damm ein, und die Inventarstudien von 2007 sollen zeigen, dass vier weitere Dämme geplant seien. Vgl. Fearnside (2006), S. 6; Porto, Jõao: Study of energy potential of Xingu River is being evaluated by ANEEL. Amazônia National Radio. 01.11.07. Verfügbar unter http://www.internationalrivers.org/en/latin-america/amazon-basin/study-energy-potential-xingu-riverbeing-evaluated-aneel, zuletzt geprüft am 10.08.09. Auch Interviews mit dem ehemaligen Chef von Eletronorte, Muniz Lopez, in 2001 und 2002 bezeugen offen seine Absicht, Pläne für den Staudamm Altamira flussaufwärts von Belo Monte nicht aufzugeben. Vgl. Switkes; Sevá (2005), S. 26; Instituto Socioambiental (ISA) (2003): Especial Belo Monte: O que dizia a Eletronorte no governo FHC. Verfügbar unter www.socioambiental.org/esp/bm/eletr.asp, zuletzt geprüft am 22.07.09. 234 Vgl. Goodland (1997), S. 84. 235 Berechnungen durch Verfasserin auf Basis von Zahlen Eletrobrás’. 236 Vgl. Eletrobrás (2009b), S. 78. 237 Vgl. Goodland (1997), S. 85.

233

59

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE Der Versuch einer Einbeziehung der Umweltkosten in die ökonomische KostenNutzen-Rechnung wurde von der NRO Conservation Strategy Fund unter Mitwirkung technischer Experten unternommen. wie Hier gelang nur die im

Berücksichtigung

weniger

Externalitäten,

Opportunitätskosten

Tourismussektor, Wasserqualität und -quantität, Fischerei und Verschmutzungen durch den Bau, für die ein Wert von US$ 180 Mio. errechnet wurde. Aufgrund der Größenordnung des Projektes haben diese keine relevante Auswirkung auf dessen Wirtschaftlichkeit. Es wird jedoch darauf hingewiesen, dass es sich hierbei um eine Unterschätzung handelt. Viele Kosten konnten nämlich aufgrund fehlender Quantifizierbarkeit und mangelnder Daten nicht einbezogen werden, darunter Artenbzw. Biodiversitätsverluste, ein Verschwinden von Erholungsorten,

Fischereieinbußen flussabwärts des Damms und der Verlust archäologischer Stätten, kultureller Werte und traditioneller Gemeinden. Es existieren also gewaltige Kosten für die lokale Natur und Menschen, die bei der Kosten-Nutzen-Rechnung mangels Quantifizierbarkeit nach heutigen Modellen nicht einbezogen werden können. Selbst ohne diese Kosten lautet das Ergebnis der Studie, dass die Wirtschaftlichkeit von Belo Monte fraglich ist. Bewahrheiteten sich die Energie-Erzeugungs-Daten von HidroSim, so wäre das Projekt ökonomisch nicht tragfähig. Auch andere Faktoren wie Bauverzögerungen und

Kostenüberschreitungen, die bei solchen Bauten sehr häufig auftreten, gefährden den wirtschaftlichen Erfolg laut der Analysen stark.238 Zwar fließen seit 1997 externe Kosten verstärkt in die Konzeption der Wasserkraftanlagen ein, indem die Kosten von Begleitmaßnahmen zur Reduktion von Umweltschäden einkalkuliert werden (vgl. Unterpunkt 4.4.). Jedoch sind selbst die Kosten der im Machbarkeitsbericht angegebenen Maßnahmen umstritten.239 Aufgrund der Schwierigkeit, Umweltkosten in das ökonomische Kalkül zu integrieren, sieht MacCully den einzigen Ausweg aus der Willkür in einem Prozess, der möglichst partizipativ ausgestaltet wird:
„Putting a price tag on possible environmental costs and then comparing these with supposed economic benefits is a process fraught with difficulty, assumptions and personal bias. Coming to a decision on whether or not the environmental damage done by a dam will outweigh its benefits is ultimately a subjective and political decision which should be made after an 240 informed debate by the affected people and the general public.”

Aus diesem Grund lohnt eine genauere Betrachtung der partizipativen Elemente im Planungsprozess von Belo Monte.

238 239

Vgl. Sousa Júnior et al. (2006), S. 12f., S. 68, S. 79. Vgl. Ebenda, S. 19. 240 Vgl. MacCully (2001), S. 58.

60

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE 5.4. Forschung zu den Umweltauswirkungen Belo Montes Wie gezeigt, hat sich das Wissen über die Auswirkungen auf die Natur spätestens durch die Arbeit der WCD stark verbessert. Unter dem Druck neuer Gesetze und Regelungen, von denen in Kapitel 4 die wichtigsten beschrieben wurden, haben die Forschungsaktivitäten seit Tucuruí auch in Brasilien

zugenommen. Den größten Fortschritt stellen in diesem Kontext die obligatorischen EIA dar. Sie sind ein wesentlicher Indikator für die Einbeziehung sozialer und ökologischer Aspekte in ein Projekt, da sie durch die Identifikation von Problemen und Lösungsmöglichkeiten den Grundstein für deren Management legen. Es fällt auf, dass in den Umweltverträglichkeitsstudien EIA neben dem geringen Gefälle des Flusses die sozialen und ökologischen Charakteristiken als wichtigste Beschränkung für Staudämme im Xingubecken angegeben werden. Genannt werden die Integrität von Ökosystemen und die Präsenz von Schutzgebieten für Natur und indigene Völker, die schwer mit der Nutzung von Wasserkraft vereinbar seien.241 Dies zeigt deutlich, dass soziale und ökologische Belange einen immer stärkeren, restriktiven Eingang in die Dammplanung finden. Im Vergleich heißt es dazu im Bericht über Tucuruí:
“It is apparent that the concept of ecosystem integrity was not a concern at that time, and this was further exacerbated by a lack of knowledge of the impact of dam construction on the 242 environment.”

Bei den Empfehlungen, die aus der Fallstudie zu Tucuruí im Auftrag der WCD hervorgehen, wird wiederholt die geographische Beschränkung der Studien und Maßnahmen auf die direkte Flutungsfläche kritisiert.243 Die Perspektive hat sich seither tatsächlich ansatzweise geweitet, indem ein neues Planungsinstrument eingeführt wurde: die Avaliação Ambiental Integrada. Diese Studie betrachtet nicht isolierte Projekte, sondern das gesamte Einzugsgebiet eines Flusses mitsamt den dort existierenden und geplanten Wasserkraftanlagen, um mögliche Interaktionen der Projekte zu erfassen. Eines der erklärten Ziele der AAI ist, vor möglichen Degradationsprozessen zu warnen und Chancen aufzuzeigen, diese zu verhindern. Damit soll auch die Nachhaltigkeit gefördert werden.244 Nachdem der

Nationalkongress im Jahr 2005 die AAI zur Bedingung für die Genehmigung Belo Montes gemacht hatte, wurden die Untersuchungen des Xingubeckens noch im gleichen Jahr begonnen.

Vgl. Eletrobrás (2009a), Bd. 1, S. 35. Vgl. La Rovere; Mendes (2000), S. x 243 Vgl. ebenda, S. 171-175. 244 Vgl. Eletrobrás (Hg.) (2009c): AAI – Avaliação Ambiental Integrada. Aproveitamentos Hidrelétricos da Bacia Hidrográfica do Rio Xingu. Mai 2009. Bd.1. São Paulo: Centrais Elétricas Brasileiras (Eletrobrás), S. 5.
242

241

61

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE Auch Eletronorte selbst nahm die AAI 2007 in seine internen Richtlinien zur Erfassung der Wasserressourcen auf.245 Dennoch besitzt die AAI noch keinen allgemein bindenden Charakter, da sie noch nicht durch Gesetz, CONAMAResolution oder vom IBAMA geregelt wurde. Außerdem wurden die AAI für den Xingu nach einer öffentlichen Präsentation der Studien in Altamira im Mai 2009 beanstandet. Ein Hauptkritikpunkt des Instituto Socioambiental war, dass indigene Völker und von Extraktivismus lebende Bewohner vernachlässigt wurden. So tauchen keine Daten über die Wertschöpfung ihrer Aktivitäten in den Schutzeinheiten auf. Soziale Bewegungen fassen die Studie letztlich nicht als wirklich integrierte Analyse des Xingu-Beckens auf.246

Als Fortschritt zu werten ist auch die Beteiligung verschiedener renommierter Forschungsinstitutionen an den Umweltstudien. Zwar stellt sich die Frage, warum die Verantwortung für die aktuellen EIA bei einer Beratungsfirma für Ingenieurwesen (Leme Engenharia) lag, jedoch entstanden die EIA unter Mitwirkung angesehener Experten: Das Museu Paraense Emílio Goeldi (MPEG), das im Bereich der Biodiversität forscht, ist eine internationale Referenz der Region und war für die Bestandsaufnahme von Flora und Fauna am mittleren und unteren Flusslauf zuständig. Mitgearbeitet haben von außerdem Pará, Forscher UFPA, und der renommierten bekannten

bundesstaatlichen

Universität

des

Forschungsinstituts INPA (das auch schon bei Tucuruí involviert war). Auch die Studien zur Wasserqualität wurden von dem weltweit anerkannten Instituto Internacional de Ecologia e Gerenciamento Ambiental (IIEGA – Internationales Institut für Ökologie und Umweltmanagement) durchgeführt.247

Die Umweltstudien EIA hatten eine sehr lange Vorlaufzeit, da sie in verschiedenen Etappen erstellt werden mussten. Die letzte Version wurde über einen Zeitraum von drei Jahren zwischen 2006 und 2009 erarbeitet. Daher existieren heute viel detailliertere Kenntnisse und Studien über den zukünftigen Standort des Kraftwerks als dies vor dem Bau Tucuruís der Fall war. Tatsächlich existiert am Xingu inzwischen sogar ein besserer Kenntnisstand über Flora und Fauna als in den meisten Amazonasgebieten, obwohl weiterhin große Lücken bestehen. So gesteht die Umweltverträglichkeitsstudie ein, dass es nicht möglich war, die Diversität der aquatischen Umgebungen adäquat zu erfassen, obwohl die
Zu finden im Manual de Inventário Hidroelétrico de Bacias Hidrográficas. Vgl. ebenda, S. 4. Vgl. Instituto Socioambiental (ISA) (2009a): Xingu Vivo para Sempre divulga carta e exige diálogo sobre a Avaliação Ambiental Integrada da Bacia do Xingu. 08.05.09. Verfügbar unter http://www.socioambiental.org/nsa/detalhe?id=2877, zuletzt geprüft am 25.08.09. 247 Vgl. Eletrobrás (2009a), Bd. 1, S. 15.
246 245

62

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE Ichthyofauna durch die EIA in zwei Etappen (2000/2001 und 2007/2008) sehr umfangreich dokumentiert wurde, was laut der Studie einen Großteil der Arten (besonders der kommerziell interessanten) abdeckt.248 Das Ergebnis der Erhebungen ist dennoch ein umfangreiches Werk mit 36 Bänden, das neben Bestandsaufnahmen der physischen, biotischen, sozioökonomischen und kulturellen Umwelt die voraussichtlichen Auswirkungen von Belo Monte diagnostiziert und Gegenmaßnahmen festlegt. So beinhaltet die

Umweltstudie (in Band 33) insgesamt 14 Pläne, 52 Programme und 62 Projekte.

Der Forschungsstand bezüglich der Umweltstudien hat sich seit Tucuruí also stark verbessert. Dennoch ist die EIA seit ihrer Veröffentlichung Ziel starker Kritik und wird angesichts der Ausmaße des Projektes als unzureichend betrachtet. Verschiedene Forscher und Organisationen identifizierten Lücken und Fehler in der EIA und vermissen konkrete Abhilfemaßnahmen. Eine genauere Kritik der Umweltstudie erfolgt im Unterpunkt 5.6.4.3.

5.5. Die Berücksichtigung sozialer Aspekte 5.5.1. Verteilung des Nutzens Wie schon bei Tucuruí kommt auch bei Belo Monte der erzeugte Strom nicht primär der regionalen Bevölkerung zugute. Vielmehr ist das Wasserkraftwerk von strategischem Interesse, da es einem nationalen Energiedefizit entgegenwirken soll. Daher bildet seine Verbindung mit dem nationalen Stromnetz (Sistema Interligado Nacional – SIN) einen wichtigen Bestandteil des Projektes. Zwar soll auch der Strommarkt des Nordens versorgt werden, wofür das komplementäre Krafthaus zuständig wäre, jedoch soll der Großteil des erzeugten Stromes in die großen Konsumzentren des Nordostens, des Südostens und des Mittelwestens gehen, wo die größten aktuellen und zukünftigen Defizite liegen. 249 Da Belo Monte wie Tucuruí in der Nähe des Carajás-Projekt und großer Bauxitvorkommen liegt, drängt sich die Frage auf, ob nicht auch hier Interessen mitspielen, die im politischen Diskurs bewusst ausgelassen werden. Diese Vermutung wird durch Ausbaupläne in der Bergbaubranche bestätigt. In Barcarená, Pará, soll beispielsweise die weltgrößte chinesisch-brasilianische Aluminiumfabrik (ABC Refinaria) entstehen. Jährlich sollen hier 10 Mio. Tonnen Aluminium produziert werden. Ein weiteres brasilianisch-chinesisches Projekt ist eine Stahlmühle in São Luis, am östlichen Rand des Amazonas. Auch die japanisch-brasilianischen Firmen Alunorte und Albrás wollen ihre Produktion
248 249

Vgl. Eletrobrás (2009a), Bd. 16, S. 27. Vgl. Eletrobrás (2009a), Bd. 1, S. 20, S. 383.

63

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE entscheidend ausbauen (Alunorte sogar auf das Dreifache gegenüber dem Wert von vor 2005). Außerdem plant die US-Firma Alcoa den Bau einer Alu-Fabrik in Jurutí und rechnet dafür mit Energie von Belo Monte. 250 Die entsprechenden Firmen haben schon ihr Interesse bekundet, in Belo Monte zu investieren. Das ist z.B. der Fall bei Alcoa und bei der Firma CVRD, die vier Aluminiumunternehmen verwaltet, darunter Alunorte und Albrás.251

Lúcio Flávio Pinto, Herausgeber der regional bedeutenden Zeitung Amazon Agenda, stellt Chinas Einfluss in den Vordergrund und fasst die Situation wie folgt zusammen:
„Everything in the Amazon that is electro-intensive has a big Chinese component and is getting strong official support, even though the main beneficiary will clearly be China, rather than Brasil. Not only are the Chinese going to be investing a minimal amount themselves, but 252 they will also be shifting the resulting pollution problems to the Amazon.“

Wichtige

Interessen

liegen

demnach

bei

energieintensiven

multinationalen

Unternehmen, die jedoch nur wenige Arbeitsplätze schaffen. So beschäftigt die Aluminiumschmelze von Albrás in Barcarena bei einem größeren Energiekonsum als die 1,2 Mio.-Einwohner-Stadt Belém nur 1.200 Personen.253 Es bleibt also die Frage, inwiefern das Projekt tatsächlich der Regionalentwicklung zugute kommen kann, wie es oft argumentiert wird. Zumindest in der Prioritätensetzung der brasilianischen Regierung hat sich wenig geändert, was heißt, dass das Wirtschaftsmodell, das energieintensive exportorientierte Industrien fördert, Bestand hat. 5.5.2. Partizipation und Transparenz 5.5.2.1. Akteure und Koalitionen für soziale und ökologische Interessen Eine wichtige Instanz der Zivilgesellschaft in der Gegend um Altamira ist eine Koalition aus verschiedenen Akteuren: das Movimento pelo Desenvolvimento da Transamazônica e do Xingu (MDTX – Bewegung für die Entwicklung der Transamazônica und des Xingu), ein Netzwerk mit ca. 113 Basisgruppen aus allen Gemeinden der Gegend. Das MDTX beruht v.a. auf Landarbeiter- und Kleinbauerngewerkschaften und -verbänden. Es ist sehr gut organisiert, bündelt den Widerstand

Vgl. Fearnside (2006), S. 7. Vgl. Switkes, Glenn (2005): Impactos ambientais e sociais da cadeia produtiva de Alumínio na Amazônia. Ferramentas para os trabalhadores, as comunidades e os ativistas. International Rivers. S. 20; ISA (2003): Especial Belo Monte. O que diz o especialista. Verfügbar unter www.socioambiental.org/esp/bm/esp.asp, zuletzt geprüft am 22.07.09. 252 Zitiert in Rohter, Larry (2005): Brazil weighs costs and benefits of alliance with China. In: The New York Times. 20.11.05. Verfügbar unter http://www.nytimes.com/2005/11/20/international/americas/20amazon.html?_r=3, zuletzt geprüft am 10.08.09. 253 Vgl. Fearnside (2006), S. 8.
251

250

64

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE und besitzt eine gute Artikulationsfähigkeit. Es engagiert sich sowohl für soziale Ziele, allen voran die Förderung der bäuerlichen Familienwirtschaft, als auch für ökologische Ziele, wie die Schaffung eines Schutzgebietmosaiks in der Terra do Meio, einem großen unberührten Waldgebiet im Xingubecken. Das MDTX hat das MP als Verbündeten und steht in Kontakt mit den Ministerien für Umwelt und Energie. Bestimmte Fraktionen des MDTX stehen Belo Monte wohlwollend gegenüber, insofern es tatsächlich der Region zugute kommt. 254

Zentrale Akteure des Widerstandes sind das MAB und ganz besonders indigene Gruppen, die von verschiedenen NROs wie z.B. dem Indigenenmissionsrat Conselho Indigenista Missionário (CIMI) unterstützt werden. Ein wichtiger Initiator des Widerstandes ist zudem die Fundação Viver, Produzir e Preservar (FVPP – Stiftung Leben, Produzieren und Bewahren). Auch sind viele Umweltorganisationen in der Region aktiv, darunter International Rivers und das ISA. Die genannten Akteure schließen sich in der Regel zusammen, um ihre Interessen zu artikulieren. Ein gemeinsames Sprachrohr bildet die Bewegung Movimento Xingu Vivo Para Sempre (Xingu für immer lebendig), in deren Namen regelmäßig öffentliche Stellungnahmen erscheinen. Außerdem werden die Staudammkritiker von namhaften Forschungsinstitutionen wie der USP oder dem INPA flankiert.255

Natürlich gibt es auch Befürworter des Projektes in der Lokalbevölkerung, sie sind jedoch weit weniger organisiert. In einer 2008 in Altamira durchgeführten Umfrage äußerten sich 46% der befragten Personen positiv zu dem Projekt, während sich 40% gegen das Projekt aussprachen. Auffällig war, dass die Bevölkerung der Altersgruppe ab 35 Jahren mit großer Mehrheit aus

Regionalentwicklungsgründen für das Projekt war, wohingegen es besonders von Jugendlichen zwischen 15 und 20 Jahren aus sozialen und ökologischen Gründen großteils abgelehnt wurde.256 5.5.2.2. Erfolgreiche Partizipation und die Rolle des Ministério Público Zwar hat der Privatisierungsprozess, wie in 4.5. beschrieben, zu Rückschritten im institutionellen Zusammenspiel in ökologischen und sozialen Fragen geführt. Trotzdem kann sich der Elektrizitätssektor dem weiter existierenden öffentlichen

254 255

Vgl. Scholz (2003), S. 49f., S. V. Vgl. Fearnside (2006), S. 4. 256 Befragt wurden 100 Personen. Vgl. Guimarães, Jaciane de S.; Moraes, Ângela E. de; Morbach, Leandro R.; Alves, Juliete M. (2008): Opinião pública sobre a construção da Usina Hidrelétrica de Belo Monte. In: Anais da VIII Semana de Integração das Ciências Agrárias. Jg. 2, Ausg. 3. Altamira : UFPA, o.S.

65

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE Druck und den strengeren Gesetzen, in Verbindung mit stärkeren Institutionen zu deren Umsetzung, nicht entziehen. Im aktuellen Energie-Expansionsplan des Energieministeriums ist daher von einer „Tendenz großer Unternehmungen […], immer größere Einbeziehung von Umwelt- und Sozialaspekten vorauszusetzen und immer konsistentere und tiefer gehende Studien zu fordern“257, die Rede.

Der öffentliche Einfluss hat substanziell zu diesem Tatbestand beigetragen. Besonders die Kombination zweier im Kapitel 4 genannten Entwicklungen hat bisher die größte gesellschaftliche Partizipation bei dem untersuchten Projekt erreichen können: die gesetzliche Vorschrift von Umweltverträglichkeitsstudien (EIA) und die Einrichtung des Ministério Público, welches die Wahrung der gesetzlichen Vorschriften durchsetzen kann. Im Fall Belo Monte konnten einstweilige Verfügungen das Projekt immer wieder aufhalten, und jedes Mal waren die Umweltstudien Objekt der Klage. Den größten Erfolg stellt bisher die erste einstweilige Verfügung dar, die 2001 vom MP zusammen mit einer öffentlichen Zivilklage beantragt wurde. Sie stützte sich auf drei Anklagepunkte:

Erstens war die Umweltstudie beim Landesumweltministerium SECTAM eingereicht wurden; durch den überregionalen Charakter des Projektes sei jedoch das IBAMA zuständig. Zweitens wurde die Legitimität der Umweltstudien angezweifelt, da die wissenschaftliche Kompetenz der beauftragten Stiftung FADESP, die der Universität UFPA nahe steht, umstritten ist. Die FADESP war im Voraus durch zwei zurückgewiesene Umweltverträglichkeitsprüfungen in Verruf gekommen. Nur bei unumstrittenem wissenschaftlichen Renommé der beauftragten Institution darf eine Umweltstudie ohne Ausschreibung vergeben werden, was hier nicht eingehalten wurde. Drittens muss der Kongress gemäß Art. 231, §3 der Verfassung die Umsetzung von Wasserkraftprojekten in indigenen Gebieten vorher genehmigen. Laut Auslegung des MP müsse diese Autorisation schon vor dem Umweltgenehmigungsverfahren vorliegen.258

Das MP erzielte über mehrere gerichtliche Instanzen in allen drei Punkten Erfolge. So wurde der Umweltgenehmigungsprozess dem IBAMA übertragen, und die Umweltstudien wurden erst 2005 wieder aufgenommen, nachdem der Kongress

„tendência dos empreendimentos de maior porte […] requerendo, cada vez mais, atenção com os aspectos socioambientais e exigindo estudos sempre mais consistentes e aprofundados“. EPE (2009a), S. 417. 258 Vgl. Scholz et al. (2003), S. 45f.

257

66

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE seine Zustimmung erteilt hatte, wobei der FADESP die Verantwortung entzogen wurde. Noch im gleichen Jahr wurde die EIA abermals durch eine Klage des MP auf Verfassungswidrigkeit gestoppt. Wiederum laut Art. 231, §3 hätte der Kongress die betroffenen Indigenen vor der Erlaubnis anhören müssen.259 Nach einem juristischen Hin und Her von Aussetzung und Wiederaufnahme der Studien trat die Verfügung im Dezember 2006 endgültig außer Kraft.260 Weitere Klagen konnten ebenfalls nur eine temporäre Aufschiebung des Projektes erwirken. Die Klage von April 2008 richtete sich gegen die Beteiligung der Konstruktionsunternehmen Camargo Corrêa, Norberto Odebrecht und Andrade Gutierrez an der EIA, denen dadurch ein unfairer Wettbewerbsvorteil bei der Ausschreibung der Konstruktion entstehe. Es wurde argumentiert, Eletrobrás hätte eine öffentliche Ausschreibung stattfinden lassen müssen.261 Die Verfügung hatte jedoch nur einen Monat Bestand. Die jüngste einstweilige Verfügung setzte den Fortschritt des Projektes zwischen Juni und August 2009 aus. Das MP hatte kritisiert, dass die EIA laut einer Auswertung durch Spezialisten des IBAMA unvollständig sei.262 Obwohl diese Verfügung keinen Bestand hatte, wurde der Zivilgesellschaft eine Geste der Anerkennung zuteil, als Präsident Lula sich mit Staudammkritikern traf, um ihre Position anzuhören und damit seine Diskussionsbereitschaft demonstrierte

Die enorme Wirkung des MP in den angeführten Fällen ist Beweis einer effektiven sozialen Kontrolle und Einflussnahme, die zur Zeit Tucuruís noch undenkbar gewesen wäre. Besonders in Bezug auf die EIA nimmt die Bevölkerung durch das MP ihre Rechte wahr und erwirkte so über die Jahre eine sorgfältigere Durchführung der Studie.

Vgl. Supremo Tribunal Federal (2005): Construção da Hidrelétrica Belo Monte, no Xingu (PA), é contestada pela PGR. 26.08.05. Verfügbar unter http://www.direito2.com.br/stf/2005/ago/26/construcao_da_hidreletrica_belo_monte_no_xingu_pa_e_c ontestada, zuletzt geprüft am 28.08.09. 260 Vgl. Eletrobrás (2009a), Bd. 1, S. 26; Agência Brasil (2006): Estudos de impacto ambiental da hidrelétrica de Belo Monte continuam suspensos. 19.06.06. Verfügbar unter http://www.brasiloeste.com.br/noticia/1849/belo-monte, zuletzt geprüft am 28.08.09. 261 Vgl. Justiça Federal, Seção Judiciária do Pará, Seção de Comunicação Social (2008): Juiz suspende atuação de empresas privadas nos estudos de Belo Monte. 16.04.08. Verfügbar unter http://www.pa.trf1.gov.br/noticias/ver.php?id=573, zuletzt geprüft am 28.08.09; Agência Brasil (2008): Justiça Federal suspende liminar que embargava estudos de impacto ambiental de Belo Monte. 21.05.08. Verfügbar unter http://noticias.ambientebrasil.com.br/noticia?id=38317, zuletzt geprüft am 28.08.09. 262 Vgl. Agência Estado (2009): Cai liminar que paralisava licenciamento de Belo Monte. 04.08.09. Verfügbar unter http://pron.com.br/editoria/economia/news/388414/?noticia=CAI%20LIMINAR%20QUE%20PARALISA VA%20LICENCIAMENTO%20DE%20BELO%20MONTE, zuletzt geprüft am 28.08.09.

259

67

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE Eine Kehrseite der durch die Staudammgegner erwirkten Aufschübe ist die ausbleibende Lösung der Energiefrage, was als Entwicklungsbremse gesehen werden kann und zusätzliche Kosten verursacht. 5.5.2.3. Information, Transparenz und öffentliche Anhörungen Eletronorte „did not consult local populations about the project“263 schreibt Teixeira über Tucuruí, in Anlehnung an Ergebnisse einer

Untersuchungskommission. Heute sind öffentliche Anhörungen Pflicht, und daher kann Eletronorte das Projekt nicht unter Ausschluss der Bevölkerung durchsetzen. Mehrere Anhörungen haben inzwischen schon stattgefunden, weitere sind geplant. Relevant sind v.a. diejenigen ab 2007, als sich das Projekt wieder konkretisierte. Bei bisherigen Anhörungen waren vorrangig Vertreter aus Zivilgesellschaft (MAB, indigene Wortführer,…), aber auch Politiker, Firmenvertreter, Medien, Juristen und Akademiker anwesend.
264

Besonders

seit

2007 fanden viele öffentliche

Präsentationen und Diskussionen statt, darunter drei sogenannte technische Foren in Zusammenarbeit mit der UFPA. Das dritte Forum im Oktober 2008 stellte beispielsweise den Plan zum Umgang mit der betroffenen Bevölkerung vor.

Zur Einbeziehung der Bevölkerung fasst ein Eletronorte-Ingenieur zusammen, dass 572 Familien im Jahr 2008 und 4.756 im darauffolgenden Jahr besucht wurden, und dass 2008 48 Versammlungen mit 1566 Teilnehmern durchgeführt wurden.265 Auch zwischen 10. und 15. September 2009 fanden in den Munizipien Brasil Novo, Vitória do Xingu, Altamira und Belém vier öffentliche Anhörungen statt, diesmal um die Dokumente EIA und RIMA zu diskutieren, wie es gesetzlich vorgeschrieben ist. Transparenz sollte dadurch gegeben sein, dass in den Rathäusern der entsprechenden Munizipien und an den Sitzen des IBAMA die Berichte der Öffentlichkeit im Vorfeld zugänglich waren. Außerdem verteilte Eletrobrás den RIMA an Einrichtungen der Region. Um großflächige Partizipation zu ermöglichen, bot die Firma Transportmöglichkeiten aus den indirekt betroffenen Gebieten zu den Anhörungen an.266

Vgl. Teixeira (1996), S. 187. Vgl. Auswertung der Teilnahme an der Informationsveranstaltung zur Wiederaufnahme der Machbarkeitsstudie. Eletrobrás (2007b): AHE Belo Monte. Informativo eletrônico. Mai 2007. Verfügbar unter http://www.eletrobras.com/elb/main.asp?View={46763BB8-3B05-432F-A206-C8F93CC3BA90}, zuletzt geprüft am 20.08.09. 265 Vgl. ISA (2009a). 266 Vgl. Agência CanalEnergia (2009): Belo Monte: Ibama define datas de audiências públicas. 27.08.09. Verfügbar unter http://www.canalenergia.com.br/zpublisher/materias/Meio_Ambiente.asp?id=73440, zuletzt geprüft am 30.08.09.
264

263

68

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE 5.5.2.4. Kritik an Eletronortes Informations- und Partizipationspolitik Öffentliche Anhörungen jedoch bleiben umstritten. Es wird kritisiert, dass sie ineffektiv sind, weil die Bevölkerung im Vorhinein nicht hinreichend über das Projekt informiert wird und die meisten Teilnehmer des technischen Wissens entbehren, um stichhaltige Argumente gegen das Projekt vorbringen zu können. Zudem werden bezüglich der Durchführung der Anhörungen zahlreiche Mängel angeprangert. Zum Beispiel wurde die öffentliche Präsentation der AAI im Mai 2009 von der Bewegung Xingu Vivo para Sempre als völlig unzureichend kritisiert. Wegen der geringen Teilnahme an dem Treffen wird in einem offenen Brief gefordert, dass größere Anstrengungen unternommen werden, um der Bevölkerung eine effektive Partizipation zu ermöglichen, u.a. indem man Präsentationen und Diskussionen in mindestens 22 zusätzlichen Städten durchführt. Außerdem heißt es, das Vorgehen von Eletrobrás/Eletronorte erfülle nur eine Protokollfunktion, ohne tatsächlichen Notwendigkeiten und gesetzlichen Vorschriften gerecht zu werden. Zum Beispiel würde die Bevölkerung nicht ausreichend über das Staudammprojekt Belo Monte informiert. Folgender Ausschnitt aus dem Brief stellt das große Misstrauen gegenüber Eletronorte, sowie die Enttäuschung über bisherige Schritte, gut dar:
“Wir hören im Diskurs, dass Belo Monte ein modernes Projekt ist, das allen gesetzlich vorgesehenen Schritten folgen soll, das die lokalen Bevölkerungen, die Wälder, die indigenen und von Extraktivismus lebenden Völker in ganz anderer Weise respektiert als andere Projekte wie Tucuruí und Balbina. Was wir dennoch im Alltag erleben ist Streitlust, Konfrontationen, ein vollständiges Fehlen von Dialog mit dem Volk, widersprüchliche Daten, versteckte Wahrheiten, fehlende Informationen, falsche Informationen. Eine Missachtung des Volkes und sogar der Gesetze dieses Landes. Alleine die Durchführung dieser Versammlung nach Einreichen der Umweltverträglichkeitsstudien beim IBAMA ist eine Missachtung, wo doch das Ziel der AAI eine Unterstützung des Genehmigungsprozesses ist. Der Diskurs ist modern, aber die Strategien, das Verhalten und viele der Personen, die die Prozesse ausführen, sind die gleichen geblieben. Daher ist es verrückt, zu glauben, dass die 267 Ergebnisse den Diskursen entsprechend ausfallen werden.“

Genauso waren die vier öffentlichen Anhörungen zu den Umweltstudien EIA/RIMA im September 2009 eine Quelle großen Unmuts und Gegenstand heftiger Kritik. Begleitet wurden die Veranstaltungen vor allem in Altamira und Belém von Demonstrationen der Staudammgegner nahe dem Veranstaltungsort. Das

öffentliche Interesse war beträchtlich – alleine in Altamira erschienen mehr als 6.000

267

„O que ouvimos no discurso é que Belo Monte é um projeto moderno que deverá seguir todos os passos previstos em Lei, que deve respeitar as populações locais, as florestas, os povos indígenas e extrativistas muito diferente de outros projetos como Balbina e Tucuruí. Porém, no dia a dia, o que se vê é a truculência, atropelo, uma total falta de diálogo com o povo, dados contraditórios, verdades veladas, falta de informações, informações falsas. Um desrespeito ao povo e às próprias leis desse país. A própria realização dessa reunião posteriormente à entrega dos estudos de impacto ambiental ao IBAMA já é um desrespeito, uma vez que o objetivo da AAI é subsidiar o processo de licenciamento. O discurso é moderno, mas as estratégias, comportamentos e muitas das pessoas que estão conduzindo os processos são os mesmos. Sendo assim, é insano pensar que os resultados sairão como os discursos.” ISA (2009a).

69

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE Menschen268. Dennoch bezogen sich besonders in Vitória do Xingu viele Beschwerden auf die geringe Präsenz betroffener Indigener und Bewohner der ländlichen Gegend, da der Versammlungsort für sie schwer erreichbar sei.269 Aus diesem Grund hatte das MP bereits im Vorfeld auf Beschwerde mehrerer Gemeinden hin eine Empfehlung beim IBAMA eingereicht, mindestens 13 zusätzliche öffentliche Anhörungen durchzuführen. Weiterhin wurde kritisiert, dass auch die zeitliche Nähe der Anhörungen, die innerhalb weniger Tage erfolgten, die Teilnahme erschwere und
270

nicht

den

Eindruck

einer

wirklichen

Gesprächsbereitschaft erwecke.

Aus diesen und weiteren Gründen wird bemängelt, die Anhörungen würden ihren Zweck nicht erfüllen. Die Kritik bezieht sich auch auf die Informationsfunktion: Die Präsentationen seien oberflächlich, lückenhaft und die Antworten auf Fragen der Bevölkerung unzureichend. Auch nach den Anhörungen sei die Bevölkerung noch äußerst schlecht informiert und sich über Auswirkungen und diesbezügliche Maßnahmen unsicher, wie Dr. Fonseca, Professor an der UFPA, bemängelte.271 Mehrere Forscher beklagten, dass nicht ausreichend Zeit gegeben wurde, um die Dokumente der EIA gründlich zu analysieren. Öffentlich zugänglich war der letzte Band der EIA sogar erst zwei Tage vor der ersten Anhörung.272 Neben der inhaltlichen Komponente wurde vor allem die Durchführung der Anhörungen kritisiert: So forderte das MP im Einklang mit gesetzlichen Regelungen aus dem Jahr 1993 die Teilnahme am Podium, da es seiner Verantwortung nur so gerecht werden könne. Dieser Forderung wurde erst bei der letzten, protestreichen Sitzung in Belém stattgegeben.273 Der Staatsanwalt Rodrigo da Costa des MP beanstandete außerdem wiederholt, dass die Vorgehensweise, die den Betroffenen nur drei Minuten Redezeit gibt, undemokratisch und ungenügend sei, um die Besorgnisse der Bevölkerung zu klären.274
Vgl. Switkes, Glenn (2009e): Public Hearings on Belo Monte Dam - Democracy or Hypocrisy? International Rivers. 16.09.09. Verfügbar unter http://www.internationalrivers.org/en/blog/glennswitkes/public-hearings-belo-monte-dam-democracy-or-hypocrisy, zuletzt geprüft am 18.09.09. 269 Vgl. Movimento Xingu Vivo para Sempre (2009b): Audiência Pública de Belo Monte em Vitória do Xingu: muitos questionamentos e poucos esclarecimentos. 14.09.09. Verfügbar unter http://www.fvpp.org.br/noticias_detalhe.asp?cod=174, zuletzt geprüft am 20.09.09. 270 Vgl. Procuradoria da República no Pará (2009a): MPF recomenda mais audiências para debater Belo Monte com moradores do Xingu. 09.09.09. Verfügbar unter http://www.prpa.mpf.gov.br/noticias/mpf-recomenda-mais-audiencias-para-debater-belo-monte-commoradores-do-xingu, zuletzt geprüft am 16.09.09. 271 Vgl. Movimento Xingu Vivo para Sempre (2009b). 272 Vgl. Instituto Socioambiental (ISA) (2009c): Audiências públicas de Belo Monte (PA) não conseguem esclarecer a população e não cumprem seu papel. 16.09.09 Verfügbar unter www.socioambiental.org/nsa/detalhe?id=2955, zuletzt geprüft am 19.09.09. 273 Vgl. Procuradoria da República no Pará (2009b): Altamira: audiência pública sobre Belo Monte marcada por protestos. 15.09.09. Verfügbar unter http://www.prpa.mpf.gov.br/noticias/altamiraaudiencia-publica-sobre-belo-monte-marcada-por-protestos/, zuletzt geprüft am 19.09.09. 274 Vgl. Movimento Xingu Vivo para Sempre (2009b); ISA (2009c).
268

70

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE Bei der letzten öffentlichen Anhörung in Belém spitzte sich die Situation zu. Der gewählte Veranstaltungsort hatte mit 480 Plätzen nicht die nötige Kapazität, um alle Interessierten aufzunehmen und viele mussten draußen bleiben. Mehrere soziale Bewegungen, darunter MAB und Indigene, wurden durch Polizeikräfte am Zugang gehindert und erst nach Eingreifen von Dritten, darunter das MP, eingelassen. Es kam zu Verzögerungen, Tumulten und Unterbrechungen. Repräsentanten des MP kritisierten das Modell der Anhörungen. Der Staatsanwalt Costa e Silva befand:„Die vom IBAMA genehmigte Regulierung erlaubt keine effektive Partizipation, weder des MP, noch der Öffentlichkeit.“
275

und sein Kollege Moraes sagte: „Selbst die

Regelung dieser Anhörung ist verfassungswidrig“ 276, wobei er u.a. auf die fehlende Präsenz der Zivilgesellschaft am Podium und das große Polizeiaufgebot hinwies. Er kündigte rechtliche Schritte an und forderte die Anwesenden auf, aus Protest den Raum zu verlassen. Ein Großteil der Anwesenden folgte dieser Aufforderung und die Proteste setzten sich draußen weiter fort.

5.5.3. Repression und fragwürdige Praktiken Trotz des stärkeren demokratischen Engagements der Zivilgesellschaft haben sich einige autoritäre Praktiken nicht geändert. Ein deutliches Beispiel für die Einflussnahme der mächtigen Elite nach altem Muster sind anhaltende

Repressionen. In der Gegend von Amazonien wird seit Langem immer wieder berichtet, dass Landarbeiter und Kleinbauern durch Androhung und Ausübung von Gewalt um ihr Land gebracht werden. Mächtige Interessen versuchen sich auf dieselbe Art auch gegen unerwünschten Widerstand durchzusetzen. Letztendlich geht es bei Belo Monte ebenfalls um Fragen der Landnutzung, und auch hier deutet vieles auf Einschüchterung hin. Mit dem Mord an Ademir Alfeu Federicci, bekannt als „Dema“, im Jahr 2001 verloren Staudammgegner eine wichtige Stimme. Dema war Vorsitzender des Forums MDTX und führte den Widerstand gegen Belo Monte an. Er hatte Missstände wie Drohungen durch Großgrundbesitzer, Korruption und illegale Entwaldung öffentlich angeklagt und seine unaufgeklärte Ermordung wird mit seiner öffentlichen Kritik an den Dammprojekten in Verbindung gebracht.277 Ein aktuelles Opfer von Einschüchterungen ist Erwin Kräutler, Bischof von Altamira und Präsident des CIMI. Er ist einer der zentralen Akteure im Kampf gegen Belo Monte und setzt sich besonders für die Armen und die Rechte der indigenen
“O regulamento aprovado pelo Ibama não permite a efectiva participação nem do MP, nem a popular.” Procuradoria da República no Pará (2009c): MPF/PA questiona modelo de audiência pública de Belo Monte. 16.09.09. Verfügbar unter http://noticias.pgr.mpf.gov.br/noticias-do-site/meio-ambientee-patrimonio-cultural/mpf-pa-questiona-modelo-de-audiencia-publica-de-belo-monte, zuletzt geprüft am 21.09.09. 276 ” Até o regulamento dessa audiência é inconstitucional.” Ebenda. 277 Vgl. Scholz (2003), S. 21; Fearnside (2006), S. 7.
275

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5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE Bevölkerung ein. Seit Jahren ist der Bischof Ziel von Verleumdungen und Verfolgungen und erhält regelmäßig Morddrohungen. Aus diesem Grund stellt ihm die Regierung rund um die Uhr Leibwächter zur Verfügung. An seinen Aktivitäten hat diese Bedrohung jedoch bisher nichts geändert.278 Auch die staatliche Umweltbehörde IBAMA hat nach wie vor eine schwierige Aufgabe vor Ort: der Leiter der Behörde in Altamira, Robert Scarpari, soll in Rio de Janeiro fast einem Attentat zum Opfer gefallen sein.279

Antônia Melo wirft auch Eletronorte eine aggressive Politik zur Durchsetzung des Projektes vor. Eletronorte habe von Anfang an versucht, den Widerstand durch finanzielle Angebote an potenzielle Gegner im Keim zu ersticken und die Bevölkerung zu täuschen, indem sie über die Medien die Schaffung von Arbeitsplätzen versprach. Zudem sei die Firma ohne Genehmigung der Besitzer in das Gebiet des zukünftigen Standorts eingedrungen, wobei sie Teile der Ernte vernichtete. Melo wirft Eletronorte des Weiteren vor, Informationen durch Auslassung negativer Aspekte zu manipulieren, wie z.B. bei geführten Besuchen von Tucuruí, wo nur bestimmte Meinungen gehört werden dürften. Selbst Versammlungen der Projektgegner würden systematisch gestört, indem Menschen bezahlt würden, um dort in T-Shirts mit dem Aufdruck „Wir wollen Belo Monte“ aufzutauchen und alkoholische Getränke zu verteilen.280 5.5.4. Regionale Auswirkungen und Nutzen 5.5.4.1. Erwartete Auswirkungen Laut der WCD-Fallstudie zu Tucuruí identifizierte das Team, das die Sozialstudien ausarbeitete, die
281

sozialen

Folgen

als

die

bedeutendsten

Auswirkungen des Staudammes.

Daher stellen sich in Bezug auf Belo Monte die

folgenden Fragen: Werden sich diese großen Schäden für die Lokalbevölkerung bei

Vgl. Prelazia do Xingu (Prälatur vom Xingu) [2008]: Lebenslauf Bischof Erwin Kräutler C.PP.S. Verfügbar unter http://www.domerwin.com/M_Lebensweg/CV_ErwinKraeutler.pdf; KathPress (KAP) (2008): Brasilien: Neue Morddrohungen gegen Bischof. 24.03.08. Verfügbar unter http://www.oecumene.radiovaticana.org/ted/Articolo.asp?c=194841; O.A. (2009): Der «Indianer-Bischof» Erwin Kräutler warnt vor Amazoniens Kollaps. Die Kirche als Hebel zum Schutz von Indigenen, Umwelt und Klima. In: Neue Züricher Zeitung. 23.02.09, o.S. Verfügbar unter http://www.nzz.ch/nachrichten/international/der_indianerbischof_erwin_kraeutler_warnt_vor_amazoniens_kollaps_1.2079199.html, alle zuletzt geprüft am 23.09.09. 279 Vgl. KathPress (KAP) (2008): Kräutler: Profitgier zerstört Amazonien. 20.02.08. Verfügbar unter http://www.cursillo.at/artikel.php?Art_ID=1636, zuletzt geprüft am 23.09.09. 280 Vgl. Melo, Antônia (2005): O assédio da Eletronorte sobre o povo e as entidades na regiao de Altamira. In: Sevá Filho, A. Oswaldo; Switkes, Glenn (Hg.): Tenotã-Mõ. Alertas sobre as conseqüências dos projetos hidrelétricos no rio Xingu. 1. Aufl. São Paulo: International Rivers Network. S. 55-57. 281 Vgl. La Rovere; Mendes (2000), S. 164.

278

72

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE Belo Monte wiederholen? Was können und werden die Projektverantwortlichen dagegen tun?

Zunächst ist zu bemerken, dass die sozio-ökonomischen Untersuchungen seit Tucuruí erweitert wurden: Hatte man damals noch wenig oder gar nicht berücksichtigt, welche Lebensgrundlagen die Familien hatten282, so existieren heute weit umfangreichere Untersuchungen zu den wirtschaftlichen Grundlagen der Bevölkerung, z.B. in der EIA (wo sich vier Bände auf das sozio-ökonomische und das kulturelle Umfeld beziehen) und in der AAI.

In dem als indirekt betroffene Gegend definierten Gebiet leben 317.472 Menschen. Die wichtigsten dort betriebenen ökonomischen Aktivitäten sind Viehzucht, Landwirtschaft und Extraktivismus. Kleine und mittelgroße Betriebe nehmen 70% der Fläche ein, und die lokale Wirtschaft basiert auf

Familienbetrieben. Wichtige Produkte sind Kakao, Kaffee, Bananen, Maniok, Reis und Bohnen. Auch der Extraktivismus nimmt eine bedeutende Rolle ein, mit Produkten wie Paranuss, Açai und Holz.283 Viele Gemeinden im direkt betroffenen Gebiet, allen voran die riberinhos (KleinbäuerInnen aus Flussgemeinden), sind stark auf den Fluss angewiesen. Für viele stellt Fisch eine wichtige Protein- und Einkommensquelle dar, und der Fluss ist für viele der wichtigste Transportweg. Besonders der Anschluss nach Altamira ist bedeutend, da dort der wichtigste Absatzmarkt der Region liegt und öffentliche Dienste wie ärztliche Versorgung und Schulbildung zugänglich sind. Durch den Staudamm sind die Schiffbarkeit (besonders im Gebiet der Volta Grande) sowie traditionelle Wirtschaftszweige wie Fischerei, Landwirtschaft und Extraktivismus gefährdet, da viele Menschen ihr Land verlieren werden. Antônia Melo, die sich seit Jahrzehnten in sozialen Bewegungen für die Entwicklung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft einsetzt, sieht katastrophale Folgen für die Lokalbevölkerung voraus: „Der Bau von Belo Monte würde alles in Frage stellen, was wir bisher erreicht haben.“284 Sie rechnet u.a. mit einem Anstieg von Armut.

Wie viele Personen umgesiedelt werden müssen, wird nicht eindeutig angegeben. Glenn Switkes rechnete 2005 mit einer Zahl von mind. 16.000

Vgl. ebenda, S. xiiif. Vgl. Eletrobrás (2009b), S. 38-40. 284 Kleiber, Tina (2009):“Wir müssen Belo Monte unbedingt verhindern“. Ein Interview mit Antonia Melo von der Stiftung Leben, Produzieren und Schützen. In: Lateinamerika Nachrichten, H. 418, April 2009, o. S.
283

282

73

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE Personen285, Antônia Melo spricht aktuell von ca. 3.200 Familien, plus mindestens 6.000 Bewohner der Volta Grande286, was bei dem von Eletronorte errechneten Wert von 3,8 Personen pro Haushalt287 auf über 18.000 Personen käme. Laut EIA wohnen in der direkt betroffenen Gegend 19.242 Personen, davon 16.420 in der Stadt und 2.822 in der ländlichen Gegend.288 Die meisten von ihnen werden voraussichtlich von der Umsiedlung betroffen sein. Viele der durch das Projekt Geschädigten wurden bei Tucuruí nicht angemessen entschädigt. Infolgedessen lautete ein zentraler Kritikpunkt, der u.a. in den Empfehlungen der Tucuruí-Fallstudie für die WCD genannt wird, dass der Begriff der „Betroffenen“ definitorisch zu eng gefasst war und viele Geschädigte außen vor ließ. Noch heute kritisiert Sônia Magalhães, die an der Universität UFPA forscht und lehrt, dass der Elektrizitätssektor nach dem Prinzip verfährt, nur diejenigen, die in direkt von der Überschwemmung betroffenen Gebieten leben, zu entschädigen und in Maßnahmen zu berücksichtigen. Daraus ergibt sich, dass die Bevölkerung flussabwärts von den Dämmen nicht als betroffen gilt, obwohl der Damm ihre Lebensgrundlagen negativ beeinflusst.289 Ein weiteres Entschädigungsproblem ergibt sich aus der weiterhin unklaren Lage des Landeigentums, denn in vielen Teilen Parás gibt es keinen rechtlich gesicherten Privatbesitz290, was die Bevölkerung weiterhin angreifbar gegenüber fremder Interessen an dem Land macht.

Eletronorte versucht, die Bevölkerung mit dem Versprechen von Arbeitsplätzen für das Projekt zu gewinnen. Durch die Konstruktionsarbeiten sollen in den stärksten Jahren fast 18.000 direkte und 23.000 indirekte Arbeitsplätze entstehen.291 Dadurch wird gleichzeitig ein starker Zuzug in die Region erwartet, der laut EIA bis zu 96.000 Personen in Spitzenjahren umfassen soll. Besonders groß soll der Zuzug nach Altamira, Vitória do Xingu und in die Nähe der Baustelle ausfallen. 292 Dies kann zur wirtschaftlichen Entwicklung der Gegend und zum Entstehen neuer Geschäftszweige führen, ist aber mit einem großen Risiko verbunden. Eine solch starke Migration stellt eine Gefahr für etablierte Sozialstrukturen dar und sprengt die Aufnahmekapazität der vorhandenen Infrastruktur. Slumbildung, ein Anstieg der Gewalt und neue Krankheiten sind nur einige der bekannten
Vgl. Switkes (2005), S. 20. Vgl. Kleiber (2009). 287 Vgl. Eletrobrás (2008). 288 Vgl. Eletrobrás (2009b), S. 78. 289 Vgl. Movimento Xingu Vivo para Sempre (2009b). 290 Vgl. Scholz (2003), S. 20. 291 Vgl. Eletrobrás (2009b), S. 84. 292 Vgl. Eletrobrás (2009d): Atendimento Ao Parecer 29/2009. Estudos Etnoecológicos – Avaliação Ambiental, S. 97f. Verfügbar unter www.ibama.gov.br/licenciamento, zuletzt geprüft am 30.09.09.
286 285

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5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE Auswirkungen. Nach Beendigung der Arbeiten muss die Region mit einer Welle der Massenarbeitslosigkeit fertig werden. Angaben von Eletrobrás/Eletronorte bei einer öffentlichen Anhörung zufolge sollen nach Fertigstellung des Baus nur ca. 1.000 direkte Arbeitsplätze weiterbestehen. Das Argument, dass durch Belo Monte eine direkte Beschäftigung entsteht, ist außerdem sehr dünn, da die staatlichen Firmen selbst angeben, dass nur ca. 8.000 Personen aus der Lokalbevölkerung für den Bau einsetzbar seien. Das entspricht nicht einmal der Hälfte der erwarteten Arbeitsplätze.293 5.5.4.2. Die Frage nach der Regionalentwicklung Schon bei Tucuruí ist zu beobachten, dass die regionale Bevölkerung nicht per se von Staudamm-Großprojekten profitiert. Eine der Empfehlungen der TucuruíFallstudie für die WCD ist daher die Einbeziehung regionaler und lokaler Entwicklungsziele ab der Konzeptphase des Projektes.294 Ansätze zur Umsetzung dieser Empfehlung können beobachtet werden. Schon ab 2000 hat Eletronorte infolge einer Szenariumsstudie in Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren einen Plan für nachhaltige Entwicklung (Plano de

Desenvolvimento Sustentável de Belo Monte – PDSBM) von Belo Monte erarbeitet, und zusätzlich einen Plan für die Einbindung der Region (Plano de Inserção Regional – PIR) entworfen, wobei letzterer jedoch aufgrund der juristisch erwirkten Verzögerungen nicht fertiggestellt wurde. Nascimento und Drummond bezeichnen einige Programme des PIR als eine „wahre Innovation in der Welt der Staudämme“295 und sehen in diesen Plänen die Verheißung einer Inklusion der ärmeren Bevölkerung in solche Projekte. Repräsentanten des MAB, des MDTX und der Wissenschaftler Bermann von der USP äußerten 2003 gegenüber dem ISA dagegen ihre Skepsis, dass die Pläne, deren Umsetzung in der Verantwortung privater Firmen liegt, verwirklicht werden könnten. Erfahrungen der Vergangenheit hätten gezeigt, dass es bisher selbst unter Regierungsverantwortung bei bloßen Versprechungen blieb.296 Von den genannten Plänen ist heute tatsächlich keine Rede mehr.

Dafür enthält die neueste EIA wiederum zahlreiche Pläne, Programme und Projekte zum Umgang mit der lokalen Bevölkerung, zu denen sich die zukünftigen

Vgl. ISA (2009c). Vgl. La Rovere; Mendes (2000), S. 170. 295 „Uma inovação real no mundo das barragens.“ Nascimento, Elimar; Drummond, José A. (2003): Amazônia. Dinamismo econômico e conservação ambiental. Rio de Janeiro Brazil: Garamond (Coleção Terra mater), S. 21. 296 Vgl. ISA (2003).
294

293

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5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE Projektverantwortlichen verpflichten müssen. Manche davon zielen auf die Entwicklung der Region ab. Wichtige Ansatzpunkte in den Plänen sind • eine adäquate Behandlung und Betreuung der betroffenen Bevölkerung. Hier ist • • • • hervorzuheben, dass auch Personen ohne Landtitel, inklusive

Hausbesetzer, Anspruch auf Entschädigung haben sollen. die Erhaltung und Wiederherstellung der wirtschaftlichen Aktivitäten in urbanen und ruralen Gebieten. Wiederherstellung und Ausbau der Infrastruktur, mit Kapazität für die erwarteten Migranten. die Qualifikation und Weiterbildung der Bevölkerung, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden und neue produktive Tätigkeiten zu entwickeln. ein Plan zur öffentlichen Gesundheit, der auch die Ausbreitung von Malaria kontrollieren soll. Natürlich können all diese Projekte nicht von den Projektverantwortlichen alleine vollzogen werden, da diese das nötige Know-how nicht besitzen. Auf vielen Ebenen ist daher die Kooperation mit Institutionen aus Bereichen wie Forschung und Verwaltung vorgesehen. Institutionellen Schwachstellen wie der unzureichenden Kapazität der Kommunalverwaltung soll u.a. der Plan zur Institutionellen Artikulation entgegenwirken. Hierbei soll die öffentliche Verwaltung bis in die Munizipien gestärkt werden. Auch eine Integration mit anderen existierenden regionalen Programmen soll stattfinden. Solche Ansätze erscheinen sinnvoll, ja sogar notwendig, wenn das Umwelt- und Sozialmanagement erfolgreich durchgeführt werden soll. Eine Förderung der Regionalentwicklung ist in den

Qualifizierungsmaßnahmen, in den Infrastrukturmaßnahmen und in den Plänen, die die wirtschaftliche Aktivität wiederankurbeln sollen, zu erkennen. Leider muss festgestellt werden, dass die Pläne nur vage Zielvorgaben, jedoch keine ausgearbeiteten Umsetzungspläne oder konkrete Zahlen liefern. Beispielsweise steht weder fest, wie vielen Menschen die Qualifizierungsmaßnahmen zugute kommen sollen, noch ist deren Natur oder Budget bekannt. Die Pläne sind daher weit davon entfernt, der Bevölkerung tatsächliche Garantien zu liefern. Zur Kritik der EIA siehe auch Punkt 5.6.5.3.

Die EIA verweist darauf, dass die geplanten Maßnahmen mit den Zielsetzungen verschiedener Regionalentwicklungspläne der Regierung in Einklang stehen. Durch ein Zusammenwirken der Initiativen könne die Umweltverträglichkeit des Projektes Belo Monte in einem Kontext der nachhaltigen Regionalentwicklung erreicht werden. Hervorgehoben werden der Plan Nachhaltiges Amazonien (Plano Amazônia 76

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE Sustentável – PAS), der Mehrjahresplan (Plano Plurianual – PPA) und der Plan für nachhaltige Regionalentwicklung des Xingu (Plano de Desenvolvimento Regional Sustentável do Xingu – PDRS Xingu), wobei letzterer ein Teil der Ausgestaltung des PAS ist.297 Der PDRS Xingu der Regierung von Pará ist in diesem Kontext am bedeutendsten. Er soll die Lebensqualität der Bevölkerung in einem Kontext der nachhaltigen Entwicklung verbessern. Wichtige Ansatzpunkte sind z.B. Infrastrukturmaßnahmen in den Bereichen Energie, Transport, Kommunikation, Sanitäreinrichtungen und Lagerung, zudem Raumplanung und Regulation der Landbesitzverhältnisse, soziale Inklusion und Bürgerrechte sowie die Förderung nachhaltiger Produktion.298 Dieser Plan soll in der Bekanntmachung zur Vergabe des Bauauftrags enthalten sein. Der Unternehmer, der die Wasserkraftanlage konstruieren wird, soll dadurch verpflichtet werden, wichtige Investitionen in die Regionalentwicklung zu tätigen.299 Entgegen Angaben der Regierung Parás, der Plan sei schon fertiggestellt, sagt Edna Castro vom Núcleo de Altos Estudos Amazônicos (Kern höherer Amazonasstudien) der Universität UFPa, die an der Koordination der Studien beteiligt ist, dass diese noch in Arbeit seien. Glenn Switkes sieht daher in dem Plan keinerlei Garantie für die Nachhaltigkeit des Projektes.300 Folglich könnte dieser Plan zwar eine Chance für die Region darstellen, ob dieser jedoch tatsächlich umgesetzt wird, ist in diesem Stadium noch schwer vorauszusagen.

Gemäß der brasilianischen Verfassung muss bei größeren Wasserkraftwerken außerdem eine Entschädigungszahlung an die von Überschwemmung betroffenen Gemeinden erfolgen. Demzufolge steht z.B. Altamira eine jährliche Zahlung von R$ 35 Mio. (ca.US$ 19 Mio.) zu.301 Im PDEE ist von einem finanziellen Ausgleich von ca. R$ 200 Mio. (ca. US$ 107 Mio.) pro Jahr die Rede.302 Damit diese Mittel jedoch in die Regionalentwicklung fließen können, bedürfte es einer größeren

Handlungsfähigkeit der Lokalverwaltung. Die Sozialaktivistin Antônia Melo hält von dieser Art der Zahlungen nichts: Es fehle an der nötigen öffentlichen Kontrolle und Transparenz, um den zweckgemäßen Einsatz der Lizenzgebühren zu garantieren.

Vgl. Eletrobrás (2009d), S. 232, S. 234. Vgl. Agência Pará (2009): Mais de 1,4 mil pessoas debatem Plano de Desenvolvimento do Xingu. 26.02.09. Verfügbar unter http://www.sipam.gov.br/index2.php?option=com_content&do_pdf=1&id=1331, zuletzt geprüft am 24.09.09. 299 Vgl. Zaghetto, Sonia (2009): Eletronorte recebe o Plano de Desenvolvimento Sustentável do Xingu. Agência Pará. 26.08.09. Verfügbar unter http://www.amazonia.org.br/noticias/noticia.cfm?id=325027, zuletzt geprüft am 24.09.09. 300 Switkes, Glenn (2009d) (persönliche Email-Kommunikation vom 12.09.09). 301 Vgl. Eletrobrás (2009b), S. 127. 302 Vgl. EPE (2009a), S. 382.
298

297

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5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE Beispiele wie Tucuruí zeigten, dass solche Mittel die Situation der Betroffenen nicht verbesserten.303

Soziale Bewegungen stehen den Versprechungen einer Regionalentwicklung, die von Seiten der Regierung und Eletronorte zu vernehmen sind, äußerst kritisch gegenüber. Die Erfahrungen der Vergangenheit sind ein stabiles Fundament dieses Misstrauens. Nichtsdestotrotz hat die Hoffnung auf eine bessere Zukunft dem Projekt viele Befürworter verschafft. Die Bewegung Movimento Xingu Vivo para Sempre hingegen glaubt den Verheißungen nicht:
„Sie [die Bewohner der Region] wissen nicht, dass alle Versprechen Teil des manipulativen 304 Spiels sind, damit sie buchstäblich das T-Shirt einer Idee tragen , die nicht ihre war, und die in der Geschichte weder die [versprochenen] Schulen, Krankenhäuser, Universitäten brachte und somit Träume nicht in Wirklichkeit verwandelte, noch die Einhaltung der obersten Norm 305 Brasiliens, der föderalen Verfassung, garantierte.“

5.5.5. Die Indigenenproblematik Die Indigenenfrage ist in Amazonien aufgrund der starken Präsenz indigener Gemeinschaften von großer Bedeutung und hat einen außergewöhnlich hohen Stellenwert in der Diskussion um Belo Monte. Das hängt damit zusammen, dass die Indigenen seit der Verfassung von 1988 durch Artikel 231 über fundamentale Rechte verfügen. Auch die Konvention 169 über die Rechte der indigenen Völker der Internationalen Arbeitsorganisation ILO ist eine wichtige Grundlage der Rechte, die sie international in Anspruch nehmen können.306 Seit 2004 ist sie in Brasilien in Kraft.307 Auch die 2007 verabschiedete UNO-Deklaration über die Rechte indigener Völker stärkt diese Rechte.308 Sogar beim bisher erfolgreichsten Partizipationsinstrument, der Klage durch das MP, fällt auf, dass das Konsultationsrecht der indigenen Bevölkerung das meist verwendete Argument darstellte.
Vgl. Kleiber (2009). Dies ist eine Anspielung auf die T-Shirts mit dem Aufdruck „Eu quero Belo Monte“ (Ich will Belo Monte), die von Projektbefürwortern oftmals bei Info-Veranstaltungen zu dem Staudamm getragen werden. 305 „Mal sabem eles que todas as promessas fazem parte do jogo manipulativo para que estes literalmente vistam a camisa de uma idéia que não foi deles, e que historicamente não trouxe as escolas, as ruas, os hospitais, as universidade e desta forma, não transformou em realidades os sonhos e nem garantiu o cumprimento da carta maior do Brasil, a constituição federal.“ Movimento Xingo Vivo para Sempre; FVPP (2009a): Belo Monte: se você me manipular eu visto sua camisa! 18.09.09. Verfügbar unter http://www.fvpp.org.br/noticias_detalhe.asp?cod=184, zuletzt geprüft am 19.09.09. 306 Vgl. Scholz (2003), S. 26f. 307 Vgl. Souto Maior, Ana Paula C. (2009): Estatuto dos Povos Indígenas é Desafio para o Congresso Nacional. Instituto Socioambiental. 25.08.09. Verfügbar unter www.socioambiental.org/nsa/detalhe?id=2942, zuletzt geprüft am 19.09.09. 308 Vgl. Informationsplattform Humanrights.ch (o.D.): UN Deklaration der Rechte indigener Völker. Verfügbar unter http://www.humanrights.ch/home/de/Themendossiers/Minderheitenrechte/Standards/UNO/idart_4599content.html, zuletzt geprüft am 19.09.09.
304 303

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5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE

5.5.5.1. Problemdarstellung Aufgrund der starken Präsenz indigener Gebiete im Pará309 spielt die Indigenenfrage bei Belo Monte eine wichtige Rolle. Die Indigenenbehörde FUNAI hat ganze zehn indigene Gebiete identifiziert, die bei dem Projekt berücksichtigt werden müssen. Drei davon wären besonders stark von Belo Monte betroffen: die ausgewiesenen indigenen Territorien (TIs) Paquiçamba (Stamm der Juruna) und Arara da Volta Grande do Xingu (Stamm der Arara), die im direkten Einflussgebiet des Baus liegen, und das Indigenengebiet Juruna do km 17, welches aufgrund seiner Nähe zur Straße PA-415 durch den zu erwartenden Verkehrszuwachs gefährdet ist. In diesen drei Gebieten, die eine Fläche von 30.000 ha einnehmen, leben laut RIMA 226 Indigene. Die sieben anderen TIs haben insgesamt 1.982 indigene Bewohner und erstrecken sich auf 5.091.547 ha (Lokalisierung der Gebiete vgl. Abbildung 7).310 Etwas höhere Zahlen direkt Betroffener ermittelte der CIMI vor ein paar Jahren. Er gab an, dass mehr als 400 Indigene an Abschnitten des Xingu wohnen, die das Stauwerk beeinträchtigen würde.311 Abbildung 7: Indigene Territorien in der Region des Projektes Belo Monte

Legende Straße Ausgewiesen Reguliert In Studie / eingeschränkter Schutz
309 310 312

Quelle: RIMA

Sie nehmen 22,62% der Fläche ein, siehe Kapitel 3. Vgl. Eletrobrás (2009b), S. 46, S. 49, S. 52. 311 Vgl. Sevá Filho; Switkes (2005), S. 16. 312 Vgl. Eletrobrás (2009b), S. 47.

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5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE Die beiden TIs in unmittelbarer Nähe zur geplanten Wasserkraftanlage müssen mit einer starken Verringerung des Durchflusses in dem Abschnitt der Volta Grande, der in ihren Gebieten liegt, rechnen. Zu erwarten sind Auswirkungen auf die Wasserqualität sowie auf den Fischbestand. Dies ist besonders problematisch, da die Fischerei eine große kulturelle, soziale und wirtschaftliche Bedeutung für diese Gemeinschaften darstellt. Fische liefern ihnen wichtiges Protein und infolge des Verkaufs zum Verzehr und als Zierfische sind sie eine wichtige Einkommensquelle. Dazu kommt, dass beide Stämme auf den Bootstransport angewiesen sind, um ihre Absatzmärkte, allen voran Altamira, zu erreichen, jedoch die Schiffbarkeit durch den Staudamm stark behindert werden würde.313 Dies würde ihre Interaktion mit dem urbanen Kern von Altamira sehr einschränken. Außerdem stellen die initiierten Entwicklungsdynamiken mit den dazugehörigen Migrations-Strömen eine große Bedrohung dar, weil sie einen großen

demographischen Druck auf die indigenen Gebiete ausüben und zugleich die illegale Abholzung vorantreiben würden. Weitere erwartete Begleiterscheinungen sind ein Anstieg der Gewalt und zunehmender Kontakt mit Alkohol, Prostitution und neuen Krankheiten. Durch die Akkumulation dieser Auswirkungen sind die Kultur der indigenen Bevölkerung, ihre soziale Organisation, ihre Werte und ihr Glauben, sowie ihre besondere Beziehung zu ihren Territorien bedroht.314

Die Indigenen weisen inzwischen einen hohen Organisationsgrad auf und haben gelernt, sich zusammenzuschließen. Im Mai 2008 fand das Enconto Xingu: Vivo para Sempre (Treffen Xingu: für immer lebendig) in Altamira statt, das stark an das historische Treffen von 1989 erinnerte. Es war das seither größte internationale Zusammentreffen von indigenen Völkern im brasilianischen Amazonas. Die Beteiligung war sogar größer als vor zwei Jahrzehnten: 4.000 Menschen kamen zusammen, darunter ca. 600 Indigene, um ihren Widerstand gegen Belo Monte und andere Bedrohungen für den Rio Xingu auszudrücken. Als sich die berühmte Szene der mit der Machete drohenden Indianerin Tuíra wiederholte, kam es diesmal zur Eskalation. Mehrere Indigene gingen auf den Eletronorte-Ingenieur Fernando Rezende los und verletzten ihn dabei am Arm. Zwar wurde dieser Zwischenfall verurteilt, doch wurde dadurch zumindest erreicht, dass sich auch die Medien wieder für die Veranstaltung interessierten.315 Im gleichen Monat reichten etwa 50 Häuptlinge der Gegend eine Petition bei einem Bundesrichter ein, in der sie u.a. schrieben:
313 314

Vgl. Eletrobrás (2009b), S. 49-51. Vgl. Eletrobrás (2009b), S. 83-85. 315 Vgl. Kleiber (2009); Fatheuer (2008).

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5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE
„’Wir akzeptieren den Bau von Staudämmen in unserem Fluss nicht […] Wir werden unser 316 Land und unser Leben verteidigen. Wir sind es leid, zu hören, und nicht gehört zu werden.’“

Außerdem drücken die indigenen Gemeinschaften ihre Haltung in öffentlichen Briefen an die Regierung aus, die meist im Anschluss an Treffen verfasst werden.

5.5.5.2. Die Berücksichtigung der Indigenen in der Projektplanung Aufgrund der gesetzlichen Lage, aber auch wegen des von NROs unterstützten organisierten Widerstandes der Indigenen können die Projektplaner nicht umhin, die indigene Bevölkerung in ihren Plänen zu berücksichtigen. In diesem Kontext ist wohl auch die konzeptionelle Änderung zu werten, die das Hauptstauwerk an den Standort Pimental verlegt, also 50 km weiter flussaufwärts. So wird das Indigenengebiet Paquiçamba durch den Staudamm nicht mehr überschwemmt.

Die EIA schreibt zudem viele Pläne, Programme und Projekte vor, die die Situation der Indigenen direkt und indirekt verbessern sollen. Diese sollen eine adäquate Lebensqualität der indigenen Bevölkerung garantieren und zielen auch auf eine Bewahrung der indigenen Kultur ab. Hervorzuheben sind zwei Pläne: Zum einen der Plan zur Stärkung indigener Institutionen und Rechte, der besonders die interne Organisation und Vernetzung und die Eigenkapazität zum Aufbau von Projekten fördern soll; zum anderen der Plan für die ökonomische Nachhaltigkeit der indigenen Bevölkerung, der Qualifizierungsmaßnahmen zur Sicherung des

Lebensunterhalt beinhaltet und durch den neue Tätigkeiten und Absatzmöglichkeiten geschaffen werden sollen. Andere Maßnahmen sollen z.B. die Grenzen der TIs sichern und den Zugang zu Altamira weiterhin garantieren. Insgesamt ist dabei ein sinnvoller Ansatz der Befähigung zur Selbsthilfe festzustellen. Darunter zählt die Ausbildung von Umwelt- und Gesundheits-„Agenten“, die entsprechendes Wissen über Gesundheit und nachhaltige Praktiken in ihre Gemeinschaften transportieren sollen.

Zwar greifen die Pläne viele Problempunkte auf und nennen Maßnahmen für deren Behebung, jedoch gilt hier dasselbe wie für die Pläne, die die nicht-indigene Bevölkerung betreffen, nämlich dass genaue Informationen zur Ausgestaltung dieser Maßnahmen in der EIA nicht aufzufinden sind. Mehr noch: Nachdem die Studien beim IBAMA eingereicht worden waren, identifizierte dessen technisches Team gravierende Versäumnisse bei den erforderlichen anthropologischen Studien über den Einfluss des Unternehmens auf indigene Gemeinschaften. Das MP

316

Fatheuer (2008).

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5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE argumentierte daraufhin u.a., dass besonders bei einem der seit Jahrzehnten umstrittensten Punkte, nämlich der Indigenenfrage, eine solche Lücke nicht akzeptabel sei und konnte die Absegnung der Studien durch eine einstweilige Verfügung aufhalten.317 Das wirtschaftliche Argument wog jedoch schwerer, so dass die Verfügung nach kurzer Zeit mit Verweis darauf, dass eine weitere Verzögerung der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes schaden würde, abgewendet werden konnte.318 Ein später nachgereichtes Dokument zu den indigenen Studien konnte die diagnostizierten Lücken nicht füllen. Die indigenen Gemeinschaften lehnen das Projekt ab, von dem sie ihre Lebensgrundlagen und Kultur bedroht sehen. Der Indigene José Carlos Arara, Anführer der Terra Indígena Arara da Volta Grande, artikuliert die Haltung der Indigenen gegenüber Belo Monte sehr deutlich:
„Wir wollen nicht streiten, aber wir sind dazu bereit, um unser Land zu kämpfen, wenn wir bedroht werden. Wir wollen in Frieden auf unserem Land leben, mit den Dingen, die wir dort 319 haben.“ und „Wir werden bis zum letzen Tropfen unseres Blutes gegen Belo Monte kämpfen. […] Belo Monte kann gebaut werden, aber nur nachdem unser Volk gemeinsam gestorben ist, 320 kämpfend.“

Es herrscht außerdem großer Unmut bei den indigenen Völkern, da diese sich von den Projektplanern übergangen fühlen und ihre Mitbestimmungsrechte missachtet sehen. Daher haben indigene Führer bei einem Treffen mit Präsident Lula im Juli 2009 schriftlich die Durchführung einer Konsultation vor einer administrativen Entscheidung für den Bau der Wasserkraftanlage Belo Monte eingefordert. Sie berufen sich dabei primär auf das national und international geltende Übereinkommen 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), das ihnen dieses Recht in Artikel 6 zugesteht.321 Sie nutzten die öffentlichen Anhörungen, um diesen Antrag erneut zu stellen. Vorausgegangen war ein
Vgl. Palmquist, Helena (2009): Justiça Federal paralisa licenciamento de Belo Monte. Procuradoria da República no Pará. 03.06.09. Verfügbar unter http://www.prpa.mpf.gov.br/noticias/justica-federalparalisa-licenciamento-de-belo-monte, zuletzt geprüft am 30.08.09. 318 Vgl. Agência Estado (2009). 319 „Não queremos brigar, mas estamos prontos para brigar pela nossa terra se formos ameaçados. Queremos viver na nossa terra em paz com as coisas que temos lá.” Instituto Socioambiental (ISA) (2009b): Lula garante que Belo Monte só sai após ampla discussão e se for viável. 23.07.09. Verfügbar unter http://www.socioambiental.org/nsa/detalhe?id=2928, zuletzt geprüft am 17.09.09. 320 “vamos lutar até a última gota do nosso sangue contra Belo Monte. […]Belo Monte pode ser construída mas só depois de todo nosso povo morrer junto, lutando.” Gorayeb, Inocêncio (2009): Índios e Belo Monte. In: O Liberal. 08.09.09. Verfügbar unter http://www.fvpp.org.br/noticias_detalhe.asp?cod=170, zuletzt geprüft am 17.09.09. 321 Vgl. Yamada, Erika (2009): Indígenas pedem a Lula realização de consulta prévia para usina de Belo Monte. Instituto Socioambiental 23.07.09. Verfügbar unter http://www.socioambiental.org/nsa/detalhe?id=2927, zuletzt geprüft am 29.09.09; International Labour Organisation (ILO) (1989):Convention No. 169. Verfügbar unter http://www.ilo.org/indigenous/Resources/Publications/lang--en/docName--WCMS_100897/index.htm, zuletzt geprüft am 29.09.09.
317

82

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE Kommentar seitens Eletrobrás, dass diese Konsultationen nicht notwendig seien, da keine indigenen Gebiete überschwemmt würden.322 Auch der jüngste UN-Bericht über indigene Völker in Brasilien sieht internationale Anforderungen nicht erfüllt. Er diagnostiziert das Fehlen eines adäquaten Mechanismus’ zur Konsultation indigener Völker323, die von bedeutenden

Entwicklungsprojekten wie Dämmen betroffen sind – besonders in Fällen, in denen die entsprechenden Aktivitäten außerhalb der ausgewiesenen Territorien

stattfinden, die indigenen Gemeinschaften aber dennoch direkt betroffen sind. Dieser Mangel an Partizipation besteht trotz der Regierungsbeteuerungen fort, die Bemühungen um eine Garantie des Konsultationsrechts indigener Völker bei im PAC enthaltenen Projekte (worunter Belo Monte zählt) verdoppelt zu haben. Dahinter verbirgt sich die Schwierigkeit, wirtschaftliche Entwicklungsziele mit der Berücksichtigung der Rechte Indigener in Einklang zu bringen.324

Diese Spannung wird auch in den Diskussionen des Nationalkongresses deutlich. Hier wird immer wieder auf die Restriktion indigener Rechte gedrängt. Alleine im Jahr 2008 wurden mindestens 15 neue Vorschläge zu den Rechten Indigener eingereicht, wovon die Mehrheit die Einschränkung dieser Rechte, besonders bei der Ausweisung indigener Territorien, beabsichtigte. Den Hintergrund dafür bilden Interessen an der Nutzung natürlicher Ressourcen (v.a. der hydrischen und mineralischen), die in diesen Gebieten liegen. In die entgegengesetzte Richtung zielt ein neuer Vorschlag zum Status der indigenen Völker, der den 1973 verabschiedeten aktualisieren soll. Er wurde von einer Kommission, die sowohl Regierungsvertreter als auch Indigene einschließt, erarbeitet. Der Vorschlag thematisiert u.a. die vorhergehende Konsultation und soll die Nutzung hydrischer und mineralischer Ressourcen regeln, wobei den indigenen Völkern ein Vetorecht eingeräumt würde.325 Wirtschaftliche Interessen stellen also eine große Bedrohung für die Rechte indigener Völker dar, was besonders auf dem Rechtsweg verhindert werden soll.

Vgl. ISA (2009c). Anaya, James (2009): Report of the Special Rapporteur on the situation of human rights and fundamental freedoms of indigenous people, James Anaya, on his mission to Brazil (18-25 August 2008). (Advance unedited version). United Nations Human Rights Council, Twelfth session, S. 22. Verfügbar unter http://www2.ohchr.org/english/bodies/hrcouncil/docs/12session/A.HRC.12.34.Add.2AUV.pdf , zuletzt geprüft am 19.09.09. 324 Vgl. Anaya (2009), S. 22, S. 29. 325 Vgl. Souto Maior (2009).
323

322

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5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE 5.6. Die Berücksichtigung ökologischer Aspekte 5.6.1. Kurze Charakterisierung der betroffenen Gegend Der geplante Standort liegt im Xingubecken, das ein Einzugsgebiet von 509.000 km² hat. Durch die Nähe zum Äquator existiert ein tropisches Klima mit höheren tages- als jahreszeitlichen Schwankungen. In der Region Altamira beträgt die durchschnittliche Jahrestemperatur 25° bis 27° Di e Regenzeit dauert von Januar C. bis Mai, die Trockenzeit von Juni bis November. Der höchste Niederschlag tritt zwischen Januar und März auf. Im Jahresdurchschnitt beträgt er 1885 mm. Die durchschnittliche Luftfeuchtigkeit liegt zwischen 78% und 88% in den feuchten Monaten.

Die Volta Grande weist einen großen Höhenunterschied auf, denn am Standort Belo Monte treffen zwei geomorphologische Einheuten aufeinander: das

südamazonische Plateau, das durch kristallines Grundgestein charakterisiert ist, und das amazonische Sedimentärbecken.

Die Natur am rechten Xingu-Ufer in Höhe der Volta Grande ist relativ ursprünglich erhalten, während am besser erschlossenen linken Ufer Ackerbau und Viehzucht betrieben werden. In der Region besteht ein großes ExtraktivismusPotenzial mit Produkten wie Paranuss, Babaçu-Nuss und Palmfrüchten wie Açaí und Bacaba, oder auch Kakao. 326 Der Großteil des Einzugsgebietes des Xingu liegt in unzugänglichen Gegenden, wodurch seine Natur in großen Teilen unberührt blieb. So konnten sich in der direkten Umgebung des Standortes mehrere Schutzgebiete entwickeln, die durch das Unternehmen gefährdet würden. Zudem liegt südlich des Standortes Belo Monte eine große Fläche zusammengehöriger Indigenengebiete (siehe Abbildung 8). 47,65% des Gebietes Parás stehen unter Schutz, jeweils ca. zur Hälfte durch die Ausweisung als indigene Territorien und als Naturschutzgebiete.327

326 327

Sousa Júnior et al. (2006), S. 49f. Vgl. ISA (2009d).

84

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE Abbildung 8: Gesetzlich geschützte Gebiete im Einzugsgebiet des Rio Xingu
Legende UHE Belo Monte PCHs Hauptstadt des Bundesstaates Verwaltungssitz der Munizipien Grenzen des Bundesstaates Grenzen der Munizipien Wasserkörper Xingubecken Indigene Territorien Integral geschützte Naturschutzgebiete Nachhaltig nutzbare Schutzgebiete

Quelle: AAI, S.138

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5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE 5.6.2. Erwartete Auswirkungen des Baus von Belo Monte Die Landschaftszerstörung im Rahmen der Baumaßnahmen inkl. der

Überschwemmung und Abholzung von Regenwald zur Schaffung des Stausees ist die direkteste und sichtbarste Folge des Staudammbaus. Im Vergleich würde der Stausee von Belo Monte mit 516 km² relativ wenig Regenwald zerstören, denn der See Tucuruís ist ca. fünfmal so groß. Auch ist ein Teil der zu flutenden Fläche aufgrund der Nähe zur Transamazônica, der zentralen Verkehrsader des Amazonas, die zu einer stärkeren Besiedlung der Gegend geführt hat, schon abgeholzt, wie man auf Abbildung 9 erkennen kann. 35% der direkt beeinflussten Gegend sind bereits von Entwaldung betroffen.328 Abbildung 9: Entwaldung um die Volta Grande

Quelle: Eletrobrás

329

Eine große Sorge, die u.a. vom MDTX artikuliert wird, betrifft jedoch die indirekten Auswirkungen. Der Waldverlust wird vor allem infolge der verbesserten Infrastruktur und der erwarteten enormen Migration zunehmen. Man rechnet mit einem Zuzug von etwa 100.000 Personen, was die Bevölkerung von 80.000 Einwohnern in Altamira, der größten Stadt der Gegend, übersteigt. Aktuell haben Regierung und IBAMA jedoch nicht die logistischen und personellen Kapazitäten, diesen Prozess zu kontrollieren, geschweige denn zu verhindern.330 Besonders gefährdet ist davon ein ökologisch sehr wertvolles Gebiet am Mittellauf des Xingu, die Terra do Meio. Sie ist das letzte unberührte Gebiet in Pará sowie eines der größten erhaltenen Tropenwaldgebiete und beherbergt eine große Artenvielfalt. Hier

Vgl. Eletrobrás (2009b), S. 60. Eletrobrás (2007c): Atualização do lnventário Hidrelétrico da Bacia Hidrográfica do Rio Xingu. 31 de Outobro de 2007. Verfügbar unter http://www.eletrobras.com/elb/main.asp?View={46763BB8-3B05432F-A206-C8F93CC3BA90}, zuletzt geprüft am 29.09.09. 330 Vgl. Salm, Rodolpho (2009): A luta contra Belo Monte no FSM 2009. In: Correio da Cidadania. 21.01.09. Verfügbar unter http://www.correiocidadania.com.br/content/view/2829/57/, zuletzt geprüft am 28.09.09.
329

328

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5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE wird eine erhebliche Zerstörung durch die Besiedlung von ca. 7,7 Mio. ha vorhergesagt331. Es ist zu erwarten, dass der Bevölkerungszuwachs die identifizierten direkten Wirkungen des Staudamms vervielfacht.

Das direkt betroffene Naturgebiet kann in drei große Einflussgebiete unterteilt werden: der Stausee am Xingu, der Stausee bei den Kanälen und ein Teil der Volta Grande. Die Volta Grande do Xingu ist durch ihre ungewöhnliche Krümmung und die vielen Stromschnellen ein einmaliges Naturmonument. Sie würde durch das Unternehmen massiv verändert werden. Die 150 km lange Kurve im Fluss würde im ersten Drittel überschwemmt werden und in den folgenden 100 km würde nur noch sehr wenig Wasser durchgelassen, weshalb viele Gebiete trocken fallen würden.

Durch den Bau des Wasserkraftprojektes steht eine außergewöhnliche Biodiversität auf dem Spiel. Erhebungen des MPEG für die EIA haben in der lokalen Pflanzenwelt eine Artenvielfalt von 1.067 Spezies registriert. Davon werden nach IUCN-Kategorien 10 Arten als gefährdet, und zwei als stark gefährdet eingeordnet, darunter die Mahagoniart Swietenia macrophylla und Dicypellium caryophyllatum, der sogenannte pau-cravo (Nelkenbaum, weil seine Rinde nach Gewürznelken riecht) aus der Familie der Lorbeergewächse.332 Außerdem werden im direkten Einflussgebiet des Projektes im Rahmen der EIA beispielsweise 48 Arten großer und mittelgroßer Säugetiere und 31 Arten kleiner, nicht-fliegender Säugetiere (Beutelsäuger und Nagetiere) identifiziert. Mit 72 registrierten Fledertier-Arten ist hier eine sehr seltene Vielfalt dieser Gattung aufgefunden worden. Von den 461 identifizierten Vogelarten sind 58% auf irgendeine Weise mit aquatischer Umgebung verbunden, 79 Arten sind auf diese angewiesen. Außerdem wurden 64 AmphibienArten im direkten Einflussgebiet ermittelt.333 Besonders gründliche Erhebungen betreffen die Ichtyofauna, wo insgesamt 387 Spezies aufgezeichnet wurden. Ein solcher Artenreichtum wurde im Amazonas nur selten erfasst.334 Einige der gesichteten Arten sind vom Aussterben bedroht und viele gelten als selten.

Vgl. Feitosa da Silva, Tarcísio: A Terra do Meio e as hidrelétricas do Xingu. Texto Coletivo que acumula as discussões do Movimento Social do Xingu e da Transamazônica quanto a possível construção dos primeiros barramentos do rio Xingu – a Uhe Belo Monte (ex.Uhe Kararaô). In: Sevá Filho, A. Oswaldo; Switkes, Glenn (Hg.) (2005): Tenotã-Mõ. Alertas sobre as conseqüências dos projetos hidrelétricos no rio Xingu. 1. Aufl. São Paulo: International Rivers Network, S. 60. 332 Vgl. Eletrobrás (2009a), Bd. 17, S. 112, S. 116. 333 Vgl. Eletrobrás (2009a), Bd. 14, S. 353, S. 625, S. 657, S. 706f., S. 804, S. 887. 334 Vgl. Eletrobrás (2009a), Bd. 16, S. 42.

331

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5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE Die erwarteten Folgen für Ökosysteme und Biodiversität entsprechen in ihrer Natur weitgehend den bei Tucuruí beobachteten Auswirkungen. Beispiele sind:335 • • • • • • • • Rückhalt und Anhäufung von Sedimenten Wegfall ökologisch wichtiger periodischer Überflutungen, die zu Verlusten in Flora und Fauna führen Die Proliferation mancher Wasserpflanzen, mit Folgen für die Wasserqualität Stagnation des Wassers in einigen Abschnitten, was zur Reduzierung des gelösten Sauerstoffs führt Gefahr einer Mückenplage, durch die Krankheiten verbreitet werden Reduzierung des Artenreichtums der Wasserfauna, wobei Fische die für Menschen wichtigste Referenz bilden Blockierung von Migrationsrouten Zerstörung des Ökosystems mit unvorhersehbaren Folgen.

Bei Durchführung des Staudammprojektes werden diese Auswirkungen niemals vollständig vermieden werden können. Dennoch kann das Ausmaß der

Veränderungen positiv beeinflusst werden. In den letzten Jahrzehnten wurden dafür viele mögliche Maßnahmen zur Verbesserung der ökologischen Verträglichkeit vorgeschlagen. Doch ist ihre Realisierung bei Belo Monte auch vorgesehen? Bei der Beantwortung dieser Frage wird auf die in der untersuchten Literatur336 am häufigsten auftauchenden Konzepte Bezug genommen.

335 336

Vgl. Switkes; Sevá (2005), S. 23-25. Besonders hervorzuheben sind dabei der Bericht der WCD zu Ökosystemen und Dämmen (2000) sowie MacCully (2001) und Thayer (2006).

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5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE 5.6.3. Verminderung der Flutungsfläche Abbildung 10: Vergleich der Flutungsflächen des alten und des neuen Projektes

Quelle: RIMA (2009)

337

Wie in Abbildung 10 dargestellt, ist die Flutungsfläche von Belo Monte durch den neuen Entwurf auf weniger als die Hälfte geschrumpft. Bautechnisch hat sich das Projekt damit von einem Speicherkraftwerk in ein Laufwasserkraftwerk verwandelt. Dies bedeutet besonders eine Reduktion des Ratios von gefluteter Fläche zu erzeugter Energie, den Goodland als wichtigsten Maßstab für die Bewertung von Umweltkosten ansieht (siehe Punkt 3.2.1.).

Laufwasserkraftwerke

„nutzen

das

natürliche

Wasserdargebot

ohne

nennenswerte Speicherung entsprechend ihrem Ausbaugrad permanent während des ganzen Tages […]“338 Sie besitzen keine oder geringe Speichermöglichkeit für Betriebswasser und ihre Leistung wird hauptsächlich durch große

Durchflussmengen erzielt. Sie sind daher „von der wechselnden Wasserführung eines Flusses oder schwankenden Niederschlagen abhängig“339, und eine Regelung von Durchfluss und Stromproduktion ist in der Regel nicht möglich.

Alleine

die

oben

genannte

Definition

zeigt,

wie

unklar

der

Begriff

„Laufwasserkraft“ abgesteckt ist, denn was bedeutet „nennenswerte Speicherung“?
337 338

Vgl. Eletrobrás (2009b), S. 17. Giesecke (2005), S. 86. 339 Ebenda, S. 109.

89

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE Strikt gesprochen würde ein Laufwasserkraftwerk komplett ohne Speicherung auskommen. Jedoch wird der Term in der Praxis anders verwendet. In diesem Zusammenhang stellt Goodland die für Belo Monte relevante Frage, ob eine Umleitung des Flusses – die ja einen erheblichen Eingriff darstellt – als Laufwasserkraft bezeichnet werden kann340 und sieht Definitionsbedarf: „We need more clarity in the definitions of run-of-river vs. storage reservoirs“341.

Aus oben genannten Akzeptanzgründen sieht der Expansionsplan des Energieministeriums eine Dominanz von Laufwasserkraftwerken bei neuen Projekten vor, was sich in einem durchschnittlichen Verhältnis von überschwemmter Fläche zu installierter Leistung von 19 ha/MW niederschlägt. Auch sollen 70% (49 von 71) der zwischen 2008 und 2017 geplanten Wasserkraftwerke eine Stauseefläche von unter 100 km² besitzen; nur bei einem einzigen Projekt soll die Fläche 500 km² überschreiten.342 Bei der Eröffnung des XII. brasilianischen Energiekongresses im November 2008 ging Brasiliens Umweltminister Carlos Minc sogar soweit, die Ära der großen Stauseen als beendet zu erklären.343 Auch die Führung von Eletrobrás wirbt mit dieser veränderten Baupraxis. So betont Filho, der Ex-Präsident von Eletrobrás, in einem Interview von Energía hoje, dass Laufwasserkraftwerke derzeit Priorität genießen, da sie durch kleinere Wasserspeicher umweltverträglicher sind.
344

Dies ist nicht zuletzt eine Antwort auf

den Protest von Indigenen gegen die Überschwemmung ihrer Lebensräume, der von nationalen und internationalen Umweltschutzorganisationen flankiert wird und die Umsetzung der Projekte zunehmend erschwert. Dennoch wird auch diese Lösung stark kritisiert. Befürworter von Wasserenergie monieren, dass hierdurch ein großer Vorteil von Wasserkraft, nämlich ihre Speicherkapazität über einen längeren Zeitraum, verloren geht und somit auch die Energiesicherheit abnimmt. Dieses „síndrome do fio d’água“ (Laufwasserkraft-Syndrom) führe zu einer Verteuerung der Energieerzeugung in Zeiten der Energiekrise. Zudem ist bei Laufwasserkraftwerken im Falle saisonaler Durchflussschwankungen was dazu führen die kann, insgesamt dass der verfügbare fehlende

Energiemenge

geringer,

Vgl. Goodland (1997), S. 82. Ebenda., S. 83. 342 Vgl. EPE (2009a), S. 408, S. 417. 343 Vgl. Associação Brasileira de Pequenos e Médios Produtores de Energia Elétrica (2008): A quem interessa hidrelétricas a fio d´água na Amazônia? 21.11.08. Verfügbar unter http://www.apmpe.com.br/zpublisher/materias/Opiniao.asp?id=17292, zuletzt geprüft am 29.07.09. 344 Vgl. Francellino, Roberto; Polito, Rodrigo (2008): „Belo Monte é questão de tempo.“ In: Revista Brasil Energia. 01.06.08. Verfügbar unter http://www.energiahoje.com/index.php?ver=mat&mid=20542, zuletzt geprüft am 20.05.09.
341

340

90

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE Elektrizitätsbedarf durch Quellen gedeckt wird, die als noch umweltschädlicher gelten, z.B. Wärmekraftwerke.345 5.6.4. Die Umweltverträglichkeitsstudie (EIA) und geplante Maßnahmen Im Gegensatz zu Tucuruí wurden bei Belo Monte schon im Planungsstadium umfassende Untersuchungen im Rahmen der Umweltstudie EIA angestellt, die zur Formulierung geplanter Maßnahmen führten. Hier zeigt sich also ein deutlich mehr präventiv ausgerichteter Ansatz, der auch zu Änderungen der technischen Konzeption in der Machbarkeitsstudie geführt hat.346 So wurde festgelegt, dass • • • • zwei geplante Ansiedlungen in urbane Gebiete verlegt werden. statt einer Fischtreppe eine effektivere Konstruktion gebaut werden soll. ein Übersetzungsmechanismus am Hauptdamm gebaut werden soll, um die Schiffbarkeit für den traditionellen Transport per Boot zu ermöglichen. die Menge des ökologischen Restwassers verändert wird, die durch den dann trocken gelegten Teil der Volta Grande fließen soll.

Wie oben gesehen, trug die EIA erheblich zu einer genaueren Erfassung des Ökosystems am Xingu bei. Der nächste Schritt war die Diagnose der zu erwartenden Auswirkungen während aller Etappen, von der Durchführung der Studien über die Konstruktionsphase bis hin zum Betrieb des Kraftwerkes. Auf diese Diagnose folgten Pläne, Programme und Projekte, um die negativen Folgen abzuschwächen. Natürlich sind viele der Auswirkungen nicht zu verhindern, es geht also nur um eine Minimierung der Verluste. Die EIA legt beispielsweise einen Umweltplan für die Konstruktion fest, durch den die Baumaßnahmen möglichst umweltschonend gestaltet werden sollen. Zentrale Pläne sind auch der Wasserressourcen-Management-Plan, der Plan zur Erhaltung der terrestren Ökosysteme und der Plan zur Erhaltung aquatischer Ökosysteme. Wichtigen Problempunkten, die schon im Kapitel 3.2. am Beispiel Tucuruí deutlich wurden, soll durch diese Pläne Rechnung getragen werden. Die Maßnahmen konzentrieren sich vor allem auf das Gebiet der Volta Grande do Xingu. So existiert ein spezieller Plan zum integrierten Management der Volta Grande, der insbesondere ein erfolgreiches Zusammenwirken der verschiedenen Sozial- und Umweltmaßnahmen bewerkstelligen soll. Besonders auffällig ist, dass bei den geplanten Aktivitäten Monitoring-Programme überwiegen. Die große Frage jedoch bleibt, wie effektiv den durch Monitoring-Maßnahmen beobachteten Problemen dann auch begegnet werden könnte.
345 346

Vgl. Associação Brasileira de Pequenos e Médios Produtores de Energia Elétrica (2008). Vgl. Eletrobrás (2009a), Bd. 33, S. 438f.

91

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE

Da

die

vorgeschriebenen

Pläne

und

Maßnahmen

nicht

von

den

Projektverantwortlichen alleine durchgeführt werden können, sieht die EIA Kooperationen mit anderen Institutionen wie NROs, Umweltinstitutionen,

Forschungsinstitutionen sowie der Bevölkerung vor.

Wie schon bei den sozialen Problemen angesprochen, bleiben die Pläne alle sehr vage und liefern keine Angaben zur Ausgestaltung der Maßnahmen. Zwar werden die Kritikpunkte aufgegriffen, jedoch werden keine wirklichen Lösungswege aufgezeigt. Klare, messbare Zielvorgaben sind nicht vorhanden. Für ein Projekt dieses Ausmaßes ist dies unzureichend und somit beunruhigend. Dem

Unternehmen bzw. Konsorzium, das die Konzession erhalten wird, wird dadurch großer Gestaltungsspielraum zugestanden, was eine Kontrolle erschwert und Raum für einen Missbrauch dieser Freiheit durch Nichteinhalten der Vorgaben lässt. Aus diesem Grund sprechen Kritiker von einem „concession offer“347.

Zur Illustration einiger im Rahmen der genannten Pläne vorgesehener Maßnahmen, die insbesondere auf die in 3.2. identifizierten Probleme eingehen, folgen einige Beispiele. 5.6.4.1. Der Erhalt eines ökologischen Mindestwassers Als wichtigstes Beispiel für die Berücksichtigung ökologischer (und gleichzeitig sozialer) Aspekte soll eine der zentralen Abhilfemaßnahmen dienen. Da besonders drastische Wirkungen auf das Ökosystem vom Wegfall ökologisch wichtiger Überflutungen ausgehen, wird in zentralen Werken ein besonderer Schwerpunkt auf die Abhilfemaßnahme der „environmental flows“, d.h. des ökologisches Restwassers oder Mindestwassers, gesetzt.348

Diesen Empfehlungen folgend, hat das technische Team schon in der Machbarkeitsstudie festgelegt, dass am Flussabschnitt der Volta Grande, wo der Durchfluss verringert ist, ökologisches Restwasser erhalten werden soll. Erklärtes Ziel war es, „die ökologisch günstigsten Bedingungen an diesem Flussabschnitt zu

Switkes, Glenn (2009c). (persönliche Email-Kommunikation vom 11.09.09) Zu den angesprochenen Werken zählen z.B. der Bericht der WCD, MacCully (2001) und Thayer (2006). Zudem hat die IUCN diesem Thema 2003 eine Publikation mit dem Titel The essentials of environmental flows gewidmet.
348

347

92

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE erhalten“349. Dennoch wäre in diesem Modell der historische Tiefstwert von 440 m³/s in 6 Monaten des Jahres unterschritten worden (siehe Tabelle 2). Tabelle 2: Simulation des Mindestwassers in der Machbarkeitsstudie

Quelle: EIA

350

In der EIA wird deutlich, dass eine größere Menge an Restwasser vonnöten ist, um wenigstens ein Minimum des lokalen Ökosystems zu erhalten. Besonders für die Volta Grande hinter dem Hauptstauwerk besteht nämlich ein erhebliches Risiko großer Verluste. Die hier liegenden Schwemmlandflächen sind besonders fruchtbar und artenreich, und Tiere wie Fische und die Terecay-Schildkröte brauchen die periodischen Überschwemmungen für Reproduktion, Ernährung und als

Schutzzonen. Die lokale Bevölkerung würde durch die Verringerung des Wassers wichtige Lebensgrundlagen, darunter Fische, verlieren und würde in ihrem Kontakt mit der Außenwelt durch die verminderte Schiffbarkeit behindert. Stehende Wasserlachen mit schlechter Wasserqualität könnten entstehen, in denen sich Wasserpflanzen sowie Mücken, die Krankheiten wie Malaria übertragen, ungehindert vermehren könnten.351 Aus diesen Gründen wurde das vorgesehene Mindestwasser in der EIA zugunsten der Natur verändert. Die Studien definieren ein sogenanntes Hidrograma Ecológico de Consenso (Ökologisches Konsens-Hydrogramm), welches ein Gleichgewicht zwischen Energieproduktion und dem Erhalt des Ökosystems herstellen soll. Der Durchfluss während der Trockenperiode (v.a. im September und Oktober) darf nach dem neuen Modell 700m³/s nicht unterschreiten – es sei denn, der natürliche Durchfluss unterschreitet diesen Wert – , da sonst die Schiffbarkeit nicht mehr gegeben wäre.

Es wurde ermittelt, dass die Erhaltung des Lebensraumes der sogenannten pedrais (Steinformationen), die für Arten wie den Zierfisch Acará wichtig sind, eines Mindestdurchflusses von 4.000m³/s bedarf und für die Überschwemmung zumindest

„com o intuito de serem preservadas as condições ambientalmente mais favoráveis para este trecho do rio” Eletrobrás (2009a), Bd. 1, S. 84. 350 Eletrobrás (2009a), Bd. 1, S. 207. 351 Vgl. Eletrobrás (2009b), S. 128-132.

349

93

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE eines Minimums der Schwemmlandebenen und amazonas-typischen Várzeas (charakterisiert durch Überschwemmungswälder) ein Durchfluss von 8.000m³ nötig ist. Aus diesem Grund muss in der Hochwasserperiode jährlich mindestens ein monatlicher Durchfluss von 4.000m³ erreicht werden und falls in einem Jahr der monatliche Durchfluss von 8.000m³ unterschritten wird, so muss dieser im nächsten Jahr garantiert werden (siehe Tabelle 3).352 Tabelle 3: Ökologisches Konsens-Hydrogramm aus der EIA
Monat Monatl.Mindestabfluss in einem trockenem Jahr (in m³/s) Obligatorischer monatl. Mindestabfluss im folgenden Jahr (in m³/s) 353 Quelle: RIMA Jan 1.100 Feb 1.160 Mär 2.500 Apr 4.000 Mai 1.800 Jun 1.200 Jul 1.000 Aug 900 Sep 750 Okt 700 Nov 800 Dez 900

1.100

1.600

4.000

8.000

4.000

2.000

1.200

900

750

700

800

900

Die EIA legt fest, dass im Anschluss an die Einrichtung dieses Hydrogramms eine Auswertung der Folgen, die durch die neue Flussdynamik verursacht werden sowie eine Betreuung der Maßnahmen erfolgen müssen. Ein wichtiger Plan dafür ist der Plan des Integrierten Managements der Volta Grande do Xingu. Dieser integrative Ansatz soll für das effektive Zusammenspiel der vorgeschlagenen Pläne der EIA an der Volta Grande do Xingu sorgen und Synergien nutzen, definiert aber auch zusätzliche Maßnahmen für die Gegend. 5.6.4.2. Weitere in der EIA vorgesehene Umweltmaßnahmen Angesichts des unvermeidlichen Verlustes wertvoller Naturräume besteht eine weitere gängige Maßnahme in einer Kompensation für die erfolgte

Umweltzerstörung. Diese erfolgt durch die Schaffung von Schutzgebieten. Im Umwelt-Kompensationsprogramm der EIA werden daher vorläufig zwei potenzielle Schutzzonen vorgeschlagen, die insgesamt 280.000 ha Fläche einnehmen. Deren Lokalisierung ist auf Abbildung 11 ersichtlich.

352 353

Vgl. Eletrobrás (2009b), S. 132-134. Vgl. Ebenda, S.134.

94

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE Abbildung 11: Die beiden in der EIA vorgeschlagene Schutzzonen („Area 1“ und „Area 2“)

Quelle: RIMA, S.150

Für dieses Programm schreibt die EIA eine Zusammenarbeit mit dem IBAMA und dem Instituto Chico Mendes de Conservação da Biodiversidade (ICMBio – Chico Mendes Institut für den Erhalt der Biodiversität) verbindlich vor. Außerdem soll eine existierende Schutzeinheit Unterstützung erhalten. Die EIA empfiehlt hierfür die kürzlich eingerichtete ökologische Station Terra do Meio (Estação Ecológica Terra do Meio, in Abbildung 8 als ESEC Terra do Meio verzeichnet). 354 Zusätzlich sollen permanente Schutzgebiete (APP – Area de Preservação Permanente) um den Stausee eingerichtet werden, wie es die CONAMAResolutionen 302/2002 und 303/2002 vorschreiben. Das Ufer soll dabei neu bepflanzt werden, wodurch der Erhalt und Schutz der Flora gefördert werden soll. Zugleich entsteht damit ein Erosionsschutz.355

Mit Blick auf die Wasserqualität und um eine Proliferation unerwünschter Insekten zu vermeiden, soll die gesamte Vegetation auf der zukünftigen Fläche des Stausees bei den Kanälen entfernt werden. Beim Stausee am Xingu wird eine Abholzungsquote von 50% als hinreichend betrachtet, da die Aufenthaltszeit des Wassers im Reservoir gering ist und ein großer Teil des zukünftigen Sees der Fläche entspricht, die jetzt schon regelmäßig während der Regenzeit überschwemmt wird.356 Da die unterlassene Abholzung eines Großteils der

354 355

Vgl. Eletrobrás (2009b), S. 151. Vgl. Eletrobrás (2009a), Bd. 33, S. 136. 356 Vgl. Ebenda, S. 118f.

95

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE Stauseefläche bei Tucuruí und Balbina vielfach kritisiert wurde, wäre eine Umsetzung dieses Planes ein Fortschritt. Auch soll das Holz im Gegensatz zu Tucuruí kommerziell genutzt werden.

Auch eine Bergung von Tier- und Pflanzenarten ist geplant. Mit dem Ziel, die genetische Vielfalt der Flora zu bewahren und einen Verlust des vorhandenen Erbmaterials zu vermeiden, soll ein Teil der Flora geborgen werden sowie eine Gendatenbank von Keimgewebe angelegt werden. Bei der auf fünf Jahre angelegten Bergungsaktion sollen Arten hohen kommerziellen Wertes oder stark bedrohte Arten, meist in Form von Samen oder Jungpflanzen, gerettet werden und sowohl in situ (d.h. in ihrer natürlichen Umgebung) als auch ex situ bewahrt werden. Die wissenschaftliche Verwendung der Arten ist ein wichtiger Bestandteil dieser Maßnahmen.357 Wie schon in Tucuruí soll zudem eine Tier-Rettungsmaßnahme durchgeführt werden. In der EIA heißt es zur Begründung:
„Die aktuell vorhandene Flora und Fauna im Einflussgebiet des Unternehmens besteht aus einem sehr diversifizierten Ensemble von Gattungen, mit Arten von unbestreitbarem Wert für 358 den Umweltschutz.“

Der Schwerpunkt liegt bei der wissenschaftlichen Verwendung der gefassten Arten, was als „eine einzigartige Möglichkeit für die Sammlung biologischen Materials zu wissenschaftlichen Zwecken“
359

dargestellt wird. Oft sei es empfehlenswerter, die

Tiere an Forschungseinrichtungen und zoologische Gärten zu schicken als sie woanders freizulassen, weil dies den Druck auf die Populationen erhöhen könne. Angesichts der Umstrittenheit solcher Rettungsaktionen wird entgegnet, diese seien in letzter Zeit mit Erfolg durchgeführt worden.360 Durch die Betonung der wissenschaftlichen Komponente grenzen sich die Pläne von früheren

Rettungsaktionen ab. Es wird damit indirekt eingeräumt, dass der Erhalt von Populationen durch Umsiedlung schwer erreichbar ist.

Neben der terrestrischen Fauna und Flora wird sich auch um die Erhaltung der aquatischen Ökosysteme bemüht. Hier ist der Verlust einer noch kaum erforschten Vielfalt zu befürchten, da der Artenreichtum an Fischen in periodisch

überschwemmten Gebieten erstmals durch die EIA untersucht wurde. Neben Monitoring-Programmen sollen die Zucht von Zierfischen, Anreize zur nachhaltigen

Vgl. Ebenda, S. 130f. Vgl. Ebenda, S. 139. 359 „apresenta-se uma oportunidade única para coleta de material biológico com finalidade científica” Ebenda, S. 140. 360 Vgl. Eletrobrás (2009a), Bd. 33, S. 139f.
358

357

96

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE Fischerei und eine Wiederherstellung durch den Bau zerstörter Lebensräume zur Schonung der Ichthyofauna beitragen. 361 Ein weiteres gängiges Mittel, um den Fischbestand zu erhalten, sind Fischpässe, deren Effektivität aber oft in Frage gestellt wird. In Tucuruí wurde kein Fischpass eingerichtet, was oft kritisiert wurde. Einige Wanderfischarten können aber dennoch weiterhin oberhalb des Staudammes aufgefunden werden und es sind hier keine Arten bekannt, die in ihrem Fortbestand von Migration abhängig sind, wie das anderorts für bestimmte Lachsarten gilt. Daher wäre der Hauptgrund einer solchen Einrichtung der Erhalt eines Gen-Austausches zwischen Flussabschnitten.362

In

jedem

Fall

kann

man

von

einer

größeren

Berücksichtigung

der

Wanderfischarten bei Belo Monte sprechen, denn schon die Machbarkeitsstudie sah die Einrichtung einer Fischtreppe vor. Da jedoch in der Vergangenheit ein Versagen von Fischtreppen und Fischaufzügen in Lateinamerika beobachtet wurde, sieht die EIA stattdessen eine effektivere Methode vor. Neuerdings sei gezeigt worden, dass sogenannte Umleitungskanäle die Konnektivität von Flussabschnitten verbessern können. Sie machen Gebrauch von natürlich vorhandenen Strukturen, die durch kleine technische Veränderungen in natürliche Fischwege verwandelt werden. Am Standort Pimental gebe es laut EIA mehrere Möglichkeiten für die Einrichtung eines solchen Mechanismus, was jedoch noch genauer untersucht werden müsse.363 5.6.4.3. Kritik an der EIA Mit dem Ziel einer kritischen Auseinandersetzung mit der Umweltstudie EIA rief die Stiftung FVPP im August 2009 ein Expertengremium ins Leben. Dieses besteht aus 38 Spezialisten aus bekannten nationalen und internationalen Forschungseinrichtungen, darunter die Cornell University, das INPA, das MPEG, und die Universitäten UFPA, UNICAMP und USP.364 Der Bericht der Forscher soll ans IBAMA adressiert werden, und war im September 2009 noch in Arbeit. Jedoch drangen schon vor Abschluss des Berichts wichtige Kritikpunkte an die Öffentlichkeit. Inadäquat behandelt wurden von der EIA demnach u.a. die Konsequenzen des Bauwerks für den Xingu-Zufluss Bacajá und die angrenzende TI. Eine der Befürchtungen ist, dass hier ein großes Fischsterben erfolgen könnte. Zudem wurde bemängelt, dass das Risiko der Krankheitsübertragung durch Insekten nur sehr dürftig untersucht wurde und auch die weiter

Vgl. Ebenda, S. 167-172. Vgl. La Rovere; Mendes (2000), S. 61. 363 Vgl. Eletrobrás (2009a), Bd.33, S. 182f. 364 Vgl. Munhoz, Fabíola (2009): Belo Monte: pouca energia para muitos danos. 17.09.09. Verfügbar unter http://www.amazonia.org.br/noticias/noticia.cfm?id=328238, zuletzt geprüft am 21.09.09.
362

361

97

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE gefassten Auswirkungen des Bauprojektes wie der Bau von Stromleitungen und der Straßenbau nicht betrachtet wurden. Folglich sollen sowohl die Zahl der Betroffenen als auch die sozialen und ökologischen Auswirkungen in der EIA stark unterschätzt worden sein. Die unsicheren Gesamtkosten und die Externalisierung von Sozialund Umweltkosten stellten einen weiteren Kritikpunkt dar.365 Mit diesen Mängeln begründen die Forscher ihre Forderung nach ergänzenden Studien noch vor der Entscheidung über die Umweltverträglichkeit des Projektes.366 Francisco Hernandez, Forscher an der USP und ein Koordinator des Gremiums, spricht von einer Unterschätzung der gravierenden Folgen für den Abschnitt der Volta Grande, in dem der Durchfluss verringert würde. Er beanstandet weiter, dass der vorgesehene ökologische Restfluss nicht einmal ausreiche, um ein Minimum der Flora und Fauna zu erhalten. Ihm zufolge hebt das Ausmaß der Auswirkungen das Argument auf, dass die Überflutungsfläche im Vergleich gering ausfallen würde. Dazu kämen noch die indirekten Konsequenzen wie die erhöhte Entwaldung.367 Auch bei den öffentlichen Anhörungen wiesen anwesende Wissenschaftler auf eine Reihe von Mängeln in der Methodologie sowie in den Ergebnissen und Voraussagen der EIA hin.368 5.6.5. Schutz vor indirekten Auswirkungen Verschiedene menschliche Einflüsse bedrohen die unberührte Natur der Terra do Meio. Darunter zählen die Ausbreitung von Sojaanbau und Viehzucht aus Richtung Süden, illegaler Holzeinschlag, aber auch indirekte Auswirkungen durch den Bevölkerungszuwachs in Folge von Belo Monte. Um den dadurch verursachten Waldverlust zu verhindern, hat das MDTX mit technischer Unterstützung des ISA der Regierung einen Vorschlag zur Einrichtung eines Schutzgebietmosaiks vorgelegt. Diese Initiative hat es geschafft, die Ausweisung weiterer Schutzgebiete in der Terra do Meio durchzusetzen. Beispiele sind die Einrichtung der Extraktivismusreserven (Reservas Extractivistas – RESEX) Riozinho do Anfrísio (736.000 ha) und Verde para Sempre (1,28 Mio. ha) im Jahr 2004 und die kürzliche Ausweisung der RESEX Médio Xingu (303.000 ha).369 Zwar sind dies keine direkt in Verbindung mit dem AHE Belo Monte getätigten Maßnahmen, sie zeigen aber den Eingang von Umweltfragen in die Politik und
Vgl. Movimento Xingu Vivo para Sempre (2009a):FVPP coordena a realização de um painel de Especialistas para analisar Belo Monte. 25.08.09. Verfügbar unter http://www.fvpp.org.br/noticias_detalhe.asp?cod=168, zuletzt geprüft am 21.09.09. 366 Vgl. Procuradoria da República no Pará (2009b). 367 Vgl. Munhoz (2009). 368 Vgl. Movimento Xingu Vivo para Sempre (2009b). 369 Vgl. Feitosa (2005), S. 60; Instituto Socioambiental (ISA) (2008): Criação da Resex do Médio Xingu marca Dia Mundial do Meio Ambiente. 05.06.08. Verfügbar unter http://www.socioambiental.org/nsa/detalhe?id=2692, zuletzt geprüft am 20.09.09.
365

98

5. A N A L Y S E D E S G E P L A N TE N P R O J E K T E S B E L O M O N TE haben das Potenzial, die mit dem Staudamm verbundene Naturzerstörung einzudämmen, falls dafür die nötigen Kontroll-Kapazitäten geschaffen werden können. 5.6.6. Der Klimafaktor: Belo Monte und Treibhausgase Im Gegensatz zu Balbina wird Belo Monte wohl keine großen

Treibhausgasemissionen verursachen. Schon alleine sein vergleichsweise kleines Reservoir verhindert Auswirkungen ähnlichen Ausmaßes. Zudem handelt es sich bei dem zu überflutenden Gebiet um ein relativ stark abgeholztes Stück Land (siehe 5.6.2.), was die mögliche Zersetzung von Biomasse im See von Natur aus verringert. Durch die verstärkte soziale Kontrolle erscheint eine Überflutung ohne vorherige Abholzung des Restbestands außerdem unwahrscheinlich.

Stattdessen führt das Energieministerium Belo Monte als wichtigen Beitrag zur Verminderung der CO2 –Bilanz des Landes an: Würde Belo Monte durch Gaskraftwerke ersetzt, bedeutete dies Hochrechnungen zufolge 19 Mio. t CO2Ausstoß. Das entspräche dem mehr als 1,5 fachen des für 2007 ermittelten Betrages der Gesamtemissionen des integrierten brasilianischen Stromnetzes (SIN). Aufgrund der Interessenslage des MME sind diese hypothetischen Zahlen möglicherweise nicht ganz realistisch. Beispielsweise wird bei dieser Berechnung von einem inexistenten bzw. vernachlässigbaren Ausstoß von Treibhausgasen durch Belo Monte ausgegangen.370 Wie in 3.2.4. gezeigt, ist der Beitrag von Wasserkraftwerken zum Treibhauseffekt aber noch unzureichend erforscht, besonders in Hinblick auf die Produktion des wirkungsstarken Methans.

Insgesamt kann nach dem heutigen Kenntnisstand davon ausgegangen werden, dass die Emissionen Belo Montes im Vergleich zu seiner Leistung ziemlich gering ausfallen. Eine andere Situation ergäbe sich jedoch, wenn tatsächlich, wie vielfach postuliert, flussaufwärts ein weiterer, regulierender Stausee errichtet würde, da dieser flächenmäßig weitaus größer sein müsste. Dies wird auch bei Fearnside deutlich, der in seine Analyse der zu erwartenden Treibhausgase von Belo Monte auch den Staudamm Altamira einbezieht. Wirklich signifikant werden die vorausgesagten Werte erst, wenn man den Ausstoß der benachbarten Anlagen zusammen betrachtet.371

Im PDEE 2008-2017 entscheidet sich die EPE, die Treibhausgasemission durch Stauseen nicht in ihre Analyse einzubeziehen, da diese im Vergleich zu Wärmekraftwerken vernachlässigbar seien. Außerdem könne man durch vorherige Abholzung des Sees Abhilfe schaffen. Vgl. EPE (2009a), S. 415. 371 Vgl. Fearnside (2005).

370

99

6. Fazit
Der Bau des Staudammes Belo Monte wird kaum zu verhindern sein. Das Projekt ist in seiner Planung ein wichtiger Pfeiler für die brasilianische Energieexpansion, zumal seine installierte Produktionskapazität zu den größten der Welt zählen würde.

Zivilgesellschaftliche Gruppen mit ökologischen und sozialen Zielsetzungen werden weiterhin auch auf den Gerichtsweg setzen, um ihre Forderungen gegenüber dem Projekt geltend zu machen. Die Frage ist, ob sie in diesem juristischen Armdrücken gegen mächtige Wirtschaftsinteressen genügend

Durchsetzungsvermögen besitzen. Eine kategorische Ablehnung des Projekts wie zum Beispiel durch indigene Gruppen hat demnach wenig Erfolgschancen. Dies zeigt sich auch in den Äußerungen des derzeitigen brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva, der nur im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Argumenten Zweifel an der Umsetzung des Projektes äußerte.

Vergleicht man den geplanten Bau mit früheren Staudammprojekten, hat sich an der grundlegenden Problematik wenig geändert. Dennoch kann man in Bezug auf ökologische und soziale Aspekte in gewisser Hinsicht eine Fortentwicklung beobachten.

Die negativen Folgen erinnern zunächst an vorangegangene Kraftwerksbauten. Wie bei Tucuruí zeichnet sich bei der Planung von Belo Monte eine Subventionierung energieintensiver, exportorientierter Unternehmen ab. Obwohl im Diskurs nationale Wirtschaftsinteressen betont werden, scheinen die größten Vorteile dieser Energiepolitik dem Ausland zuzukommen, der Nutzen für die Bevölkerung bleibt gering. Die erwarteten Sozialfolgen sind den bei Tucuruí beobachteten sehr ähnlich und bedeuten für viele Bewohner der Region den Verlust ihrer Lebensgrundlagen durch radikale Veränderung der Umwelt, die existenzielle Bedrohung von indigenen Völkern, Kulturen und Lebensräumen, die Umsiedlung tausender Familien sowie einen rasanten Anstieg der Abholzung von Regenwald durch die erwartete Migration in die Gegend.

Genauso ähneln die erwarteten Umweltfolgen zunächst den bekannten Auswirkungen des Staudammes Tucuruí. Neben der Zerstörung und Überflutung terrestrischer Flora und Fauna wird das aquatische Ökosystem aus dem Lot gebracht werden, wobei die langfristigen Folgen kaum abschätzbar sind. Besonders betroffen wird die monumentale, besonders schützenswerte Volta Grande sein, die 100

6. F A Z I T eine wichtige Lebensgrundlage vieler Arten sowie der Flussanwohner ist. Mit großer Sicherheit ist mit einer Abnahme der Biodiversität zu rechnen und große Teile des Regenwaldes werden durch den Bevölkerungsanstieg zerstört werden. Durch die Privatisierungstendenz im Stromsektor werden die Staudammprojekte der

staatlichen Verantwortung und direkten öffentlichen Kontrolle entzogen. Dies birgt die Gefahr, dass die negativen sozialen und ökologischen Folgen den Wirtschaftsinteressen untergeordnet werden.

Die im Rahmen dieser Arbeit dargestellten Entwicklungen seit dem Bau von Tucuruí lassen dennoch auch Hoffnung für die Zukunft aufkommen. Im Planungsprozess von Belo Monte konnten einige zentrale Verbesserungen in sozialer und ökologischer Hinsicht festgestellt werden. Ausschlaggebend für diese

Veränderungen ist die Entstehung einflussreicher Interessengemeinschaften. Auch wenn die Interessen der lokalen Akteure im Projekt eher eine marginale Rolle spielen, ist es diesen gelungen, eine starke Stimme zu entwickeln, mit der sie Einfluss auf das Projekt ausüben. Sie wissen dabei die Unterstützung bedeutender Partner zu nutzen, wie die internationaler NRO und des Ministério Publico. So ist es die Zivilgesellschaft mit Unterstützung des Ministério, welche die Einhaltung gesetzlicher Garantien einklagt, die im Zuge der Demokratisierung gegeben wurden. Die Durchführung fortschrittlicher gesetzlicher Erfordernisse wie die Umweltverträglichkeitsstudien, öffentliche Anhörungen und die Konsultation Indigener stehen infolgedessen unter starker Beobachtung und Kontrolle. Das führte wiederholt zu Gerichtsprozessen, die den Bau von Belo Monte immer wieder hinauszögerten.

Eine erfreuliche Entwicklung stellt die verstärkte Einbeziehung der Indigenen und der Lokalbevölkerung in die Planung dar. Dies geschieht beispielsweise im Rahmen von zusätzlichen ethnologischen Studien zu indigenen Völkern der Gegend. Auch wurden im Gegensatz zu Tucuruí die sozialen Gegebenheiten im Voraus genauer untersucht. Daraufhin wurden zahlreiche Sozialpläne aufgestellt, die lokalen Bedürfnissen gerecht werden sollen. Solche Pläne tauchen nicht nur in der Umweltverträglichkeitsstudie EIA auf, sondern wurden auch von der Regierung für die gesamte Region entwickelt. Aufgrund der negativen Erfahrungen in der Vergangenheit, bei denen zahlreiche Versprechungen nicht eingehalten wurden, steht die Bevölkerung solchen Sozialplänen allerdings skeptisch gegenüber. Es bleibt dennoch zu hoffen, dass der erstarkte öffentliche Druck die Einhaltung der Versprechen erzwingen kann. So wurde ein Treffen mit dem brasilianischen

101

6. F A Z I T Präsidenten erreicht, bei dem dieser eine Berücksichtigung der Interessen lokaler Gruppen zusagte.

Die

Verbesserungen

im

Umweltbereich

bauen

auf

ein

gewachsenes

Umweltbewusstsein und auf eine daraus entwickelte Gesetzgebung auf. Alleine die Reduktion der geplanten Flutungsfläche bedeutet eine geringere direkte Zerstörung. Durch die gesetzlich geforderten Umweltstudien wurden bei Belo Monte im Voraus aufwändige Untersuchungen zu Flora und Fauna angestellt, was einen besseren Kenntnisstand vor Baubeginn zur Folge hat. Zudem wurden einige Maßnahmen gegen die erwarteten Schäden vorgeschrieben. Als Fortschritte sind zum Beispiel die geplante Schaffung eines ökologischen Mindestabflusses zur Erhaltung einiger wertvoller Schwemmlandflächen, die Einrichtung von Schutzzonen und die Zusammenarbeit mit international renommierten Forschungseinrichtungen zu werten.

Trotz der angeführten Verbesserungen bei der Berücksichtigung sozialer wie ökologischer Aspekte werden diese den Notwendigkeiten nicht gerecht. Die Pläne für Abhilfemaßnahmen in der aktuellen EIA bleiben zu unbestimmt und bieten daher bei Auftragsvergabe einen zu großen Spielraum. Gleichzeitig sind die angeführten Abhilfemaßnahmen für ein Projekt dieses Ausmaßes unzureichend. Zudem erachtet eine unabhängige Expertenkommission die EIA als grob mangelhaft. Mangelhaft war bisher auch die Berücksichtigung der Rechte indigener Völker, besonders ihr Recht auf Konsultation. Dies zeigt sich an den erfolgreich für diese Rechte erhobenen Klagen des Ministério Público, in deren Folge die Verwirklichung des Projektes bisher verzögert wurde. Auch die vorgeschriebenen Studien über die indigenen Völker sind gemäß Experten des IBAMA und diverser anderer Institutionen noch lückenhaft. Dies wird in Zukunft weiterhin juristischen Zündstoff bieten, was – so die Aussage Glenn Switkes der Verfasserin gegenüber – allen Beteiligten klar sein müsste.

Die mehrfache Aussetzung der Umweltstudien und die damit verbundene Verzögerung des Baus zeigt die gestiegene Möglichkeit, Einfluss zu nehmen. Solange es jedoch nicht gelingt, konkretere und absolut verbindliche Maßnahmen vorzuschreiben, könnte die Rolle der zivilgesellschaftlichen Gruppen mit

Auftragsvergabe auf eine bloße Statistenrolle reduziert werden. Besonders problematisch ist das Fehlen von Sanktionsmechanismen bei Nichteinhaltung der Auflagen. Dies legt die Vermutung nahe, dass die Pläne absichtlich vage gehalten

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6. F A Z I T werden, um scheinbar den Forderungen der Kritiker zu entsprechen, ohne einforderbare Verpflichtungen einzugehen.

Da die Vergabe des Projektes eigentlich bis Ende des Jahres 2009 geplant ist, wird die kurze verbleibende Zeit ausschlaggebend für den Projektverlauf sein. Auch wenn einige Forderungen vielleicht noch durchgesetzt werden können, sind substanzielle Verbesserungen in der Umsetzung wenig wahrscheinlich. Die Erfahrungen aus vergangenen Projekten bestätigen dies: So stellten Coy und Greipl nach Analyse des 2001 im Bundesstaat Tocantins ans Netz gegangenen Staudamms Lajeado fest, dass trotz aller Fortschritte bei den gesetzlichen Rahmenbedingungen die Umsetzungspraxis widersprüchlich blieb und

wirtschaftliche Ziele letztendlich stärker als politische Bekenntnisse wogen. In ähnlicher Weise wurden die beiden Kraftwerke am Rio Madeira 2007 durchgesetzt, auch wenn acht Techniker des IBAMA das Projekt vorher abgelehnt hatten.372

Da sich das Bewusstsein um die Problematik des Baus von Staudämmen verstärkt hat, kann dennoch der Druck zur Umsetzung von Forderungen erhöht werden. Eine gute Gelegenheit hierzu sind die öffentlichen Debatten, welche die im Dezember 2009 in Kopenhagen stattfindende Klimakonferenz begleiten. In diesem Kontext haben so am 6.Oktober 2009 40 zivilgesellschaftliche Organisationen aus Brasilien anlässlich einer Tagung zum Schutz des amazonischen Tropenwaldes eine Solidaritätsadresse an die im Kampf gegen Belo Monte vereinten Bewohner des Xingu unterzeichnet.373 Falls es den Projektkritikern noch gelingt, im Zuge der Kopenhagener Konferenz stärkere internationale Unterstützung zu erhalten, wäre das aktuell eine Chance, den Druck auf die Projektverantwortlichen zu verstärken. An Empfehlungen für eine sozial- und umweltverträglichere Praxis mangelt es nicht. Mit Hilfe des vorhandenen Wissens könnte sozialen und ökologischen Aspekten bei der Umsetzung richtungsweisend Rechnung getragen werden.

Durch die wirtschaftliche Erschließung des Amazonas im Zuge von Projekten wie Belo Monte würde ein bedeutendes Naturerbe unwiederbringlich zerstört. Darüber hinaus sind negative Einflüsse auf das Weltklima zu erwarten, wenn die „grüne

Vgl. Rocha, Juliana (2007): Ibama dá licença para usinas no Rio Madeira. In: JB Online. 10.07.2007. Verfügbar unter http://jbonline.terra.com.br/editorias/economia/papel/2007/07/10/economia20070710003.html, zuletzt geprüft am 31.09.09. 373 Vgl. Movimento Xingu Vivo para Sempre; FVPP (2009b): Moção de solidariedade aos povos originários e às populações tradicionais do Xingu, contra a construção da Usina Hidrelétrica de Belo Monte. 06.10.09. Verfügbar unter http://www.fvpp.org.br/noticias_detalhe.asp?cod=188, zuletzt geprüft am 08.10.09.

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6. F A Z I T Lunge des Planeten“ in ihrem verletzlichen Gleichgewicht gestört wird. Ein größeres Engagement durch die internationale Staatengemeinschaft liegt angesichts der Bedeutung des Amazonasgebietes für die Menschheit in ihrem Eigeninteresse.

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Anhang
Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Amazônia Legal und die administrative Gliederung Brasiliens.................. 5 Abbildung 2: Struktur des internen Angebots elektrischer Energie................................ 8 Abbildung 3: Hydrogeographische Einzugsgebiete Brasiliens..................................... 10 Abbildung 4: Vorhandenes System der hydroelektrischen Stromerzeugung ............... 11 Abbildung 5: Privatfirmen, die den brasilianischen Stromsektor kontrollieren.............. 16 Abbildung 6 : Die geplante Anordnung der Wasserkraftanlage Belo Monte ................ 55 Abbildung 7: Indigene Territorien in der Region des Projektes Belo Monte ................. 79 Abbildung 8: Gesetzlich geschützte Gebiete im Einzugsgebiet des Rio Xingu ............ 85 Abbildung 9: Entwaldung um die Volta Grande ........................................................... 86 Abbildung 10: Vergleich der Flutungsflächen des alten und des neuen Projektes....... 89 Abbildung 11: Die beiden in der EIA vorgeschlagene Schutzzonen ............................ 95

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Chronologie der Wiederaufnahme des Projektes Belo Monte..................... 52 Tabelle 2: Simulation des Mindestwassers in der Machbarkeitsstudie ........................ 93 Tabelle 3: Ökologisches Konsens-Hydrogramm aus der EIA ...................................... 94

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