Prof.

Klaus-Dieter Ludwig HS Wortschatzveränderungen und Wörterbuch SS 2000

Stilistische Markierungen lexikalischer Einheiten in allgemeinen einsprachigen Wörterbüchern des Deutschen
Ulrike Kramer Sporkenbühelgasse 1/3 1090 Wien Österreich

1

Inhalt

Seite

1. Einleitung 2. Die Grundlagen Denotation und Konnotation 3. Stilistische Markierungen in historischen Wörterbüchern 4. Terminologie der stilistischen Markierungen 5. Anwendung dieser Terminologie in den Wörterbüchern 5.1. Das Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache 5.2. Brockhaus-Wahrig – Deutsches Wörterbuch in sechs Bänden 5.3. Duden – Das große Wörterbuch der deutschen Sprache 6. Problematisierung der stilistischen Markierungen 7. Conclusion Bibliographie Anhang

2 3 4 5 6 6 7 8 9 11 12

1. Einleitung
Wenn man eine Reihe von Wörtern wie „gehen“, „Auto“, „klein“, „Landschaft“ und „dunkel“ mit solchen Wörtern wie „entfleuchen“, „Karre“, „mickrig“, „Gefilde“ und „zappenduster“ vergleicht, so fällt einem spontan auf, daß sich die Gruppe der ersten Wörter von denen der zweiten Wörter maßgeblich unterscheidet. Während die erste Gruppe von Wörtern nämlich in der Kommunikation in einem neutralen Sinn verwendet wird (obschon diese Wörter bei den Kommunikationsteilnehmern bestimmte Empfindungen auslösen können), hebt sich die zweite Gruppe von der „normalen“ Sprache in irgendeiner Form ab. Diese Wörter sind auf ihre Art und Weise auffällig, und ihre Verwendung im Gespräch erfolgt gewöhnlich, um einen bestimmten kommunikativen Effekt zu erzielen. Daß es in eben diesem Bereich der sogenannten „stilistischen Markierungen“ auch zu einem fehlerhaftem Gebrauch und damit zu unerwarteten „Stilblüten“ kommen kann, liegt auf der Hand (vgl. dazu auch Ludwig 1995 S. 280).

2 Diese Arbeit befaßt sich mit den stilistischen Markierungen in allgemeinen einsprachigen Wörterbüchern des Deutschen. Zu Beginn möchte ich die Begriffe „Denotation“ und „Konnotation“ genau erläutern und damit versuchen, den Themenbereich der Stilistik möglichst scharf einzugrenzen. Danach werde ich unter Bezugnahme auf die Wörterbücher von Adelung und Campe den geschichtlichen Hintergrund der stilistischen Markierungen behandeln, sowie auf die heute gebräuchliche Terminologie eingehen behandeln. Im Anschluß daran werde ich die Anwendung der stilistischen Markierungen im Detail kommentieren, und zwar anhand von drei synchronen Wörterbüchern des Deutschen: dem „Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache“ (WDG), „ Brockhaus-Wahrig - Deutsches Wörterbuch in sechs Bänden“ (BW) und „Duden - Das große Wörterbuch der deutschen Sprache“ (Duden-GWB). Da diese Arbeit das Ziel hat, problemorientiert zu sein, möchte ich zuletzt noch ein paar Schwierigkeiten aufgreifen, die sich in diesem Rahmen ergeben, und diese anhand einiger Beispiele verdeutlichen.

2. Die Grundlagen Denotation und Konnotation
Zwei für den Bereich der stilistischen Markierungen grundlegende Begriffe der Lexikologie sind der Begriff der „Denotation“ sowie der Begriff der „Konnotation“. Unter „Denotation“ versteht man „die kontext- und situationsunabhängige, konstante Grundbedeutung eines sprachlichen Ausdrucks“ (Bußmann S. 166), während „Konnotation“ die „individuelle (emotionale) stilistische, regionale u.a. Bedeutungskomponente(n) eines sprachlichen Ausdrucks“ (Bußmann S. 410) bezeichnet. Beim Bereich der stilistischen Markierungen handelt es sich also primär um den Bereich der Konnotationen. Hierbei stellen stilistische Markierungen jedoch keine rein subjektiven Assoziationen dar, sondern gehen weitgehend auf konventionalisierte Einschränkungen zurück. Man muß deshalb von ‘weitgehend‘ sprechen, weil ein völliges Ausschließen von subjektiven

Empfindungen nicht möglich ist. Jeder Mensch erwirbt mit den Wörtern seiner Sprache auch bestimmte Vorstellungen, die sich zum Teil von denen anderer

3 Sprecher derselben Sprache geringfügig unterscheiden. Somit kann die Beurteilung von Wörtern in bezug auf ihre stilistische Markierung in manchen Fällen verschieden erfolgen. Ebensowenig kann man den Bereich der Denotationen von den stilistischen Markierungen völlig abgrenzen, da solche Angaben wie meliorativ und peiorativ, die stilistische Wertungen ausdrücken, Diskussionen zufolge zur Kernbedeutung eines Lexems gehören. Ludwig (1991, S. 28) schreibt dazu Folgendes:
Was die sogenannte Wertungskomponente oder wertende Komponente bzw. die wertenden Seme /meliorativ/ und /pejorativ/ anbetrifft, die als konnotative Seme angesehen worden sind, so zeichnet sich im Ergebnis der hierüber geführten Diskussionen insofern ein gemeinsamer Standpunkt ab, als die in die Bedeutung eingeschlossenen Wertungselemente nicht mehr als eine z u s ä t z l i c h e Komponente der Wortbedeutung angesehen werden und nicht als Konnotationen aufzufassen sind, sondern Bestandteile der denotativen Bedeutung eines Lexems sind.

Der tatsächliche Gegenstandsbereich der stilistischen Markierungen läßt sich also relativ schwer erfassen, auch wenn intuitiv klar ist, um welchen Bereich es geht.

3. Stilistische Markierungen in historischen Wörterbüchern
Der Versuch, unterschiedliche Wörter anhand von stilistischen Kategorien zu klassifizieren, ist nicht neu. Ansätze für eine stilistische Markierung lassen sich bereits in den Wörterbüchern von Johann Christoph Adelung1 und Joachim Heinrich Campe2 finden. Adelung spricht in diesem Zusammenhang von der „Würde der Wörter“(nach Ludwig 1995, S. 281) und teilt die Wörter in folgendes 5-Klassen-System ein: „höhere oder erhabene Schreibart“, „edle Schreibart“, „Sprechart des gemeinen Lebens und vertraulichen Umgangs“, „niedrige Sprechart“ und „ganz pöbelhafte Sprechart“ (ebd.). Er vermerkt

1

Adelung, Johann Christoph (1774-1786): Versuch eines vollständigen grammatischkritischen Wörterbuches Der Hochdeutschen Mundart, mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der Oberdeutschen. 5 Bde. Leipzig.

2

Campe, Joachim Heinrich (1807-1811): Wörterbuch der Deutschen Sprache. 5 Bde. Braunschweig.

4 allerdings auch, daß nicht alle der im Wörterbuch vorkommenden Lexeme tatsächlich einer dieser fünf Klassen angehören. Campe verwendet insgesamt 14 Kürzungszeichen zur stilistischen, räumlichen und zeitlichen Markierung von Wörtern. In der stilistischen Markierung bezieht er sich auf „die inneren Grade ihres Adels oder ihrer Gemeinheit“ (nach Ludwig 1995, S. 282) und teilt die Wörter ein wie folgt: 1. „Wörter der höhern Schreibart“ und 2. „Niedrige Wörter“. Letztere unterteilt er wiederum in „Niedrige, aber deswegen noch nicht verwerfliche Wörter, weil sie in der geringern (scherzenden, spottenden, launigen) Schreibart und in der Umgangssprache brauchbar sind“ und „Niedrige Wörter, die ans Pöbelhafte grenzen, und deren man sich daher, sowohl in der Schriftsprache, selbst in der untern, als auch in der bessern Umgangssprache, enthalten sollte“ (ebd.). Diese Art der stilistischen Markierung, bei der die Wörter verschiedenen Klassen oder Gruppen zugeordnet werden, würde man mit einem modernen Begriff als „Stilschichten“ oder „Stilebenen“ bezeichnen. Außerdem verwenden Adelung und Campe noch Angaben wie „im Scherz(e)“ oder „verächtlich“, wie man sie heute terminologisch zu den „Stilfärbungen“ zählt. Beispiele für Markierungen bei Adelung und Campe finden sich in Seite 1 im Anhang.

4. Terminologie der stilistischen Markierungen
Wie bereits in Kapitel 3 kurz erwähnt, unterscheidet man im Rahmen der stilistischen Markierungen folgende zwei Termini: 1) Stilschicht bzw. Stilebene 2) Stilfärbung Der Begriff der „Stilschicht“ wird auch als „diamediale“ oder „diastratische“ Art der Markierung bezeichnet, wogegen „Stilfärbung“ unter die

„diaevaluative“ oder „diakonnotative“ Art der Markierung fällt. Als „Stilschicht“ oder „Stilebene“ bezeichnet man eine von einer neutralen Ebene ausgehende Stilkennzeichnung. Es handelt sich hierbei also um ein PlusMinus-System. Wörter werden in Bezug auf eine Schicht „neutraler Wörter“ als nach oben oder nach unten abweichend gekennzeichnet. Zu Markierungen dieser Art zählen Angaben wie normalsprachlich, umgangssprachlich,

5 gehoben und dichterisch. Die in Duden-GWB verwendeten Stilschichten kann man also beispielsweise folgendermaßen darstellen: gehoben, einschließlich dichterisch (sowie ♦ = literarisch geprägt) bildungssprachlich normalsprachlich umgangssprachlich salopp derb

++ + 0 ----

---- vulgär (Tabelle erstellt nach Duden-GWB 1993)

Mit dem Begriff der Stilfärbung hingegen werden die Wörter auf andere Art und Weise klassifiziert. Im Gegensatz zu den Stilschichten stellen diese keinerlei hierarchisches System dar, sondern es werden lediglich Gebrauchsangaben für die eingetragenen Lemmata angegeben, das heißt, die so markierten Wörter werden, was ihren Verwendungskontext angeht, etwas genauer spezifiziert. Zu dieser Art der Markierung gehören zum Beispiel Etiketten wie scherzhaft, abwertend und verhüllend.

5. Anwendung dieser Terminologie in den Wörterbüchern
Die Anwendung der Termini „Stilschicht“ und „Stilfärbung“ erfolgt je nach Wörterbuch unterschiedlich, sie erweist sich also in der Praxis als äußerst inkonsistent. Hinzu kommt, daß die Erklärungen für diese Begriffe in allen untersuchten Wörterbüchern äußerst mangelhaft sind. Im WDG, das die Termini „Stilschicht“ und „Stilfärbung“ geprägt hat, sind beide nicht einmal als Lemmata verzeichnet. Andererseits ist die Erklärung des Duden-GWB für das Lemma „Stilebene“ als „bestimmte Ebene des Stils“ auch nicht allzu brauchbar, insbesondere als das Lemma „Stil“ dort - wie allgemein üblich „als textimmanente Eigenschaft begriffen wird“ (Ludwig 1991, S. 297). BW vermerkt zu dieser Frage im Vorwort lediglich (BW S. 12):
Der Begriff „Stil“ muß an dieser Stelle kritisch betrachtet werden. […] [es] trifft [ ] zu, daß in verschiedenen (Sprech)situationen einer jeweils anderen Wortwahl und Ausdrucksweise der Vorzug gegeben wird.

6

Die Interpretation der Terminologie bleibt also dem Wörterbuchbenutzer selber überlassen; die Wörterbücher liefern de facto nur Hinweise zu den verwendeten Markierungsetiketten.

5.1. Das Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache Das WDG verwendet im Vorwort die Begriffe „Stilschicht“ und „Stilfärbung“, wobei es in vier Stilschichten und elf Stilfärbungen unterteilt. Zu den Stilschichten zählt es dabei die folgenden: 1) die normalsprachliche Schicht, die „ […] im schriftlichen und mündlichen Gebrauch [erscheint] und […] im öffentlichen Leben (im weitesten Sinne) allgemein üblich [ist]“ (WDG S. 012) mit der Variante Umgangssprache, die hauptsächlich im mündlichen Gebrauch auftritt; das WDG erwähnt an dieser Stelle allerdings nicht, daß Wörter dieser Schicht mittels Nullmarkierung gekennzeichnet werden 2) die gehobene (geh.) Schicht, die eine gepflegte Ausdrucksweise charakterisiert; diese Schicht schließt auch die dichterischen (dicht.) Wendungen mit ein 3) die salopp-umgangssprachliche Schicht (salopp), „die sich von der Normalsprache […] durch eine gewisse Nachlässigkeit unterscheidet“ (ebd.) 4) die vulgäre (vulg.) Schicht (dazu ist anzumerken, daß das WDG im Vorwort darauf verweist, daß vulgäre Wörter nur im beschränkten Umfang aufgenommen und obszöne Wörter nicht berücksichtigt sind).

Zu den Stilfärbungen gehören im WDG die Etiketten scherzhaft, vertraulich, verhüllend, altertümelnd, gespreizt, papierdeutsch, übertrieben, abwertend oder pejorativ, spöttisch, Schimpfwort und derb. Zu allen stilistischen Markierungen sind Beispiele angeführt; Erklärungen zu den Stilfärbungen sind jedoch nur vereinzelt gegeben (siehe auch die Seiten 2 und 3 im Anhang).

5.2. Brockhaus-Wahrig - Deutsches Wörterbuch in sechs Bänden

7 BW erläutert im Vorwort ebenfalls diese beiden Arten der stilistischen Markierung, weicht in der Terminologie jedoch vom WDG ab. Hier wird statt des Begriffs „Stilschicht“ das synonyme „Stilebene“ gebraucht und „Stilfärbungen“ heißen dort „Hinweise auf den Gebrauch und den situativen Kontext” (BW S. 12). Insgesamt listet das Wörterbuch fünf Stilebenen auf: 1) Hochsprachliche Begriffe, i.e. solche Begriffe, die allgemeine Verbreitung und Akzeptanz finden (Nullmarkierung) 2) die Umgangssprache (umg.), die mehr von der mündlichen Kommunikation lebt 3) gehobene (geh.) Ausdrücke, die bewußt verwendet werden, um eine gepflegte Redeweise zu vermitteln 4) poetische (poet.) Wörter, die fast ausschließlich in der Literatur vorkommen 5) förmliche (förml.) Ausdrücke, wie sie im Umgang mit Ämtern und Behörden gebraucht werden.

Was die „Hinweise auf den Gebrauch und den situativen Kontext“ angeht, so gibt BW davon acht an, die in zwei Gruppen differenziert werden: 1. solche Hinweise, „die etwas über die Intention des Sprechers aussagen“ (ebd.) und 2. solche, „die eine Wertung beinhalten, die sich an der Norm der Hochsprache orientiert“ (ebd.). Zu den ersteren gehören die Etiketten abwertend, ironisch, scherzhaft und verhüllend, zu den letzteren werden die Etiketten volkstümlich, salopp, derb und vulgär gezählt. Jegliche Beispiele fehlen völlig, und die Erklärungen zu den Gebrauchshinweisen erscheinen ebenfalls etwas

lückenhaft, da nur die unter 2. genannten Hinweise erklärt werden (vgl. Seite 4 im Anhang).

5.3. Duden - Das große Wörterbuch der deutschen Sprache Wie das WDG und BW differenziert auch Duden-GWB im Vorwort zwischen Stilschichten und Stilfärbungen; letztere werden jedoch als sogenannte „Gebrauchsangaben“ bezeichnet. Was die Zahl der Stilschichten angeht, verwendet Duden-GWB von den hier untersuchten Wörterbüchern die

meisten, nämlich sieben. Diese Schichten lauten folgendermaßen:

8 1. normalsprachliche Wörter (Nullmarkierung) 2. bildungssprachliche (bildungsspr.) Ausdrücke, zu deren Verständnis gewisse Kenntnisse benötigt werden 3. gehobene (geh.) Wörter, die in der normalen Kommunikation feierlich wirken; dazu gehören die dichterischen (dicht.) Ausdrücke sowie die literarischen (mit einer Raute (♦) gekennzeichnet) 4. umgangssprachliche (ugs.) Ausdrücke, die im täglichen Leben üblich sind 5. saloppe Wörter (salopp), „die einer burschikosen und z. T. recht nachlässigen Ausdrucksweise angehören“ (Duden-GWB S. 20) 6. derbe Wörter (derb), „die einer groben und gewöhnlichen Ausdrucksweise angehören“ (ebd.) 7. vulgäre (vulg.) Wörter, die als obszön empfunden werden

Dazu verwendet Duden-GWB Gebrauchsangaben wie scherzhaft, spöttisch, ironisch, abwertend, nachdrücklich, gespreizt, verhüllend, Schimpfwort und weitere, die im Vorwort nicht aufgezählt werden. Für die Stilschichten gibt es, zusätzlich zu den Erklärungen, Beispiele; für die „Gebrauchsangaben“ werden weder Beispiele noch Erläuterungen angeführt.

6. Problematisierung der stilistischen Markierungen
Naturgemäß ergeben sich im Rahmen der stilistischen Markierungen diverse Schwierigkeiten, mit denen sich Wörterbuchbenutzer und/oder Lexikographen konfrontiert sehen. Ein maßgebliches Problem, das im Vergleich der verschiedenen Wörterbücher gehäuft auftaucht und deshalb auch bereits in den vorangehenden Beschreibungen aufgefallen sein dürfte, ist das Problem der Inkonsistenz. Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß die untersuchten Wörterbücher keine einheitliche Terminologie verwenden, was die Begriffe „Stilschicht“ und „Stilfärbung“ angeht. Dazu kommt nun noch, daß die Einordnung der Markierungsetiketten unter diese Termini je nach Wörterbuch ebenfalls sehr unterschiedlich erfolgt. Im WDG fällt das Etikett „vulgär“ beispielsweise unter die Stilschichten, wohingegen „derb“ den Stilfärbungen zugeordnet wird. In BW werden beide zu den Gebrauchshinweisen, also den Stilfärbungen, gezählt, und Duden-GWB markiert damit wiederum zwei

9 verschiedene Stilschichten. Ein ähnliches Problem ergibt sich auch für das Etikett „salopp“. Die Markierung selbst erweist sich ebenfalls des öfteren als uneinheitlich. So markieren das WDG und BW das Lemma „Arsch“ als „vulgär“, während der gleiche Eintrag in Duden-GWB mit dem Etikett „derb“ versehen wird. Mit dem Lemma „Scheiße“ in der Bedeutung „Ausscheidungsprodukt“ verhält es sich ähnlich: das WDG bezeichnet dieses als „vulgär“, in BW und Duden-GWB scheint dasselbe Wort als „derb“ auf (Anm.: in der Bedeutungsvariante

„Ausdruck der Verärgerung“ markieren WDG und BW das Lemma mit „abwertend“, Duden-GWB verzeichnet „Scheiß“ als „derb abwertend“). Diese Form der Inkonsistenz ist unter anderem durch das Problem der Metasprache bedingt, denn alle verwendeten Markierungsetiketten sind ja Bestandteile des deutschen Wortschatzes und tragen somit selber Konnotationen. Ein anderes Beispiel für uneinheitliche Markierungspraxis ist das Lemma „ableben“, das im WDG und BW als „gehoben“ aufscheint und im DudenGWB das (nicht stilistische, sondern zeitliche) Etikett „veraltet“ erhält (gleichermaßen gilt auch das Lemma „erbleichen“ im WDG und BW nur als „dichterisch“, während es laut Duden-GWB „dichterisch veraltet“ ist). Hier scheint es sich um eine generelle Tendenz des Duden-GWB zu handeln, Ausdrücke, die in den anderen beiden Wörterbüchern als „gehoben“ oder auch als „dichterisch“ bzw. „poetisch“ gekennzeichnet werden, als „veraltet“ zu betrachten. Ein Kriterium, das für diese Abweichung eine maßgebliche Rolle spielen dürfte, ist die Tatsache, daß Duden-GWB von den drei Wörterbüchern das Neueste ist. In diesem Zusammenhang stellt sich natürlich auch die Frage, wie groß der Zeitraum ist, in dem ein Lemma eine stilistische Veränderung erfahren kann (daran, daß zwischen verschiedenen Generationen diesbezüglich die Empfindungen auseinandergehen können, werden wohl kaum Zweifel bestehen) und wie schnell solche Veränderungen schließlich in einem Wörterbuch erfaßbar sind. Gravierender als die beschriebenen Inkonsistenzen sind Markierungen, die der durchschnittliche Sprecher nach heutigen Maßstäben als falsch empfinden muß. Beispiele dieser Art sind Lemmata wie „Bus“ und „brutto“, die gemeinhin als „normalsprachlich“ empfunden werden (und folglich in BW und Duden-GWB auch Nullmarkierung tragen), im WDG jedoch

10 unerklärlicherweise als „umgangssprachlich“ markiert sind. Ebenso erscheint auch die Kennzeichnung des Lemmas „jmd. bescheißen“ („jmd. betrügen“) im WDG und BW mit „vulgär“ als nicht korrekt. In Duden-GWB wird dasselbe Wort mit „salopp“ angegeben, was meines Erachtens zutreffender ist. Und auch die Nullmarkierung des eindeutig abwertend gebrauchten (und im WDG und Duden-GWB auch so gekennzeichneten) Lemmas „Töle“ in BW stellt ein erhebliches Manko dar. Des weiteren ergibt sich das Problem, daß Wörter von unterschiedlichem stilistischem Wert manchmal nur teilsynonym sind und eine wirklich präzise Bedeutungserläuterung in einem solchen Fall in den Wörterbüchern nicht immer gegeben ist. Alle untersuchten Wörterbücher verzeichnen beispielsweise das Verb „fallen“ auch in seiner Bedeutungsvariante „sterben“. Eine detaillierte Paraphrase in der Form „als Soldat in Ausübung des Berufes im Krieg sterben“, die für die korrekte Verwendung des Wortes unerläßlich ist, fehlt jedoch, und ein Beispiel allein genügt in einem solchen Fall nicht. Ein ähnlicher Fall ist die Erklärung des Wortes „Kläffer“ im WDG mit „Hund, der fortwährend bellt“. Der Zusatz, daß es sich bei einem „Kläffer“ typischerweise um einen kleinen Hund handelt (wie in BW und Duden-GWB vermerkt), fehlt an dieser Stelle, obwohl das WDG das Verb „kläffen“ mit „schrill bellen“ erklärt und dies ja in der Realität nur einem kleineren Hund möglich ist. Zuletzt stellt sich noch die Frage, ob die wörtliche Bedeutung oder der Gebrauch markiert werden soll. So kennzeichnen WDG und Duden-GWB das seinem heutigen Gebrauch nach - neutrale Lemma „mit jmd. schlafen“ als „verhüllend“, nur BW wendet hier die viel zutreffendere Nullmarkierung an.

7. Conclusion
Diese Arbeit diente der Beschreibung von diversen Aspekten der stilistischen Markierung in allgemeinen einsprachigen Wörterbüchern. Ich habe mich darin mit den Begriffen „Denotation“ und „Konnotation“, die den eigentlichen Themenbereich der Stilistik darstellen sowie dem geschichtlichen Hintergrund auseinandergesetzt.. Des weiteren bin ich auch auf die Terminologie und das damit verbundene Dilemma eingegangen und ich habe versucht, in Ansätzen die Schwierigkeiten aufzuzeigen, die bei der stilistischen Markierung ver-

11 schiedener Lemmata auftreten können. Die meisten dieser Probleme dürften auf der rigiden Kategorisierung in verschiedene Stilschichten und

Stilfärbungen basieren. Irgendeine Art der Einteilung ist jedoch notwendig, und etwaige andere Vorschläge stellen gegenüber dem hier vorgestellten System keine wirkliche Alternative dar.

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Literatur:

1. Wörterbücher: BW (1980-1984): Brockhaus-Wahrig. Deutsches Wörterbuch in sechs Bänden. Hrsg. von Gerhard Wahrig, Hildegard Krämer und Harald Zimmermann. Wiesbaden/Stuttgart. Duden-GWB (1993): Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache. In acht Bänden. 2., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Mann-heim/Leipzig/Wien/Zürich WDG (1961-1977): Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache. Hrsg. von Ruth Klappenbach und Wolfgang Steinitz. 6 Bde. Berlin.

2. Sekundärliteratur: Bußmann, Hadumod (1990): Lexikon der Sprachwissenschaft. 2. völlig neu bearbeitete Auflage. Stuttgart. Hausmann, Franz Josef (1989): Die Markierung im allgemeinen einsprachigen Wörterbuch: eine Übersicht. In: Wörterbücher (1989), S. 649-657. Ludwig, Klaus-Dieter (1991): Markierungen im allgemeinen einsprachigen Wörterbuch des Deutschen. Ein Beitrag zur Metalexikographie. Tübingen (= Lexicographica. Series Maior, Bd. 38). Ludwig, Klaus-Dieter (1995): Stilkennzeichnungen und Stilbewertungen in deutschen Wörterbüchern der Gegenwart. In: Stilfragen. Hrsg. von Gerhard Stickel. Berlin/New York. Malige-Klappenbach, Helene (1986): Das »Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache«. Bericht, Dokumentation und Diskussion. Herausgegeben von Franz Josef Hausmann. Tübingen (= Lexicographica. Series Maior, Bd. 12). Püschel, Ulrich (1989): Evaluative Markierungen im allgemeinen einsprachigen Wörterbuch. In: Wörterbücher (1989), S. 693-699. Schippan, Thea (1992): Lexikologie der deutschen Gegenwartssprache. Tübingen.

13 Wörterbücher (1989): Wörterbücher. Ein internationales Handbuch zur Lexikographie. Hrsg. von Franz Josef Hausmann/ Oskar Reichmann/ Herbert Ernst Wiegand/ Ladislav Zgusta. 1. Teilband Berlin/New York.

Anhang

Stilistische Markierungen bei Adelung und Campe Stilistische Markierungen im WDG (1) Stilistische Markierungen im WDG (2) Stilistische Markierungen in BW Stilistische Markierungen in Duden-GWB

1 2 3 4 5

I

Stilistische Markierungenbei Adelungund Campe
(Tabelle entnommen Ludwig lgg5, S. 2S3) aus

Lemmabeispielc

Stilistisch e Marki erung i n den Wörterbüchern von

Adelunr
drcckig duzen F e n slcr Flüoel in d e n n icd r ig en S precharten im g cm e in e n Leben und i n d e r n ie d r iß en S prechart

C ampe

I-

Fiuich
Sch win g e Geflde Ho in ScAeifc

in d e r h ö h e r en S chrei bart in d e r e d le n u nd di chteri schen Sch r ei bart in d e r h ö hern und d ich te r isch enS threi bart in d e n n ie d r ig sten S precharten

A
o

in d e r d ich te r i schenS chrei bart A i n der höhern S chrei bart

l n der höhern di chteri schen

S chrei bart Ipöbelhaftes Wort

Tabelle l: Beispiele stilistischeiVtarkierungen Adelungs trn<lCamfür in
p e s. Wö r te r b u ch A E = o h n e M a r kie r u n g spri di kat (,,N ul l nrarki erung") = Wö r te r d e r h ö h e r n S chrei bart - Wö r te r d e s g e n r e inerrLebens = Pö b e lh a fle Wö r te r

lC - De r Eh e kr ip p e l [...] irn gemei nen S c h e r z, ei n al ter gebrechl i ch e r , u n ld h ig e r Eh e m a n r r ; <l ann i i herharrpt, ei n j e<l er E hemanrr. (C arnpe

r, r807, 818) s.
Dichlerling [...] ein schlechter, niedriger Dichter, im I i c h e n Ver s t ande. . . . ] A d e l u n g l , 1 7 7 4 ,S p . l 3 a 3 ) [ v e r ä c h r-

Der l(anst [...] der Schmerbaucharr den Thieren, wie auch, aber in v er äc h t lic hem Ve r s t a n d e ,a n d e m M e n s c h e n .[ . . . ] ( C : a r n p e , V

18lr,s. 571).

2 Stilistische Markierungen im WDG (1)
Stilschichten: normalsprachliche Schicht: bei gefühlsmäßig neutraler Haltung, erscheint im schriftlichen und mündlichen Gebrauch und ist im öffentlichen Leben (im weitesten Sinne) allgemein üblich, z.B. Abend, bekommen, Gesicht, sterben Variante der Normalsprache: Umgangssprache; erscheint hauptsächlich im mündlichen Gebrauch gehobene Schicht: kennzeichnet Wort oder Redewendung als Ausdruck einer gepflegten Sprache, die sich bewußt über Rede und Schrift der Normalsprache erhebt, z.B. Ableben, empfangen (bekommen), entschlafen dazu gehören die dichterischen Wendungen, die der poetischen Gestaltung eines Werkes vorbehalten sind, z.B. Aar, Fittich, Odem salopp-umgangssprachliche Schicht: unterscheidet sich von der Normalsprache durch eine gewisse Nachlässigkeit, z.B. Abreibung (Schelte), Affe (Prügel) vulgäre Schicht: Wörter und Redewendungen, die als ausgesprochen grob empfunden und deshalb im allgemeinen vermieden werden, z.B. Fresse In gewissen Fällen werden sie auch in der Literatur zur scharfen Charakterisierung einer verächtlichen Einstellung verwendet, z.B. verrecken

Vulgäre Wörter sind nur im beschränkten Umfang aufgenommen, obszöne Wörter sind nicht berücksichtigt.

dichterisch gehoben normalsprachlich umgangsspr salopp-umgangssprachlich vulgär empfangen erhalten bekommen kriegen Abkratzen Krepieren Verrecken Ableben Entschlafen Sterben

Fittich Schwinge Flügel Angesicht Antlitz Gesicht

Fresse

3 Stilistische Markierungen im WDG (2)
Stilfärbungen: scherzhaft: z.B. Adamskostüm vertraulich: z.B. Alterchen verhüllend: Beschönigung von unangenehmen Dingen, z.B. abberufen werden altertümelnd: bewußt verwendet, um altertümlich wirkenden Eindruck zu erzielen, z.B. Konterfei gespreizt: die betreffenden Wörter besitzen eine unnatürliche, gezierte Färbung, z.B. Beinkleid papierdeutsch: Wörter, die ausgesprochen gebläht wirken und als unschön empfunden werden, z.B. aktenkundig, abschlägig, laut (die Präposition) übertrieben: z.B. sie ist abscheulich reich abwertend oder pejorativ: z.B. Abhub der Menschheit spöttisch: z.B. Amtsmiene Schimpfwort: z.B. Esel derb: z.B. abkratzen

4 Stilistische Markierungen in BW
Stilebenen: Hochsprachliche Begriffe, d.h. Begriffe mit allgemeiner Verbreitung und Akzeptanz → 0-Markierung Umgangssprache, plastischer, lebt mehr von der gesprochenen Sprache → umgangssprachlich Wörter und Wendungen, die den Eindruck der bewußten Verwendung eines gepflegten Ausdrucks vermitteln, in alltäglichen Situationen kaum anzutreffen → gehoben

Wörter und Wendungen, die in ihrer Verwendung nahezu ausschließlich poetischen und literarischen Werken vorbehalten sind → poetisch Geschraubte, formelhafte Ausdrucksweise, wie sie im Umgang mit Ämtern und Behörden und im Schriftverkehr des Geschäftslebens üblich ist → förmlich

Dazu Hinweise auf den Gebrauch und den situativen Kontext: a) abwertend, ironisch, scherzhaft, verhüllend → sagen etwas über die Intention des Sprechers aus b) volkstümlich, salopp, derb, vulgär → beinhalten eine Wertung, die sich an der Norm der Hochsprache orientiert

volkstümlich: Wörter, die einen Sachverhalt in einer nicht ganz zutreffenden Weise benennen salopp: ungezwungene, betont lässige Ausdrucksweise derb: Ausdrucksweise, die im Sinne einer gesellschaftlichen Norm gemeinhin als Affront verstanden wird → Schimpfwörter und beleidigende Äußerungen vulgär: Wörter und Wendungen, die sich hauptsächlich auf Nahrungsmittel-aufnahme und –ausscheidung sowie auf das Geschlechtliche beziehen oder Vergleiche damit eingehen

5 Stilistische Markierungen in Duden-GWB
Stilschichten: normalsprachlich: z.B. Welt, arm, beleidigen → 0-Markierung Ausdrücke, die gewisse Kenntnisse voraussetzen; Fremdwörter, die weder einer Fachsprache noch der Umgangssprache angehören, z.B. Affront, homogen, eruieren → bildungssprachlich gepflegte Ausdrucksweise, die in der täglichen Kommunikation feierlich und gespreizt wirkt, z.B. Antlitz, sich befleißigen, Haupt → gehoben Wörter, die vorzugsweise in der Dichtung vorkommen, z.B. Aar, beglänzen, Odem → dichterisch literarisch geprägte Wörter werden mit einer Raute (♦) gekennzeichnet unterhalb der normalsprachlichen Schicht liegen die umgangssprachlichen Ausdrücke, z.B. flitzen, beschickert, gewieft → umgangssprachlich Wörter, die einer burschikosen und zum Teil recht nachlässigen Ausdrucksweise angehören, z.B. eiern, Armleuchter, bekloppt → salopp Wörter, die einer groben und gewöhnlichen Ausdrucksweise angehören, z.B. Arsch, bescheißen, Fresse → derb Wörter, die zu einer niedrigen und obszönen Ausdrucksweise, zur Gossensprache gehören, z.B. Fotze, vögeln → vulgär

Zusätzlich: Gebrauchsangaben wie scherzhaft, spöttisch, ironisch, abwertend, nachdrücklich, gespreizt, verhüllend, Schimpfwort u.a.