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Brüssel – Die EU-Kommissionwirft meh

-
rereneuropäischenGroßbankenunlaute-
re Geschäftspraktikenvor. Bei einer Raz-
zia durchsuchten Ermittler die Büros
von Geldhäusern in mehreren Staaten.
Die Kommission teilte am Mittwoch mit,
es bestehe der Verdacht, dass die Institu-
te Zinssätze manipuliert haben. Mögli-
cherweise hättensie versucht, denso gen-
nanntenEuribor-Zinssatz zuihrenGuns-
ten zu beeinflussen. Die Namen der be-
troffenen Banken wollte die EU-Kom-
mission nicht nennen. Finanzkreisen zu-
folge wurde unter anderemdie Londoner
Niederlassung der Deutschen Bank
durchsucht. (Wirtschaft) Reuters
B r ü s s e l / B e r l i n – Die Euro-Staa-
ten wollen die Wirkung des Rettungs-
schirms EFSF deutlich steigern, um
die Turbulenzen an den Finanzmärk-
tenendlichzubeenden. Dazusollendie
bereits zur Verfügung stehenden Milli-
arden so eingesetzt werden, dass insge-
samt mehr als eine Billion Euro an Ka-
pital mobilisiert werden kann. Das
Geld soll ausreichen, um auch Italien
und Spanien endgültig aus dem Visier
der Spekulanten zunehmen. Das Bürg-
schaftsrisiko, das Deutschland über-
nommen hat, steigt dadurch nicht.
Statt Kredite zu vergeben, könnte der
EFSF in Zukunft als eine Art Versiche-
rung auftreten, die den privaten Geldge-
bernder Euro-Länder, also Banken, Ver-
sicherungen, Investmentfonds und Klein-
anlegern, einenTeil des Ausfallrisikos ab-
nimmt. Im Gespräch ist, dass der Fonds
bei neuzumVerkauf stehendenStaatsan-
leihen die ersten 20 bis 30 Prozent eines
möglichen späteren Verlusts übernimmt.
So könnte das gesamte Anleihe-Volu-
men, das über den EFSF abgedeckt wird,
von derzeit 440 Milliarden auf mehr als
eine Billion Euro erhöht werden. Die An-
leger würden so motiviert, beispielsweise
spanische oder italienische Anleihen zu
kaufen. Die Regierungen in Madrid oder
Rom wiederum könnten mit dem einge-
nommenenGeld fällig werdende Schuld-
verschreibungen zurückzahlen.
Über dieses Modell wollen die Finanz-
minister sowie die Staats- und Regie-
rungschefs der 17 Euro-Länder bei ih-
rem am Freitag beginnenden Gipfeltref-
fen in Brüssel beraten. Welcher Teil der
440 Milliarden Euro genau für Anleihe-
versicherungen bereitgestellt wird, soll
nicht genau festgelegt werden. Schließ-
lichmüsse der Fonds auch Mittel zurück-
halten, umseine anderenAufgabenerfül-
len zu können, hieß es in Brüssel. Dazu
zählen unter anderem mögliche Kapital-
spritzen für in Not geratene Banken. Au-
ßerdem diskutieren die Euro-Staaten
über ein Hilfsangebot führender Indus-
trie- und Schwellenländer aus demKreis
der G20, darunter Brasilien, China, Indi-
en, Indonesien undKorea. Sie sindoffen-
bar bereit, Anleihenschwächelnder Euro-
Staaten zu kaufen. Ob es am Ende dazu
kommen wird, ist allerdings noch unge-
wiss, da die Südamerikaner und Asiaten
imGegenzug für ihre Hilfe mehr Einfluss
in Institutionen wie demInternationalen
Währungsfonds (IWF) verlangen.
Zur Vorbereitung des Gipfels wollten
sich Frankreichs Präsident Nicolas Sar-
kozy und Bundeskanzlerin Angela Mer-
kel amMittwochabendinFrankfurt tref-
fen. An dem Gespräch sollten auch IWF-
Chefin Christine Lagarde und EU-Kom-
missionspräsident José Manuel Barroso
teilnehmen. Sie alle warenzur Abschieds-
feier des Chefs der EuropäischenZentral-
bank, Jean-Claude Trichet, geladen.
Die FDP signalisierte am Mittwoch,
dass sie eine Versicherungslösung mittra-
genkönne. Dagegenwarf die SPDder Re-
gierung vor, das Parlament und die Öf-
fentlichkeit Ende September über das
wahre Ausmaß des Rettungsfonds ge-
täuscht zu haben. Führende Koalitions-
vertreter hätten vor der Abstimmung
über den Rettungsschirm Mutmaßungen
über eine Ausweitung widersprochen,
sagte Fraktionsgeschäftsführer Thomas
Oppermann. Der SPD-Haushaltsexperte
Carsten Schneider rügte, dass Finanzmi-
nister Wolfgang Schäuble (CDU) die nun
geplanten Änderungen am Rettungs-
fonds erneut imEiltempo durchdenBun-
destag boxen wolle. Das sei unzumutbar,
sagte Schneider der Süddeutschen Zei-
tung. Er verlangte zudem, dass die SPD
als größte Oppositionsfraktion den Vor-
sitz in dem neuen Vertrauensgremium
des Haushaltsausschusses erhält, das im-
mer dann tagen soll, wenn der Bundestag
raschundunter Geheimhaltung seine Zu-
stimmung zu EFSF-Operationen geben
muss. (Seiten 2, 4, Wirtschaft) SZ
Athen – Die Proteste gegen das Sparpro-
gramm der griechischen Regierung sind
am Mittwoch in Gewalt umgeschlagen.
Vermummte Jugendliche bewarfen Poli-
zisten mit Steinen und Brandsätzen, die
Beamten reagierten mit Tränengas.
Rund umdas Parlament sah es amNach-
mittag aus wie auf einem Schlachtfeld.
Zuvor hatten im Zentrum Athens und in
anderen Städten insgesamt mehr als
125 000 Menschen friedlich gegen das
drastische Sparprogramm protestiert.
Darüber will das Parlament amDonners-
tag entscheiden. Am Mittwoch war das
öffentliche Leben in weiten Teilen des
Landes durch einen Generalstreik lahm-
gelegt, zu dem die beiden größten Ge-
werkschaftsverbände aufgerufen hatten.
Erstmals beteiligtensichauchprivate La-
deninhaber an den Protesten und ließen
ihre Geschäfte geschlossen. Nur die Flug-
lotsen brachen ihren Protest schon im
Lauf des Mittwochs wieder ab, um die
Tourismusbranche nicht weiter zu schä-
digen. Museen und der Zugang zur Akro-
polis, dem Wahrzeichen Athens, blieben
aber geschlossen. (Seiten 4 und 9) SZ
Düsseldorf – Die Preise für Briefe der
DeutschenPost werdenauchimkommen-
den Jahr stabil bleiben. „Wir werden für
das Jahr 2012 keinen Antrag auf Preiser-
höhungen beim Briefporto stellen“, sag-
te ein Post-Sprecher am Mittwoch. Dies
gelte sowohl für Sendungen im Inland
als auch für Briefe ins Ausland. Die Post
reagierte damit auf neue Festlegungen
der Bundesnetzagentur. NachdenVorga-
ben der Behörde wäre der Deutschen
Post nur ein kleiner Spielraumfür Preis-
anhebungen geblieben. (Wirtschaft) SZ
Razzia bei
Großbanken
München – Zunächst im äußersten Sü-
den letzte Schnee- und Regenwolken.
Sonst etwas Sonnenschein im Wechsel
mit einigen Wolkenfeldern, dabei gele-
gentlich auch ein paar Schauer. Höchst-
temperaturen zwischen sechs und elf
Grad. (Seite 36)
Brüssel – Die EU-Kommission will den
Ausbau von Straßen, Stromtrassen und
Datenleitungen mit bis zu 50 Milliarden
Euro fördern. Kommissionspräsident Jo-
sé Manuel Barroso präsentierte amMitt-
woch einen entsprechenden Vorschlag.
Mit dem zusätzlichen Geld könnte unter
anderem der Donauausbau in Nieder-
bayern, die Bahnstrecke von München
nach Prag oder die Zufahrt für den neu-
en Brenner-Basistunnel gefördert wer-
den. (Seite 9 und Bayern) SZ
Berlin – Auf Computern in ganz Europa
ist eine Art „kleiner Bruder“ des berüch-
tigten Computerwurms Stuxnet ent-
deckt worden. Der neue Wurm namens
„Duqu“ sei ein Trojaner, der gezielt Ent-
wickler von Industrieanlagen und Kon-
zerne ausspähen sollte, berichtete die IT-
Sicherheitsfirma Symantec. Duqu ent-
hält nach Angaben der Experten Teile
des Software-Codes von Stuxnet, des be-
rüchtigten Programms, mit dem wahr-
scheinlich das iranische Atomprogramm
sabotiert wurde. (Seite 5) SZ
Straßenschlacht
in Athen
Friedliche Demonstration
schlägt in Gewalt um
Post verzichtet
auf Porto-Erhöhung
Von Kai Stri ttmatter
Istanbul – Die türkische Armee hat am
Mittwoch auf der Jagd nach kurdischen
Rebellen die Grenze zum benachbarten
Nordirak überschritten. Kampfflieger,
Hubschrauber und Bodentruppen waren
auf irakischem Territorium im Einsatz
gegen die kurdische Arbeiterpartei PKK,
deren Kämpfer wenige Stunden zuvor
bei Angriffen auf türkische Grenzposten
in der Provinz Hakkari 26 türkische Sol-
daten getötet und 16 verwundet hatten.
Es war der blutigste Angriff der PKKauf
die türkische Armee seit fast zwanzig
Jahren. Staatspräsident Abdullah Gül
kündigte „gewaltige Rache“ für den An-
schlag an. Premierminister Recep Tayyip
Erdogan sagte, die Türkei werde sich
„nie einemAngriff voninnerhalboder au-
ßerhalb des Landes beugen“. Der türki-
sche Premier verteidigte den Einsatz der
Elitetruppen auf irakischem Territori-
um: Die Verfolgung von Angreifern sei
„nach dem Völkerrecht gestattet“.
NachAngabendes türkischenTV-Sen-
ders NTVbrachtenHubschrauber Boden-
truppen bis zu vier Kilometer hinter die
Grenze. Berichten zufolge scheint es sich
um eine begrenzte Aktion von mehreren
hundert Soldaten zu handeln. Zuletzt
war die türkische Armee Anfang 2008
mit mehreren tausend Soldaten in die
Kandil-Berge in Nordirak vorgedrun-
gen, um PKK-Lager zu zerstören. Die
tödlichen Angriffe der PKK am frühen
Mittwochmorgen lösten in der Türkei
Entsetzen aus. Der Dogan-Nachrichten-
agentur zufolge hatten etwa 200 PKK-
Rebellen gleichzeitig Polizeiwachen und
Grenzposten des Militärs bei den Orten
Cukurca und Yüksekova angegriffen.
PKK und Militär liefern sich seit 1984
einenKrieg, bei dembislang 50 000 Men-
schen starben. Die PKK sagt, sie kämpfe
für „demokratische Autonomie“ in der
Türkei. USA und EU führen die PKK als
Terrororganisation. Erdogans Regierung
begannindenvergangenenJahrenRefor-
menund erlaubte erstmals kurdischspra-
chige TV-Sender. Auch führte sie Ge-
heimgespräche mit PKK-Führern. Doch
gab es schwere Rückschläge. Seit dem
Sommer häufen sich die PKK-Angriffe.
Zugleichsieht sichdie legale Kurdenpar-
tei BDP, die der PKK nahesteht, poli-
tisch verfolgt. Ihren Parlamentsboykott
hat die BDPmittlerweile aufgegeben, zu-
gleichaber beklagt sie neue Verhaftungs-
wellen. Der BDPzufolge wurden5000 ih-
rer Funktionäre festgenommen. Die
Staatsanwälte berufensich dabei auf das
türkische Antiterrorgesetz, die Regie-
rung verteidigt die Festnahmen.
DenPKK-Anschlag vomMittwochver-
urteilte die BDP. „Es reicht!“, hieß es in
einer Erklärung der Partei. „Die Türkei
braucht nun Frieden.“ Erdogan sagte,
die Arbeit aneiner neuen demokratische-
ren Verfassung müsse weitergehen: „Das
Gegengift zu Terror sind Menschenrech-
te und Demokratie.“ Gleichzeitig atta-
ckierte er nicht näher benannte „dunkle
Kräfte“ hinter der PKK – eine Anspie-
lung auf angebliche ausländische PKK-
Unterstützer. Zuletzt hatte Erdogan An-
fang des Monats deutsche Stiftungen be-
zichtigt, die PKKzufinanzieren, ein Vor-
wurf ohne Belege, der in Deutschland
große Irritation ausgelöst hatte. Zudem
griff Erdogan die Kurdenpartei BDP
scharf an: „Sie sollen das Wort Frieden
nicht in den Mund nehmen.“ (Seite 4)
T
heodor Heuss hat mal gesagt: „Mit Po-
litik kann man keine Kultur machen,
aber vielleicht kannmanmit Kultur Poli-
tik machen.“ Der Satz passt auf einen
Machtkampf, der derzeit bei der Unesco
in Paris abläuft. Normalerweise soll sich
diese Sonderorganisation der Vereinten
Nationen um schöne und gute Dinge wie
die Weltkultur und die Bildung küm-
mern. In diesen Tagen aber wird sie zum
Brennpunkt eines politischen Großkon-
flikts: die Anerkennung Palästinas.
Eigentlichist mit dieser Frage der UN-
Sicherheitsrat in NewYork befasst. Dort
wollen sich die USA und europäische
Staaten wie Deutschland Zeit lassen. Sie
finden, zunächst sollten sich Palästinen-
ser und Israelis in direkten Verhandlun-
geneinigen. Danachbekämendie Palästi-
nenser ihren Staat. Die Palästinenser
wollen jedoch nicht noch länger warten.
Daher haben sie sich die Unesco als
Kampfplatz gesucht. Sie fordern dort
nun die Vollmitgliedschaft, zur Entrüs-
tung Israels und der USA.
Die Sache ist weit gediehen. Anfang
Oktober sprachen sich 40 der 58 Staaten
des Unesco-Exekutivrats dafür aus, Pa-
lästina die Vollmitgliedschaft zu gewäh-
ren. „Eine neue Zeit bricht an“, jubelte
der palästinensische Botschafter Elias
Sanbar. Die letzte Entscheidung liegt
jetzt bei der Generalversammlung der
Unesco, in der alle 193 Mitgliedsstaaten
versammelt sind. Sie beginnt kommende
Woche zu tagen. Die Aussichten der Pa-
lästinenser erscheinen gut, dort eine
Zweidrittelmehrheit zu erhalten. Es wä-
re ein gewaltiger Propagandaerfolg.
Israels Regierung versichert, sie werde
alles unternehmen, um die Aufnahme zu
verhindern. Die USA– der wichtigste Bei-
tragszahler der Unesco – drohen, ihre
Zahlungen einzustellen und auszutreten.
Washington verweist auf Gesetze, wo-
nach die USA keine Organisation unter-
stützen dürfen, die die Palästinensische
Befreiungsorganisation als Mitglied auf-
nimmt. Die Europäer sindgespalten. Spa-
nien will für die Aufnahme Palästinas
stimmen, Frankreichmöchte sichenthal-
ten, Deutschland wird dagegen votieren.
Die Bundesrepublik freue sich darauf,
Palästina als Mitglied zu begrüßen, sagte
die deutsche Unesco-Botschafterin Mar-
tina Nibbeling-Wrießnig. Doch das müs-
se „zu einem geeigneten Zeitpunkt und
unter den richtigen Umständen“ erfol-
gen. Daher stimme Berlin mit Nein.
In Paris versuchen die Diplomaten,
nocheinen Kompromiss zufinden. Denk-
bar wäre es, die Abstimmung zuvertagen
oder eine Aufnahme an die Bedingung zu
knüpfen, dass zuvor die UNPalästina als
Staat anerkennen. Möglich wäre es auch,
Palästinazum„Beobachter-Staat“ zuer-
nennen oder zu beschließen, dass es zu-
nächst nur einigen Konventionen bei-
tritt, über die die Unesco wacht.
Die Republikaner im US-Kongress
dürftendie Obama-Regierung jedochun-
ter Druck setzen, Härte zu zeigen. Auch
die Palästinenser wirken wenig kompro-
missbereit. Ihr Botschafter, der Histori-
ker und Poet Sanbar, stammt aus Haifa.
Als er 15 Monate alt war, musste seine Fa-
milie ins Exil gehen. Für Sanbar geht es
nicht nur um Politik, sondern auch um
Emotionen. Dies mache eine Lösung
nicht leichter, heißt es in Paris.
Falls die Palästinenser jetzt Vollmit-
glied werden, möchten sie als nächstes
die Geburtskirche in Bethlehem zum
Weltkulturerbe erklären lassen. Zudem
wollen sie in anderen Weltorganisatio-
nen genauso wie in der Unesco vorgehen.
„Es ist Zeit, dass die kulturelle Identität
unseres Volkes anerkannt wird“, sagt
Sanbar. Er verweist auf die Kultur und
macht damit Weltpolitik. Stefan Ulrich
Sozialismus minus Stasi
Die Linke will das Wirtschaftssystemra-
dikal verändern – und nicht regieren.
Leitartikel von Daniel Brössler . . . . . . . . . . 4
„Stoppt die Apathie“
Der tragische Unfall eines Kleinkindes
verstört die Chinesen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
Sapperlot!
Der beste deutsche Hip-Hop entsteht im
Münchner Glockenbachviertel. Ein Be-
such bei Sepalot. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
Erstaunlich einstellig
Wie Sat 1 versucht, mit Kerner, Pocher
undSchmidt vonseinenProblemenabzu-
lenken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
Spritze mit großer Hoffnung
Ein neuer Impfstoff schützt Kinder bes-
ser vor der Malaria. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
Datenkrake Finanzamt
Die Steuerbehörden sammeln immer
mehr Informationen über die Bürger, oft
erfahren diese nichts davon. . . . . . . . . . . . . . 27
Kleine Wunder
Beim1:1 inNeapel schafft es der FCBay-
ern, sich auch das zweite Saison-Gegen-
tor selbst ins Netz zu legen. . . . . . . . . . . . . . . . . 45
TV- und Radioprogramm . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
München · Bayern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34, 35
Reise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 - 41
Forum /Leserbriefe, Rätsel . . . . . . . . . . . 36, 19
Familienanzeigen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
Bully Herbig – ein Rätsel für Millionen / Seite Drei
(SZ) Indiesen Tagenhäufensich die Mel-
dungen über Diebe, die uns weniger
durch die Unverfrorenheit ihrer Misse-
taten empören, als dass sie uns durch ei-
ne gewisse menschliche Note anrühren.
Da ist zumBeispiel dieser Schiedsrichter
aus Bayern, der vor einem Spiel aus den
Kabinenbeider Fußballmannschaftenei-
nen dreistelligen Geldbetrag entwendet
hat – unddemmanzumindest zugutehal-
ten muss, dass er auch als Dieb unpartei-
ischgebliebenist. Undgeradezugroßher-
zig wirkt die Geste der Täter, die Monate
nach ihrem Einbruch in das Haus von
Hans-DietrichGenscher offenbar so sehr
das schlechte Gewissen plagte, dass sie
Genscher nun den gestohlenen Füller
zurückgaben, mit dem er 1992 den EU-
Vertrag von Maastricht unterzeichnet
hatte und der darumeinen besonders ho-
hen sentimentalen Wert für den Ex-Poli-
tiker besitzt.
Zartgefühl, Korrektheit undeingewis-
ser Anstand sind nicht gerade Tugenden
jener Metalldiebe, die in Hamburg Or-
pheus und Eurydike gewaltsam getrennt
haben, wo sie in Bronze gegossen seit
fünfzig Jahren in trauter Zweisamkeit
am Alsterufer standen. Und doch ist das
erste, was einemzu dieser hirnverbrann-
ten Idee einfällt, dass es eine Schweine-
Arbeit gewesen sein muss, die lebensgro-
ße Plastik von ihrem Fundament zu lö-
sen. Vielleicht waren die Diebe die elen-
de Schinderei bald leid und haben sich
aus diesem Grund mit der Statue der
Eurydike begnügt undOrpheus einengu-
ten Mann sein lassen. Es könnte auch
sein, dass sie nicht mehr dazukamen, Or-
pheus ebenfalls loszuflexen. Oder sie
planten, später noch mal wiederzukom-
men, wurden aber in der U-Bahn
überführt, weil sie für Eurydike keinen
Fahrschein gelöst hatten.
Unwahrscheinlich ist dagegen, dass
sie das Paar absichtlich entzweien woll-
ten. Jeder Schrottdieb kennt doch die
Schote, dass Orpheus seine Frau Eury-
dike für immer verlor, als er versuchte,
sie aus dem Totenreich zu befreien. Auf
der Flucht vor einem Vergewaltiger war
sie an einem Schlangenbiss gestorben.
Aber sie war ein Star, und Orpheus holte
sie da raus. Nur verstieß er dabei gegen
die einzige Bedingung, die der Gott der
Unterwelt ihmgestellt hatte: dass er vor-
angehen müsse und nicht zurückblicken
dürfe. Da er jedoch Eurydikes Schritte
im dunklen Gang nicht hören konnte,
drehte Orpheus sich nach ihr um, und sie
sank zurück zu den Toten. Orpheus soll
aus Frust darüber schwul geworden sein.
Die Schritte seiner Eurydike wird er
aber auch bei seiner zweiten Chance in
Hamburg wieder nicht gehört haben, da
ihr die Füße abgesägt wurden, um sie
wegschleifen zu können. Womöglich be-
herzigen wenigstens die Diebe die Lehre
aus der Orpheus-Sage. Der österreichi-
sche Sänger Falco hat sie ja eigens für ih-
re Gilde in folgenden Vers gefasst: Drah
di net um, der Kommissar geht um.
A, B, E, F, GR, I, L, NL, P (Cont.), SLO,
SK: Q 2,70; CY: Q 3,60; M: Q 3,10; dkr. 20;
£2,70; kn25; sfr. 4,80; czk80; TL16,75; Ft 690
Plan für den Krisengipfel der EU
Eine Billion zur Rettung des Euro
Europa will Anlegern einen Teil des Risikos abnehmen, wenn diese Anleihen überschuldeter Staaten kaufen
Türkische Armee marschiert in Nordirak ein
Ankara reagiert auf schwerste Attacken der PKK seit 20 Jahren / Kampfflieger und Hunderte Soldaten im Einsatz
Umweg über die Unesco
Palästinenser wollen mit Hilfe der Kulturbehörde ein Staat werden
Das Wetter
Milliarden für
Straßen und Stromnetze
Neuer Computerwurm
soll Industrie ausspähen
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DEUTSCHLAND-AUSGABE 67. Jahrgang / 42. Woche / Nr. 242 / 2,00 Euro München, Donnerstag, 20. Oktober 2011 HF2 HK2 HS2 HH2
Heute in der SZ
Generalstreik und Gewalt: Ein Mann wirft einen Molotowcocktail auf Polizisten, die den Platz vor dem Parlament verteidigen. Foto: S. Pantzartzi/ANA-MPA/dpa
TÜRKEI
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Yüksekova
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50 km
4 190655 802008
4 1 0 4 2
Von Cl aus Hul verschei dt
D
ie meisten Menschen stellen sich
unter einem Hebel ein Stück Holz
oder Metall vor, mit dem man das
Autogetriebe einen Gang höher schalten,
das Fenster öffnen oder die Notbremse in
der Straßenbahn betätigen kann. In der
Finanzindustrie hingegen, jenemgeheim-
nisvollenUniversum, das parallel zur Le-
benswelt der gewöhnlichen Bürger ent-
standen ist, versteht man darunter etwas
ganz anderes: Ein Hebel ist hier ein Ins-
trument, mit dem man über Nacht aus
viel Geld noch mehr Geld machen kann.
Investiert mandenBetrag dannineinGe-
schäft, steigt die Renditechance beträcht-
lich – das Verlustrisiko allerdings auch.
Beispiel: EinBankmenschsoll eine Mil-
lion Euro anlegen. Sein Auge fällt auf ein
bestimmtes Wertpapier, eine Aktie etwa,
von der er sicher glaubt, dass sie imWert
steigen wird. Zusätzlich zu seiner Milli-
on nimmt er deshalb noch vier Millionen
Euro an Kredit auf, sodass ihm insge-
samt fünf Millionen Euro zur Verfügung
stehen. Damit hat er sein Kapital um
dem Faktor Fünf „gehebelt“. Steigt nun
der Kurs des gekauften Wertpapiers um
20 Prozent, streicht der clevere Banker
nicht etwa 200 000 Euro als Gewinn ein,
sondern eine satte Million. Anschließend
gibt er das geliehene Geld zurück.
Solche Geschäfte wareninder Finanz-
wirtschaft lange Zeit gang und gäbe – bis
es vor einigen Jahren immer häufiger da-
zu kam, dass aus einemGewinn- ein Ver-
lusthebel wurde. Verliert nämlichdie Ak-
tie jene 20 Prozent, die sie eigentlich ge-
winnensollte, wirdauchaus einemScha-
denvon200 000 Euro plötzlich einMinus
voneiner Million. NachRückgabe des ge-
liehenenGeldes entsteht demHändler al-
so ein Totalverlust. Nahezu alle Exper-
ten sind sich heute einig, dass Hebel-
geschäfte die Finanzkrise von 2008 zwar
nicht ausgelöst, ihr Ausmaß aber um ein
Vielfaches verschlimmert haben.
Es mutet deshalb zunächst wie ein
schlechter Witz an, dass die Euro-Staa-
ten ihre nicht enden wollende Schulden-
krise nun ausgerechnet über eine „He-
belung“ des Rettungsfonds EFSF lösen
wollen. Hinter der Idee der „Hebelung“ –
ein Wort, das es im Übrigen laut Duden
gar nicht gibt – steckt der Gedanke, dass
die Turbulenzen an den Finanzmärkten
so lange anhalten werden, wie die Anle-
ger bezweifeln, dass Europa zur Rettung
der Währungsunion im Notfall wirklich
jede erdenkliche Summe mobilisieren
wird. Die 440 Milliarden Euro, die bisher
für Kredite an Krisenstaaten zur Verfü-
gung stehen, reichenjedenfalls nicht – zu-
mindest dannnicht, wennnachGriechen-
land, IrlandundPortugal auchgroße EU-
Länder wie Italien oder Spanien ins Tru-
deln geraten sollten.
Eine direkte Erhöhung der Kreditsum-
me kam für die EU-Regierungschefs nie
in Betracht, weil einigen der Länder, die
für die Rückzahlung der Kredite an den
EFSF bürgen müssen, selbst das Wasser
bis zum Hals steht, und weil sie den Wi-
derstand ihrer Parlamente fürchteten.
So verfiel man auf die „Hebelung“, im
Englischen leveraging. Die erste Idee
war, die Mittel des Rettungsschirms ein-
fach über Mittel der Europäischen Zen-
tralbank (EZB) zu „hebeln“. Dazu hätte
der EFSFdie Anleihen, die er vonKrisen-
ländern kauft, als Sicherheiten bei der
EZB hinterlegt und dafür neues Geld in
letztlich unbegrenzter Höhe erhalten.
Die Idee scheiterte amerbittertenWider-
stand insbesondere von EZB-Chef Jean-
Claude Trichet und Bundesbankpräsi-
dent Jens Weidmann, die fürchteten,
dass die Euro-Notenbank amEnde zu ei-
nem Selbstbedienungsladen für spar-
unwillige Regierungen degeneriert wäre.
Stattdessensteht nuneine Hebel-Vari-
ante imFokus, die auf eine Idee von Alli-
anz-Vorstand Paul Achleitner zurück-
geht. Demnach würde aus dem EFSF ei-
ne Art Teilkaskoversicherung, bei der
sichprivate Geldgeber, also Banken, Ver-
sicherungen, Investmentfonds undKlein-
anleger, gegen den Zahlungsausfall eines
Landes versichern können. Beispiel: Die
spanische Regierung muss zur Finanzie-
rung ihres Haushalts Staatsanleihenaus-
geben, findet aber nicht genügend Käu-
fer, weil diesen das Ausfallrisiko zu hoch
ist. Nun springt der EFSF ein und versi-
chert die ersten20Prozent dieses Ausfall-
risikos. KannSpanienalso die Anleihe ei-
nes Tages nicht zurückzahlen und erhält
einen Teilschuldenerlass von 40 Prozent,
müssen die Gläubiger die Verluste nicht
allein, sondern nur zur Hälfte tragen.
Das Modell hätte gleich fünf positive
Effekte. Erstens würdenspanische Anlei-
hen für private Geldgeber wieder attrak-
tiv. Zweitens müsste die Regierung inMa-
dridgeringere Zinsen zahlen. Drittens er-
hielte der EFSFvondenprivatenGläubi-
gern eine Versicherungsprämie. Viertens
müsste Spanien – anders etwa als heute
Griechenland – dem Kapitalmarkt nicht
den Rücken kehren, vielmehr würden al-
le Anleihen weiter von privaten Finanz-
häusern gekauft. Und fünftens der Clou:
Der EFSF könnte künftig ein viel größe-
res Anleihevolumenabdecken. Netto ste-
hen dem Fonds nach Abzug der bereits
zugesagten Mittel für Griechenland, Ir-
land und Portugal sowie möglicher Fi-
nanzspritzen für schwächelnde Banken
vielleicht noch 200 Milliarden Euro zur
Verfügung. Wird dieser Wert jedoch mit
Hilfe einer 20-Prozent-Teilkasko-Police
gehebelt, ergäbe sich eine Bruttosumme
von einer Billion Euro. Oder anders aus-
gedrückt: Indem der EFSF 20 Prozent
des Risikos übernimmt, stellt er sicher,
dass Privatinvestoren insgesamt fünf
Mal so viel Geld zur Verfügung stellen.
Allerdings würde der Kaskosatz je
nachLandvariieren, weshalbsichdie He-
belwirkung am Ende nicht genau bezif-
fern lässt. Bräuchte etwa – rein theore-
tisch– Frankreich Hilfe, würde vielleicht
eine Absicherung von zehn Prozent rei-
chen. Dadurch würde das gesamte abge-
deckte Volumen – ebenso theoretisch –
auf zwei Billionen Euro verzehnfacht. Im
Falle Griechenlands hingegen wäre si-
cher eine Absicherung von 40 Prozent er-
forderlich. Der Hebel brächte rein rech-
nerischalsonur eine Erhöhungdes EFSF-
Volumens auf 500 Milliarden Euro.
Auch hätte eine Versicherungslösung
nicht nur Vorteile. So könnte das Risiko,
dass Bürgschaften der Euro-Staaten tat-
sächlich fällig werden, steigen, weil der
EFSF bei Forderungsausfällen ja immer
als Erster zur Kasse gebeten wird. Ob al-
so der Achleitner-Hebel die „Big Bazoo-
ka“ ist, jene „Riesen-Panzerfaust“ also,
die nach Ansicht von Experten notwen-
digist, umdie Finanzmärkte zubeeindru-
cken, werden die Euro-Staaten einmal
mehr erst dann wissen, wenn die neue
Verteidigungslinie tatsächlich steht.
Das Bundesamt für Strahlenschutz teilt
Laser in vier Klassen ein: von den Lasern
zum Scannen der Ware an der Super-
marktkasse („unter vorhersehbaren Be-
dingungen sicher“) bis zu Showlasern
für die Bühne („immer gefährlich für das
Auge und die Haut“). Laserpointer fallen
zumeist in die zweite Kategorie: „Der di-
rekte Blickin denStrahl muss vermieden
werden.“ Anders als bei Lichtquellen
wie der Glühbirne streut der Laserpoin-
ter sein Licht nicht, sondern bündelt es
ineinemStrahl. Trifft dieser auf die Netz-
haut, kann er im schlimmsten Fall ein
Loch in die Sehsinneszellen brennen,
was zur Erblindung führen kann. Ur-
sprünglich war eine Warnung vor Laser-
pointern nicht nötig: Sie dienten Vortra-
genden als Unterstützung, wenn sie mit
dem Lichtpunkt auf Details ihrer an die
Wand geworfenen Präsentation hinwei-
sen wollten. Doch es häufen sich Nach-
richten, wie die kugelschreibergroßen
Pointer zweckentfremdet wurden. Ver-
gangenes Jahr meldeten 388 Piloten, sie
seien während ihres Fluges von Lasern
geblendet worden – eine Verdoppelung
gegenüber 2009. AuchFußballspieler kla-
gen häufiger über Laser-Attacken, so
wie beim Champions-League-Spiel am
Dienstagabend in Neapel: Als Mario Go-
mez zum Elfmeter antrat, flackerten
über sein Gesicht grüne Farben. Mög-
lich, dass in Stadien Laserpointer jen-
seits der Klasse zwei benutzt werden. De-
ren Handel ist europaweit illegal. stk
Immer abenteuerlicher wirken die Summen, die
Europa aufbietet, um die gemeinsame Währung
zu retten. Gerade erst hat der Bundestag einer
Aufstockung des Rettungsschirms EFSF auf 440
Milliarden Euro zugestimmt, nun wird bekannt:
Der Fonds soll dank eines sogenannten Hebels
mindestens 1 000 000 000 000 Euro mobilisieren
können – eine Billion als Botschaft für Finanzmärk-
te, dass Europa in der Schuldenkrise zusammen-
steht und sich die Spekulation gegen den Euro
nicht lohnt. Beim Krisengipfel in Brüssel soll der
Plan verabschiedet werden, verbunden mit der
Hoffnung, dass diese Billion auch wirklich reicht.
Von Cersti n Gammel i n
W
ennzwei Staatensichetwas ausden-
ken, heißt das noch lange nicht,
dass die 15 anderenzustimmen. Diese Re-
gel gilt für den Klub der 17 Länder, die
den Euro als Währung führen, schon im-
mer. In die Praxis übersetzt bedeutet sie,
dass es nicht reicht, wenn sich die beiden
Schwergewichte in der Währungsunion,
Frankreich und Deutschland, auf einen
Kompromiss einigen. „Das ist eine not-
wendige, aber keine hinreichende Vor-
aussetzung“, sagt einVertreter eines klei-
nen Euro-Landes. Natürlich müssen sich
Paris und Berlin verständigen, damit
überhaupt Beschlüsse im Kreise der 17
Länder gefasst werden können. Aber da-
nach „müssen 15 kleinere Länder davon
überzeugt werden, dass der deutsch-fran-
zösische Weg die richtige Richtung vor-
gibt“, sagt ein langjähriger Unter-
händler.
Die Dramatik der Krise hat nun auch
dazu geführt, dass immer mehr kleinere
Länder auf ihre – in der Theorie glei-
chen – Verhandlungsrechte pochen. Ge-
rade in den letzten Monaten sei es immer
schwieriger geworden, die anderen 15
von den Ideen des deutsch-französischen
Duos zuüberzeugen, sagt einUnterhänd-
ler inBrüssel. „Wennmannicht die Sensi-
bilitätender anderenLänder berücksich-
tigt, gerät man schnell in Schwierigkei-
ten“, fügt er hinzu. Wie etwa bei denVer-
handlungen um das Kleingedruckte
beim erweiterten Euro-Rettungsfonds
EFSF. Da hatten sich Paris und Berlin
längst grundsätzlich darauf geeinigt, die
auf 440 Milliarden Euro Kreditvolumen
begrenzten Mittel des Fonds effizienter
einsetzen zu wollen, konnten aber ihre
Partner zunächst nicht überzeugen mit
ihrer Idee zur Umsetzung.
Einige Länder plädierten dafür, dem
Fonds eine Banklizenz zu geben, andere
wollten ihn zu einer Art Versicherungs-
agentur ausbauen, wieder andere bevor-
zugteneine „kleine Lösung“, wonach der
Fonds nur die Differenz zwischen „er-
träglichen Risikoaufschlägen“ für neu
auszugebende Staatsanleihen und den
tatsächlichen Marktzinsen übernehme.
Inzwischen läuft es darauf hinaus, dass
sichdie Finanzminister der Euro-Länder
bei ihrenBeratungen amFreitag inBrüs-
sel auf die Versicherungslösung einigen,
die dann amSonntag auch die Chefs per-
sönlichauf ihremGipfel abnicken sollen.
Aber, das betonen die Unterhändler im-
mer wieder, „sicher ist nichts, bevor alle
17 unterschrieben haben“.
Selbst Länder, die nicht mit demEuro
zahlen, verfolgen misstrauisch die Ver-
handlungen im Klub der 17. Sie fürch-
ten, dass der Klub Beschlüsse fassen
könnte, die sichauf dengemeinsameneu-
ropäischen Binnenmarkt auswirken –
und dass ihnen dann keine andere Wahl
bleibt, als den Vorgaben zu folgen. Groß-
britannien versucht daher, sich in den
Verhandlungen über die Euro-Rettung
undeine engere wirtschaftspolitische Ko-
operation eine Art Vetorecht zu sichern;
manwill imNotfall Beschlüsse der 17blo-
ckieren, die sich auf den Binnenmarkt
der 27 auswirken, aber nicht im Sinne
der Briten sind. Länder wie Polen, die
den Euro in den nächsten Jahren einfüh-
ren wollen, verlangen schon jetzt mehr
Mitsprache im Klub der 17. Beschlüsse
wie der Euro-Rettungsfonds EFSF wirk-
ten sich schließlich über Jahre hinweg
auf nationale Haushalte aus, argumentie-
rendie Polen: „Wennwir indas gemeinsa-
me Haus Währungsunion einziehen sol-
len, müssen wir auch an der Innenarchi-
tektur mitarbeiten können.“
Wundersame Geldvermehrung
Eine Versicherung für den Euro: Wie der neue Kredithebel die Wirkung des Rettungsfonds verstärkt
Von Stefan Braun
und Cl aus Hul verschei dt
D
ie Spitze der Unionsfraktion ist ge-
kommen, um endlich mehr zu erfah-
ren. Sie will Details im Kampf gegen die
Euro-Krise. Also sitzt der Vorstand der
Fraktion am Dienstagmittag mit Wolf-
gangSchäuble zusammen. Wie ist die La-
ge? Was hat es mit den Hebel-Ideen zur
größeren Wirkung des Euro-Rettungs-
schirms auf sich? Überhaupt: Was muss
manvon den Leitlinienfür denRettungs-
schirm erwarten, die diese Woche von
der EU-Kommission vorgelegt werden?
Fragen sind das, die imParlament und
in der schwarz-gelben Koalition alle
brennend interessieren. Und was macht
der Finanzminister? Er erklärt allge-
mein, dass alle Banken „hebeln“ wür-
den, umGewinne zu machen. So gesehen
sei das Hebeln etwas ganz Normales.
Dann erläutert er, dass die Pläne, mit zu-
sätzlichem Geld der EZB zu hebeln, vom
Tisch seien. Schließlich deutet er noch
an, dass es aber natürlich Modelle gebe,
die man zum Hebeln anwenden könnte.
Auf Fragen von Abgeordneten, welche
das sein könnten, hüllt sich Schäuble in
Schweigen. Der Minister, wie er leibt
undlebt. Er redet leise über mögliche Va-
rianten. Aber er nennt keine Fakten –
und bleibt so unkonkret, dass niemand
behaupten könnte, er wisse, was kommt
und was Schäuble genau vorhat.
Warum er das macht? Das ist gerade
jetzt wieder die große Frage. Und jene,
die es gut meinen mit dem Erfahrensten
im Kabinett von Angela Merkel, nennen
vor allem ein Motiv, das dem zugrunde
liegen würde: Schäuble wolle absolut al-
les vermeiden, was den Bundestag, die
Partner in Europa oder die Finanzmärk-
te verunsichern, verärgern, aufputschen
könnte. Also verwendet er selbst in den
inneren Zirkeln der Regierung nur Wor-
te, die ungefährlich bleiben. Sollte von
Schäubles Worten dennoch eines nach
außen dringen, dürfe das weder im Bun-
destag noch bei denPartnern oder an den
Finanzmärktenheftige Reaktionenauslö-
sen. Schäubles Leben ist ein Leben im
Glashaus. Deshalbmager nicht einenein-
zigen Stein in die Hand nehmen.
Das ist die Interpretation der Wohl-
gesonnenen, die Schäubles verzwickte
Lage als Erklärung heranziehen. Kriti-
ker sehen das anders; Kritiker, die auch
in der CSU oder der FDP sitzen, also der
eigenen Koalition angehören. Sie ärgern
sich über Schäubles besondere Speziali-
tät – seine Andeutungspolitik. Sie halten
das für intransparent und gefährlich.
Und sie fühlen sich ausgeschlossen – was
sie ammeistenärgert. So ist inder zentra-
len Aufgabe der Regierung eine Vertrau-
enskrise entstanden. Und das auch noch,
ohne dass Schäubles Kampf gegen Spe-
kulationen wirklich erfolgreich wäre.
Denn obwohl (oder weil) er auch am
Dienstag nur Andeutungen macht, ent-
stehen im Strudel der Interpretations-
möglichkeiten wilde Spekulationen.
So meldet eine Zeitung prompt,
Schäuble habe einer Hebelung des Ret-
tungsschirms bis zu einer Höhe von einer
Billion Euro das Wort geredet. Eine Mel-
dung, die von der Unionsfraktion sofort
dementiert wird. Die Zahl aber ist in der
Welt, die Fraktionsführung fragt bei al-
len Abgeordneten nach, ob Schäuble so
etwas in einem Zwiegespräch am Rande
gesagt haben könnte – und in der Öffent-
lichkeit wird spekuliert, für welche Not-
fälle (Italien, gar Frankreich?) hinter den
Kulissen ein Schirm gebastelt werde.
Schäubles Vorsicht ist so verständlich
wie gefährlich: Schon der kleinste Feh-
ler, die kleinste Andeutung zumfalschen
Zeitpunkt kann dramatische Folgen ha-
ben. Gleichzeitig könnten klare Sätze
manchmal mehr Sicherheit geben.
Schäuble hat’s schwer in diesen Zeiten.
Und Schäuble ist schwer zu verstehen
für seine eigenen Leute.
Das aktuellste Problem in diesem Zu-
sammenhang – die Spekulationen um ei-
ne Hebelung des Euro-Rettungs-
schirms – hat seinen Anfang in der US-
Hauptstadt Washington genommen. Am
Nachmittag des 24. Septembers, einem
Samstag, sitzt Wolfgang Schäuble in ei-
nemSaal des InternationalenWährungs-
fonds und müht sich, mit möglichst vie-
lenWortenmöglichst wenig zusagen. Ne-
benihmhat Jens WeidmannPlatz genom-
men, jener jugendlich wirkende Top-
Beamte, der noch vor kurzem Angela
Merkel als Wirtschaftsberater diente,
nun aber als Bundesbankpräsident
gleichberechtigt auf Fragen der Journa-
listen antwortet. Schäuble macht das zu
schaffen – vor allem auch deshalb, weil
Weidmann im Gegensatz zu ihm Klar-
text redet: Jede Form der Hebelung, bei
der die Europäische Zentralbankoder na-
tionale Notenbanken die Zeche zahlen
müssten, sei mit ihm nicht zu machen.
Die Klarheit provoziert Nachfragen
an den deutschen Minister. Alle wollen
wissen, warum er nicht eingestehen wol-
le, dass über eine Hebelung zumindest
diskutiert werde – wo doch Weidmann,
EU-Währungskommissar Olli Rehn, US-
Finanzminister Timothy Geithner und
dessen französischer Kollege François
Baroin längst drüber reden würden?
Schäuble windet sich, will schweigen
und verschlossen bleiben. Schließlich
sagt er auf die Frage, ob er eine Auswei-
tung des Rettungsfonds EFSF auf Kos-
ten der EZB für denkbar halte: „Es gibt
andere Formen der Hebelung.“
Eigentlich ist das ein typischer
Schäuble. Keine Bestätigung, kein kla-
res Nein, aber einSpielraumfür Spekula-
tionen. Und damit löst er aus, was er ver-
meiden wollte: dass unmittelbar vor dem
29. September, demTag, andemder Bun-
destag über die Erweiterung des Ret-
tungsschirms abstimmt, eine heftige De-
batte losbricht, ob der Rettungsschirm
nicht schon längst wieder zu klein ist.
Immerhin ist es diese Debatte, die
Schäuble wenigstens einmal zwingt, kon-
kret zu werden. Als er vor der Abstim-
mung im Plenum redet, sagt er über den
deutschenGarantierahmenvon211 Milli-
arden Euro, dieser werde „nicht erhöht“
und stehe „nicht zur Debatte“.
Sehr klar klingt das – und gilt dann
doch nur einige Minuten. Denn wenige
Sätze später sagt Schäuble den Satz der
Sätze: „Niemand weiß, was die Zukunft
bringt; das ist immer so gewesen.“ Es ist
der Satz, der ihm alles wieder öffnet.
Ein Hebel soll den Euro retten Aktuelles Lexikon
Laserpointer
Der Hebel gilt in der Finanzindustrie als Mittel, um aus viel Geld über Nacht noch viel mehr Geld zu machen. Nun greifen auch die Euro-Länder zu dem Instrument. Don Farrall/Getty Images
Unruhe im
Klub der 17
Berlin und Paris sind vielen zu stark
Meister der Andeutung
Keine Bestätigung, kein klares Nein, keine Fakten: Wolfgang Schäuble bleibt in diesen Wochen vage – und löst damit immer wieder Spekulationen aus
Seite 2 / Süddeutsche Zeitung Nr. 242 HF2 Donnerstag, 20. Oktober 2011
THEMA DES TAGES
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ZEITUNG, GLP, POBox 9868, Englewood, NJ 07631.
In der Euro-Krise hat es Finanzminister Wolfgang Schäuble schwer: Jedes Wort
könnte die Finanzmärkte in Panik versetzen. Foto: Hans-Christian Plambeck/laif
„Sicher ist nichts,
bevor alle
unterschrieben haben.“
Von Hol ger Gertz
München – Einen Kosenamen kriegt
man nicht geschenkt, man muss die
Zuneigung der Leute erobern, erst dann
nennen sie einen beim Kosenamen.
Etwas muss sich behaglich anfühlen,
warm. Cosy, sagen die Engländer. Kein
vernünftiger Mensch würde Jörg Pilawa
einen Kosenamen geben. Hans-Joachim
Kuhlenkampff dagegen nannten alle
Kuli, Fuchsberger ist Blacky, es gab
Schimmi und Loki. Wem sich der Deut-
sche nahe fühlt, den adelt er mit einem i.
Oder mit einem y. Michael Herbig wird
nur noch von seiner Mutter Michael ge-
nannt. Alle anderen sagen Bully. Der
Bully. Es klingt, als würde man sich
schon ewig kennen.
Man hat etwas gewonnen, wenn die
ganze Welt Bully zu einemsagt. Aber so-
bald man etwas gewonnen hat, hat man
immer auch etwas zu verlieren.
Michael Bully Herbig sitzt in seinem
Büro in den Bavaria-Filmstudios drau-
ßen in Grünwald, Jeans, schwarzes
Shirt, die übliche unauffällige Bully-
Kluft. Er ist ein ziemlich kleiner Mann,
auch wenn er imMittelpunkt steht, sieht
es immer so aus, als wäre er zufällig vor-
beigekommen. Es ist ein warmer Tag im
September, gerade haben sie seinen neu-
en Film, „Hotel Lux“, zum ersten Mal
halböffentlich gezeigt, vor einer Hand-
voll Journalisten. Herbig, der Hauptdar-
steller, hat selbst mit im Vorführraum
gesessen, aber der Film war noch nicht
perfekt gemischt, der Feinschliff fehlte.
Es war wie Folter für ihn, „ich würde
dann am liebsten reinrufen: Hier kommt
das noch! Hier müsst ihr euch das vor-
stellen! Ist gerade die falsche Musik übri-
gens!“ Vor dem Abspann ist er raus, um
die anderen beobachten zu können,
wenn sie aus dem Film kommen. Wenn
alle gleich zur Toilette rennen, bedeutet
das: Sie haben es sich während der Vor-
führung verkniffen, dann war es ein gu-
ter Film, der einen Sog entwickelt hat.
Was stand in den Gesichtern?
Erstaunen, sagt Herbig. Erstaunen ist
keinschlechtes Zeichen. „Das Schlimms-
te ist ja, wenn sie rauskommen, und auf
ihrem Gesicht steht: War ganz nett.
Meine Frau sagt immer: Ganz nett ist
der kleine Bruder von Scheiße.“
Michael Bully Herbig ist Regisseur,
Autor, Schauspieler. Er hat kleine Sa-
chen fürs Radio gemacht, größere fürs
Fernsehen, noch größere fürs Kino. „Der
Schuh des Manitu“, „(T)Raumschiff
Surprise“, „Lissi und der wilde Kaiser“,
„Wickie und die starken Männer“. Allei-
ne „Schuh des Manitu“ – Herbig spielte
darin einen heterosexuellen und einen
homosexuellen Apachen – haben zwölf
Millionen Menschen gesehen, es ist der
erfolgreichste deutsche Film. Das
(T)Raumschiff hatte fast zehn Millionen
Zuschauer, in dem spielte Herbig einen
homosexuellen Vulkanier, der Mr.
Spuck heißt. Alles zusammengerechnet
hat er 30 Millionen Menschen ins Kino
geholt, die Zuschauer wollten die Filme
sehen, aber vor allem: ihn.
Nach dem „Schuh des Manitu“ gab es
eine Zeit, in der er nur noch verkleidet
aus dem Haus gehen konnte. Er hat zwi-
schendurch wieder kleinere Sachen ge-
macht, im „Brandner Kaspar“ von Vils-
maier war er der Boandlkramer. Dafür
bekam er den Bambi. Die Liste seiner
Auszeichnungen bei Wikipedia ist so
lang wie bei anderendie gesamte Biogra-
phie nicht, zuletzt hat er den Karl-Valen-
tin-Orden bekommen, den haben vor
ihm Gottschalk und Adorf gekriegt,
allerdings auch Möllemann und Kardi-
nal Ratzinger.
Was macht man eigentlich, wenn man
längst fertig ist, aber da ist noch jede
Menge Leben übrig?
Für die Fans, die jeden Dialog in sei-
nen Filmen mitsprechen können, ist das
keine Frage. Bei YouTube stellen sie Ma-
nitu-Schnipsel ein und schreiben „Bitte
macht einen zweiten Teil!“ in die Kom-
mentarspalte. Sie wollen mehr von dem,
was sie kennen, wie einen Nachschlag in
der Kantine. Sie schreiben nicht: Mach
doch mal was anderes, Bully. Spiel einen
deutschen Komiker und Stalin-Parodis-
ten, der einen Hitler-Witz zu viel macht.
Wer 30 Millionen ins Kino holt, ist
einer für alle, aber in diesem Film hat
Herbig nicht mitgespielt, um dem
Wunsch der Masse zu folgen. Es war sein
eigener Wunsch, diesmal ein anderer zu
sein. Die Frage ist: Folgt ihm die Masse?
Und wenn nicht, wird es dann wehtun?
Herbig sucht manchmal nach der Nische
zwischen Ja und Nein, er sagt: „Was du
machst, machst du ja fürs Publikum,
und da wird man doch lieber von diesem
Publikum geliebt als in die Tonne
gekloppt.“ Harald Schmidt könnte ein
trauriges Lied davon singen. Der wollte
stets von den Massen statt von den Kriti-
kern geliebt werden – was nie klappte,
und heute weniger klappt denn je.
In „Hotel Lux“ ist Herbig nun Hans
Zeisig, ein deutscher Komiker und Sta-
lin-Parodist, der einen Hitler-Witz zu
viel macht. Er muss abhauen, ins Hotel
Lux. In der Wirklichkeit war dieses
Haus in Moskau Zufluchtsort für exilier-
te Kommunisten und Falle zugleich.
Wehner, Ulbricht, Tito lebten vorüberge-
hend hier. Wer im Lux gestrandet war,
denunzierte oder wurde denunziert; lau-
erte oder wurde belauert. Nachts kamen
Stalins Säuberungskommandos.
Der Film ist eine Verwechslungs-
geschichte, ein Abenteuer. ImHotel Lux
hält man Zeisig für den Leibastrologen
Adolf Hitlers, und er lernt, was es heißt,
um sein Leben zu spielen. Das erste
Drehbuch las sich so, als sollte der Film
ein reines Drama werden. Herbig rief
bei Günter Rohrbach an, demProduzen-
ten, um ihm abzusagen. Das war ihm
alles zu duster. Rohrbach ist einer der
wichtigen Männer bei der Constantin-
Film, vor allem ist er Bully-Fan. Er ant-
wortete: „Sie sagen nicht ab!“ Sie ran-
gen miteinander, am Ende verfügte
Rohrbach: „Einigen wir uns darauf,
dass Sie nicht zusagen.“
Leander Haußmann, der Regisseur,
schrieb das Drehbuch um, es ist jetzt
leichter. Keine Tragödie. Keine Komö-
die. Irgendwie auch keine Tragikomö-
die. Vielleicht eine Tramödie, wenn es so
was gibt. Ulbricht sitzt im Hotel Lux an
einem Tisch, er bereitet sich auf die gro-
ßen Aufgaben der Zukunft vor, aus
Zuckerstückchen baut er eine Mauer.
„Die Leute brauchen zehn Minuten, bis
sie es begriffen haben, und dann lassen
sie sich auchdrauf ein“, sagt Herbig. We-
nigstens hofft er, dass das so sein wird.
Irgendwo stand, dieser Film wäre
seine größte Herausforderung. Er mag
das Wort Herausforderung nicht, „weil
das so ambitioniert klingt“.
„Hotel Lux“ ist ein spannender Film,
man taucht ein in diese Zeit, die Todes-
nähe ist spürbar, aber auch dieser rätsel-
hafte Hang der Menschen, in größter Ge-
fahr zu kleinen Komödianten zu wer-
den. Herbig spielt den Zeisig so, dass ge-
legentlich Bully rausschaut, manchmal
sieht man einfach einem talentierten
Schauspieler zu, der einembekannt vor-
kommt. Der Film ist eine Herausforde-
rung für das Bully-Stammpublikum.
Gagzähler, Schenkelklopfer, Männer im
Podolski-Fantrikot, Fans von tuntigen
Indianernkönnten imKino sitzen, so ver-
loren, als würden sie einen alten Freund
treffen, der plötzlich in einer fremden
Sprache zu ihnen spricht.
Bei den Dreharbeiten standen viele
Komparsen rum, irgendwann sagte der
Regieassistent zu Herbig: Schau dir den
da hinten an, der hat den ganzen Tag
noch nicht einmal gelacht, der hasst uns
wahrscheinlich. „Da sage ich: Jede Wet-
te, ich brauch keine zehn Sekunden.
Und dann bin ich hin, und nach fünf
Sekunden hatte ich ihn zum Lachen ge-
bracht.“ Es ging irgendwie um Bärte,
welcher den dickeren hat oder so, genau
weiß Herbig es auch nicht mehr, der zu
dem Zeitpunkt ein ausgesprochen
dünnes Zirkusdirektorenbärtchen trug.
Leicht schwüle Bartwitze funktionieren
meistens. Aber im Film kommt die Sze-
ne ja nicht vor.
Bully Herbig hat mit der „Bullypara-
de“ im Fernsehen aufgehört, als sie gra-
de gut lief, er hat keine Fortsetzung vom
„Schuh des Manitu“ gedreht, er hat aus
Sissi einen Animationsfilm gemacht. Er
kennt sich mit Bildern so gut aus, dass er
weiß: Wenn nie was umgehängt wird,
hat man sich am schönsten Gemälde
irgendwann sattgesehen.
Eine Rolle ist eine Rolle, aber eine Rol-
le hat immer auch etwas zu tun mit dem,
der sie spielt. In „Hotel Lux“ gibt es eine
Szene, in der die schöne Widerstands-
kämpferin Frida van Oorten, gespielt
von Thekla Reuten, zu Hans Zeisig sagt:
„Sie sind nur ein harmloser Clown.“ Es
klingt, als spräche sie ein bisschen auch
zu dem Mann, den alle Bully nennen.
Er lacht jetzt leise. Kann man so ver-
stehen, klar. „Es gab noch einen Satz,
Zeisigs Antwort: „Harmlos ist in diesen
Zeiten ein großer Luxus.“ Der ist gestri-
chen worden, aber der Film ist ja noch
nicht ganz fertig. Herbig will „mal se-
hen, ob ich den wieder reinkriege“.
Er muss noch rüber in sein Museum,
ein Fernsehteam will da mit ihm einige
Einstellungen fürs Nachmittagspro-
gramm drehen. Das Bully-Museum auf
dem Bavaria-Gelände hat vor kurzem
eröffnet, da gibt es Themeninseln, viel
Unterhaltungselektronik, die Zuschau-
er können das Schlossgespenst Hui Buh
befragen – das Schlossgespenst ist im-
stande, tatsächlich zu antworten. Auch
die Glaskästen für das Kleinzeug, das im
Leben so hängenbleibt, waren schnell
gefüllt, Herbig ist der Typ Mann, der
nichts wegwerfen kann. Die Beipackzet-
tel aus den Überraschungseiern nicht,
auch nicht die Strahlenschutz-Unter-
hose aus dem(T)Raumschiff und die Sta-
lin-Autogrammkarten aus dem „Hotel
Lux“. Bullyversum heißt dieser Ort,
denn Bully ist zwar ein Kosename, aber
auch ein Qualitätsbegriff, eine Marke.
Da sind auch die Requisiten seines
Lebens: Die Schlumpfsammlung. Die
Schulhefte. Die Kinderfotos mit dem
kleinen Jungen in der Badewanne, der
sich einen Vollbart aus Schaum unters
Kinn hält. Gefühlt müssten die Bilder
aus der Schwarz-Weiß-Zeit sein, so lan-
ge scheint es ihn zu geben, aber sie stam-
men aus der Polaroid-Ära. Er ist erst 43
Jahre alt – und schon historisiert.
Herbig ist bei seiner Mutter aufge-
wachsen, sie sind ein paarmal umgezo-
gen, er musste sich in neuen Schulen an
neue Mitschüler gewöhnen. Wenn er an
die Tafel gerufen wurde, schoss ihm das
Blut in den Kopf. „Es machte Wupp“,
dann war das Gesicht knallrot. Er hat ir-
gendwann mitbekommen, dass man die
Leute kriegt, wenn man sie zum Lachen
bringt. Er ist an der Filmhochschule ab-
gelehnt worden, also hat er weiter Filme
gesehen, Filmbücher gelesen, vieles aus-
probiert, vieles verworfen. Herbig war
elf, als er mit seinemerstenZeichentrick-
film anfing. Er zeichnete 23 Bilder, es
dauerte fast zwei Wochen, aber für eine
Sekunde Film braucht man 24 Bilder.
Da hörte er auf. Die Filzstifte waren leer-
gemalt. Seine Filmemacherkarriere war
nicht beendet. Sie ruhte nur.
Im Museum sieht man, warum er es so
weit gebracht hat. Da ist der Klappstuhl
aus dem „Schuh des Manitu“, die Scho-
schonen haben ja keine Streitaxt, die sie
ausgraben können. Also graben sie den
Klappstuhl aus, er steht bald als Rauch-
zeichen am Himmel.
„Sie haben den Klappstuhl ausgegra-
ben“, sagt Bully Herbig, als Abahachi,
und Christian Tramitz als Ranger sagt:
„Jetzt drehn’s völlig durch, oder?“
Man muss verrückt sein, um auf so
was zu kommen. Man muss ein Gefühl
für Menschen haben, um einen schmier-
haarigen Schauspieler wie Sky du Mont
zu recyceln. Man muss, mit echter Liebe,
jede Figur entwickeln, jedes Kostüment-
werfen, jeden Dialog so trimmen, dass
das Timing stimmt. Was geht gerade
noch, was tut schon weh? Man muss die-
ses abgedrehte Zeug, das einem eigent-
lich nur bekifft oder besoffen einfallen
kann, nüchtern zum Buch werden las-
sen, dann zum Film. Einen schwulen In-
dianer erfinden, der Winnetouch heißt,
Zither spielt und auf der zum Beauty-
salon umgebauten Puder-Rosa-Ranch
lebt? Man muss verrückt sein, um auf so
was zu kommen, verrückt und, ja, auch
ziemlich inspiriert.
Ein Tag imOktober, es ist wieder ziem-
lich warm, Bully Herbig sitzt draußen in
Grünwald auf einer Bank vor den Ton-
studios, Jeans, kariertes Hemd, er sieht
etwas müde aus, seine Stimme ist rau.
Regisseur Haußmann sitzt auf der Bank
gegenüber, sein Haar ist zerstrubbelt,
Augenringe hinter der Eulenbrille, seine
Stimme ist rauer. Die Promotour für
„Hotel Lux“ war ziemlich anstrengend.
Sie haben die Pressevorführungen hin-
ter sich und die Gespräche mit den Jour-
nalisten. Seine Stimmung? Herbig über-
legt, dann sagt er: „Ich nenn es mal er-
leichtert. Jetzt nicht grad euphorisch,
aber erleichtert.“
Er hat gegoogelt, was geschrieben
worden ist: soweit okay. Einmal war es
schwierig, es ging um Zeisig, den ja alle
für einen Wahrsager halten. „Da fragt
mich eine Journalistin: Können Sie
selbst auch wahrsagen? Und ich hab
mich dazu verleiten lassen zu sagen,
dass wir früher mal, vor 20 Jahren im
Radio, das Tageshoroskop auch ein-,
zweimal selbst erfunden haben.“
Was aus seiner Antwort gemacht wur-
de, hat ihn enttäuscht. Er ist nicht Regis-
seur des Films, er ist der Hauptdarstel-
ler, aber auch der Hauptdarsteller hat
ein Verhältnis zu seinem Film, er vertei-
digt ihn gegen die oberflächliche Sicht
der Leute. „Es geht um das Hotel Lux,
umGeschichte, umdie Frage: Kann man
daraus eine Komödie machen? Und als
Headline bleibt dann übrig: Bully war
früher Wahrsager.“
In einer Woche startet „Hotel Lux“,
von da an werden die Zuschauer ge-
zählt, so und so viel amersten Wochenen-
de. Wenn Herbig den zweiten Teil von
Manitu gedreht hätte, würden sich die
Leute das Wochenende jetzt schon frei-
halten, bei „Hotel Lux“ kann das nie-
mand garantieren. Die Unsicherheit ist
ein Element jedes Wagnisses.
„Sie sind nur ein harmloser Clown“,
sagt die schöne Frau zu Zeisig, also zu
Herbig. Die Antwort hat er tatsächlich
wieder in den Film geschmuggelt, leicht
abgewandelt: „Harmlos ist in dieser Zeit
durchaus ein Kompliment.“ Bully Her-
big grinst. Er zieht jungenhaft die Nase
kraus, wenn ihm was Witziges eingefal-
lenist. Da gibt es amEnde doch eine Ver-
bindung zwischen Winnetouch und Mr.
Spuck und dem Boandlkramer und
Hans Zeisig. Ihre Liebenswürdigkeit.
Die Wärme der Figuren, die natürlich
die Wärme von Herbig ist. Er kriegt
nochimmer hin, dass seine Professionali-
tät sich angenehm unprofessionell
anfühlt. Gerade war er bei „Wetten,
dass . . . ?“, er hatte das Pech, dass die
Sängerin Sarah Connor dicht bei ihm
saß, die Sängerin Joss Stone dagegen ein
Stückchen weit weg. Es war noch eine
weitere Sängerin da, eine mit großen
Zähnen. Und Peter Maffay. Und Mister
Bean. Das Sofa ist riesig, aber Herbig
schien immer weiter an den Rand ge-
drückt zu werden.
Nach demZeisig wird er den Reporter
Zettl spielen, in der Fortsetzung von
„Kir Royal“, der Film kommt im nächs-
ten Jahr, Regie Helmut Dietl. Herbig
wird der neue Baby Schimmerlos sein.
Man formuliert einen Anspruch an sich
selbst, allein durch die Wahl seiner Rol-
len. Irgendwann sagt Bully Herbig, er
sagt es eher beiläufig: „Natürlich ist es
Quatsch zu sagen: Was im Feuilleton
steht, ist egal. Natürlich interessiert es
mich, was die schreiben, und es ist
manchmal wie eine battle – ich will
wissen, ob ich sie kriege.“
Im Bullyversum liegt hinter Glas ein
Fußballtrikot, mit einem Werbeauf-
druck des FC Bayern. „Wir sind die Bul-
len“ war deren Slogan in den Achtzi-
gern, er hat dieses Hemd getragen, und
weil in Herbigs Fußballmannschaft vie-
le Michaels unterwegs waren, brauchte
jeder einen Spitznamen, so wurde Bully
aus ihm. Es liegt noch ein anderes Trikot
da, Paul Breitner hat es ihm geschenkt.
Herbigs (T)Raumschiff ist ja im weite-
ren Sinne eine Zeitreise, bei den Presse-
konferenzen damals war er gefragt wor-
den, wohin seine Lieblingszeitreise ihn
führen würde, er hatte gesagt: zum Mit-
telpunkt der Welt, ins Münchner Olym-
piastadion, Fußball-WM 1974, Endspiel
gegen Holland, der Schiedsrichter pfeift
Elfmeter, und er, Bully Herbig, zieht
sich Breitners Trikot an und setzt sich
die schwarze Lockenperücke auf und
haut den Ball rein. Ein Jugendtraum.
Paul Breitner hatte es gehört, er fand
es rührend, dass jemand davon träumte,
er zu sein. Breitner rief bei Herbigs
Managerin an: Er hätte da ein Geschenk,
wohin er es schicken könne. Kommen
Sie doch vorbei, sagte die Managerin,
Herbig wusste nichts davon. Irgend-
wann stand Breitner in seinemBüro, das
Trikot in der Hand, Herbig spürte, wie
ihm das Blut in den Kopf schoss, es war
wie früher. Wupp! „Ich spring auf, renn
auf ihn zu und sage: Hallo Herr Breitner,
noch mal Glückwunsch zu ’74.“
Sie sind dann noch was trinken gegan-
gen, und Breitner hat ihm die Geschich-
te von dem Elfmeter damals erzählt. Ei-
gentlichwar er als Schütze gar nicht vor-
gesehen gewesen, er hatte sich den Ball
einfach geschnappt, ihn auf den Kreide-
punkt gelegt. Er hatte – fast wie jetzt
Herbig – mehr zu verlieren als zu gewin-
nen, aber das Gewicht des Augenblicks
war ihm nicht bewusst, als er anlief,
alles geschah wie in Trance.
Paul Breitner schoss den Ball ins Tor
im Sommer ’74. Erst am nächsten Tag,
als er die Szene im Fernsehen sah, wur-
de ihm kotzübel, der Schweiß glänzte
auf der Stirn. Er war Weltmeister, genau-
so gut hätte er ein Clown sein können.
Was eben passieren kann mit einem
Mann, der etwas wagt.
Was bin ich?
Michael „Bully“ Herbig ist der erfolgreichste Entertainer Deutschlands. In den Bavaria-Studios hat er sogar einen eigenen Themenpark.
Dabei unterläuft der Münchner immer wieder die Erwartungen. Und jetzt werden seine Fans im Kino ihr blaues Wunder erleben.
30 Millionen sahen seine Filme:
Und das ist am Ende die
Währung, die zählt im Betrieb.
Ein harmloser Clown? Im Film
sagt er: „Harmlos ist in dieser
Zeit durchaus ein Kompliment.“
Michael Herbig, 43. Sein Trick: Größte Genauigkeit bei der Arbeit, dabei wirken, als schaue man nur zufällig zur Tür rein. Foto: Dieter Mayr/herbX film
Du musst dich entscheiden,
wie Paul Breitner 1974: Bist du
der Narr oder der Weltmeister?
Donnerstag, 20. Oktober 2011 HF2 Süddeutsche Zeitung Nr. 242 / Seite 3
DIE SEITE DREI
S
ie kennen sich seit Studienzeiten,
als sie in Amerika ein College-Zim-
mer teilten: Der sozialistische Pre-
mier Giorgos Papandreou und der kon-
servative Oppositionsführer Antonis Sa-
maras. Aber sie kommen einander nicht
näher. AmDienstagabend trafen sich die
ungleichen Zwillinge der griechischen
Politik wieder einmal. Es soll laut zuge-
gangen sein. Zuvor gab es Gerüchte, Pa-
pandreou werde in seiner Not dem Riva-
len eine Koalition anbieten – wie schon
imJuni. Damals hatte der 60-jährige Sa-
maras seinemehemaligen Studienfreund
bereits einen Korb gegeben. Nun spotte-
te er nach der Begegnung öffentlich über
den Premier, dem bei der Abstimmung
am Donnerstag über das aktuelle drasti-
sche Sparpaket imParlament eine Zitter-
partie droht: „Ich habe nichts zu bereden
mit jemandem, der inPanikist undjeder-
mann beleidigt.“
Antonis Samaras gibt sich selbstbe-
wusst, seine Partei Nea Dimokratia (ND)
fordert bereits Neuwahlen. Umfragenge-
ben ihr einen immer deutlicheren Vor-
sprung vor den Pasok-Sozialisten – aber
keine Mehrheit für eine Alleinregierung.
Samaras sieht sichdennochschonals Pre-
mier. Der Mann mit demexakten Seiten-
scheitel im leicht ergrauten Haar hatte
nach seiner Wahl zum Parteichef im No-
vember 2009 versprochen, das Profil der
Konservativen zu schärfen. Kurz zuvor
hatte die ND die Macht in Athen wieder
einmal an die Pasok abgeben müssen.
Griechenland war da schon von der
Schuldenkrise gezeichnet, und Samaras-
Vorgänger Kostas Karamanlis hatte we-
nig Lust zum Weiterregieren gezeigt.
Das war die Stunde für denWiederauf-
stieg des Antonis Samaras. Der hatte sei-
ne Partei vor 20 Jahren in eine heftige
Krise gestürzt und sie 1992 sogar verlas-
sen. Als Außenminister schürte er da-
mals imStreit umden Namen Mazedoni-
en für die benachbarte Balkan-Republik
die nationale Hysterie. Als Samaras ver-
langte, die Grenzen zum Nachbarn zu
schließen, wurde er vom konservativen
Regierungschef Konstantinos Mitsotakis
als Minister entlassen. Die ND verlor
bald darauf die Macht und brauchte ein
Jahrzehnt, um sie wieder zu erlangen.
Samaras gründete in der Zwischenzeit
die nationalistische Partei „Politischer
Frühling“, die nur einen kurzen Höhen-
flug erlebte. Vor der Parlamentswahl
2004 bat er bei der ND wieder um Ein-
lass, wurde Europaabgeordneter, 2007
zog er in Athen ins Parlament ein, 2009
war er zehn Monate lang Kultusminister.
SeinAufstieg zumND-Chef überrasch-
te undzeigte, dass inder griechischenPo-
litik Familienfehden eine große Rolle
spielen: Samaras fand seine Unterstüt-
zer im rechten Lager der ND und setzte
sichso in einer Kampfabstimmung gegen
die liberale, deutlichprominentere Athe-
ner Ex-Bürgermeisterin Dora Bakoyan-
ni durch – die Tochter von Mitsotakis,
dessen Sturz als Premier er einst mither-
beigeführt hatte. Bakoyanni hat er inzwi-
schen aus der ND ausschließen lassen.
Samaras selbst stammt aus einer begü-
terten Familie. Er war griechischer Ju-
gend-Tennismeister, inden USAstudier-
te er Ökonomie. Europäische christdemo-
kratische Parteichefs haben zuletzt ver-
sucht, Samaras zu mehr Kompromissbe-
reitschaft zu bewegen. Sie blitzten ab –
wie Papandreou. Christiane Schlötzer
Fatale Entscheidung
Den Gefangenenaustausch in Nahost beur-
teilt die spanische Zeitung El Mundo (Ma-
drid) skeptisch:
„Die Freilassung des israelischen Sol-
daten Gilad Schalit im Austausch gegen
mehr als 1000 Palästinenser entfacht ei-
ne neue Debatte über den Kampf gegen
den Terrorismus. (. . .) Mit dem Gefange-
nenaustausch verlieh Israel der Hamas
den Status eines Verhandlungspartners.
Vonnunanwird es schwerer sein, die Or-
ganisationals eine terroristische Vereini-
gung zu präsentieren. Es ist ein Fehler,
Terroristenmit einemRechtsstaat auf ei-
ne Stufe zu stellen.“
Die polnische Tageszeitung Gazeta Wyborc-
za (Warschau) schreibt zum selben Thema:
„Die radikalislamische Hamas hat den
Palästinensern bewiesen, dass sie – an-
ders als Präsident Mahmud Abbas – Wir-
kung erzielt. (. . .) Gewonnenhat auchMi-
nisterpräsident Netanjahu, der endlich
einen Erfolg vermelden kann. Alle ande-
ren, künftige Opfer des palästinensi-
schen Terrors und der israelischen Reak-
tionenauf die Terroranschläge, geschwei-
ge denn die Anhänger der Gerechtigkeit,
können bei diesem Gefangenenaus-
tausch nur verlieren.“
Urteil gegen das Leben
Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs,
wonach menschliche embryonale Stammzel-
len nicht für die Forschung patentiert und
vermarktet werden dürfen, kritisiert die
Frankfurter Rundschau:
„Die Resultate dieser Grundlagenfor-
schung in neue Medikamente und Thera-
pien umzumünzen, dürfte nach dem Lu-
xemburger Urteil in Europa schwierig
werden. Patienten und Politiker fordern
zu Recht, dass neue Erkenntnisse schnell
den Kranken zugutekommen. Aber ohne
Patentschutz, der die zeitlich begrenzte
exklusive Verwertung sichert, wird kein
Investor die hohen Entwicklungskosten
auf sich nehmen wollen.“
Der Berliner Tagesspiegel hält die Entschei-
dung für den Ausdruck einer regulierungs-
wütigen Eurokratie:
„Der Luxemburger Richterspruch ist
keinUrteil für, sonderngegen das Leben.
Er ist ein schwerer Schlag nicht nur für
die medizinische Forschung in Europa,
sondern auch für schwer kranke Patien-
ten. Viele vonihnensetzenihre Hoffnung
auf Therapien aus Stammzellen.“
Von Kai Stri ttmatter
Die Zeit der Hoffnung scheint vorbei
zwischen Türken und Kurden. Die Tür-
kei wird von ihren Versäumnissen einge-
holt. Warum der Anschlag vom Mitt-
woch? Es wirdspekuliert über Fraktions-
kämpfe innerhalbder KurdischenArbei-
terpartei PKK. Vertreter des Rebellen-
trupps hatten sich noch vor kurzem im-
merhinzuGeheimgesprächenmit der Re-
gierung getroffen. Der tödliche Anschlag
aber ist nur der letzte blutige Beleg für ei-
nen traurigen Verdacht: Am Steuer sit-
zen wieder einmal diejenigen, die keinen
Friedenwünschen. Die PKKmordet wie-
der.
Und die türkische Regierung? Sie
spielt eben diesen Leuten in die Hand.
Der Präsident schwört „gewaltige Ra-
che“, der Premierminister äußert sich
schon seit Monaten martialisch. Nun be-
ruft er sich auf die „heiligen Seelen der
gefallenen Märtyrer“ und schickt seine
Soldaten zur PKK-Verfolgung über die
Grenze ins Nachbarland Irak. Die Spra-
che des Krieges und der Rache droht das
Redenüber FriedenundReformenzuver-
drängen. Und weil in der Türkei schnell
vergessenwirdundnationalistische Emo-
tionengerne hochkochen, mag die Rheto-
rik innenpolitisch kurzfristig ankom-
men. Tatsächlich aber verbirgt sich da-
hinter Hilflosigkeit.
Fast drei Jahrzehnte lang hält der
Kampf zwischen PKK und Armee nun
schon an, und heute – fünf Präsidenten,
acht Premierminister und neun General-
stabschefs später – droht die Türkei wie-
der einmal dort hineinzugeraten, wo sie
schon so oft war: in eine Spirale von Ge-
walt und Gegengewalt.
Die Schwüre von der „völligen Ver-
nichtung“ der PKK sind ebenso alt wie
die Versuche, der Organisation durch
grenzüberschreitende Militäraktionen
habhaft zuwerden. ZumletztenMal mar-
schierten Anfang 2008 mehrere Tausend
türkische Soldaten im Irak ein – und die
PKK ist so lebendig wie eh und je.
Die Kurdenfrage ist das wichtigste
Problem, das die Türkei zu lösen hat. Es
war die AKPunter Premier Tayyip Erdo-
gan, die erstmals begriffen zu haben
schien, dass die KurdenkeinSicherheits-
problem darstellten. Vielmehr werden
hier fundamentale Fragenüber die Rech-
te einer unterdrücktenMinderheit aufge-
worfen. Die PKKwurde dabei immer nur
als Symptom bekämpft. Das eigentliche
Problem liegt in der Unterstützung, die
diese Kämpfer vongroßenTeilender kur-
dischen Bürger in der Türkei erhalten –
weil sie demtürkischen Staat nicht trau-
en; weil vor alleminden1990er Jahrenih-
re Dörfer verbrannt, ihre Kinder getötet,
ihre Männer gefoltert wurden. Die Tür-
kei erlebt nun großen Schmerz ange-
sichts der 26 getöteten Soldaten. Was vie-
le Kurden nicht verstehen, ist, dass der
Staat bis heute ihrenSchmerz nicht aner-
kennt: 50 000 Tote hat der Konflikt seit
1984gefordert – 40 000 davonwarenKur-
den, und die Logik von Gewalt und Ge-
gengewalt ist noch immer nicht durch-
brochen.
Die AKP, die zunächst ein paar mutige
Reformen wagte, ähnelt inzwischen
mehr und mehr den alten staatstragen-
den Parteien. Sie ist verantwortlich für
eine beispiellose Welle der Verhaftung
von Repräsentanten der linken Kurden-
partei BDP. Es scheint, als unterscheide
die AKP zwischen guten (konservativen,
frommen) und schlechten (linken, natio-
nalistischen) Kurden, und als wäre ihr
Ziel die Zerschlagung der nationalisti-
schen kurdischen Bewegung.
Das aber wäre eine große Dummheit:
In manchen Städten des Südostens wäh-
lenzwei vondrei Kurdendie BDP. Natür-
lich steht die BDP der PKK nahe. Genau
deshalb ist sie die politische Kraft, mit
der Ankara sprechen muss. Nicht anders
haben die Friedensgespräche in Nordir-
land funktioniert. Nach der letzten gro-
ßen Verhaftungswelle gegen BDP-Politi-
kern kritisierte die Istanbuler Zeitung
Hürriyet dies als Schlag gegen die mode-
raten Kurden und prophezeite: „Die Ge-
walt wird eskalieren.“ Das ist exakt zwei
Wochen her.
Von Marc Bei se
Es ist noch kein Jahr her, da musste
sichSpott gefallenlassen, wer wie selbst-
verständlichimStil der Banker vom„He-
beln“ der Finanzprodukte sprach. Heute
kommt das Wort schon beiläufigen Fern-
sehzuschauern locker von der Zunge.
Man ist ja dankbar für eine klare Spra-
che: Hebeln ist griffiger als EFSF oder
ESM. „Euro-Staaten hebeln Finanzkrise
aus“– das wäre die Schlagzeile, die indie-
sen bangen Tagen Hoffnung bringen
könnte. Oder aber Furcht einflößt.
Ob nämlich der große Hebel gut oder
schlecht ist, auf den sich die Staats- und
Regierungschefs am Wochenende beim
Gipfel der Gipfel verständigen wollen,
das hängt sehr davon ab, was genau man
unter demBanker-Begriff verstehen soll.
In seiner einfachsten Form bedeutet He-
beln in der Finanzbranche, mit wenig ei-
genem Kapital viel größere Summen zu
bewegen. Das inder Tat könnte aus deut-
scher Sicht die Quadratur des Kreises er-
möglichen.
Hat nicht der Bundestag eine Ober-
grenze für die Euro-Hilfe beschlossen?
Und warnen nicht die Experten, dass die
für Europa eingepreiste Rettungssumme
von 440 Milliarden Euro nicht reichen
würde, sollte außer den bekannten Sor-
genländern womöglich auch Spanien
oder Italien gestützt werden müssen? Mit
wenig eigenemKapital viel größere Sum-
men zu bewegen – das wäre dann die Lö-
sung, einerseits. Andererseits kam das
Hebeln zu Recht in Verruf, als Finanz-
akrobaten komplizierteste Konstruktio-
nenzueinemriesigenSchwindelgeschäft
zusammenfügten, das 2008 donnernd zu-
sammenbrach.
Angela Merkel und ihre Kollegen ha-
ben nun, beraten von wohlmeinenden
Praktikern aus der Finanzwelt (die es
durchaus auch gibt), eine Rettungskons-
truktiongefunden, die noch bis indie De-
tails geprüft werden muss, ehe ein ver-
lässliches Urteil zulässig ist. Jedenfalls
müssen am Ende zwei Gruppen zufrie-
dengestellt werden, die gemeinhinals An-
tipoden gesehen werden: Die Bürger, die
das Recht habenzuverstehen, was mit ih-
remSteuergeld geschieht. Und die Profis
anden Finanzmärkten, die dann hoffent-
lichdenKrisenländernSchonfrist gewäh-
ren.
Beide Gruppen haben ein feines Ge-
spür dafür, was tragfähig ist oder nicht.
Beiden muss die Politik eine Perspektive
bieten. Derzeit reden die Krisenmanager
nur über Wirtschaft, gar nur über Finanz-
technik. Ausgeblendet wird der politi-
sche Unterbau, auf dem das Konstrukt
ruhen soll. Deshalb müssen die Regie-
rungschefs so schnell wie möglich sagen,
wohin der Hebel-Plan führen soll.
Steht Europa noch zu Griechenland?
Mit wem marschiert Deutschland? Wei-
ter mit Frankreich, auch wenn das Land
unter Druck gerät? Brauchen wir mehr
Europa oder weniger? Politisch oder nur
finanztechnisch? Es könnenaneinemWo-
chenende nicht die europäischen Verträ-
ge geändert werden. Aber die künftige
Gestalt Europas muss sich abzeichnen,
wenn wieder Ruhe einkehren soll an den
Märkten und in den Wohnstuben.
Das Abitur ist eine etablierte pädagogi-
sche Marke. Es gehört zu Deutschland
wie die Bratwurst und das Brandenbur-
ger Tor. Doch eine bundesweit einheitli-
che Reifeprüfunggibt es nicht, jedes Bun-
desland hat eigene Regeln, und so war es
immer schon. Im 19. Jahrhundert prüf-
ten die Schulen in Preußen anders als in
Sachsen oder Baden. Mehr als ein Mini-
malkonsens ist historischnie zustande ge-
kommen. Im Kampf um einen Studien-
platz wird diese föderale Vielfalt zum
Problem. Denn von den Noten hängt ab,
ob einBewerber dengewünschten Studi-
engang antreten kann. Die Universitäten
unterstellen, dass das Abitur überall
gleich schwer ist. Das ist es aber nicht.
Die Experten des „Aktionsrats Bil-
dung“ schlagen nun ein bundesweites
Kernabitur in Deutsch, Mathematik und
Englisch vor. Es soll die Reifeprüfung
vergleichbarer und gerechter machen.
Das mag gut klingen, macht die Sache
aber sehr kompliziert. Es würde einen
zentralen Test geben, mit demein gewal-
tiger pädagogischer und administrativer
Aufwandverbundenwäre. Dennochwür-
dendaneben die herkömmlichenPrüfun-
gen mit den Unterschieden zwischen den
Ländern fortbestehen. De facto wären
die Abiturienten mit zwei völlig unter-
schiedlichen Prüfungsblöcken konfron-
tiert – undder Zugang zumStudiumwür-
de nur minimal gerechter werden. Der na-
tionale Testtag soll nur über zehn Pro-
zent der Abiturnote entscheiden.
Statt ein ganz neues Abitur-Arrange-
ment zu schaffen, sollten die Länder ei-
nen gemeinsamen Pool an Abituraufga-
ben bilden. Jeder erinnert sich daran,
wie aufreibend und fehlerhaft die Um-
stellung auf das achtjährige Gymnasium
(G 8) war. Jede Reform des Abiturs muss
jetzt sehr behutsam vorgehen. tvs
Jetzt ist wieder vom goldenen Hand-
schlag die Rede. Verteidigungsminister
Thomas de Maizière will Berufssoldaten,
die wegender Verkleinerung der Bundes-
wehr nicht mehr gebraucht werden, den
freiwilligen Abschied schmackhaft ma-
chen. Wer jünger ist als 40 Jahre, soll ei-
ne Abfindung von5000 Euro pro geleiste-
tem Dienstjahr kassieren, maximal
100 000 Euro, und das Ganze steuerfrei.
Wer im Alter zwischen 40 und 50 Jahren
ausscheidet, soll sofort seine bis dahiner-
dienten Altersbezüge und zusätzlich
5000 Euro pro Dienstjahr erhalten. Über
50-Jährige sollen sogar mit vollen Pensi-
onsbezügen in den vorzeitigen Ruhe-
stand gehen können.
Das ist großzügig. Vor allemdie Steuer-
freiheit der Abfindung wird den Neid
manches Schicksalsgenossenaus der frei-
enWirtschaft wecken. Andererseits mus-
tert die Bundeswehr nun Menschen – oh-
ne deren Verschulden – aus, denen einst
lebenslange Arbeitsplatzsicherheit ver-
sprochen worden war. Zwar müssen sich
Beschäftigte in allen Bereichen der Ar-
beitswelt darauf einstellen, dass Lebens-
zeit-Garantien der Vergangenheit ange-
hören. Doch Vertrag ist Vertrag, und ein
Vertrag ist eben auch die Übernahme ins
Berufssoldatentum.
Die vorgesehene Regelung ist deshalb
nicht überzogen. 100 000 Euro auf die
Hand, das hört sich erst einmal toll an.
Bei genaueremHinsehen sichern sie aber
einer Familie nicht das Überleben. Der
Ingenieur, der bei der Bundeswehr stu-
diert hat, findet leicht einen Job. Für ihn
ist das Geld einkräftiges Zubrot. Der Di-
plomkaufmann oder der Pädagoge aber
dürften, zumal in einer strukturschwa-
chen Region, schwer zu vermitteln sein.
Sie benötigen eine tragfähige Hilfe für
den Übergang ins Zivilleben. ble
Hat sich die ukrainische Führung
selbst ausmanövriert? Oder plante sie
vonAnfang an, sichmit Moskauzuarran-
gieren? Pokert sie gar mit demKreml, um
einen Rabatt für russisches Erdgas her-
auszuschlagen, dann aber wieder einen
Westschwenk vorzunehmen? Sicher ist
bei dem Kräftemessen zwischen Kiew,
Moskau und Brüssel eigentlich nur, dass
es um die künftige Gestalt Osteuropas
geht. Wird der Neoimperalist Wladimir
Putin die ehemaligen Sowjetrepubliken
unter den Schirm Moskaus zurückholen
können? Oder bewahrt sich die Ukraine
mit Hilfe der EUdochdie Chance, einde-
mokratischer Staat zu werden?
Eine Demokratisierung hat der ukrai-
nische Präsident Viktor Janukowitsch,
ein früherer Apparatschik, sicherlich
nicht imSinn; doch wäre dies ein Neben-
effekt, käme es zu einer Annäherung an
die EU. Ein Teil der hinter Janukowitsch
stehenden Industriemagnaten strebt die-
se Nähe an – die Unternehmer sind auf
westliche Technologie angewiesen und
wollen sich auf gar keinen Fall von Pu-
tin kontrollieren lassen.
Allerdings spricht derzeit mehr dafür,
dass die Kiewer Führung von der Ent-
wicklung der Dinge getrieben wird als
selbst einem Plan zu folgen. Letztlich
zahlt sie so einenPreis für die kleingeisti-
ge Rachsucht Janukowitschs – sie liegt
wohl hauptsächlich dem Strafverfahren
gegen seine innenpolitische Rivalin Julia
Timoschenko zugrunde. Timoschenko
hatte ihn nämlich vor sieben Jahren bei
der „orangenen Revolution“gedemütigt.
Janukowitsch hat nicht begriffen, dass
ihneine Geste der Versöhnung innenpoli-
tisch stärken würden. Gleichzeitig wäre
er in einer viel besseren Position sowohl
gegenüber Brüssel, als auch gegenüber
Moskau. tu
Gewohnt, an Widersprüchen zu lei-
den, haben die Linken in den vergange-
nen Jahren erleben müssen, dass zweier-
lei prächtig zusammengeht: die Krise des
Kapitalismus und die Krise ihrer Partei.
Empörte ziehen vor die Frankfurter Bör-
se, die Linke trottet hinterher. Unzufrie-
dene sammelnsichunter einer neuenFah-
ne. Es ist jene der Piraten. Das ist so ge-
kommen, obwohl das Siechtum von Eu-
ro, Banken und FDP alles zu bestätigen
scheint, wovor Gregor Gysi und Oskar
Lafontaine schon immer gewarnt haben.
Ihren eigenen Niedergang in Umfra-
gen und Wahlen deuten die Linken so,
dass ihre guten „Inhalte“ einfach nicht
richtig ankommen beim Bürger – sei es
verschuldet vonder stumpfenParteispit-
ze aus Gesine Lötzsch und Klaus Ernst
oder, noch einfacher, wegen der Miss-
gunst der Medien. Nun wollen sie gegen-
steuern: An diesem Freitag kommt die
Linke zusammen, um sich ein neues Pro-
gramm zu geben. Es werden sich darin
viele Deutungen finden für die Krisen in
der Welt. Am Ende wird es aber vor al-
lemeine Krise erklären: jene der Linken.
Fast alle in der Partei wissen, dass die
Linke eine neue Führung braucht. Doch
darum wird es diesmal nicht gehen. Die-
ser Parteitag führt durch Querelen zu
den Quellen. Die Linke präsentiert ihren
Wesenskern. Zum Geburtsort ihres ers-
ten richtigen Programms hat sie Erfurt
bestimmt. 120 Jahre nachdem die SPD
dort die Befreiung des Proletariats postu-
liert hat, will auch die Linke ein „Erfur-
ter Programm“. Vom Proletariat wird
darin keine Rede sein, wohl aber von der
Überwindungdes Kapitalismus. Die Lin-
ke strebt eine „andere, demokratische
Wirtschaftsordnung“ an sowie eine Ver-
gesellschaftung von vielem, was groß
und wichtig ist in der Wirtschaft.
Deutschland soll es, das wird die Bot-
schaft vonErfurt sein, nocheinmal versu-
chen mit dem Sozialismus.
Eben jenem Sozialismus also, den sie
seit demZusammenschluss von SED-Er-
ben (Ost) und SPD-Flüchtigen (West)
nicht mehr im Namen führen will. Als
„die Linke“ besetzte sie bewusst vage
und geschickt jenen politischen Ort, den
Lafontaine zuvor als vakant ausgemacht
hatte. Ihre Wahlerfolge 2005 und2009 fei-
erte sie auch als Sprachrohr der Es-war-
nicht-alles-schlecht-Klientel im Osten
undder Uns-ging-es-nie-schlechter-Klä-
ger im Westen. Von der Wiedereinfüh-
rung des Sozialismus war zumindest auf
Wahlplakaten keine Rede. Es trifft zu,
dass Oskar Lafontaine denLinkssozialis-
ten in sich entdeckt hat. Die Wähler aber
stimmten überwiegend für den Mann,
der einmal saarländischer Ministerpräsi-
dent war und SPD-Chef und Finanzmi-
nister. Nicht für einen Radikalen.
Den Wählern der Piratenpartei wird
heute nachgesagt, sie wüssten gar nicht
genau, wem sie ihre Stimme gegeben ha-
ben. Bis zu einem gewissen Grad trifft
das auchauf die früherenWähler der Lin-
ken zu. Ostdeutsche waren sich nicht un-
bedingt im Klaren darüber, wie sehr die
Fusion ihre alte Partei verändern würde.
Und Anhänger im Westen glaubten wo-
möglich, eine linkere SPD zu wählen. Es
war dies ein Irrtum, auf den Gregor Gysi
auf seine Weise aufmerksam machte –
mit der notorischen Mahnung, die SPD
müsse wieder sozialdemokratisch wer-
den. Die Linken wollten Sozialdemokra-
ten stets vor sich hertreiben, aber nicht
selber welche sein. Mit der Rückkehr der
SPDin die Opposition und der Verschär-
fung der Finanzkrise ist diese Strategie
des Treibens an ihre Grenzen gestoßen.
Die Linkenmüssennunihre eigenenKar-
ten auf den Tisch legen.
Das Wanken der kapitalistischen
Volkswirtschaften hat dabei als Kataly-
sator gewirkt. Schneller und konsequen-
ter als sie es vielleicht sonst gewagt hät-
te, präsentiert die Linke der Öffentlich-
keit eine kompromisslos sozialistische
Weltdeutung. Die gegenwärtige Krise
wird im geschichtlichen Teil des Pro-
grammentwurfs zum geradezu zwangs-
läufigen Ergebnis der kapitalistischen
Entwicklung erklärt. Es gibt demnach
keine Fehler im System, das System ist
der Fehler. Die Linke attackiert den Ka-
pitalismus, aber sie meint auch die
Marktwirtschaft. Sie empfiehlt, verkürzt
formuliert, einenSozialismus plus Mittel-
stand minus Stasi. Die Neuauflage soll
natürlich demokratisch funktionieren
undohne die Auswüchse sturer Planwirt-
schaft. So werden das die Linken in ih-
remErfurter Programmbeschließen. Da-
nach müssen sie nur noch Wähler finden,
die daran glauben.
So entpuppt sich die Krise, die für eine
linke Partei eine Chance sein könnte, als
Falle. Sie zwingt die Linke zu grundsätz-
lichen Bekenntnissen, verleitet sie zu ra-
dikalen Antworten und bestärkt sie im
Selbstbildals Hüterinder einzigenWahr-
heit. Die Abgrenzung von SPD und Grü-
nen wird sie in Erfurt weiter zementie-
ren. Die Linke hat sich für ihr Programm
„Haltelinien“ausgedacht, die ihr eine Be-
teiligung anRegierungennur unter stren-
gen Voraussetzungen erlauben würden.
Dabei wäre das – zumindest in der Bun-
despolitik – gar nicht nötig gewesen. Für
ein Bündnis mit Sozialdemokraten und
Grünen steht die Partei nach dem Erfur-
ter Parteitag nicht mehr ernsthaft zur
Verfügung. Es ist stets das natürliche Be-
streben der Sozialdemokraten gewesen,
die neue Konkurrenz ins Abseits zudrän-
gen. Das erübrigt sich. Die Linke stellt
sich bereitwillig selbst hinein.
Antonis Samaras
Griechischer Oppositionschef
ohne Kompromissbereitschaft
Unkontrolliertes Wachstum SZ-Zeichnung: Pepsch Gottscheber
Blick in die Pressse
Auferstehung der Dämonen
Die Türkei und die kurdische PKK stehen wieder im offenen Krieg – der alte Konflikt ist nicht gelöst
Ein Hebel und seine Wirkung
Die Schuldenkrise kann nur gelöst werden, wenn Bürger und Märkte verstehen, was geschieht
Abitur schwer gemacht
Gold, das nicht nur glänzt
Falsches Kalkül in Kiew
Sozialismus minus Stasi
Von Dani el Brössl er
DEFGH
Herausgegeben vom Süddeutschen Verlag
vertreten durch die Gesellschafterversammlung
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Kurt Kister
Stellvertretender Chefredakteur:
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Seite 4 / Süddeutsche Zeitung Nr. 242 HF2 Donnerstag, 20. Oktober 2011
MEINUNG
PROFIL
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Von Johann Osel
München – In der öffentlichen Wahrneh-
mung ist die Sache eindeutig: Berlin hat
ein Jugendgewaltproblem. Schlagzeilen
machen zum Beispiel Fälle von jungen
Männern, die an U-Bahnhöfen Passan-
ten ins Koma prügeln. In Erinnerung ist
auch noch der Hilferuf aus der Berliner
Rütlischule vor fünf Jahren, in dem Leh-
rer vor einer Eskalation der Zustände
warnten. Und erst kürzlich beklagte das
Kollegiumeiner Neuköllner Schule in ei-
nem Brief „zunehmende Respektlosig-
keit“ wie Zerstörungswut und Gewalt
auchgegenüber Lehrern. Die Zahl gemel-
deter Delikte an Schulen ist laut Senat
zuletzt aber um 13 Prozent gesunken.
„Es gibt positive Befunde und nicht
primär Kritisches und Negatives zu be-
richten, etwa, dass Berlin am aller-
schlimmsten sei“, sagt der Kriminologe
ChristianPfeiffer, Direktor des Krimino-
logischen Forschungsinstituts Nieder-
sachsen (KFN). Dieses hat am Mittwoch
eine repräsentative Studie zur Jugendge-
walt im Auftrag des Senats vorgelegt.
Die Autoren habendazuknapp3200 Ber-
liner Jugendliche der neuntenKlasse um-
fassend zu ihren Erfahrungen als Täter
und Opfer befragt und die Ergebnisse in
Bezug zu bundesweiten Daten gesetzt.
Durch das Projekt könne die Polizeista-
tistik erweitert werden, etwa um Taten,
die nicht angezeigt werden.
Die Statistik besagt: In Berlin wurden
2009 und 2010 im Schnitt zwölf Prozent
aller 14- bis 18-Jährigen polizeilich er-
fasst, darunter fallen Delikte aller Art,
von Ladendiebstahl bis schweren Straf-
taten. Ein großer Abstand zur bundes-
deutschen Lage findet sich in der Rubrik
körperlicher Gewalt – in Berlin wurden
hier anteilsmäßig doppelt so viele Ju-
gendliche registriert (2,2 zu 1,1 Prozent).
Die Auswertung der Opfer- undTäter-
schaft Berliner Schüler belegt dagegen
keine höhere Gewaltbelastung als an-
dernorts. Elf Prozent gaben an, mindes-
tens eine Gewalttat begangen zu haben,
17,9 Prozent sagten, sie seien schon mal
beraubt oder geschlagen worden. Bun-
desweit liegen die Werte auf ähnlichem
Niveau. Unterschiede zeigen sich den-
noch: So waren die Berliner, die eine
schwere Körperverletzung begangen ha-
ben, beim ersten Mal im Durchschnitt
13,1 Jahre alt; bundesweit liegt das Alter
bei 13,7 Jahren. Zudemereignet sich jede
fünfte Tat in öffentlichen Verkehrsmit-
teln oder an Haltestellen – andernorts
deutlich seltener. Die Studie nennt eine
„besondere Struktur der hier aufwach-
sendenJugendlichen“: So seiendie Fami-
lien jedes vierten Befragten von staatli-
chen Transfers abhängig, 46 Prozent der
Schüler haben Migrationshintergrund –
bundesweit sind es deutlich weniger.
Das lasse aber nicht grundsätzlichauf hö-
here Gewaltprobleme schließen. Ent-
scheidend seien „die Gegebenheiten, die
Migranten im familialen und sozialen
Umfeld vorfinden“: etwa Ressentiments
gegenüber Deutschen oder Schwulen.
Auch stimmten religiöse Muslime dop-
pelt so oft „gewaltbejahenden Männlich-
keitskonzepten“ zu wie nicht religiöse.
Als Schlüssel sehen die KFN-Autoren
Bildung: Jugendliche mit schlechteren
Noten neigen häufiger zu Gewalt, und
Schüler mit starker Bindung andie Schu-
le haben ein geringeres Risiko. Ratsam
seien daher verpflichtende Ganztags-
schulen– nicht als „Kinderbewahranstal-
ten“, sondernals Chance, „dass Jugendli-
che ihre Freizeit nicht unstrukturiert ver-
bringen“. Die Freizeit – etwa mit gewalt-
verherrlichender Medien– nennt die Stu-
die als Faktor für eine Gewalttäter-Kar-
riere. Auch begrüßen die Autoren die Fu-
sion von Haupt- und Realschulen in Ber-
lin. Denn insgesamt gehe dort die Schere
zwischen Schülern verschiedener Schul-
arten weiter auseinander – eine „ausge-
prägtere Winner-Looser-Kultur“, die da-
zu führe, dass gerade Verlierer nicht be-
reit seien, sich an die Normen zu halten.
Bereits bei der Befragung hatte es Kri-
tik an der Studie gegeben. Der Landesel-
ternausschuss rügte mangelnden Daten-
schutz und die psychische Belastung von
Gewaltopfern. Das hatte sich aneiner ge-
ringen Teilnahmebereitschaft bemerk-
bar gemacht. Und der örtliche Migrati-
onsrat teilte mit: Bemühungen an Schu-
len, der Gruppenbildungentlang der Her-
kunft entgegenzuwirken, würden durch
die Befragung ad absurdum geführt. Ei-
ne „überholte Identitätspolitik“, zumal
in Bezug auf Kriminalität, verfestige
„rassistische Denkstrukturen“.
Dresden – Auch Sachsen hat nun einge-
räumt, dass Ermittler des Landes ein
Späh-Programmgenutzt haben, mit des-
sen Hilfe sich private Kommunikation
über das Internet überwachen lässt.
Nach Angaben des sächsischen Justizmi-
nisteriums handelt es sich zwar nicht um
jenen „Staatstrojaner“, dessen Einsatz
der Chaos Computer Clubkürzlichaufge-
deckt hat. Die Ermittler haben aber eine
Überwachungs-Software für die Kontrol-
le „der mündlichen und schriftlichen
Kommunikationmittels des Internettele-
fonie-Dienstes Skype“ genutzt, bestätig-
te Justizsprecher Till Pietzker.
In drei Fällen haben sächsische Rich-
ter auf Wunsch der Ermittlungsbehör-
denbislang die sogenannte Quellen-Tele-
kommunikations-Überwachung („Quel-
len-TKÜ“) richterlich angeordnet, sagte
Pietzker. Dabei sei es jedoch ausschließ-
lich um die Überwachung von Internet-
Telefonkommunikation gegangen. Über-
dies sei die tatsächliche Überprüfung in
zwei Fällen daran gescheitert, dass die
Software aus technischen Gründen nicht
auf den Computer der überwachten Per-
sonen habe aufgespielt werden können.
Und im dritten Fall habe sich die Maß-
nahme erübrigt, da die Beschuldigtenzu-
vor festgenommen worden seien. Gegen-
stand der drei Verfahren, die in den Jah-
ren 2006 und 2009 geführt worden wa-
ren, sei jeweils die Aufklärung von Ver-
stößen gegen das Betäubungsmittelge-
setz gewesen.
Das Justizministerium war nach einer
Umfrage bei allen Staatsanwaltschaften
imBundeslandauf diese drei Fälle gesto-
ßen, in denen Behörden die umstrittene
Software nutzen wollte. Das Landeskri-
minalamt berichtete, dass man die für
die Überwachungszwecke eingesetzte
Software eigens von einer Firma habe
konfigurieren lassen. Zu der Frage, ob es
sich umdasselbe Unternehmen handelte,
das auch die Staatstrojaner verkauft hat,
wollte sichdie LKA-Sprecherinnicht äu-
ßern. Mit demProgrammsei es jedenfalls
nicht möglich, „gleich noch den Compu-
ter zu durchsuchen“, auf den die Soft-
ware aufgespielt werde, stellte sie klar.
Welche technischen Probleme denEin-
satz der Software in zwei Fällen letztlich
verhindert haben, wollte sie Sprecherin
ebenfalls nicht sagen. Der rechtspoliti-
sche Sprecher der Grünen im Sächsi-
schen Landtag, Johannes Lichdi, will
nun von der Landesregierung wissen, um
welche Software es sich imEinzelnen ge-
handelt hat. Bei der Telekommunikati-
ons-Überwachung, sagt der Abgeordne-
te, werde „ein komplexes informations-
technisches System auf den jeweiligen
Computer infiltriert“. Damit sei „eine
entscheidende Hürde genommen, umdas
System insgesamt auszuspähen“. Die
Überwachung von Internet-Telefonaten
könne daher „ein Türöffner für Online-
Durchsuchungen sein“. Christiane Kohl
Von Susanne Höl l , Paul -Anton
Krüger und Hel mut Marti n-Jung
München – Auf Computern in Europa ist
ein Schadprogramm aufgetaucht, das
große Ähnlichkeiten zu dem Stuxnet-
Wurm aufweist und offenbar gezielt In-
formationen über Industrieanlagen aus-
spionierensoll. Das habendie US-Sicher-
heitsfirmen Symantec und McAffee in
der Nacht zum Mittwoch bekanntgege-
benunderste Analysender Software prä-
sentiert. Stuxnet war mit großer Wahr-
scheinlichkeit entwickelt worden, um
die Computersteuerung einer Urananrei-
cherungsanlage in Iran zu sabotieren, so
dass die dort eingesetzten Zentrifugen
Schaden nehmen. Dagegen schöpft Du-
qu laut den bisherigen Erkenntnissen
nur Informationen aus infizierten Netz-
werken ab und schickt diese, getarnt als
Bilddatei, an einen Server in Indien.
ZudiesemZweck installiert der Troja-
ner ein Programm das Tastatureingaben
wie Passwörter, den Bildschirminhalt
oder Informationen über das Netzwerk
aufzeichnet. Laut Symantec hat es Duqu
auf Daten von „Organisationen wie Her-
steller vonIndustriesteuerungen“ abgese-
hen, Konstruktionspläne etwa. Syman-
tec mutmaßt, diese könnten dazu dienen,
weitere AttackenimStil vonStuxnet vor-
zubereiten. Andere Experten sind da zu-
rückhaltender. Sandro Gaycken von der
Freien Universität Berlin etwa sagt, man
könne es auch „mit normaler Industrie-
spionage“ zu tun haben.
Fast alle großtechnischenAnlagen, sei-
en es Chemiefabriken oder Kraftwerke,
Fertigungsstraßen oder Pipelines, wer-
den von speziellen Computern gesteuert,
die eigens für ihren Einsatzzweck pro-
grammiert werden. Umsolche Steuerun-
gen angreifen zu können, braucht man
Detail-Kenntnisse über deren Systemar-
chitektur. Symantec wurde amvergange-
nen Donnerstag von einer „Forschungs-
einrichtung mit starken internationalen
Verbindungen“ auf Duqu aufmerksam
gemacht, diese habe die Software auf
demNetzwerkeiner „OrganisationinEu-
ropa“ gefunden. Zugleich erhielt McAf-
fee eine Kopie. Die Firmen legten auf
Wunschihrer Quelle nicht offen, umwel-
che Forschungsorganisation es sich han-
delt oder welche Unternehmen Opfer des
Angriffs geworden sind. Das eigentliche
Ziel einer späteren Attacke, spekulieren
Experten, könne in anderen Gegenden
liegen – etwa im Nahen Osten.
Duquenthält anders als Stuxnet offen-
bar keine Funktion, sich selbst weiterzu-
verbreiten. Symantec geht von einemge-
zielten Angriff auf eine „begrenzte Zahl
von Organisationen“ aus. Nach Informa-
tionen der Süddeutschen Zeitung ist bis-
lang höchstens eine niedrige zweistellige
Zahl von Organisationen oder Unterneh-
men betroffenen. Duqu konnte aber über
den inzwischen abgeschalteten Server,
andendie Informationengingen, mit wei-
teren Funktionen aufgerüstet werden.
Wie schon Stuxnet enthält Duqu Vor-
kehrungen, um sich gegen Entdeckung
zu schützen. Dazu gehören Funktionen,
die Aktivitäten auf dem infizierten Sys-
temverschleiern, vor allem aber ein – ge-
stohlenes – echtes digitales Zertifikat ei-
ner Computerfirma in Taiwan. Solche
Zertifikate weisen Software als legitim
aus, fungieren also wie ein Sicherheits-
aufkleber, der die Echtheit eines Produk-
tes bestätigt. Laut McAffee habendie An-
greifer es auch auf die Aussteller solcher
Zertifikate abgesehen, und zwar in ei-
nem Raum, der sich mit dem Verbrei-
tungsgebiet des Goldschakals deckt – Tei-
le Europas, Nordafrika, der Nahe Osten
und Südasien. Damit stünde die Zuver-
lässigkeit eines der wichtigsten digitalen
Sicherheitsmechanismen infrage.
Von einem „kleinen Bruder des Stux-
net-Virus’“ ist die Rede, weil ganze Teile
von Duqu mit dem Code von Stuxnet
identisch sind oder ihm zumindest stark
ähneln. Von 40 bis 50 Prozent ist die Re-
de. Symantec undMcAffee schließendar-
aus, dass die Programmierer Zugang
zum Quellcode von Stuxnet hatten, der
in verständlichen Programmiersprachen
geschrieben ist. Die Vermutung liegt na-
he, dass es die gleichen Autoren sind. Die
Urheber von Stuxnet sind nie überführt
worden, aufgrunddes Ziels undder Kom-
plexität des Wurms wurden aber israeli-
sche und US-Geheimdienste verdäch-
tigt. Allerdings könnten Hacker zumin-
dest Teile des Codes für die Programmie-
rung von Duqu rekonstruiert haben.
Deutsche Sicherheitsbehörden ken-
nen Duqu und gehen davon aus, dass er
zu politischen und nachrichtendienstli-
chen Zwecken eingesetzt wird. „Stuxnet
war ein reiner Sabotage-Virus. Duqu ist
ein reines Spionagewerkzeug“, sagte ein
Behördenvertreter der SZ. Nähere De-
tails nannte er nicht, sagte aber, in
Deutschland sei nach dem bisherigen
Kenntnisstand kein Computer infiziert
worden. Die Experten im deutschen Cy-
ber-Abwehrzentrum seien informiert
und beobachteten die Entwicklung.
Die deutschenSicherheitsbehördenbe-
obachten seit einigen Jahren mit Sorge
verstärkt Cyber-Angriffe auf Computer
staatlicher EinrichtungenundUnterneh-
men. Allerdings haben die Experten kei-
nen Überblick, wie oft und mit welchen
Mittelndeutsche Unternehmenangegrif-
fen werden. Klarer ist das Bild bei Bun-
desbehörden. 2009 wurden 1511 Angrif-
fe auf Rechner des Bundes registriert,
2010 waren es 2108. Für dieses Jahr wird
mit einer ähnliche hohen Zahl gerechnet.
Die Nachrichtendienste aller größeren
Staaten arbeiten mit E-Spionage, China
und Russland gelten als besonders aktiv.
Allerdings geht man in Deutschland
nicht davon aus, dass diese und andere
Staaten Interesse an Sabotageakten in
Deutschland oder Europa haben.
Berlin – Führende Innenpolitiker von
Union und SPD fordern im Bund Konse-
quenzen aus der in Bayern ausgelösten
Affäre um Späh-Software. Der Vorsit-
zende des Bundesinnenausschusses, der
CDU-Politiker Wolfgang Bosbach, und
der Innen-Experte der SPD-Bundestags-
fraktion, Michael Hartmann, haben am
Mittwoch dafür plädiert, dass der Bund
die entsprechenden Programme künftig
selbst entwickelt. Bislang erwerben die
Behördenjene Software, die bei der Über-
wachung von Internet-Kommunikation,
der sogenannten Quellen-TKÜ, verwen-
de wird, von der Firma Digitask.
Bosbach und Hartmann reagierten mit
ihrer Forderung auf Äußerungen des
Chefs des Bundeskriminalamts (BKA),
Jörg Ziercke. Der hatte zuvor den Innen-
ausschuss über die Praktiken bei Aus-
späh-Aktionen informiert und nach An-
gaben der beiden Abgeordneten erklärt,
dass die Behördendie Digitask-Software
zwar strikt kontrollierten, aber keinen
Einblick in das komplette Computerpro-
gramm hätten. Die sogenannten Quell-
codes seien das Betriebsgeheimnis der
Firma, wurde Ziercke zitiert.
Für Online-DurchsuchungenvonCom-
putern, die weit über das Abhörenlaufen-
der Internetkommunikation herausgeht,
setzen die Bundessicherheitsbehörden
schon jetzt selbst entwickelte Program-
me ein. Bosbach und Hartmann sagten,
dann müsse es auch möglich sein, eigene
Technik für Quellen-TKÜ zu erarbeiten.
Das dürfe nicht an zusätzlichen Kosten
scheitern, sagte Hartmann. „Der Rechts-
staat ist manchmal teuer“, fügte er hin-
zu. Auch Bundesinnenminister Hans-Pe-
ter Friedrich(CSU) würde eine solche Lö-
sung befürworten, hieß es aus demMinis-
terium. Bislang gibt es keine Hinweise
darauf, dass Bundesbehörden bei Ver-
dacht auf Straftaten oder Terror Späh-
Programme eingesetzt haben, die mehr
Funktionen haben, als Recht und Gesetz
erlauben. Bei demjüngst entschlüsselten
Programmbayerischer Sicherheitsbehör-
den ist das allerdings anders. Auch die
FDP ist dafür, die Computerprogramme
in staatlicher Verantwortung zu entwi-
ckeln, ebenso Grüne und Linkspartei.
Bosbach und Hartmann verlangen zu-
dem bundesweit einheitliche Vorschrif-
ten für die Überwachung von Internet-
Kommunikation. Dazumüsstenklare Re-
geln in der Strafprozessordnung festge-
legt werden, sagten sie auch mit Blick
auf Bayern. Dort hatten Sicherheitsbe-
hörden bei der Internet-Überwachung
mit Hilfe des umstrittenen Trojaners
auch Aufnahmen vom Computerbild-
schirm gemacht. Das ist nach einem Ur-
teil des Landgerichts Landshut und nach
Meinung vieler Experten unzulässig. Das
bayerische Innenministeriumist aber an-
derer Ansicht und pocht auf ein höchst-
richterliches Urteil in dieser Frage.
Wegen des politischen Streits über die
Späh-Aktionen wollen die Innenminis-
ter von Bund und Ländern am Donners-
tag in einer Telefonkonferenz über das
weitere Vorgehen beraten. Entscheidun-
gen sind nach Angaben aus Sicherheits-
kreisen von Bund und Ländern aber
noch nicht zu erwarten. Susanne Höll
Von Tanj ev Schul tz
München – Zumindest als Schlagwort ist
die „Bildungsrepublik“ ein voller Erfolg.
Vor drei Jahren beschwor Kanzlerin An-
gela Merkel (CDU) die Vision einer Bil-
dungsrepublik, seitdem hat sich der Be-
griff zum geflügelten Wort entwickelt.
Doch von jenemSchwung, mit demMer-
kel damals in Dresden einen politischen
Bildungsgipfel erklimmenunddie Minis-
terpräsidenten mitnehmen wollte, um
Kindergärten, Schulen und Universitä-
ten zu verbessern, ist nicht viel geblie-
ben. Damals verrannten sich Politiker im
ewigen Streit zwischen Bund und Län-
dern; es reichte deshalb nur für paar va-
ge, langfristige Ziele. Und diesen Zielen
ist man, wie der DGBamMittwochbilan-
zierte, bisher kaum nähergekommen.
„Die Bildungsrepublik wird zur Fata
Morgana“, sagte die stellvertretende
DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock.
Der Gewerkschaftsbund beruft sich
auf eine Studie des Essener Bildungsfor-
schers Klaus Klemm. Demnach liegt das
2008 in Dresden vereinbarte Ziel, zehn
Prozent des Bruttoinlandsprodukts für
Bildung und Forschung auszugeben,
noch immer in „weiter Ferne“. Auch
beim Krippenausbau komme Deutsch-
land nur langsam voran. Die angestrebte
Halbierung der Schulabbrecher-Quote
sei ebenfalls noch nicht zu erkennen. Die
Quote lag zuletzt bei 7,0 Prozent, 2008
waren es 7,5 Prozent.
Keinerlei Fortschritt sieht Klemm zu-
dem bei jungen Erwachsenen (20- bis
29-Jährigen), die keinen Berufsab-
schluss haben. Deren Anteil liegt nach
wie vor bei mehr als 17 Prozent, darunter
sind besonders viele Migranten. Einzig
das auf demBildungsgipfel beschlossene
Ziel, mehr Studienanfänger zu gewin-
nen, sei erfüllt worden.
Der DGB, der VerbandBildungundEr-
ziehung sowie die OppositionimBundes-
tag bekräftigtenamMittwochihre Forde-
rung, mehr in Bildung zu investieren und
das im Grundgesetz verankerte „Koope-
rationsverbot“ abzuschaffen. Dieses Ver-
bot untersagt es dem Bund weitgehend,
sich finanziell und politisch in die Schul-
politik einzumischen. Derzeit engagiert
sich die Bundesregierung aber beispiels-
weise stark beim Ausbau der Hochschu-
len: Bis 2015 stellt der Bund etwa fünf
Milliarden Euro für zusätzliche Studien-
plätze bereit, dazukommenweitere Milli-
ardenbeträge für die Forschung. Unions-
Fraktionschef Volker Kauder hat gerade
erst wieder betont, Bildung und For-
schung würdenauchkünftig vonEinspa-
rungen ausgenommen.
Die SPDimBundestag verlangt gleich-
wohl zusätzliche Investitionen; es müss-
ten kurzfristig weitere 50 000 Studien-
plätze finanziert werden. Bei den Kinder-
gärten und Schulen liegt die finanzielle
Hauptlast dagegen bei den Ländern und
Kommunen. Beim Bildungsgipfel 2008
undden Treffen der folgenden Jahre hat-
tendie Ministerpräsidentenzwar vonAn-
gela Merkel gefordert, den Ländern für
Bildungsausgaben einen höheren Anteil
an der Mehrwertsteuer zu überlassen.
Diesem Ansinnen hat sich die Kanzlerin
jedoch verweigert.
An diesemDonnerstag besucht Merkel
eine Schule in Berlin und trifft die Kul-
tusminister der Länder. Dass sie dort die
Auszahlung großer Summen ankündigt,
damit rechnet schon wegen der Finanz-
krise niemand. Dem Vernehmen nach
könnte aber verabredet werden, das föde-
rale Durcheinander bei den sogenannten
Sprachstandserhebungen vor der Ein-
schulung zubegrenzen. Derzeit gibt es et-
wa zwanzigverschiedene Verfahren, Kin-
der vor der Einschulung auf ihre Sprach-
kompetenzen in Deutsch zu testen.
Neue Nahrung erhält zudemdie Debat-
te über ein bundesweites Zentralabitur.
Die Lehrerverbände reagierten am Mitt-
woch skeptisch auf einen Vorschlag des
„Aktionsrats Bildung“. Das Expertengre-
mium plädiert für ein „Kernabitur“ in
Deutsch, Mathematik und Englisch. Zu-
sätzlich zu den herkömmlichen Länder-
Prüfungen sollten alle Abiturienten zen-
tral getestet werden. Der Philologenver-
band kritisierte, Aufwand und Ertrag
stündenbeimKernabitur nicht imrichti-
gen Verhältnis. (Seite 4, Bayern)
Durchschnittlich brutal
In Berlin neigt jeder zehnte Jugendliche zu Gewalttaten – nicht mehr als anderswo
Der kleine Bruder von Stuxnet
Auf europäischen Rechnern kursiert ein neues Spionage-Programm, wohl um weitere Cyber-Attacken zu starten
„Bildungsrepublik in weiter Ferne“
DGB erkennt keine Fortschritte bei Krippenausbau, Schulpolitik und Uni-Reform
Schüler an der
Eberhard-Klein-
Oberschule in Ber-
lin-Kreuzberg: Die
„Oberschulen“
sind in der Haupt-
stadt durch die
Fusion von Haupt-
und Realschulen
2010 entstanden.
Experten zufolge
können solche Re-
formen das Kon-
fliktpotential min-
dern. Foto: dapd
Stühle und Tische
fürs Klassenzim-
mer sowie das Ge-
halt der Lehrer
müssen die Bundes-
länder und Kommu-
nen zahlen. Dass es
dem Bund weitge-
hend untersagt ist,
sich finanziell in
die Schulpolitik
einzumischen,
möchten DBG und
SPD ändern.
Foto: dpa
Sachsen spähte
Drogendealer aus
Richter erlaubt Überwachung
von Internet-Telefonaten
Trojaner lieber
selbst entwickeln
Innenpolitiker: Bund soll
Software nicht mehr kaufen
SPD und Gewerkschaften
fordern mehr Geld vom Bund
und Gesetzesänderungen.
Donnerstag, 20. Oktober 2011 HF2 Süddeutsche Zeitung Nr. 242 / Seite 5
POLITIK
Das Programm könne
den Rechner nicht durchsuchen,
heißt es beim LKA.
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Der infizierte Rechner schickt
54 x 54 Pixel große weiße
Grafikflächen über das Internet an
den Kontroll-Server. Daran ist ein
verschlüsseltes Archiv mit den
erbeuteten Informationen
angehängt.
Zugleich kann die von Duqu
installierte Software auch
Informationen über das
Netzwerk sammeln, zu dem
der infizierte Computer
gehört. Nach den bisherigen
Analysen befällt Duqu aber
andere Rechner nicht
von alleine.
SZ-Graphik; Foto: Prisma Bildagentur; Quelle: eigene Recherchen
Auf dem infizierten Rechner
installiert Duqu ein Programm,
dass etwa Tastatureingaben
oder Bildschirminhalte
speichert.
infizierter
Rechner
Netzwerk
eines
Unternehmens
Internet
So funktioniert Duqu
Über den sogenannten Command- und Control-Server kann der
Angreifer mit Duqu kommunizieren. Dabei kann er sowohl die
ausspionierten Informationen abrufen als auch dem Schadprogramm
Befehle erteilen oder neue Software-Komponenten nachladen.
Kontroll-Server des Angreifers
4
5
Duqu wird auf bislang
unbekannte Weise gezielt auf
einen ausgewählten Rechner
geschmuggelt. Nach 36 Tagen
entfernt sich das Programm
automatisch.
Duqu
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In Deutschland sei bislang
kein Netzwerk infiziert worden,
sagt ein Behördenvertreter.
Eröffnet seinen Online Store
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Berlin – Die Grünen haben ein Verbot
von Waffenlieferungen in Länder ver-
langt, in denen massiv gegen Menschen-
rechte verstoßen wird. Fraktionsge-
schäftsführer Volker Beckbezeichnete es
am Mittwoch als „Horrorvorstellung“,
dass deutsche Waffen zur Niederschla-
gung von friedlichen Protesten einge-
setzt werden. Er reagierte damit auf ei-
nen Bericht von Amnesty International,
wonach Deutschland auch Staaten wie
Ägypten, Libyenoder denJemenmit Rüs-
tungsgütern beliefert hat. Beck forderte
von der schwarz-gelben Koalition, Rüs-
tungsexporte künftig genau zu erläu-
tern. Es müsse auch deutlich mehr parla-
mentarische Kontrolle geben. Hinter-
grund ist auch die geplante Lieferung
vonLeopard-2-KampfpanzernnachSau-
di-Arabien, welcher der Bundessicher-
heitsrat Ende Juni bereits zustimmte. Bis
zum Ende des Jahres will das geheim ta-
gende Gremium über das Geschäft er-
neut beraten.
Nach Angaben von Amnesty hatten
Deutschlandund 16 weitere Staaten gro-
ße Mengen Waffen in den Nahen Osten
und nach Nordafrika geliefert. In einem
Bericht werdenalleindeutsche Exportge-
nehmigungen im Wert von 77 Millionen
Euro aufgezählt, unter anderem für
Kleinwaffen, Munition und Militärfahr-
zeuge. Die Zahlen beziehen sich auf den
Zeitraum 2005 bis 2009. „Diese Waffen-
lieferungen sind genehmigt worden, ob-
wohl schon damals ein erhebliches Risi-
kos bestand, dass mit diesenWaffenMen-
schenrechtsverletzungen begangen wer-
den“, sagte Mathias John, der Rüstungs-
experte der Organisation.
In der hundertseitigen Studie unter-
sucht Amnesty Rüstungslieferungen
nach Ägypten, Bahrain, Jemen, Libyen
und Syrien. Die wichtigsten Exportstaa-
ten waren außer Deutschland Belgien,
Bulgarien, Frankreich, Großbritannien,
Italien, Österreich, Russland, Tschechien
und die USA. Sie alle lieferten Waffen,
Munitionundandere Ausrüstung, mit de-
ren Hilfe Polizei und Militär friedliche
Demonstranten womöglich getötet, ver-
letzt oder willkürlich verfolgt haben.
„Wenn jetzt Waffenembargos verhängt
werden, dann kommt das zu spät und ist
zu wenig“, sagte John. „Unsere Untersu-
chung macht erneut deutlich, dass die be-
stehendenExportkontrollennicht ausrei-
chen. Wir brauchen dringendein wirksa-
mes internationales Waffenhandelsab-
kommen. Dabei muss gelten: Es dürfen
keine Rüstungsgüter geliefert werden,
wenn das Risiko besteht, dass der Emp-
fänger damit schwere Menschenrechts-
verletzungen begeht.“ dapd, dpa
Von Bernd Dörri es
Oberhausen – Wenn die Städte in Nord-
rhein-Westfalenwollen, dann könnensie
seit dieser Woche eine Art Doppelnamen
führen – um darauf hinzuweisen, was
denn besonders ist an ihrer Stadt. Köln
ist nun per Landesgesetz berechtigt, sich
den Zusatz Domstadt auf die Ortsschil-
der zu schreiben, obwohl das eh jeder
weiß, und Aachen darf sich die Kaiser-
stadt nennen. Oberhausen wiederum
könnte die Besucher am Bahnhof mit ei-
nem Hinweis empfangen, dass man nun
die am höchsten verschuldete Stadt
Deutschlands betrete. Aber nicht einmal
Geld für die Schilder wäre wohl vorhan-
den in Oberhausen.
Am Rathaus geht die Uhr im Turmum
ein paar Minuten falsch und drinnen
kannApostolos Tsalastras erklären, war-
umes so nicht weiter gehenkanninOber-
hausen. Er hat kurzes dunkles Stoppel-
haar und ist seit dem Sommer der Käm-
merer von Oberhausen. Am Anfang sagt
er, fand er das noch witzig, die ganzen
Wortspiele darüber, dass nun ausgerech-
net ein Mann mit griechischem Namen
die Rekordschuldenstadt Oberhausensa-
nieren soll. „Mittlerweile kann ich das
nicht mehr hören“, sagt Tsalastras.
Andererseits ist es schon eininteressan-
ter Vergleich, den man in diesen Tagen
täglich irgendwo hört im Land: Die Fra-
ge, obinNordrhein-Westfalenschongrie-
chische Verhältnisse herrschen. Von den
430 Kommunen imLand haben nach An-
gabendes Innenministeriums nur acht ei-
nen ausgeglichenen Haushalt. Fast
140 Städte müssen dagegen mit einem
Nothaushalt operieren, sind also so hoch
verschuldet, dass ihnen die übergeordne-
te Behörde einen Sparkommissar an die
Seite stellt, der alle Ausgaben, Beförde-
rungen und Einstellungen überwacht. Es
ist eine Art Fremdherrschaft.
Die ersten Banken haben angekün-
digt, den NRW-Kommunen keine Kredi-
te mehr zugeben. Bei anderen steigen die
Zinsen. Oberhausen hat mit 1,8 Milliar-
den Euro Schulden mittlerweile mehr
Verbindlichkeiten als Vermögenswerte,
ist mehr in den Miesen als die Gebäude
und Infrastruktur der Stadt bewertet
werden. Bei vielen Privatpersonen wäre
das der Moment der Pfändung. Dennoch
sei der Griechenland-Vergleich falsch,
sagt Tsalastras. „Die Griechen haben
über ihre Verhältnisse gelebt, wir im
Ruhrgebiet haben ein Strukturpro-
blem.“ Oberhausen hat in den vergange-
nen Jahrzehnten 50 000 Arbeitsplätze in
der Stahlindustrie verlorenundnur weni-
ge dazugewonnen, die Arbeitslosigkeit
liegt bei elf Prozent. Gegenüber demEin-
kaufszentrum Centro, auf dem Gelände
eines ehemaligen Stahlwerkes, wollten
die Stadt ein Internationales Gesund-
heitszentrum gründen, die Zuschüsse
wurdennicht bewilligt. Jetzt sindimmer-
hin ein paar Spielhallen dort hingezo-
gen. ImFrühjahr wollte sie dann wenigs-
tens die Marktstraße inder Innenstadt sa-
nieren, für 100 000 Euro aus einem För-
derprogrammdes Landes. Aber auch das
klappte bisher nicht, weil Oberhausen
den Eigenanteil von 20 000 Euro nicht
aufbringen kann. „So sparen wir uns zu
Tode“, sagt Tsalastras. Er trägt einen
schwarzen Anzug mit rotemInnenfutter,
was sichgut macht inseiner zweitenAuf-
gabe als Kulturdezernent der Stadt. Er
muss aber auch den Kulturleuten sagen,
dass es weniger Zuschüsse geben wird.
So wie für alle weniger Geld da ist: Für
die Schulen, die Friedhöfe, die Busse, die
von 21 Uhr an schon im Nachtfahrplan
unterwegs sind. „Wenn wir immer nur
weiter sparen und kürzen und alles dicht
machen müssen, dann will hier auch nie-
mand mehr leben“, sagt Tsalastras. Jah-
relang hätten Bund und Land die Aufga-
ben nach unten durchgereicht und die
Städte dafür bezahlenlassen: Ganztages-
betreuung, Sozialausgaben, die Program-
me für Kinder ohne Schulabschluss – die
Reparaturkosten an der Gesellschaft.
Jetzt will zumindest das Land helfen
und hat einen „Stärkungspakt Kommu-
nalfinanzen“ entwickelt, der bald im
Landtag beschlossen werden soll. Die 34
ärmstenKommunen erhalten vondiesem
Jahr an 350 Millionen Euro jährlich aus
dem Landeshaushalt. Von 2014 an gibt
320 Millionen Euro an weitere Kommu-
nen, die von reichen Städten wie Düssel-
dorf in einen Solidarfonds fließen sollen.
Dafür verpflichten sich die Schulden-
städte, bis 2020 einen ausgeglichenen
Etat aufzustellen. Es ist die Frage, ob das
realistisch ist. Oberhausen müsste 100
Millionen Euro pro Jahr sparen. Wenn
man fast alle städtischen Angestellten
entlassen würde, käme man in etwa auf
diesen Betrag. Manche halten den Kom-
munalfonds deshalbauchfür zuklein, ei-
ne Art bessere Sterbehilfe. „Es ist einAn-
fang, eine Motivation“, sagt Kämmerer
Tsalastras. Bisher habe man in der Stadt
eine Sparrunde nach der anderen aufge-
legt und stand am Ende doch mit immer
größeren Defiziten da.
Andere halten die Hilfen für unge-
recht, weil sie jene Kommunen belohnen
würden, die schlecht gewirtschaftet ha-
ben. Essens Finanzchef hat schon mal
vorgeschlagen, Oberhausendoch mit sei-
ner Stadt zusammenlegen. Düsseldorfs
Oberbürgermeister Dirk Elbers (CDU)
will notfalls gegen den Sozialfonds kla-
gen und nicht für die Fehler anderer be-
zahlen. Es ist ein Kampf zwischen Arm
und Reich. Das Ruhrgebiet bezeichnet
sichgern als eine der größten Metropolen
Europas, letztlich sind die Städte aber
meistens nicht zur Zusammenarbeit be-
reit, jeder will sein eigenes Theater und
sein eigenes Schwimmbad behalten. Das
kostet. Es gibt Gemeinden, die sich ganz
gut eingerichtet haben in dieser Situati-
on, die damit kalkulieren, dass immer je-
mand kommt, der aushilft, die eine Sub-
ventionsmentalität entwickelt haben,
die von Generation zu Generation weiter
gegeben wird. Die meisten Kommunen
sparenundentlassen aber schonseit Jah-
ren. Eine Ende ist nicht in Sicht.
Auch Tsalastras arbeitet schon wieder
an der nächsten Sparrunde für Oberhau-
sen und steht vor der Aufgabe, so zu kür-
zen, dass es die Menschen möglichst
nicht merken. Sie merken es aber doch,
wenn sie durch ihre Heimat fahren, die
oft so aussieht, wie die DDR kurz nach
der Wende. Man hört das überall, bei al-
len Parteien in Nordrhein-Westfalen:
Den Wunsch, dass die Solidarität nicht
mehr nachHimmelsrichtung verteilt wer-
den dürfe, sondern nach Bedürftigkeit.
Oberhausen hat in den vergangenen
20 Jahren256 MillionenEuro inder Soli-
darfonds Ost eingezahlt, finanziert
durch Kredite, die die Stadt nun erdrü-
cken. Man sieht es ihr an.
Von Gui do Bohsem
Berlin – Fritz Kuhn wirkt ziemlich gelas-
sen, vielleicht sogar fröhlich. Letzteres
kann täuschen. Gerade erst wurde er mit
bescheidenemErgebnis zumVize-Frakti-
onschef wiedergewählt. Was ihnnicht da-
von abhält, das Programm der Grünen
weiter umzukrempeln, und deshalb ist
die Gelassenheit an diesem Mittwoch
echt. Gemessen jedenfalls daran, dass er
eine Überraschung zu verkünden hat:
Seine Partei wolle nicht mehr für den
Aufbau einer Kapitalreserve in der Pfle-
ge plädieren und damit ein bislang zen-
trales Anliegen fallen lassen. Die Frakti-
onwerde nochberaten. „Ichgehe aber da-
von aus, dass wir die demografische Re-
serve aufgeben“, sagte Kuhn.
Kuhn und auch die grüne Pflege-Ex-
pertin Elisabeth Scharfenberg halten
den Verzicht auf die jahrelang erhobene
Forderung für wohlbegründet. Man habe
für die demografische Reserve plädiert,
umdie Nachhaltigkeit imSystemzustei-
gern. Ein Gutachten des Pflege-Exper-
ten Heinz Rothgang entlarve die aber als
Schein-Nachhaltigkeit, argumentierte
Kuhn, und Scharfenberg fügte hinzu:
„Wenn man so klare Botschaften be-
kommt, muss man sich dem stellen.“
Wie also sehen diese Botschaften aus?
In seinem Gutachten führt Rothgang im
Wesentlichen drei Argumente gegen ei-
nen Kapitalstock ins Feld. Der in Bre-
men lehrende Professor geht erstens da-
von aus, dass der demografische Wandel
auf Dauer für höherenKosteninder Pfle-
geversicherung sorgen wird. Weil die
Kosten aber nicht sinken, werde eine
über dreißig Jahr aufgebaute Reserve
den Beitragsanstieg nur anfangs verhin-
dern. Bestenfalls funktioniere das zwei
Jahrzehnte lang. Spätestens dann aber
sei die Reserve aufgebraucht, undder Bei-
trag steige sprunghaft an, ganz so, als ha-
be es nie eine Reserve geben.
Zweitens betrachtet Rothgangdie Pfle-
geversicherung nicht alleine, sondern
den Gesamtstaat. Mit diesem Blick, so
der Pflegeexperte, stelle sich eine Kapi-
talreserve als ineffizient heraus. Denn
für denStaat – unddamit auchseine Bür-
ger – sei es günstiger, die teuer verzinste
Gesamtverschuldung abzubauen als auf
die Renditen aus der demografischen Re-
serve zu setzen. Denn die möglichen Ein-
nahmen seien sicherlich niedriger als die
Kosten der Zinszahlungen. Ein Kapital-
stock sei deshalb ökonomisch unsinnig.
Schließlich befürchtet Rothgang, dass
die Pflege-Reserve von den regierenden
Parteien angezapft werde, ehe sie über-
haupt aufgebaut werden könnte. Es sam-
melten sich in dem Kapitalstock mit der
Zeit mehr als 230 MilliardenEuro an. An-
gesichts der Größe wachse das Risiko,
dass der Fonds zweckentfremdet werde.
Interessant ist Rothgangs Expertise ne-
benbei auch, weil CDU, CSU und FDP
über dieses Thema seit Monaten streiten
– und das vermutlich noch länger tun
werden. Unter anderem deshalb hat Ge-
sundheitsminister Daniel Bahr die Vorla-
ge der von ihm und seinem Vorgänger,
FDP-Chef Philipp Rösler, angekündigte
Pflegereformmehrmals verschiebenmüs-
sen. Weil auch Bahr befürchtet, dass die
Pflege-Reserve missbraucht werden
kann, will er sie über eine private Versi-
cherung aufbauen. Das Kapital wäre so
dem Zugriff des Staates entzogen.
Für einen Kapitalstock spricht sich
auchdie Unionaus, stärker die CDU, we-
niger begeistert die CSU. Beide gemein-
sam lehnen jedoch die FDP-Vorstellun-
gen ab, wie er ausgestaltet werden soll.
Stattdessenplädierensie für eine Vorsor-
ge innerhalbder gesetzlichenPflegeversi-
cherung. Am Freitag wollen die Partei-
undFraktionsvorsitzendendarüber bera-
ten. Auf Rothgangs Argumente werden
sie wahrscheinlich nicht hören.
V
or einpaar Tagenbat Claudia Grau
im Nürtinger Gemeinderat um das
Wort. Sie hatte etwas klarzustellen:
„Nach wie vor“, sagte sie, „stehe ich als
OB-Kandidatin nicht zur Verfügung.“
Grau wehrt sich tapfer, aber alles Weh-
ren könnte vergeblich sein. Ob sie zur
Verfügung steht, ist vielen Nürtingern
nämlich herzlich egal: Die 47-Jährige
läuft ernste Gefahr, am Sonntag zur
Oberbürgermeisterin der 40 000-Ein-
wohner-Stadt gewählt zu werden.
Dabei wird Claudia Grau nicht ein-
mal auf dem Wahlzettel stehen. Die
Bürger könnenkeinKreuz hinter ihrem
Namen machen; sie müssten ihn auf
den Stimmzettel schreiben. Und am
Besten noch weitere Informationen, die
es erlauben, sie klar zu identifizieren.
ZumBeispiel ihr aktuelles Amt: Kultur-
bürgermeisterin. Zu viel verlangt?
Nicht wirklich. In der ersten Runde der
OB-Wahl am 9. Oktober, bei der kein
Bewerber eine absolute Mehrheit er-
reichte, stand der Name Claudia Grau–
klar identifizierbar – schon auf
709 Wahlzetteln. Das bedeutete 5,8 Pro-
zent für die Nicht-Kandidatin. Schon
das löste große Aufregung aus. Aber
dann ging es ja erst richtig los.
Viele Nürtinger waren ohnehin nicht
recht glücklich mit den Kandidaten,
die ihnen die Parteien präsentiert hat-
ten. Der amtierende OB Otmar Heirich
vonder SPDhatte umfassendenBürger-
zorn auf sich gezogen, als er das Logis-
tikzentrum eines Bekleidungsherstel-
lers erst gegen erbitterten Widerstand
durchsetzte und dann die Zusage des
Unternehmens verlor. Der CDU-Bewer-
ber hat mit noch umfassenderem Bür-
gerspott zu kämpfen: Nicht für eine
Doktorarbeit, aber immerhin für einen
Leserbrief hat er großzügig von ande-
ren abgeschrieben. Dann wurde auch
noch bekannt, dass er eine private Ben-
zinrechnung mit der Tankkarte seines
Arbeitgebers bezahlt hatte.
Ein Nürtinger Programmierer,
„Durchschnittsbürger“ nennt er sich,
beschloss also, die Sache selbst in die
Hand zu nehmen: Wenn heutzutage an-
derswo Revolutionen im Internet ge-
wonnenwerden, sollte dochso eine klei-
ne OB-Wahl zwanzig Kilometer südöst-
lich von Stuttgart kein Problem sein.
Der Rebell von Nürtingen und seine
Mitstreiter wollten aber nicht nur ein
Zeichen des Protests setzen. Sie über-
legten, wem sie den OB-Job denn ei-
gentlich zutrauten – und stießen auf die
beliebte, parteilose Kulturbürgermeis-
terin. Die Internet-Kampagne, die sie
vor dem ersten Wahltermin lostraten,
war noch so etwas wie ein Spiel. Doch
jetzt ist das Spiel ernst geworden.
Nicht nur auf Facebook und in anderen
sozialen Netzwerken wird für Claudia
Grau geworben, auch die gute alte
Hauswurfsendung darf zur Online-Re-
volutionbeitragen. Der Grünen-Kandi-
dat, der im ersten Wahlgang gut zehn
Prozent erreicht hatte, rief die Bürger
auf, nun Grau zu wählen. Auch andere
wichtige Figuren der Stadtgesellschaft
erklärten ihre Unterstützung.
Sie alle sehen eine echte Chance für
die Kandidatin wider Willen: 4900
Stimmen, 40 Prozent, erhielt OB Hei-
rich im ersten Wahlgang. Diese Marke
sei für Grau dank der neuen Dynamik
nicht unerreichbar, glaubt der Tübin-
ger Politikwissenschaftler Hans-Georg
Wehling, dessenWort viel gilt inBaden-
Württemberg. Im zweiten Wahlgang
dürfen alle Kandidaten des ersten wie-
der antreten, für den Sieg reicht aber
jetzt eine einfache Mehrheit. Grau be-
tont, dass sie an „ihrem“ Wahlkampf in
keiner Weise beteiligt sei, und ihr Ver-
hältnis zu OBHeirich sei blendend. Zur
Frage, ob sie die Wahl annehmen wür-
de, wenn sie gewinnt, sagt Grau nichts.
Ihre Anhänger schließen daraus, dass
sie im Fall der Fälle am Sonntagabend
Ja sagen würde. Roman Deininger
Kritik an Waffenexport
nach Nordafrika
1,8 Milliarden Euro Schulden
Oberhausen ist die Stadt mit den höchsten Verbindlichkeiten in Deutschland – wie der Kämmerer die Kommune vor dem Ruin bewahren will
Düsseldorf – Die IGMetall fordert sieben
Prozent mehr Geld für die 75 000 Stahl-
kocher in Nordrhein-Westfalen, Nieder-
sachsen und Bremen. Auf diese Forde-
rung in den anstehenden Tarifverhand-
lungen habe sich die Tarifkommission
der Gewerkschaft in Sprockhövel (Enne-
pe-Ruhr-Kreis) geeinigt, teilte die IGMe-
tall am Mittwoch in Düsseldorf mit. Die
Beschäftigten hätten 2011 ordentliche
Wertzuwächse geschaffen, begründete
der IG Metall-Bezirksleiter NRW, Oliver
Burkhard, die Forderung. Die Tarifver-
handlungen beginnen an diesem Freitag
in Düsseldorf. Für die Auszubildenden
will die IG Metall die unbefristete Über-
nahme nach der Ausbildung durchset-
zen, für Ältere einen verbesserten An-
spruch bei der Altersteilzeit. dpa
Düsseldorf – Die Piratenpartei legt inder
Wählergunst immer stärker zu. Wie aus
einer am Mittwoch veröffentlichten For-
sa-Umfrage im Auftrag von Stern und
RTLhervorgeht, würdenzehnProzent al-
ler Deutschendie Partei wählen, die kürz-
lich ins Berliner Abgeordnetenhaus ein-
gezogen war. Damit legt die Partei in der
wöchentlichen Befragung um zwei Pro-
zentpunkte zu und erreicht erstmals ei-
nen zweistelligen Wert. Die Union ver-
harrt bei 31 Prozent. Die FDP rutscht ei-
nen Prozentpunkt auf drei Prozent ab.
SPD(26 Prozent) und Grüne (16 Prozent)
büßten jeweils einen Prozentpunkt ein
und kämen bei einem Bündnis zusam-
men nur noch auf 42 Prozent. Für die
Grünen war dies bei der Umfrage der
niedrigste Wert seit der Atomkatastro-
phe von Fukushima Mitte März. Reuters
Berlin – FDP-Chef Philipp Rösler hat ein
weiteres Mal angedeutet, dass die FDP
dabei ist, sich vomGedanken einer spür-
baren Steuerentlastung zu verabschie-
den. In einem Beitrag für das Handels-
blatt vomMittwoch schrieb Rösler, „zen-
tral“ seienEntlastungenbei denverdeck-
ten Steuererhöhungen, der sogenannten
kalten Progression. Rösler schlug die Er-
stellung regelmäßiger „Steuerberichte“
andenBundestagvor, auf derenGrundla-
ge dannEntscheidungenüber denschritt-
weisen Abbau solcher „leistungsfeindli-
cher“ Elemente getroffen werden könn-
ten. Auf die Frage, obdies nun„Steuerbe-
richte statt Steuerentlastungen“ bedeu-
te, sprach FDP-Fraktionschef Rainer
Brüderle von „einer sinnvollen innovati-
venFormulierung“ Röslers. Steuerentlas-
tungen ohne einen solchen Bericht seien
denkbar, aber angesichts der Haushalts-
zahlen wenig wahrscheinlich. Die vor-
sichtigen Absetzbewegungen der FDP-
Führung bleiben in der Partei nicht ohne
Widerspruch. Einer der energischstenBe-
fürworter kräftiger Steuersenkungen bis
hin zur Abschaffung des Solidaritätszu-
schlags ist der Parteivize und sächsische
Landeschef Holger Zastrow. ble
Wertzuwächse geschaffen: Stahlkocher
bei ThyssenKrupp in Duisburg. dpa
Potsdam– Der unterlegene Bewerber um
das Amt des Berliner Polizeipräsidenten,
Klaus Keese, wird rechtliche Schritte ge-
gen die Senatsentscheidung prüfen. Das
kündigte sein Anwalt, Klaus Herrmann,
am Mittwoch in Potsdam an. Zunächst
wolle er Akteneinsicht bei der Innenbe-
hörde beantragen, um zu erfahren, war-
um nicht Keese, sondern der frühere
Chef des Bundesgrenzschutzes Ost, Udo
Hansen, die Stelle bekommen soll. Die
Gründe für die Ablehnung seien Keese
noch nicht mitgeteilt worden, sagte der
Jurist. Lediglich das Ablehnungsschrei-
ben habe er erhalten. Eine Sprecherin
der Senatsinnenverwaltung bestätigte,
dass Hansen Polizeipräsident werden
soll. Keese hatte imJuli durch eine Klage
vor dem Verwaltungsgericht den Stopp
des ersten Besetzungsverfahrens wegen
eines Verfahrensfehlers erzwungen. dpa
Ohne geht es besser
Grüne rücken von Kapitalreserve in der Pflegeversicherung ab – und geben ein zentrales Anliegen auf
Berlin – Der Celler Generalstaatsanwalt
Harald Range, 63, soll nach dem Willen
der Bundesregierung neuer Generalbun-
desanwalt und damit Nachfolger von Mo-
nika Harms werden. Das Bundeskabi-
nett fasste amMittwochdiesem„einstim-
migen Beschluss“, wie ein Sprecher des
Bundesjustizministeriums in Berlin sag-
te. Harms war am 30. September nach
mehr als fünfjähriger Amtszeit indenRu-
hestand verabschiedet worden. Seitdem
war der Posten des obersten deutschen
Strafverfolgers vakant. Die jetzt noch
notwendige Wahl Ranges im Bundesrat
wird für den 4. November erwartet. Der
zunächst vonder Bundesregierung nomi-
nierte Stuttgarter Regierungspräsident
Johannes Schmalzl (FDP) war amWider-
standder SPDgescheitert. Schmalzl hat-
te seine Bewerbung am23. September zu-
rückgezogen, nachdem sich abgezeich-
net hatte, dass er die Mehrheit imBundes-
rat verfehlen würde. dapd
Rösler im Rückwärtsgang
IG Metall fordert Lohn-Plus
Gerangel um Polizeispitze
Kandidatin wider Willen
Nürtinger Initiative will Kulturfunktionärin als Stadtoberhaupt
Piratenpartei legt zu
Kabinett nominiert Range
Seite 8 / Süddeutsche Zeitung Nr. 242 HF2 Donnerstag, 20. Oktober 2011
POLITIK
Die Stadt Oberhausenmuss Angesichts ihres gewaltigenSchuldenbergs sparen, sparenund nochmals sparen. Viele dringende Sanierungen könnennicht ausge-
führt werden, öffentliche Gebäude verkommen, Straßen werden nicht mehr repariert. Foto: Dominik Asbach/laif
Viel Zuspruch: Nürtingens Kulturbür-
germeisterin Claudia Grau. Foto: oh
Inland
Auch der Gesundheitsminister
befürchtet, dass der Kapitalstock
missbraucht werden könnte.
Von den 430 Kommunen im Land
haben nur acht einen
ausgeglichenen Haushalt.
Von Chri sti ane Schl ötzer
München – Die größten Demonstratio-
nen seit Beginn der griechischen Finanz-
krise bildeten am Mittwoch den Auftakt
zu einem 48-stündigen Generalstreik,
der praktisch das ganze Land lahmlegte.
Seeleute, Fluglotsen, Lehrer, Finanzbe-
amte und Taxifahrer erschienen nicht
zumDienst, auch viele private Geschäfte
blieben erstmals als Ausdruck des Pro-
tests geschlossen. Mehr als 125 000 Men-
schen zogen der Polizei zufolge in Athen,
Thessaloniki, Patras und Heraklion in
langen Demonstrationszügen durch die
Straßen. Sie folgten damit Aufrufen der
beiden größten Gewerkschaftsverbände
für den öffentlichen Dienst und den Pri-
vatsektor. In Athen kam es zu heftigen
Straßenkämpfen zwischen vermummten
Protestlern und Sicherheitskräften. Zu-
vor hatteneinzelne Demonstrantenoffen-
bar versucht, Gewalttäter abzudrängen.
Die größte Kundgebung fand vor dem
Athener Parlament statt, wo amDonners-
tag über ein weiteres, heftig umstrittenes
Sparprogrammder sozialistischenRegie-
rung von Giorgos Papandreou entschie-
denwerden soll. Dort kames auch zu den
Auseinandersetzungen zwischen mas-
kierten Steinewerfern und Sicherheits-
kräften. Die Gewalttäter schleuderten
Brandsätze auf die Auffahrt zu dem Ge-
bäude und rissen Zäune nieder. Die Poli-
zei reagierte mit Tränengas. Am Nach-
mittagsahdie Umgebungdes Abgeordne-
tenhauses aus wie ein Schlachtfeld.
Die große Mehrheit der Demonstran-
ten protestierte aber friedlich. „Unfair,
unsozial und ineffizient nannte der Chef
des Gewerkschaftsverbandes GSEE die
geplantenMaßnahmen, zudenenauchei-
ne Immobiliensteuer für alle gehört. Zu-
dem sollen 30 000 Staatsbedienstete als
„Arbeitsreserve“ nur noch 60 Prozent ih-
res Gehalts erhalten und nach einem
Jahr entlassen werden. Erstmals seit 100
Jahren soll die Kündigung von Staatsbe-
amten gesetzlich möglich werden.
Ohne das Sparprogramm dürfte Grie-
chenland kaum die dringend benötigten
weiteren Milliardenhilfen der EU und
des Internationalen Währungsfonds er-
halten, über die amkommendenWochen-
ende auch auf dem EU-Sonder-Gipfel in
Brüssel beraten werden soll.
Besonders umstritten ist eine Ände-
rung imArbeitsrecht, die kleinen Betrie-
ben ermöglichen soll, Tarifverträge zu
unterbieten. Dies geschieht in der Praxis
zwar schon jetzt häufig, aber Arbeitneh-
mer können noch vor Gericht dagegen
klagen. Dies wäre künftig nicht mehr
möglich. Die frühere Wirtschaftsministe-
rin Louka Katseli, Mitglied der Regie-
rungspartei Pasok, hat bereits angekün-
digt, dass sie die Änderung nicht mittra-
gen wird. Damit schrumpft die ohnehin
knappe Mehrheit der Pasok noch weiter.
Die Partei verfügt über 154 von 300 Par-
lamentssitzen.
Am Dienstagabend hatte Papandreou
vergeblich versucht, den konservativen
Oppositionsführer Antonis Samaras zur
Unterstützung der Regierung zu bewe-
gen. Der sagte nach dem kurzen Treffen,
er sei Papandreous Bitte nach einem Ge-
spräch nur gefolgt, weil die Lage in Grie-
chenland „wirklich ernst ist“. Samaras
machte aber klar, dass seine Partei der
Regierung nicht helfen wolle, ihr Pro-
gramm im Parlament durchzusetzen.
Papandreou versucht nun, die eigenen
Reihen mit aufrüttelnden Reden zu
schließen. Vor den Pasok-Abgeordneten
attackierte er dabei auch die griechi-
schen Banken, die sich gegen einen um-
fassenden Schuldenschnitt wehren wür-
den. Zur Begründung meinte Papan-
dreou, die Banker, deren Geldhäuser
dann zur Verstaatlichung anstünden,
fürchteten um lukrative Boni.
Über ein Steuerabkommen mit der
Schweiz will Athen einen Teil der Gelder
wiederbeschaffen, die vermögende Grie-
chen ins Ausland getragen haben. Nach
Expertenschätzungen soll es sich bei
demseit März 2010 abgeflossenenVermö-
gen um rund 200 Milliarden Euro han-
deln. Die Schweizer Bundespräsidentin
Micheline Calmy-Rey hält diese Schät-
zungen allerdings für weit überhöht.
Auch amDonnerstag soll der General-
streik fortgesetzt werden. Alle Beamten
sind weiterhin aufgerufen, nicht zum
Dienst zu erscheinen. Nach wie vor sind
in Athen auch die Zugänge zu vielen öf-
fentlichen Gebäuden von Protestieren-
den blockiert, trotz der Drohung von Re-
gierungsmitgliedern, Teilnehmer solcher
Aktionen, sofern es sich umBeamte han-
delt, zu entlassen. Inzwischen wurden
auch Müllmänner in Athen dienstver-
pflichtet. Dem kamen diese aber offen-
bar nicht nach – offenbar auch aus
Furcht, sie könntenandernfalls vonStrei-
kenden oder Demonstranten angegriffen
werden. (Seite 4)
Zürich - Die Serben im Norden Kosovos
lehnen es trotz eines Ultimatums der
Nato-Friedenstruppe Kfor ab, die Stra-
ßenblockaden zu räumen. Vertreter der
serbisch besiedelten Gemeinden stellten
am Mittwoch mehrere Forderungen, die
kaum zur Beruhigung der Lage beitra-
gen dürften. Sie verlangen von Belgrad,
die Präsenz der EU-Rechtsstaatsmission
Eulex in Nordkosovo abzulehnen und
das Gebiet erneut unter UN-Verwaltung
zustellen. So wolle man verhindern, dass
die Regierung in Pristina Zöllner an zwei
Grenzübergänge zu Serbien stationiert.
EinLokalpolitiker sagte, man werde kei-
nenfreienReiseverkehr erlauben. Anbie-
ten könne man aber eine kontrollierte
Öffnung der Straßen für die Nato-Trup-
pen. Damit suchen die serbischen Extre-
misten bewusst die Kraftprobe mit aus-
ländischen Soldaten.
Serbiens Staatschef Boris Tadic for-
derte seine Landsleute auf, die Straßen-
sperren für die Kfor zu räumen. Gleich-
zeitig ermunterte er die Serben, den
Kampf gegen die Unabhängigkeit Koso-
vos fortzusetzen. Belgrad werde sie wei-
terhin „politisch und finanziell“ unter-
stützen. Tadic hat seit der Abspaltung
der Ex-Provinz vor drei Jahren die Paro-
le „Kosovo und die EU“ verkündet. Das
heißt: Serbien will EU-Mitglied werden,
aber seinen Anspruch auf Kosovo nicht
aufgeben. Diese Haltung hat sichals Illu-
sion erwiesen, weil Brüssel keine offenen
Konflikte importieren will, wie im Falle
Zyperns schon geschehen. Auch haben
mehrere EU-StaatenBelgradzuletzt aus-
drücklich aufgefordert, eine konstrukti-
ve Rolle im Kosovo-Konflikt zu spielen.
Doch bisher ist nichts geschehen. Viel-
mehr sprechen Vertreter der serbischen
Regierung offen über die Teilung Koso-
vos. Das neueste Zauberwort lautet „Ab-
grenzung“. Darunter ist der Anschluss
der serbischbesiedeltenGebiete inNord-
kosovo an Serbien zu verstehen und ein
exterritorialer Status für serbische Ge-
meinden und Klöster in Restkosovo.
In Serbien wird diese Strategie immer
mehr inFrage gestellt. Der ehemalige Au-
ßenminister VukDraskovic erklärte kürz-
lichin Anspielung auf die unverrückbare
Unabhängigkeit Kosovos, Serbien könne
nicht etwas verlieren, was schon verlo-
ren sei. Deshalb müssten die Politiker
dem Volk die Wahrheit sagen. Drasko-
vic, dessenPartei Teil der Regierungskoa-
lition ist, setzt sich für die Annahme des
Ahtisaari-Plans zur Staatswerdung Ko-
sovos ein. Der finnische Friedensnobel-
preisträger Martti Ahtisaari hatte weit
gehende Autonomierechte für die Serben
in Kosovo vorgeschlagen. Schwere Vor-
würfe gegen die Regierung und Staats-
chef Tadic erhebt auchder bekannte Poli-
tikexperte Milan Nikolic. In einemInter-
view mit der Zeitung Blic sagte Nikolic,
der Kampf um Kosovo sei nur ein Ablen-
kungsmanöver, weil die Politiker nicht
willens seien, gegendie Kriminalität vor-
zugehen. Laut Nikolic zeigenalle Umfra-
gen, dass 70 Prozent der Serben über-
zeugt sind, dass Kosovo verloren ist.
Für Serbien ist das Kosovo-Engage-
ment sehr kostspielig. Gemäß einer Stu-
die des Belgrader Zentrums für prakti-
sche Politik hat der Staat seit dem Ende
des Krieges vor zwölf Jahren mit etwa
sechs MilliardenEuro die illegalen serbi-
schen Verwaltungen in Kosovo unter-
stützt. Mit anderen Worten: Jeder der
acht Millionen Bürger Serbiens zahlt pro
Sekunde 16 Euro für den Erhalt Koso-
vos.
Kurz vor dem Zerfall Jugoslawiens
vor 20 Jahren hatte der Dichter Matija
Beckovic in einem Gedicht Kosovo als
„das teuerste serbische Wort“ bezeich-
net. Mit demVers wollte er damals das ex-
treme Nationalbewusstseinseiner Lands-
leute stärken. Heute erleben viele Serben
das Gedicht nur noch als zynische Eska-
pade. Enver Robelli
Von Marti n Wi nter
Brüssel – Während die Euroländer noch
darumringen, ihre Schulden in den Griff
zu kriegen und ihre Haushalte zu sanie-
ren, hat die EU-Kommissionein50 Milli-
arden Euro schweres Programm für In-
vestitionen in „transeuropäische Netze“
beschlossen. Manmüsse jetzt „die Bedin-
gungen für Wachstum schaffen“, sagte
Kommissionspräsident José Manuel Bar-
roso am Mittwoch bei der Vorstellung
von Projekt-Bonds für den Ausbau von
Transportwegen, Energieleitungen und
Breitbandkabeln. Dieses Paket sei eine
„Anzahlung auf die Zukunft“.
Da das Programm aber, vorausgesetzt
die Mitgliedsländer stimmen ihmzu, erst
mit dem neuen Finanzrahmen 2014 bis
2020 beginnen kann, plädiert die Kom-
mission für eine „Pilot-Phase“, die sofort
gestartet werden könnte. Sie soll mit 230
Millionen Euro aus dem laufenden EU-
Budget ausgestattet werden. Währungs-
kommissar Olli Rehn erhofft sich einen
Anreiz für Investitionen von bis zu 4,6
Milliarden schon ab 2012.
Die Projekt-Bonds sollen nach dem
Willen der Kommission wie Risikoversi-
cherungen für Geldgeber funktionieren.
Damit könntenInvestitionenin die Infra-
struktur befördert werden, die zwar mit-
tel- bis langfristig Gewinn abwerfen,
„kurzfristig aber Risiken während der
Bauphase und den ersten Betriebsjah-
ren“ mit sichbringen, wie es in einemPa-
pier der Kommission heißt. Investoren
wie etwa Rentenfonds oder Versiche-
rungsunternehmen sollen damit ange-
lockt werden, dass 20 Prozent ihres Aus-
fallrisikos über den Projektfonds der EU
abgesichert wird.
Die über die sieben Jahre des Finanz-
rahmens verteilten 50 Milliarden Euro
sollen folgendermaßen aufgeteilt wer-
den: Mit 31,7 Milliarden Euro sollen Lü-
cken in den europäischen Transportwe-
gengeschlossenwerden. Nach Schätzun-
gen der Kommission muss Europa bis
zum Jahr 2020 rund 500 Milliarden Euro
inseine Straßen, HäfenundSchienenver-
bindungen investieren, wenn es funktio-
nierende „Europäische Netze“ haben
will. Alleindie Hälfte dieser Summe müs-
se aufgewandt werden, um „Engpässe
und Lücken“ zu beseitigen, rechnete der
für Transport zuständige Kommissar Si-
im Kallas vor. Der Güterverkehr in der
EU werde bis zum Jahr 2050 um 80 Pro-
zent zunehmen, der Personenverkehr um
50 Prozent.
Für InvestitionenindenEnergiesektor
sollen 9,1 Milliarden Euro zur Verfügung
stehen. Der zuständige Kommissar Gün-
ther Oettinger will sie vor allem für neue
Stromleitungen nutzen, etwa von großen
Windparks in der Nordsee oder für Ener-
gieleitungen durch das Mittelmeer. Fi-
nanziert werden soll auch die Beseiti-
gung von Lücken im Netz der Öl- und
Gaspipelines, umdie Versorgungssicher-
heit in Europa zu verbessern.
In die Telekommunikation und in die
Verbreitung des Internets will die Kom-
mission insgesamt 9,2 Milliarden Euro
stecken. Dabei wird das meiste Geld
wohl in den Ausbau der Breitbandkabel
fließen. Die Kommission hat sich näm-
lich schon in einem früheren Beschluss
das ehrgeizige Ziel gesetzt, dass „alle“
Europäer imJahre 2020 einenInternetzu-
gang mit der Mindeststärke von30 Mega-
byte (MB) haben sollen, wobei die „Hälf-
te der Haushalte“ sogar mit über 100 MB
versorgt werden sollen.
Das ehrgeizige Vorhabender Kommis-
sion hängt nun davon ab, ob die Mit-
gliedsländer sich bei ihren im kommen-
den Jahr beginnenden Finanzverhand-
lungen darauf einigen können. Da die
EU-Staaten den europäischen Haushalt
auf keinen Fall erhöhen wollen und ein
Sondertopf außerhalbdes regulärenBud-
gets unter anderen von Deutschland
strikt abgelehnt wird, müssen die 50 Mil-
liarden aus den bisherigen Einzeletats
kommen. Der Plan der Kommission,
zehn Milliarden aus den Strukturmitteln
abzuzweigen, trifft vor allembei den ost-
europäischenMitgliedsländernauf Skep-
sis. Sie sinddie hauptsächlichenNutznie-
ßer der Strukturhilfen.
Die Vorschläge der Kommission wur-
denvonBundeswirtschaftsminister Phil-
lipRösler zwar begrüßt. „Die Überlegun-
gen der Kommission gehen hier in die
richtige Richtung.“ Aus diplomatischen
Kreisen war aber zu hören, dass Berlin
die Details der Vorschläge noch sehr ge-
naudarauf prüfenwill. Sowolle Deutsch-
land sicherstellen, dass keine zusätzli-
chen Finanzrisiken für die Mitgliedslän-
der entstehen, dass das Verschuldungs-
verbot für die EU eingehalten wird und
dass nur solche Projekte gefördert wer-
den, für die eine private Finanzierung
nachweisbar nicht möglich sei. (Bayern)
Land im Ausstand
In Griechenland kommt es zu den größten Demonstrationen seit Beginn der Finanzkrise
Von Cersti n Gammel i n
und Andrea Bachstei n
Brüssel – Der italienische Premier Silvio
Berlusconi reiste bisher stets mit leich-
tem Gepäck zu EU-Spitzentreffen nach
Brüssel. Verbissen sich seine europäi-
schen Kollegen dort in allzu ernsthafte
Debatten, packte er seine Mitbringsel
aus. Mal stimmte er unverhofft ein Lied-
chen an, mal unterbrach er mit einem
Witz – was ihm nicht nur betretenes
Schweigen einbrachte. Noch vor zwei
Jahrenfandes die Chefetage der Europäi-
schen Kommission „ganz entspannend“,
einen Berlusconi in der Runde der euro-
päischenStaats-undRegierungschefs sit-
zen zu haben. Endlich mal einer, „der
nicht alles so wichtig nimmt“, hieß es.
Inzwischen ist die einstige Wertschät-
zung der italienischen Lässigkeit in ei-
nen Albtraum umgeschlagen. Italien sei
„das größten Problem der Eurozone,
schlimmer als Griechenland“, sagt einho-
her EU-Diplomat in Brüssel unmittelbar
vor demamFreitag beginnendendreitäti-
gen EU-Krisentreffen in der europäi-
schen Hauptstadt. Doch es sind nicht die
Rekordschulden des drittgrößten Euro-
Landes, die denEuro-Rettern den Angst-
schweiß auf die Stirn treibt, und auch
nicht die schwächelnde Wirtschaft. Es
ist die Regierung inRom, der das alles of-
fenbar egal ist, die weiterhin so agiert,
als sei die internationale Krise einNeben-
schauplatz der Politik – und die damit
die gesamte Währungsgemeinschaft in
Bedrängnis bringt.
Die italienische Lässigkeit schmerze
längst andere Euro-Partner, sagt ein ho-
her EU-Diplomat. Da ist zum Beispiel
Belgien, einreiches Land, das trotz Regie-
rungskrise indenletzten MonateneinRe-
kordwachstum hinlegte und demnächst
wieder eine richtige Regierung haben
wird, die bereits ankündigte, die Neuver-
schuldung unter die erlaubten drei Pro-
zent, bezogen auf die Wirtschaftsleis-
tung, zu drücken. Sogar diese positive
Entwicklung werde überschattet vom
großen Nachbarn Italien, der alles Ver-
trauen der Bürger und der Märkte ver-
spiele. „Der italienische Faktor spielt ei-
ne große Rolle am Markt, also in der Be-
wertung aller Euroländer“, sagen Unter-
händler in Brüssel.
WennBerlusconi andiesemWochenen-
de zum Krisentreffen in die europäische
Hauptstadt kommt, erwartenseine Kolle-
gen, dass er Zusagen und Fakten auf den
Tisch legt. „Italien ist das Hauptthema
des Gipfels“, heißt es hinter verschlosse-
nen Türen. Denn nur wenn Berlusconi
endlich mithelfe, die Krise zu lösen, in-
demer Reformenumsetze undspare, kön-
ne es der Währungsgemeinschaft über-
haupt gelingen, die Krise geschlossen zu
überstehen. Andere EU-Diplomatenwer-
den noch deutlicher. Italien dürfe sich
„nicht darauf verlassen, dass wir das
Land im Notfall retten, wenn es selbst
nichts tut“. Sie klagendarüber, dass itali-
enische Unterhändler schweigen, wenn
in Brüssel die Kollegen aus allen Län-
dern um Kompromisse ringen. Sogar das
eher europaskeptische Großbritannien
bringe „mehr konstruktive Vorschläge
ein als Italien“.
Mindestens zwei Zusagen wollen die
Euro-Regierungen Berlusconi an diesem
Wochenende in Brüssel abringen. Der
Premier müsse versprechen, das im Au-
gust beschlossenenSpar- undReformpa-
ket von 52 Milliarden Euro endlich auch
umzusetzen. Bisher stehe alles nur auf Pa-
pier, das reiche aber nicht. Zudemmüsse
sich Berlusconi bereiterklären, zusätzli-
che Maßnahmen zu ergreifen, umdie aus
Brüssel vorgegebenen Sparziele zu errei-
chen. „Wir erwarten, dass die italieni-
sche Regierung so klar wie möglich ihre
finanzpolitische Strategie beschreibt“,
sagt ein hoher EU-Diplomat.
Berlusconi zeigt sich allerdings weiter
unwillig. AmDienstagabendrückte er er-
neut von seinen eigenen Zielen ab. Das
Geld, die Wirtschaft zu fördern, sei
„nicht da“, verkündet er in Rom. Die Re-
gierung versuche, sich„irgendetwas aus-
zudenken“. Dass gerade die Kreditwür-
digkeit von zwölf Banken seines Landes
herabgestuft wurde, erwähnt er nicht. Er
sagt auchnicht, obdie Finanzinstitute ge-
rüstet sind, umVerluste aus griechischen
Anleihen zu verkraften. Kürzlich haben
Industrie, Versicherungen, Banken und
andere Branchen ein Manifest mit fünf
Punkten für Maßnahmen vorgelegt. Ge-
antwortet hat die Regierung nicht. Berlu-
sconi ließ lediglichausrichten, einWachs-
tumsprogramm werde vorgelegt, wenn
ein überzeugender Inhalt erarbeitet ist.
„Ich habe keine besondere Eile.“
Warschau – Einen Tag nach der Ausla-
dung des ukrainischen Staatspräsiden-
ten Viktor Janukowitsch durch die EU-
Kommission in Brüssel hat Kiew die ers-
ten Schritte zur Wiederannäherung an
Moskauunternommen. Sowohl die Präsi-
denten, als auchdie Premierminister bei-
der Länder trafen zusammen. Der ukrai-
nische Regierungschef Mikola Asarow
teilte in St.Petersburg mit, beide Seiten
stünden kurz vor einer Einigung in dem
langanhaltenden Streit über die Liefe-
rung von russischemErdgas. Moskau hat
bislang Preisnachlässe für die Ukraine
vomBeitritt zu einer Zollunion abhängig
gemacht. Janukowitsch erklärte bei ei-
nem Treffen mit dem russischen Präsi-
denten Dmitrij Medwedjew in der ost-
ukrainischen Industriestadt Donezk, Ki-
ew werde dieses Angebot sorgfältig prü-
fen. Medwedjewergänzte, eine gleichzei-
tige Mitgliedschaft in der Zollunion und
der EU sei unmöglich. Wenige Stunden
zuvor hatte der russische Premier Wladi-
mir Putin erklärt, acht der ursprünglich
fünfzehn ehemaligen Sowjetrepubliken
seien nach der Unterzeichnung eines Ab-
kommens über die Schaffung einer Frei-
handelszone politisch näher zusammen-
gerückt. Zu den Unterzeichnern gehörte
auch die ukrainische Regierung.
Russische Medien werteten das Ab-
kommen als ersten Schritt zu einer „Eu-
rasischen Union“, wie sie Putin anstrebt.
Die Kiewer Tageszeitung Kommersant
Ukraina berichtete, die Mitglieder der
russischenDelegationhättenbei denVer-
handlungen über ein neues Gasabkom-
men unverhohlen ihrer Freude über den
Konflikt zwischen Kiew und der EU-
Kommission freien Lauf gelassen. Die
UnterredungenzwischenBrüssel und Ja-
nukowitschüber einbereits ausgehandel-
tes Assoziierungsabkommen mit der EU
waren abgesagt worden, da nach Mei-
nung der EU-Kommission die Ukraine
keine Schritte zur Aufhebung des Urteils
gegen die frühere Regierungschefin Julia
Timoschenko unternimmt. Diese war we-
gen eines 2009 angeblich schlecht ausge-
handelten Gasvertrags mit Moskau zu
sieben Jahren Haft verurteilt worden.
In Kiew verdichteten sich die Anzei-
chen, dass die Führung um Januko-
witsch keine Revision des Urteils, son-
dern weitere Strafen für Timoschenko in
Betracht zieht. Generalstaatsanwalt Vik-
tor Pschonka, ein Gefolgsmann Januko-
witschs, gab bekannt, dass gegen die Op-
positionsführerin wegen Amtsmiss-
brauchs, Steuerhinterziehung und Kor-
ruption ermittelt werde. Sie habe als Re-
gierungschefin Schulden des früher von
ihr geführtenKonzerns „Vereinigte Ener-
giesysteme“ indreistelliger Millionenhö-
he aus dem Staatsbudget begleichen las-
sen. Der Konzernhabe auch nach wie vor
Schulden beim russischen Nachbarn.
Überdies habe Timoschenko Mittel aus
dem internationalen Fonds für Emissi-
onsrechte rechtswidrig indie Rentenkas-
se umgeleitet und einen Großauftrag für
Krankenwagen zu überhöhten Preisen
unterzeichnet. Nach Mitteilung der Pres-
seagentur Interfax wurde die seit Anfang
August inhaftierte Timoschenko wegen
dieser AnschuldigungenamDienstag ver-
hört. Pschonka teilte auch mit, seine Be-
hörde überprüfe, ob die Einstellung der
früheren Verfahren gegen Timoschenko
im Jahr 2005 rechtens gewesen sei.
Der Führer der prowestlichen Opposi-
tionspartei „Front für den Wechsel“, Ar-
senij Jazeniuk, warnte, eine Hinwen-
dung zu Moskau sei eine „Sackgasse“. Es
drohe der Verlust der Souveränität. Mos-
kauverfolge einenlangfristigenPlan. Pu-
tinhat wiederholt denZerfall der Sowjet-
unionEnde 1991 als die „größte geopoliti-
sche Katastrophe des 20. Jahrhunderts“
bezeichnet. Dagegen sagte der Abgeord-
nete Sergej Golowatyj von der Januko-
witsch-nahen „Partei der Regionen“, das
Freihandels-Abkommenoder die Erdgas-
Verhandlungenbedeutetenkeine Neuori-
entierung der Außenpolitik. Die EU-Mit-
gliedschaft der Ukraine bleibe Ziel von
Janukowitsch. (Seite 4) Thomas Urban
Serben ignorieren
Ultimatum
Extremisten im Nord-Kosovo
fordern Nato heraus
Albtraum Italien
Beim EU-Spitzentreffen am Freitag steht Berlusconi im Mittelpunkt – weil er das Sparpaket nicht umsetzt
Kuscheln
mit dem Kreml
Nach Ärger mit der EU sucht
die Ukraine Russlands Nähe
Straßen, Schienen und Pipelines für Europas Aufschwung
Brüssel will 50 Milliarden Euro für die „transeuropäischen Netze“ ausgeben – falls die Mitgliedstaaten dies überhaupt wollen
Donnerstag, 20. Oktober 2011 HF2 Süddeutsche Zeitung Nr. 242 / Seite 9
POLITIK
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Ein Wachstumsprogramm
für die Wirtschaft? „Ich habe
keine Eile“, sagt Berlusconi.
Demonstranten in Athen protestieren amMittwoch gegen die Sparpläne der Re-
gierung, die sie als unsozial empfinden. Foto: Yiorgos Karahalis/Reuters
Freie Fahrt: VomAusbaudes Schienennetzes inEuropa würdenauch die Hochge-
schwindigkeitszüge ICE und TGV profitieren. Foto: Jacques Demarthon/AFP
Der Oppositionsführer will
der Regierung nicht helfen,
ihr Programm durchzusetzen.
Belgrad steckte
sechs Milliarden Euro
in den Erhalt des Kosovo.
Jetzt werden die Müllmänner
der Hauptstadt dienstverpflichtet,
aber sie kommen nicht zur Arbeit.
www.sz-veranstaltungen.de
Süddeutsche Zeitung
Veranstaltungen
Brauchen wir ein neues
Transplantationsgesetz?
Es diskutieren:
Dr. Beate Merk
Bayerische Staatsministerin der Justiz
Prof. Dr. Bruno Meiser
Leiter des Transplantationszentrums München
der LMU
Dr. Florian Schuller
Direktor der Katholischen Akademie
in Bayern
Roland Kaiser und Dr. Jürgen Nehls
berichten über ihre Erfahrungen
Moderation: Siegmund Gottlieb,
Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens
25. Oktober 2011
19 Uhr
Stadtsparkasse im Tal/
Ecke Sparkassenstraße
Eintritt frei
www.stadtforum.de
Lissabon – In Portugal steht aus Protest
gegen den Sparkurs der Regierung ein
Generalstreik bevor. Die größte Dach-
Gewerkschaft des Landes, CGTP, kün-
digte am Mittwoch an, am 24. November
zu streiken. Grund sei der Haushaltsent-
wurf der Regierung für 2012. Die Mitte-
Rechts-Regierung will Urlaubsgeld und
Sonderzahlungen zum Jahresende für
Mitarbeiter im öffentlichen Dienst für
zwei Jahre aussetzen. „Zu diesem Zeit-
punkt rechtfertigen die Verarmung des
Landes, das Ausmaß der Rezession und
der Arbeitslosigkeit sowie die Ungerech-
tigkeiten, die wir sehen, denStreik“, sag-
te CGTP-Chef Manuel Carvalho da Sil-
va. „Wir müssen kämpfen, ohne zu zö-
gern und tun, was nötig ist.“ Am selben
Datum vor einem Jahr hat es in Portugal
bereits einen Generalstreik gegeben. Die
Proteste habensichindemhochverschul-
deten Land bislang anders als in Grie-
chenlandaber inGrenzengehalten. Aller-
dings könnte sich dies ändern, wenn das
Land wegen des Sparkurses nächstes
Jahr in die Rezession abrutscht. Reuters
Von Reymer Kl üver
Washington – Es war der Aufstand der
Underdogs. Inder bisher spannungsgela-
densten TV-Debatte der republikani-
schenPräsidentschaftskandidatenmuss-
ten sich die beiden Favoriten in den Um-
fragen, Mitt Romney und Herman Cain,
am Dienstag teilweise scharfer persönli-
cher Attacken ihrer fünf Rivalen erweh-
ren. Vor allem der texanische Gouver-
neur Rick Perry, der nach schwachen
Auftritten in den jüngsten Debatten er-
kennbar Boden wiedergutmachen woll-
te, ging den Ex-Gouverneur Romney so
aggressiv an, dass mitunter der Eindruck
entstand, die verbale Auseinanderset-
zung zwischen den beiden könnte in Tät-
lichkeiten enden. Indes war es nicht das
erste Mal, dass Romney sich der Angriffe
seiner Mitbewerber erwehren musste, al-
lerdings das erste Mal, dass er erkennbar
die Souveränität zu verlieren drohte.
Herman Cain dagegen kam das erste
Mal ins Visier seiner Konkurrenten, die
den schwarzen Selfmademan bisher
nicht recht ernst genommen hatten. Die
Debatte dürfte allerdings ein klares An-
zeichen dafür sein, dass der meteorhafte
Aufstieg des Außenseiter-Kandidaten in
der Gunst vor allemrechter republikani-
scher Wähler seinen Höhepunkt erreicht
habenkönnte. Cainhatte injüngstenUm-
fragen mit dem bisherigen Favoriten
Romney praktisch gleichgezogen.
Zu Beginn der Debatte fielen sämtli-
che seiner Kontrahentenüber Cains soge-
nannten„9-9-9- Plan“ her, dender frühe-
re Chef einer Pizza-Kette als einfache Al-
ternative zum heutigen, komplizierten
US-Steuerrecht vorgelegt hat. Danach
sollen die Einkommens- und Unterneh-
menssteuern, die heute Sätze jenseits der
30 Prozent erreichen können, einheitlich
auf neun Prozent gesenkt werden. Zum
Ausgleich will Cain eine Mehrwertsteuer
von neun Prozent einführen. Mehrwert-
steuern gibt es in den USA bisher nicht
auf Bundesebene, allenfalls in einzelnen
Bundesstaaten. „Man braucht keine gro-
ße Analyse, um herauszufinden, dass das
nicht funktioniert“, sagte der texanische
Gouverneur Perry.
Doch vermutlich viel gefährlicher für
Cain, der seinen Vorschlag als „einfach
und fair“ verteidigte, dürfte eine Unter-
suchungseines Plans durchdas unabhän-
gige Tax Policy Center in Washington
sein. Danach würde Cains Vorschlag ei-
ne massive Umverteilung der Steuerlast
von oben nach unten bedeuten. 95 Pro-
zent aller Millionäre würdendanachjähr-
lich 487 000 Dollar weniger an Steuern
bezahlen. Das mittlere Haushaltseinkom-
men in den USAliegt knapp unter 50 000
Dollar. Ein solcher Haushalt müsste
nach Cains Vorstellungen bis zu 5000
Dollar mehr Steuern zahlen. „Das ist fis-
kalischer Hokus-Pokus“, schreibt Ed-
ward Kleinbard, ein Steuerexperte an
der University of Southern California in
Los Angeles, „er wirdals Niedrig-Steuer-
Wundermittel präsentiert, in Wahrheit
würde er aber die Steuerlast vieler Ameri-
kaner deutlich erhöhen.“ Höhere Steu-
ernaber sindindenAugender meistenre-
publikanischen Wähler ein Tabu.
Deshalb dürfte die Begeisterung für
Cain in den kommenden Wochen wieder
schwinden. Das, so das Kalkül im Lager
RickPerrys, wirddanndie Stunde des te-
xanischen Gouverneurs sein, wenn er
sich als rechte Alternative zum Favori-
ten Romney empfiehlt. Romney ist der
konservativen republikanischen Partei-
basis hochsuspekt. Viele haltenihnfür ei-
nenOpportunisten, der konservative An-
sichten nur vertritt, weil sie aufgrund
des Erfolgs der Tea-Party-Bewegung ge-
rade en vogue sind. Darauf spielte Perry
eingangs der Debatte an, als er sich als
„authentischen Konservativen“ empfahl
undnicht als „Konservativenaus Zweck-
dienlichkeit“.
Perry, der Romney mehrmals unter-
brach und nicht ausreden ließ, griff die
persönliche Integrität seines Konkurren-
ten an und warf ihm „Scheinheiligkeit“
in der Debatte über die illegale Einwan-
derung vor, die vor allem die Parteirech-
te sehr umtreibt. „Mitt, aus meiner Sicht
verlierst du jedes Standing, weil Du
selbst illegale Einwanderer beschäftigt
hast“, sagte Perry direkt an Romney ge-
wandt. Damit wärmte er eine Affäre auf,
die Romney bereits im Präsidentschafts-
wahlkampf vor vier Jahren belastet hat-
te. Er hatte eine Gartenbaufirmabeschäf-
tigt, die – ohne sein Wissen – Illegale be-
schäftigt hatte. Romney reagierte herab-
lassend: „Für Rick sind die letzten zwei
Debatten nicht gut gelaufen, da verstehe
ich schon, dass man gereizt reagiert.“
Portugal will streiken
Paris – Die auf einer kenianischenFerien-
insel verschleppte Französinist nachoffi-
ziellen Angaben tot. Die Informanten,
mit denen Frankreich an einer Freilas-
sung gearbeitet habe, hätten die Todes-
nachricht überbracht, teilte das Außen-
ministerium in Paris am Mittwoch mit.
Wann und wie die Französin ums Leben
gekommen ist, blieb zunächst unklar. Es
wird vermutet, dass die ältere Frau An-
fang Oktober von Kämpfern der somali-
schen Al-Shabaab-Miliz verschleppt
wurde. Die Entführung sowie weitere
Geiselnahmen hatten den Einmarsch ke-
nianischer Truppen ins Nachbarland So-
malia ausgelöst. Kenia befürchtet massi-
ve EinbußenimmilliardenschwerenTou-
rismusgeschäft, wenn Ausländer ver-
schleppt werden, und will dies künftig
verhindern. Seit Sonntag gehendaher ke-
nianische Truppenzusammenmit somali-
schen Soldaten gegen Stellungen der Al-
Shabaab-Miliz vor. Im Mittelpunkt der
Kämpfe stand zuletzt die südlich gelege-
ne Stadt Afmadow. Reuters
Washington– Die Regierung vonUS-Prä-
sident BarackObama geht weiter hart ge-
gen illegale Einwanderung vor. Mehr als
396 000 Menschen, so viele wie nie zuvor,
seien in den zurückliegenden zwölf Mo-
naten aus den USA abgeschoben wor-
den, teilte die Einwanderungsbehörde
am Dienstag mit. Washington betont
aber, sich auf die Gesetzesbrecher unter
den Illegalen zu konzentrieren anstatt
auf unauffällig lebende Immigranten. So
habe es sich bei mehr als der Hälfte der
Deportierten um verurteilte Straftäter
gehandelt. SchoninObamas erstenAmts-
jahren lag die Zahl der Abschiebungen
um die 390 000. Unter seinem Vorgänger
George W. Bushwar sie nochdeutlichge-
ringer, stieg aber stetig an. Obama hatte
imWahlkampf 2008 eine Reformverspro-
chen; so wollte er eine Aufenthaltserlaub-
nis für Kinder illegaler Einwanderer ein-
führen, was aber am Widerstand der Re-
publikaner scheiterte. dpa
Wien – Die Details über Kindesmiss-
brauch im ehemaligen Wiener Kinder-
heim Schloss Wilhelminenberg haben in
Österreich den Ruf nach einer Bundes-
kommission laut werden lassen. Bislang
werden solche Fälle auf Bundesebene
von einer Kirchenkommission unter-
sucht, da die Affäre vor eineinhalb Jah-
ren wegen Verfehlungen von Geistlichen
und geistlichen Institutionen begann. Im
Fall Wilhelminenberg soll es in den fünf-
ziger Jahrensogar Todesfälle durchMiss-
handlungen, Massenvergewaltigungen
und Kuppelei gegen Geld gegeben ha-
ben. Es melden sich immer mehr Zeugen
und Betroffene. Eine Bundeskommission
fordern die Grünen schon seit eineinhalb
Jahren vergeblich, nun schließen sich die
anderen Oppositionsparteien im Natio-
nalrat an. Fk.
Peking – China hat dem Dalai Lama we-
gen einer Reihe von Selbstverbrennun-
gen buddhistischer Mönche „Terroris-
mus in Verkleidung“ vorgeworfen. Die
„Dalai-Gruppe“ habe diese Vorfälle
„hochgespielt“, umNachahmer zuerzeu-
gen, sagte ein Sprecher des chinesischen
Außenministeriums amMittwoch. In den
vergangenen Monaten hatten sich acht
buddhistische Mönche und eine Nonne
im Südwesten Chinas aus Protest gegen
das Vorgehen Pekings gegen Tibet ange-
zündet. China hatte Tibet im Jahr 1951
besetzt undkontrolliert die autonome Re-
gion sowie die anliegenden Provinzen, in
denen Tibeter leben, mit harter Hand.
Der Ministerpräsident der tibetischen
Exil-Regierung, Lobsang Sangay, lobte
den Mut der Menschen, die sich für die
„Sache Tibets“ angezündet hätten. AFP
Von Wol fgang Koydl
Zürich – In hellen Scharen sind die
Schweizer schon lange nicht mehr zu
Wahlen gegangen. Die Beteiligung liegt
hartnäckigbei unter 50 Prozent, der abso-
lute Tiefpunkt wurde 1995 mit 42 Pro-
zent erreicht. Diese Wahlmüdigkeit wird
meist damit erklärt, dass die Eidgenos-
sen nicht nur alle vier Jahre an die Urnen
gerufen werden, sondern auch immer
wieder zwischendurch anlässlich diver-
ser Volksabstimmungen. Außerdem gibt
es in der Konsens-Demokratie keine dra-
matischen Veränderungen wie etwa Re-
gierungswechsel: Es sind stets dieselben
Parteien, welche die siebenköpfige Regie-
rungsmannschaft stellen.
Dieses Mal aber scheinen sich die
Schweizer Bürger sogar den Wahlkampf
ersparen zu wollen. Am kommenden
Sonntag werden die beiden Kammern
des Parlaments gewählt – 200 Abgeordne-
ten des Nationalrates und 46 Vertreter
des Ständerates, in demdie Kantone ver-
treten sind. Doch ob auf dem Bundes-
platz vor demBerner Parlaments, bei Ak-
tionen in der Zürcher Bahnhofshalle
oder auf den Marktplätzen der Weiler
zwischen Genf und Bodensee: Die Politi-
ker blieben häufig unter sich. Passanten
machten einen großen Bogen um sie, an-
statt das Gespräch mit ihren gewählten
Vertretern zu suchen.
Als Grund für dieses matte Interesse
haben Politiker, Politologen und Beob-
achter den Mangel an zündenden Wahl-
kampfthemen ausgemacht. Tatsächlich
reduziert sich das Missvergnügen der
Wähler auf ein unbestimmtes Grummeln
über die unsichere Wirtschaftslage. Die-
se Klage finden jedoch auf gleichsam
hochalpinen Niveau statt: Den Schwei-
zern geht es noch immer umLängen bes-
ser als ihren europäischen Nachbarn.
Dass der starke Frankenkurs auf die Ex-
porte drückt, hat noch nicht voll auf die
Volkswirtschaft durchgeschlagen, unter
anderemdankder Bereitschaft vieler Be-
rufstätiger, für den selben Lohn Extra-
schichten einzulegen. Noch im Frühjahr
hatte es so ausgesehen, als obdie Energie-
politik den Wahlkampf bestimmen wür-
de. Weil aber fast alle Parteien nach dem
Reaktor-Unglück in Japan geradezu
überstürzt für einen Atomausstieg vo-
tiert hatten, verpuffte der „Fukushima-
Effekt“ spurlos. Aber auch der andere
Dauerbrenner der inner-schweizeri-
schen Debatte, der Streit umdie Zuwan-
derung von Ausländern, zündete diesmal
nicht. Eine von der „Schweizerischen
Volkspartei“ (SVP) initiierte, groß ange-
legte Plakat-Kampagne „gegen Massen-
einwanderung“ ging weitgehend ins Lee-
re – vor allem deshalb, weil die anderen
Parteien und der Großteil der liberalen
Massenmedien den Köder nicht schluck-
ten und den Vorstoß der Rechtspopulis-
ten schlicht ignorierten.
Dennochwird die SVPwohl auchdies-
mal wieder zur stärksten Partei werden.
Von ihrem selbst gesteckten Ziel, erst-
mals die 30-Prozent-Marke zu durchbre-
chen, ist sie freilich schon abgerückt. Ihr
Spiritus rector, der Groß-Industrielle
Christoph Blocher, strebt in Zürich ei-
nen Sitz im Ständerat an. Seine Chancen
werden als reell bezeichnet.
Fast ebenso sicher erscheint der weite-
re Abstieg der einst ruhmreichenFreisin-
nigen Partei (FDP). Die älteste Regie-
rungspartei der Welt verliert seit mehr
als 20 Jahren kontinuierlich Stimmen,
vor allem an die SVP, zunehmend aber
auch an die jungen Grünliberalen. Sie
werdenaller Voraussicht die größten Ge-
winner seinmit ihremimZeitgeist liegen-
den Programm aus ökologischem Be-
wusstsein und ökonomischer Kompe-
tenz. Bei der FDP hingegen, die ununter-
brochen seit 163 Jahren Regierungsver-
antwortung trägt, muss diesmal sogar
der Vorsitzende Fulvio Pelli umden Wie-
dereinzug in den Nationalrat bangen.
Auch die Sozialdemokraten (SP), bis-
langmit großemAbstanddie zweitstärks-
te Partei, tun sich schwer. Sie schaffen es
trotz der wirtschaftlichen Sorgen nicht,
Arbeiter für sichzugewinnen. Diese wan-
dernzunehmendzur SVPab. Als nicht be-
sonders hilfreich hat sich für die SP ihr
Wahlprogramm erwiesen. Obwohl es
erst im vergangenen Jahr verabschiedet
wurde, klingt es wie ein Relikt aus der
Frühzeit der Arbeiterklasse im 19. Jahr-
hundert: Die Sozialdemokraten gelobten
die „Überwindung des Kapitalismus“,
die Abschaffung des Militärs und soforti-
ge Beitrittsverhandlungen mit der Euro-
päischenUnion. Inder Schweiz stößt kei-
ne einzige dieser Forderungen auf gro-
ßen Widerhall.
München – Regimenahe Medien in Iran
habeneinender Beschuldigtenindeman-
geblichen Mordkomplott gegen den sau-
di-arabischen Botschafter in den USA
als Mitgliedder Volksmudschaheddinbe-
zeichnet, einer Gruppe der Exiloppositi-
on. Sie gilt Iran als einer der wichtigsten
Feinde des Regimes; dort wie in den USA
ist die Gruppe als terroristisch geächtet.
Iran hat die USA immer wieder beschul-
digt, die Volksmudschaheddinfür Aktio-
nen einzuspannen. Die Gruppe hatte, of-
fenbar auf Geheimdienstinformationen
basierend, das geheime Atomprogramm
Irans auffliegen lassen. Die halbamtliche
iranische Nachrichtenagentur Mehr, von
den Revolutionsgarden als Sprachrohr
genutzt, berichtet nun, der Angeklagte
Gholam Shakuri sei „ein wichtiges Mit-
glied“ der Mudschaheddin; er besitze ge-
fälschte iranische Papiere und sei in Wa-
shington und dem Camp Ashraf gesehen
worden, einst das militärische Haupt-
quartier der Gruppe in Irak. Mehr berief
sich auf angebliche „Informationen von
Interpol“, ohne Details zu nennen. Die
US-Justiz hatte Shakuri als „hochrangi-
ges Mitglied der Quds-Brigaden“ be-
zeichnet, der für Auslandsoperationen
zuständigen Spezialtruppe der Revoluti-
onsgarden. pkr
Von Peter Münch
Tel Aviv – Die Regeln werden im Nahen
Osten oft mit Blut geschrieben, denn Ver-
träge sindmeist das Papier nicht wert, auf
denen sie unterzeichnet werden. Zu den
Besonderheiten des Austauschs von 1027
palästinensischen Gefangenen gegen den
israelischen Soldaten Gilad Schalit zählt
deshalb das Abkommen, das zwischen Is-
rael undder Hamas geschlossen– undbis-
lang eingehalten – wurde. Optimisten, die
es auch in Nahost immer noch gibt, sehen
darin ein Hoffnungszeichen für den Frie-
densprozess. Neben neuen Chancen birgt
die Situation jedoch zugleich auch erheb-
liche Risiken.
Im Zentrum aller Szenarien steht die
Rolle der Hamas, der mit diesem Handel
nicht nur impalästinensischenLager, son-
dern weit darüber hinaus ein dröhnendes
Comeback gelungen ist. Demonstriert
wurde das zum einen bei der Siegesfeier
im Gaza-Streifen, auf der 250 000 Men-
schen die Ex-Gefangenen und ihre stol-
zenBefreier hochlebenließen. Nochinter-
essanter allerdings warendie Zeremonien
imWestjordanland. Hier hatten die Riva-
len von der Fatah seit 2007 alle Hamas-
Aktivitätenunterbunden– Demonstratio-
nen waren verboten, Anführer wanderten
ins Gefängnis. Zum Empfang der heim-
kehrendenHäftlinge jedochwehtenplötz-
lichwieder überall die grünenFahnender
Islamisten. Und als Präsident Mahmud
Abbas vor seinem Amtssitz in Ramallah
die Heldenparade abnahm, da musste er
sich die Bühne mit dem Hamas-Mitbe-
gründer Hassan Jussef teilen. Vor kurzem
hatte der selbst noch im Gefängnis geses-
sen, nun war er mit dem Präsidenten auf
Augenhöhe.
Im innerpalästinensischen Macht-
kampf hat die Hamas also mit der Frei-
pressung der Gefangenenenormviel poli-
tisches Kapital gewonnen. Voller Selbst-
bewusstsein bietet sie nun Präsident Ab-
bas ein Treffen an, um die festgefahrenen
Versöhnungsgespräche wieder inGang zu
bringen. Nach einem Abkommen Anfang
Mai, das ebenso wie der Schalit-Aus-
tausch von Ägypten vermittelt worden
war, hatte es keinerlei Fortschritte mehr
gegeben. Nun werden sogar Wahlen im
nächsten Frühjahr wieder ins Spiel ge-
bracht.
Auch außenpolitisch arbeitet die Orga-
nisation derzeit auf breiter Front an einer
Verbesserung ihrer Positionen. Mit der
Türkei werden immer engere Bande ge-
knüpft. Ankaras Regierungschef Recep
TayyipErdoganist einVolksheldimGaza-
Streifen, seinKonterfei ziert T-Shirts und
Tassen. Die Verbrüderung begann mit der
Gaza-Hilfsflottille im Mai 2010 und wird
voraussichtlich nicht damit enden, dass
nunelf der Gefangenen, auf derenVerban-
nung ins Ausland Israel bestanden hatte,
von der Türkei aufgenommen worden
sind.
Beste Aussichtenbietensichfür die Ha-
mas aber vor allem in Ägypten. Der ge-
stürzte Präsident Hosni Mubarak hatte
klar auf die Fatah gesetzt, die neue Mili-
tärführung zeigt sich wesentlich offener
gegenüber den Islamisten. Und bald
schon könnten die Aktien der Hamas
noch weiter steigen, wenn in Kairo die
Muslimbrüder ander Macht beteiligt wer-
den. Denndie sindschließlichdie Patenor-
ganisation der Hamas.
Die Chance für den Friedensprozess lä-
gedanndarin, zusammenmit denMuslim-
brüdernauchdie bislangvomWestenver-
femte Hamas ins politische Geschäft ein-
zubinden. Schließlich gilt das alte Motto,
dass man Frieden nicht mit seinen Freun-
den, sondern mit seinen Feinden schließt
– und wenn sich Israel mit dem Erzfeind
nun schon auf einen solchen Gefangenen-
Austausch geeinigt hat, dann könnte dies
docheines Tages seine Fortsetzungfinden
in Friedensverhandlungen.
Dies hoffen zumindest all jene westli-
chen Politiker von Berlin bis nach Wa-
shington, die den Gefangenen-Austausch
nunbegrüßt habenunddarineine Verbes-
serung der Atmosphäre in Nahost erken-
nen wollen. Tatsächlich besteht die Mög-
lichkeit, dass die Hamas nun zumindest
mittelfristig, so wie die Fatahvor demOs-
lo-Friedensabkommenvor fast 20 Jahren,
vomTerror zur Politik findet. Kurzfristig
besteht jedoch im Gegensatz dazu auch
die Gefahr, dass es zu einer Verhärtung
kommt undwomöglichsogar zueiner neu-
en Konfrontation. Denn zum einen kann
sich derzeit Präsident Abbas, selbst wenn
er wollte, auf keine Friedensgespräche
einlassen, weil ihn die Hamas dann als
Weichling oder Verräter vorführen dürf-
te. Zum anderen könnte das gestiegene
Selbstbewusstsein die Radikalen dazu
verführen, neue Kraftprobenmit Israel zu
suchen.
„Das Volk will einen neuen Schalit“ –
dies war der Schlachtruf, der auf den Fei-
ern zum Empfang der befreiten palästi-
nensischen Gefangenen immer wieder zu
hörenwar. Eine neue Geiselnahme jedoch
dürfte verheerende Konsequenzen haben.
Ganz Israel hat während der mehr als
fünf Jahre dauerndenGefangenschaft un-
glaublichemotional Anteil genommenam
Schicksal des jungen Soldaten. Seine
Heimkehr wird als ein Akt der nationalen
Erlösunggefeiert, vomerstenAbendessen
mit Schnitzel und Pommes Frites bis zum
ersten Spaziergang Gilad Schalits an der
frischen, freien Luft wird nun jeder
Schritt verfolgt. Doch die Regierung un-
ter Benjamin Netanjahu wird sich gewiss
nicht noch einmal auf ein jahrelanges Ge-
zerre wie imFall Schalit einlassen. Die Al-
ternative dazu war bereits im Sommer
2006 gewählt worden, als zwei Soldaten
in den Libanon verschleppt worden wa-
ren. Es folgte ein Krieg mit aller Härte.
Verschleppte Französin tot
USA schieben ab
Aufklärung in Österreich
Peking beunruhigt
Wahlmüde Wohlstandsbürger
In der Schweiz wird am Sonntag über ein neues Parlament abgestimmt – doch das Interesse ist gering angesichts fehlender Probleme im Staat
Iran: Mudschaheddin
plante Mord in den USA
Schalits fragliches Erbe
Die Hamas hat sich durch den Gefangenenaustausch mit Israel profiliert – ob das zu mehr Terror oder mehr Frieden führt, ist ungewiss
Republikanische Hitzköpfe
US-Präsidentschaftskandidaten greifen sich in Fernsehdebatte persönlich an – Favorit Romney reagiert unsouverän
Seite 10 / Süddeutsche Zeitung Nr. 242 HF2 Donnerstag, 20. Oktober 2011
POLITIK
Perry wirft Romney vor,
illegale Einwanderer
beschäftigt zu haben.
Freudentag im Gaza-Streifen: Palästinenser erwarten bei Rafah ihre freigelassenen Landsleute. Foto: Staff/Reuters
Wenig Beachtung
schenken die
Schweizer dem
derzeit laufenden
Wahlkampf. In
Lausanne wirbt
ein Plakat der
rechten SVP, die
sich imfranzö-
sisch-sprachigen
Landesteil UDC
nennt, für die dras-
tische Abschot-
tung von der EU.
F. Coffrini/AFP
Ein US-Beamter kontrolliert einen aus
Mexiko kommenden Pkw. Reuters
Eine neue Geiselnahme
dürfte verheerende
Konsequenzen haben.
Ausland
Die Palästinenser bringen nun
sogar Wahlen im nächsten
Frühjahr ins Spiel.
Die rechte Volkspartei
wird wahrscheinlich wieder
die meisten Stimmen bekommen.
Peking – Ein zweijähriges Mädchen wird
überfahren und liegt blutend auf der
Straße. In den nächsten sieben Minuten
gehen 18 Passanten achtlos an dem Kind
vorüber. Ein weiterer Kleinbus überrollt
die Kleine. Ein Motorradfahrer schlägt
einen Bogen um das Opfer und dessen
Blutlache, fährt aber weiter. Das ist der
Inhalt eines schockierenden Videos, auf-
genommen von einer Polizeikamera, das
in China nun eine heftige Debatte über
fehlende Moral und zunehmende Herzlo-
sigkeit in der Gesellschaft ausgelöst hat.
Millionen Chinesen haben das Video
im Netz gesehen und reagieren mit em-
pörten Kommentaren. „Absoluter Hor-
ror“, „unverständliche Kälte“ oder „kri-
minell“ lauten die Reaktionen. Das zwei-
jährige Mädchen namens Yue Yue war in
einem unbeobachteten Moment aus dem
Haus seiner Eltern in der südchinesi-
schen Stadt Foshan auf die Straße gelau-
fen. Die Überwachungskamera der Poli-
zei zeigt einen Kleinbus, der frontal auf
es zufährt, ohne zu bremsen – und es
schließlich überrollt. Der Fahrer zögert,
gibt dann Gas und begeht Fahrerflucht.
Er habe sichkurz zuvor vonseiner Freun-
din getrennt und habe beim Fahren tele-
foniert, zitieren ihn Reporter später.
Dass er ein Kind überfahren hat, will er
nicht bemerkt haben. Inzwischen wurde
er festgenommen. Auch der zweite Fah-
rer, der knappeine Minute später mit sei-
nem Kleinbus über das schwer verletzte
Mädchen rollte, ist bereits festgenom-
men. Erst nach sieben Minuten hat sich
eine Müllsammlerin des zu dem Zeit-
punkt noch lebenden Opfers erbarmt
und es von der Straße getragen.
„Stoppt die Apathie“ ist die Über-
schrift einer Aktion auf dem beliebten
Mikroblog-Portal Sina Weibo, Chinas
Äquivalent zu Twitter. RundzehnMillio-
nen Menschen haben dort bereits Kom-
mentare hinterlassen. Viele fordern har-
te Strafen für die zwei Fahrer und ver-
dammendie Herzlosigkeit der 18 Passan-
ten, von denen einige zwar zu dem Mäd-
chen hinschauten, von denen aber kein
einziger half. „Verantwortlichist der Zu-
sammenbruch jeglicher moralischer
Standards in unserer Gesellschaft“,
schreibt etwa der Blogger Haishang Xia-
oen auf Sina. Andere erinnern daran,
dass nach Gründung der Volksrepublik
China unter Mao Zedong jegliche Religi-
on verboten war, was bis heute ein spiri-
tuelles Vakuum hinterlassen habe. Wie-
der andere erinnern an den ungehemm-
ten Materialismus, der in China heute
grassiert. „Das hier ist das unvermeidli-
che Resultat unserer Geldanbetung“,
schimpft ein Chinese mit dem Pseudo-
nym „xxx777“.
In China gibt es handfeste Gründe, bei
Unfällen abseitszustehen. Es gibt noch
immer kaum Krankenversicherungen in
China, und die meisten Krankenhäuser
behandeln Patienten nur, wenn sie bei
Einlieferung bar bezahlen. Immer wie-
der berichten Medien von Unfallopfern,
die vor einer Notaufnahme verblutet
sind – aus Geldmangel.
Manche Kommentatoren nehmen die
Passanten in Yue Yues Fall auch mit dem
Verweis auf Fehlurteile der Justiz in
Schutz. So hatte 2007 einjunger Mannei-
ner alten Frau helfen wollen, die zusam-
mengebrochen war. Doch nachdemer sie
ins Krankenhaus getragenhatte, behaup-
tete sie, er habe sie umgestoßen. Der Hel-
fer musste eine hohe Geldstrafe zahlen.
Wieder andere Teilnehmer der Debat-
te verweisen auf das harte Schicksal chi-
nesischer Bauernfamilien, die als Wan-
derarbeiter in den Städten so hart arbei-
ten müssen, dass ihnen das Aufpassen
auf ihre Kinder schwer fällt. Die Eltern
der kleinenYue Yue betreibeneinen klei-
nen Marktstand in der Nähe der Unfall-
stelle – sie hatten das Mädchen vor dem
Unfall nur kurz aus den Augen verloren.
AmMittwoch, knapp eine Woche nach
demUnglück, lag Yue Yue weiter auf der
Intensivstation. Die Ärzte zögerten bis-
lang noch, das Mädchenals hirntot zu de-
klarieren. Die Eltern, die sich am Kran-
kenbett abwechseln, wollten die Hoff-
nung nicht aufgeben. Henrik Bork
Hamburg – Es muss ein Versehen gewe-
sen sein, die Hamburger Polizei geht da-
von aus. Denn wer kann sich vorstellen,
dass jemand ein totes Baby stiehlt?
Seit einer Woche suchen die Hambur-
ger Asklepios Klinik in Altona und die
Polizei nach einer silbernen Kiste, die
auf demFlur eines Krankenhauses verlo-
ren ging. Sie suchen vor allem aber den
Leichnam eines toten Kindes, das, in ein
blaues Tuch eingewickelt, in der silber-
nen Box lag. Die Eltern des Kindes wa-
ren in die Klinik gekommen, weil bei der
Frau Wehen eingesetzt hatten. Doch die
Ärzte stelltenfest, dass das Herz des Kin-
des nicht mehr schlug. Die Frau musste
das Kind tot zur Welt bringen.
Im Kreißsaal hielten die Eltern ihr
Kindnocheine Stunde imArm, dannsoll-
te ein Mitarbeiter der Klinik den Leich-
nam in die Pathologie bringen. Offenbar
stellte der Mann, deminzwischen gekün-
digt wurde, die Box auf einem Flur ab.
Seither ist sie verschwunden.
Der Diebstahl wurde drei Tage später
bemerkt, als der Bestatter das Kindabho-
len wollte. Zwei umfangreiche Suchakti-
onen, so der Klinik-Betreiber, brachten
kein Ergebnis. Vermutet wird, dass die
Diebe den silbernen Container stehlen
wollten, nicht aber den Leichnam. Der-
zeit werdenauchAufnahmen vonmehre-
rentausend Stundender Überwachungs-
kameras ausgewertet, die anden Eingän-
gen der Klinik angebracht sind. Das Un-
ternehmen hat in großen Anzeigen in
drei Hamburger ZeitungeneinenZeugen-
aufruf geschaltet. Es will eine Belohnung
von 5000 Euro für Hinweise zahlen, die
zum Auffinden des Leichnams führen.
Die Eltern sollen ihr Kind bestatten kön-
nen. Jens Schneider
Von Henni ng Kl üver
Cagliari – Eine der schönstenStraßenIta-
liens führt inSüdsardinien, rund40 Kilo-
meter von der Regionalhauptstadt Cag-
liari entfernt, längs der Costa del Sud
zumPorto di Teulada. Sanft rollt einVor-
gebirge demMeer zu. Kleine Buchten mit
traumhaften, vomMassentourismus weit-
gehend unberührten Stränden schließen
sie ab. Hinter jeder Kurve öffnen sich
neue Blicke auf prächtige Landschafts-
bilder mit buschigem Rosmarin, wilden
Olivenbäumen und kleinen Wäldern aus
immergrünen Steineichen, die bis an das
glasklare Meer heranreichen, das blau-
grün in der Herbstsonne blinzelt. Einige
alte, in traditioneller Lehmbauweise er-
richtete Bauernkaten stehen hier, und
von einer Landzunge bei Capo Malfata-
no grüßt ein Wachturm aus den Zeiten
der aragonischen Besatzung.
Dann, der Schock: Hinter der nächs-
ten Kurve, wo sich das Flüsschen Tuer-
redda Richtung Meer schlängelt, stechen
halbfertige Bungalows und Reihenhäu-
ser ins Auge. Sie sind die Vorboten einer
riesigen, kaum 300 Meter vom Meer ent-
fernten Anlage mit Wohn- und Ferien-
häusern, einem Hotelkomplex und Ser-
viceeinrichtungen auf insgesamt 700
Hektar Bodenfläche. Architektonische
Dutzendware so weit das Auge reicht.
Mit einer Ausnahme: Vor einem verein-
zelten Forriadroxiu, wie die alten Katen
in der sardischen Sprache heißen, steht
ein alter Mann, stützt sich auf seinen
Stock und schimpft wie ein Rohrspatz.
Der Bauer Ovidio Marras, 81 Jahre alt,
wohnt nur wenige Schritte vom Strand
entfernt allein in der Kate, in der schon
sein Vater gelebt hat. Anders als seine
Nachbarn hat Ovidio sein Land nicht an
das Konsortium verkaufen wollen, in
dem sich italienische Großunternehmer
wie der Bauriese Caltagirone aus Rom,
der Benetton-Konzern aus Venetien oder
das Bankhaus Monte die Paschi aus Sie-
na zusammengeschlossen haben.
„Ich bin unbequem, deshalb will man
mich hier weghaben“, schimpft der alte
Marras. EinenHundund eine Katze habe
man ihm schon vergiftet. Und wer? „Na
wer wohl?“, schnaubt er. Der kleine
Mann, krumm wie eine sardische Eiche,
brummelt unverständliche Sätze imDia-
lekt und zeigt auf die braunen Bunga-
lows vor seiner Kate, an deren Platz noch
vor wenigen Monaten ein Orangenhain
leuchtete. Ovidio Marras ist in wenigen
Wochen zu einer bekannten Persönlich-
keit geworden: ein sardischer David, der
den italienischen Goliath herausgefor-
dert hat. Zeitungen wie der Mailänder
Corriere della Sera haben über ihn be-
richtet, auch ein Journalist des Guardian
aus London hat ihn besucht. „Sardischer
Schafhirte bringt umstrittenes Touris-
musprojekt ins Wanken“, stand über
dem Artikel. „Von wegen Hirte“, poltert
Marras. Er sei Bauer, kein Hirte.
Aber es stimmt. Das Konsortiumhatte
wohl gedacht, es könne denKleinbauern,
der eine Schule nur bis zur 4. Klasse von
innen gesehen hat, einfach über den
Tischziehen. So hat maneinenWeg über-
baut, dessen Besitz sich Marras mit der
Baugesellschaft teilt. Und ihm dafür ei-
nenneuen Weg angelegt. Doch der Starr-
kopf will seinen alten Weg wieder haben.
Er hat geklagt und bereits inzwei Instan-
zen Recht bekommen. Wenn jetzt das
Kassationsgericht, wie zu erwarten ist,
die beiden Urteile bestätigt, muss das
KonsortiumeinenTeil seiner Häuser wie-
der abreißen und den Bauplan ändern.
Der Umweltschutzverband Italia Nos-
tra unterstützt den bäuerlichen David in
seinemKampf gegendenGoliathKonsor-
tium. Er hat außerdem eine Klage gegen
das Bauprojekt, das einen der schönsten
Landstriche Sardiniens verschandelt,
vor demVerwaltungsgericht eingereicht.
Der Komplex verstoße gegen eine ganze
Reihe von Naturschutzbestimmungen
und Gesetze, erklärt Maria Paola Morit-
tu von der sardischen Sektion des Ver-
bandes. Und er würde, von Saisonarbei-
tern abgesehen, keine neue Beschäfti-
gung in die bitterarme Gegend bringen.
In der Gemeinde Teulada (3 800 Ein-
wohner), zu der die Traumlandschaft bei
Capo Malfatano gehört, liegt die Jugend-
arbeitslosigkeit bei mehr als 50 Prozent.
„Doch die Leute hier verstehen nicht,
dass die Natur ihr eigentlicher Reichtum
ist“, sagt Morittu. Mehr als 600 Wohnun-
gen würden in der Gemeinde leer stehen,
da sei jeder Neubau eine Verschwen-
dung. Es ginge darum, einensanftenTou-
rismus zu entwickeln, indem man etwa
die Forriadroxius restauriere undzuFeri-
enwohnungen umbaue. Dann würden
auch die Gewinne auf der Insel bleiben
und nicht wie bei dem Konsortium aufs
italienische Festland fließen.
Der Bürgermeister von Teulada, Gian-
ni Albai, steht indes zumProjekt des Kon-
sortiums. Er glaubt, dass seine Gemeinde
keine andere Wahl hat, um Arbeit und
ein bisschen Wohlstand in diesen Land-
strich zu bringen. Viele Einwohner von
Teulada halten Ovidio Marras, den stu-
ren alten Bauern, für einen Querkopf,
der ihre Zukunft bedroht. Mit Vertretern
von Italia Nostra gab es auch schon mal
handgreifliche Auseinandersetzungen.
Die Menschen würden von einem Rimini
an der Costa del Sud träumen, sagt der
Schriftsteller Giorgio Todde aus Caglia-
ri, der mit Italia Nostra zusammenarbei-
tet, aber auch Verständnis für die Kriti-
ker zeigt. Dieses Projekt sei nur eines von
vielen auf Sardinien, bei denen Gelder
vom Festland investiert würden, welche
die Schönheit der Natur ausbeuteten, oh-
ne sichumlokale Begebenheitenzu küm-
mern. Und wenn jemand nach Rimini
wolle, würde er in den Original-Ort fah-
ren und nicht an eine Kopie in einem ab-
gelegenen Landstrich Sardiniens.
InOvidio Marras’ Kate knistert das Ka-
minfeuer. Ein Spieß mit einem Spanfer-
kel steht bereit. Das will seine Nichte
Consolata, die bei ihm ab und zu nach
dem Rechten sieht, heute noch über den
Flammenbraten. Consolata zeigt Solida-
ritätsbriefe aus Sardinien, aber auch
vomitalienischenFestland. „Ovidio, hal-
te durch“, steht da etwa zu lesen. Der Al-
te sitzt derweil auf einem Schemel vor
dem Feuer und reibt sich die von der
Gicht knorrig gewordenen Hände. „War-
um“, fragt er, immer noch brummig,
„müssen wir gehen, damit hier Leute
vom Festland Platz bekommen?“
„Stoppt die Apathie“
Der tragische Unfall eines Kleinkindes verstört China
Brutale Ignoranz: Erst nach sieben Mi-
nutentrug eine Fraudie schwer verletz-
te kleine Yue Yue – hier kurz vor dem
Unfall – von der Straße. Foto: oh
Babyleiche verschwunden
Polizei rätselt über makabren Diebstahl in Hamburger Klinik
Bauernschlau
Ein 81-jähriger Landwirt kämpft auf Sardinien gegen eine riesige Touristensiedlung – er könnte Erfolg haben
Donnerstag, 20. Oktober 2011 HBG Süddeutsche Zeitung Nr. 242 / Seite 11
PANORAMA
Ein Traum – sein Traum: Ovidio Marras, 81, wehrt sich so gut er kann gegen eine 700 Hektar große Touristensiedlung in
seiner Heimatgemeinde Teulada im Süden Sardiniens (Bild oben). Fotos: Mauritius Images, Klüver
Einen Hund und eine Katze
habe man ihm schon vergiftet,
sagt der Alte.
Der Bürgermeister steht
zu dem Bauprojekt: Wo sonst
soll das Geld herkommen?
Namibias Wüsten und Nationalparks
Das heutige Namibia wird als einer der ältesten Teile der Erdkruste bezeichnet. Dünen-
landschaften, Plateaus, Felsformationen und Canyons prägen das Land im Südwesten
Afrikas. Doch trotz der Trockenheit gibt es hier einen großen Tierreichtum. Auf dieser
außergewöhnlichen Safari durch die Wüsten Namib und Kalahari sowie durch die
Nationalparks Etosha und Namib-Skelettküste geht es durch die Heimat von Giraffen,
Zebras, Löwen und Elefanten. Und natürlich begegnen einem auch die kulturellen
Zeugnisse der uralten Nomadenstämme, die das Land einst als Erste besiedelten.
Reisehöhepunkte
Kalahari: Die Region ist auch die Heimat der San-Nomaden, der ersten Bewohner Na-
mibias. Eine von einem San geführte Wanderung eröffnet einen neuen Blickwinkel auf
das Leben in der Wüste im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne.
Etosha-Nationalpark: Vor rund 100 Jahren wurde das Gebiet, das heute einer der größ-
ten Wildparks Afrikas ist, unter Naturschutz gestellt. Vor allem an den Wasserstellen
lassen sich Giraffen, Elefanten, Löwen und Eland-Antilopen beobachten.
Namib-Wüste: In dieser Wüste, die stellenweise wie eine Mondlandschaft wirkt, finden
sich erstaunliche Spuren des Lebens, so etwa die Welwitschia mirabilis. Diese Pflanze ist
häufig das Motiv namibischer Wappen und kann bis zu 2.000 Jahre alt werden.
Swakopmund: Früher war das beliebte Seebad Teil der Kolonie Deutsch-Südwestafrika,
was sich bis heute architektonisch im Stadtbild widerspiegelt.
Sossusvlei: Rund um diese Salz-Ton-Pfanne im Namib-Naukluft-Naturschutzgebiet
liegen die riesigen, oftmals rötlich schimmernden Namib-Dünen.
Eingeschlossene Leistungen
º Balníalir z. Klasse von Nunclen nacl Iiankíuir unu zuiuck
º Ilug von Iiankíuir nacl Winuloek in uei Lconomy-Class
º Alle zuizeir gulrigen Iluglaíensreuein unu GeLulien
º ij ULeinaclrungen in Louges/Pensionen/Gasreíaimen ouei Horels mir Iiulsruck
º ; ALenuessen
º Reiselireiarui
º Alle Linriirrsgeluei unu ÞarionalµaikgeLulien laur Piogiamm
º Alle Ialiren in µiivaren Ializeugen
º Ialiei/Guiue in einei Peison
º Weclselnue lokale Iuliei
º Reiseleirung voi Oir
Veranstalter: DIAMIR Erlebnisreisen GmbH, Dresden
Süddeutsche Zeitung Leserreisen
Im Doppelzimmer
Im Einzelzimmer
In Kooperation mit
F
o
t
o
l
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E
c
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V
i
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Reisetermine: 05. bis 20. Mai und
04. bis 19. November 2012
3.950 € p. P.
4.160 € p. P.
Beratung und Prospekt:
Tel.: 01805 - 00 41 13*, Mo. – Fr.: 8 – 20 Uhr, Sa. 8 – 14 Uhr, (*Dt. Inlandspreise: Festnetz 14 ct/Min., Mobilfunk max. 42 ct/Min.)
Fax: 0421 - 322 68 89, E-Mail: sz-leserreisen@tui-lt.de, Internet: www.sueddeutsche.de/leserreisen
Persönlicher Kontakt: Hapag-Lloyd Reisebüro, Theatinerstraße 32, 80333 München
Von Marti n Zi ps
A
ls dem Briten Alan Moore vor
drei Jahren auf dem Comic-Sa-
lon Erlangen der Preis für sein
Lebenswerk überreicht werden
sollte, da war er gar nicht anwesend.
Moore erlaubte lediglich eine Telefon-
schalte vomErlanger Markgrafentheater
in sein Haus in Northampton. „Vorher
sagte er noch: Bitte rufen Sie mich nicht
zu spät an, ich gehe immer sehr früh
schlafen.“ Als es soweit war, bedankte er
sichhöflichfür dendeutschen Comic-Os-
car und fügte hinzu, er halte von Aus-
zeichnungen generell nicht viel.
Comicautor Alan Moore ist der Mann,
der der Occupy-Bewegung – zusammen
mit seinem Zeichner David Lloyd – ihr
Gesicht gegeben hat. Diese irre lächeln-
de Comic-Fratze, die sich junge Men-
schen von New York bis Frankfurt als
Maske überziehen, um gegen die Macht
der Banken zu demonstrieren. Es ist die
Maske, die Moores fiktiver Held VimCo-
mic „V wie Vendetta“ trägt, wenn er ge-
gen ein postmodernes, totalitäres Eng-
land kämpft. V vermummt sich mit dem
Konterfei des katholischen Offiziers Guy
Fawkes, der imNovember 1605 einAtten-
tat auf den englischen König plante. Das
ist der Hintergrund.
„Alan Moore, der sich Zeit seines Le-
bens als Revolutionär gesehen hat, dürf-
te es gefallen, dass seine Figur auf diese
Weise vereinnahmt wird“, sagt Steffen
Volkmer vom Panini-Verlag, der „V für
Vendetta“ auf Deutsch herausbringt.
„Andererseits hat der Autor Zeit seines
Lebens auch gegen jede Vereinnahmung
seiner Kunst gekämpft.“ Der große
Mann der „Graphic Novel“ selbst
schweigt. Nur David Lloyd, Moores
Zeichner, meldet sich: „V steht für die
Idee der Individualität, nicht für eine Per-
son“, erklärt er. „Deshalb eignet er sich
für jedweden Protest gegen gefühlte Ty-
rannei. Für Jedermann.“ Den Protest der
Occupy-Bewegung unterstützt Lloyd
und sieht die V-Maske – nicht sehr be-
scheiden, aber möglicherweise zutref-
fend– bereits ineiner Linie mit demBild-
nis Che Guevaras.
Bereits in den 1990er Jahren zeigten
sich besonders leidenschaftliche V-wie-
Vendetta-Fans mit der Maske. Sie fan-
den den Ansatz, dass ausgerechnet ein
Typ mit dem Gesicht von Englands be-
kanntesten Terroristen Werte wie Demo-
kratie und Freiheit rettet, irgendwie
cool. Vor ein paar Jahren dann eigneten
sich die Aktivisten des Internet-Kollek-
tivs Anonymous die Maske an– bei Aktio-
nen gegen Menschenrechtsverletzungen,
für Redefreiheit, gegen Scientology. Mit-
te September 2011 schließlich tauchten
Moores Guy Fawkes-Fratzen beim „Oc-
cupy Wall Street“-Protest in New York
auf, der in kurzer Zeit weltweit Nachah-
mer fand.
Moore, der „Hexer von Northamp-
ton“, wohnt zusammen mit seiner Frau
Melinda in einem Haus, das er so gut wie
nie verlässt. Ein Ex-Rocker von gewalti-
ger Statur mit einem wild wuchernden
Prophetenbart. Er hat ein Faible für al-
les, was mit Dämonen, Hexen und okkul-
tem Krimskrams zu tun hat. Buchkriti-
ker Denis Scheck verglich eines seiner
jüngsten Werke, den sehr expliziten Co-
mic „Lost Girls“, mit Thomas Mann:
„Zauberberg, aber Porno“. Die FAZwür-
digt das Werk des Geschichtenerzählers,
der im November seinen 58. Geburtstag
feiert, als „anspruchsvollste Literatur“.
Auf dem Schulhof, berichtete Moore
einmal, sei er vor allemals LSD-Verkäu-
fer aufgefallen. Nachdem er mit 17 Jah-
ren vom Gymnasium flog, zeichnete er
für Lokalblätter Persiflagen der Kinder-
geschichten „Paddington Bär“, arbeitete
an amerikanischen Helden-Comics mit
und legte sich Pseudonyme wie Curt Vile
(nach Kurt Weill) und Jill de Ray (nach
dem Serienmörder Gilles de Rais) zu.
Freunden berichtet Moore gerne von sei-
ner Liebe zum römischen Schlangengott
Glycon und konstatiert, es sei doch bes-
ser „spektakulär verrückt zu werden“,
als einsamin die Midlife-Crisis zu schlit-
tern. In der Comic-Szene jedenfalls wird
er als größter lebender Autor gefeiert
und mit Orson Welles oder Edgar Allan
Poe verglichen.
Mehrere seiner Werke – neben „V wie
Vendetta“ auch „From Hell“ (über Jack
the Ripper) oder „Liga der außergewöhn-
lichen Gentlemen“ – brachte Hollywood
ins Kino. Moore äußerte sich abfällig
über die Adaptionen und verkündete, er
werde sich keine Comics mehr ausden-
ken, sondern sich künftig ganz der
Schwarzen Magie widmen. Und doch
wurde er rückfällig, zuletzt mit dem
Band „Neonomicon“, in der Agenten
Jagd auf einen Ritualmörder machen.
Vonkleinauf war der Sohneines Brau-
erei-Angestelltenundeiner Druckeringe-
radezu vernarrt in Comics und wurde
auch von den Ansichten seiner abergläu-
bischen Großmutter geprägt. In Nort-
hampton schätzt man ihn zudemals Mit-
glied der Band Emperors of Icecream, die
Band Gorillaz beauftragte Moore gar mit
dem Libretto eines Opernwerks. Seine
Geschichten haben es in sich. In seiner
ebenfalls von Hollywood verfilmten und
vom Time Magazine als einziger Comic
unter den 100 bedeutendsten Romanen
des 20. Jahrhunderts geführten Story
„Watchmen“ machte Moore aus Super-
helden erstmals depressive, völlig kaput-
te Typen. Typen, die viel zu schwach
sind, ihre Utopien umzusetzen.
Das freilich muss mit den engagierten
Leuten, die mit der Maske auf der Straße
demonstrieren, nicht das Geringste zu
tun haben. „Ich freue mich, dass unser
Gesicht ihren Zielen nützt“, sagt David
Lloyd.
Vor dem Parteitag: Linken-Chef Ernst im
Gespräch über Auslandseinsätze der
Bundeswehr, rote Linien der Genossen
und eine Verfassung für Europa.
www.sueddeutsche.de/politik
Die Herstellung einer Mumie ist eine
Wissenschaft für sich. Bis zu70 Tage dau-
erte imalten Ägypten die Behandlung ei-
nes Leichnams im Einbalsamierungs-
haus. Salben, Öle und Myrrhe waren teu-
er, als Grabbeigaben bekamen die Ver-
storbenen Goldschmuck, Skarabäen und
Amulette mit auf die Reise ins Jenseits.
Laut demgriechischenGeschichtsschrei-
ber Herodot gab es zwar auch Economy-
Mumifizierungen für das niedere Volk,
aber nur wenige Personen kamen in den
Genuss einer Edel-Bestattung nach Pha-
raonenart. Ramses II., Thutmosis II. und
Tutanchamun wurden königlich konser-
viert – nun wird diese zweifelhafte Ehre
auch einem britischen Taxifahrer zuteil.
Erstmals seit 3000 Jahren ist ein
Mensch wie ein ägyptischer Pharao mit
öffentlicher Anteilnahme mumifiziert
worden – für eine ernsthafte TV-Doku
des britischen Senders Channel 4. Alan
Billis, Taxifahrer aus TorquayinSüdeng-
land, war imJanuar imAlter von 61 Jah-
ren an Lungenkrebs gestorben und hatte
sich zuvor freiwillig für das TV-Experi-
ment gemeldet. Billis nannte sich selbst
„Tutanch Alan“, in Anspielung auf den
ägyptischen Pharao Tutanchamun. „Es
macht keinen Unterschied für mich. Ich
werde es nicht spüren“, sagte Billis vor
seinem Tod. Die Dokumentation soll am
kommenden Montag gezeigt werden.
Die Ägyptomanie der Briten ist be-
kannt, im England des 19. Jahrhunderts
wurden bei Grusel-Partys gerne Mumien
vor Publikumausgewickelt. Etwas ähnli-
ches passiert nun mit dem verstorbenen
Taxifahrer, nur umgekehrt: Er wird vor
laufender Kamera eingewickelt. Der
Filmist nichts für schwache Nerven. Bri-
tische Wissenschaftler unter Leitung des
forensischen Pathologen Peter Vanezis
behandelten Billis’ Leichnam genau so,
wie es die alten Ägypter mit ihren Köni-
gen taten: Sie entfernten die inneren Or-
gane des Verstorbenen, bis auf Herz und
Gehirn. Anschließend wurde der Körper
einen Monat lang in ein Salzbad gelegt.
Danach trockneten sie den Körper in ei-
nem speziell dafür eingerichteten Raum
und wickelten ihn in Leinentücher ein,
um ihn vor Licht und Insekten zu schüt-
zen. Die Technik beruht auf Erkenntnis-
sen des Chemikers Stephen Buckley von
der Universität York, der denMumifizie-
rungsprozess 20 Jahre lang untersuchte.
Die mumifizierte Leiche des Taxifahrers
soll bis Ende des Jahres imMedico-Legal
Centre in Sheffield aufbewahrt werden.
Die Wissenschaftler hoffen, dass sie
die Mumie danach als Forschungsobjekt
behalten können, falls die Witwe einver-
standen ist. Ohne die Zustimmung von
Alan Billis’ Frau Janet wäre das Experi-
ment wohl nie zustande gekommen. Sie
nimmt die Mumifizierung ihres Gatten
mit britischen Humor: „Ich bin wohl die
einzige Frau imLand, die eine Mumie als
Ehemann hat.“ Sie habe sich die Mumie
angeschaut, sagt Janet Billis, „aber ich
habe darum gebeten, ihn nicht vor mei-
nen Augen auszupacken.“ Titus Arnu
Berlin – Nach der Attacke auf ein junges
Paar in einer Berliner U-Bahn haben
sich vier Jugendliche der Polizei gestellt.
Drei 17-Jährige und ein18-Jähriger mel-
deten sich am Dienstagabend auf einer
Wache, wie ein Polizeisprecher am Mitt-
wochberichtete. Die Verdächtigensollen
nun vernommen werden. Ob die Video-
aufzeichnungen Hinweise auf die Täter
ergeben hat, war zunächst unklar. Eine
Gruppe junger Männer hatte in der
Nacht zum Samstag in einer U-Bahn ei-
nen 21-Jährigen krankenhausreif ge-
schlagen. Auch dessen 20-jährige Freun-
din wurde verletzt. Andere Fahrgäste sa-
henoffenbar tatenlos zu. Die Opfer konn-
ten an einem Bahnhof flüchten. dpa
Stockholm – Der schwedische Regisseur
Ingmar Bergman ist vermutlich doch bei
seiner leiblichen Mutter aufgewachsen.
Eine DNS-Analyse, die das Gegenteil be-
weisen sollte, stellte sich als falsch her-
aus. Wie die Zeitung Ny Teknik berich-
tet, hatte ein Labortechniker Bergmans
Erbmaterial aus Versehen mit seinem ei-
genen verunreinigt und damit ziemli-
chen Wirbel verursacht. Bergmans Nich-
te Veronika Ralston hatte Anfang des
Jahres ihr eigenes Erbmaterial mit einer
Speichelprobe des 2007 verstorbenenRe-
gisseurs vergleichen lassen. Das Ergeb-
nis der offenbar falschen Analyse: Berg-
man und Ralston seien nicht verwandt.
Ralston behauptet in einem Buch, dass
Ingmar Bergman bei der Geburt ver-
tauscht wurde und eigentlich von einer
Mätresse seines Vater abstammt. Sie
glaubt weiter an diese Theorie und will
nun neue Gentests veranlassen. ghe
Die Fratze der Revolution
Alan Moore ist der Mann hinter der Maske, mit der weltweit Menschen gegen die Banken demonstrieren
Von Hans Hol zhai der
Berlin – Die Gouverneursfrau und das
Küchenmädchen Grusche streiten um
den kleinen Michel, und der Richter Az-
dak muss entscheiden. Er lässt einen
Kreidekreis auf den Boden malen und
den Michel hineinstellen. „Fasst das
Kind bei der Hand“, befiehlt er. „Die
richtige Mutter wird die Kraft haben,
das Kindaus demKreis zuziehen.“ Zwei-
mal macht er die Probe, und zweimal
lässt Grusche das Kind los. „Ich hab’s
aufgezogen“, schluchzt sie. „Soll ich’s
zerreißen?“ „Damit hat der Gerichtshof
festgestellt, wer die wahre Mutter ist“,
entscheidet der Richter. So steht es bei
Bert Brecht, im „Kaukasischen Kreide-
kreis“.
Bildung hat es nicht, das Kindermäd-
chen Grusche, aber das weiß es: Dass
man an einemKind nicht zerren darf wie
aneiner Stoffpuppe. Sven, 30, undMarti-
na, 23, (Namen geändert) haben immer-
hin einen Hauptschulabschluss, aber
über den Umgang mit einem kleinen
Kind müssen sie wohl noch viel lernen.
Sven und Martina haben eine kleine
Tochter, Vivian. Im letzten November,
das Kind war gerade sechs Monate alt,
kam es zu einem Streit. Sven war wü-
tend, weil die kleine Vivian sich von ihm
nicht beruhigen lassen wollte. „Bei mir
hat se immer nur jeweent“, sagt er vor
der Richterin am Berliner Amtsgericht
Tiergarten. „Bei der Martina wurd se im-
mer sofort ruhig, von eener Sekunde auf
die andere. Ick wollte, dass det bei mir
ooch funktioniert. Sie sollte Vaterjefühle
uffbauen.“
Martina hatte das Kind auf dem Arm,
und Sven war so frustriert und so eifer-
süchtig, dass er Vivian am Bein packte
und zog. „Ick wollte se ooch mal haben“,
sagt er. Aber Martina hielt das Baby fest.
„Ick habe jezogen wie een Verrückter“,
sagt Sven. Das Kindentwickelte aber kei-
nerlei Vatergefühle, es schrie wie am
Spieß. Zehn, 15 Sekunden lang ging das
so – Sven zerrte am linken Bein, Martina
hielt die Arme fest – dann ließ Sven end-
lich wieder los.
Zum Kinderarzt trauten sich die bei-
denzunächst nicht, sie hattendie berech-
tigte Sorge, man könnte ihnen das Kind
wegnehmen. Aber nach zwei Tagen
schwoll das Bein so an, dass sie Vivian
doch zum Arzt brachten. Sie erzählten,
das Kind sei mit dem Fuß in einer Spiel-
uhr im Bett hängengeblieben, als sie es
herausheben wollten. „Konnte man zu-
nächst nicht ausschließen“, sagt die Kin-
derärztin, die als Zeugin gehört wird.
Aber dann kam das Ergebnis aus der Ra-
diologie: eine Eckfraktur des linken
Oberschenkelknochens, das heißt, ein
kleines Stück vom Knochen war regel-
recht abgerissen. Nun wurde die Polizei
eingeschaltet, und schließlich gestanden
Sven und Martina, was wirklich passiert
war.
Viviankamzunächst zueiner Pflegefa-
milie, und Sven und Martina wurden
vomJugendamt zueiner Psychotherapeu-
tin geschickt. Seit ein paar Wochen ist
die kleine Familie wieder vereint, sie
nimmt an einemFamilienprojekt teil, wo
sie lernen, mit all den Problemsituatio-
nen umzugehen, die ja auch anderen El-
tern nicht fremd sind. „Sie sind sehr ko-
operationsbereit“, sagt eine Betreuerin,
„sie kommen sehr gewissenhaft zu allen
Beratungsterminen“. Vater Sven muss
jetzt nicht mehr eifersüchtig sein. „Vi-
vian freut sich jetzt immer, wenn sie den
Papa sieht“, sagt Martina, „sie ist ganz
zutraulich, ganz das Gegenteil von frü-
her“.
Da hätte dann wohl auch der Richter
Azdak ein Einsehen gehabt, auch wenn
weder der Vater noch die Mutter die El-
ternprobe bestanden haben. Acht Mona-
te Freiheitsstrafe für beide fordert der
Staatsanwalt, die aber natürlich zur Be-
währung auszusetzen sei. Die Amtsrich-
terin bleibt mit ihrem Urteil noch einen
Monat darunter.
Tutanch
Alan
Ein britischer Taxifahrer wird nach
Art der Pharaonen mumifiziert
Sergej Ganjuschew, 25, russischer Fi-
scher, hat 16 Tage auf einer winzigen In-
sel nahe des Polarkreises ohne Nahrung
überlebt. Er wurde von der Besatzung ei-
nes Rettungshubschraubers entdeckt
und in eine Klinik gebracht. Das Boot
von Ganjuschew war am 1. Oktober vor
der Stadt Archangelsk im Sturm geken-
tert, seitdem harrte der Fischer auf einer
Insel im Weißen Meer aus. „Zwei Bretter
waren mein Zuhause, Pflanzen und Re-
gen meine Nahrung“, sagte Ganjuschew
der Zeitung Komsomolskaja Prawda.
Königin Elizabeth II., 85, Staatsober-
haupt der Commonwealth-Königreiche,
ist am Mittwoch für einen zehntägigen
Australien-Besuch in der Hauptstadt
Canberra gelandet. Nach Aufenthalten
in Brisbane und Melbourne fliegt die
Queeninihrer Boe-
ing 777 nach Perth
und eröffnet dort
in der kommenden
Woche ein Treffen
der Common-
wealth-Staaten.
Nach Ansicht von
Beobachtern wird
es der letzte Be-
such der Königin
in Australien sein.
Ministerpräsiden-
tin Julia Gillard
verärgerte die Un-
terstützer der Mon-
archie im vergangenen Jahr mit der Be-
merkung, Königin Elizabeths Tod sei ein
geeigneter Zeitpunkt für einen Wechsel
der Staatsform. Foto: Getty
Ute Lemper, 48, Musical-Star, hat einen
Tag vor der Geburt ihres Sohnes Jonas
vergangene Woche ihren Freund Todd
Turkisher geheiratet. In elf JahrenBezie-
hung habe Turkisher „meine schlimms-
ten und besten Seiten erlebt und ich sei-
ne, wir wollen die Zukunft miteinander
verbringen“, sagte Lemper der Illustrier-
ten Bunte. Dass ihr Baby einen Tag nach
der Hochzeit durch einen geplanten Kai-
serschnitt zur Welt kommen sollte, habe
sie nervös gemacht, sagte Lemper. „Doch
dann lief alles wie am Schnürchen.“ Bei
der Geburt sei ihre 15-jährige Tochter
Stella dabei gewesen und habe die ganze
Zeit ihre Hand gehalten. Jonas ist Lem-
pers viertes Kind. Mit Turkisher hat sie
dengemeinsamenfünfjährigenSohnJuli-
an Lazaar. Aus ihrer gescheiterten Ehe
mit Komiker David Tabatsky stammen
Tochter Stella und der 17-jährige Sohn
Max-Emanuel. Foto: dpa
Miranda Kerr, 28, Model, trägt bald ei-
nen BH im Wert von 1,8 Millionen Euro.
Kerr werde den hochkarätigen Büsten-
halter auf der nächsten „Victoria’s Se-
cret“ Modenschau präsentieren, berich-
tet die NewYork Post. Das edle Stück sei
mit Diamanten, Perlen und Aquamari-
nenbesetzt. Es habe über 500 Stundenge-
dauert, bis die etwa 3400 Schmuckstü-
cke anOrt undStelle gesessenhätten, be-
richtet die Zeitung.
Viola Davis, 46, Schauspielerin, hat ein
Baby adoptiert. Davis und ihr Ehemann
Julian Tennon sind nun stolze Eltern ei-
nes kleinen Jungen namens Genesis, be-
richtet das People-Magazin. Ausgeplau-
dert habe dies Davis’ Filmkollegin Octa-
via Spencer auf einer Veranstaltung der
Zeitschrift Elle in Hollywood.
Paris – Dominique Strauss-Kahn, dem
früheren Chef des Internationalen Wäh-
rungsfonds (IWF), bleibt ein weiteres
Strafverfahren wegen des Vorwurfs der
Vergewaltigung erspart. Die Französin
Tristane Banon verzichtete amMittwoch
auf rechtliche Schritte gegenden62-Jäh-
rigen, nachdem die Staatsanwaltschaft
das Ermittlungsverfahreneingestellt hat-
te. Die 32-Jährige begründete ihre Ent-
scheidung damit, dass die Staatsanwalt-
schaft einen„sexuellenAngriff“ des eins-
tigen Stars der französischen Sozialisten
und damit sie als „Opfer“ anerkannt ha-
be. Der Vorfall aus demJahr 2003 ist laut
Staatsanwaltschaft verjährt; ein Verge-
waltigungsversuch habe nicht nachge-
wiesen werden können. AFP
Haselau– Die Familie des auf der Südsee-
insel Nuku Hiva vermissten 40-Jährigen
aus Haselau ist sich mittlerweile sicher,
dass der Mann tot ist. „Er ist dort gestor-
ben, wo er sein Leben lang immer gerne
sein wollte“, schrieben die Angehörigen
am Mittwoch auf seiner Webseite. Die
schrecklichen Umstände seines Todes
„berühren und schockieren uns“. Der
Mann war mit seiner Freundin vor drei
Jahren zu einer Weltumseglung mit ei-
nemKatamaran gestartet. In verschiede-
nen Medien war nach demVerschwinden
des Norddeutschen darüber spekuliert
worden, dass der Segler Kannibalen zum
Opfer fiel. Dies hat der zuständige Staats-
anwalt zurückgewiesen. dapd
Von Ral f Wi egand
Hamburg – Im Hamburger Hafen haben
schon viele berühmte Schiffe angelegt,
und es ist erstaunlich, dass angesichts
der zigtausend Schiffsbewegungen dort
das Eintreffen eines neuen Schiffes noch
immer eine Nachricht wert ist. Große
Kreuzfahrtriesen lösen in der Stadt, die
ohne ihren Hafen gar nicht vorstellbar
wäre, volksfestartige Begeisterung aus,
und die kleinen Barkassen schaukeln bei
Wind und Wetter Touristentrauben
durch die Hafenbecken. Demnach wird
auch die neueste Schiffsmeldung an der
Elbe sicher auf Interesse stoßen: An die-
sem Donnerstag gegen 10 Uhr soll die
RainbowWarrior III die Hansestadt errei-
chen. Für die Besichtigung dieses Schif-
fes (möglich am Samstag und Sonntag)
gibt es allerdings einpaar besondere Hin-
weise des Eigners: „Bitte tragen Sie fes-
tes Schuhwerk, und achten Sie darauf,
nichts bei sich zu tragen, wofür man eine
freie Hand braucht wie Regenschirme
oder Handtaschen.“
Die Rainbow Warrior III gehört der
Umweltschutzorganisation Greenpeace
und wird zwar die Weltmeere bereisen,
aber nicht zumVergnügen. Sie ist ein Ar-
beitsschiff und steht in der Tradition ih-
rer Vorgänger: der Rainbow Warrior II,
die imvergangenen August an die Nicht-
regierungsorganisationFriendshipüber-
geben worden ist, vor allem aber des le-
gendären Ur-Schiffes Rainbow Warrior.
Dieser Kahn machte von 1978 an immer
wieder Schlagzeilen, als Umweltaktivis-
ten begannen, bis dahin unerreichbare
Öko-Krisenherde auf demWasserweg an-
zusteuern. Die Rainbow Warrior tanzte
auf hohen Wellen um Walfänger herum
und brachte die Bilder der blutigen Rob-
benjagd, deren Initiatoren sich am Ran-
de der zivilisierten Welt bis dahin unbe-
obachtet fühlen konnten, über das Meer
ans Licht der Öffentlichkeit.
1985, als die Rainbow Warrior im Ha-
fen von Auckland in Neuseeland lag, um
bald zu Protesten gegen französische
Atomversuche auf dem Mururoa-Atoll
auszulaufen, versenkte eine Explosion
das Schiff. Der vom französischen Ge-
heimdienst zu verantwortende Anschlag
kostete den portugiesischen Fotografen
Fernando Perreira das Leben. Spätes-
tens durch das Attentat wurde die Rain-
bowWarrior zum Wahrzeichen.
Auchdie Besatzungen des Nach-Nach-
folgers werden selten ruhiges Fahrwas-
ser genießen können. Greenpeace-Schif-
fe sind an Brennpunkten im Einsatz, lie-
fern Hilfsgüter in Krisenregionen oder
dokumentieren– wie die Warrior II bei ih-
remletzten großen Einsatz vor der Küste
vonFukushima – die FolgenvonUmwelt-
katastrophen. Die Rainbow Warrior III,
die in Danzig und Berne an der Weser ge-
baut wurde, lief am Mittwoch zu ihrer
Jungfernfahrt aus. Es ist das erste Schiff,
das Greenpeace International selbst ge-
baut hat und nun als „Grünes Schiff“
rühmt, mit 1300 Quadratmeter großenSe-
geln, Dieselmotoren mit Abgasreinigung
und einem Elektromotor für langsame
Fahrt. Mülltrennung undAbwasserreini-
gung an Bord sind selbstverständlich.
Der schwimmende Hybrid-Krieger
ökologisiert den Öko-Protest auf den
Weltmeeren, nur komfortabel ist die War-
rior III nicht: „Sie ist kein Passagier-
schiff, auf dessen Deck man flanieren
kann“, heißt es in den Besucher-Tipps:
„Es gibt Stufen und steile Treppen.“
Stare bilden auf der Reise gen Süden rie-
sige Schwärme, die bevorzugt über Rom
tanzen – zum Entsetzen der Römer. Die
tierische Flugshow in Bildern.
www.sueddeutsche.de/reise
Gezerre ums Kind
Das Berliner Amtsgericht verhandelt über den Fall eines Babys, das zwischen seinen Eltern fast zerrissen wurde – im wörtlichen Sinn
Strauss-Kahn entgeht
weiterem Strafverfahren
Nach Überfall in U-Bahn:
Jugendliche stellen sich
Familie bestätigt Tod
von Südsee-Segler
Ingmar Bergman:
DNS-Test war falsch
Im Zeichen des
Regenbogens: Das
neue Flaggschiff
von Greenpeace,
die Rainbow War-
rior III, ist am
Mittwoch imnord-
deutschen Berne
an der Weser zum
ersten Mal ausge-
laufen.
Foto: dpa
Krieger mit Mülltrennung
Die Umweltschutzorganisation Greenpeace schickt ihr neues Schiff „Rainbow Warrior III“ auf Jungfernfahrt
Heute bei
Ernst will EU-Verfassung
Schwärme für den Star
Seite 12 / Süddeutsche Zeitung Nr. 242 Donnerstag, 20. Oktober 2011
PANORAMA
Das Symbol eigne sich
„für jedweden Protest
gegen gefühlte Tyrannei“.
LEUTE
Vater des Symbols der aktuellen Kapi-
talismuskritik: Comic-Autor Alan
Moore. Fotos: Panini, Corbis
„Ick habe jezogen
wie een Verrückter“,
sagt der Vater.
Ein grauer Hinterhof im Münchner
Glockenbachviertel: An der Treppe, die
indenKeller hinunter führt, bröckelt der
Putz. Sebastian Weiss drückt die Tür zu
einem schmalen Gewölbegang auf, in
dem sich ein Drumset, Lautsprecherbo-
xen, eine alte Gitarre, Wasserkocher,
Zeitschriften und Platten stapeln. Es
riecht nach Moder. Ein Nebenraum mit
Holzvertäfelungenaus denfünfziger Jah-
ren dient als Gesangskabine. Wenn mo-
derne High-Tech-Studios heute mit ei-
nem Rechner, Mikro, Abhöre auskom-
men, dann stellt dieses Loch so ziemlich
das genaue Gegenteil dar. Überall Gerät-
schaften aus der Steinzeit des Hip-Hop:
Neben einem Set 1210er-Plattenspieler,
ein Fender Rhodes Piano Stage 73 und
ein Korg Synthie Moog. Sebastian Weiss,
alias Sepalot, ein drahtiger Typ mit For-
scher-Blickkannjedes einemseiner Lieb-
lings-Musiker aus den siebziger Jahren
zuordnen: „Das hörst du bei Herbie Han-
cock, das hier hat Stevie Wonder . . .“.
Beinahe zärtlich lässt der Hip-Hop-Pro-
duzent – und Mitbegründer der Münch-
ner Hip-Hop-Formation Blumentopf –
seine Finger über zwei graue Kästenstrei-
chen. SP 1200 Sampler-Dinosaurier:
„Fünf Sekunden Mono-Sample-Zeit,
und hier steckst du die Floppy Disc ein.“
AuchwennSepalots Arbeitsplatz inet-
wa so gemütlich wirkt wie das Depot ei-
nes Technik-Museums, hat er in dem
Durcheinander doch sechs von der Kri-
tik hochgelobte Alben mit seiner Band
Blumentopf und diverse ambitionierte
Seiten-Projekte produziert. Zum Bei-
spiel die EP Fraud, wo er mit Freunden
AC/DC-Songs coverte. Oder auchBavari-
an Beat Konducta: Ein instrumentales
Hip-Hop-Album, das nur aus Samples
bayerischer Volksmusik besteht. „Das
mache ich zur Gaudi“, sagt der Mann,
dessenKünstlername mutmaßlich auf ei-
ne Verschleifung von Sir Rap-A-Lot mit
der bayerischen Respekts-Bekundung
Sapperlott zurückgeht: Warumsonst soll-
te sich einer der besten Hip-Hop-Produ-
zenten Deutschlands mit solch skurrilen
und kommerziell kaum verwertbaren
Ideen die Zeit vertreiben? Sein Spieltrieb
scheint jedenfalls kaum von Gedanken
an Charts, Ruhm und Publikumsinteres-
se gebrochen zu sein. Entsprechend
leichthändig hat er sein neues Solo-Al-
bumproduziert: „Chasing Clouds“. Gan-
ze vier Monate Keller-Gefrickel reich-
ten, umaus einer Handvoll Ideeneinstar-
kes undstilistischeigenwilliges Hip-Hop-
Opus zu fertigen – mit Songs, die den
ganz großen Pop atmen.
„Mich haben am Hip-Hop immer die
Beats interessiert“, sagt Weiss, „und
nicht die Egos, die sich darüber breitge-
macht haben.“ Tatsächlich gehört Weiss,
Jahrgang 1974, zu einer neuen Generati-
on von Hip-Hop-Liebhabern. Als er auf-
wuchs, befand sich der deutsche Rap in
der Talsohle des Gangster-Rap, da war
für ein Mittelklasse-Kind wie ihn nicht
viel zu holen, obwohl er die Musik nach
wie vor liebte. So wurde er Teil einer der
wichtigsten Entwicklungen des jüngeren
Hip-Hop: Der Emanzipation der Produ-
zenten von den Rappern. „Inzwischen
bin ich überzeugt davon, dass die Musik
funktioniert, ohne dass ein Rapper halb-
scharige Reime darüberlegt.“
Gegenalles Halbscharige – also Unmo-
tivierte, Laxe – hatte Sepalot sich bereits
mit seiner Combo Blumentopf gestemmt.
Seit Ende der neunziger Jahre bildeten
sie zusammen mit Freundeskreis und
denBeginnern die Vorhut einer mal poli-
tischen, mal selbstironischen Rap-Alter-
nativkultur, die sich ihre eigene Version
von Hip-Hop schnitzen wollte. Die
Gangster-Rap-Welle wischte diesen
Traum erstmal beiseite. Heute ist Sepa-
lot „der schlechte Ruf des deutschen
Rap egal“ – weil es sich eh besser aus
der Underdog-Perspektive produziert.
„Wenn du der Tollste sein willst, kommt
was anderes raus, als wenn dich die Um-
welt als Nerd belächelt und du es trotz-
dem durchziehst.“ Sepalot nippt an sei-
nem zweiten Cappuccino. „Uncool-Sein
ist der beste Nährboden für interessante
Sachen.“ Wobei Sepalot wohl auch eine
Abgeklärtheit gegenüber all den Mode-
trends meint, die ihn als Jugendlichenge-
fangennahmen. Damals hatte er über ein
paar Mod-Freunde den Soul für sich ent-
deckt. Dann fing er – mitten in der „Rare
Groove“-Welle der frühen Neunziger –
mit dem„Diggen“ an. „Ich wälzte Vinyl-
stapel, bis meine Finger schwarz wa-
ren.“ Erste Auftritte als DJ von Blumen-
topf absolvierte Sepalot in Old-School-
Manier: Bei Auftritten in Münchner Ju-
gendzentren reihte er wie einst Grand-
master Flash Beatsequenzen aneinan-
der, mixte die Breaks stundenlang von
Plattenteller zu Plattenteller. Blumen-
topf aber wuchs mit der Horizonterweite-
rung von Sepalot bald aus der Funk-
Ecke heraus. Die Band machte sich
durch ARD-„Raportagen“ zu den Fuß-
ballweltmeisterschaften 2006 und 2010
auch jenseits der Hip-Hop-Kultur einen
Namen. Und Weiss begann, mit Synthie-
Electro-Klängen zu experimentieren.
Oder unterlegte einen Song ausschließ-
lich mit Film-Samples.
Auf seinem ersten Album „Red Han-
ded“ fandSepalot 2008 endgültig eine ei-
gene, so futuristische wie Club-taugliche
Sprache: Soulgesänge, jazzige Beats und
pumpende Electro-Bässe. „Chasing
Clouds“ aber liegt als Gesamtwerk noch
mehr „neben der Spur“, wie der Produ-
zent sagt. Da schimmern seine alten Lie-
ben Soul und P-Funk durch die Ritzen –
während verzerrte Bässe den Retro-
Sound zum Raver-Raumschiff aufrüs-
ten. Ein rhythmischer Fausthagel eröff-
net das Album: Das Instrumental „Ser-
vus“ bleibt nicht der einzige Verweis zur
verstorbenen Detroiter Produzentenle-
gende J.Dilla und dessen idiosynkrati-
scher Sample-Arbeit. Auf die Brüche
kommt es an. Ob Sepalot singen lässt
oder einen alten Sam-Cooke-Schlager
ausschlachtet – immer kostet er den Kon-
trast zwischen weichen Soulklängen und
Synthie-Beats aus. Gerapt wird auf dem
Album nur zwei mal sechzehn Takte.
Weiss spannt lieber gospelnde Gesangsli-
nien wie Brücken über seine kantigen
Rhythmen. Das ist für ihnder schwierigs-
te Part: „Roughe Beats schüttle ich dir
aus dem Ärmel, aber eine Melodie, die
nicht kitschig ist, puh!“
Sucht man nach Vorbildern aus dem
aktuellen Hip-Hop, nennt Weiss Kanye
Wests „808s & Heartbreak“ – und das
nicht nur des melancholischen Ambien-
tes wegen. Sondernauchweil sichhier ei-
ne durch und durch künstlerische Hal-
tung jenseits aller Hip-Hop-Realismen
spiegelt. „Hey, wir machen verdammt
noch mal Kunst, was wollt ihr?“ Sepalot
ruft das ein paar imaginären Gästen sei-
ner eklektischen Live-Sets zu, die mal
wieder zum„Spiel dochmal endlich Hip-
Hop“-Gemecker ans DJ-Pult treten. Ja,
Typen wie Kanye West hätten seinen Re-
spekt. Weil es ein Risiko darstelle, über
denTellerranddes Hip-Hophinauszuzie-
len, Schneisendurcheine nochnicht kar-
tographierte Pop-Wildnis zu schlagen.
Der Münchner Produzent markiert hier
seinen ganz eigenen Weg: Gospel, Kraut-
Rock, Disco, Electro? Für Sepalot alles
nur Baumaterial, um über einem Hip-
Hop-Chassis seine trotzige Liebe zum
Seelenvoll-Unfertigen, dem Charme des
Unpolierten auszuleben.
Die Mitstreiter für „Chasing Clouds“
kommen aus aller Welt: Die US-Rapper
Buff 1 undFashawnhat Sepalot über My-
space angefragt; der Sänger Fabian Füss
ist ein Spezl aus der Münchner Bandsze-
ne; FrankNitt wohnte vor vier Jahrenmo-
natelang bei ihm, während Weiss selbst
auf einer Weltreise die Neuseeländerin
Ladi6 bei einem Gig in Sidney kennen-
lernte – und zwei Wochen später mit dem
Wohnmobil vor ihrer Tür stand. Mittler-
weile hat der Münchner ihr mehrere
Chart-Hits in ihrer Heimat beschert.
Die Gast-Vokalisten, sagt Sepalot,
brauche er, um seine eigenen Emotionen
zuverkörpern: Das Video zur Single-Aus-
kopplung „Rainbows“ etwa verfilmt den
Ennui und das Beziehungsende eines
High Society Pärchens – mit Sepalot als
dessen Chauffeur auf dem Weg zum
Friedhof. „Hip-Hop“, sagt er, „hat doch
oft Angst vor großen Gefühlen. Mir ge-
fällt, dass ich hier der Traurigkeit neben
der breiten Brust ihren Platz geben
kann.“ Emotionaler Schmutz trifft auf
Pop-Instinkt: Es ist als obdas Hochglanz-
Genre Hip-Hop einen gehörigen Schuss
Sepalot’scher Uncoolness bräuchte. Das
beste deutsche Hip-Hop-Album 2011 je-
denfalls stammt aus einemmodrigenKel-
ler im gentrifizierten Glockenbachvier-
tel. JONATHAN FISCHER
Donnerstag, 20. Oktober 2011 HF2 Süddeutsche Zeitung Nr. 242 / Seite 13
So schlecht die Zeiten auch sind, das
Geschäft mit der Kunst läuft immer noch
bestens, zumal inden USA, wo es den Su-
perreichen, die gerne Kunst kaufen, so
gut geht wie seit den Zeiten des Eisen-
bahnbaus nicht mehr. Doch wenn eine
ebeneingereichte Klage Erfolg hat, könn-
te Kunst in Amerika demnächst ein we-
nig teurer werden. Die Künstler Chuck
Close und Laddie John Dill sowie die Er-
ben von Sam Francis und Robert Gra-
ham beschuldigen die Auktionshäuser
Christie’s und Sotheby’s, ein lange ver-
gessenes Gesetz zu verletzen, nach dem
sie einen Anspruch auf fünf Prozent des
Preises haben, der beim Wiederverkauf
eines ihrer Werke erzielt wird. Bedin-
gung ist, dass der Verkauf in Kalifornien
stattfindet oder dass der Käufer dort sei-
nen Wohnsitz hat.
Dass der 1977 verabschiedete „Califor-
nia Resale Royalty Act“ gerade in diesem
Bundesstaat eingeführt wurde, ist kein
Zufall. Künstler im Film-, Fernseh- und
Musikgeschäft streichen auchnachJahr-
zehnten noch Tantiemen für ihre Werke
ein. Künstler hingegen haben in den
USA keine Chance, von der Wertsteige-
rung ihrer Werke zu profitieren. Haben
sie ihr Werk erst einmal verkauft, schöp-
fen andere die Profite imKunstmarkt ab.
Das kalifornische Gesetz folgt einem
französischenVorbild, dem„droit de sui-
te“, das Ende des 19. Jahrhunderts einge-
führt wurde, umarme Künstler zuunter-
stützen. 1996 wurde das Gesetz als „Fol-
gerechts-Richtlinie“ EU-weit verab-
schiedet, wenn auch die Umsetzung in
den einzelnen Ländern unterschiedlich
ist. Bei jedem Wiederverkauf eines
Kunstwerks steht dem Urheber danach
ein Anteil am Kaufpreis von zwischen
fünf und 0,25 Prozent zu. Maximal sind
es 12 500 Euro. Bis 70 Jahre nach dem
Tod des Künstlers geht das Geld an des-
sen Erben.
Umdas Folgerecht gab es in den neun-
ziger Jahren erbitterte Debatten. Die
Gegner argumentierten, es schwäche Eu-
ropa als Kunsthandels-Standort. Und
statt mittellosen Künstlern, deren Werke
auf Auktionen oder im Secondary Mar-
ket ohnehin keine Rolle spielten, komme
es allenfalls den wenigen Stars zugute.
Die Hauptprofiteure seien aber Anwälte
undfür das Geldeintreibenzuständige In-
stitutionen. Hinzu kommt, dass sich das
Gesetz schwer durchsetzen lässt. Die
Auktionshäuser, derenGeschäfte vor gro-
ßemPublikumabgewickelt werden, kom-
men kaum umhin, die Abgabe von ihren
Käufern einzufordern und an die Künst-
ler abzuführen. Doch was in Galerien
oder auf Messen im Hinterzimmer ge-
schieht, weiß außer den Beteiligten nie-
mand genau.
Sollten die Kläger sich tatsächlich
durchsetzen, könnte das kalifornische
Gesetz für einige Unruhe unter amerika-
nischenSammlernsorgen, vondenenvie-
le in Kalifornien wohnen. Dem – aller-
dings nicht sehr bedeutenden – Kunst-
markt in Kalifornien wird es ebenfalls
schaden. Als das Gesetz in den Siebzi-
gern verabschiedet wurde, ahnte wohl
niemand, welche Sprünge der Kunst-
markt machen würde. Fünf Prozent, so
dachte man damals, werden niemanden
scheren. DochwenneinWerkheute meh-
rere Millionen Dollar kostet, bedeuten
fünf Prozent – ohne DegressionundOber-
grenze wie in Europa – eine Menge Geld.
Zuerwartenist, dass Käufer undHänd-
ler kreative Wege finden werden, um die
Abgabe zu vermeiden. Da das Gesetz nur
für Kalifornien gilt, dürfte das nicht all-
zu schwer sein. Christie’s und Sotheby’s
erklärten, der Vorstoß der Künstler sei
„aussichtslos“, man sehe der gerichtli-
chen Klärung gelassen entgegen.
JÖRG HÄNTZSCHEL
„Tatsächlich, da steht es“, sagte Julian
Barnes nach einem Blick auf die Notizen
seiner Vorrednerin. Die dezente Ungläu-
bigkeit, die der Autor zur Schau trug,
nachdem die Jury-Vorsitzende ihn zum
Gewinner des diesjährigen Man-Booker-
Preises erklärt hatte, mag manchem ein
wenig aufgesetzt erschienen sein.
Schließlich war Barnes mit seinem Ro-
man „The Sense of an Ending“ hausho-
her Favorit gewesen. Doch erstens hat
der Booker sich in den letzten Jahren sel-
ten an die Vorhersagen von Experten
und Buchmachern gehalten. Und zwei-
tens war JulianBarnes schondreimal no-
miniert gewesen, zuletzt 2005 für „Ar-
thur &George“, und hatte nie gewonnen.
In seiner Dankesrede erinnerte er an
Jorge Luis Borges, der einmal die Vermu-
tung geäußert hatte, in Schweden gebe es
eine kleine Gruppe von Leuten, die aus-
schließlichdaranarbeiteten, ihmdenNo-
belpreis vorzuenthalten. „In den letzten
Jahren hatte eine milde Paranoia einge-
setzt, dass es sich bei mir mit demBooker
ähnlich verhalten könnte“, gestand Bar-
nes. Da seinBuchinder Shortlist qualita-
tiv weit herausragte, hätte er es diesmal
tatsächlich als Ungerechtigkeit empfin-
den können, wenn ein anderer den mit
umgerechnet 57 000 Euro dotiertenwich-
tigsten Literaturpreis für den Common-
wealth-Raum und Irland gewonnen hät-
te. „The Sense of an Ending“ ist mit
160 Seiten vergleichsweise kurz. Doch
wie Barnes allmählich die Selbstzensur
in den Erinnerungen seines pensionier-
ten Protagonisten Tony Webster bloß-
legt, beweist seine ganze Meisterschaft.
Die Kontroverse des Booker-Jahr-
gangs 2011 lieferte nicht der Sieger, son-
dern der von vielen Kritikern beanstan-
dete „Populismus“ der Jury unter Vor-
sitz von Stella Rimington. Das gipfelte
vergangene Woche in der Gründung ei-
nes Konkurrenz-Preises (SZ vom15.10.).
In ihrer Rede bei der Preisverleihung in
der Londoner Guildhall setzte sich die
Thriller-Autorin und ehemalige briti-
sche Geheimdienstchefin gegen die Kri-
tik zur Wehr: Sie sei „hocherfreut“ über
den Erfolg der Shortlist bei den Lesern,
so Dame Stella. Und da in diesem Jahr
die Stiftung neuer Preise in Mode zu sein
scheine, wolle sie einen weiteren vor-
schlagen. „Warum loben wir keinen
Preis für die beste Kritik des Booker-
Preises aus?“, fragte die Jury-Vorsitzen-
de süffisant. Es ist allerdings fraglich, ob
sich dafür ein zahlungswilliger Sponsor
finden würde. ALEXANDER MENDEN
FILM
Von Hand zu Hand
StevenSoderberghs Virus-Katastrophen-
film „Contagion“ Seite 14
FEUILLETON
Wir sind für Sie da
Der erfolgreiche Museumsexport des
Centre Pompidou Metz Seite 15
LITERATUR
Unbrauchbar und glücklich
Heinrich Meier kommentiert Rousseaus
„Träumereien“ Seite 16
MEDIEN
Der Soundtrack ihres Lebens
Eine Doku will die Berliner anhand ihrer
Einschlafmusik erklären Seite 19
WISSEN
Spätentwickler
Der Intelligenzquotient kann sich noch
in der Pubertät verändern Seite 20
www.sueddeutsche.de/kultur
Nur ein Stück
vom Kuchen
US-Künstler streiten vor Gericht
um Anteile an Wiederverkäufen
Glückliches Ende
milder Paranoia
Julian Barnes gewinnt den
Man-Booker-Preis
Die Beats sind interessant, nicht die Egos
Sapperlot! Der beste deutsche Hip-Hop entsteht im Münchner Glockenbachviertel – ein Besuch bei Sepalot
HEUTE
FEUILLETON
Neben der breiten Brust hat die Traurigkeit auch ihren Platz bei Sebastian Weiss. Foto: Stephanie Fuessenich
„Uncool-Sein ist
der beste Nährboden für
interessante Sachen“
„Hey, wir machen
verdammt noch mal Kunst,
was wollt ihr?“
Sollte sich die Klage durchsetzen,
werden Käufer und Händler Wege
finden, Abgaben zu vermeiden
€ 21,99 (D) / € 22,70 (A) / sFr 30,90 / 576 Seiten / 978-3-550-08873-5
Du siehst ihn nicht.
Er jagt Dich. Unerbittlich.
www.nesbo.de
©
P
e
t
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K
n
u
t
s
o
n
Kommissar Harry Hole ist zurück
aus Hongkong und ermittelt
in seinem persönlichsten Fall.
Der neue
Thriller
des Spiegel-
Bestseller-
autors
Urban Exploring, das ist Urlaub für
Leute, denen australische Outbacks zu
langweilig sind. Eine bunt gewürfelte
Truppe, eine Koreanerin, ein Amerika-
ner, eine Französin undeine Venezolane-
rin sind dabei, alle jung, naiv und erleb-
nishungrig, macht sichimBerliner Unter-
grund auf die Suche nach dem Kick. Ein
Labyrinth aus Katakomben und Kanali-
sation, U-Bahn-Tunneln und Bunkern
wartet da unten, aber statt des wohligen
Kitzels wirdes eine Tour indenexistenzi-
ellen Horror.
Junge deutsche Filmemacher entde-
cken seit einigen Jahren zunehmend
selbstbewusst das Genrekino für sich. In
Filmen wie „Lautlos“ oder zuletzt
„Hell“ beweisen Mennan Yapo und Tim
Fehlbaum Gespür für Atmosphäre und
Spannung, und für das Spiel mit den Re-
geln, nach denen klassische Genres wie
Thriller, Horror und Katastrophenfilm
funktionieren. Andy Fetscher, Regisseur,
KameramannundCutter von„UrbanEx-
plorer“ verlagert den uramerikanischen
Horrorslasherfilm in die Berliner Unter-
welt – er sichert sichdamit denVorteil ei-
nes ausgesprochen atmosphärischen
Schauplatzes: modrige Oberflächen in
schummrigem Licht, eine unheimliche
Geräuschkulisse.
Schon in seinem Regiedebüt „Buka-
rest Fleisch“ benutzte Fetscher ein reales
Phänomen – den Gammelfleischskandal
– als Ausgangspunkt für sein Horrorsze-
nario. Jetzt spitzt er wieder etwas zu,
was es gibt – Extremtourismus. Viele Tou-
ren an Berlins dunkle Orte werden seit
der Öffnung der Mauer legal angeboten –
hier allerdings geht es umeine verbotene
Variante. Max Riemelt fungiert unter
demDecknamen Dante als konspirativer
Tourguide indie Hölle. Durchdie Seiten-
tür eines Technoclubs führt er seine
Schützlinge in den Untergrund, er ver-
spricht einen exklusiven Blick in einen
versiegelten Nazibunker. Als er während
einer Tour schwer verunglückt, sind die
verschreckten Kids auf sich allein ge-
stellt, und ein ehemaliger DDR-Wach-
mann erweist sich als sehr viel weniger
entgegenkommend als es zunächst
scheint. Klaus Stiglmeier spielt diesenge-
fährlichverschrobenenEigenbrötler zwi-
schen jovialer Hilfsbereitschaft, lauern-
der Verschlagenheit und brachialer Ge-
walttätigkeit. Er macht das gut – den-
noch bleibt „Urban Explorer“ letztlich
enttäuschend. Sein großes Versprechen
kann der Filmnicht einlösen, sprunghaft
und unausgegoren, mit hölzernen Dialo-
gen und linkischem Schauspiel kippt er
um in billigen Trash. aster
URBANEXPLORER, D2010– Regie, Ka-
mera und Schnitt: Andy Fetscher. Buch:
Martin Thau. Mit: Max Riemelt, Klaus
Stiglmeier, Nathalie Kelley, Nick Evers-
man, Catherine de Léan, Brenda Koo.
Summiteer Films, 94 Minuten
Dieses Remake ist ein interessanter
Fall pubertärer Besitzansprüche imfort-
schreitenden Alter. Ziemlich beleidigt
wurde vondeneinstigenKids der Reagen-
Ära gerade auf das 2011er Update ihres
„Footloose“-Tanzfilmklassikers von
1984 eingedroschen, in Kritiken und
Blogeinträgen. Ja, der renitente Groß-
stadtjunge Kevin Bacon, der die Klein-
stadt Bomont in diesem Film aufmischt,
ist verschwunden, genau wie sein Walk-
man. Stattdessen spielt nun der Newco-
mer Kenny Wormald die heilige Rolle des
tanzenden Rebellen Ren MacCormack –
und ja, er hat natürlich einen iPod. So
provoziert diese Neuverfilmung des er-
folgreichen Films mit noch erfolgreiche-
rem Soundtrack bei den Liebhabern des
Originals vermutlich die Erkenntnis,
dass die eigene Jugendschondreißig Jah-
re her ist. Und, viel schlimmer, nicht ein-
zigartig war: Da sinddochtatsächlichan-
dere junge Menschen nachgewachsen,
die dasselbe adoleszente Theater durch-
machen, genauso intensiv, nur mit ande-
ren Musikabspielgeräten.
Die Sorge um das ideelle Erbe von
„Footloose“ ist ohnehin unbegründet.
Craig Brewer, einer der aufregendsten
Regisseure des jüngeren amerikanischen
Kinos, hat aus Herbert Ross’ Original
keinHigh-School-Musical gemacht, son-
dern ein ziemlich raues Stück Kino, wie
man es aus seinen früheren Filmen ge-
wohnt ist. Brewer hat 2005 „Hustle &
Flow“ gemacht und ein Jahr danach
„BlackSnake Moan“, eine sehr eigene Va-
riante des Musikfilms, in dem Samuel L.
Jackson die wilde Christina Ricci an die
Eisenkette legt, um ihr mit Bibel und
Bluesgitarre die Nymphomanie auszu-
treiben.
Inhaltlich erzählt er in seinem „Foot-
loose“ dieselbe Geschichte wie 1984:
Nach dem Tod seiner Mutter zieht der
Großstadtjunge RenMacCormackzuVer-
wandten ins Südstaaten-Kaff Bomont,
wo nach einem grausigen Party-Unfall
ein öffentliches Tanzverbot gilt. Ren
reibt sichphysisch an der hübschen Pfar-
rerstochter Ariel (Julianne Hough) und
damit moralisch am grimmigen Pfar-
rer/Vater (Dennis Quaid), und mischt
überhaupt das ganze biedere Kleinstadt-
leben auf. Das Tanzen wird zum Symbol
der unterdrückten Gelüste der High-
School-Kids. Am intensivsten und ag-
gressivsten zeigt sich das in einer Szene,
in der Ren vor lauter Wut auf die Enge
und die Starrhalsigkeit des kirchentreu-
en Städtchens in ein verfallenes Fabrik-
gebäude flieht. Wütend boxt er in die
Luft, schlägt um sich, rennt, springt, wie
im Wahn. Ein explosiver Ausfall, von in-
nen nach außen choreographiert als
Tanz.
Brewer erzählt die Story aus diesem
fieberhaften Kern heraus als modernen
Western. „Footloose“ ist also die Ge-
schichte vomeinsamen Cowboy, der eine
Kleinstadt von ihren Peinigern, ihren lä-
cherlichen Neurosen befreit – nur wird
getanzt statt geschossen. Klassisches
Americana also, ziemlich sexy für jede
Generation. Und so wiederholt sich in
der Rezeptionwie imFilmder immerglei-
che Krieg: Die Veränderung ist nur
durch den Vatermord möglich, zumin-
dest ideell, ohne denniemals etwas voran-
geht für die Jugend. DAVID STEINITZ
FOOTLOOSE, USA 2011 – Regie: Craig
Brewer. Buch: Dean Pitchford, Craig
Brewer. Kamera: Amy Vincent. Musik:
Deborah Lurie. Schnitt: Billy Fox. Mit:
Kenny Wormald, Julianne Hough, Den-
nis Quaid, Miles Teller, Andie MacDo-
well. Paramount, 113 Minuten.
Schluss jetzt, knurrt der alte Mann die
Frauhinter der Kamera an, die Filmema-
cherin Annekatrin Hendel. Sie sitzen in
einem Ruderboot, er trägt weißes Hemd
und Krawatte, auf demKopf einen brau-
nen Hut, den er nur selten den Film über
absetzen wird. Es geht um einen Satz,
den seine Mutter sagte: Der größte Feind
im ganzen Land, das ist und bleibt der
Denunziant. „Der Satz hat nicht genagt.
Ich hab viel zu wenig Leute angeschis-
sen. Bist du jetzt zufrieden? Ich geh über
Bord. Ich hab kein Gewissen und ich hab
keine Moral. Jedenfalls nicht eure. Diese
Ackermanns, diese Schwerverbrecher.“
EinEinstieg, der verunsichert, erschüt-
tert. Der Schriftsteller Paul Gratzik,
Jahrgang 1935, war IM der Stasi, zwan-
zig Jahre lang, erst 1981 hat er sich selbst
enttarnt, wurde darauf vonder Stasi schi-
kaniert. Wir waren Pracher, uns wollte
niemand haben, erzählt der alte Mann –
nach dem Krieg wurde seine Familie aus
Ostpreußen nach Mecklenburg gebracht.
Heute lebt Paul Gratzik in einem abge-
schiedenen Haus in der Uckermark, das
in der verschneiten Landschaft ein Sinn-
bild scheint für archaische Einsamkeit,
Gesellschaftsferne, Unabhängigkeit.
Der Film lässt Gratziks Führungsoffi-
zier zu Wort kommen, die Opernsängerin
Renate Biskup, einst seine Geliebte, die
er doch denunzierte, den Dichter Sascha
Anderson, den er wie einen Sohn förder-
te. Ein Erinnerungsfilm, der nicht aufs
Wegducken und eilfertige Bereuen aus
ist, sondern auf die Einsamkeit des De-
nunzianten – die oft auch Familiäres hat.
Heiner Müller etwa hat Gratzik gedeckt,
wie ein älterer Bruder den jüngeren. göt
VATERLANDSVERRÄTER, D2011 – Re-
gie, Buch: Annekatrin Hendel. Kamera:
Johann Feindt, Jule Katinka Cramer,
Martin Langner, Can Elbasi. Grafik: Leif
Heanzo. Edition Salzgeber, 96 Minuten.
Venedig, Canal Grande. Draußen läuft
gerade eine historische Bootsregatta,
drinnen im Palazzo Ca’ Giustinian gibt
das „Contagion“-Team Interviews zwi-
schen Kunstinstallationen. Matt Damon
erscheint mit kahlgeschorenem Kopf –
und schnell dreht sich das Gespräch nur
noch um eine einzige Szene.
Matt Damon: „Vor dieser Szene hatte
ich wirklich Schiss. Aber das ist erst ja
erstmal nichts Schlechtes. Der kreative
Einsatz ist immer hoch, es ist also Druck
da, aber das liebe ich auch – diesen Ent-
scheidungsprozess, wenn wirklich gute
Leute dabei sind. Deshalb arbeite ich
auch so gern mit Steven Soderbergh.
Meine Figur ist in dieser Szene also im
Krankenhaus, und der Arzt muss die
schreckliche Nachricht überbringen: Ih-
re Frau ist gestorben, innerhalb einer
Stunde, und wir wissen nicht wirklich
warum . . .
Bevor wir drehten, nahm ich Steven
beiseite und erklärte ihm, ich hätte wirk-
lich Panik vor dieser Szene. Wie zum
Teufel sollten wir das angehen? Das Pro-
blem ist nämlich, der Film läuft da erst
fünf Minuten, die Zuschauer wissen
nichts über meine Figur und auch nichts
über die Figur von Gwyneth Paltrow, die
meine Frau spielt und sich eben gleich
als erste dieses Virus eingefangen hat
und jetzt gestorben ist. Weil alles so
schnell ging, ist vermutlich noch gar kein
besonderes Mitgefühl beim Zuschauer
vorhanden.
Solche Szenenhat auchjeder schonun-
gefähr eine Million mal im Film gesehen
– das kommt erschwerend dazu. Eine
Art, wie das Problem von Regisseuren
häufig gelöst wird, nennt Steven Soder-
bergh etwas zynisch „den Sack“. Da
schaut die Kamera dannaus größerer Dis-
tanz zu, wie jemand die Todesnachricht
erhält – und dann sackt diese Person ein-
fach in sich zusammen, gegen die Wand
oder wohin auch immer. Und wir schau-
ten uns an und dachten: Auf keinen Fall
„den Sack“.
Dann gibt es die Möglichkeit, dass
jemand vor laufender Kamera völlig aus-
einanderfällt. Das hat mein Freund Ben
Affleck in demFilm„Jersey Girl“ einmal
wirklich großartig gespielt, als er dort
die Nachricht bekommt, dass seine Frau
bei der Geburt ihres Kindes gestorben
ist. Ich kenne keine bessere Szene dieser
Art. Hier passte das aber auch nicht,
dazu muss man die Figuren besser
kennen.
Dann haben wir uns zusammengesetzt
mit diesem Arzt, der unsere Berater war,
der in der Notaufnahme-Abteilung eines
Krankenhauses arbeitet. Dieser Mann
musste schon vielen hundert Menschen
die Nachricht vom Tod eines Angehöri-
gen vor dem Operationssaal überbrin-
gen. Und wir fragen ihn: Wie läuft das
denn wirklich?
Er wollte erstmal mehr Informatio-
nen. Rechnet hier schon jemand mit dem
Tod? Auf keinenFall. Die Fraukommt al-
so ins Krankenhaus, der Mann ist noch
draußen im Warteraum, und auf einmal
ist sie tot? Exakt so. Er überlegte und er-
klärte dann, dass es zwei typische Reakti-
onen gibt: Die erste ist, jemand bricht to-
tal zusammen, wie manes schoneine Mil-
lion Mal in Film und Fernsehen gesehen
hat. Und wir alle: Okay, und die zweite?
Die zweite, sagt er, passiert genauso oft:
Das Gehirn kann diese lebensverändern-
denInformationenimerstenMoment gar
nicht verarbeiten . . .
Genau das spiele ich jetzt in der Szene.
Der Arzt darinverwendet exakt die Wor-
te, die auch ein richtiger Arzt verwenden
würde – Klartext. Also nicht: Sie hat es
nicht geschafft, sie ist nicht durchgekom-
men . . . Das verstehen die Leute im
Ernstfall nicht. Also heißt es: Das Herz ih-
rer Frauhat aufgehört zuschlagen, sie ist
gestorben.
Okay, antworte ich. Kann ich sie jetzt
sehen? Die Wahrheit kommt noch nicht
durch, und dann muss der Arzt weiterre-
den bis zu der Frage nach den Freunden
oder Verwandten, ob man den Wunsch
habe, jemandenanzurufen. Ja, mein Bru-
der sollte hier sein, weil meinBruder soll-
te wissen, dass meine Frau – Moment,
meine Frau ist tot?
Und dann setzt die Erkenntnis ein,
undes ist fürchterlich, denndann kommt
eine Wut-Phase: Wir haben gerade noch
gefrühstückt, ich hab sie doch eben noch
gesehen . . . So sickert die Wahrheit lang-
sam durch, und der Arzt weiß, dass er
jetzt wahrscheinlich gleich angeschrien
wird – und genauso haben wir es dann
auch gezeigt. Was zum Teufel ist pas-
siert? Ich brülle ihn also an und stelle im-
mer mehr Fragen, under hat keine wirkli-
chen Antworten. Jetzt ist alles die
Schuld des Doktors.
Der Mann, der den Arzt in dieser Sze-
ne spielt, heißt Stef Tovar – ein brillanter
Theaterschauspieler aus Chicago. Er hält
sichhier exakt an das reale Ärzte-Skript.
Ich liebe seine Performance, weil er im
Voraus schon ganz genau weiß, wie sein
Gegenüber als nächstes reagieren wird,
und man sieht das in seinem Gesicht. Er
spielt das wie jemand, der das alles schon
Hunderte Male erlebt hat.
So ist aus der Szene, vor der ich mich
am meisten gefürchtet habe, am Ende
dann meine Lieblingsszene in „Contagi-
on“ geworden.“
Aufgezeichnet von Tobias Kniebe
Apokalypsen sind auch nicht mehr
das, was sie einmal waren. Als F. W. Mur-
nau in seinem „Faust“ (1926) die verhee-
rende Pestseuche auf das mittelalterliche
Europa losließ, taten sich bildgewaltig
die Pforten der Finsternis auf, und vier
apokalyptische Reiter stürmtenauf Pfer-
degerippen durch die Wolken. In seinem
Pandemie-Thriller „Contagion“ entwirft
Steven Soderbergh ein wahrhaft apoka-
lyptisches Szenario, aber emotionale An-
steckungsgefahr besteht kaum.
Inspiriert von der Sars-Pandemie
2003 – sie ging kontinentüberschreitend
von Südchina aus und forderte etwa tau-
send Menschenleben – erzählt „Contagi-
on“ von einem besonders hinterhältigen
Virus, das sich in der globalisierten Han-
dy-Internet-Flugverkehr-Welt von heu-
te in Windeseile ausbreitet. Es ist super-
tödlichundmutiert schneller, als mansei-
ne DNA in den Labors entschlüsseln
kann. Es zerstört nicht nur den physi-
schen, auch den sozialen Körper: Panik
in den Metropolen, Chaos, streikende
Krankenschwestern, Kriegsrecht, ver-
müllte Innenstädte, leergefegte Shop-
ping-Malls.
Das MEV-1 genannte Virus vergiftet
genau das, was das private und öffentli-
che Menschenleben ausmacht: Begeg-
nung, Berührung. Es verbietet den Kuss
der Teenager, den Händedruck der Be-
grüßung, das Festhalten an einer Bushal-
testange in Tokio, sogar den Griff in die
Erdnussschale in einer Bar in London.
Erst als weltweit 26 MillionenMenschen-
leben dahingerafft sind, wird das retten-
de Serum gefunden. In der Chaostheorie
gibt es das nette Bild vom Flügelschlag
des Schmetterlings in China, der einen
Tornado in Kanada hervorruft. Bei So-
derberghs MEV-1-Epidemie wird es zum
Horrorbild: der Händedruck in Hong-
kong, der in exponentiellen Berührungs-
kettenreaktionen zur Globalkatastrophe
flattert.
Hübsch wird die Story in Gang ge-
setzt: Gwyneth Paltrow, strahlende Ele-
ganz wie ehundje, als Glücksfee. Als Ge-
schäftsreisende Bethhaucht sie einGood-
Luck-Küsschen auf den Spieleinsatz ih-
res chinesischen Kollegen. Schauplatz:
einCasinoinHongkong. Auf ihremRück-
flug zu Ehemann Mitch (Matt Damon)
und Kindern in Minnesota macht sie in
Chicago Zwischenstation, wo sie erste
Anzeicheneiner Grippe zeigt. Wenig spä-
ter liegt sie zu Hause verkrümmt auf dem
Küchenboden, Schaum vor dem Mund,
mit epileptischen Zuckungen. Rasant
und effizient kann Soderbergh erzählen,
wie sich die Epidemie ausbreitet, wie die
GegenmaßnahmenvomCenter for Disea-
se Control inAtlanta undvonder Weltge-
sundheitsorganisation WHO in Genf or-
ganisiert werden. Er hat das weit wu-
chernde Geflecht der Erzählstränge fest
im Griff, und doch gelingt es ihm kaum,
wirkliche Anteilnahme hervorzurufen.
Liegt es an seinem klinischen Blick?
Daran, dass ihn der Kampf der Systeme –
System Virus versus System Wissen-
schaft & Politik – mehr interessiert als
die nähere Berührung mit Menschen-
schicksalen? Vielleicht liegt es auch dar-
an, dass wir eine Wahrnehmungsblocka-
de im Angesicht des Schreckens haben.
Wie Beths Ehemann, als er in der Klinik
vomTod seiner Frau erfährt. Solche sub-
tilen Momentaufnahmen kann Soder-
bergh fein zeichnen. Woher aber rührt
die Kälte seines Gesamtgemäldes?
Gewiss: er will nüchtern wie bei einer
quasidokumentarischen Chronik erzäh-
len und sein hochkarätiges Starensemble
in Figuren stecken, die niemals bigger
thanlife erscheinensollen, seinKatastro-
phenszenario nicht à la Michael Bay als
Armageddon-Knalleffekt-Show ausma-
len und auch Sentimentalitäten à la
Spielberg – der seine Katastrophen im-
mer mit rührenden Vater-Sohn-Ge-
schichten zuckert – vermeiden. Zur Crux
wird Soderbergh, dass er ein braves, ob-
rigkeitsgläubiges Lehrstück in Szene
setzt. Gefährlicher als der MEV-1-Virus
ist ihm der soziale Virus der Angst-Pa-
nik. So gerät „Contagion“ unversehens
zum Loblieb auf das CDC, als wolle So-
derbergh einem katastrophengebeutel-
tenAmerika sagen: bei allemVertrauens-
verlust in die Politik ist doch dort, wo die
Wissenschaft ins Spiel kommt, alles in
Ordnung, und von dort her wird wieder
Ordnung geschaffen. Es gibt heldenmüti-
ge Wissenschaftler, die Verfahrensregeln
nur brechen, um im riskanten Selbstver-
such schneller an den Impfstoff zu kom-
men. Es gibt die opferbereiten Soldaten,
die sich tapfer in Quarantänezonen des
„Outbreak“-Szenarios begeben, um das
Chaos einzudämmen.
Bezeichnend, dass ein Internet-Blog-
ger (Jude Law mit defekten Zähnen und
australischem Dialekt) als Inbild des
demagogischen Bösen karikiert wird. Er
gibt vor, für Meinungsfreiheit zu kämp-
fen, und verbreitet windige Verschwö-
rungstheorien, beschuldigt Regierung
und Pharmaindustrie der Komplizen-
schaft bei der Verhinderung homöopathi-
scher Heilmittel. Warumdesavouiert So-
derbergh mit diesem Blogger derart
krass das Internet, das bekanntlich in
Krisensituationen eine Sphäre legitimer
und wichtiger Gegeninformationen sein
kann? Bei der Sars-Epidemie 2003 zen-
sierten die chinesischen Behörden lange
Zeit alle Presseberichte – eine Gegenin-
formation per Internet wäre lebensret-
tend gewesen.
Selbst Gwyneth Paltrows Beth ent-
puppt sich als eine Art Bösewichtin. Sie
hat nicht nur den verhängnisvollen Keim
in die USA eingeschleppt, sie outet sich
auch bei einem Flirt-Telefonat in Chica-
go als Ehebrecherin. Wie zur Strafe wird
ihr die gruseligste Szene des Films zuteil:
wenn die Pathologen bei der Obduktion
ihres Leichnams sie geradewegs skalpie-
ren. Beth ist keine Glücksfee, sondern
der ehebrecherische Todesengel, Vorrei-
terin einer Apokalypse, die freilich
durch eine kompetente Kombination von
Wissenschaft, Politik und Militär gebän-
digt werden kann RAINER GANSERA
CONTAGION, USA/Vereinigte Arabi-
sche Emirate 2011 – Regie, Kamera: Ste-
ven Soderbergh. Buch: Scott Z. Burns.
Musik: Cliff Martinez. Mit: Marion Cotil-
lard, Matt Damon, Laurence Fishburne,
Jude Law, Gwyneth Paltrow, Kate Wins-
let, Bryan Cranston, Jennifer Ehle, Chin
Han, John Hawkes, Sanaa Lathan, Elli-
ott Gould. Warner Bros., 106 Minuten.
Robert Redfords letzter Film„Die Lin-
coln Verschwörung“ hat nicht die Auf-
merksamkeit erregt, die er verdient, also
wendet Redford jetzt ein altes Rezept an,
das ihm früher immer geholfen hat: Er
spielt selbst die Hauptrolle inseinemneu-
en Regie-Projekt. „The Company You
Keep“, gedreht wird derzeit in Vancou-
ver. Für den Fall, dass er selbst doch
nicht mehr so viel Zugkraft hat, hat sich
RedfordVerstärkung engagiert: Shia La-
Beouf, Julie Christie, Susan Sarandon,
Nick Nolte, Stanley Tucci, Chris Cooper
und Anna Kendrick . LaBeouf spielt den
Reporter, der Redfords Figur auf die
Schliche kommt – einem untergetauch-
tenLinksradikalen, der demWeather Un-
derground angehört hat, Radikale, die
während des Vietnamkriegs in den USA
aktiv waren und die amerikanische Re-
gierung unterminieren wollten. Lem
Dobbs („The Limey“) hat das Drehbuch
geschrieben(nach einemRomanvon Neil
Gordon). Die bekennendenRotsockenJu-
lie Christie undSusanSarandonhat Red-
ford als ehemalige Weather-Under-
ground-Mitkombattantinnen besetzt.
Bei Redfordist mandas Politisierenge-
wöhnt, bei Christopher Nolan nicht, aber
er bereitet sich nun auf den Ernstfall vor
– er dreht zur Zeit in Los Angeles seinen
neuen Batman-Film, „The Dark Knight
Rises“, aber Ende des Monats zieht das
Team nach New York für Außenaufnah-
men. Nun weiß man bei dem Geheimnis-
krämer Nolan nie so recht, wovon seine
Filme handeln, bis er sie herzeigt. Aber
die „Occupy Wall Street“-Proteste in
NewYorkwill Nolan indenFilmeinbau-
en, was wahrscheinlichnicht sehr schwie-
rig ist: Batman wohnt in der Schurken-
metropole Gotham City, die New York
nachempfunden ist, und da gibt es öfter
mal Aufruhr. Ins Kino kommt „The Dark
Knight Rises“ erst im Juli 2012 – wer
weiß, was bis dahin aus denProtestenge-
gen die Banken geworden ist . . .
Neuer Job für Juliette Binoche – sie
dreht von der kommenden Woche an mit
Regisseurin Marion Laine, die einen Ro-
man von Mathias Énard verfilmt. Bino-
ches Partner indemFilmist Edgar Rami-
rez, zuletzt als „Carlos“ zu sehen. Und
Steve McQueen, dessen „Shame“ gerade
erst imWettbewerb von Venedig Premie-
re hatte, arbeitet schon an seinemdritten
Werk: „12 Years a Slave“, Drehbeginnist
Anfang 2012, die Hauptrolle spielt wie-
der Michael Fassbender, der in Venedig
mit der Coppa Volpi ausgezeichnet wur-
de für seine Rolle in „Shame“. McQueen
war halt früh dran – er hat Fassbender
nochvor den „Inglourious Basterds“ ent-
deckt, für seinen ersten Film „Hunger“
(2008). SUSAN VAHABZADEH
Unten Pfui
Andy Fetschers Katakomben-
Thriller „Urban Explorer“
Wut und
Wahn, getanzt
Craig Brewer hat den Klassiker
„Footloose“ neu inszeniert
Kein Gewissen
Ein Denunziantenfilm, der sich
nicht duckt – „Vaterlandsverräter“
„Kann ich sie jetzt sehen?“
Anatomie einer Filmszene: Matt Damon erklärt, warum eine Krankenhaus-Sequenz in „Contagion“ ihn fast überfordert hätte
Von Hand zu Hand
Steven Soderberghs „Contagion“ ist ein kluges Virus-Lehrstück, hat aber nur wenig berührende Momente
Was gibt’s Neues?
Politclowns
Wer was mit wem dreht
Seite 14 / Süddeutsche Zeitung Nr. 242 Donnerstag, 20. Oktober 2011
FILM
Aufklärung muss sein auch bei der Apokalypse – Jude Law als einzelkämpferischer Blogger im Straßeneinsatz. Foto: Warner
Noch ist die schreckliche Wahrheit nicht angekommen – Matt Damon und Stef
Tovar (rechts) in der Krankenhaus-Szene von „Contagion“ . Foto: Warner
Keine Armageddon-Knalleffekte
à la Michael Bay, keine
Sentimentalitäten à la Spielberg
Es sind viele, aber keinesfalls übermä-
ßig viele Neuaufnahmen, mit denen der
Komponist Franz Liszt zum 200. Ge-
burtsjahr gewürdigt wird. Einige Labels
reagierten wie gewohnt damit, dass sie in
ihren Archiven kramten und längst Ver-
staubtes als Frischware auf den Markt
warfen, andere brachten Neuaufnahmen
heraus, die sich im Nachhinein aber als
nicht ganz so dringlich herausstellten.
Unter den Großprojektensticht natür-
lich die einzige, gigantomanische Ge-
samteinspielung mit dem australischen
Pianisten Leslie Howard heraus (Hyperi-
on), die aber unter reinmusikalischenGe-
sichtspunkten mehr Erwartungen weckt
als erfüllt. Deshalb ist sie nicht ganz un-
nütz, auch wenn Howard pianistisch-
technisch, aber auch musikalisch-men-
tal, dem ebenso virtuosen wie visionären
Franz Liszt nicht gerecht werden kann.
Vergleicht man allein die „Etudes d’exé-
cution transcendente“ S 139, wird man
VesselinStanev (RCA) oder Vladimir Ov-
chinikov (EMI) den Vorzug geben, oder
gleich zu älteren Aufnahmen greifen wie
der von Lazar Berman von 1956.
Die ist Bestandteil einer Auswahlbox
auf 30 CDs (Brillant Classics), in der, wie
zu erwarten, nicht alles von erster Quali-
tät ist, aber gleichwohl einige große Na-
menmit respektablenAufnahmenvertre-
ten sind. György Cziffra ist dabei, Emil
Gilels, Evgeny Kissin, Svjatoslav Rich-
ter, Alfred Brendel und Louis Lortie,
aber auch Michele Campanella, der
gleichzeitig mit einer eigenenKompilati-
on auftaucht (Brillant Classics) und den-
noch nicht in die erste Riege gehört.
Manmuss nur einmal kurz indie unga-
rischen Tänze, gespielt von Misha Dich-
ter, hineinhören oder in die Klavierkon-
zerte mit Byron Janis, gleichermaßen zu-
packend und feingliedrig im Detail (bei-
de bei newton classics), um die unter-
schiedlichen Welten neuerer Liszt-Ex-
egese zu erleben. Selbst Nobuyuki Tsujii,
der junge blinde japanische Pianist, zeigt
hier deutlich flexiblere Fingerfertigkeit
undbietet mehr Seele, als dies Campanel-
la undanderen vergönnt ist. Liszt fordert
ja beides. Man kann seine hochmodernen
Klangvisionen weder rein virtuos bewäl-
tigen noch rein gefühlsorientiert in Sze-
ne setzen, wie dies wohl Roger Muraro in
seiner Sichtweise der „Années de péleri-
nage“ (Decca) versucht. Oder, etwas aus-
gereifter: Pierre-Laurent Aimard (Deut-
sche Grammophon), der selbst in der
h-Moll-Sonate keinen Grund zur Aufre-
gung sieht, stattdessen blühende lyrische
Landschaften durchwandert. Vielleicht
stößt auch er hier an seine technischen
Grenzen, wie man bei vielen derartigen
Liszt-Interpretationen feststellen muss.
Ein Verdacht, der bei György Cziffra
nicht aufkommt, dem man gerade wegen
seines unglaublichen Fingertalents in
Deutschland mit Misstrauen begegnete.
Kann da noch Musik drin sein, wo so viel
Technik draufsteht? Es kann, wie der gut
sortierten Box „Liszt – The Piano Collec-
tion“ (EMI) zu entnehmen ist. Es sind
Aufnahmenaus denfrühensiebziger Jah-
ren, die einem zu Ohren führen, was kla-
viertechnisch machbar und eigentlich
auch unabdingbar ist, um die Lisztschen
EtüdenundImpromptus, Polonaisen, un-
garischen Tänze, Balladen und Liebes-
träume mit pianistischer Würde zuabsol-
vieren. Liszt setzt diese hohe Hürde, weil
seinVirtuosentumwesentlicher Bestand-
teil seines musikalischenDenkens ist. An-
ders als bei Brahms, Schumann oder
selbst Beethoven, wo Klaviermusik ins
Virtuose vordringt, auch gedrängt wird,
entsteht bei Liszt ein Stück erst aus dem
virtuosen Spiel heraus. Selbst seine Ad-
aptionenvolkstümlicher Tänze sind– an-
ders als etwa bei Bartók – hochkünstleri-
sche Variationen über diese Tänze, sind
Ausgangspunkt, Ideengeber für anderes.
Cziffra, dessen unglaubliche Biografie
alles andere als solche Klavierkunst ver-
muten lässt, zelebriert dieses Verständ-
nis – weniger effektheischendoder gar be-
lehrend als vielmehr verliebt in die Stü-
cke und vielleicht auch verliebt in die
Vorstellung, dass er sie wie kaum ein an-
derer aus dem Handgelenk schütteln
kann. HELMUT MAURÓ
Der große Erfolg ließ bisher noch auf
sich warten beim Eröffnungsreigen des
neuen Intendanten Martin Kušej am
Münchner Residenztheater. Trotzdem
hatte das Publikum mit demonstrativem
Wohlwollen immer herzlich applaudiert,
es will, dass dieser Neuanfang gelingt.
Jetzt, bei der fünften Premiere, gab es
erstmals Buhs. Nicht für die Darsteller,
auf die mansichschon gefreut hatte, weil
es spannendist, neue Schauspieler zuent-
decken (wobei Manfred Zapatka, Sophie
von Kessel und Guntram Brattia Mün-
chen-Rückkehrer sind). Aber auch, wenn
einige erstaunlich blass blieben und
Kušejs neuem Groß-Ensemble noch
nicht zur erhofften Erstklassigkeit ver-
helfen, gingen die Buhrufe nicht gegen
sie, sondern gegen den, der sie so fahrläs-
sig (und buchstäblich) gegen die Wand
laufenundineinemblutigenGeballer ab-
saufen ließ: den tschechischen Regisseur
und Bühnenbildner Dušan David Parí-
zek, Leiter des Prager Kammertheaters,
als Gastregisseur bereits an den Schau-
spielhäusern Hamburg und Zürich aktiv,
nun erstmals in München – kein guter
Einstand. Es gilt, was in dem Stück CEO
Richard über ein Firmen-Projekt sagt:
„Dieses Unternehmen ist blockiert.“
Wobei Parízek mit Dennis Kellys „Die
Götter weinen“ kein leichtes und auch
nicht rundum gelungenes Stück zu be-
wältigen hatte, aber doch ein politisch
brisantes – ganz auf der Höhe unserer
wirtschaftskrisengeschüttelten, global
durchgerüttelten, empörten Zeit. Anders
als in seinen sonstigen Stücken, in denen
er knapp, böse und präzise die großen
Menschheitsfragen und -Versagen in
überschaubaren Allerweltskonstellatio-
nen bloßlegt („DNA“, „Waisen“, „Liebe
undGeld“), macht der britische Dramati-
ker hier ein großes Fass auf. „The Gods
Weep“, uraufgeführt 2010 von der Royal
Shakespeare Company inLondon(mit Je-
remy Irons in der Hauptrolle), ist eine
ausufernde „Lear“-Paraphrase aus der
Welt der multinationalen Konzerne – ein
dramatisches Triptychon, das nicht weni-
ger sein will als eine Menschheitstragö-
die, von Parízek in lang anmutenden
zweieinhalb Stunden ohne Pause insze-
niert. Das Stückholt weit aus bis zumKö-
nigsdrama à la Shakespeare, führt, nicht
ohne private Affären, zu den Vorstands-
sitzungen und Deals der globalen Wirt-
schaft – wozues einiger dröger Informati-
onsgewinnungs-Dialoge bedarf –, mün-
det im zweiten Teil in einen Wahnsinns-
Krieg, dessen bösester Bube nicht zufäl-
lig Richard heißt – hier steht Shake-
speares „Richard III.“ Pate –, und es en-
det in einer düsteren Endzeit-Szenerie.
Viel Stoff, viel Begehr. Manhört es äch-
zen zwischen den Zeilen. Dass Dennis
Kelly die Chuzpe hat, ein so großes dra-
matisches Welten- undSchlachtengemäl-
de zu entwerfen, verdient Anerkennung
– ein Shakespeare aber ist er deshalb
noch nicht. Gerade die Analogien zu des-
sen „Lear“ und Richard“ zeigen schon
auch die qualitative Kluft.
Kellys Lear heißt Colm, in München
mit wohlstandsbauchiger Big-Boss-Si-
cherheit gespielt von einem sehr gelasse-
nen, in seiner Altersmilde sehr überzeu-
genden Manfred Zapatka. Nach einem
Traumerlebnis hegt der alte Tycoon
plötzlich Zweifel am kapitalistischen
Schneller-Höher-Weiter seines ausbeute-
rischen Versorgungskonzerns. Colm be-
schließt, ein besserer Mensch zu werden
und die Macht aufzuteilen. Er macht Ri-
chard (Götz Schulte) und Catherine (Ca-
rolin Conrad) zu CEOs, will selber als
Vorstandsvorsitzender noch mitmi-
schen, lässt aber seinen Sohn Jimmy leer
ausgehen. Die Mahnungen seines treuen
VasallenCastile (GuntramBrattia als Pit-
bull von gefährlicher Präsenz) schlägt er
selig grinsend in den Wind. Fatal. Es
kommt zu einer Kettenreaktion, in deren
Verlauf die Raubtiere in der Firma erst
den Alten ausbooten und sich dann ge-
genseitig zerfleischen. Dabei wird Colms
Projekt „Belize“, mit dem er in Zentral-
amerika etwas gutmachenwollte, zur fet-
tenSpekulanten-Beute: Billig aufgekauf-
tes Ackerland in der Dritten Welt ist bes-
ser als Gold. Man geht über Leichen.
Colmselbst hat die Machtgier herange-
züchtet, mit der er nun kaltgestellt wird.
So herzlos, wie er seinen Sohn Jimmy als
Schwächling abtut, wird schnell klar,
was für ein Tyrann dieser Mann vor sei-
nem Saulus-Paulus-Erlebnis war. Und
man versteht auch, wie Jimmy zu jenem
Charakterschwein wurde, das Johannes
Zirner mit so viel Überdruck gibt. Dass
er ein Verhältnis mit Beth aus der Versi-
cherungsbranche (Sophie von Kessel)
hatte und diese liebt, muss man glauben.
Die will ihn nicht mehr ranlassen, bangt
rhetorisch um ihren kranken Vater und
ihren irgendwie leidenden Mann (als Fi-
gur gestrichen) und mutiert, als Jimmy
sie inSachenBelize-Versicherung hinter-
geht und damit beruflich und familiär
zerstört, zu einer demWahnsinnverfalle-
nen Bluthündin. Stieren Blickes, wie
ferngesteuert knallt Sophie von Kessel
im Mittelteil des Stücks, wenn längst
Krieg herrscht und von Ferne läppische
Theatergewehrsalven donnern, die Fir-
men-Fieslinge ab: erst den Mitläufer Ga-
vin (Jens Atzorn), dann den alten Hasen
Ian (Paul Wolff-Plottegg), schließlich
das bei Götz Schulte so seltsamabwesen-
de Monster Richard. Und dann sich
selbst. Erschütternd ist daran nur die
Hilflosigkeit, mit der das inszeniert ist.
Parízek hat da schon alle Waffen ge-
streckt und wählt Blut- und Knalleffek-
te, als könne er seiner bilderarmen Insze-
nierung damit auf die Sprünge helfen.
Begonnen hatte der Abend als eine Art
„Reise nach Jerusalem“: Zehn Stühle vor
einer spitz zulaufenden Sperrholzwand
bieten Platz für ein braves Konversati-
ons-Sit-In. Parízek inszeniert die Figu-
ren(imgrauenBusiness-Look) wie bei ei-
nemSchachspiel, dazunervige Polterauf-
tritte aus demParkett. Immer sindfast al-
le Schauspieler anwesend, und wenn sie
erregt sind oder aus demRegen kommen,
schütten sie sich eine Flasche Mineral-
wasser übers Haupt – wie bei den Insze-
nierungen von Jürgen Gosch, von dem
hier so Manches geklaut zu sein scheint.
Auch wenn der tote Meister nie in Mün-
chen inszeniert hat: Einen Gosch-Ab-
klatsch für Arme braucht hier niemand!
Und wenn Parízek im Mittelteil das
Sperrholzdreieckerweitert zueiner Zick-
zackwand, die mit Blut verschmiert
wird, darf man das nach Michael Thal-
heimers viel gerühmter „Orestie“ eigent-
lich auch nicht durchgehen lassen.
Erst im dritten Teil, wenn die Wand
auseinanderkracht und die Bühne in ih-
rer Tiefe undSchwärze freigelegt ist, fin-
det die Inszenierung zu sich. Nun irren
Colm – geistesverwirrt wie der alte Lear
auf der Heide – und Barbara, die Tochter
eines Konkurrenten, den Colm einst ver-
nichtete, wie Beckett-Figuren durch ein
steinzeitliches Wasteland. Der Planet ist
geplündert, der Mensch wieder Jäger
undSammler, auf seine Urinstinkte ange-
wiesen. Auchschauspielerischsind Man-
fred Zapatka und die junge Katharina
Schmidt hier ursprünglich und anrüh-
rend komisch in ihrer ruppigen Zärtlich-
keit. So sprüht am Ende in diesem Thea-
ter der hohlen Töne doch ein Funken
Wahrheit auf. CHRISTINE DÖSSEL
Im Kölner Kunstfälscher-Prozess um
die frei erfundenen Sammlungen Jägers
und Knops ist kurz vor dem Ende ein
Eklat verhindert worden. Die Staatsan-
waltschaft wollte am Mittwoch überra-
schendweitere Schriftstücke zur Beweis-
aufnahme verlesen und damit in die
Hauptverhandlung einführen. Offenbar
ging es ihr darum, die Verbindungenzwi-
schen dem Fälscher Wolfgang Beltrac-
chi, seiner Frau Helene und deren
Schwester Jeanette Spurzemenger zuzie-
hen, um den Vorwurf der Bandenmäßig-
keit zu untermauern. Nach heftig geäu-
ßerten Bedenken der Verteidigung und
des Gerichts wurde die Verhandlung un-
terbrochen. Im Anschluss verzichtete die
Staatsanwaltschaft aber auf einen förm-
lichenAntrag. Zuvor hatte der Vorsitzen-
de Richter, Wilhelm Kremer, damit ge-
droht, das Verfahren neu aufzurollen.
„Ichweiß nicht, obdas kurz vor demZiel-
einlauf nötig ist. Entweder wir habenAb-
sprachen, oder wir machenalles rückgän-
gig“, sagte Kremer, der bis dahin einen
eher gemütlichen Eindruck hinterlassen
hatte. „Aber ok, dann mache ich eben bis
zu meiner Pensionierung Beltracchi.“
Wolfgang Beltracchi und drei weitere
Mitangeklagte hattenbereits Geständnis-
se abgelegt. Im Gegenzug und auf der
Grundlage einer Absprache wurden ih-
nen Haftstrafen von maximal sechs Jah-
ren in Aussicht gestellt. Wie vorgesehen,
werden nun an diesemFreitag die Plädo-
yers gehalten. Die Urteile sollen am 27.
Oktober fallen. Mhf
Am vergangenen Sonntag wurde in
Washington das Denkmal zu Ehren von
Martin Luther King offiziell eingeweiht.
In einem Interview mit dem Playboy von
1965 erzählte King, wie er seiner sechs-
jährigenTochter Yolanda die Rassentren-
nung erklären musste:
„Ich erinnere mich, dass ich vor zwei
Jahren nach Hause zurückkehrte, nach-
demich eine meiner Gefängnisstrafen im
Gefängnis vonAlbany, Georgia, abgeses-
sen hatte. Da fragte sie mich: „Daddy,
warum musst du so oft ins Gefängnis ge-
hen?“ (...) Sie war zu der Zeit erst sechs,
dochsie war sich der Rassentrennung be-
reits bewusst, wegen einer Erfahrung,
die wir gemacht hatten. (...) Meine Fami-
lie hat michoft zumFlughafeninAtlanta
begleitet, und auf dem Weg kamen wir
immer an Funtown vorbei, einer Art Mi-
ni-Disneyland, mit Achterbahnen und
solchen Sachen. Yolanda sagte dann im-
mer: „Ich will nach Funtown“, und ich
vermied jedes Mal eine direkte Antwort.
(...) Dann eines Tages kam sie die Treppe
heraufgerannt und rief laut, dass ein TV-
Werbespot die Leute aufforderte, nach
Funtown zu kommen. Da mussten meine
Frau und ich uns mit ihr hinsetzen und
versuchen, es ihr zu erklären. Ichhabe ei-
nigen Beifall als Redner erhalten, aber
als ich meiner sechsjährigen Tochter zu
erklären versuchte, warum die öffentli-
che Einladung im Fernsehen sie und an-
dere wie sie nicht einschloss, fandichkei-
ne Worte und geriet Stammeln. Ihre Trä-
nen zu sehen, als ich ihr sagte, dass Fun-
town für farbige Kinder nicht zugäng-
lich sei, war eine meiner schmerzlichsten
Erfahrung. (...) Denn ich begriff, dass in
diesem Moment die erste dunkle Wolke
des Minderwertigkeitsgefühls an ihrem
kleinen geistigen Himmel aufgezogen
war. Aber es war sehr wichtig für mich,
dass sie nicht in Verbitterung aufwuchs.
Also sagte ich ihr, dass – auch wenn viele
Weiße dagegen seien, dass sie nach Fun-
town gehe – es auch viele andere gäbe,
die farbige Kinder gerne dorthin lassen
wollten. Das half etwas. Erfreulicherwei-
se erfuhr ich später, dass Funtown in al-
ler Stille die Rassentrennung abge-
schafft hatte, also nahm ich Yolanda da-
hin mit. Ein paar Weiße fragten mich
dort: „Sind Sie nicht Dr. King, und ist
das nicht Ihre Tochter?“ Ich antwortete,
dass wir es seien, und sie hörte die Wei-
ßen sagen, wie froh sie seien, uns dort zu
sehen.“ SZ
Sehr gelassen, sehr überzeugend: Manfred Zapatka spielt bei seinem München-Comeback den Tycoon Colm. Foto: Tibor Bozi
Ein Big Boss macht noch keinen Lear
. . . und Parkettgepolter noch kein Gosch-Theater: Wie Dušan David Parízek in München „Die Götter weinen“ lässt
Der Drang der Museen sich auszubrei-
ten begann vor etwa dreißig Jahren, als
zwischen den großen Kunsttempeln von
New York bis Tokyo wahre Pilgerwege
des Kulturtourismus entstanden. Ein-
richtungenwie die GuggenheimFounda-
tion wirkten als Pioniere, die Eröffnung
ihres Museums in Bilbao als Meilenstein.
Auch wenn Sie nicht bis zu uns finden,
wir sind gleich um die Ecke – lautet der
Grundsatz, in einer seltsamen Kombina-
tionaus virtueller Allgegenwart und geo-
grafischer Nachbarschaft.
Befördert wird dieser Wettlauf um at-
traktive Außenstandorte nicht zuletzt da-
durch, dass die Lagerbestände indenMu-
seen schneller wachsen als die verfügba-
renAusstellungsräume. Unter demGüte-
siegel des berühmten Museumsnamens
lassen sich mit dem Überschuss nützli-
che, manchmal lukrative Filialeneinrich-
ten. So soll Ende des kommenden Jahres
die Louvre-Niederlassung in Abu Dhabi
eingeweiht werden. Die Expansion zielt
aber nicht nur hinaus in die weite Welt.
Mit entsprechendem architektonischem
Mehraufwand werden auch die Regionen
im eigenen Land versorgt. Ebenfalls im
kommenden Jahr will der Louvre in der
nordfranzösischen Stadt Lens in einem
Neubau des japanischen Architekturbü-
ros Sanaa eine Außenstelle eröffnen.
Früher noch als der Louvre hat das
Centre Pompidou die Entwicklung er-
kannt. Seine Filiale in Metz ist seit über
einem Jahr in Betrieb und hat gerade die
symbolische Zahl voneiner MillionBesu-
cherngefeiert. Auf den fünftausendQua-
dratmetern Ausstellungsfläche des spek-
takulären Zeltfestungsbaus von Shigeru
Ban und Jean de Gastines ist keine feste
Sammlung zu sehen. Bespielt wird der
Ort mit thematischenWechselausstellun-
gen hauptsächlich aus den Beständen
des Centre Pompidou Paris. Auffallend
viele Gruppenbesucher sind hier anzu-
treffen, Rentner wie Schulklassen und
Reisegruppen. Das Centre Pompidou
Metz war von Anfang an als Motor regio-
naler und städtischer Entwicklung ange-
legt. Auf der bei der Einweihung vor ei-
nem Jahr noch ziemlich leeren Umge-
bung des ehemaligen Bahnareals zeigt
das entstehende Stadtviertel schon Kon-
turen. Die Dynamisierungsfunktion
schlägt sich auch im Budget nieder.
Neun von den zwölf Millionen Euro Be-
triebskosten des Centre Pompidou Metz
kommen aus der Region.
Das soll deninternationalenQualitäts-
anspruch des Museums aber nicht beein-
trächtigen – darin liegt eine Originalität
dieses Modells. Auch einer Stadt ohne
große Kunstsammlung und ohne das ent-
sprechende Kennerpublikumsoll es mög-
lich sein, in der Veranstaltungsliga der
europäischen Metropolen zu spielen. Die
Einweihungsschau in Metz vor einem
Jahr stellte unter demTitel „Chefs-d’oeu-
vre?“ die Frage der Kunstwerkgrenzen.
Die gegenwärtige Ausstellung „Erre“ –
vom Wort „errance“, Irrwege – behan-
delt noch bis zum 5. März auf hohem Ni-
veau das Thema des Labyrinths in der
zeitgenössischen Kunst und Architektur.
Neben Werken von Frank Stella, Ri-
chard Long, Kurokawa, Yona Friedman
zeigt die Ausstellung auchoriginelle Son-
deraspekte. DemarchitektonischenTräu-
mebastler Frederick Kiesler und seinem
über Jahrzehnte sich hinziehenden Pro-
jekt eines „Endless House“ ist ein eige-
ner Saal gewidmet. Vonder Land-Art-Pi-
onierin Agnes Denes ist eine Auswahl
von Zeichnungen aus dem MoMA zu se-
hen, die aus Millimeterpräzision Wahn-
systeme produziert. Von Thomas Hirsch-
horn sind in Metz zum ersten Mal alle
acht mit demPhilosophen Marcus Stein-
weg erarbeiteten Denkkarten zu Fou-
cault, Spinoza, Nietzsche, Hannah
Arendt versammelt. Für die große Häng-
wand des Centre Pompidou hat der in
Berlin lebende Amerikaner Matt Mulli-
can das fünfzehn Meter hohe Denkdia-
gramm „Two into One becomes Three“
geschaffen. Einetwas weniger konzeptu-
ell angelegter Ausstellungsteil bietet mit
Lichtinstallationen von Julio Le Parc
und Gianni Colombo einen spielerischen
Zugang zum Thema Labyrinth.
Die Weitläufigkeit dieses Themas hat
die Kuratoren der Schau indessen offen-
sichtlich überfordert. Die Abfolge der
acht Themenaspekte ist nicht immer
schlüssig, sie führt zu unnötigen Über-
schneidungen und unter den Stichwor-
ten „Metropolis“ oder „geistiges Laby-
rinth“ auch zu willkürlichen Analogien.
Dennoch überzeugt die Ausstellung
durch die Stringenz der Werkauswahl.
Die Annäherung zwischen Piranesis Ge-
fängnisvisionenunddenmodernenReali-
tätsbilderfluchten des Franzosen Nico-
las Moulin oder der Gitterinstallation
„Light Sentence“ von Mona Hatoum
leuchtet ein. Auch die obligate Anspie-
lung auf die Stadtbegehungen des Situa-
tionisten Guy Debord wird elegant
durchIanBreadwells Bildserie „The Wal-
king ManDiary“ überspielt: eine Fotodo-
kumentation über die tägliche Anwesen-
heit eines Unbekannten auf der Straße
vor der Künstlerwohnung.
Das Centre Pompidou begnügt sich
nun aber schon nicht mehr mit demNeu-
bauinMetz. Seit Kurzemist inder Klein-
stadt Chaumont-en-Champagne das
Wandermuseum „Centre Pompidou mo-
bile“ stationiert. Der Architekt Patrick
Bouchain hat dafür ein rautenförmiges
Gehäuse entworfen, das leicht montier-
bar und doch sicher genug ist, um darin
Originalwerke von Picasso, Braque, Ma-
tisse ausstellen zu können. Wie der Zir-
kus einst Gaukler undexotische Tiere ins
Dorf brachte, soll dieses mobile Centre
Pompidou Kunstwerke auch an Orte ab-
seits des Kulturbetriebs bringen. Cam-
brai und Boulogne-sur-Mer werden im
Dreimonatsrhythmus die nächsten Stati-
onen dieses Wandermuseums sein. Je
nach Stadt wird in der Standortwahl mit
der vorhandenen Umgebung gespielt, ei-
ner altenKirche, einemSchloss, einer Fa-
brik oder einfach der Landschaft. Diese
neue Form von Museumswanderschaft
ist keine Flucht aus der Institution, son-
dern das Vordringen derselben überall
hin. Bleibt zu hoffen, dass durch diesen
institutionellen Expansionsdruck lokale
Eigeninitiativen nicht an die Wand ge-
spielt werden. JOSEPH HANIMANN
Grandioses Scheitern
Klavieraufnahmen zum Liszt-Jahr: Warum nur wenige dem Meister gerecht werden
Fast geplatzt
Wie der Kunstfälscher-Prozess
plötzlich aus der Bahn geriet
Wir sind für Sie da
Der erfolgreiche Museumsexport des Centre Pompidou Metz
Gehört, gelesen, zitiert
Martin Luther King
Donnerstag, 20. Oktober 2011 HF2 Süddeutsche Zeitung Nr. 242 / Seite 15
FEUILLETON
Publikumsmagnet: das Museumin Metz. DemExpansionskurs des Centre Pompi-
dous folgt der Louvre mit einer Filiale in Lens. Foto: Roland Halbe/dpa
Eine Stadt wie Metz darf jetzt
in der Liga der europäischen
Metropolen mitspielen
György Cziffra bringt zu Gehör,
was klaviertechnisch bei Liszt
machbar – und unabdingbar – ist
Alle Schauspieler sind fast
immer anwesend. Sie
spritzen mit Blut und Wasser
Einen Jux wollte er sich machen. An-
ders war die Rede über „Streß und Frei-
heit“nicht zuverstehen, die Peter Sloter-
dijk im April dieses Jahres auf Einla-
dung der Friedrich-Naumann-Stiftung
für die Freiheit (FNF) gehalten hat, die
der FDPnahe steht. Mit seiner eigenwilli-
gen Komödientechnik verstrickte er das
Publikum in eine „Verwunderungs-
übung“, umdenLiberalenzudemonstrie-
ren, was wahre Freiheit ist, die sich den
Zwängen eines „selbst-stressierenden,
permanent nach vorne stürzenden Sor-
gen-Systems“ entzieht. Als seinen Kron-
zeugen rief er Jean-Jacques Rousseau
auf, der im Herbst 1765 auf dem Bieler
See „die Urszene in der Entfaltung des
europäischen Freiheitsbegriffs“ erlebt
haben soll. Stundenlang ließ er sich in ei-
nem Kahn, die Augen zum Himmel ge-
richtet, von der langsamen Bewegung
des Wassers treiben, wobei er sich in tau-
send verworrene, aber wonnige Träume-
reien versenkte, Zeit und Raum vergaß
und von allem losgelöst ganz bei sich
selbst war.
Im fünften Buch seines letzten Wer-
kes, den „Träumereien eines einsamen
Spaziergängers“, hat der 65-jährige
Rousseau diesen mystischen Augenblick
geschildert. Im reinen subjektiven Ge-
fühl der bloßen Existenz will er total
stressfrei gewesen sein, gesellschaftlich
unbrauchbar und absolut glücklich. Die
Gäste der FNF werden diese „Ekstase
des Bei-sich-Seins“ verwundert zur
Kenntnis genommen haben. Ach, diese
verrückten Philosophen.
Nun hat Heinrich Meier, Professor für
Politische Philosophie und Leiter der
Carl Friedrich von Siemens-Stiftung, ei-
ne ernsthafte Kommentierung dieses
schönsten und gewagtesten Textes Rous-
seaus vorgelegt, demer sich seit mehr als
35 Jahren freundschaftlich verbunden
fühlt. 1984 war die maßgebende kriti-
sche „Edition Meier“ von Rousseaus
„Diskurs über die Ungleichheit“ erschie-
nen, dessen Rhetorik und Intention Mei-
er in einem langen einführenden Essay
freigelegt hatte. Sein neuestes Werk geht
ausführlich den kommentierenden Weg
weiter, auf dem er schon damals Rous-
seaus „Kunst des sorgfältigen Schrei-
bens“ gefolgt ist. Schritt für Schritt
zeichnet er äußerst sensibel die „Rêver-
ies du Promeneur Solitaire“ nach, die
Rousseau für sich geschrieben hat, um
nichts als sichselbst undsein eigenes Da-
sein begreifen zu können. Er soll sie zu-
gleich als „ein Geschenk für seinesglei-
chen“ zu Papier gebracht haben. So je-
denfalls hat sie Heinrich Meier gelesen,
der keinen Zweifel daran lässt, dass er
sich zu diesen befreundeten Mitmen-
schen und Nachfolgern zählt. Was bei
Sloterdijk eine subversive Attacke gegen
Parteigänger des politischen und wirt-
schaftlichen Liberalismus gewesen ist,
meint Meier mit vollem Ernst.
Dabei ist auch für ihn der Fünfte Spa-
ziergang die Schlüssel-Situation, in der
das zentrale Thema der Selbsterkenntnis
anklingt, um das alle anderen Themen –
Gott und Glaube, Natur und botanische
Forschung, Politik und Moral, Liebe und
Glück, Wahrhaftigkeit und Lüge – wie
Variationen kreisen. Alle rhetorischen
Mittel und lebensphilosophischen Inten-
tionen Rousseaus, der auf der Petersinsel
imBieler See die glücklichste Zeit seines
Lebens verbracht haben will, kommen
hier verdichtet zum Einsatz und entfal-
ten für Meier einen Zauber eigener Art.
Allerdings ist es für ihn nicht die dahin-
treibende Bootsfahrt, die ihn zutiefst be-
rührt. Es ist die folgende abendliche Sze-
ne, als sich Rousseau an das sandige Ufer
des Sees niedersetzt und in das hin und
her fließende Wassers versenkt, als sei er
hypnotisiert worden.
Nicht imschwankenden Boot, sondern
„auf dem festen Boden der Insel und in
der konzentriertenGelassenheit der Kon-
templation“ habe dieser große Einsame,
losgelöst von allen Menschen, die ihm
fremd, unbekannt und gleichgültig ge-
worden waren, zu sich selbst gefunden.
In seiner inneren Seelenbewegung soll
Rousseau das vollkommene und über-
schwängliche Glückeines gleichsamgött-
lichen „Beisichselbstseins“ in der Unste-
tigkeit alles Irdischen genossen haben.
Nun ist es auch Meier nicht entgangen,
dass Rousseaus kurzer Aufenthalt auf
der Petersinsel eine vergebliche Flucht-
bewegunggewesenist. Er hat sichvor sei-
nen Verfolgern, die ihn seit 1762, dem
Jahr der Veröffentlichung seines politi-
schen Hauptwerks „Gesellschaftsver-
trag“ und seines Erziehungsromans
„Emile“, ins Reich der Finsternis ver-
bannt und in einen Abgrund des Un-
glücks gestürzt haben, auf diese Insel ge-
rettet, wo er die unschuldige Natur als ei-
nenOrt des stillen Glücks zufindenhoff-
te. Zwei Monate später wurde er vondort
wieder vertrieben. „Das Beisichselbst-
seindes Promeneur Solitaire ist vonPoli-
tik umspült.“ Meier kommt nicht umhin,
dieser externen Bewegung zu folgen. Er
zeichnet die Spannung nach, die zwi-
schendempolitischenGemeinwesen und
dem einsamen Einzelgänger bestand.
Aber er ist dabei doch wieder ganz auf
Seiten dieses Solitären, dem er sich
freundschaftlich verbunden fühlt. „Er
war nicht dafür geschaffen, im politi-
schenLebenzur Glückseligkeit zu gelan-
gen.“
Heinrich Meiers Reflexionen zu Rous-
seaus „Träumereien“ sind wundervolle
mimetische Text-Annäherungen, die wie
Interlinear-Kommentare einer Heiligen
Schrift folgen, um schließlich das noch
einmal zu sagen, was im Primärtext
schon artikuliert worden ist, und um da-
bei auch das zu wiederholen, was dort
nur verschwiegen zwischen den Zeilen
mitgeteilt worden ist. Sie folgen akri-
bisch den Bewegungen von Rousseaus
letzten Selbstvergewisserungen, spüren
seinen thematischen Anspielungen nach,
zeigen seine rhetorische Raffinesse und
legen seine Intention frei. Sie bieten ei-
nen hochgradig sensibilisierten Sekun-
därkommentar, dessen Umfang den Pri-
märtext um ein Dreifaches übersteigt.
Dagegen lassen sie weitestgehend die
Hintergründe und Kontexte außer acht,
die RousseauzuseinenmanischenSelbst-
reflexionen getrieben haben. Sie be-
schwören das Glück und vernachlässi-
gen das Unglück. Sie feiern das philoso-
phische Lebengedanklicher und existen-
zieller Einsamkeit und entschärfen die
Verfolgung, unter der Rousseau parano-
id gelitten hat und die ihm, Sloterdijks
humoristischer Dialektik zufolge, einen
Ehrenplatz inder Geschichte der Psycho-
logie verschafft hat: „Er war der Kron-
zeuge der Erkenntnis, dass es Paranoiker
gibt, die wirklich verfolgt werden.“
MANFRED GEIER
HEINRICH MEIER: Über das Glück des
philosophischen Lebens. Reflexionen zu
Rousseaus Rêveries. Verlag C. H. Beck,
München 2011. 443 Seiten, 29,95 Euro.
Es ging ihm gut. Als Drehbuchschrei-
ber hatte er seit kurzem Erfolg in Holly-
woodundmit Eileen Mc Kenny eine hüb-
sche Frau, die durch einen Buch-Großer-
folg ihrer Schwester (Ruth McKenny:
„My Sister Eileen“) gerade zumAll Ame-
rican Girl geworden war. Er arbeitete
nicht allzu viel, aber konzentriert. Den
schöneren Rest der Zeit verbrachte er
gern auf der Jagd, der Saison folgend,
von Oregon bis runter nach Kalifornien.
Jetzt war der 22.Dezember 1940.
Das Paar kam aus New Mexico zu-
rück, man wollte zur Beerdigung des
Freundes Scott Fitzgerald, amTag zuvor
gestorben, danach nach New York, zur
Broadway Premiere des „My Sister Ei-
leen“-Musicals, als Nathanael West, nie
ein guter Autofahrer, an einer Kreuzung
bei El Centro ein Halteschild übersah.
Keiner überlebte den Zusammenstoß.
Ein abruptes Ende, wie der Schuss aus
der Pistole eines Kommunisten, der Le-
muel Pitkintötet, als dieser, auf eine Ver-
sammlung einer nationalrevolutionären
Partei geraten, zu einer Rede ansetzt:
„,Ich bin ein Clown’, begann er, ‚doch es
gibt Zeiten, da selbst Clowns ernst wer-
den müssen . . .’.“
Ansonsten gibt es wenig Gemeinsames
zwischen Figur und Autor. Nathanael
West hatte, im Gegensatz zu Pitkin, mit
demes in„Eine glatte Million“ steil berg-
abgeht, einmit TalfahrtenundHöhenflü-
gen ausgeglichen gefülltes Leben. Gebo-
renam17. Oktober 1903 inNewYork, als
Nathanael Weinstein, Sohn litauischer
Einwanderer, schien West von seinem
Clan gut behütet. Der Vater war ein Bau-
unternehmer, dessen Vermögen erst 1929
einen Schlag erhielt. So führte sein Sohn
an der Ivy League-Universität Brown ein
standesgemäßmodebewusstes Leben. Ge-
nau soll er darauf geachtet haben, seine
jüdische Herkunft vergessen zu machen.
Nach dem Abschluss der Uni durfte Nat
1924 für anderthalb Jahre nach Paris, wo
er sich einen roten Bart wachsen ließ.
Nach einer Zeit im Betrieb des Vaters,
die nicht zufriedenstellend verlief, kam
er dank Verwandtschaft im Nachtdienst
des Kenmore Hotels unter, wo er dem
Freund eines Freundes, Dashiell Ham-
mett, der imKenmore den„Malteser Fal-
ken“ beendete, zuUnterkunft verhalf. Pi-
kantes Detail dieses Lebens, das allmäh-
lich in Richtung Bohème führte: An seine
erste Uni, Tufts, war West dank eines ge-
fälschten Zeugnisses gekommen, nach
Brown dank Noten eines anderen Na-
than Weinstein, der auch in Tufts stu-
diert hatte. Bausteine eines Lebens als
Schnösel und Schelm.
Lemuel Pitkin wäre dies nie passiert.
Er ist siebzehn, als er von seiner verwit-
wetenMutter erfährt, dass sie drei Mona-
te Zeit haben, das Geld für die Rückzah-
lung einer gekündigten Hypothek aufzu-
bringen. Lemuel geht zum bedeutends-
ten Bewohner seiner Kleinstadt, Ottsvil-
le, Vermont: Mr Whipple, der, aus einfa-
chen Verhältnissen stammend, ein paar
Jahre US-Präsident war. Doch Whipple,
vonWest als Remake des glücklosen Prä-
sidenten Coolidge angelegt, will nicht
recht helfen, immerhin weiß er Rat: Le-
muel solle sich aufmachen, wie einst er,
Whipple selbst! Drei Monate seien viel
Gelegenheit, Erfolg zu haben.
Der gutgläubige Lemuel folgt dem
Rat. Doch die dreißig Dollar, die Whip-
ple schließlich gegen einen Schuldschein
auf Sue, die einzige Kuh der Familie, her-
ausrückt, verschwinden schon im Zug.
Ein junger Mann erzählt Lemuel, dass
sein Vater ihmeine glatte Million hinter-
lassen habe, fragt ihn aus. Dabei erfährt
er, dass Lemuel sein Geld nicht ver-
steckt, wo es jeder Gauner erwartet, son-
dern offen in der Hosentasche trägt –
schon es ist weg.
Das ist nur das erste Missgeschick auf
einem Weg der, wie Herausgeber Zim-
mer bemerkt, als Parodie auf die verlo-
gen-gutgläubigen Romane von Horatio
Alger angelegt ist, demdamals vielgelese-
nen Sänger des amerikanischen Traums,
von dem West sagte, dass er „für Ameri-
ka ist, was Homer für die Griechen war“.
Gnadenlos lässt West seinen Gegen-Ho-
mer in die Irre laufen. Hoffnung hat Le-
muel immer, aber einen Grunddafür gibt
es nicht. Dem Dieb, der das Geld aus der
Hosentasche klaute, ist dabei ein gestoh-
lener Diamantring vom Finger ge-
rutscht, der Lemuel ins Gefängnis
bringt. Wodie amüsante, aber nicht unge-
wöhnliche Geschichte einen eigenwilli-
gen Dreh erhält. Zähne sind ein Gefah-
renherd für Infektionen, so der Gefäng-
nisdirektor, und deswegen lässt er sie bei
seinen Gefangenen entfernen. Aber kei-
ne Sorge: als Lemuel Gnadenerlass er-
hält, weil der Diamantendieb aufgefun-
den wurde, gibt der Direktor ihm ein ge-
brauchtes Gebiss auf den Weg. Es ist
bloß ein wenig zu groß geraten, so dass es
Lemuel gern aus dem Mund fällt.
Nein, realistisch ist das alles natürlich
nicht. „Acool Million“ ist eine giftige Sa-
tire, derenwichtigstes Stilmittel die Gro-
teske ist, die West anhand der Motive
fortlaufend entfaltet. So rettet Lemuel
sein Gebiss, imVerein mit einemheraus-
kullernden Glasauge, das ein inzwischen
kaputtes Auge ersetzt, vor dem Miss-
brauch durch einen Maharadija, der ei-
nen properen Jungen aus dem Puff, in
das Lemuel geraten ist, erwartet hat.
Eine gute Vorstellung, wie „Eine glat-
te Million“ geschrieben ist, gibt viel-
leicht Chaplins „Tramp“. Auf der Ober-
fläche mit Witz und dabei ähnlich gelas-
senerzählt wie dieser Stummfilm-Klassi-
ker, entwickelt Wests Roman eine fatale
Abwärtsdrift, die über den „Tramp“
weit hinausgeht. Böser erzählt als Vol-
taires „Candide“, lässt er kein geistiges
Idyll der amerikanischenGesellschaft un-
versehrt. Einer der brutalsten Täter des
Buchs, ist ein maulfauler Provinzcow-
boy.
Geradezu gespenstische Züge nimmt
die „glatte Million“ an, als Lemuel durch
Nathan Wipple, der ihm immer wieder
begegnet, in eine rechte Bewegung für
den „radikalen Mittelstand“ gerät– er
wirdbei einer Parteiversammlung ermor-
det und steigt zumHelden auf, ganz ähn-
lich wie kurz zuvor in Deutschland Horst
Wessel: „Die Arme hoch! begeistert hebt
sie jeder./ Für Pitkin kämpft, wer irgend
kämpfen kann./ Für Pitkin schlägt das
Herz hoch unterm wilden Leder.“
„Eine glatte Million“, 1934 erschie-
nen, ist Wests dritter, wie immer recht
kurzer Roman. War der Erstling „The
DreamLife of Balso Snell“, ursprünglich
mit einemMottovonKurt Schwitters ver-
sehen, eine skurril dadaistische Geschich-
te, die nicht recht gefiel, so schien Wests
zweiter, „Miss Lonelyhearts“, die Ge-
schichte eines männlichenSorgenkolum-
nenschreibers, schon zu einem Großer-
folg zu werden. Bis West ein Pitkinsches
Schicksal ergriff. Sein Verlag meldete
Bankrott an, just als das Buch erschien
und begeisternde Rezensionen erhielt.
Die Drucker weigerten sich, die Bücher
auszuliefern, und bis es West gelungen
war, eine neue Druckerei zu finden, wa-
rendie Kritikenwieder vergessen. Mit al-
len vier Romanen verdiente West zu Leb-
zeiten 1280 Dollar. Als Drehbuchschrei-
ber schon auch mal 400 die Woche.
HANS-PETER KUNISCH
NATHANAEL WEST: Eine glatte Milli-
on oder die Demontage des Lemuel Pit-
kin. Roman. Aus demEnglischenvonDie-
ter E. Zimmer. Manesse Verlag, Zürich
2011. 221 Seiten, 19,95 Euro.
Der Schriftsteller Siegfried Lenz ist
seit Dienstag dieser Woche Ehrenbürger
von Elk – jener Kleinstadt in Masuren, in
der er vor 85 Jahren geboren wurde. Mit
seinem Werk („So zärtlich war Suley-
ken“, „Deutschstunde“, „Heimatmuse-
um“) habe Lenz demeinstigenLyckauch
literarisch ein Denkmal gesetzt, sagte
der Bürgermeister Tomasz Andrukie-
wicz. Seine Literatur sei Teil des kollekti-
ven Gedächtnisses der Einwohner des
masurischen Städtchens. Andrukiewicz
hob besonders das Engagement des
Schriftstellers für die Aussöhnung von
Deutschen und Polen hervor. Der 1926 in
Lyck geborene Lenz hat in seinemlitera-
rischen Werk immer wieder die Welt des
alten Ostpreußens beschrieben. Gemein-
sam mit Günter Grass unterstützte er in
densechziger Jahren die Ostpolitik Willy
Brandts. Seine Werke wurden auch ins
Polnische übersetzt. dpa
Einmal, mit Anfang fünfzig, hat An-
drea Zanzotto in einem Interview über
den Blick von der Peripherie aufs Zen-
trum, auf die Welt der Städte gespro-
chen. Der perspektivische Fixpunkt die-
se Blickes war für ihn Ort Pieve di Soligo
imVeneto nicht weit von Treviso, in dem
er geboren wurde und die meiste Zeit sei-
nes Lebens. Zu diesem Ort aber gehörte
seine Sprache, der Dialekt. In ihmbinich
aufgewachsen, sagte Zanzotto demInter-
viewer, ihn habe ich fast immer gespro-
chen undspreche ihn noch. Aber das sag-
te er in seinem vollkommenen Italie-
nisch, er hat viel weniger im Dialekt ge-
schrieben als etwa Pier Paolo Pasolini.
Aber der Blickvonder Peripherie präg-
te auchseinSchreiben: es wuchs demIta-
lienischen, der Sprache seiner Poesie, da-
durch ein Element von Fremdsprache zu.
Nicht, dass es dadurch fernrückte: es
rückte an die Seite der Fremdsprachen,
die er lernte, seit er ein junger Mann war.
Denn die moderne europäische Poesie ist
vom ständigen Hinweinwachsen der ei-
nen in die andere Sprache geprägt. Mit
achtzehn Jahren entdeckte Andrea Zan-
zotto für sich ziemlich zeitgleich Arthur
Rimbaud und Friedrich Hölderlin, so
trat sein Italienisch in einen Kreis mit
dem Französischen und dem Deutschen,
und er lernte nicht nur das Deutsch Höl-
derlins, sondernauch das Altgriechische,
das Hölderlin gelernt und in seinen Ele-
gienundHymnen ins Deutsche hatte ein-
wandern lassen. Wenn Zanzotto „paese
natale“ schrieb, klang darin Hölderlins
„Heimat“ an, in seinen „rive“ Hölderlins
Vers: „Ihr teuren Ufer, die mich erzogen
einst . . .“ („O care rive, che un giorno mi
creceste . . .“).
Der Vater, Giovanni Zanzotto, stand
in Opposition zum faschistischen Re-
gime, in Treviso, wo Andrea Zanzotto die
Schule absolvierte, hatte der Antifaschis-
mus auchinnerhalbder offiziellenStruk-
turenFuß gefasst. Mit unüberhörbar poli-
tischem Akzent präsentierte der junge
Dichter tiefschwarze Gedichte von Euge-
nio Montale. VomWinter 1943 an schloss
er sich den Partisanen an, ging nach dem
Krieg für einige Zeit indie Schweiz, kehr-
te 1947 nach Italien zurück, und als 1951
seinerster Gedichtband erschien „Dietro
il paesaggio“ („Jenseits der Land-
schaft“), war er knapp dreißig. Durch ei-
ne psychische Krise entdeckte er die Psy-
choanalyse und eine weitere Fremdspra-
che in der eigenen: die Sprache, die das
Ichspricht, wennes sichinfrei schweben-
der Aufmerksamkeit seinen Träumen
und Erinnerungen zu nähern sucht.
Den Blick aufs Zentrum, auf den zeit-
genössischen Alltag, die Wissenschaften,
die Mondlandung verlor er dabei nie, in
seinen Gedichten gibt es die Wiesen und
den Himmel, aber zugleich die Hand an
der Handgranate, Lautmalereien des
Kriegs, Dienstgrade, Bataillone, Bajonet-
te. Sein Freund, der Germanist Giuseppe
Bevilacqua, zeigte ihmfrüh die Gedichte
Paul Celans.
Pasolini, den er schätzte und 1954 per-
sönlich kennenlernte, präsentierte 1968
in Rom Zanzottos Gedichtband „La Bel-
tà“, spätestens da wurde er seinem Rang
entsprechend gewürdigt als jemand, der
die Brücke schlug von der Sprache Dan-
tes in das Italienische der Gegenwart. „Il
Galateo in Bosco“ (1978) holt eine Figur
des 16. ins 20. Jahrhundert. Vonder Welt-
dichtungZanzottos, der 2005 denHölder-
lin-Preis erhielt, kann man sich in der im
Wiener Folio Verlag entstehenden Werk-
ausgabe einen Eindruck verschaffen
(„Die Welt ist eine andere. Poetik“, „La
Beltà / Pracht“, „Gli Sguardi i Fatti e
Senhal / Signale Senhal“). .
Wie bereits kurz gemeldet, ist Andrea
Zanzotto am Dienstag kurz nach Vollen-
dung seines 90. Lebensjahres gestorben.
LOTHAR MÜLLER
Gesellschaftlich unbrauchbar und absolut glücklich
Zurück zu Rousseau? Heinrich Meier liest die „Träumereien eines einsamen Spaziergängers“ und feiert das philosophische Leben
20. - 21. Oktober München
Die Großen Deutschen Kunstausstellun-
gen 1937-1944/45. Mit Monika Flacke,
Iris Lauterbach u. a. Zentralinstitut für
Kunstgeschichte, Tel. (089) 289 27 556.
20. - 22. Oktober Wien
„Hieroglyphe der Epoche“? Zum Werk
der österreichisch-jüdischenAutorinAn-
na Maria Jokl (1911-2001). Mit Annegret
Pelz, Susanne Blumesberger u. a. Insti-
tut für Germanistik,
Tel. (0043) 1 4277 42136.
20. - 22. Oktober Rödental (bei Coburg)
Festungen in Gärten – Gärten in Festun-
gen. Mit Daniel Burger, Sabine Heym
u. a. Anmeldung: Bayerische Verwal-
tung der staatlichen Schlösser, Gärten
und Seen, Tel. (089) 17908 508.
21. - 22. Oktober Frankfurt a. M.
Literatur im Umfeld der Frankfurter
Paulskirche 1848/49. Mit Robert Seidel,
Ulrich Wyss u. a. Universität, Tel. (069)
798 326 96.
21. - 22. Oktober Potsdam
Friedrich der Große und die Mark Bran-
denburg. Herrschaftspraxis in der Pro-
vinz. Mit Brigitte Meier, Frank Göse u. a.
Historisches Institut,
Tel. (0331) 977 1259.
21. - 22. Oktober Cottbus
Fürst Pückler undFrankreich. Einbedeu-
tendes Kapitel des deutsch-französi-
schenKulturtransfers. Mit Michel Espag-
ne, Sylvia Peuckert u. a. Stiftung Fürst-
Pückler-Museum Park und Schloss Bra-
nitz, Tel. (0355) 75 15 250.
21. - 23. Oktober Warthausen
ChristophMartinWielands Shakespeare-
Übersetzung undihre Wirkung inLitera-
tur, bildender Kunst, Musik und Thea-
ter. Mit Dieter Martin, Thomas C. Star-
nes u. a. Christoph Martin Wieland-Stif-
tung, Tel. (07351) 51 458.
23. Oktober Berlin
Die Kunst des Fragens. Mit Rüdiger Saf-
ranski, Karl-Heinz Brodbeck u. a. Berli-
ner Lektionen, Tel. (030) 254 89 100.
23. - 25. Oktober Luzern
Das Studium des Judentums und die jü-
disch-christliche Begegnung. Mit Verena
Lenzen, Günter Stemberger u. a. Institut
für Jüdisch-Christliche Forschung, Tel.
(0041) 41 229 52 17.
23. - 25. Oktober Frankfurt a. M.
Völker der Endzeit. Apokalyptische Vor-
stellungen und politische Szenarien. Mit
Anselm Schubert, Rebekka Voß u. a. Se-
minar für Judaistik,
Tel. (069) 798 - 22 796.
24. - 25. Oktober Bielefeld
Climate Change: Global Scenarios and
Local Experiences. Mit Werner Krauss,
Frank Uekötter u. a. ZIF,
Tel. (0521) 106 - 2769.
25. - 27. Oktober Berlin
Kultur und Identität. Deutsch-jüdisches
Kulturerbe im In- und Ausland. Mit Mi-
chael A. Meyer, Atina Grossmann u. a.
Anmeldung: Moses Mendelssohn Zen-
trum für europäisch-jüdische Studien,
Tel. (0331) 280 94 - 0.
26. Oktober Potsdam
Ökonomie und Ethik. Vortrag von Julian
Nida-Rümelin. Einstein Forum, Tel.
(0331) 271 78 - 0.
26. - 27. Oktober Berlin
Bildungsraum Lebenswelt. Mit Juliane
Wetzel, Dierk Borstel u.a. Zentrum für
Antisemitismusforschung,
Tel. (030) 314 - 21 397.
Das Herz hoch unterm wilden Leder
Bravourös: Nathanael Wests Roman „Eine glatte Million oder die Demontage des Lemuel Pitkin“
Siegfried Lenz
Ehrenbürger von Elk
Die Welt
ist eine andere
Zum Tod des italienischen
Dichters Andrea Zanzotto
Seite 16 / Süddeutsche Zeitung Nr. 242 HF2 Donnerstag, 20. Oktober 2011
LITERATUR
AGENDA
Nathanael West (links) durchlebte die große Depression, wuchs als Autor mit ihr
undwurde einSpezialist für das ZerplatzenvonIllusionen. Es war nur folgerichtig,
dass er seinen letzten Roman „The Day of the Locust“ (1939, „Der Tag der Heu-
schrecke“) am Rande der Traumfabrik Hollywood ansiedelte. Hier eine Szene mit
Karen Black aus John Schlesingers Verfilmung von 1975. Fotos: Cinetext; oh
Fluchtort Idylle: Auf der St. Petersinsel im Bieler See fand Jean Jacques Rous-
seau stilles Glück für kurze Zeit. Abb.: picture-alliance/ dpa
„Ihr teuren Ufer“: Andrea Zanzotto
(1921-2011). F.: Folio Verlag/G. Borgese
Es ist nicht gut, sein
gesamtes Erbe lose in der
Hosentasche zu tragen
„Der geselligste,
der liebevollste der Menschen
ward einmütig verbannt“
Hoffnung hat dieser
Lemuel Pitkin immer, aber einen
Grund dafür gibt es nicht
E
in Fremdkörper auf einem übervöl-
kerten australischen Strand, das ist
„The Lost Thing“, in dem gleichnamigen
Erfolgsbuch von Shaun Tan (dt: „Die
Fundsache“). Ein kannenförmiges rotes
Geschöpf mit merkwürdigen kralligen
AuswüchsenundverschlungenemInnen-
leben, ein Alien gewissermaßen, der
doch für gar kein Aufsehen sorgt. Nur
ein eigenbrötlerischer Junge nimmt sich
seiner an, will eine Bleibe für ihn finden.
Fast zehn Jahre lang hat Shaun Tan
mit dem Produzenten Andrew Ruhe-
mannaneiner Verfilmung des Buches ge-
arbeitet, imFebruar dieses Jahres hat ihr
Film dann den Oscar bekommen für den
besten kurzen Animationsfilm. Das ist
ziemlich surreal, hat Shaun Tan gesagt,
angesichts der Disney- und Pixar-Kon-
kurrenz, als er auf der Bühne des Kodak
Theatre stand, mit der begehrtenStatuet-
te in der Hand. Dabei konnte er – Jahr-
gang ’74 – bereits ein beachtliches Quan-
tum Preise vorweisen. Ein paar Monate
nach dem Oscar-Abend kam das nächste
Highlight, der Astrid-Lindgren-Ge-
dächtnis-Preis, für den er in der Interna-
tionalenJugendbibliothek inder Bluten-
burg geehrt wurde, in Anwesenheit der
schwedischen Kronprinzessin Victoria.
Nein, erklärt Shaun Tan im Gespräch,
er hatte nie Bedenken, ob das Filmpro-
jekt klappen würde. „Ich war glücklich.
Das Buch funktionierte. Es war meine
Idee, mein persönliches Projekt. Ich habe
lange daran gearbeitet, um es zu entwi-
ckeln. Und in Australien war es schon
mehrfach von Kindertheatergruppen für
die Bühne bearbeitet worden. Andrew
Ruhemann und die Koproduzentin So-
phie Byrne haben die digitalen Künstler
gefunden, um den Film zu realisieren.
Ich merkte dann schnell, dass ich alles
neubauen und neudesignen musste. Das
Buchwar ziemlichflach, sicher, eine drei-
dimensionale Welt, aber im Cartoonfor-
mat. Als wir einige Figuren für den Film
dreidimensional machten, sah das ein-
fach nicht richtig aus für mich. Also ha-
be ich alles re-imaginiert. Machte es rea-
listischer – dabei dennoch puppenhaft.
Bei denMenschenwar das amschwierigs-
ten, dass sie sich natürlich bewegten,
aber nicht zu natürlich. Einige Szenen
aus demBuch wurden auch erweitert, da
musste ich mir Zeit nehmen, umdas alles
auszumalen.“
Fremdartig wirken die Bilder von
Shaun Tan, auf merkwürdige Weise exo-
tisch, aber zugleich entwickeln sie eine
unglaubliche Vertrautheit. „Ich war im-
mer fasziniert von den Malern des Surre-
alismus – den spanischen der zwanziger
und dreißiger Jahre. Surrealistische Ma-
ler, mit ihrem Bezug zu Halluzination
und Traum. Träume interessieren mich
nicht direkt. Aber ich schaffe gern Bil-
der, die ein wenig traumhaft sind, die
aussehen wie aus einem parallelen Uni-
versum. Man muss die Dinge um uns im-
mer ein wenig anders malen – sonst hört
man auf sie wahrzunehmen. Ich gehe im-
mer von wirklichen Dingen aus, die ich
sehe und seltsam finde, und beim Malen
übertreibe ich dann diese Seltsamkeit
ein wenig.“
Shaun Tan hat eine Menge Kinder-
buchpreise bekommen in den vergange-
nenzehnJahren, aber seine Bücher unter-
scheiden sich stark von der anderen Kin-
derliteratur, in ihrem Stil, in ihrer Kom-
plexität – sie verlangen die gleiche Naivi-
tät vomjugendlichen wie vomerwachse-
nen Leser. „Ich merkte schnell, dass,
wenn ich etwas mache, das mich als Er-
wachsenen interessiert, dann ist das
auch für Kinder von Interesse. Also ma-
che ich mir darüber keine großen Gedan-
ken mehr. Als Künstler versuche ich Er-
fahrungen zu vereinfachen, von den Be-
sonderheiten der Story wegzukommen,
den emotionalen Fluss zu finden, der
durch die Story läuft. Man kann die Ufer
des Flusses mit Sachen dekorieren, aber
der Fluss ist die Hauptsache, und darauf
reagieren die Kinder. Sie sind es außer-
dem gewohnt, nicht alles zu verstehen.
Sie lesen Sachen erst mal auf die Emoti-
on hin, und das ist die richtige Art zu le-
sen. Kinder schauendie Bilder anundsa-
gen: Das macht mich traurig, und ich
möchte wissen warum.“
Eine merkwürdige Traurigkeit zieht
sich durch die Bücher von Shaun Tan, sie
handeln von Einsamkeit, Isolation, ei-
nemGefühl der Ausgesetztheit, des Exils
– wie manes erlebt habenmag ineiner Ju-
gendinPerth, ander Westküste Australi-
ens. Und Kinder mögen besonders inten-
siv reagieren auf diese Einsamkeit.
„Wennichschreibe undmale, das ist eine
Kommunikation zwischen isolierten
Geistern. Es ist sehr privat, sowohl wenn
es produziert wird wie beim Lesen und
Schauen. Eine komische Art der Kommu-
nikation – die zur Einsamkeit tendiert.
Einsamkeit kann ganz schrecklich wer-
den – wenn man Leute um sich haben
will und sie nicht findet. Einsamkeit
kann aber auch ganz phantastisch sei,
wie in der europäischen Literatur, der
skandinavischen besonders, Tove Jans-
son – diese Feier der Einsamkeit, diese
Momente, da man sich im Wald ergeht
und nichts geschieht.“
Zeichnen ist Denken, hat Shaun Tan
in der Einführung zu seinem neuen Buch
resümiert, mit Berufung auf Paul Klee.
Das Entwickeln der Gedanken beim
Schreiben und Zeichnen, aus der Eigen-
bewegung des Materials heraus. „ Wenn
man mit einem bestimmten Material ar-
beitet, muss man das Material sich helfen
lassen – man darf es nicht forcieren. Man
muss ihm vertrauen. Als Junge habe ich
mich fürs Steinmetzarbeiten interes-
siert, und ich merkte, ich will jetzt ein
Pferd schaffen, aber der Stein schaut
eher wie ein Frosch aus. Also mache ich
besser einen Frosch. Das ist sehr befrei-
end, mangibt Kontrolle ab, denZwang ei-
ne Richtung vorzugeben.“ Umdiese Frei-
heit sichzuerhalten, füllt ShaunTantäg-
lich kleine Skizzenbücher. Er blättert sie
auf undmansieht eine Mischung aus Car-
toon, Skizze, Film. Eine lebendige
Schrift, die man lesen aber nicht verste-
hen kann. FRITZ GÖTTLER
Lernspiele haben den Vorteil als päd-
agogisch wertvoll zu gelten. Diese Aus-
zeichnung ist aber zugleich ihr großer
Nachteil: Mit der Aussicht auf Wissensge-
winnverbindensichreflexhaft Langewei-
le und Verkrampfung. An Unterhaltung
und Frohsinn denkt man dabei weniger.
Überdies hat ein Spiel, bei dem man et-
was lernt, immer das Handicap, dass ir-
gendwann der Stoff abgearbeitet ist und
sich daher Wiederholungen er-
übrigen. Dementsprechend be-
geisterungsfrei fällt die Reakti-
on eines 11-Jährigen und einer
17-Jährigenaus, als umMitwir-
ken beim Ratespiel Fabelhaft.
Die Welt der Fabeltiere gewor-
benwird. Es ist wie inder Schu-
le, wenn die Klingel zur ersten
Stunde ertönt, gottergeben und
ein bisschen müde wird an den
Tisch gerückt und mit skepti-
scher Miene werden die von
Eleanor Marston sehr liebevoll
gestalteten Spielkarten beäugt.
Denn ein Spiel, das sich mit Fa-
beln beschäftigt, klingt nicht
nur nach „Ratespiel“, sondern
auch nach der unvermeidlichen
Moral, die jeder dieser lehrrei-
chen Fabeln innewohnt. Lehr-
reich hoch zwei sozusagen und
da scheint die Spieler wirklich mehr Ar-
beit als Spaß zu erwarten.
Im Multiple-Choice-Verfahren geht’s
dann zur Sache: Um einen ordentlichen
Wettkampf zustandezubringen, sollten
mindestens drei Spieler mitwirken, einer
liest die Frage vor, die beidenanderenent-
scheidensichfür eine der vier Möglichkei-
ten, dann übernimmt mit der nächsten
Frage ein anderer die Rolle des Quizmas-
ters. Weshalb schmückt sich die Krähe
mit den Federn der anderen Vögel? Was
einfach klingt, erweist sich aber, je länger
das Spiel dauert, oft als Herausforderung,
und zwar für alle Beteiligten, egal ob 11,
17 oder 50.
Anders als viele Ratespiele funktioniert
Fabelhaft generationsübergreifend, weil
die Fabel ein noch immer weit verbreite-
tes Kulturgut ist. Woran sich der Ältere
nur noch vage erinnert, das hat
der Jüngere gerade erst in der
Schule durchgenommen. Da-
durch entsteht Chancengleich-
heit unddie ermöglicht denTeil-
nehmern eine spannende Aus-
einandersetzung. Jeder kannge-
winnen. Und jeder hat seinen
Gewinn. Wenn alle Fragen ge-
stellt, alle Antworten gefunden
sind, ist allerdings auch dieses
Ratespiel erst mal abgespielt.
Aber dann bleibt einem ja, sich
an den 80 schönen Spielkarten
zu erfreuen.
HARALD HORDYCH
Fabelhaft. Die Welt der Fabeltie-
re. Ein Ratespiel. Illustration
und Konzeption von Eleanor
Marston. Collection Büchergil-
de 2011. 19,49 Euro.
„Du must diese Karte nehmen. Nein,
nicht die. Mannomann. Mama!“ Das mit
der richtigen Reihenfolge der Karten
wird mit fortgeschrittenemAlter irgend-
wie immer komplizierter, erst würfeln,
dann grüne Karten oder lila Karten zie-
hen, manchmal in Kombination mit ei-
ner etwas größeren, dafür dickeren Wim-
melkarte, Frage beantworten, dieses Mal
dann eine neue gelbe Tierkarte aufde-
cken, manmuss sichdas Tier merkenund
die Karte wieder umgedreht in die Mitte
des Spielfeldes legen, nach dem Tier
kann später gefragt werden. Oder war es
doch andersherum? „Ma-MA!“
Also gut. Ein Tier, das Dämme über
den Fluss baut? „Biber“, sagt die ältere.
Schulanfängerin. Weiß also alles. „Ist
dochvoll baby.“ Es folgt eine Debatte, ob
nicht auch manche Krokodilarten so eine
Art Höhle in die Flussläufe bauen. „Nur
so ’ne Idee“, sagt die Schulanfängerin,
„wäre doch möglich.“ „Ist nicht.“
„Doch.“ „Nein.“ „DOCH! Außerdem
hab ich’s mal gesehen. In einemBuch. Du
bist dran. Du bist so lahm, Mama!“
Schnell die Spielanleitung zücken und
nach der korrekten Folgeanweisung su-
chen. Die klitzekleine, dafür aber sehr
laute zweite Tochter macht derweil Pin-
kelpause, nicht ohne fünfmal „Spiel-
stopp“ aus dem Bad zu brüllen. Und das,
nachdem sie gerade erst genüsslich das
Gebrüll eines Löwen nachmachen durf-
te. „Ist doch baby! Woawwrrrrrrrrr!!“
Das Wörterlegebrettspiel Tiere ist
leicht zu spielen – für jemanden, der sei-
nenKopf noch nicht mit soviel unnützem
Kramszeug gefüllt hat wie der durch-
schnittliche Erwachsene. Also für Kin-
dergartenkinder, beispielsweise. Die kön-
nen sich komplizierteste Spielabläufe,
Kartenfarben und Anweisungen ohne
Probleme merken, was jeder weiß, der
Memory oder eben Tiere mit einer Fünf-
und einer Vierjährigen hinter sich hat.
„Mama! Mach endlich mal!“
Und Tiere ist schnell zu spielen. In ei-
ner Viertelstunde – ein oft unterschätzter
Vorteil. Weiter. Hüpfenwie einHase, krä-
hen wie ein Hahn, wie atmet ein Fisch,
was wird aus einer Kaulquappe. Man
muss vorspielen, einiges wissen, Fragen
und Aktionen sind nach Alter geordnet.
Leichteres für die kleinen, nicht ganz so
Leichtes (aber vielleicht doch etwas zu
Leichtes) für ältere Kinder. Wirklich ver-
lieren ist kaum möglich, was sehr ange-
nehmist bei Vierjährigen, deren Frustra-
tionsschwelle bei Null liegt. „Mach wei-
ter. Ma-MA!“ PETRA STEINBERGER
Tiere. Das Kindergarten-Wörterspiel. Ha-
ba 2011. 9,95 Euro.
Eine schrecklich nette Familie, diese
Quigleys: Der Vater ist immer leicht zer-
streut, die Mutter stets umdas gute Anse-
hen besorgt; der neunjährige Blond-
schopf Will ist ein Frecher und die kleine
Lucy, genannt Pudel, ein richtiger
Springinsfeld. Simon Mason ist der
Schöpfer dieser ganz normalenkleinbür-
gerlichenKernfamilie, mit derenliebens-
wert-harmlosen Alltagsabenteuern sich
alle identifizieren können. Eltern wie
Kinder mögen die Bücher, – nach Die
Quigleys (2009) und Die Quigleys ganz
groß (2010) sind nun Die Quigleys oben-
auf erschienen, – indenenes zunächst tur-
bulent zugeht, am Ende aber wieder Ru-
he und Ordnung herrschen. Anarchie „in
the UK“ sieht anders aus. Seit drei Jah-
ren gibt es die Geschichten auch als Hör-
version. Rufus Beck liest sie mit profes-
sioneller Eleganz, die das Zuhören zum
Vergnügen macht.
Auch in den vier neuen Episoden wer-
dendie quigleyschenFamilienregeln, an-
gebracht am Spielzeugschrank, wieder
amüsanten Stresstests unterzogen. Sie
besagen erstens: Höflich und hilfsbereit
sein. Zweitens: Nicht streiten und prü-
geln. Und drittens: Erst zu denken, dann
zu reden. Später kommt unter anderem
noch „Nicht furzen“ hinzu. Bereits in der
Eingangsgeschichte „Der charmante
Will“müssendie Regelnerst vondenKin-
dern auf den Kopf gestellt werden, damit
ihre pädagogische Richtigkeit umso deut-
licher hervortreten kann. Die Quigleys
machen Urlaub in einemvornehmen Ho-
tel. Bevor man sich in den Speisesaal be-
gibt, werden die Kinder präpariert. Ma-
ma und Papa bringen ihnen bei, wie man
„Konversationmacht“. Will soll laut und
deutlich antworten und etwas aus der
Schule erzählen, wenn er angesprochen
wird. Was er prompt derart drastisch-
plastisch macht, dass die Gäste im Saal
ganz pikiert sind.
In der zweiten Geschichte „Die ein-
fallsreiche Lucy“ denken sich die Kinder
allerlei Geschäftsideen aus, um Geld zu
verdienenunddenEltern, denendie Steu-
er im Nacken sitzt, unter die Arme zu
greifen. Was gut gemeint ist, kommt bei
der Mutter, der man die wahren Beweg-
gründe verheimlicht, nicht gut an: „Das
ist nicht richtig, dass es euch immer nur
ums Geldgeht. Das ist Habgier.“ Die letz-
te Story ist die originellste und stärkste.
In „Drinnen mit Papa“ sagen Will und
Lucy nur die Wahrheit und erreichen so
ihr Ziel, nicht aus ihrem maroden Häus-
chen ausziehen zu müssen, die Quigley-
Eltern bieten das alte HeimzumVerkauf
an. An den Besichtigungsterminen sind
jedoch nur Will und Lucy anwesend. Sie
verschweigen den Interessenten nichts,
schließlich sollen sie ja höflich und hilfs-
bereit sein und auf keinen Fall lügen.
Und so erzählen sie, dass die Abflüsse
zur Verstopfung neigen, die Heizung ihre
Aussetzer hat und der Garten gerne mal
überschwemmt ist. Am Ende bleiben die
Quigleys auf ihrem Haus sitzen. Dafür
sind sie bei ihren Kindern wieder oben-
auf. (ab 9 Jahre) FLORIAN WELLE
SIMON MASON: Die Quigleys obenauf.
Ungekürzte Lesung von Rufus Beck. Aus
dem Englischen von Gabriele Haefs.
2 CDs. Länge ca. 127 Minuten. Hörbuch
Hamburg 2011, 9,95 Euro.
W
enn der Grüffelo am Höhepunkt
des Zeichentrickfilms endlich auf-
taucht, jenes Fabelmonster mit „schreck-
lichen Klauen,und schrecklichen Zäh-
nen, umTiere zukauen“, klettert eindrei-
jähriger Zuschauer schon mal furchtsam
auf den elterlichen Schoß. Wie in einem
richtigen Spielfilm ist die Spannung mit
jeder Wendung der Fabel gestiegen. Weil
aber die eigentliche Hauptfigur der Ge-
schichte, die Maus, so schlau ist, nicht
nur ihre natürlichen Feinde, sondern
auchdas titelgebende Monster zuüberlis-
ten, legt sich die Furcht bald schon wie-
der. Es gibt nur wenige Figuren der neu-
eren Kinderbuchliteratur, die sich so
schnell in den Pantheon der klassischen
Fabelfiguren eingereiht haben wie der
Grüffelo.1999 erschien das Bilderbuch,
das die englische Autorin Julia Donald-
son geschrieben und der deutsche Illus-
trator Axel Scheffler gezeichnet hat. Die
kurze David-und-Goliath-Geschichte
von der Maus und demMonster ist längst
Zentrum einer ganzen Produktwelt, wie
man sie sonst nur von Disneyfiguren
oder der Tigerente kennt. Es war nur ei-
ne Frage der Zeit, bis die Geschichte
auch verfilmt wurde. Produziert hat die
Londoner Firma Magic Light Pictures.
Regie führten der Münchner Jakob
Schuh und der Rheinberger Max Lang.
2011 war Der Grüffelo für einen Oscar in
der Kategorie „Bester animierter Kurz-
film“ nominiert. In der deutschen Fas-
sung sprechen unter anderem Heike Ma-
katsch, Christian Ulmen und Otto San-
der die kurzen Dialoge. Das alles wird
Kinder nicht weiter interessieren. Die
aber werden gefesselt, weil es der Film
schafft, die kurze Fabel des Bilderbuches
ohne neue Handlungsstränge undfast oh-
ne zusätzliche Verse als fast halbstündi-
gen Trickfilm zu inszenieren. Das ge-
lingt, weil die plastische Szenerie des
sommerlichenWaldes mit enormer Liebe
zum Detail ausgestaltet ist. Licht und
Landschaft sind fast perfekt. Auch die
Schwäche eines Filmes, der kein Holly-
woodbudget für die leistungsstärksten
Animationscomputer zur Verfügung hat,
gleicht Der Grüffelo mit Charme aus. Die
Regisseure haben gar nicht erst versucht,
die Waldtiere und das Monster mit natu-
ralistischen Bewegungen und Fellen zu
konstruieren. So wirken die Figuren
zwar wie Gummipuppen, die etwas unge-
lenk durch den Wald spazieren. Doch
nur ein verwöhntes Erwachsenenauge
wird sich daran stören, dass sie nicht die
Messlatte der Pixarfilme wie Toy Stories
oder Die Monster AG erreichen.
Für jüngere Kinder, die den Grüffelo
schon häufig vorgelesen bekamen, ist es
ein perfekter Einstieg ins neue Medium
Film. Denn es ist sicher gut, sie lernen die
klassischen Mittel der Manipulation, den
spannungsgeladenen Soundtrack, die
dramatischen Kameraeinstellungen und
Schnitte, über eine vertraute Geschichte
kennen. Den Anspruch des Kinderbuch-
klassikers hält der Film jedenfalls mit
Leichtigkeit. ANDRIAN KREYE
Oetinger Media 2011. 13,10 Euro
Ist doch voll baby, Mama!
Tiere zum Kennenlernen? Fragen Sie Ihre Kinder.
Eine schrecklich
nette Familie
Das Hörbuch
„Die Quigleys ganz oben“
Von Maus und Monster und ganz viel Mut
Der Grüffelo, das Erfolgsbilderbuchbuch von Axel Scheffler und Julia Donaldson als Zeichentrickfilm
Jeder kann gewinnen
Das Ratespiel „Fabelhaft“ macht der ganzen Familie Spaß
Spielkarten aus “Fabelhaft“, konzipiert und
illustriert von Eleanor Marston.
Man muss den großen emotionalen Fluss finden
Eine Begegnung mit Shaun Tan, dem Schöpfer des traumverlorenen „Lost Thing“ – er schreibt und malt phantastische Bücher (nicht nur) für Kinder
Donnerstag, 20. Oktober 2011 Süddeutsche Zeitung Nr. 242 / Seite 17
KINDER- UND JUGENDMEDIEN
Fotos: Orange Eyes Ltd 2009. Der Grüffelo © 1999 ist als Wortmarke und Logo ein registriertes Warenzeichen von Julia Donaldson und Axel Scheffler und lizensiert von Magic Light Pictures Ltd. © Lizenz von Concorde Home
Entertainment GmbH
Illustration
aus Shaun
Tan: Die
Fundsache
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Verantwortlich: Roswitha Budeus-Budde
Trauer einen Raum geben.
Abschied nehmen von einem geliebten Menschen ist schmerzlich und braucht viel Zeit und Raum.
Das neue Trauerportal der Süddeutschen Zeitung, www.sz-gedenken.de, hilft Ihnen dabei und bietet Ihnen
die Möglichkeit, Ihre Trauer zum Ausdruck zu bringen.
Alle Traueranzeigen aus der Zeitung erscheinen automatisch in einer persönlichen Gedenkseite.
Die Gedenkseite hilft Ihnen, das Andenken des Verstorbenen zu bewahren. Hier können Sie virtuelle
Gedenkkerzen anzünden, kondolieren und persönliche Fotos und Erinnerungen mit Verwandten,
Freunden und Bekannten teilen.
Desweiteren können Sie im Trauerportal nach den Traueranzeigen aus der Süddeutschen Zeitung suchen.
Kontakt: beratung@sz-gedenken.de oder www.sz-gedenken.de
Zum Tod von Ueli Prager, dem Gründer von Mövenpick
Ueli, wir sind dankbar!
Was Steve Jobs für die IT-Welt,
das war Ueli Prager für die Gastronomie und für visionäre Unternehmensführung.
Wir verneigen uns vor dem Menschen, dem Pionier,
dem Visionär, dem Förderer junger Talente, vor dem, der Höchstleistung forderte.
Wir sind stolz und dankbar, das Glück gehabt zu haben,
eine Wegstrecke mit ihm gemeinsam gehen zu dürfen.
Die ehemaligen Mitarbeiter der Mövenpick-Unternehmen aus München, Stuttgart, Hamburg, Frankfurt,
Wuppertal, Düsseldorf, Berlin und aus vielen kleinen deutschen Städten, die mit Ueli Prager zusammen
das Deutschland-Unternehmen von 1965 bis 1991 erfolgreich geführt haben.
Wir trauern um
Herrn Dr. Anselm Stehle
Herr Dr. Stehle war von 1968–1982 Vorstand des damaligen
Bayerischen Genossenschaftsverbandes.
Mit großem Engagement, umfassender Sachkompetenz und sicherem
Urteilsvermögen hatte Herr Dr. Stehle entscheidenden Anteil an der Entwicklung
unseres Verbandes. Er genoss großes Vertrauen und die Anerkennung seiner
Kollegen und Mitarbeiter. Daneben war er als Ratgeber in vielen Gremien
des Genossenschaftswesens allseits hoch geschätzt.
Wir werden Herrn Dr. Stehle stets ein ehrendes Gedenken bewahren.
Unsere herzliche Anteilnahme gilt seinen Angehörigen.
Genossenschaftsverband Bayern e.V.
Der Vorstand Der Verbandsrat Der Betriebsrat
1925 – 2011
Maria Lang
geb. Westermayr
In stiller Trauer:
Requiem am Freitag, dem 21. Oktober 2011, um 14.00 Uhr
in der Kirche St. Peter und Paul mit anschließender Beerdigung
im Kirchenfriedhof Aschheim.
* 23. 11. 1914 + 18. 10. 2011
Margit Holly mit Alessandro
Magnus und Sabine mit Valentina
Lisette Aschheim
Wir trauern um meinen geliebten Mann, unseren liebevollen Vater
und Opa, Schwiegervater, Bruder und Schwager
Maximilian Baur
In Liebe:
Helga
Christian und Rita mit Tobias und Annika
Andreas und Christine mit Daniel, Dominik undTim
Veronika
Laura
Martin und Lotte
Simon und Antonie
Hilde Mack
Die Beerdigung findet am Freitag, dem 21. Oktober 2011, um 14.00 Uhr
im Westfriedhof, Baldurstraße, München, statt.
* 17. März 1938 + 18. Oktober 2011
Die Friedhofverwaltung der Stadt München bittet um telefonische Mitteilung,
wenn Sie Angehörige für nachfolgend genannte Verstorbene kennen:
Sachdienliche Hinweise an Telefon-Nr. 089/23199-272, -275 oder -276.
Name Vorname Alter Sterbedatum
Zitzelsberger Werner Johann 67 Jahre 10. 10. 2011
Bittner Ursula Ruth 89 Jahre 15. 10. 2011
Grabietz Manfred Lothar 74 Jahre 17. 10. 2011
In Liebe und Dankbarkeit nehmen wir Abschied
von unserer Mutter und Großmutter
Maria Högner
geb. Dietl
Birgit Högner
Manfred Högner
Julia Häussler
Die Beisetzung fand im engsten Familienkreis statt.
* 27. 11. 1915 + 13. 10. 2011
Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus.
Wir nehmen Abschied von unserer lieben Mutter und Großmimi
derer wir in Dankbarkeit gedenken.
Amanda Hüttenhofer
Klaus, Claudia, Gerd, Thomas, Lilly, Johanna, Stefan, Konstanze
Trauerfeier und Bestattung finden am Freitag, dem 21. Oktober 2011,
um 12.00 Uhr im Münchener Westfriedhof statt.
Statt Blumen und Kränzen bitten wir um eine Spende an den
Christophorus Hospiz Verein e.V., Sozialbank München,
Konto-Nr. 9855500, BLZ 70020500.
* 2. November 1919 + 17. Oktober 2011
In Trauer nehmen wir Abschied von
Dr. habil.
Hartmut Mehringer
Er war über 20 Jahre Wissenschaftlicher Mitarbeiter unseres
Instituts, davon vier Jahre lang Leiter der Abteilung SBZ/DDR-
Geschichte und neun Jahre lang Leiter des Archivs.
Institut für Zeitgeschichte München-Berlin
† 17.10.2011 * 14.7.1944
Wir werden ihn als liebenswerten Kollegen und verdienstvollen
Wissenschaftler in dankbarer Erinnerung behalten.
Wir nehmen Abschied von
Joseph Zieglmeier
Die Trauerfeier findet am Montag, dem 24. Oktober 2011,
um 13.00 Uhr im Waldfriedhof, Neuer Teil, Lorettoplatz, statt.
* 10. 7. 1935 + 18. 10. 2011
Erika Zieglmeier
Bernd und Elke Zieglmeier
mit Josefine und Berenike
Wolfgang und Sascha Zieglmeier
mit Mia und Ella
München
Bestattungen
Landeshauptstadt München
Waldfriedhof, Alter Teil:
Urnentrauerfeier:
13.45 Zapp Peter, Konrektor, 71 Jahre
Waldfriedhof, Neuer Teil, Lorettoplatz:
Feuerbestattungen:
9.00 Ksellmann Hermine, Sekretärin, 67 Jahre
10.30 Bentlin Jörg Michael, Diplom-Designer, 61 Jahre
13.00 Oroszy Herlinde, Hausfrau, 74 Jahre
13.45 Berthold Günter, Finanzbuchhalter, 77 Jahre
Waldfriedhof, Neuer Teil, Lorettoplatz:
Urnentrauerfeier:
9.45 Erhard Karolina, Hausfrau, 98 Jahre
Friedhof Pasing:
Erdbestattung:
15.00 Rott Anton, Färbermeister, 93 Jahre
Westfriedhof:
Erdbestattungen:
12.00 Streibel Gisela, Hausfrau, 83 Jahre
13.00 Bachschneider Rolf, kaufmännischer Angestellter, 71 Jahre
14.30 Brandl Josef, Schreiner, 72 Jahre
15.00 Lekhtman Alexandre, Arzt, 72 Jahre
Westfriedhof:
Feuerbestattung:
11.00 Besl Maria, Hausfrau, 96 Jahre
Westfriedhof:
Urnentrauerfeier:
9.30 Nothhaas Franziska, Hausfrau, 83 Jahre
Nordfriedhof:
Erdbestattung:
13.00 Gillhuber Günter Georg, Küchenmeister, 83 Jahre
Nordfriedhof:
Feuerbestattung:
9.45 Schieszl Ottilie, Postbeamtin, 96 Jahre
Nordfriedhof:
Urnentrauerfeier:
10.30 Drahonovsky Edeltraud, 74 Jahre
Ostfriedhof:
Erdbestattung:
13.30 Brunner Erich, Maler + Lackierermeister, 72 Jahre
Ostfriedhof, Krematorium:
10.00 Kaltenberger Karoline, Hausfrau, 79 Jahre
10.45 Watzinger Fritz, Bankkaufmann, 81 Jahre
Trauerfeier mit anschließender Überführung
13.45 Buchner Helmut, Soldat, 79 Jahre
Friedhof Aubing:
Feuerbestattungen:
9.00 Hocher Herbert, Ingenieur, 86 Jahre
9.45 Krückl Karmen, Geschäftsführerin, 76 Jahre
Friedhof Daglfing:
11.30 Eidel Erwin, Diplom-Ingenieur, 87 Jahre
Friedhof Riem:
Erdbestattung:
10.30 Schuster Herbert, Konditormeister, 74 Jahre
Friedhof Sendling:
Erdbestattungen:
9.00 Fitz Josef, Transportunternehmer, 78 Jahre
9.30 Schleich August, Bundesbahnbeamter, 96 Jahre
Bestattungen im Landkreis München
Kirchenfriedhof Gräfelfing:
11.00 Messe in St. Stefan, anschließend Bestattung
Beck Angelika, Hausfrau, 96 Jahre
Friedhof Planegg:
9.00 Messe in St. Elisabeth
10.15 Bestattung
Breitfelder Friederike, Hausfrau, 88 Jahre
Waldfriedhof Taufkirchen:
10.00 Trauerfeier mit Sarg
Kirchpfening Ernst, Büromaschinenmechaniker, 81 Jahre
Alter Gemeindefriedhof Unterföhring:
9.00 Binder Hermann, Industriekaufmann, 80 Jahre
Friedhof Unterhaching:
14.00 Trauerfeier zur Feuerbestattung
Reichenbach Michael, Großhändler für Blumen, 90 Jahre
Kirchenfriedhof St. Ulrich Unterschleißheim:
13.00 Trauergottesdienst in der Pfarrkirche St. Ulrich,
anschließend Beerdigung
Hirschvogel Konrad, 72 Jahre
Friedhofverwaltung – Telefon 2319901
heute, Donnerstag, 20. Oktober 2011
Wenn die Zeit sich neigt,
wenn das Leben schweigt;
und Du fühl ganz sacht
Das Nahen der Nacht.
Sei nicht zu traurig,
Blick doch zurück
Auf manchen glücklichen Augenblick.
Von Freud und Leid
Erfüllt war die Zeit.
Das Leid war viel mehr,
Das Glück nicht so sehr.
Doch eins i geblieben,
Die Schönheit hiernieden
Der Wald und die Flur
Betrachte sie nur.
Die Wolke dort oben
Im Blau ganz verwoben
Dein Himmel das Meer
Von weit kam Du her
Aus göttlichem Sein
Dorthin kehr Du heim
Wenn die Zeit auch verflücht
mit dem rahlenden Licht.
Das alles umfacht,
den Tag und die Nacht,
Das Glück und das Leid
in Ewigkeit.
Klotilde Fritzsche.
Seite 18 / Süddeutsche Zeitung Nr. 242 Donnerstag, 20. Oktober 2011
Wo fängt man an, wo hört man auf?
Wenn es umSat 1 geht, einen Sender, der
einmal Maßstäbe setzte, sofern es sich
um Fernsehen handelte, ist das oft die
Frage gewesen, selbst im Erfolg.
Man fängt jetzt am besten mit Harald
Schmidt an, der an diesem Dienstag-
abend ineiner, wie er es ausdrückt, Bom-
benlaune war und darüber hinaus auch
noch sehr komisch. „Hier kommt der
Nachfolger vonJohannes B. Kerner“, mo-
derierte ihn die Off-Stimme seiner Late
Night Show eingangs an, womit dann je-
dem klar wurde, dass das viele Gerede
um den dritten Sendeplatz, den Schmidt
gerne hätte, in den vergangenen Wochen
nicht nur Gerede war.
Schmidt selbst hat zuKerner nichts ge-
sagt. Kerner wird sein überwiegend auf
platte Nutzwertthemen ausgerichtetes
TV-Magazin Mitte Dezember einstellen.
Schon vor ein paar Wochen sagte er dem
Branchendienst DWDL: „Das Magazin
hat ja eine inhaltliche Wendung genom-
men, und ich habe mich zuletzt gefragt,
ob das noch die Sendung ist, die zu mir
passt.“ Passte sie nicht, von Anfang an
passte es nicht richtig zwischen Johan-
nes B. Kerner und Sat 1. An ihm lässt
sich zeigen, dass sich da einer verzockt
hat auf hohemNiveau. Man erkennt aber
auch, was aus dem Fernsehsender Sat 1
geworden ist: nur noch Geschäftsmodell.
Möglicherweise ist Kerner bei seinem
Wechsel vom ZDF im Herbst 2009 auch
zusätzlich einemTrugschluss erlegen. Er
zählte wie Schmidt zu den Haupt-
darstellern der 90-er-Jahre-Version von
Sat 1. Der von Leo Kirch gegründete Pri-
vatkanal strahlte in dieser Zeit bunt und
grell. Man bekam den Bullen von Tölz,
Kommissar Rex, Das Glücksrad, Hallo,
Onkel Doc, Für alle Fälle Stephanie, au-
ßerdemeinganz kesses Frühstücksfernse-
hen, immerhin kurze News und sonntags
Talk im Turm, dazu gute Comedy (Wo-
chenshow), natürlich Late Night mit Ha-
rald Schmidt, ran, die Bundesliga-Show,
mit Reinhold Beckmann und Kerner.
Sat 1 war eine Alternative zum ZDF, der
Event-Film des deutschen Fernsehens
wurde bei Sat 1 uraufgeführt (Der Tun-
nel), und wenn man nach Zielgruppen
forschte, kam heraus, dass eher Frauen
als Männer zuschauten, die eher weniger
jung, aber nicht zu alt waren.
Das war nun nicht das beste Pro-
gramm seit der Erfindung der Glotze.
Aber es war damals für eine Weile ein in
sichhomogenes, aufeinander abgestimm-
tes, vielseitiges kommerzielles Vollpro-
gramm. Mit Verzögerung wird klar, dass
sich Sat 1 – pauschal formuliert – 2011 in
erster Linie um die wichtigsten Werbe-
kunden kümmert. Einer wie Kerner,
ganz gleich, was man vonihmhält, ist ein
Profi des Gewerbes. Er hätte es wissen
müssen, war aber wohl zu gierig, um ab-
zulehnen. Seine Firma JBK, rechnete das
Manager Magazin aus, soll neun Millio-
nen Euro jährlich kriegen als Entloh-
nung für das TV-Magazin, einige Prime-
Time-Shows und Champions-League-
Moderationen (die im nächsten Sommer
entfallen, weil die Übertragungsrechte
zum ZDF wechseln). Vielleicht hat sich
Kerner deshalb eingeredet, er kehre zum
Sat 1 seiner Vergangenheit zurück.
Doches ist ja nicht nur Kerner, der Pro-
bleme hat, bei Sat 1 etwas zu entwickeln,
das stabil steht und den Durchschnitt
überragt. Vor ein paar Monaten gab Oli-
ver Pocher auf, und wie sehr einem per-
sönlichgefällt, was er so vonsichgibt: Po-
cher hat Talent als Entertainer. AuchHa-
rald Schmidt, seit Mitte September wie-
der dienstags und mittwochs Sat-1-Mit-
arbeiter, erzielte früherstaunlicheinstel-
lige Quoten, was selbst bei ihm, der per
se in der Nische vor Mitternacht auftritt,
so nicht erwartet wurde und in keinem
Verhältnis zu seiner bislang guten Show
steht. Bei drei so unterschiedlichen Ty-
pen wie Kerner, Pocher und Schmidt
fällt der Misserfolg auch aufs Systemzu-
rück, und das System ist bestimmt vom
Dividendendruck der Shareholder.
Zur Erinnerung: Ende 2006 übernah-
men die beiden Finanzinvestoren KKR
undPermiradie Pro-Sieben-Sat-1-Grup-
pe. Haim Saban aus Hollywood, der den
Konzern aus der Insolvenzmasse Kirchs
2003 günstig übernommen hatte, machte
einenMilliardengewinn. Seither wird Fi-
nanzinvestoren-TV veranstaltet. Bunt
schillert die Farbe des Geldes.. Finanzin-
vestoren-TV verlangt Rendite und küm-
mert sich vielleicht eher nachgeordnet
umProgrammschema, Vorläufe, Audien-
ce Flow und Konstanz. Im Sommer 2010
verkaufte der Vorstandsvorsitzende Tho-
mas Ebeling (der wurde als TV-Bran-
chen-fremder Manager wohl auch dafür
verpflichtet) unrentable Teile wie den
Nachrichtenkanal N 24 und riskiert den
Streit mit der deutschen Medienpolitik,
nicht denmit denGesellschaftern, under
investiert in Glamour, also Schmidt, Po-
cher, Kerner, um von sich abzulenken.
Das Dumme ist nur, dass der vor allem
auf Kostensenkung getrimmte Sender
Sat 1 – und natürlich gibt es noch Gutes,
der Fernsehfilm am Dienstag zum Bei-
spiel, auch deutsche und amerikanische
Serien – offenbar keine Verwendung
mehr für Glamour hat. Was das bedeu-
tet? Dass Joachim Kosack, der dritte
Sat-1-Geschäftsführer in 21 Monaten,
ein schweres Amt übernommen hat. Zu-
nächst einmal ist an diesem Mittwoch
der Aktienkurs von Pro Sieben Sat 1 ge-
stiegen. CHRISTOPHER KEIL
Das hat man nun davon, dass man eine
herausragende Serie mit herausragen-
den Büchern, herausragendem Humor
und herausragenden Schauspielern auf
die Beine gestellt hat: Die Serie erstickt
an ihrer Qualität. So zu bestaunen bei
Doctor’s Diary, jener RTL-Produktion,
die seit 2008 drei Staffelnlang das Come-
back der einheimischen Serie im deut-
schen Fernsehen bedeutete und nun kei-
ne Fortsetzung findenwird. Doctor’s Dia-
ry war künstlerisch ebenso erfolgreich
(die erste Staffel wurde mit dem Deut-
schen Fernsehpreis ausgezeichnet) wie
beim Publikum: Der Marktanteil bei der
jungen Zielgruppe von 14 bis 49 Jahren
lag bei bis zu 19,2 Prozent.
„Nachvielen Gesprächenmit allenBe-
teiligten vor und hinter der Kamera ist
nunmehr klar, dass sich das Team von
Doctor’s Diary auf längere Sicht nicht
mehr zusammenbringen lässt“, erklärte
Barbara Thielen, RTL-Bereichsleiterin
Fiction an diesemMittwoch. Zu sehr sei-
en die Akteure, von Autor Bora Dagtekin
über Diana Amft (Dr. Gretchen Haase)
bis hin zu Florian David Fitz (Dr. Marc
Meier) mit andern Projekten beschäftigt.
„Wir hätten gerne nocheine weitere Staf-
fel beauftragt“, sagt Thielen, die nunwie-
der mit jenen Akteuren arbeiten muss,
die Zeit haben. Das sind leider nicht im-
mer die besten. haho
E
in paar Minuten bevor Roland Ti-
chy zur Abmoderation der erst-
mals von ihm geleiteten „Elefanten-
runde“ bei den Münchner Medienta-
gen ansetzt, wendet er sich noch ein-
mal an den erst seit Oktober tätigen
Chef der Bayerischen Landeszentrale
für Neue Medien: Für SiegfriedSchnei-
der, sagt Tichy, sei die zurückliegende
Debatte „eine Lehrstunde“ gewesen.
Die Frage ist, ob Tichy – Chefredak-
teur der Wirtschaftswoche und Nach-
folger des Focus-Herausgebers Hel-
mut Markwort als Stichwortgeber der
Auftaktveranstaltung des Branchen-
treffs – danichts verwechselt hat. CSU-
Politiker Schneider leitete bis zu sei-
ner Wahl zum BLM-Präsidenten fast
drei Jahre die Bayerische Staatskanz-
lei und war in dieser Funktion auch
für das Thema Medien zuständig, auch
auf den Münchner Medientagen.
Schneider wird – wie die meisten auf
dem Podium, Tichy offenbar ausge-
nommen– keine Einführung indas Ge-
zänk deutscher Medienpolitik ge-
braucht haben. Lehrstunde? Klar, wie
immer in den zurückliegenden Jahren
darin, wie Intendanten, Geschäftsfüh-
rer undandere Medienmanager sichge-
genseitig langweilen. Wenn Tichy ei-
nes hätte klar werden müssen, dann:
Diese Runde braucht niemand mehr.
Ihr Problem ist einerseits, dass im-
mer die selben zusammensitzen. Es
nahmen, inAuszügen, Platz: BR-Inten-
dant Ulrich Wilhelm (immerhin neu)
und ZDF-Intendant Markus Schäch-
ter, Jürgen Doetz, Präsident des Ver-
bandes Privater Rundfunkveranstal-
ter (VPRT), Pro-Sieben-Sat-1-Vor-
stand Andreas Bartl und RTL-Ge-
schäftsführerin Anke Schäferkordt.
Dazu Burda-Vorstandsboss Paul-
BernhardKallen, BrianSullivan (CEO
von Sky Deutschland) und der deut-
sche Google-Chef.
Nicht auf demPodiumvertretenwa-
ren deutsche Zeitungsverleger (2010
hatte der Axel-Springer-Vorstands-
vorsitzende Mathias Döpfner teilge-
nommen). Deswegen ließ BR-Inten-
dant Wilhelm seine Haltung zu der an
dieser Front geführten Diskussion
(acht Zeitungsverlage, darunter die
Süddeutsche Zeitung, haben gegen die
App der Tagesschau geklagt) schon im
Vorfeld der Runde quasi als Hauspost,
also via BR-Interview, verbreiten. Ein
Kompromiss indemStreit sei möglich,
erklärte er einem Mitarbeiter des von
ihm gelenkten Senders, wenn beide
Seiten „sich auch ein Stück bewegen“.
Es gebe erste Gespräche.
Zumanderen, und das ist das zweite
Kernproblem der „Elefantenrunde“
wird seit Jahren nahezu über das selbe
geredet, durch aktuelle Entwicklun-
gennur geringfügig beeinflusst. Da sit-
zen also viele Elefanten, kontrollieren
eifersüchtig die Redezeit der anderen
und wetteifern mit sauertöpfischem
Gesichtsausdruck zwei Stunden lang
zu der Frage, wen von ihnen die
Medienaufsicht amungerechtesten re-
guliere und wer am meisten darunter
zu leiden habe.
Dass sich, was Benachteiligung be-
trifft, die Privatsender in einer Art Fa-
voritenrolle sehen, hatte ein auf die-
sem Feld neuer Öffentlichkeitsarbei-
ter der Privaten bekannt gemacht: Der
ehemalige bayerische Ministerpräsi-
dent EdmundStoiber, CSU, neuer Bei-
ratsvorsitzender des TV-Konzerns Pro
Sieben Sat 1, hat die Länderchefs und
sogar die Bundeskanzlerin aufgefor-
dert, den Kommerzfunk aus seiner
„strategischenZwangslage“ zubefrei-
en. Weil Google, Facebook und Apple,
die neuen Medien und tatsächlich gro-
ßenRivalender altenMedien inder ge-
meinsamen digitalen Welt, auf dem
deutschen Markt keiner Regulierung
unterworfen seien, müsse das Rund-
funkrecht neu geordnet werden.
So uneins sich VPRT-Präsident Do-
etz oder der auf der Schlussetappe sei-
ner Amtszeit um Ausgleich bemühte
ZDF-Intendant Schächter oder RTL-
Geschäftsführerin Schäferkordt und
Ulrich Wilhelm vom BR beim Thema
Rundfunkgebühren waren: Dass die
Googles dieser Erde eine Bedrohung
für Private und Öffentlich-Rechtliche
seien, darauf einigte man sich schnell.
Lehrstunde also? Ja, für Stefan Twe-
raser, den Google-Deutschland-Chef.
Er zählt noch zu denen, die sich nicht
langweilen: Imnächsten Jahr werde er
eines ganz sicher: Ordentlich jam-
mern. KATHARINA RIEHL
Erstaunlich einstellig
Schmidt, Kerner, Pocher: Das Geschäftsmodell Sat 1 hat versucht, mit Personalpolitik von sich abzulenken
Schmidt, Kerner, Pocher – drei völlig verschiedene Typen, aber sie haben ein gleiches Problem: Bei Sat 1 läuft und lief es nicht für sie. Fotos: dpa (2), AP
Der Pay-TV-Kanal Sky hat den Start-
termin von Sky Sport News HD, seinem
neuen Sportnachrichtenkanal, bekannt-
gegeben. Vom 1. Dezember an soll der
Sender „täglich 24 Stunden live von al-
len wichtigen Ereignissen aus der Welt
des Sports berichten“. Sky Sport News
ist dem Unternehmen zufolge der erste
24-Stunden-Sportnachrichtensender in
Deutschland und Österreich. 14 Nach-
richtenmoderatoren sollen dort durchs
Programm führen, insgesamt wurden
200 neue Mitarbeiter eingestellt. SZ
Jungen Müttern in Berlin traut man ja
zu, ihre ungeborenen Kinder mit Zwölf-
ton-Musik oder Chinesisch-Crashkursen
zumalträtieren, inder Hoffnung, dass der
Nachwuchs sichdadurchinder Ellbogen-
gesellschaft der Kindergärten besser
durchsetzen möge. Frühkindliche musi-
scheErziehungwirdwieder großgeschrie-
ben in Friedrichshain und am Prenzlauer
Berg. Grundgenugwohl für denFilmWie-
genlieder zu fragen: „Können Sie sich an
ein Lied erinnern, dass Ihnen ihre Mutter
zumSchlafengehen gesungen hat?“
Es antworten Berliner Passanten. Jun-
ge, alte, zugezogene oder originale. Die
Frage ist ebenso elementar wie willkür-
lich. Bei denmeistensindes nur Fragmen-
te, die ihnen geblieben sind, sie flüchten
sich in Summen und Pfeifen, wenn die
Jahre die Texte verblassen ließen. Mal
sind Melodien christlich geprägt, mal
sind es alte Jungpionier-Lieder. Auf den
Inhalt kommt es ja auchgar nicht an, son-
dern nur darauf, dass dort eine Stimme
ist, die einem Halt und Nähe und Gebor-
genheit in der Welt verspricht.
Anhand jener Wiegenlieder wollen die
Regisseure Johann Feindt und Tamara
Trampe die Geschichten von fünf Men-
schen erzählen – und nehmen es dann ein
wenig zu ernst mit der Bedeutung der
frühkindlichenBerieselung. Gibt es wirk-
lich einen Soundtrack des eigenen Le-
bens? Kann man anhand eines einzigen
Liedes das Schicksal eines Menschen auf-
klären? Sicherlich nicht. Doch genau das
versucht die Dokumentationzubeweisen,
fast scheint es, als wäre jeder Mensch, der
ohne Wiegenlied aufwachsen musste, zu
einer prekären Biografie verdammt.
Denn genau die stehen im Fokus des
Films: die Gescheiterten, die Leidenden.
Wiegenlieder ist das dritte gemeinsame
Projekt, das die Berliner Filmemacher
Feindt und Trampe zusammen realisiert
haben. 2005 haben sie die preisgekrönte
DokuWeisse Rabengedreht, inder sie den
Lebenswegdreier Tschetschenien-Vetera-
nen verfolgten. Sensibel, doch fordernd,
niemals rüde. Mit den Wiegenliedern ha-
ben sie sich ein wenig verhoben. Immer
wieder fällt Interviewerin Trampe ihren
Protagonisten ins Wort. Ohne Off-Kom-
mentar geht es über 90Minuten, die beina-
he allgegenwärtige Musik soll alle Narra-
tion übernehmen, beinahe hörspielhaft
werden Stimmungen transportiert.
Dabei sind es die Momente, in denen
die Protagonisten einmal ausreden dür-
fen, in denen der Film am meisten über-
zeugt. Wenn etwa Helmut Oehring zu er-
zählen beginnt: Seine Eltern sind gehör-
los, weshalber sichineiner permanent tö-
nenden und tosenden Welt isoliert fühlte
undschließlichKomponist wurde, ummit
seinenexperimentellen Stücken, in denen
Geige und Kontrabass vor sich hin krei-
schen, diese Welt aus ewiger Stille durch-
brechenwill. Oder die Geschichte vonDet-
lef Jablonski, der im Gefängnis geboren
wurde undimmer nochineiner Zwischen-
welt gefangenist, zwischendemidealisier-
tenBildder Mutter undder lieblosenPfle-
gefamilie, in der er aufgewachsen ist.
Doch den intimen Erzählungen kom-
mendie vielenüberästhetisiertenKamera-
einstellungen in die Quere, von denen
man schnell annehmen könnte, dass sie
der Eitelkeit des Kameramanns geschul-
det sind. Sie zeigendenHimmel über Ber-
lin im Morgen- oder Abendlicht, vorbei-
rauschende U-Bahnen oder Seifenblasen,
die an Plattenbau-Skeletten vorbeizie-
hen. Die musikalische Biografie ver-
kommt zu einem Imagefilm über die
Hauptstadt. MICHAEL MOORSTEDT
Wiegenlieder, Arte, Freitag, 23 Uhr.
Rupert Murdochs Pläne, seine Wirt-
schaftszeitung Wall Street Journal als
Onlineangebot nach Deutschland zu
bringen, sind jetzt konkret. Wie das zu
Murdochs News Corp gehörende Unter-
nehmenDowJones amMittwochmitteil-
te, soll wallstreetjournal.de von Anfang
Januar an verfügbar sein. „Die Website“,
hieß es in einer Erklärung, „gepaart mit
mehrerenSmartphone-Apps und Tablet-
Ausgaben, sowie die mobile Internetsite,
werden eine Mischung aus Gratis- und
Bezahlinhaltenaus demWall Street Jour-
nal und demglobalenNetzwerk vonDow
Jones bieten, angereichert mit Nachrich-
ten und Analysen, von den bestehenden
Korrespondententeams in Frankfurt,
Berlin, Düsseldorf und Hamburg. SZ
Zu viel des Guten
RTL setzt die wunderbare Serie
„Doctor’s Diary“ nicht fort
Sky News im Dezember
Ach je!
Zum Start: Selbstmitleid bei den Münchner Medientagen
Der Soundtrack ihres Lebens
Ein Dokumentarfilm will die Bewohner Berlins anhand ihrer Einschlafmusik aus Kindertagen erklären
WSJ im Januar
Donnerstag, 20. Oktober 2011 HF2 Süddeutsche Zeitung Nr. 242 / Seite 19
MEDIEN
Verantwortlich: Christopher Keil
Einen gemeinsamen Feind hat
man: Er heißt natürlich Google
Lösungen vom Mittwoch
5 4 2 7 3 8 6 1 9
9 1 3 6 4 5 2 8 7
7 6 8 2 1 9 5 4 3
4 5 1 8 9 7 3 2 6
6 8 9 1 2 3 7 5 4
3 2 7 5 6 4 1 9 8
2 3 4 9 5 6 8 7 1
1 7 6 4 8 2 9 3 5
8 9 5 3 7 1 4 6 2
Die Ziffern 1 bis 9 dürfen pro Spalte und Zeile nur
einmal vorkommen. Zusammenhängende weiße
Felder enthalten eine lückenlose Menge von Zah-
len, die in beliebiger Reihenfolge stehen können.
Schwarze Felder trennen diese Straßen und wer-
dennicht ausgefüllt. Weiße Ziffern dienen lediglich
der Orientierung, sie gehören aber selbst zu keiner
Straße. Tipps im Internet: www.sz-shop.de/str8ts
© 2010 Syndicated Puzzles Inc. 20.10.2011
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7 8 6 4 5
6 5 8 7 3 4 2
8 7 9 6 1 2
7 6 9 8 2 3 1
8 2 5 7 6 3 4
2 4 3 9 8 6 7
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6 3 4 5 7
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k
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c
h
t
Britische Neurowissenschaftler haben
neue Gründe gefunden, wieso es viel-
leicht dochnicht so sinnvoll ist, Schulkin-
der bereits sehr früh imLeben nach ihrer
Leistungsfähigkeit zu sortieren: Sie
konntennachweisen, dass sichder Intelli-
genzquotient (IQ) entgegen verbreiteter
Annahme auchnochinder Pubertät deut-
lich ändern kann (Nature, online).
In ihrer Studie ermittelten die For-
scher umCathy Price vomUniversity Col-
lege London bei 33 Teenagern im Alter
von zwölf bis 16 Jahren mit den üblichen
Tests die verbale undnicht-verbale Intel-
ligenz. Vier Jahre später wiederholten
sie Tests bei den mittlerweile 15- bis
20-Jährigen. Zum Erstaunen der For-
scher ergabensich bei deneinzelnen Pro-
banden Abweichungen von bis zu
20 Punkten auf der IQ-Skala im Ver-
gleich zur ersten Testreihe – und zwar
nach unten und nach oben. Mit anderen
Worten: Ein Jugendlicher, der mit zwölf
Jahren über einen durchschnittlichen IQ
von 100 Punkten verfügt, könnte sich im
Extremfall als 16-Jähriger der Hochbega-
bung genähert haben oder umgekehrt als
fast schon lernbehindert gelten.
So überraschend diese Ergebnisse
sind, haben die Forscher doch weitere
harte Belege für die Richtigkeit ihrer Be-
funde. So fertigten sie parallel zu den In-
telligenztests auch Hirnbilder mit einem
Magnetresonanztomografen an. Diese
zeigten, dass etwa bei gewachsener ver-
baler Intelligenz auch die Dichte der
grauenSubstanz inder Hirnregiongestie-
gen war, die für Sprachverarbeitung zu-
ständig ist. Geänderte IQ-Werte korre-
lierten also mit Änderungen in der Hirn-
struktur.
Unklar bleibt allerdings, wie diese
Wandlungsprozesse zu erklären sind,
und wieso die IQ-Werte bei einigen Pro-
banden stiegen und bei anderen sanken.
Waren vielleicht einige der Jugendlichen
Früh- oder Spätentwickler? Oder zeigt
die Qualität des Schulunterrichts Aus-
wirkungen? Studienautorin Price speku-
liert, dass es sich vielleicht ähnlich ver-
halte wie bei der Fitness: „Ein Teenager,
der mit 14 Jahren körperlich fit ist, kann
mit 18 weniger fit sein, wenner zutrainie-
ren aufhört.“ Eine weitere Frage sei, ob
die Intelligenz auch noch bei Erwachse-
nen ähnlich schwanken könnte; schließ-
lich sei auch deren Gehirn noch plas-
tisch. In einem aber ist sich Cathy Price
bereits sicher: „Wir müssen aufpassen,
dass wir Leistungsschwache nicht in ei-
nem frühen Stadium abschreiben, wenn
sie doch ihren Intelligenzquotienten in
wenigen Jahren noch deutlich steigern
könnten.“ CHRISTIAN WEBER
Gelbe Meerbarben jagenimTeam. Da-
bei organisieren sich die bis zu 50 Zenti-
meter langen Fische wie eine Fußball-
mannschaft: Einige Fische agieren als
Stürmer, die anderen als Abwehrspieler.
Das berichten Zoologen um Redouan
Bshary von der Universität Neuchâtel in
der Schweiz (Ethology, Bd. 117, S. 961,
2011). Gelbe Meerbarben bevölkern Ko-
rallenriffe und schließen sich inGruppen
zusammen. In welchem Team ein Fisch
lebt und jagt, hängt von seiner Körper-
größe ab: Es sindjeweils Fische vonähnli-
cher Größe, die sichzueinemVerbandzu-
sammenschließen. Die Forscher unter-
suchten das Verhalten von Meerbarben
im Roten Meer vor der Küste Ägyptens.
Bei Schnorchelausflügen beobachteten
sie, wie die Fische ihre Jagdzüge koordi-
nieren. Oft setzte ein Tier der Beute nach
und hetzte diese dabei um Korallen her-
um, hinter denen andere Meerbarben
warteten und den Fluchtweg versperr-
ten. Einige Fische blockiertenauchande-
re Fluchtwege im Riff. Manche Gruppen
hatten sich sogar so organisiert, dass die
gleichen Fische stets die gleichen Rollen
übernahmen. Derart komplexes Sozial-
verhalten sei bei Fischen ungewöhnlich,
berichten die Forscher. sehe
Eine Studie an mehreren tausend afri-
kanischen Kindern weckt neue Hoff-
nung auf einen wirksamen und sicheren
Impfstoff gegen Malaria. Wie mehrere
Forscherteams im Fachmagazin New
England Journal of Medicine (online) be-
richten, senkt das Vakzinmit demsperri-
gen Namen RTS,S/AS01 das Erkran-
kungsrisiko um etwa die Hälfte. Die Be-
geisterung über dieses Ergebnis ist nicht
nur bei dem Pharmaunternehmen Glaxo
Smith Kline Biologicals groß, das den
Wirkstoff entwickelt hat. „Die neuen Er-
gebnisse unterstützendie Hoffnung, dass
es inabsehbarer Zeit eine wirksame Imp-
fung gegen Malaria geben kann“, sagt
Jürgen May vom Bernhard-Nocht-Tro-
peninstitut in Hamburg, der ineinemfrü-
hen Entwicklungsstadium des Vakzins
an der Studie beteiligt war. Seine Kolle-
ginNicole Berens-Riha vomTropeninsti-
tut der Ludwig-Maximilians-Universi-
tät München sagt: „Das Neue ist, dass
wir hier erstmals eine Studie der Phase 3
haben“. In dieser Phase werden die letz-
ten, für die Marktzulassung einer Arznei
oder eines Impfstoffes notwendigen Un-
tersuchungen vorgenommen. Wegen der
großen Probandenzahl gelten diese Stu-
dien als besonders aussagekräftig.
Malaria ist vor allem für Kinder unter
fünf Jahren eine Gefahr, daher konzen-
trieren sich Impfstudien meist auf diese
Altersgruppe. In ihre aktuelle Untersu-
chung schlossen die Forscher insgesamt
mehr als 15 400 Kinder in siebensüdafri-
kanischen Ländern ein. Die Kinder wur-
den zufällig entweder der Wirkstoff-
oder einer Kontrollgruppe zugeteilt, die
als Placebo eine Impfung gegen Tollwut
erhielt. Die Malariafälle ermittelten sie
für zwei Altersklassen: Für Säuglinge
zwischen sechs und zwölf Wochen und
für Kleinkinder zwischenfünf und17 Mo-
naten. Bislang sind nur die Ergebnisse
für einen Teil der Kleinkinder veröffent-
licht. Daten zu den Säuglingen sollen im
kommendenJahr folgen; eine Gesamtaus-
wertung der Studie kündigen die Auto-
ren für das Jahr 2014 an.
Dass der getestete Impfstoff das Er-
krankunsgrisiko bei den6000 untersuch-
ten Kindern zwischen fünf und 17 Mona-
ten um etwa 50 Prozent senken konnte,
sehen auch an der Studie unbeteiligte
Forscher als großen Erfolg an. „Natür-
lich hätten wir lieber eine Quote von 90
oder 100 Prozent“, sagt die Münchener
Tropenmedizinerin Berens-Riha. „Aber
für Malaria sind die aktuellen Ergebnis-
se sehr gut.“ Jürgen May bestätigt: „Wir
dürfen an Impfungen gegen Parasiten
nicht die gleichen Kriterien anlegen wie
bei Bakterien oder Viren.“
Der Malaria-Erreger ist sehr wand-
lungsfähig, zudemhat er einenso kompli-
zierten Lebenszyklus, dass es dem Im-
munsystem schwer fällt, den Eindring-
ling zu fassen. Dies soll der neue Impf-
stoff erleichtern. Er enthält unter ande-
remein Protein des Malaria-Erregers so-
wie einenWirkverstärker. Nach der Imp-
fung soll der menschliche Organismus
Antikörper bilden, die verhindern, dass
die Parasiten in Leberzellen eindringen,
umsichdort zuvermehren. Außerdemak-
tiviert der Wirkstoff jenen Teil des Im-
munsystems, der bereits befallene Leber-
zellen tötet. Finanziell unterstützt von
der Bill & Melinda Gates Stiftung, die
sich seit den 1990er-Jahren mit mehren
MilliardenDollar imKampf gegen Mala-
ria einsetzt, arbeitet Glaxo Smith Kline
zusammen mit der gemeinnützigen
PATH Malaria Vaccine Initiative seit 24
Jahren an dem Wirkstoff.
Die Weltgesundheitsorganisation er-
wägt, das Vakzin schon in drei Jahren in
TeilenAfrikas indie offiziellenImpfkam-
pagnenaufzunehmen. Nochaber sindvie-
le Fragen rund um den Impfstoff unge-
klärt, und auch die Studienautoren beto-
nen, dass er sich in stetiger Entwicklung
befinde. Nicht alle der aktuell präsentier-
ten Ergebnisse geben uneingeschränkt
Grund zum Jubeln. Entscheidend für
den Erfolg einer Malariaimpfung ist we-
niger die Reduzierung des allgemeinen
Erkrankungsrisikos – sondern vor allem
die Frage, ob das Vakzin auch die Zahl
der schweren Verläufe und damit der To-
desfälle durch Malaria reduzieren kann.
Hier fielen die Ergebnisse jedoch etwas
schlechter aus als erwartet, wie der nicht
an der Studie beteiligte Tropenmedizi-
ner Nicholas White vonder Mahidol-Uni-
versität in Bangkok in einem begleiten-
den Kommentar im New England Jour-
nal schreibt. 57 von 2830 Kindern, die
den Wirkstoff erhielten, litten unter dem
schweren Verlauf; in der Placebogruppe
waren es 56 von 1466 Kindern. Demnach
senkte das Vakzindas Risiko eines schwe-
ren Verlaufs um 47 Prozent; einer ande-
ren, noch vorläufigen Auswertung zufol-
ge lag der Erfolg allerdings nur bei gut 30
Prozent. Zudem gibt die Studie keine
Antwort darauf, ob die Impfung auch die
Zahl der Todesfälle senkt. Zehn der Kin-
der starben innerhalb der Studiendauer
andenFolgenvonMalaria. „Das sindau-
ßergewöhnlich wenige Todesfälle und zu
wenige, um eine Reduktion in Folge der
Impfung zu berechnen“, sagt der Ham-
burger Malaria-Experte May. Ebenfalls
ungeklärt ist, wie lange der Impfschutz
anhält – die Daten aus der Studie lassen
vermuten, dass er schon nach etwa vier
Monaten wieder abnimmt.
Klar ist jedoch schon jetzt: Ausrotten
lässt sich Malaria mittels einer Impfung
nicht. „Damit behandelnwir die Sympto-
me, nicht die Ursachen“, sagt Berens-Ri-
ha. So plädieren Tropenmediziner ein-
stimmig dafür, weiterhinauf andere Mit-
tel der Malariabekämpfung zu setzen.
„Wir brauchen nach wie vor Moskito-
netze und Medikamente“, mahnt Oliver
Moldenhauer von der Organisation Ärz-
te ohne Grenzen. KATRIN BLAWAT
Fünf Millionen Menschen besuchen jährlich den
Grand Canyon im US-Bundesstaat Arizona und las-
sen sich vomAnblick der Landschaft berauschen. Der
Nasa-Satellit Terra liefert nun einen anderen Blick
auf das Naturwunder. Das Bild zeigt den östlichen
Teil des GrandCanyonundbesteht aus zwei Lagen: ei-
nemBildinnatürlichenFarbenundeinemdreidimen-
sionalen digitalen Modell der Gegend. Die Darstel-
lung des Grand Canyons ist Teil eines digitalen, topo-
graphischen Atlas der Erdoberfläche, den die Nasa in
Zusammenarbeit mit dem japanischen Ministerium
für Wirtschaft undIndustrie erstellt hat (zu findenun-
ter https://lpdaac.usgs.gov/). Eine erste Version des
Atlas wurde 2009 veröffentlicht. Die aktualisierte Ver-
sion wurde nun um 260 000 Bildpaare erweitert, die
aus zwei minimal versetzten Aufnahmen des gleichen
Motivs bestehen und dadurch einen Eindruck räumli-
cher Tiefe erzeugen. sehe / Bild: Nasa
Moderne Smartphones können Texte
entschlüsseln, die an einem nahegelege-
nen Computer getippt werden. Das be-
richten Patrick Traynor und Henry Car-
ter vom Georgia Institute of Technology.
Sie platzierten ein iPhone 4 neben einer
gängigen Computertastatur und erfass-
ten mit Hilfe der im Handy eingebauten
Beschleunigungssensoren die Vibratio-
nen der Tastatur beim Schreiben.
Das Handy registrierte dabei nicht ein-
zelne Buchstaben, wohl aber Kombinati-
onen von Anschlägen, für die jeweils die
Positionder Erschütterung auf der Tasta-
tur (links – rechts) unddie Entfernung zu-
einander erfasst wurde. Diese Abfolgen
wurdenmit einemelektronischenWörter-
buch abgeglichen, das rund 58 000 Wör-
ter enthielt. Bis zu 80 Prozent eines ge-
tipptenTextes konntendie Computerwis-
senschaftler auf diese Weise korrekt ent-
ziffern. Amzuverlässigstenwarendie Er-
gebnisse, wenn das Handy nicht weiter
als 7,5 Zentimeter von der Tastatur ent-
fernt lag und die Wörter mindestens aus
drei Buchstaben bestanden.
Die Beschleunigungssensoren eines
Smartphones sollen primär erkennen,
wie der Nutzer sein Telefon hält. Weil sie
aber sehr sensibel sind, gibt es sogar Han-
dy-Spiele, die über Bewegungendes Nut-
zers gesteuert werden. Anders als bei
Handykamera, Mikrofon oder GPS-Or-
tung fragen entsprechende Apps den Be-
nutzer nicht, ob die Sensoren verwendet
werdendürfen. Sokönnte sicheine Troja-
ner-Appeinschleichen. „Die Wahrschein-
lichkeit, dass jemand auf diese Weise ab-
gehört wird, ist derzeit gering“, sagt Pa-
trickTraynor, aber wennes jemandernst-
haft versuche, sei es möglich. Die Gefahr
sei jedoch einfach zu vermeiden – indem
man sein Handy ausreichend weit weg
von der Tastatur ablegt. pom
Mit einem Geruch, den kleine Ferkel
ihrer Mutter zuschreiben, lassen sie sich
leichter entwöhnen. Sie fressen besser,
wachsen schneller und zeigen weniger
Stress, berichten niederländische For-
scher imFachjournal PLoS One (online).
Marije Oostindjer von der Universität in
Wageningen (Niederlande) hatte Sauen
entweder in der letzten Zeit ihrer Träch-
tigkeit oder in der Stillzeit Futter gege-
ben, das leicht mit Anis-Aroma versetzt
war. Nach der Trennung vom Muttertier
bekam ein Teil der Ferkel diesen Geruch
wieder präsentiert – entweder über das
Futter oder über die Luft. Es zeigte sich,
dass Ferkel, deren Mütter vor der Geburt
oder in der Stillzeit das Anis-Futter be-
kommen hatten, sich bei diesem Geruch
besser entwickelten als Kontrolltiere.
Sie fraßen und spielten mehr, wuchsen
besser undzeigtenallgemeinweniger An-
passungsschwierigkeiten. Bereits zuvor
hatten Wissenschaftler herausgefunden,
dass Ferkel Gerüche wahrnehmen und
sich einprägen, die ihre Mütter über das
Futter aufnehmen, berichtet Oostindjer.
Ihre Ergebnisse zeigten nun, dass solche
vertrautenGerüche einendeutlichenEin-
fluss auf die Entwicklung der Tiere ha-
ben können. dpa
Spätentwickler
Der Intelligenzquotient kann sich noch in der Pubertät ändern
Hatz am Riff
Meerbarben jagen im Team
Spritze mit großer Hoffnung
Noch nicht perfekt, aber besser als alle bisherigen Versuche: Ein neuer Impfstoff schützt Kinder vor Malaria
Aus der Tiefe des Weltraums
Spion Smartphone
Bewegungssensoren erfassen das Tippen am Computer
Mamas Duft
Vertraute Gerüche beruhigen Ferkel
Seite 20 / Süddeutsche Zeitung Nr. 242 Donnerstag, 20. Oktober 2011
WISSEN
„Für einen Malaria-Impfstoff
sind die Ergebnisse sehr gut.“
Noch ist allerdings unklar,
wie lange der Impfschutz anhält.
Wie sehr schwankt die
Intelligenz von Erwachsenen?
Was kommt heute unter den Hammer und zu welchem Preis?
Nerven bewahren und sparen – so funktioniert die große Rück-
wärtsauktion. Je länger Sie warten, desto günstiger wird der Preis.
Aber warten Sie nicht zu lange, sonst schlägt ein Anderer zu.
Der Kaufdown mit täglich wechselnden Angeboten.
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Eine außergewöhnliche Reise mit
der Transsibirischen Eisenbahn
im Zarengold-Sonderzug
Erfüllen Sie sich zu zweit einen Lebenstraum
mit der 16-tägigen Sonderzugreise auf der
Transsib von Moskau nach Peking,
powered by Lernidee Erlebnisreisen,
der Nr. 1 auf der Transsib.
Von Thomas Öchsner
Berlin – In vielen Unternehmen ist die
Angst zurückgekommen. Die Angst, sich
mit dem Virus anzustecken, der im Fi-
nanzsystemsteckt. MartinKannegiesser,
Präsident der Arbeitgeber in der Metall-
und Elektroindustrie, formulierte es An-
fang der Woche so: „Uns stehen die Haa-
re zu Berge, wenn wir daran denken
müssten, jetzt schon wieder erneut in ei-
ne solche Talfahrt gestoßen zu werden.“
Noch gibt es Hoffnung, dass dies nicht
passiert. Was aber ist, wenn die Schul-
denkrise tatsächlich die Geschäfte der
Industrie lähmt? Der Präsident der Bun-
desvereinigung der DeutschenArbeitge-
berverbände (BDA), Dieter Hundt, und
der Chef des Deutschen Gewerkschafts-
bundes (DGB), Michael Sommer, for-
dern von der Bundesregierung schon
jetzt, vorsorglich aktiv zu werden: bei
der Regelung der Kurzarbeit.
Das im Ausland bestaunte deutsche
Jobwunder ist zumTeil der Sonderförde-
rung der Kurzarbeit zu verdanken, bei
der die Bundesagentur für Arbeit (BA)
den Arbeitgebern die Sozialbeiträge er-
stattet. Im Krisenjahr 2009, als das
Wachstum um fünf Prozent einknickte,
waren bis zu 1,5 Millionen Arbeitnehmer
in Kurzarbeit beschäftigt. 300 000 bis
400 000 Menschen wurden so nicht ar-
beitslos. Fast fünf MilliardenEuro koste-
te dies die BAinsgesamt. 2011 werden im
Jahresdurchschnitt dagegen nur etwa
160 000 Menschen in Kurzarbeit sein.
Die Regierung will die bis März 2012 be-
fristete Sonderförderung deshalb bereits
Ende 2011 auslaufen lassen. Und genau
das wollen Sommer und Hundt nicht.
Der Arbeitgeberpräsident sagte der
Süddeutschen Zeitung: „Gerade in Zei-
ten einer guten wirtschaftlichen Lage
muss etwaigen Risiken vorgebeugt wer-
den.“ Er schlägt deshalb vor, „anstelle
der bisherigen gesetzlichen Regelung ei-
ne Verordnungsermächtigung für die
Bundesregierung zu schaffen“. Damit
lasse sich das sogenannte „Kurzarbeiter-
geld-plus“ bei Bedarf kurzfristig wieder
aktivieren, „ohne auf ein zeitaufwendi-
ges Gesetzgebungsverfahren angewiesen
zu sein“. Für den Fall einer neuen Krise
müsse weiter „die sofortige Handlungsfä-
higkeit gewährleistet sein, umBeschäfti-
gung zu sichern“, forderte Hundt.
Genauso sieht es DGB-Chef Sommer:
„Ich warne davor, dass die Finanz- und
Euro-Krise Auswirkungen auch auf die
Realwirtschaft haben kann“, sagte er der
SZ. Es wäre deshalb gut, wenn die Bun-
desregierung die notwendigen Instru-
mente bereit halte, um bei einer Zuspit-
zung der Situation auf dem Arbeits-
markt „schnell und unbürokratisch re-
agieren zu können“. Der DGB-Chef
sprach sich dafür aus, die Instrumente
der Kurzarbeit über den 31. Dezember
2011 hinaus zu nutzen und im Vermitt-
lungsausschuss von Bundestag und Bun-
desrat eine flexible Lösung zu finden.
Der Ausschuss muss sich bald ohnehin
mit der Reform der Arbeitsmarktförde-
rung befassen. Diese sieht unter anderem
vor, dass die Extra-Subventionen für die
Kurzarbeit Ende 2011 wegfallen. Auch
die SPDschlug gerade vor, die Regierung
zu ermächtigen, die auslaufenden Son-
derregeln für die Kurzarbeit im Fall ei-
nes Abschwungs wieder in Kraft setzen
zu können. Die Bundesregierung solle im
Fall der Fälle „schnell scharf schalten
können“, sagte SPD-Fraktionsvize Hu-
bertus Heil. Ob dies dann tatsächlich
notwendig sein wird, ist offen: Das BA-
Forschungsinstitut IAB rechnet auch
2012 mit nur 150 000 Kurzarbeitern.
Selbst im Falle einer Rezession, mit ei-
nem Schrumpfen des Bruttoinlandspro-
dukts um 0,2 Prozent, prognostiziert das
Institut lediglich 255 000 Kurzarbeiter.
Sicher ist: Breitet sich der Schulden-
krisen-Virus aus, wird es diesmal schwie-
riger, Stellenzuerhalten. Die Arbeitszeit-
konten bei den Unternehmen sind nicht
so gut gefüllt wie 2009. Die Bundesregie-
runghat keinGeld, umneue Konjunktur-
programme aufzulegen. Und die milliar-
denschweren Finanzreserven der BA
sind längst aufgebraucht. DGB-Chef
Sommer kritisiert deshalbauchdie Spar-
programme der Bundesregierung auf
Kosten der Behörde: „Handlungsfähig
ist die Bundesagentur nur dann, wenn
ihr nicht länger Milliardenbeträge vom
Bund entzogen werden und die Unterfi-
nanzierung beseitigt wird.“
Von Haral d Frei berger
Frankfurt – Ein erneuter Schlag für die
europäischenGroßbanken: Die EU-Kom-
mission ermittelt gegen Institute wegen
der möglichenManipulationvonZinssät-
zen. In einer groß angelegten Razzia be-
schlagnahmtendie europäischenWettbe-
werbshüter umfangreiche Datenbei meh-
reren Geldhäusern, bestätigte die EU-
Wettbewerbskommission am Mittwoch.
Um welche Banken aus welchen Län-
dern es sich handelt, wollte sie nicht sa-
gen. Es soll aber auch die Deutsche Bank
in London durchsucht worden sein, er-
fuhr die Nachrichtenagentur Reuters.
Die Deutsche Bankwollte die Angelegen-
heit nicht kommentieren.
Es geht bei der Aktion um mögliche
Manipulationen am sogenannten Euri-
bor (Euro Interbank Offered Rate). Er ist
inEuropaeiner der wichtigstenReferenz-
zinssätze, auf densichviele Bankproduk-
te beziehen, zumBeispiel Kredite anBau-
herren und Unternehmen, variabel ver-
zinste Sparverträge, AnleihenundOptio-
nen. „Der Euribor hat deshalb auch für
Privatkunden eine große Bedeutung,
weil zum Beispiel viele Immobilienkre-
ditverträge an ihm hängen“, sagt Martin
Faust Professor an der Frankfurt School
of Finance and Management.
Vereinfacht gesagt, handelt es sich um
den Marktzins, zu dem sich Banken
höchster Kreditwürdigkeit inEuropa un-
tereinander Geld leihen. Die Absicht, die
dahintersteckt, ist, dass die Finanzindus-
trie für ihr Geschäft einen stets aktuellen
Zinssatz braucht, der das Geschehen auf
dem Markt widerspiegelt. Deshalb wird
der Euribor täglich ermittelt, und zwar
aus den Konditionen, zu denen sich Ban-
kenuntereinander Geldleihen. Dazumel-
den 44 europäische Großbanken ihre ei-
genen Daten, die auch täglich veröffent-
licht werden. Zu den 44 Melde-Banken
zählen neun Institute aus Deutschland,
darunter die Deutsche Bank, die Com-
merzbank und die Helaba. Es gibt nicht
nur einen Euribor, sondern mehrere für
verschiedene Laufzeiten, zum Beispiel
für eine Woche, einen Monat, drei Mona-
te, sechs Monate und zwölf Monate. Der
Ein-Wochen-Euribor stand am Mitt-
woch bei 1,161 Prozent, der Zwölf-Mo-
nats-Euribor bei 2,122 Prozent.
Die EU-Wettbewerbskommission
sprach von einem Anfangsverdacht auf
Zinsmanipulation. Die Kreditinstitute
könnten sich abgesprochen haben, um
den Euribor zu ihren Gunsten zu beein-
flussen. Ob sie dieser Verdacht bestäti-
ge, müssten aber erst die Untersuchun-
gen zeigen. Falls sich herausstellt, dass
die Banken schuldig sind, kann die EU-
Behörde hohe Strafen von bis zu zehn
Prozent des Jahresumsatzes eines Unter-
nehmens verhängen.
Der europäische Bankenverband sag-
te der EU-Kommission seine Zusammen-
arbeit zu. Die zuständige Unterorganisa-
tion Euribor-EBF teilte mit, sie sei be-
reit, den Ermittlerndie gewünschtenDa-
ten zur Verfügung zu stellen. Sie sei aber
zuversichtlich, dass es bei der Bildung
des Euribor keine Unregelmäßigkeiten
gegeben habe. Allein schon die große An-
zahl von 44 beteiligten Banken machten
Absprachen unmöglich.
Die EU-Aktionschließt sichanErmitt-
lungen an, mit denen Aufsichtsbehörden
in den USA, Europa und Japan die Fi-
nanzbranche seit etwa einem Jahr über-
ziehen. Dabei geht es ummögliche Mani-
pulationen an einem anderen Referenz-
zinssatz, dem Libor (London Interbank
Offered Rate). Dieser wird von nur zwölf
Institutenermittelt. ImFokus der Ermitt-
lungen sollen Großbanken wie Barclays,
UBS und Citigroup stehen. Ein Ergebnis
gibt es noch nicht.
Welches Interesse könnten Großban-
ken daran haben, einen Referenzzinssatz
wie den Euribor oder den Libor zu mani-
pulieren? „Es geht vermutlich weniger
darum, dass Banken in ihrem direkten
Geschäft davon profitieren wollten“,
sagt Bankenprofessor Faust. Schließlich
seien die Bankenprodukte zu unter-
schiedlich. Bei Sparprodukten würde ei-
ne Bank profitieren, wenn sie den Zins
nach unten manipulierte: Sie müsste den
Sparern dann weniger Zinsen zahlen, als
den Satz, zu dem sie sich selbst Geld lei-
hen kann. Bei verliehenen Krediten ist es
umgekehrt. „Es läuft auf ein Nullsum-
menspiel hinaus, zumal viele Banken mit
unterschiedlichen Geschäftsmodellen
am Euribor beteiligt sind“, sagt Faust.
Wahrscheinlicher ist, dass die Banken
den Zins aus Bonitätsgründen niedriger
meldeten, als er in Wirklichkeit war. Der
Hintergrund: Mit Ausbruch der Finanz-
krise imJahr 2008 schwand das Vertrau-
en der Banken untereinander. Der Inter-
bankenhandel geriet ins Stocken, keine
Bank wollte der anderen mehr Geld lei-
hen, aus Sorge, dass sie es nicht zurückbe-
kommt. Und wenn Banken anderen Kre-
ditinstitutenGeldliehen, dannnur zuho-
hen Risikoaufschlägen. Ein hoher Zins
ist aber immer ein Alarmsignal; er zeigt,
dass die Banken Schwierigkeiten haben,
sichGeldzubesorgen. „Indemdie Kredit-
institute einen niedrigeren als den realen
Zins meldeten, mussten sie nicht offenle-
gen, wie dramatisch ihre Situation wirk-
lichist“, sagt Faust. Sie hättenso ihre tat-
sächliche Bonitätslage verschleiert.
Von Jeanne Rubner
Galileo Galilei gehört zu den ganz
großen Forschern, er war sogar ein
Revolutionär. Europas Satellitennaviga-
tionssystem nach ihm zu benennen,
zeugt daher von einem gewissen Maß an
Kühnheit. Galileo, das größte Industrie-
projekt der EuropäischenUnion seit dem
Airbus, datiert aus dem Jahr 2003. Da-
mals war man tatsächlich kühn. So kühn
zuglauben, dass Europa auch ein eigenes
GPSstemmenkönne undnicht auf die Si-
gnale der Amerikaner oder der Russenan-
gewiesen sei. Galileo war das Symbol für
Europas Stärke.
Heute jedoch wirken Mut und Stärke
von damals geradezu tollkühn. Wenn
vondiesemDonnerstag an die ersten bei-
den von zwei Dutzend Satelliten ins All
geschossen werden, kann Europa nicht
zum Feiern zumute sein. Das Vorzeige-
projekt, das frühestens 2014 in einemru-
dimentären Zustand in Betrieb gehen
wird, kommt Jahre zu spät, ist zu teuer
und– verglichen mit denKonkurrenzsys-
temen – nicht gut genug. Die Profiteure
von Galileo, das werden nicht Europas
Autofahrer sein, die eine Straße suchen
oder Bergsteiger, die Hilfe brauchen, son-
dern die Firmen, die millionenschwere
Aufträge erhalten haben und werden.
Die Pleite war vorhersehbar, der Feh-
ler liegt im System. Galileo begann als
halb öffentlich, halb privates Vorhaben,
als eines dieser Public-Private-Partner-
ship, die man Anfang des Jahrhunderts
modern fand. Doch die beteiligten Kon-
zerne warenauf einemOhr taub– sie hör-
ten nur public statt private und kassier-
ten Geld aus Brüssel. Das Risiko wollten
sie nicht tragen. Viel zu lange ließen sich
die EU-Mitgliedstaaten von den Unter-
nehmen an der Nase herumführen, bevor
sie die Reißleine zogen und Galileo zu ei-
nem öffentlich finanzierten Projekt
machten.
Zu diesem Zeitpunkt hätte man Gali-
leo noch stoppen können und auch sollen
– aber Großprojekte mit vielen Beteilig-
ten bekommen eine Eigendynamik, die
nicht zu bremsen ist. Oder aber man hät-
te die Satellitensignale auch militärisch
nutzen sollen – so wie es die Amerikaner
mit GPSmachen, die Russen mit Glonass
unddie ChinesenCompass. Das wäre ver-
nünftig gewesen, weil Navigationssyste-
me zu teuer für den rein zivilen Betrieb
sind. Galileos Zusatzdienste, mit denen
das große Geschäft gemacht werden soll,
werdensich angesichts der enormenVer-
zögerung nicht mehr rechnen. Dafür
braucht man mehr Satelliten als derzeit
im Budget eingeplant sind. Selbst wenn
die EU noch Geld locker machen sollte,
käme die Aufstockung zuspät – die Riva-
len werden Europa in ein paar Jahren
längst überholt haben.
So gut wie alles hat die EU bei Galileo
falsch gemacht, das Geschäftsmodell ist
grundlegendfehlerhaft. Das ist leider ein
gängiges Muster, weil Politiker vonTech-
nik zu wenig verstehen. Viele nationale
und europaweite Vorhaben, die in den
letzten Jahrzehnten entstanden sind und
von Regierungen finanziert wurden, en-
deten erfolglos: Den Raumgleiter Her-
mes, der einst Stationen imAll versorgen
sollte, verschwand als teure Blaupause
in der Schublade; der mit Steuermitteln
entwickelte Transrapidfährt zwar inzwi-
schen in Shanghai, sein weiteres Schick-
sal ist jedoch ungewiss; Airbus steckte
trotz Milliardensubventionen jahrelang
in der Krise. Innovationen lassen sich
nicht erzwingen, sie gedeihen am besten
im Wettbewerb. Unternehmen müssen
schnell reagieren, die Politik aber ist
langsam. Es sei denn, der Staat selbst hat
ein Interesse an der Anwendung: Wa-
shington steckte Milliarden Dollar in
GPS, weil Amerikas Armee ein zuverläs-
siges Ortungssystem brauchte.
Was bleibt von Galileo? Ein Zuschuss-
geschäft, wie manselbst inBrüssel inzwi-
schen offen zugibt. Und die versproche-
nen Milliardenumsätze? Ein Traum. Am
Ende bleiben allenfalls ein paar Arbeits-
plätze in der Raumfahrtindustrie – und
der Trost, dass die Euro-Rettung noch
teurer ist als Galileo.
An dem möglicherweise
manipulierten Zinssatz hängen
viele Produkte von Privatkunden.
Razzia bei den Großbanken
EU sieht Verdacht auf Zinsmanipulation. Sie könnten so ihre dramatische Lage verschleiert haben
Rettungsschirm Kurzarbeit
Arbeitgeberpräsident Hundt und DGB-Chef Sommer drängen die Bundesregierung zur Vorsorge – falls ein Abschwung kommt
G
ala für Präsident Jean-Claude Tri-
chet: Zum Abschied gaben sich in
Frankfurt amMittwoch viele Europa-Po-
litiker die Ehre, auch Kanzlerin Angela
Merkel (Foto: Pfaffenbach/Reuters). Sie
sprach in der Alten Oper lange mit Itali-
ens Notenbankchef Mario Draghi (re.),
der imNovember neuer Chef der Europäi-
schen Zentralbank wird. Trichet (Mitte)
schaute interessiert. Alle lobten die Kraft
des 68-jährigen Franzosen, der es bei der
EZB schaffte, die Preise weitgehend sta-
bil zu halten. Undder beherzt für eine gu-
te Versorgung der kriselnden Banken mit
Geld sorgte. Die Deutschen kritisieren, er
habe der Zentralbank während der Krise
Risiken aufgebürdet. Altkanzler Helmut
Schmidt aber nannte Trichet klug undun-
verzichtbar. „Lieber Jean-Claude, mit 70
beginnt das Alter nochlange nicht, Sie ha-
ben noch viel Arbeit vor sich“, rief er ihm
zu. (Seite 22) SZ
Von Uwe Ri tzer
Ingolstadt – Der Leuchtturm „Roter
Sand“, sechs Seemeilen nordöstlich der
Nordseeinsel Wangerooge, ist weltweit
bekannt. Das rot-weiß gestreifte Bau-
werk ziert sogar eine 55-Cent-Briefmar-
ke. Eine solche Marke klebte auf einemje-
ner anonymenBriefe, die einenKorrupti-
onsskandal bei Media-Saturn lostraten,
der sichnun so rasant und heftig ausbrei-
tet wie ein Orkan über dem Meer.
Seit diesem Mittwoch sitzen fünf Be-
schuldigte inUntersuchungshaft. Darun-
ter sindnachInformationender Süddeut-
schenZeitung einTop-Manager der deut-
schen Media-Markt-Organisation und
dessen Frau. Ein Firmensprecher bestä-
tigte auf Anfrage, dass sichdas Unterneh-
men nun von dem Manager trennen will.
Bei den anderen in U-Haft genommenen
Personen handelt es sich um Geschäfts-
partner vonEuropas größtemElektronik-
Händler Media-Saturn. Der Augsburger
Leitende Oberstaatsanwalt ReinhardNe-
metz wollte auf Anfrage zur Identität der
Verhafteten nichts sagen. Die Vorwürfe
gegen sie wiegen schwer. „Wir gehen von
besonders schweren Fällen der Beste-
chung und der Bestechlichkeit im ge-
schäftlichen Verkehr aus“, sagte Ne-
metz. Die Verdächtigen sollen gewerbs-
und bandenmäßig organisiert gewesen
sein. Bei einer Verurteilung drohen Haft-
strafen bis zu fünf Jahren.
Als Mitte Juli 160 Polizisten und
Staatsanwälte 20 Häuser, Wohnungen
und Büros im gesamten Bundesgebiet
durchsuchten, darunter auch die Media-
Saturn-Zentrale in Ingolstadt, richteten
sich die Ermittlungen noch gegen sechs
Leute. Inzwischen sind nach Angaben
von Nemetz 19 Personen involviert. Dem
Wetzlarer Geschäftsmann Peter N. wird
ein besonders schwerer Fall von Beste-
chung im geschäftlichen Verkehr vorge-
worfen. Drei Beschuldigte sollen Beste-
chungsgelder kassiert, 15 weitere Beihil-
fe geleistet haben.
Es geht um fragwürdige Geschäfte
rundumDSL-Verträge. 50 MillionenEu-
ro Provisionen soll Peter N. über seine
Firmen von 2005 bis 2010 für DSL-Kon-
trakte kassiert haben, die seine Mitarbei-
ter in Media- und Saturn-Märkten ver-
kauften. Um überhaupt an diesen
Vertriebsauftrag zu kommen, soll er Ver-
antwortliche bei Media-Saturn kräftig
geschmiert haben. Die Staatsanwalt-
schaft geht von 3,5 Millionen Euro aus,
aufgeteilt auf mehr als 200 Einzelvorgän-
ge. Nach Angaben von Chef-Ankläger
Nemetz sollen Marktleiter aus der über-
geordneten Media-Saturn-Organisation
heraus angewiesen worden sein, mit
Peter N. zu kooperieren.
Das bei den Juli-Razzien beschlag-
nahmte Material sowie Vernehmungen
von Zeugen und Beschuldigten erhärte-
ten aus der Sicht der Ermittler die Vor-
würfe aus jenen anonymen Briefen, die
2010 bei Media-Saturnund der Augsbur-
ger Staatsanwaltschaft eingingen. Ihr
Verfasser gilt als Insider. Präzise, detail-
liert und mit viel Hintergrundwissen be-
schreibt er die angeblichen „Kickback“-
Geschäfte. Zu diesem Ergebnis kamen
auch Wirtschaftsprüfer von KPMG, die
im Auftrag von Media-Saturn die An-
schuldigungen intern untersuchten.
DemVernehmennachsollendie Beste-
chungsgelder etwa über Immobilien in
den USA gewaschen worden sein. Zur
Tarnung hätten einige Beteiligte Schein-
verträge über Leistungen abgeschlossen,
die nie erbracht worden seien. Bisweilen
lief alles über Firmen der Ehefrauen. Ein
800 000-Euro-Transfer zwischen einer
Firma von Peter N. und einemUnterneh-
men, an dem zum fraglichen Zeitpunkt
die Frau eines Media-Saturn-Managers
beteiligt gewesen sein soll, kam internen
Ermittlern seltsam vor.
Viele der Firmen von Peter N. existie-
ren nicht mehr. Für Media-Saturn
wächst sich der Korruptionsfall derweil
zu einem Problem aus. Gerade auch vor
dem Hintergrund des Gesellschafter-
streits zwischen dem Mehrheitseigner
Metro mit den Firmengründern Erich
Kellerhals und Leopold Stiefel (die SZ
berichtete). Die Gründer hatten auf der
letzten Gesellschafterversammlung mit
ihrer Sperrminorität einen Antrag der
Metro blockiert, Michael R. vorläufig zu
beurlauben. Er gehört der obersten Me-
dia-Saturn-Geschäftsführung an und
war jahrelang der Vorgesetzte des nun-
mehr verhafteten Managers. Auch gegen
R. wird wegen Korruptionsverdacht er-
mittelt. Er befindet sich auf freiem Fuß.
Media-Saturn lässt seine Rolle gerade
durch eine Sonderprüfung untersuchen.
Donnerstag, 20. Oktober 2011 HF2 Süddeutsche Zeitung Nr. 242 / Seite 21
Angst vor der Krise: Dieter Hundt (links) und Michael Sommer. Foto: Koall/Getty
Kommentar
Alles falsch gemacht
Das Satellitensystem Galileo ist zu spät, zu teuer und nicht gut genug
Ciao
Media-Saturn im
Sog der Korruption
Gericht erlässt Haftbefehle gegen fünf Beschuldigte – auch
ein Topmanager und dessen Ehefrau sitzen in Untersuchungshaft
WIRTSCHAFT
Leerer Media-Markt-Parkplatz inDüs-
seldorf: Die Elektronikkette hat einen
Korruptionsskandal. Fünf Beschuldig-
te sind bereits in U-Haft. Foto: dpa
Der Misserfolg war
vorhersehbar, der Fehler
liegt im System.
Von Si l ke Bi gal ke
A
ls Michael Wiehen Washington
1995 verließ, um nach 35 Jahren
bei der Weltbank in den Ruhe-
stand zu gehen, gab es jedes Wochenende
diese Kolumne in der Washington Post.
Darin standen alle Restaurants, die die
Behördenwegenmangelnder Hygiene ab-
gemahnt hatten. Zurück in der Heimat
ging Wiehen zur Stadtverwaltung und
fragte nach einer solchen Liste für Mün-
chen. „Die waren völlig verblüfft“, er-
zählt er. Wofür er denn die Liste brau-
che, wollten die Beamten wissen. „Ich
will in diesen Lokalen nicht essen, ist
doch klar.“ Das ginge nicht, das würde
den Restaurants ja schaden, lautete die
Antwort. Wiehen schüttelt noch heute
den Kopf darüber. Dass der Schutz der
Unternehmen so weit gehe, Fehlverhal-
ten zu decken, will ihmnicht in den Sinn.
Für den heute 79-Jährigen war dieses
Erlebnis ein Grund mehr, seinemFreund
Peter Eigen beim Aufbau von Transpa-
rency International (TI) zu helfen – jener
Organisation, die sich für die Bekämp-
fung von Korruption und mehr Transpa-
renz einsetzt. Die beiden kannten sich
nicht nur aus gemeinsamen Jahren bei
der Weltbank, Wiehen hatte alle Stufen
vonder Idee bis zur Gründung vonTrans-
parency 1993 hautnah miterlebt. 1995
stieg er ein – unter einer Bedingung: Die
Organisation sollte sich mehr mit Kor-
ruption in Deutschland auseinanderset-
zen. Eigen hatte sich bisher auf das Aus-
land konzentriert. „Das erschien mir
nicht ausreichend“, sagt Wiehen. Er ahn-
te nicht, was er sich einhandelte.
In Deutschland hatten es Korrup-
tionsbekämpfer vor 15 Jahren schwer.
„Das war einTabu-Thema hier. Wer dar-
über sprach, gab ja zu, dass Korruption
ein Problem sein könnte“, sagt Wiehen.
Er selbst hat viele Prügel einsteckenmüs-
sen. Von Menschen, „die mit dem alten
System sehr gut gelebt haben“, wie er
sagt, aber auch von Korruptionsgegnern.
Deren Vorwurf: Transparency lasse sich
von Unternehmen finanzieren und diene
als Deckmäntelchen.
So wurde der Fall Siemens für Wiehen
zum bitteren Schlüsselerlebnis. Denn
der Konzern war Mitglied bei TI und
zahlte doch im Ausland Schmiergelder.
Als Wiehen – der von 1998 bis 2001 Vor-
sitzender von TI Deutschland war – sich
nach Ungereimtheiten in einigen Län-
dernerkundigte, beruhigtendie Siemens-
Manager. „Ehrenmänner, die imKanzler-
amt ein- undausgingen, haben uns versi-
chert, es sei alles in Ordnung“, sagt er im
Rückblick. „Einige unserer Siemens-
Kontakte haben uns damals glatt ins Ge-
sicht gelogen.“ Im November 2006 flog
die Siemens-Affäre auf. Das habe ihnper-
sönlich getroffen, der Organisation hat
es geschadet. „Manhat uns für blauäugig
gehalten – und vielleicht waren wir es
auch“, sagt Wiehen.
Transparency hat daraus gelernt. Wäh-
rendanfangs große Firmenohne Nachfra-
gen als Mitglieder aufgenommen wurden
– Hauptsache, sie zahlten den Beitrag –,
werde heute jeder Bewerber überprüft,
versichert Wiehen. Zu den TI-Mitglie-
dern gehören die Deutsche Bahn, die
Commerzbank oder Pricewaterhouse-
Coopers. Siemens hat seine Mitglied-
schaft nach Auffliegen der Affäre selbst
zurückgezogen, nachdem Transparency
mit Ausschluss gedroht hatte.
Im Rückblick sieht Wiehen diese Zeit
doch als Erfolg: „Wenn sie vor 15 Jahren
100Leute gefragt hätten, was sie mit Kor-
ruption verbinden, hätten 98 gesagt: In-
donesienoder Ghana. Aber heute weiß je-
der, dass KorruptioninDeutschlandexis-
tiert.“ Vieles habe sich geändert: Wiehen
hat die Informationsfreiheitsgesetze, al-
so das Recht auf Information durch Be-
hörden, mit durchgesetzt, denIntegritäts-
pakt gegenKorruptionbei der Ausschrei-
bung öffentlicher Bauaufträge mitentwi-
ckelt und dazu beigetragen, dass deut-
schen Exportfirmen, die im Ausland
Schmiergelder zahlen, Strafen drohen.
Aus Wiehens Plan, sich im Ruhestand
mehr „um Weinberge in der Toscana“ zu
kümmern, ist bis heute nichts geworden.
Die Arbeit bei Transparency hat ihn viel
Kraft gekostet. Doch so ist es oft gewesen
in seinem Leben: Vieles kam anders als
erwartet. So begann seine Karriere da-
mit, dass sein Vater, ein bekannter Ban-
ker, einen Fehler machte. Er verhalf sei-
nem Sohn, der damals als Jurastudent
ein Praktikum beim Bundesverband der
deutschen Industrie (BDI) machen woll-
te, zu einemVorstellungsgespräch. Aller-
dings nicht beimBDI, sondernversehent-
lich beim Bundesverband der deutschen
Arbeitgeber (BDA). Dort beschäftigte
sich Wiehen zähneknirschend mit Ar-
beitsrecht. Doch das war sein Glück:
Dennin dieser Zeit bewarber sich für ein
Stipendium in den USA, und die Havard
Law School suchte ausgerechnet einen
Spezialisten für deutsches Arbeitsrecht.
So kam Wiehen nach Amerika, sein Har-
vard-Abschluss verhalf im später zum
Weltbank-Job. Für ihn war damals das
Wichtigste, weit weg vombekannten Va-
ter zu arbeiten, nicht mehr nur „der
Sohn von“ zu sein.
Bei der Weltbankhat er geholfen, Städ-
te wie Mumbai und Kalkutta besser mit
Frischwasser zu versorgen. „Dort habe
ich die schlimmste Armut gesehen, die
man sich vorstellen kann“, sagt er. Er
baute SchulenundKlinikeninAfrika, so-
wie Staudämme in Indien und Pakistan.
1990 übernahm er die Leitung der Süd-
Ost-Europa-Abteilung, anstatt als Lei-
ter der Außenstelle nach Indienzugehen.
„Drei Jahre in Indien zu leben wäre eine
große Erfüllung für mich gewesen“, sagt
er. „Aber ich habe selten etwas bereut.“
Ganz mag man ihm nicht glauben: Im
Wohnzimmer seiner Wohnung in Mün-
chen-Freimann ist er umgeben von
Skulpturen aus Indien und Asien.
Wiehen kann stundenlang ohne Pause
erzählen, konzentriert und ganz bei der
Sache. Er spricht von seiner Reiseliste,
die immer noch lang ist. Kenia steht ganz
oben: Hier unterstützt die „Stiftung Kin-
der-Hilfe“, die Wiehen leitet, ein Bil-
dungsprogramm für Maasai-Mädchen.
In diesen Tagen endete sein Amt im
Membership Accreditation Committee
von Transparency. Wiehen wollte nicht
wieder kandieren, Platz für Jüngere ma-
chen. Aber er hat sich bereits eine neue
Aufgabe gesucht: Für TI wirder mit ande-
ren Nichtregierungsorganisationen die
Finanzpolitik in Brüssel beobachten.
Nur eines weiß er noch immer nicht: In
welchen Restaurants er bedenkenlos es-
sen kann. Denn über die Hygiene-Ampel
für Restaurants wird in Deutschland
noch immer gestritten.
N
ach wie vor ernten neugierige Nach-
frager beredtes Schweigen in der
Daimler-Konzernzentrale, wenn sie sich
über den Fall Ernst Lieb erkundigen.
Was hat sich der Statthalter für die Edel-
marke Mercedes in den USA zuschulden
kommen lassen? Trivial dürfte der
Grund nicht sein, dass Daimler den er-
folgreichen Verkäufer auf dem zweit-
wichtigsten Markt nach Deutschland
mit sofortiger Wirkung freigestellt hat.
Das heißt, Liebist nicht hochkant hinaus-
geworfen worden, er gehört dem Auto-
konzernweiter an, ist aber vonseiner Ar-
beit erst einmal entbunden. Bis die gegen
ihn erhobenen Vorwürfe geklärt sind.
Mehr wird nicht verraten.
Keine Frage, dass solch ein Vorgang
hohe Aufmerksamkeit auf sich zieht,
dass die Vermutung auf der Hand liegt,
Lieb könnte gegen die strengen internen
Verhaltensrichtlinien verstoßen haben,
die sich der Konzern nach einigen aufge-
decktenKorruptionsfälleninder Vergan-
genheit auferlegt hat. Das Handelsblatt
berichtet, dass Lieb es mit der Trennung
von Geschäftlichem und Privatem nicht
allzu genau genommen haben soll. So
soll er sein Haus in der Nähe New Yorks
auf Daimler-Kosten luxuriös ausgebaut
und außerdem noch Mitgliedsbeiträge
für seinenGolfclubauf Firmenkostenab-
gerechnet haben. Auchwenngrüner Golf-
rasen als Geschäftsanbahnungsgrundla-
ge einen schon legendären Ruf genießt,
bei Daimler zählt so ein Argument nichts
mehr. „Null Toleranz“ lautet die Devise,
auf derenEinhaltung die neue Vorstands-
frau Christine Hohmann-Dennhardt seit
Februar eisern wacht.
Ihren Vorstandsposten für „Recht und
Integrität“ hat die frühere Bundesverfas-
sungsrichterin nicht zuletzt dem Um-
stand zu verdanken, dass der Autokon-
zernjahrelang imVisier der US-Justizbe-
hördenundder Börsenaufsicht stand. Ve-
triebsmanager sollen zwischen 1998 und
2008 in 22 Ländern Amtsträger besto-
chen haben, um Autos und Lastwagen
besser an den Mann zu bringen. Erst im
vergangenen Jahr zahlte der Konzern
135 Millionen Euro, um einen Vergleich
in der Schmiergeldaffäre herbeizufüh-
ren. Auch in Deutschland gab es immer
wieder Fälle, in denen Mitarbeiter fin-
gierte Abrechnungen vorgelegt und
Schmiergelder gezahlt hatten oder in an-
dere Betrügereien verwickelt waren. Da-
mit soll nun ein für allemal Schluss sein,
weswegenDaimler eine interne „Whistle-
blower-Hotline“ eingerichtet hat. Das
heißt, Mitarbeiter könnenanonymundte-
lefonischHinweise auf vermeintliche Re-
gelverstöße loswerden. Keine Frage, dass
solche Ermunterung zum Verpfeifen
auch jenen Tür und Tor öffnet, die ledig-
lich alte Rechnungen begleichen wollen.
Hohmann-Dennhardt denkt deshalb
schon über den Einsatz eines externen,
neutralen Ombudsmann nach.
Bei Lieb dürfte so ein „Whistleblo-
wer“ tätig geworden sein, weswegen
jetzt erst einmal interne Ermittlungenge-
gen ihn stattfinden müssen. Auch wenn
der 56-Jährige, der schon 36 Jahre in
Daimler-Diensten steht, die schönsten
Verkaufserfolge auf dem US-Markt vor-
zuweisenhat – bei einemRegelverstoß un-
termRegnumder „Null Toleranz“ nützte
ihm das nichts. Dagmar Deckstein
Null Toleranz für Topmanager
Nach Korruptionsfällen hat Daimler die internen Regeln verschärft. Das trifft nun Mercedes-USA-Chef Ernst Lieb
G
erhard Cromme, 68, hat an seiner
Aufgabe als Aufsichtsratsvorsitzen-
der der Siemens AGsoviel Freude gewon-
nen, dass er plant, bis 2018 an der Spitze
des Kontrollgremiums zu bleiben. Dafür
hat er sogar die Satzung des Gremiums
in den vergangenen Monaten ändern las-
sen. Die sah in ihremersten Paragraphen
bisher vor, dass die Mitglieder des Auf-
sichtsrates das Gremium mit Erreichen
des 70. Lebensjahres räumen müssen.
Das wäre bei Cromme 2013der Fall gewe-
sen, demJahr der nächstenWahl des Auf-
sichtsrates. Jetzt steht in der Geschäfts-
ordnung eine andere Version: „Zur Wahl
als Mitglied des Aufsichtsrates sollen in
der Regel nur Personen vorgeschlagen
werden, die nicht älter als 70 Jahre sind“.
So ist die Tür offen für eine weitere Amt-
periode von Cromme, der auch noch Auf-
sichtsratsvorsitzender der Thyssen-
Krupp AG ist.
Unternehmenskreise weisen darauf
hin, dass diese Satzungsänderung nicht
allein auf Wunsch Crommes vorgenom-
menwurde. Die neue Regelung erlaubt es
auch Aufsichtsratsmitglied Gerd von
Brandenstein, wieder in das Gremium
einzuziehen. Er sitzt als Vertreter der Fa-
milie Siemens im Aufsichtsrat. Aller-
dings ist im Konzern wie außerhalb be-
kannt, dass Cromme bei Siemens eine so
starke Stellung hat, dass es wohl nie-
mand gewagt hätte, ihm den Wunsch
nacheiner Verlängerung der Amtszeit ab-
zuschlagen.
Cromme leitet den Aufsichtsrat von
Siemens seit dem Mai 2007. Die große
Korruptionsaffäre, die den Konzern seit
dem Herbst 2006 durchschüttelte, hatte
dazu geführt, dass der langjährige Chef-
kontrolleur Heinrich von Pierer gehen
musste. Cromme, der dem Kontrollgre-
mium seit 2003 angehört und der nach
2005 den Prüfungsausschuss leitete,
konnte immer glaubhaft machen, mit der
Korruptionsaffäre nichts zu tun zu ha-
ben. Cromme steuerte im Wesentlichen
die juristische Abwicklung der Korrup-
tionsaffäre und holte 2007 auch den neu-
en Vorstandsvorsitzenden Peter Löscher
ins Unternehmen.
Cromme hat sich einen Namen ge-
macht, weil er von 2001 bis 2008 die Re-
gierungskommission Deutscher Corpo-
rate Governance Kodex leitete, die Re-
geln für gute Unternehmensführung auf-
stellt. Karl-Heinz Büschemann
Ein Leben und viele Zufälle
Michael Wiehen hat die deutsche Sektion von Transparency International aufgebaut. Auch jetzt, mit 79, bleibt er engagiert
Von Hel ga Ei necke
D
raußen vor der Alten Oper in
Frankfurt wirdprotestiert. Die Be-
wegung „Besetzt Frankfurt“ be-
gleitet den festlichen Abschied von EZB-
Präsident Jean-Claude Trichet auf ihre
Art. „Game over“ steht auf einemgroßen
Transparent.
Drinnen geht es staatstragend zu. Die
Spitzenpolitiker Europas feiern im gro-
ßen Saal einen der ihren. Die Namenslis-
te der Festredner liest sich wie ein „Who
is who“ aus Brüssel. Mehr Europa geht
kaum. Jersy Buzek, Hermann Van Rom-
puy, Jose Manuel Barroso, Jean-Claude
Juncker, die vier Chefs von Parlament,
Rat, Kommission und der Eurogruppe
sind gekommen. Sie repräsentieren das
Volk, die Regierung, die Staaten und die
Finanzminister des Kontinents. Sie alle
erweisen einem Mann die Ehre, der für
die Europäer zumInbegriff der gemeinsa-
men Währung geworden ist. Weil der
Festakt in Deutschland stattfindet, darf
Kanzlerin Angela Merkel nicht fehlen.
Auch sie gewährt Trichet die verbalen
Streicheleinheiten, die er zuletzt
schmerzlich vermisste. „Lieber Jean-
Claude, ich hoffe, dass du Deutschland
als Freundweiter lieben wirst“, sagte sie.
Erst vor kurzem hatte Monsieur Euro
noch die Nerven verloren. Man hatte ihm
vorgeworfen, er überfrachte die Zentral-
bank mit hohen Risiken, überschreite
sein Mandat, kaufe zu viele marode
Staatsanleihen. Erregt zählte der 68-Jäh-
rige EZB-Präsident damals die Verdiens-
te seines Hauses umstabile Preise auf, kri-
tisierte die Politiker wegen des gebroche-
nen Stabilitätspakts. Er vermisste Ap-
plaus, Glückwünsche und Anerkennung
anstelle der nicht abebbenden Vorwürfe.
Die Deutschen waren es vor allem, die
ihn seit über einem Jahr nervten, weil sie
seinen Kurs nicht mittragen wollen. Ex-
Bundesbankpräsident Axel Weber trat
unter Protest zurück, EZB-Chefvolks-
wirt Jürgen Stark folgte.
Aber beim feierlichen Abschied in
Frankfurt, nur wenige Schritte vom Sitz
der EZB entfernt, schien der Sturm der
vergangenenTage vergessen. Zwei Groß-
väter des Euro, Ex-Kanzler Helmut
Schmidt und sein französischer Alter
Ego Valerie Giscard d’Estaing frischten
nicht nur Erinnerungenauf. Schmidt rüf-
felte viele aus dem Publikum mit seiner
Kritik am „dramatischen Unvermögen
der politischen Organe“. Die sei eine
ernstere Bedrohung als die Verschul-
dung einzelner Euroländer. Nur die EZB
habe sich als handlungsfähig und wirk-
samerwiesen. Die unfähigenOrgane hät-
ten versäumt, die richtigen Spielregeln
für die Währungsunion aufzustellen. Die
Sprachen der Reden wechselten vom
Französischen ins Deutsche, selten ins
Englische. DennDeutschlandundFrank-
reich sind von jeher die Motoren auf dem
Weg zum gemeinsamen Europa. Selbst
beim Trichet-Abschied ging es immer
wieder um den richtigen Weg dorthin,
selbst im übertragenen Sinn.
Kenner der fehlenden Einmütigkeit in
Europa freuten sich über die treffende
Auswahl der Musik. Der Auftakt zum
„Karneval der Tiere“ wurde gespielt. Es
handelt sich um eine Komposition des
Franzosen Camille Saint-Saens, der dar-
in die Stimmen recht unterschiedlicher
Tiere imitierte und berühmte Kollegen
seiner Zeit veralberte.
Als Trichet vor acht Jahren das Amt
des EZB-Präsidenten übernahm, war
vonKrise keine Spur. Damals begünstig-
te die Globalisierung das Wachstum,
Schuldenmachen schien kein Problem.
Deutschland galt als der kranke Mann
Europas, ächzte unter grundlegendenRe-
formen wie Hartz IV. Irland, Spanien
undPortugal warendie Gewinner der Eu-
ro-Zone. Die Finanzkrise hat das Blatt
grundlegend gewendet, sie forderte Tri-
chet und seine Führungsmannschaft wie
nie zuvor. Die EZB flutet bis zum heuti-
gen Tag die Banken mit Geld, um die
Schwächendes Finanzsystems auszuglei-
chen. Sie übernahm Risiken der Banken
undder Staaten, vorübergehend, wie Tri-
chet stets betont. Hat er sich von Regie-
rungen zu sehr drängen lassen, schmei-
chelte ihmseine wichtige Rolle als Retter
in der Not? Mit solchen Fragen wurde er
bis zuletzt bedrängt. Die Auseinanderset-
zungen über den richtigen Weg sind an
demüberzeugten Europäer nicht spurlos
vorübergegangen. Man muss ihmals dem
großen Moderator im Euro-Konflikt ab-
nehmen, dass ihm die Zukunft Europas
und die Freundschaft zwischen Frank-
reich und Deutschland am Herzen liegt.
Trichets Nachfolger Mario Draghi,
Chef der italienischen Notenbank, über-
nimmt Anfang November das Zepter in
einer schwierigen Phase. Aber er kennt
sich mit Konflikten bestens aus, hat in
Rom schlimmere Proteste überstehen
müssen als Trichet in Frankfurt. In der
AltenOper erzählte Draghi aus altenZei-
ten, als er noch gemeinsam mit seinem
Freund Jean-Claude den Euro anschob.
Die ehemaligen„Traumschiff“-Reederin-
nen Gisa und Hedda Deilmann stehen
nun auch privat vor der Pleite. Gegen die
Schwestern wurden Insolvenzverfahren
eröffnet. Das ehemalige Deilmann-Flagg-
schiff „MS Deutschland“ aus der ZDF-
Serie „Das Traumschiff“ ist davon nicht
berührt. Die Reederei und mit ihr auch
das Schiff wurde im vergangenen Jahr
mehrheitlich von der Münchner Finanz-
holding Aurelius übernommen. Die
Schwestern, die das Unternehmen seit
demTod ihres Vaters Peter Deilmann ge-
führt hatten, waren zuvor in finanzielle
Schieflage geraten. Als damals geschäfts-
führende Gesellschafterinnen haften sie
mit ihrem privaten Vermögen für die
Schulden. Bislang seien Verbindlichkei-
ten in Höhe von 17,3 Millionen Euro gel-
tend gemacht worden, hieß es. dpa
D
ie HSH Nordbank hat viele Skanda-
le in den letzten zwei Jahren produ-
ziert: Da sollen Kinderpornos unterge-
schoben worden sein. Angeblich wurden
unliebsame Politiker und Journalisten
bespitzelt und sogar Vorstände gemobbt.
Schließlich brachten Wirtschaftsprüfer
den hässlichen Verdacht auf, die türki-
sche Justiz sei womöglich geschmiert
worden. Etliche dieser Affären sind bis
heute nicht aufgeklärt – und eines hatten
sie bisher gemeinsam. Kein ehemaliger
oder noch amtierender Top-Manager der
Landesbankmusste dafür direkt die Ver-
antwortung übernehmen.
Seit Mittwoch ist das anders. Zumin-
dest einer der Skandale kann einem Ma-
nager angelastet werden: dem ehemali-
gen Chefjustiziar Wolfgang Gößmann.
Das meint das Arbeitsgericht Hamburg.
Demnachhat die Nordbank ihremfrühe-
ren Chefjuristen zu Recht die Kündigung
ausgesprochen. Nacheiner gut einstündi-
gen Verhandlung wies die Kammer unter
dem Vorsitz der Arbeitsrichterin Ulrike
Höppner eine Kündigungsschutzklage
ab, mit der sich Gößmann gegen seinen
Rausschmiss gewehrt hatte.
Im März hatte die Nordbank bekannt
gegeben, dass sie ihren Topjuristen zum
30. September dieses Jahres feuert. Die
Bank hatte die Kündigung des 56-Jähri-
gen mit dem Verdacht der Untreue und
der grob fahrlässigen Vertragsverlet-
zung begründet. Gößmann hatte darauf-
hin Klage eingereicht, damit die Landes-
bank die Kündigung zurücknimmt, ihn
weiterbeschäftigt undihmalle Kostener-
setzt, die ihm, wie er sagt, durch„schlech-
te Presse“ entstanden seien.
Hintergrund des Abtritts waren un-
durchsichtige Zahlungen der Bank an
die mittlerweile pleite gegangene Sicher-
heitsfirma Prevent. Nach Meinung des
Gerichts ist Gößmann dafür mitverant-
wortlich. Der Jurist galt als einer der
engstenMitarbeiter des damaligen HSH-
Chefs Dirk Jens Nonnenmacher und er
soll, so die Bank, Beträge in Höhe von
mehreren Millionen Euro an Prevent an-
gewiesen haben. Gößmann selbst hatte
dies inder einstündigen Verhandlung am
Mittwoch bestritten. Er stellte sich selbst
lediglich als ausführenden Arm dar:
„Wenn ein Vorstand sagt: unterschreib,
dann unterschreibt man“, sagte er. Die
Verantwortung habe beim damaligen
Schifffahrtsvorstand Peter Rieck gele-
gen. „Ich habe die Verträge nur rechtlich
prüfen müssen.“ Rieck hatte diesen Vor-
würfen stets widersprochen.
Im Rahmen eines Rechtsstreits in der
Türkei hatte Gößmann die Agentur Pre-
vent eingeschaltet, damit diese bei türki-
schen Würdenträgern ein gutes Wort für
die HSH einlegt. Unter dem Decknamen
Shisha, zu deutsch: Wasserpfeife, be-
gann Prevent, die Strippen in der Türkei
zuziehenundspannte sogar denehemali-
gen türkischen Ministerpräsidenten Me-
sut Yilmaz ein. Gößmann widersprach in
der Verhandlung dem Verwurf, dabei sei
es um Schmiergeld gegangen: „Es ist ab-
surd zu glauben, dass Herr Yilmaz mit
Geldkoffern durch die Welt lief.“
Später kassierte Prevent dann eine er-
folgsabhängige Prämie von 3,5 Millionen
Euro sowie ein Honorar von 1,59 Millio-
nenEuro netto für einfragwürdiges Gut-
achten – obwohl der Rechtsstreit gegen
die Reederei letztlich für die HSH Nord-
bank verloren ging. Auf die Frage der
Richterin, ob die Bank denn ganz be-
wusst ein nutzloses Gutachten bestellt
habe und wer dafür wohl verantwortlich
sei, sagte Gößmann: „Ich kenne Herrn
Rieck. Ich mag ihn zwar nicht, aber er
wird nichts Unrechtes getan haben.“
Bis zu dem Gerichtstermin hatte sich
Gößmann mehr als ein Jahr vor der Öf-
fentlichkeit versteckt und war juristisch
gegen unliebsame Artikel vorgegangen.
Ob er gegen das Urteil Berufung einlegen
wird, ist unklar. Kristina Läsker
Vor allem die
Deutschen setzten
Trichet zu.
Cromme will
länger bleiben
Siemens-Aufsichtsratschef
lässt Satzung ändern
EinBildaus besseren Tagen: US-Mana-
ger Ernst Lieb mit Konzernchef Dieter
Zetsche. Foto: Gary Malerba/AP/dapd
Proteste vor der Zentrale der Euro-
päischen Zentralbank in Frankfurt
begleiteten am Mittwoch den Ab-
schied von EZB-Chef Jean-Claude
Trichet. Foto: F. Rumpenhorst/dpa
Denkt noch nicht an Ruhestand: Michael Wiehen, der 35 Jahre für die Welt-
bank arbeitete, in seiner Wohnung in München. Foto: Alessandra Schellnegger
Letzte Streicheleinheiten
Mit Pomp und Prominenz verabschiedet die EZB ihren langjährigen Chef Jean-Claude Trichet. Zum Abschied spürt der die Nähe zur Politik, die er in der Krise vermisste
Deilmann-Schwestern pleite
Rausschmiss
besiegelt
HSH hat ihrem Ex-Chefjuristen
Gößmann zu Recht gekündigt
Seite 22 / Süddeutsche Zeitung Nr. 242 HF2 Donnerstag, 20. Oktober 2011
WIRTSCHAFT
Es geht um undurchsichtige
Lobbyarbeit in der Türkei
und um nutzlose Gutachten.
Der Fall Siemens
wurde für ihn zum
bitteren Schlüsselerlebnis.
Gerhard Cromme Foto: Rumpf
Von Carol i ne Ischi nger
Brüssel – Betrüger werden immer cleve-
rer. Fahnder der EuropäischenUnionma-
chen die bittere Erfahrung, dass sie mit
zunehmend komplexen Fällen von Kor-
ruption konfrontiert sind. Wie aus dem
Jahresbericht der EU-Behörde für Be-
trugsbekämpfung Olaf für 2010 hervor-
geht, haben die Ermittler unter anderem
ein neues System aufgedeckt, das etwa
30 mutmaßliche Betrugsfälle vorwie-
gend mit Geld aus dem EU-Budget für
Entwicklungshilfe umfasst. Eine Rolle
spielen dabei offenbar „versteckte Bera-
ter“. Sie erwerben nach Angaben von
Olaf mit illegalen Mitteln interne Infor-
mationen aus der EU-Kommission, die
sie gegeneine „Erfolgsgebühr“ anUnter-
nehmen verkaufen. Die Firmen bewer-
ben sich auf dieser Grundlage wieder für
bestimmte Aufträge der Kommission.
Die mutmaßlichen Betrüger agierten
als „Informationsmakler“, sagte Olaf-
Strategiedirektor Nicholas Ilett. Das Sys-
tem hängt aber auch davon ab, dass die
Berater Komplizen inder EU-Kommissi-
on finden, die daran beteiligt sind, die
EU-Projekte vorzubereiten undumzuset-
zen. Gegen vier Unternehmen, zwei Lob-
byisten, zwei Direktoren von Beratungs-
firmen und drei EU-Mitarbeiter wurden
in EU-Mitgliedsländern, die von Olaf
nicht genannt wurden, gerichtliche Er-
mittlungen aufgenommen. Olaf hat zu-
demempfohlen, Mitarbeiter der Kommis-
sion besser über diese Risiken aufzuklä-
ren und die Berater von Firmen, die sich
um Aufträge bewerben, in ein Transpa-
renzregister für Lobbyisten aufzuneh-
men. Den entscheidenden Tipp hatte
Olaf von einer Firma bekommen, die sich
erfolglos für einen Auftrag der EU be-
warb und ein Informationsleck zuguns-
ten ihres Konkurrenten vermutete.
Im Jahr 2010 erhielt Olaf insgesamt
983 Hinweise und verfolgte knapp 500
Verdachtsfälle. Die Behörde sorgte da-
für, dass 67, 9 Millionen Euro in die EU-
Haushalte zurückflossen. Das ist deut-
lich weniger als in den Vorjahren, was
laut Olaf damit zusammenhängt, dass
2010 keine großen Zollermittlungen ab-
geschlossen wurden. Die meisten Unter-
suchungenfanden, wie zuvor, inBulgari-
en statt. Dabei geht es vorrangig umFör-
dermittel für die Landwirtschaft. Olaf-
Mann Ilett äußerte sich besorgt über die
bulgarische Justiz. Das Land würde in-
zwischen aber auch selbst ermitteln.
Düsseldorf – Die Preise für Briefe der
Deutschen Post werden auch im nächs-
ten Jahr stabil bleiben. „Wir werden für
das Jahr 2012 keinen Antrag auf Preiser-
höhungen beim Briefporto stellen“, sag-
te ein Post-Sprecher am Mittwoch. Dies
gelte sowohl für Sendungen im Inland
als auchfür Briefe ins Ausland. EinStan-
dardbrief kostet derzeit 55 Cent, eine
Postkarte 45 Cent – weniger als in vielen
Ländern.
Das ist gut für die Verbraucher, für die
Post bedeutet die Entscheidung aller-
dings einenRückschlag bei der Stabilisie-
rung ihrer Briefsparte. Konzern-Chef
Frank Appel hatte eigentlich darauf ge-
setzt, angesichts immer weniger zu trans-
portierender Briefe im Zeitalter der
E-Mail in Deutschland an der Preis-
schraube zu drehen. Die Bundesnetz-
agentur machte Appel nun einen Strich
durch die Rechnung. Denn der Regulie-
rer bereitet eine Entscheidung vor, die
der Post in den kommenden zwei Jahren
nur minimalen Spielraum für Preiserhö-
hungen lässt.
Beim Standardbrief hatte die Post zu-
letzt 2003 die Preise gesenkt, seitdem
blieb das Porto dort stabil. Rein formell
muss der Konzern nun die Bundesnetz-
agentur über seine Preis-Pläne informie-
ren, deren Regulierung der ehemalige
Staatsmonopolist unterliegt. Auf die Pro-
gnosen der Post für die Briefsparte habe
die Porto-Entscheidung keine Auswir-
kungen, betonte der Sprecher. Der opera-
tive Gewinn der Sparte soll sich bei rund
einer Milliarde Euro stabilisieren. Die
Post zeigte sich mit der geplanten Ent-
scheidung der Bundesnetzagentur zur
weiteren Regulierung nicht zufrieden.
Sie eröffne „keinen Spielraum für nach-
haltige Preiserhöhungen“, sagte einKon-
zern-Sprecher. Brief-Vorstand Jürgen
Gerdes hatte erst im September betont,
„dass es nach 14 Jahren ohne Preiserhö-
hungsmöglichkeit Zeit wird, dass wir in
die Lage kommen, die Preise zu erhö-
hen“. Die Post setzt sich dafür ein, die
Preise in Höhe der Inflationsrate anhe-
ben zu können. Die bisherige Preisrege-
lung läuft Ende 2011 aus.
Doch auch mit ihrem neuen Vorschlag
für die Zeit nach2011 verschafft die Bun-
desnetzagentur demeinstigen Staatsmo-
nopolisten wenig Spielraum. „Das neue
Preisniveau ergibt sich aus der Differenz
der Inflationsrate und der Produktivi-
tätsfortschrittsrate“, teilte die Bundes-
netzagentur mit und schreibt damit die
bisherige Formel fort, gegen die die Post
Sturm gelaufen war. Die Rate der Pro-
duktivitätsfortschritte legte der Regulie-
rer für die kommenden zwei Jahre auf
0,6 Prozent fest, bislang warenes 1,8 Pro-
zent. Damit kam die Bundesnetzagentur
der Post ein wenig entgegen, sie könnte
die Preise minimal anheben. Wegen des
Verwaltungsaufwands lohne es sich bei
einer solch geringen Erhöhung nicht, an
der Preisschraube zu drehen, betonte ein
Post-Sprecher. Zudem wurde die Dauer
der Regelung durch die Bundesnetzagen-
tur verkürzt. In zwei Jahren werden da-
mit die Karten neu gemischt – bis dahin
will die Bundesnetzagentur prüfen, ob
der „befürchtete Rückgang der Sen-
dungsmengen“ auch stattfindet. Reuters
Von Dani el a Kuhr
Berlin– Ernst Mascher* ist als Unterneh-
mensberater beruflich viel unterwegs.
Weil er imRollstuhl sitzt, ist er dabei häu-
fig auf die Hilfe der Bahn angewiesen.
Das Unternehmen bietet eigens einen
Rollstuhl-Verladeservice an, der beim
Kauf eines Tickets gleich mitgebucht
werden kann. Theoretisch zumindest.
Als Mascher für diesen Donnerstag ei-
ne Fahrt von Berlin nach Kassel buchen
wollte, teilte ihm die Bahn mit, dass das
nicht gehe. InKassel habe das Serviceper-
sonal am Bahnhof so viel zu tun, dass
zum gewünschten Ankunftszeitpunkt
für den Rollstuhl-Service niemand zur
Verfügung stehe. Mascher solle seine Rei-
se bitte verschieben. Nachdem er darauf
hingewiesen hatte, dass er dann um
4.20 Uhr statt um 6.20 Uhr losfahren
müsste, um rechtzeitig zu seinem Ge-
schäftstermin zu kommen, empfahl man
ihm, am Abend vorher anzureisen. Seine
Frage, ob die Bahn das Hotel zahle, blieb
unbeantwortet. „Offenbar glaubt man
bei der Bahn, dass Rollstuhlfahrer zeit-
lich flexibel sind, weil sie eh nicht arbei-
ten“, sagt Mascher verärgert.
Für die Verkehrsgewerkschaft EVG
passt der Vorfall ins Bild. „Immer häufi-
ger hören wir solche Geschichten, wo
mal hier was nicht klappt, mal da“, sagt
einSprecher. So sei beispielsweise bei ei-
nem Hauptbahnhof just in dem Moment,
in dem dort die Generalsanierung be-
gann, das Aufsichtspersonal reduziert
worden. „Bei jeder dieser Geschichten
handelt es sich um eine Kleinigkeit, zu-
sammengenommen aber zeigen sie, dass
die Bahn generell beim Service spart.“
Schon der geplante Stellenabbau in
den Reisezentren, den die Bahn im Au-
gust verkündet hat, war laut EVGein In-
diz dafür. Ein weiteres Beispiel sieht die
Gewerkschaft nuninden längerenReini-
gungs-Intervallen für ICE-Züge. Bislang
würden die Waggons noch alle sechs bis
acht Wochen umfassend grundgereinigt.
In Zukunft solle das nur noch alle zehn
Wochenerfolgen, teilte die EVGmit. Hin-
tergrund sei „wieder einmal die Suche
nach Einsparpotentialen“.
Die Bahn wies diese Kritik am Mitt-
woch zurück. Es gehe weder um Einspa-
rungen beim Service noch um Personal-
abbau, sagte Fernverkehrs-Chef Bertold
Huber. Vielmehr handele es sich um ein
Pilotprojekt, bei dem „neue Reinigungs-
techniken“ getestet würden. Betroffen
seien lediglich 15 Prozent der üblichen
Reinigungsarbeiten, nämlich vor allem
die alle paar Wochen fällige Grund- und
Teppichreinigung. Bei dieser sollen neue
Prozesse zur Imprägnierung undOberflä-
chenreinigung getestet werden. Die ganz
normale tägliche Reinigung dagegenwer-
de unverändert fortgesetzt, hieß es.
Auch in anderen Bereichen werde
nicht am Service gespart. Sowohl im Re-
gional- als auch im Fernverkehr sei die
Zahl der Beschäftigten im vergangenen
Jahr sogar gestiegen, sagte ein Sprecher.
„Es gibt keine Einsparungen bei Service,
Wartung oder Instandhaltung.“ Die Un-
terstützung für mobilitätseingeschränk-
te Reisende sei ebenfalls „kontinuierlich
gestärkt“ worden. Allerdings könnten
die Mitarbeiter nicht beliebigvielenMen-
schen gleichzeitig helfen, im Fall Ma-
scher habe es leider schonzuviele Aufträ-
ge gegeben. Mascher übrigens erhielt am
Mittwochnachmittag – nach der Anfrage
der SZ – den Anruf, dass es nun doch
klappe mit dem Rollstuhl-Service.
Derweil befasste sichder Verkehrsaus-
schuss des Bundestags mit der hochum-
strittenen Frage, ob die Bahn ihren gro-
ßen Einfluss auf das Schienennetz weiter
behalten solle. Die Mehrheit der eingela-
denen Experten sprach sich dagegen aus;
unter anderem, weil sie befürchtet, dass
öffentliche Gelder, die für die Infrastruk-
tur gedacht waren, vom Konzern zweck-
entfremdet werden – beispielsweise „für
Unternehmenszukäufe imAusland“, wie
es der Ausschussvorsitzende, Anton Hof-
reiter (Grüne), zusammenfasste.
* Name geändert
Berlin– Noch ist die Stimmung gut in der
Wirtschaft, doch schon für das kommen-
de Jahr rechnen deutsche Unternehmen
mit einemdeutlichenRückgang des Wirt-
schaftswachstums. „Immun gegen eine
weltweite Vertrauenskrise ist die deut-
sche Wirtschaft nicht“, sagte der Haupt-
geschäftsführer des Deutsche Industrie-
und Handelskammertages (DIHK), Mar-
tin Wansleben, am Mittwoch in Berlin.
Der DIHKerwartet für 2012 nur noch ein
Wachstum von einem Prozent; 2011 sol-
len es noch 3 Prozent werden. Im Jahr
2012 könnte in einzelnen Quartalen die
Wirtschaftsleistung sogar zurückgehen.
Wichtige Ursache für die Abschwächung
sei die sinkende Nachfrage aus demAus-
land. „Die Weltkonjunktur hat ihren Hö-
hepunkt überschritten“, so Wansleben.
Doch nach zwei „hervorragenden Jah-
ren“ sei eine Verlangsamung des Wachs-
tums im normalen Konjunkturmuster.
Die Unternehmen sehen mehrheitlich ih-
re Lage positiv, wie Wanslebenweiter er-
klärte. 23 Prozent erwarteten eine Ver-
besserung, 61 Prozent weitgehendunver-
änderte Geschäfte. Der DIHK erwartet
für 2012 einen Rückgang der Arbeitslo-
senzahlenum150 000 auf etwa 2,8 Millio-
nen. atam
Von Mi chael Bauchmül l er
Berlin – Im Nachhinein betrachtet ist die
ganze Energiewende das Produkt von
Kommissionen. Eine Ethikkommission
zur Zukunft der Atomkraft, die Reaktor-
sicherheitskommission zum Zustand der
Atomkraftwerke – nur logisch, dass es
nun noch eine für das große Ganze geben
muss: zur Überwachung der Energiewen-
de. Das Bundeskabinett hat am Mitt-
woch eine solche eingesetzt. Sie besteht
aus vier Expertenund soll das so genann-
te „Monitoring“ der Wende begleiten.
Fortan soll das dafür sorgen, dass der
Umbau hin zu erneuerbaren Energien
nicht stockt. Ein „Meilenstein“ sei das,
findet Bundeswirtschaftsminister Phil-
ipp Rösler: „Denn nur wenn wir die Um-
setzung des Energiepakets beobachten,
können wir dessen Wirkungen genau ab-
schätzen.“ Meilenstein – drunter geht es
bei der Energiewende selten.
Eine solche Kontrolle hatte ursprüng-
lich auch die Ethik-Kommission gefor-
dert, als feste Institution nach Vorbild
des Wehrbeauftragten. Ein„Parlamenta-
rischer Beauftragter für die Energiewen-
de“ sollte sogar vorschlagen können, ein-
zelne Kernkraftwerke zügiger abzuschal-
ten, sofern die Gegebenheiten es zulas-
sen. Soweit freilichging die Bundesregie-
rung seinerzeit nicht.
Stattdessen aber hat sie die jährliche
Begutachtung – wie es sie auch bei frühe-
ren Energiepaketen schon gab – nun in
die Hände von vier Wissenschaftlern ge-
geben. Den Vorsitz der Kommission soll
der Mannheimer Umweltökonom und
Klimaexperte Andreas Löschel überneh-
men. Weitere Mitglieder sind der Berli-
ner Energiewissenschaftler Georg Erd-
mann, Frithjof Staiß vom Stuttgarter
Zentrumfür Sonnenenergie-undWasser-
stoff-Forschung sowie Hans-Joachim
Ziesing, dessen Arbeitsgemeinschaft
Energiebilanzen regelmäßig errechnet,
wie sich Deutschland mit Energie ver-
sorgt. Alle vier sind angesehene Exper-
ten auf ihrem Gebiet.
Zu tun hat die Kommission einiges.
Sie wird prüfen müssen, ob der Ausbau
der Netze mit jenem der erneuerbaren
Energien Schritt hält, ob genug Kraft-
werke entstehen, um Flauten auszuglei-
chen, und ob das Ganze für Stromver-
braucher nicht zu teuer wird. Letztere
sind schon jetzt auf den Barrikaden: Be-
dingt durch die Abschaltung von acht
Kernkraftwerken werde Strom knapper
und teurer, beklagte am Mittwoch die
Großabnehmer-Lobby VIK. Strom für
die Industrie werde umneunProzent teu-
rer, zugleich aber qualitativ schlechter:
Schwankungen im Stromnetz würden
stärker, klagt der Verband. Wohingegen
Verbraucherschützer beklagen, die In-
dustrie sei bei den Detailregelungen der
Energiewende zuüppig entschädigt wor-
den – auf Kosten aller restlichen Strom-
kunden. Die Kommission steht so nicht
nur vor technischenProblemender Ener-
giewende, sondern auch vor politischen.
Einmal im Jahr sollen die Experten
künftig vonUmwelt- undWirtschaftsmi-
nisterium einen Bericht über den Stand
der Dinge erhalten, zu dem sie Stellung
nehmen sollen. Das erste Mal geschieht
das Ende nächsten Jahres für 2011. Alle
drei Jahre soll es darüber hinaus einen
„Fortschrittsbericht“ geben, ganz ähn-
lich wie bei der „Nationalen Nachhaltig-
keitsstrategie“, deren Berichte aber sel-
ten große Beachtung finden. Die Strom-
versorger sind dennoch ganz zufrieden.
Die Überprüfungenkönnten„rechtzeitig
auf Fehlentwicklungen hinweisen“, sagt
Hildegard Müller, Chefin des Branchen-
verbands BDEW. Nur müssten die dann
auch „unverzüglich“ korrigiert werden.
Berlin – Die Kampagne heißt: „Ich bin
gut“, kostet 1,4 Millionen Euro und soll
Vorurteile verringern: Die Bundesagen-
tur für Arbeit (BA) will Unternehmen da-
vonüberzeugen, mehr Langzeitarbeitslo-
se einzustellen, um den Fachkräfteman-
gel zu decken. Nach BA–Angaben wer-
denimHandwerk, inPflege- undDienst-
leistungsberufen, imHotel- undGaststät-
tengewerbe 385 000 Arbeitnehmer ge-
sucht. Andererseits gibt es 690 000 Hartz-
IV-Bezieher, die über eine schulische, be-
triebliche oder akademische Berufsaus-
bildung in den Branchen verfügen. BA-
Vorstand Heinrich Alt sagte, es lohne
sich, diesenMenschen eine Chance zuge-
ben. Dies zeigten viele positive Beispiele.
Er räumte aber ein, das es auf beidenSei-
ten manchmal „zu wenig Geduld gibt“.
Wer einen Job gefunden habe, dürfe bei
Problemen nicht gleich aufhören. Ande-
rerseits könne ein Mensch, der jahrelang
ohne Stelle war, am ersten Tag nicht 200
Prozent Produktivität bringen. Alt ver-
glich dies mit lange verletzten Fußbal-
lern: „Die werden auch erst in der zwei-
ten Hälfte eingewechselt, wenn es 2:0
steht“ (www.jobcenter-ichbingut.de). tö
Clevere
Betrüger
EU-Fahnder kämpfen gegen
neues illegales Berater-System
55 Cent
Gut für die Verbraucher, schlecht für die Deutsche Post: Das Briefporto wird 2012 nicht erhöht
Von wegen Service
Arbeitnehmervertreter werfen der Deutschen Bahn vor, immer häufiger nach Einsparmöglichkeiten zu suchen – zu Lasten der Kunden
Krise verunsichert
die Unternehmen
Klar zur Wende
Der Bund setzt eine Kommission zum Umbau der Energieversorgung ein. Sie hat einiges vor sich
Mehr Chancen für
Langzeitarbeitslose
Donnerstag, 20. Oktober 2011 HF2 Süddeutsche Zeitung Nr. 242 / Seite 23
WIRTSCHAFT
Rangierbahnhof in Hamburg: Im Verkehrsaussschuss sprachen sich Experten gegen zu großen Einfluss der Bahn auf das Schienennetz aus. Foto: Axel Heimken/apn
Eine Post-Mitarbeiterin sortiert im
Briefzentrum Suhl: Der ehemalige
Staatskonzern darf auch 2012 die Prei-
se nicht erhöhen. Foto: dpa
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Von Mi chael Kuntz
Berlin – Im vornehmen Palais-Saal des
Hotel Adlon in Berlin sind die Teilneh-
mer beim Deutschen Tourismus-Gipfel
bestens geschützt vor den Widrigkeiten
des Alltags: Asche, Blitzeis, Chaos – alles
bleibt draußen. So gut wird es den
Reisenden im kommenden Winter nicht
ergehen: Die Verkehrsinfrastruktur in
Deutschland sei so ausgelastet, dass be-
reits kleinere Störungen erhebliche Aus-
wirkungen haben könnten, so lautet das
Fazit beim Leitkongress der Tourismus-
wirtschaft, die immerhin 2,8 Millionen
Menschen beschäftigt und acht Prozent
zur Wirtschaftsleistung beisteuert:
Kaum ein anderer Wirtschaftszweig
muss sich so häufig auf Unbilden der Na-
tur einstellen wie die Tourismusindus-
trie. Wenn es zu heiß ist, funktionieren
die Klimaanlagen der Bahn nicht mehr,
ist es zu kalt, fehlt an manchem Flugha-
fenEnteisungsmittel, undwenneinislän-
discher Vulkan ausbricht, geht über-
haupt nichts mehr. Was habendie betrof-
fenen Unternehmen aus diesen Vor-
kommnissender jüngerenVergangenheit
gelernt? „Unsere Ansprüche können gar
nicht hoch genug sein, wenn wir die neu-
ralgischen Punkte verbessern wollen“,
formuliert ADAC-Geschäftsführer Karl
Obermair die Ansprüche seiner 17 Millio-
nen Mitglieder. Doch gibt es offenbar
Grenzen, die nicht der Mensch, sondern
die Natur setzt. „Wir müssen uns schon
vom Gedanken lösen, dass sich der Ver-
kehr ganzjährig so gestalten lässt, wie an
einem schönen Sommertag im August“,
relativiert Michael Engel, der neue Ge-
schäftsführer des Bundesverbands der
Deutschen Fluggesellschaften. „Für den
Flugverkehr kommt immer die Sicher-
heit zuerst.“ Während Fährgesellschaf-
ten bereits vorab Hinweise darauf ver-
breiten, dass sich bei Sturm, Nebel oder
Niedrigwasser die Fahrzeiten ändern,
werdenFluggäste oft erst unterwegs dar-
über informiert.
Die Bahnhat jahrelang sogar damit ge-
worben, dass sie nicht übers Wetter
spricht – bis das dann doch dringend er-
forderlich wurde. „Wir lernen aus den
Verhältnissen im vergangenen Winter,
bei KundenumVerständnis dafür zuwer-
ben, dass auch mal etwas nicht so funkti-
oniert“, beschreibt dezent der Bahn-Ma-
nager für den Fernverkehr, Berthold Hu-
ber, die Missstände in seiner Firma. Zu-
sätzliche 13 ICE-Züge, mehr beheizte
Weichen und 600 Räumkräfte extra sol-
len im kommenden Winter abhelfen.
„Fliegenist nunmal eine Outdoor-Ver-
anstaltung, und jeder weiß das auch“,
dämpft Peter Schmitz allzu hohe Erwar-
tungen. Der Operations-Vorstand des
Frankfurter Flughafens macht darauf
aufmerksam, dass Chaos oft schon bei
der Anreise zumJet herrscht: „AuchPas-
sagiere und Crews müssen zum Flugha-
fen kommen“.
Außer Eis und Kälte droht den Passa-
gieren die nächste Vulkanwolke. Nach
Ansicht von Experten ist es nur eine Fra-
ge der Zeit, aber sie wirdkommen. Chris-
toph Blume von der Arbeitsgemeinschaft
Deutscher Verkehrsflughäfen fordert ei-
nen Ausbau des Überwachungssystems:
Manhabe 48 StundenzwischendemAus-
bruch des Vulkans und dem Erreichen
des deutschen Luftraumes durch die
Aschewolke. „Es würde reichen, einklei-
nes Flugzeug mit Messgeräten innerhalb
von 24 Stunden über der Nordsee in die
Luft zu bringen.“ Obwohl das nur zwi-
schen 30 000 und 50 000 Euro kostet,
scheint dieses Problem politisch bislang
ungelöst – trotz der drohenden Milliar-
denschäden für die Volkswirtschaft.
Die jüngst vom Hessischen Verwal-
tungsgerichtshof getroffene Entschei-
dung, wonach es amFrankfurter Flugha-
fen vorerst keine Nachtflüge mehr geben
darf, und das Bestreben der nordrhein-
westfälischen Landesregierung, Nacht-
flüge auch am Flughafen Köln-Bonn zu
verbieten, werden vom Bundesverband
der Tourismuswirtschaft (BTW) heftig
kritisiert. „Deutschland muss eine Dreh-
scheibe für den internationalen Luftver-
kehr bleiben. Das geht nicht, wenn Poli-
tik und Gerichte immer mehr Flughäfen
nachts zwangsweise lahmlegen“, erklärt
BTW-Präsident Klaus Laepple.
Kritisiert wurde auchdie Passagierab-
gabe für Reisende nach Ägypten, das
dringend auf Touristen angewiesen ist.
So ist die Flugsteuer dreimal so hoch wie
in die konkurrierenden Ziele Griechen-
land und Türkei. Schuld daran ist die
Festlegung nach Entfernung. Hisham
Zaazou, Vizeminister für Tourismus in
Ägypten, meinte ironisch: „Wir könnten
die Hauptstadt um 200 Kilometer nach
Norden nach Alexandria verlegen, dann
kämen wir in den Genuss der niedrigeren
Passagierabgabe“.
Stuttgart – Der frühere Porsche-Chef
Wendelin Wiedeking trug sein Credo
stets wie ein Mantra vor sich her: „Luxus
und Stütze passen nicht zusammen“. Für
den heutigen Porsche-Chef Matthias
Müller und den Volkswagenkonzern ist
das kein Thema mehr. Erstmals will der
Zuffenhausener Sportwagenbauer jetzt
staatliche Fördermittel für seine Werks-
erweiterung in Leipzig anzapfen. „Wir
sind ein betriebswirtschaftliches Unter-
nehmen, das auf seine Kosten achtet“,
sagte Müller. Für den Ausbau des Stand-
orts in Ostdeutschland will Porsche 500
Millionen Euro investieren. Wie hoch die
vom Land Sachsen spendierten Förder-
gelder sein werden, wollte Müller nicht
beziffern. dad
Von Thorsten Ri edl
München – Es gibt nicht viele Unterneh-
men, derenQuartalsergebnis imzweistel-
ligen Prozentbereich zulegt, die erstmals
ineinemGeschäftsjahr mehr als 100 Mil-
liarden Dollar umsetzen, die 80 Milliar-
den Dollar auf der hohen Kante haben –
und die trotzdem von der Börse für ihr
Geschäft abgestraft werden. Apple ist
das jetzt passiert. Zum ersten Mal legte
Tim Cook als Chef des Technikkonzerns
am Dienstagabend nach Börsenschluss
Zahlen vor. Es war die erste Bilanz nach
dem Tod von Apple-Mitgründer Steve
Jobs. Obwohl das Unternehmen prächtig
verdient, sank die Aktie am Mittwoch
deutlich. Analysten hatten auf noch
mehr gehofft. Und sie sehen die zuneh-
mende Konkurrenz durch Google. Die
Suchmaschine stellte fast zeitgleich ihre
neue Handy-Software vor.
Man muss ein Jahrzehnt zurückgehen,
um ein Quartal zu finden, in dem Apple
die Gewinnschätzungen der Finanzken-
ner zuletzt verfehlt hat. Seit Steve Jobs
das Unternehmen Ende der neunziger
Jahre vor der Pleite gerettet hat, ist es im-
mer dasselbe Spiel: Apple legt die Latte
für künftige Quartale niedrig auf – und
springt weit darüber. Analysten haben
auch dieses Phänomen in Zahlen gefasst.
In den vergangenen fünf Jahren lag das
Ergebnis von Apple im Schnitt 17 Pro-
zent über den Prognosen, die das Unter-
nehmen selbst gegeben hat – und 28 Pro-
zent über denen der Zahlenmeister.
Doch keine Regel ohne Ausnahme.
Tim Cook konnte jetzt ein Plus von mehr
als 50 Prozent beim Quartalsgewinn auf
6,6 MilliardenDollar ausweisen. Der Um-
satz erhöhte sich im vierten Geschäfts-
quartal, das zum 24. September endete,
um 39 Prozent auf 28 Milliarden Dollar.
Beides lag unter den Erwartungen.
Das iPhone trägt die Schuld, so erklär-
te es Apple-Chef Cook, dass sichdie Ana-
lysten dieses Mal derart verrechnet ha-
ben. Da es bereits früh Gerüchte über ein
neues Modell des Apple-Handys gab, ha-
ben sich die Käufer zurückgehalten.
Statt der gedachten20verkaufte der kali-
fornische Konzern nur 17 Millionen Mo-
biltelefone. Weil inzwischen weit mehr
als einDrittel des Umsatz aus demMobil-
geschäft stammt, wirkt sichdie Flaute di-
rekt auf das Ergebnis aus.
Das erklärt auch den Ansturm auf die
Geräte. Am Freitag startete der Verkauf.
Schon Tage zuvor meldeten erste Mobil-
funker, es würden keine Bestellungen
mehr angenommen. Vier Millionen neue
iPhones wurden über das Wochenende
verkauft – mehr als doppelt so viel wie
beim Vorgänger. „In unserer wildesten
Träumen hätten wir nicht an einen sol-
chen Verkaufsstart gedacht“, so Cook.
Aber die Konkurrenz schläft nicht.
Blackberry-Hersteller RIMund die Han-
dy-Allianz um Google zeigten am Mitt-
wochihre neuenBetriebssysteme für Mo-
biltelefone. Für RIMist das eine der letz-
ten Chancen, Boden gut zu machen. Das
Unternehmen wird von Apple und Goog-
le in die Zange genommen.
Suchmaschine Google dagegen strotzt
vor Selbstbewusstsein. Die Handy-Soft-
ware Android gibt es für Partner wie
Samsung, HTC oder Sony-Ericsson um-
sonst. Im Handumdrehen hat es das US-
Unternehmenso andie Spitze der Smart-
phone-Charts geschafft. Android-Chef
Andy Rubin zeigte das Betriebssystem
nun in der vierten Version. Es enthält
hauptsächlich kosmetische Neuerungen.
Egal, Marktforscher sehen Android bald
bei einem Anteil von 50 Prozent.
Die Angreifer formieren sich zu einem
für Apple ungünstigen Moment. Vor
zwei Wochen starb Steve Jobs. Am Mitt-
woch gab es eine Gedenkfeier für alle
Mitarbeiter in der Zentrale in Cupertino.
Einige Apple-Läden hatten geschlossen.
Auf seiner Webseite veröffentlicht das
Unternehmen seit Mittwoch Kondolenz-
schreiben. Jobs sei ein „großartiger Chef
und Vordenker“ gewesen, so Cook. „Wir
sind dazu bestimmt die erstaunliche Ar-
beit fortzusetzen, die er so geliebt hat.“
Das Unternehmensteht zwar unter Be-
obachtung, aber jetzt zählen die Ergeb-
nisse. Undder neue Chef wollte alle Zwei-
fel ausräumen, ein Lapsus wie im jüngs-
ten Quartal werde noch mal vorkommen.
Entgegen aller Gepflogenheiten kündig-
te er einWeihnachtsgeschäft über denEr-
wartungen an. Auch das ein Novum in
der Ära Cook. (Zwischen den Zahlen)
München – Niedrige Erwartungen sind
naturgemäß leicht zu überbieten. Und so
sorgtendie Quartalszahlen, die der ange-
schlagene Internetkonzern Yahoo am
späten Dienstag vorlegte, unter Anle-
gern für gute Laune – obwohl Umsatz
und Gewinn wegen des schwächelnden
Geschäfts mit Online-Werbung zurück-
gingen. „Die Zahlen sind ok, nicht spek-
takulär, aber auch nicht desaströs. Dass
sie nicht desaströs sind, sind gute Nach-
richten für diese Leute“, sagte der Ana-
lyst BenSchachter. Knapp sechs Wochen
nach dem Abgang von Carol Bartz hat
das Unternehmen noch immer keinen
neuen Chef. Und immer lauter werden
die Spekulationen, dass es den womög-
lich bald gar nicht bräuchte. Gerüchte
über eine Offerte von Microsoft, mit de-
nenYahoo bereits zusammenarbeitet, rei-
ßennicht ab. Interesse soll aucheine Käu-
fergruppe um AOL haben.
Zu all dem schwieg Übergangschef
Tim Morse, als er am Dienstagabend die
Quartalszahlen präsentierte: Der Ge-
winnimdrittenQuartal ging umeinVier-
tel auf 293 Millionen Dollar zurück. Der
Umsatz gab um knapp fünf Prozent auf
1,07 Milliarden nach. Für das laufende
Quartal stellt Yahoo leicht höhere Erlöse
inAussicht. Welche Strategie Yahoo wei-
ter verfolgen wird, auch dazu sagte Mor-
se nichts. In den USA gilt Yahoo weiter-
hin als Marktführer bei klassischer On-
line-Werbung. Dochder Suchmaschinen-
betreiber Google und das soziale Netz-
werk Facebook locken mehr und mehr
Leute und damit auch Anzeigenkunden
auf ihre Internetseiten. Und amHorizont
taucht schon ein neuer Angreifer auf:
Groupon.
Das Schnäppchenportal hat eine Lü-
cke bei der Online-Werbung entdeckt. Es
bietet vor allem kleinen Unternehmen,
denen Anzeigen bei Google bislang zu
teuer und zu aufwendig waren, die Mög-
lichkeit, im Internet auf Kundenfang zu
gehen. Im Juni hatte das Internetunter-
nehmen bei den Behörden einen Börsen-
gang im Volumen von bis zu 750 Millio-
nen Dollar angemeldet. Wegen der
Marktturbulenzen hatte sich das Vorha-
ben aber verzögert. Nun wagt Groupon
offenbar denGang aufs Parkett. AmMon-
tagoder Dienstag kommender Woche sol-
le die sogenannte Roadshow starten, um
Anleger zu einer Investition zu bewegen,
hieß es am Dienstag in mit der Situation
vertrautenKreisen. Der Börsengangdürf-
te das Unternehmenmit bis zuzwölf Mil-
liardenDollar bewerten– undYahoo wei-
ter unter Druck setzen. SZ
Von Thorsten Ri edl
Größe zahlt. Genau 11,81 Zentimeter
misst der Bildschirm des neuen Sam-
sung Handys Galaxy Nexus HD in der
Diagonale, so breit wie eine CD. Die
Südkoreaner wollen alle beeindrucken,
die vom iPhone enttäuscht sind. Noch
mehr als die Dimensionen zählen die
inneren Werte: Das neueste Gerät der
Google-Handy-Allianz kommt mit An-
droid in der vierten Version. Wer hier
allerdings große Sprünge erwartet, wird
enttäuscht: Mit kleinen Neuerungen will
die Suchmaschine Google Kunden ge-
winnen. Die Zeit der Innovationen ist
vorbei. Jetzt wird der Preiskampf im
Smartphone-Geschäft anbrechen.
Ein nur wenige Jahre altes Handy
und ein aktuelles trennen noch Welten.
Vor vier Jahren hat Apple die Smart-
phone-Revolution eingeleitet. Seither
hat sich viel getan. Die Alleskönnerhan-
dys taugen nun wirklich so viel wie klei-
ne Computer. Jetzt folgt die Zeit der
Evolution – nun gewinnt nicht mehr der
ideenreichste, sondern der billigste.
Smartphones gibt es bereits für weni-
ger als 100 Euro. Selbst Apple hat mit
der jüngsten Handy-Generation die
Preise gesenkt. Wenn sich künftig nicht
mehr nur Design der Geräte ähneln,
sondern auch das Innere, dann entschei-
den die Käufer nach dem Preis. Für
Apple wird es schwer, Google tut sich
leichter wegen der großen Palette von
Geräten unterschiedlicher Hersteller.
Asche, Blitzeis, Chaos
Das ABC der Störungen im Reiseverkehr lässt sich auch im kommenden Winter nicht abwenden
Porsche will neuerdings
ebenfalls Staatsgeld
Mit Post-It-Zet-
teln ist am Apple-
Laden in der
Münchner Innen-
stadt ein Konter-
fei des Apple-Mit-
gründers Steve
Jobs angebracht
(re.). Er starb vor
zwei Wochen. Am
Mittwoch gab es
eine Gedenkfeier
für die Angestell-
ten. Die Finanz-
welt fragt sich, ob
Apple auch ohne
Jobs glänzt. Im
ersten Quartal
ohne den Visionär
hat das schon mal
nicht geklappt.
Foto: C. Stache/AFP
Ein Rekord, der alle enttäuscht
Apple erlöst zum ersten Mal mehr als 100 Milliarden Dollar in einem Geschäftsjahr. Doch Analysten hatten mit viel mehr gerechnet
Schlechte Zahlen,
gute Stimmung
Yahoo meldet sinkenden Gewinn
und weckt dennoch Hoffnung
Seite 24 / Süddeutsche Zeitung Nr. 242 Donnerstag, 20. Oktober 2011
WIRTSCHAFT
„Fliegen ist nun mal eine
Outdoor-Veranstaltung,
und jeder weiß das auch.“
Der Ausbruch des isländischen Grimsvotn-Vulkans imMai dieses Jahres hat
kurzzeitig den Flugverkehr gefährdet. Foto: Olafur Sigurjonsson/Reuters
Zwischen den Zahlen
Jetzt zählt
der Preis
Morgen im SZ-Magazin
Athen: Wir müssen reden.
Ein Stadtgespräch im Herzen der Krise
Nummer 42 21. Oktober 2011
Schulden, Streiks und Chaos: Seit einem Jahr diskutiert Europa über
Griechenland. Aber wie sehen das alles eigentlich die Griechen selbst?
Wir haben es uns in Athen erklären lassen. Außerdem in dieser Ausgabe:
eine Kreuzfahrt mit dem Erfinder des ZDF-Traumschiffs, die besten
Rezepte gegen Erkältung – und eine Antwort auf die Frage, wer wirklich
die Facharbeiten unserer Abiturienten schreibt.
Von Kri sti na Läsker
Hamburg– WennTopmanager etwas Un-
angenehmes sagen müssen, wählen sie
meist Begriffe, die harmlos klingen. Erck
Rickmers ist da keine Ausnahme. Ob er
seine neuen Riesenfrachter nicht für viel
zu viel Geld beim koreanischen Schiff-
bauer Hyundai Heavy Industries bestellt
habe, wurde der Reeder kürzlich gefragt.
„Auch wir haben unsere Aufträge um-
strukturieren müssen“, antwortete Rick-
mers knapp. Umstrukturieren. Das ist
das Wort, das etliche Reeder jetzt wieder
verwenden. Weil die Branche anhand
neuer Überkapazitätenauf eine Krise zu-
steuert. Umstrukturieren. Was aktiv
klingt, bedeutet nichts anderes, als dass
sich die Reeder mit den Werften um die
Konditionen für bestellte Schiffe zanken
– und ihre Verträge nachverhandeln.
Das lässt sich stellvertretend für die
deutschen Reeder an Erck Rickmers er-
zählen. Im Juli 2007 hatte der Gründer
der Hamburger Reederei E. R. Schif-
fahrt bei Hyundai in Südkorea acht
Frachter bestellt. Riesige Pötte, die
13 100 Container transportieren können
– damals einabsolutes Novum. Die Frach-
ter sollten jeweils 175 Millionen Dollar
kosten. Dann kam die Wirtschaftskrise.
In der Folge verknappten die Institute
die Kredite für neue Schiffe, der globale
Handel ging zurück. Beides bescherte
den Reedern große Löcher in der Bilanz.
Auch Rickmers ging das so. Die bestell-
ten Schiffe verloren an Wert, bevor sie
überhaupt gebaut wurden – und das be-
lastet den Reeder bis heute. Ihr aktueller
Marktpreis – zwei Schiffe wurden jüngst
getauft – beträgt nur noch 155 Millionen
Dollar, das sind20 MillionenDollar weni-
ger als vor vier Jahren.
Der Hamburger Kaufmann struktu-
rierte um. Über Wochen verhandelte er
mit den Koreanern über bessere Bedin-
gungen. Manchmal wurde wochenlang
geschwiegen. „Wir haben die koreani-
schen Partner an ihre Grenze gebracht“,
meint Rickmers, der die vergangenen
drei Jahre als „die schwierigsten meiner
Karriere“ bezeichnet. Es sind Einblicke
in eine sehr verschwiegene Branche.
Mühsamwurde einKompromiss gefun-
den. Schließlich wollte Hyundai seinen
wichtigsten deutschen Kunden behalten.
„Wir haben die Abbestellungen in der
Krise auf ein Minimum reduziert“, sagt
Verkaufsleiter Cho Won-Hong. Das hat
viel gekostet: Die Ablieferung der Frach-
ter wurde viele Monate nach hinten ge-
schoben. Die Deutschen erhielten besse-
re Zahlungskonditionen und günstige
Lieferantenkredite. „Da wurde an allen
Stellschrauben gedreht“, sagt Rickmers.
Die Reederei hat die Krise wegen ihrer
Größe gut verkraftet, sie betreibt mehr
als 100 Schiffe. Das lässt sichnicht für al-
le deutschen Schiffsbetreiber sagen.
Hierzulande gibt es 400 Reedereien. Die
haben im Schnitt nur neun Schiffe. Mit
Ach und Krach überlebten viele Betriebe
die Krisenjahre 2007 und 2008. Im Jahr
2009 kamder Aufschwung. Der Welthan-
del zog an und mit ihm die Preise für den
Transport einzelner Container (Frachtra-
ten) und für die Vermietung von Schiffen
(Charterraten). Ersteres bescherte Li-
nienreedereienwie Hapag-LloydRekord-
gewinne. Seit Jahresbeginn sinken die
Preise wieder. Die Frachtraten sind seit-
her um20 bis 30 Prozent gefallen. Die Si-
tuation ist paradox: Der Welthandel
brummt, der Warentransport wird 2011
um acht bis zehn Prozent zulegen – doch
die Reeder verdienen kaum. „Die Schiffe
sind voll, undtrotzdemmacht keiner Ge-
winn“, sagt Hermann Ebel, Chef der
Schifffahrtsgruppe Hansa-Treuhand.
Schulddaranhabenauchgroße Linien-
reedereien wie Maersk und MSC. Um
den Markt zu beherrschen, senken sie die
Raten bis zur Schmerzgrenze. Zudem
sind die Kraftstoffpreise gestiegen, und
das drückt auf den Gewinn. Das größte
Problemaber ist hausgemacht: Die Bran-
che baut neue Überkapazitäten auf: Da-
bei gibt es schon jetzt zu viele Schiffe auf
demMarkt. Laut Branchendienst Alpha-
liner sind bereits mehr als 150 Schiffe
der weltweiten Handelsflotte still gelegt,
weil sie nicht mehr gebraucht werden.
ImAufschwung war die Zahl dieser Auf-
lieger auf 50 Schiffe geschrumpft.
Dochdie Lage wirdsichnochverschär-
fen: Bis 2013 kommen besonders viele
Schiffe auf den Markt. Wie Reeder Rick-
mers haben auch die Konkurrenten die
Ablieferungen ihrer Pötte verschoben.
Viele neue Frachter sind zudemweit grö-
ßer als ihre Vorgänger. Nur neun Prozent
der Schiffe der weltweiten Handelsflotte
kann laut Alphaliner mehr als 10 000
Container transportieren. Das wird sich
ändern: Jedes zweite neu bestellte Schiff
ist ein Riesenpott. Diese Frachter – oft
länger als drei Fußballfelder und hoch
wie Kirchen – verschärfen den Preis-
druck. Denn ihre Motoren sind oft ähn-
lich groß wie die kleinerer Schiffe. Laut
Erck Rickmers sinken die Treibstoffkos-
ten pro Container damit um 30 Prozent.
Da niemand in diesem Rennen verlie-
renwill, ordert jeder, der kann, die gigan-
tischen Schiffe. „Diese Vorgehensweise
ist der grenzenlosen Gier geschuldet“,
sagt der Leiter eines Fondshauses. „Je-
der will der Größte sein.“ Das Limit defi-
niert derzeit der dänische Branchenfüh-
rer Maersk. Er hat Frachter bestellt, die
18 000 Container tragen sollen.
Erck Rickmers glaubt, dass viele Kon-
kurrenten diesen Kampf nicht überleben
werden. „Viele Reeder sind blutleer und
entkräftet und überstehen keine weitere
Schwächeperiode.“ Er könne sich vor-
stellen, seine Firma mit andereninhaber-
geführten Firmen zu fusionieren. „Wir
sind daran interessiert, andere zu über-
nehmen.“Auchhier zählt die Größe. Flot-
ten von mehr als 200 Schiffen könnten
sich besser behaupten, meint Rickmers.
Rüsselsheim – Opel überprüft die pau-
schale Arbeitszeitabgeltung für seine Be-
triebsräte und setzt alle Zahlungen bis
auf weiteres aus. Der Autokonzern greife
damit einen Vorschlag von Gesamtbe-
triebsratschef Klaus Franz auf, teilte
Opel am Mittwoch mit. Franz hatte die
Geschäftsleitung einer Mitteilung des Be-
triebsrates zufolge aufgefordert, den
Sachverhalt von unabhängigen Juristen
prüfen zu lassen. Bis zum Abschluss der
Prüfungen sollten die pauschalen Zah-
lungen ausgesetzt werden. Stattdessen
sollen Ausgleichszahlungen für Rufbe-
reitschaft, Reisezeit und Mehrarbeit ab-
gerechnet werden. dapd
Brüssel – Die EU-Kommission hat den
Mainzer Glashersteller Schott AG und
drei Konkurrenten aus Asien mit einer
Strafe von insgesamt 128 Millionen Euro
für ein Spezialglas-Kartell belegt. Die
Unternehmen hätten von 1999 bis 2004
die Preise für Kathodenstrahlröhren ab-
gesprochen, die für Fernseh- und Compu-
terbildschirme genutzt werden, teilte die
Kommission am Mittwoch in Brüssel
mit. Der südkoreanische Anbieter Sam-
sung Corning Precision Materials ging
straffrei aus, da er die wettbewerbswidri-
gen Absprachen verraten hatte. Die
Schott AG muss gut 40 Millionen Euro
Geldbuße zahlen. Reuters
Hamburg – ImTarifstreit beimFlugzeug-
bauer Airbus haben Unternehmen und
Arbeitnehmervertreter einen Durch-
brucherzielt. NachAngabender Gewerk-
schaft IG Metall und der Geschäftslei-
tung einigten sich beide Seiten am Mitt-
woch in Hamburg auf ein Eckpunktepa-
pier für einen neuen sogenannten Zu-
kunftstarifvertrag, der den 16 500 deut-
schen Airbus-Beschäftigten unter ande-
rem eine Jobgarantie bis Ende 2020 gibt.
Die Einzelheiten des Vertrags, der ab
1. Januar 2012 gelten soll, werden bis
zum Ende des Jahres ausgehandelt.
Airbus und die IG Metall hatten be-
reits in der vergangenen Woche mitge-
teilt, sie seiensichindenwichtigenPunk-
tenweitgehendeinig undwürdenvoraus-
sichtlichamMittwoch das Eckpunktepa-
pier unterzeichnen. Zuvor hatten die Air-
bus-Beschäftigten in den vier deutschen
Werken in Hamburg, Bremen, Stade und
Buxtehude mit einem Warnstreik den
Druck auf die Arbeitgeberseite in dem
seit Monaten festgefahrenen Konflikt er-
höht. Nach Angaben von IG Metall und
Firmenleitungerhaltendie Airbus-Mitar-
beiter gemäß der Eckpunkte eine Stand-
ort- und Beschäftigungsgarantie bis zum
Ende der Laufzeit des Tarifvertrags am
31. Dezember 2020. Betriebsbedingte
Kündigungen sind in dieser Zeit ausge-
schlossen. Arbeitnehmervertreter wer-
den zudem bei Fremdvergabe und Out-
sourcing frühzeitig informiert und betei-
ligt. Darüber hinaus vereinbarten beide
Seiteninder Serienproduktionfeste Quo-
ten für Leiharbeiter und befristet Be-
schäftigte, die der Flugzeugbauer nicht
überschreiten darf.
Im Gegenzug wurden Produktivitäts-
steigerungen vereinbart, die deutlich
über den Zielen liegen, teilten Airbus
und Gewerkschaft mit. An der Frage der
Produktivitätszuwächse waren die seit
Monaten laufenden Gespräche über den
Zukunftstarifvertrag zwischenzeitlich
gescheitert. Beide Seiten hatten sich zu-
nächst nicht darüber einigen können,
welche Steigerungen künftig zu Grunde
gelegt werden sollten. Gewerkschaft und
Unternehmen begrüßten die Einigung.
„Jetzt gilt es nach vorne zu schauen. Ar-
beitnehmervertreter und Geschäftsfüh-
rung haben sich zu einer neuen Kultur
der Zusammenarbeit bekannt“, erklärte
Johann Dahnken, Airbus-Gesamtbe-
triebsratschef und Verhandlungsführer.
Günter Butschek, Geschäftsführer von
Airbus Deutschland, sprach von einem
positivenSignal für die langfristige Wett-
bewerksfähigkeit. AFP
D
ie Stimmung sei entspannt gewe-
sen, man habe sich gefreut, einan-
der wiederzusehen. „Die Familie war
guter Dinge und gut drauf“, berichtet
einer, der das Clan-Treffender Industri-
ellen-Familie Haniel am Wochenende
in Düsseldorf miterlebt hat. Für die
rund 150 Teilnehmer des Treffs gab es
viel zubereden. Das Duisburger Famili-
enunternehmen, das an 800 Firmen be-
teiligt ist unddessengrößte Beteiligung
der Handelskonzern Metro ist, war zu-
letzt wegen Management-Querelen oft
in die Schlagzeilen geraten. Man habe
sich Musterläden von Metro und deren
Tochterfirmen angesehen. Die Truppe
sei auch zum Düsseldorfer Carsch-
Haus am Rande der Altstadt gepilgert,
einem edlen Kaufhaus der Kaufhof-
Gruppe, die ebenfalls zu Metro gehört.
AmSonntag trafen sichoffenbar alle in
der Haniel-Akademie in Duisburg, um
Sachthemen zu diskutieren. „Das Tref-
fen war sehr konstruktiv“.
Bei demDüsseldorfer Dynastie-Tref-
fen aus Anlass des 255. Jubiläums der
Firma Haniel seien aber auch Sorgen
angesprochen worden. Eine zentrale
Frage sei gewesen, wie es möglich ist,
dass Haniel für soviele negative Schlag-
zeilen sorgt. „Die Familie leidet unter
dem Erscheinungsbild in der Öffent-
lichkeit“, sagt einTeilnehmer. „Wir fin-
den das schrecklich.“ Aber er sagt
auch: „Die Familie steht zusammen.“
Die Geduld des Clans, der lieber im
Stillen wirkt, wurde am Tag darauf
noch einmal auf die Probe gestellt. Am
Montag wurde bekannt, dass der Vor-
standschef der Haniel-Gesellschaft,
Jürgen Kluge, 58, seinen Posten als
Chef des Metro-Aufsichtsrates noch im
November hinlegen werde. Diese Mit-
teilung war der vorläufig letzte Beitrag
zur unendlichenGeschichte der Haniel-
Katastrophen. Clanchef Franz Markus
Haniel, 56, hatte vorgebeugt und seine
Verwandten auf dem Treffen über sei-
ne Pläne informiert. Eine Botschaft ist
offenbar, dass er weiter mit dem Vor-
standsvorsitzenden Jürgen Kluge zu-
sammenarbeiten will, der seit Anfang
2010 an der Spitze der Haniel-Unter-
nehmensholding steht. „Ich schätze
ihn“, zitiert ein Teilnehmer den Fami-
lien-Chef. Kluges Chefvertrag soll im
kommenden Jahr um die üblichen drei
Jahre verlängert werden.
Kluge, der zuvor bei der Unterneh-
mensberatung McKinsey war, hatte für
massive Irritationengesorgt, weil er sei-
ne Konflikte mit Eckard Cordes, 60,
demChef vonMetro, undmit Heinz Oes-
terle, dem Vorstandschef der Haniel-
Tochter Celesio, auf den offenen Markt
getragen hatte. Cordes hatte in der ver-
gangenen Woche seinen Rückzug vom
Amt des Metro-Chefs bekanntgegeben.
Wie zu erfahren ist, hat Clan-Ober-
haupt Franz Markus Haniel seiner Ver-
wandtschaft erklärt, dass es nicht
leicht sei, einen Nachfolger für Cordes
zu finden. Seit einemJahr laufe die Su-
che ohne Erfolg. Er habe noch keinen
geeigneten Kandidaten mit der nötigen
Erfahrung im Handel gefunden, heißt
es im Familienkreis: „Die Suche ist
schwierig“. Haniel hat seine Sippe dar-
auf eingestellt, dass es an der Metro-
Spitze auch eine Übergangslösung für
einpaar Jahre gebenkann. Das liefe wo-
möglich auf Joël Saveuse hinaus, der
im Metro-Vorstand sitzt und die Toch-
tergesellschaft Real führt. Der Franzo-
se gilt mit seinen 58 Jahren aber als zu
alt für eine langfristige Besetzung.
Für sichselbst hat Franz Markus Ha-
niel offenbar die Aufgabe des Auf-
sichtsratsvorsitzenden von Metro vor-
gesehen – für maximal drei Jahre. Of-
fenbar erwartet das Familienober-
haupt schon bald durch einen Richter-
spruch in das Kontrollgremium beru-
fen und dann auch zum Vorsitzenden
gewählt zu werden. Haniel hatte die-
sen Posten schon einmal von 2007 bis
zum Antritt Kluges im Jahr 2010 inne.
Zur Strategie des Handelskonzerns
soll Franz Markus Haniel auf demTref-
fen zu erkennen gegeben haben, dass
er keine neuen Weichenstellungen
plant. Karl-Heinz Büschemann
Stuttgart – Sie ist eine der Vorzeige-
frauen der deutschen Wirtschaft: Nicola
Leibinger-Kammüller, 52, seit sechs
Jahren an der Spitze des Ditzinger Ma-
schinenbauers und Weltmarktführers
Trumpf. Von der gegenwärtig heftigen
Debatte über eine gesetzlich verordnete
Frauenquote hält sie dennoch nichts:
„Die drei Damen in Berlin sollen sich mit
anderen Sachen beschäftigen“, rät sie
BundeskanzlerinAngela Merkel, Arbeits-
ministerin Ursula von der Leyen und Fa-
milienministerin Kristina Schröder (alle
CDU). Bei Trumpf mit seinen 9000 Be-
schäftigten arbeiteten 20 Prozent Frau-
en, von denen wiederum zehn Prozent
Führungsaufgaben innehätten, sagt Lei-
binger-Kammüller. „Wir müssen die
Frauen oft regelrecht zwingen, in Füh-
rungspositionen zu gehen“, verrät die
Chefin auf der Bilanz-Pressekonferenz.
Trotz geringer Frauenquote konnte
Leibinger-Kammüller das „zweitbeste
Ergebnis der Firmengeschichte“ präsen-
tieren. Innerhalb nur eines Jahres habe
Trumpf wieder aufgeholt, was das Unter-
nehmenkrisenbedingt indenzwei davor-
liegenden Jahren verloren habe. So sei
im Geschäftsjahr 2010/11 das höchste
Umsatzwachstuminder 88-jährigenFir-
mengeschichte geschrieben worden: Um
683Millionen– 51 Prozent – legtendie Er-
löse auf 2,02 Milliarden Euro zu. Nur
2007/08 hatte Trumpf mit 2,14 Milliar-
den Euro einen noch höheren Umsatz er-
zielt. Nachdem in der letztjährigen Kri-
senbilanz noch ein Verlust von 59 Millio-
nen Euro zu Buche schlug, lag das Vor-
steuerergebnis diesmal bei 185,3 Millio-
nenEuro. Undder Auftragseingang über-
treffe mit 2,22 Milliarden Euro sogar den
bisherigen Spitzenwert, so die Chefin.
Von einem erneuten tiefen Einbruch wie
2009geht Trumpf trotz zunehmender Un-
sicherheiten auf den Märkten nicht aus.
Das Wachstum werde sich in den kom-
menden Monaten zwar abflachen, aber
weiter im zweistelligen Bereich liegen,
glaubt Leibinger-Kammüller.
Das setze aber voraus, dass die europäi-
schen Politiker schnell eine Lösung für
die Staatsschuldenkrise fänden, damit
die Märkte wieder Vertrauen fassten.
Für eine Firma wie Trumpf, die 70 Pro-
zent des Umsatzes imExport erwirtschaf-
te, sei der Euro unverzichtbar. „Dass mo-
natelange Hängepartiennur für Verunsi-
scherung sorgen, das können wir als mit-
telständisches Unternehmen sehr wohl
erkennen“, so die Trumpf-Chefin. dad
Kartellstrafe für Schott
Paris – Der französische Atomkonzern
Areva will einem Pressebericht zufolge
800 der 5700 Arbeitsplätze in Deutsch-
landabbauen. Drei Standorte zur Brenn-
elemente-Fertigung seienbetroffen: Lin-
gen, Offenbach und Erlangen. Das be-
richtete das französische Magazin L'Ex-
pansion auf seiner Internetseite. Einer
der Gründe sei der Ausstieg Deutsch-
lands aus der Kernenergie. Die Maßnah-
men seien Teil eines Sparprogramms,
das der neue Areva-Chef Luc Oursel im
Dezember verkünden wolle. Sowohl die
Atom-Katastrophe in Japan als auch der
deutsche Atomausstieg haben den Kon-
zernhart getroffen. HinzukommenMehr-
kostenfür denPrototypendes Druckwas-
serreaktors EPR in Finnland. Er kostet
statt der geplanten drei Milliarden Euro
voraussichtlich5,6 MilliardenEuro. Are-
va musste für den Reaktor Rückstellun-
gen von 2,6 Milliarden Euro vornehmen.
In Deutschland treffen die Sparmaßnah-
men in erster Linie die 100-prozentige
Tochter von Areva NP mit dem eng-
lischen Namen Advanced Nuclear Fuels
GmbH (ANF) in Lingen, die auch Werke
in Duisburg und Karlstein unterhält.
Areva hatte auf die Modernisierung der
deutschen Kraftwerke gesetzt. kläs
Von Vari ni a Bernau
München– Henri Cartier-Bresson, Grün-
der der Fotoagentur Magnum, ging nie
ohne seine Leica ans Werk. Sie half, sei-
nen Blick zu schärfen, die Aufmerksam-
keit für den entscheidenden Moment zu
bündeln. So entstanden seine Aufnah-
men vomAlltag der einfachen Leute, mal
amüsant, mal anrührend, so entstanden
die letzten Fotos von Mahatma Ghandi,
ehe er ermordet wurde, der Mann, der In-
dien in die Unabhängigkeit geführt hat-
te. So legendär die Leica ist, so wechsel-
voll stellt sich die Geschichte des Unter-
nehmens dar, das die Kamera mit demro-
ten Punkt herstellt. Nun kommt ein neu-
es Kapitel dazu: Der Finanzinvestor
Blackstone übernimmt 44 Prozent des
Kapitals. Dafür, heißt es in Finanzkrei-
sen, hat Blackstone, mehr als die knapp
130 Millionen Euro gezahlt, die der Un-
ternehmensanteil an der Börse wert ist.
Der Einstieg von Blackstone, dem die
Kartellbehörden noch zustimmen müs-
sen, soll dem Kamerahersteller helfen,
neue Märkte zuerschließen. In Asien, vor
allemin China, aber auch in Südamerika
und dem Nahen Osten, solle Leica stär-
ker Fuß fassen, sagt Andreas Kaufmann.
Er hat bislang über seine Beteiligungsfir-
ma ACMmehr als 95 Prozent an demUn-
ternehmen gehalten. Der Österreicher
kam 2005 zu Leica, kurz vor der Pleite.
Als Retter. EinenzweistelligenMillionen-
betrag hat er in die Firma gepumpt, vor-
übergehend auch die Führung übernom-
men. Heute sitzt er imAufsichtsrat – und
es ist ihmwichtig, die Kontrolle über das
Traditionsunternehmen zu behalten.
Weitere Anteile wolle er nicht abtreten,
versichert Kaufmann. Blackstone darf ei-
nen Vertreter in den Aufsichtsrat schi-
cken. Mehr Einfluss aufs Tagesgeschäft
soll der Finanzinvestor nicht erhalten.
Auch eine Kapitalerhöhung, die bei
Leica die Machtverhältnisse verschieben
könnte, soll es nicht geben, betont Axel
Herberg, der das Deutschlandgeschäft
des US-Finanzinvestors verantwortet.
Erst im Juli hatte Blackstone für etwa
700 Millionen Dollar den Kleidungsher-
steller JackWolfskingeschluckt. Minder-
heitsbeteiligungen wie nun bei Leica
sind für Blackstone unüblich. Der Fi-
nanzinvestor habe denEinstieg komplett
selbst finanziert, nicht über Kredite.
Auch das ist ungewöhnlich. Kaufmann,
der Retter der Leica, habe darauf bestan-
den, sagte Finanzmann Herberg.
Bis 2017 will der Kamerahersteller
seinen Jahresumsatz verdoppeln – auf
dann 500 Millionen Euro. Auch rund 120
Mitarbeiter sollen bis dahin dazu kom-
men– zudenderzeit 1150, die inder Ferti-
gung im hessischen Solms und im portu-
giesischen Vila Nova beschäftigt sind.
Noch heute werden die Kameras, auf de-
nen Bilder wie das Konterfei des Che
Guevaraentstandensind, fast ausschließ-
lich von Hand gefertigt.
Leica, das ist einerseits die Geschichte
einer legendären Kamera. Leica, das ist
aber auch die Geschichte eines mutigen
Unternehmers, dessen Erbe längst nicht
immer sorgsamgepflegt wurde. 1914bau-
te der Entwickler Oskar Barnack die ers-
te Kleinbildkamera der Welt, die soge-
nannte Ur-Leica – zunächst nur für sich
selbst. In der Wirtschaftskrise nach 1929
beganndie auf Mikroskope spezialisierte
Firma Leitz mit der Serienfertigung. Für
den Fotoapparat war Leica das, was
Apple für den Computer war. Leica
machte das Knipsen massentauglich. Bis
dahin waren Kameras sperrige Kästen,
nun passten sie in jede Tasche. Auch des-
halb schätzte Cartier-Bresson die Leica,
so wie andere Pressefotografen, die zu
Chronisten ihrer Zeit wurden. Leica, der
Pionier, jedoch wurde träge: Der Herstel-
ler verpasste erst denTrendzuSpiegelre-
flexkameras, dann den zu Digitalisie-
rung der Fotografie.
Das Unternehmen stand sogar kurz
vor der Pleite. Dann der Wendepunkt im
September 2009: Damals stellte Leica ei-
ne vollautomatisierte Messsucherkame-
ra vor. Ein Liebhaberstück. Allein das
Gehäuse kostet 5000 Euro. Trotzdem ist
die Kamera so begehrt, dass Käufer meh-
rere Monate auf die Lieferung warten
müssen. Auch ein technisch aufgerüste-
tes Retromodell, das andie Ur-Leicaerin-
nert, wurde damals imSeptember präsen-
tiert. Kurz darauf zogen die Umsätze bei
Leica an. Im Februar vermeldete die AG
einJahresergebnis von36,3 MillionenEu-
ro – Rekord seit dem Börsengang vor 15
Jahren. So soll es weitergehen, hofft man
bei Leica. Nur eben mit mehr Geld.
Job-Garantie bei Airbus
Konzern einigt sich mit Gewerkschaften im Tarifstreit
Weiter so
Der Haniel-Clan hält an Vorstandschef Kluge fest
Chefin gegen Quote
Bei Trumpf meckert die Patronin über die Frauenpolitik in Berlin
Opel setzt Zahlungen aus
Areva-Jobs in Gefahr
Cash für den Retter
Andreas Kaufmann bewahrte Leica vor dem Exitus. Jetzt holt er den Finanzinvestor Blackstone dazu
„Der grenzenlosen Gier geschuldet“
Der globale Handel wächst, doch die Reeder steuern auf eine neue Krise zu
Donnerstag, 20. Oktober 2011 HF2 Süddeutsche Zeitung Nr. 242 / Seite 25
WIRTSCHAFT
Die Branche baut neue
Überkapazitäten auf. Dabei gibt
es schon jetzt zu viele Schiffe.
Große Pläne in Solms:
Der Jahresumsatz soll sich
bis 2017 verdoppeln.
Der Ex-Berater JürgenKluge hat die
Unterstützung des Clanchefs Franz
Markus Haniel. Foto: picture alliance
Fotograf Henri Cartier-Bresson ging nie ohne seine Leica aus dem Haus. Foto: Jane Brown/Camera Press
Die Reeder haben etliche neue Riesenfrachter bestellt. Davon profitieren insbe-
sondere koreanische Werften wie die in Ulsan. Foto: S. Vielmo/E.R. Schiffahrt
Unternehmen
Frisches Popcorn oder Nachos zum
Liebes- oder Actionfilm sind längst
Teil der Kinokultur. Nun hat der
Bundesfinanzhof (BFH) den Verzehr
des meist warmenNaschwerks recht-
lich über den Pommes-Konsum an
Würstchenbuden gestellt: Für Pop-
cornundNachos müssenKinobetrei-
ber nur den ermäßigten Umsatzsteu-
ersatz vonsieben Prozent zahlen, un-
abhängig davon, ob Kinobesucher
das Nervenfutter schon vor Filmbe-
ginn im Stehen oder an Tischen im
Foyer sitzend verzehren, wie der
BFH in einem am Mittwoch veröf-
fentlichten Urteil entschied. Für die
Besteuerung von Currywurst und
Co. an Würstchenbuden ist dagegen
die Verzehrposition entscheidend.
Im Stehen am Tresen sind es nur sie-
ben Prozent, wird dagegen an Ti-
schen sitzend wie in Restaurants ge-
kaut, kassiert der Fiskus wegen die-
ser zusätzlichen Dienstleistung 19
Prozent, entschied das Gericht im
August. Weil SitzgelegenheiteninKi-
no-Foyers aber allen Besuchern zur
Verfügung stehen, wertet der BFH
den Verkauf von Popcorn und Na-
chos dort nur als „Lieferung“ mit er-
mäßigtem Steuersatz. AFP
Von Javi er Cáceres
Madrid – Spanien bleibt massiv unter
dem Druck der Finanzmärkte. In der
Nacht zum Mittwoch kündigte die Ra-
tingagentur Moody’s an, die Kreditwür-
digkeit Spaniens um zwei Stufen herab-
zusetzen – von AA2 auf A1. Damit hat
Spanien nun bereits zwei der drei „A“
verloren, die es noch vor einem Jahr hat-
te. Moody’s ging überdies einen Schritt
weiter als Fitch und Standard & Poor’s
(S & P), die Spaniens Bonität in den vor-
angegangenen elf Tagen ebenfalls abge-
straft hatten. Für diese beiden Agentu-
ren rangiert Spaniens Kreditwürdigkeit
noch immer in der Kategorie hoch. Moo-
dy´s hingegen hält sie nur noch für „gut“
- und bewertet die weiteren Aussichten
mit „negativ“.
Dies illustriere die Abwärtsrisiken,
die Spanien im Falle einer Verschärfung
der Euro-Krise drohen würden, schrieb
Moody´s. Die immanente Drohung mit ei-
ner weiteren Abstufung stellt gleichzei-
tig eine Hypothek für den konservativen
Oppositionschef Mariano Rajoy dar, der
wohl die kommende Regierung anführen
wird. Bei den vorgezogenen Parlaments-
wahlen vom 20. November kann er sogar
auf eine absolute Mehrheit hoffen. Moo-
dy´s geht zwar davon aus, dass Rajoys
künftige Regierung sich „einer weiteren
Haushaltskonsolidierungstarkverpflich-
tet“fühle. Die Agentur hobdennochwar-
nend den Zeigefinger. Spanien könne
den Abwärtsrisiken nur widerstehen,
wenn mittelfristig „entschlossene und
glaubwürdige Steuer- undStrukturrefor-
men” umgesetzt und gleichzeitig „eine
überzeugende Lösung der Krise der Euro-
zone“ vorgelegt werden.
Im spanischen Wirtschafts- und Fi-
nanzministerium rieb man sich derweil
verwundert die Augen, weil Moody´s
nicht bis zum EU-Gipfel abgewartet ha-
be, der am Sonntag anstehe. Der Alarm-
glocken war das aber nicht genug: Allen
gegenteiligen Beteuerungen der spani-
schenRegierung zumTrotz geht Moody´s
davon aus, dass sich das Defizit in die-
sem Jahr auf 6,5 und nicht wie geplant
auf 6,0 Prozent belaufen werde. Für 2012
erwartet Moody´s ein Loch von 5,2 Pro-
zent, offiziell werden 4,4 Prozent ange-
peilt. Zudem hätten sich die weiteren
Wachstumsaussichten Spaniens erheb-
licheingetrübt. ImkommendenJahr wer-
de die Volkswirtschaft um lediglich 1,0
Prozent wachsen. Bislang war Moody´s
für 2012 von 1,8 Prozent ausgegangen.
Derweil machen die Spanier bei der
Verteidigung der Solvenz des Landes
überparteilich Front. Sie wehren sich ge-
gendie neuen„Stress-Szenarien“ der Eu-
ropäischen Bankenaufsicht EBA, bei de-
nen unter anderem durchgespielt wird,
was bei einemSchuldenschnitt für die eu-
ropäischen Peripheriestaaten passieren
würde. Der Chef der Santander-Bank,
Emilio Botín, echauffierte sich, dass eine
„nicht zu stoppende Spirale aus Schul-
den- und Bankenkrisen“ drohe, wenn
man„die Nachhaltigkeit der Staatsschul-
den oder des europäischen Finanzsys-
tems in verallgemeinernder Form in
Zweifel zieht.“ Der frühere Minister Jor-
di Sevilla sagte in der Zeitung Expansi-
ón: „Bislang haben die Märkte mit Feuer
gespielt, nun tun es auch die Institutio-
nen.“ Es könne nicht sein, dass Länder
wie Italien oder Spanien in den gleichen
Sack mit Ländern gesteckt werden, die
bereits unter dem Rettungsschirm ste-
hen. Oppositionschef Rajoy erklärte, er
habe dem aktuellen Regierungschef José
Luis Rodríguez Zapatero persönlich auf-
getragen, beimGipfel amSonntag keiner-
lei Anpassungen der spanischen Schul-
den hinzunehmen.
Shanghai – Der weltweit größte Produ-
zent sogenannter seltener Erden hat die
Produktion am Mittwoch für einen Mo-
nat eingestellt. Dieser Schritt solle die
Preise der wichtigen Rohstoffe stützen,
erfuhr die Nachrichtenagentur AFP aus
Kreisendes Unternehmens Inner Mongo-
lia Baotou Steel Rare-Earth Group Hi-
tech. „Die Produktion dürfte in einem
Monat wieder aufgenommen werden, es
handelt sich nur um eine vorübergehen-
de Maßnahme“, hieß es weiter. Das Un-
ternehmen ist an der Börse in Shanghai
notiert, gehört aber größtenteils demchi-
nesischen Staat. Die Preise für die selte-
nen Erden sind in den vergangenen drei
Monaten um fast 20 Prozent gefallen. Zu
denbegehrtenRohstoffengehören17 Me-
talle, die für viele Hightech-Produkte
wie Elektromotoren, Windräder und
Smartphones benötigt werden. Derzeit
liefert China mehr als 95 Prozent dieser
Mineralienfür denWeltmarkt. Die Volks-
republik reguliert die Ausfuhr seltener
Erden streng und hatte zuletzt mehrere
Minen unter staatliche Kontrolle ge-
bracht. AFP
Karlsruhe – Wer als Werksangehöriger
einen Rabatt auf Autoreparaturen be-
kommt, kannnacheinemUnfall vomUn-
fallgegner nicht den höheren Normal-
preis verlangen. Der Geschädigte solle
an einem Unfall nicht verdienen, ent-
schied der Bundesgerichtshof in einem
am Mittwoch verkündeten Urteil. Dies
folge aus den „allgemeinen Grundsätzen
des Schadensersatzrechts“ (Az.: VI ZR
17/11). ImkonkretenFall hatte ein BMW-
Werksangehöriger nacheinemUnfall zu-
nächst den Schaden in Höhe von knapp
3500 Euro auf der Grundlage eines Sach-
verständigengutachtens ersetzt bekom-
men. Dann ließ er den Wagen in einer
BMW-Werkstatt reparieren, wo er auf-
grund des Rabatts nur rund 2900 Euro
zahlen musste – also 600 Euro weniger,
als er schon ersetzt bekommen hatte. So-
weit wäre die Sache dennochrechtens ge-
wesen. Dies genügte demBMW-Mitarbei-
ter nicht: Er wollte zusätzlich noch mehr
als 500 Euro, da der reguläre Werkstatt-
preis – den er nicht bezahlen musste – gut
4000 Euro betragen hätte. Hierfür klagte
er durch drei Instanzen, bis nun der BGH
entschied, dass dieser Versuch, aus ei-
nem Unfall Gewinn zu schlagen, keinen
Erfolg haben dürfe. dpa
Sydney – Der weltweit größte Bergbau-
konzern BHP Billiton hat im abgelaufe-
nen Quartal die Förderung von Eisenerz
auf Rekordniveau erhöht. Trotz sinken-
der Preise sei die ProduktionumeinVier-
tel auf 39,6 Millionen Tonnen gestiegen,
teilte das australische Unternehmen am
Mittwoch mit. Der Höchstwert sei unter
anderemdurchdenAusbaudes Schienen-
systems erzielt worden, über das der Roh-
stoff zur Metallproduktion wird. Zuvor
hatte bereits Konkurrent Rio Tinto für
das dritte Quartal einen Rekordwert bei
der Eisenerzproduktionausgewiesen. Ei-
senerz ist für BHP der wichtigste Roh-
stoff. Der australische KonzernBHPran-
giert nach dem brasilianischen Konzern
Vale und Rio Tinto auf dem Markt als
Nummer drei. Reuters
Von Mori tz Koch und
Si l vi a Li ebri ch
NewYork– UmdenRuf vonRohstoffspe-
kulanten steht es ähnlich schlecht, wie
um das Ansehen von Waffenhändlern.
Die Finanzjongleure werden für Ölpreis-
schocks oder Hungerkatastrophen ver-
antwortlich gemacht. Ihre Gier koste
Menschenleben, behaupten Kritiker.
Trotzdemkonnten Wetten auf Öl, Metal-
le und Getreide jahrelang auf nahezu un-
regulierten Märkten abgeschlossen wer-
den. Erst jetzt soll sich das ändern.
Als erstes Land der Welt wollen die
Vereinigten Staaten der Spekulation an
den Rohstoffmärkten umfassend Einhalt
gebieten. Die zuständige Kontrollbehör-
de CFTC einigte sich am Dienstag nach
einer langen und kontroversen Debatte
auf eine Richtlinie. Sie soll den Handel
mit sogenanntenDerivaten, also Termin-
geschäften wie Futures und Optionen,
grundlegend verändern und eindämmen.
Wichtigstes Element der Neuregelung ist
die Mengenbegrenzung der Kontrakte,
die ein Händler, eine Bank oder ein In-
vestmentfonds zu einem bestimmten
Zeitpunkt halten darf. Die Aufsicht folgt
damit denVorgabender umfassendenFi-
nanzreform, die US-Präsident Barack
Obama imvergangenen Jahr in Kraft ge-
setzt hat.
Rohstoffe sindvor allemfür Spekulan-
teninteressant, die auf eine Erholung der
Weltwirtschaft wettenoder sichgegenIn-
flationsrisiken absichern wollen. Immer
mehr Anleger flüchten deshalb in reale
Werte wie Immobilien, Gold, Weizen
oder Kaffee. CFTC-Chef Gary Gensler
sagte, die Begrenzung der Handelspositi-
onen, schütze die Märkte und beruhige
die Preisentwicklung.
Allerdings war die Mehrheit, mit der
die Behörde die neue Richtlinie annahm,
denkbar knapp. Die drei demokrati-
schen Kommissionsmitglieder stimmten
dafür, die beiden Republikaner dagegen.
Die Gegner der Neuregelung bestreiten
einen eindeutigen Zusammenhang zwi-
schen Finanzwetten und Rohstoffprei-
sen. Tatsächlich gibt es Ökonomen, die
diese Position teilen. Mehrheitlich sind
die Experten aber inzwischen davon
überzeugt, dass die Zunahme der Speku-
lation in den vergangenen Jahren die
Preisausschläge an den Rohstoffmärkten
verschärft hat. Auch eine überparteilich
erstellte Studie des US-Senats kam erst
vor zwei Jahren zu demSchluss, dass der
rasante Preisanstieg für Weizen auf das
Konto von Spekulanten gehe.
Die neue Richtlinie der US-Aufsichts-
behörde bezieht sich auf 28 Rohstoffe.
Neben mehreren Weizensorten befinden
sich darunter auch Öl, Zucker und Gold.
Die Verordnung soll imkommenden Jahr
inKraft tretenundunter anderemverhin-
dern, dass einzelne Firmenüber Derivate
Zugriff auf mehr als 25 Prozent der kurz-
fristig lieferbaren Menge eines Rohstoffs
erhalten. An der Wall Street stieß die
neue Richtlinie erwartungsgemäß auf Ab-
lehnung. Zwar konnte die Finanzlobby
das Vorhaben der Obama-Regierung
nicht stoppen. Doch es gelang ihnen,
nochstrengere Obergrenzenfür ihre Posi-
tionen zu verhindern. Die Behörde hält
die Wehklagen der Wall Street dagegen
für übertrieben. Die verbesserte Regulie-
rung des Rohstoffmarkts werde die Fi-
nanzbranche im ersten Jahr nicht mehr
als 100 Millionen Dollar kosten. Banken
wie Morgan Stanley, Goldman Sachs
und andere könnten allerdings gezwun-
gen sein, lukrative Geschäftszweige zu-
rechtzustutzen.
Kritikern von Spekulationen auf Roh-
stoff geht die Neuregelung allerdings
nicht weit genug. Der linksgerichtete Se-
nator Bernie Sanders sagte, mit der vor-
gesehenen Obergrenzen ließe sich „we-
nig oder gar nichts“ erreichen. Dennoch
setzen sich die USAmit der neuen Richt-
linie bei den Bemühungen umeine Regu-
lierung der Rohstoffmärkte internatio-
nal als die Spitze. Zwar wird auch in der
Europäischen Union seit geraumer Zeit
darüber gestritten, wie man Spekulan-
ten bändigen kann. Doch eine Regulie-
rung ist derzeit nicht in Sicht.
In Europa stehen vor allem Anlagege-
schäfte mit Agrarerzeugnisse wie Mais,
Weizen oder Soja in der Kritik. Viele der
Grundnahrungsmittel sind allein imver-
gangenen Jahr weltweit um ein Drittel
teuer geworden, so dass sie für viele Men-
scheninärmerenLändernkaumnocher-
schwinglich sind. Hilfsorganisationen
und zuletzt auch die Verbraucherschutz-
organisation Foodwatch werfen Banken,
Investmentfonds und Privatanlegern
vor, dass sie mit ihren Anlagen imAgrar-
sektor das weltweite Hungerproblemver-
schärfen und dabei noch Milliardenge-
schäfte machen.
New York – Nur ein positiver Bilanzef-
fekt hat der US-Investmentbank Morgan
Stanley imdritten Quartal zu einemMil-
liardengewinn verholfen. Morgan Stan-
ley schrieb 3,4 Milliarden Dollar auf die
eigenen Verbindlichkeiten in der Bilanz
ab, weil deren Marktpreise fielen. Der
Nettogewinn lag bei 2,2 Milliarden Dol-
lar, wie die Bank am Mittwoch mitteilte.
EinJahr zuvor hatte eingegenläufiger Bi-
lanzeffekt MorganStanley in die Verlust-
zone abrutschen lassen. Im operativen
Geschäft verzeichnete die Investment-
bank Einbußen. Reuters Berlin – Die schwarz-gelbe Koalition
will Verbraucher künftig stärker vor
Missbrauchbei der Vermittlung vonVer-
sicherungen schützen. Der Finanzaus-
schuss des Bundestages stimmte amMitt-
woch für eine Begrenzung der Provisio-
nen, die Versicherungsunternehmen
Maklern für die Vermittlung privater
Krankenversicherungen und Lebensver-
sicherungen zahlen. Zum einen sollen
Versicherer künftig für denAbschluss ei-
ner privaten Krankenversicherung nicht
mehr als neun Monatsbeiträge Provision
zahlen dürfen. Damit soll den Vermitt-
lern der Anreiz genommen werden, sich
allein wegen hoher Provisionen Kunden
abzujagen. Die Vorschrift umfasst auch
andere geldwerte Vorteile, umzuvermei-
den, dass die Deckelung der Provision
durch andere Vergünstigungen umgan-
gen wird. Während Makler früher maxi-
mal Provisionen in Höhe von zwölf Mo-
natsbeiträgenerhalten hätten, seienheu-
te 14 Monatsprämien und mehr nicht sel-
ten, erklärte der finanzpolitische Spre-
cher der CDU/CSU-Fraktion, Klaus-Pe-
ter Flosbach. Dies habe dazu geführt,
dass die Kosten für den Abschluss einer
privaten Krankenversicherung von 1999
bis 2009 von im Schnitt 7,5 auf 8,9 Mo-
natsbeiträge gestiegen seien. Die Neure-
gelung sieht zudem vor, dass ein Teil der
Provision an den Versicherer zurückge-
zahlt werden muss, wenn ein Vertrag auf
Initiative des Kunden endet. Dafür soll
der Zeitraumfür die sogenannte Storno-
haftung deutlich verlängert werden. Das
neue Finanzanlagenvermittler- und Ver-
mögensanlagenrecht soll am 1. April
2012 in Kraft treten. AFP
Von Bernadette Cal onego
Vancouver – Diesen harschen Ton sind
die Scheichs vonSaudi-Arabiennicht ge-
wöhnt, und dazu kommt er noch von ei-
ner erdölfreundlichen Organisation in
Kanada. „Wir finanzieren einen Staat,
der Frauen das Autofahren nicht er-
laubt“, ist in einem kanadischen TV-
Spot zu hören, der die Zuschauer daran
erinnert, dass Nordamerika imvergange-
nen Jahr über 400 Millionen Fass Öl von
Saudi-Arabien kaufte. Öl aus einem
Staat, wo die Zeugenaussage einer Frau
nur halb so viel wert sei wie jene eines
Mannes und wo sie ohne männliche Er-
laubnis das Haus nicht verlassen dürfe.
Es sind keine Menschenrechtler, die
das arabische Königreich angreifen. Es
ist die Organisation EthicalOil.org in To-
ronto, die den Amerikanern die kanadi-
schen Ölsande als ethisch überlegene Al-
ternative zum Öl aus Saudi-Arabien an-
preist. Ihre TV-Spots, die in Kanada auf
den Netzwerken von Oprah Winfrey und
Sun News gelaufen sind, haben bei den
Saudis einen Nerv getroffen. Als die ka-
nadische Fernsehkette CTV die TV-
Spots ebenfalls senden wollte, griffen die
Anwälte der saudi-arabischen Regie-
rung ein. Sie drohten CTV mit einer Ge-
richtsklage, worauf die Fernsehgesell-
schaft die umstrittenen Anzeigen nicht
schaltete. Die Firma Bell Media, der CTV
gehört, erklärte, sie wolle denRechtskon-
flikt zuerst lösen. Das führte zu Protes-
ten kanadischer Politiker und zu einem
diplomatischen Zwist, auf den Saudi-
Arabien noch nicht geantwortet hat. Der
kanadische Immigrationsminister Jason
Kenney erklärte: „Wir können es nicht
leiden, wenn fremde Regierungen direkt
oder indirekt kanadischen Sendern oder
Medien drohen, wenn sie der Redefrei-
heit Gehör verschaffen.“
Der Betreiber der Webseite vonEthica-
lOil.org ist der Kanadier Alykhan Velshi,
einehemaliger Assistent Minister Kenne-
ys. Laut Velshi akzeptiert seine Organisa-
tion in Kanada auch Geld von Ölfirmen,
nimmt aber keine ausländischen Spen-
den an. Velshi plant, die TV-Spots auf
amerikanische Sender auszudehnen. Das
macht die Saudis nervös. Laut der kana-
dischen Zeitung National Post versuchte
die Regierung Saudi-Arabiens auch
Druck auf Kanadas Erdölindustrie zu
machen und ihre Bedenken wegen der
Fernseh-Kampagne anzumelden.
Im Bereich Öl will Kanada seinen
Marktanteil in den USA vergrößern, wo
es jüngst zu öffentlichen Demonstratio-
nen von Umweltschützern gegen die Öl-
sande imNorden der Provinz Alberta ge-
kommen war. Die Kanadier wollen die
Amerikaner überzeugen, dass es besser
wäre, sie würden ihr Öl von Kanada kau-
fen als von einem undemokratischen
Land wie Saudi-Arabien. Dank der Öl-
sande hat Kanada nach Saudi-Arabien
die größten Reserven.
Schon heute verkauft Kanada, der
größte Öllieferant der Vereinigten Staa-
ten, doppelt soviel Öl an die Amerikaner
wie Saudi-Arabien: Im vergangenen
Jahr waren es täglich fast zwei Millionen
Fass. Diese Menge wird noch zunehmen,
falls die Keystone-XL-Pipeline von Al-
berta an die US-Golfküste von der US-
Regierung Ende Jahr genehmigt wird.
Keith Stuart, Sprecher der Umweltorga-
nisation Greenpeace Canada, sagt, die
TV-Kampagne von EthicalOil.org wolle
vom eigentlichen Problem ablenken.
„Wir sollten uns nicht eine Schlacht lie-
fern, welches Öl moralisch besser ist“,
sagt er, „sondern von den fossilen Brenn-
stoffen wegkommen.“ Die Behauptung,
kanadisches Öl sei a priori gut, sei falsch.
Kanadische Ölfirmen seien in Ländern
mit Menschenrechtskonflikten tätig, wie
Nigeria oder Sudan. Außerdem seien die
Ölsande die am schnellsten wachsende
Quelle von CO2-Emissionen in Kanada.
Trotzdem hatte Ottawa die Europäische
Union (EU) im vergangenen Jahr ge-
warnt, Kanada werde vor der Welthan-
delsorganisation WTO klagen, falls die
EU ein Treibstoffqualitätsgesetz einfüh-
re, das die Ölsande als speziell schmutzig
bewerten würde.
Moody’s straft
Spanien ab
US-Ratingagentur stuft
Kreditwürdigkeit herunter
China treibt Preis
bei seltenen Erden
Stehen oder Sitzen,
das ist die Frage
An einem Unfall soll
nichts verdient werden
Bergbaukonzern BHP
fördert auf Rekordhöhe
Fesseln für Spekulanten
Die USA greifen als erstes Land der Welt im Rohstoff-Handel durch. Anlagen in Öl, Weizen, Zucker und Gold werden limitiert
Bilanzeffekt hilft
Morgan Stanley
Deckel für
Versicherer
„Bislang haben die Märkte
mit Feuer gespielt, nun tun es
auch die Institutionen.“
Kanada will, dass die USA
in Kanada kaufen – nicht bei
einem „undemokratischen Land“.
Kritikern geht die
Neuregelung
nicht weit genug.
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Kanadische Ölsande in der Nähe von Fort McMurray, Alberta. Kanada ist der
größte Öllieferant der Vereinigten Staaten. Foto: Larry MacDougal/dapd
Schlacht um die Moral
In Fernsehspots werden kanadische Ölsande als ethisch überlegen angepreist. Das bringt die Saudis in Rage
2007 2008 2009 2010 2011
D N O S A J J M A M F J D N O S A J J M A M F J D N O S A J J M A M F J D N O S A J J M A M F J O S A J J M A M F J
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Preis für Rohöl WTI
in Dollar pro Barrel
Handelsvolumen
in Millionen Barrel
Rohöl ist einer von 28 Rohstoffen, bei dem
die USA nun eine Marktregulierung einführen
wollen. Ziel ist es, den Einfluss von Finanz-
investoren zu reduzieren. Die Grafik zeigt
deutlich, je mehr spekulative Anleger
am Ölmarkt mitmischen, desto höher fallen
die Kursschwankungen aus.
Zu den viel beachteten Sorten zählt die
amerikanische Leichtölsorte WTI. Die Mengen,
die über Terminkontrakte an den Börsen
täglich gehandelt werden, liegen inzwischen
um ein Vielfaches über der tatsächlich
zugrunde liegenden Fördermenge. Das
verstärkt den Preisauftrieb.
Spekulanten am Werk
SZ-Graphik: Ilona Burgarth; Foto: dpa; Quelle: Reuters
Seite 26 / Süddeutsche Zeitung Nr. 242 HF2 Donnerstag, 20. Oktober 2011
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Geschichte lebt!
7 Zeitensprünge - das Videoquiz
Der Flügelflitzer
Die Sportkolumne in Bild und Ton
Summa summarum
Das Wirtschafts-Video-Blog
Von Andreas Jal sovec
München – Der Umfang der Liste hat
selbst Anita Käding überrascht: „Das ist
beeindruckend, was mittlerweile an Da-
ten ans Finanzamt übermittelt wird“,
staunt die Leiterin der Steuerabteilung
beim Bund der Steuerzahler. Gemein-
sam mit den Lohnsteuerhilfeverbänden
und dem Steuerberaterverband hat der
Steuerzahlerbund zusammengetragen,
wer welche Informationen über die Bür-
ger ans Bundeszentralamt für Steuern
weitergibt. Aus dessen riesigem Daten-
pool bedienen sich die Finanzämter.
Das Ergebnis ist eine Aufzählung mit
gut zwei Dutzend Datenangaben, die die
Steuerbehörden bei unterschiedlichsten
Stellen elektronisch eintreiben – von
Beiträgen zur Rentenversicherung über
Eltern- und Mutterschaftsgeld bis zur
Depotübertragung bei der Hausbank
(Kasten). Ob die Liste vollständig ist,
sei offen, meint Käding: „Den genau-
en Datenfluss kennt ja keiner.“
Vor allemeiner nicht: der Steuer-
pflichtige selbst. „Die Finanzver-
waltung sammelt immer mehr Da-
ten von Dritten“, monieren die
Steuer-Verbände. „Der Be-
troffene bleibt aber völlig
außen vor.“ Oft wisse der
Steuerzahler gar nicht, dass
etwas übermittelt wurde –
und wenn ja, was. In einer
Eingabe an den Finanzaus-
schuss des Bundestages und
das Bundesfinanzministerium
fordern die Verbände daher
nun, dass jede Stelle, die Daten
weitergibt, die Steuerzahler ge-
nau darüber informieren muss.
Dass die Datenmenge, die über
die Bürger bei der zentralen Steuer-
behörde liegt, Jahr für Jahr zunimmt,
ist den wenigsten bewusst. So melden
etwa private Rentenversicherer gezahlte
Beiträge und ausgezahlte Renten an den
Fiskus. Sie müssen die Versicherten dar-
über aber nicht informieren. Ähnliches
gilt für MitteilungenvonBankenundAr-
beitsagenturen an den Fiskus.
Aus dem Datensatz, der daraus für je-
den einzelnen Steuerpflichtigen ent-
steht, kann man einiges aus dessen Le-
benerfahren: „Wannhat jemandeine Le-
bensversicherung abgeschlossen, wann
die Krankenversicherung gewechselt,
wannetwas anseine Kinder vererbt – das
geht alles daraus hervor“, gibt Anita Kä-
ding zu bedenken. Die Steuer-Verbände
sehendaher in dieser Formder Datenvor-
ratsspeicherung durchaus „verfassungs-
rechtliche Probleme“.
Man nehme den Vorstoß der Verbände
ernst, heißt es dazu im Bundesfinanzmi-
nisterium. Man prüfe die Eingabe aber
noch. Rückendeckung kommt derweil
von der Vorsitzenden des Finanzaus-
schusses im Bundestag. Es müsse „für
den Steuerpflichtigen nachvollziehbar
und kontrollierbar sein“, meint Birgit
Reinemund (FDP), „welche elektroni-
schen Daten das Finanzamt verwendet
undwelche es von Dritten zur Steuerver-
anlagung heranzieht.“ Überdies sei un-
verständlich, warum bei elektronischer
Datenübermittlung meist umfangreiche-
re Datensätze verlangt würden als bis-
her. „Das Datensammeln soll sich auf ein
notwendiges Mindestmaß beschränken.“
Für die Steuerzahler ist aber nicht nur
der Datenberg ein Problem, den die Fi-
nanzbehörden anhäufen. Der oft anony-
me Informationsfluss hat auch prakti-
sche Folgen. Denndie Finanzämter über-
nehmen Daten vom Bundeszentralamt
für Steuern in der Regel ungeprüft –
„auch dann, wenn der Steuerzahler ab-
weichende Angaben gemacht hat“, heißt
es inder Eingabe. ImSteuerbescheidwer-
de das aber „regelmäßig nicht erklärt“.
Steuerpflichtige merken daher oft gar
nicht, dass etwas geändert wurde. Über-
nimmt der Fiskus jedoch falsche Daten,
ist auch die Steuerberechnung falsch.
Solche Probleme gebe es inder Praxis im-
mer öfter, meint Steuerexpertin Käding.
Sie dürften künftig noch häufiger auf-
treten. Denndie Zahl der Stellen, die Da-
ten automatisch an den Fiskus meldet,
wird steigen – auch weil es von 2013 an
die sogenannte vorausgefüllte Steuerer-
klärung gebensoll. Steuerpflichtige kön-
nensie freiwillig aus demInternet herun-
terladen. Alle Daten, die das Finanzamt
schon hat, sind darin bereits enthalten.
Im Steuerverfahren moderne Kommuni-
kationswege wie das Internet zu nutzen,
sei sinnvoll, meint Anita Käding. „Es
muss aber sichergestellt sein, dass der
Steuerpflichtige vorher bereits weiß, was
über ihn gemeldet wurde – und dass er
Änderungen erkennen und Fehler ohne
Aufwand korrigieren lassen kann.“
Von Ul ri ke Sauer
Rom – Kaum hatte die Ratingagentur
Standard & Poor´s die Mailänder Groß-
bankUnicredit bei der reihenweisenHer-
abstufung italienischer Institute ver-
schont, traf das Geldhaus ein herber
Schlag der italienischen Justiz. Ein Mai-
länder Richter ordnete die Beschlagnah-
mung von245 MillionenEuro bei Unicre-
dit an. Die Summe soll demFiskus in den
Jahren 2007 und 2008 vorenthalten wor-
den sein. Gegen den damaligen Konzern-
chef Alessandro Profumo ermittelt die
Staatsanwaltschaft wegen betrügeri-
scher Steuererklärung. Profumos Unter-
schrift steht unter dem Antrag zu einer
komplexen Anlageoperation, bei der die
kassierten Zinsen in – nahezu – steuer-
freie Dividenden umdeklariert wurden.
Die Operation „Brontos“ ist Unicredit
von der britischen Bank Barclays vorge-
schlagen worden. Der Deal war offenbar
für beide Seiten vorteilhaft. Zwei Jahre
lang investierte Unicredit in ein Depot
und strich einen erhöhten Zinssatz ein.
Barclays kam günstig an Geld, für das
die Bankdeutlich weniger als denMarkt-
zins zahlte. „Das ging auf Kosten eines
drittenSubjekts – des italienischen Staa-
tes“, schreibt Staatsanwalt Alfredo Ro-
bledo. Er beschuldigt insgesamt 17 Uni-
credit- und drei Barclays-Manager, mit
der Architektur von „Brontos“ gezielt
Steuerbetrug betrieben zuhaben. Bei der
Finanzoperation wurden die für Unicre-
dit anfallenden Zinsen, die in Italien
komplett versteuert werden müssen, zu
Dividenden erklärt. Die Wirkung war
groß: Dividendensindzu95 Prozent steu-
erfrei -–statt 100 Prozent musste Unicre-
dit nur fünf Prozent ihrer Erträge dem
Fiskus melden. Ein Banksprecher wies
die Vorwürfe zurück: „Unicredit ist sehr
überrascht“. Mit ähnlichen Vorwürfen
schlagen sich derzeit fast alle italieni-
schen Finanzinstitute herum. Nach
Schätzung von Bankanalysten hat der
Fiskus bei ihnen zwei bis drei Milliarden
Euro hinterzogene Steuern eingefordert.
Brüssel – Die EU macht ernst im Kampf
gegen hochriskante Börsengeschäfte und
schränkt die Spekulationauf Staatsanlei-
hen ein. Der Handel mit ungedeckten
Kreditausfallversicherungen (CDS) auf
Staatsanleihen wird in der EU vom
Herbst 2012 an nur nochinAusnahmefäl-
lenmöglichsein. Das habendie EU-Kom-
mission, das Europaparlament und der
EU-Ministerrat in Brüssel vereinbart.
Die Vorschläge sind Teil eines Bündels
an Maßnahmen, um die Finanzmärkte
besser zu überwachen. „Die Regeln wer-
den es Hedge-Fonds unmöglich machen,
griechische oder italienische CDS allein
für Spekulationsgeschäfte zu kaufen, oh-
ne die entsprechenden Staatsanleihen zu
besitzen“, teilte das Europaparlament
am Mittwoch mit. Nur noch die Investo-
ren, die entsprechende Staatsanleihen
halten, dürften sich demnach Schutz
über CDS kaufen.
Deutschlandhatte bereits imvergange-
nenJahr sogenannte ungedeckte Leerver-
käufe imAlleingang verboten. Bei diesen
Geschäften wetten Spekulanten auf den
Verfall einer Währung, Aktie oder Anlei-
he und verkaufen das Produkt, ohne es
zu besitzen – in der Hoffnung, es später
zueinemniedrigeren Kurs zurückkaufen
zu können und so Gewinne einzustrei-
chen. Inzwischen sind andere EU-Län-
der gefolgt, auch Frankreich, Italien,
SpanienundBelgien habennachEU-An-
gaben ein Verbot beschlossen.
Mit dem Kauf von Kreditausfallversi-
cherungen können sich Investoren gegen
den Ausfall von Anleihen absichern,
aber auch auf eine schlechtere Bonität
der Schuldner wetten. Letzteres wird
jetzt EU-weit verboten, weil diese Prakti-
kennachgängiger Meinung denKursver-
fall von Staatsanleihen künstlich be-
schleunigt und die Krise Griechenlands
verschärft haben. Die komplizierten
Produkte gelten auch als Hauptauslöser
für die weltweite Finanzkrise. Unter
bestimmten Bedingungen will die EU es
den Mitgliedsstaaten aber erlauben, vom
prinzipiellen Verbot abzuweichen.
„Gründe dafür können sein, dass der
Staatsanleihenmarkt nicht mehr richtig
funktioniert“, sagte EU-Binnenmarkt-
kommissar Michel Barnier. dpa
Frankfurt – In Deutschlandwirdeinwei-
terer Offener Immobilienfonds abgewi-
ckelt. Der seit fast zwei Jahren eingefro-
rene Axa Immoselect werde aufgelöst,
teilte die Fondsgesellschaft Axa Invest-
ment Managers am Mittwoch mit. „Die
Anzahl der Anleger, die bei einer Wieder-
öffnungdes Fonds ihre Anteilsscheine zu-
rückgeben wollen, ist zu hoch“, hieß es
zur Begründung. Die aktuelle Liquidi-
tätsquote liege trotz Objektverkäufen
bei gerade einmal zehn Prozent – nötig
für eine Wiederöffnung sind normaler-
weise 25 bis 30 Prozent. Ansonsten wür-
de der Fonds sofort wieder in Schieflage
geraten. Die restlichenImmobilienimBe-
standsollennunabverkauft unddie Erlö-
se daraus halbjährlichausgeschüttet wer-
den. Der Axa Immoselect ist hierzulande
bereits der fünfte Offene Immobilien-
fonds, der nach der Finanzkrise nicht
wieder auf die Beine kamunddeshalbab-
gewickelt werden muss. Reuters
Rentenversicherer
Sie müssen melden, welche Beiträge die
Versicherten zahlen – sei es für die gesetz-
liche Rente oder für die private Altersvor-
sorge. Auch Riester-Beiträge werden
übermittelt, denn mit ihnen sind Steuer-
vorteile verbunden. Außerdem erfahren
die Behörden, wer welche Leistungen
aus Verträgen zur Altersvorsorge, aus
Pensionsfonds, Pensionskassen, Direkt-
versicherungen oder Leibrenten erhält.
Banken
Die Kreditinstitute teilen mit, wenn De-
pots unentgeltlich übertragen werden – et-
wa, weil sie der Steuerpflichtige seinen
Kindern schenkt oder vererbt. Über diese
Meldung erfährt der Steuerzahler aber
ebenso wenig, wie über die Höhe der ge-
meldeten Kapitalerträge, die aus einem
Gewerbebetrieb stammen. Diese muss
die Bank melden, weil sie von der Kapital-
ertragssteuer befreit sind.
Arbeitsagenturen
Die Arbeitsämter übermitteln finanzielle
Leistungen wie Arbeitslosengeld, Arbeits-
losenhilfe, Zuschüsse zum Arbeitsentgelt
bei Aufstockern oder Kurzarbeitergeld.
Aber auch die Höhe des Mutterschafts-
oder des Elterngeldes erfahren die Steuer-
behörden. Diese Leistungen muss man
zwar nicht versteuern. Sie erhöhen aber
den Steuersatz, der auf andere Einkünfte
angewendet wird.
Krankenkassen
Die Krankenversicherer geben die Höhe
der Krankenkassenbeiträge weiter – aller-
dings nur für die Basisabsicherung. In der
gesetzlichen Krankenversicherung ent-
spricht das demgezahlten Beitrag abzüg-
lich vier Prozent. Bei der privaten Kasse
werden Sonderleistungen wie Chefarztbe-
handlungen herausgerechnet. Die Beiträ-
ge zur Pflegeversicherung erfährt das Fi-
nanzamt in voller Höhe.
Arbeitgeber
Was Arbeitgeber melden, können Be-
schäftigte der elektronischen Lohnsteuer-
bescheinigung entnehmen. Darin steht
die Höhe des Lohns oder des Gehalts,
auch die steuerfreien Leistungen, die der
Arbeitnehmer bekommt – etwa für Fahr-
ten zwischen Wohnung und Arbeitsstät-
te. Außerdem übermittelt der Arbeitgeber
die Höhe des Solidaritätszuschlags und
der Sozialversicherungsbeiträge. jal
Zürich – Die Schweizer Großbank Credit
Suisse bleibt optimistisch. Trotz der gro-
ßen finanziellen Probleme in Europa und
denUSAwerdendie VermögeninPrivat-
handindennächstenJahren weiter kräf-
tig wachsen werden, heißt es im Global
Wealth Report, der am Mittwoch veröf-
fentlich wurde. Dass passt ins Bild eines
Trends, der sich bereits seit einigen Jah-
ren abzeichnet. Die Reichen werden rei-
cher undArme nochärmer. Auchdie Mit-
telschicht in vielen Ländern gehört zu
denökonomischenVerlierernbei der Um-
verteilung von Vermögen.
Die Bankexperten gehen davon aus,
dass die weltweiten Privatvermögen von
2011 bis 2016 um 50 Prozent zunehmen
werden auf 345 Billionen Dollar. Als
wichtigste Wachstumstreiber gelten die
Schwellenländer China und Indien, wo
sich die Vermögen mehr als verdoppeln
dürften. Der Studie zufolge wird China
Japan als zweitreichstes Land ablösen.
Mit Vermögen von 81 Billionen Dollar
dürften die USA aber das Land mit dem
höchsten Vermögen bleiben. Obwohl die
Wirtschaft der Vereinigten Staaten
kaum noch wächst, rechnen die Banken
hier mit dem höchsten Vermögenszu-
wachs im genannten Fünf-Jahres-Zeit-
raum, uminsgesamt 4,5 Billionen Dollar.
Gleichdahinter folgt China mit einemge-
schätzten Wachstum von 4,0 Billionen
Dollar. Unter den zehn Ländern, die am
stärksten zulegen können, befinden sich
mit Indien, Brasilien, Mexiko und China
gleich vier Schwellenländer. Deutsch-
land belegt in dieser Rangliste Platz
zwölf mit einem Plus von 461 Millionen
Dollar.
Mitte des Jahres 2011 beliefen sich die
vonden4,5 MilliardenerwachsenenMen-
schen in Finanzanlagen und Immobilien
gehaltenen Vermögen auf 231 Billionen
Dollar. Im Vergleich zum Jahr 2000 ent-
spricht dies einer Verdoppelung. Er-
staunlich ist, dass die Finanzkrise offen-
bar nur zu einem geringfügigen Rück-
schlag führte. Einen wichtigen Beitrag
zum Zuwachs lieferten das Bevölke-
rungswachstum und die Gewinne vieler
WährungenzumDollar. GemesseninLo-
kalwährungen erhöhte sich das Vermö-
gen pro Erwachsenen in dem Jahrzehnt
umgut einDrittel. Solche Durchschnitts-
zahlen sagen nach Einschätzung von
Branchenbeobachtern jedoch nichts
über die tatsächliche Vermögensentwick-
lung der breiten Masse aus. Über deutli-
che Zuwächse ihres Vermögens können
sich meist nur diejenigen freuen, die oh-
nehin schon über ein gutes Finanzpolster
verfügen, wie andere Studien zeigen.
Das reichste Land gemessen am Pro-
Kopf-Vermögen bleibt die Schweiz. Auf
jeden Eidgenossen kommen im Schnitt
540 000 Dollar. Dies ist in der Schweiz
vor allem darauf zurückzuführen, dass
sich dort sehr viele Reiche niedergelas-
sen haben, auch aus dem Ausland. An
zweiter Stelle steht Australien mit einem
Durchschnittsvermögenvon397 000 Dol-
lar, gefolgt von Norwegen mit 356 000
Dollar pro Kopf. Beide Länder verfügen
über hohe Staatseinnahmen aus dem
Rohstoffgeschäft.
Die Experten der Credit Suisse gehen
davon aus, dass vor allem die Vermögen
indenSchwellenländern inden nächsten
Jahren stark wachsen werden. Der Le-
bensstandard dort werde sich deutlich
verbessern und auch die Konsumausga-
ben dürften erheblich zunehmen. SZ
Datenkrake Finanzamt
Die Steuerbehörden sammeln immer mehr Informationen über die Bürger. Diese erfahren davon oft nichts – und haben dann Nachteile
Regeln gegen
Risiken
EU schränkt Spekulation
mit Staatsanleihen ein
Axa-Immobilienfonds
wird abgewickelt
Wo der Fiskus elektronisch Informationen einholt
Operation Brontos
Italiens Justiz ermittelt gegen Unicredit wegen Steuerbetrugs. 245 Millionen Euro beschlagnahmt
Reiche werden reicher
Trotz Schuldenkrise: Die Vermögenswerte in Privathand werden laut einer Studie in den nächsten fünf Jahren um 50 Prozent auf 345 Billionen Dollar steigen
Donnerstag, 20. Oktober 2011 Süddeutsche Zeitung Nr. 242 / Seite 27
GELD
Schwellenländer wie
China und Indien
drängen nach vorn.
Illustration: h1-daxl.de
Für Profumo, der mit dem Einstieg in
die Politik liebäugelt, sind die Ermitt-
lungen höchst unangenehm. Foto: AFP
Ertrag**
in Euro
Anlagebetrag 10000 Euro
Tagesgeld
DO
Zinssatz
in Prozent*
Mindestbetrag
in Euro
MI
Telefon
FR
Kredite
MO
Rente
DI
Festgeld
SA
Sparbriefe
31.
NIBC Direct
1,2)
— 2,70 135,00
Deniz-Bank
1,2)
1000 2,63 131,50
Bank of Scotland
1,3)
— 2,60 130,00
DHB Bank
1,2)
— 2,15 107,50
GE Capital Direkt
1)
— 2,10 105,28
IKB direkt
1)
5000 2,10 105,28
Vakifbank Int.
2)
2500 2,10 105,28
Amsterdam-Trade-Bk.
1,2)
— 2,10 105,00
Dt. Finanzagentur (Bund) 50 0,77 38,57
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1) Online-Konditionen, 2) Einlagensicherung: 100% bis 100 000 Euro/Person,
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Angaben ohne Gewähr, Stand: 19.10.2011; Quelle: biallo.de
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Erlebbarkeit der Technik. Welche Möglichkeiten sie uns bietet und wie
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Alles auf den Schirm: Wie weit geht die Integration?
Termine
Erscheinungstermin:
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DEFGHTickets
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Von Chri sti ne Demmer
Der finnische Handybauer Nokia – Ex-
Produzent in Nordrhein-Westfalen, Ex-
Produzent in Rumänien – wird sich noch
eine ganze Weile lang als Subventionsno-
made beschimpfen lassen müssen. Den
angekratzten Ruf können auf die Schnel-
le weder humanitäre Hilfsprojekte inOst-
afrika noch der erklärte Verzicht auf den
Bezug von Rohstoffen aus Krisenregio-
nen aufpolieren. Jedes Jahr wendet No-
kia Millionenbeträge für das Wohlerge-
hen von Gesellschaft und Umwelt auf.
Doch zwei Werksschließungen mit Hun-
dertenEntlassungenbinnenweniger Jah-
re lassen Mitarbeiter und Kunden an der
ernsthaften Umsetzung von „Corporate
Social Responsibility“ (CSR) zweifeln.
Kritiker fragen sich: Wird die unterneh-
merische Verantwortung womöglich ge-
rade anderswo wahrgenommen? Viele
Unternehmen denken über den Sinn und
den Nutzen von CSR nach.
Professor C. B. Bhattacharya, Inhaber
des Eon-Lehrstuhls für Corporate Re-
sponsibility an der European School of
Management and Technology (ESMT) in
Berlin erstaunt es keineswegs, dass im-
mer mehr Unternehmen indenIndustrie-
nationen erklären, gesellschaftliche Ver-
antwortung übernehmen zu wollen. „Wir
stoßen an die Grenzen des Wachstums“,
erklärt er. Der gnadenlose Wettbewerb
verlange von den Firmen immer größere
Anstrengungen, umsich von anderen ab-
zuheben. Andererseits habe die Wirt-
schaft erkannt, dass sie stark genug sei,
um gesellschaftliche Veränderungen an-
zustoßen. „Es gibt viel guten Willen,
Kranken oder benachteiligten Menschen
oder dem Klima zu helfen, ohne dass da-
bei direkt auf die Bilanzen geguckt
wird.“ Klar sei aber auch: „Unternehmen
wollen nicht nur Wert für die Gesell-
schaft, sondern auch für sich schaffen.“
Das Potential des Sozial- undUmwelt-
sponsorings erkannten in den siebziger
Jahren PR-Agenturen und deren Kun-
den, allen voran internationale Konsum-
güterkonzerne, denen daran gelegen war,
sich den zunehmend kritischen Verbrau-
cherngegenüber ineingutes Licht zuset-
zen. Später beflügelte die Nachhaltig-
keitsdebatte das Thema. Mittlerweile in-
szeniert sich nahezu jedes größere Unter-
nehmen als Helfer in Sachen Klima-
schutz und im Falle humanitärer Notla-
gen. Bei inhabergeführten Betrieben
reicht dazueinSignal vonChef oder Che-
fin. „Kleine und mittlere Firmen müssen
nicht den Kapitalmarkt überzeugen“,
sagt Bhattacharya, „außerdem wirken
die oft persönlichen Motive der Eigner
sehr glaubwürdig.“
Aus inneremAntrieb, so sagt er, nehme
auch Matthias Bankwitz seine Verant-
wortung als Inhaber eines 30-köpfigen
Architekten- und Ingenieurbüros in
Kirchheim/Teck wahr. Seine Mitarbeiter
und die Umwelt haben es gut bei ihm: Es
gibt eine „Spielkultur“, ein Bürofahrrad,
Massagenwährendder Arbeitszeit undei-
ne grüne WC-Oase mit dezenter Musik.
Das freut denganzheitlichaufgeschlosse-
nen Menschen und rechnet sich für den
Unternehmer. „Wir haben einen extrem
geringen Krankenstand“, sagt Bankwitz,
„undeine nur ganz geringe Fluktuation.“
Das sollen andere jetzt nachmachen.
Der 48-Jährige hat sichmit einer Projekt-
skizze am Förderprogramm „Gesell-
schaftliche Verantwortung im Mittel-
stand“ beworben, das vomBundesminis-
terium für Arbeit und Soziales verwaltet
undvomEuropäischenSozialfonds finan-
ziert wird. Der Architekt will ein „bran-
chenübergreifendes Nachhaltigkeitspro-
fil für mittelständische Unternehmen in
der Region“ entwickeln. Und das gleich
auf drei Aktionsfeldern: „Es geht einmal
um eine mitarbeitergerechte Gestaltung
des Arbeitsplatzes, es geht zum zweiten
umeinPlädoyer für eine umweltfreundli-
che Bauweise, und es geht, drittens, um
die regionale Vermarktung von regiona-
len Produkten.“
Kurz gesagt: Bankwitz will Unterneh-
merkollegenbeibringen, ressourcenscho-
nend und nachhaltig zu wirtschaften.
Den Zuschlag für die 80-prozentige Co-
Finanzierung des 200 000 Euro teuren
Projektes hat er vor drei Wochen erhal-
ten; an lernwilligen Firmen scheint es
nicht zu mangeln: „Zwölf haben schon
unterschrieben, dass sie Interesse ha-
ben.“ Spendiert er die 40 000 Euro aus
der eigenen Kasse tatsächlich nur aus
Menschen- und Umweltfreundlichkeit?
Nicht ganz, gibt Bankwitz zu: „Die Öko-
nomie ist nie außen vor. Ich krieg' das
Ding nur durch, wenn jeder was davon
hat.“ Wenner zumBeispiel einer Drucke-
rei für eine halbe MillionEuro einenWär-
metauscher einbaue und die Firma da-
durch jährlich 50 000 Euro Kosten spare,
dann lobe ihn der Kunde kaum für den
Umwelteinsatz. Ganz sicher aber höre er
die Frage, warum der Architekt nicht
schon vor zehn Jahren damit gekommen
sei. „Irgendwo will man immer Geld ver-
dienen.“
Dass ein Unternehmen Geld verdienen
wolle, davon gingen die Stakeholder –
Mitarbeiter, Kunden, Investoren, Liefe-
ranten und andere Beobachter – ganz si-
cher aus, erklärt Bhattacharya. Keine Se-
kunde lang würden sie daran glauben,
dass Firmen ihrer Verantwortlichkeit
aus rein altruistischen Motiven nachkä-
men. „Ihre einzige Erwartung ist, dass
die Maßnahmen nachweisbare Verbesse-
rungen auf dem gesellschaftlich relevan-
ten Feld hervorrufen. Sie interessieren
sich weder für den Aufwand noch für den
finanziellen Gewinn, der damit erzielt
wurde.“ Unternehmen sollten daher
stärker als bisher bekanntgeben, was
sich dank ihres Engagements zumPositi-
ven verändert habe. „Die meisten beto-
nen aber immer noch, welchen Aufwand
sie erbracht haben.“
Für den Beobachter blieben damit
zwei wichtige Fragen offen: „Haben sie
das wirklichgetan, und was ist dabei her-
ausgekommen?“ Um nachhaltig Wir-
kung zuerzielen, müsse die Corporate So-
cial Responsibility in die Unternehmens-
strategie eingebettet werden. Das sei frei-
lich leichter gesagt als getan. „Oft wird
CSR als Nebensache behandelt, aber da-
mit verschwenden die Unternehmen nur
Geld.“ Forschungen zeigten, dass es nur
dann finanziellen Nutzen gebe, wenn die
Maßnahmen strategisch eingebettet sei-
en. „Es gibt keine Abkürzungen.“
UNTERNEHMEN IN DERVERANTWORTUNG
Sonderseiten der Süddeutschen Zeitung
Ist es ein Menschenrecht, höchstens
zwölf Stunden am Tag zu arbeiten? Oder
nur acht? In Industrieländern sind die
Antworten klar, in vielen Schwellenlän-
dern auch – nur unterscheiden sie sich
oft. Denn gesellschaftlich verantwortli-
ches Handeln sieht von Kulturkreis zu
Kulturkreis anders aus. Die Verständi-
gung soll die Norm ISO 26 000 erleich-
tern, die seit einem Jahr vorliegt. Noch
ist sie weitgehend unbekannt, sie ist
nicht zertifizierbar, und doch sehen Ex-
perteninihr einenVorteil: Sie bietet erst-
mals eine weltweit anerkannte, umfassen-
de Richtlinie für nachhaltiges Handeln.
Sechs Jahre lang haben Vertreter aus
90 Ländern und von 40 Organisationen
umDefinitionen gerungen. Sieben Kern-
themenkristallisiertensichheraus: Orga-
nisationsführung, Menschenrechte, Ar-
beitsbedingungen, Umwelt, faire Ge-
schäftspraktiken, Konsumentenrechte,
Einbindung und Entwicklung der Ge-
meinschaft. Josef Wieland, Repräsen-
tant sogenannter Stakeholder im Laufe
des Prozesses und Professor am Institut
für Wertemanagement in Konstanz, sieht
in der Norm „immense Fortschritte“. Es
sei zum ersten Mal ein Konsens darüber
gefundenworden, was unter gesellschaft-
licher Verantwortung zu verstehen sei.
Dass die Normalle Lebensbereiche er-
fasst, sieht Rechtsanwältin Dorothee
Krull, Mitautorin eines Buchs über die
ISO 26 000 in der Praxis, als großen Vor-
teil. „Bisher wurdenimmer nur Teilberei-
che erfasst.“ Der Global Compact der UN
beispielsweise spreche Unternehmen an,
die ISOhingegengelte für Konzerne eben-
so wie für Nichtregierungsorganisatio-
nen, Gewerkschaftenoder Behörden. Ge-
rade weltweit operierenden Konzernen
könne die NormHilfestellung leisten, fin-
det Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwalt
Karl-Christian Bay, Herausgeber des
Buchs über die ISO 26 000 in der Praxis.
„Sie führt dazu, dass manetwa mit Zulie-
ferern einen Standard vereinbaren kann.
Bei den globalen Lieferketten sind we-
sentliche Themenbereiche berührt, in de-
nendie ISOdurchaus Standards setzt, et-
wa bei Arbeitsbedingungen.“ Eine Zerti-
fizierung sieht die ISO 26 000 explizit
nicht vor. Wieland begrüßt das: „Wir
brauchen Raum zum Experimentieren,
einZertifizierungsprozess könnte dies ge-
fährden.“ Manche großen Unternehmen
interessieren sich allerdings wenig für
die Norm; sie verweisen laut Bay darauf,
dass sie ihre Nachhaltigkeitspflichten
schon mit Hilfe anderer Standards erfül-
len. Dabei ist Bay wie auch Sabine
Braun, Geschäftsführerin der Agentur
Akzente, durchaus der Meinung, dass es
sich für Mittelständler wie Konzerne
lohnt, die ISO26 000 zu berücksichtigen:
„Mein Rat ist, einfach durchschauen und
abhaken, es ist ein guter Abgleich“, sagt
Braun. Handlungsbedarf sieht sie am
ehesten bei Konsumententhemen; Unter-
nehmen müssten stärker hinterfragen,
was ihre Produkte bei Verbrauchern be-
wirkten. Noch sei das Interesse an der
ISO wenig ausgeprägt, sagt Franziska
Humbert von der Hilfsorganisation Ox-
fam. Die Norm werde eher indirekt von
Vorteil sein. „Sie könnte zumBeispiel bei
denauf EU-Ebene diskutierten Berichts-
pflichten für Unternehmen ein wichtiges
Referenzdokument sein, wenn es um be-
richtspflichtige Themen geht.“ Nur eines
befürchtet Humbert: „Es könnte sein,
dass mit der NormGreen-Washingbetrie-
ben wird.“ Johanna Pfund
Fast jedes Unternehmen
schreibt sich inzwischen
Klimaschutz auf die Fahnen
Süddeutsche Zeitung Nr. 242 | Donnerstag, 20. Oktober 2011 | Seite 28
Gutes Geld dank gutemWillen
Unternehmen geht es mit CSR-Maßnahmen meist auch ums Verdienen. Erfolgreich sind aber nur langfristige Strategien
Werte für
die ganze Welt
Die Norm ISO 26 000 definiert
erstmals globale Standards
Butterbrot für al-
le? Unternehmen,
die sich für die
Gesellschaft enga-
gieren, erhoffen
sich davon in der
Regel auch finanzi-
elle Vorteile. Die
Projekte sind aller-
dings dann zum
Scheitern verur-
teilt, wenn sie der
Firma nur kurzfris-
tig ein gutes Image
verschaffen sollen.
Experten fordern
daher ein langfris-
tig angelegtes En-
gagement, damit
sich die Projekte
auch irgendwann
für das Unterneh-
men auszahlen
werden.
Foto: plainpicture
Kunden wie Mitarbeiter
wollen wissen, was mit
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Von Mi ri am Hoffmeyer
Die Marketing-Vorlesung war interes-
sant, die Hörer lernten viel über Konsu-
mentenverhalten, Branchenanalysen,
Strategien. Aber etwas fehlte: die Frage,
was bei der Vermarktung moralisch er-
laubt ist. Christian Friedrich, Student
der Wirtschaftspsychologie an der Uni-
versität Lüneburg, wundert sich immer
noch darüber: „Es ist doch seltsam, dass
ich 14 Wochen lang lerne, wie ich die
Kaufentscheidung von Leuten beeinflus-
se, ohne dass ethische Fragen wenigstens
angeschnitten werden.“ Friedrich ist
Sprecher des studentischen Netzwerks
„Sneep“, dessen Lokalgruppen an 30
deutschen Hochschulen aktiv sind. Das
2003 gegründete Netzwerk setzt sich da-
für ein, Wirtschafts- und Unternehmens-
ethik stärker in der Hochschulbildung zu
verankern – vor allemin den wirtschafts-
wissenschaftlichen Studiengängen. „Die
Hochschulen müssen Wirtschaftswissen-
schaftler ausbilden, die gesellschaftliche
Zusammenhänge verstehen und so ver-
antwortlich handeln können“, fordert
Friedrich.
Seit dem Beginn der Finanzkrise wird
andenwirtschaftswissenschaftlichenFa-
kultätenintensiv darüber diskutiert, wel-
chenStellenwert ethische FragenimStu-
diumhaben sollten. Trotzdemist das ent-
sprechende Lehrangebot nicht auffal-
lend gewachsen. Etwa die Hälfte aller
deutschen Hochschulen bietet schon seit
Jahren Wirtschaftsethik-Veranstaltun-
gen mit verschiedenen Schwerpunkten
an – manche Kurse heißen „CSR“ oder
„Unternehmensverantwortung“, andere
„Umweltmanagement“ oder „Nachhal-
tigkeit“. Die Teilnahme ist in der Regel
freiwillig. Nur an wenigen Universitäten
ist Ethik Pflicht- oder Wahlpflichtfach
für angehende Betriebswirte, beispiels-
weise in Konstanz, Frankfurt am Main,
Hohenheim, Würzburg und Eichstätt-In-
golstadt. In vielen Kursen vermitteln
Theologen oder Philosophen vor allem
die Grundlagen der praktischen Philoso-
phie von Aristoteles bis Kant. Eher selten
befassen sich die Studierenden darüber
hinaus auch mit Fallbeispielen aus dem
Unternehmensalltag. „Das Angebot an
den Hochschulen ist nach wie vor ziem-
lich unstrukturiert. Es hängt immer noch
viel vom Engagement der einzelnen Pro-
fessoren ab“, sagt Joachim Fetzer vom
Deutschen Netzwerk Wirtschaftsethik
(DNWE), dem etwa 600 Vertreter aus
Wirtschaft, Politik, Kirchen und Wissen-
schaft angehören. Wirtschafts- und Un-
ternehmensethik systematisch in Studi-
engänge zuintegrierenist inder Gremien-
welt der Universitäten auch keine leichte
Übung. „In jeder wirtschaftswissen-
schaftlichen Fakultät gibt es einige, die
das Thema für wichtig halten – aber es
kostet Geld, Stellen, Stundendeputate“,
erklärt Fetzer. „Da stellt sich immer die
Frage: Wo nimmt man das weg?“ Unter
Umständen ist es einfacher, gleich einen
eigenen Masterstudiengang einzurich-
ten. So kann man an der Universität Hal-
le-Wittenberg Volkswirtschaftslehre mit
Schwerpunkt „Economic Ethics“ studie-
ren, an der IHI Zittau „Business Ethics
and CSR Management“ oder an der FH
Eberswalde „Nachhaltigen Tourismus“.
Darüberhinaus hat eine Reihe von
Hochschulen berufsbegleitende Studien-
gänge in ethischem Management einge-
führt, die sichvor allemanFührungskräf-
te richten. „Ein gebührenpflichtiger Stu-
diengang imBereich Wirtschaftsethik ist
sehr öffentlichkeitswirksam und trägt
sich finanziell selbst“, meint Joachim
Fetzer vom DNWE dazu. „Viel wichtiger
ist die Frage, ob es Pflichtstunden imBa-
chelorstudium gibt!“ Die Studierenden
interessieren sich jedenfalls für das The-
ma – Sommer- oder Herbstakademien zu
Ethikfragensindregelmäßig ausgebucht.
Eine Umfrage des Netzwerks Sneep er-
gab 2009, dass drei Viertel der befragten
3400 Studenten Ethik-Kenntnisse als
wichtig für ihr späteres Berufsleben ein-
schätzten. Zwei Drittel sprachen sich da-
für aus, Wirtschafts- und Unternehmens-
ethik in wirtschaftswissenschaftlichen
Studiengängen zum Pflichtfach zu ma-
chen. Zugleich waren nur 13 Prozent der
Befragtenmit dementsprechenden Lehr-
angebot ihrer Hochschule zufrieden.
An ausländischen Universitäten, vor
allem in den USA, spielt das Thema CSR
eine weit größere Rolle als hierzulande.
Doch auch wenn sich die Lehre in
Deutschland nur langsam verändert,
zeichnet sich ein Trend deutlich ab: Das
Thema, das jahrzehntelang nur ein Ste-
ckenpferd einiger Professoren war, ge-
winnt stetig an Beachtung. Das liegt dar-
an, dass seine Verfechter den Marsch
durch die Institutionen angetreten ha-
ben. Vor einem Jahr verabschiedete die
Bundesregierung ihren „Aktionsplan
CSR“. Darin setzt sie sich unter anderem
zum Ziel, der Unternehmensethik an
deutschen Hochschulen in Forschung
und Lehre mehr Gewicht zu geben. Im
Verband der Hochschullehrer für Be-
triebswirtschaft kümmert sich jetzt eine
wissenschaftliche Kommission um das
Thema. Leiterin ist Michaela Haase von
der FU Berlin. „Die Hochschulen haben
die Aufgabe, bei denStudierendendie Fä-
higkeit zur Reflexion zu fördern“, sagt
sie. „Das kann man mit Ethik sehr gut
trainieren.“ Ideal wäre nach Haases
Überzeugung eine Lehre, die ethische
Fragen in alle Fachgebiete der Betriebs-
wirtschaft einfließen lässt: Dann müsste
in „Accounting“ auch über das Frisieren
von Bilanzen gesprochen werden, in „Fi-
nanzwirtschaft“ über verantwortungs-
volles Investment, in „Personalwesen“
über Diskriminierung, in „Produktion“
über soziale und Umweltaspekte. In
Deutschland haben bisher nur 16 Hoch-
schulen die „Principles for Responsible
Management Education“ unterzeichnet,
die auf den Globalen Pakt (Global Com-
pact) der Vereinten Nationen aus dem
Jahr 2000 zurückgehen. Die sechs Prinzi-
pien sind allgemein gehalten. Sie ver-
pflichten die Hochschulen aber dazu, in
allen Bereichen der Ausbildung auf Wer-
teorientierung zu achten und jährlich
über Fortschritte zu berichten.
Weitgehend unbeackert ist das The-
menfeld in der beruflichen Bildung, ob-
wohl der CSR-Aktionsplander Bundesre-
gierung die Verankerung von Ethik auch
dort vorsieht. In den Lehrplänen für
Bank-, Einzelhandels- oder Versiche-
rungskaufleute seien bestenfalls Spuren-
elemente ethischer Inhalte zu finden, er-
klärt Thomas Retzmann, Professor für Di-
daktik der Wirtschaftslehre an der Uni-
versität Duisburg-Essen. „Das Thema ist
unverzichtbar, aber es darf nicht wie ein
Fremdkörper wirken. Sonst entsteht bei
denAuszubildendender Eindruck: Kauf-
männische Inhalte sind zum Geldverdie-
nen und die Ethik für den Sonntag.“
Nur an wenigen Unis
ist Ethik für Betriebswirte
ein Pflichtfach
Das Tageslicht fällt durchdie meterho-
hen Fenster in den Eingangsbereich des
„Orange House“ und lässt kein Fleck-
chen Dunkelheit zurück. Der lichtdurch-
flutete Innenbereich, das orangefarbene
Dach, die Holzfassade des Hauses sollen
seinen Besuchern ein Gefühl von Wärme
und Sicherheit vermitteln und eine le-
benswerte Umgebung schaffen. Denn die
Kinder und Jugendlichen, die hierher-
kommen, kennen häufig nur das Gegen-
teil. Seit einem Jahr ist das Orange
House, das idyllischinmittengrüner Wie-
seninder oberbayerischenGemeinde Pei-
ßenberg gelegen ist, Zufluchtsort für
schwer traumatisierte und kranke Kin-
der.
Auch Schulklassen nutzen das Ange-
bot des neuen Therapie- und Kreativzen-
trums, bei dem es sich um ein Gemein-
schaftsprojekt der Tabaluga Kinderstif-
tung undder HoffmannGroup Foundati-
on handelt, die das Zentrum finanziert.
Die Hoffmann Group ist ein europaweit
führender Hersteller und Händler für
Werkzeuge, der von kleinen Betrieben
bis hin zu internationalen Industriekon-
zernen zahlreiche Unternehmen belie-
fert. Unter dem Namen Garant vertreibt
das Mittelstandsunternehmen eine eige-
ne Werkzeugreihe, die Firmenfarbe ist
ein leuchtendes Orange. „Die Hoffmann
Group setzt sich schon seit Jahrzehnten
für soziale Projekte ein. Doch es geht uns
nicht nur um die finanzielle Unterstüt-
zung, es ist uns auch wichtig, uns aktiv
einbringen zu können und zu sehen, wo-
für das Geld verwendet wird“, sagt Bert
Bleicher, Geschäftsführer der Hoffmann
Group und Gründer der Foundation. So
entstand die Idee vom Orange House.
In der Werkstatt – neben der Reithalle
und demgroßen „Traumraum“ das Herz-
stück des Hauses – ist an diesem Tag eine
siebte Klasse zu Gast und werkelt an ih-
ren Vogelhäusern aus Holz. Zwischen
den großen Waschbecken, Werkbänken
und kleinen Maschinen arbeiten die Mit-
telschüler konzentriert an ihren Kunst-
werken, probieren gemeinsam mit dem
Gruppenleiter verschiedene Säge- und
Schleiftechniken aus. Sie gehören zu ei-
ner von vier Klassen, die einmal pro Wo-
che das Orange House besuchen. „Wir
wollteneinenBezug zuunseremMarken-
kern herstellen, da lag eine Werkstatt für
Kinder nahe“, erzählt Meike Sowa, Pro-
jektleiterin Marketing der Hoffmann
Group. Aus dieser Grundidee hat sich in
Zusammenarbeit mit der Tabaluga Stif-
tung das Therapie- und Kreativzentrum
entwickelt, das im Oktober 2010 eröffnet
wurde. Zehn Therapeuten und Pädago-
gender Tabaluga Stiftung sind inPeißen-
berg beschäftigt. Fast täglich steht Sowa
mit den Mitarbeitern des Orange House
inKontakt, das Zentrumsei als langfristi-
ges Projekt angelegt, sagt sie. Für das
nächste Jahr steht eine Veränderung der
Außenanlagen auf dem Plan, es sollen ei-
ne Terrasse angelegt und Bäume ge-
pflanzt werden. Wie in der Vergangen-
heit haben die Mitarbeiter der Hoffmann
Group dann erneut die Gelegenheit, mit
anzupacken. Ob beim Auslegen des Bo-
dens in der Reithalle, beim Trockenbau,
der Bewirtung der Gäste im Rahmen der
Eröffnungsfeier oder Spendensammeln–
den Angestellten des Werkzeugspezialis-
ten sei es wichtig, mitzuhelfen und sich
mit dem Projekt identifizieren zu kön-
nen.
In unmittelbarer Nähe zu dem neuen
Gebäude liegen der Tabalugahof und das
Sternstundenhaus, deren Bewohner im
Orange House in unterschiedlichen The-
rapieformen wie der Gesprächs-, Reit-
oder Musiktherapie betreut werden. Der
Hof ist das Zuhause von 18 Kindern, die
aus sehr schwierigen familiären Verhält-
nissenstammenundhäufig Opfer vonGe-
walt oder sexuellemMissbrauch wurden.
Sie werden von den bayerischen Jugend-
ämternhierher vermittelt. Das Sternstun-
denhaus nimmt schwerstkranke Kinder
aus Kliniken in ganz Deutschland auf.
Gemeinsam mit ihren Eltern und Ge-
schwisternverbringensie hier einenzwei-
wöchigen Reha-Aufenthalt. Die Kinder
sind zwischen zwei und 24 Jahren alt, der
Großteil von ihnen ist im schulpflichti-
gen Alter. „Die Ressourcen für ein Zen-
trum, in dem alle Therapiemöglichkeiten
zusammenlaufen, haben uns gefehlt“, be-
richtet Jürgen Haerlin, Vorstandsvorsit-
zender der Tabaluga Kinderstiftung.
Durch die Unterstützung der Hoffmann
GroupFoundationkonnte das Projekt re-
alisiert werden, das Unternehmen trägt
neben der gesamten Bausumme von 3,5
Millionen Euro auch die laufenden Be-
triebs- und Unterhaltskosten.
Gleich neben dem Eingang zum Oran-
ge House liegt die 600 Quadratmeter gro-
ße Reithalle. „Die Reittherapie ist aus un-
serem Angebot nicht mehr wegzuden-
ken“, erzählt Katrin Woidich, die fachli-
che Leiterin des Orange House. „Kinder,
die zuuns kommen, habenhäufig einKör-
pertrauma, sie habenOhnmacht undHilf-
losigkeit erlebt und reagieren darauf mit
Erstarren. Doch wer auf einem Pferd
sitzt, der ist allein durch den Rhythmus
und die Bewegungen des Tieres gezwun-
gen, sichaufzurichten. NachJahreninei-
ner gekrümmter Haltung, richten sie sich
hier oft das erste Mal wieder auf und er-
langen ihr Körpergefühl zurück.“ Täg-
lich bekommt Jürgen Haerlin von der Ta-
baluga Kinderstiftung neue Anfragen
zum Orange House. „Was die Nachfrage
betrifft, könnten wir sofort ein zweites
Haus eröffnen.“
„EinVorteil vonmittelständischenUn-
ternehmen, die sich in Corporate Social
Responsibility-Projektenengagieren, be-
steht darin, dass der Verwaltungsauf-
wand hier geringer als in Großunterneh-
men ist. Direkte Hilfe ist viel leichter
möglich und das Projekt ist direkt bei der
Geschäftsführung verankert“, sagt Mei-
ke Sowa. Über den Firmen-Newsletter
und die Mitarbeiterzeitung werden die
Angestellten ständig auf dem Laufenden
über das Orange House gehalten. „Für un-
ser Unternehmen und unsere Partner ist
das Orange House zueinemgemeinschaft-
lichen, sozialen Verbindungselement ge-
worden, die Mitarbeiter sind sehr stolz
auf das Projekt“. Mascha Dinter
Politiker und Firmenbosse reden gerne
von Nachhaltigkeit – doch ein Großteil
der Bevölkerung versteht diesen Begriff
nicht. 43 Prozent kommt der Begriff
Nachhaltigkeit zumindest bekannt vor,
etwa jeder Fünfte kennt den Ausdruck
nicht. Dies ergab eine kürzlich veröffent-
lichte Studie der Gesellschaft für Kon-
sumforschung. Demnach weiß längst
nicht jeder, der den Begriff einmal gehört
hat, was darunter zuverstehenist. 18 Pro-
zent der „Kenner“ haben keine Vorstel-
lung von der Bedeutung, für die anderen
steht Nachhaltigkeit vor allem für Na-
tur- und Umweltschutz. Nur vier Prozent
dachten an die Verpflichtung gegenüber
künftigen Generationen, soziale oder hu-
manitäre Aspekte fehlten völlig. dpa
Nicht nur das täglich Brot, auch das Drumherumsoll in der Ausbildung der Wirt-
schaftswissenschaftler eine Rolle spielen. Zunehmend fordern Studenten eine
stärkere Verankerung von Ethik in den Lehrplänen. Foto: plainpicture
Nachhaltigkeit wird
oft nicht verstanden
Etwa 93 Prozent der Deutschen befür-
worten gesellschaftliches Engagement
von Unternehmen. Zu diesem Ergebnis
kommt eine vonder Provinizial Versiche-
rung in Auftrag gegebene Studie. Mehr
als jeder Zweite ist demnach der Mei-
nung, dass sich Unternehmen besonders
im Umweltschutz stark machen sollten.
Es folgen Engagement für Kinder- und
Jugendarbeit (40 Prozent), die Förderung
sozial Benachteiligter (35 Prozent) und
die Vergabe von Stipendien. SZ
Ethik fürs Geschäft
In Universitäts- und Berufsbildung hat Werteorientierung bisher kaum Platz
Die Hoffmann Group
trägt die Bausumme und
die laufenden Kosten
Fair gehandelte Produkte sind welt-
weit weiter auf Erfolgskurs. Imvergange-
nen Jahr kauften die Verbraucher rund
um den Globus Fairtrade-Produkte im
Wert von 4,3 Milliarden Euro, ein Zu-
wachs von 26 Prozent. Auch in Deutsch-
land gab es erneut ein Umsatzplus – um
17 Prozent auf 187 MillionenEuro imers-
ten Halbjahr 2011. Das teilten Transfair-
Geschäftsführer Dieter Overath und Ma-
thias Mogge von der Welthungerhilfe
kürzlichmit. InDeutschlandgebe es mitt-
lerweile 36 000 Verkaufsstellen. dpa
UNTERNEHMEN IN DERVERANTWORTUNG
Sonderseiten der Süddeutschen Zeitung
Umweltschutz kommt
besonders gut an
Im Personalwesen sollte
das Thema Diskriminierung
eine Rolle spielen
UNTERNEHMEN IN DER
VERANTWORTUNG (CSR)
Verantwortlich: Werner Schmidt
Redaktion: J. Pfund, A. Remien
Anzeigen: Jürgen Maukner
Das richtige Werkzeug
Wie das „Orange House“ in Peißenberg Kindern und Jugendlichen hilft
Fair gehandelte
Produkte sehr gefragt
Süddeutsche Zeitung Nr. 242 | Donnerstag, 20. Oktober 2011 | Seite 29
In der Werkstatt
bauen Kinder
oder ganze Schul-
klassen zum Bei-
spiel Vogelhäus-
chen oder basteln
kleine Kunstwer-
ke. Zehn Pädago-
gen und Therapeu-
ten der Tabaluga
Stiftung sind in
der Einrichtung
beschäftigt.
Foto: Hoffmann
Group
Wenn wir bei BayWa morgen etwas erreichen wollen,
machen wir es uns einfach – wir fangen heute schon
damit an.
Erneuerbare Energien sind unsere Zukunft. Deshalb investiert
BayWa in innovative Technologien von morgen. Über 17.000
Mitarbeiter widmen sich in den Bereichen Agrar, Bau und Energie
mit Leidenschaft der Sicherung unserer Grundbedürfnisse.
Heute, morgen, übermorgen – und das seit 1923.
www.baywa.de
Den Wind so nutzen, dass uns
morgen nicht die Puste ausgeht.
Wir fangen schon mal an.
Leitzinsen
Basiszins gemäß
Bürgerlichem Gesetzbuch seit 01.07.11 0,37%
Leitzins EZB seit 07.07.11 1,50%
Leitzins FED seit 16.12.08 0-0,25%
Indizes/Renditen 19.10. 18.10.
Bund-Future 135,05 135,15
Rex Perf. Dt.Renten-Idx 414,47 416,09
Umlaufrendite 1,88 1,80
10j. Bundesanleihe 2,01 2,09
10j. Staatsanleihe USA 2,19 2,12
10j. Staatsanleihe Großbrit. 2,49 2,49
10j. Staatsanleihe Japan 1,02 1,03
Euribor Dollar-Libor
in % 19.10. 18.10. 19.10. 18.10.
3 Monate 1,582 1,579 – 0,409
6 Monate 1,783 1,780 – 0,598
Eurogeldmarkt
1
)
19.10. Tagesgeld 1 Monat 6 Monate 1 Jahr
Euro 0,80–1,30 1,21–1,46 1,62–1,87 1,96–2,21
US-$ 0,20–0,70 0,68–0,93 1,32–1,57 1,72–1,97
brit-£ 0,60–1,10 1,05–1,30 1,62–1,87 2,05–2,30
sfr –0,50 0,10–0,35 0,45–0,70 0,70–0,95
Yen 0,05–0,55 0,20–0,45 0,60–0,85 0,95–1,20
Bundesemissionen
Bundesschatzbriefe Typ A 1,23% Endrendite
Typ B 1,39% Endrendite
Finanzierungsschätze 1 Jahr 0,20% Rendite
2 Jahre 0,35% Rendite
Bundespapiere (sortiert nach Restlaufzeit)
Kupon Anleihe 19.10. 18.10. Rend.
1,25 BS v. 09/11 III 100,14 100,17 0,26
1 BS v. 10/12 100,56 100,60 0,50
5 BA v. 02/12 I 100,99 101,01 –
1 BS v. 10/12 100,28 100,29 0,29
4 BO S.150 v. 07/12 101,73 101,79 0,29
0,5 BS v. 10/12 100,11 100,11 0,32
5 BA v. 02/12 II 103,19 103,23 0,41
0,75 BS v. 10/12 100,25 100,28 0,47
4,25 BO S.151 v. 07/12 103,61 103,67 0,53
4,5 BA v. 03/13 104,78 104,86 0,47
1,5 BS v. 11/13 101,32 101,38 0,54
3,5 BO S.152 v. 08/13 104,31 104,38 0,54
2,25 BO v. 07/13 Inflat. 104,23 104,34 –
1,75 BS v. 11/13 101,92 102,01 0,57
3,75 BA v. 03/13 105,37 105,45 0,56
4 BO S.153 v. 08/13 106,61 106,70 0,62
4,25 BA v. 03/14 107,93 108,05 0,60
2,25 BO S.154 v. 09/14 103,95 104,07 0,63
4,25 BA v. 04/14 109,42 109,51 0,71
2,5 BO S.155 v. 09/14 105,12 105,20 0,75
3,75 BA v. 04/15 109,11 109,25 0,85
2,5 BO S.156 v. 10/15 105,41 105,54 0,85
2,25 BO S.157 v. 10/15 104,70 104,69 0,86
3,25 BA v. 05/15 108,24 108,44 0,97
1,75 BO S.158 v. 10/15 102,75 103,00 1,04
3,5 BA v. 05/16 109,79 110,01 1,10
2 BO v. 11/16 103,77 103,98 1,10
2,75 BO v. 11/16 106,95 107,16 1,14
1,5 BA v. 06/16 Infl. 107,85 108,43 –
6 BA v. 86/16 II 121,09 121,61 1,30
4 BA v. 06/16 112,57 112,92 1,23
5,63 BA v. 86/16 120,45 120,80 1,30
1,25 BO v. 11/16 99,80 100,09 1,29
3,75 BA v. 06/17 112,11 112,39 1,32
4,25 BA v. 07/17 II 115,28 115,74 1,43
4 BA v. 07/18 114,76 115,02 1,49
0,75 BO v. 11/18 Inflat. 105,37 105,30 –
4,25 BA v. 08/18 116,60 117,19 1,61
3,75 BA v. 08/19 113,92 114,36 1,68
3,5 BA v. 09/19 112,41 112,87 1,76
3,25 BA v. 09/20 110,41 110,89 1,86
1,75 BA v. 09/20 Infl. 112,93 113,22 –
3 BA v. 10/20 108,85 109,16 1,89
2,25 BA v. 10/20 102,04 102,87 2,00
2,5 BA v.10/21 103,89 104,78 2,03
3,25 BA v.11/21 110,08 111,07 2,09
6,25 BA v. 94/24 140,27 141,49 2,40
6,5 BA v. 97/27 147,95 149,60 2,71
5,63 BA v. 98/28 138,12 138,79 2,69
4,75 BA v. 98/28 II 125,99 127,00 2,78
6,25 BA v. 00/30 148,75 150,00 2,79
5,5 BA v. 00/31 138,23 139,84 2,88
4,75 BA v. 03/34 130,87 132,22 2,88
4 BA v. 05/37 119,53 120,90 2,89
4,25 BA v. 07/39 I 125,77 127,00 2,88
4,75 BA v. 08/40 136,47 137,79 2,87
3,25 BA v. 10/42 108,02 109,43 2,85
Tagesanleihe des Bundes 100,61 Tageszins 0,78%
Ausl. Staatsanleihen
Kupon Anleihe 19.10. Rend. Bonit.
0 Argent.GDP-Lnkr 05/35 13,48 17,16 B
v.2,26 Argentinien 05/38 29,70 9,63 B
3,5 Belgien 09/15 100,04 3,47 AA+
7,5 Bulgarien 02/13 105,00 3,22 BBB
4,25 China 04/14 105,10 2,46 A+
4,25 Finnland 07/12 103,21 0,67 AAA
3 Frankreich 09/14 103,68 1,58 AAA
4,3 Griechenland 09/12 54,00 – CC
6,1 Griechenland 10/15 35,88 – CC
5,9 Irland 09/19 86,00 8,37 BB+
4,6 Irland 99/16 89,11 7,52 BB+
3,75 Island 06/11 99,04 12,26 BB+
10,5 Jamaika 04/14 102,75 9,35 B-
4,25 Lettland 04/14 101,28 3,67 BBB-
3,75 Niederlande 04/14 107,12 1,08 AAA
3,4 Österreich 09/14 105,08 1,65 AAA
6,5 Österreich 94/24 130,00 3,44 AAA
4,2 Polen 05/20 96,30 4,73 A-
3,85 Portugal 05/21 57,25 11,46 BBB-
6,4 Portugal 11/16 73,10 15,32 BBB-
3,13 Schweden 09/14 104,89 1,16 AAA
4,9 Spanien 07/40 82,08 6,27 AA-
5,5 Spanien 11/21 100,44 5,43 AA-
5,25 Südafrika 03/13 103,65 2,80 BBB+
6,5 Türkei 04/14 105,16 4,07 BB+
7 Venezuela 05/15 85,75 12,31 B+
Unternehmensanleihen
Kupon Anleihe 19.10. Rend. Bonit.
5,38 Allianz Fin.perp. 06/– 94,00 – A
4 BASF 05/12 101,16 1,39 A+
3,25 Bay.Lbk.Pfb 05/15 104,30 2,00 AAA
4,63 Bayer Capital 09/14 107,00 2,13 A-
7,88 Bertelsm. 09/14 110,70 2,83 BBB+
4,13 BMW Fin. 06/12 100,60 1,61 A
5 Commerzbank 09/15 104,02 3,16 A+
5,13 Cred.Suisse 09/12 101,30 2,00 AA-
9 Daimler 08/12 101,65 1,68 A-
7,88 Daimler 09/14 112,10 2,23 A-
3 Daimler 10/13 102,33 1,62 A-
7,75 Daimler Int. 09/12 102,42 1,82 A-
5 Dt. Börse 08/13 104,01 2,22 AA
v.7,5 Dt. Börse 08/38 101,50 7,36 A+
4,88 Dt. Post Fin.03/14 106,00 2,12 BBB+
3,75 Dt. Postbank 09/14 104,61 1,68 AAA
4 Dt.Telek.Int.Fin.05/15 103,85 2,73 BBB+
7,25 Dürr 10/15 107,10 5,20
5,5 Eon 07/17 112,19 3,21 A-
4,88 Eon 09/14 106,00 2,12 A-
4,13 Eon Intern. 09/13 102,90 2,01 A-
7,25 France Telecom 10/13 106,54 1,92 A-
4,75 Goldman Sachs 06/21 80,86 7,55 A
7,5 Heid.Cem. 10/20 95,50 8,42 BB
4,25 Henkel 03/13 104,05 1,70 A
5 K+S 09/14 106,81 2,55 BBB+
3,38 KfW 08/12 100,53 0,98 AAA
6,75 Linde 08/15 116,88 2,43 A-
4,63 Lufthansa 06/13 102,87 2,67 BB+
6,5 Lufthansa 09/16 108,00 4,56 BB+
4,5 Maxingvest 04/14 103,05 3,40
4,88 Merck Fin.Serv. 09/13 105,05 2,12 BBB
3,87 Porsche 06/16 103,04 3,09
4,375 Shell 09/19 108,98 2,85 AA
4,5 Shell Intern. 09/16 107,90 2,41 AA
4,13 Siemens Fin. 09/13 103,53 1,41 A+
5,13 Siemens Fin. 09/17 113,66 2,36 A+
4,12 Sixt 10/16 99,25 4,12
5,75 Südzucker Int. 02/12 101,40 1,57
8 ThyssenKrupp 09/14 109,29 4,20 BBB-
6,63 Toyota Mot.Cr. 09/16 100,65 2,86
Genussscheine 19.10. 18.10.
Bertelsmann 01 ff. 15% 200,50 201,00
Bertelsmann 92 ff. 7,23% 116,00 117,00
Magnum 03/50 12% 71,50 66,50
Pongs&Zahn 06/50 8,5% 0,45 0,45
Salvator Grund. 04/50 9,5% 24,50 24,50
Sixt 04/11 9,05% 107,75 107,75
WGZ Tr.B 86/11 8,25% 104,00 104,00
Münzen und Barren
19.10. 18.10.
London Gold (11:30) $/Uz. 1651,00 1658,00
London Gold (16:00) $/Uz. 1652,50 1631,00
London Silber (14:00) US-cts/Uz 3197,00 3100,00
Kupfer (DEL) 535,90–538,36 539,10–541,59
Münzen
2
) ( 17:39 ) Ankauf Verkauf Ankauf Verkauf
1 Uz Am.Eagle 1186,00 1278,50 1193,50 1286,00
1 Uz Platin Noble 1060,00 1270,00 1064,00 1274,50
1 Uz Maple Leaf 1186,00 1254,00 1193,50 1262,00
1/2 Uz Am. Eagle 587,00 672,50 591,00 676,50
1/2 Uz Philharm. 587,00 663,50 591,00 667,50
1/4 Maple Leaf 300,00 339,50 301,50 341,50
1/4 Uz Philharm. 300,00 338,00 301,50 340,00
1/10 Uz Am.Eagle 120,00 144,50 120,50 145,00
1 Uz Krüger Rand 1186,00 1260,00 1193,50 1268,00
1 Uz Britannia 1186,00 1272,00 1193,50 1280,00
1 UZ W. Philh. Silber 22,95 25,10 23,35 25,45
1 Uz Platin Koala 1060,00 1270,00 1064,00 1274,50
1/10 Uz Platin Koala 110,50 147,50 111,00 148,00
2 Rand Südafrika 268,00 301,00 270,00 303,00
100 österr. Kronen 1116,00 1241,00 1122,50 1248,50
4 österr. Dukaten 504,00 563,00 507,00 566,50
1/2 Uz Känguruh 587,00 663,50 591,00 667,50
1/10 Uz Känguruh 120,00 139,00 120,50 139,50
10 Rubel (Tscherwonetz) 289,50 323,00 291,00 324,50
20 sfr (Vreneli) 217,50 245,50 218,50 247,00
20 Goldmark (Wilh.II) 265,00 290,00 266,50 292,00
Barren
2
) Ankauf Verkauf Ankauf Verkauf
Gold, 1 kg 38030,00 38974,00 38262,00 39209,00
Gold, 100 g 3810,00 3927,00 3834,00 3950,00
Gold, 10 g 384,00 410,00 386,00 412,00
Silber, 1 kg 682,00 783,00 694,00 795,00
Platin, 1 kg 33429,00 37250,00 33557,00 37383,00
Platin, 100 g 3363,00 3845,00 3376,00 3859,00
Für Industrieabnehmer
3
)
Feingold
Feingold, 1 kg 37450,00 40570,00 37960,00 41130,00
verarbeitet, 1 kg – 42510,00 – 43080,00
Feinsilber
Feinsilber, 1 kg 718,00 796,90 707,00 784,90
verarbeitet, 1 kg – 834,20 – 821,50
Platin / Palladium
Platin (per Gramm) 33,92 37,01 34,02 37,11
Palladium (per Gramm) 13,62 15,02 13,41 14,80
Rohstoffe
Energie 19.10. 18.10.
Rohöl (Ldn.) Dez 110,47111,15
Brent Jan 109,48109,90
ICE $/Brl Feb 108,71108,99
Rohöl (NY) Nov 88,44 88,34
WTI Dez 88,62 88,53
Nymex $/Brl Jan 88,82 88,68
19.10. 18.10.
Benzin (RBO) Nov 2,72 2,75
Nymex $/gal Dez 2,70 2,72
Heizöl (NY) Nov 3,03 3,03
Nymex $/gal Dez 3,03 3,03
Gasöl (Ldn) Nov 947,0 936,5
ICE $/t Dez 937,5 927,0
Edelmetalle
Gold (NY) Okt 1655 1652
Comex $/oz Nov 1657 1652
Dez 1657 1653
Silber (NY) Nov 3198 3181
Comex cts/oz Dez 3180 3183
Jan 3215 3185
Platin (NY) Jan 1536 1541
Nymex $/oz Apr 1538 1545
Jul 1547 1548
Palladi. (NY) Dez 623,9 619,9
Nymex $/oz Mär 621,2 621,3
Okt 619,4 619,4
Basismetalle
Kupfer (Ldn) Kse 7306 7271
LME $/t 3-Mt. 7328 7295
Nickel (Ldn) Kse 18935 18580
LME $/t 3-Mt. 18980 18650
Zink (Ldn) Kse 1832 1832
LME $/t 3-Mt. 1851 1854
Blei (Ldn) Kse 1890 1906
LME $/t 3-Mt. 1915 1935
Zinn (Ldn) Kse 21650 20605
LME $/t 3-Mt. 21800 20675
Alumini. (Ldn)Kse 2172 2158
LME $/t 3-Mt. 2196 2184
Agrarprodukte
Weizen (Pa) Nov 186,5 185,8
Matif Euro/t Jan 183,3 183,3
Sojaboh. (Ch) Nov 1251 1251
CME cts/bu Jan 1255 1256
Mais (Chi.) Dez 646,0 644,0
CME cts/bu Mär 654,8 652,8
Kaffee (NY) Dez 237,3 231,5
ICE cts/lb. Mär 239,8 234,7
Kakao (NY) Dez 2618 2610
ICE $/t Mär 2660 2571
Zucker (NY) Mär 28,09 27,85
ICE cts/lb. Mai 26,99 26,81
Rentenmarkt
ERLÄUTERUNGEN: Anleihen: Kurse in Prozent; BA=Bundesanleihe; BO=Bundesobligationen; BS=Bundesschatzanweisung;
PfB=Pfandbrief; Laufzeit (Emissionsjahre/Fälligkeit) hinter dem Namen; alle Bundespapiere besitzen Bonität AAA; Bonitäts-
einstufungen soweit verfügbar von S&P: AAA=exzellent, AA=sehr gut bis gut, A=gut bis befriedigend, BBB=befriedigend bis
ausreichend, BB=mangelhaft, B=mangelhaft, CCC bis C=ungenügend, Insolvenz absehbar, D=zahlungsunfähig; Euribor=Zinssatz
f. Termingelder in Euro unter Banken; Dollar-Libor=Zinssatz f. Termingelder auf Dollarbasis; 1) Unicredit Lux., Münzen und Bar-
ren; 2) pro aurum, Schalterpreise München, Angaben in Euro 3) W.C.Heraeus, Basis Londoner Fixing; Rohstoffe: CME=Chicago
Mercantile Exchange, Comex=Commodity Exch., ICE=Intercontinental Exch., LME=London Metal Exch., Matif=Marché à terme In-
ternat. de France, Nymex=New York Mercantile Echange Kursgrafik: smallCharts, Quelle: GOYAX.de, AID Hannover, Morningstar
Euro-Anleger haben amMittwoch
auf eine billionenschwere He-
belung des Rettungsschirms EFSF
gesetzt - obwohl die Bundesregie-
rung und EU-Insider eine Eini-
gung über eine Aufstockung des
Fonds dementierten. Der Euro
kletterte in der Spitze im Ver-
gleich zum Vortagesschluss um
mehr als einen US-Cent auf
1,3869 Dollar. „Die Investoren ge-
hen davon aus, dass die Politiker
bald irgendwas präsentieren müs-
sen und da greifen sie nach jedem
Strohhalm“, sagte ein Händler.
Mit Hilfe eines Hebels könnte der
EFSF-Fonds mit einem Einsatz
von beispielsweise 100 Milliarden
Euro eine Finanzierung von 300
bis 500 Milliarden sicherstellen.
Angesichts der Hoffnungen auf
eine Bewältigung der Schuldenkri-
se rückte die Herunterstufung Spa-
niens in den Hintergrund. Die Ra-
tingagentur Moody’s hatte die Kre-
ditwürdigkeit der viertgrößten eu-
ropäischen Volkswirtschaft am
Dienstagabend gleich um zwei
Stufen auf A1 gesenkt.
Am Anleihenmarkt hielten sich
die Auswirkungen in Grenzen:
Die Rendite der zehnjährigen spa-
nischen Anleihen lag mit 5,411
Prozent nur leicht höher als am
Dienstag mit 5,366 Prozent.
SZ/Reuters/dpa
Hoffnung auf EFSF-Hebel treibt Euro
Gold
1400
1600
1800
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Öl
70
85
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Seite 30 / Süddeutsche Zeitung Nr. 242 HF2 Donnerstag, 20. Oktober 2011
GELD
US-Anleihe 10J.
1,4
2,2
3,0
18.7.11 19.10.11
Bundesanleihe 10J.
1,4
2,2
18.7.11 19.10.11
In Deutschland zugelassene Qualitätsfonds – tägliche Veröffentlichung mitgeteilt von vwd group
Name Währung Ausg. Rücknahme Akt.G ATE ZWG
19.10. 19.10. 18.10. in %
Name Währung Ausg. Rücknahme Akt.G ATE ZWG
19.10. 19.10. 18.10. in %
Name Währung Ausg. Rücknahme Akt.G ATE ZWG
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Name Währung Ausg. Rücknahme Akt.G ATE ZWG
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Name Währung Ausg. Rücknahme Akt.G ATE ZWG
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Aberdeen Immobilien KAG
DEGI EUROPA € 36,74 34,99 34,98 -19,64 - 0,18
DEGI Internat. € 44,91 42,77 42,77 -4,88 - 0,14
Advance Bank AG
Europa Ertrag A € 43,48 43,48 43,48 -2,39 0,00 0,00
Trendscout Global A € 53,21 53,21 53,21 14,02 0,45 0,00
Adviser I Funds, SICAV
Alb&Cie Optiselect € 150,99 143,80 142,96 17,27 - 0,00
Alceda Fund Management
IVP-Global Wachstum € 8,30 7,90 7,90 -4,76 - 0,00
IVP-Globale Werte € 13,78 13,12 13,13 37,01 - 0,00
NV Strat-Kons. P € 54,11 52,53 52,58 3,22 - 0,24
NV Strat-Kons. POA € 46,51 46,51 46,55 -3,57 - 0,17
NV Strat-Kons. POT € 47,30 47,30 47,34 -4,87 - 0,04
Ourworld-Mezzo* € 87,20 83,05 82,93 -17,08 - 0,00
Ourworld-Piano* € 74,26 70,72 70,52 -13,51 - 0,00
Allianz Global Investors KAG mbH
Adifonds* € 64,43 61,36 63,10 -36,85 - 0,00
Adirenta P* € 13,07 12,69 12,62 0,00 - 0,00
Adireth* € 82,73 80,32 79,93 0,14 - 0,73
Adiverba* € 73,85 70,33 72,23 -122,59 - 0,00
Akt Europ AE* € 52,95 50,43 51,46 -60,36 - 0,01
Concentra AE* € 56,88 54,17 55,69 12,20 - 0,00
Europazins AE* € 46,88 45,51 45,16 0,00 - 0,83
Fl Rentenfd AE* € 72,90 70,43 70,41 -0,39 - 1,78
Flex Eur Ba AE* € 51,85 49,86 50,39 -8,48 - 0,38
Flex Eur Dy AE* € 49,59 47,23 48,11 -26,23 - 0,02
Flexi Immo A* € 104,93 100,89 100,89 -0,73 - 2,96
Fondak A* € 92,84 88,42 91,16 10,67 - 0,00
Fondirent* € 43,23 41,97 41,23 0,00 - 0,34
Geldmarkt AE* € 50,04 50,04 50,03 0,00 - 1,24
Geldmkt SP AE* € 50,70 50,70 50,68 0,00 - 1,16
Global Eq.Dividend* € 73,37 69,88 70,81 -76,46 - 0,01
Horizont Def € 110,35 106,11 106,95 14,78 0,00 1,21
Industria AE* € 68,09 64,85 65,99 -42,85 - 0,00
Interglobal AE* € 137,20 130,67 132,31 -66,98 - 0,00
Kapital + AE* € 47,31 45,93 45,88 4,19 - 0,82
Mobil-Fonds AE* € 54,85 53,77 53,63 0,00 - 1,68
Nebenw DE AE* € 129,21 123,06 126,15 60,39 - 0,00
RCM Reale Werte A* € 53,44 51,38 51,12 -2,14 - 1,06
Rentenfonds AE* € 73,80 72,00 71,73 0,00 - 1,84
Rohstofffonds AE* € 104,46 99,49 104,31 56,00 - 0,00
Thesaurus ATE* € 460,96 439,01 452,14 26,54 - 0,00
Vermögenb DE AE* € 95,52 90,97 93,92 14,08 - 0,00
Wachst Eurld AE* € 56,53 53,84 54,97 -28,03 - 0,00
Wachst Europ AE* € 60,19 57,32 58,20 3,42 - 0,00
Allianz Global Investors Luxembourg S.A
A.Deut.Wait or Go € 65,79 62,66 61,45 30,88 0,00 0,00
Abs Ret ATE € - 106,87 106,87 3,54 4,90 1,26
AGIF B St E IE € 7,43 7,43 7,31 30,93 0,00 0,00
AGIF Eu EqD ATE € 163,43 155,65 154,73 20,84 19,51 0,00
AGIF EuBd AE € 9,83 9,54 9,56 0,00 0,00 0,03
AGIF Gl AgTr AE € 112,97 107,59 106,73 1,78 0,00 0,00
AGIF GlEcoT AE € 70,13 66,79 66,35 47,13 0,00 0,00
All Comm Stra A € 99,98 95,22 95,29 0,72 0,00 0,00
Bond Pf € - 1115,75 1115,49 0,00 536 17,33
Eur Bd TR AE € 56,30 54,66 54,75 0,00 0,00 0,77
Europe 25 ATE € 100,67 95,88 95,53 5,27 6,21 0,80
Fondak Euro.A(EUR) € 39,48 37,60 37,18 30,66 0,00 0,00
Mlt.AsiaAct.A(EUR) € 42,74 40,70 41,50 22,30 0,25 0,00
Oriental Income AT € 110,16 104,91 105,18 3,26 2,27 0,00
RCM BRIC Stars A € 124,86 118,91 118,20 23,69 0,00 0,00
RCM EM.MrktsA(EUR) € 305,82 291,26 286,57 46,09 11,31 0,00
RCM Enh ST Euro AT € 106,39 106,39 106,39 0,00 5,00 0,16
Sm.Cap Europa AE € 94,62 90,11 89,36 54,18 0,00 0,00
Allianz Global Investors Ireland Ltd.
Emg Mrkt Bd AE € 63,36 61,51 61,66 0,00 0,00 2,30
Gl Emg Mrkt AE € 33,36 31,77 31,68 60,60 0,00 0,00
US Eq AE € 42,71 40,68 40,00 30,77 0,00 0,00
Alte Leipziger Trust
€uro Short Term* € 49,14 48,65 48,63 0,00 0,00 1,21
Aktien Deutschland* € 70,00 66,67 68,52 -23,81 -52,53 0,00
AL Trust €uro Relax* € 50,49 49,02 49,04 -0,65 - 0,00
Trust €uro Cash* € 48,62 48,62 48,62 0,00 0,00 1,14
Trust €uro Renten* € 44,85 43,54 43,31 0,00 0,00 1,36
Trust Aktien Europa* € 36,52 34,78 35,87 -89,24 -45,96 0,00
Trust Global Invest* € 48,05 45,76 45,34 -84,54 -52,48 0,00
AmpegaGerling Investment
Gerling AS € 32,03 30,65 30,70 -59,56 - 0,02
Gerling Flex € 33,49 31,97 31,85 -38,90 - 0,32
Gerling Global € 18,00 17,35 17,32 0,00 - 0,37
Gerling Pf.Tot.Ret € 96,74 93,02 92,91 -10,65 - 2,25
Gerling Rendite € 19,75 19,17 19,14 0,00 - 0,55
Gerling Reserve € 51,04 50,79 50,80 0,00 - 1,25
Gerling Vario P(a) € 23,71 22,80 22,81 -16,18 - 0,32
Gerling Zukunft € 6,54 6,26 6,18 -211,43 - 0,00
GerlingEuroStar 50 € 29,30 29,30 29,37 -4,01 - 0,00
GerlPf MuETFStr Pa € 18,64 18,10 18,15 -87,19 - 0,10
GerlPf Real Estate € 107,71 102,58 102,62 -2,49 - 0,57
JF Renten W. € 104,36 102,31 102,03 0,00 - 3,70
KAPITAL PROZINS € 23,45 22,44 22,37 0,00 - 1,47
MPC Europa Meth. € 132,32 126,02 126,18 -21,75 - 0,00
PF Glob ETF Aktien € 14,91 14,48 14,50 -48,20 - 0,00
terrAssi.Akt.I AMI € 12,71 12,16 12,04 -94,59 - 0,00
terrAssisi Renten I AMI € 102,14 101,63 101,63 0,00 - 2,03
TOP TREND AMI € 111,22 105,92 106,20 -18,02 - 0,68
Zan.Eu.Cor.B.AMI P* € 103,47 101,44 101,23 0,00 - 2,42
Zantke Eu.HY AMI Pa* € 105,89 103,81 103,86 0,00 - 4,53
Axxion S.A.
M-AXX InCap Taurus € 62,07 59,11 58,76 26,96 - 0,00
Mwert Sup.Abs.Ret. € 3,99 3,79 3,79 27,64 - 0,00
Berenberg Funds-of-Funds
Balance Select € 61,03 57,85 57,98 7,18 - 0,00
Globalway Fonds € 46,62 44,19 44,50 20,71 - 0,00
www. .lu
Berenberg Global Opportunity
Glb. Opp.Conc.Pf. € 59,60 56,49 56,61 15,79 - 1,15
BNY Mellon Service KAG
www.bnymellonkag.com
Balanced* € 53,93 51,36 51,57 8,13 - 0,58
BHW Laz.Short T.Pl* € 48,23 47,28 47,28 0,00 - 2,50
Europa* € 30,73 29,27 30,21 -89,10 - 0,00
Eurorent* € 55,00 53,40 53,23 0,00 - 1,36
Megatrend* € 36,36 34,63 35,60 9,97 - 0,00
Triselect* € 44,97 42,83 43,22 -13,66 - 0,21
Commerz Grundbesitz-Invest
hausInvest € 43,68 41,60 41,59 2,21 - 0,12
www.cratoncapital.com
Precious Metal* $ - 296,34 292,94 -25,57 - 0,00
Credit Suisse
CS Euroreal A CHF* CHF 95,61 91,06 91,08 1,99 - 0,30
CSAM Immobilien KAG mbH
CS EUROREAL* € 62,50 59,52 59,52 2,44 - 0,24
Deka
BW Portfolio 20 € 40,29 39,50 39,65 -8,02 - 0,67
BW Portfolio 40 € 38,01 37,26 37,51 -18,62 - 0,70
BW Portfolio 75 € 32,86 32,22 32,64 -27,64 - 0,21
BW Zielfonds 2020 € 31,83 31,21 31,47 -29,23 - 0,43
BW Zielfonds 2025 € 29,19 28,62 29,01 -40,23 - 0,20
BW Zielfonds 2030 € 28,95 28,38 28,80 -39,26 - 0,14
DekaFonds € 61,93 58,84 57,41 5,37 - 0,00
DekaFonds TF € 149,26 149,26 145,64 30,08 - 0,00
Deka-MegaTrends CF € 35,41 34,13 33,74 -23,55 - 0,00
Deka-MegaTrends TF € 31,57 31,57 31,21 -33,27 - 0,00
DekaRent-intern.TF € 111,69 111,69 112,32 0,00 - 1,50
DekaRent-Internat. € 18,17 17,64 17,74 0,00 - 0,27
Eur. Disc.Strat.CF € 37,43 36,08 35,52 -26,89 - 0,00
Eur. Disc.Strat.TF € 34,38 34,38 33,84 -27,44 - 0,00
EuropaBond CF € 105,26 102,19 102,50 -0,01 - 1,31
EuropaBond TF € 37,49 37,49 37,60 0,01 - 0,42
GlobalChampions CF € 88,48 85,28 84,49 -18,68 - 0,00
GlobalChampions TF € 82,33 82,33 81,57 -20,37 - 0,00
LBBW Bal. Konzept € 41,00 40,20 40,51 0,94 - 0,00
LBBW Exportstrat. € 42,92 41,20 40,26 -27,81 - 0,00
LBBW-Rentenf.Euro € 41,67 40,46 40,53 0,00 - 0,97
MF Weltkonz. kons. € 99,83 99,83 99,81 -0,72 - 0,57
MF Wertkonz. ausg. € 98,89 98,89 98,82 -1,26 - 0,65
RenditDeka € 20,89 20,28 20,36 0,00 - 0,32
RenditDeka TF € 26,28 26,28 26,38 0,00 - 0,36
S-BayRent-Deka € 49,43 47,70 47,85 0,00 - 1,47
UmweltInvest CF € 64,51 62,18 61,53 -60,97 - 0,00
UmweltInvest TF € 60,09 60,09 59,46 -65,94 - 0,00
Deka Immobilien Investment
Deka Immob Europa € 49,70 47,22 47,21 3,67 - 0,23
Deka Immob Global € 60,75 57,71 57,71 11,26 - 0,60
Deka International (Lux.)
Corp.Bd. Euro CF* € 50,61 49,14 48,83 0,00 0,00 1,50
Corp.Bd. Euro TF* € 48,75 48,75 48,44 0,00 0,00 1,31
Deka-Conv.Akt. TF* € 134,88 134,88 138,63 45,06 0,00 0,00
Deka-Conv.Aktien CF* € 150,23 144,80 148,82 44,29 0,29 0,00
Deka-Conv.Rent. TF* € 47,83 47,83 48,35 0,00 0,25 0,71
Deka-Conv.Rent.FT* € 108,23 104,32 105,39 0,00 13,75 0,04
Deka-Conv.Renten CF* € 50,13 48,32 48,85 0,00 0,28 0,92
Deka-Gl.Con.Rent. CF* € 42,20 40,67 40,91 0,00 0,00 0,78
Deka-Gl.Conv.Re.TF* € 40,43 40,43 40,67 0,00 0,00 0,62
DekaLux-BioTech CF* € 117,40 113,16 114,28 19,59 0,00 0,00
DekaLux-BioTech TF* € 110,53 110,53 111,63 20,75 0,00 0,00
DekaLux-MidCapTF A* € 37,81 37,81 38,54 45,01 0,00 0,00
GlobalResources CF* € 79,80 76,92 79,15 -15,96 0,22 0,00
GlobalResources TF* € 75,91 75,91 78,11 -51,07 0,03 0,00
Wandelanleihen CF* € 46,55 45,19 45,60 -1,96 0,00 0,00
Wandelanleihen TF* € 44,26 44,26 44,67 -2,00 0,00 0,00
Deutsche Postbank Fonds
Telefon 0180 3040500 Internet www.postbank.de
Best Inv.Chance € 48,72 46,85 46,66 -12,99 0,38 0,25
Best Inv.Wachst. € 50,31 48,61 48,63 -22,39 1,63 0,26
Business Basic EUR € 52,19 51,93 51,97 0,01 1,40 1,23
Euro Cash EUR € 55,96 55,96 55,95 0,05 9,34 0,00
Europaf. Aktien € 42,85 41,20 40,92 -130,12 0,00 0,00
Europaf. Plus EUR € 50,12 48,66 48,42 -17,83 1,18 1,14
Europaf. Renten € 53,40 51,84 51,80 -0,01 1,75 1,73
G&H VV Balance € 43,63 41,55 41,68 - - 0,31
G&H VV Chance € 38,33 36,50 36,64 - - 0,00
Global OptiMix EUR € 33,26 31,98 31,95 -75,05 0,46 0,47
Global Player EUR € 23,41 22,51 22,40 -331,57 0,00 0,00
H&S FM Global 100 € 91,89 87,51 87,84 - - 0,50
H&S FM Global 60 € 99,19 96,30 96,52 - - 1,59
Protekt Plus € 123,63 119,16 119,19 -4,21 14,45 1,73
VL Invest EUR € 32,80 31,54 31,14 -97,24 0,05 0,07
Deutsche Postbank Int. S.A. (Lux)
Nach Auskunft des Emittenten wurde das Ertragsausgleichsverfahren für die
u.g. Fonds angewendet.
PB Dyn.Best Garant € - 48,96 48,93 0,00 0,00 0,00
PB Dyn.DAX® € 76,75 74,33 72,95 -0,73 20,61 0,21
PB Dyn.DAX®Gar.II € - 49,20 49,20 0,00 0,90 0,57
PB Dyn.Garant 2013 € - 49,91 49,91 0,00 0,00 0,00
PB Dyn.Innovation € 16,30 15,71 15,51 24,94 0,53 0,00
PB Dyn.KlimaGarant € - 47,68 47,66 0,00 0,00 0,00
PB Dyn.Protekt € 49,97 48,05 48,10 -0,67 0,37 0,56
PB Dyn.Vision € 41,32 39,83 39,31 -23,31 5,24 0,00
PB Dyn.Zuk.Gar. € - 52,37 52,40 0,00 0,00 0,00
PB Dyn.Zuk.Gar. II € - 52,53 52,55 0,00 0,02 0,00
PB Str. Prt.+ III € 102,56 98,62 98,74 -1,59 - 0,43
PB Strat. Prt.+ II € 113,86 109,48 109,53 1,55 3,12 1,34
PB Strat. Rt Medi € 49,76 48,31 48,30 -0,08 0,10 1,09
PB Strat. Rt Short € 51,74 51,74 51,74 0,00 0,11 0,98
PB Vermog + Chance € 42,39 40,96 40,92 -2,35 0,55 0,00
PB Vermog + Ertrag € 47,56 45,95 45,92 -0,50 0,96 0,11
PB Vermog + Wachst € 44,72 43,21 43,18 -0,42 0,89 0,00
DJE Investment S.A.
DJE - Div&Sub I € 230,71 230,71 228,83 33,29 - 0,00
DJE - Div&Sub P € 226,64 215,85 214,10 35,15 - 0,00
DJE - Div&Sub XP € 136,52 136,52 135,41 14,64 - 0,04
DJE Inv.Karitativ € 1273,30 1201,23 1201,37 10,84 - 8,10
DJE Inv.Lux Select € 165,87 157,97 157,40 -6,95 - 0,00
DJE Inv.Primus € 1864,57 1759,03 1752,56 24,49 - 39,79
DJE INVEST-StiftRI € 10,53 10,27 10,29 0,00 - 0,14
DJE INVEST-Vario P € 895,95 845,24 842,19 -23,33 - 1,01
DJE-Absolut I € 210,62 210,62 209,19 22,78 - 0,00
DJE-Absolut P € 210,98 200,93 199,28 24,22 - 0,00
DJE-Absolut XP € 86,83 86,83 86,24 -18,92 - 0,00
DJE-Ag&Ernährung I € 106,33 106,33 105,45 11,96 - 0,00
DJE-Alpha Global I € 171,03 171,03 170,05 24,51 - 0,02
DJE-Alpha Global P € 168,51 162,03 161,10 25,82 - 0,00
DJE-Asien Hi D XP € 132,27 132,27 130,94 23,07 - 0,00
DJE-Asien High D I € 130,70 130,70 129,38 23,45 - 0,00
DJE-Asien High D P € 133,67 127,30 126,08 23,81 - 0,00
DJE-Div&Sub.IH-CHF CHF 101,73 101,73 100,88 -1,84 - 0,00
DJE-Gold&Ressour I € 204,28 204,28 203,60 37,10 - 0,00
DJE-Gold&Ressour P € 207,12 197,26 196,60 36,75 - 0,00
DJE-InterCash I € 124,80 124,80 124,83 0,00 - 0,41
DJE-InterCash P € 125,04 123,80 123,83 0,00 - 0,35
DJE-Real Estate I € 838,01 829,71 829,11 5,46 - 1,62
DJE-Real Estate P € 8,37 7,97 7,96 2,22 - 0,00
DJE-Renten Glob I € 139,29 139,29 139,12 0,18 - 2,01
DJE-Renten Glob P € 138,40 135,69 135,53 0,13 - 1,84
DJE-Renten Glob XP € 118,02 118,02 117,88 -0,58 - 2,38
DJE-Zins&Divid I € 94,33 94,33 93,76 -4,08 - 0,45
DJE-Zins&Divid P € 98,20 94,42 93,84 -4,23 - 0,47
DJE-Zins&Divid XP € 94,93 94,93 94,35 -4,01 - 0,59
Gamma Concept € 165,15 158,80 158,11 33,70 - 10,67
GoldPort Stab.Fd.I CHF 121,04 119,84 120,79 2,48 - 1,57
GoldPort Stab.Fd.P CHF 122,57 116,73 117,66 1,92 - 0,00
LuxPro-Euro Rent I € 1016,50 991,71 992,36 0,00 - 7,98
LuxPro-Euro Renten P € 103,30 100,78 100,84 0,00 - 0,70
LuxTopic-Akt.Eu A € 17,42 16,59 16,58 -17,89 - 0,00
LuxTopic-Akt.Eu B € 909,28 909,28 909,06 -25,06 - 0,00
LuxTopic-Bk.Schill € 15,72 14,97 14,95 13,73 - 0,10
LuxTopic-Cosmopoli € 137,67 131,11 130,46 15,09 - 2,23
LuxTopic-Flex € 158,00 150,48 150,38 -2,65 - 0,00
LuxTopic-Pacific P € 17,44 16,61 16,54 21,33 - 0,13
LuxTop-VPEPentagon € 3,49 3,32 3,33 -14,99 - 0,00
D W S Investmentfonds
Telefon 01803 10111011 Telefax 01803 10111050
DWS Investment GmbH
DWS Akkumula € 510,13 485,84 479,85 -16,19 - 0,00
DWS Akt.Strat.D € 151,65 144,43 142,62 20,27 - 0,00
DWS Bonus Aktiv € 42,65 41,01 40,57 6,66 - 0,00
DWS Convertibles € 117,36 113,94 114,17 -0,33 - 0,97
DWS Cov Bond F € 48,78 47,58 47,67 0,00 - 1,21
DWS EUR Strat(R) € 41,70 40,68 40,74 -0,02 - 0,95
DWS Eurol Strat R € 35,89 35,01 35,07 -0,01 - 0,58
DWS Europ. Opp € 141,29 134,55 132,37 -18,32 - 0,03
DWS Eurovesta € 80,14 76,32 75,27 -48,88 - 0,02
DWS Flexizins + € 67,65 67,65 67,66 0,00 - 0,56
DWS ImoFl VeM(GS) € 103,69 98,75 98,66 - - 0,72
DWS Inter Genuß € 33,84 32,85 32,82 5,73 - 1,69
DWS Inter-Renta € 14,38 13,96 14,06 0,03 - 0,28
DWS Investa € 86,60 82,48 80,96 -18,65 - 0,34
DWS Klimawandel € 28,02 26,68 26,42 -88,79 - 0,00
DWS PlusInv.(W) € 35,38 33,69 33,95 8,68 - 0,00
DWS Select-Invest € 203,11 193,43 189,40 6,28 - 0,63
DWS Top 50 Asien € 94,39 90,75 90,44 33,80 - 0,00
DWS Top 50 Europa € 83,86 80,63 79,81 -12,73 - 0,02
DWS Top 50 Welt € 52,90 50,86 50,41 -44,65 - 0,01
DWS Top Dividende € 82,69 78,75 78,15 36,28 - 0,02
DWS Vermbf.I € 80,34 76,51 75,58 -42,50 - 0,05
DWS Vermbf.R € 17,02 16,52 16,58 0,00 - 0,33
DWS Vors.AS(Dyn.) € 78,42 75,40 75,16 -29,15 - 0,30
DWS Vors.AS(Flex) € 75,47 72,56 72,41 -18,28 - 0,09
DWS Zukunftsress. € 44,10 41,99 41,74 -21,56 - 0,01
DWS Investment S.A.
DWS Eurorenta € 50,56 49,09 49,17 -0,01 - 1,04
DWS Fl Rt Nts € 82,29 81,47 81,47 0,07 - 0,95
DWS Global Value € 131,60 125,33 124,06 26,61 - 0,02
DWS Gold plus € 1991,51 1933,50 1958,46 0,00 - 0,00
DWS Rend.Opt. € 73,55 73,55 73,55 0,02 - 0,31
DWS Rend.Opt.4 S € 103,56 103,56 103,56 0,00 - 0,57
DWS VermMan-Bal € 94,64 90,99 91,14 -14,00 - 0,81
DWS VermMan-Def € 102,49 99,50 99,60 -3,51 - 1,33
DWS VermMan-Dyn € 89,90 85,62 85,92 -16,51 - 0,54
DWS VermMan-Pro80 € 85,87 81,77 81,95 -23,73 - 0,81
DWS Invest SICAV
DWS Inv. ISPL LC* € 118,39 114,84 114,71 -0,49 0,00 3,40
DWS Inv.AlpS FC* € 119,41 119,41 119,20 4,30 0,00 0,00
DWS Inv.AlpS LC* € 119,13 115,56 115,36 3,16 0,00 0,00
DWS Inv.BRIC+ LC* € 175,12 166,37 170,29 43,10 0,00 0,00
DWS Inv.Conv.FC* € 129,66 129,66 130,47 4,47 0,00 1,53
DWS Inv.Conv.LC* € 127,34 123,52 124,30 4,74 0,00 0,00
DWS Inv.DFIS FC* € 108,27 108,27 108,31 0,00 - 3,55
DWS Inv.EURB S LC* € 133,27 129,28 129,46 0,00 0,00 2,38
DWS Inv.GlAgr LC* € 109,90 104,41 105,94 8,22 - 0,00
DWS Inv.TD EUR LC* € 107,05 101,70 102,55 24,01 0,00 0,00
DWS Zinseinkommen € 103,07 100,07 100,12 0,00 - 0,11
Flossbach & Storch
Telefon +49 221 33 88 290 Internet www.fvsag.com
Aktien Global P € 115,05 109,57 108,56 0,74 - 0,00
Ausgewogen R € 113,42 108,02 108,12 0,08 - 1,77
Bond Diversifik P € 110,40 105,14 105,04 0,00 - 4,32
Bond Opport. P € 111,80 106,48 106,39 0,00 - 3,56
Defensiv R € 113,42 108,02 108,20 -2,17 - 1,87
Fundament* € 121,62 115,83 116,72 6,46 - 0,00
Multiple Opp. R € 149,51 142,39 142,02 6,82 - 0,00
Stiftung € 101,78 100,77 100,90 -2,38 - 3,75
Wachstum R € 110,46 105,20 105,19 -0,81 - 1,39
Wandelanl.Global P € 115,03 109,55 109,78 0,03 - 4,57
Frankfurt Trust
Basis-Fonds I* € 136,00 136,00 136,01 0,00 0,00 0,40
FMM-Fonds* € 342,14 325,85 331,20 7,27 -12,54 1,80
FT AccuGeld PT* € 70,73 70,73 70,73 0,00 0,00 0,03
FT AccuZins* € 250,87 243,56 241,70 0,00 0,00 1,91
FT EmergingArabia* € 28,96 27,58 27,60 -55,30 - 0,03
FT Euro High Div.* € 45,40 43,24 44,24 -5,71 - 0,00
FT EuroCorporates* € 53,32 51,77 51,55 0,00 - 0,98
FT EuroGovernm. M* € 51,07 49,58 49,52 0,00 - 0,01
FT EuropaDynamik P* € 157,69 150,18 153,47 0,33 -56,22 0,00
FT Frankfurter-Eff.* € 136,99 130,47 134,25 -26,36 -102 0,00
FT Gl.InfraSt.Div.P* € 57,07 54,35 54,47 8,00 - 0,00
FT InterSpezial* € 21,48 20,46 20,60 -34,41 -8,31 0,00
FT Navigator 40* € 57,57 55,36 55,06 0,00 0,00 0,00
FT Navigator 70* € 51,40 49,19 49,09 0,00 0,00 0,00
Nik.Bel.Gl.AT(EUR)* € 87,68 83,50 84,25 4,38 2,00 0,00
UnternehmerWerte* € 41,39 39,42 40,37 -25,99 - 0,00
FRANKFURT-TRUST Invest Luxembourg S.A.
Nik.Bel.Gl.AT(EUR)* € 87,68 83,50 84,25 4,38 2,00 0,00
Franklin Templeton Investments
TEM Growth Inc.Ad* $ 17,79 16,77 16,58 -47,49 0,46 0,00
Generali Fund Management S.A.
Generali FondsStrategie
Dynamik € 37,95 37,95 38,30 -10,80 - 0,00
Generali Komfort
Balance € 50,63 50,63 50,89 3,56 - 0,00
Dynamik Europa € 39,94 39,94 40,32 -12,26 - 0,00
Dynamik Global € 34,85 34,85 34,97 0,32 - 0,38
Wachstum € 46,37 46,37 46,70 9,00 - 0,00
HansaInvest Lux S.A.
MultiAStr-Balanc P € 8,60 8,27 8,30 5,48 - 0,00
MultiAStr-Growth P € 6,22 5,92 5,97 12,31 - 0,00
MultiAStr-Income P € 9,09 8,83 8,83 -1,32 - 0,03
Hauck & Aufhäuser
www.hua-invest.lu
CF Eq.-Global Opp. € 70,32 66,97 66,79 -37,70 - 0,00
CF Eq.HAIG-Flex € 42,03 40,03 39,94 -92,57 - 0,00
CF Eq.-Pharma € 61,04 58,13 57,69 14,30 - 0,00
CF Eq.-Resources € 22,84 21,75 21,75 -53,74 - 0,00
H&A Lux Wandel € 63,25 61,41 61,47 5,07 - 0,00
H&A Lux Wandel CI € 48,17 46,77 46,81 -4,19 - 0,00
HAIG Eq.Val. Inv.B € 52,49 49,99 50,05 12,91 - 0,00
MMT Glbl Select € 31,82 30,30 30,37 12,01 - 0,00
MMT Glbl Value € 44,07 41,97 41,12 -30,61 - 0,00
MMT PremValue € 45,09 43,36 43,25 -8,30 - 1,12
Vermögensauf.HAIG € 12,14 11,84 11,75 -2,27 - 0,00
Ideal Invest Sicav
Ideal Global A € 98,88 94,17 96,51 29,27 - 0,00
International Fund Mgmt. S.A.
LBBW Bal. CR 20* € 39,27 38,50 38,42 5,14 0,00 0,57
LBBW Bal. CR 40* € 38,64 37,88 37,79 9,25 0,00 0,49
LBBW Bal. CR 75* € 37,31 36,58 36,38 15,74 0,00 0,14
Ludwigsburg Bof15* € 84,94 83,27 83,25 -8,43 0,00 1,49
Ludwigsburg Bof35* € 86,44 84,33 84,29 -8,93 0,00 1,27
Ludwigsburg Bof70* € 85,47 83,18 82,64 -13,21 0,00 0,41
Ludwigsburg BoG 1* € 103,89 100,38 100,37 0,00 0,00 0,00
Ludwigsburg BoG 2* € 103,14 99,65 99,63 0,00 0,18 0,04
Ludwigsburg BoG 3* € 102,96 99,48 99,41 0,00 0,26 0,00
IPConcept Fund Management S.A.
Aktien Global F € 144,67 137,78 136,51 -8,64 - 0,00
Aktien Global I € 143,27 136,45 135,20 53,65 - 0,00
Aktien Global P € 115,05 109,57 108,56 0,74 - 0,00
apo Medical Opp. € 61,90 58,95 58,54 17,14 - 0,00
Stabilit.Gold&ResP € 60,01 57,15 57,31 -84,42 - 0,00
Stabilit.Sil&WeißP € 57,89 55,13 54,41 -73,89 - 0,00
Umweltfonds DE € 73,66 70,15 70,41 -38,49 - 0,00
Umweltfonds Welt € 64,32 61,26 61,05 -53,95 - 0,00
Wandelanl.Global F € 131,00 124,76 125,02 0,85 - 2,24
Wandelanl.Global I € 132,17 125,88 126,14 0,88 - 2,54
Wandelanl.Global P € 115,03 109,55 109,78 0,03 - 4,57
KanAm Grund Kapitalanlagegesellschaft mbH
grundinvestFonds € 57,61 54,61 54,61 -1,26 - 0,00
US-grundinvest Fd. $ 6,84 6,48 6,48 0,00 - 0,00
KAS Investment Servicing GmbH
Informationen unter Telefon 01805 252580
ComfortInvest C € 37,45 35,67 35,98 - - 0,05
ComfortInvest P € 41,46 39,49 39,83 - - 0,06
ComfortInvest S € 53,36 51,81 52,01 - - 1,04
MultiManager 1 € 57,32 55,65 55,57 - - 0,68
MultiManager 2 € 56,38 54,47 54,54 - - 0,48
MultiManager 3 € 55,03 52,91 53,12 - - 0,81
MultiManager 4 € 49,18 47,06 47,43 - - 0,09
MultiManager 5 € 43,30 41,24 41,64 - - 0,02
H&S FM Global 100 € 91,89 87,51 87,84 - - 0,50
H&S FM Global 60 € 99,19 96,30 96,52 - - 1,59
G&H VV Balance € 43,63 41,55 41,68 - - 0,31
G&H VV Chance € 38,33 36,50 36,64 - - 0,00
FM Core Ind.Select € 58,59 56,34 56,86 - - 0,00
Euro Anlagef G € 100,56 100,56 100,57 0,00 1,98 0,08
Convert. America* $ 124,65 124,65 123,69 0,00 - 0,57
Convert. Europe* € 143,91 143,91 144,03 -1,90 - 1,88
Convert. Far East* € 1428,86 1428,86 1439,42 13,93 - 0,00
Convert. Glb.D Acc* € 111,14 111,14 111,31 0,67 - 0,62
Convert. Glb.I Acc* € 92,15 92,15 92,29 0,00 - 0,45
Convert. Glb.I Dis* € 91,87 91,87 92,01 0,00 - 0,45
Convert. Japan* € 1162,38 1162,38 1167,64 4,28 - 0,00
Gl. Futures XI* € - 2011,46 1989,36 0,00 - -
Man AHL Trend CHF D*CHF 92,43 92,43 92,12 0,00 - 0,00
Man AHL Trend EUR D* € 99,58 99,58 99,24 0,00 - 0,00
Man AHL Trend EUR I* € 98,61 98,61 98,29 0,00 - 0,00
Man AHL Trend GBP D* £ 98,41 98,41 98,08 0,00 - 0,00
Man Lg/Sh Europe D* € - 96,50 96,56 0,00 - -
Man Lg/Sh Europe I* € - 100,35 99,34 0,00 - -
MEAG MUNICH ERGO KAG mbH
Tel.: 09281 72583020
EuroBalance € 40,62 39,06 39,06 -34,97 - 0,30
EuroErtrag € 51,93 50,17 50,29 -12,06 - 0,78
EuroFlex € 50,01 49,51 49,55 0,00 - 0,93
EuroInvest A € 53,46 50,91 51,10 -4,21 - 0,01
EuroKapital € 54,63 52,03 51,89 -66,79 - 0,01
EuroRent A € 30,10 29,08 29,08 0,09 - 0,43
FairReturn A € 56,36 54,72 54,81 -2,68 - 1,04
Floor EuroAktien € 46,99 44,97 44,91 -29,45 - 0,00
GlobalBalance DF € 40,97 39,39 39,49 17,08 - 0,18
GlobalChance DF € 31,14 29,66 29,92 9,57 - 0,00
Nachhaltigkeit A € 53,87 51,30 51,17 6,73 - 0,00
Osteuropa A € 33,50 31,90 31,98 -54,01 - 0,00
ProInvest € 85,87 81,78 81,46 -37,83 - 0,00
ProZins A € 50,25 50,25 50,24 0,00 - 0,91
RealReturn A € 51,79 50,04 50,14 0,00 - 0,11
MK Luxinvest
Telefon +49 911 180 - 1009
C.Risk TopMixWelt* € 10,68 10,15 10,22 1,58 - 0,00
MVM SICAV
MVM LUX S-frontr e € 7,58 7,22 7,19 -37,00 - 0,00
MVM LUX S-frontr g € 5,66 5,39 5,37 -204,42 - 0,00
Nomura Asset Management
Telefon 069 153093-020 Internet www.nomura-asset.de
Asia Pacific € 94,68 90,17 89,72 22,75 - 0,00
Asian Bonds € 60,68 58,91 59,02 0,00 - 0,56
Euro Convertible € 44,06 42,78 42,77 0,00 - 0,00
Fundamental Europe € 37,55 35,76 35,26 -50,35 - 0,00
Fundamental Japan € 36,74 34,99 35,22 -44,07 - 0,00
Japan Equity € 26,75 25,48 25,68 -146,48 - 0,00
Medio Rent € 68,60 67,25 67,15 0,00 - 0,00
Real Return € 597,32 585,61 584,70 0,00 - 44,16
NORAMCO Asset Management
Telefon 0800 9932847 Internet www.noramco.de
Quality Fd.Europe € 9,19 8,73 8,76 -30,30 - 0,00
Quality Funds USA € 4,88 4,64 4,52 -50,04 - 0,00
Norddeutsche Landesbank Luxembourg S.A.
N.Lux Renten Cap.* € 68,49 68,49 68,42 0,02 - 0,67
N.Lux Renten Dis.* € 41,53 41,53 41,49 0,02 - 2,12
Oppenheim Asset Management
Albatros EUR € 56,44 53,75 53,51 -19,24 - 0,47
DBM Werts.Strat.OP € 55,41 53,54 53,54 -1,65 - 0,60
DELB.B.Maf.Clas.OP € 31,63 30,71 30,45 -29,18 - 0,00
MedBioHealth EUR € 132,07 125,78 124,03 48,55 - 0,00
OP Akt.Marktneutra € 102,22 99,24 99,62 3,29 - 0,00
OP DAX-Werte € 161,75 154,05 150,78 -42,45 - 0,00
OP Euroland Werte € 50,06 47,68 46,94 -73,66 - 0,00
OP Food € 170,78 162,65 161,93 37,71 - 0,00
OP Global Securiti € 72,60 69,14 68,42 -91,83 - 0,00
OP GlStr Worldwide € 104,03 104,03 104,52 1,84 - 0,78
Special Opp. € 37,10 35,33 35,41 36,38 - 0,00
Spezial 3 € 90,68 88,04 88,47 2,86 - 0,00
Top Ten Balanced € 53,40 51,59 51,84 11,99 - 0,00
Top Ten Classic € 63,39 60,37 60,45 1,83 - 0,05
PEH Quintessenz Sicav
PEH-Q.Europa € 58,14 55,90 56,01 -2,49 - 0,00
PEH-Q.Goldmines € 78,50 75,48 74,69 25,42 - 0,00
PEH-Q.Renten Glb I € 110,57 106,32 106,29 0,00 - 1,48
PEH-Q.Renten Glb P € 107,70 103,56 103,53 -0,05 - 0,00
PEH SICAV
Empire Pdist € 84,66 81,40 81,45 20,92 - 0,00
Infl Link Bds Fl I € 105,19 101,14 101,02 0,00 - 0,38
Infl Link Bds Fl P € 104,37 100,36 100,24 0,00 - 0,28
Renten EvoPro Pcap € 111,00 106,73 106,38 0,00 - 0,12
RentenEvoProVR2 d € 49,94 48,72 48,56 0,00 - 0,68
RentenEvoProVRdist € 51,15 49,90 49,73 0,00 - 0,69
Strat.Flexibel I € 98,94 95,13 95,09 -1,23 - 0,00
Strat.Flexibel P d € 65,01 62,51 62,48 12,53 - 0,00
PEH Trust Sicav
Balanced cap € 93,61 90,01 89,74 0,29 0,00 0,00
Chance cap € 86,04 82,73 82,31 0,32 0,00 0,00
Rendite Plus cap € 101,57 97,66 97,65 -0,02 - 0,00
Pioneer Investments
Tel. 0800 8881928 Internet www.pioneerinvestments.de
PF-Commod.Alpha T* € 45,86 44,10 44,06 0,00 1,79 0,00
PF-Glob.Ecology T* € 142,52 135,73 134,03 -53,66 2,05 0,00
PF-Glob.Select T* € 50,00 47,62 47,22 -39,40 0,97 0,00
PF-US.Pioneer Fd T* € 4,08 3,89 3,79 13,78 0,15 0,00
PI German Equity € 114,81 109,34 106,86 5,64 - 0,00
PI Tot.Ret.A* € 48,27 46,86 46,81 -0,89 - 1,51
RREEF Investment GmbH
grundb. europa RC € 44,03 41,93 41,92 0,00 - 0,11
grundb. global RC € 55,00 52,37 52,34 3,18 - 0,06
Sarasin Multi Label SICAV
www.sarasin.de
New Energy EUR* € 4,59 4,33 4,26 -1,28 - 0,00
Siemens Kapitalanlagegesellschaft
EuroCash € 12,41 12,41 12,41 0,00 - 0,39
Euroinvest Aktien € 8,02 7,71 7,65 -46,81 - 0,00
Euroinvest Renten € 14,23 13,95 14,01 0,00 - 0,16
Global Growth € 3,45 3,32 3,30 -129,09 - 0,00
SKAG Balanced € 12,89 12,51 12,42 -10,40 - 0,16
SKAG Euroinv.Corp. € 12,92 12,54 12,55 0,00 - 0,46
Weltinvest Aktien € 7,64 7,35 7,27 -61,56 - 0,00
Star Capital
SC Allocator € 1128,05 1095,19 1097,15 -3,22 - 161
SC Argos € 1329,52 1290,80 1291,30 - - 29,65
SC Huber-Strategy1 € 1003,57 974,34 974,48 -2,11 - 3,36
SC Pergamon € 1523,80 1451,24 1453,80 36,28 - 0,00
SC Priamos € 1223,69 1165,42 1166,50 -1,05 - 0,00
SC SIC.Ger.Masters € 78,53 74,79 75,16 35,08 - 0,00
SC SIC.Starpoint € 1440,22 1371,64 1369,76 20,68 - 0,00
SC SIC.Winbonds+ € 1400,96 1360,16 1360,05 0,41 - 136
SC Special Values € 1565,77 1491,21 1491,48 21,23 - 5,61
Union-Investment Privatfonds
BBBank Chance Uni.* € 23,10 22,54 22,65 18,97 - 0,03
BBBank Kont.Uni.* € 56,32 55,22 55,24 9,67 - 1,55
BBBank Wach.Uni.* € 41,42 40,41 40,35 18,89 22,19 0,78
BBV-Fonds-Union* € 44,86 43,55 43,57 0,00 - 0,95
BBV-Invest-Union* € 82,20 78,29 78,06 4,43 - 0,00
Condor-Fd.Union* € 48,83 47,41 47,42 -5,84 - 1,48
Delbrück Renten* € 53,67 52,11 52,09 0,00 - 0,39
FLEXIB.-NET* € 44,47 44,47 44,45 -12,20 - 0,28
Geno AS:1* € 43,17 41,91 41,72 -21,55 - 0,03
GenoEuroClassic* € 43,49 42,22 42,29 -9,95 - 0,49
GenoEuroClassic II* € 39,87 38,71 38,77 -17,04 - 0,28
Invest Euroland* € 34,70 33,69 33,74 -66,45 - 0,00
Invest Global* € 45,70 44,37 43,85 -18,49 - 0,00
KCD Uni. Aktien* € 29,21 29,21 28,94 -56,39 - 0,00
KCD Uni.Renten+* € 48,72 48,72 48,66 0,00 - 1,63
KCD-Union Nachh.Mix* € 47,23 45,85 45,83 -6,30 - 0,58
LIGA-Pax-Aktien-U.* € 25,52 25,52 25,58 -36,02 - 0,01
LIGA-Pax-Bal.S.U.* € 29,21 29,21 29,13 -50,21 - 0,24
LIGA-Pax-K-Union* € 38,45 37,88 37,91 0,00 - 0,56
LIGA-Pax-Rent-Unio* € 25,12 24,39 24,37 0,00 - 0,32
Münch.Bk.Glob.Sel.* € 45,52 44,19 44,17 -4,88 - 0,62
Priv.Fonds:Flex.* € 96,18 96,18 96,21 -1,99 - 0,10
Priv.Fonds:FlexPro* € 98,82 98,82 99,40 -1,26 - 0,00
Priv.Fonds:Kontr.p* € 96,53 96,53 96,57 -3,14 - 0,00
PrivFd:Kontrolliert* € 99,01 99,01 99,04 -1,66 - 0,61
Stuttg.Bk.Rentinv.* € 42,31 41,08 41,08 0,00 - 0,63
SüdwBk.Interselect* € 42,70 41,46 41,45 3,78 - 0,83
Südwestbk.-Inter.* € 39,32 38,17 38,14 0,00 - 0,71
Uni21.Jahrh.-net-* € 19,47 19,47 19,26 -67,52 - 0,00
UniBalancePlus* € 108,32 105,68 105,69 -5,68 - 0,11
UniDeutschland* € 109,72 105,50 105,29 -1,82 - 0,00
UniDeutschland XS* € 60,68 58,35 58,19 28,75 - 0,00
UniEu.Renta-net-* € 47,50 47,50 47,53 0,00 - 1,37
UniEuroAktien* € 42,02 40,02 40,09 -53,78 - 0,00
UniEuroBond* € 70,61 68,55 68,60 0,00 - 2,49
UniEuropa-net-* € 37,67 37,67 37,80 -31,83 - 0,02
UniEuroRenta* € 66,81 64,86 64,74 0,00 - 1,71
UniEuroRentaHigh Y* € 33,71 32,73 32,76 0,00 - 2,24
UniFonds* € 32,92 31,35 31,25 18,13 - 0,00
UniFonds-net-* € 48,04 48,04 47,87 -2,55 - 0,00
UniGlobal* € 109,40 104,19 103,02 1,71 - 0,06
UniGlobal-net-* € 62,93 62,93 62,19 -5,55 - 0,01
UniJapan* € 29,03 27,65 27,89 -82,43 - 0,00
UniKapital* € 107,32 105,22 105,29 0,00 - 0,09
UniKapital-net-* € 43,58 43,58 43,61 0,00 - 1,01
UniNordamerika* € 119,45 113,76 110,94 -13,68 - 0,00
UnionGeldmarktfonds* € 50,71 50,71 50,71 0,00 - 0,39
UniRak* € 77,46 75,20 74,84 19,14 - 0,52
UniRak -net-* € 41,04 41,04 40,84 -13,46 - 0,22
UniReits* € 59,78 57,48 57,61 -59,15 - 0,00
UniRenta* € 19,67 19,10 19,05 0,00 - 0,47
UniStrat: Ausgew.* € 39,21 38,07 38,02 3,48 - 0,34
UniStrat: Dynam.* € 29,71 28,84 28,83 0,37 - 0,19
UniStrat: Konserv.* € 51,90 50,39 50,37 7,38 - 0,30
UniStrat:Flexibel* € 44,98 43,67 43,65 -11,85 - 0,38
UniStrat:Offensiv* € 25,64 24,89 24,86 -7,79 - 0,00
UniTrend: Gbl-net-* € 32,79 32,79 33,00 -16,05 - 0,00
UniTrend: Global* € 33,10 32,14 32,35 -15,39 - 0,02
Union-Investment (Lux)
Berliner VB Garant* € 0,00 123,59 123,62 0,00 - 0,44
Divid. Ass A Net* € 41,82 41,82 41,86 -15,17 - 0,00
EuroRent.Corp.2012* € 0,00 41,06 41,05 0,00 - 0,77
LIGA-Pax-Cattol.-U* € 1042,85 1024,91 1018,84 -5,56 - 0,00
LIGA-Pax-Corp.-U.* € 39,21 38,07 38,00 0,00 - 0,57
UGaTop: Europa III* € 113,66 108,20 108,15 -4,52 - 0,11
UGDouble(2011)* € 0,00 100,21 100,21 0,00 - 1,20
UGGTitan(2011)II* € 0,00 99,38 99,38 0,00 - 0,84
UGTEuropa* € 127,47 121,34 121,34 0,10 - 1,65
UGTEuropa II* € 116,83 111,22 111,27 -2,96 - 1,45
UI Local EMBonds* € 92,41 92,41 92,77 0,02 - 3,13
UIGl.High.YieldBds* € 39,12 39,12 39,15 0,00 - 2,72
UniAsia* € 39,13 37,27 38,15 28,50 - 0,00
UniAsia Pacif. net* € 82,01 82,01 84,19 43,37 - 0,00
UniAsia Pacific A* € 83,21 80,01 82,13 43,24 - 0,00
UniDividendenAss A* € 42,58 40,94 40,97 -14,23 - 0,00
UniDyn.Eur-net A* € 28,76 28,76 28,81 19,38 - 0,01
UniDyn.Europa A* € 47,85 46,01 46,10 21,72 - 0,01
UniDyn.Gl.-net- A* € 17,80 17,80 17,61 12,97 - 0,00
UniDynamic Gl. A* € 28,41 27,32 27,04 14,98 - 0,00
UniEM Fernost* € 1050,26 1000,25 1021,87 42,18 - 0,00
UniEM IMMUNO 90* € 97,19 94,36 94,78 -4,93 - 0,00
UniEM Osteuropa* € 2102,67 2002,54 2013,39 6,30 - 0,23
UniEMGlobal* € 65,17 62,07 62,97 32,36 - 0,02
UniEuReal Zins-net* € 56,70 56,70 56,94 0,00 - 5,09
UniEurKapital-net-* € 43,10 43,10 43,16 0,00 - 0,96
UniEuroAspirant* € 49,84 48,39 48,62 0,00 - 3,04
UniEuroKapital* € 68,10 66,76 66,86 0,00 - 1,60
UniEuropa* € 1185,53 1129,08 1132,87 3,73 - 0,77
UniEuropaRenta* € 44,01 42,73 42,70 0,00 - 1,33
UniEuroRenta 5J* € 50,11 48,16 48,09 0,00 - 0,17
UniEuroRenta Co.11* € 0,00 39,89 39,88 0,00 - 0,72
UniEuroRenta Co.16* € 41,31 40,11 40,09 0,00 - 0,81
UniEuroRentaCor.A* € 43,79 42,51 42,43 0,00 - 1,82
UniEuroSt.50 A* € 34,69 33,36 33,50 -9,82 - 0,00
UniEuroSt.50-net* € 28,53 28,53 28,64 -11,45 - 0,00
UniEurRentRealZins* € 56,93 55,27 55,51 0,00 - 5,17
UniFavorit: Renten* € 28,80 27,96 28,02 0,00 - 1,11
UniGa: Deut(2017)* € 0,00 94,66 94,42 0,00 - 0,09
UniGa: EmerM(2018)* € 0,00 93,06 92,96 0,00 - 0,09
UniGar.Top: Eur.IV* € 120,17 114,39 114,32 -4,78 - 1,30
UniGar: Dtl.(2012)* € 0,00 101,05 101,06 0,00 - 0,09
UniGarPl: Eur.2018* € 0,00 97,28 97,16 0,00 - 0,05
UniM.&S.Caps:Eur.* € 26,31 25,30 25,25 21,93 - 0,00
UniMarktf. A* € 23,86 22,94 22,73 -13,81 - 0,00
UniMarktf. -net- A* € 23,59 23,59 23,38 -14,15 - 0,00
UniMoneyM.: USD* $ 990,34 990,34 990,28 0,00 - 0,00
UniMoneyM.:EURO A* € 500,73 500,73 500,75 0,00 - 8,27
UniOptima* € 748,75 741,34 741,34 0,00 - 4,63
UniOptimus-net-* € 731,42 731,42 731,47 0,00 - 5,84
UniProt.Europa II* € 112,90 109,61 109,61 -1,02 - 0,06
UniProtect:Europa* € 112,28 109,01 109,00 -5,75 - 0,78
UniRenta Corp A* € 74,50 72,33 71,74 0,00 - 2,93
UniRentaEURPlus 5J* € 100,67 98,70 98,88 0,00 - 0,72
UniSec. Bas. Ind.* € 76,86 73,90 73,39 30,64 - 0,01
UniSec. BioPha.* € 47,22 45,40 45,12 7,03 - 0,00
UniSec. Cons.Goods* € 62,63 60,22 59,73 27,23 - 0,00
UniSec. Finance* € 27,72 26,65 26,33 -67,92 - 0,00
UniSec. GenTech A* € 45,85 44,09 43,91 16,55 - 0,00
UniSec. High Tech.* € 36,63 35,22 34,74 22,43 - 0,00
UniSec. MultiMe.* € 17,95 17,26 17,11 4,92 - 0,00
UniVa. Europa A* € 33,85 32,55 32,64 -14,91 - 0,00
UniVa. Global A* € 49,75 47,84 47,14 20,99 - 0,01
UniVa.Euro.-net-A* € 33,24 33,24 33,33 -15,33 - 0,00
UniVa.Glb-net-A* € 48,20 48,20 47,49 20,27 - 0,01
Union-Investment Real Estate
UniImmo:Dt.* € 98,16 93,49 93,48 1,12 - 0,35
UniImmo:Europa* € 60,68 57,79 57,79 2,12 - 0,46
UniImmo:Global* € 53,45 50,90 50,89 0,73 - 0,00
Universal-Investment
BW-Renta-Internat.* € 42,10 41,07 41,14 0,00 - 0,91
BW-Renta-Univ.* € 26,26 25,62 25,62 0,00 - 0,70
Concept Aurelia Gl* € 123,88 117,98 119,13 13,19 - 0,00
G&P-Univ.Aktien A* € 48,83 46,50 47,17 -142,47 - 0,06
H&A Akt.Eurol.-UI* € 112,32 106,97 107,07 -50,10 - 0,00
J. Führ-UI-Aktien* € 77,11 73,44 73,26 -26,68 - 0,00
J. Führ-UI-Renten* € 42,62 41,78 41,70 0,00 - 0,73
SC BondValue UI* € 67,44 65,48 65,59 0,00 - 2,41
Trend-Uni- Glbl* € 105,13 100,12 99,56 1,93 - 0,00
Universal AS Fd. I* € 61,45 59,09 58,89 -22,37 - 0,01
WM Akt. Gl. UI* € 64,66 61,58 61,61 34,31 - 0,00
WM Akt. Gl. US$* $ 234,15 223,00 223,58 58,75 - 0,00
VERITAS INVESTMENT TRUST GmbH
A2A Defensiv € 12,41 11,93 11,86 -0,18 - 0,27
A2A Offensiv € 13,48 12,72 12,72 1,42 - 0,00
A2A Wachstum € 13,80 13,14 13,09 -11,09 - 0,15
ETF-Dachf. Quant € 29,03 27,65 27,65 25,13 - 0,00
ETF-Dachf.EM+Money € 20,07 19,30 19,30 12,99 - 0,12
ETF-Dachfd AktienP € 10,48 10,48 10,49 4,54 - 0,00
ETF-Dachfd RentenP € 11,12 11,12 11,07 -0,48 - 0,16
ETF-DACHFONDS P € 11,96 11,96 11,90 6,24 - 0,00
ETF-Dachfonds VDH € 12,16 12,16 12,10 8,51 - 0,00
ETF-PTFOLIO GLOBAL € 9,23 9,23 9,27 -17,73 - 0,00
RWS-BALANCE € 14,23 13,68 13,61 10,29 - 0,19
RWS-DYNAMIK € 19,88 18,93 18,92 18,78 - 0,00
RWS-ERTRAG € 13,53 13,14 13,06 1,38 - 0,27
VERI-Europa € 20,31 19,16 19,23 -64,23 - 0,00
VERIFONDS € 138,34 131,75 130,78 -44,20 - 0,89
VERIFONDS Europa € 35,04 33,69 33,83 -77,65 - 0,08
VERI-GLOBAL € 14,77 14,07 13,91 -130,70 - 0,00
VERI-LIQUIDE € 30,66 30,51 30,51 0,00 - 0,03
VERI-VALEUR € 64,62 60,96 60,84 -67,69 - 0,00
VERSIKO AG
Klima € 31,58 30,08 29,78 -65,17 0,00 0,00
New Energy EUR* € 4,59 4,33 4,26 -1,28 - 0,00
Ökotrend Bonds € 57,05 55,12 55,28 0,00 8,38 1,86
ÖkoTrust € 97,49 92,85 93,35 -18,41 0,06 0,00
ÖkoVision Classic € 83,34 79,37 78,60 55,19 0,18 0,00
ÖkoVision Europe € 29,96 28,53 28,55 -73,33 0,02 0,00
ÖkoVision Gar.20C € 111,22 105,92 106,10 -6,74 3,33 1,43
Water For Life C € 93,37 88,92 88,12 -9,71 0,03 0,00
Wallberg Invest S.A.
Blackstar African € 11,13 10,60 10,57 15,77 - 0,00
Blackstar-Gl Em Bd € 71,20 69,13 69,27 0,00 - 0,00
Wallb.Prot.Man.Sel € 84,35 79,95 80,16 27,25 - 0,00
Wallb.Real Asset P € 9,52 9,07 9,08 -3,89 - 0,03
WWK Investment S.A.
WWK Sel-Balance € 10,59 10,09 10,13 15,18 - 0,00
WWK Sel-Chance € 8,63 8,22 8,30 18,89 - 0,00
WWK Sel-EuRe B € 9,87 9,58 9,58 0,00 - 0,02
WWK Sel-EuRe C I € 9,52 9,52 9,52 0,00 - 0,31
WWK Sel-TopTen € 7,11 6,77 6,84 1,23 - 0,00
Währung: € = Euro, $ = US-Dollar, ¥ = Yen, £ = Brit. Pfund.
Ausg.: Ausgabepreis eines Fondsanteils zumangegebenen Tag.
Rücknahme: Rücknahmepreis eines Fondsanteils zum angegebe-
nen Tag.
Akt.G: Der aktuelle Aktiengewinn (Veräußerungsgewinn bei Invest-
mentanteilen) wird täglich in Prozent mit Ausnahme der Montagsaus-
gaben veröffentlicht.
ATE: Akkumulierte Thesaurierte Erträge ausländischer Fonds seit
1.1.1994 nach Auslandsinvestmentgesetz (AIG).
ISIN: Die Internationale Wertpapierkennummer eines Fonds wird
ausschließlich in den Montagsausgaben veröffentlicht.
ZWG: Zwischengewinn seit 1. Januar 2005
ZWG fett abgedruckt: für diesen Fonds wird Ertragsausgleichsverfahren
angewendet
*: Fondspreise etc. vomVortag oder letzt verfügbar.
Alle Fondspreise etc. ohne Gewähr - keine Anlageberatung und -
empfehlung
Weitere Fonds-Infos unter http://fonds.sueddeutsche.de
Im ersten Halbjahr 2011 hat das
Neugeschäft mit Mobilien gegen-
über dem ersten Halbjahr 2010 nach
Angaben des Bundesverbands Deut-
scher Leasing-Unternehmen (VDL)
um 15 Prozent zugelegt. Die Zahlen
basieren auf einer Befragung ausge-
wählter Mitglieder des Verbands.
Vorne lagen die Nutzfahrzeuge mit
einem Plus von 33 Prozent, gefolgt
von Produktionsmaschinen mit ei-
nem Plus von 30 Prozent. Bei letzte-
ren kommt allerdings eine zeitliche
Verzögerung ins Spiel. Denn der
Verband Deutscher Maschinen- und
Anlagenbau verzeichnete für die
ersten sechs Monate des laufenden
Jahres lediglich ein Plus von 19
Prozent bei den Auftragseingängen.
Die Differenz ist Folge der langen
Lieferzeiten. Die Statistik des VDL
berücksichtigt die Maschinen erst
bei Auslieferung. Der Bereich Büro-
maschinen und IT kam im ersten
Halbjahr auf ein Plus von 14 Pro-
zent. Rückläufig war hingegen die
Sparte Medizintechnik. Im zweiten
Quartal legte der Bereich zwar zu,
aber nicht genug, um das Minus
aus dem ersten Quartal zu kompen-
sieren. Für das Gesamtjahr 2011
geht der Verband weiterhin von
einem zweistelligen Wachstum
der Branche aus. jbe
Von Jochen Bettzi eche
Kredite für Investitionen zu erhalten,
ist schwieriger geworden. Wegen der Fi-
nanzkrise agieren viele Bankenvorsichti-
ger. Glücklicherweise haben Unterneh-
mer mehrere Möglichkeiten, ihre Finan-
zierung zu gestalten. Beispielsweise in-
dem sie Produktionsanlagen, Fahrzeuge,
Büroeinrichtung, Arbeitskleidung und
ähnliches leihen. Leasing ist nach wie
vor beliebt. Zumal die Anbieter ihre Kon-
ditionen nicht krisenbedingt verschlech-
tert haben. Zwar verschieben einige Un-
ternehmer Investitionen nach hinten.
Dennoch hat die Branche keinen Grund
zum Jammern. Den meisten etablierten,
großen Anbietern geht es gut.
Aber nur denen, der Rest kämpft. Vor
allem die Kleineren leiden nicht nur un-
ter der Finanzkrise sondern auch unter
den Regulierungen gemäß Basel III. „Es
gibt eine klare Bereinigung am Markt“,
sagt Semir Fersadi, Leiter des Referats
Finanzierung, Coaching, Krisenmanage-
ment der IHKfür MünchenundOberbay-
ern. Seit 2002 startete eine Vielzahl klei-
ner Anbieter – unddie haben jetzt Proble-
me. Denn um ihr Geschäft zu finanzie-
ren, benötigen sie Darlehen von der
Bank. „Diese Refinanzierung ist seit
2008 schwieriger geworden“, sagt Fersa-
di. Wegen der Finanzkrise steigen die
Zinsen, die Leasingraten bleiben jedoch
gleich. Fersadi nennt ein Beispiel. „Ein
Anbieter von IT-Leasing hat eine
schlechtere Einstufung seiner Bonität er-
halten, zahlt daher mehr Zinsen, hat
aber keine Mehreinnahmen, sodass seine
Marge deutlich nach unten geht“, sagt
der Finanzierungsexperte.
Für potentielle Kunden ist das kein
Problem, es existieren genügend große
Anbieter. Die reden derzeit allerdings
gerne mal mit. „Insbesondere bei teuren
Fahrzeugenwirddannschonmal nein ge-
sagt und eine Nummer kleiner empfoh-
len, auch bei Maschinen ist es schwieri-
ger geworden“, sagt Fersadi. Trotz Fi-
nanzkrise ist Leasing nicht teurer gewor-
den. Die Anbieter behaltenihre Konditio-
nen bei. „Wir haben die Laufzeiten der
Verträge nicht verkürzt, das wäre eine
Möglichkeit, um schneller aus dem Risi-
ko rauszugehen“, sagt Jörg Diewald, bei
GE Capital Vertriebsvorstand für Lea-
sing, Fleet und Factoring. Diese Vorge-
hensweise hätte dann höhere Raten be-
deutet. Diese bleiben jetzt jedoch kon-
stant, da GE Capital auch die Zinssätze
beibehalten hat. „Unsere Risikoanpas-
sung hat nichts mit der aktuellen Situati-
on an den Finanzmärkten zu tun, wir be-
trachten jeden Kunden als Einzelfall,
schätzen sein Risiko ein und bestimmen
auf dieser Basis unseren Zins“, sagt Die-
wald.
Derzeit haltensichdie KundenimNeu-
geschäft zurück. „Investitionen, die man
vor sechs Monaten noch geplant hat, ste-
hen heute auf dem Prüfstand, ob sie in
der aktuellen Situation noch durchge-
führt werden“, sagt Diewald. Er hat eine
durchaus nachvollziehbare Verunsiche-
rung bei den Unternehmern festgestellt,
wie das Geschäft trotz derzeit voller Auf-
tragsbücher weitergeht. Investitionen
würden daher zwar nicht abgesagt, aber
nach hinten verschoben. „Es ist eine ge-
wisse Vorsicht vorhanden, wir verzeich-
nen aber keinen Nachfrageeinbruch“,
sagt Diewald. Bei Wartezeiten von sechs
bis zwölf Monaten für eine Maschine sei
eine Investitionsentscheidung nicht ein-
fach. Es ist auch immer eine Frage der
Wirtschaftlichkeit. Eine neue Maschine
benötigt weniger Wartung und steigert
die Effizienz. „Da muss man schon genau
rechnen“, sagt Diewald.
Eine starke Kreditklemme seitens der
Bankenwie 2008 hat er bislang nicht fest-
stellt. „Gerade Spezialanbieter wie wir
unterstützen die Unternehmen weiter-
hin“, sagt Diewald. Dennoch gewinne
Leasing Auftrieb. Zumal es für die Anbie-
ter gegenüber dem traditionellen Kredit-
geschäft einenklaren Vorteil hat. Banken
müssen die ausgegebenen Darlehen mit
Eigenkapital unterlegen. „Im Leasingge-
schäft gibt es diese gesetzliche Vorgabe
bisher noch nicht“, sagt Diewald.
So ganz klappt es aber dann doch nicht
in jedem Bereich mit den konstanten Ra-
ten. „Die Restwerte für Pkw haben nach-
gegeben, wenn Sie das nicht an den Kun-
den weiterreichen, erhöhen Sie Ihr eige-
nes Risiko“, sagt Arval-Sprecher Ralf Wo-
ik. Dennoch sei die Nachfrage gut. „Das
Wachstum wurde durch die Krise in den
Jahren 2007 und 2008 unterbrochen,
setzt sich jetzt aber fort“, sagt Woik.
Verhalten optimistisch ist Kai Oster-
mann, Vorstandsvorsitzender der Deut-
schen Leasing. Zwar geht auch er von ei-
nem weiterhin wachsenden Markt aus.
„Aber die Geschäftserwartungender Un-
ternehmen gehen runter, größere Steige-
rungsratensindnicht mehr zu erwarten“,
sagt Ostermann. Die Deutsche Leasing
unterstützt ihre Kundenauchbei Investi-
tionen imAusland. Sogar in Ländern, die
wegen der Finanzkrise und ihrer eigenen
Schuldenquote unter Druck stehen. In
Griechenland ist das Unternehmen zwar
nicht aktiv. „Es gibt aber keinen Grund,
gute Kunden bei Investitionen in Spani-
en oder Italien nicht zu begleiten“, sagt
Ostermann.
Besondere Nachfragespitzen oder
-tiefs hat er nicht beobachtet. „Zwar war
2011 bislang sehr fahrzeug- und maschi-
nenlastig, aber die Nachfrage geht
durchs ganze Geschäft“, sagt Ostermann.
Lediglich in Nischenbereichen gebe es
stärkere Abweichungen, aber das sei an-
gesichts der geringen Volumina normal.
Zahlreiche Leasing-Gesellschaften
sind Teil eines Bankkonzerns. Fersadi
empfiehlt, auf jeden Fall immer auch ein
Angebot voneinemunabhängigenAnbie-
ter einzuholen. Insbesondere, wenn der
Leasinggeber zur eigenen Hausbank ge-
hört. „Bei so einer Konstellation wird oft
ein Kreditvolumen-Topf für das Unter-
nehmen festgelegt, und mehr dürfen die
Teilbeträge aus Darlehen, Kreditlinien
undLeasing unabhängigvonihrer Vertei-
lungnicht ausmachen“, sagt der IHK-Ex-
perte. Freie Anbieter seien da flexibler.
Und noch eine Gruppe hat er ausge-
macht, die zunehmend auf den Markt
drängt. Das sind die Hersteller. Das ist
nicht uneigennützig, schließlich fördern
sie durch günstige Konditionen den eige-
nen Absatz. „Herstellerleasing ist auf je-
den Fall eine interessante Alternative“,
sagt Fersadi.
Gleiches gilt für Anbieter, die nicht
nur finanzielles Fachwissen haben, son-
dern auch technisches. Die können bes-
ser einschätzen, ob und zu welchen Kon-
ditionen eine Investition, beispielsweise
in eine neue Fertigungsanlage, sinnvoll
ist. Manche Hersteller der benötigten In-
vestitionsgüter kooperieren auch mit ei-
ner Leasing-Gesellschaft. Dann wird de-
renVertreter indie Verhandlungeneinge-
bunden und kann ein Finanzierungskon-
zept erstellen. Doch auch dann kommt
der Unternehmer um einen Vergleich
nicht herum.
Der kleine runde Aufkleber vorne
links auf der Windschutzscheibe fällt
kaum auf. Dabei ist er der Schlüssel zur
neuen Feierabendfreiheit. Die erste Cor-
porate Car Sharing Lösung auf Leasing-
Basis in Deutschland soll es Arbeitneh-
mernohne eigenenDienstwagenermögli-
chen, sich ein Fahrzeug auch für die pri-
vate Nutzung aus dem Firmenfuhrpark
ausleihen zu können. Ein mit hinterleg-
tenDatenausgestatteter, fingernagelgro-
ßer RFID-Chip, der zuvor auf denFührer-
schein geklebt wurde, identifiziert den
Fahrer und schaltet das zuvor gebuchte
Auto frei. Der Autobauer BMW baut da-
durch sein Car-Sharing-Geschäft weiter
aus. Durcheine Art Teilzeit-Auto für pri-
vate Fahrten soll Angestellten von Lea-
singkundeneininteressantes Angebot ge-
macht werden, zugleich könne der Fir-
menkunde seine Kosten dank der da-
durch erzielten Einnahmen senken.
„Mit unserem Service Alphacity wol-
len wir eine Antwort auf die sich verän-
dernde MobilitätsanforderungenvonMit-
arbeitern und Unternehmen bieten“, sagt
Marco Lessacher, Geschäftsführer bei
der BMW-Leasingtochter Alphabet. Als
Ergänzung zum klassischen Fuhrpark
sieht er den Service als eine effiziente Al-
ternative zu Taxi und Mietwagen. Viele
Pool-Fahrzeuge stünden bisher außer-
dem nach Feierabend ungenutzt auf dem
Firmengelände, ergänzt Lessacher.
Das von Alphabet entwickelte System
basiert darauf, dass Unternehmen Flot-
tenfahrzeuge für ihr tägliches Geschäft
von der BMW-Tochter leasen und diese
danneinemfestenKreis ihrer Mitarbeiter
im Car Sharing anbieten. Die Autos par-
ken auf Stellplätzen des Unternehmens
und können online sowie mobil von vor-
her einmalig registriertenMitarbeitenge-
bucht werden. „Wir geben die Konditio-
nen dafür aber nicht vor, sondern die ge-
staltet der Arbeitgeber individuell – bei-
spielsweise Sonderangebote fürs Wochen-
ende“, sagt Lessacher.
Für Beschäftigte ermöglicht Alphacity
den beruflichen und privaten Zugang zu
Premium-Fahrzeugen, die sonst deutli-
che niedrigere Auslastungenhätten. „Vie-
le Unternehmen haben uns gesagt, dass
sie ein solches Angebot auch nutzen wol-
len, umbeimWettbewerb umqualifizier-
te Mitarbeiter einen Anreiz zu schaffen“,
sagt Vertriebsleiter Uwe Hildinger.
Momentan ist die Lösung noch auf
BMW-Fahrzeuge beschränkt. Die Telema-
tik für den schlüssellosen Zugang ist in
die Fahrzeuge bereits integriert. Darauf
abgestimmt ist eine eigene Management-
Lösung für die Buchung und Abrech-
nung. Sie ermöglicht für Unternehmen
und Mitarbeiter eine einfache Verwal-
tung und Nutzung. Alphacity bietet ne-
ben den Fahrzeugen auch eine Full-Ser-
vice-Lösung von der Buchung über die
Abrechnung bis hin zur Fahrzeugpflege
und zum Parkplatzmanagement an.
NachdemStart inDeutschland, Frank-
reich und Großbritannien soll der Dienst
ab 2012 auch in 15 weiteren Ländern zur
Verfügung stehen. Die BMW-Tochter be-
schäftigt weltweit mehr als 2000Mitarbei-
ter und ist in 17 europäischen Ländern
und in Australien vertreten. BMW setzt –
wie andere Hersteller auch – verstärkt
auf Vertriebswege neben demklassischen
Verkauf. Zusammenmit demAutovermie-
ter Sixt bietet BMW etwa Car-Sharing in
deutschen Großstädten an.
Alphabet glaubt mit seinemAngebot ei-
nen neuen Trend einzuläuten: „Hieß das
Zauberwort 2006 nochFull-Service-Lea-
sing, drehte sich ab 2008 alles um grüne
Flottenlösungen. Jetzt imJahr 2011 müs-
sen wir uns um neue Formen der Mobili-
tät kümmern“, sagt Vertriebs-Chef Hil-
dinger. Ein Pool aus Fahrzeugen, der alle
Mobilitätsanforderungen eines Mitarbei-
ters erfülle – sei es nundienstlichoder pri-
vat – sieht er dafür als richtungsweisen-
den Lösungsansatz. Friederike Nagel
Dienstliche und private
Nutzung zu trennen, wird
nicht mehr zeitgemäß sein
LEASING
Eine Sonderseite der Süddeutschen Zeitung
Solides Wachstum
Langfristig wird der Markt wachsen
Momentan läuft das Geschäft allerdings etwas verhaltener, neue Kunden halten sich zurück. Bereits geplante Investitionen werden noch einmal genau geprüft
Ein kleiner RFID-Chip, der auf den Führerschein geklebt wurde, schaltet das Au-
to für den Nutzer frei. Einen Schlüssel braucht man nicht mehr. Foto: oh
Verantwortlich: Werner Schmidt
Redaktion: Friederike Nagel
Anzeigen: Jürgen Maukner
Mobil in den Feierabend
BMW baut sein Car-Sharing-Geschäft mit einer neuen Marke für Flottenkunden aus
Die Raten sind nicht höher
geworden – denn die
Preise sind stabil geblieben
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Süddeutsche Zeitung Nr. 242 | Donnerstag, 20. Oktober 2011 | Seite 31
Für viele Firmen lohnt es sich, teure Maschinen zu leasen, anstatt sie zu kaufen. Die Kapitalbindung würde die Bilanz deutlich mehr belasten. Foto: Bloomberg
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Das Angebot setzt auf einen
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Dax 30 (* = Euro Stoxx 50 Werte)
19.10. 18.10. Tages- Tages- 52-Wochen KGV Gesamt- Markt-
Div. Schluss Schluss Veränderung in Prozent Hoch / Tief Hoch / Tief 2011 Umsatz Wert
Dax – 5913,53 5877,41 +0,61 5978/5875 7528/5072 – 2733780 –
Adidas 0,35 49,52 48,95 +1,15 50,25/48,74 57,42/43,22 16 44501 10,36
* Allianz 4,50 79,26 75,96 +4,34 79,84/76,33 108/57,47 7 284600 36,02
* BASF 2,20 50,10 50,87 -1,51 51,58/49,70 69,40/43,66 8 201349 46,02
* Bayer 1,50 44,09 44,42 -0,74 44,66/43,75 59,35/36,82 9 102693 36,46
Beiersdorf 0,70 41,34 41,17 +0,41 41,59/41,10 49,00/39,35 23 11626 10,42
* BMW 1,30 55,01 55,08 -0,13 55,96/54,09 73,52/45,04 7 127118 33,12
Commerzbank – 1,63 1,56 +4,68 1,66/1,60 5,31/1,53 5 89651 8,34
* Daimler 1,85 36,12 36,49 -1,01 37,30/35,79 58,46/30,97 7 159116 38,49
* Deutsche Bank 0,75 27,53 26,42 +4,22 27,90/26,93 48,54/21,40 5 208978 25,59
* Deutsche Börse 2,10 41,01 40,88 +0,32 41,50/40,75 56,00/36,10 9 17869 8,00
Deutsche Post 0,65 10,69 10,49 +1,86 10,80/10,45 13,91/9,13 9 66387 12,92
* Dt. Telekom 0,70 9,45 9,36 +0,98 9,48/9,34 11,32/7,95 15 110734 40,85
* Eon 1,50 17,40 17,02 +2,26 17,53/17,03 25,11/12,88 14 132279 34,82
Fres.Med.Care 0,65 51,15 51,25 -0,20 51,44/50,70 55,13/41,11 14 21641 15,26
Fresenius SE 0,86 70,32 69,50 +1,18 70,32/68,81 75,62/59,31 15 40232 9,02
Heidelb.Cement 0,25 30,17 29,69 +1,62 30,64/29,85 52,60/24,57 10 32253 5,66
Henkel Vz 0,72 43,10 42,98 +0,28 43,66/42,90 49,81/36,90 14 21664 7,68
Infineon 0,10 5,97 6,04 -1,16 6,08/5,89 8,28/5,15 10 63873 6,49
K + S 1,00 44,74 44,59 +0,35 45,90/44,51 58,60/35,62 12 70873 8,56
Linde 2,20 111,00 111,20 -0,18 113/110 126/96,16 14 50331 18,90
Lufthansa 0,60 9,89 9,73 +1,58 10,06/9,81 17,77/8,98 12 32902 4,53
MAN 2,00 60,41 60,77 -0,59 61,74/59,77 98,72/52,51 8 20162 8,52
Merck KGaA 1,25 61,18 61,38 -0,33 61,84/60,72 78,47/56,82 9 17292 3,95
Metro 1,35 32,08 31,63 +1,42 32,19/31,32 58,53/27,47 9 41467 10,40
* Münchener Rück 6,25 97,15 95,86 +1,35 97,89/96,25 125/79,55 17 74734 18,31
* RWE 3,50 30,31 29,15 +4,00 30,40/29,32 55,26/21,77 7 107112 15,86
* SAP 0,60 41,85 41,88 -0,06 42,38/41,43 45,90/34,26 16 157145 51,34
* Siemens 2,70 73,40 74,23 -1,12 74,72/72,75 99,38/64,45 9 233472 67,10
Thyssen-Krupp 0,45 20,21 20,25 -0,20 20,73/20,08 35,84/16,91 10 42314 10,40
* Volkswagen Vz 2,26 114,85 114,15 +0,61 116/113 151/88,54 6 149412 19,54
MDax
19.10. 18.10. Tages- Tages- 52-Wochen KGV Gesamt- Markt-
Div. Schluss Schluss Veränderung in Prozent Hoch / Tief Hoch / Tief 2011 Umsatz Wert
MDax – 8934,17 8973,86 -0,44 9101/8900 11187/7783 – 363241 –
Aareal Bank – 13,52 12,88 +4,97 14,02/13,08 26,25/9,48 8 8005 0,81
Aurubis 1,00 40,98 40,66 +0,77 41,65/40,50 45,85/33,67 10 6423 1,84
Baywa vink. Na 0,50 31,22 31,47 -0,81 31,81/31,15 35,04/24,05 16 908 1,03
Bilfinger Berger 2,50 61,83 62,89 -1,69 63,82/61,77 69,54/52,18 12 14465 2,85
Boss Vz 2,03 67,51 69,38 -2,70 70,99/66,68 80,00/45,20 18 6952 2,33
Brenntag 1,40 72,73 73,16 -0,59 74,29/72,25 84,74/63,84 13 6642 3,75
Celesio 0,50 10,95 10,89 +0,55 11,24/10,89 20,05/9,29 9 3969 1,86
Continental – 51,63 53,07 -2,71 54,10/51,22 76,28/39,44 7 27712 10,33
Deutz – 4,39 4,39 -0,07 4,58/4,37 7,22/3,70 8 2918 0,53
Douglas 1,10 27,26 28,23 -3,45 28,37/27,15 43,20/26,87 12 2335 1,07
Dt. Euroshop 1,10 25,89 25,64 +0,99 26,15/25,60 29,06/23,70 19 2312 1,34
Dt. Wohnen 0,20 10,47 10,64 -1,64 10,77/10,43 12,00/8,55 21 1005 0,86
EADS 0,22 21,43 22,30 -3,88 22,30/21,30 25,02/16,64 25 4290 17,57
Elring-Klinger 0,35 18,91 19,41 -2,55 19,60/18,72 26,98/15,15 13 2004 1,20
Fielmann 2,40 78,56 79,00 -0,56 79,84/78,33 79,08/61,72 25 2851 3,30
Fraport 1,25 45,93 45,68 +0,56 46,51/45,65 58,10/40,68 17 4844 4,22
Fuchs Petrol. Vz 0,90 34,65 34,40 +0,73 35,15/34,37 39,73/28,72 12 5099 1,23
Gagfah 0,50 4,51 4,53 -0,55 4,63/4,42 8,95/3,62 9 1515 1,02
Gea Group 0,40 19,59 19,51 +0,41 20,04/19,44 25,50/16,33 12 9389 3,60
Gerresheimer 0,50 32,47 32,53 -0,18 32,89/32,45 36,62/27,62 14 2467 1,02
Gerry Weber 0,55 21,39 21,53 -0,63 21,87/21,16 24,58/16,20 15 1654 0,98
Gildemeister – 9,95 9,90 +0,51 10,15/9,80 17,50/8,69 13 2807 0,60
GSW Immobilien – 23,00 22,53 +2,09 23,10/22,60 24,45/20,24 15 1007 0,94
Hamburger Hafen 0,55 20,40 20,34 +0,32 20,94/20,34 35,81/19,68 17 1254 1,43
Hannover Rück 2,30 37,52 36,47 +2,89 37,52/36,62 43,29/29,31 9 10065 4,52
Heidelb.Druck – 1,54 1,54 +0,33 1,59/1,54 3,87/1,23 – 868 0,36
Hochtief 2,00 52,98 51,09 +3,70 53,47/52,32 76,55/42,12 25 13155 4,08
Kabel Deutschland – 41,01 41,57 -1,34 42,43/40,52 47,42/31,27 30 9957 3,69
Klöckner & Co 0,30 10,37 10,14 +2,32 10,59/10,22 25,58/8,58 12 9132 1,03
Krones 0,40 39,08 39,03 +0,13 40,37/38,73 59,06/35,35 12 2495 1,23
KUKA – 14,17 14,10 +0,50 14,65/14,13 20,00/12,50 14 1183 0,48
Lanxess 0,70 40,79 40,96 -0,43 41,88/40,43 63,00/32,97 7 17485 3,39
Leoni 0,70 29,14 29,15 -0,05 30,19/28,90 42,31/21,69 6 7218 0,95
MTUAeroEngines 1,10 49,65 49,98 -0,66 50,42/49,26 55,63/41,05 13 7187 2,58
ProSiebenSat1Vz 1,14 14,64 14,48 +1,14 15,47/14,60 24,80/11,49 8 13664 1,60
Puma 1,80 226,70 225,05 +0,73 230/224 255/197 15 5566 3,42
Rational 5,0+4,0 169,55 170,25 -0,41 172/168 194/146 23 933 1,93
Rheinmetall 1,50 38,70 38,62 +0,21 39,81/38,41 66,46/31,84 7 5606 1,53
Rhön-Klinikum 0,37 14,99 15,06 -0,50 15,22/14,92 17,96/14,44 13 3422 2,07
Salzgitter 0,32 37,90 38,47 -1,48 39,23/37,79 64,72/33,70 14 13079 2,28
SGL Carbon – 46,30 44,97 +2,97 46,65/44,62 44,97/25,10 40 39781 3,06
Sky Deutschland – 2,12 2,07 +2,62 2,16/2,09 3,79/0,91 – 4643 1,50
Springer 1,60 27,40 26,92 +1,78 27,79/27,12 41,67/24,50 9 4392 2,71
Stada Arznei 0,37 17,27 17,19 +0,49 17,88/17,23 31,22/14,40 7 7329 1,02
Südzucker 0,55 22,11 22,03 +0,36 22,25/21,73 26,11/16,47 13 9071 4,19
Symrise 0,60 18,18 17,99 +1,06 18,21/17,84 22,74/16,43 14 7523 2,15
TUI – 4,50 4,50 +0,02 4,65/4,42 10,86/3,59 8 4116 1,13
Vossloh 2,50 73,45 72,69 +1,05 75,04/72,75 99,58/63,36 17 5102 1,09
Wacker Chemie 3,20 75,88 78,66 -3,53 81,04/75,00 173/66,90 7 34114 3,96
Wincor Nixdorf 1,70 37,65 37,78 -0,34 38,66/37,45 62,98/32,55 11 3329 1,25
TecDax
19.10. 18.10. Tages- Tages- 52-Wochen KGV Gesamt- Markt-
Div. Schluss Schluss Veränderung in Prozent Hoch / Tief Hoch / Tief 2011 Umsatz Wert
TecDax – 689,02 677,56 +1,69 691/678 949/626 – 100213 –
Adva – 3,65 3,76 -2,82 3,90/3,62 7,76/3,08 21 787 0,17
Aixtron 0,60 10,03 9,97 +0,58 10,10/9,80 33,48/9,97 7 14330 1,01
BB Biotech 3,20 CHF 43,90 43,34 +1,30 43,90/43,20 55,00/39,35 21 350 0,72
Bechtle 0,75 26,58 25,28 +5,12 27,28/25,30 34,35/23,48 9 1379 0,56
Carl Zeiss Med. 0,22+0,33 13,23 13,40 -1,27 13,50/13,05 16,50/12,01 16 678 1,08
Centrotherm 0,70 14,40 14,36 +0,28 14,72/14,25 42,52/14,08 5 436 0,30
Dialog Semicon. – 13,91 14,39 -3,34 14,30/13,67 19,57/10,69 16 11529 0,90
Drägerwerk Vz 1,19 80,00 80,00 - 82,50/78,41 89,30/55,30 14 1589 0,51
Drillisch 0,50 7,96 7,86 +1,26 8,00/7,85 8,77/5,50 12 1878 0,42
Evotec – 2,33 2,34 -0,47 2,37/2,30 3,40/1,72 58 403 0,28
Freenet 0,80 9,35 9,20 +1,66 9,45/9,16 9,63/6,97 12 4904 1,20
Gigaset – 2,63 2,62 +0,23 2,64/2,58 4,63/1,97 7 297 0,10
Jenoptik – 4,62 4,80 -3,63 4,82/4,60 6,58/4,30 11 265 0,26
Kontron 0,20 5,29 5,37 -1,53 5,41/5,20 9,38/5,00 9 1681 0,29
Morphosys – 18,91 19,00 -0,47 19,15/18,90 21,68/15,53 43 371 0,43
Nordex – 3,92 3,80 +3,13 3,96/3,81 9,37/3,57 78 910 0,26
Pfeiffer Vac 2,90 70,06 69,81 +0,36 70,99/69,15 99,50/59,67 12 2081 0,69
PSI 0,23 17,67 17,85 -1,01 17,90/17,50 23,05/15,00 27 211 0,28
Q-Cells – 0,52 0,54 -3,52 0,56/0,51 3,50/0,50 – 675 0,08
Qiagen – 9,25 9,28 -0,31 9,35/9,07 15,12/9,28 10 8124 2,16
QSC – 2,44 2,43 +0,58 2,50/2,38 3,65/1,66 14 1499 0,33
Singulus Techn. – 2,99 2,71 +10,28 3,08/2,83 4,96/2,24 30 1955 0,15
SMA Solar Techn. 3,00 38,71 39,17 -1,17 40,40/38,50 89,25/36,05 7 3040 1,34
Software AG 0,43 30,45 27,19 +11,99 30,57/28,62 43,69/22,25 13 25372 2,62
Solarworld 0,19 3,01 2,93 +2,59 3,13/2,96 11,95/2,75 5 3354 0,34
Stratec Bio. 0,50 28,78 28,31 +1,64 28,95/28,26 33,60/26,50 19 114 0,33
Süss MicroTec – 7,17 6,58 +8,97 7,17/6,53 13,57/5,67 8 2223 0,13
United Internet 0,20 13,89 13,59 +2,17 13,89/13,60 14,69/10,90 17 6657 3,12
Wirecard 0,10 11,71 11,66 +0,39 11,81/11,60 13,06/9,94 19 2098 1,19
Xing – 61,33 61,38 -0,08 62,61/60,10 62,84/30,30 35 1023 0,32
SDax
19.10. 18.10. Tages- Tages- 52-Wochen KGV Gesamt- Markt-
Div. Schluss Schluss Veränderung in Prozent Hoch / Tief Hoch / Tief 2011 Umsatz Wert
SDax – 4483,82 4457,83 +0,58 4488/4462 5611/4133 – 28699 –
Air Berlin – 2,67 2,66 +0,38 2,70/2,63 4,15/2,42 – 26 0,23
Alstria Office 0,44 9,10 9,19 -1,01 9,17/8,96 11,18/7,80 16 368 0,65
Amadeus Fire 1,67 27,85 27,29 +2,07 28,00/27,50 36,25/24,05 9 198 0,14
Balda – 5,42 5,57 -2,68 5,56/5,36 9,90/4,56 – 661 0,32
Bauer 0,60 19,31 19,30 +0,05 19,79/19,15 38,49/16,11 9 420 0,33
Bertrandt 1,20 39,20 38,56 +1,66 40,00/38,30 59,40/33,11 8 1054 0,40
Biotest Vz. 0,44 36,50 37,50 -2,67 37,50/36,10 50,97/34,27 16 185 0,19
Catoil 0,10 4,22 4,31 -1,90 4,42/4,10 8,30/3,65 9 176 0,21
Centrotec 0,10 13,42 13,54 -0,89 13,59/13,42 24,25/12,11 9 329 0,23
CeWe Color 1,25 28,74 28,32 +1,47 28,78/28,35 35,98/25,78 10 322 0,21
Comdirect 0,42 7,53 7,54 -0,17 7,55/7,42 8,65/6,38 15 167 1,06
Constantin Med. – 1,41 1,41 +0,36 1,41/1,38 2,40/1,38 – 26 0,12
CTS Eventim 0,87 22,88 22,89 -0,04 22,91/22,47 25,58/18,95 22 596 1,10
Delticom 2,72 80,55 80,10 +0,56 81,97/78,71 81,13/50,58 29 4023 0,95
Derby Cycle – 27,97 27,91 +0,23 28,00/27,91 28,50/11,49 14 564 0,21
DIC Asset 0,31 6,65 6,49 +2,54 6,65/6,51 10,88/5,43 21 677 0,30
Dt. Beteilig. 0,4+1,0 15,30 15,08 +1,46 15,33/15,16 23,40/14,35 15 26 0,21
Dürr 0,30 29,20 28,50 +2,46 29,50/28,33 31,79/20,63 13 3429 0,51
Gesco Ind. – 58,49 58,23 +0,45 58,80/57,50 72,49/43,00 9 164 0,18
GfK SE 0,48 31,40 30,90 +1,62 32,07/30,99 40,80/27,57 11 436 1,14
Grammer – 14,03 14,68 -4,46 15,00/14,03 20,50/10,87 7 1184 0,16
Grenkeleasing 0,70 38,37 37,60 +2,05 38,84/37,96 45,83/33,79 15 268 0,53
H&R 0,65 14,92 15,35 -2,80 15,53/14,81 22,78/14,50 10 522 0,45
Hamborner Reit 0,37 6,35 6,40 -0,78 6,43/6,35 8,10/6,11 32 138 0,22
Hawesko 1,75 32,50 32,67 -0,54 32,67/32,01 41,00/27,95 16 32 0,29
Highlight 0,17 CHF 3,18 3,16 +0,51 3,21/3,16 5,10/3,16 4 66 0,15
Hornbach Hld. 0,67 48,00 47,20 +1,69 50,53/47,26 63,30/36,50 9 110 0,38
Indus Hld. 0,90 18,21 18,36 -0,79 18,61/18,21 24,90/16,95 6 248 0,37
IVG Immobilien – 2,85 2,71 +5,06 2,89/2,72 7,71/2,19 – 1313 0,39
Jungheinrich Vz 0,55 21,36 21,30 +0,26 21,91/21,20 33,44/17,80 7 922 0,34
Koenig & Bauer 0,30 12,13 12,08 +0,46 12,31/11,60 19,30/10,96 10 95 0,20
KWS Saat 1,90 148,90 148,30 +0,40 151/148 167/121 14 77 0,98
MLP 0,30 4,72 4,70 +0,51 4,78/4,64 7,87/4,49 19 168 0,51
MVV Energie 0,90 23,68 23,57 +0,47 23,75/23,64 29,90/21,50 15 105 1,56
Norma Group – 13,27 13,30 -0,23 13,63/13,15 20,80/11,65 8 306 0,42
Patrizia Immo. – 3,82 3,80 +0,50 3,83/3,81 5,90/3,06 20 30 0,20
Praktiker 0,10 2,76 2,72 +1,55 2,90/2,72 8,84/2,06 – 1601 0,16
Prime Office REIT – 4,80 4,79 +0,21 4,80/4,70 6,77/3,59 11 27 0,25
SAF Holland – 3,90 3,42 +14,04 3,92/3,45 9,47/3,24 7 3296 0,16
Schaltbau 1,10 73,90 71,70 +3,07 74,00/72,50 83,89/51,80 9 158 0,14
Sixt 0,70 15,95 15,50 +2,87 16,03/15,63 20,76/12,67 9 392 0,53
SKW Stahl – 14,20 14,01 +1,39 14,32/14,11 21,00/12,22 9 16 0,09
Ströer – 10,50 10,65 -1,41 10,70/10,50 27,35/9,60 11 138 0,44
TAG Immob. – 6,19 6,17 +0,29 6,26/6,17 7,40/5,69 10 1278 0,40
Takkt 0,32 8,64 8,92 -3,14 8,97/8,63 12,28/8,25 9 292 0,57
Tipp24 – 32,33 32,60 -0,83 32,55/32,06 35,50/25,80 8 305 0,26
Tom Tailor – 11,26 11,23 +0,27 11,38/11,22 16,99/9,77 13 456 0,19
VTG 0,33 14,40 14,54 -0,96 14,64/14,23 19,86/13,05 14 375 0,31
Wacker Neuson 0,17 8,99 9,00 -0,17 9,08/8,81 13,49/8,35 12 145 0,63
Zooplus – 52,00 48,05 +8,22 52,00/47,24 63,80/22,50 – 791 0,29
Wechselkurse
1 € = Sorten* Devisen
19.10. Währ. Verk. Ank. Geld Brief
Australien AUD 1,2681 1,4236 1,3387 1,3399
Brasilien BRL 2,0098 2,8251 2,4286 2,4366
China CNY 7,0824 10,578 8,7855 8,8055
Dänemark DKK 7,0197 7,8701 7,4452 7,4457
Großbritann. GBP 0,8369 0,9223 0,8721 0,8724
Hongkong HKD 9,6658 11,868 10,719 10,722
Japan JPY 101,28 112,45 105,87 105,89
Kanada CAD 1,3309 1,4779 1,3956 1,3961
Neuseeland NZD 1,5661 1,9017 1,7292 1,7312
Norwegen NOK 7,3595 8,1694 7,7120 7,7180
Polen PLN 4,0454 4,7320 4,3442 4,3505
Russland RUB 38,495 49,201 42,765 42,772
Schweden SEK 8,6268 9,6432 9,1055 9,1096
Schweiz CHF 1,1918 1,3116 1,2422 1,2426
Singapur SGD 1,6103 1,8847 1,7436 1,7445
Südafrika ZAR 9,4584 12,647 11,028 11,036
Tschechien CZK 22,070 27,560 24,874 24,899
Türkei TRY 2,3974 2,7722 2,5644 2,5665
Ungarn HUF 258,49 342,58 296,00 296,31
USA USD 1,3249 1,4615 1,3786 1,3789
Euroreferenzpreis öffentl. Banken 1,3845 Dollar je Euro
Schluss Börse Frankfurt 52-Wochen Heimatbörse W
19.10. 18.10. Hoch / Tief Div.
118000 0,43 0,51 3,51/0,33 – –
3U Holding 0,80 0,82 0,98/0,60 – 0,02
4SC 1,74 1,74 4,82/1,43 – –
A
A-Tec Ind. – 0,83 7,13/0,79 0,84 0,00
A.S. Creation 24,95 24,34 34,00/23,92 – 1,35
AAP Impl. 0,92 0,92 1,23/0,75 – –
Acciona 70,10 67,82 80,01/49,74 69,00 3,10
Accor 22,47 21,61 35,62/19,28 22,62 0,62
AD Pepper 1,15 1,13 2,10/1,06 – –
ADC Afr. Dev. Corp. 9,08 9,15 12,72/5,85 – –
Adecco 32,98 32,34 51,33/27,29 40,54 1,10 CHF
Adler Modemärkte 8,00 7,94 10,14/7,45 – –
ADV Vision Tech 3,20 3,20 4,50/2,70 – –
Aegon 3,37 3,24 5,70/2,68 3,37 –
Aeroflot 120,65 120,00 205/108 – – USD
Ageas 1,40 1,31 2,53/1,10 1,39 0,06
Agennix 3,07 3,14 4,03/2,45 – –
Agfa Gevaert 1,87 1,88 5,18/1,61 1,89 –
Ahlers 9,78 9,57 11,30/8,60 – 0,55
Ahlers Vz 9,85 9,70 10,89/8,51 – 0,60
Ahold 9,28 9,27 10,02/7,72 9,36 0,29
Air France KLM 5,43 5,47 15,03/4,79 5,52 –
AIRE 8,28 8,27 11,46/8,15 – –
Akamai 16,75 17,14 40,82/13,79 23,21 – USD
Aker Solutions 7,19 7,16 16,45/6,58 57,70 2,75 NOK
Akzo Nobel 34,84 35,36 53,20/29,99 34,89 1,40
Alcatel Lucent 1,94 2,08 4,42/1,76 1,96 –
Aleo Solar 25,83 25,83 26,75/16,05 – –
All for One Mid 7,32 6,85 10,34/5,31 – 0,30
Alphaform 1,73 1,71 2,52/1,36 – –
Alstom 26,05 25,70 45,10/23,28 26,04 0,62
AMD 3,52 3,37 7,00/3,36 4,90 – USD
Analytik Jena 9,93 9,90 10,92/7,81 – 0,15
Andritz 62,10 64,00 75,00/54,38 61,81 1,70
Anglo Platinum 48,53 49,00 83,45/47,20 5.40t – ZAR
Anglogold Ash. 30,36 30,71 37,77/27,89 3.38t 1,45 ZAR
Antena 3 4,25 4,32 7,80/3,95 4,32 0,45
Archer Daniels 20,17 20,06 27,51/18,11 27,78 0,64 USD
Ariba 22,93 22,81 25,60/13,21 31,79 – USD
Artnet 4,48 4,44 7,86/3,96 – –
Asian Bamboo 10,85 11,74 40,55/9,25 – 0,36
ASML 28,96 29,11 32,81/22,32 28,87 0,40
AT & S 8,71 8,75 18,19/8,15 8,80 0,36
Atlantia 11,77 11,45 16,95/9,50 11,65 0,73
Atoss Softw. 16,50 16,50 17,97/15,50 – 0,60
Augusta Techn. 15,76 15,50 20,30/13,17 – 0,45
B
Baader Bank 2,12 2,00 3,45/1,93 – 0,12
Ballard Power 0,92 0,97 1,75/0,84 1,31 – CAD
Baloise Hold. 55,18 55,18 79,31/49,89 69,40 4,50 CHF
Bank of East Asia 2,36 2,33 3,46/2,08 25,70 0,99 HKD
Barrick Gold 33,38 33,76 41,18/29,98 46,61 0,47 CAD
Basler 10,99 11,09 15,25/9,85 – 0,30
BayWa Na – 31,00 34,48/28,21 – 0,50
BDI BioEnergy 13,51 13,50 23,30/12,45 – –
Beate Uhse 0,31 0,32 0,50/0,25 – –
Berkshire Hath. B 54,44 53,42 63,46/47,22 75,23 – USD
Biolitec – 2,15 4,51/2,00 – 0,10
Biotest 40,00 40,59 52,90/37,00 – 0,38
Blackstone 10,05 9,48 13,49/8,00 13,89 0,40 USD
BMP konv. 0,64 0,65 1,69/0,65 – –
BMW Vz 38,46 38,50 45,63/32,28 – 1,32
BOCHK – 1,65 2,76/1,44 18,22 1,20 HKD
Bombardier b 2,78 2,87 5,22/2,57 3,90 0,10 CAD
Boss 64,16 63,55 77,05/39,40 – 2,02
Bouygues 26,88 26,82 34,81/21,61 27,00 1,60
Bridgestone 16,48 16,75 17,61/12,33 1.81t 20,00JPY
Broadcom 27,67 27,54 35,54/21,68 37,97 0,36 USD
Brüd.Mannesm. 0,90 0,90 2,15/0,84 – –
BT Group – 2,04 2,32/1,62 181,0 7,40 GBp
Business China 1,50 1,50 4,89/1,21 – –
Bwin Party Dig. 1,22 1,21 3,15/1,15 1,21 1,56
BYD Co. 1,33 1,31 5,31/1,08 14,46 0,00 HKD
C
C-Quadrat Invest 21,91 21,95 33,39/18,42 – 2,21
Cameco 15,26 14,77 32,91/13,12 20,85 0,40 CAD
Cancom IT 8,17 7,95 11,44/6,73 – 0,15
Canon 32,90 32,57 39,51/29,54 4.53t 120,0JPY
Cap Gemini 26,32 26,43 42,83/22,61 26,41 1,00
Cathay Pacific 1,21 1,21 2,35/1,18 13,16 0,96 HKD
Cenit Syst. 4,73 4,73 6,02/4,46 – 0,15
Centrosolar 2,08 1,98 6,25/1,65 – –
Ceotronics 1,50 1,50 2,10/1,38 – 0,10
CEZ 29,09 29,39 39,50/27,50 – 50,00
Chalco 0,35 0,36 0,75/0,32 – 0,01
Check Point 43,00 42,58 43,30/28,51 59,52 – USD
Cheung Kong 8,35 8,31 13,06/7,61 90,45 2,98 HKD
China Life 1,79 1,76 3,40/1,61 – 0,49 HKD
China Mobile 7,13 7,04 7,76/6,12 76,20 3,18 HKD
China Nat. Build. 0,79 0,81 2,93/0,54 – 0,06 HKD
China Petroleum 0,67 0,66 0,82/0,58 – 0,28 HKD
China Precision 0,39 0,35 1,61/0,31 0,54 – USD
China Res. Enter. 2,61 2,66 3,27/2,38 28,35 0,53 HKD
China Spec. Glass 6,45 6,48 7,85/5,52 – –
China Unicom 14,06 13,90 15,95/9,73 15,42 – HKD
Clariant 7,65 7,75 15,38/5,93 9,44 – CHF
CNOOC 1,23 1,23 1,93/1,11 13,18 0,50 HKD
Colexon Energy 0,39 0,39 2,55/0,36 – –
Comarch Softw. 1,57 1,57 6,30/1,47 – –
CompuGroup 9,25 8,92 12,60/7,47 – 0,25
Conergy 0,31 0,32 7,20/0,25 – –
Cor & FJA 1,55 1,55 2,23/1,36 – 0,00
Corning 9,78 9,52 17,01/8,98 13,49 0,20 USD
Credit Agricole 5,07 4,94 12,75/4,24 4,99 0,45
Crocs 11,89 12,34 21,74/9,60 15,90 – USD
Cropenergies 5,40 5,28 6,59/4,13 – 0,15
Curanum 2,10 2,05 2,84/1,91 – –
D
DAB Bank 3,05 3,00 4,95/2,81 – 0,20
Danaher Corp. 32,79 32,13 38,49/27,79 45,08 0,10 USD
Data Modul 12,22 12,23 15,77/10,38 – 0,40
Deag 2,11 2,07 3,58/2,05 – –
Deere 50,68 51,19 71,07/45,63 70,45 1,64 USD
Demag Cranes 57,24 57,00 60,30/32,81 – 0,60
Deufol 1,12 1,11 1,78/1,00 – 0,03
Devon Energy 44,57 43,28 66,02/40,50 62,76 0,68 USD
DF Dt. Forfait 3,76 3,90 6,17/3,76 – 0,15
Dr. Hönle 9,95 10,01 13,62/6,92 – 0,30
Drägerwerk 58,00 58,50 69,84/46,50 – 1,13
Dt. Postbank 20,25 20,27 25,13/19,92 – –
Dyckerhoff 28,56 28,99 41,00/28,14 – 0,50
Dyckerhoff Vz. 28,57 28,09 40,20/27,85 – 0,50
E
Eckert & Ziegler 25,18 24,51 31,30/22,45 – 0,60
Ecotel Comm. 4,27 4,38 7,15/3,01 – –
EDF 22,81 22,63 33,94/18,77 22,87 1,15
Einhell Germany 32,97 32,35 43,25/29,91 – 0,80
Electronics Line 1,09 1,06 1,30/0,50 – 0,00
Elexis 20,50 20,50 20,65/11,40 – 0,37
Eli Lilly 27,93 27,54 28,35/24,27 38,84 1,96 USD
Elmos Semicon. 7,03 6,74 12,04/6,11 – 0,20
Endesa 17,43 17,29 23,93/15,81 17,34 1,02
Envitec Biogas 9,15 9,19 11,47/8,90 – –
Epigenomics 3,96 3,95 11,40/3,30 – –
Erste Bank 15,86 15,67 39,30/15,67 15,72 0,70
Essanelle Hair 9,37 9,26 10,99/7,69 – 0,50
Estavis 1,93 1,98 2,51/1,73 – –
Euromicron 19,23 19,20 23,48/17,29 – 1,10
Evergreen Solar 0,03 0,03 4,50/0,02 0,03 – USD
Exceet Group 6,45 6,65 10,25/6,65 – –
F
Fabasoft 2,75 2,74 4,98/2,40 – 0,00
Fair Val. Reit 4,24 3,90 5,00/3,80 – 0,10
Fiat 4,77 4,79 8,10/3,62 4,68 0,09
Fiat Industr. 5,79 5,77 10,61/2,27 – –
First Sensor 10,45 10,00 11,04/7,70 – –
Forsys Metals 0,40 0,46 2,50/0,34 0,58 – CAD
Fortec Elektr. 8,80 8,77 9,85/7,14 – 0,30
Fortum 17,71 17,68 24,16/16,40 17,78 1,00
Francotyp-Post. 2,75 2,87 3,90/2,40 – –
Freeport-McM. 26,10 24,53 47,14/22,61 36,00 1,00 USD
Fres.Med.C.Vz 41,78 42,70 45,00/34,00 – 0,67
Fuchs Petrol. 33,43 33,09 37,10/27,50 – 0,88
Fujitsu 3,68 3,77 5,40/3,29 729,0 10,00JPY
Funkwerk 4,20 4,33 8,95/3,30 – –
G
Gamesa 3,61 3,74 7,50/2,99 3,57 0,05
Schluss Börse Frankfurt 52-Wochen Heimatbörse W
19.10. 18.10. Hoch / Tief Div.
Gas Natural 13,01 12,95 14,89/10,33 13,10 0,81
Gazprom ADR 7,64 7,60 12,10/6,67 52,65 0,27 USD
Gen. Dynamics 44,96 44,14 57,67/39,75 63,22 1,88 USD
General Motors 16,88 17,00 30,07/14,94 23,28 – USD
Geratherm 5,64 5,66 8,85/5,52 – 0,40
GFT Techn. 3,40 3,22 4,91/2,85 – 0,15
Givaudan 613,38 618,36 813/575 750,0 21,50CHF
GK Software 36,11 35,25 52,95/33,00 – 0,50
Glencore 4,63 4,71 6,13/3,99 409,0 – GBp
Gold Fields 11,19 11,12 13,72/9,60 1.25t 1,20 ZAR
Goodyear 8,83 8,96 12,97/6,62 12,22 – USD
Graphit Krpfm. 20,74 19,45 24,98/15,24 – –
GWB Immobilien 0,76 0,79 1,52/0,71 – –
H
Hang Lung 2,45 2,43 3,65/2,00 26,30 0,71 HKD
Harley Davidson 24,98 24,70 32,30/21,78 34,47 0,50 USD
Harmony Gold 8,72 8,78 10,93/7,80 9.73t 0,50 ZAR
HCI Capital 1,00 1,03 3,50/0,97 – –
Headwaters 1,13 1,03 4,40/0,84 1,54 – USD
Heineken 34,47 33,88 42,93/32,19 34,49 0,80
Heinz 37,85 37,42 38,66/33,80 52,81 1,92 USD
Heliad 2,35 2,20 4,19/1,90 – –
Henkel 35,06 35,39 41,06/30,73 – 0,70
Heritage Oil 2,55 2,58 5,83/2,07 3,32 – CAD
Höft & Wessel 2,65 2,60 4,29/2,33 – 0,10
Holcim 42,27 42,79 59,54/35,00 53,20 1,50 CHF
Homag 8,60 8,65 18,00/5,15 – 0,30
Honda Motor 22,21 22,26 32,56/20,94 3.31t 60,00JPY
Hongkong Ex. 10,86 10,83 18,63/9,80 117,0 4,47 HKD
Hornb.-Baum. 24,00 24,21 28,15/22,00 – 0,50
Hutchison – 6,30 9,28/5,21 68,95 1,96 HKD
Hypoport – 7,70 12,00/7,50 – –
Hyundai GDR 21,72 21,23 25,12/17,15 2.21t 1.50t KRW
I
IBS 4,09 4,09 4,74/3,83 – 0,15
ICBC 0,39 0,39 0,63/0,34 4,18 0,18 CNY
ICICI Bank 26,70 26,20 41,18/23,66 905,0 14,00INR
Identive 1,64 1,59 3,92/1,00 2,24 – USD
IFM Immobilien 7,82 7,90 10,55/7,62 – –
Impala Platinum 15,25 15,61 26,83/14,00 1.72t 3,90 ZAR
Infosys ADR – 40,00 59,41/32,70 2.72t 35,00INR
Init Innovation 16,61 16,80 19,85/13,40 – 0,60
Integralis 5,73 5,86 8,92/5,14 – –
Intercell 2,07 2,03 17,66/1,69 2,10 0,00
Intershop konv. 2,47 2,43 3,47/1,63 – –
Intica 4,32 4,32 5,40/3,40 – –
Invision Softw. 11,23 11,30 23,86/11,30 – –
Isra Vision 15,90 15,79 20,35/14,57 – 0,20
Itelligence 6,03 6,21 7,45/5,73 – 0,14
ITN Nanovation 3,12 3,22 6,46/2,74 – –
IVU Traffic Tech. 1,11 1,12 1,82/1,02 – –
J
Jaxx 1,23 1,24 1,83/1,03 – –
JDS Uniphase 7,69 7,39 20,90/6,72 10,61 – USD
Jetter 6,38 6,39 9,42/5,42 – –
JK Wohnbau 6,99 6,98 8,90/6,92 – –
Joyou 7,66 7,96 14,83/7,96 – –
Jubii Europe 0,06 0,06 0,08/0,05 – 0,00
Jul. Baer – 26,71 35,46/23,33 34,77 0,60 CHF
Juniper Netw. 15,39 15,33 32,71/12,71 21,03 – USD
K
KHD Humb. Wed. 4,41 4,26 8,25/4,25 – –
Komatsu – 16,54 24,70/14,24 1.76t 42,00JPY
KPN 9,90 9,97 12,26/9,00 9,89 0,81
Kromi Logistik 7,01 7,40 9,50/6,65 – 0,15
Kyocera – 67,00 79,62/61,00 8.50t 130,0JPY
L
Lafarge 28,46 27,82 48,42/23,26 27,95 1,00
LDK Solar 2,35 2,26 10,66/2,18 3,14 – USD
Leifheit 16,52 16,57 26,88/16,21 – 3,00
Lloyd Fonds 1,04 1,05 3,75/0,87 – –
Lloyds Bank 0,38 0,38 0,83/0,32 33,15 – GBp
Loewe 3,32 3,25 7,37/3,20 – –
Logitech 5,93 5,88 15,94/5,60 7,11 – CHF
Logwin 1,05 1,10 1,54/0,97 – –
Lonza Group 45,34 45,42 66,10/40,93 56,35 2,15 CHF
Lowe’s Corp. 15,39 15,10 20,05/12,84 21,34 0,56 USD
LPKF Las.&El. 9,93 9,94 14,75/8,40 – 0,40
Ludwig Beck 18,64 18,79 20,85/15,27 – 0,35
Lukoil ADR 39,97 40,20 53,72/35,59 55,20 2,04 USD
M
Magix 5,76 5,75 9,72/4,47 – 0,88
Man Group 1,89 1,80 3,81/1,72 158,0 13,42GBp
MAN Vz 41,60 41,94 69,92/37,70 – 2,00
Manz Autom. 22,25 22,48 54,96/20,00 – –
Marseille-Kl. 2,01 1,94 2,88/1,35 – –
Mastercard 244,35 243,00 264/164 338,0 0,60 USD
Masterflex 5,15 4,85 6,80/3,39 – 0,00
Mattel 19,64 19,93 20,59/15,80 27,37 0,92 USD
MBB Industries 5,92 5,90 7,10/5,00 – 0,33
Mediaset 2,51 2,50 5,37/2,13 2,56 0,35
MediClin 3,89 3,81 4,41/3,61 – 0,05
Medigene 0,97 0,97 2,76/0,92 – –
Mediobanca 5,97 5,87 8,03/5,35 6,11 0,17
Medion 15,16 15,00 15,17/9,20 – 0,23
MetLife 23,38 22,65 35,61/20,00 32,25 0,74 USD
Metro Vz 24,86 24,61 39,24/22,99 – 1,49
Metso Corp 25,01 25,12 43,05/20,02 – 1,55
Mevis Med. Sol. – 3,45 18,25/2,80 – –
Michelin 50,10 50,71 67,89/42,30 49,49 1,78
Mitsubishi Fin. – 3,15 4,30/2,96 1.02t 12,00JPY
Mobile Teles 9,91 9,97 16,63/8,77 181,0 14,54RUR
Mobotix 63,85 66,00 68,30/37,16 – 1,50
Moduslink 2,91 2,86 5,30/2,41 4,01 – USD
Mol Magyar 56,94 57,39 96,59/48,54 1.71t 0,00 HUF
Mologen – 7,05 9,00/6,75 – –
Monsanto 52,77 53,56 56,73/40,49 73,04 1,20 USD
Mood and M. 0,36 0,37 1,11/0,37 – –
Moody’s 23,19 22,82 28,92/18,67 32,58 0,56 USD
Mosenergo ADR 4,40 4,35 8,45/4,05 6,00 0,04 USD
Motorola Sol. 32,93 32,34 33,20/21,98 45,00 – USD
MPC Capital 1,96 1,95 6,46/1,77 – –
Mühlbauer 27,50 28,15 48,80/22,30 – 1,30
MWB Fairtrade 1,40 1,40 2,25/1,38 – –
N
Nemetschek 26,00 25,61 35,60/22,00 – 1,00
Newcrest Mining 26,45 26,80 31,77/22,95 35,75 0,25 AUD
Newmont Mining 45,82 46,74 52,00/35,65 63,58 1,20 USD
Nexus 6,43 6,25 7,34/3,50 – –
Nike 66,94 65,63 69,50/53,40 91,86 1,24 USD
Nikon – 16,35 18,15/12,80 2.76t 34,00JPY
Nintendo 113,76 114,12 226/102 4.86t 100,0JPY
Nippon Steel 2,08 2,05 2,86/1,94 623,0 3,00 JPY
Nobel Biocare 7,40 7,58 15,53/6,45 9,14 0,35 CHF
Nomura Holding 2,69 2,80 5,13/2,58 1.60t 8,00 JPY
Nordea – 6,38 8,93/5,58 6,94 – SEK
Norilsk.N ADR 15,21 15,60 19,70/13,20 21,05 0,62 USD
Norsk Hydro 3,65 3,56 6,19/3,17 28,06 0,75 NOK
Novatek GDR 90,75 89,77 115/61,48 – 0,87 USD
Novavisions – 0,09 0,20/0,09 – –
November 0,35 0,40 0,87/0,35 – –
Novo Nordisk 70,41 71,53 92,76/68,12 523,0 10,00DKK
NYSE Euronext 19,35 19,80 29,10/17,06 26,99 1,20 USD
O
OHB 11,50 11,50 17,14/8,94 – 0,30
OMV 25,13 24,74 34,75/21,69 25,34 1,00
Orad HiTec 2,35 2,35 2,85/2,12 – 0,26
Orco Germany 0,70 0,70 1,22/0,42 – –
Orkla 6,16 6,22 7,58/5,35 48,18 7,50 NOK
OTP Bank 11,27 11,48 24,07/9,83 3.47t 73,09HUF
OVB Holding 14,50 13,53 26,49/12,85 – 0,50
P
P & I 26,55 26,53 30,80/23,96 – 0,04
Paion 1,54 1,52 2,78/1,32 – –
Paragon 6,92 7,09 13,70/3,90 – –
Parmalat 1,65 1,63 2,63/1,48 1,64 0,04
Paychex 20,51 20,25 24,97/17,75 28,49 1,28 USD
Pernod-Ricard 64,24 62,89 72,38/57,25 64,60 1,44
Petrobras 16,05 16,14 25,82/14,89 22,28 1,24 USD
Petrochina 0,90 0,90 1,10/0,82 9,70 0,42 HKD
Petrotec 0,90 0,83 1,90/0,66 – –
Peugeot 16,55 16,83 33,04/14,77 16,55 1,10
Schluss Börse Frankfurt 52-Wochen Heimatbörse W
19.10. 18.10. Hoch / Tief Div.
Pfleiderer 0,39 0,39 3,74/0,39 – –
Phoenix Solar 4,93 5,44 28,41/5,44 – 0,35
Pirelli 6,44 6,43 7,62/4,89 – –
PNE Wind 1,60 1,61 2,61/1,40 – 0,04
Polis Immob. 9,29 9,21 10,95/7,58 – –
Polyus Z. ADR 21,60 21,50 28,88/18,10 29,89 0,20 USD
Porsche Vz 38,70 39,30 75,25/32,26 – 0,50
Portugal Telecom 5,23 5,22 10,74/5,17 5,25 2,30
Posco ADR 59,12 57,74 87,00/54,28 3.72t 1.00t KRW
PostNL 3,26 3,33 20,78/3,10 – 0,50
Potash Sask. 35,50 35,75 47,09/30,90 49,33 0,28 USD
Powerland 9,95 9,90 16,60/8,75 – –
PPR 105,80 105,34 132/92,94 103,0 3,50
Priceline.com 354,22 354,62 401/248 485,0 – USD
Princess Private 5,86 5,84 6,90/5,07 – –
Procon Multim. 1,36 1,39 1,93/1,39 – –
Progress 32,52 32,52 47,50/30,01 – 1,00
Pulsion 5,77 5,75 6,14/3,87 – –
PVA Tepla 3,37 3,35 4,70/3,31 – 0,15
R
R.Stahl 20,30 20,29 32,00/18,93 – 0,70
Raiffeisen Int. 21,85 22,03 44,89/19,20 21,86 1,05
Rambus 12,14 11,80 16,30/7,14 16,72 – USD
Randstad 25,70 25,47 43,04/19,78 26,04 1,18
Realtech 5,76 5,61 11,39/4,76 – –
Reckitt Benckiser 38,39 38,28 43,51/34,81 3.30t 120,0GBp
Red Hat 33,65 33,30 36,83/21,99 46,00 – USD
Reed Elsevier 8,61 8,53 10,27/7,45 8,58 0,41
Reliance GDR 24,30 23,97 36,77/21,77 842,0 8,00 INR
Renault 26,44 26,17 49,43/22,51 26,55 0,30
Renewable Energy 0,61 0,62 2,82/0,58 4,72 – NOK
Reply Deutl. 9,53 9,38 9,80/8,80 – 0,45
Repower Syst. 142,05 142,95 157/109 – 1,50
RHI 15,39 15,25 29,86/13,60 15,24 0,50
RIB Software 4,30 4,25 9,05/3,47 – –
Richemont 38,19 37,61 47,76/33,21 47,00 0,45 CHF
Richter Gedeon 122,37 119,98 173/98,54 3.61t 860,0HUF
Roche Inh. 121,49 121,56 132/102 150,0 0,70 CHF
Rofin Sinar 16,94 16,61 29,60/14,17 – –
Rosneft ADR 4,60 4,51 6,94/4,01 – 0,10 USD
Rostelecom ADR 19,95 19,70 32,55/18,40 28,60 0,22 USD
Roth & Rau 22,08 22,21 24,20/10,90 – –
Royal Bank Scot. 0,28 0,28 0,59/0,23 24,50 – GBp
Rücker 9,55 9,73 15,35/9,00 – 0,45
RWE Vz 27,25 26,51 52,39/20,50 – 3,50
S
SAG Solarstrom 3,00 3,03 5,18/2,94 – 0,13
Saipem 30,47 29,22 38,64/23,51 30,12 0,63
Samsung El. 282,73 278,92 330/220 – 5.50t KRW
Samsung El. Vz 189,76 186,66 228/155 – 5.55t KRW
Sandvik 8,83 8,96 15,19/7,82 81,50 3,00 SEK
Sartorius 29,32 29,27 38,66/21,32 – 0,60
Sartorius Vz 30,49 30,15 38,04/17,82 – 0,62
Sasol 32,25 31,55 42,06/29,47 3.53t 1,05 ZAR
Sberbank ADR 7,60 7,23 13,60/5,79 10,43 3,29 USD
SBM Offshore 15,09 14,92 20,78/12,16 15,21 0,51
Scania 11,13 10,74 17,62/9,74 102,0 – SEK
Schuler 8,61 8,45 12,75/3,93 – –
SEB 4,21 4,16 6,76/3,49 38,42 1,50 SEK
Secunet 10,25 10,50 12,41/8,59 – –
Securitas 5,97 5,92 8,97/5,00 54,65 3,00 SEK
Sedo Holding 2,51 2,45 4,50/2,19 – –
Severstal GDR 8,94 8,91 14,95/7,38 – 0,13 USD
SFC 4,00 4,00 5,30/3,70 – –
Sharp – 6,47 8,50/5,34 2.02t 14,00JPY
SHS Viveon 10,45 10,15 15,95/7,90 – –
SHW 22,34 22,00 25,90/21,70 – –
SinnerSchrader 2,28 2,22 2,68/1,80 – 0,08
Sixt Vz 13,24 13,14 15,73/10,27 – 0,71
Smartrac 10,76 10,82 20,05/10,80 – 0,45
SMT Scharf 18,46 18,45 22,94/13,41 – 0,85
Softbank 22,21 23,21 29,91/20,76 – 10,00
Softing 4,02 4,05 4,84/2,26 – 0,11
Solar Fabrik 2,33 2,40 6,32/2,15 – –
Solon 1,28 1,30 6,40/1,24 – –
Sony 14,80 15,17 28,24/13,65 4.71t 25,00JPY
South. Copper 20,27 19,87 37,31/18,01 28,06 2,19 USD
State Bk of India 57,62 57,36 112/56,16 1.91t 30,00INR
Statoil 17,79 18,00 20,65/14,34 138,0 6,25 NOK
STMicroelectron 5,34 5,26 9,63/4,00 5,17 0,29
Stryker 35,80 35,54 46,53/30,96 49,88 0,72 USD
Suez Env. 11,60 11,33 15,95/10,12 11,62 0,65
Sunpower 6,71 6,61 15,94/5,21 9,40 – USD
Suntech Power 1,57 1,56 7,81/1,51 2,13 – USD
Sunways 1,98 2,05 5,80/1,82 – –
Surgutn. ADR 5,83 5,70 9,11/5,28 7,95 0,17 USD
Surteco 21,36 20,75 31,89/17,43 – 0,90
Svenska Hdlsbk. 19,68 19,05 24,97/16,39 181,0 9,00 SEK
Swatch Group 272,70 280,06 382/245 350,0 5,00 CHF
Swiss Life 84,48 82,53 125/73,23 106,0 – CHF
Swiss Re 37,48 37,14 45,76/30,76 46,45 2,75 CHF
Swisscom 295,66 296,36 344/291 367,0 21,00CHF
Sygnis Pharma 1,78 1,75 2,99/1,50 – –
Syngenta 213,08 212,80 245/188 266,0 7,00 CHF
Synthes 118,67 117,74 128/84,62 147,0 1,80 CHF
Systaic 0,02 0,02 0,71/0,01 – –
Syzygy 3,32 3,30 4,08/3,07 – 0,20
T
Takeda Pharma – 34,00 37,37/31,23 6.31t 180,0JPY
Tata Motors ADR 13,67 13,39 27,90/10,56 187,0 4,00 INR
Tatneft GDR 19,88 19,90 33,84/17,40 28,00 1,03 USD
Technotrans 4,56 4,65 7,76/4,06 – –
Telegate 5,74 5,76 9,34/5,35 – 0,50
Telekom Austria 8,08 8,17 11,31/6,94 8,14 0,75
Telenor – 11,66 12,39/10,44 90,50 3,80 NOK
Teleplan 1,88 1,90 2,51/1,73 – 0,93
Teles 0,27 0,31 0,65/0,26 – 0,00
Teliasonera 5,00 5,03 6,28/4,44 45,75 2,75 SEK
Thomps.Creek 5,04 4,85 11,77/4,35 7,01 – CAD
Thomson Reuters 20,11 20,04 30,72/19,91 28,32 1,24 CAD
Tognum 26,03 26,03 26,70/17,10 – 0,50
Tomorrow Foc. 3,81 3,79 5,43/3,17 – 0,05
Tomra Systems 5,15 4,93 6,61/3,96 39,10 0,60 NOK
TomTom 3,04 2,90 7,95/2,55 3,05 –
Toshiba 3,17 3,18 4,95/2,76 761,0 7,00 JPY
Toyota Motor 24,55 24,60 34,66/23,90 5.78t 50,00JPY
Travel24.com 8,30 8,68 16,50/7,38 – –
U
UMS Internat. 5,78 5,88 9,83/5,67 – 0,50
Unipetrol 6,84 6,86 8,12/6,75 172,0 0,00 CZK
United Labels 3,39 3,34 5,80/2,81 – 0,15
United Power 5,00 5,13 8,76/3,83 – –
UPM Kymmene 8,21 8,22 15,67/7,83 8,14 0,55
UPS 49,78 49,91 56,55/42,66 69,18 2,08 USD
Uranium One 1,70 1,70 4,98/1,38 2,37 – CAD
USU Soft.konv. 4,28 4,23 5,41/3,53 – 0,20
V
Vale 16,00 16,00 26,80/15,30 38,33 – BRL
Vallourec 45,03 46,04 87,50/38,66 44,26 1,30
VBH 3,84 3,87 5,06/3,70 – 0,06
Veolia Envir. 10,83 10,72 24,23/9,64 10,92 1,21
Verbio 2,63 2,71 4,90/2,21 – –
Versatel 6,85 6,85 8,20/3,78 – –
Vestas Wind 12,11 12,15 31,50/11,23 89,70 – DKK
Villeroy & Boch 6,26 6,22 7,75/4,35 – 0,33
Visa 67,36 66,22 67,80/50,50 93,46 0,60 USD
Vita 34 3,24 3,45 5,40/3,26 – –
Vizrt 2,70 2,43 3,28/2,19 – –
VMware 69,30 63,69 74,88/53,25 96,16 – USD
Voestalpine 22,97 22,80 39,09/20,01 22,54 0,80
Volkswagen 102,18 102,00 137/80,42 – 2,20
Volvo B 8,35 8,17 13,29/6,98 74,85 2,50 SEK
VTB Bank GDR 3,04 3,04 5,66/2,79 – 0,04 USD
Vtion Wireless 2,75 2,67 11,48/2,28 – 0,21
W
WashTec 8,75 8,80 11,70/8,00 – 0,31
Westag & Get. 16,55 16,65 21,92/15,43 – 0,94
Westag & Get. Vz 17,76 17,56 22,32/15,55 – 1,00
Wienerberger 8,63 8,72 16,25/7,98 8,62 0,10
Wilex 3,30 3,36 5,32/3,02 – –
Wizcom techs 0,22 0,20 0,44/0,19 – –
X Y Z
Xstrata 10,76 10,65 18,75/9,02 927,0 20,40GBp
Yara 32,36 32,30 44,83/26,12 247,0 5,50 NOK
Yingli Green ADR 2,67 2,67 9,70/2,25 3,69 – USD
Yoc 19,05 18,00 41,45/16,89 – –
Youbish. Gr. Paper 6,07 6,06 6,58/6,01 – –
Youniq 6,31 6,43 14,50/6,05 – –
Zhongde 6,61 6,80 13,51/6,18 – 0,15
Stoxx 50 / Euro Stoxx 50 (ohne Dax-Werte)
17:58 Heimatboerse Tages- 52-Wochen KGV Markt- Frankfurt
Div. W 19.10. 18.10. Veränderung in Prozent Hoch / Tief 2011 Wert 19.10. 18.10.
Euro Stoxx 50 – 2327,91 2306,81 +0,91 3068/1995 – – – –
Stoxx 50 – 2255,98 2243,16 +0,57 2769/2028 – – – –
ABB 0,60 CHF 16,93 17,16 -1,34 23,88/15,00 11 31,65 13,71 13,82
Air Liquide 2,35 91,21 91,74 -0,58 100,00/83,83 17 26,01 91,68 91,94
Anglo American 40,50 GBp 2,27t 2,27t +0,04 3,43t/2,00t 6 34,64 26,18 26,41
Anh.-Busch Inb. 0,80 39,70 39,46 +0,61 45,75/35,15 11 63,97 39,84 39,71
Arcelor-Mittal 0,57 13,58 13,54 +0,33 29,27/11,22 7 21,19 13,58 13,57
Astrazeneca 162,0 GBp 2,98t 2,97t +0,32 3,33t/2,54t 6 45,63 34,33 33,94
Axa 0,69 10,80 10,39 +3,95 16,11/8,16 6 24,98 10,77 10,44
Banco Bilbao (BBVA) 0,42 6,45 6,31 +2,28 9,99/5,14 7 31,60 6,44 6,25
Banco Santander 0,60 6,15 6,07 +1,33 9,63/5,26 7 51,95 6,16 6,04
Barclays 5,50 GBp 179,45 175,10 +2,48 333,55/25,00 6 25,13 2,06 2,00
BG Group 13,66 GBp 1,35t 1,35t +0,44 2,49t/1,14t 17 54,32 16,01 15,65
BHP Billiton 87,00 GBp 1,89t 1,89t +0,08 2,63t/1,66t 6 45,85 21,71 21,95
BNP Paribas 2,10 31,78 29,94 +6,15 58,97/23,06 5 38,53 31,91 29,89
BP 4,34 GBp 436,95 430,90 +1,40 509,00/363,20 6 93,87 4,95 5,01
Brit.Amer. Tobacco 114,0 GBp 2,80t 2,77t +0,76 2,87t/2,28t 14 63,64 32,25 32,18
Carrefour 1,08 17,02 16,74 +1,67 38,96/15,07 11 11,47 16,89 16,76
Crédit Suisse 1,30 CHF 23,80 23,66 +0,59 44,99/19,79 8 22,65 19,10 19,12
CRH Plc 0,63 13,44 12,95 +3,78 17,00/10,50 16 9,25 12,91 12,70
Danone 1,30 46,70 46,40 +0,65 52,72/42,34 16 30,31 46,71 46,38
Diageo 38,10 GBp 1,33t 1,28t +3,98 1,30t/1,11t 15 38,05 15,21 14,62
Enel 0,25 3,46 3,41 +1,64 4,83/2,90 7 32,54 3,46 3,38
ENI 1,00 15,72 15,45 +1,75 18,42/12,17 7 62,76 15,67 15,51
Ericsson 2,25 SEK 65,50 68,50 -4,38 96,25/62,80 11 21,56 7,16 7,48
France Télécom 1,40 12,94 12,91 +0,27 17,36/11,39 8 34,06 12,86 13,03
GDF Suez 1,50 21,82 21,76 +0,28 29,94/19,18 12 49,57 22,02 21,86
Generali 0,45 12,90 12,65 +1,98 16,99/10,65 10 19,93 12,80 12,43
Glaxosmithkline 65,00 GBp 1,37t 1,36t +0,69 6,59t/1,12t 12 79,64 15,73 15,60
Hennes&Mauritz 16,00 SEK 209,20 208,00 +0,58 244,50/180,00 22 33,49 22,93 22,67
HSBC Holding 0,36 GBp 524,94 520,20 +0,91 730,90/473,55 9 106,24 5,95 5,94
Iberdrola 0,33 5,23 5,19 +0,81 6,47/4,42 10 30,75 5,23 5,21
Inditex 1,60 65,50 66,38 -1,33 67,58/51,25 21 41,21 66,11 67,27
ING – 6,24 5,99 +4,09 9,41/4,49 4 23,76 6,20 5,99
Intesa San Paolo 0,08 1,34 1,24 +7,32 2,68/0,87 8 20,60 1,33 1,26
L’Oreal 1,80 79,61 78,63 +1,25 90,22/71,22 19 47,32 78,73 78,73
LVMH 2,10 113,00 114,00 -0,88 130,55/97,79 18 57,37 112,88 114,20
National Grid 36,60 GBp 636,50 639,00 -0,39 649,50/530,00 13 26,14 7,34 7,31
Nestlé 1,85 CHF 51,55 51,50 +0,10 56,60/45,35 17 143,45 41,40 41,86
Nokia 0,40 4,48 4,40 +1,82 8,40/3,42 25 16,65 4,45 4,42
Novartis 2,20 CHF 51,55 51,50 +0,10 57,30/39,99 9 114,36 41,65 41,60
Philips 0,75 14,90 14,67 +1,57 25,34/12,23 12 15,02 14,89 14,74
Repsol 1,05 21,62 21,62 - 24,79/17,73 11 26,46 21,68 21,50
Rio Tinto 67,35 GBp 3,15t 3,16t -0,28 2,29t/2,71t 5 52,49 35,95 36,84
Roche Hold. Gen. 6,60 CHF 142,30 142,60 -0,21 150,50/117,00 11 80,87 115,10 114,78
Roy. Dutch Shell 1,25 25,46 25,01 +1,78 26,60/21,60 6 92,71 25,46 24,90
Saint Gobain 1,15 33,02 33,35 -0,97 47,16/27,03 10 17,61 32,88 33,45
Sanofi-Aventis 2,50 50,24 50,19 +0,10 56,26/44,19 8 67,69 50,20 49,86
Schneider Electric 3,20 44,62 44,89 -0,61 61,60/37,59 11 24,38 44,42 44,19
Societe Generale 1,75 19,45 19,24 +1,09 52,04/15,31 4 15,15 19,52 19,31
Standard Chartered 42,99 GBp 1,40t 1,39t +1,37 1,95t/300,00 11 37,63 15,82 16,12
Telecom Italia 0,06 0,89 0,88 +1,13 1,14/0,73 7 11,99 0,89 0,88
Telefonica 1,30 15,10 15,02 +0,50 19,60/12,69 9 68,51 15,01 15,06
Tesco 14,38 GBp 403,55 404,70 -0,28 439,00/356,25 11 37,59 4,69 4,71
Total 2,28 37,51 37,07 +1,20 44,41/30,38 7 88,66 37,59 37,20
UBS – CHF 10,74 10,50 +2,29 18,93/9,66 10 33,18 8,66 8,61
Unibail 5,30 144,40 143,30 +0,77 161,45/126,90 17 12,99 141,30 145,50
Unicredit 0,03 0,96 0,91 +5,20 2,00/0,65 7 18,43 0,96 0,92
Unilever NV 0,83 24,34 24,30 +0,14 24,62/21,00 15 37,28 24,28 24,36
Vinci 1,67 34,83 34,75 +0,24 45,10/30,58 10 19,48 34,52 34,36
Vivendi 1,40 16,02 16,15 -0,81 21,94/14,70 7 19,83 15,90 16,22
Vodafone 8,90 GBp 173,00 172,45 +0,32 182,75/155,05 11 101,24 2,00 1,97
Zurich Fin. 17,00 CHF 200,40 196,40 +2,04 274,50/144,90 8 23,63 161,15 158,42
Dow Jones
17:58 New York(in USD) Tages- 52-Wochen KGV Markt- Frankfurt
Div. 19.10. 18.10. Veränderung in Prozent Hoch / Tief 2011 Wert 19.10. 18.10.
Dow Jones – 11602,9411577,05 +0,22 12811/10655 – – – –
3 M 2,20 78,59 78,36 +0,29 97,97/70,93 13 55,76 56,26 56,14
Alcoa 0,12 10,06 10,14 -0,79 18,13/8,90 9 10,71 7,26 7,18
American Express 0,72 46,39 46,68 -0,62 53,59/39,03 12 55,38 33,81 32,95
AT & T 1,72 29,29 29,21 +0,27 31,86/27,33 12 173,57 21,00 21,19
Bank of America 0,04 6,75 6,64 +1,69 15,25/5,53 – 68,43 4,88 4,70
Boeing 1,68 63,77 63,47 +0,47 79,95/57,41 15 47,26 45,79 44,66
Caterpillar 1,84 84,72 84,72 - 115/70,55 13 54,73 61,75 61,75
Chevron 3,12 103,66 102,95 +0,69 110/80,97 8 207,63 75,34 73,62
Cisco Systems 0,24 17,39 17,51 -0,69 24,51/13,73 10 93,61 12,62 12,57
Coca-Cola 1,88 67,70 66,74 +1,44 71,23/61,01 18 155,44 49,12 48,72
Du Pont 1,64 44,40 44,98 -1,29 56,79/38,49 11 41,40 31,80 31,62
Exxon Mobil 1,88 79,15 78,89 +0,33 87,98/65,67 9 384,84 57,23 57,00
General Electric 0,60 16,82 16,71 +0,66 21,52/14,69 12 178,30 12,19 12,07
Hewlett-Packard 0,48 25,25 25,61 -1,41 48,99/22,20 5 50,17 18,15 18,11
Home Depot 1,00 35,73 35,95 -0,61 38,48/28,51 15 55,89 26,00 25,06
IBM 3,00 179,09 178,90 +0,10 191/139 13 213,88 129,88 129,43
Intel 0,84 24,35 23,40 +4,04 23,88/19,19 10 127,84 17,58 16,96
Johnson&Johnson 2,28 63,43 64,42 -1,54 67,92/57,66 13 173,82 46,00 46,49
JP Morgan Chase 1,00 33,27 32,87 +1,22 48,00/28,65 7 129,72 24,09 23,28
Kraft Foods 1,16 35,23 35,24 -0,03 35,93/30,19 16 62,22 25,51 25,49
McDonald’s 2,80 90,47 89,64 +0,93 90,79/72,67 17 93,34 65,55 64,78
Merck & Co. 1,52 32,87 32,79 +0,24 37,58/29,81 9 101,27 23,69 23,71
Microsoft 0,80 27,38 27,31 +0,24 28,87/23,71 10 231,02 19,75 19,73
Pfizer 0,80 18,95 18,97 -0,11 21,45/16,30 8 147,85 13,72 13,70
Procter & Gamble 2,10 65,20 64,92 +0,43 67,46/58,51 15 179,17 47,25 47,23
Travelers Cos. 1,64 54,26 51,46 +5,44 64,05/46,80 14 22,72 37,92 35,63
United Tech 1,92 74,06 74,12 -0,08 91,39/67,44 14 67,30 52,62 53,80
Verizon Comm. 2,00 37,31 37,24 +0,19 38,61/31,90 17 105,61 26,85 26,90
Wal-Mart 1,46 56,28 55,89 +0,70 57,57/48,41 13 193,98 40,80 39,96
Walt Disney 0,40 34,25 33,94 +0,91 44,07/29,00 14 63,57 24,70 24,25
weitere US-Aktien
17:58 New York(in USD) Tages- 52-Wochen KGV Markt- Frankfurt
Div. 19.10. 18.10. Veränderung in Prozent Hoch / Tief 2011 Wert 19.10. 18.10.
Nasdaq – 2646,36 2657,43 -0,42 2874/2336 – – – –
Adobe Systems – 26,45 26,76 -1,16 35,86/22,69 12 13,06 19,10 19,05
Amazon – 237,45 243,88 -2,64 247/158 121 107,79 171,96 174,28
Apollo Group – 47,50 43,33 +9,62 53,86/34,00 10 6,52 33,96 30,40
Applied Mats 0,32 11,62 11,66 -0,39 16,85/9,85 9 15,30 8,43 8,26
Baidu – 133,29 132,37 +0,70 164/96,53 46 36,12 96,62 95,00
Biogen Idec – 102,26 102,64 -0,37 109/58,31 17 24,80 75,00 73,76
Celgene – 65,85 65,87 -0,03 66,36/49,50 18 30,21 47,49 47,03
Citrix Sys. – 65,92 64,50 +2,20 87,62/50,31 28 12,41 47,93 45,50
Comcast 0,45 23,87 23,78 +0,38 26,68/19,38 15 49,88 17,19 16,98
Dell – 16,27 16,37 -0,64 17,52/13,15 8 29,67 12,00 11,57
EBay – 34,15 33,87 +0,83 34,69/25,66 17 44,01 24,90 24,33
Electronic Arts – 24,18 24,51 -1,35 25,05/14,85 27 7,98 17,79 17,46
First Solar – 53,59 55,91 -4,14 171/52,96 6 4,63 38,76 39,84
Garmin 1,50 34,54 34,64 -0,29 35,31/28,52 17 6,70 24,91 24,60
Gilead Sciences – 41,14 40,76 +0,93 43,21/35,34 10 31,74 29,57 29,19
Intuitive Surgical – 422,59 382,76 +10,41 414/248 37 16,52 300,79 282,04
Joy Global 0,70 78,90 79,85 -1,19 102/60,49 13 8,27 57,32 54,87
Microchip Tech. 1,39 33,55 33,71 -0,47 41,33/29,60 16 6,39 24,19 24,16
Network Appl. – 38,69 39,45 -1,94 60,60/33,64 16 14,25 28,37 27,40
Nvidia – 15,61 15,48 +0,83 25,68/11,09 16 9,42 11,39 11,15
Priceline.com – 484,97 493,21 -1,67 556/344 21 24,14 354,22 354,62
Qualcomm 0,86 53,39 54,56 -2,14 59,58/43,94 17 89,68 39,18 38,96
Research in Motion – 22,80 23,21 -1,76 69,86/20,30 5 11,95 16,59 16,40
Sandisk – 45,86 46,91 -2,24 53,24/32,37 10 10,97 33,25 33,44
Starbucks 0,52 41,79 42,45 -1,55 42,45/27,29 27 31,18 30,52 30,51
Symantec – 18,09 18,14 -0,28 20,42/15,42 11 13,40 13,20 12,73
Tellabs 0,08 4,35 4,36 -0,34 8,06/3,69 – 1,59 3,12 3,05
Teva Pharm. 0,87 39,40 39,45 -0,13 56,29/35,26 8 37,13 28,60 28,50
Verisign – 30,35 30,43 -0,26 37,38/27,52 21 5,05 – 22,13
Vertex Pharms – 40,91 40,94 -0,09 58,01/32,43 – 8,51 29,44 29,84
Wynn Resorts 2,00 137,65 137,65 - 165/99,60 25 17,20 99,71 97,40
Yahoo – 16,15 15,47 +4,40 18,65/11,09 22 20,39 11,70 11,19
S & P 500 – 1224,98 1225,38 -0,03 1364/1099 – – – –
Abbott Labs 1,92 53,92 52,44 +2,82 54,00/45,16 12 83,93 40,23 37,52
AIG – 23,51 23,44 +0,28 51,26/20,46 7 44,61 16,81 16,43
Altria 1,64 27,49 27,53 -0,15 28,06/23,51 13 56,94 19,96 20,04
Amgen 1,12 57,90 57,28 +1,08 61,17/48,27 11 53,50 41,20 41,45
Apple – 405,58 422,24 -3,95 422/301 15 376,01 294,39 306,50
Avon Products 0,92 22,85 22,57 +1,24 34,43/18,97 11 9,84 16,37 15,94
Baker Hughes 0,60 56,56 55,72 +1,51 79,94/44,47 13 24,67 40,09 39,72
Bristol Myers 1,32 32,63 32,56 +0,21 32,96/24,97 14 55,66 23,65 23,86
Citigroup 0,04 30,77 29,88 +2,98 51,30/23,11 8 89,79 22,25 21,40
Colgate 2,32 92,85 92,34 +0,55 93,96/74,92 18 45,17 66,94 66,30
Conoco Philips 2,64 70,53 69,21 +1,91 81,21/58,95 8 96,84 50,85 49,54
Dow Chemicals 1,00 27,22 27,77 -1,98 41,34/21,51 10 32,15 20,13 19,16
EMC – 24,02 23,99 +0,13 28,47/20,28 16 49,60 17,54 17,30
Fedex 0,52 75,57 75,62 -0,07 98,50/65,15 12 23,97 54,36 54,01
Ford Motor – 11,82 11,78 +0,34 103/9,37 6 44,08 8,50 8,27
Goldman Sachs 1,40 103,88 102,25 +1,59 175/90,08 12 52,54 75,17 72,37
Google – 590,21 590,51 -0,05 640/475 17 150,04 426,40 427,94
Halliburton 0,36 34,71 35,29 -1,64 57,27/28,68 10 31,92 25,14 24,92
Honeywell 1,33 49,60 49,33 +0,55 62,00/41,94 12 38,81 35,51 34,99
Intern. Paper 1,05 25,96 25,92 +0,15 32,86/22,65 9 11,35 18,62 18,07
Lockheed Martin 4,00 76,53 75,98 +0,72 82,27/66,87 10 25,69 54,63 54,60
Medtronic 0,97 34,21 32,89 +4,00 43,20/30,41 10 36,12 24,29 24,02
Morgan Stanley 0,20 17,06 16,63 +2,56 30,99/12,47 17 32,88 12,47 11,00
Occidental Pet. 1,84 85,90 84,98 +1,08 116/68,58 11 69,82 62,00 60,00
Oracle 0,24 31,93 31,88 +0,16 36,37/24,78 13 161,07 23,23 23,00
Pepsico 2,06 62,62 62,41 +0,34 71,78/59,99 14 99,10 45,37 45,34
Philip Morris 3,08 66,75 66,31 +0,66 72,35/56,02 14 117,25 48,41 48,37
Schlumberger 1,00 70,13 69,91 +0,31 95,04/57,72 18 94,63 50,77 48,92
Texas Instruments 0,68 30,52 30,89 -1,20 36,56/24,82 14 35,26 22,31 22,26
Time Warner 0,94 33,92 33,76 +0,47 38,20/27,74 12 35,44 24,57 24,07
Wells Fargo 0,48 25,73 25,86 -0,50 34,10/22,88 9 135,85 18,57 18,04
Xerox 0,17 7,63 7,69 -0,81 12,01/6,72 7 10,71 5,48 5,44
Weltindizes
19.10. 18.10. Tages- Tages- 52-Wochen
Schluss Schluss Veränderung in Prozent Hoch / Tief Hoch / Tief
MSCI World (berechnet in US-$) – 1177,54 - –/– 1391,86/1074,50
AEX All Shares Amsterdam 301,68 298,68 +1,00 304,20/299,90 374,19/263,44
BUX Budapest 17547,38 17386,69 +0,92 17667,08/17424,36 24432,50/14940,77
OMX H25 Helsinki 1938,87 1951,11 -0,63 1964,75/1926,58 2710,72/1758,65
HangSeng Hongkong 18309,22 18076,46 +1,29 18426,29/18203,99 24964,37/16250,27
ISE Nat. 100 Istanbul 58028,57 58750,59 -1,23 59306,79/57818,52 71543,26/50307,63
JSE Top 40 Johannesburg 27901,10 27762,88 +0,50 28016,84/27720,55 29922,75/25180,59
FTSE 100 London 5437,46 5410,35 +0,50 5483,79/5410,35 6091,33/4944,44
IBEX 35 Madrid 8849,50 8811,30 +0,43 8907,30/8800,50 11113,00/7640,70
MIB Mailand 16293,19 15970,14 +2,02 16331,79/16050,76 23178,38/13474,14
RTS 1 Moskau 1438,63 1427,26 +0,80 1454,76/1420,18 2123,56/1217,21
Sensex Mumbai 17085,34 16748,29 +2,01 17106,99/16874,34 21004,96/15792,41
CAC 40 Paris 3157,34 3141,10 +0,52 3184,33/3137,05 4157,14/2781,68
PX SE Ind. Prag 934,00 925,10 +0,96 940,90/927,10 1276,30/864,10
Bovespa Sao Paolo 55031,00 53911,00 +2,08 55224,00/53188,00 72995,00/48668,00
Shanghai Co Shanghai 2377,51 2383,49 -0,25 2401,69/2374,42 3159,51/2344,79
Straits Times Singapur 2720,21 2724,69 -0,16 2745,68/2713,64 3313,61/2528,71
All Ordinaries Sydney 4274,80 4249,50 +0,60 4293,50/4249,50 5064,90/3927,60
Nikkei 225 Tokio 8772,54 8741,91 +0,35 8831,55/8745,36 10857,53/8374,13
S & P/TSE 300 Toronto 11964,57 12053,11 -0,73 12051,02/11906,21 14270,53/11177,91
VDax Volatil.-Dax 39,17 38,93 +0,62 39,32/37,41 50,74/15,31
WIG Warschau 39802,81 39837,96 -0,09 40123,09/39802,81 50329,73/36549,47
Austrian Tr. Wien 1952,40 1961,21 -0,45 1987,78/1945,90 3000,70/1829,49
Swiss Market Zürich 5699,98 5682,51 +0,31 5734,20/5686,64 6717,25/4791,96
ERLÄUTERUNGEN: Kursangaben: Notierungen in Deutschland verstehen sich in
Euro und basieren auf Kursen des Xetra-und Spezialisten-Handels. In den Spalten
mit der Bezeichnung Heimatbörse wird die Notierung und die Dividendenangabe
in der jeweiligen Landeswährung (W) dargestellt. Ausnahme: Bei Aktien aus
dem Euro-Raum erfolgt keine Währungsangabe. t nach dem Kurs: Darstellung
in Tausend. * zuletzt verfügbarer Kurs. Notierungen von Dax, MDax, TecDax
und SDax basieren auf Xetra-Kursen. Alle deutschen Werte sind mit Ausnahme
von Porsche im Prime Standard notiert. Dividendenangaben gelten für das
abgelaufene Geschäftsjahr. Bei US-Werten wird die letzte Quartalsdividende
auf das Jahr hochgerechnet. D: Titel mit Dividendenabschlag gehandelt. KGV:
Kurs-Gewinn-Verhältnis (Ibes-Schätzungen). Umsätze: Gesamtumsätze in Tausend
Euro. Marktkapitalisierung: Angaben in Milliarden Euro. Aktienarten: ADR = Ame-
rican Depositary Receipts, GDR = Global Depositary Receipts, Vz=Vorzugsaktien.
Währungskürzel: AUD=austral. Dollar, BRL=brasil. Real, CAD=kanad. Dollar,
CHF=Schweizer Franken, CNY=chines. Yuan, CZK=tschech.Krone, DKK=dänische
Krone, GBP=brit. Pfund, HKD=Hongkong Dollar, HUF=ungar. Forint, INR=Ind.
Rupie, JPY=japan. Yen, KRW=kor. Won, NOK=norweg. Krone, NZD=neuseel. Dollar,
PLN=poln. Zloty, RUR=russ. Rubel, SEK=schwed. Krone, SGD=Singapur Dollar,
TRY=türk. Lira, USD=US-Dollar, ZAR=südafrik. Rand; *Sortenkurse: Mitgeteilt von
der Reisebank Frankfurt, Darstellung aus Sicht des Bankkunden.
Kursgrafik: smallCharts, Quelle: GOYAX.de, AID Hannover, Morningstar
Leserservice: 089 - 2183 7770 (11 bis 15:00 Uhr)
Alle Angaben im Kursteil der SZ erfolgen ohne Gewähr
Spekulationen auf eine massive
Ausweitung des Euro-Rettungs-
schirms haben Anleger am Mitt-
wochandie europäischenAktien-
märkte gelockt. Viele Investoren
ignorierten sowohl Dementis aus
der EU und dem deutschen Bun-
desfinanzministerium als auch
eine neuerliche Herabstufung
der Kreditwürdigkeit Spaniens
durch die Ratingagentur Moody’s
und enttäuschende Zwischener-
gebnisse des Computerkonzerns
Apple. Der Dax schloss 0,6 Pro-
zent höher bei 5914 Punkten.
Selbst in Madrid stieg der Stan-
dardwerte-Index leicht an. Der
Euro Stoxx 50 lag unter Führung
der Bankenwerte aus der Euro-
Zone 0,9 Prozent im Plus. Grund
für die Kauflaune der Anleger
war einBericht der britischenZei-
tung Guardian, in dem von einer
Einigung Deutschlands und
Frankreichs auf eine Hebelung
des EFSF-Rettungsschirms auf
zwei Billionen Euro die Rede
war. Ein Sprecher des Bundesfi-
nanzministeriums erklärte hinge-
gen, über die 440 Milliarden Euro
hinaus gebe es keine Diskussion.
Dieses „Basta“ aus Berlin kostete
den Dax im Handelsverlauf eini-
ge Punkte.
Die Hoffnung auf eine Rettung
Griechenlands trieb die Papiere
von Commerzbank und Deut-
scher Bank an die Dax-Spitze mit
Aufschlägen von rund vier Pro-
zent. Aktien der Allianz gewan-
nenum4,3 Prozent. Damit reagie-
ren die Titel auf die Hoffnung auf
eine Einigung der Schuldenkrise
auf dem EU-Gipfel am kommen-
den Wochenende.
Im TecDax eroberten Papiere
der Software AG mit plus zwölf
Prozent die Spitze. Der Software-
Hersteller hatte überraschend
Zahlenfür das dritte Quartal vor-
gelegt. Händler lobtendas Ergeb-
nis vor Zinsen und Steuern.
Die US-Börsen präsentierten
sich uneinheitlich. Während der
Standardwerteindex Dow Jones
zur Handelsmitte mit 0,4 Prozent
im Plus lag, sank der Index der
Technologiebörse Nasdaq um 0,5
Prozent.
Apple-Papiere fielen 3,9 Pro-
zent, nachdem der Computerher-
steller eine Umsatzdelle bei sei-
nemVerkaufsschlager iPhone ein-
geräumt hatte. Dagegen konnte
der InternetkonzernYahoo mit ei-
ner soliden Quartalsbilanz punk-
ten. Die Papiere notierten 4,4Pro-
zent höher. Intel verbreitete sei-
nerseits Zuversicht und wurde
mit Kursaufschlägenvonvier Pro-
zent belohnt. Aktien von Morgan
Stanley verteuerten sich um 2,6
Prozent. Ein Bilanzeffekt verhalf
dem Geldinstitut zu einem Milli-
ardengewinn. SZ/Reuters/dpa
Anleger spekulieren auf Mega-Hebel
Seite 32 / Süddeutsche Zeitung Nr. 242 HF2 Donnerstag, 20. Oktober 2011
GELD
Dax in Punkten
4500
5500
6500
7500
N D J F M A M J J A S
1 Jahr
Vortag
Aktuell
–9,3 %
+0,6 %
19.10.2011 · Schluss 5913,53
MDax in Punkten
7000
8000
9000
10000
11000
N D J F M A M J J A S
1 Jahr
Vortag
Aktuell
–2,7 %
–0,4 %
19.10.2011 · Schluss 8934,17
Euro Stoxx 50 in Punkten
1800
2200
2600
3000
N D J F M A M J J A S
1 Jahr
Vortag
Aktuell
–18,3 %
+1,0 %
19.10.2011 · Schluss 2330,08
Dow Jones in Punkten
8000
9000
10000
11000
12000
N D J F M A M J J A S
1 Jahr
Vortag
Aktuell
+4,2 %
+0,3 %
19.10.2011 · 18:00 Uhr 11611,53
Von Jochen Bettzi eche
Heizanlagen sind nicht für die Ewig-
keit. Im Gegenteil, ihre Lebenserwar-
tung ist deutlichgeringer als die eines Ge-
bäudes. Ist es einmal soweit, und die alte
Heizungmuss erneuert werden, gilt es, ge-
nau zu kalkulieren. Nicht nur die An-
schaffungskosten spielen eine Rolle, son-
dern auch die laufenden Kosten.
Die Deutsche Energieagentur (Dena)
hat Vergleichsrechnungen gemacht, um
die Unterschiede zu verdeutlichen. Basis
ist ein ungedämmtes Einfamilienhaus
mit einer Wohnfläche von 150 Quadrat-
metern mit Heizkosten von 2800 bis 3600
Euro pro Jahr. In den Anschaffungspreis
ist die Installation eingerechnet. Die ge-
sparten Betriebskosten beziehen sich auf
einenherkömmlichen Niedertemperatur-
kessel. Als Kosten für die Brennstoffe hat
die Dena konstante Werte angenommen.
Wartungskosten sind nicht berücksich-
tigt, da diese inder Regel nur einengerin-
gen Anteil an den Betriebskosten haben.
Als Lebensdauer der Heizung hat die De-
na 20 Jahre angesetzt. Nicht berücksich-
tigt ist die Isolierung des Gebäudes. Doch
sollte diese in die Überlegungen einbezo-
gen werden. „Einzelne Maßnahmen wie
eine neue Heizung oder eine neue Däm-
mung sind ein guter Anfang, Ziel sollte
aber ein energetisches Gesamtkonzept
sein. Denn was energetisch und wirt-
schaftlich sinnvoll ist, muss für jedes Ge-
bäude individuell entschieden werden“,
sagt Dena-Bereichsleiter Christian Stol-
te. Dabei spielt die Reihenfolge eine wich-
tige Rolle. Denn: Ein gut isoliertes Haus
kommt mit einer kleineren und damit
günstigeren Heizung aus.
Ölheizung
Wird ein Gebäude
mit Öl beheizt, be-
nötigt es einen
Tank. Der wird ein
bis zwei Mal pro
Jahr gefüllt. Gutes
Timing spart dabei
viel Geld, denn der
Preis steigt zu Be-
ginn der Heizsai-
son. Eine neue Ölheizung kostet zwi-
schen 4000 und 6000 Euro, ohne neuen
Tank. Heizungsinstallateure verkaufen
laut Dena gerne die günstigeren Nieder-
temperaturkessel. Die moderneren
Brennwertkessel aber haben die Mehr-
kostenrascheingespielt undsparen lang-
fristig wegen des niedrigeren Verbrauchs
Geld. Die Differenz beträgt um die 500
Euro pro Jahr.
Gasheizung
Für den Betrieb ei-
ner Gasheizung be-
nötigt das Gebäu-
de einen Anschluss
an das Gasnetz. In
Städten ist das
meist kein Pro-
blem, für abgelege-
ne Höfe, Forsthäu-
ser oder andere Gebäude auf dem Land
hingegen schon. Bei Gas gilt das Gleiche
wie bei Öl: Langfristig lohnt sich der
Mehraufwand für einen Brennwertkes-
sel. Die Anschaffungskosten dafür liegen
zwischen 4000 und 6000 Euro. Die Er-
sparnis gegenüber einer herkömmlichen
Öl- oder Gasheizung beträgt 500 Euro
pro Jahr.
Pelletheizung
Deutlich teurer in
der Anschaffung
ist eine Pellethei-
zung, in der kleine
Holzpresslinge, die
Pellets, verfeuert
werden. Von
10 000 bis 15 000
Euro geht die Dena aus. Zwar ist der
Brennstoff deutlich günstiger pro Ener-
gieeinheit als Heizöl und Gas. Bei unsa-
nierten Gebäuden spart die Pellethei-
zung somit etwa 1100 Euro im Jahr. Bei
sanierten und teilsanierten Häusern
sieht es allerdings anders aus. Denn da
fallendie Betriebskostenwegendes gerin-
geren Verbrauchs weniger stark ins Ge-
wicht. Die Pellet-Technik schneidet in
diesen Fällen unter wirtschaftlichen Ge-
sichtspunkten schlechter ab als Öl und
Gas, konstante Preise für die Energieträ-
ger vorausgesetzt. Hinzu kommt der
Platzbedarf. Pellets werden wie Öl vom
Tankwagen geliefert und im Keller oder
Schuppen gelagert.
Erdwärmepumpe
Ohne Brennstoff kommen Erdwärme-
pumpen aus. Im Prinzip transportieren
sie die natürliche Wärme der Erde ins
häusliche Heizsystem. Dafür brauchen
sie Strom, der die Pumpe betreibt. Zwei
Verfahren werden eingesetzt. Beim ers-
tensindTiefenbohrungen nötig, beiman-
deren werden in geringer Tiefe Kollekto-
renverlegt. Die zweite Methode erfordert
allerdings Grundstücke mit großen Gär-
ten. Die Tiefenbohrungen kosten etwa
20 000 bis 30 000 Euro, Kollektoren kom-
men auf 15 000 bis 20 000 Euro. Im Be-
trieb verbrauchen die Pumpen Strom
und sparen in der Modellrechnung rund
1000 Euro Betriebskostenpro Jahr gegen-
über einem Öl-Niedrigtemperaturkessel.
Wegen der hohen Anschaffungskosten ist
das Nutzen der Erdwärme dennoch nicht
wirtschaftlich. Die Dena weist darauf
hin, dass diese Technik erst in gut ge-
dämmten Häusern effizient ist. Die Kos-
ten für den Strom könnten Hausbesitzer
unter Umständen durch ein eigenes
Kraftwerk reduzieren, beispielsweise ei-
ne Photovoltaikanlage.
Luftwärmepumpe
Im Gegensatz zur
Erdwärmepumpe
nutzt die Luftwär-
mepumpe die Tem-
peratur der Umge-
bungsluft für die
Heizung. Die
Stromkosten lie-
gen wegen der geringeren Energieeffizi-
enz höher als bei Erdwärmepumpen, so
dass jährlich nur etwa 500 Euro gespart
werden. Hinzu kommen die Anschaf-
fungskosten von 8000 bis 12000 Euro.
Solarthermie
Nach wie vor
reicht eine solar-
thermische Anlage
in Deutschland
nicht aus fürs Hei-
zen. Doch die Pa-
neele auf dem
Dach oder im Gar-
ten können sehr
wohl die Heizung
unterstützen. Bei Investitionskosten von
3000 bis 6000 Euro für die Erwärmung
von Wasser sparen Hausbesitzer 200 bis
300 Euro pro Jahr. Anlagen, die das ge-
samte Heizsystem unterstützen, kosten
7000 bis 12 000 Euro, sparen aber auch
400 bis 500 Euro pro Jahr. Ob das wirt-
schaftlich sinnvoll ist, hängt von der Hei-
zungstechnik ab.
Annahmen
Die Beispielrechnung der Dena liefert
nur grobe Anhaltspunkte. Vor einer ener-
getischenKomplettsanierung oder der In-
stallation einer neuen Heizung sollten
Hausbesitzer genau kalkulieren. Faust-
formel: Anschaffungskosten + eigener
Verbrauch multipliziert mit Brennstoff-
oder Stromkostenmal Laufzeit. EinEner-
gieberater hilft bei der Suche nach der
richtigen Heizung. Er kennt auch die ak-
tuellen Förderprogramme und -darle-
hen. Wichtig ist auch, vonwelcher Preis-
entwicklung der Hausbesitzer bei denein-
zelnen Brennstoffen ausgeht. Denn die
werden nicht so konstant bleiben wie im
Rechenbeispiel. Wird das Öl knapp, stei-
gen die Preise für Heizöl. Andere Brenn-
stoffe wie Gas und Pellets dürftendiesem
Trend folgen. Hausbesitzer sollten sich
daher mit der künftigen Preisentwick-
lung ihres Brennstoffs befassen. Nicht zu-
letzt wird auch der Strompreis – der die
Kosten bei Wärmepumpen ausmacht –
den Prognosen nach weiter steigen. Ein
weiterer Kostenfaktor ist das von Öl-
oder Gasheizungen frei gesetzte Kohlen-
dioxid. Noch müssennur Industriebetrie-
be Emissionen einberechnen. Doch das
könnte langfristig auch für Privathaus-
halte gelten. Erste Überlegungensindbe-
reits bekannt geworden.
ENERGIE IMHAUS
Eine Sonderseite der Süddeutschen Zeitung
Energie sparen ist das Eine, erst gar
keine Energie benötigendas Andere. Pas-
sivhäuser zeichnen sich durch einen ge-
ringen Heizbedarf von umgerechnet we-
niger als zwei Litern Öl pro Quadratme-
ter undJahr aus. Der gesamte Energiever-
brauch beträgt nach Angaben des hessi-
schenMinisteriums für Umwelt, Energie,
Landwirtschaft und Verbraucherschutz
(Hmuelv) ein Zehntel im Vergleich zum
unsanierten Bestandsgebäude. Selbst ge-
genüber einem Neubau, der den gesetzli-
chenMindestanforderungengemäß Ener-
gieeinsparverordnung entspricht, ist die
Differenz erheblich. Kleiner Haken: Das
Passivhaus ist teurer.
Wegen der Zusatzinvestitionen schre-
cken manche Bauherren vor dem energe-
tisch günstigeren Gebäude zurück. Als
Faustformel gilt ein ungefährer Auf-
schlag vonvier Prozent für große Objekte
wie Schulenoder Bürogebäude, fünf Pro-
zent für Reihen- und Mehrfamilienhäu-
ser und stolze sieben Prozent für freiste-
hende Ein- und Zweifamilienhäuser. Die
größten Posten sind die dreifach verglas-
ten Fenster, das Belüftungssystem und
die Dämmung. Dem stehen Einsparun-
gen von bis zu drei Prozent gegenüber,
schließlich benötigt ein Passivhaus kei-
nenSchornstein, weniger Verteilerleitun-
gen und keine großen Öl- oder Gaskessel.
Hinzu kommt, dass sich die Mehrkosten
imLaufe der Zeit amortisieren. Das hessi-
che Ministeriumhat eine Vergleichsrech-
nung für ein Reihenendhaus angestellt.
Dieses ist in der Bauphase 15 000 Euro
teurer als ein herkömmlicher Neubau.
Langfristig rechnet sich die Investition
aber. Nach 21 Jahren liegen die Gebäude
in der Summe gleich auf, danach greift
der finanzielle Zusatznutzen des Passiv-
hauses. Bereits nach 23 Jahren liegt das
Passivhaus 1700 Euro im Plus. Ebenfalls
interessant sind günstige Darlehen und
Fördermittel von staatlicher Seite. Die
gibt es nicht nur auf Bundesebene. Auch
die Länder und teilweise sogar einzelne
Regionen unterstützen Bauherren, wenn
diese energetisch günstig bauen. Nicht in
der Rechnung enthalten ist zudem die
Möglichkeit der Hausbesitzer, Warmwas-
ser mit einer solarthermischen Anlage zu
erzeugen und den benötigten Strom
selbst zu produzieren. Jochen Bettzieche
Die Stromerzeugung auf dem eigenen
Dach verspricht Hausbesitzern eine at-
traktive Rendite. Wer sich die Einspeise-
vergütung von aktuell 28,74 Cent pro Ki-
lowattstunde sichern will, der muss sich
jedoch beeilen. Denn von 2012 an gibt es
weniger Geld für den selbst produzierten
Strom. Hauseigentümer, die noch in die-
semJahr eine Solaranlage in Betriebneh-
men, sichernsichjedochdie aktuelle Ver-
gütung für die nächsten 20 Jahre.
Nach Angaben des Bundesverbandes
Solarwirtschaft (BSW) wirddie Kürzung
mindestens neun und maximal 24 Pro-
zent betragen. Der genaue Wert ist ab-
hängig von der Gesamtleistung aller An-
lagen, die zwischen Oktober 2010 und
September 2011 installiert wurde. Die
Vergütungssätze für 2012 wird die Bun-
desnetzagentur noch im Oktober be-
kanntgeben. Wer eine Solaranlage für
Warmwasser und die Unterstützung sei-
ner Heizung nutzen will, sollte sich eben-
falls beeilen. Bis zum Jahresende gilt
noch die Förderung von 120 Euro pro
Quadratmeter Kollektorfläche, von 2012
an sind es nur noch 90 Euro. dapd
Süddeutsche Zeitung Nr. 242 | Donnerstag, 20. Oktober 2011 | Seite 33
Die Umlage für erneuerbare Energien
wird imkommenden Jahr nur leicht stei-
gen. Die von den Stromkunden zu bezah-
lende Abgabe klettert um 0,062 Cent auf
3,529 Cent pro Kilowattstunde, wie die
vier großen Übertragungsnetz-Betreiber
kürzlich mitteilten.
Mit der EEG-Umlage finanzieren alle
Stromkundendie Energie aus erneuerba-
ren Quellen. Jeder Betreiber etwa einer
Solaranlage oder eines Windrades erhält
eine sogenannte Einspeisevergütung für
seinen gelieferten Strom. Auf diese Wei-
se werden die erneuerbarenEnergiequel-
len subventioniert, solange sie für die
Stromproduktion noch teurer sind als
herkömmliche Technik. Je mehr Öko-
strom-Anlagen entstehen, umso höher
wird die Umlage.
2012 sollen durchdie Umlage 14,1 Mil-
liarden Euro zusammenkommen, 600
Millionen Euro mehr als im laufenden
Jahr. Weil die Summe für 2011 nicht aus-
reiche, sei für 2012 ein Nachholbetrag
von etwa 700 Millionen Euro eingerech-
net worden, wie die Netzbetreiber weiter
mitteilen. Außerdem schaffen sie sich
laut Bundesnetzagentur in ihrem EEG-
Topf erstmals einen Puffer, damit es bei
der Auszahlung an Stromproduzenten
nicht zu Engpässen kommt. „Ohne die-
sen Sonderposten läge die Umlage 2012
sogar unter demderzeitigen Niveau“, er-
klärte Bundesumweltminister Norbert
Röttgen (CDU).
Im vergangenen Jahr war die Umlage
um etwa 1,5 Cent – also um mehr als 70
Prozent – in die Höhe geschossen. Dies-
mal fällt der Anstieg deutlich geringer
aus, vor allemdeshalb, weil Experten für
2012 von einem merklich geringeren Zu-
bau mit Photovoltaik-Anlagen ausge-
hen. Der erwartete Zubauwert liege bei
4,5 Gigawatt, „deutlich unter dem Wert
des Boomjahres 2010, indemnocheinZu-
bauinHöhe vonrundsiebenGigawatt zu
verzeichnen war“, erklärte der Präsident
der Bundesnetzagentur, Matthias Kurth.
Sollten die Energiekonzerne die neue
Steigerung der EEG-Umlage komplett
an ihre Kunden weitergeben, würde die
Stromrechnung eines durchschnittli-
chendeutschen Haushalts imJahr umet-
wa 2,60 Euro inklusive Mehrwertsteuer
steigen. AFP
Weniger Geld
für Sonnenstrom
Eine Rechnung mit vielen Unbekannten
Wer sich für eine neue Heizung entscheidet, muss Anschaffungspreis und laufende Kosten einkalkulieren. Ein Überblick
Weniger Anlagen
Erneuerbare Energien erhöhen
den Strompreis 2012 nur leicht
Verantwortlich: Werner Schmidt
Redaktion: J. Pfund, A. Remien
Anzeigen: Jürgen Maukner
Erst teuer, dann günstig
Passivhäuser bringen nach 20 Jahren einen finanziellen Vorteil
Bauherren können günstige
Darlehen und Förderungen
in Anspruch nehmen
Im kommenden Jahr hat
die Umlage ein Volumen
von etwa 14 Milliarden Euro
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Von Tina Baier
München – Kultusminister Ludwig Spa-
enle (CSU) fühlt sich durch das Gutach-
ten„Gemeinsames Kernabitur“des Akti-
onsrats Bildung „im Prinzip bestätigt“.
Das Gremium, dem neun führende Bil-
dungsexperten angehören, macht darin
Vorschläge, wie die unterschiedlichen
Abiturprüfungen der Bundesländer ver-
gleichbarer gemacht werden könnten.
Bayern strebt zusammen mit anderen
Bundesländern schon seit längerem das
sogenannte Südabitur an: Bayern, Schles-
wig-Holstein, Hamburg, Sachsen, Nie-
dersachsen, Mecklenburg-Vorpommern
und eventuell Sachsen-Anhalt wollen
schonimJahr 2014 einenTeil der Abitur-
prüfung in den Kernfächern Deutsch,
Mathe und Englisch gemeinsam stellen.
„Insofern ist unser Plan sogar ambitio-
nierter als der Vorschlag des Aktionsrats
Bildung, der einheitliche Prüfungen erst
2018 vorsieht“, sagte Spaenle am Mitt-
woch bei der Vorstellung des Gutach-
tens.
Doch anders als beim Südabitur, das
vorsieht, gemeinsame Elemente indie Ab-
ituraufgaben der verschiedenen Bundes-
länder zu integrieren, schlägt der Akti-
onsrat drei zusätzliche Prüfungen in den
Fächern Deutsch, Mathe und Englisch
vor. Diese sollen in ganz Deutschland am
selben Tag abgelegt werden. Jede Prü-
fung soll 90 Minuten dauern. Ein Teil der
Aufgaben soll in Form von Multiple-
Choice-Aufgaben zum Ankreuzen ge-
stellt werden. Das Ergebnis soll insge-
samt zehnProzent der Abiturnote ausma-
chen. „Das ist viel genug, um ein Anreiz
für alle Bundesländer zu sein, sich anzu-
strengen“, sagte der Münchner Wirt-
schaftsforscher Ludger Wößmann, der
das Gutachten vorstellte. Andererseits
sei es wenig genug, um den einzelnen
Bundesländern genügend Spielraum bei
der individuellen Gestaltung des Abiturs
zu lassen.
Vor allemder Vorschlag, zusätzlich zu
den bereits bestehenden Abiturprüfun-
gen weitere Tests zu machen, stieß bay-
ernweit aber auf große Skepsis: „Auch
als Vater vonzwei Kindern, habe ichgro-
ße Zweifel, ob es umsetzbar ist, zwei Ab-
iturprüfungen abzuhalten, eine kleine
und dann nochmal eine große“, sagte
Ludwig Spaenle. In diesemPunkt ist sich
der Kultusminister ausnahmsweise so-
gar mit dem Bildungssprecher der SPD
einig: „Das wäre doppelter Stress für die
Abiturienten“, sagte Martin Güll. Dieser
Ansicht ist auchMariaLampl, Vorsitzen-
de des Bayerischen Elternverbands: Eine
zusätzliche Abiturprüfung in Deutsch,
Mathe und Englisch sei eine zusätzliche
Belastung für die Schülerinnen und
Schüler. Das sei allenfalls auf freiwilli-
ger Basis akzeptabel und nur ohne Beno-
tung.
MaxSchmidt, Vorsitzender des bayeri-
schen Philologenverbands lehnt Multip-
le-Choice-Aufgaben als Teil der Abitur-
prüfung grundsätzlich ab. „Derartige
Aufgabenhaben mit demNachweis einer
Allgemeinen Hochschulreife nichts zu
tun, da es bei der Abiturprüfung darum
geht, logisches Argumentieren in hoher
sprachlicher Qualität darzustellen“, sag-
te er. Er befürchtet, dass diese Kompeten-
zen und damit das klassische Abitur an
sich an Bedeutung verlieren, „wenn Un-
ternehmen bei der Auswahl von Bewer-
bernhauptsächlichauf dendeutschland-
weit vergleichbaren Multiple-Choice-
Teil achten.
Alle Parteien sind sich aber darin ei-
nig, dass die jetzige SituationinDeutsch-
land extrem ungerecht ist. Denn die Ab-
iturnote entscheidet bundesweit dar-
über, wer beispielsweise einen der be-
gehrten Medizinstudienplätze bekommt
und wer nicht. Und das, obwohl das Ni-
veau des Abiturs in verschiedenen Bun-
desländern extrem unterschiedlich ist.
Das zeigt unter anderem eine Studie, in
der Schüler verschiedener Bundesländer
miteinander verglichen wurden, die im
Leistungskurs Mathematik alle mit der
Note „sehr gut“ oder „gut“ abgeschnit-
ten hatten. Trotz identischer Noten lagen
zwischen dem wirklichen Wissensstand
der Schüler zwei Schuljahre.
Von Frank Müller
München – Am Anfang, erinnert sich
Margarete Bause, „war es ein Kultur-
schock – für uns und für die anderen“.
Als die Grünen in diesen Tagen vor
25 Jahren erstmals in den bayerischen
Landtageinzogen, hättennoch„ganz an-
dere Zeiten“ geherrscht. Nämlichdie von
Franz Josef Strauß. „Das war eine sehr
autoritär geprägte Gesellschaft“, sagt
die damalige und heutige Fraktionsvor-
sitzende der Grünen, eine Mischung aus
„selbstzufriedenem, verstaubtem Parla-
ment“, und einer „Brutalität, wie sie
Franz Josef Strauß verkörpert hat“.
Nochheute erinnert sichBause, die für
die Grünen zunächst bis 1990 und dann
seit 2003 wieder imLandtagwar, gut dar-
an, wie die Grünen von staatlichen Emp-
fängen ausgeschlossen wurden, und an
die ganzen frauenfeindlichen Sprüche,
„weil wir nicht ins gängige Frauenbild
passten“. Da gab es etwa CSU-Justizmi-
nister Hermann Leeb, der die engagierte
Rednerin Bause im Parlament angegiftet
habe: „Sie solltensichmal imSpiegel an-
sehen, wenn Sie so geifern.“ Bause war
schon damals nicht auf den Mund gefal-
len: „Bei der Schönheit brauche ich den
Vergleich mit Ihnen nicht zu scheuen.“
Es war der 22. Oktober 1986, als die
Grünen mit ihrem 7,5-Prozent-Wahler-
gebnis mit großem Getöse vom Münch-
ner Marienplatz Richtung Maximiliane-
um zogen, um dort mit allen Attributen
der Bürgerschrecks den Landtag zu er-
obern. Christian Magerl, auch heute
noch im Landtag, hatte eine Kiste ver-
strahltes Heu dabei, schließlich war es
kurz nachTschernobyl. UndBause streb-
te gleichans Rednerpult bei der konstitu-
ierenden Sitzung, in Frontstellung zu
FJSundEdmund Stoiber imCSU-Block.
Bause und ihr Ko-Fraktionschef Mar-
tin Runge bemühen sich an diesem Mitt-
woch, ihre Geburtstagsbilanz nicht allzu
nostalgisch und selbstzufrieden ausfal-
len zu lassen. Zwar sei das grüne Viertel-
jahrhundert „eine wirkliche Erfolgsge-
schichte“, sagt sie und erinnerte an Er-
rungenschaften von damals, die heute
auch in anderen Parteien unumstritten
sind: die Energiewende, die Frauenquo-
te, die gesamte Fortentwicklung der Ge-
sellschaft. „Das Selbstverständnis der
Bayern ist grün geworden“, sagt Bause.
Doch nicht nur der Freistaat hat sich
begrünt, auch die Fraktion ist staatstra-
gender geworden. Vorbei die Zeit des Ro-
tationsprinzips, das alle Mandatsträger
zwang, ihre Postenzur Mitte der Amtspe-
riode wieder zu verlassen. „Wir waren
durchaus in der Lage, uns selbst ins Knie
zu schießen“, gibt Bause zu. Heute weiß
sie, dass „Geschlossenheit nichts Anstößi-
ges ist, wenn es vorher Diskussionen
gab“. So ähnlich könnte das auch ein
CSU-Fraktionschef formulieren.
Dass sich in den 25 Jahren die zwei
Welten angenähert haben, ist Bause be-
wusst, zumal nach der spektakulären
Energiewende der CSU. „Wir haben
nichts dagegen, wenn Seehofer unsere
Konzepte übernimmt.“Der nächste, logi-
sche Schritt soll nundie Regierungsbetei-
ligung ab 2013 werden. Für sie wäre das
konsequent: „Bevor wir’s den anderen
lange erklären, machen wir’s lieber
gleich selbst.“
Es ist ein Kreuz mit der Verwandt-
schaft. Denken Sie nur an Josef, den aus
dem Alten Testament, den haben seine
Brüder nach Ägypten verkauft. Bloß
weil ihn der Vater mehr liebte. Oder an
das arme Aschenputtel, das mit zwei
garstigen Schwestern und einer bösen
Stiefmutter geschlagen war, die sie Lin-
sen aus der Asche klauben ließen.
Linsen klauben muss in der Wagner-
Sippschaft niemand, das hoffen wir
zumindest, aber an Diskursthemen man-
gelt es nicht. Man erinnere sich nur an
die Trauerfeier für Wolfgang Wagner,
der dessen Nichten und Neffen fernblie-
ben, weil sie mit ihrem Sitzplatz nicht
zufrieden waren. Diesmal geht es nicht
um Wolfgang, auch nicht um Richard,
den berühmten Großvater, sondern um
den Urgroßvater, und der ist zu allem
Überfluss auch berühmt. Franz Liszt ist
gemeint, Komponist und Schwieger-
vater von Richard Wagner. Ihm zu Eh-
ren feiert Bayreuth in diesem Jahr, denn
2011 wäre Liszt 200 Jahre alt geworden.
Geboren ist er da zwar nicht, aber ge-
storben, und das ist ja auch schon was.
Die Verwandtschaft nun, Urenkelin
Daphne in diesem Fall, findet die Fest-
lichkeiten höchst angemessen, zumal die
Stadt zu ihrem berühmten Sohn früher
„vornehm gesagt, ein eher distanziertes
Verhältnis“ gepflegt habe. So schreibt
es Daphne Wagner in einem, vornehm
gesagt, deutlichen Brief an den Bayreu-
ther Oberbürgermeister Michael Hohl.
Immerhin bekommt er auch ein Lob
serviert. Hebe sich die Stadt mit ihrer
„Lust auf Liszt“ doch rühmlich ab von
der Leitung des Festspielhauses, die das
Jubiläum offenbar zu ignorieren geden-
ke. Die Verwandtschaft ist gemeint.
Aber Hohl muss auch einstecken. Es
sei ihm ja wohl bekannt, dass Liszt
nicht nur Sohn der Stadt Bayreuth sei,
sondern selbst Vater. Umso bedauerli-
cher also, dass seine Nachkommen, sie
selbst nämlich, nicht eingeladen seien.
Der geehrte Oberbürgermeister werde
wohl verstehen, dass man ihn und die
Öffentlichkeit „auf diesen misslichen
Vorfall“ aufmerksam machen müsse.
Der geehrte Oberbürgermeister re-
agiert gelassen. Daphne Wagner sei
herzlich willkommen. Aber man habe
„auf der Grundlage der offiziellen städti-
schen Verteiler“ eingeladen. Und da
steht unter Wagner nun mal die Fest-
spielleitung. Es ist ein Kreuz mit der
Verwandtschaft. Katja Auer
Freising – Organspende ja oder nein,
Ganztagsschule und andere gesellschaft-
liche Fragen – das sind nur einige der
Themen, mit denen sich Bayerns Bischö-
fe seit Mittwoch in Freising beschäfti-
gen. Die katholische Kirche ist Träger
zahlreicher Schulen im Freistaat. Auch
die Zukunft der Katholischen Universi-
tät Eichstätt-Ingolstadt sowie Persona-
lien stehen auf der Tagesordnung, wie
das Erzbischöfliche Ordinariat in Mün-
chen mitteilte. Über die Ergebnisse der
Bischofskonferenz will Kardinal Rein-
hardMarxandiesemDonnerstag zusam-
menmit demLeiter des KatholischenBü-
ros Bayern, Lorenz Wolf, informieren. In
dem Gremium sind die sieben bayeri-
schen Diözesen Bamberg, München und
Freising, Augsburg, Eichstätt, Passau,
Regensburg, Würzburg sowie das Bistum
Speyer durch ihre Bischöfe und Weihbi-
schöfe vertreten. Am vergangenen Wo-
chenende hatte Marx vor dem Laiengre-
mium der Erzdiözese München erneut
klar gemacht, dass er Frauen als Diako-
ninnen am Altar ablehnt. dpa
München – Öffentliche Aufträge sollen
nach dem Willen von SPD, Grünen und
Gewerkschaftenkünftig nur nochanUn-
ternehmen vergeben werden, die be-
stimmte Mindestlöhne zahlen. Ein Tarif-
treuegesetz sei überfällig, umBeschäftig-
te vor Lohndumping zu schützen, sagte
DGB-Chef Matthias Jena am Mittwoch
in München. „Es kann nicht sein, dass
der Staat als Auftraggeber Armutslöhne
fördert.“ Entsprechende Gesetzentwürfe
von SPD und Grünen werden an diesem
Donnerstag in der Plenarsitzung des
Landtags behandelt. Jena prangerte
„Niedriglöhne made in Bavaria“ an. So
gebe es seit Jahren einen Anstieg der Be-
schäftigten im Niedriglohnsektor. dpa
Einheitliche Aufgaben,
aber keine Zusatztests
Auch Bayerns Kultusminister wünscht sich eine Art Kernabitur
– doch das dürfe nicht zu weiteren Prüfungen führen
25 grüne Jahre
Nach einem Vierteljahrhundert im Landtag wollen die Grünen endlich regieren und sind auch sonst recht staatstragend
Bischöfe beraten
über Ganztagsschule
SPD, Grüne und DGB
gegen Lohndumping
Wer in Garmisch-Partenkirchen
hat 8,1 Millionen Euro verschleu-
dert? Die Suche nach den Verant-
wortlichen für die massive Kos-
tenüberschreitung beim Bau der
neuen Sprungschanze hat nun
den Gemeinderat erreicht. In der
Sitzung am Mittwochabend
standdie Aussprache über denBe-
richt des Bayerischen Kommuna-
len Prüfungsverbands auf der Ta-
gesordnung. Dessen Kontrolleure
kritisierten Bürgermeister Tho-
mas Schmid, seine Verwaltung
und den Gemeinderat für Mehr-
ausgaben von 89 Prozent. Insge-
samt kostete die Schanze
17,24 MillionenEuro. Die Opposi-
tion kündigte eine kompromiss-
lose Aufarbeitung an. heff
k Aktuelle Informationen unter
www.sueddeutsche.de/bayern
Mitten in Bayreuth
Schweinfurt – Ein 33-jähriger Mann ist
in Schweinfurt Opfer eines Gewaltver-
brechens geworden. Seine Leiche wurde
am Dienstagnachmittag mit Stichverlet-
zungen und blutüberströmt in einem
Übergangswohnheim für Einkommens-
schwache gefunden, wie die Polizei mit-
teilte. Rund zwei Stunden später wurde
in dem dreigeschossigen Gebäude-
komplexein30-jähriger Mannals Tatver-
dächtiger festgenommen, der den Anga-
ben nach „bei der Polizei bereits bestens
bekannt“ ist. Auch die mutmaßliche Tat-
waffe wurde sichergestellt. Die Hinter-
gründe des Verbrechens sind bislang un-
bekannt. dapd
München– BeimAufbaudes Digitalfunk-
netzes für Polizei undRettungskräfte ver-
liert das Innenministeriumoffenbar lang-
sam die Geduld mit jenen Gemeinden,
die sich mit allen Kräften gegen das Auf-
stellenneuer Sendemastenwehren. Nach
Angabender Behörde setztendiese Kom-
munen aufs Spiel, bei der Anschaffung
der neuen Funkgeräte mit 80 Prozent der
KostenvomFreistaat unterstützt zuwer-
den. Vertraglich, so erinnerte ein Spre-
cher, könne das Ministerium die Förde-
rung verweigern, wenn sich Gemeinden
partout quer stellten und damit den Auf-
bau des Netzes erschwerten.
Dies war in einigen Kommunen als
Drohung aufgefasst worden. Ein neues
digitales Funkgerät kostet etwa 800 Eu-
ro. Auf die Zuschüsse verzichtet nie-
mand gerne. Damit das Netz von 2013 an
in Betrieb gehen kann, müssen landes-
weit etwas 950 Sendeanlagen aufgebaut
werden. Das Innenministerium verlangt
vondenKommunen Flächen, die es miet-
frei nutzen kann. Wenn es die Technik
nicht anders zulässt, geht die Behörde
auchauf Privatleute zu. Für 760Standor-
te lägen bereits konkrete Vereinbarun-
gen mit Städten und Gemeinden über
Standorte vor, in knapp 200 Fällen wer-
de noch verhandelt. Besonders schwierig
gestalteten sich die Gespräche derzeit
mit 40 Gemeinden, erklärte der Spre-
cher. Er betonte aber: „Wir haben keiner
Kommune die Zuschüsse gestrichen. Un-
sere Türen stehen für Gespräche offen.“
Bereits in der Vergangenheit hat das for-
sche Auftreten der Behörde Kommunen
verärgert und die Verhandlungen er-
schwert. msz
Von Ralf Scharnitzky
München – Die EU macht jetzt politi-
schenDruckauf Bayern. Sechs Verkehrs-
projekte hat die Kommission im Frei-
staat für denAusbauinnerhalbdes trans-
europäischen Verkehrsnetzes (Ten-V)
vorgesehen. Wenn Rat und Parlament
dem Projekt „Connecting Europe“ zu-
stimmen, dann ist der Bau der Verkehrs-
wege nach Aussagen des EU-Verkehrs-
Experten Leo Huberts ein Muss. Beson-
ders brisant wäre das für zwei Vorhaben:
den Ausbau der Donau zwischen Strau-
bing und Vilshofen, der auf heftigen Wi-
derstand trifft, und den Nordzulauf zum
Brenner-Basistunnel, bei dem Bayern im
Zeitplan massiv hinterherhinkt.
Brüssel will die europäischen Energie-
undBreitbandnetze sowie die Transport-
wege durch ein milliardenschweres För-
derprogramm ausbauen. Das am Mitt-
woch vorgestellte EU-Infrastrukturpa-
ket soll ab 2014 greifen und grenzüber-
schreitende Projekte „von europäischem
Interesse“ stützen, an denen mindestens
zwei Staaten beteiligt sind. Insgesamt
würden hierfür rund 50 Milliarden Euro
bereitgestellt, sagte EU-Kommissions-
chef José Manuel Barroso. Allein31,7Mil-
liarden Euro sollen demnach in die Mo-
dernisierung transnationaler Verkehrs-
wege fließen. Das Programm zielt darauf
ab, mit Hilfe von Zuschüssen, Darlehen
oder Investitionsgarantien privatwirt-
schaftliche Projekte anzustoßen, die sich
ohne Beihilfen nicht rechnen würden.
In Bayern werden nach den Vorschlä-
gen der Kommission neben dem Donau-
Ausbau und dem Brenner-Zulauf noch
die Bahnstrecken München–Prag und
Nürnberg–Prag sowie München–Freilas-
sing–Salzburg und Leipzig–Hof–Regens-
burg ins Ten-Programm aufgenommen.
Leo Huberts sagte gestern in München:
„Mit dem Programm soll der jetzige Fle-
ckenteppich aus Straßen, Schienenwe-
gen, Flughäfen und Schifffahrtskanälen
in Europa zu einem einheitlichen Ver-
kehrsnetz umgeformt werden.“ In dem
neuen Kernnetz sollen Engpässe besei-
tigt, die Infrastruktur modernisiert und
der grenzüberschreitende Verkehr flüssi-
ger gestaltet werden.
Eine besondere Priorität hat für die
EU der Brenner-Zulauf von München
nach Kiefersfelden. Die Strecke gehört
zum Korridor Helsinki–La Valetta und
soll nach den Vorgaben bis 2025 stehen.
Das wird für den bayerischen Strecken-
abschnitt eng. Jahrelang vermittelten
Bundesverkehrsministerium und Deut-
sche Bahn den Eindruck, dass sie ohne-
hin nicht an eine Realisierung des Bren-
ner-Basistunnels glaubten. Und nun lau-
fen bereits die Bauarbeiten in Österreich
undItalien. Deshalbwar vor wenigenTa-
gen eine hochrangige EU-Delegation in
München, um mit der Deutschen Bahn
und der Österreichischen Bundesbahn
über die Situation zu sprechen. Dem-
nächst ist ein Besuch bei Verkehrsminis-
ter Martin Zeil (FDP) geplant. Huberts:
„Wir machenpolitischenDruck. Wir kön-
nen es uns nicht leisten, Millionen in ei-
nen Tunnel zu stecken, und dann kann er
wegeneines Engpasses inBayernnicht in
vollem Umfang genutzt werden.“ In Ti-
rol soll die Strecke nächstes Jahr fertig
sein, die Arbeiten wurden ein paar Kilo-
meter vor der Grenze gestoppt, weil der
Anschluss nach Bayern nicht feststeht.
Bundesverkehrsminister Peter Rams-
auer (CSU) hat auf die Bauarbeiten bei
den Nachbarn inzwischen reagiert. Wie
das Ministeriumbestätigte, gibt es für Ja-
nuar nächsten Jahres einen Termin, bei
demeine deutsch-österreichische Verein-
barung über Planung und Bau der Stre-
cke München–Rosenheim–Kiefersfelden
unterzeichnet werden soll. Die plötzliche
Eile unddie bisherigen Ausbaupläne sto-
ßen bei vielen Lokalpolitikern auf massi-
ve Kritik. Sie fühlensichnicht genugein-
gebunden in die Überlegungen.
Auf Widerstandwirdaucheine Kanali-
sierung der 70 freifließenden Donaukilo-
meter zwischen Straubing und Vilshofen
stoßen. Umweltverbände, Grüne und ein
Großteil der niederbayerischen Bürger
wollen einen Ausbau nicht hinnehmen.
Deshalb läuft derzeit ein von der EU fi-
nanziertes Monitoring. Huberts: „Wir
müssen so lange reden, bis wir eine Lö-
sung finden.“ Aus dem Umweltminsteri-
umhießes gesterndazu: „Über die bayeri-
sche Donau wird in München und Berlin,
nicht in Brüssel entschieden.“
Abrechnung
in Garmisch
33-Jähriger in
Wohnheim erstochen
Ministerium
macht Druck
Etwa 40 Kommunen wehren sich
gegen Sendemast für den Digitalfunk
Bayerische Löcher im europäischen Verkehrsnetz
Die EU will grenzüberschreitende Projekte mit viel Geld fördern, doch im Freistaat hakt es – am vordringlichsten beim Zulauf für den Brenner-Basistunnel
Seite 34 / Süddeutsche Zeitung Nr. 242 HF2 Donnerstag, 20. Oktober 2011

BAYERN
Margarete Bause bei der konstituierenden Sitzung des Landtags imJahr 1986 am
Rednerpult. Unter den Zuhörern in den Reihen der CSU: Franz-Josef Strauß und
Edmund Stoiber. Foto: Grünen-Fraktion/Wolfgang Maria Weber
Auch den Ausbau der
niederbayerischen Donau
will die EU forcieren.
Immer Ärger mit
der Verwandtschaft
Mit drei zusätzlichen Prüfungen in den Fächern Deutsch, Mathe oder Englisch
soll das Abitur bundesweit vergleichbarer werden. Foto: dapd
Von Silke Lode
und Michael Tibudd
München – Die Rathaus-Fraktion der
SPD hat vorgeschlagen, mehrere hun-
dert Millionen Euro aus der Stadtkasse
in den Wohnungsbau zu investieren. Da-
bei hat die SPD vor allem die Rücklagen
für PensionszahlungenimBlick. 300 Mil-
lionenEurohat die Stadt dafür laut Käm-
merer Ernst Wolowicz freiwillig in deut-
sche Staatsanleihen und Pfandbriefe in-
vestiert. Den SPD-Vorschlag hält er für
„nachdenkenswert“. Da bislang keine
Kommune inBayern ihre eisernen Reser-
ven in den Wohnungsbau steckt, rechnet
der Kämmerer allerdings mit einer recht-
lichenPrüfung, die mehrere Monate dau-
ern könne.
Fraktionschef Alexander Reissl erläu-
terte, dass die SPD das Geld über einen
geschlossenenImmobilienfonds investie-
ren will, dessen alleiniger Eigentümer
die Stadt wäre. Bauherren könnten dann
mit dem Kapital des Fonds und zusätzli-
chem Fremdkapital zum Beispiel die
städtischen Wohnungsbaugesellschaften
sein. Andreas Lotte, wohnungspoliti-
scher Sprecher der SPD, ergänzte, man
könne angesichts begrenzter Bauflächen
auchbestehende Wohnungenkaufen. Da-
bei schloss er nicht aus, dass auch GBW-
Wohnungen gekauft werden könnten.
Wegen des Streits um die womöglich
zum Verkauf stehende BayernLB-Toch-
ter GBW AG mit ihren 10 000 Wohnun-
geninMünchenhabendie Grünenvorge-
schlagen, das Thema inder Vollversamm-
lung des Stadtrats kommende Woche zu
behandeln. Gleiches fordert die Münch-
ner CSU, die einen Kauf der GBW durch
die Städtischen Wohnungsbaugesell-
schaften wünscht.
Oberbürgermeister Christian Ude be-
tont, dass aus seiner Sicht noch vor kon-
kreten Verkaufsverhandlungen zusätzli-
che Regelungen zum Schutz der Mieter
notwendig seien. „Alle Garantien in
Kaufverträgen bergen Fallstricke“, sagt
Ude. „Nur eine Ergänzung der Mietver-
träge ist eine sichere Vorgehensweise.“
Er hat die Stadtsparkasse beauftragt, ih-
re MöglichkeitenzumErwerbvonImmo-
bilienauszulotenundüberdies imbayeri-
schenSparkassenverbundlandesweit da-
für zu werben. Außerdemverweist er auf
Aktivitätender städtischenWohnungsge-
sellschaften Gewofag und GWG. Unter
Federführungder GWGwill sicheinbay-
ernweites Konsortium aus kommunalen
und privaten Wohnungsbauunterneh-
men in den Bieterprozess einbringen,
wenn es dazu kommt. Ude sieht nur eine
Option, in der zusätzliche Klauseln in
den Mietverträgen nicht notwendig wä-
ren: „Wenn der Freistaat die Wohnungen
übernimmt, braucht es das nicht.“
Vom Freistaat als Käufer will man in-
des beim zuständigen bayerischen Fi-
nanzministerium nichts wissen. „Ich be-
grüße es ausdrücklich, wenn die kommu-
nale Seite die GBW erwerben soll“, sagt
Finanzminister Georg Fahrenschon.
„Selbstverständlich sind auch Städte
und Sparkassen eingeladen, konzeptio-
nelle Angebote zum Erwerb der GBW
AG zu machen.“ Vorab-Verhandlungen
erteilt er eine Abfuhr. Die BayernLBwer-
de sich im Fall eines Verkaufs aber „da-
für einsetzen, dass diese sozialen Stan-
dards auchbei einemneuenAktionär Be-
rücksichtigung finden“.
Wie ein solcher Prozess laufen kann,
zeigt ein Blick nach Baden-Württem-
berg. Dort erhielt die Landesbank
LBBWbereits imJuli vonder EUdie Auf-
lage, ihre Immobilientochter mit einen
Bestand von 21 000 Wohnungen zu ver-
kaufen. Inzwischen läuft ein Bieterver-
fahren, das bis Ende des Jahres abge-
schlossen sein soll. Klauseln zumMieter-
schutz sind dort jetzt ein Thema – vorab
wurden keine gesonderten Vereinbarun-
gen getroffen.
München – Weil er bei Arbeiten an einem
Baum mit seiner Kettensäge aus Verse-
hen seinen Sicherheitsgurt durchtrennt
hat, ist ein 56-jähriger Gartenbauer am
Dienstag aus sechs Metern Höhe abge-
stürzt und hat sich schwer verletzt. Um
16.45 Uhr wollte der Mann in der Hal-
finger Straße in Trudering Äste eines ab-
gestorbenen Baumes absägen. Dabei
schnitt er laut Polizei seinenGurt ab, ver-
lor das Gleichgewicht und stürzte auf ei-
ne Steintreppe. Mit schweren Verletzun-
genamRückenundamBeinmusste er im
Krankenhaus behandelt werden. ffu
Pullach – Mit seiner Geothermie-Anlage
fühlt sichPullachseit Jahrenals Umwelt-
pionier. Jetzt will die Isartalgemeinde kli-
maschonend nachlegen: Auf Antrag der
CSU-Fraktion beschloss der Gemeinde-
rat, ein Zuschuss-Programm zur Strom-
einsparung in Form einer „Abwrackprä-
mie für Haushaltsgeräte“ zu entwickeln.
Gefördert werden soll die Anschaffung
besonders sparsamer Kühlschränke, Ge-
schirrspüler, Wasch- und Trockengeräte
sowie Heizungsumwälzpumpen. Die kon-
trollierte Entsorgung von Altgeräten
könnte über den kommunalen Wertstoff-
hof abgewickelt werden, schlägt die CSU
vor. Das Programm soll zunächst befris-
tet eingeführt werden. Der Vorschlag der
Union stieß auf Zustimmung, doch wur-
de auchSkepsis laut. Vor allem„Mitnah-
meeffekte“ und einen hohen bürokrati-
schenAufwandbefürchteneinige. Vonei-
nem „Alimentierungsprogramm auch
für Millionäre“ sprach ein SPD-Vertre-
ter. „Wer sichinPullacheinHaus hinstel-
len kann, braucht unsere Unterstützung
nicht.“ wol
München – Die Landeshauptstadt be-
kommt vom Bayerischen Landtag kei-
ne zusätzliche Schützenhilfe im
Kampf gegen die Wohnungsnot. Im
Kommunalausschuss des Landtags
scheiterten SPD und Grüne am Mitt-
woch mit einem Vorstoß, der auf ein
Umwandlungsverbot von Miet- in Ei-
gentumswohnungen in vielen Innen-
stadtrandbereichen hinauslaufen hät-
te können. In den dort bestehenden Er-
haltungssatzungsgebieten hätte die
Stadt dann solche Verbote ausspre-
chen können. Allerdings müsste die
Staatsregierung dafür laut Baugesetz-
buch den Weg frei machen.
Dochdas lehnten CSU, Freie Wähler
und FDP ab. Zwar sei der Wohnungs-
mangel „das gravierendste Problem
der Landeshauptstadt“, gestand der
Münchner CSU-Abgeordnete Andreas
Lorenz zu. Doch Erfahrungen in Ham-
burg hätten gezeigt, dass das Instru-
ment bürokratisch sei. „Wir können im
Landtagnicht andauerndSpezialgeset-
ze für die Landeshauptstadt machen“,
sagte Lorenz, zumal sich diese durch
langsame Planungen und zögerliche
Verkäufe selbst „wie einWohnungsspe-
kulant“verhalte. Grüne undSPDargu-
mentierten dagegen, die Lage in Mün-
chen werde sich durch Zuzüge noch
verschärfen. Man solle also die Stadt
selbst entscheiden lassen, ob sie auf ein
solches Umwandlungsverbot setzen
will, sagte die Grünen-Abgeordnete
Christine Kamm.
Mit Erhaltungssatzungen versucht
die Stadt, die Folgen von städtebauli-
cher Aufwertung abzufedern. Derzeit
gibt es 14 solcher Bereiche, sie betref-
fen 92 000 Wohnungen. fmue
München/Würzburg – Knapp einen Mo-
nat langwar es still gewordenumdie Pla-
giatsvorwürfe gegendenMünchner FDP-
Bundestagsabgeordneten und Rechtsan-
walt Daniel Volk. Nun aber haben sich
die Betreiber der Internetplattform Vro-
niPlag wieder zu Wort gemeldet. Auf ih-
rer Homepage habendie Plagiatsjäger ei-
nen Bericht zu Volks Dissertation zum
Thema „Die Begrenzung kriegerischer
Konflikte durch das moderne Völker-
recht“ veröffentlicht. Auf 80 der 186 Sei-
ten soll Volk abgeschrieben haben, ohne
dass er die Quellen richtig genannt hat.
Laut der VroniPlag-Statistik soll sich
auf zehn Seiten zwischen 50 und 75 Pro-
zent Plagiatstext finden, auf vier Seiten
sogar noch mehr. Volk weist die Vor-
würfe von VroniPlag zurück. Seine Dis-
sertation sei natürlich kein Plagiat. „Ich
beobachte das schonlänger undhabe mir
jede einzelne Stelle angeschaut“, sagte er
auf Nachfrage der SZ. Er könne jedoch
nicht erkennen, was genau die Wissen-
schaftlichkeit seiner Arbeit einschrän-
ken solle. Volk hatte seine Dissertation
2005 an der Julius-Maximilians-Univer-
sität in Würzburg eingereicht. Deren
Pressesprecher Georg Kaiser erklärt,
dass sich die Universität bereits mit den
Vorwürfen gegen Volk beschäftige. Bis-
her liege noch kein Ergebnis vor. mest
Von Bernd Kastner
D
ie Mieter bangen, die Verbände war-
nen, die Politiker reden. Das tun al-
le schon immer, in den vergangenen Ta-
gen aber verstärkt, da immer klarer
wird, dass die Landesbank ihre Wohn-
bau-Tochter GBW verkaufen muss.
34 000 Wohnungen besitzt Bayerns größ-
ter Vermieter, gut 10 000 davonimGroß-
raumMünchen. Der wohl größte Immobi-
liendeal seit demVerkauf der NeuenHei-
mat steht an. Was aber passiert mit den
Mietern, die sich bisher auf ihren sozia-
lenVermieter verlassenkonnten? Die Po-
litiker übertreffen sich gegenseitig mit
Forderungen und Versprechungen, alle
umschmeicheln den Mieter als solchen.
Redet nicht nur!, möchte man Politik
und Immobilienwirtschaft zurufen.
Traut euch auch mal was Neues, es darf
auchkreativ sein. Das Konsortiummit ei-
ner städtischen Wohnbau-Gesellschaft
an der Spitze als Bieter für die GBW ist
ein guter Ansatz. Warum aber nicht wei-
ter gehen? Man könnte Genossenschaf-
ten einbinden, jene Unternehmen, die ih-
ren Mitgliedern gehören, also den Mie-
tern. Erlaubt ist auch, noch kühner zu
denken: Neue Genossenschaften grün-
den und an sie die GBW-Bestände ver-
kaufen, aufgeteilt nach Regionen. Be-
stimmt würdensichviele Bewohner enga-
gieren, auchfinanziell, wennihnenKom-
munen und Freistaat dabei helfen und
man ihnen die Vorteile erklärt.
Gewiss, ein ambitionierter Gedanke in
einer Region, deren Immobilienmarkt
sich nicht durch Innovation, sondern
durchschamlose Preise auszeichnet. Um-
so nötiger ist Mut. Die staatliche GBW
bliebe mit Genossenschaften in Bürger-
hand. Nicht Investoren, sondern die Be-
wohner behieltendie Hoheit über ihr Zu-
hause. In Zeiten, da sich immer mehr
Menschen übergangen und ausgenutzt
fühlen von anonymen Finanzjongleuren,
wäre dies ein Gegenpol. Wagt mehr De-
mokratie, auch in den Mietshäusern!
Wohnungen statt Staatsanleihen
Die SPD will rund 300 Millionen Euro Rücklagen aus der Stadtkasse in Immobilien investieren – der Kämmerer prüft die Pläne
München/Freising – Die Debatte um die
umstrittene Startbahnfür denMünchner
Flughafengeht weiter: AmheutigenDon-
nerstag beschäftigen sich eine Stadtver-
sammlungder Grünenundauchder Bay-
erische Landtag mit der Frage. Die FDP-
Fraktionbeantragte für das Landtagsple-
num eine aktuelle Stunde. Sie wolle da-
bei auch ihr „massives Unverständnis“
über die Grünen und deren Überlegun-
gen deutlich machen, den Kampf gegen
die Startbahn auch bei einem positiven
Votum der Münchner beim geplanten
Bürgerentscheid deutlich machen, hieß
es. Ähnlich sieht es die SPD: Hans-Ul-
richPfaffmann, Vorsitzender der Münch-
ner SPD, nannte Äußerungen des Grü-
nen-Landesvorsitzenden Dieter Jane-
cek, den Münchner Entscheid imZweifel
nicht anerkennen zu wollen, am Mitt-
woch „undemokratisch“. Hier zeige sich
der „Wandel der Landes-Grünen von der
selbst ernannten Premium-Opposition
zur Sowohl-als-auch-Partei“, kritisierte
er.
Die Freien Wähler forderten unterdes-
sen, auch den Haushaltsausschuss mit
der Finanzierung der Startbahnzubefas-
sen. Bisher werde „mit öffentlichen Gel-
dern Glücksrad gespielt“, sagte der Frei-
singer Abgeordnete Manfred Pointner.
Die Grünen in Stadt und Landkreis
Freising unterstützen das Bürgerbegeh-
ren, das die Münchner Parteifreunde ge-
gendenBaueiner drittenStartbahniniti-
ieren wollen. Man sehe in diesem Schritt
eine große Chance, den Flughafenausbau
zu verhindern und werde bei den Vorbe-
reitungen helfen, hieß es bei einer Orts-
versammlung der Partei in Freising.
fmue/vo/psc
Neuer Plagiatsvorwurf
gegen FDP-Politiker
Die Macht
der Mieter
Flughafen-Ausbau:
Herbe Kritik an Grünen
Hilfe abgelehnt
SPD und Grüne scheitern im Landtag mit Vorstoß zu mehr Mieterschutz in München
Arbeiter stürzt
sechs Meter tief
Abwrackprämie
für Haushaltsgeräte
Donnerstag, 20. Oktober 2011 Süddeutsche Zeitung Nr. 242 / Seite 35

MÜNCHEN
Gerade erst fertiggestellt worden ist die Wohnanlage der GBW-Gruppe an der Münchner Leopoldstraße. Foto: Catherina Hess
Kommentar
Professor Werner Müller-Esterl fragt in
seiner Außenansicht mit demTitel „War-
umden deutschen Unis ein Qualitätsver-
lust droht“ vom 4. Oktober zu Recht, ob
das Ziel der deutschen Bildungspolitik
nicht die Transformation der Universitä-
ten in Einrichtungen von internationaler
Spitzenklasse war, bis die Unterfinanzie-
rung alle entsprechenden Ansätze wie-
der zunichte machte. Allerdings hege ich
starke Zweifel, ob Müller-Esterl und ich
dieselbe Meinung teilen, was eine inter-
nationale Spitzenuniversität ausmacht.
Sind das Massachussetts Institute of
Technology (MIT) und Harvard deswe-
genweltweit anerkannte Eliteuniversitä-
ten, weil es dort wahrscheinlicher ist, mit
Spitzenforschung (und-forschern) inBe-
rührung zu kommen als an einer durch-
schnittlichen deutschen Universität?
Oder sind sie es, weil Studenten dieser
Universitäten eine exzellente Ausbil-
dung, sowohl fachlich als auch der eige-
nen Persönlichkeit, genießen?
Für Müller-Esterl scheint die Frage
der Ausbildung untergeordnet zu sein. In
seinem Text kommen Studenten nur in
der Form des Ärgernisses (sie halten den
Wissenschaftler vonseiner Forschungsar-
beit ab) oder als Opfer der Folgen staatli-
chen, nicht universitären, Missmanage-
ments vor. Ich wage dagegen die in der
deutschen Universitätslandschaft uner-
hörte These in den Raum zu stellen, dass
Universitäten einstmals zu dem Zweck
gegründet wurden, junge Menschen zum
Wohle der Gemeinschaft auszubilden.
Sollte also ein Text, der sich mit den Pro-
blemen der Universität beschäftigt, da-
her seinen Fokus nicht auf den Studen-
ten richten?
Das Studium eines dieser schrecklich
unmodernen Diplomstudiengänge ließ
mir genug Freiheit, michnahezuvier Jah-
re inder Studentenvertretung zuengagie-
ren. In dieser Zeit konnte ich die Umstel-
lung auf das neue Bologna konforme Sys-
tem und die Auswirkungen auf die Stu-
denten sehr gut beobachten. Es geht da-
bei nicht um die Frage, ob Bologna gut
oder böse ist (die Wahrheit liegt wie so
oft irgendwo dazwischen), aber es ist auf-
fällig, dass gerade die Persönlichkeitsbil-
dung auf der Strecke bleibt. DenStuden-
ten fehlt schlicht die Zeit, auch einmal
nach links und rechts zu gucken. Nicht
nur muss der gleiche Stoff in weniger
Zeit geschafft werden, auch müssen oft
mehr Einzelleistungenals bisher nachge-
wiesen werden. Um mich damals für das
studentische Ehrenamt zu gewinnen,
reichte die Aussicht, mich ausprobieren
zu können und wertvolle persönliche Er-
fahrungen zu sammeln. Heute verliert
man die Studenten in dem Moment,
wenn ihnen aufgeht, dass sie keine Cre-
dit Points, Leistungspunkte, für ihr Enga-
gement bekommen können.
Gleichzeitig werdendie Studentenim-
mer jünger. Bald wird es wegen vorgezo-
gener Einschulungstermine 17-Jährige
geben, die an die Universitäten drängen.
Allerdings wird nicht jeder mit 17 bereits
wissen, was er vom Leben erwartet, wo
er hin will und wo seine Stärken und
Schwächen liegen. Es ist daher umso
schwerwiegender, wenn den jungen Stu-
denten nach der wegweisenden Studien-
wahl nicht wenigstens die Möglichkeit
gegeben wird, sich auszuprobieren, Er-
fahrungen zu sammeln und vielleicht
auch in Form von persönlichen Gesprä-
chen mit Dozenten, die dafür Zeit und
Muße aufbringen können, den eigenen
Weg zu finden. Denn zwanzigjährige
Akademiker ohne inneren Kompass sind
für Unternehmen auch nicht attraktiver
als dreißigjährige Bummelstudenten.
Alexander Labinsky
Dresden
Die schöne Pinakothek der Moderne mit
ihrenzufrühenBauschäden ist sicher ein
Opfer der Komplexität imBaugeschehen
(„Pfusch am Bau“, 13. Oktober). Wenn
Betonqualität und Wandstärke demRot-
stift geopfert werden, dannliegendie Fol-
gendavonaber sicher nicht inder Verant-
wortung der Architekten und Ingenieu-
re, die diesen noch vor drei Jahrzehnten
verfemten Baustoff heute als „Marmor
des 21. Jahrhunderts“ verfeinernund be-
wusst einsetzen. Auch an der Pinakothek
der Moderne ist dieses veredelte Material
wirkungsvoll eingesetzt worden. Welch
einGlück, dass die Risse (vorerst?) nur an
der Rotunde aufgetreten sind, die wohl
allzu sorglos billiger gemacht worden ist.
Die erzwungene Senkung der Baukosten
spiegelt unser kurzsichtiges „Dagobert-
Wertesystem“, in demGeld wichtiger als
Baukunst ist. Und wer beschwört diesen
von Nachhaltigkeit so meilenweit ent-
fernten Götzen der Gier: Die einäugigen
Ökonomie-Priester der Wegwerf-Gesell-
schaft, denen immer noch zu viele Ent-
scheidungsträger glauben.
Dr. Dietrich W. Schmidt
Stuttgart
Abneigung gegen
bewährte Bauverfahren
Einige Ursachen spricht der Beitrag von
Gerhard Matzig nicht an, die ich nach
jahrzehntelanger BeteiligungamGesche-
hen und Gesprächen mit Auftragneh-
mern ergänzen möchte: Es sind einmal
die Vergabevorschriften der öffentlichen
Hand. Sie führen zu einem die Qualität
senkendenPreisdruck, weil praktischim-
mer die billigsten Anbieter zum Zuge
kommen, die ihre niedrigen Preise nur
durch billigen Pfusch erreichen können.
Erfahrene Ingenieure kalkulieren in der
Regel den Entwurf des Angebotes, Kauf-
leute entscheiden anschließend über die
Höhe des endgültigen Angebotspreises.
Die Bauleiter müssen später mit dem
Zwiespalt zwischen Qualität und niedri-
gem Preis zurecht kommen. Das muss zu
einem ständigen Absinken der Qualität
führen.
ImHochbau kommt die seit einemhal-
benJahrhundert sichtbare Abneigungge-
gen bewährte Bauverfahren und überlie-
ferte Gestaltung im Sinne abendländi-
scher Baukultur hinzu. Naturgesetzlich
wohnen nicht bewährten, extravaganten
Konstruktionen Risiken inne, die ebenso
wie der Preisdruck zu Baumängeln füh-
ren. Eine Verbesserung der Zustände
könnte dadurch erreicht werden, dass
die Bauherren auf riskante billige, oft-
mals aber besonders ins Auge springende
Konstruktionen verzichten und die Ver-
gabevorschriften – auch europaweit – so
geändert werden, dass grundsätzlich der
zweitbilligste Anbieter und nicht mehr
der billigste Anbieter beziehungsweise
die billigste Anbietergemeinschaft zum
Zuge kommt. Das könnte dazu führen,
dass der Zwang, zu niedrigsten Preisen
schlechte Qualität anzubieten, deutlich
verringert wird. Wolfgang Hendlmeier
München
Seit über die Proteste zum15. Oktober in
Deutschland berichtet wird, werden die
Ereignisse von Ihnen und sämtlichen an-
deren großen deutschen Medien in ein
völlig falsches Licht gerückt („Protest-
welle gegen Banken erreicht Europa“,
15./16. Oktober). Die Behauptung, dass
es bei diesen Protesten hauptsächlich um
Kritik an den Banken gehe, ist genauso
falsch wie die, dass die Protestwelle aus
New York nach Europa geschwappt sei.
Die derzeitigen Missstände im Banken-
und Finanzsystem sind ein Symptom,
das selbstverständlich behandelt werden
muss. Eigentliche Zielscheibe der Protes-
te sind jedoch die Politik und die Partei-
politiker, welche diese Missstände erst er-
möglicht undzugelassenhaben. Sie inter-
essierensichfür die Bedürfnisse der Men-
schen schon lange nicht mehr. Schon im
August gab es in Berlin Demonstratio-
nen mit geringerer Beteiligung und Ver-
suche, Protest-Camps zu errichten, die
von der Polizei teils gewalttätig unter-
bunden wurden. All dies lange vor Occu-
pyWall Street. Der Aufruf für den15. Ok-
tober als weltweiter Aktionstag kam be-
reits im Juni und ging von Spanien aus.
Die Spanier wiederum schauten bei der
Organisation ihrer seit Mai andauernden
Proteste nach Ägypten und Tunesien.
Aber natürlich kann man im Westen
nicht öffentlich zugeben, dass eine Idee,
die Zehn- oder Hunderttausende Men-
schen bewegt, nicht aus den USA
kommt, sondern letztendlich auf eine
Freiheits- und Demokratiebewegung in
der arabischen Welt zurückzuführen ist.
Andreas Pfeuffer
Dachau
Demonstrationen werden
als linkslastig diffamiert
Ihre Überschrift lenkt – absichtlich oder
unbeabsichtigt – von denen ab, die den
Banken die Grenzen ihres Handelns vor-
geben müssten: Die von uns Bürgern in
sinnlos gemachten Ritualen immer wie-
der gewählten Parteien legen ihren ge-
setzgeberischen Entscheidungen immer
rücksichtsloser die Interessen von Ban-
ken und Konzernen zu Grunde anstatt
die vorrangigen Interessen der Bürger,
Steuerzahler und Wähler. Rechtliche
Konsequenzen haben sie daraus ja nicht
zuerwarten. Mit demWechsel der Partei-
en in der Regierungs„verantwortung“
können sie gut leben, zumal in Koalitio-
nen. Da also insbesondere die Parteiprä-
sidien Wählerauftrag und Amtseid (und
oft aucheigene Wahlversprechen!) syste-
matischignorieren, müssendie Mechanis-
men diesem Verhalten angepasst wer-
den. Dabei ist die Entwicklung der Abge-
ordneten-Diäten bisher völlig abgekop-
pelt von sozialen, ökologischen oder frie-
denspolitischen und volkswirtschaftli-
chenFaktoren. Auf Grundvielfältiger zu-
sätzlicher, in der Regel legaler, wenn
auch massive Abhängigkeiten schaffen-
der NebeneinnahmenundPost-Mandats-
zeit-Arbeitsverhältnissen und -Berater-
verträgenist dies ein Nebenaspekt, trotz-
dem aber korrekturbedürftig. Diese
wachsenden Proteste als „linkslastig“ zu
diffamieren, entspricht demseit demKal-
ten Krieg verbreiteten Freund-Feind-
Schema, aber nicht der gesellschaftli-
chen Realität in den Industriestaaten.
Manfred Bauer
München
Auf den Amtseid
besinnen
Herr Beise („Die Banker warenes nicht“,
18. Oktober) reitet eine Entlastungsatta-
cke für die Banken zu Lasten der Politik.
Das wird den Bankern sehr gefallen. Die
Politiker müssen sich erst einmal wieder
auf ihren Amtseid besinnen, in dem sie
schwören, Schaden vom Volk zu abwen-
denundseinenNutzenzumehren. Bis da-
hin können wir nur hoffen, dass die im
Zentrumdes US-Imperiums auf die Stra-
ße getragene Unruhe um sich greift und
das Wirken der radikalen Marktwirt-
schaft endlich begriffen wird: Die Fede-
ral Reserve, gegründet 1913, hat als priva-
te Einrichtung dass alleinige Recht, Geld
aus dem Nichts zu schöpfen – sie be-
druckt Papier, das seinen Wert durch die
in der übrigen Welt geleistete Arbeit er-
hält. Internationaler Währungsfonds,
Weltbank (seit Bretton Woods 1944) und
die Welthandelsorganisation (seit den
1990er Jahren), sind die Einrichtungen
zur Eintreibung der Beträge, die Ameri-
kaner benötigen, um ihre Konsumge-
wohnheiten und ihren Lebensstandard
zu erhalten. Heinrich Triebstein
Kassel
„Er fällt immer
auf dein Geld“
Wie man sieht, oder lesen kann, die Kri-
tik am Kapitalismus und dessen Aus-
wüchsenist nichts Neues („Besetzt Bank-
furt!“, 15./16. Oktober), denn wie
schrieb schon Kurt Tucholsky: „Und
geht’s gut, so ist der Kapitalist eintüchti-
ger Kerl, auch zeigt dies, dass die Wirt-
schaft nicht auf private Initiative verzich-
ten kann. Geht’s aber schief, so ist das
ein elementares Ereignis, für das natür-
lich nicht der Nutznießer der guten Zei-
ten, sondern die Allgemeinheit zu haften
hat. Wirf den Bankier, wie du willst: er
fällt immer auf dein Geld.“ Horst Baus
München
Kampf gegen die
Gerechtigkeitslücke
„Empört euch!“ schreibenSie am10. Ok-
tober. Ja, kann ich da nur sagen, denn
Empörung ist angesagt. Was uns Alexan-
der Hagelüken an Argumenten gegen
denreal existierenden Kapitalismus auf-
listet, ist beachtlich. Jedes Argument ein
Faustschlag gegen die „Macht der Fi-
nanzindustrie“. Und jeder Satz trifft zu,
leider auch der: „... es zahlt erneut der
Steuerzahler.“ Natürlich sollte sich der
Protest einer breiten Bürgerschaft gegen
die anstehende „zweite gigantische Um-
verteiung“ zu Lasten der Steuerzahler
richten. Wie lange soll es denn noch hei-
ßen: Wir müssen die Banken retten? Jetzt
müssen zuerst jene dran sein, die bisher
von den riesigen Finanzkrisen profitiert
haben, die ihre Gewinne „privatisieren“
und ihre Verluste „sozialisieren“. Die
Parteien sind allesamt gefordert, gegen
die sich neu auftuende Gerechtigkeitslü-
cke vorzugehen. Verständlich, dass ich
diese Forderung auch an meine Partei,
die SPD, richte. Georg Kronawitter
München
Die Globalisierung der Occupy-Wall-Street-Bewegung: „Ich habe Frankfurt und London an der Strippe.“ – „Sie meinen es
ernst.“ Illustration: Chappatte
Zielscheibe der Proteste ist die Politik
Die Occupy-Bewegung kritisiert nicht in erster Linie die Banken, sondern die Willfährigkeit der Volksvertreter gegenüber der Wirtschaft
Nur noch Zeit für
Credit Points
An modernen Universitäten bleibt die
Persönlichkeitsbildung auf der Strecke
Wertesystem
à la Dagobert
In der Architektur sollte die Baukunst
vor der Ökonomie kommen
Einsatz in Afghanistan
hat seine Ziele verfehlt
Nunist es schon zehn Jahre her, dass US-
Truppen die Taliban in Afghanistan be-
siegt haben („Am Abzug“, 5. Oktober).
Überschattet wird dieses „Jubiläum“
von der Rückkehr der Islamisten und ei-
ner würdelosen, parteipolitisch gepräg-
ten Diskussion über einen Truppenab-
zug. Der eigentliche Grund für den Ein-
satz der USAundder Nato indiesemewi-
gen Krisengebiet ist heute in den Hinter-
grund getreten. Damals wollte man die
Menschenrechte der Afghanen, beson-
ders der Frauen und Kinder, sicherstel-
len und einen demokratischen Staat auf-
bauen. Dies ist gründlich misslungen.
Solange die unfähige undkorrupte Re-
gierung in Kabul vom Westen gefördert
wird, ohne das man bestimmte Stan-
dards durchsetzt, wird man den Taliban
einen bequemen Weg zurück bereiten.
Mit einemvoreiligen, durch die jeweilige
Innen- und Parteipolitik bestimmten
Truppenabzug wird ein Signal gesetzt,
das die Rückkehr der Extremisten sogar
noch beschleunigt. Insgesamt kann man
von einer verfahrenen Situation spre-
chen, die von politischer Halbherzigkeit
und Wahlkampf-Erwägungen getragen
wird und die von den dort eingesetzten
Soldaten Unerfüllbares verlangt.
Peter Krusche
Bad Krozingen
Vietnam verfolgt
Regimegegner
Ich bedaure, dass Sie auf die Menschen-
rechtslage in Vietnam nicht genauer ein-
gegangen sind („Merkel wirbt um Viet-
nam“, 12. Oktober). Wenn Sie nur die
Idee Merkels zitieren, dass ein Land so
hoher Bildung wie Vietnam „mehr Pres-
sefreiheit“ gewährenmüsse, dannverbin-
det man das nicht gleich mit politischen
Gefangenen in Vietnam: das sind Blog-
ger, Gewerkschafter, Buddhisten, Chris-
ten. In VietnamwerdenpolitischAnders-
denkende und Menschenrechtsverteidi-
ger schikaniert, bedroht und verhaftet.
Sie nutzen zum Beispiel auch das Inter-
net, umüber Menschenrechte, Demokra-
tie und politischen Wandel zu diskutie-
ren. Auf der Grundlage der nationalenSi-
cherheitsgesetze werden sie in Haft ge-
nommen. Die Behörden filtern oder sper-
ren Webseiten, um damit ihre Kontrolle
des Internets weiter zu verstärken. Be-
treiber von Internetcafés sowie Internet-
provider sollen die Nutzer überwachen.
Kritik am kommunistischen System
und der Regierung sowie deren Verbrei-
tung sind verboten, da sie nach Auffas-
sung der Regierung die nationale Sicher-
heit gefährden. Nach Artikel 88 des viet-
namesischen Strafgesetzbuches können
entsprechende Verstöße mit bis zu20 Jah-
renHaft bestraft werden. Die vietnamesi-
schen Behörden haben seit 2006 mindes-
tens 30 Dissidenten und Dissidentinnen
zulangenHaftstrafenverurteilt. Nachei-
ner kurzen Phase der Toleranz begann
imMai 2009 eine neue Verhaftungswelle.
Derzeit befinden sich mindestens zwölf
DissidentenundDissidentinneninUnter-
suchungshaft. Friedhelm Kuhl
Hagen
„Stuttgart 21“ überzeugt
kaum mehr jemanden
Das warmherzige Gefühl, dass man kein
„Beförderungsfall“, sonderneinwillkom-
mener „Kunde“ ist, umworben und ge-
schätzt, dieses Gefühl ist fort („Ramsau-
er fürchtet Zerschlagung der Bahn“,
7. Oktober). Und wo ist die sprichwörtli-
che Zuverlässigkeit der Bahn geblieben?
Die Bahn, damals nochBundesbahn, war
mal eine strahlende Marke, ein Fixpunkt
für guten Service und ein Beispiel für
nachhaltige Mobilität. Jetzt ist das alles
20. Jahrhundert – Vergangenheit eben.
Inder Schweiz ist die SBBindie ganz an-
dere Richtung gegangen. Dort fährt man
heute wirklich gerne mit dem Zug. Die
Züge sind pünktlich, der Takt funktio-
niert, sogar die Fahrtzeiten der Postbus-
se und der Nebenbahnen sind eingetak-
tet. Wirklichbeeindruckend, wie das Sys-
tem in der Fläche und an den Knoten-
punkten ineinander greift und wie es
trotz schwieriger Topografie wirklich
stimmig läuft.
Ich denke, bei „Stuttgart 21“ wird
auchmit einer nochso perfektenundpro-
fessionalisierten Medienarbeit niemand
mehr ernsthaft davon überzeugt werden
können, dass hier wirklich die „Guten“
am Werk sind. Und es geht gar nicht
mehr nur umden Bahnhof, es geht inzwi-
schen auch um den Entwurf für ein zu-
künftiges Miteinander, für angepasste
Technik und ein Mensch-Sein ohne Ren-
dite-Gedanken. Norbert Fasching
Gärtringen
Leserbriefe sind in keinem Fall Meinungs-
äußerungen der Redaktion. Wir behalten
uns vor, die Texte zu kürzen. Es können
nur Zuschriften veröffentlicht werden,
die sich auf benannte Artikel beziehen.
Zuschriften ohne Angabe des vollen
Namens und der vollständigen Adresse
können wir leider nicht bearbeiten.
Bitte geben Sie für Rückfragen auch
immer Ihre Telefonnummer an.
Fax: 089/2183-8530
E-Mail: forum@sueddeutsche.de
Seite 36 / Süddeutsche Zeitung Nr. 242 Donnerstag, 20. Oktober 2011
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Das Wetter heute: Hier und da Schauer
Zwischen einemTief über
demNorden Norwegens und einemHoch
über der Biskaya gelangt kühle Luft nach
Mitteleuropa, dabei fallen örtlich Schau-
er. Im Südosten Mitteleuropas macht
sich noch ein Tief mit Regen bemerkbar.
Im äußersten Süden be-
ginnt der Tag mit letzten Schnee- und
Regenwolken. Sonst wechselt sich et-
was Sonnenschein mit einigen Wolken-
feldern ab, dabei kann es gelegentlich
ein paar Schauer geben. Die Höchst-
temperaturen bewegen sich zwischen 6
und 11 Grad. Die Schneefallgrenze liegt
bei 700bis 900Metern. Der Wind weht
im Süden schwach bis mäßig, im Nor-
den mäßig bis frisch, an den Küsten zeit-
weise stark aus West bis Nordwest.
Freitag Samstag Sonntag
unter -10°
-10° bis -5°
-5° bis 0°
0° bis 5°
5° bis 10°
10° bis 15°
15° bis 20°
20° bis 25°
25° bis 30°
über 30°
Kanaren
07:40
18:16
--:--
14:45
20.10. 02.11. 26.10. 10.11.
1200 m Nullgradgrenze bei
Aussichten
Wetterlage
Denver
Houston
Havanna
Singapur
Hanoi
Bangkok
Manila
Hongkong
Shanghai
Tokio
Peking
Chengdu
Miami
Washington
Chicago
Toronto
New York
Los Angeles
Vancouver
Nordamerika
Europa
Asien
Warmfront
Kaltfront
Mischfront
Kaltluft
Warmluft
H
T
Hoch
Tief
Schauer 23°
Norden
Osten
Westen
Süden
(Angaben für München)
Westwind 10 km/h
Nordwestwind 35 km/h
U
ngeduldig steht Alexandra auf
den Treppenstufen zum Ein-
gangihres Hotels andenVicto-
riafällen. Die Siebenjährige
aus Schwandorf in Bayern trägt ein
T-Shirt mit aufgedrucktem Leopard, ih-
re blondenHaare sindzuZöpfengefloch-
ten. Daheim sind Ferien, und die haben
Alexandras Eltern genutzt, um mit ihr
nach Afrika zu fliegen. Sie wollen Diara
besuchen, ihr Patenkind, das in einem
SOS-Kinderdorf in Sambia lebt. Auch
Diara ist aufgeregt. Sie weiß, dass heute
Besuch aus Deutschland kommt. Seit
fünf Uhr morgens kann sie nicht mehr
schlafen, ihren Frühstücksmuffin ver-
schlingt sie, dann lässt sie sich von ihrer
SOS-Mutter ein goldenes Band ins Haar
binden. Zur Feier des Tages.
Vor zwei JahrenentschlossensichSan-
dra und Hubert Döpfer, Alexandras El-
tern, eine Patenschaft für ein Kind in
Afrika zu übernehmen. Sie fanden ein
Mädchen im Alter ihrer Tochter – nach
dem Willen des Vormunds soll es in der
Zeitung Diara heißen. „Ich wollte schon
immer mal die Victoriafälle sehen“, sagt
Sandra Döpfer, „deswegen entschieden
wir, ein Mädchen aus dem nahe gelege-
nen Livingstone zu unterstützen.“ Denn
von Anfang an stand für die Familie fest,
einmal einen Urlaub mit einem Besuch
im SOS-Kinderdorf zu verbinden. „Uns
war es sehr wichtig, Diaras Heimat ken-
nenzulernen und zu sehen, wie sie lebt“,
sagt Sandra Döpfer. „Außerdem wollen
wir unserer Tochter zeigen, wie gleichalt-
rige Kinder auf einem anderen Konti-
nent leben.“
Und nun ist es endlich so weit. Als sich
Diara und Alexandra das erste Mal in
den Arm nehmen, muss Alexandra sich
leicht bücken, denn sie ist fast doppelt so
groß wie Diara. ImHintergrund singt ein
Gospelchor, der die Gäste des vorneh-
men und im Kolonialstil gehaltenen
„Royal Livingstone Hotel“ begrüßt. Die
Döpfers wohnenhier undhabendie Klei-
ne aus dem Kinderdorf herbringen las-
sen, umbei der erstenBegegnung imklei-
neren Kreis zu sein. Außerdem liegt das
Hotel nahe an den Wasserfällen, die Dia-
ra noch nie gesehen hat, obwohl das Kin-
derdorf nur 15 Autominuten davon ent-
fernt liegt. Alexandrahängt Diaraals Ge-
schenk eine Kette mit einem Schmetter-
lingsanhänger um. Dieselbe baumelt
auch um ihren Hals. „Thank you!“ flüs-
tert Diara leise. Dann fahren sie los, zu
den Victoriafällen. Das Rauschen der
mächtigen Wasserfälle, die zum Unesco-
Weltnaturerbe gehören, dröhnt schon
von weitem. Aufgeregt blicken Alexan-
dra und Diara aus dem Autofenster, hal-
ten Ausschau nach Giraffen oder Elefan-
ten im Buschland. Und dann, an der Ab-
sperrung, stehen die Kinder mit offenen
Mündern da und sehen zu, wie das Was-
ser tosend in den Abgrund stürzt.
Seit der erstenUmarmung sinddie bei-
den Mädchen unzertrennlich. Sie halten
sich an den Händen. Diara will nun auch
die Haare so lang wachsen lassen wie das
Mädchen aus Deutschland, Alexandra
wünscht sich die Löckchen von Diara.
Sie verstehensich– unddas, obwohl Dia-
ra Tonga spricht und Alexandra
Deutsch. Beide fangen gerade erst an,
Englisch zu lernen – und beschließen,
nunschneller Fortschritte zumachen, da-
mit sie sich Briefe schreiben können.
Sambia wird als „das wirkliche Afri-
ka“ beworben. Hier sollen Abenteurer
nochursprüngliche Städte undwilde Na-
tur finden. Das etwa 100 000 Einwohner
zählende Livingstone indes bietet Touris-
ten zahlreiche Hotels und Restaurants.
Leicht kann man hier übersehen, dass
Sambia zu den ärmsten Ländern der
Welt gehört. Die Zahl der HIV-Infizier-
ten ist extremhoch und trägt dazu dabei,
dass die durchschnittliche Lebenserwar-
tung der Menschen nur 37 Jahre beträgt.
Mehr als 750 000 Aids-Waisen leben in
Sambia. Nur einProzent aller Waisenkin-
der findet einen Platz in einer sozialen
Einrichtung. So wie Diara.
Vor drei Jahren brachten Sozialarbei-
ter sie mit ihremBruder und ihrer jünge-
ren Schwester in das SOS-Kinderdorf.
Die Mutter war bei der Geburt des zehn-
ten Kindes gestorben, Vater und Groß-
mutter warenüberfordert. Starkunterer-
nährt erreichten sie das Kinderdorf. Dia-
ras kleine Schwester trug zuerst den Na-
men „Pech“, weil die Mutter ihre Geburt
nicht überlebt hatte. Ihre SOS-Mutter
nannte sie sofort um – in „Hoffnung“.
Vonder hartenVergangenheit der Kin-
der ist heute imDorf kaumetwas zu spü-
ren. Es liegt am nördlichen Rand von Li-
vingstone, ander Straße, die zudenVicto-
riafällen führt: ländliche Umgebung, ro-
te Erde und Buschland. Hier kann schon
mal eine Giraffe oder ein Elefant über
die Straße laufen. Vonweitemist Kinder-
lachen zu hören aus den 15 Häusern, in
denen jeweils eine SOS-Mutter zwölf
Kinder versorgt. Auch hier sind gerade
Ferien, also helfen die Kinder, die Wä-
sche aufzuhängen oder Blumen im Gar-
ten zu pflanzen. Familie Döpfer schreitet
auf dem roten, staubigen Hauptweg ent-
lang, an den sich die Steinhäuser reihen
und winkt allen neugierigen Kindern in
den Hauseingängen zu. Einige rufen:
„White, white!“Die Döpfers sinddie ers-
te Patenfamilie, die das Dorf empfängt.
Dass überhaupt einer der Paten die
Kinder besucht, ist eine Ausnahme – und
dann gleich eine ganze Familie. Alexan-
dra ist froh, dass nicht sofort alle Kinder
auf sie losstürmen und sie anfassen wol-
len– so hatte sie sichdas vorgestellt. Dia-
ra zieht Alexandra zum Eingang ihres
Hauses, und das deutsche Mädchen öff-
net neugierig die Tür. Erschrocken
weicht sie zurück. ImHaus sitzenelf Kin-
der aufgereiht auf der Wohnzimmer-
couchundwarten. „Die schauen michal-
le an“, sagt sie. Doch Diara zieht sie ins
Haus, in eines der Schlafzimmer, das sie
sich mit drei anderen Mädchen teilt. Ne-
ben ihrem Bett hängt an der Steinwand
ein Foto von Alexandra, das die Familie
ihrem Patenkind geschickt hatte.
Hubert Döpfer versucht, dies – wie
auch viele andere Momente – mit seiner
Kamera festzuhalten. Sandra Döpfer
fällt es vor Rührung schwer, überhaupt
noch etwas zu sagen. Der Familienvater
übernimmt: Als alle sich begrüßt haben
undimWohnzimmer auf Sofas undStüh-
len zusammensitzen, präsentiert er die
Gastgeschenke: Stifte, Malblöcke und
zehn blaue Poloshirts mit dem Schrift-
zug seines Unternehmens. Es stellt sich
aber heraus, dass zwölf Kinder inder Fa-
milie leben. Das ist HerrnDöpfer sehr un-
angenehm. Sofort verspricht er, noch
zwei Shirts zu schicken. „Do you know
Bavaria?“, fragt er in die Runde. Schwei-
gen. Er hält einen Bayern-Fotoband
hoch: verschneite Wälder, Schlösser, das
Stadion des FC Bayern. Da plötzlich
wird einer der Jungen munter. Er sei ein
Fan der deutschen Mannschaft, sagt er.
Jetzt wollendie Kinder auchetwas zei-
gen: Fünf Mädchen, darunter Diara, stel-
len sich vor den Fernseher und beginnen
zu tanzen und Lieder zu singen. Dabei
werden ihre Stimmen immer lauter, die
Bewegungenwilder. Alexandra, schonet-
was ermüdet von den Ereignissen, gähnt
zaghaft. Ihr Papa stupst sie an.
Später auf dem Spielplatz schaukeln
die Mädchen um die Wette, während die
Eltern sich über die Schule des Kinder-
dorfes unddie Gesundheitsversorgungin-
formieren. Sandra Döpfer schaut betrof-
fen, als sie erfährt, was auf den ersten
Blick nicht zu sehen ist: dass eines der
Mädchen, mit denen Diara nun in einer
Familie lebt, am Straßenrand ausgesetzt
worden ist. Und nun sitzt die SOS-Mut-
ter Emelia Phiri da und versucht, dem
Kind Selbstbewusstsein zu geben. „Du
wirst einmal die erste weibliche Präsiden-
tin Sambias“, sagt sie. Sandra Döpfer
wischt sich eine Träne weg. Und auch ih-
ren Mann, der in Deutschland Privat-
schulen betreibt, fesseln die Kinder und
die Schule hier im Dorf. Er interessiert
sichfür alles Organisatorische, ist begeis-
tert von dem gut ausgestatteten Compu-
terraum und den Klassenräumen. Als ei-
ne von Diaras kleinen Schwestern heu-
lend auf dem Klettergerüst sitzt, weil sie
nicht alleine runterkommt, ist Hubert
Döpfer als erster da, um zu helfen.
Zurück im Hotel, spricht Alexandra
nur noch von Diara. Sie findet, dass sie
und das Mädchen aus Sambia besonders
gut zusammenpassen. „Es war Liebe auf
den ersten Blick“, sagt Alexandra. Und
auch farblich sei die Freundschaft stim-
mig: „Wir sehen zusammen aus wie ein
Zebra, weiß und schwarz!“ Auch Diara
fragt ihre SOS-Mutter vor demSchlafen-
gehen: „Darf ich Alexandra meine
Schwester nennen?“
Am nächsten Morgen im Dorf tragen
die Kinder die blauenPolo-Shirts der Fa-
milie Döpfer, die clevere SOS-Mutter
Emelia hat für die zwei leer ausgegange-
nen Kinder andere blaue Hemden aufge-
trieben. Alle malen eifrig mit den ge-
schenkten Stiften. Die Döpfers sind hoch
zufrieden, ihre Erwartungen wurden so-
gar übertroffen. „Viele unserer Bekann-
ten waren der Meinung, unsere monatli-
chen Spenden würden nie bei Diara an-
kommen“, sagt Sandra Döpfer. „Doch
wir konnten uns jetzt selbst davon über-
zeugen, dass es Diara an nichts fehlt.“
Sie loben die Einrichtung, die es nun
schon seit mehr als einem halben Jahr-
hundert gibt. 1949 gründete Hermann
Gmeiner das erste SOS-Kinderdorf in
Imst in Tirol. Seine Idee war es, verlasse-
nen Kindern wieder zu ermöglichen, mit
einer Mutter und Geschwistern in einem
Haus heranzuwachsen. Weltweit gibt es
heute 518 SOS-Kinderdörfer und 392
SOS-Jugendeinrichtungen, die mehr als
80 000 Kinder undJugendliche beherber-
gen. Die Organisation finanziert sich
durch Spenden.
Zwei Tage verbringt die Familie mit ih-
rem Patenkind. Beim Abschied umar-
men alle Döpfers die kleine Diara gleich-
zeitig, und selbst der Vater muss dabei
ein wenig schlucken. Auf dem Rückweg
zum Hotel springt er aus dem Wagen, als
der Fahrer auf Hütten am Wegesrand
deutet und erzählt, dass Diara in so einer
aufgewachsen sei. Er will schnell Fotos
machen und sie dann Verwandten und
Bekannten in Deutschland zeigen.
Nach dem Besuch im SOS-Kinderdorf
bricht die Familie zu einer Safari in Bo-
tswana auf. Doch nach der ersten Jeep-
Tour reicht es Hubert Döpfer bereits. Er
bleibt am nächsten Tag lieber im Hotel.
Elefanten jagten ihren Jeep, die Löwen
schlichen gefährlich nahe heran. „Nein,
das muss ich nicht mehr haben!“, sagt er.
Nach Sambia aber will er mit seiner Fa-
milie dennoch wieder fliegen. Um Diara
zu sehen. CHRISTINE DOHLER
Schwester
Afrika
Eine Familie aus Bayern besucht ihr Patenkind in
Sambia. Und erlebt einen ungewöhnlichen Urlaub
Bilder einer Freundschaft: Alexandras Eltern, Sandra und Hubert Döpfer, wollten ihr Patenkind kennenlernen. Der
erweiterte Familienausflug führte sie an die Victoriafälle und ins SOS-Kinderdorf. Fotos: Nina Bannemann
Informationen
Der Vater springt aus dem
Auto und fotografiert
die ärmlichen Hütten
REISE
DEFGH Donnerstag, 20. Oktober 2011 • Nr. 242
AUFGANG • Das Sonnenwunder Ägyptens Seite 39
ZUGANG • Wlan-Hotspots auf Reisen Seite 40
ABHANG • Die Show der Bergsteiger Seite 41
Sie verstehen sich, obwohl
Diara Tonga spricht
und Alexandra Deutsch
AFRIKA
Lusaka
Victoriafälle
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Die Leitung der Londoner St. Paul’s
Cathedral beschwert sich über campie-
rende Demonstranten. TouristenundKir-
chenbesucher dürften von ihnen nicht
am Betreten der Kathedrale gehindert
werden, forderte Dekan Graeme Paul.
Am Wochenende hatten sich Hunderte
Anhänger der Aktion „Occupy Wall
Street“ vor St. Paul versammelt. Gottes-
dienste hätten zwar stattgefunden, aller-
dings „nicht ohne Behinderungen“. Poli-
zisten hatten versucht, die Camper des
Ortes zu verweisen. Der Priester Giles
Fraser widersprach: Die Demonstranten
seien ihm im Gegensatz zu den Einsatz-
kräften willkommen. dapd
Über London gibt es viele so genannte
Wahrheiten. Nicht alle von ihnen halten
einer Realitätsprüfungstand. Auf denRe-
gen, beispielsweise, den es dort ununter-
brochengebensoll, hat schonso mancher
London-Besucher vergebens gewartet.
Auch das schlechte Essen, das man an-
geblich in ganz England zu konsumieren
gezwungenist, findet maninLondonnur
bei sehr genauer Suche neben zahllosen
wohlschmeckendenGerichteninternatio-
naler Küche.
Eine Wahrheit über London hingegen,
die auf denStraßender Stadt einums an-
dere Mal ihre Bestätigung erhält, hat die
große SchriftstellerinVirginia Woolf for-
muliert: „The charm of modern Lon-
don“, so schrieb sie, „is that it is not built
to last; it is built to pass“. Der Charme
von London ist also seine Vergänglich-
keit. Eine Vergänglichkeit freilich, ande-
ren Ende nicht der Untergang, sondern
die Neu-Erstehung gesetzt ist. Ein Ver-
weis auf die Vielseitigkeit, die Beweglich-
keit einer Metropole, die sich mit jedem
Tag neu erfindet, neu erschafft.
London, das erfährt Matthias Polity-
cki am eigenen Leib, bedeutet „weiter!
Und weiter!“. So beschreibt es der Welt-
reisende, der als writer-in-residence in
Londonlebt undals sogenannter Gastge-
ber dieses Corsofolio-Bandes durch die
britische Hauptstadt führt. Immer in Be-
wegung sein, immer darauf gefasst sein,
dass sich alles schon wieder verändert
hat, kaum dass man einem Ort den Rü-
cken zugewandt hatte.
Es zieht sich dieser Eindruck durch al-
le Beiträge des großformatigenBuch-Ma-
gazins über die Millionenstadt, das den
schönenUntertitel „Signale aus der Welt-
maschine“ trägt: Jedes Bild ist eine Mo-
mentaufnahme, jeder Text ein Bericht
von unterwegs, eine Reflexion über die
beständig erfolgende Häutung und Er-
neuerung der Metropole. Der Philosoph
Alainde Bottonnennt London„völlig un-
geordnet“, inkohärent; die Literaturwis-
senschaftlerin Margit Dirschel erzählt
von den endlosen Übermalungen, den
Neulackierungen, die jede Ritze dieser
Stadt ständig zu erfahren scheint. Frei-
lich erzählt sie dabei auch vom Abblät-
tern, vom Schmutz, vom Vergänglichen,
vomMoloch, der Londonauchist. Die fas-
zinierende, pulsierende Stadt, sie hat
Schattenseiten, ein Umstand, der un-
längst imZuge der Aufstände dort nur all-
zudeutlichwurde. Und einUmstand, der
auch hier nicht ausgespart bleibt. So be-
schreibt der Übersetzer Stefan Tobler,
wie er am Ende einer Wanderung in den
Randgebieten Londons die Angst vor
demTerror überdeutlichentdeckt: InAb-
sperrbändern und Sicherheitsräumen, in
Ausgrenzungen findet sie Niederschlag,
und man kann nur hoffen, dass die Stadt
auch hier so schnell nach Erneuerung
strebt wie überall sonst.
BARBARA WOPPERER
RAINER GROOTHIUS (Hrsg.), MATTHIAS
POLITYCKI (Gastgeber): London, Signale
aus der Weltmaschine. Corso Verlag, Ham-
burg 2011. 157 Seiten, 24,95 Euro.
Nach demTod eines achtjährigen Jun-
gen aus Hessen, der in einem Hotelpool
auf Fuerteventura von einer defekten
Pumpe unter Wasser angesaugt wurde
undertrank, hat der TÜVeinheitliche Si-
cherheits-Standards für Hotels gefor-
dert. Hotelbetreiber und Reiseveranstal-
ter solltenverpflichtet werden, ihre Pum-
pen regelmäßig kontrollieren zu lassen.
Zudem würde der Einbau sogenannter
Unterdruckwächter sicherstellen, dass ei-
ne defekte Pumpe sich automatisch ab-
schaltet, sagt Olaf Seiche vom TÜV
Rheinland. Besorgten Eltern empfiehlt
Seiche einen„Handtuch-Test“: Die Saug-
kraft von Pumpen lasse sich überprüfen,
indemsie mit einemHandtuchganzfläch-
tig das Gitter bedecken. „Lässt sich das
Handtuch problemlos bewegen und ab-
ziehen, besteht keine Gefahr.“ Werde das
Handtuch indes so stark angesaugt, dass
man es nicht hochnehmen kann, sei das
Baden lebensgefährlich. mai
Blockierte Kirche
Gefährliche Pools
An mehreren deutschen Flughäfen
sind Griechenland-Urlauber von Flug-
ausfällenbetroffengewesen. Die griechi-
schen Fluglotsen hatten in der Nacht
zum Mittwoch ihre Arbeit niedergelegt.
Sie beteiligten sich damit an der Streik-
welle im Land, die als Protest gegen die
Sparmaßnahmen der Regierung organi-
siert wurde. Statt der ursprünglich ge-
planten 48 Stunden wurde zunächst nur
zwölf Stunden lang gestreikt. Die Ge-
werkschaft hatte diese Verkürzung be-
schlossen, um die Tourismusindustrie in
Griechenlandnicht nochweiter zubelas-
ten. Mittwochmittag konnten wieder
Flugzeuge starten. In München wurden
20 Flüge aus und nach Griechenland ge-
strichen. Auch die Flughäfen in Hanno-
ver, Düsseldorf, Hamburg und
Köln/Bonn waren betroffen. In Frank-
furt wurden bis Mittwochmittag 15 Flü-
ge abgesagt. dpa/dapd
Charme der Vergänglichkeit
Ein Buch beschreibt London als Stadt, die sich täglich neu erfindet
REISE
S
o sauber wie dieses Jahr waren
die StraßeninRaiding wohl noch
nie, auchdas einfache, einstöcki-
ge Haus, das zur Meierei des Fürs-
ten gehörte, ist neu verputzt. Hier wurde
am 22. Oktober 1811 Franz Liszt gebo-
ren, in einem 800-Seelen-Bauerndorf im
Burgenland. Der Mann, der später in
Konzerthäusern zwischen Lissabon und
Odessabegeisterte, lebte zwar nur die ers-
tenelf Jahre seines Lebens hier. Dennoch
nennen sie ihn hier das „Genie aus Rai-
ding“, und der persönlichste Teil der
mehrteiligen Ausstellung „Lisztomania“
wird hier gezeigt. Nach Raiding war sein
Vater, ein kleiner Verwalter des Fürsten
Esterházy, nachder Affäre mit einer Sän-
gerin versetzt worden.
Das Zentrum der Jubiläumsaktivitä-
ten ist aber Eisenstadt. Zwar wird immer
wieder behauptet, der neunjährige Liszt
habe hier, auf Schloss Esterházy, seiners-
tes Konzert gespielt, doch zu belegen ist
das nicht. Auch hat Fürst Esterházy ein
Stipendium für das Wunderkind abge-
lehnt, Liszts Vater erhielt es schließlich
vonungarischenAdeligenaus Pressburg,
wo der Junge 1820 auch sein erstes eige-
nes Konzert gab. Dennoch sind in Eisen-
stadt wegender hier vorhandenenRäum-
lichkeiten drei der insgesamt fünf Aus-
stellungsteile zu sehen.
Mit Musikernhat manhier gute Erfah-
rungen. Joseph Haydn war dreißig Jahre
lang Hofkapellmeister im Schloss. 2009
feierte man seinen 200. Todestag, der Ei-
senstadt 350 000 Besucher bescherte.
Den feierlich-prachtvollen Haydn mö-
gen viele. Für den nervösen Liszt mit sei-
nen Stücken, die so viel Fingerfertigkeit
erfordern, dass damals keiner außer ihm
selbst sie wirklichspielenkonnte, musste
man sich etwas ausdenken. Ziemlich na-
he lag, was am Ende als Konzept heraus-
kam: Liszt zu dem zu machen, was er im
neunzehnten Jahrhundert schon war: ei-
ne Art Popstar. Dazu trug auch sein Cha-
rakterkopf mit langemHaar und sein ex-
zentrisches Gehabe auf der Bühne bei.
Vor allem die Damenwelt war ihm erle-
gen, sein virtuoses Spiel erzeugte schon
damals Kreischkonzerte.
Überall in der Stadt sieht man die Pla-
kate, die ein historisches Foto von Liszt
zeigen, der eine coole Sonnenbrille auf-
hat. Eine winzige, aber wirkungsvolle Re-
tusche, die denStar-Status indie heutige
Zeit übersetzt. Im Ausstellungszentrum,
dem Eisenstädter Landesmuseum, tat
man sich etwas schwerer. Hier wird
Liszts Konzert-Garderobe neben den
weißen Anzug von Elvis gestellt, man
sieht eine goldene Schallplatte der Bea-
tles und den Handschuh von Michael
Jackson, in der Fülle etwas bemühte Ak-
tualisierungen.
Doch am Ende haben sie einen seltsa-
men, aber interessanten Effekt: Nach
Verlassen des Museums findet man sich
in einer unaufgeregten Vergangenheit
wieder. Popkultur ist inEisenstadt allen-
falls eine Sache vonFernsehenundInter-
net. Das prächtige Barockschloss, in dem
an diesem Abend Gideon Kremer ein
Haydn-Konzert gibt, dominiert das städ-
tische Kulturleben weiterhin, und auch
die Fußgängerzone mit ihren histori-
schen Bauten erweckt den Eindruck,
dass es sich um ein verträumtes Städt-
chenhandelt, das durcheinpaar Neubau-
ten ergänzt wurde, sich aber ansonsten
nicht um Modernisierung kümmern
muss. Das Geschäftsleben geht einen ru-
higen Gang. Man ist versucht, Theresia
Gabriel zuglauben. Sie hat die Lisztoma-
nia-Ausstellungen mit konzipiert und
sagt von den Eisenstädtern in einer schö-
nenk. u. k.-Formel, sie kämenihr manch-
mal vor wie „kleinbürgerliche Großbür-
ger, die eigentlich Spießbürger sind“.
Manmerke noch, wie wichtig die behäbi-
gen „Verwaltungsherren“ des Schlosses
waren. Fürstlicher als der Fürst trugen
sie das Ansehendes Arbeitgebers wie gu-
te Oberkellner vor sich her.
Die Esterházys herrschten 1811 schon
fast zweihundert Jahre über die Region.
Die Familie ist mit 44 000Hektar Grund-
besitz noch heute die vermögendste Ös-
terreichs, und noch immer führen fast al-
le Wege in Eisenstadt zum Schloss hin-
auf, auch wenn Fürstin Melinda, 91 Jah-
re alt, schon lange am Zürichsee lebt.
Einst hieß sie Melinda Ottrubayundwur-
de – als unruhiges Bürgertöchterchen –
Primaballerina am ungarischen Natio-
naltheater, wo sie Fürst Paul V. auffiel.
Im Schloss erinnert ein kleiner Raum an
das Lebendes kinderlosenPaars. Die bei-
den müssen recht lebendig gewesen sein
und nicht sehr adelssteif: Man sieht sie
auf Fotos beim lustigen Fahrradausflug,
aber auch vom Schicksal gezeichnet, als
nach dem Krieg die Sowjets kamen.
Es kann einem in Eisenstadt vorkom-
men, als wäre in den letzten zweihundert
Jahren nicht viel passiert. Das Haus
Haydns ist zum Museum geworden, ein
paar Räume sind zurzeit dem „schwieri-
geren“KollegenLiszt gewidmet, umPar-
allelenund Unterschiede deutlichzuma-
chen. Gleich links neben dem Schloss
liegt das ehemalige Ghetto, dort steht das
geräumige barocke Haus Samson Wert-
heimers, im 17. Jahrhundert alleiniger
Kreditgeber des österreichischen Kai-
sers. Sehr gebildet, belegte er nebenbei
den Rang eines Landesrabbiners und ließ
in seinemHaus eine Synagoge bauen, die
sogar die Nazizeit überdauerte. Heute ist
sie das kleine, feine Zentrum des Jüdi-
schen Museums.
Aber Gegenwartskultur? Für eigenes
Sprechtheater ist Wien mit sechzig Kilo-
metern Distanz zu nah. Wer wissen will,
wie Liszt aktuell gespielt wird, muss
noch einmal knapp fünfzig Kilometer
Richtung Südost fahren, durch die Wäl-
der der Esterházys nach Raiding, wo die
Gebrüder Kutrovatz, die Festivaldirekto-
ren, direkt neben das kleine Liszt-Haus
ein Konzertgebäude gestellt haben, das
seiner Akustik wegen gerühmt wird. Der
Effekt ergibt sichaus denflachenPyrami-
den an den riesigen Holzwänden. Man
muss nur hoffen, dass das Holz rasch ein-
dunkelt. Das Wunderwerk der Akustik
ist ein sehenswerter Schandfleck. Man
fühlt sich wie in einer riesigen Ikea-Sau-
na. Aber womöglichgehört das zumKon-
zept: Wer Musiker hören will, die hier zu
Liszt spielen, soll wohl die Augen schlie-
ßen. HANS-PETER KUNISCH
DEFGH Donnerstag, 20. Oktober 2011 • Nr. 242 • Seite 38
Streikende Griechen
Genie der Provinz
Eisenstadt, die kleine Hauptstadt des Burgenlandes, feiert
200 Jahre Franz Liszt – ohne dass der hier je gelebt hätte
Informationen
REISEBUCH
Aus Schloss Esterházy
bekam der junge Musiker
keine Unterstützung
Frank Liszt war bekannt für sein exzentrisches Gehabe und wurde gefeiert wie heute nur Popstars. Die
Sonnenbrille haben ihm allerdings die Ausstellungsmacher verpasst. Fotos: Lisztomania, vsl/mediacolors
London im Ausverkauf. So sieht ein nicht ganz untypischer Laden in White-
chapel aus. Foto: Rainer Groothuis
Das Burgenland ganz im Osten Österreichs ist per
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O
b er wohl einen Ton für sie
singt? Lady Ridgeway blickt
eingeschüchtert empor zu ei-
ner der Ramses-Statuen von
Abu Simbel – eine berühmte Szene aus
der Verfilmung von Agatha Christies
„Tod auf demNil“. Darin verrät ein Mit-
reisender der reichen Erbin Ridgeway,
dass die östliche Figur von Ramses II. bei
Sonnenuntergang einen hohen, verzwei-
felten Ton hervorbringe.
„Unsinn“, ruft Mohamed El Bialy in
der Cafeteria von Abu Simbel. Er ist Ge-
neraldirektor der antiken Stätten Nubi-
ens, zu denen auch Abu Simbel gehört.
Seine Gesichtszüge versteinern sich wie
die eines erzürnten Pharaos, als er dar-
über doziert, dass es sich bei besagtem
Sänger nicht umdie Ramses-Statue, son-
dern um den Memnon-Koloss von Luxor
handle. Für dessen Gesang sei ein
Sprung imGestein verantwortlich gewe-
sen, durch den der Wind pfiff. Also kein
Gesang zumSonnenuntergang. Und zum
Sonnenaufgang – erlebt man da viel-
leicht auch eher sein blaues Wunder an-
statt des angekündigten Sonnenwun-
ders? „Nein“, sagt El Bialy, „die Ägypter
waren astronomische Genies und haben
das exakt berechnet.“ Demnach erreicht
die Sonne nur zweimal im Jahr den opti-
malen Stand – jeweils um den 22. Okto-
ber undden22. Februar herum. Dannfal-
len die Strahlen durch das schmale Ein-
gangsportal direkt 65 Meter tief ins In-
nerste des Tempels. Dort beleuchten sie
etwaeine Viertelstunde lang die Götterfi-
guren im Allerheiligsten. Dann schauen
Sonnengott Re, Ramses II. und Frucht-
barkeitsgott Amun gemeinsam in die
Sonne. Nur Ptah, der Gott der Finsternis,
bleibt auchdannimDunkeln, schließlich
braucht er ja kein Licht.
Dass für die Tage des Sonnenwunders
der Geburts- und der Krönungstag von
Ramses II. gewählt wurde, wie einige Ar-
chäologen behaupten, davon ist El Bialy
nicht überzeugt: „Die Ägypter waren ab-
hängig vomNil, der das Landimmer wie-
der unter Wasser setzte und es durch den
mitgeführten Schlamm fruchtbar mach-
te. Aussaat und Ernte markieren wichti-
ge Zeitabschnitte, die im Tempel rituell
an den Tagen des Sonnenwunders gefei-
ert wurden.“ Doch sobald die Feldarbeit
getan war und der Nil wieder über seine
Ufer trat, ließ Ramses II. seine Unterta-
nen als Bauarbeiter für seine Tempel
schuften. Abu Simbel sollte zum Sinn-
bild seiner Macht werden, denn hier ließ
sich der Pharao im 13. vorchristlichen
Jahrhundert zumersten Mal als gottglei-
cher Herrscher darstellen, der im Aller-
heiligsten Platz nimmt zwischen all den
anderenGöttern. Die Außenfassade zeigt
Ramses II. in20Meter hohenKolossalsta-
tuen, und das gleich vier Mal. Die Er-
schließung Nubiens war für ihn von be-
sonderem Interesse, denn das Land ver-
fügte über große Vorkommen an Gold
und Kupfer. Durch Abu Simbel sollten
die tributpflichtigenNubier ander südli-
chen Landesgrenze daran erinnert wer-
den, wer das Sagen hatte.
Mit einem Blick auf Ägypten heute
mag man sich durchaus fragen, wie weit
der Weg vom Pharao zum neuzeitlichen
Diktator war. Mehr als 3000 Jahre nach
Ramses II. ist die Bezeichnung Pharao
zum Schimpfwort für den ehemaligen
Staatschef Hosni Mubarak geworden.
Dass sein Volk ihn gestürzt hat und ihm
nundenProzess macht, ist aucheinWun-
der, allerdings eines der ägyptischen Re-
volution. Doch deren Ausgang steht bis
heute auf tönernen Füßen.
Zum Glauben vieler Herrscher gehört
auch immer wieder die Vorstellung, dass
monumentale Bauwerke der beste Weg
zur eigenen Unsterblichkeit seien. Ver-
schwindend klein wirken die Menschen,
die zuRamses’ Füßenauf Einlass warten.
Heute sind die Japaner wieder mal die
Ersten. Wie immer, sagt ein Reiseleiter.
Mag sein, dass er mit seiner Vermutung
recht hat, dass ihr Interesse fürs Sonnen-
wunder daher rührt, dass sie aus dem
Land der aufgehenden Sonne stammen.
Schon seit drei Uhr nachts knien etwa
100 vonihnen auf ausgebreitetenDecken
inDreierreihenhintereinander, als säßen
sie im Flugzeug – daneben akkurat die
ausgezogenen Schuhe aufgereiht. Tags-
über sorgen hier die Tempelwächter für
Unterhaltung. Sie setzen sich Skorpione
auf die Stirn, drücken den Touristen für
Fotos kleine Nilkrokodile in die Arme
oder legen ihnen Kobras um den Hals.
Im Tempelinneren brennt bereits
Licht. Drinnen sitzt eine weitere Gruppe
Japaner. Angeblich haben sie 5000 Euro
Bakschisch bezahlt, um eine Stunde vor
Öffnung im Tempel meditieren zu dür-
fen. So lautet zumindest ein Gerücht der
anderen Wartenden. Außer den Japa-
nern darf noch niemand hinein. Abd El
Mawlla hat ihnen mit einem zwei Kilo-
gramm schweren Bronzeschlüssel die
mächtige Holztüre geöffnet. Der Tempel-
wächter ist in Abu Simbel geboren und
war acht Jahre alt, als das komplette Bau-
werk 1964 mit Hilfe der Unesco 65 Meter
höher und 180 Meter landeinwärts ver-
setzt werdenmusste. Der durchdenAssu-
an-Staudamm entstandene Nassersee
standkurz davor, AbuSimbel zuüberflu-
ten. El Mawllas Vater hat als Arbeiter
beimUmsetzendes Heiligtums mitgehol-
fen. „Den Tempel in mehr als tausend
Blöcke zuzersägenund so perfekt wieder
zusammenzusetzen, war damals ein klei-
nes Wunder“, sagt er. Die Sonne scheint
davon unbeeinflusst an denselben Tagen
wie schon zur Zeit von Ramses II. durch
den Eingang zum Allerheiligsten.
Unter des Pharaos Füßen haben heute
die Wartenden ihr Lager aufgeschlagen,
um bis Tagesanbruch noch ein wenig zu
dösen. Die Steine sind angenehm warm,
gebennochdie Sonnenhitze des Vortages
ab. Kurz nach halb vier zieht eine Hun-
dertschaft Polizisten in Paradeuniform
vor dem Tempel auf. Mit Seilen sperren
sie die Mitte vor dem Tempeleingang ab,
damit die Sonnenstrahlen ungehindert
von den 5000 erwarteten Besuchern den
Weg ins Allerheiligste finden.
Um5.20Uhr dröhnt Heavy-Metal-Mu-
sik über die Lautsprecheranlage. Um
5.45 Uhr geht endlich die künstliche Be-
leuchtungimunddie Musikvor demTem-
pel aus. Tausende blicken gespannt in
Richtung Sonnenaufgang. Handys und
Kameras sindgezückt, die Objektive zoo-
men, die Kameras blitzen. Die Sonne
schiebt sich langsam über den Horizont.
Sie ist blass, ihr Leuchten kraftlos. Und
dann schluckt ein Dunstschleier die ers-
ten Sonnenstrahlen. Es dauert, bis sie
den Weg ins Tempelinnere schaffen und
die Polizisten damit beginnen, die Menge
wie eine Viehherde hineinzutreiben:
„Yalla! Yalla! Los! Los!“ Das Sonnen-
wunder ein mystischer Moment? Dafür
ist jetzt keine Zeit. Wer stehenbleibt,
wird weitergeschubst. „Yalla! Yalla!“
Vorbei hinter den Säulen der Haupthal-
le, die denBlickaufs angeleuchtete Aller-
heiligste verstellen. Einpaar Japaner ma-
chen ihre Taschenlampen an, um im
DunklennachdemSonnenwunder zusu-
chenundhandeln sichprompt lautstarke
Proteste ein. Ehe man sich versieht, steht
man vor den sonnenbeschienenen Göt-
tern, muss aber gebückt daran vorbeihu-
schen, damit kein Schatten auf die Figu-
ren fällt. Stundenlanges Warten für ein
paar flüchtige Sekunden.
Beim Sonnenfest auf dem Vorplatz
trommeln sich inzwischen einheimische
MusikgruppeninEkstase, Derwische tan-
zen sich schwindlig. Auf einem Panora-
mabildschirm werden die letzten Minu-
ten des Sonnenwunders für all jene über-
tragen, die es nicht mehr rechtzeitig hin-
eingeschafft haben. Um 6.10 Uhr ist das
ganze Spektakel vorbei.
Das eigentliche Wunder verpassenvie-
le, denn es vollzieht sich außerhalb des
Tempels. Schon seit Ewigkeiten sitzen
die Ramses-Kolosse stoisch da, den Blick
Richtung Sonnenaufgang gerichtet. Im
Morgengrauen wirken sie noch unnah-
bar, ihre Gesichtszüge hart und die Au-
gen starr. Wenn dann die Sonne ihren
Wegüber die Gebirgskette nimmt, begin-
nen als erstes ihre Kronen zu leuchten.
Dann blitzt rosafarbenes Licht in ihren
Augen und um ihre Mundwinkel auf. Es
ist ganz so, als ob das Sonnenlicht Ram-
ses zumLebenerweckt. Für einenAugen-
blick scheint er sogar zu lächeln. Doch
kaum hat man dies realisiert, wird das
Licht so gleißendhell, dass es die Bildnis-
se des Pharao wieder versteinern lässt.
Und dieses Wunder geschieht nicht
nur zweimal im Jahr, sondern täglich.
MARGIT KOHL
Leer war es an den Stränden Ägyptens
nach der Revolution. Nun beginnt die
Hauptsaison – und die Reiseveranstalter
sind verhalten optimistisch. Zwar liegen
die Buchungen noch weit unter demVor-
jahres-Niveau. Doch langsamkehren die
Touristenzurück indas LandamNil, das
im Jahr 2010 etwa 1,3 Millionen Deut-
sche besucht hatten. Während das nach-
revolutionäre Tunesien „nicht richtig in
Fahrt kommt“, wie Thorsten Schäfer
vom Deutschen Reiseverband sagt, sind
Ziele in Ägypten in den Herbstferien so
begehrt, dass Reiseveranstalter Zusatz-
flüge organisieren mussten. Mit seiner
Vielfalt an Angeboten – Kultur, baden,
Nilkreuzfahrt – ist Ägypten offenbar so
attraktiv, dass viele Urlauber einen Rest
Unwägbarkeit in Kauf nehmen.
Politisch stabil ist Ägypten nach wie
vor nicht. In der Hauptstadt hatten An-
fang des Monats gedungene Schläger
und Soldaten eine Demonstration christ-
licher Kopten gesprengt; 26 Menschen
starben. Dennoch halten die Reiseveran-
stalter die Lage für so überschaubar,
dass Ausflüge nach Kairo weiterhin zum
Standardprogramm gehören. Alltours
hatte nach den Unruhen vorübergehend
die Kairo-Ausflüge aus dem Programm
genommen, inzwischen aber fahren die
Busse aus Hurghada wieder. Bei der Tui
hatte man lediglich an einem Tag den
Kairo-Ausflug abgesagt – und ihn am
nächstennachgeholt. „Wir steheninstän-
digem Kontakt mit dem Auswärtigen
Amt und können kurzfristig reagieren“,
sagt Tui-Sprecherin Kathrin Spichala.
Das Auswärtige Amt empfiehlt Ägyp-
ten-Reisenden weiterhin, Menschenan-
sammlungen und Demonstrationen zu
meiden. Für die großen Touristenzentren
wie Sharm El Sheikh, Hurghada, Luxor
und Assuan gibt es aktuell keine War-
nung. Auch von geführten Touren oder
Reisen nach Abu Simbel rät das Auswär-
tige Amt nicht ab. mai
Informationen zur Sicherheitslage unter
www.kairo.diplo.de oder www.diplo.de
REISE DEFGH Donnerstag, 20. Oktober 2011 • Nr. 242 • Seite 39
Das
blaue
Wunder
Zweimal im Jahr
scheint die Sonne
in den Tempel von
Abu Simbel – mystisch
ist daran nichts
Anreise: Mit Egyptair von München über
Kairo nach Assuan hin und zurück ab 450
Euro. Von dort weiter mit Schiff oder Taxi
nach Abu Simbel. Es ist auch möglich bis Abu
Simbel zu fliegen, www.egyptair.com
Reisearrangements: Der Flussreisespezialist
Viking bietet eine Kreuzfahrt auf dem Nil von
Assuan nach Abu Simbel mit dreitägigem
Aufenthalt in Kairo an;
www.viking-flusskreuzfahrten.de
Auskünfte: Ägyptisches Fremdenverkehrs-
amt, Kaiserstr. 66, 60329 Frankfurt/Main
Tel.: 069/25 21 53, www.egypt.travel
Ägypten
im Aufbruch
Langsam kehren die Touristen
zurück in das Land am Nil
Informationen
Zwei Kilo wiegt
der Bronzeschlüs-
sel, mit dem der
Tempelwächter
Abd El Mawlla
den Touristen
öffnet. Die strö-
men dann zu Tau-
senden in das Al-
lerheiligste.
Fotos: Antonio
Ribeiro/laif; Kohl
ÄGYPTEN
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Tourism Québec
AmandaH
Geschrieben 10.18Uhr (14 Feb, 2011)
Besser, als mit dem Hund nur Gassi zu gehen.
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REISE
D
er junge Mann sitzt auf seinem
Reiserucksackundhat einNet-
book auf den Knien, der Blick
ist verzweifelt in die Menge ge-
richtet. Was, kein freier Wlan-Zugang
am Münchner Hauptbahnhof? Und wie
nun den Weg zum Hostel in Erfahrung
bringen? Vor allemjunge Leute verlassen
sich auf das Angebot von kostenlosen In-
ternetzugängen auf Reisen. Deshalb
lohnt es sich, die Hotspot-Lage im Ur-
laubsland zu kennen.
Im vergangenen Jahr wurden in
Deutschland 15 000 teilweise kosten-
pflichtige Wlan-Hotspots gezählt, wie
der Bundesverband Informationswirt-
schaft, Telekommunikationundneue Me-
dien (Bitkom) mitteilte. Die Telekombie-
tet derzeit die meisten kabellosen Wlan-
Zugänge im Inland. „Hotspots bewähren
sichdort, woauf kleinemRaumviele Men-
schen besonders leistungsfähiges Inter-
net nutzen wollen“, sagt Telekomspre-
cher Niels Hafenrichter. Neben dem eine
Stunde langkostenlosenSurf-Angebot in
McDonald’s-Filialen stellt die Telekom
in Zügen der Deutschen Bahn und an
Bahnhöfen Internet bereit, für das Kun-
den ohne Flatrate immerhin neun Cent
pro Minute zahlen. 69 ICEs haben Wlan-
Zugang, so etwa auf der Strecke zwi-
schen Frankfurt und München. Wer kein
Kunde der Telekomist, kann für fünf Eu-
ro einen „Hotspot Pass“ kaufen, der eine
Stunde lang gültig ist. Bei Telekom-Hot-
spots im Ausland kosten die Verbindun-
gen für Kunden schon neun Euro pro
Stunde.
Deutschland liegt nach Angaben von
Bitkommit seinemkabellosenInternetan-
gebot im internationalen Vergleich nur
auf Platz 15, noch hinter Portugal und
Belgien. Vor allemdie ungünstige Rechts-
situation hierzulande sei dafür verant-
wortlich, denn Betreiber können für ille-
gale Downloads und Rechtsverstöße ih-
rer Nutzer haftbar gemacht werden. Die
imBevölkerungsvergleich bestausgestat-
tetenLänder sindmomentanGroßbritan-
nienmit 180 000, Schweden mit 9000 und
die Schweiz mit 5800 Hotspots.
Immer mehr europäische Großstädte
bemühensichnunumkostenlose Angebo-
te: InParis hat die Stadtverwaltung Hun-
derte Hotspots in Parks, auf Plätzen und
inBibliothekeninstalliert, sodass Touris-
ten fast überall im Zentrum zwei Stun-
denlangkostenlos surfenkönnen. ImRah-
men des Projekts „Quioscos Wifi en Ma-
drid“ wurden in der spanischen Haupt-
stadt Wlan-Verbindungen an hundert
Kiosken angebracht. Londons Bürger-
meister Boris Johnson kündigte vor ei-
nem Jahr bei einem Google-Treffen in
Hertfordshire sogar an, „jeden Laternen-
pfahl und jede Bushaltestelle“ noch vor
den Olympischen Sommerspielen 2012
mit Hotspots zu versehen.
Trotz aller Bemühungen sind bisher
noch in keinemeuropäischen Land an je-
der Straßenecke Webzugänge verfügbar.
Reisende müssenalsodieAugenoffenhal-
ten. Wlan-Logos sollendieInternetzugän-
ge an öffentlichen Orten kenntlich ma-
chen. Weil die Kennzeichnung aber je
nach Urlaubsland und Anbieter variiert,
ist es sinnvoll, vorher im Netz suchen. In
denvergangenenJahrenhabensichInter-
netseitenverbreitet, die Listenvon Cafés,
Restaurants, Bahnhöfen und Hotels mit
Webzugang führen (z.B. www.free-hot-
spot.com). Wer geplant hat, unterwegs
sein Online-Banking zu erledigen, sollte
bei der Auswahl des Ortes auch die Risi-
kenimKopf haben. Bei der Einwahl inun-
gesicherte Netzwerke besteht immer die
Gefahr von Datendiebstahl.
Durch die immer stärker verbreiteten
Smartphones wird alles etwas einfacher.
Die Internetnutzung über Handys mit
Netzzugangist nachAngabendes Statisti-
schen Bundesamts 2010 im Vergleich
zum Vorjahr um 78 Prozent gestiegen.
Wer einSmartphone besitzt, kanntheore-
tisch überall surfen. „Seit sich die meis-
ten Internetnutzer über ihre Smart-
phones einloggen, gehen die Zugriffe auf
unsere Hotspotliste deutlich zurück“,
sagt Werner Hoier, der Geschäftsführer
der Seite www.drahtlosunterwegs.de.
Bei der Telekom ist allerdings von einer
kontinuierlichen Entwicklung der Hot-
spot-Zugänge auch im Zusammenhang
mit Smartphone-Angeboten die Rede.
„Hotspots bieten derzeit einfach noch
schnellere Internetverbindungen als
Smartphones“, sagt Hafenrichter. Hinzu
kommen die Vorteile im Ausland, wo die
Roaming-Gebührenfür Handys mit Inter-
netzugang nach wie vor hoch sind. Am
besten sei es, sich eine App für die Hot-
spotsuche zu besorgen, rät David Cromar
vom European Broadband Portal, einem
Projekt der Europäischen Kommission.
Die zeige dann den nächsten Hotspot an
und das Handy wähle sich in das verfüg-
bare System ein.
Unabhängig von der Hotspot-Situati-
onimLandist es besser, sichnicht auf die
Angebote von Hotels zu verlassen. Dort
tut sich seit Jahren nicht viel beimThema
Internetzugang. Wlan gibt es zwar im
Normalfall, aber so gut wie nie kostenlos.
Interessanterweise haben auch gerade
die teuerstenHotels besonders hohe Prei-
se für ihrenInternetzugang. Oft bietensie
dabei weder einheitliche Gebühren noch
informieren sie auf ihren Webseiten über
die jeweiligenPreise inihrenHäusern, so-
dass Gäste meist erst vor Ort erfahren,
was sie erwartet. In B&BHotels, den Ho-
tels der Radisson-Blu-Gruppe und bei
Four Points by Sheratonzahlendie Gäste
nichts für ihre Verbindungen. Eher güns-
tige Hotels wie Residence Inn oder Hilton
Garden Inn haben Räume mit freiem
Wlan-Zugang, wohingegen Gäste in den
teuren Häusern der Marriot- und Hilton-
Konzerne zahlen müssen.
Ob sich diese Einnahmequelle für Ho-
telketten noch lange halten kann, ist
fraglich, denn Reisende haben immer
mehr Möglichkeiten, unterwegs kosten-
los online zu gehen. Seit Ende des letzten
Jahres gibt es sogar auf Langstreckenflü-
gen der Lufthansa eine Internetverbin-
dung, die Stunde Surfen in der Luft kos-
tet allerdings ganze elf Euro. Das mo-
mentan kurioseste Angebot kommt aus
den Bergen: Ski Amadé hat für die Win-
tersaison kostenloses Wlan im Skigebiet
angekündigt. Damit auch der Weg zur
nächsten Hütte notfalls gegoogelt wer-
den kann. ELENA WITZECK
Reisen
und
Surfen
Junge Urlauber verlassen
sich auch unterwegs auf
drahtloses Internet.
Noch mangelt es aber an
kostenlosen Angeboten
Ein Urlaub entwickelt sich heutzutage
immer häufiger zu einer Demonstration
der Seelengüte. Richtig schick ist es zum
Beispiel, Datenüber bedrohte Schildkrö-
ten in Costa Rica zu sammeln oder alte
Menschen in Peru zu betreuen. In der
Backpackerunterkunft „Jollyboys“inLi-
vingstone inSambia hattensie eine ande-
re Idee: Dort setzen jeden Sonntagnach-
mittagMitarbeiter des Hostels eine Grup-
pe von Backpackern im Lubasi Kinder-
heim ab, damit sie mit den Waisen Fuß-
ball spielen oder Bücher vorlesen. Wäh-
rend andere Angebote des Hotels – vom
„Busch-Spaziergang mit Löwen“ bis
zum „River-Rafting“ – viele Dollars kos-
ten, ist das Programm mit den Kindern
gratis.
Ein Australier mit seinen Teenager-
Söhnen, ein Japaner, ein Finne treten
heute gegen die Kinder an. Manche von
diesen sind erst fünf Jahre alt. Die Kin-
der haben sich gut vorbereitet: Sie haben
in einem Plastikeimer aus Wasser, Zu-
cker und Maisbrei ein Getränk ange-
rührt. Die Gäste stehen herum, wühlen
schweigsam in ihren Rucksäcken. Die
Kinder machen den ersten Schritt und
reichen die Mischung in Bechern. Die
Touristennehmenhöflicheinpaar Schlu-
cke, versuchen, das Gesicht nicht zu sehr
zu verziehen, weil „diese Limonade an-
ders schmeckt“. Dann werden sie von
den Kindern auf die Teams verteilt. Mit
Gesten, denn nur einige Kinder sprechen
Englisch. Schnell wirdklar, dass die Tou-
risten mit den guten Turnschuhen den
barfüßigen Kindern in den viel zu großen
Secondhand-Sporthosen auf dem roten
Sandplatz unterlegensind. AmSpielfeld-
rand kichern die Mädchen. „Unsere
Jungs spielen immer besser als die wei-
ßen Besucher“, sagen sie, während sie
das blonde, dünne Haar einer Touristin
zu Zöpfen flechten. Nach einer guten
Stunde sind die Haare fertig, und die
Jungs beenden verschwitzt und er-
schöpft das Spiel.
Unsicher stehen die Spieler und die
Flechtfrisur-Fremde auf dem Feld, und
man weiß nicht, wer hier wemetwas Gu-
tes getan hat. Vorsichtshalber drücken
manche der Besucher der Leiterindes Lu-
basi Kinderheims noch ein paar Dollar
als Spende in die Hand. Dann trottet die
Gruppe zurück ins Hostel und überlegt,
was morgenauf demProgrammsteht: Sa-
fari? River-Rafting? Oder gibt es hier
nicht irgendwo einpaar bedrohte Schild-
kröten? CHRISTINE DOHLER
Bis Olympia 2012 soll in
London jede Laterne
einen Hotspot besitzen
DEFGH Donnerstag, 20. Oktober 2011 • Nr. 242 • Seite 40
Accès libre: Vor dem Centre Pompidou in Paris haben Besucher viel Platz zum kostenlosen Surfen. Foto: Jose Giribas
Im Skigebiet gibt es Wlan
gratis – in teuren Hotels
muss der Gast aber zahlen
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REISE DEFGH Donnerstag, 20. Oktober 2011 • Nr. 242 • Seite 41
Vom 21. bis 29. Oktober findet in Brixen in
Südtirol zum dritten Mal der International
Mountain Summit (IMS) statt. Bei der Ver-
anstaltung unternehmen bekannte Berg-
steiger wie Reinhold Messner, Alexander
Huber und Marko Prezelj Wanderungen
mit Besuchern und halten während einer
Woche Vorträge zum Thema Alpinismus
(Zeitplan unter www.ims.bz). Zudemdisku-
tieren Fachleute aktuelle Bergthemen. Ein
Gespräch mit dem IMS-Präsidenten und
Unternehmensberater Markus Gaiser, 44,
über das Bergsteigen als Geschäft.
SZ: Ein bekannter Alpinist hat gesagt,
Alpinismus sei „acompetitioninstorytel-
ling“, einWettbewerb des Geschichtener-
zählens. Muss sich ein professioneller
Bergsteiger diesem Wettbewerb stellen?
Gaiser: Es gibt meiner Meinung nach
zwei Gruppen von Alpinisten. Ich kenne
Alpinisten, die nie über die eigenen Gip-
felerfolge reden. Da weiß dann aber auch
niemand, was eigentlich geleistet wurde.
Dann gibt es Bergsteiger einer zweiten
Kategorie, die einen Gipfel besteigen
undinVorträgen, BüchernundindenMe-
dien darüber sprechen, wie es gelaufen
ist. Jemand, der mit dem Bergsteigen
Geldverdienenwill, muss das auchsoma-
chen. Das erwarteninzwischendie Spon-
soren und Medien.
SZ: Eines der Hauptthemen wird beim
International Mountain Summit in der
kommenden Woche der „Showalpinis-
mus“ sein. Warum?
Gaiser: IndenvergangenenJahrenent-
standen immer mehr Filme, Bücher und
Vorträge über das Bergsteigen, die ehr-
lich gesagt mehr darstellen als sie bein-
halten. Es zählt nicht mehr das, was ge-
macht, sondern wie darüber berichtet
wird. Eine gute Geschichte und eine be-
stimmte Kameraeinstellung sind wichti-
ger als die Bergbesteigung an sich. Für
das Publikumwirdes damit auchschwie-
riger, eine alpinistische Leistung einzu-
schätzen und zu bewerten. Darüber wol-
len wir reden.
SZ: Der IMS mit seinen vielen Ge-
schichtenerzählern ist selbst ein Parade-
beispiel für Showalpinismus ...
Gaiser: ... stimmt...
SZ: ... und manche kritisieren den IMS
als Kommerzveranstaltung. Stört Sie
das?
Gaiser: Überhaupt nicht. Weil wir klar
kommunizieren, was für eine Veranstal-
tungder IMSist. Showgehört einfachda-
zu. Die Frage ist: Wie ehrlichoder unehr-
lich ist die Show?
SZ: Was ist eine ehrliche Show?
Gaiser: Ehrlich ist, wenn ich sage, dass
der IMS ein unabhängiges Gipfeltreffen
der Alpinisten und ein Wettbewerb der
Ideenist, bei demwir uns vonkeiner Ver-
einigung sagen lassen, was wir zu tun
oder zu lassen haben. Wir versuchen, so
neutral wie möglich zu sein. Ehrlich ist,
wenn wir unsere Sponsoren, die uns un-
terstützen, nicht verheimlichen.
SZ: Als Berater des IMS zieht Rein-
holdMessner, der bekannteste undstreit-
barste Alpinist, die Fäden.
Gaiser: Reinhold ist Befürworter seit
der ersten Stunde des IMS. Er ist sicher
weltweit einer der wichtigsten Kenner
der Bergszene und des Alpinismus. Seine
Meinung zu hören ist uns wichtig. Er
zieht beim IMS jedoch nicht die Fäden.
SZ: Ist er nicht der Showalpinist
schlechthin?
Gaiser: Natürlich macht Messner auch
eine Show. Jeder Bergsteiger, jeder
Mensch, der Projekte erfolgreich umsetzt
und diesen Erfolg kommuniziert, stellt
sich zur Schau. Bei Messner ist es eine
ehrliche Show mit tiefen Inhalten.
SZ: Wo liegen dann die Grenzen der
Show im Alpinismus?
Gaiser: ChristianStangl habenwir bei-
spielsweise nicht zur Diskussionsrunde
aufs Podium eingeladen. Er ist weit über
die Show hinausgegangen. Was er getan
und gesagt hat (der Geschwindigkeits-
bergsteiger fälschte am K2 ein Gipfelfo-
to, die Red.), ist ganz einfach Betrug. Er
kannsichaber gerne als Zuhörer vomPu-
blikum aus zum Thema einbringen.
SZ: BeimIMShalteneinige der gefrag-
testen Redner wie Stefan Glowacz, Tho-
mas und Alexander Huber Vorträge, Sie
lassen prominente Bergsteiger aus den
USA einfliegen. Rechnet sich das?
Gaiser: Bisher rechnet sich das nicht.
Bilanztechnisch sind wir jedenfalls noch
imMinus. Ein Event dieser Art und Wei-
se wird auch immer eine Nullrechnung
sein. Wenn wir Geld verdienen wollen,
hätte es einfachere Themen gegeben als
einGipfeltreffen. MeinPartner AlexPlo-
ner und ich haben eigentlich einen ande-
ren Beruf. Der IMS ist mehr eine Leiden-
schaft, die wir entwickelt haben.
SZ: War Ihnenje einReferent zuteuer?
Gaiser: Nicht aus demBereichder Spit-
zenbergsteiger. Bei Rednernaus der Wirt-
schaft ist das etwas anderes. Wir haben
auch einmal bei einem US-Amerikaner,
der einenspektakulärenBergunfall über-
lebt hat, angefragt. Dessen Agentur ver-
langte 50 000 Dollar für die Teilnahme
an einer Diskussion. Das war uns zu viel.
SZ: Die Zahl der Berggänger steigt ste-
tig. Warum ist es dann so schwer, mit ei-
ner guten ShowzumThema Berg undAl-
pinismus Geld zu verdienen?
Gaiser: Vielleicht hat das etwas mit
der Messbarkeit zutun. Eine alpine Leis-
tung ist nicht so einfach zu erkennen wie
die eines Fahrers bei einem For-
mel-1-Rennen. Alpinismus ist eher mit
der Wissenschaft vergleichbar. Wenn
dort jemand eine Studie anfertigt, lesen
das andere und bilden sich eine Meinung
darüber. Wenn Adam Ondra mit 19 Jah-
ren eine Route im Schwierigkeitsgrad 9b
klettert, urteilt die Szene darüber. Die
Leistung bildet sich über die Meinung
der anderen Alpinisten.
SZ: Sie und Alex Ploner sind als
Hauptverantwortliche des IMSbeide kei-
ne Extrembergsteiger. Ist das einVorteil?
Gaiser: Wir besitzendurch unsere Dis-
tanz einenrelativ neutralenBlick. Ichha-
be etwa kein Problem damit, die Witwe
des amNangaParbat tödlichverunglück-
ten Karl Unterkircher zum Thema Berg-
schicksale einzuladen. Im vergangenen
Jahr habenuns namhafte Südtiroler Alpi-
nistendafür kritisiert, dass die umstritte-
ne Südkoreanerin Oh Eun-sun beim IMS
war. Einer sagte: „Wenn die kommt, gehe
ichnicht hin.“ Auchder Auftritt des blin-
den Bergsteigers Andy Holzer war nicht
von allen gewünscht. Bei seinem Vortrag
war der Saal übervoll.
SZ: Ansonsten sind im vergangenen
Jahr bei manchenVorträgenSitze leer ge-
blieben. Das war sogar Thema inder loka-
len Presse. Die Nachfrage scheint, vor-
sichtig formuliert, ausbaufähig zu sein.
Gaiser: Imzweiten Jahr hat man meis-
tens einenDurchhänger. Ichweißaus Er-
fahrung, dass sich eine Veranstaltung
erst nach fünf, sechs Jahren etabliert.
Deshalb bin ich mir ziemlich sicher, dass
es den IMSauch 2012 wieder geben wird.
Nur einBeispiel: ZumKastelruther Spat-
zenfest, das anfangs eine sehr übersichtli-
che Veranstaltung war, pilgern jährlich
inzwischen 40 000 Leute.
SZ: Sie wollendas Kastelruther Spat-
zenfest des Alpinismus werden?
Gaiser: Überhaupt nicht. Wir wollen
das internationale Gipfeltreffendes Alpi-
nismus und seiner Entscheidungsträger
sein. Daneben ist es wichtig, dass wir ak-
tuelle und kritische Themen aufgreifen
und diese nachhaltig mit Fachleuten be-
arbeiten. Wir wollenuns nicht nur anvol-
len Sälen und der Show messen lassen.
SZ: Auf welches Höhepunkt freuen Sie
sich nächste Woche besonders?
Gaiser: Unter anderemauf Marko Pre-
zelj. Er interessiert mich deshalb, weil er
sich kaum vermarktet.
Interview: Dominik Prantl
Von Arnold Fanck, dem Pionier des
Bergfilms, ist die Geschichte überliefert,
wonach er einmal eine ganze Schnee-
wand oberhalb seiner Darstellerin Leni
Riefenstahl absprengen ließ. Für Fanck
musste der Berg dramatisch sein, voller
Effekte, und der Mensch durfte vor allem
deshalb mitspielen, um die Naturgewal-
ten begreifbar zu machen. Seine Filme
trugenNamenwie „Der Kampf ums Mat-
terhorn“, „Die weiße Hölle vom Piz Pa-
lü“ oder „Stürme über demMont Blanc“.
Achtzig Jahre ist das her, doch den Drei-
satz Kampf, Sturm, Hölle ist das Sujet ir-
gendwie nicht losgeworden. Wie wenig
der Bergfilm mit diesem Klischee noch
gemein hat, ist bis Sonntag in mehr als
90 Filmen aus 16 Ländern auf dem Te-
gernseer Bergfilmfestival zu sehen.
Dessen künstlerischer Leiter Michael
Pause mag wie die meisten Bergfilmer
mit Fanck noch die Freude an der Ge-
birgslandschaft teilen. Doch er setzt
beim Festival weniger auf ein Spektakel
der Naturgewalten als auf einen Kosmos
aus wundersamen Charakteren. Hand-
lung und Personen stehen im Vorder-
grund, der Berg taugt manchmal gerade
noch zum Statisten. Ganz weit weg vom
Fels spielt beispielsweise der Kurzfilm
Sarajevo Challenge, in dem ein Kerl mit
am Körper montierten Rollen die Bob-
bahnSarajevos per Schussfahrt überwin-
den will – jenes olympische Relikt, das
der Krieg in eine Ruine mit Schlaglö-
chern verwandelte. In A Sleepless Night
muss der Empfänger eines Notrufs die
Verunglückten bis zum Eintreffen der
Rettungsmannschaft auf Überlebentrim-
men – nur per Funk. Die Route, ein auf-
wendiger Heimatfilm nutzt die Ästhetik
des Kletterns wiederum für bröselnde
Freundschaften und zerstörte Lebens-
träume. Und natürlich sind Szenestars
wie die Huberbuam oder Ueli Steck ver-
treten, die manchem Berg durch ihre
Leistung erst ein Gesicht geben.
Pause sagt: „AucheinBergfilmfunkti-
oniert nicht ohne Menschen“ – und diese
findenimmer neue, individuellere Zugän-
ge zu dem Thema Berg. Dementspre-
chendist das Programmeine Schnittmen-
ge aus Action und Abenteuer, Natur-
und Liebesfilm, aus Tragödien und Mili-
eustudien. Die Darbietungen reichen
vom Achtminüter über Dokumentatio-
nen bis zum abendfüllenden Kinofilm
wie „127 Stunden“. Ob man diese stetig
wachsende Unübersichtlichkeit als Blü-
te oder Niedergang des Genres verstehen
will, bleibt den Grüblern überlassen.
DemBesucher bietet sich dadurchjeden-
falls ein erfreulich breites Spektrum.
Nur mit einer Sache tut sich die Bran-
che fast so schwer wie zu Fancks Zeiten.
Pause findet: „Humor ist nicht das prä-
gende Element des Bergsteigens.“ dop

INFORMATIONEN: Das Bergfilm-Festival
am Tegernsee läuft bis Sonntag, 23. Okto-
ber. Auskünfte unter 080 22/18 01 61 oder
www.bergfilm-festival-tegernsee.de
Ein bisschen
Show muss sein
Markus Gaiser, Präsident des
International Mountain Summit, freut sich
über Selbstdarsteller im Alpinismus –
und zieht Grenzen
Professionelle Alpinisten wie Thomas Huber – hier amEl Capitanin den USA– müssen nicht nur klettern können, sondern
auch unterhalten. Markus Gaiser (re.) und der IMS bieten ein Forum dafür. Fotos: NG Collection/Interfoto, privat
Berge als
Statisten
Das Tegernseer Bergfilmfestival
zeigt mehr Mensch als Landschaft
Verantwortlich:
Jochen Temsch
„Humor ist nicht gerade
das prägende Element
des Bergsteigens“
Faszinierend.
Übernachtung mit Showticket und spannendes Quiz auf:
rockyhorrorshow.radissonblu.com
Düsseldorf – München* – Linz* – Berlin – Wien
Mannheim* – Dortmund* – Köln – Zürich
*Park Inn by Radisson Hotels
Kurztrips mit Radisson Blu
zur Rocky Horror Show.
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Lassen Sie sich inspirieren.
FERNREISEN
Eine Beilage der Süddeutschen Zeitung
Anreise: Mit der Transsibirischen
Eisenbahn oder mit dem Flugzeug
über Moskau.
Unterkunft und Touren: In Irkutsk
kann der Gast Hotels mit internatio-
nalem Standard erwarten, im Delta
Hotel kostet die Nacht ca. 100 Euro
pro Person im DZ. Für nicht-russisch-
sprachige Besucher ist es ratsam,
Zimmer und Touren über Agenturen
zu buchen, etwa über www.grandbai-
kal.ru (gehobener Standard),
www.greenexpress.ru (Natur-Erleb-
nistouren) oder www.baikalinfo.com
(auch preiswerte Übernachtungen)
Süddeutsche Zeitung Nr. 242 | Donnerstag, 20. Oktober 2011
Von Hannah Bei tzer
Die Einheimischen nennen ihn „Perle
Sibiriens“ oder „Heiliges Meer“ – der
Baikalsee ist ein Mythos, ein Naturspek-
takel und ein Anziehungspunkt für Eso-
terik-Touristen, die glauben, dass sich
hier eines der energetischen Kraftzen-
tren befindet. Er ist das naturgewordene
Symbol für jene Sibirien-Romantik, die
sich, eifrig befeuert von Fernseh- und Ki-
nofilmen, in Europa breitgemacht hat.
Das Einfallstor für Baikaltouristen
ist Irkutsk, eine für russische Verhältnis-
se kleine Stadt – sie hat ungefähr eine
halbe Million Einwohner –, die etwa 70
Kilometer vom Baikalsee entfernt liegt.
An und für sich ist Irkutsk nichts Beson-
deres, es gibt eine Fußgängerzone, ein
paar historische Gebäude und ein Muse-
um, das von den Freiheitskämpfern er-
zählt, die zur Zarenzeit hierher ver-
bannt wurden. Vor allem aber gibt es in
Irkutsk zahlreiche des Englischen mäch-
tige Agenturen, die die einströmenden
Reisenden auf die touristischen Punkte
des Baikalsees verteilen. Von denen gibt
es erstaunlich wenige – wenn man be-
denkt, dass der Baikalsee zu den größten
Seen der Welt gehört, dass die Natur
atemberaubend ist und dass sich hier
mehrere Kulturen auf die seltsamste Art
und Weise mischen: der alte Schamanen-
Glaube der Burjaten, einer mit den Mon-
golen verwandte Ethnie mit Buddhis-
mus, orthodoxer russischer Kultur und
Sowjet-Nostalgie.
Doch die Touristen konzentrieren
sich im Wesentlichen auf wenige Orte:
das Städtchen Listwjanka zumBeispiel,
das man von Irkutsk aus gut mit dem
Bus erreichen kann und das direkt am
See liegt. Sonntags kann man sich hier
kaum bewegen vor lauter Menschen, im
Baikalsee-Museumdrücken sich die Be-
sucher die Nasen an Aquarien mit Bai-
kalrobben platt, Süßwasser-Tiere, de-
ren kleine Gesichter auf demriesigen ke-
gelförmigen Leib aussehen wie zusam-
mengestaucht. Auf dem Markt verkau-
fen alte Frauen grobgeschnitztes Kü-
chengerät aus Holz, bunte Matrjoschkas
und kitschige Bilder in schreienden Far-
ben. Sie sitzen reichlich missmutig hin-
ter ihren Ständen. „Komisch. Die Touris-
ten kaufen nie Souvenirs“, wundert sich
Olga Kostowskaja. Die junge Frau führt
für die Agentur „Grand Baikal“ Besu-
cher durch Irkutsk und macht mit ihnen
Ausflüge. Die deutschen Touristen, er-
zählt sie, finden den geräucherten Fisch
spannender als Souvenirs, den es auf
dem Markt von Listwjanka gibt: der
Omul, ein wohlschmeckender Speise-
fisch aus der Familie der Lachsfische,
lebt nur im Baikalsee, es gibt ihn gebra-
ten, frittiert, gebacken und eben geräu-
chert.
Die meisten Besucher pilgern aller-
dings gleich auf die Insel Olchon, die et-
wa sieben Busstunden von Irkutsk ent-
fernt im Baikalsee liegt. Der Weg dort-
hin führt in eine andere Welt – die der
burjatischen Schamanen. Sobald man
hier burjatisches Gebiet betritt, stehen
an jeder Straße altarartige Holzgebilde.
Hier muss der Reisende etwas zurücklas-
sen: Geld oder ein Stück Stoff, und so
bei den Göttern eine glückliche Reise er-
kaufen. In Anlehnung an die Buddhisten
knoten viele Einheimische Stoffbänder
in die Bäume, die am Wegrand stehen.
Strom und fließendes Wasser gibt es auf
Olchon nicht, dafür angeblich eine be-
sondere Erdstrahlung – und die Schön-
heit des Baikalsees, so weit man blicken
kann: dramatische Felsenkulissen am
Horizont, pittoreske Holzhütten und so
viel Omul, wie man essen möchte. Spä-
testens seit der ZDF-Dokumentation
„Sternflüstern: Das Sibirienabenteuer“
findet man hier im Sommer mehr Deut-
sche als Russen, die Preise steigen, und
man hat vor lauter Touristen kaummehr
Gelegenheit, sich an der Stille des schier
unendlichen Baikalsees zu erfreuen.
Deswegen lohnt es sich, ein Stück-
chen weiter ins Land zu fahren, um den
Massenzu entkommen: die Berge bei Bai-
kalsk hinauf zum Beispiel, von wo man
einen phantastischen Ausblick auf den
See hat. Die Infrastruktur ist hier nicht
besonders ausgeprägt, nur wenige Ho-
tels haben westlichen Standard, die Stra-
ßen sind holprig und es gibt keinen Han-
dyempfang. Die Schönheit der Land-
schaft ist weniger offensichtlich, als es
die Hochglanzbilder in Reiseprospekten
vermuten lassen. Sicher, da ist überall
der Baikalsee, groß und so klar, dass bei
schönem Wetter die Schiffe darauf aus-
sehen, als würden sie schweben. Da sind
die Berge, die sich amRande dieses klei-
nen Meeres in die Himmel bohren.
Aber inden Bergen sieht man auch zer-
fallene Holzhütten, verlassene Dörfer
und Bushaltestellen, in denen Jugendli-
che in schmuddeligen Armeehosen
schon nachmittags Bier trinken. Sie
schauen den Mädchen hinterher, die in
hochhackigen Sandalen vorbeistöckeln,
in denen sie Tennissocken tragen, weil
es amBaikalsee nur ein paar wenige Mo-
nate richtig warm ist. Man kommt vor-
bei an verlassenen Vergnügungsparks,
in denen Kinder an rostigen Karussells
herumturnen. Das ist, zwanzig Jahre
nach dem Zusammenbruch, noch ein
letztes Stück Sowjetunion.
Vor allemMenschen aus der unmittel-
baren Umgebung kommen in die Berge,
um zu entspannen. Im Winter kann man
Ski fahren, selbst der sportliche Noch-
Premier und Bald-Wieder-Präsident
Russlands Wladimir Putin ist hier schon
die Hänge hinuntergewedelt. Alexej
Chalo arbeitet dort in einem Hotel, das
genauso heißt wie das Skigebiet: Soboli-
naja. Das Gebäude sieht aus wie eine
Siebziger-Jahre-Turnhalle, mit Linole-
um-Boden und abbröckelnder Farbe an
den Treppengeländern. „Mit den westli-
chen Skigebieten können wir natürlich
nicht mithalten“, sagt Chalo. Dennoch
will man Touristen aus Europa anlocken
– immerhin gibt es den Baikalsee nur
hier. Dort kann man im Winter Schlitt-
schuhlaufen und durch das Eis Fische
im Wasser herumflitzen sehen. Das Ho-
tel hat deswegen kleine Blockhütten ge-
baut, die einfach, aber modern eingerich-
tet sind.
Für Chalo, der selbst in Irkutsk lebt,
ist jeder Tag in Sobolinaja wie Meditati-
on. „Am Baikal ist das Leben langsa-
mer. Viele Leute kommen hierher und
schlafen erst einmal zwei Tage.“ In den
Bergen gibt es auch klare Seen, die so
kalt sind, dass man nur wenige Tage im
Jahr dort baden kann. Zum beliebtesten
See, der wegen seiner verhältnismäßig
angenehmen Temperatur der „Warme
See“ genannt wird, fährt man über holp-
rige Straßen, für die sich Alexej Chalo
schämt. Er wundert sich auch, dass deut-
schen Besuchern das Feriendorf amWar-
men See aus bunt angemalten, wild zu-
sammengezimmerten Holzhütten ge-
fällt. Ein Mann in grauer Jogginghose
grillt dort Schaschlik und Kinder sprin-
gen kreischend ins Wasser. Laute Tech-
nomusik beschallt das Naturidyll.
Noch weniger für westliche Touristen
erschlossen ist das Tunka-Tal, das an
die Mongolei grenzt und für seine Heil-
quellen bekannt ist. Auf verschlungenen
Straßen fährt der Besucher durch kleine
Städte. Am Straßenrand stehen kleine
Hütten, an denen auf Plastiktellern die
burjatische Spezialität Posy serviert
wird. Posy ähneln den russischen Pelme-
ni, den Teigtaschen mit Fleischfüllung,
die die Frauen früher als Vorrat in den
kalten sibirischen Wintern im Schnee
vergruben. Die Russen kommen für Kur-
aufenthalte ins Tunka Tal, zum Beispiel
ins Dorf Nilowa Pustyn, wo Galina Bori-
sowa ein frisch renoviertes Kurhotel
führt. Englisch spricht sie nicht, aber sie
muss ohnehin in ihrem Gästebuch lange
suchen, bevor sie ausländische Gäste fin-
det. Was man hier den ganzen Tag ma-
chen kann? „Die Leute gehen spazieren,
grillen, spielen Karten“, sagt sie. Beson-
ders stolz ist man hier auf die dorfeigene
radioaktive Quelle. „Das ist sehr gut für
die Haut“, schwört Galina Borisowa.
Und zum Mittag- und Abendessen gibt
es Omul. Natürlich.
Fischer angeln im Baikalsee nach
Omul, in den pittoresken Dörfern
sind oft Satellitenschüsseln die einzi-
ge Verbindung mit der Außenwelt,
Frauen bereiten die burjatische Spe-
zialität Posy, mit Fleisch gefüllte
Teigtaschen. Fotos: Corbis (3), beitz
Info
Russen reisen ins Tunka-Tal
an der Grenze zur Mongolei
wegen seiner Heilquellen
MONGOLEI
RUSSLAND
100 km
Irkutsk
Sljudjanka
Tunka-Tal
Olchon
Baikalsk
Listwjanka
Ulan-Ude
Baikalsee
SZ-Karte
Das gläserne Meer
Der Baikalsee, Sehnsuchtsort von Romantikern und Esoterikern, ist in weiten Teilen noch touristisches Neuland
Spikes für Mensch und Tier sind auf dem Baikalsee im Winter unerlässlich.
Durch die klare Eisdecke kann man die Fische schwimmen sehen. Foto: Corbis
Faszinierend bunt.
Die faszinierende Vielfalt Israels:
AKTUELLE REISEANGEBOTE
REISE MISSION | „Faszinierende Israel-Rundreise“ | 9 Tg., Ü/HP im Hotel, inkl.
Rundfahrten, Guide, Eintritte, Flug, ab € 985.- p.P. | Tel.: 0341/3085410 | E-Mail:
info@reisemission-leipzig.de
Wikinger Reisen | „Israel – Faszination Wüste, Wasser, Glaube“ | 10-tg.
Studienreise mit 4 Wanderungen zw. 2 – 4 Std., in kl. Gruppe (10 bis max.
18 Pers.) von Tel Aviv über See Genezareth, Jerusalem bis Negev Wüste,
Mittelkl.hotels, ÜHP/DZ oder EZ, inkl. deutschsprachige Rsl., Eintritte,
Transfers, Flug mit LH, ab € 1.998.- p.P. | Tel.: 02331/9046 | www.wikinger.de
Dr. Augustin Studienreisen GmbH | Exklusive 8-tägige Studienreise mit
Gelegenheit zum Opern-Open-Air mit Bizets „Carmen“ vor der Felsenfestung
Masada, 06.06. – 13.06.2012, Reiseltg.: Prof. Dr. Dr. M. Augustin, ab € 1.599.- p.P. |
Tel.: 0341/484580 | www.dr-augustin.de
Yoram Ehrlich Reisen | „Der Jerusalem Weg“ | 8-tg. geführte Pilgerwande-
rung, 7 ÜHP in *** Hotels / Kibbuz-Gästehäusern, tägl. Gepäcktransfer, inkl.
aller Gruppentransfers, min. 7 Pers., max. 25 Pers., ab € 995.- p.P. im DZ,
EZ-Zuschlag: € 231.- | Tel.: 0681/585360 | www.mein-israel.eu
Staatliches Israelisches Verkehrsbüro / Friedrichstr. 95 / 10117 Berlin
Tel.: 030 2039970 / Fax: 030 20399730 / info@goisrael.de www.goisrael.de
Direktflüge nach Israel bieten u.a. an:
www.elal.com
www.airberlin.com
Anreise: Die nächstgelegenen Flug-
häfen sind Bozeman und Billings in
Montana sowie Jackson Hole in
Wyoming, ein Mietauto ist nötig.
Infos über US-Nationalparks unter:
www.nps.gov, Übernachtungsmög-
lichkeiten sind unter www. uspark-
lodging.com zu finden. Wer’s ruhi-
ger will, sollte im Sommer außerhalb
des Parks logieren, empfehlenswert
ist etwa das www.rockyforkinn.com
in Red Lodge, Montana. pfu
FERNREISEN
Eine Beilage der Süddeutschen Zeitung
Von Johanna Pfund
Die beiden Welten berühren sich nur
wenige Tage lang. Die eine ist amEnde, es
ist die Welt der frei umherstreifendenIndi-
aner inNordamerika. Die andere steht am
Anfang, es ist die Welt der Moderne, inder
die Menschen in der Natur Erholung vom
Stadtlebensuchen. ImSommer 1877pral-
len diese Welten im erst fünf Jahre alten
Yellowstone National Park aufeinander:
Indianer vom Stamme der Nez Percé, seit
Wochen auf der Flucht vor der US-Ar-
mee, nehmeneine Gruppe campender Tou-
risten gefangen, weil diese sich weigert,
Speck und Kaffee an die ungebetenen Be-
sucher abzutreten.
140 Jahre später sind die Indianer Ge-
schichte. Niemand läuft mehr Gefahr, in
dieser Ecke zwischen Wyoming, Montana
und Idaho Indianern in die Hände zu fal-
len. Viel größer ist das Risiko, kein freies
Hotelbett, keinen Campingplatz oder kei-
nenParkplatz zufindenimältestenNatio-
nalpark der Welt, der in etwa die Größe
Oberbayerns hat. Millionen wollen sehen,
was imPark – imGrunde der Kessel eines
Supervulkans – zischt, brodelt und blub-
bert. Sie wollenGeysire undSchlammvul-
kane, Büffel und Bären sehen.
Die Häuptlinge Chief Joseph und Loo-
kingGlass ahnen1877 wohl nicht, dass sie
durch einen bald weltberühmten Natio-
nalpark ziehen und dass sie selbst dabei
sind, Geschichte zu schreiben. Sie versu-
chenlediglich, die 700Indianer vomStam-
me der Nez Percé zu retten. In ihrer Hei-
mat Oregon sollen sie ins Reservat umge-
siedelt werden. Das wollen sie nicht und
sie flüchten, quer durch Idaho, Wyoming
und Montana in Richtung Kanada, wo sie
sich Häuptling Sitting Bull und dessen
Siouxanschließen wollen. 1500 Meilenle-
gen die Nez Percé insgesamt zurück. In
denweitläufigen Tälerndes auf über 2000
Meter hoch gelegenen Parks tricksen sie
die US-Armee immer wieder aus undtref-
fen wie gesagt auf das Phänomen Tourist.
Chief Josephverfährt gnädigmit denCam-
pern, die ihmseine Leute ins Lager schlep-
pen. Er lässt sie frei; er werde Frauen im
Gegensatz zur amerikanischen Armee,
die auf Alte, Kinder und Frauen schieße,
nichts antun, heißt es in Berichten.
Von dem Drama zeugen noch Namen:
Am Indian Pond, wenige hundert Meter
neben dem Lake Yellowstone, dem größ-
ten Bergsee Nordamerikas, rasten Chief
Joseph und seine Leute. Am Firehole Ri-
ver, in dem sich heißes Thermalwasser
undeiskaltes Gebirgswasser mischen, for-
derten die Indianer das Frühstück von
den Campern aus Montana; heute baden
die Besucher im Firehole River, nehmen
Wechselbäder in heißem, lauwarmem
oder eiskaltemWasser – die Magma-Kam-
mer unter dem Yellowstone Park, die das
Wasser erhitzt, macht es möglich. Gegen-
denmit solchaußergewöhnlicher geother-
maler Aktivität gibt es nicht viele auf der
Erde: inIslandundauf Neuseelandgibt es
Geysire, Kalksinterterrassen, geformt
von stetig laufendem heißen Wasser, gibt
es nur imYellowstone oder in der Türkei.
Obdie Indianer sichZeit genommenha-
ben, denOldFaithful, denzuverlässigsten
aller Geysire, der alle 65 bis 90 Minuten
WasserfontänenindenHimmel jagt, zube-
sichtigen, das ist nicht überliefert. Sicher
ist aber, dass Old Faithful sein Wasser
längst nicht mehr unbeobachtet in die
Luft spuckt. 2010 zählt die Parkverwal-
tung mehr als drei Millionen Besucher;
Tausende von ihnen besuchen an schönen
SommertagenalleindenGeysir. EinHisto-
ric Trail – ein historischer Weg – zeichnet
die Route von Chief Joseph nach. Der
Park ist ein Erholungsort, genau wie es
sich der amerikanische Kongress vorge-
stellt hat: „For the benefit and enjoyment
of the people“ – zum Wohl und zum Ver-
gnügen des Volkes wird der Yellowstone
National Park 1872 gegründet – als erster
Nationalpark der Welt.
Mit seiner Entscheidung vom 1. März
1872 entzieht der US-Kongress zum ers-
ten Mal eine Region komplett jeglicher
Art der Nutzung – von Einrichtungen für
die Besucher großzügig abgesehen. Die
US-Amerikaner sind damit weltweit Vor-
reiter. Über die Beweggründe ist viel ge-
stritten worden. Hat Naturschützer John
Muir seinen Einfluss geltend gemacht,
Muir, der Konservative, dem es vor allem
um das Bewahren der Natur geht? Oder
war es Ziel, mit Hilfe der grandiosen Na-
turphänomene amerikanische Identität
zu formen? Dafür spricht, dass die ersten
Berichterstatter die Wasserfälle und Ge-
steinsformationendes Westens, obimYel-
lowstone, im Grand Canyon, im Zion Na-
tional ParkinUtahoder die Mammutbäu-
me Kaliforniens gerne mit den Kathedra-
len Europas verglichen. Die Chancen, ein
Nationalpark zu werden, standen für die
Gegenden, die wirtschaftlich keinen ho-
hen Nutzen versprachen, ziemlich gut.
Der Grand Teton National Park, südlich
des Yellowstone gelegen, wurde 1929 ge-
schaffen, war aber zunächst begrenzt auf
die gigantische 4000er-Bergkette. Erst die
Familie Rockefeller machte die Erweite-
rungmöglich, sie kaufte angrenzendes Pri-
vatland, das Protesten zum Trotz in den
1940ern dem Park hinzugefügt wurde.
DenKonflikt zwischenNutzenundNa-
tur versucht die Nationalparkverwaltung
bis heute zu lösen – imYellowstone wie in
den Tetons oder in anderen National-
parks. Noch in den 1950er Jahren führten
mehr Straßen durch den Park als heute.
Geblieben ist im Grunde eine großzügige
Acht, entlang derer wie Perlen auf einer
Schnur aufgereiht alle wichtigen Sehens-
würdigkeiten liegen. Da sind die Kalk-
sinterterrassen – die Mammoth Hot
Springs – im Norden, die Wasserfälle des
Yellowstone River mit ihren gelb, orange
und rötlich schimmernden Felswänden
im Osten, der See in der Mitte des Parks.
Undnicht zuvergessender Westenmit sei-
nen Geysirlandschaften – Wasser, Dampf
und Schlamm speiende Perpetuum Mobi-
les. Weite Teile des Parks aber bleibenun-
berührt. Nur zu Fuß kann man die Wälder
erkunden. Manche sind dicht, andere re-
ckensilbrigglänzende Stämme wie Zahn-
stocher in die Höhe – eine Erinnerung an
das große Feuer von 1988, und zwischen-
drin kann man auch einen kleinen Drei-
tausender besteigen. Dabei ist Verständ-
nis für wirklich wilde Tiere von Vorteil.
Der Reichtum an Büffelherden hätte
Chief Joseph und seine Leute wohl ent-
zückt. Besser Bisonfleisch, als Speck und
Kaffee von Touristen einzufordern. Der
Yellowstone ist aber erst im Laufe der
Jahrzehnte zum Rückzugsgebiet für die
Büffel geworden. Denn auf Privatland,
auf denlandwirtschaftlichgenutztenPrä-
rien, sind sie nicht willkommen, könnten
sie dochRinder mit der Tierseuche Brucel-
lose anstecken. Im Park haben die Bisons
hingegen das „Right of Way“, Vorfahrt.
Sie weiden in den Flusstälern, sie spazie-
ren auf den Straßen, sie verursachen kilo-
meterlange Staus. Ein „Buffalo Jam“, ein
Büffel-Stau, gehört imYellowstone Natio-
nalpark einfach dazu.
Die Sicherheit, nicht gejagt zu werden,
genießen auch die Bären. In puncto Bären
hat die Nationalparkverwaltung dazuge-
lernt. Noch in den 1950er und 1960er Jah-
ren war die tägliche Bärenfütterung mit
denAbfällender Hotels einbeliebtes Tou-
ristenspektakel. Seit 1970 versucht das
Management, den Weg zurück zur Natur
zufinden. Mit Erfolg. Mehr als 6000Grizz-
lys soll es geben, es gibt Überlegungen, die
Tiere von der Roten Liste zu nehmen. Die
Chancen, einen Bären beim abendlichen
Fressspaziergang zu sehen, stehen gut.
Manmuss einfachnur schauen, womehre-
re Autos stehen, auf der Straße parken
und fotografieren. Das heißt dann „Bear
Jam“ – Bärenstau. Zelten im Hinterland,
wie es einst die Nez-Percé-Indianer getan
haben, ist inAnbetracht der Bärenpopula-
tion nur etwas für Reisende mit starken
Nerven. Sie sollten beim Wandern Krach
machen, beim Zelten nachts die Vorräte
schwer erreichbar an einen Baum hängen
undtrotz unzähliger Geräusche gut schla-
fenkönnen. Die Ranger imParkinformie-
ren umfassend über das richtige Verhal-
ten. Dennoch geht nicht immer alles gut.
Erst diesen Sommer gab es zwei Unfälle
mit Grizzlybären. So nah will man der
Wildnis nun auch wieder nicht sein.
Die Nez-Percé-Indianer haben für Be-
trachtungen über die Wildnis keine Zeit.
Sie entkommen bei ihrer Reise durch den
Park zwar der US-Armee und sie nehmen
auch keine weiteren Touristen gefangen,
dochihre Tage inFreiheit sindgezählt. Im
Oktober 1877, nur 40 Meilenvor der kana-
dischen Grenze, ergibt sich Chief Joseph.
Umdie 300 Leute hat er verloren, es man-
gelt an Kleidung, an Essen. Einige seiner
jungenKrieger suchenihr Glückbei ande-
ren Stämmen. Die Nez Percé müssen ins
ferne Oklahoma ins Reservat. Bis an sein
Lebensende fordert Chief Joseph verge-
bens die Rückkehr in seine Heimat, die
Wälder und Berge des Nordwestens. Er
stirbt imJahr1904, laut ärztlicher Diagno-
se an gebrochenem Herzen.
Ausbruch nach Fahrplan:
Beinahe stündlich speit der
Old Faithful heißes Wasser
Süddeutsche Zeitung Nr. 242 | Donnerstag, 20. Oktober 2011 | Seite 43
Von Naturkräften marmoriert:
Schwefel, Eisen und andere
Elemente färben das Gestein
im geologischen Hotspot Yel-
lowstone Park bunt ein (oben).
Abendstimmung am Lake Yel-
lowstone, Nordamerikas größ-
tem Bergsee (unten). Fotos: pfu
Info
Europa hat Kathedralen,
Amerika hat gigantische
Natur als Identitätsstifter
Sehr wild, sehr heiß – und gut bewacht
Der Yellowstone gilt als Symbol für ungezähmte Natur. Damit es so bleibt, haben die Park Ranger viel zu tun
Bison im Nebel. So nah wie er dürfen die Besucher „Old Faithful“, dem be-
rühmtesten Geysir der Welt, im Yellowstone Nationalpark im Nordwesten der
USA nicht kommen. Tausende beobachten das stündlich wiederkehrende
Schauspiel, wenn er seine Wasserfontäne in die Luft schickt. Foto: Getty
USA
WYOMI NG
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I DAHO
MONTANA
KANADA
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M
o
u
n
t
a
i
n
s
Yellowstone-
Nationalpark
200 km
SZ-Karte: Lisa Borgenheimer
Anreise: Direktflüge von Frankfurt
nach Colombo bieten u. a. Sri Lan-
kan Airlines und Condor, von ande-
ren deutschen Airports fliegen z. B.
Lufthansa, Emirates oder Qatar Air
jeweils mit einem Zwischenstopp.
Unterkunft und Touren: Hotels
im gehobenen Sektor sollte man vor
der Reise buchen. Eine Rundtour
mit Unterkunft in einfachen Guest
Houses lässt sich problemlos am
Zielort organisieren. Das Round
Ticket für die Sehenswürdigkeiten
im Kulturdreieck kostet 50 Dollar. Es
deckt aber nicht alle Eintritte ab.
Anreise: Von Santiago aus gibt es
Flugverbindungen nach Punta Are-
nas, von dort sind es noch knapp
400 Kilometer zum Nationalpark –
die Entfernungen in Patagonien sind
groß. Viele Busverbindungen führen
von den Städten direkt in den Torres
del Paine. Zum Beispiel auch von El
Calafate in Argentinien, das mit dem
Flugzeug von Buenos Aires zu errei-
chen ist. Ausführliche Informationen:
www.torresdelpaine.com
Die Windböenfegeneine Wandergrup-
pe fast in eine Kluft, der Regen peitscht
ihnen ins Gesicht, und wo eben noch die
Sonne auf kleine Wasserläufe schien, ra-
sen dunkle Wolken über stürzende Bä-
che. Es ist kein ungewöhnlicher Tag im
Nationalpark Torres del Paine, ganz im
Süden Chiles, wo Trekking-Ausrüster
gerne ihre Werbespots drehen – und vor
allemdie Natur denUrlaubzumAbenteu-
er macht.
Namensgeber und imposantes Wahr-
zeichen des Nationalparks sind die drei
Granitfelsen, die fast senkrecht in etwa
2800 Meter Höhe ragen. Die „Türme des
blauen Himmels“ prägen das gewaltige
Panorama ebenso wie die spitzen „Cuer-
nos“ und viele andere markante Gipfel.
Es ist aber nicht allein die Bergland-
schaft, die denParkzueiner der Hauptat-
traktionen Chiles macht, sondern die
spektakuläre Mischung amsüdlichenEn-
de der Welt. Wer zumBeispiel den „Lago
Grey“entlangwandert, sieht auf der Was-
seroberfläche zunächst kleine und dann
immer größere Eisberge, die so tiefblau
leuchten, als hätte sie jemand angemalt.
Am nördlichen Ende kalbt der gewaltige
Grey-Gletscher indenSee. Auchdas Wet-
ter ist eher rau als lieblich: In den Som-
mermonaten von Dezember bis Februar
ist es zwar sehr lange hell, die Durch-
schnittstemperatur aber liegt nur knapp
über zehn Grad, und der kräftige Wind
gehört das ganze Jahr über so unzertrenn-
lich zu Patagonien wie die große Steppe.
Wer im Torres del Paine wandert, sollte
also eine warme, wind- und wasserdichte
Wanderausrüstung mitbringen.
Ein gutes Fell statt Gore Tex tragen die
Guanakos, eine Lama-Art, die mit einem
stets verschmitzten Ausdruck durch das
Grasland wandert und gerne über Zäune
springt. Mit etwas Glück lässt sich auch
ein Andenkondor erblicken, der mit einer
Spannweite von bis zu drei Metern selbst
ingroßer Höhe vomBodenaus noch einen
imposanten Eindruck macht.
Die vielfältige Berg- und Tierwelt
lockt vor allem zwischen November und
März viele Touristenan, die meistenkom-
men aus den USAund Europa. Besonders
beliebt ist das sogenannte „große W“, ei-
ne Tour, die zu den spektakulärsten Aus-
sichtspunkten führt. Viele Gruppen pil-
gern diese Route ab, und so sieht man
zum Beispiel am Gletscher dieselben
Wanderer aus Würzburg oder Washing-
ton, die man am Tag zuvor noch auf dem
Boot getroffen hat.
Einsamkeit darf man im Park vor al-
lem in der Hauptsaison nicht erwarten,
dafür aber ist die Infrastruktur außeror-
dentlich gut. Es gibt zum Beispiel Cam-
pingplätze, die fertig aufgebaute Zelte in-
klusive Schlafsack günstig vermieten.
Das ist besonders praktischfür alle Über-
seetouristen, die gerne zelten, aber nicht
ihre gesamte Ausrüstung mitschleppen
wollen. Auf der anderen Seite gibt es
auch viele (und immer mehr) Luxusho-
tels, die für eine Nacht von300 bis zutau-
sendEuro verlangen. Der Parkist ebenei-
ne Attraktion mit internationaler Anzie-
hungskraft, die den Wander- oder Natur-
freund ebenso fasziniert wie denBackpa-
cker oder Luxustouristen. Regelmäßig un-
terschätzen viele Besucher, dass er auch
ein forderndes Wandergebiet ist: Das
„große W“ erweist sichfür manche Sight-
seeing-Touristen als zu groß, die sich
dann humpelnd mit letzter Kraft in die
Herberge schleppen.
Komfortabler ist da ein Tagesausflug
in den argentinischen Teil Patagoniens,
wo Besucher entlang der riesigen Front
des Perito-Moreno-Gletschers spazieren
können. Wenn sich die Sonne durch die
Wolken kämpft, strahlen das Eis und der
See in Türkis und Blau. Die Landschaft
rund um die Torres ist so abwechlungs-
reich wie das Wetter. Andreas Remien
FERNREISEN
Von Ingri d Brunner
Die Wolkenmädchen erwarten den Be-
sucher in anmutiger Tanzhaltung, unge-
fähr nach der Hälfte der 1200 Stufen, die
es auf das Plateau des Löwenfelsens von
Sigiriya zu ersteigen gilt. Wie zur Begrü-
ßung halten sie Lotusblüten in den Hän-
den. Hals, Ohren und Arme ziert schwe-
res Goldgeschmeide. Nur die Oberkörper
der ebenso voll – wie barbusigen jungen
Frauen sind zu sehen, sie scheinen aus
denWolken aufzutauchen– daher ihr Na-
me. Fünfhundert solcher Felsmalereien
sollen es einmal gewesen sein. Heute, gut
1500 Jahre später, sind nur noch an die
zwanzig erhalten – Sonne, Regen und
Heerscharen von Besuchern haben es
nicht gut mit ihnen gemeint. Viele Fres-
ken verblassten, bröckelten ab, ver-
schwanden.
Restauratoren haben in den siebziger
Jahren versucht, den in die Jahre gekom-
menen Mädchen eine Verjüngungskur zu
verpassen. Mit zweifelhaftem Ergebnis:
Sie besserten nach persönlichem Gusto
nach, hübschten Gesichter auf, ja sogar
Busen wurde geliftet, indem man Brust-
warzen weiter nach oben versetzte. Jetzt,
da die Übermalungen verblassen, haben
einige Nymphen in den Wolken derer
vier, andere haben mehr als fünf Finger
pro Hand oder entgleiste Gesichtszüge.
Wie dem auch sei: Ihr Anblick war schon
denMenschenimfünftenJahrhundert ei-
ne willkommene Verschnaufpause, wenn
sie den Fels mühsamerklimmenmussten,
um in die Festung ganz oben auf dem
Dach des riesigen Steins zu gelangen.
Treppen gab es damals noch nicht – aus
gutem Grund: Für König Kassapa, der
von 473 bis 491 regierte, war die Burg ei-
ne Zuflucht, nachdem er seinen Vater er-
mordet hatte. Zeitlebens musste er die Ra-
che seines Halbbruders Moggallana
fürchten. Deshalbverschanzte er sich auf
dem 200 Meter hohen Granitblock, der
monolithisch inder Landschaft steht und
den Blick auf die unten sich ausbreitende
Ebene und auf nahende Feinde freigab.
Von der Festung auf dem Felsplateau
sind nur noch Grundmauern zu sehen –
undmächtige Zisternen, für Wasservorrä-
te, mit denenmanauchlangenBelagerun-
gen hätte standhalten können. Genutzt
hatte Kassapa das alles freilich nichts.
Im Jahr 491 kehrte Moggallana zurück,
besiegte den Vatermörder und trat sein
rechtmäßiges Erbe an.
Seit 1982 ist Sigiriya mit seinen weit-
läufigen Wassergärten am Fuße des Lö-
wenfelsens Teil des srilankischenUnesco-
Weltkulturerbes. Wer den Fels erklimmt,
muss der tropischen Hitze, aufdringli-
chen Reiseführern und diebischen Affen
trotzen, die auf der Suche nach Süßigkei-
ten blitzschnell und überfallartig die
Rucksäcke der Touristen öffnen. An-
schließendpassiert mandas Löwentor, ei-
ne mächtige Treppe, flankiert von in
Stein gehauenen Raubtierpranken. Erst
dann beginnt der eigentliche Aufstieg.
Oben angekommen, wird der Besucher
beim Blick hinab mit einem Aha-Erleb-
nis belohnt: Wasser war hier wie an vie-
len anderen Orten der Welt der Schlüssel
für die Entstehung einer Hochkultur.
Wasser, besser die hochentwickelte Kul-
turtechnikder künstlichen Bewässerung,
verwandelte die weiten Trockenflächen
im zentralen Norden der Insel in frucht-
bares Land. Dies war der Grundstein für
die singhalesische Hochkultur, die zwi-
schen 400 vor Christus bis 1200 nach
Christus ihre Blüte hatte. Davon zeugen
nochheute zahllose Paläste, Tempelanla-
genundeinNetz vonKanälen, Wasserbe-
ckenundkünstlichenSeenimKulturdrei-
eck, das sich im Gebiet um die Städte
Kandy, Polonnaruwa und Anuradhapu-
ra, erstreckt. Baukunst bedeutete vorwie-
gend sakrale Baukunst: Die wichtigen
buddhistischen Klöster, Pilgerorte und
die Wiege des Buddhismus in Sri Lanka
finden sich fast alle im Kulturdreieck.
Eine Rundreise dorthin lässt sich pro-
blemlos direkt im Land organisieren.
Heerscharenvon Fahrern mit Nervenwie
Drahtseilen warten nur darauf, Touris-
ten souverän an Schlaglöchern, Kühen
undunzähligen herrenlosen Hunden vor-
bei zu den Sehenswürdigkeiten Sri Lan-
kas zukutschieren. Wie etwa Sarath – ein
Familienvater aus Beruwala, einem Ort
an der Küste im Südwesten der Insel. Ei-
gentlich träumt er von einem lukrativen
Job als Fahrer in Dubai. Sein Bruder ist
schon dort und will ihmeine Stelle in den
Emiraten vermitteln. Es ist der Traum
vieler Srilanker vom besseren Leben –
bietet doch der von Bürgerkrieg und Ne-
potismus wirtschaftlich ausgezehrte In-
selstaat kaum Perspektiven für die junge
Generation. Viele von ihnen haben sich
schon auf den Weg gemacht, täglich flie-
genjunge FrauenundMänner vonColom-
bo in die Golfstaaten, um dort in einem
Hotel oder einem Haushalt zu arbeiten.
Von denjenigen, die bleiben, verdingen
sichdie GlücklichereninHotels, als Ayur-
veda-Therapeuten, als Taxifahrer – oder
als selbsternannte Reiseführer. Der Rest
erfindet sich einfach einen Job – etwa in-
demer Touristen über befahrene Straßen
lotst, oder als Fotomotiv für Touristenpo-
siert. So kann es passieren, dass ein Stel-
zenfischer, der soeben noch in der Bran-
dung angelte, blitzschnell von seiner
Stange herunterhüpft und den Touristen,
der ihn fotografiert hat, kilometerweit
verfolgt, um seinen Tarif zu verlangen.
Oder dass eine von der Arbeit gebeugte
Teepflückerin plötzlich behände aus der
Plantage bergan springt und ihren Preis
als Model nennt. Trinkgeld ist in Sri Lan-
ka keine Ermessenssache des Gebenden.
Es ist ein armes, und doch an so vielem
reiches Land: Der Inselstaat exportiert
Zimt, Gummi, Tee, Kokosnussprodukte,
Textilien – und Edelsteine. Rubine und
Saphire aus Sri Lanka sind weltweit ge-
fragt. Dochder Besucheiner Edelsteinmi-
ne kommt einer Zeitreise gleich: Wie vor
Jahrhunderten schon schürfen und gra-
ben dort Männer mit bloßen Händen und
Muskelkraft in brunnenartigen Schäch-
ten nach den begehrten Steinen. Mit ein-
fachen Seilwinden ziehen sie das Gestein
hoch, andere Männer, die bis zum Bauch
in Wasserlöchern stehen, waschen es in
geflochtenen Körben aus, so lange, bis
vielleicht ein paar wertvolle Steinchen
übrigbleiben. Es ist ein weiter und be-
schwerlicher Weg bis sie an den Hälsen,
Ohren und Fingern der Kundinnen glän-
zen. Der Aufstieg zu den Wolkenmäd-
chen ist dagegen fast ein Spaziergang.
Wasser und die Kunst der
Bewässerung waren der
Schlüssel für die Hochkultur
FERNREISEN
Eine Beilage der Süddeutschen Zeitung
SRI LANKA
INDISCHER
OZEAN
Colombo
Kandy
Polonnaruwa
Anuradhapura
Sigiriya
50 km
SZ-Karte: Lisa Borgenheimer
Info
Die Stelzenfischer an der Südküs-
te Sri Lankas (links), die Wolken-
mädchen von Sigiriya (oben
links) und die Mönche in ihren
safrangelben Gewändern (oben
rechts) sind beliebte Fotomotive.
Doch umsonst ist nichts mehr auf
der Insel. Angeln nach Touristen
ist eben lukrativer. Sogar Mön-
che verlangen längst eine Spende
– für ihr Kloster. Fotos: Reuters,
action press, Corbis
Gipfel, Gletscher, Guanakos
Der Nationalpark Torres del Paine lockt mit einer beeindruckenden Landschaft
Süddeutsche Zeitung Nr. 242 | Donnerstag, 20. Oktober 2011 | Seite 44
Info
Das
Kultur-
Dreieck
Der Norden von Sri
Lanka ist reich an
archäologischen
Schätzen. Seit den
achtziger Jahren
gehören sie zum
Weltkulturerbe
Tee, Zimt, Rubine: Sri Lanka
ist reich an vielem, doch die
meisten Menschen sind arm
Im Sommer ist es zwar
lange hell, es ist trotzdem
stets kühl und sehr windig
Intensive Farben, bizarre
Wolkenformationen, blaue
Gletscher und markante
Berge hat der National-
park Torres del Paine im
Süden Chiles zu bieten.
Zahlreiche Wanderwege
führen um die prominen-
ten Gipfel herum. Touris-
ten finden Übernachtungs-
möglichkeiten sowohl in
einfachen Herbergen als
auch in Luxushotels.
Foto: rem
Torres
del Paine
CHILE
Puerto Natales
ARGEN-
TINIEN
Lago del Toro
Nationalpark
Torres del Paine
Gletscher
Perito Morino
SZ-Graphik: Lisa Borgenheimer
El Calafate
50 km
Verantwortlich: Werner Schmidt
Redaktion: Ingrid Brunner
Gestaltung: Michaela Lehner
Anzeigen: Jürgen Maukner
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Was für ein wundervoller Tag! Während wir auf den Sonnenaufgang gewartet haben, bot sich uns plötzlich ein Anblick, den
wir niemals vergessen werden. Der Hügel war voller Kängurus, mehr als ich je im Leben gesehen habe. Es stimmt, was die
Leute sagen – man muss dieses Land mit eigenen Augen gesehen haben.
Einfach unvergleichlich… ein Besuch im Zoo ohne Zäune.
Neapel – Wer an Wunder glaubt, der ist
in Neapel richtig. Im Dom San Gennaro
wird mehrmals im Jahr ein „Wunder der
Blutverflüssigung“ zelebriert, was das
ist, gehört hier nicht hin, als es sich aber
einst, im Jahr 1988, wieder einmal nicht
so vollzog wie erhofft, wurde dies in der
Stadt alsbald dafür verantwortlich ge-
macht, dass der SSC Neapel die Meister-
schaft verpasste – trotz Diego Armando
Maradona. Bei der Angelegenheit im
Dom handelt es sich um ein großes Mira-
kel, eines, das gelegentlichsogar denFuß-
ball berührt, es gibt in Neapel aber auch
die kleinen Wunder, die auf einen weißen
Zettel passen. IndiesemFall: Die Erschei-
nung der aus dem Nichts erzielten Tore.
Denn auf dem faktenreichen Spielbe-
richt, der nach jedem Champions-
League-Duell an die Journalisten ver-
teilt wird, stand beim SSC Neapel in der
Rubrik Attempts on target eine „0“.
Streng übersetzt: Versuche aufs Ziel:
„0“. Erste Halbzeit: „0“, zweite Halbzeit:
„0“. Laut Zettel haben die Neapolitaner
am Dienstagabend also nicht einen aus-
sichtsreichen Versuch unternommen, ins
Tor des FC Bayern zu treffen. Und doch
stand es amEnde 1:1. Der SSChatte also
getroffen, ohne zu zielen, und sollten die
Süditaliener das Achtelfinale erreichen,
was schwierig wird, dann werden sie im
Domvon SanGennaro vielleicht einbiss-
chen neidisch sein auf die Torvermehrer
ihres SSC aus dem Stadio San Paolo.
Am Fuße des Vesuvs sind sie ohnehin
der Überzeugung, dass alles mit allemzu-
sammenhängt, und so werden sie diese in
einem infernalischen Lärm erlebte
Nacht in mystischer Erinnerung behal-
ten und sich dabei auch nicht von einem
kühlen Wunderdeuter aus Mecklenburg-
Vorpommern irritieren lassen: „Kein an-
derer trifft gegen uns, also machen wir
uns halt selbst ein Gegentor“, schilderte
Toni Kroos aus Rostock das Erlebte. Und
der in München aufgewachsene Philipp
Lahmpräzisierte diese Darstellung: „To-
re sind immer eine Aneinanderreihung
von Fehlern. Und ich war auch daran be-
teiligt.“ In jener 39. Minute, in der die
durch Kroos kalt und präzise erzielte
Führung (2.) ausgeglichen wurde, hatte
Linksverteidiger Lahm in seinem Rü-
cken Maggio entkommen lassen, der
scharf indie Mitte flankte – dort erwisch-
te jedoch nicht der diensthabende Torjä-
ger Cavani, sondern Verteidiger Badstu-
ber den Ball per Fußspitze. Wenn also
aus dem Nichts ein Tor entsteht, handelt
es sichoffenbar umeinEigentor, undder-
lei Kuriositäten sind derzeit notwendig,
um Bayerns Abwehr zu bezwingen.
In Neapel wurde ein Klubrekord fest-
gezurrt: 1147 Minuten sind es, in denen
der im Sommer zum Verein gestoßene
Torwart Manuel Neuer ohne Gegentref-
fer blieb. 33:2 Tore haben die Münchner
inzwischen in den 13 Pflichtspielen er-
zielt, und bei beiden Bällen, die Neuer in
dieser Saison aus dem Netz klauben
musste, wurde er von den eigenen Leuten
überlistet. Dem0:1 amerstenBundesliga-
Spieltag gegen Mönchengladbach ging
einMissverständnis mit Verteidiger Jero-
me Boateng voraus, und jetzt, in Neapel,
war Badstuber dran. Einen echten Blatt-
schuss vom Gegner haben sich die – be-
sonders in der Defensive – renovierten
Bayern noch immer nicht gefangen.
Insofern konnten sie mit Kritik bei
sich selbst beginnen, ohne höhere Mäch-
te zur Verantwortung zuziehen. Etwa da-
für, dass Mario Gomez einen Elfmeter
verschoss (49.). Beim Anlauf war er von
Laserpunkt-Strahlern aus dem Publi-
kum irritiert worden, was die Münchner
als „Ding der Unmöglichkeit“ (Manager
Nerlinger) beklagten und umgehend bei
den Uefa-Offiziellen anzeigten. Gomez
selbst verbuchte den Fehlversuch, der
leichte Beute für Torwart De Sanctis
war, auf sein Konto, „weil ich eigentlich
in die Mitte schießen wollte. Aber dann
habe ichmichimletzten Moment ument-
schieden, und so landete er rechts un-
ten“. Wer will, durfte dies als ausglei-
chende Gerechtigkeit werten, denn die-
ser Handelfmeter war ebenso berechtigt
oder unberechtigt wie jener, der denNea-
politanern nach Schweinsteigers Hand-
ball zuvor verweigert worden war.
Es glich sich nahezu alles aus, war al-
les ein wenig unentschieden in dieser
Nacht, in der sich die Energiebündel des
SSC mit ihrem rastlosen Lauf-und
Kampfspiel das Ergebnis verdienten. Ge-
gen balltechnisch überlegene Münchner,
denendie Zielstrebigkeit fehlte, unter an-
derem, weil gegen eine unorthodoxe Ab-
wehr beide Flügel (Ribéry, Müller) lahm-
ten. Vom Resultat dürfte der SSC jedoch
weit weniger profitieren als die Bayern,
deren Rechnung recht simpel ausfällt:
Ihr Ziel der Reise, nämlich Tabellenfüh-
rer zu bleiben, haben sie erreicht, jetzt
folgen die Heimspiele gegen Neapel und
Villarreal. Zum Abschluss der Gruppen-
spiele bei Manchester City im Dezember
soll es dann nicht mehr auf Wunderliches
ankommen, sondern allenfalls noch dar-
um gehen, wer als Gruppenerster in der
Achtelfinal-Auslosung gesetzt sein wird.
Karl-Heinz Rummenigge, der Bayern-
Vorstand, erinnerte vor der Heimreise
noch an eine Kalkulation „aus meiner al-
ten Zeit: Wenn wir damals in Italien aus-
wärts einen Punkt holten, dann waren
wir sehr zufrieden“. Rummenigge spielte
von1984 bis 1987 für Inter Mailand, inje-
ner Zeit, in der die Serie A noch in voller
Blüte stand. Auch daran hat er erinnert,
als er vor der Reise gegenüber der Zei-
tung La Repubblica in Melancholie ver-
fiel: „Das Schönste in meinem Leben
liegt hinter mir“, sagte er – er meinte
wohl Fußball. Man mag ihm wünschen,
dass da noch was kommt, ein Lebensziel
für den Bayern-Vorstand könnte zum
Beispiel das Finale der Champions
League am 19. Mai in München sein.
Auf dem Weg dorthin müssen die
Münchner ihrer Ballbesitz-Strategie
aber noch einiges an Zielstrebigkeit und
Entschlossenheit hinzufügen, undes wür-
de die Perspektive wohl auch verbessern,
wenn wenigstens wieder ein halb-fitter
Arjen Robben als Option im Kader wäre.
Noch ist der Kreis derer, denen Jupp He-
ynckes in den Schlüsselspielen vertraut,
knapp bemessen, in Neapel begnügte er
sich mit zwei Zeitverzögerungs-Wech-
seln in den Schlusssekunden. Aber als
Gäste, das sei festgehalten, wissen die
Bayern, was inder Ferne ankommt: Com-
plimenti, complimenti – und notfalls,
aber nur notfalls, auch alle Tore selber
schießen. Klaus Hoeltzenbein
Manchester – Fragen zum argentini-
schenEinwechsel-Stürmer seienunzuläs-
sig, erklärte der Manchester-City-Spre-
cher, was die Reporter mit Buhrufenquit-
tierten. Überraschenderweise buhte
auch der Mann auf dem Podest – City-
Coach Roberto Mancini – mit. Das war
aber eher ironischzuverstehen. Der Itali-
ener ist der Diskussion um den suspen-
diertenAngreifer Carlos Tévez überdrüs-
sig, der beim 0:2 im Champions-League-
Spiel gegen den FC Bayern München auf
der Reservebank in einen Sitzstreik
getreten war. Selbst ein mitternächtli-
ches Treffen zwischen Mancini und
Tévez hatte keine Versöhnung gebracht.
Seitdem ist Tévez endgültig draußen –
und Fragen nach ihm nerven den Trai-
ner. Zumindest war das in der vergange-
nen Woche noch so.
Am Dienstagabend aber gab es keine
Unmutsbekundungen im Pressesaal des
Etihad-Stadions. Und Fragen zu einem
anderen argentinischen Einwechsel-
Stürmer waren sogar ausdrücklich er-
wünscht. Sergio Agüero, 43-Millionen-
Euro-Mann aus dem Buenos-Aires-Vor-
ort Quilmes, hatte nach seiner Einwechs-
lung in der 62. Minute Manchester City
mit seinem 2:1-Siegtreffer spät in der
Nachspielzeit gerettet. Ein Unentschie-
dengegenVillarreal wäre einemvorzeiti-
gen Aus nahe gekommen. Kein Wunder,
dass der sonst eher zurückhaltende Man-
cini nach Agüeros Abstauber an der Sei-
tenlinie in die Luft boxte, als wolle er je-
den Regentropfen einzeln k.o. schlagen.
„Wenn man in der letzten Sekunde trifft,
hat man großes Glück“, sagte der 46-Jäh-
rige, der mit vier Punkten nun sogar wie-
der auf den Gruppensieg hofft: „Die Bay-
ern sind momentan vorne, aber der erste
und zweite Platz sind noch offen.“
Erleichtert, aber auch irgendwie rat-
los – das war die Grundstimmung an die-
sem Abend. Manchester City war schon
wieder nicht in der Lage gewesen, die in
der Liga gezeigte Qualität auf internatio-
nalemNiveauzureplizieren. Wie die Bay-
ern in Neapel, so waren die früh in Füh-
rung gegangenen (Cani/4. Minute), intel-
ligenter spielenden Gäste erst durch ein
Eigentor kurz vor der Pause (Marche-
na/43.) aus dem Rhythmus gekommen.
Villarreal hatte vor den Augen von nur
20 mitgereisten Fans bis zum bitteren
Ende den gepflegteren Fußball gezeigt.
Die Premier League führt Manchester
City an, aber Kapitän Vincent Kompany
sagt: „Es ist total unglaublich, in Europa
scheint für uns alles anders zu sein.“ Die
kollektive Unerfahrenheit des Champi-
ons-League-Neulings mag ein Grund
dafür sein, möglicherweise sind die Geg-
ner vomFestlandja aucheine Spur unbe-
quemer als Insel-Fallobst wie Swansea
City oder Wigan. Mancini musste nach
39 Minuten einen Aufstellungs-Irrtum
korrigieren und Flügelstürmer Adam
Johnson durch Gareth Barry ersetzen,
um mehr Macht im Mittelfeld zu erlan-
gen. Johnson nahm das kopfschüttelnd
zur Kenntnis; Konsequenzenmuss er des-
halb aber eher keine befürchten.
Ganz ohne Kontroverse ging der
Abend trotzdem nicht zu Ende. Die irr-
tümlich auf eine Abseitsstellung vor dem
Siegtreffer plädierenden Spanier be-
schwerten sich nachher, Agüero habe
sich in den Stadionkatakomben despek-
tierlich benommen. „Ich verstehe nicht,
warum er sich über Verlierer lustig
machenmuss“, sagte Villarreals Vizeprä-
sident José Manuel Llaneza, „das zeigt
einen Mangel von Respekt und Moral.“
Der 23-jährige Agüero bestritt die Vor-
würfe: „Ich würde so etwas nie tun.“
Für Mancini und seine Elf kam der
Sieg jedenfalls gerade recht, amSonntag
steht das Lokalderby beimTabellenzwei-
ten Manchester United in dessen Stadion
Old Trafford an. Buhrufe wird es dann
garantiert wieder geben. Während der
Partie zumindest. Raphael Honigstein
Am Rande des Champions-
League-Spiels sindinder süditalieni-
schen Hafenstadt vier Bayern-Fans
mit Messern angegriffen und leicht
verletzt worden. Wie italienische Me-
dien am Mittwoch berichteten, wur-
den zwei deutsche Fans am Vor-
abendder Partie inder Innenstadt at-
tackiert. Die beidenanderen Bayern-
Anhänger waren unmittelbar vor
dem Spiel am Dienstagabend in der
Nähe des Stadions verletzt worden.
Neapels Bürgermeister Luigi De Ma-
gistris verurteilte die Vorfälle.
„Sport ist mit Gewalt unverträglich.
Daher kann ich nur strengstens ver-
urteilen, was geschehen ist. Vorfälle
dieser Art beleidigen die Fans, die
mit Freude das Match gegen Bayern
erwartet haben“, sagte er. dpa/sid
Neapel - Geschafft. „Napoli hält die Pan-
zer auf“, titelte Il Mattino nacheinemRe-
mis, das einen kleinen Sieg bedeutet. Für
die Mannschaft, die in der Champions
League weiterhin ungeschlagen ist und
für die Stadt, die in der Begegnung mit
den Bayern und deren Anhang alles dar-
an setzte, eine gute Figur zu machen. Ab-
gesehen von den Messerstechereien ge-
gen sechs Fans in der Nähe des Stadions
passierte auch nichts. Was nicht zuletzt
an dem gewaltigen Polizeiaufgebot lag,
mit demNeapel seine Gäste empfing, das
San Paolo war wagenburgartig von den
Carabinineri umstellt. Es sollte eben um
Himmels willen nichts passieren in der
schon ziemlich maroden Arena, die noch
nicht einmal eine Anzeigetafel hat, dafür
aber das leidenschaftlichste und buntes-
te Publikum des Kontinents. Auf den
Rängen rauchte, nebelte und waberte es
wie auf demFest der Madonna del Carmi-
ne, schließlich ist Neapel unter anderem
auch die Hauptstadt der Pyromanen,
nicht umsonst lebt man im Schatten des
großen, alten Feuerwerkers Vesuvio.
Seit Stundenwar es imzumBerstenge-
füllten San Paolo nicht so still gewesen
wie nach dem Blitztreffer von Kroos. Es
war, als fegte an diesemmilden Oktober-
abend plötzlich ein eiskalter Wind durch
die riesige Betonschüssel, der die Herzen
unddie himmelblauenFahneninder Cur-
va B gefrieren ließ. Verzagt verharrten
die Neapolitaner, zurückgeworfen auf
denhartenBodender Realität: Diese Bay-
ern waren übermächtig und die eigene
Mannschaft nicht mehr als einTruppblu-
tiger Anfänger, die gegen Manchester Ci-
ty und Villareal mehr Glück als Verstand
gehabt hatten. Nun schien sich das Los
schon wieder zu wenden. Auch die Spie-
ler erstarrten für einen Moment in Hilfs-
losigkeit: Mamma mia, was machen wir
hier? Neapel bereitete sichauf eine desas-
tröse Niederlage vor.
Erstes Heimspiel-Gegentor
Stattdessen wurde den Fans im Stadi-
on und in der wie leergeräumten Stadt
aber nur ein besonders zähes Fußball-
spiel serviert, in dem Napoli sich schnell
besann, um sich tapfer dem überlegenen
Gegner entgegen zu stemmen, und „das
Beste aus seinen Möglichkeiten machte“,
wie es später Trainer Walter Mazzarri
analysierte. Dabei entstand zwar kein
einziger Schuss aufs Tor, aber es entwi-
ckelten sich dank des wieseligen Eze-
quiel Lavezzi und des hartnäckigen
Christian Maggio doch wenigstens ein
paar brenzlige Situationen und in einer
von denen drängte Maggio den Bayern
Badstuber zum Eigentor. Da explodierte
San Paolo im frenetischen Jubel der Er-
leichterung, der noch etwas lauter wur-
de, als Morgan De Sanctis nach der Pau-
se den Elfmeter von Mario Gomez parier-
te. Kroos hatte ihmzuvor das erste Heim-
spiel-Gegentor in einem Jahr verpasst –
auchinder Europa League der Vorsaison
hatte der große Abruzzese im San Paolo
keinenTreffer kassiert. „Ich wusste, dass
Gomez seinen letzten Elfmeter nach
rechts geschossen hatte und so habe ich
mich lieber nach links geworfen“, sagte
De Sanctis. Soweit das Gesetz der Logik,
zum Glück war der Ball dann aber auch
nochmau. De Sanctis baute sein Adrena-
lin gleich beim Schiedsrichter ab: Der
Strafstoß sei überhaupt vollkommen
überflüssig gewesen, und rettete sein
Teamnocheinpaar Mal vor der Niederla-
ge. „Ich wusste ja, dass die Bayern stark
sind. Aber sie so aus der Nähe zu sehen,
verschlimmert die Sache erheblich.“ De
Sanctis hat andererseits auch schon eine
Menge hinter sich. Juventus Turin, FCSe-
villa, Galatasaray Istanbul. Das erleich-
tert die Sache erheblich.
Cannavaro gesperrt
De Sanctis füllte also auch diesmal sei-
ne Rolle als Blauer Engel abendfüllend
aus, während neben ihm der filigrane
Torjäger Edinson Cavani zur Krippenfi-
gur verblasste. Dort, wo er hingehörte,
sahmanihnnie, allerhöchstens gabCava-
ni in der Abwehr die schöne Statue, was
Trainer Mazzarri zu dem etwas zweifel-
haften Lob hinriss: „Er hat uns auch ge-
holfen.“ Tatsächlich ließen Cavani und
der sonst so kreative Slowake Marek
Hamsik das vermissen, was der SSC so
dringend braucht, wenn er ins Achtelfi-
nale will: Substanz und Beständigkeit.
Wir sind zu neu, wir sind zu grün, wie-
gelt Mazzarri stoisch ab, als sei seine
Mannschaft ganz zufällig hineingeraten
ins Konzert der Großen, dabei kann Na-
poli wirklich mehr als nur laut auf dem
Kamm zu blasen. Am Dienstagabend
war davon aber nicht viel zu spüren.
„Mit Herzblut, Leidenschaft und Enthu-
siasmus“ hätten die Gegner standgehal-
ten, komplimentierte artig Jupp Heyn-
ckes, die üblichen Klischee-Eigenschaf-
ten also. Es war aber wohl vor allem der
Stolz, der Napoli zusammenhielt. Jetzt
bloß nicht blöd aussehen, ausgerechnet
vor den Deutschen, „vor der stärksten
Mannschaft Europas“, wie Mazzarri be-
schwörte. Übrigens hätte man nach dem
Handspiel von Schweinsteiger gegen
Hamsik durchaus einen Elfmeter bean-
spruchen können. Aber geschenkt.
Nicht beschwingt aber sehr zufrieden
ging Napoli nach Hause – mit den Wer-
mutstropfen, dass Kapitän Paolo Canna-
varo im Rückspiel gesperrt ist und Man-
chester City kurz vor Schluss noch der
Sieg gelang. Aber was soll’s: geschafft.
Weit nach Mitternacht, als die Bayern
dem nächsten Sieg entgegenschlummer-
ten, wurde Neapel gründlich aufge-
räumt: Die Müllabfuhr kaminjedenWin-
kel. Diese Stadt ist so viel mehr als die
Summe aller Vorurteile. Birgit Schönau
Donnerstag, 20. Oktober 2011 HF2 Süddeutsche Zeitung Nr. 242 / Seite 45
Agüero beruhigt Manchester City
Spät kommt er,