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Störungen im Schlaf Albträume, Schlafwandeln, Zähneknirschen
Im Schlaf tun sich manchmal unheimliche Dinge: Schreckliche Albträume plagen den Schläfer, Schlafwandler durchstreifen die Wohnung und essen den Kühlschrank leer. Zähne reiben knirschend aufeinander oder die Beine wollen nicht ruhig liegen. Gegen solche schlafbegleitenden Störungen gibt es Hilfe.

Unter dem Begriff Parasomnien fassen Fachleute eine ganze Reihe von aussergewöhnlichen Verhaltensweisen zusammen, die den Schlaf begleiten. Dazu gehören zum Beispiel Albträume, Schlafwandeln oder Zähneknirschen. All diesen Störungen ist gemeinsam, dass sie während des Schlafs auftreten oder an der Grenze zwischen Wachen und Schlafen. Unangenehme Begleiter des Schlafs ■ Albträume: Betroffene haben Träume, deren Inhalt sie sehr ängstigt. Sie erwachen meistens und erinnern sich genau an den schrecklichen Traum (siehe Seite 71 ff.). ■ Nachtschreck (Pavor nocturnus): Betroffene schrecken – oft mit einem Schrei – aus dem Schlaf hoch, haben Angst, Schweissausbrüche und Herzrasen, sie wissen aber nicht, was sie erschreckt hat (siehe Seite 73 f.). ■ Schlafwandeln (Somnambulismus): Betroffene bewegen sich im Tiefschlaf durch die Wohnung, verrichten bestimmte Tätigkeiten oder essen. Am Morgen erinnern sie sich nicht (siehe Seite 74 ff.).

REM-Schlaf-Verhaltensstörung: Betroffene leben ihre Träume körperlich aus. Sie schlagen und treten um sich und gefährden ihre Schlafpartner durch tätliche Angriffe. Am Morgen können sie sich an nichts erinnern (siehe Seite 75). ■ Zähneknirschen (Bruxismus): Betroffene mahlen und knirschen mit den Zähnen, indem sie Oberund Unterkiefer stark aufeinanderpressen (siehe Seite 78 ff.). ■ Unruhige Beine (Restless Legs): Betroffene haben nachts das unwiderstehliche Bedürfnis, ihre Beine zu bewegen. Sie spüren ein Kribbeln, Brennen und Ziehen in den Beinen. Erst beim Herumgehen werden die Beschwerden besser (siehe Seite 80 f.). ■ Wadenkrämpfe: Die Wadenoder Fussmuskeln verkrampfen sich plötzlich und verursachen Schmerzen (siehe Seite 81 ff.). ■ Sprechen im Schlaf (Somniloquie): Betroffene murmeln und sprechen im Schlaf, oft jedoch unverständlich. Das passiert relativ häufig, vor allem bei Stress, Fieber und unter Alkohol. ■ Schlaftrunkenheit: Betroffene erwachen nicht vollständig und sind stark verwirrt, desorientiert und reagieren verlangsamt. Dies kann sogar stundenlang dauern. Meist wachen sie dann für kurze Zeit vollständig auf und schlafen danach wieder ein. Am Morgen erinnern sie sich nicht. ■ Rhythmische Kopfbewegungen (Jactatio capitis nocturna): Betroffene machen im Übergang vom Einschlafen zum leichten Schlaf stereotype Bewegungen mit Kopf

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und Hals. Die Störung tritt meist nur bei Kleinkindern auf. Viele dieser Parasomnien sind harmlos, wie das Sprechen im Schlaf, die Schlaftrunkenheit oder die Kopfbewegungen. Gerade bei Kindern treten Parasomnien relativ häufig auf. Das gilt auch für das Schlafwandeln, Albträume und den Nachtschreck. Die Ursache liegt vermutlich darin, dass das Hirn des Kindes noch nicht vollständig ausgereift ist. Eltern brauchen sich keine Sorgen zu machen. Mit der Pubertät verschwinden solche Störungen meistens. Bei Erwachsenen können sie allerdings manchmal auf ernst zu nehmende Probleme hinweisen. Einige der Parasomnien sind für Betroffene sehr belastend. Sie führen zu gesundheitlichen Schäden (Zähneknirschen) oder zu Schlaflosigkeit (Albträume, Restless Legs und Wadenkrämpfe). In diesen Fällen sollte man die Störungen unbedingt behandeln.

IN DIESEM KAPITEL
70 Die häufigsten Störungen im Schlaf 71 Albträume und Nachtschreck: Dem nächtlichen Horror hilflos ausgeliefert 73 Medikamente als Ursache von Albträumen 74 Schlafwandeln: Nächtliche Ausflüge ohne Bewusstsein und Orientierung 75 Gewalt- und Sex-Attacken im Schlaf 76 Medikamente als Ursache von Schlafwandeln 78 Zähneknirschen: Nächtlicher Stressabbau mit Folgen für die Gesundheit 80 Restless-Legs-Syndrom: Zappelbeine rauben den Schlaf 81 Wadenkrämpfe: Mineralwasser kann helfen

Nächtlicher Horror: Albträume und Nachtschreck
«Jeden Morgen wache ich mit grosser Angst auf. Manchmal brauche ich eine Stunde, um sie zu überwinden. Aber mittlerweile habe ich einen Trick gefunden. Ich liebe Horrorfilme. Am Morgen nach einem schlimmen Albtraum sage ich mir: Tomi, du liebst Horrorfilme, dieser Traum war ein toller Horrorfilm, und du, Tomi, warst der Hauptdarsteller. Dann geht es mir besser. Aber was heisst schon bes-

ser? Ich leide an Verfolgungswahn – in meinen Träumen. Dabei tauchen verschiedene Horrorträume immer wieder auf. Da ist einmal die Situation, in der ich verhaftet werde, ohne etwas getan zu haben. Dann dieser absurde Traum, dass man mir nach dem Krieg vorwirft, einem Arbeiter das Geld geklaut zu haben, und alle bezeichnen mich als Dieb.» Das berichtet der französische Grafiker und Illustrator Tomi Ungerer in der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» vom 13. Juli 2006. Den Horrorbildern hilflos ausgeliefert Albträume erschrecken den Träumer, machen ihm Angst, weil er der bedrohlichen Situation im Traum hilflos ausgeliefert ist. Wer nach einem Albtraum aufwacht, kann sich meist schnell orientieren und weiss genau, was er geträumt hat. Die Traumbilder sind noch sehr präsent. Albträume treten vor al-

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Dunkle Märchenwesen hocken auf der Brust des Träumers
Der Begriff Albtraum wird abgeleitet von Figuren aus der nordischen Mythologie: den Alben, auch Elfen oder Elben genannt. Unterschieden werden die schönen Lichtalben und die düsteren Dunkelalben, die eine dämonische Seite haben. Auf diese führte man die schlechten Träume zurück; ebenso den Hexenschuss, der früher Albenschuss hiess. Seit dem späten Mittelalter überwog das negative Bild des Albs: Man stellte sich vor, dass der Alb als hässliches Wesen nachts auf der Brust des Schläfers sitzt. Dies verursacht Beklemmung und Atemnot. Die Folge sind Albträume oder das Albdrücken, wie die schrecklichen Träume früher auch genannt wurden.

ganze Reihe von Medikamenten kann Albträume verursachen. Dazu gehören Mittel gegen HerzKreislauf-Krankheiten, Antidepressiva und Schlafmittel (siehe Kasten rechts). Wer häufig Albträume hat und Medikamente schluckt, sollte deshalb in der Packungsbeilage nachschauen, ob Albträume unter den Nebenwirkungen aufgeführt sind. Doch Achtung: Viele Mittel darf man nicht einfach absetzen. Meist kann der Arzt ein anderes Medikament verschreiben. Lernen, mit der Angst umzugehen Bei gelegentlichen Albträumen ist keine Therapie nötig. Sinnvoll ist sie dann, wenn die Träume zu Schlaflosigkeit führen. Zum Beispiel, weil man sich vor dem Einschlafen fürchtet oder ständig aufwacht. Als wirksam hat sich eine gezielte Angsttherapie erwiesen. Diese verläuft in drei Schritten: 1. Mit der Angst konfrontieren: Man schreibt den Albtraum auf oder zeichnet ihn. 2. Neue Lösung ausdenken: Man überlegt sich, wie man die beängstigende Situation im Traum aktiv bewältigen kann, ohne vor ihr zu fliehen. Zum Beispiel: die bedrohliche Traumfigur ansprechen, sich Helfer vorstellen oder Ähnliches. Diese Lösungsstrategie schreibt man auf oder fügt sie in die Zeichnung ein. 3. Lösung einüben: Damit sich das Verhaltensmuster auf den Traum auswirkt, muss man sich die neue Strategie während zwei Wochen mindestens einmal pro

lem im letzten Drittel der Nacht auf, während der längsten REMPhasen des Schlafs. Sensible Menschen leiden häufiger unter Albträumen Einige Menschen werden häufiger von Albträumen heimgesucht als andere. Dafür gibt es zwei Gründe: Veranlagung und Stress. Laut Experten trifft es vor allem Menschen, die von Natur aus dünnhäutiger sind, dazu kreativ. Solche Menschen können sich schlechter gegen Reize von aussen abgrenzen und sind dadurch anfälliger für Albträume. In Stresszeiten treten Albträume gehäuft auf, ebenso nach traumatischen Erlebnissen. Rund fünf Prozent der Bevölkerung hat regelmässig Albträume. Allerdings braucht man die Ursache der Albträume nicht immer in der Seele zu ergründen. Manchmal sind auch Pillen schuld, die man regelmässig schluckt. Eine

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Tag im Geist genau vorstellen. Wer damit alleine keinen Erfolg hat, sollte sich an einen Psychotherapeuten, Psychiater oder Schlafmediziner wenden. Eine weitere Möglichkeit ist das Erlernen des luziden Träumens oder Klarträumens (siehe Seite 16). Mit dieser Technik ist man in der Lage, aktiv in das Traumgeschehen einzugreifen, weil man sich bewusst ist, dass man träumt.

Nachtschreck: Besonders Kinder sind betroffen Nicht zu verwechseln mit dem Albtraum ist der Nachtschreck, auch Pavor nocturnus genannt. Betroffene schrecken dabei plötzlich aus dem Schlaf hoch, oft mit einem Schrei, Wimmern oder Stöhnen. Sie zittern am ganzen Leib, schwitzen und haben Herzrasen. Doch beim Nachtschreck erinnert man sich nicht an einen bösen Traum,

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Diese Medikamente können Albträume auslösen
Gruppe Betablocker Wirkstoff Propranol Labetalol Oxprenolol Metoprolol Pindolol Sotalol Atenolol ACE-Hemmer Captopril Enalapril Angiotensin-Antagonisten Losartan Antidepressiva Parkinson-Medikamente Schlafmittel Blasenmedikamente Malariamittel Antibiotika/Aknemittel Narkosemittel Medikamente Inderal, Propranolol-Helvepharm Trandate Nyolol, Timisol, Timoptic Beloc, Lopressor, Metopress, Meto Zerok Pindolol-Helvepharm, Visken Sotalex, Sotalol-Mepha Atenil, Atenolol-Helvepharm, Atenolol-Mepha, Cardaxen, Selobloc, Tenormin Lopirin, Captosol, Captopril-Mepha ACE-Pril, Elpradil, Enalapril-Helveharm, Enalapril-Teva, Enatec, Epril, Reniten Cosaar

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Alle Wirkstoffe der z. B. Seropram, Fluctine, Deroxat, Zoloft, SSRI-Medikamente Gladem Selegilin Benzodiazepine Oxybutynin Mefloquin Erythromycin Ketamin Jumexal, Selegilin-Helvepharm, Selegilin-Mepha z. B. Valium, Xanax, Temesta, Seresta Ditropan, Lyrinel Oros Lariam, Mephaquin Aknilox, Erios, Eryaknen, Eryderm, Erythrocin Ketalar

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Nachtschreck oder Albtraum?
Nachtschreck ■ Tritt im ersten Drittel der Nacht auf (Tiefschlaf) ■ Erwachen mit Schrei oder Stöhnen ■ Starke körperliche Zeichen der Angst: Schwitzen, Herzrasen, Zittern ■ Verwirrung und Desorientierung ■ Keine Erinnerung Albtraum Tritt im letzten Drittel der Nacht auf (REM-Schlaf) ■ Kein Schrei ■ Kaum körperliche Zeichen von Angst ■ Klares Bewusstsein und gute Orientierung nach dem Aufwachen ■ Gute Erinnerung

sondern hat keine Ahnung, was einen erschreckt hat. Meist passiert der Nachtschreck aus dem Tiefschlaf, das heisst im ersten Drittel der Nacht. Betroffen sind vor allem Kinder zwischen vier und zwölf Jahren. Bei den Erwachsenen ist der Nachtschreck eher selten: nur knapp ein Prozent sind betroffen. Bei Kindern ist die Störung zwar erschreckend, aber harmlos. Fachleute vermuten, dass sie Teil des Reifungsprozesses ist. Sie verschwindet mit der Zeit von selbst. Bei Erwachsenen können allerdings häufiger seelische Probleme eine Rolle spielen. Dann kann eine Psychotherapie angezeigt sein.

Schlafwandler aufstehen und sich auf Wanderschaft begeben, kann dies gefährlich werden: Sie stossen sich an Möbeln, öffnen Fenster und Türen und manche setzen sich sogar ins Auto und fahren los. Der Weg führt häufig an den Kühlschrank Mit der sprichwörtlichen «schlafwandlerischen Sicherheit» ist es dabei nicht weit her. Die Betroffenen verletzen sich immer wieder oder stürzen sogar in den Tod. Schlafwandler sind zwar mit offenen Augen unterwegs, doch sie können sich kaum orientieren. Die meisten gehen einfach geradeaus – auch dann, wenn der Weg zu Ende ist. Oder sie orientieren sich an sehr hellen Lichtquellen. Auch Essbares scheint für sie besonders anziehend zu sein: Rund 10 Prozent der Schlafwandler räumen nachts den Kühlschrank leer – ohne sich am Morgen daran zu erinnern. Dabei verspeisen sie auch mal die Schokolade mitsamt der Alufolie. Solche unkontrollierten Fressattacken können langfristig zu Übergewicht führen.

Schlafwandeln: Ohne Bewusstsein unterwegs
Das Schlafwandeln beginnt meist ganz harmlos: Betroffene setzen sich mit starrem Blick im Bett auf, streichen mit der Hand über die Bettdecke oder nesteln am Bettzeug herum. Manche Schlafwandler legen sich dann wieder hin und schlafen ruhig weiter. Doch wenn

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Ein Zustand zwischen Wachen und Schlafen Fachleute gehen davon aus, dass Schlafwandeln eine Aufwachstörung ist. Das heisst: Teile des Gehirns wachen auf, andere hingegen nicht. So funktioniert die Motorik bei Schlafwandlern wie im Wachzustand. Bewusstsein und Gedächtnis hingegen schlummern tief und fest. Schlafwandel-Episoden finden im ersten Drittel der Nacht während des Tiefschlafs statt. Sie dauern selten länger als ein paar Minuten. Danach legen sich Betroffene meist wieder ins Bett, ohne aufgewacht zu sein. Am nächsten Mor-

gen erinnern sie sich nicht mehr an ihren nächtlichen Ausflug. Einzige Zeugen sind allfällige Verletzungen und blaue Flecken, der leere Kühlschrank oder Dinge, die nicht mehr am gewohnten Ort stehen. Mehrere Faktoren tragen zum Schlafwandeln bei Bei Kindern tritt das Schlafwandeln relativ häufig auf. Rund jedes siebte Kind geht mindestens einmal auf nächtliche Wanderschaft. Mit der Pubertät verschwindet die Störung meist von selbst. Bei Erwachsenen ist Schlafwandeln deutlich seltener. Fachleute gehen davon aus, dass rund ein
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Gewaltausbrüche und Sex-Attacken im Schlaf
Ein bis anhin liebevoller Vater erwürgte eines Nachts seine 5-jährige Tochter im Schlaf. Am nächsten Morgen konnte er sich an nichts erinnern und war zutiefst geschockt. Ein junger Engländer trat mitten in der Nacht ans Bett seiner Bekannten und vergewaltigte sie. Seine Augen starrten ins Leere, wie wenn er unter Drogen stehen würde. Auf ihre Schreie reagierte er nicht. Später schlummerte er regungslos weiter. Auch er konnte sich am Morgen an nichts erinnern. Kein Wunder: Sowohl der Vater wie der junge Engländer hatten geschlafen, während sie die schrecklichen Dinge taten. Das bewiesen ärztliche Untersuchungen. Auf den ersten Blick erscheinen solche Fälle als eine extreme Form des Schlafwandelns. Doch dies ist falsch. Schlafwandler verhalten sich so gut wie nie gewalttätig gegen andere. Und ihre nächtlichen Auflüge passieren im Tiefschlaf. Bei den Gewaltexzessen handelt es sich um eine REM-Schlaf-Verhaltensstörung. Sie tritt während der Traumphasen des Schlafs auf, den sogenannten REM-Phasen. Normalerweise sind die Muskeln während des Träumens gelähmt (siehe Seite 14). Bei Menschen mit einer REM-Schlaf-Verhaltensstörung funktioniert dies nicht. Sie leben ihre Träume deshalb körperlich aus. Dabei geht es oft um Aggressionen, Sex und Gewalt: Sie schimpfen, schlagen und treten um sich, würgen ihre Bettpartner oder fallen über sie her. Rund ein Drittel der Betroffenen verletzen sich dabei selber, bei zwei Dritteln muss der Bettpartner daran glauben. Extreme Fälle wie die oben beschriebenen passieren zum Glück höchst selten. Betroffen sind vor allem Männer über 60. Bei ihnen deutet die Verhaltensstörung häufig auf eine Parkinson-Erkrankung hin, die manchmal erst Jahre später ausbricht. Bei jüngeren Menschen konnten Fachleute einen möglichen Zusammenhang mit der Einnahme von Antidepressiva feststellen. Als Therapie werden geringe Dosen des Beruhigungsmittels Clonazepam (Rivotril) verschrieben, das auch bei Epilepsie eingesetzt wird. Bei den meisten Patienten hat diese Therapie Erfolg.

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bis zwei Prozent betroffen sind. Genaue Zahlen gibt es allerdings nicht. Unklar sind auch die Ursachen der Störung. In manchen Familien tritt sie gehäuft auf. Deshalb gehen Schlafmediziner davon aus, dass die Veranlagung dazu vererbt sein könnte. Als Auslöser für

Schlafwandel-Episoden spielen verschiedene Faktoren eine Rolle: Stress, Schlafmangel, nächtlicher Lärm, fiebrige Krankheiten und Alkohol. Es scheint auch einen Zusammenhang zu geben zwischen Migräne und Schlafwandeln. Zudem stehen eine ganze Reihe von

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Diese Medikamente können Schlafwandeln auslösen
Gruppe Schlaf- und Beruhigungsmittel (Benzodiazepine) Wirkstoff Bromazepam Flunitrazepam Midazolam Temazepam Triazolam Schlafmittel Chloralhydrat Zolpidem Zopiclon Antidepressiva Amitriptylin Doxepin Lithium Sertralin Neuroleptika Chlorpromazin Chlorprothixen Haloperidol Perphenazin Antibiotika Ciprofloxacin Clarithromycin Antiallergika Cholesterinsenker Betablocker Ketotifen Pravastatin Propranolol Medikamente Lexotanil Rohypnol Dormicum Normison Halcion Chloraldurat blau/rot, Medianox, Nervifene Stilnox, Dorlotil, Sedovalin, Zoldorm u. a. Imovane Saroten Retard, Tryptizol Sinquan Litarex, Lithiofor, Priadel u. a. Gladem, Zoloft, Sertragen u. a. Chlorazin Truxal, Truxaletten Haldol Trilafon Ciloxan, Ciprin, Ciproxin u. a. Clamycin, Claromycin, Klacid u. a. Zaditen Pravatin, Selipran, Mevalotin u. a. Inderal, Propanolol Helvepharm
Quelle: «Arznei-Telegramm»

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FRAGE

Sind Schlafwandler mondsüchtig?
Stimmt es, dass Schlafwandler vom Mond angezogen werden? Nein, der Mond hat keinen direkten Einfluss auf das Schlafwandeln. Doch manchmal passiert es tatsächlich, dass Schlafwandler in Richtung Mond gehen. Der Grund: Sie fühlen sich von hellem Licht angezogen. Früher war der Mond nachts praktisch die einzige Lichtquelle. Heute gibt es aber in besiedelten Gebieten zahlreiche andere Lichter, die viel heller sind als der Mondschein. Deshalb richten sich «moderne» Schlafwandler eher nach künstlichem Licht wie Strassenlampen oder hellerleuchteten Reklametafeln.

Medikamenten in Verdacht, Schlafwandeln auszulösen (siehe Kasten links). Dazu gehören Schlafmittel, Antidepressiva und Neuroleptika, aber auch Antibiotika. Schlafwandler niemals aufwecken! Schlafwandler müssen sich in erster Linie vor Verletzungen schützen. Sie sollten möglichst im Parterre schlafen und Zimmer-, Balkon- und Haustüre mit dem Schlüssel abschliessen. Die Fenster müssen gut verriegelt sein. Betroffene sollten auch keine potenziell gefährlichen Gegenstände im Zimmer aufbewahren, wie Messer oder Medikamente. Scharfe Möbelkanten kann man mit Polstern sichern. Während einer Episode darf man Schlafwandler auf keinen Fall wecken. Denn sie reagieren dann meist verwirrt und verängstigt, können stürzen oder aggressiv werden. Am besten begleitet man sie vorsichtig zum Bett zurück, ohne sie dabei aufzuwecken. In manchen Fällen hilft es, wenn man sie mit Esswaren lockt.

Vorbeugen mit Entspannung und Autosuggestion Vorbeugend sollten Schlafwandler unbedingt Stress vermeiden und darauf achten, dass sie genügend schlafen. Regelmässige Bettzeiten und andere schlafhygienische Massnahmen sind dabei hilfreich (siehe Seite 18 ff.), ebenso Entspannungsübungen wie das autogene Training oder die Muskelentspannung nach Jacobson (siehe Seite 79). In manchen Fällen nützt auch die Technik der Vorsatzbildung. Dabei wiederholt man immer wieder einen bestimmten Vorsatz, zum Beispiel: «Sobald meine Füsse den Boden berühren, gehe ich wieder ins Bett.» Ideal ist diese Übung in Kombination mit dem autogenen Training, das ebenfalls auf Autosuggestion beruht. Wer häufig schlafwandelt, sollte sich an einen Arzt wenden, zum Beispiel in einer Schlafklinik. Denn das nächtliche Herumgeistern kann auch eine seelische oder neurologische Krankheit als Ursache haben. So äussern sich nächtliche epileptische Anfälle oft ähnlich wie Schlafwandeln.

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Zähneknirschen: Stressabbau mit Folgen
Beim Zähneknirschen sind die Kaumuskeln überaktiv. Dadurch werden Ober- und Unterkiefer extrem stark zusammengepresst und die Zahnreihen reiben aneinander. Es entstehen oft typische Knirschgeräusche. Fachleute nennen diese Störung auch Bruxismus. Diese kann tagsüber, aber auch nachts auftreten, vor allem während des Leichtschlafs. Rund acht Prozent der Erwachsenen knirschen mindestens einmal pro Woche mit den Zähnen. Besonders häufig sind es jüngere Menschen zwischen 20 und 40, aber auch viele Kinder. Nur wenige Patienten merken selbst, wenn sie mit den Zähnen knirschen. Manchmal bemerkt es der Partner, wenn er die nächtlichen Knirschgeräusche hört. Deutliche Hinweise sind auch verspannte und schmerzende Kaumuskeln am Morgen. Doch oft wird das Zähneknirschen erst vom Zahnarzt entdeckt: Er sieht die abgeschliffenen Zähne – ein untrügliches Zeichen fürs Knirschen. Mögliche Folgen: Zahnschäden, Verspannungen, Kopfweh Beim Knirschen wirken extreme Kräfte auf den Kiefer. Denn der Kaumuskel ist der stärkste Muskel unseres Körpers. Beim Kauen von Essen arbeitet er gerade mal mit einem Druck von rund 3 Kilogramm. Beim Zähneknirschen pressen und schleifen die Zähne aber mit einem Druck von gegen

100 Kilogramm pro Quadratzentimeter aufeinander. Kein Wunder, sind die Folgen oft verheerend: ■ Stark abgeschliffene Zähne, Risse im Zahnschmelz oder abgebrochene Zähne, ■ temperaturempfindliche Zähne, ■ Zahnfleischentzündungen, ■ Schmerzen, Verhärtungen und Verkürzung der Kaumuskeln, ■ Schmerzen im Kiefergelenk, Verschiebung der Gelenkscheiben und langfristig Arthrose, ■ schmerzhafte Verspannungen im Kopf-, Hals- und Nackenbereich, ■ Probleme mit der Wirbelsäule, ■ Tinnitus und Migräne. Die Ursachen: Stress und innere Anspannung In einigen Fällen sind unregelmässige Zahnoberflächen die Ursache. Steht ein falsch gestellter Zahn oder eine Unebenheit im Weg, beisst man sich unbewusst daran fest. Dann kann der Zahnarzt die störende Unebenheit wegschleifen oder korrigieren. Meistens ist Zähneknirschen aber Ausdruck von innerer Anspannung und Stress. Das trifft vor allem ehrgeizige und perfektionistische Menschen, die im wahrsten Sinn des Wortes die Zähne zusammenbeissen, wenn es Probleme gibt. Auch bei Schulkindern kann Stress und Überforderung die Ursache des Zähneknirschens sein. Bei Babys ist es hingegen völlig normal, dass sie eine gewisse Zeit lang mit den Zähnen knirschen. Dabei schleifen sie ihre ersten

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Zähnchen ein, damit die obere und untere Reihe richtig aufeinander passen. Eine Aufbiss-Schiene schützt die Zähne Um Zahnschäden zu vermeiden, sollten Knirscher eine so genannte Aufbiss-Schiene tragen. Das ist ein Zahnaufsatz aus Kunststoff, den man nachts auf den Oberoder Unterkiefer setzt. Die Schiene verhindert die direkte Reibung zwischen den Zähnen und verteilt den Druck über den gesamten Kiefer. Man lässt die Schiene individuell vom Zahnarzt anpassen. Allerdings behebt sie nicht die Ursache des Problems.

Deshalb empfehlen Experten zusätzliche Massnahmen, um die Kiefermuskeln zu entspannen. Zum Beispiel eine regelmässige sanfte Massage und Wärmeanwendungen. Es ist auch nützlich, tagsüber immer wieder bewusst die Kiefermuskeln zu entspannen und zu lockern. In einer entspannten Position berühren sich Ober- und Unterkiefer nicht. Zwischen den Zahnreihen sollte ein Abstand von zirka zwei bis drei Millimetern bestehen. Entspannungsübungen und -techniken wie das autogene Training und die Muskelentspannung nach Jacobson sind sehr hilfreich. Einige Übungen sind speziell für den Kiefer geeignet (siehe Kasten unten).

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TIPP

Entspannungsübungen für die Kiefermuskulatur
Gegen das Zähneknirschen kann man etwas tun: Machen Sie folgende Entspannungsübungen regelmässig mindestens dreimal am Tag. Nach einigen Wochen werden Sie spüren, dass sich der Kiefer deutlich entspannt und das Zähneknirschen nachlässt. 1. Übung: Legen Sie die Stirn in Falten. Halten Sie die Spannung während fünf Sekunden und atmen Sie dabei ein. Dann lassen Sie die Spannung abrupt los und atmen dabei aus. Reissen Sie die Augen weit auf und atmen Sie ein. Schliessen Sie die Augen sanft, während Sie ausatmen. Ziehen Sie die Gesichtsmuskeln zusammen, wie wenn Sie auf eine Zitrone gebissen hätten: spitzer Mund, Augen zusammengepresst und Nase gerümpft. Halten Sie die Spannung fünf Sekunden und atmen Sie dabei ein. Dann abrupt entspannen und ausatmen. 2. Übung: Schneiden Sie mit aller Kraft Grimassen und spannen Sie dabei die verschiedenen Gesichtsmuskeln während mindestens fünf Sekunden an. Lassen Sie dann die Spannung ruckartig aus dem Gesicht verschwinden. Der Unterkiefer fällt dabei automatisch locker nach unten. 3. Übung: Drücken Sie das Kinn mit dem Handballen fest nach oben und geben Sie mit dem Kiefer Gegendruck. Achtung: Die Zähne dürfen sich dabei nicht berühren. Lassen Sie das Kinn nach fünf Sekunden abrupt los, und spüren Sie die Entspannung im Kiefer. 4. Übung: Stellen Sie sich vor, Ihre Kaumuskeln wären luftdurchlässig. Atmen Sie ruhig ein und aus. Stellen Sie sich beim Ausatmen vor, dass die Luft durch die Kaumuskeln hindurchströmt. Diese Übung können Sie jederzeit machen, ohne dass es jemand bemerkt.

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Restless-Legs-Syndrom: Ruhelose Zappelbeine rauben den Schlaf
Patienten mit einem RestlessLegs-Syndrom haben unangenehme Gefühlsstörungen in den Beinen: Es zuckt, kribbelt, spannt und zieht. Hinzu kommt der starke Drang, die Beine zu bewegen. Daher kommt auch der Name der Krankheit: Restless Legs ist englisch und heisst «unruhige Beine». Die Beschwerden werden bei Ruhe schlimmer, das heisst sobald man sich hinsetzt oder hinlegt. Besonders schlimm werden die Symptome gegen Abend, wenn sich die Patienten ins Bett legen, um zu schlafen. Daher zählt man die Krankheit zu den Parasomnien, obwohl die Störung auch ausserhalb des Schlafs auftritt. Der Schlaf wird durch die Unruhe in den Beinen manchmal extrem gestört: Das Zucken, Brennen und Kribbeln verhindert das Einschlafen. Die Betroffenen müssen immer wieder aufstehen und
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umhergehen. Denn dadurch bessern die Beschwerden. Erst gegen Morgen lässt die Unruhe nach. Bei zirka jedem fünften Patienten sind auch – oder nur – die Arme betroffen. Zappelbeine können vererbt sein Man geht heute davon aus, dass rund zehn Prozent der Bevölkerung am Restless-Legs-Syndrom leiden. Bei einem Drittel der Betroffenen tritt die Krankheit schon vor dem 20. Altersjahr auf. Schwangere, Rheumakranke und Menschen mit Nierenschäden oder Eisenmangel sind häufiger betroffen. Bei vielen sind die Beschwerden allerdings nur gering ausgeprägt. Eine Behandlung ist erst dann nötig, wenn sie zu gravierenden Schlafproblemen führen. Das betrifft rund ein bis zwei Prozent der Bevölkerung. Man weiss heute noch nicht genau, was die Ursache der unruhigen Beine ist. Rund die Hälfte der Betroffenen sind erblich vorbelastet. Das Syndrom tritt dann auch bei anderen Familienmitgliedern auf. Fachleute vermuten, dass ein Mangel des Gehirnbotenstoffs Dopamin die Beschwerden verursachen könnte. Woher dieser Mangel kommt, weiss man allerdings nicht. Für einen Zusammenhang spricht aber, dass Medikamente, die das Dopamin im Gehirn erhöhen, die Beschwerden – zumindest vorübergehend – bessern. Heilen lässt sich die chronisch verlaufende Krankheit nicht.

Das ist typisch für Restless Legs

■ ■ ■ ■

Sie haben beim Sitzen und Liegen ein unangenehmes Gefühl in den Beinen, wie Kribbeln, Ziehen, Brennen, Schmerzen, Hitze- und Kältegefühl. Sie spüren einen Bewegungsdrang in den Beinen, wenn Sie sitzen oder liegen. Die Beschwerden lassen deutlich nach, wenn Sie sich bewegen oder die Beine massieren. Die Missempfindungen verstärken sich am Abend und in der Nacht und bessern gegen Morgen. Die Beschwerden verschlimmern sich mit den Jahren.

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Bei starken Beschwerden einen Arzt aufsuchen Wer stark unter den Beschwerden leidet, sollte sich beim Arzt untersuchen lassen. Das kann der Hausarzt sein, ein Neurologe oder ein Schlafmediziner. Die ärztliche Untersuchung zeigt, ob die Beschwerden tatsächlich von einem Restless-Legs-Syndrom herrühren oder ob eine andere Krankheit dahintersteckt. Ähnliche Beschwerden verursachen zum Beispiel auch Polyneuropathie, Gefässkrankheiten, Einschlafzuckungen und Wadenkrämpfe. Als Therapie verschreibt der Arzt meistens Medikamente. Das sind in erster Linie Präparate, die das Dopamin im Gehirn erhöhen, wie sie auch bei Parkinson verschrieben werden. Antiepileptika oder Schmerzmittel kommen manchmal ebenfalls zum Einsatz. Was hilft: Leichter Sport, Massagen, Stretching Man kann auch selbst etwas gegen die Beschwerden tun: Betroffene sollten sich regelmässig leicht bewegen, zum Beispiel Velo fahren, spazieren oder Treppen steigen. Anstrengender Sport ist hingegen weniger empfehlenswert. Auch Stretching und Massagen lindern die Beschwerden. Wohltuend wirken warme – oder in manchen Fällen kalte – Umschläge, Bäder und Güsse oder kühlende Salben. Betroffene sollten sich bei Kaffee, Alkohol, Nikotin und Schokolade zurückhalten. Dies gilt auch

für Entspannungstechniken. Sie sind für Menschen mit unruhigen Beinen eher ungeeignet. Wer längere Zeit ruhig sitzen muss, sollte sich ablenken, zum Beispiel mit anregenden Computerspielen, Kreuzworträtseln oder Handarbeiten. Denn bei Langeweile treten die Symptome deutlich häufiger auf.

Wadenkrämpfe: Mineralwasser hilft
Die meisten Menschen hatten schon mal einen Krampf in der Wade, zum Beispiel nach einer anstrengenden Wanderung oder beim Schwimmen im kalten Wasser. Bei rund zehn Prozent der Menschen treten die Wadenkrämpfe aber Nacht für Nacht auf, vor allem in den frühen Morgenstunden. Dabei zieht sich der Wadenmuskel plötzlich schmerzhaft zusammen. Auch die Fussmuskeln können betroffen sein. Die Folgen dieser regelmässigen Krampf-Attacken sind massive Schlafprobleme. Gerade ältere Menschen sind häufig betroffen. Häufige Auslöser: Magnesiumoder Kalziummangel Die nächtlichen Wadenkrämpfe haben verschiedene Ursachen: Sie treten häufig bei einem Ungleichgewicht der Mineralstoffe im Körper auf, vor allem von Magnesium und Kalzium. Wenn diese Stoffe fehlen, ist das Muskelgewebe leichter erregbar und verkrampft sich schnell. Das kann zum Beispiel passieren, wenn man

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viel schwitzt und zu wenig trinkt. Denn mit dem Schweiss werden auch viele Mineralstoffe ausgeschieden. Besonders im Sommer leiden deshalb mehr Menschen an nächtlichen Wadenkrämpfen. Schuld daran sind manchmal auch einseitige Ernährung, extreme Diäten, Durchfall oder abführende Medikamente. Wadenkrämpfe treten zudem während der Schwangerschaft auf, ebenso bei Alkoholmissbrauch und Nervenschäden. Dazu gehört die Polyneuropathie. Das ist eine Krankheit der äusseren Nerven, die zu Taubheitsgefühl und Missempfindungen in den Armen und Beinen führt. Auch Menschen mit Diabetes, Schilddrüsenkrankheiten und Venenproblemen leiden oft unter Wadenkrämpfen. Ist eine Krankheit die Ursache, sollte man in erster Linie diese behandeln. Damit bessern meist auch die nächtlichen Krämpfe.

Wer viel trinkt, kann Krämpfen vorbeugen Bei einem akuten Krampf sollte man den Muskel sofort dehnen: Ziehen Sie die Fussspitze gleichmässig Richtung Schienbein. Das streckt den Wadenmuskel. Ebenso hilft, wenn Sie ein paar Schritte gehen und dabei mit dem ganzen Fuss fest auf den Boden auftreten. Nach kurzer Zeit sollte sich der Krampf lösen. Manchen Menschen hilft es auch, wenn sie den Muskel massieren oder warm abduschen. Regelmässigen Wadenkrämpfen kann man vorbeugen: Betroffene sollten viel trinken, das heisst rund zwei Liter pro Tag. Wer stark schwitzt, auch mehr. Gerade ältere Menschen trinken oft zu wenig, da sie weniger Durst verspüren. Sie sollten sich die tägliche Trinkmenge jeweils am Morgen bereitstellen, zum Beispiel zwei grosse Krüge mit Tee oder Wasser. So können sie besser überprüfen, wie viel sie trinken. Dehnübungen und eine ausgewogene Ernährung Vorbeugend wirken auch regelmässige leichte Bewegung sowie Stretching- und Turnübungen (siehe Tipps auf dieser Seite). Eine Studie konnte nachweisen, dass nächtliche Wadenkrämpfe deutlich reduziert werden, wenn man den Muskel dreimal täglich dehnt. Fachleute empfehlen zudem, im Bett die Füsse nicht zu strecken. Das erreicht man zum Beispiel, indem man sie gegen das Brett am Bettende stellt. Wenn man auf

TIPP

Übungen für fitte Wadenmuskeln
Mit diesen Übungen beugen Sie nächtlichen Krämpfen vor: ■ Stellen Sie sich mit dem vorderen Teil der Füsse auf eine Treppenstufe und senken Sie dabei die Fersen. ■ Heben Sie im Stehen die Fussspitzen. Dann heben Sie die Fersen und lassen den Fuss abrollen. ■ Lassen Sie die Füsse zehnmal nach innen kreisen, dann zehnmal nach aussen. ■ Versuchen Sie, mit den Zehen ein Tuch oder einen Stift vom Boden aufzuheben. ■ Stehen Sie aus sitzender Haltung auf, stellen Sie sich auf die Zehenspitzen und setzen Sie sich dann wieder.

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dem Bauch schläft, sollte man die Füsse über die Bettkante hängen lassen. Wichtig ist auch eine ausgewogene Ernährung: Essen Sie viel magnesiumreiche Lebensmittel wie Vollkornprodukte, Haferflocken, Hülsenfrüchte und Nüsse. Gute Mineralwässer enthalten viel Magnesium. Das ist auf der Etikette angegeben. Bei einigen Patienten genügt das allerdings nicht. Dann kann die Einnahme von Magnesiumpräparaten sinnvoll sein. Sie helfen vor allem bei Muskelkrämpfen in der Schwangerschaft und möglicherweise auch bei nächtlichen Wadenkrämpfen. Chinin: Die Nebenwirkungen können gravierend sein Bisweilen wird auch empfohlen, Chinin oder Chininsulfat einzunehmen. Tatsächlich haben mehrere Studien seine Wirksamkeit bei Wadenkrämpfen erwiesen. Allerdings hat Chinin auch ernsthafte Nebenwirkungen. Es führt selbst in geringen Dosen zu Schwindel, Fieber, Erbrechen, Durchfall, Seh- und Gehstörungen. Zudem reagieren einige Menschen allergisch auf Chinin – teilweise mit tödlichen Folgen. Bereits 1995 gab die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA deshalb die Empfehlung ab, auf eine Chinin-Behandlung bei Wadenkrämpfen zu verzichten. In der Schweiz sind entsprechende Medikamente unterdessen vom Markt verschwunden, werden teilweise aber noch aus Deutschland importiert.

5 Störungen im Schlaf

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