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Unter dem Begriff Vorratsdatenspeicherung versteht man die „anlassunabhängige und nicht zweckbezogene“ 1 Speicherung von personengebundenen Telekommunikationsdaten

. Auch wenn es bereits vorher Vorschläge für die Umsetzung einer solchen Speicherung gab, bezieht sich die Vorratsdatenspeicherung, von der derzeit die Rede ist auf die EU-Richtlinie 2006/24/EG. Dieser Richtlinie zufolge sollen „Verkehrs- und Standortdaten“ aller 450 Millionen EU-Bürger ohne Anlass für mindestens sechs Monate gespeichert werden.¹ Ich werde hier nun einen Überblick geben, welche Daten von dieser Speicherung betroffenen sind. Betroffen wären Daten einer Telekommunikation über Handy, darunter fallen Telefonate, Kurznachrichten und Abfragen der Mailbox. Gespeichert würden die Telefonnummern der beteiligten Kommunikationspartner und die dazu gehörigen Bestandsdaten, das heißt Namen und Adressen der Personen. Auch werden verschiedene Identifikationsnummern gespeichert, darunter IMEI und IMSI. 2 Die IMEI ist eine Art Hardwareadresse eines Mobiltelefons und ermöglicht wegen ihrer Einmaligkeit eine eindeutige Identifizierung des Telefons. 3 Über die IMSI hingegen, die jeder SIM-Karte zugeordnet ist, kann die SIMKarte identifiziert und dem Kunden zugeordnet werden. 4 Bei Kommunikation über E-Mail müssten die E-Mail-Adressen der beteiligten Partner und ihre IP-Adressen beim Versenden und Empfangen einer Nachricht sowie die IP-Adresse, mit der der Zugriff auf das Postfach erfolgt, gespeichert werden. Ebenso würde bei allen drei eben genannten Schritten Uhrzeit und Datum der jeweiligen Aktion gespeichert.5 Auch müsste das Verhalten im Internet protokolliert werden. Das heißt, dass gespeichert werden soll, welcher Person zu welchem Zeitpunkt welche IP-Adresse zugeordnet war. 1
Gaycken, Sandro, Kurz, Constanze (Hg.), 1984.exe- Gesellschaftliche, politische und ju-

ristische Aspekte moderner Überwachungstechnologien, Bielefeld, transcript Verlag, 2008, Seite 67 2 Gaycken, Kurz, 2008, Seite 68

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http://de.wikipedia.org/wiki/International_Mobile_Equipment_Identity http://de.wikipedia.org/wiki/International_Mobile_Subscriber_Identity http://de.wikipedia.org/wiki/Vorratsdatenspeicherung

Als Fazit dessen lässt sich sagen, dass quasi sämtliche Informationen „außer dem eigentlichen Inhalt der Nachrichtenübermttlung […] gespeichert werden“.6 Die ehemalige niedersächsische Sozialministerin Mechthilde RossLuttmann drückte es so aus: „Es geht nicht darum, dass wir zu einem Überwachungsstaat werden, sondern lediglich darum, zu speichern, wer wann mit wem und wo telefoniert hat“7 Die vorherige EU-Richtlinie 2002/58/EG, die vorsah, dass sämtliche Kommunikationsdaten unverzüglich gelöscht werden sollten, die nicht für Abrechnungszwecke benötigt würden, ist durch die neue Richtlinie ungültig. Die neue Richtlinie sieht vor, dass diese Daten mindestens ein halbes Jahr, höchstens aber zwei Jahre gespeichert werden sollen, aber nur, wenn diese Daten durch technische Vorgänge sowieso anfallen.6 Die Vorratsdatenspeicherung ist allerdings stark umstritten. Während viele Leute aus Angst vor Überwachung sie ablehnen, betonen Politiker und Polizeibeamte immer wieder ihre Notwendigkeit. Auf die unterschiedlichen Positionen und die Argumente der Gegner und Befürworter gehe ich im weiteren Teil der Arbeit ein.

6 Gaycken, Kurz, 2008, Seite 68

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http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,791305,00.html

Obwohl es einige Kritik an der Vorratsdatenspeicherung gibt, wird sie teils reflexartig vor allem von Unionspolitikern immer wieder gefordert. Hauptargument für eine Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung ist, dass durch ihr Fehlen eine massive Schutslücke im Rechtsstaat ensteht, da viele Verbrechen ohne diese Speicherung nicht aufgeklärt werden könnten. Immer wieder werden dabei die Argumente „Kinderpornographie“ und „Terrorismus“ hervorgebracht, die beide ohne eine existente Vorratsdatenspeicherung nicht bekämpft werden könnten. Allein schon aufgrund dieser Themenwahl werfen viele Kritiker solchen Politikern Opportunismus und Demagogie vor. Einer der Politiker, die reflexartig eine solche Wiedereinführung befürworten, ist Hans-Peter Uhl von der CSU. Er ist Bundestagsabgeordneter und Innenpolitiker. Er forderte bei zahlreichen Anlässen eine Wiedereinführung. Er war einer der ersten, die sich für Vorratsdatenspeicherung starkgemacht haben, als sich der Rauch nach den Terroranschlägen von Oslo und Utøya noch nicht ganz gelegt hatte. Er sagte öffentlich zwei Tage nach den Anschlägen: „Wir brauchen die Vorratsdatenspeicherung [...] Nur wenn die Ermittler die Kommunikation bei der Planung von Anschlägen verfolgen können, können sie solche Taten vereiteln und Menschen schützen." 8 Fraglich ist allerdings, wie Uhl seinen Satz gemeint hat, oder ob er versteht, dass Vorratsdatenspeicherung alleine kein Allheilmittel ist. Es ist unklar wie Uhl sich vorstellt, einen Anschlag zu verhindern, indem er die Kommunikation eines rechten Einzeltäters überwachen lassen will. Uhl hat allerdings schon herausgefunden, wie es zu dieser Tat (gemeint ist der Mord an insgesamt 77 Menschen in Norwegen) kommen konnte: „In Wahrheit wurde diese Tat im Internet geboren."9 Auch nach Bekanntwerden der Morde der Zwickauer Terrorzelle wurde von verschiedenen Politikern auf die Vorratsdatenspeicherung gepocht. Vorne dabei war wieder Hans-Peter Uhl. Es sei schwer, etwaige Hintermänner festzustellen, obwohl ganz Deutschland wissen wolle, „wie groß der braune Sumpf in Deutschland ist ".10 Kritiker war8 http://www.zeit.de/politik/deutschland/2011-07/norwegen-attentat-politik-deutschland 9 http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,776872,00.html 10 http://www.heise.de/newsticker/meldung/CSU-Politiker-fuer-Vorratsdatenspeicherunggegen-Neonazis-1380400.html

fen ihm daraufhin vor, nur vom Versagen der Ermittlungsbehörden ablenken zu wollen. Andere prominente Befürworter sind Innenminister Hans-Peter Friedrich und die Gewerkschaft der Polizei. Gerne wird in dem Zusammenhang mit dem Fehlen der Vorratsdatenspeicherung von einem „rechtsfreien Raum“ im Internet gesprochen. Allerdings bleibt es dort meistens bei Schlagwörtern, ein Beweis für einen solchen „rechtsfreien Raum“ konnte nicht erbracht werden. Auch aktuell zeigen Ermittlungen gegen illegale Plattformen wie kino.to, dass ein solcher „rechtsfreier Raum“ nicht existiert. Bezüglich einer vom Max-PlanckInstitut verfassten Studie erklärt Friedrichs Ministerium, wegen fehlender Datenbasis habe die Studie keine Relevanz. 11 Allerdings übersieht Friedrich, dass die Befürworter den Nutzen der Vorratsdatenspeicherung beweisen müssen, nicht die Gegner ihre Nutzlosigkeit.

11 http://www.sueddeutsche.de/digital/friedrich-beharrt-auf-vorratsdatenspeicherungdatensammler-ohne-grund-1.1269323