GUSTAV SIEWERTH

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METAPHYSIK DER KINDHEIT

TRIALOGO Verlag
D-78421 Konstanz
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Auflage : 2003/06 Alle Rechte vorbehalten! Copyright 2003 by TRIALOGO

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VORWORT

Der Titel hebt die vorliegende Abhandlung ab von psychologischen und pädagogischen Büchern, die sich mit dem gleichen Gegenstand befassen. Metaphysik bedeutet hier die Eröffnung des weitesten und ursprünglichsten Horizontes, aus dem her und auf den hin alles Menschsein sich ereignet, in welchem es, aufgelichtet durch das Sein als Sein, allein zu seiner Wahrheit gelangen kann. Eine solche Erkenntnis ist notwendig ein Enthüllen von Wesenszügen, sofern sie dem gründenden und aktuierenden Sein im Ganzen entspringen. Die Tiefe und transzendentale Weite der Aussagen ist immer auch der metaphysischen Seinserhellung verpflichtet, die unser Erkennen und Sprechen geschichtlich ermächtigte und ihm die Maßgründe, die Wege und das Wort schenkte. Darum ist kein metaphysisches Unternehmen ohne die Aufweis- und Sagekraft höchster geistiger Akte, die in unsere Sprache gekommen sind. Da es hier um die Erziehung und Bildung des christlichen wie des gegenwärtigen Menschen geht, so verpflichtete uns das theologische, philosophische und pädagogische Werk als „Instrument“ des Sprechens und Auflichtens in gleicher Weise. Deshalb bedeuten weite Strecken dieser Untersuchung eine Ausfaltung thomistischer Grundlehren, eine Weiterführung der Daseinsdeutung Martin Heideggers und eine Durchlichtung der Erfahrungen Maria Montessoris, der bedeutendsten Erzieherin des 20. und ausgehenden 19. Jahrhunderts. Dabei geht es stets um eine „metaphysische Erhellung“, was besagt, daß es stets das eine Sein und das von ihm her aufgelichtete Dasein selber ist, das die innere Einheit der Ausführungen trägt. Deshalb gibt es an keiner Stelle ein bloßes Wiederholen von schon Gesagtem, sondern stets eine weiterführende, einigende Übersteigung, die sich bei jedem ursprünglichen Enthüllen immer ereignet. Es wäre deshalb auch ein Mißverständnis, dieses Werk als eine „Auseinandersetzung“ mit Martin Heidegger oder gar als eine „Widerlegung“ seiner Daseinshermeneutik anzusehen, als wenn ein ursprüngliches, dem undurchdringlichen Geheimnis des Seins hingegebenes Philosophieren anders in den Akt kommen könne, als daß es das Aufgewiesene selbst in jedem Fortgang „auseinander“ „setzt“, das heißt auf immer tiefere Dimensionen hin erschließt und weitet, freilich auch in immer neuer Einigung zusammenhält. Wie könnte aber ein die ratlose Irre der neuen Zeit aufbrechender Geistakt anders sich vollziehen, als daß er sich auf ihre „geschichtliche Geworfenheit“ einließe, um gerade hier und so das alles Zeitliche überholende Sein in eine zeitgemäße und zeitmächtige Frage zu zwingen. Es ist kein Zweifel, daß Martin Heidegger das in die Abstraktion oder in die Subjektivität aufgelöste, entmächtigte und begriffsverstellte Sein als Sein wieder ins ehrfürchtig durchschütterte Wort kommen ließ, weshalb sein Denken dem Aquinaten wahlverwandter und näher ist als eine in abstrakten Lehrbegriffen befangene „Neuscholastik“. Die innere Verpflichtung an sein Werk spricht für den Wissenden schon aus der Sprache dieses Buches, die freilich nirgend ein zitierendes Nachsprechen bedeutet, sondern ein sich Einlassen auf jene Tiefe unserer ursprungsmächtigen deutschen Sprache, die diese zu einem erlesenen und unersetzbaren Gefäß meta-

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physischen Denkens macht. Nach Heideggers Werk ist alles Philosophieren fragwürdig, das nicht demütig aus der Gnade und Macht eines nicht von uns Gemachten, sondern aus menschheitlichem Ursprung Ererbten und rein Bewahrten Gesehenes ins „Wort“ unserer Sprache bringt. Wer nur „begriffsterminologisch“ weiterphilosophiert, soll wissen, daß er einer Beirrung ausgeliefert ist, die seit Jahrhunderten währt und die Königsmacht des Geistes den haltlosen Sophisten und schließlich den bornierten Fanatikern der Steppe ausgeliefert hat. Mancher Leser dieses Buches, das in keine herkömmlich literarische Gattung einzuordnen ist, wird sich die Frage stellen, ob diese Metaphysik des Kindseins nicht Arbeit und Aufweis der anthropologischen Einzelwissenschaften weithin „überflüssig“ mache. Wer in solchen Fragen auf die immer mitfragende Sprache hört, wird von ihr her die sachgemäße Antwort erhalten. Sie werden in der Tat „überflüssig“, sofern sich aus der metaphysischen Erhellung der Kindschaft das Licht des aus Gott kommenden und in seinem schöpferischen und begnadenden Leben fortwaltenden Ursprungs in sie ergießt und das von ihnen mit gewissenhafter Mühe Zusammengebrachte so „flüssig“ und beweglich macht, daß es zu jenen tragenden Gründen zurückfinden kann, denen sich jede Einzelwissenschaft im Entschluß zur Spezialisierung, zur Wesens- und Sachbegrenzung verschlossen hat. Seit diesem abschließenden Verschluß steht jede Einzelwissenschaft, ob Psychologie, Anthropologie, Soziologie, Biologie und auch die nicht nur Technik sein wollende Naturwissenschaft in der Unsicherheit aller Seinsund Wesenskategorien, die sie ohne kritische Rechenschaft aus dem durchschnittlichen Reden oder als unverstandene Abfälle der Philosophie aufgreift. Die Einzelwissenschaften „überflüssig“ machen, heißt daher immer, sie aus dem Unbedachten und Unbedenkbaren ihrer Grundbestimmungen und aus ihrem deshalb überanstrengten Treiben zu erlösen. Wenn dieses Buch auch diesen nicht beabsichtigten Nebenerfolg hätte, der Zerspaltung und Zerfetzung unseres Wissenschaftsbetriebes zu steuern, so wäre es nicht nur dem Heil des Kindes, sondern allen jenen zugeordnet, die in qualvoller Überanstrengung als Studierende unserer Universitäten und Hochschulen durch das Unverstandene und Halbverstandene von tausend Meinungen geführt werden.

Aachen: am Fest Allerheiligen 1956

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I. DAS METAPHYSISCHE WESEN DER KINDSCHAFT

1. Der ontologische Ort der Frage
Die Neuzeit hat die wesenhafte Einheit von Mensch und Natur aufgehoben. Die Entschiedenheit, mit welcher DESCARTES den Menschen zur „denkenden Sache“ machte, die sich im Denkakt als solchem und seinen allgemeinsten Inhalten absolut versichert, hat die „intelligible Empfängnis“, die Vernehmungskraft des Geistes aus dem Blick gerückt. Die Natur aber war für DESCARTES nicht minder empfängnislos, sofern sie allein durch Bewegung und Ausdehnung wie ein mechanisch determiniertes Allwesen begriffen wurde. Seither stehen daher die absolute Selbstgewißheit des .Subjektes einerseits wie die mathematische Gesetzlichkeit einer All-Natur andererseits in unvereinbarem Gegensatz sich gegenüber, so daß, um die verlorene Einheit wieder zu gewinnen, bald das intelligible Subjekt die Natur als einen „Entwurf des Geistes“ aus apriorischen Gründen, bald die allgesetzliche Natur den Geist aus ihren mechanischen Wirkgründen als ein spätes Ergebnis ihrer Entwicklung aus sich hervortreibt. Dabei erweist sich, daß die Subjektivierung den Menschen dem objektiven und konstruktiven Systementwurf der rechnenden Vernunft ausliefert, so daß die rationale Nivellierung und Kollektivierung des Menschen nur die Kehrseite seiner intellektuellen Subjektivierung darstellt. Die radikalste Kritik der neuzeitlichen Philosophie erwuchs im Denken Martin HEIDEGGERS. Der Mensch ist nicht aus sich selbst verständlich, weder als Vernunft- noch als Willenssubjekt, weder im Sachentwurf der Wissenschaft oder im Seinsentwurf der philosophischen Systematik noch im Weltentwurf der Technik. Alles dies ist etwas, das sich im „Geschick des Seins“ in geheimnisvoller Abwendung des Menschen vom Einfachen und Gesammelten des Ursprungs erst ereignete und geschichtliches Schicksal der „Seinsverkennung und Seinsvergessenheit“ wurde. Wir wollen hier nicht untersuchen, was diese bedeutungsvollen und tiefen Aussagen „vom Sein her „ sichtbar machen. Sie umreißen jedoch den Horizont, in welchem die weittragende Daseinsdeutung von „Sein und Zeit“ gesehen werden muß. Hier hat HEIDEGGER dem Subjektentwurf der Modernen das „Dasein“ als ursprüngliches „In der Weltsein“ entgegengesetzt, das sich im transzendierenden Vorlaufen in den Tod geschichtlich in der Zeit als Sorge zeitigt. Es ereignet sich im Welt- und Seinsbezug, der alles Subjektive in der Dimension des ontologischen Entbergens, d.h. der Wahrheit, oder. im abgleitenden Verfall der Irre, in welchem das Dasein das Sein verstellt und ins Uneigentliche des Seienden flüchtet, vom Ursprung her überstiegen hat. Bis in die Wurzeln ist es durch geschichtliche „Faktizität und Geworfenheit“ bestimmt, als ein sich zeitigender Aufbruch zur Eigentlichkeit des freien, angstbereiten Seinkönnens, das sich als Sorge in ihrem Ruf als „Sein zum Tode“ verhält. Je mehr HEIDEGGER ins „Walten des Seins“ selber vorstieß, desto mehr erwies sich dieser „ursprüngliche Daseinsentwurf“ als vorlaufende und vorläufige Erhellung eines Ausgangs, der noch nicht im eigentlichen Sinne im Dasein das „Sein“ sichtbar machte und daher in seiner Vorläufigkeit nicht als „Vermenschlichung“ der Metaphysik verstanden werden darf. Vielmehr wurde im weltübersteigenden

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Vorlaufen in den Tod und in der sich ängstigenden Freiheit die Welt, das Seiende und das Dasein so in die Schwebe und Fragwürdigkeit des „Nichts“ gestellt, daß die eigentlich metaphysische Frage, „warum eigentlich Seiendes sei und nicht vielmehr nicht nichts“ erst mit Deutlichkeit aufbrach.1 Seither hat HEIDEGGER umsichtig und in immer neuen Ansätzen diese „Ursprungsöffnung“ des Daseins, dieses aufgelichtete Dunkel, d. h. diesen Horizont des Fragens, als solchen umkreist und das Walten des Seins und sein alle Geschichte ermöglichendes Geschick in eine ihm gemäße Helle zu stellen versucht, die aus eigenem Grunde strahlt und das Wort am Ursprung schenkt wie begeistet und durchlichtet. Der vom Sein ermächtigte, zu sich selbst erst auf das Sein hin „ereignete“ Mensch erscheint nunmehr als vernehmender und dichtender, als bekundender und fügender im „hervorgehen-lassenden“ und „anwesenmachenden“ Werk in der Freiheit eines geschichtlichen Waltens aus dem Sein. Immer steht er in der Dimension der verwesentlichenden Enthüllung oder des abgewendeten Verfalls, des Seins oder des Scheins, der Wahrheit oder der Irre, die sich nur im Mit- oder Ineinander geschichtlich ereignen. Aber es ist nicht, mehr nur die das Nichts bekundende Angst, sondern zugleich und mehr die Macht einer entschlossenen Erschlossenheit, die im Anwesen des „Heiligen“ oder „Göttlichen“ das Sein wahrt und eröffnet. In ihr allein hat das „Sein als Sein“ seine Zu- und Ankunft wie seine Erinnerung. Hält man sich in dieser metaphysischen Bewegung, so wendet sich die Auflichtung des Seins selbst auf die Hermeneutik des Daseins als „angstgestimmter Geworfenheit“ zurück. Es zeiht diese nicht der Falschheit, aber es stellt sie in die Frage einer möglichen „Seinsvergessenheit“ und „Seinsverbergung“, die auch das freiheitliche Vorlaufen in den Tod nicht einholt. Das Sein, auch das Entsetzend-Entsetzliche, das Unheimliche und Un-geheure, das aus dem Bergenden und dem gewohnt heutigen heraussetzt, das Einbrechend-Gewaltige ist doch nur für den Seinsentfremdeten das tödlich Ängstigende und Beirrende, während es in seinem waltenden Grund auflichtende Helle, ermächtigende Macht, verlockender Glanz, belebende Wonne und rufende Sorge ist, die das Herz, das seine Ankunft besteht, in die Antwort und Verantwortung und damit ins Schicksal eines Göttlichen stellt. Darum walten über den Tempeln der Griechen und mächtiger in den festlichen gotischen Kathedralen, da das Sein in dieser Erschlossenheit gedacht wurde, auch der Glanz einer seligen Ankunft und die heitere Gelassenheit eines Auftrages aus der Macht des Hohen. Wer des Seins vergaß, hat den Ursprung verloren. Wir können auch sagen, daß ein Dasein, das jenseits des Wunderbaren des Aufgangs aus den Gründen des Seins sich nur als „Geworfenes im Da der Faktizität“ wüßte, in der Gefahr steht, aus dem Horizont des Seins das unableitbar Zufällige und Tatsächliche der Existenz zu artikulieren und das seinsbegründete Entspringen aus dem Ursprung nicht mehr zu bedenken.1 Wer aber solchermaßen Ursprung und Anfang verlöre, wäre mit seiner unü1

Heidegger nennt selbst in „Vom Wesen des Grundes“ „die einzig leitende Absicht“ von „Sein und Zeit“, den „transzendentalen Horizont der Frage nach dem Sein“ zu gewinnen. „Alle konkreten Interpretationen, vor allem die der Zeit, sind allein in der Richtung auf die Ermöglichung der Seinsfrage auszuwerten.“ S. 42. 1 Anm.: Auch wenn man zugibt, daß das Dasein durch unableitbare „Faktizität“ und „Geworfenheit“, durch wesens- und notwendigkeitsfreie „Vereinzelung“ oder durch „kontingente Endlichkeit“ bestimmt ist, so entsteht die Frage, wie weit und notwendig die erregende Auflichtung dieser unmittelbaren Faktizität ins Vermittelnde, ins Tragende und Umhaltende des Ursprungs zurückzwingt - so daß im geschichtlichen Dasein jede geworfene Faktizität immer schon überholt ist durch eine ursprungerhellende Deutung und eine Anheimgabe des Daseins aus dem Un-heimlichen an das bergende Geschick, das aus dem Ursprung waltet. Wenn der Mensch ins Dasein tritt und seiner Faktizität innewird, ist ihm

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berholbaren Geworfenheit der seinsbegründeten und seinsdurchwalteten Geschichtlichkeit entfallen. Darum würde der modernen Philosophie der rational schematisierenden absoluten Subjektivität und ihrem „Willen zum Willen“ (Heidegger) am entschiedensten widersagt, wenn das „In der Weltsein“ des endlichen Daseins auf sein geschichtliches Entspringen und Getragensein befragt würde. Das aber bedeutete, daß die metaphysische Frage nach Ursprung und Wesen der Kindschaft gestellt würde. Wer sagt, daß der Mensch am Ursprung Gottes, des Menschen und der Erde Kind ist, sagt zugleich, daß er nicht nur „geworfen“, sondern vorab „empfangen“, nicht „ausgesetzt“, sondern „geborgen“ sei. Er widersagt darin zugleich notwendig allen modernen Anthropologismen, die den Menschen aus dem geschichtlichen Verfall an seinen Naturgrund deuten. Denn der Gott-entsprungene ist am Ursprung kein triebgeladener Machtwille, sondern ein Spiel des Herzens, nicht ein erblindeter Rechner, sondern ein gotterleuchtetes himmlisches Auge, da „Gott ihm sein eigenes ins Herz pflanzte“; er ist nicht ein triebzerspaltenes Unheil, sondern ein gesammelter, sich aus unerschöpflichen Gründen nährender Feuerherd und eine reine Flamme der Natur. Das Wesen der Kindschaft ist daher nicht von einer „besonderen Natur des Kindes“ her aufzuhellen, wenn man nicht wieder den modernen Subjektivismen verfallen will. Dann freilich scheint es, als „baue“, wie Frau Montessori in ihrem so wertvollen Buch „Kinder sind anders“ sagt, „das Kind die Menschheit“ auf, was zwar einen wahren Gesichtspunkt enthält, aber doch dazu verführt, mit Berufung auf sie zu fordern, daß „das Kind wie die Blumen oder die Bäume wachse, die nur Nahrung und rechte Witterung brauchen. Alles andere bringt es in seinen Anlagen mit, die es - als seit Urzeit gewachsenes Erbgut - von Samen und Eizelle erhält, aus denen es entsteht“ (Flora Scherer : Unser Kind). Die moderne Tiefen-, Trieb-, Charakter-, Typen- und Vererbungspsychologie verschärft ebenfalls die Vorstellung von einem naturhaft vollendeten Subjekt, einer vollendet angelegten Entelechie, die sich unter günstigen äußeren Bedingungen, aus dem inneren Seelen- und Lebenskern als individuelle Organisation wie ein Naturwesen, wie das artbestimmte Tier oder die freiheitlose Pflanze, aus innerer Wuchskraft entfaltet. Die Vermögen werden dann zu instinktgeladenen vorgeprägten „Anlagen“, in denen alles Spätere schon ein- und angelegt ist, so daß es nur, wie die vollendete Knospe im Sonnenschein, aufzubrechen braucht, um das zu werden, was es immer schon ist. Es ist nicht schwer einzusehen, daß eine entelechial und inhaltlich durchprägte Seelen- und Vermögensverfassung der transzendierenden Geistigkeit des Menschen, die sich ins Sein übersteigt, zuwiderläuft und seine tiefsten Möglichkeiten in Frage stellt. Sie ist in besonderem Maße dem Kind entgegengesetzt, das am Ursprung zwar eine individuelle Natur, aber nichts im Sinne tierhafter Artvollendung von der Gattung her im zureichenden oder vollendeten Maße zu eigen hat.

immer schon die verweisende Deutung der geschichtlich existierenden Erzeuger zuvorgekommen; sie stellt ihn in seiner Vereinzelung in ein aus dem Ursprung her erhelltes „Seinkönnen“, nicht ohne ihn in Aufhebung der Geworfenheit durch fürsorgliche Huld und Übernahme auf sein „Heil“ hin zu bergen und zu sichern.

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2. Die Zeugungs- und Lebensgründe des Menschen
Die Menschheit wird nicht vom Kinde erzeugt; sondern der Mensch erzeugt das Kind. Die „Erzeugung“ ist ein Werk des gesamten Menschen. Sie ist in ihrer uneingeschränkten Erstreckung seine höchste, substantiellste, naturhafte Möglichkeit, wofern man sie nicht wesenswidrig auf den geschlechtlichen Zeugungsakt eingrenzt. In diesem waltet nur ein geringer Anteil der zur Erzeugerschaft ermächtigten Liebe des Menschen, wenn auch gemäß der metaphysischen Einheit der Menschennatur und ihrer substantiellen Liebeskraft in ihm sich die Liebe des Herzens von der Wurzel her bekundet und ins Werk kommt. Darum ist die zeugende Vermählung nur menschengemäß, wenn sie Versiegelung und Ausdruck der Herzensvermählung ist, in welcher die Gatten die je persönliche Natur als Gabe und Vermächtnis übernahmen und dies Einvernehmen als Aufgabe und Wille Gottes in zeitloser Treue versiegelten. Solchermaßen übersteigt die zeugende Liebe der Gatten und Eltern in ihrem Wesensgrund die Beschränktheit der Natur, das Schöne und Eigenartige ihrer Erscheinung, die das Herz entzündet, den Eigenwillen der Triebe, die Besonderungen seelischer Prägung und das Spiel des zeitlichen Geschickes. Im Grunde bringen die Gatten im Daseinsraum der Liebe ihre Natur zum Opfer, d. h. zur Aufhebung im „Fug und in der Fügung“ der Gemeinschaft einer Familie, wie sie sie zugleich zu wesenhaften Möglichkeiten befreien. In der Gemeinschaft der Ehe waltet vom Ursprung her ein Geschick, das nur aus der Eintracht der Herzensliebe mit dem göttlichen Grund der Natur angetreten werden kann. Es muß in der Bereitschaft übernommen werden, den Vollzug des Lebens in ihm zu halten, d.h. sich gegenseitig in ihm zu bergen und auf ihn hin wachzuhalten. Also entspringt die zeugende Liebe einer vermählenden, in Gottes Walten sich einbettenden Empfängnis und reift so erst zu Wesen und Auftrag menschlicher Erzeugerschaft. Immer übersteigt sich daher auch die Liebe in der Zeugung in die Tiefen der gattunghaften und der individuellen Natur wie in die göttlichen Lebensgründe, deren der Mensch in seinem bewußten Vernehmen, Wissen und Wirken durchaus unkräftig ist. Er kann nur „erwecken“„, nicht wissend um die Mitgift seines persönlichen Lebenserbes, so daß er selbst in der „Empfängnis eines Kindes“ in der Menschennatur ein empfangender, erwartender ist. Er ist der demütig aus sich selbst beschenkte, wie es seinem metaphysischen Wesen entspricht, das schlechthin ermächtigte Empfängnis ist. Darum ist das Kind in jedem Betracht Gabe und Empfängnis. Es ist empfangen in seiner eigenen Natur, die es zu sich kommen läßt, in der es bewußtlos heranreift. Es ist des weiteren empfangen im Schoß der Mutter, in der demütigen Erwartung des Vaters, im Empfängnisakt der Zeugung und der Herzensvermählung der Eltern, im Walten der dunkelen Erbschaft der menschheitlichen Natur wie in der Empfängnis aus göttlichen schöpferischen Gründen. Und dennoch ereignet sich nichts, das nicht auch in seinen tiefsten verborgenen Werdegründen wurzelhaft bestimmt wäre durch die selbstursächliche Freiheit, sei es der Eltern oder Ureltern, und als Geschick und Auftrag in Freiheit übernommen werden muß. Darum ist der Mensch in seinem Sein eine geheimnistiefe Einheit von Freiheit und Empfängnis; er erzeugt sich ganz und kommt nur zum hervor-

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bringenden Vollzug oder Mitvollzug dieses Ganzen, indem er sich in Freiheit empfängt und übernimmt, sei es, daß er dies als Kind oder als Vater und Mutter vollbrächte1 . Denn wie das Kind seine individuelle Natur und sein Dasein in allen vorgegebenen Bedingungen übernimmt, so übernehmen es zugleich die Eltern, um es in dieser liebenden Übernahme erst ins Walten, Wachsen und Reifen kommen zu lassen. Was Erbe ist, wird so nicht determinierende, nötigende Natur, sondern im dauernden Vollzug der Übernahme, der Fügung und Führung der tiefste Grund der Möglichkeit der Freiheit. So wie der Mensch ist, ist er durch Natur; aber eigentlicher und wesenhafter ist er er selbst zugleich im Entwurf, im Gericht und in der Verantwortung seiner Freiheit und im freien Walten der ihn zur Freiheit führenden Liebe. Die Empfängnis des Kindes ist ein Aufbrechen liebenden Lebens, einer wundersamen Macht, die das leibliche Reifen des Embryo durchseelt. Sie ist das Erwachen einer wärmenden Herzensglut der zur Mutterschaft erweckten Gattin. Sie hüllt das werdende Leben in ihrem Schoß als ein persönliches inniges Geheimnis ein und trägt es in Hoffnung und Erwartung dem Licht und der Ankunft entgegen. Jene tragende Innigkeit der Liebe, ihre versehrbare Zartheit, die „Erkrankung an überreichem Segen“, Bedürftigkeit und Reichtum zugleich, übereignen das Geschehen zugleich der Sorge des Gatten und wandeln die Liebe des Erzeugers in die Verantwortung und mitfühlende Zartheit väterlicher Liebe. Diese Liebe ist da, wo sie echt waltet, von einer zarten, kontemplativen Schaukraft, je mehr das Geschehen der eigenen Natur entzogen ist. Sie schließt das Ganze von Mutterschaft und Kindschaft ins Gemüt ein und ist von Dank, von Sorge wie von Ehrfurcht zugleich erfüllt. Auch hier brechen Quellgründe in der Herzenstiefe auf, von denen der Mann und Gatte nichts wußte, die er meist verschämt verschweigt, während sie in Wahrheit seinem Leben, Wirken und Wollen ein neues Gewicht und substantielle Tiefe gewähren. Es ist die wesenseigene Kraft der Vaterschaft, das Geheimnis des werdenden Lebens, dem die Mutter in wirkender, tätiger, bergender und nährender Fürsorge zugeordnet ist, im väterlichen Gemüt eingehüllt zu bewahren und in gewähren-lassender Freiheit anzuschauen. Jene Einheit von einwebender Innigkeit und seinlassender, gütig schenkender Freiheit ist die schöpferische Kraft des männlichen Gemütes, das den Lebensgründen in der eingehüllten Zartheit ihres Reifens und der Anmut huldreichen Waltens geöffnet ist. Dem Manne ist es gegeben, das „Innige“ in der Schaukraft seines Geistes zu bewahren und es im Kunstwerk zu gestalten, während all dies das Herz der Frau primär zu tätiger Fürsorge und Hingabe bewegt. Das empfangene Kind entriegelt mit dem eigenen Leben die Herzenstiefen und den Brunnquell der mütterlichen und väterlichen Liebe. Seine Empfängnis ist Begeistung und Ermächtigung; es „bringt“ die Mehrerschaft der Eltern (Autorität), deren es bedarf, im ursprünglichsten und eigentlichsten Sinne selbst mit „hervor“ und beschenkt sie mit jener Wonne und Freude, in deren Wärme, Helle und Überschwang allein es in gemäßer Weise ins Leben treten kann. Es ruft die Eltern zugleich in die Sorge für das kommende Leben. Auch hier waltet mehr als eine naturhafte oder eine triebhafte Neigung, die das einzelne Lebewesen als solches umspielt. Was das Ge-

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Vgl. hierzu: Der Mensch und sein Leib, vom Verfasser S. 65/66

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heimnis „groß“ erscheinen läßt und die Herzen in ehrfürchtigen Tiefen bewegt, ist das mitwaltende Geschick des Seins. Denn im Kinde geht die Natur aus ihren göttlichen und unergründlichen Tiefen herauf, wie mit ihm zugleich die Frucht der in Gott vermählten Liebe erscheint. Diese ist zwar gewollt und erwünscht, aber in keinem Sinne ein Gemächte des werkenden Willens, sondern eine erweckende Erzeugung im Empfängnisschoß der Liebe. In ihm reift ein menschheitliches Erbe von Anbeginn als die Naturmitgift der Eltern als eine harrende Potenz der göttlichen Geist- und Seelenform entgegen. Die durchdringende Einigung der himmlischen und naturhaften Gründe ist (wie das Menschengeheimnis von Empfängnis und Freiheit) ein zweites undurchdringliches metaphysisches Geheimnis. Der allgemeine Seelengrund besondert sich auf die Natur hin und fügt diese gemäß ihrer individuellen Durchprägung zur Einzigkeit und Einheit eines persönlichen Wesens. In allem aber, was aus göttlicher reiner Tiefe ins Walten kommt, durchstimmt die Wurzel- und Herzkraft der Natur oder die erzeugte Potenz des neuen Menschen die Wesensform im Ganzen ihres Daseins zu individueller Einzigkeit, so daß der Mensch im Ganzen dessen, was er ist, aus Gott wie aus dem Menschen wird. „Der Akt der Form durchdringt einigend die Potenz der Natur, diese aber erschwingt in tragender Empfängnis den Akt1“. Diesem Geheimnis entsprechend wird die Liebe der Eltern vom Kinde her in die Erinnerung des ganzen Daseins gerufen. Nie wieder wird die eigene Kindschaft und die Herkunft aus der liebenden Sorge der Eltern bei den Erwachsenen tiefer erweckt, so daß die Mutter- und Vaterschaft sich innerlich eint mit dem „goldenen Strom an Liebe“ (Stifter), der von den Ureltern her als schützender, hegender Genius die Generation durchwaltet und die „Sippe“ im Stammesgrund der Elternschaft verwurzelt. Eine feinsinnige Ehrfurcht und ein zarter Dank verweht Mutterschaft mit Mutterschaft und verbindet verschwiegen das Väterliche mit den Vätern, um aus solchem frommen Mitsein und solcher opferbereiten Ergebenheit allein zu Hoheit und Huld, zu Demut und Dienst, zur Freiheit und Verantwortung zu wachsen. Das Kind wird also aus der Empfängnistiefe der Generation, aus dem gottverbundenen Gewissen, wie aus der persönlichen Liebe der Eltern „empfangen“. Dieser Empfängnisgrund ist daher keineswegs, wie die moderne Psychologie des erkrankten und mißratenen Lebens (denn dies ist sie nach Herkunft und Wesen) ein unbewußtes Wuchern jenseits eines verengten und verkümmerten Bewußtseins, sondern die innere Helle und Weite jeder wurzelhaft gediehenen Liebe, die zur Mehrerschaft und demütiger Herrschaft über das kommende Leben gerufen wird. Darum sind Mutterschaft und Vaterschaft kein „selbstischer Trieb“, dem man das Übermaß genießender Selbstbefriedigung wehren muß, sondern im Wesen ein Aufbruch der ganzen Natur in die Freiheit einer Aufgabe des Lebens. Wie in der Erzeugung die Natur zur Hervorbringung der Frucht sich übersteigt, so übersteigt sich auch das Herz in einem einzigen ekstatistischen Akt, sowohl in der Erinnerung, der eigenen Kindschaft, in der Demut frommen Empfangens eines göttlichen Geschicks als auch in der fürsorgenden Erwartung. Die Einkehr ins Innige des tragenden Herzraumes ist daher auch zugleich eine einigende und weitende Fügung in ein menschheitliches Vermächtnis, das mit den „Müttern“, den Urkräften des Daseins, verbindet. Es gehört oft zum Hochmut mißratener Bildung, da, wo die reflektierte Auskunft - vielleicht in der Sprache der Wissen-

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Vgl. S. 65-67, „Der Mensch und sein Leib“ vom Verfasser

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schaft - nicht gegeben wird, auch die waltende Tiefe wachen und wissenden Lebens nicht anzuerkennen. Wo das Leben jedoch fromm, entschlossen und liebend gelebt wird, gewinnt es eine Erfahrung des Wesenhaften wie der Entartungen des Daseins, deren Urteilskraft von wissenschaftlicher Reflexion nur mühsam oder gar nicht erreicht wird. Es ergibt sich aus dem Gesagten, daß menschliche Neigungen keine instinktgerichtete Nötigungen der Natur sind, sondern ein geistig-menschliches Ereignis, das aus seiner Geschichte her vom Walten sittlich und gläubig gelebten Lebens Gestalt gewann und im Gewissen der Führung aus Freiheit und dem Anruf aus den Tiefen des Seins und Daseins unterworfen ist. Die Empfängnis des erweckten Lebens ist daher zugleich fürsorgliche Wartung und Erwartung, die dem kommenden Leben zuvorkommt und ihm das schützende, bergende Haus, die geordnete Wohnstatt, die hegende Wiege des Schlafes, das wärmende, schmückende Kleid und die Nährstätte der Familie bereitet. All dies ist nicht eine zufällige Zugabe, sondern der wesentliche Grundakt des Daseins, das zur Pflege des naturhaften Lebens ins Werk kommt. Die Pflege des Hauses und des Kindes ist mit der Bebauung des Ackers und der Errichtung und Waltung des Tempels ein Grundgeschehen der menschlichen „Kultur“ und kennzeichnet sie im Wesen. Der Mensch auf der Erde ist auch der „Bauer“ seines Hauses, des schützenden Daches wie der bergenden Stube und der Nährwirt des Lebens, das er in täglicher Fürsorge dem umdrohenden Tode abringt. Was er in Bau und Arbeit vollbringt, ist die Wehr und Abwehr des Todes und des notvollen Chaos, dem er sein Dasein, die Freiheit seiner Entfaltung, die Stätte seines innigen Versammeltseins, die Ruhe und den Frieden des Wohnens entwindet. Dieses Selbstverständliche und Ursprüngliche wird immer wieder übersehen. Psychologen fragen nach kollektiver Erbschaft und unbewußten Triebpotenzen und leben dabei oft völlig im Unbewußten über die das Dasein der Menschen tragenden und fügenden Grundakte. Die elterliche, empfangende Fürsorge aber hat das Haus gebaut. Wie die Mutter in „Hoffnung“ ist, wenn sie das Kind erwartet und, wie das Wort sagt, in „hoffender Erwartung“ einem Unbekannten ahnend und sorgend vorauseilt, so kommt dem Kinde der sorgende Entwurf der das Haus ihrer Liebe bauenden und bereitenden Eltern zuvor. Es ist in seiner Sammlung, seiner Ordnung, Helle, Weite und Ruhe ein Geschenk der zeugenden Liebe an die Zukunft ihrer Empfängnis, ohne welches das Kind ins Verderben gestellt wäre1.

3. Die Personalität des Kindes
Das Kind selber tritt, kommend aus göttlichen und menschheitlichen Tiefen, mit Recht und Anspruch seiner Seins- und Wesensgründe ins Dasein. Man sagt, es trete als metaphysische und rechtliche Person ins Leben, und zwar schon am Ursprung seiner Empfängnis im Schoß der Mutter. Diese „Personalität“ ist nicht das Für-sich-sein der Individualität oder eines sich wissenden oder fühlenden Bewußtseins, sondern nach den Aussagen einer theologisch geführten Metaphysik das denkend zu sich selbst kommende
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Vgl. Siewerth: Das Haus des Menschen, Mitteilungsblatt der Päd. Akademie Aachen, 1950

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Insichsein eines gründenden Seins- und Wesensaktes (Subsistentia). Was Selbstbewußtsein, Selbstfühlen, denkendes Vermögen an ihm ist, entspringt einem Tieferen und Tragenden, wodurch es, Anteil habend am „Sein selbst“, eingegründet ist in eine waltende Aktualität, die in ihrer wurzelhaften Tiefe und Höhe unmittelbar von Gott belebt und bewegt ist. Kraft dieses Lebens und Lichtes ist der Mensch zur Wahrheit und zur Güte und als deren Folge zur Selbsterkenntnis und zum personalen Bewußtsein befähigt und ermächtigt. Aber dieser metaphysische Anspruch und Anruf der „Person des Kindes ergeht nur in einem geistigen Raum, in dem es keine naturhafte Nötigung, sondern nur den Gewissensimpuls aus Freiheit und die freie Übernahme des Gesollten gibt. So ergibt sich an einer dritten Stelle ein menschheitliches Mysterium, daß das, was göttlich begründeter Anspruch, unabdingbar forderndes Recht ist, dennoch nicht als herrische Nötigung, sondern als Ruf an die geneigte Liebe ergeht, die das Gesollte im Überschwang der Erfüllung in die Gabe ihres Lebens verwandelt, das aus Freiheit dem Guten geweiht und aus Liebe ins Opfer gestellt ist. Man kann daher nicht das Kind an sein Recht und die Eltern an ihre Pflicht erinnern, ohne zugleich zu bedenken, daß Pflichterfüllung in ihrer sittlichen Wesenstiefe aus einem von Grund aus unmeßbaren, überschwenglichen Ja zum Guten entspringt, weshalb das Kind nur in demütigem Dank das Walten der elterlichen Liebe in angemessener Weise empfängt. Denn auch hier gilt: Was göttlich und naturhaft ins Walten kommt, ist nicht nötigende Gewalt, sondern ereignet sich zugleich in der Freiheit eines rufenden und beauftragenden Geschickes und im zuvorkommenden Ja überschwenglicher Liebe. Solchermaßen wird das Kind im Ganzen seines Daseins als Geschenk Gottes und der Menschheit wie als Frucht der elterlichen Liebe empfangen. Es wird nicht von instinkthaften Trieben begehrt, sondern wesensgemäß aus einer Liebe erhofft, die durch das Licht Gottes und des Gewissens, durch die Kraft urväterlicher Erbschaft und durch den Enthusiasmus und die Wonne bräutlicher und gattenhafter Vermählung zu sich selbst aufgelichtet, begabt und ermächtigt ist. Dennoch tritt das Kind als „machtvolles Wesen“ hervor; wie es die Herzensgründe der Eltern aufbricht, den Leib der Mutter durchwohnt und beansprucht, wie es schmerzbereitend ans Licht drängt, so erweckt es auch die göttlichen Gründe des Gewissens und die heilige Kraft sittlicher, schenkender Fürsorge. Wo immer ein Kind hilfesuchend in irgendeiner Not auf den reifen unverdorbenen Menschen trifft, bringt es auch die Macht eines Anspruchs mit und bewegt die Herzen. Trotz seiner personalen Vollendung tritt das Kind als menschlich empfangenes Wesen so bedürftig ins Leben, daß es sich selbst erst durch die erzeugend waltende Liebe empfangen muß. Dieser Verhalt wird von einer Spontaneitäts- und Aktivitäts-Psychologie, nicht minder von der Anlage- und Erbseelenlehre verkannt. Man übersieht die Lebensgründe, von denen die Aktivität ermöglicht und getragen ist, und deutet die transzendentale Entfaltung des Geistes- und Herzenslebens in „subjektivistische Vollzüge“ um. In Wahrheit ist das Kind ein Lebensakt von tiefer Potentialität, die bis ins Zentrum des Herzens hinein reicht.

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II. EMPFÄNGNIS UND ERWECKUNG DER KINDSCHAFT
„Charis charin gar estin e tiktous aei“ SOPHOKLES

„Huld nämlich ist’s, die Huld erzeuget immer“

1. Die Liebesgemeinschaft von Mutter und Kind
Das Kind ist nicht nur „Teil der Eltern“, sondern die himmlische Frucht und Aufgabe ihrer Liebe. Denn die Menschwerdung ist weder mit dem Akt der Zeugung noch mit der Geburt abgeschlossen, wie sie auch mit ihr nicht beginnt. Schon die Ruhe des Embryo im Mutterleib, in der seelenhaften Schoßwärme des Lebens, ist kein unbewußter vegetativer Prozeß, sondern ein durchfühlter seelischer Vorgang von wurzelhafter Tiefe. Das Leben atmet, nährt sich und ruht gelinde eine lange segensvolle Nacht der Ruhe im gesicherten Grunde. Es ist in seiner Wurzeltiefe beschwichtet in wohlig warmem Schlaf. Immer wird das Kleinkind in die angstbeschwichtigte Ruhekammer des Lebens, in den mütterlichen Herzund Nachtraum zurücksinken, wenn es in erquickendem Schlafe sein Leben erneuert und aufbaut. Darum ist die harrende Lebensgeduld, die Herzensruhe und beschützte Sicherheit der Mutter eine verschwiegene Mitgift an das Kind. Auch seine Ruhe ist Gabe und Vermächtnis der sittlichen Tugendkraft der Liebe, in der die Gatten vertrauend ineinander ruhen und sich den Frieden des Heimes schenken. Sie läßt das Kind nicht nur heranreifen, sondern der hoffenden Erwartung sich entgegen-fühlen in einem innigen Einvernehmen der Lebensgründe. So sind Mutter und Kind nicht nur physisch, sondern bis in die fühlendwebenden Seelentiefen hinein eine Lebens- und Liebesgemeinschaft.

2. Das Geheimnis der Geburt
Was sich in der Geburt selbst ereignet, ist ein tiefes Geheimnis. Wie jedes Opfer verpflichtet und bindet, so sind auch die Wehen der Geburt wie eine vorwegnehmende Einweihung in den Opferakt der mütterlichen Selbstverschwendung an das Kind, das in ihren Schmerzen in den Herzraum des Fühlens eindringt und als ein erlittenes Kleinod der Liebe wie von Flammen der Liebe und des Schmerzes eingehüllt und angeeignet wird. Das Kind selbst aber überschreitet eine Schranke, wie es sie im späteren Leben nur noch an der Todesgrenze zu durchschreiten hat. Maria Montessori hat diesem Vorgang in dem oft genannten Buche „Kinder sind anders“ erregende Betrachtungen gewidmet. „ Ja, während er (der neue Mensch) noch nicht existierte, schlug sein Herz schon doppelt so schnell wie andere Herzen schlagen. Und ich wußte, dies war das Herz eines Menschen. Und jetzt tritt er heraus. Verwundet von Licht und Ton; erschöpft bis in die letzte Fiber, nimmt er alle Arbeit seines Daseins auf sich. Und er stößt einen Schrei aus: „Warum hast du mich verlassen?“ Und es ist das erste Mal, daß der Mensch in seinem Dasein den sterbenden Christus wie auch den Christus der Auferstehung widerspiegelt.“

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In der Tat ist die Geburt wie ein Sterben, wenn man bedenkt, daß das Kind Nahrung, Wärme, Umgebung und Atmung verliert und alle seine Sinne und wesentlichen Organe wie Lunge, Mund und Glieder mit einem Male einem Ungewohnten und Unbekannten von erregender Heftigkeit ausgesetzt sind. Hätte es ein Bewußtsein dieser Vorgänge, es schriee im ersten Schrei des Lebens in der Tat wohl seine Todesangst heraus. Sicher aber ist sein zartes Fühlen noch lange von dem Ungeheuren des neuen Andrangs durchschüttert, daß man wohl die Forderung von Frau Montessori verstehen und nachdrücklich betonen kann, ein so übermäßig angestrengtes und heimgesuchtes Wesen nicht wie ein unfühlendes Tier, sondern wie ein krankes, ermüdetes und nach Liebe dürstendes Wesen mit liebreicher Zartheit zu behandeln. Sie schreibt: „Die Weise, wie wir ein neugeborenes Kind berühren und bewegen, die Zartheit des Gefühls, das es uns einflößt, läßt mich an die Gebärden denken, mit denen der katholische Priester die heiligen Gegenstände auf dem Altar handhabt... Und alles das spielt sich in einem stillen Raum ab, in dem das Licht nur durch farbige Gläser gedämpft einzudringen vermag. Ein Gefühl der Hoffnung und der Andacht beherrscht den heiligen Ort. Ähnlich sollte die Welt aussehen, in der ein neugeborenes Kind lebt.“ (Kinder sind anders. S. 41).

3. Die Selbstempfängnis des Kindes
Dieses Neugeborene, das bisher in der Empfängnis der eigenen Natur im Walten des Naturerbes und der ausformenden Seele zur Einheit eines fühlenden Herzens heranwuchs, hat sich geistig und seelisch selbst zu empfangen. Es ist zunächst ein eingehülltes und zugleich ein sich selbst entäußertes Leben, dem die Lebensregungen, die Grundvermögen und das eigene Dasein erst zuwachsen müssen. Es muß das eigene Leben erfahren, sich selbst erinnernd empfangen, um seiner in der Erinnerung wie auch im eigenen Lebensgrunde mächtig zu werden. Nur im fühlenden Herzen ist es aktuiert, so daß es sich aus dieser Lebensmitte her mit allem, was es an bewegenden Potenzen besitzt, anspannt, wenn es von einem Reiz angestoßen oder angelockt wird (Lewin). Erst später lernt es, mit einzelnen Gliedern sinnvoll auszugreifen und den Raum auf ein Ziel hin zu durchgreifen. Man muß auch hier das wunderbare Doppelgeschehen ins Auge fassen, mit dem wir auf ein großes metaphysisches Geheimnis des menschlichen Daseins stoßen. Es ist im Ganzen seines Ursprungs unmittelbar gesetzte und gefügte Natur, ein Organismus von feinster Durchgliederung mit vielseitiger sinnlicher Empfängnis- und leiblicher Bewegungskraft und wird doch erst als eigenes Leben im Akt sinnenhaften Gewahrens und Bewahrens in die Erinnerung übernommen und zugeeignet, aus der es wieder hervorgeht. Dabei ist es nicht das Kind selbst, das sich gewinnt, sondern es erhält sich im Geschehenlassen seines Lebens, im pflegenden Umgang und in sinnvoller Lebensfügung zugleich als Gabe von der elterlichen und geschwisterlichen Liebe zu eigen. Das Leben lebt sich so tief ein, wie es eingelebt, in den Vollzug gelockt und helfend geführt wird. Darin wird es ursprünglich in sich selbst gesammelt und gewinnt sich im durchfühlenden Fokus seines immer schon aktuierten Herzens. In diesem Funktions- und Lebensgedächt-

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nis gründet sich das Dasein in der Herzmitte seines Lebens ein, deren Störung das geistige und persönliche Wachstum in Frage stellt. Dieses Lebensgedächtnis ist als Anfang die vollendete Mitte des Daseins, zeitentrückte Selbstgegenwart in der Grundgestimmtheit milder Gelassenheit, in die das Dasein aus jeder ekstatischen Erhebung oder niederdrückenden Beschwernis wieder zurückschwingt. Aus diesem Mittleren an gelinder Ruhe wird das geschichtliche, der Zeit überantwortete Dasein erst gezeitigt, wie es in ihm als einem Grundgefühl verwurzelt bleibt. Durch diesen substantiellen Frieden kann der Mensch seine Freiheit in allen Stürmen der Entzückungen und der Ängste bewahren, weil er sich im Gleichmaß seiner Herzensruhe wiederfinden, sich in sich sammeln und so zu sich zurückkehren kann. Dabei ist das zu sehen, was die Philosophie als die „intentionale“, den eigenen Akt transzendierende Erstreckung alles Gewahrens, Handelns und Fühlens bezeichnet. Das menschliche Dasein ist von der Wurzel her nicht bei sich selbst, sondern entäußert, so daß es sich nur aus einem Jenseitigen seiner selbst zurückgewinnt. Im Schoße der Mutter wird nun im „Akt der Generation“, d. h. der Naturauszeugung, die sinnliche Empfängniskraft des Herzens in allen Verzweigungen der Sinnesorgane vollendet.1 Diese unerhörte Lehre des Aquinaten weiß diese Kräfte im Zustand höchster Wirkbereitschaft und in erweckter Empfängnisoffenheit, so daß es fürderhin keines Aktes mehr bedarf, der aus dem Innern einer Potenz entspringt. Vielmehr ist im Innern der Natur alles schon geschehen, was das Dasein aus seinem Grunde hergeben kann, auf daß die Sinne zum Leben kommen. Sie sind außerdem in der leiblichen Ausbreitung der Organe räumlich ausgefaltet und stehen in räumlicher Offenheit im Walten einer Welt, in die sie entrückt sind und von der sie in den Akt des Gewahrens gekommen sind. Denkt man dies gewahrende Inder-Welt-sein des Menschen auf seinen Lebensgrund hin, so ist der Embryo im Gelaß des Lebensschoßes in seinem leisesten traumhaften Gewahren und Empfinden seiner Sinne ganz dem einhüllenden mütterlichen Leben an- und eingefühlt, das ihm in seiner liebevollen Wärme die Welt vertritt. Der urtümlichste Inhalt der Sinne wäre in ihrer wesenhaften Transzendenz damit ein Akt bergender, wärmender Liebe. „Die Wärme“, sagt Victor Poucel (in: Gegen die Widersacher des Leibes), „ist nicht allein Spenderin des Lebens, sondern auch der Zärtlichkeit; die Wärme steht mit der Liebe im Bunde.“ Ist es nicht wundersam zu denken, daß der Ursprung sinnenhaften Gewahrens beim Menschen in blütenhafter Zartheit von der Liebe her erfüllt ist? Die Sinne sind also, wenigstens am Lebensursprung, wie. einst im Paradies Empfängniskräfte der Liebe.

4. Die waltende Liebe und die Welt des Kindes
Sie sind es auch noch beim neugeborenen Kind. Das ewige Nachgerede von der „Umwelt“ des Kindes, durch die es zu spontaner Aktauslösung kommt, ist eine peinliche Verkürzung des Eigentlichen im menschlichen Dasein. Denn das Kind ist in seinem Herzensgrunde nichts anderes als ein zartes Glimmen der Liebe, das durch Liebe ins Leuchten und zum Leben kommt. Das „In-der-Welt-sein“ des
1 Vgl. die „Metaphysik der Erkenntnis“ vom Verfasser, Oldenbourg, München, ferner: „Die transzendentale Struktur des Raumes“ in „Mélanges Maréchal“, Louvain und Paris.

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Kindes ist in Wahrheit eine Weise, bei und in der sorgenden Liebe der Erzeuger zu sein. Seine Welt ist das Walten der elterlichen Pflege, in die es entrückt wird, in solchem Maße, daß ihm sein „ In-der-Weltsein“ ganz und ausschließlich aus der fürsorglichen Huld der Eltern geschenkt wird, die ihm vorher Heim- und Lebensstätte bereiteten. Wie das Kind aber durch die Sinne in die Landschaft seines Lebens entrückt ist, so kommt es metaphysisch früher durch die Liebe seines Herzens ins Verstehen. Was es aber versteht, ist nicht eigentlich sein vitales Genügen, sondern es wird in ihm der waltenden Fürsorge inne, ohne die es solches Genügen nicht gibt. Gibt es denn Nahrung ohne die umarmende Innigkeit der Mutter und ohne physische Vermählung mit ihren Brüsten, gibt es Wärme, ohne daß sie leiblich gespendet oder durch Umhüllung bereitet wird, Ruhe, ohne das Geschenk des Einbettens, das Wohlgefühl der Frische ohne fürsorgliche Reinigung und Waschung, gibt es das Gefühl der Geborgenheit ohne den geordneten Rhythmus pflegender Wartung? All dies erfährt das Kind, während bald der holde Schatten und bald das helle Antlitz der Mutter und die Gestalt des Vaters ihm erscheinen. Es atmet in ihren Räumen, erfährt ihr zartes, einfühlendes Kosen, ihre einschläfernden oder erweckenden Worte, das sanft Überwaltende ihres Kommens und Gehens - lange bevor es auch nur im geringsten um sich selber weiß. Wir wissen nicht, welche Durchfühlungskraft ihm eigen ist - aber die Psychologen der Urerbschaften sollen auf der Hut sein, daß sie nicht das ungehemmte Durchfühltwerden mit den Bildern und Lebenstiefen des reifen Lebens, also das Urgedächtnis des anfänglichen Daseins mit solcher Mitgift verwechseln. Bevor also das Kind sich ins eigene Gedenken und Erinnern übernimmt, gewinnt es sich als Geschenk der besorgenden Liebe, in deren Wärme und Strahlkraft es selbst zur Liebe erwacht, deren sanften und holden Ruf es vernimmt. Wo diese Liebe waltet, übersteigt das Kind am Ursprung alles sinnliche Genügen und Genießen in der Erfahrung der schenkenden Huld und sieht diese selbst an, bevor es sich selber sieht. Reift es so heran, so überwächst sich sein scheinbar sinnliches Erfahren ins Sittlich-Schöne schenkenden Gewährens, das es selbst in spontaner Freiheit vollzieht. Wunderschön erfuhr ich dies bei einem Kind von acht Monaten, das noch nicht der Sprache und des Gehens mächtig war. Das erste Stücklein Schokolade, das ihm von der Mutter auf die Zunge gelegt ward, empfing es mit einem seligen Lächeln; dann aber holte es sich das Stücklein wieder aus dem Mund und überreichte es überglücklich dem Vater, der, nachdem er Freude und Mitgenuß bezeugte, es wieder zurückgab. Wieder war die Wonne an einem neuen Lächeln sichtbar, aber noch einmal wurde das Genießen unterbrochen und der Mutter das klein gewordene Stücklein zurückgereicht, damit auch sie ihren Anteil habe. Was diese Erfahrung bezeugt, ist dies, daß die Schokolade nicht als solche empfangen wurde, sondern als Ausstrom und Gabe gewährender Liebe. Diese selbst wurde ins Herz aufgenommen und konnte daher in Freiheit weitergeleitet werden. Lange Jahre hindurch hat dieses empfindungszarte und leidenschaftliche Kind nichts empfangen, ohne sofort ans Schenken zu denken, und hat im Alter von 14 Monaten wochenlang eine Praline aufbewahrt für den von Reisen heimkehrenden Vater. Dieses liebenswürdige Geschehen wäre nicht möglich, wenn das Kind nach dem rohen Modell als vorab sinnliches Wesen begriffen wird. Es kann nicht gröber mißverstanden werden. In Wahrheit ist es am Ur-

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sprung nichts als eine selige Flamme der Liebe, von der her es das Leben versteht. Nur wenn ihm die Liebe versagt wird, werden die Inhalte der Sinne ihm kostbar und wichtig, weil sie isoliert erfahren wurden und das Herz in ihnen allein sein Genügen finden muß. Was Maria Montessori erzählt, daß gesammelte, tätige Kinder nicht naschen, kann man am frühesten Ursprung bestätigt sehen, wenn das Kind in der ihm gemäßen Weise ins geistige Leben gerufen wurde.

5. Das Leben des Kindes als Gabe der Liebe
Weil das Kind solchermaßen von sich selbst auf die Eltern hin entrückt ist, wird ihm sein Leben und sein Selbst zur Gabe zeugender Liebe. Dies ist der metaphysische Grund für die wesenhafte Erkenntnis, daß der Mensch den Menschen auch in seinem geistig-seelischen Leben erzeugt. Das Kind ist im Wesen eine Herzensantwort auf den Anruf der Liebe. Gewiß lernt es, so ihm die Eltern das Spielding schenken, an ihm das Greifen, Halten und Haschen, aber die ersten starken Bewegungen, das angespannte Strampeln und sich Entäußern erfolgt doch auf den Anruf und im Beisein der Eltern. Dies können alle erfahren, die das kleine Wesen bewundernd und anerkennend anrufen, und sei es mit Worten, die es nicht versteht, deren Musik, Innigkeit und Nachdrücklichkeit ihm aber ins Herz dringt. Wie es dann außer sich gerät und sich wie aus der Mitte seines kleinen Leibes stemmt und alle seine unbeholfenen Vermögen gesammelt ins Spiel zu bringen sucht ! Darum liegt Wahrheit in dem grausamen Bericht über das Experiment des Kaisers Friedrich II., der Kinder isolieren ließ, um ihre Entwicklung im Raum beziehungslosen Schweigens und unpersönlicher Einsamkeit kennenzulernen. Sie seien alle nach kurzer Zeit gestorben, weil ihnen die Liebe, das Lebenselement der Herzens und der Seele, die auszeugende Kraft des Lebens entzogen worden war. Die Liebe aber dringt durch zum Grund der Seele und begabt die Kinder mit ihrer Kraft und Tiefe. Liebevolle Eltern mögen hier Ungewöhnliches erfahren. Ein halbjähriges Kind, dessen Vater drei Wochen abwesend war, stieß nach seiner Rückkehr ein nicht endendes, selig jubelndes „ Ho, Ho, Ho“ aus, daß die Eltern von diesem unerwarteten Ausbruch tief erschüttert waren. Wie tief hatte sich wohl das Bild des Vaters dem kleinen Herzen eingeprägt! Welches Vermissen und welches Erwarten mag das stumme Wähnen und Träumen des kleinen Wesens durchzittert haben! Galt denn nicht schon auch von diesem Kinde, was man von den reiferen weiß, daß das, was als Liebe liebend erfahren wurde, dem Gedächtnis sich unauslöschlich einprägt und seine vergegenwärtigende Leuchtkraft ein Leben lang in der Einbildung bewahrt. Im Grunde bestätigt sich dies nur aus eigener Erfahrung. Ich sehe heute noch mit andachtsvoller Ergriffenheit das Bild meiner Mutter vor mir, als sie mit Tränen in den Augen eines Morgens in das Zimmer eintrat, in dem ich auf einem Stühlchen saß. Dieses Antlitz ist mir ein Leben lang Inbegriff seelenvoller Hoheit geblieben. Ich erfuhr zugleich, daß die Großmutter gestorben sei. Durch den Eindruck der mütterlichen Erscheinung haftete dieser Vorgang als etwas ganz Ungewöhnliches, Ernst-Bedeutungsvolles mir

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im Gemüte. Ich habe immer geglaubt, ich sei vier oder fünf Jahre alt gewesen, als ich dieses Erlebnis hatte. Erst als ich das Todesjahr meiner Großmutter später im amtlichen Ahnenausweis las, sah ich mit Betroffenheit, daß ich zwei Jahre alt war, als dies geschah. An seiner hellsichtigen Deutlichkeit hat sich bis auf den heutigen Tag kein Zug verändert, so daß diese hohe, tief bewegende Vision ein ganzes Leben hindurch waltete. Es ist kein Zweifel, daß dieses Bild so nachdrücklich ins Bewußsein und Gedächtnis trat, weil es hervorwuchs aus einem innigen Einvernehmen der mütterlichen und kindlichen Liebe. Es war wie ein „Aufgang“, der in seinem Kommen die Grundtiefen des kindlichen Herzens aufschloß, so daß die innerste Schau -und Herzkraft der kindlichen Liebe erweckt und hellsichtig ins Erhabene entrückt wurde. Wohl nur, weil die Mutter im Schmerz zugleich gefaßt und gesammelt war, war es möglich, daß das in ihr geborgene Kinderherz sich geöffnet ihrer Erscheinung darbot, so daß das Ungewöhnliche, Hohe und Ernste nicht schreckhaft das Gemüt abschloß und das Erleben sich flüchtig ins Vergessen wendete, sondern als Walten der Güte selbst erfahren und im Gedenken als Inbegriff und offenbarende Erhöhung des schon lange Erfahrenen festgehalten wurde. Aus diesem Vorgang erhellt, welche Genien das Kind ins Leben rufen, in welche Tiefen es durch die göttliche Schaukraft seines Herzens gehoben, aber auch, welchem Unheil es ausgeliefert werden kann. Das Herz des Kindes ist ein weites Haus, das in seinen Fenstern dem Walten der mütterlichen und väterlichen Liebe geöffnet ist, von der es durchlichtet, durchwärmt und durchwohnt ist.

6. Die eingehüllte Tiefe der Erkenntnis des Kindes
Weil das Kind „mit dem Herzen sieht“, sieht es, wie Exupery sagt, „gut“. Über die Erkenntnisweise des Kindes wird viel Unsinniges vom Erkenntnisschema „psychologischer“ und „erkenntnistheoretischer“ Lehrbegriffe her ausgesagt. Es wird zum „Sinnenwesen“, mit vage schwärmender Phantasie, das noch nicht die intellektuelle Stufe der Abstraktion erreicht hat und noch nicht zum „Gebrauch der Vernunft“ erwacht ist. Wirklichkeitsfremd lebt es in blassen irrealen Schemen, wie sie sich in kindlichen Zeichnungen widerspiegeln. Seine dürftigen Äußerungen in der Sprache und die tastenden Darstellungen in Zeichnungen werden vielfach als gültiges Zeugnis seines geistigen und seelischen Lebens angesehen. Es ist dies nicht viel anders, als wollte man den Gehalt eines Philosophen an dem messen, was er in einer fremden Sprache, von der er 30 Worte beherrscht, zum Ausdruck bringen kann, oder den Genius eines Musikers ersehen aus kümmerlichen Produkten eines Zeichnens, das er nie geübt hat. Dabei wird nicht gefragt, ob es nicht gerade dem Kinde eigen ist, im Ruheraum des Ursprungs vieler und wesentlicher Dinge innezuwerden, die überhaupt nicht zum Ausdruck drängen, weil sie nicht als „persönliche, bewußte Mitteilung“ da sind, sondern als Grundgefüge des Seins und Daseins die Lebensgründe ruhevoll erfüllen. Denn das waltende Innesein geschieht im Lebensakt der Liebe und wird als ruhendes

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Gestimmtsein erfahren, während die frühreife Bewegtheit von Kindern meistens keine „Begabung“, sondern eine Störung des Grundverhaltens des Lebens anzeigt. Man braucht doch nur den kindlichen Leib anzusehen, um dieses runde, erfüllte Innesein mit Augen zu gewahren. Sehr schön sagt Pater Poucel („ Gegen die Widersacher des Leibes“ S. 125) : „Die erste Lebensphase“ zeigt ein „Wunder in Miniatur“, „den schönen Körper der kleinen Kinder“. „Ihre Gestalt hat etwas Wunderbares und Abgerundetes, was nach nichts mehr verlangt. Es ist ein Kunstwerk, das in den Armen einer Mutter ruht. So konnten die religiösen Maler diese kleinen Wesen unverändert in die Zeitlosigkeit eingehen lassen, so wurden sie dann zum Range eines Engels erhoben. Die Maler können der Einbildungskraft ermangeln. Und doch fällt es nicht auf, und keiner wüßte zu sagen, was diesen Engeln da gebricht, wenn es nicht Flügel sind, um zu fliegen. Und richtig, sie haben Flügel, wie sie sich da leicht mit den Ellenbogen auf die Wolken aufstützen als ewige Zuschauer, da ja die Augen das einzige Organ sind, dessen vollkommenen Gebrauch sie gekannt haben.“ Denken wir dem Worte nach, daß die Augen „Flügel“ sind, so stoßen wir auf den Grundakt der entrückenden Transzendenz des Schauens. Alle anderen Sinne, übrigens in ihrer organischen Gebrauchsfähigkeit nicht minder vollkommen als das Auge, sind doch irgendwie ins Innerliche des eigenen Lebens eingesenkt, wenn man nicht hinzufügt, daß das schauende Gewahren auch in ihnen waltet; aber im Auge ist es vollkommen und ohne Eigenbestimmtheit da, sofern im Auge die Wesen und die Dinge selbst heraufgehen und wir nicht bei uns, sondern bei ihnen sind; sogar die Wonne des Anschauens wird nicht als sinnliches Behagen, sondern als Glanz, als Schönheit und Freundlichkeit der Dinge selbst erfahren und dringt als die Heiterkeit und Helle der Farben und Gestalten von ihnen her uns ins Herz. Unsere Freude aber ist nur der Widerhall ihres schenkenden Grüßens und Leuchtens. Daß die Augen Flügel sind, bedeutet daher, daß wir im Schauakt den Lichtraum durcheilen, uns pfeilgeschwind und selig in allen Weiten einer Landschaft ausbreiten und die Erscheinung in der Ferne mit dem lauteren, leidenslosen Blitz des Blickes berühren. Es ist dies freilich nur ein aufhellendes Bild für einen geheimnistiefen metaphysischen Verhalt der Erscheinung und des Schauens1.

7. Das einfältige Wesen kindlichen Erkennens
Für die Erkenntnisweise des Kindes aber bedeutet das Gesagte Wesentliches. Es lebt in nicht steigerungsfähiger Vollendung in einer anschaubaren Welt, und die Wesen grüßen es mit der Kraft ursprunghaften Aufgangs. Nur weil uns das Einfache dieses Geschehens etwas Gewohntes und Gewöhnliches, ja über unserer Rechnerei und verbalen Bildungsbegrifflichkeit etwas Unbeachtetes und Vergessenes geworden ist, halten wir das schauende Leben des Kindes für etwas Belangloses. Daß es in Ursprung und Wahrheit als reines Vernehmen und entzücktes Verwundern mit dem Höchsten der Ver1

Vgl. „Wort und Bild“ und „Die Sinne und das Wort“ des Verfassers

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nunft und dem fragenden Ausgang des geistigen Erstaunens nicht nur wahlverwandt, sondern selbig ist, kommt uns nicht mehr in den Sinn. Wir verstehen es jedoch nur dann wirklich, wenn wir zugleich die innere Lebenstiefe sehen, aus der heraus der Blick ergeht. Das Kind ist unzerspaltenes Leben, das weder in Schichten noch in Fähigkeiten geschieden und auseinandergefaltet ist, sondern in der beschwichteten Ruhe des Herzensgrundes webt und waltet. Es ist noch nicht von Leidenschaften getrieben und beengt, noch von Trieben genötigt und gequält. Es ist ein Irrtum, die Tiefe der Liebe in der Leidenschaft, der gefährdenden Passion zu sehen, die doch nur ihre Verwundung und ihr Bedürfnis anzeigt. Wenn von Hoheit und Tiefe solchen Bedürfens und Sehnens die Rede sein kann, dann nur, sofern das arme, verlangend ausgespannte Herz von einem Göttlichen berührt und erfüllt und dann in den Entzug der Verlassenheit gestellt wurde, so daß das blasse Bild der Erinnerung mit dem Anreiz neuer Wonne zugleich den um so tieferen Schmerz des Ungenügens erweckt. Wo aber Göttliches erfüllend anwest und das Herz gestillt ist, waltet der Friede und die Heiterkeit, deren Tiefe nicht zu messen ist. Man kann zwar die Schluchten der Erde und die Wellenberge wogender Wasser mit dem Auge abmessen, aber nicht die Tiefe ruhender Seen und den Lichtabgrund des Himmels. Wo der Friede des in sich Einigen waltet und die Kräfte ohne hemmende Gegenwehr und die Anstrengung der Mühsal auf- und niedersteigen, ist die Höhe so nah wie der Grund, das Äußere wie das Innere, und eines spiegelt das andere. Der Krampf seelischer Zerklüftung und die Not des Gegensätzlichen hat stets den Schein der Tiefe bei sich, weil das Maß der Zerspannung sichtbar ist, während keiner die gesammelte Einfalt des Herzens, die Dichte und Tiefe der Heiterkeit und Freude abschätzt. Das metaphysische Wesen des Einfachen ist schlechthin dies, daß es nicht gemessen werden kann. Darum hat der rechnende und messende Geist der modernen Zeit sich schon im Ansatz vom Göttlichen des Seins abgekehrt und vor ihm verschlossen. Wenn Nietzsche sagt, daß die Heiterkeit des Südens tiefer sei als die Schwermut und Zerrissenheit des Nordens, so hat er der Einfalt aufgehellten und frohen Wesens auf den Grund gesehen.

8. Der Vollzug einfältigen Vernehmens im Reichtum liebenden Gewährens
Mit dieser Erkenntnis allein sieht man das Kind wesensgemäß an. Einfalt des Lebens bedeutet eingehüllte, im eigenen Grunde gelöste, webende Ruhe, zugleich aber das ungehemmte Durchströmtsein aus allen Teilen des einigen Menschenwesens, eine dauernde Sublimierung und Vergeistigung des zur Mitte hin steigenden und zur Tiefe hin sich neigenden Lebens, eine Empfängnis aus dem Ganzen des Herzens, ein gelöstes Einschwingen in jede Erscheinung bis zur Mitte ihres Wesens hin, zugleich aber ein einträchtiges Geschlossensein, das sich dem gegensätzlich Verletzenden und Wesensfremden verschließt. Mit jedem dieser Worte ist versucht, einen metaphysischen Wesensverhalt genau auszusagen; aus ihrer Wahrheit erhellt, daß die kindliche Urempfängnis ein einiger Lebensvollzug ist, der sich wesenhaft nur in störungsloser Ruhe und Innigkeit ereignet. Ins verhüllte Weben hat zunächst nur jene Liebe Zutritt,

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welcher das sinnenoffene Kind im Schlaf des ersten Reifens im Mutterleibe im Grundgefühl der Lebenswärme verbunden war. Es gehört zum Geheimnis der waltenden Liebe, daß sie, wie das Licht alle Abschattungen und Qualitäten der Farbe vom hellsten Weiß bis zum tiefsten Violett in sich birgt und in allen Nuancen als Helle spielt und anwesend ist, so auch als Liebe vom hellsten Glanz leuchtender Blicke bis zum Dunkel gefühlter Wärme durch alle Varianten menschlicher Erscheinung und Lebensmitteilung hin gegenwärtig ist. Sie ist in der Strahlkraft geistigen Lichtes wie im sanften Dämmer eingehüllten vegetativen oder leibhaft fühlenden Lebens als dieselbe gegenwärtig. Indem sie sich schenkt, bringt sie zugleich mit ihrer Macht die bergende, stillende Sanftmut ihres leidenschaftslosen Friedens mit, der das mütterliche Wesen von Grund aus kennzeichnet. Darum kann man sagen, daß sie die Tiefe ihres Wesens mit den Wärmeströmen ihrer leiblichen Kommunikation und ihrem durchfühlten Gewähren ins Herz des Kindes einlebt und dieses so in der mütterlich gesammelten Herzmitte einpflanzt, aus der im eigentlichen Sinne sein Leben erst heraufgeht. Je mehr dies geschieht und das Kind vom reifen Leben seelisch und physisch übernommen wird, wird es zu eigenem Leben und zu tieferer Empfängnis erweckt. Diese Urerfahrung der Liebe ist jene Daseinsvertrautheit, die. allem späteren Erwachen zuvorgekommen ist und ihr das Schockhafte der Übermächtigung nimmt. Denn in ihr ereignet es sich, daß das Kind die sich mählich klärende, bald lächelnd, bald tätig ernst es angehende Gestalt der Mutter (und später des Vaters) immer schon im verhüllten Dunkel eines urtümlichen Gewahrens erfuhr und aus einem erfüllten und sanft durchfühlten Grunde ins Lichtere desselben Lebens vordringt. Wie tief diese Lebensstrahlung reicht, wird der allein bedenken können, der um das Eindringliche des zarten und sanften Lebens weiß. Wenn Franz von BAADER sagt, daß nur „das sich kennt, was sich berührt“, dann wird man für dies ursprünglichste Durchdringen ein wurzelhaftes „Erkennen“ des Gemütes und Herzens annehmen müssen, die dem „Erkennen des Mannes und Weibes“ in der bräutlichen Umarmung und der geschlechtlichen Einung analog ist und die Lebenstiefe erschließend einander überantwortet. Es ist ein unmittelbares, grundgestimmtes Da-sein, die „Urbefindlichkeit des Lebens“, nicht ein sich erstreckendes Streben und Vollziehen; es ist eine gelassene Eingelassenheit ins Zentrum der Natur. Dieses Erkennen hat seine Wahrheit im erfüllten Einklang eines allgemeinen Gewahrens, das sich nicht unterscheidend gegen ein anderes abhebt, sondern nur seiner selbst inne ist. Zu sagen, es sei „unbewußt“, kann eine leicht eintretende Verfälschung des Denkens mit sich führen, weil dabei oft eine dumpfe und dunkle Grundschicht des Lebens vorgestellt wird. Die urteils- und bezeugungslose Unmittelbarkeit der Lebensursprünge wird jedoch besser verstanden, wenn man nicht nur das unterscheidungslose Dunkel, sondern die ungeschiedene Dichte des Warmen und Lichten sieht, das deshalb nicht „bewußtseinsgegenständig“ ist, weil es nicht gegen anderes abscheidend hervorgehoben und herausgelöst werden kann. Das Bewußtsein ist selbst „da“ in dieser Grundgestimmtheit und kann sich selbst daher ihr nicht entgegensetzen. Statt des verbrauchten und falsch leitenden „Unbewussten“ sollte man sagen, daß es ein durchfühlter, durchlebter, im Grundgenügen des Daseins irgendwie erfahrener Urbereich ist, in dem das kindliche Dasein sich geborgen hält und aus dessen lichtender Tiefe es her-

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ausblickt. Immer hat es schauend diesen Grund überstiegen. In seiner geöffneten Transzendenz hat es nicht das Vermögen eines erhellenden Rückblicks, so wie auch Erwachsene, selbst der gebildete Wissenschaftler meist nicht in der Lage sind zu sehen, aus welchen Anfängen, Licht- und Maßgründen her sich ihr Tun eigentlich vollzieht. Noch heute ist in der Philosophie nichts so undurchleuchtet wie das Wesen der „Seinsprinzipien“, aus denen her sich das Philosophieren ausfaltet und auf die es in jeder Vernunftseinsicht zurückgeht. Eine Wahrheitsverfehlung in diesem Bereich verwirrt notwendig den ganzen Entwurf des Denkens, wie eine Störung der Grundbefindlichkeit des Lebens den Entwurf des Daseins verstören kann; aber niemand wird deshalb sagen, daß der „Grundirrtum“ einer philosophischen Ausfaltung oder die Ausgänge der Philosophie in einer „Schicht des Unbewussten“ lagern, während sie doch in Wahrheit im entwerfenden Fortgang überstiegen oder transzendiert sind. Die „ Seinsvergessenheit“ Heideggers ist daher kein unbewußtes, abgesunkenes Inhaltliches, sondern eine sich entschließende Abkehr aus der Einfalt des Seins und seiner „Urlichtung“ in der Wahrheit, gegen die man sich nur kraft ihres Lichtes verschließen kann. Dieses metaphysische „Vergessen“ ist im eingehüllten Innesein des kindlichen Lebens noch unmöglich, wenn das Kind nicht durch Kälte und Roheit Erwachsener in diesem Urbereich aufgescheucht und aus ihm vertrieben wird. Sein transzendierendes Schauen ist durchwoben vom reinen Leben des Herzens, das in sich selbst „so gelinde ist“ (Goethe).

9. Die Lebenstiefe und Einwandlungskraft des kindlichen Herzens
Die Tiefe dieses Inneseins, dieser durchseelten Wärme und dieses webenden Lebenslichtes ist unausmeßbar. Man kommt dem Gelinden des Ursprungs nicht auf den Grund, so wenig man die Sanftmut der Liebe in ihrer Tiefe auslotet. Wenn es schwindet, kann ein Abgrund von Schwermut aufbrechen, lastend im Gewicht und der Seele Wurzeln vergiftend, was doch nur anzeigt, daß all dieses Tiefe vom einfältigen Frieden und der Ruhe sanften Genügens durchwohnt und von der Huld der Liebe belebt war. Die in sich einige leidenslose Lebensglut kann daher einen ungeschiedenen, anfänglich eingehüllten Anteil haben an himmlischen Wonnen, am sublimsten Erleben des Geistes, an heiterem Blühen minniger Liebe wie am köstlichsten geistig-sinnenhaften Genießen, doch so, daß der einfältige Friede des Inneseins nicht gestört wird. Man darf nicht sagen, daß dieses Innere nur in potentieller Erwartung harrt, weil es bereits im ursprünglichen Einvernehmen mit der mütterlichen Liebe aktuiert ist. Die Urempfängnis, das Anfänglich-Vollendete des Daseins ist immer schon geschehen, wie ja das fühlende Herz in seiner Grundgestimmtheit und die Empfängniskraft des geistigen und sinnlichen Vernehmens in vollendeter Wirkbereitschaft gegeben sind. Es ist kein Widerspruch, daß das eingehüllte Leben erst später ins flammende Entzücken gerät, wenn ihm die Macht des Seins erscheinend heraufgeht, wie auch der erwachte Mensch in der Morgenfrühe seine Seele „wie einen hellen Kristall“ erfahren kann, den „noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen“ (Mörike), und doch erst den Glanz der Morgenröte als das eigentliche Leben seines Tages begrüßt.

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In diesem anfänglichen Leben der Kindschaft - und so lange sie ungestört währt - ist die natur- und artverwurzelte Individualität mit ihren Erbschaften im Einigen des Daseins gebunden und aufgehoben. Nie wieder - vielleicht nur in der Vollendung der Heiligkeit - sublimiert sich das Triebhafte, überhaupt das Untere der Natur so leicht ins gestillte Leben, so wie im vegetativen Aufbauprozeß alles ins dienende Walten gestellt ist. P. Poucel nennt mit Recht die Kinderzeit „eine Zeit der sublimierenden Vergeistigung des Leiblich-Seelischen“. Wird in dieser Zeit das von selbst aufsteigende Leben im Niedrigen festgehalten und von den Erwachsenen ins Banale geführt oder gar im Lebensgrund verstört, so wird die kostbare Stunde der Menschwerdung vertan. Das eingehüllte Leben des Geistes wird in die Unruhe gestoßen und der Unmensch des Unfriedens, der Triebbesessenheit und der Rastlosigkeit erzeugt. Das „leidenschaftlose Feuer“ des Kindes (Montessori), das alles einwandelt, das keusche Reifen und Blühen, die naturhafte Mäßigkeit der Freude, der Überschwang ins Hohe und Unerreichbare, die Opferbereitschaft und die lautere Hingabe (ohne Lohn und Lob) - all dies lebt aus dem Fokus der unvergifteten Lebenseinfalt oder ist mit ihr identisch.

10. Die Schaukraft des Kindes
Das lange Verweilen im Anfänglichen der Kindschaft sollte uns nicht ermüden. Nichts wird so leicht verkannt und übersehen wie die Demut und Innigkeit des Einfältigen. Ihm gegenüber versagen wir am meisten, die wir gelernt haben, daß das nicht gelte, was man nicht messen kann und sich unseren theoretischen Schemata nicht fügt. Wenn wir es aber im Blick halten, öffnet sich uns das so schrecklich verkannte geistige Leben des Kindes. Maria Montessori weiß darum, daß es die „Vernunft im Anfang ist“, die im kindlichen Erkennen waltet; sie kennzeichnet es des weiteren mit dem erhabenen Wort Dantes, das die Weisheit umschreibt, den „intelletto d'amore“, die „Schaukraft der Liebe“. Diese schauende Liebe ist das Höchste, dessen der Mensch fähig ist, wenn er sich in Gottes Gnade vollendet. Die Tiefe dieses Erkenntniswesens enthüllt sich uns, wenn wir entfalten, wie das Kind seine Eltern sieht. Waltet in seinem Schauen die Vernehmungskraft des Geistes, das liebende Einvernehmen des Ursprungs und die ungeschiedene Einfalt des Lebens, so kann das Erkennen nicht beim Äußeren, Ausdruckhaften und Teilhaften bleiben, weil dies seinem eigenen reinen Wesen nicht angemessen ist. Der aus dem liebenden Herzen gehende Blick erfährt am Maßgrund des eigenen Wesens die Wesenstiefe der Liebe selbst, die sich ihr auf diese Weise einbildet. Er besitzt die Eindringlichkeit und Einlässigkeit des sanften Lebens, die intuitive Durch- und Zusammenschaukraft des Einfachen, das noch durch keine „Hinsichten“ beirrt oder abgelenkt ist, und die einschmiegende Tiefe des Gefühls, das leidenschaftslos und ungetrübt in den inneren Vollzügen und Grundstimmungen webt. Dieses eindringlich webende Vernehmen lebt sich daher liebend ein und läßt das gütig und behutsam an sich haltende und leidenschaftslos gestimmte Walten der mütterlichen Liebe im eigenen Lebensgrunde sich ausbreiten - es solchermaßen durchlotend bis zu seinem Grunde hin. Dieses anfängliche „Erken-

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nen“ ist so eine vermählende, auszeugende Begeistung. Es ist eine urteilslos unmittelbare Hinnahme und Einsenkung, lichtvoll, reich und erfüllt und ohne entgegensetzende Reflexion. Es ist nicht eingeschlungen in ein Fremdes, sondern lebt im Einvernehmen und der Milde öffnenden Gewährens, aus der es entspringt. Diese gewährende Milde ist jeder wahren leidenschaftslosen Liebe eigen. Wir werden dieses Liebeswesen noch genauer zu kennzeichnen haben. Diese Schaukraft des kindhaft Einfältigen währt sehr lange, so daß jeder Erwachsene, dem die Kindheit nicht durch Fehlbildung aus dem Gedächtnis schwand, in der persönlichen Erinnerung - und nur hier - sich ihrer versichern kann. Keine psychologische Beobachtung kann sie erreichen, weil das Kind von ihr nach außen hin kein Zeugnis geben kann. Dem Erinnernden aber ist es nicht schwer, die unbeirrt tiefe und individuelle Durchlichtung, die hell- und scharfsichtig durchschaute Prägung der menschlichen Gestalten zu erkennen, die uns in der Morgenfrühe der Kindheit begegneten. Man wird gewahren, daß hier keine fade, allgemeine Typik waltet, und daß nichts ausgelassen ist, weder das ehrfurchtgebietend Hohe, das unheimlich Fremde, noch das anmutig Liebliche oder das Kalte und Leere des Unmenschlichen, daß Geschwister, Gespielinnen, Erzieher mit einem Blick erfaßt wurden, der zwar von unreflektierter Unmittelbarkeit ist, aber doch das wesenhaft Prägende wie das individuell Eigenartige und unauflöslich Persönliche unverrückbar festgehalten hat. Nie wieder ist die menschliche Welt so geöffnet wie in der Zeit der kindlichen Herzensschau. Jeder Erzieher sollte dies wissen, daß er durch keine Maskerade nur äußerer Haltung und Höflichkeit sein fades, kaltes, unbeherrschtes Innere dem Kinde verdecken kann. So er sich selbst nicht läutert oder nicht in der Demut seines begrenzten Menschseins schlicht und echt vor und mit den Kindern lebt, wird er im Innern dem Kinde Unheil-volles zutragen und in einem tieferen Sinn nicht erziehen können. Der dichterisch begabte Mensch könnte alle Gestalten, die das liebende, unverstörte Kindesherz erschaute, als runde und reiche Wesen von überzeugender Individualität nachzeichnen; er wird sehen, daß er ihre Lebensverfassung, ja ihren „metaphysischen Charakter“ so deutlich wahrnahm, daß aus ihm sich jeweils das persönliche Geschick des späteren Lebens ergibt. Immer wieder, wenn man nach Jahrzehnten den Kameraden der Kindheit begegnet, kann man überrascht erfahren, wie sehr sie doch im Grunde das waren oder geworden sind, was man irgendwie von ihnen wußte und zuvor schon unreflektiert von ihnen erfahren hatte. Auch die spätere Menschenkenntnis, die ein lauterer und hingebungsvoller Mensch besitzt, die allen Heiligen nachgerühmt wird, ist ein Vermächtnis der bewahrten oder geistlich wiedergewonnenen Kindschaft des Herzens. Dabei zeichnet jeder wirklich um einen Menschen persönlich Wissende sich durch die Scheu des Urteils aus, wofern er nur zum Wesensgrund gelangte, mit dem immer auch zugleich der undurchdringliche Raum der transzendental gewillten und durchlichteten sittlichen Freiheit sichtbar wird. Immer ist der Mensch im letzten Wesen das, wozu er in seinem unzugänglich Höchsten und Innersten entschlossen ist. In diesem Entschluß zum Guten aber ist jeder psychologische Charakter überstiegen und ins Geschick schmerzvollen Erleidens oder einer aus Freiheit radikalisierten Versiegelung gestellt.

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Diese Urteilsscheu ist kein Mangel, sondern ein Wesenszug des eingehüllten Vernehmens, das in seiner Wahrheit ruht, wie das Auge des Menschen unreflektiert bei den Dingen ist und auf die nicht mehr hinmerkt, die es als die ihm vertrauten ansieht. Alle psychologische Neugier ist erloschen, wo wahrhafte Liebe waltet, die im Einvernehmen der geistigen Lebensgründe sich ihrer selbst versichert hat.

11. Nur die Erinnerung eröffnet das kindliche Leben
Laßt sie doch auferstehen, die klaren Wesensbilder der frühen Kindheit, wenn euch vielleicht das Schicksal mit 6 Jahren an einen anderen Ort verpflanzte und ihr sie nun im reinen Spiegel der frühsten Erfahrung, ohne Vermischung und Überdeckung durch Späteres, sehen könnt. Da gehen die 12- oder 14jährigen Schwestern so fürsorglich emsig und sonnenhell freundlich, so befremdend kühl und abgekehrt stolz oder in besinnlich gesammelter Würde durch die Gärten der Kindheit, wie sie ein Leben lang geblieben sind; da sitzt die Zwei- oder Dreijährige, von der Mutter einmal „ein fleißiges Bienchen“ genannt, wie es leibt und lebt, im traulichen Stübchen, verletzbar im Gefühl und von einem empfindlichen Eigenwillen, wie ein Kätzchen zart und liebenswürdig, aber stets abwehrbereit und „kratzig“, die hellen Augen im blond umrahmten, minutiös gezeichneten Gesicht, dessen Feinheit das etwas stumpfe, flache Näschen gegensätzlich betont. Daneben die gutmütige, um ein Jahr ältere Schwester, mit großen dunklen Augen, mit einem stillen, unauffälligen Wesen. Der 6 Jahre alte Bruder wirft ihr mit dem scharf ausgefransten Deckel einer Büchse eine breite Wunde in die Stirn. Nicht lange weint sie, wiewohl sie heftig erschrickt, und ist dem Bruder gleich wieder gut, weil im Herzensgrund andere Gefühle nicht lange Raum haben. Dieser Bruder selbst ist gutartig, aber unstet, gewandt und wagemutig. Im geheimen wird er tief verehrt, gutmütig-herzlich ist er im Umgang, aber immer wieder entzieht er sich ins Eigene jungenhaften Planens und kühnen Unternehmens; seine innerlich miterlebten Streiche, wie sind sie lebendig geblieben! Sein etwas leidenschaftliches, eigenwilliges, wachsam kluges und doch ganz unbekümmertes Wesen hebt sich deutlich gegen den ausgeglichenen, ordentlicheren und überlegenden, ein Jahr Älteren und den feingliedrigen, blonden, um ein Jahr Jüngeren ab. Neben beiden wirkt er unordentlich, jedenfalls unachtsamer, aber auch selbstvergessener und gesetzloser. Der Jüngere ist trotz eines Altersunterschiedes von drei Jahren mit dem 4- oder 6-Jährigen fast von gleicher Größe; er steht ihm viel ferner, sein Wesen ist von federnder Spannung und innerer Kraft, zugleich von einer sorgfältigen Behutsamkeit, die sehr auf sich selber acht hat. Aber das Innere des Gemütes ist seltsam abgekehrt und birgt etwas Fremdes, Unfaßliches, wiewohl das ganze Wesen so aufgeräumt und aufgehellt scheint. Er ist seiner Artigkeit und gepflegten Höflichkeit, seiner schönen, immer sauberen Kleider wegen, vor allem aber wegen der Anmut seiner feinen Erscheinung der Liebling der „feinen Leute“. Aber der jüngere Bruder weiß nicht, wo sein Gemüt wahrhaft Wurzeln hat, er liebt ihn, immer wissend, daß er die Liebe nicht im gleichen Maße erwidert.

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Dann sind sie alle da, die Kinder und Alten aus der Nachbarschaft, der kranke, hagere Bauherr aus dem Nachbarhause, aber auch der gedrungene, feste und energische Mann aus dem „ersten Stock“, kühl und unnahbar, der ein Kind nicht sieht, während es schon bei seinem Vorbeigehen die Festigkeit des durch seine „ Pflicht“ oder durch äußere „Berufsarbeit“ hart und karg gewordenen Wesens spürt. Von den Kindern seien nur zwei aus der deutlich sichtbaren Schar zurückgerufen, die kleine, etwas jüngere Yvonne, die, schön gekleidet, an einem sonnigen Pfingsttag, da sie die Treppen des Nachbarhauses mit ihren Kinderbeinchen herunterspringt, mit einer so innigen Freude begrüßt wird, daß der verhüllte Hauch der ersten Minne ein Leben lang als eine schöne Erinnerung auch neben späteren, stärkeren Erlebnissen nicht mehr verweht. Da ist das „dumme Gretchen“, ein großes, gutmütiges Mädchen, das mit den kleineren Kindern herumläuft und in ihrem gemüthaften Dabeisein ohne Arg und ohne Herabwürdigung zur munteren Schar gehört, mit einem etwas verhangenen Lächeln im immer sanften Gesicht, dessen Ausdruck sich so wenig verändert und ohne jede Impulsivität ist in Bewegung und Reaktion. Nach 20 Jahren kann man es einsilbig und einsam auf der Wiese sitzen sehen, in der Nähe von 2 Kühen, die es hütet. Sein Schwachsinn hat es aus der Gemeinschaft der tätigen Menschen ausgeschlossen. Den Kindern blieb die Schwäche des Geistes nicht verborgen, aber sie schauten zugleich in den stillen, gutartigen Gemütsgrund des Herzens, sahen es freundlich an als ihresgleichen und liebten es mehr als seine kluge, berechnende Schwester. Ihnen war es keinen Augenblick verschlossen, daß hinter dem Schatten geistiger Schwäche das empfindungsfähige Herz eines liebenswerten Menschen schlug, den sie so ernst nahmen wie sich selbst und die anderen. Sie gingen ja noch nicht in eine Schule, und der Mensch war noch hinter keiner „Leistung „ versteckt und verdrängt. Diese Beispiele ließen sich beliebig vermehren; es wäre jedoch unmöglich, auch nur annähernd der Genauheit und dem inneren Reichtum der menschlichen Erfahrungen eines Kindes nachschildernd gerecht zu werden. Denn dies ist ein besonderes Kennzeichen des kindlichen Vernehmens, auf das Maria Montessori hinweist: die unübertreffliche Genauheit des Erfassens, dem eine besondere Aufmerksamkeit auf das Minutiöse und Kleine entspricht. Keine Bewegungseigenart, keine Nuance des Sprechens, kein verborgenes Spiel in den Gesichtszügen, das das kindliche wache Auge nicht erhascht und festhält. Das „eidetische Schauen“ der Kinder, d. h. die bildgetreue Reproduktion des Gesehenen in der Einbildungskraft, ist nicht nur eine Sache des Sensoriums und der Phantasie, sondern begleitet auch sein eindringendes Vernehmen und sein sympathetisch einschwingendes Fühlen. Es ist besonders da, wo das Kind sich aus dem inneren „Feuer seines Herzens“ ohne Verstörung hinwendet, während ein gegen es verfügtes Aufmerken und Leisten sein Vermögen oft bis zur Verkümmerung verkürzt. Gemessen am unerschöpflichen Reichtum der sympathetisch durchlebten Welt sind die Monate der ersten Schulzeit bei dem genannten Kinde fast ohne einen einzigen erinnerbaren menschlichen Zug, das Bild einer Lehrerin bildsäulenhaft kalt, damenhaft gepflegt, ohne jede persönliche Schwingung, ein Hauptlehrer von preußisch-militärischer Facon, ein älterer Lehrer von mürrisch-trockener, unpersönlicher Art; die kleinen Kameraden eine gescheuchte, erregte Herde, in der menschlich nichts sichtbar wird und keine einfühlende Begegnung, auch nicht mit dem Nachbarn auf der gleichen Bank, statthatte. Noch

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sind viele schulische Inhalte, vor allem Gedichte, gegenwärtig, aber sie haben keine Kommunikation mit dem Schulraum, der im wesentlichen ein kalter Gerichtsraum für Straf- und Prügelszenen geblieben ist. Sie „ereigneten“ sich aber im Raum der 12-köpfigen Familie, wo sie in der Erinnerung genau lokalisierbar sind. Hier allerdings war ein blühendes Paradies kindgemäßer Bildung, in dessen dauerndem Feuer alles leicht und tief ins Herz drang und von der sympathetischen Gedächtniskraft bewahrt wurde bis auf den heutigen Tag.

12. Die Tiefe und Größe kindlichen Erlebens
Drei Beispiele sollen Kindhaftes in seiner Weise und Tiefe beleuchten, die dem oben Gesagten gemäß ist. Der 6jährige Junge hat das Lesen schnell gelernt. Er liest in den Lesebüchern des 2. oder 3. Schuljahres und stößt, zur Winterszeit am warmen Ofen sitzend, auf ein Gedicht, dessen balladesker Inhalt im ganzen heute in der Erinnerung verblaßt ist. Aber noch sieht er einen Knaben, der halb erfroren zur Winterszeit entweder nach Hause zurückkommt oder bei einer Frau wie bei der Mutter Aufnahme findet. Beim Lesen trifft er auf die Verse: „Friert's noch so stark, das Mutterherz taut doch in Tränen auf den Schmerz“. Was sie genau bedeuten, erfaßt er nicht, aber die schönen Worte durchwalten wundersam die ahnende Tiefe der Seele; er ist wie von einer hohen Macht ergriffen, und immer wieder sagt er sich halblaut, selbst in Tränen aufgelöst, die Worte nach. Mochte er später oder als reifer Mensch sich wieder in sie versenken, nie öffneten sie sich wieder so erschütternd bis auf den Grund einer erbarmenden Liebe voller Zuflucht und bergender Huld an den Grenzen des Todes. Nie wieder war der Klang der Worte so schön und wunderbar! Noch geheimnistiefer war die Begegnung mit einem anderen Gedicht in derselben Zeit. Es war das schlichte Gedicht von der Mutter, von der die Tochter oder der Sohn scheidet und rückkehrend sie „kalt und bleich im weißen Totenkleide liegend, einem Engel gleich, wiederfindet, an ihrer Seite niederkniet und ihre Hand mit dem Wunsche küßt, daß Gott der Mutter ihre Liebe im besseren Vaterlande lohnen soll“. Voraus gingen die Verse: „ Sie gab mir gute Lehren, sie sah mir lange nach, ich konnt sie nicht vergessen, auch keinen, keinen Tag.“ Dieses ganze Schicksal wurde von dem 6-jährigen mit eidetischer Veranschaulichungskraft in langer monologischer Versenkung wohl in der Erlebnismitte einer tiefen seelischen Einigung mit der Mutter realisiert. Dabei geschah etwas, das man ungeheuer nennen kann. Die Rhythmik der laut gelesenen Verse wurde von bannender Eindringlichkeit und Macht, so daß sie nach mehrmaliger Wiederholung nach der schmerzhaften Sanftheit des Miterlebens innerlich nötigten, das gleiche Schicksal persönlich zu übernehmen und zu vollziehen. Wer konnte auch in diesem Geschehen die Mutter sein, wenn nicht die eigene, die in allen Dichtungen immer allein genannt und gemeint ist? Die lange Straße hinunter über die Brücke ging der Abschied ohne Wiedersehen, und am Fenster des Hauses stand die Mutter und schaute liebevoll ihrem Kinde nach, das, jeden Tag dieses Bildes gedenkend, nun durch die Welt irrte -eine qualdurchschütterte Visi-

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on. Die Rückkehr zur bleichen Toten war ein Blick in verstummte Hoheit und Liebe, die nun antwortlos in weißen Kissen gebettet dalag. Er war von urbildlicher Größe und zugleich von solcher Sättigung mit Realität, daß der Schmerz in die Trostlosigkeit wirklichen Sterbens überging. Er kehrte in Träumen wieder, aus denen das Kind in Tränen erwachte, um die Mutter am frühesten Morgen zu suchen. Weil das Geschehen die innigste Einfalt des Herzensgrundes aufbrach, trat mit ihm die sonst im Einfachen des Friedens undurchdringliche und unerfahrene Tiefe des Gemütsgrundes zutage; er trat in der Zerreißung sich selbst entgegen und erzeugte Gesichte von einer erhabenen Macht und tragischen Schwere, daß der gereifte, erwachsene Mensch ihnen zu keiner Zeit auch nur das geringste hinzufügen konnte und sie heute noch wie ein Heiligtum im Gedächtnis hütet. So vollendet und groß ist das Leben an seinen Wurzeln. Deshalb kann das Kind, wenn der Lebensgrund auseinanderbricht, in die tiefsten Abgründe blicken. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang eines ganz ungewöhnlichen Vorgangs. Ich lebte als Kind außerhalb einer alten, wunderschönen kleinen Stadt an der Weser. Die Einwohner dieser Kleinstadt waren evangelisch. In naher Nachbarschaft gab es jedoch katholische Gebiete. Kaum eine Stunde Fußweg trennte uns von einer katholischen Gemeinde, deren Glocken bei gutem Wetter zu uns herüberklangen. In dieser Gemeinde gibt es eine Benediktinerinnenabtei. In den Gesprächen der evangelischen Kinder wurde dieses Kloster öfter erwähnt. Dabei wiederholten die Kinder das, was sie offenbar von Eltern oder anderen Erwachsenen gehört hatten. Es wurde gesagt, daß die „Schwestern dort eingesperrt seien, und zwar hinter ganz dicken Mauern“. Sie könnten nie mehr heraus und führten ein ganz trauriges Leben. Ganz zufällig hörte ich nun einmal Erwachsene sagen (offenbar war im Kloster eine Einkleidung erfolgt), daß es unmenschlich und grausam sei, junge Mädchen dort hinter dicken Mauern einzusperren und sie sozusagen lebendig zu begraben. Diese Worte belasteten mein junges Herz sehr. Da ich wußte, daß ich katholisch sei, empfand ich dunkel, daß ich irgendwie den armen Schwestern näher stand als die Kinder um mich her, und ich spüre es noch heute, daß ich selbst mitverklagt war in den Worten der evangelischen Erwachsenen und Kinder, woran diese gewiß nicht im geringsten gedacht hatten. Irgendwie drängte es mich, Gewißheit zu bekommen, und so fragte ich einmal die Mutter, ob es denn wahr sei, daß hinter den Klostermauern junge Schwestern wären, die dort eingesperrt seien und nie mehr herauskämen. Die Mutter gab eine sehr liebevolle Antwort, die mir noch im Herzen klingt, wenn ich auch die Worte nicht mehr im einzelnen weiß; aber sie bestätigten, daß die Schwestern aus eigenem Willen Gott zuliebe diesen Beruf erwählt hätten. Durch diese „Einweihung“ erhielt das Kind offenbar die Kraft, dem Geheimnis dieses Opfers, „hinter Mauern lebendig begraben zu sein“, standzuhalten. Es trat mir nun als etwas ganz Unerhörtes ins Bewußtsein und klärte sich zu einem deutlichen Bild. Ich sah innerlich ein schönes, bleiches Frauenantlitz hinter Gitterstäben aus einem dunklen, kellerartigen Gelaß mit sehr dicken Mauern hervorschauen, und die Frage lastete tief in mir, warum so etwas Schreckliches notwendig sei. Dabei fühlte ich sehr schmerzhaft den Gegensatz zu der wunderschönen Landschaft mit ihrem seligen Liebreiz. Hinter den schönsten Bildern der Natur tauchte immer wieder das bleiche Antlitz der Klosterfrau im nahen Kloster auf, das von einer dunklen Haube umrahmt war. Ich hatte

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noch nie eine katholische Schwester gesehen. Also hatte das Nichtverstehen des Gottesopfers meiner Umgebung sich als schwere Last mir ins Herz gesenkt - und erweckte in ihm eine sehr schmerzhafte Schwermut, die um so tiefer war, als sie mit der Heiterkeit des Kindes nicht ins Einvernehmen gebracht werden konnte. Die Tatsache aber, daß die Mutter offenbar mit dem Opfer der Schwestern im Einvernehmen innerer Ruhe stand, hielt auch das Kind fest und ließ es nicht in der Schwermut untergehen, sondern gab ihm die Kraft, sie still zu ertragen. Wie tief aber die Last der Welt dem zarten Kinde am Herzen lag, das wurde durch folgendes Ereignis offenbar. Die neun Jahre ältere Schwester lud den Jungen eines Sommernachmittags ein, mit ihr in den nahen Klippen Erdbeeren zu pflücken. Die Schwester war noch in der Schule, also kann das Kind nicht über fünf Jahre alt gewesen sein. Sie war rank und schlank, etwas herb und stolz und spielte nicht viel mit den kleinen Geschwistern. Der kleine Bruder betrachtete sie mit einer liebenden Scheu, wenn sie mit ihrem Bücherranzen mittags allein aus der Schule kam und den Gruß oder Anruf kaum erwidernd vorüberging. Deshalb lag in der Einladung zum Beerensuchen etwas besonders Lockendes. Sie hatte sich ihr schmuckes, breitrandiges gelbes Basthütchen aufgesetzt, das sie selbst gefertigt hatte, und ging nun, ein buntes Eimerchen am Arm, vor dem Kinde in die liebliche Landschaft hinaus. Sie überquerten einen Eisenbahndamm mit einer kleinen Brücke, wanderten am Fuße steiler Hügel mit dunklen Tannenwäldern unter gewaltigen Eichenbäumen, von denen einige gefällt waren und wie Riesenleiber umherlagen. Dann kam ein längerer Streifen Heideland, durch das der schmale Fußpfad führte. Es war ein sehr heißer Tag; die Sonne war stechend und brannte unbarmherzig auf das Kind nieder, dessen kleine Füße mit der stolzen Schwester gar nicht Schritt halten konnten. Diese hatte sich von dem Bübchen gelöst, das nun hinter dem hellen Basthütchen der Schwester, das sich weiter und weiter entfernte, hertrottete. Dabei überkam es eine unendliche Müdigkeit, die das zarte Gemüt mit der ganzen Naturschwermut des sommerlichen Mittags erfüllte. Nur mühsam folgte es der Schwester. Plötzlich erklangen Glocken vom Kloster oder der Kirche herüber. Der milde und schwere, gemüthafte Klang durchschütterte das Kindesherz mit einem seltsamen Weh. Aus dem Grunde dieses welthaft-tiefen Wehs aber stieg deutlich das Antlitz der jungen Nonne hinter den dicken Klostermauern herauf. Dieses alles zusammen übermächtigte das Kinderherz, das, in die Gesichte lange eingewöhnt, ihre ganze Schwere lange ausgehalten hatte. Diesmal aber war die ganze Welt in lastendem Weh eingehüllt, und das Kind warf sich weinend und schluchzend in die braune Heide hinein. Da wandte die Schwester sich um, kam eilend zurück, und das sonst so herbe Mädchen neigte sich ganz liebevoll dem kleinen Jungen zu und entschuldigte sich, daß es so schnell und weit davongelaufen war. Denn dies, so meinte es offenbar, sei der Grund, weshalb das Kind weine. Nicht das, was die Schwester sagte, aber die liebreiche Bekümmernis holte das Kind denn auch aus seinem Weh heraus, es ließ sich von ihr an der Hand führen - um dann in Felsenhängen der nicht mehr allzu weiten Klippen nach Beeren zu suchen. Die Wachheit des Herzens ließ es an diesem Nachmittag das Glück des Findens besonders innig empfinden. Noch heute sehe ich die wunderschönen Beeren vor mir, die an den verborgenen Hängen zwischen Felsen und Gesträuch leuchteten.

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Aus diesem Vorgang erhellt wiederum die Tiefe der kindlichen Herzens- und Lebensgründe. Wenn der einfältige Grund, der mit der Welt in Liebe vertraut ist und von dem erweckenden und geleitenden Genius der Mutterliebe in die Tiefe des Daseins eingeweiht wurde, auseinander bricht, dann kann der wurzelhafte Schmerz des Lebens es überkommen und sich sichtbar den reinen Vernehmungskräften darbieten. Welche Schwermut auch später das Herz überwaltete, nie war sie tiefer als an diesem Nachmittag zwischen dem vierten und fünften Lebensjahr. Ergibt sich daraus nicht, daß Erziehung vor allem „Ingewahrnahme der Kindschaft ist“, daß das Kind ohne Zuflucht schenkende Hut entweder ins Leere sich verläuft oder an der Last des Lebens Schaden nimmt, wenn nicht gar darin untergeht? Findet man daher ein tiefes Gemüt, so wisse man, daß sein Grund aus vieler Liebe stammt und in ihrem Schoße zu Kraft und Mut gedieh. Ist das Kind dann von einer großen Liebe gehalten, an deren Herz es zuflüchtig nach Hause finden kann, dann erträgt es schon in frühester Frühe die ganze Last dieser Welt. Gibt es diese Liebe nicht, dann schließt sich der innerlich von Schauern berührte Blick zu. Das Kind versinkt in physischer und seelischer Ohnmacht, und die erschütterten Tiefen der Seele bleiben verschlossen - unter Umständen ein Leben lang vor einem Unheimlichen und Bedrohenden, das man nicht bestanden hat. Entweder wird solch ein Kind, das keine Zuflucht hatte, in entscheidenden Augenblicken flüchtig werden in die zerstreuende Oberflächlichkeit des Lebens, oder aber es wird vom durchschütterten Innern her ein Leben lang ver-stört, d. h. die Tiefe seines Herzens ist neurotisch belastet. Wer dieser Betrachtung folgte, wird vielleicht fragen, ob das Gesagte nicht an der offenbaren Unreife und geistigen Unfertigkeit und Oberflächlichkeit des Kindes vorbeisieht, auf die man doch immerfort stoßen kann. Nun, über diese Dinge wird noch manches gesagt. Wie aber Maria Montessori sagt, daß man zwar leicht die Verwirrungen, Krankheiten, Abnormitäten und Unzulänglichkeiten des kindlichen Wachstums bestimmen kann, daß es aber schwer ist, das eigentliche Wesensgefüge des inneren Reifens und Lernens zu verstehen, so ist die metaphysische Grundstruktur des Kindseins noch mehr hinter dem, was man in einer künstlichen, abgeleiteten Welt und im Zufälligen einer der eigenen Tiefe noch nicht mächtigen Sprache erfährt und an sehr fragwürdigen Maßstäben mißt, verschwunden. Das Kind ist in seinen Lebensgründen so tief, wie immer der Mensch überhaupt sein kann, und gerade seine Einfalt ist es, die seine Tiefe und Vollendung verbirgt. Wer diese freilich in ihrem Wesen erkennt, ist im Herzen des Daseins, das nur eine metaphysische Durchlichtung aufzuhellen vermag.

13. Die Vernunft als Vernehmungsvollzug des „Seins als Sein“
Das wird deutlich, wenn wir uns nun noch tiefer ins Wesen der „anfänglichen Vernunft „ versenken, die im Kinde eine Vernehmungskraft des Herzens ist, „in das Gott sein Auge eingesenkt hat“. Metaphysisch ist die Vernunft eine leere Potenz, sie ist keine Kraft, die der Mensch aus sich heraus in Bewegung setzt. Es ist das Sein als Sein, das sie zu sich selbst und zur Wahrheit ermächtigt. Der Mensch hat, so

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er „aus sich“ zum Denken zu kommen meint, diese Ermächtigung und Durchlichtung, diesen Ureinklang des Geistes immer schon hinter sich. Nicht er „ergreift“ das Sein, sondern all sein Begreifen und Vernehmen geschieht erst, wenn die Macht des Seins, dem er und die Dinge entsprangen, ihn sich selbst und im selben Geschehen dem Sein übereignete. Thomas von Aquin drückt diesen Verhalt so aus, daß die ersten urteilslosen, intuitiven, sich durch sich selbst gebenden Wahrheiten erstens „eine Angleichung des Geistes und des Seins „,zweitens“ eine Erfassung des Seins als Sein „ und drittens“ einen Rückblick (Reflexion) in die universale Erkenntnisweite und Tiefe des „Subjekts“ und damit einen metaphysischen „Überblick über das ganze Wesen der Wahrheit“ darstellen. Dieses Sein ist von einigender, alles umfassender Allgemeinheit, das als wirklicher Grund alles Wirkliche einfaßt; in ihm leuchten unmittelbar die Urwahrheiten auf, deren Gewißheit und Erscheinungshelle durch die Zusammenschau der originären Seinsintuition des Geistes alles spätere rationale Urteilen übertreffen. In dieser anfänglichen Intuition gibt sich das Sein in seinem waltenden, währenden, mit sich selbigen Wesen, an dem alle Dinge und Seienden Anteil haben und so als in sich einige Wesenheiten erscheinen; zugleich erscheint es im Verhältnis zum Teilhaften und Überwalteten als umgreifender Grund, der als „Ganzer gegenüber dem Teil“ in jedem Betracht „größer“ ist; schließlich ist seine Realität, das im eigentlichen Sinne „Wirk-liche“ , etwas schlechthin Positives, das zum „Nichts“ beziehungslos ist und daher bei allem, was in seinem Dasein beginnt oder vergeht, ins Wirkliche waltender, entspringen-lassender Gründe verweist. Diese Grundverhältnisse des Seins sind in der Metaphysik als „Prinzipien“ formuliert. Das in diesen Sätzen Enthaltene ist jedoch vor ihnen, gleichsam als reiner Äther der Vernunft, in der „Urlichtung des Seins“ gegeben, in der es als solches heraufgeht. Dieses Sein ist die urbildliche Tiefe aller seienden Wesen und zugleich ein waltender Grund, der alles einigt, zusammenhält und zugleich auf Unausmeßbares hin übersteigt. Es ist „partizipiertes Licht“, das „reinste und höchste Abbild Gottes“, eine begeistende selige Helle, ein stilles, währendes, leuchtendes Feuer, eine Mitgift göttlichen Lebens, die belebende Einigungskraft alles Erkennens und der erweckende und aufhellende Grund alles Sprechens und Verweisens.

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14. Das Kind am Ort des urbildlich geprägten Seins
Es gibt keinen Grund, das ursprüngliche Vernehmen des Kindes aus diesem „Vernunftwesen“ herauszunehmen. Tut man dies, so sinkt das Kind notwendig auf eine animalisch-sinnliche Stufe herab, von der her es sich „allmählich“ die sogenannte „abstrakte Begrifflichkeit“ der Erwachsenen erarbeitet, während alles das, was des Geistes ist, in ein phantastisches Wuchern und substanzloses Vorstellen umgedeutet wird. Dann gibt es ein „Phantasie- und Märchenalter“, eine reine „ Spielstufe“, es gibt verspätete „Ichwerdung“, allmähliches Hineinwachsen in ein „Kollektivgewissen“, und wie die abgegriffenen fragwürdigen Urteilsschemata alle lauten. Was immer sie an Wahrheit enthalten, sie verdecken nur zu leicht die habituelle Vollendung geistigen Lebens, das ohne einen urtümlichen Seinsund Weltentwurf, ohne die Seinsmacht der Wahrheit und des Guten nicht denkbar ist. Gerade die umfassende Tiefe des Seins und der Liebe, die wie oben (Abschnitt II, 7) gesagt wurde, in allen Ausfaltungen und Erscheinungsweisen ganz „anwest“, lassen dies vernehmende Erkennen vom Ursprung her als ein „Innsein“ begreifen, das nicht von Inhalt zu Inhalt fortschreitet und das Vereinzelte synthetisierend zu einem immer Größeren fügt. Es ist vielmehr eine wachsende Verdeutlichung, eine Entfaltung des ursprünglich Einen in immer weitere Dimensionen und zu tieferem Reichtum. So wie die Sinne im Ganzen einer Welt allein das Einzelne an seinem Ort gewahren, so gibt es auch eine „Landschaft des Seins“ und des Geistes, innerhalb der alles Verstehen und Vernehmen sich entdeckend ausbreitet. So gesehen hat auch unser religiöses und vernünftiges Erkennen eine heimatliche Wurzel, eine Mitte, durch die wir im „nicht erzitternden Herzen“, „in der wohlgerundeten Kugel des Seins und der Wahrheit“ stehen (Parmenides). Das Kind aber steht am Ursprung im Walten fürsorglicher, bergender Mächte, die es mütterlich besorgen und väterlich bewahren. Wenn immer es „vernehmend“ das Walten der Liebe versteht, öffnen sich auch der Grund des Seins und das Gefüge einer Welt, in denen es atmet und da ist. Es erfährt das Walten der Gezeiten, die Ordnung besorgenden Tuns, die Räume, in denen es angefangen ist, die Wiege, die es birgt, den Himmel, auf den sich das Fenster hin öffnet. Sie werden sich ihm nach langem, einschmiegendem Vertrautsein nie mehr so wundersam innig und bedeutungsvoll schenken. Alles Mannigfaltige aber bindet sich ihm, nicht nur im einigenden Weben seines Empfindens, sondern dem Sein gemäß zu einem ursprünglich Einen, das eine Mitte, aber keine Grenzen hat. Die das Ganze tragende und haltende Mitte aber ist nach ihrer gründenden Tiefe hin so grenzenlos und unbestimmbar wie das Sein selbst, so der Mensch selbst an diesem Seinsort für das vernehmende Kind erscheint. Man kann in Umkehrung des Gedankens sagen, daß das Sein sich am Ursprung für das Kind nicht auflichtete und es weder seines metaphysischen Sinnes inne würde noch die Landschaft einer Welt erführe, wenn die waltenden Mächte von Vater und Mutter sie nicht erschlössen. Niemand kann mehr aus der Sicht der Erwachsenen sagen, wie sich am Ursprung das Mysterium der vernünftigen Menschwerdung eigentlich ereignet. Da aber alles in die Einfalt des urtümlichen Schauens eingeht und dieses

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noch nicht in „sinnliche“ oder „geistige“ Hinsichten zerfällt und durch partikuläre Intentionen begrenzt ist (da in ihm noch die Mitgift des göttlichen Lichtes unverdrängt im lauteren Seelengrunde waltet und alle Dinge neu wie am Schöpfungsmorgen heraufgehen), so werden sie auch in einer eingehüllten und versammelten Tiefe vernommen, die ihrer Geburt aus dem Einfachen des göttlichen Grundes entspricht. Das Kind, im mitempfindenden Herzen durch die Liebe ins Leben geboren, lebt daher an einem paradiesischen, idealischen Ort, so daß die Engel, denen aufgegeben ist, seine geistigen Vollzüge fürsorglich anzuschauen, immerfort „das Angesicht Gottes sehen“, weil alles noch in der einfältigsten Tiefe des Geistes sich ereignet, in welches es Gott selbst noch nicht verlassen hat. In dieser Seinsintuition haben sich noch nicht Urbild und Abbild geschieden; das letzte west im unterscheidungslosen Licht eines Allgemeinen, das durch kein Maß und keinen Vergleich in seiner Wesenstiefe besondert und verendlicht werden könnte. Also unterscheidet das Kind noch nicht Gott und Mensch, so daß Vater und Mutter in urbildlicher Tiefe und Hoheit erscheinen. Solchermaßen hat alle geistige Urerfahrung archetypische, urbildliche Bedeutung, wofür man kein Erbgedächtnis und keine apriorisch „unbewusste“ Geisterfülltheit anzunehmen braucht, was mit dem intelligiblen Wesen des Geistes nicht vereinbar ist. Es ist „archetypisch“, weil es stellverstretend für die Seinsgründe und aus der Mitte einer metaphysisch vernehmenden Seinsvernunft als Enthüllung des Seins als Sein hervortritt. Damit aber ist dieses Ursprüngliche zugleich eine zeugende Macht des Seins, durch die das Kind ins Geschick wie in die Wahrheit gerufen wird.

15. Der Mensch als Bild Gottes und waltende Mitte des Seins
Wer kann den heiligen Ort ermessen, an den der Mensch immer wieder zu geistiger Erzeugerschaft stellvertretend, in priesterlicher Vermittlung, an die Wiege der aufgehenden Kindschaft gerufen und als Mensch und Gott, als Welt und Natur, als Mitte des Daseins erfahren wird? Er selbst ist die himmlische Speise, von der sich der Geist des Neugeborenen nährt, die Sonne und Lebensquelle seiner Herzenslandschaft, der König eines Reiches, aus dessen Wille und sittlicher Herrschaftsmacht und Gnade das Kind sein Leben beginnt. Hier im Urstand des Lebens wird der Vernunftgrund des Herzens entriegelt oder verschlossen, ins Heilige entbunden oder den Unmächten des Unheils ausgeliefert. Die Siegel des Ursprungs öffnet der Mensch nicht mehr aus eigener Kraft, wenn ihn nicht eine erlösende, allmächtige Gnade und Liebe vom Himmel her wieder aus den Fesseln ererbten Verfalls befreit. Das Mysterium vererbter Schuld hat sein abbildliches Nachspiel an der Wiege jeder Kindschaft. Noch die vier- und fünfjährigen Kinder, die von Gottes Allmacht und Größe erfahren, messen sie zweifelnd am Urbild des Vaters. Es scheint doch unmöglich, daß Gott mehr vermag als dieser. Noch mißt das Kind nicht mit den Maßen der räumlichen Erstreckung und mit stofflichem Gewicht; die Größe eines Seienden waltet wie für die Maler der Frühzeit allein aus dem Bedeutungsvollen der Wesenstiefe, deren Seinsgründe aus Undurchdringlichem heraufgehen. Wer es einmal erlebte, daß er

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„Bedeutsames“ und „Großes“ der frühen Kindheit, ein Haus, einen Garten, einen Weiher, einen Baum als Erwachsener zum ersten Mal wiedersieht, wird erstaunt sein über die räumliche Verschiedenheit des Erinnerungsbildes von den wirklichen Gegenständen. Es wäre banal anzunehmen, das Kind hätte von seiner Kleinheit her gemessen, da ihm ja zugleich die für es so mächtigen Bilder der Erwachsenen und ihre Körpergröße zur Verfügung standen. Besser ist es zu sagen, es mißt nach der inneren unbegrenzbaren Größe und Hoheit der Erwachsenen, besonders der Eltern, deren innere göttliche Dimension auch die Räume weitete, die sie bewohnen. Deshalb ragt das eigene Haus hoch in den Himmel, und von seinem Dachfirst kann man an die Wohnungen der Engel rühren. Noch ein sehr intelligenter Siebenjähriger fragte seinen Vater, warum der Besucher, ein gelehrter Herr, einen so großen Kopf habe. Auf die Frage, wie groß dieser denn sei, sagte er mit beschwörendem Ernst : „So groß wie ein Zimmer!“ Nur aus diesem Blick ins Urbildliche und Wesenhafte, dem auch das „Kleinste“ „groß“ sein kann und die Körpergröße, auch die eines Tieres, als „große Macht“ erscheint, versteht man die Welt- und Gottesmacht des väterlichen Bildes. Es war nicht nur „infantile Phantastik“, als ein vierjähriges, sehr gewecktes Mädchen in einem Pfarrhaus mit Ernst fragte, ob Gott, von dem es schon so viel gehört hatte, wohl „so groß sei wie der Papa oder so klein wie der Herr Pastor“, den der Vater mehr als um Haupteslänge überragte. Auch der sehr fromme und gesammelte Pfarrer hatte als „himmlischer Betvater“ einen archetypischen Ort eingenommen, so daß der Widerstreit inmitten einer metaphysischen Daseinsschau aufbrach und mit Ernst ausgetragen wurde. Ganz exemplarisch eindringlich erhellt das Gesagte aus einem Vorfall, den ein kanadischer Minister in einer öffentlichen Rede darlegte. Ein Vater nimmt seinen kleinen Sohn mit auf einen Abendspaziergang und zeigt ihm die untergehende Sonne, ihn mehrfach hinweisend auf das flammende Farbenspiel des abendlichen Himmels. Als die Dämmerung hereinbricht, sagt das Kind plötzlich : „Vater, mach das noch einmal !“ Für das Kind stand offenbar der Vater wie eine waltende Urmacht in der Mitte des Geschehens! Wie groß mag es sein Bild auf dem Hügel gegen den Abendschein gesehen haben! Hat es nicht in eins damit dem Sein tief ins Herz gesehen? Gäbe es Gott nicht, nähme der Vater in seinem weltübersteigenden und weltbewegenden Wollen und Erkennen nicht seinen Ort ein? Wo sollte denn das Seiende Mitte und Ursprung haben, wenn nicht im herrschaftlich waltenden Geist? Was ist denn auch dem Sein gemäß das Farbenspiel der Abendröte gegenüber dem seinsmächtigen Geist eines Menschen? Das Kind lebt hellsichtig in der Wahrheit des Psalmisten, der bekundet, daß Gott „den Menschen nur wenig unter Gott gestellt“, oder in der seinsenthüllenden Weisheit des Sophokles, dessen eherner Hymnus bezeugt: „Vieles Gewaltige gibt es auf Erden, nichts ist gewaltiger als der Mensch.“ Unter den Menschen aber ist niemand aus der Tiefe des waltenden Seins ermächtigter als der Vater.

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16. Die moderne Bildung als Austreibung aus der metaphysischen Ortschaft des Seins
Das erkenntnistheoretische Schema, daß der Mensch zunächst wie ein Tier sich im Sinnenhaften hält und dann durch spätere Abstraktionsstufen reifend schließlich mit Hilfe theoretischer Sätze Gott erschließt, läßt freilich das Urtümliche der Kindschaft wie grause, distinktionslose Phantastik sehen. Die „Infantilismen „ werden dann mitleidig belächelt und zur rechten Zeit ausgetrieben. In Wahrheit wird mit den Umständlichkeiten „rationaler Systematik“ das Kind aus der metaphysischen Ortschaft des Geistes und des Seins herausgetrieben. Wo Vater und Mutter in gottähnlicher Wesenheit walten, wird später mit der Enthüllung ihrer erbarmungswürdigen, vielleicht gar unwürdigen Menschlichkeit das Kind aus dem Ursprung wie aus einem Schein- und Lügengewebe phantastischer „Wunsch- und Triebprojektionen“ herausgeführt und aus dem Sein dem „Realismus“ einer tierhaft verfeindeten und leidenschaftlich verengten Welt überantwortet. Seine Bildung und sein Wachstum sind dann eine sich immer steigernde Preisgabe und Auslöschung seiner Kindschaft bis zur ersehnten Stufe jener tüchtigen Männlichkeit, die „wirklichkeitsnah und ernüchtert“ mit berechnender Schläue auf alle Winkelzüge, Unmenschlichkeiten und Niedrigkeiten einer gottlosen Welt sich eingespielt und dadurch ihre Lebensreife erlangt hat. Bleibt das Kind aber in seiner urbildlichen Wahrheit - was nur möglich ist, wenn die Eltern in Glaube, Weisheit und Demut und einem dem Guten geöffneten Gewissen das göttliche Sein selbst bezeugen - so hebt sich ihr immer begrenzteres Wesen gegen den archetypischen, urbildlichen Grund hin ab, dessen Wahrheit und Wirklichkeit sie um so nachdrücklicher nun im Widerschein edler Abbildlichkeit und im Zeugnis ihres Glaubens und Lebens bezeugen. Die urtümliche Mitgift ihrer Liebe aber waltet in ihrer stellvertretenden, Gottes Bild vermittelnden Kraft, in der Transzendenz metaphysischen Denkens und im frommen Glauben der reifen Menschen fort. Unter diesem Blickwinkel liegt eine tiefe Wahrheit in der Aussage, daß der fromme Erwachsene seinen „Kinderglauben“ bewahrt hat oder zu ihm zurückkehrt - weil die so gegensätzlichen und mannigfaltigen Aussagen des Glaubens nur im lebendigen Gottesbild der ursprünglich erschauten waltenden Liebe als ewige Vaterschaft zur lebensvollen Einheit gefügt werden. Wo es solch urbildliche Schau nicht gibt, bleibt der Glaube vieler von schwer zu vereinbarenden Gegensätzen belastet und somit dem Zwiespältigen quälender und schwächender Zweifel ausgesetzt. Auch wenn diese durch die Reflexion „rational“ aufgehoben werden, sie brechen immer wieder auf, wenn z. B. die Dunkelheit der Welt Gottes Liebe verschattet oder das sittliche Gesetz in der Mühsal menschlicher Schwächen den göttlichen Richter in tyrannischer Kälte erscheinen läßt. Wenn der Wahrheitsgrund des Herzens verstört ist, ist die verständige Klugheit urkräftig, aus dem immer wieder hervorgehenden Schein dämonischer Gesichte zum Frieden himmlischer Weisheit zu führen und ihn gegen die inneren Heimsuchungen zu sichern.

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17. Die elterliche Liebe als geleitender Genius an der Schwelle des Lebens
Das „Erkennen“ des Kindes ist Frucht und Gabe einer auszeugenden Liebe. Dieser Satz umschreibt den metaphysischen Ort der Elternschaft und ihre angestammte Würde. Sie eröffnet nicht nur den Horizont des Seins und die Landschaft der ursprünglichen Welt und hält das Kind am Ort seiner urständischen Herzens- und Gemütseinfalt, sondern sie erweckt es zum geistigen Leben. Sie gibt dem Herzen den Grund, in dem es ruhen kann, dem Vernehmen die urbildliche himmlische Tiefe und sublimierende Helle, dem Wollen und Begehren seine geistige Erstreckung; sie erweckt, stößt an, trägt und leitet die Urimpulse, die Strebungen und Bewegungen des Kindes. Sie allein schenkt es sich selber in seinem Selbstand und seiner personalen Würde. Mag man noch so sehr die metaphysische Vollendung und die sich das Sein gebende, lichtende Aktualität der aus Gott geborenen Vernunft betonen, man mißversteht sie zugleich, wenn man nicht ihre ursprüngliche Leere und Potentialität, die harrende Empfänglichkeit des erkennenden Anfangs sieht. Der Menschengeist existiert anfänglich nur in harrender Empfänglichkeit; aus seinen Vermögensgründen kann nichts hervorspringen, weil „nichts in ihnen ist“ oder nur soviel, als in diesem Satze auch enthalten ist: nämlich, daß das „Nichts (ihrer Empfänglichkeit) in ihnen waltet“, d.h. Leere, Bedürftigkeit, Dunkel, das Nichtigsein alles Anfänglichen, das durch Erzeugung und Auszeugnung ins Leben hervorgeht. Deshalb ist Vernunft als „Vermögen“ im eigentlichen Sinne gar nicht da und wirklich, sondern erst im Hervorgang der Wahrheit, d. h. im Aufgang des Seins, das sie in primordialer Vermählung und Durchdringung zu sich selber erweckt. In ihm erst kann sie sich selbst erfahren. Da das Kind aber am Ursprung das Walten der Liebe allein erfährt und diese es wärmend und hegend durchdringt und sein inneres Verstehen auflichtet, so ist sie auch die originäre Auszeugung und Erfüllung der gesamten Potentialität und Empfänglichkeit des Geistes. Wie die Sinne schon im Mutterleibe vom Weben wärmender und durchfühlender Liebe erfüllt werden - so daß der erste Inhalt des tastenden Fühlens liebendes, nährendes Leben ist, so steht die Liebe als der holde Genius der Kindschaft auch an den Toren seiner geistigen Wahrheitsgeburt und seiner ersten Weihe zur Würde des Menschseins. Als was sollte auch das Kind sich selbst erfahren ? Hätte es etwa nach der Lehre des alles verfälschenden und verwirrenden Descartes ein urtümliches Denkbewußtsein, das aus der Aktualität eines „Denkdings“ als Eigenlicht hervorbräche, so müßte es von seiner Nichtigkeit gedemütigt und beschämt werden. Nicht einmal seine Glieder wären sein Eigentum, weil es ihre Organisation und Brauchbarkeit nicht kennt; es fände sich nun in der Tat „geworfen“ und ins Unheimliche versetzt, das es fremd, sinnlos, chaotisch umbrandet, dem Schmutz widerlicher körperlicher Vorgänge hilflos ausgeliefert. Es sähe sich schutzlos an den Rand des Todes geworfen, und die Tiefen seines Lebens brächen als Elend unerfüllten Begehrens in die Durft des Hungers und Durstes auf. Fände es dann Nahrung, die es am Leben hielte, so wäre die Lösung des ersten tödlichen Widerstreits doch nichts als ein „Zufall“. Das heißt: Das Nichts, das es zu verschlingen droht, öffnete sich aus seinem dumpfen Grunde zum Hebammendienst des Lebens, das sich in der Tat als „Auswurf“ des chaotischen Daseinsgrundes, als Aus- und Abscheidung von dunklen Un-

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holden ansehen müßte, während die Bilder der Natur die Lebensbühne dieses Elends wie glotzende Schemen im kalten Licht des Tages und seines stechenden Gestirns umständen. Dieses erschreckende Gesicht, das sich auch im Leben der Erwachsenen überall da ereignet, wo „die Liebe erkaltet“, weil mit ihr Licht und Bild alles Wesenhaften schwindet und die Geburtsstunde verzerrender Wahngebilde beginnt, läßt uns erkennen, daß Würde und wesenhaftes Menschsein Gabe und Frucht der waltenden Liebe ist.

18. Die Selbst- und Wesensempfängnis des Kindes als Gabe mütterlicher Liebe
Daß der Mensch erst durch die Empfängnis der Wahrheit und des Guten zur Existenz kommt und seiner selbst nur im transzendentalen Entwurf „des Seins, der Wahrheit und der Güte“ rückspiegelnd innewird, das gilt uneingeschränkt und in unvermischter Reinheit für den Ursprung der Kindschaft. Sie ist dem eigenen Blick, dem metaphysischen Wesen des Aufgangs gemäß, aus Gnade unzugänglich. Wie sie aus göttlichen und menschlichen Gründen ins Dasein tritt, so kommt sie auch nur zu sich selbst, wenn die göttlichen und menschlichen Gründe sich waltend und erhaltend, schenkend und anrufend ihr zuneigen. Seht es doch unverstellten Blickes an, das wunderbare Mysterium der mütterlichen Liebe, der Hüterin des Aufgangs! Seht doch die Huld der Schöpfung, die Labebrunnen des süßen Lebens, das Flußbett der goldenen unerschöpflichen Ströme heilenden Heils, seht doch die Urmitgift der Liebe als heiligen, himmlischen Stromkreis von Anbeginn durch die Herzen der Mütter als das heiligste Geschick durch die Menschengeschichte gehen! Seht doch ins wache Antlitz von Frau Sorge, das zerfurcht, aber nicht ermüdet ist vom lastenden Gang der Zeit! Was spannt denn die spinnende Norne im Kreise ihrer Schwestern, in die Nächte des Lebens und ahnungsvoll in die Zukunft zu schauen, wenn sie nicht im Schrein ihres Leibes das Leben und im Kelch ihres Herzens die Labe- und Segenskraft der Liebe als Urvermächtnis Gottes und der Urmutter der Menschheit, wenn sie nicht die Kindschaft aller Kinder im Herzen trüge! Sie allein wehrt doch dem Geschick, daß Geburt nicht ein „Fall in die Zeit“, nicht tierhafter „Wurf und Wegwurf“ ist (zum Fraß der lauernden Dämonen der anonymen „ Gesellschaft“ und des „totalitären Staates“ von Anbeginn), daß das Dasein sich nicht im unmittelbaren „Da“ einer dem Tode ausgesetzten, erinnerungslosen „Geworfenheit“ erfahre, sondern aus dem Gedächtnis der erinnerten Kindschaft, als entsprungen aus Quellen des Heils und geborgen in der Sorge der Mütter. Vor den Gewässern der Zeit ist es auf zeitlosen Inseln der Kindheit verwahrt, in denen es Tage und Jahre von nicht ausmeßbarer Dauer verbringt und so seine Gottgeburt unverlierbar im Herzen trägt. Was wüßte auch ein Kind von sich selbst, wenn nicht ins eingehüllte Weben der Frühe sanften Schrittes die Mutter träte, wenn die erste Dunkelheit nicht ihr Schatten, der erste ferne Laut nicht ihr Schritt, das erste Wehen nicht ihr Anhauch wäre. Wenn das Kind, erquickt durch liebegespendete Wärme und die süß erfühlte Nahrung an der Mutterbrust, am Holden des immer wiederkehrenden Gewährens aus dem Urschlaf ins „Verstehen“ kommt, sieht es den sanften Schatten eines mütterlichen Antlitzes sich erhellen,

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es erfährt im gelinden Kosen und bergenden Umarmen das erste Wort, die ersten Blicke als Einstrahlung der Liebe und das gewährende Lächeln als ihren Gruß. Hier in der unendlichen Wiederkehr der behutsamen und achtsamen Besorgung erfährt es, wie es selbst in der Acht und der Achtung steht. Wie hoch aber muß die Achtung sein, wenn die Acht so unendlich sorgsam und zart ist! Was es aber ist und wert ist, das arme, kleine, unbedeutende Stück Leben, das sich selbst nicht ansehen und nur im sinnlosen Gestrampel sich regen und erfahren kann, das strahlt ihm die Mutter mit jeder Zu-neigung, mit jedem Wort und Blick zu: mein Kind, mein Kleinod, mein Alles, mein Herz, meine Liebe ! Solchermaßen erwaltet die Mutter das Selbstsein und die Würde des Kindes aus dem Armseligen seines Bedürfens und der verlorenen Nichtigkeit seines unendlichen Unvermögens. Die Eltern zeugen dem Kinde in ihrer Liebe die seinsgegebene Wesenheit als persönliches Eigentum erst ein und ermächtigen sie in fürsorglicher Beachtung zur Achtung eines angetretenen Vermächtnisses : des kindlichen Menschseins. In allem, was es wollen, wünschen und erwirken kann, breitet es sich fürderhin im Lebens- und Daseinsraum der Eltern oder ihrer Stellvertreter aus. Kindschaft ist am Ursprung reine geistige Empfängnis und im Vollzug ein Sich-entfalten und zu sich selbst und ins Existieren Kommen aus dem tragenden, helfenden, urbildlich erweckenden und geleitenden Walten der Elternschaft. Erziehung ist am Ursprung immer Paideia, d. h. die „Ingewahrnahme der Kindschaft im vaterherrscherlich gefügten und mütterlich durchwalteten Haus der Liebe“.

19. Das Wesen der Liebe und die erweckte Partnerschaft des Kindes
Hier ist es notwendig, ein Wort über das Wesen der Liebe zu sagen. Die deutsche Sprache besitzt neben dem fast vergessenen Wort „Minne“ für das scheinbar Wesensverschiedenste nur dies eine innige und hohe Wort. Das könnte Armut sein, wenn nicht der metaphysische Genius dieser so reichen Sprache uns verwiese, die wesenhaft währende Einheit in allen Liebeserscheinungen im Blick zu halten und uns nicht durch eine interessante Vielartigkeit ins Wesenlos-Mannigfaltige führen zu lassen. Das würde bedeuten, daß das eigentliche Mysterium der Liebe, sowohl von der Einheit des Ursprungs her als auch von der Strukturgleichheit des Wesens alle Weisen der Liebe durchwaltet. Dann wäre es Verfall, die Liebe in Wesensgestalten, wie Caritas, Eros, Sexus, aufzuspalten, sofern man dabei die transzendentale Allgemeinheit aus dem Blick verlöre. Wie beim „ Sein“, beim „Wahren“ und „ Guten“, so bringt die Liebe die Einheit des Ursprungs, die durchhaltende Gleichheit und Ähnlichkeit im Verschiedenen und die innere Zuordnung des Mannigfaltigen zum Einigen eines Universums oder des „ Seins selbst“ zugleich zum Ausdruck. „ Liebe“ ist solchermaßen umfassender als das Sein selbst, das „Transzendentale schlechthin“, das die Wirklichkeit des Seins, der Wahrheit und der Güte zusammenfaßt. Liebe übergreift daher immer auch die Scheidung des Seins nach Akt und Potenz, nach erzeugendem, erweckendem, bestimmendem Wirken oder harrendem Empfangen.

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Wenn daher vom Kinde gesagt wird, daß es in seinem Herzen „Liebe“ sei, so ist damit etwas ausgesagt, was es über die Seinsstufe einer harrenden Empfänglichkeit erhebt. Wie die Vernunft am Ursprung, wenn das Sein heraufgeht, von dessen Licht her in tätiger Wirkbereitschaft in den Akt der Wahrheit kommt, so aktuiert sich der Lebensgrund des Herzens am Ursprung aus einer überschwenglichen, gott- und naturgeborenen Neigung; aus einem inneren Feuer drängt er bei jeder wahlverwandten Berührung ins Wonnige der inneren Befriedung und eines äußeren Einklangs. Dies gilt auch für das frühste Dasein, das mit Lebenswärme und dem Genügen des in sich „gelinden“ Lebens überströmend geladen ist. Der Herzensgrund des Daseins ist nicht wie der Vermögensgrund der Vernunft ein formalwirkursächlicher Hervorgang aus der Substanz der Geistseele, sondern ein urtümlicher Ausstrom der wesenseinen Menschennatur, die sich im informierenden Wesensakt im Mannigfaltigen des Materiellen ausbreitet und dieses einigend zu und in sich selbst zurückführt. Der Mensch als Daseiender ist daher substantiell aktuiert und daher seinsgründig durchstimmt und durchfühlt. Sein liebendes Empfangen ereignet sich nicht nur in harrender Erwartung und im erleidenden Vernehmen, sondern zugleich im überfließenden Ausstrom der sich fühlenden, eigenwesenhaft webenden, individuell und persönlich (subsistent) wallenden Natur.1 Wunderschön erhellend für dieses Seinsverhältnis ist das, was Poucel sagt („ Gegen die Widersacher des Leibes“ S. 165) : „Und habt ihr niemals bemerkt, was vor sich geht, wenn ihr ein kleines Kind an der Hand haltet, um es zu führen? Wenn ihr darin geübt seid, euren Geist auf die flüchtigsten Erscheinungen zu konzentrieren, welcher Strom von Vitalität geht dann manchmal von den weichen und warmen Händen aus, um sich in die euren zu ergießen ! Ich möchte wetten, daß bei diesen gegenseitigen Hilfen zwischen einer Generation und einer anderen nicht immer die den größeren Nutzen daraus zieht, von der man es gewöhnlich annimmt.“ Nur weil dies so ist, ist die Herzensliebe der Mutter jenes Mysterium, in welchem im Lebensvollzug der irdisch leiblichen Natur ein mitwaltender Eros eingehüllt ist, ein sehnendes Strömen schenkender Liebe, deren reine Wesenheit uns in der Caritas entgegentritt. Sie ist jene überströmende Huld der Natur, die im Walten in die Durft eines dauernden Verlustes käme, wenn nicht die Gabe des Lebens im vernehmenden Herzen des Kindes in dessen Feuer ins Lebendige aufbräche, als Liebe antwortend zurückströmte und das Herz der Mutter in die Freude neuen Überschwangs riefe. Die mütterliche Liebe wäre ein trostloser Selbstverlust oder ein einschlingend unholder Durst nach Befriedung, wenn sie nicht ihr eigenes Wesen im Kinde erweckte und erzeugte, das sich ihr im Reichtum eines neu erblühten Lebens immer wieder schenkt. Das Kind spürt dieses Wunderbare seiner Begabung und müht sich, aus früh wachem Herzensdrang der Mutter ähnlich zu werden in helfender Fürsorge. Die ihm geschenkte Achtung hebt es hoch in die Antwort verpflichteter Wachsamkeit. Ein eineinhalbjähriges Mädchen brach so bei einer seelischen Depression seiner weinenden Mutter nicht, wie man es sonst erlebt, mit in Tränen aus oder fiel in geängstete Trauer, sondern warf die ganze Kraft seiner zarten Liebe, von der es oft erfahren hatte, daß sie die Mutter erfreute, mit erschreckendem Ernst und zu Herzen gehender Eindringlich-

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Vgl. „Der Mensch und sein Leib“ vom Verfasser, S. 14/15

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keit der Not der Mutter entgegen. Auf den Bettrand kletternd kauerte es sich knieend dicht ans Gesicht der Mutter und sagte in tröstender Festigkeit: „So, hier peip (bleib) ich!“ Die Macht dieser für einen, der es nicht erlebte, unglaubwürdig bestimmten, selbstgewissen Fürsorge wandelte denn auch augenblicklich die Herzensschwermut der Mutter und ließ in der Freude ihres Mutterseins alles Lastende untergehen. Dies ist das Wesen aller Liebe, die aus dem Frieden und der Freiheit der Natur als weckende Gabe kommt, daß sie das Leben zur Freiheit des Selbstseins begabt, indem sie sich selbst in der Erscheinung ihrer Hoheit als achthabende Huld gewährt, und zu Achtung und Würde erhöht. Darum erwaltet die elterliche Liebe in ihrer wesenhaften Gestalt die Freiheit ihrer Kinder, sie eröffnet ihnen die ihnen gemäßen Lebensräume, die sie selbst am Ursprung gefügt hat. Ihnen „ihre Stätte zuweisen“ heißt immer, den Ein- und Überstieg ins Dasein eröffnen und das Selbstsein als antwortend sich entfaltende Liebe „bestätigen“. Weh, wenn die Mutter selbst nicht im Frieden des Herzens lebt, und die Verschwendung ihres Herzens süchtig wird nach stillender Antwort ihres Kindes. Dann saugt sie das gespendete Leben in sich zurück, und aus Bergung wird eine erstickend beengende Übermacht. Wenn aber die Verschwendung aus Lebensangst das Kind überströmt, ihm das Selbstsein nicht zutrauend, wird das Kind wuchernd in den Herzensraum der mütterlichen Liebe eintreten. Diese Liebe wird nicht als Gabe empfangen, sondern wie ein naturhaftes Strömen, das antwortlos genossen und genützt wird im Auswuchern des nicht wahrhaft gepflegten und geordneten Lebens. Dieses „Übermaß“ oder „Zuviel an Liebe“, diese Weisen einschlingender oder verschwendender Verliebtheit sind in Wahrheit eine Schwäche der mütterlichen Frau, die ihre Freiheit an ihre Mutterschaft oder die Mutterschaft an ihre innere Unfreiheit verloren hat. Hier, an den Gefährdungen des Lebensanfangs, zeigt es sich, daß die elterliche Liebe aus der gattenhaften hervorgeht und ungeschwächt nur walten kann, wenn das Herz im Lebensgrund der ehelichen Treue Nahrung und Wurzel hat und aus ihrem Überschwang ins Schenken kommt. Noch wichtiger ist es, daß die Grundkräfte des elterlichen Lebens in Glaube, Liebe und Erkenntnis das Dasein auf einen göttlichen und metaphysischen Sinn hin leben, weil sie sonst der inneren Erstreckung der urbildlichen Schau- und Liebeskraft ihres Kindes nicht in auszeugender Mehrer-schaft entgegentreten, sondern das heilige Feuer der Kindschaft ersticken oder in den glimmenden Brand weltläufigen Treibens und Genießens verwandeln. Nur das im Gewissen metaphysisch aufgelichtete und verpflichtete Dasein kann liebend in die Pflicht rufen und das göttliche Feuer des Ursprungs nähren und hegen.

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III. DIE DASEINSENTFALTUNG DES KINDES
„Aber des Ursprungs denkt man schwer und der Jugend Haus fassen die Seher nicht mehr“ HÖLDERLIN

A. DIE SORGE ALS BERGENDE ENTWINDUNG 1. Verbergende Bergung
Das Kind empfängt die Würde des Daseins als Gabe der elterlichen, in Gott versiegelten Liebe. Es sieht sich selbst nur im Licht dieser Liebe. Es ist ein Irrtum zu meinen, das antlitzhafte Bild des Menschen enthülle unmittelbar dessen Wesen. Es verbirgt es ebenso. Was das Antlitz erst erschließt, ist das Walten der Liebe, das sich am Lebensursprung im Ernst der Fürsorge, in der sittlichen Führung wie im ehrfürchtigen Wandel vor Gott ereignet. Das tiefe Wort Victor Hugos: „Das Gleichgewicht ist das Niedere in seiner Liebe zum Höheren“, eröffnet uns an dieser Stelle ein neues metaphysisches Mysterium der Kindschaft, das auch die moderne Daseinshermeneutik erhellt. Der inneren metaphysischen Vollendung des Kindseins, das bei nicht ganz verdunkelten und vergifteten Naturen in Vater und Mutter Herz und Geist zu metaphysischer und religiöser Wahrheit erweckt, entspricht eine weite innere Ausspannung des anfänglichen Lebens. Es ist von Anbeginn ein steigender Entwurf, ein ausgreifendes Versprechen, eine reifend webende Ruhe, aber im gleichen Maße ein sich neigender Verfall. „Der Mensch steigt ganz und gar auf oder nieder“ (Poucel). Im aufgehenden Walten der Liebe wird das Kind im selben Maße, wie es zu sich selbst hin begabt wird, ekstatisch in die Weite der Existenz geleitet oder in ihre Schranken eingeschlossen. In der Empfängnis der Fürsorge wird es selbst in die Sorge des Lebens gestellt. Es gibt keine bergende Fürsorge, die nicht in eins die durch sie abgewehrte Gefahr des Lebens enthüllt. Darum erscheint die Ruhe und der Friede des Kindes umrandet und umlauert von etwas Un-heimlichem, dem das gebaute Heim und das waltende Wirken liebender Sorge wehrt. Bergung bekundet Gefahr, Pflege Verfall, Nährung und Stillung entbehrende Durft, Fürsorge Bedrängnis und Bedrohung, die Huld der Liebe das Unholde des Fremden und Kalten, erweckendes Rufen die Öde des Leeren und Nichtigen. Das anfängliche Leben erscheint solchermaßen als eine einzige Entwindung aus hilfeloser Armut und anhebender Erkrankung. Sein urständiges Innesein ist von der Fürsorge der Natur und der Herzensliebe ent-rückt in den Schoß oder das Heim, dessen unmittelbar. Da- und Gegebensein eine „Verbergung“ bedeutet. Die bergende Huld ist zugleich „verbergende Wehr“, die mit Ernst das Kind vom Grimm der Welt abschließt oder es vor ihm verschließt, und mit dem Lächeln der Heiterkeit das Kind sich selber entzieht, es in die Sicherheit der elterlichen Liebe hüllt und seine Armseligkeit ihm verhüllt. Die reifende Ruhe der Kindschaft ist solchermaßen eine Entwindung und eine währende ErLösung vom Todeslos des sterblichen Daseins, ein Aufsteigen, nicht aus einem festen Grund zu höheren Seinsstufen, sondern immer zugleich von einem aufgehaltenen, ins Gegensinnige verkehrten Fallen her.

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Immer existiert der Mensch in allen Bereichen in dieser dauernden „ Kehr“ und „Umkehr“ und hat seine Ruhe wie der geworfene Stein nur auf der Kehrspitze zwischen Steigen und Fallen. Auch sein ekstatischer Überschwang ist noch durchspannt von der Mühsal der Entringung.

2. Das Dasein des Kindes und die Empfängnisruhe des Ursprungs
Solchermaßen erscheint die „Angst“ als die „Grundbefindlichkeit“ oder die Urgestimmtheit des zeitlichen Daseins, das als Sorge ekstatisch zwischen dem Nichtsein seiner Vergangenheit und dem Nichtsein des zukünftig Kommenden ausgespannt ist. Was es als Vergangenes wahrt und im Währen hält, hat es zuvor im erinnernden Gedenken dem Vergessen, das erbleichen und zerrinnen läßt, entrungen und kann Kommendes nur erwarten aus dem fürsorglich Verwahrten seines Gedächtnisses. Nur in dieser geängstigten Ent-hebung aus ängstigendem Verfall erfährt und bewältigt es im entringenden Kampf die Schickungen des waltenden Geschickes. Nur im gedenkenden Gewärtigen hat es seine Gegenwart. Dieses „Existential“ des „geworfenen Daseins“ enthüllt jedoch nur dessen Zeitlichkeit, aber nicht das Sein des Daseins selbst, das im sich zeitigenden Entwurf offenbar wird. An der Interpretation der Kindschaft des Menschen wird seine „Abkünftigkeit“ sichtbar. Denn das urständige eingehüllte Leben ist im unmittelbaren Da einfältigen Vernehmens von der Sorge selbst durch die verbergende Abwehr des Todesloses in den Frieden zeitloser Ruhe gestellt und erfährt die gelinde Wonne des Lebens. Der Urakt der Liebe west und währt in der unerschütterten Huld des Daseins, die das erzeugte Kind dem Schoß der Mutter anvertraut und es nach der Geburt wieder in die Schoßruhe des Lebens wie in die Urheimat zurückgibt. Diese angstlose Tiefe ist so mächtig, daß auch das angstgescheuchte Kind sich vor allen Wahngebilden der Angst, vor den hockenden Vermummungen der Dunkelheit, vor Donner und Blitz nirgend so gesichert weiß wie innerhalb der bergenden Wiege, in der die Urerinnerung an den Mutterschoß es umfangen hält. Weiß es gar die Mutter in der Nähe, so ist alle Angst beschwichtigt. Angst ist im Wesen eine Negation, eine Beengung und Beschränkung und kann daher in ihrer Tiefe nur verstanden werden und sich eigentlich nur ereignen, wenn die Positivität des Daseins in ursprünglichem Lebensüberschwang seiner selbst innewird und als Liebe und im geliebten Guten sich selbst kostbar geworden ist. Ein von der Wurzel her angstdurchstimmtes, geängstigtes Dasein müßte zumindest zugleich im angstnegierenden Widerstreit und in einer verkostenden Zuneigung an einer anderen Stimmung partizipieren, oder es müßte der Last dieser Angstqual in den Tod entrinnen. Die Angst lähmt und schwächt den Willen und eine grundständige Urangst notwendig den Willen zum Leben.

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3. Todesangst und Empfängnisruhe
Das Kind geht daher für sich selbst nicht als Entwindung aus dem einschlingenden Nichts ins Dasein herauf, sondern aus dem Lebensschoß, in welchem die Ruhe und Wärme und das aufbauende Weben des liebend-gewillten Daseins walten. Das Nichtige seiner Lebensnacht ist im Ursprung nicht der Todesschatten, sondern die bergend verbergende Tiefe des Empfängnisgrundes. Die Ruhe ist solchermaßen ein webendes Sichweiten, ein atmendes Sich-erkräftigen und ein ahnendes Erwarten und daher metaphysisch der beengenden Angst entgegengesetzt. Das Dasein kann also nicht dem Verfall und Fall in die Zeitlichkeit entspringen, sondern nur dem währenden (substantiellen) Halt des Daseinsgrundes und seiner Eingründung ins gefahrlose Innerste verschwiegener Lebensräume. Wenn der Mensch einmal in Glaube und Liebe, mit allem, was er ist, in Gottes Innere sich eingründet, ist auch die „Todesnacht“ zum Mysterium bergender Empfängnis geworden; Stachel und Angst des Todes sind dann im Frieden der Hingabe geschwunden. Man muß die geheimnistiefe Nähe und Ähnlichkeit des Entgegengesetzten sehen, um die volle Wahrheit enthüllen zu können: Das Nächtige und Anfänglich-Nichtige der Empfängnis und das verdunkelnd Nichtigende des Todes. Denn die Empfängnisruhe ist aus uraltem Walten der menschheitlichen Natur und aus der Freiheit sorgender Liebe dem hellen Strom des zeitlichen Daseins in die Nacht der Bergung entrückt, um damit zugleich der verdunkelnden Vernichtung zu wehren. Dieser „Urstreit des Lebens“, der die ganze Natur durchwaltet, kann freilich auch im innersten Weben der Natur anheben, so daß mit jeder „Bau- und Funktionsschwäche“ des reifenden Menschen sich das Beklemmende und Erstickende des Todesloses anzeigt, das die Ruhe des Lebens scheucht und als Angst die Lebensnacht durchzittert. Aber dieses „Erbeben“ ist ein „Widerstreit“ im gestörten Lebensgefüge und solchermaßen dem lebensgewillten Währen der Natur entgegengesetzt. Das freilich ist das im wahrsten Sinne des Wortes Unheimliche, daß das Entgegengesetzte, das Nächtige und Nichtigende der Angst, die dunkle Tiefe der Empfängnisnacht wie einen eigenen Bereich durchzittern und als die falsche unholde Schwester der Huld das Heimlichste des Lebens in graue Unheimlichkeit verkehren kann. Wo soll ein Kind noch Heimat haben, wenn es in seiner Wiege von der Angst gescheucht und im Frieden seiner Lebensnacht unhold bedroht wird, wenn ihm die erquickende Lebensnacht der Ruhe zur erstickend engen Todesnacht der Angst wird?

4. Die Grundstimmung der Lebensempfängnis
Aber dieses Erbeben und Erzittern zeigt doch ein Ermangeln der gefügten Natur an, das das Dasein selbst nicht ist, dem es aber „ausgesetzt“ ist. Dieses Ausgesetztsein des Lebens betrifft nicht nur das innere Naturgefüge, sondern enthüllt das Dasein in seiner welthaften Transzendenz. Erst durch sie wird die Angst im Wesen verstehbar. Es ist kein Fühlen denkbar, dessen Lebenswonne oder Qual, dessen Gelindheit oder Enge sich nicht unmittelbar irgendwie versteht und zugleich als anhebende Zuneigung oder Abkehr

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sich ereignet. Diese innere Öffnung und Erstreckung alles Fühlens erweist es als grundverwurzeltes Vernehmen und Sich-Verhalten des Daseins zugleich. Eine „Stimmung“ ist daher immer ein das Vernehmen durchhallender Ruf aus dem Lebensgrund und von einem anderen her, das den Grund belebt oder bedroht. Also ist das Dasein sowohl von sich selbst wie vom Seienden her durchstimmt. Eine Grundstimmung ist daher stets eine Erfahrung des transzendierenden Daseins als solchen. Dieses könnte von der Furcht nicht in Flucht oder Wehr und von der Angst nicht ins bewegungslose Erbeben gestoßen werden, wenn es nicht aus sich selbst und aus ursprünglicherem Erfahren anders gewillt und gestimmt wäre. Darum kann auch das Wesen dieser erbebenlassenden Angst nur sichtbar werden durch die Enthüllung des Seins- oder Weltbezugs des ursprünglichen Daseins. Dieses steht als Kindschaft im bergenden verbergenden Gewahrsam liebender Huld. Diese birgt und verbirgt es nicht nur vor dem Todesstreit der Welt, sondern auch vor der zeitverstrickten Sorge und hält es so am Ursprung im eingehüllten Frieden urständig einfältigen Vernehmens. Dieses gestillte Innesein ist als Freude oder Wohlgefühl des Daseins, als webende Ruhe, als sich in sich selbst sammelnde Frische immer auch ein steigendes Sichgeben und Empfangen. Es ist noch kein Daseinsentwurf aus weltmächtigem Willen, wohl aber ein liebendes Innesein, das aus dem innersten Grunde der Liebe empfangend und neigend sich öffnet. Dabei ist die Neigung und Empfängnis um so tiefer, als nicht die beengende Angst die Herzensgründe verschließt, sondern eine belebende Freude sie weitet. Es gibt keine Neigung, wenn nicht eine innere Empfängnis sie anreizte und befeuerte. Wenn daher theologisch der Mensch als „appetitus infinitus“, als unendliche Sehnsucht begriffen wird, dessen geistige Gewilltheit zum „Guten an sich“ hin ausgespannt ist, so hinge eine solche Lehre in der Luft; sie ermangelte des intelligiblen Grundes und machte das Streben zu einem genötigten Drang, wenn nicht der Mensch in der Einfalt seiner Kindschaft in urbildlicher Erkenntnis und einem Nachhall von Seligkeit lebte, die im Ursprung alles das, was irdisch-endliches Genügen zu schenken vermag, überstiege. Nur weil das Kind, eingehüllt in die elterliche Liebe, „Göttliches“ erfährt, bleibt der geistige Strebegrund dem Ganzen und Allgemeinen wie dem Wirklichen und Gottesbildlichen zugleich verhaftet, weil er dies alles im seligen Feuer des Ursprungs erfuhr. Lebt das Kind in der Gnade seines Erlösers, dann wird diese Naturmitgift mystisch vertieft und überhöht. Nur die Einfalt eines Heiligen vermöchte das aufgespaltene, das tausendfach versuchte und beirrte Leben wieder so im Feuer seiner Liebe zu „sublimieren“, wie das Kind im Feuer des Ursprungs dies vermag. Darum kann nur „der in das Himmelreich eingehen“, der „wird wie ein Kind“. Also geht das Kind in der verbergenden Bergung herauf aus dem Frieden der liebegespendeten Wärme in die Erfahrung liebender Huld. Was es wesenhaft „bestimmt“ und in seine „ Grundstimmung“ bringt, ist die Stimme und der Ruf der Liebe, was seinen Gefühlsgrund durchhallt, ist ihre Sanftmut, was seine Neigung ermutigt, ist Anmut und Huld, und worin es sich hält und verhält, d.h. seine „Grundbefindlichkeit“, ist die Gelindheit des Lebens, die in ihrer Tageshelle die Frische und den Glanz des Heiteren, die Fröhlichkeit beglückenden Aufganges und in ihrer Abendruhe das stille Genügen des „süßen Schlafes“ zu eigen hat.

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Aber all dies ereignet sich in „verbergender Bergung“ als das Werk und die Gabe der mütterlichen Huld, die das Dasein am Ursprung hold macht und so den göttlichen Grund des Seins verwahrt und immer wieder neu erschließt. Darum sagt Pestalozzi Tiefes aus, wenn er im mütterlichen Walten das religiöse Verhältnis sich gründen sieht, wenn er auch dessen ganzes Wesen nicht begriff. Die mütterliche Huld vermittelt in der Tat das Holde des Seins und aller Natur, ohne welches Vermächtnis das Menschenherz dem Wahnhaften und Fratzenhaften des Naturdämonischen, seiner götzenhaften Schwermut und Zerrissenheit verfällt. Hat nicht Gott in der Uroffenbarung ausgesagt, daß „Feindschaft“ gesetzt ist zwischen „Satan und dem Weibe“, zwischen ihrem Samen und dem Samen der Finsternis, und damit einen heiligen Ort umschrieben, den der mütterlichen Liebe, der bis zur Heraufkunft des Erlösers vor dem dämonischen Anfall und Verfall gefeit sein wird.

5. Der Entrückungscharakter der mütterlichen Sorge
Indem die Huld als Sorge verbergend birgt, enthüllt sie sich selbst in ihrem tieferen Grund. Was sie nährend, wärmend, hegend und pflegend vollbringt, ist, wie es stillendes Gewähren ist, zugleich die verbergende Abwehr eines immer nahen Verhängnisses, dem das Kind wehrlos preisgegeben ist. Diese Wehrlosigkeit überantwortet das Kind so, daß es seine verwahrte Kindschaft nur hat zwischen Preisgabe und Übernahme. Die Daseinsgründung in der urständigen Lebensruhe ist eine Rettung aus dem Fall und Verfall der Geworfenheit ins Da der Zeit, eine Lebenstat des Herzens, eine Entringung und Entwindung vor dem verhängten Geschick des Todes, gegen den und auf den hin alle Zeit sich zeitigt. Indem der Mutter dies aufgetragen ist, in gegen-wärtigender Wachsamkeit, in wehrend ausschauender Wartung und im gesammelten Gedächtnis einer Urerbschaft des Lebens, das Kind vor dem waltenden Tod in die Bergung zu entrücken und es vor dem Unheimlichen des Zeit- und Weltlaufs im urständigen Gewahrsam zu halten - bis es selbst aus göttlicher und menschlicher Mitgift der Zeit mächtig wird - ist sie als Frau Sorge das Bild und die Tiefe der Zeit selbst. Der ekstatische Überstieg des Daseins aus seinem zeitlichen Lebensentwurf (wo immer er sich in Erkenntnis, in Glaube und Liebe ereignet, ohne den es weder Metaphysik noch ein Leben des Glaubens gibt) - er ist in wunderbarer Weise am Anfang des Lebens im mütterlichen Walten vorgebildet. Mütterlichkeit ist eine einzige Verschwendung der Liebe zur aufgegebenen Kindschaft, die sie der Zeit entrückt und ihr eine Paradieseserbschaft, ein urständiges Innesein des Daseins dem widerstreitenden Tode entringt. Wie das Kind von der Mutter im Arm getragen und lächelnd und gütig angeblickt wird - genau so wie es tausend Bilder darstellen - so hat sie das kleine Wesen, das sich selbst nicht bewegt und handelnd keine Zeit ausmißt, aus dem Strom der verhängten Todeszeit herausgehoben. Es verbringt seine Anfangszeit nicht unter dem wandelnden Gestirn des Tages, der sichtbaren Zeit, sondern unter dem ruhevollen Anblick eines milden Antlitzes, wie einst der Vater der Menschheit im Paradies unter dem Auge der himmlischen Weisheit seine urständig-ewige Kindheit verbrachte und in himmlisch-hellsichtiger Liebe allen Wesen ihren Namen gab. - Was in diesem Urverhältnis der Lebensempfängnis zutage tritt, ist

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die Tatsache, daß die eigentliche „Geburt“ des Kindes, das heißt seine „Menschwerdung“ erst nach seiner „Ankunft“ aus dem Schoße der Mutter sich „im Schoße und in der Wiege der Familie“ ereignet (Portmann).

B. EXISTENTIALE DES KINDSEINS 1. Einvernehmen und Zuflucht
In den Armen der Mutter ruht das Kind im Ein-vernehmen der Liebe. Dies Wort hat metaphysische Tiefe, weil es Einigung und Einigkeit im Vernehmen des Herzens aussagen kann. Wie das Kind in entringender Fürsorge entrückt und enthoben ist, so erfährt es sich nur im Getragen- und Erhoben-sein. Ohne diesen Tragegrund ist es hilflos. Würde es aber preisgegeben, so spürte es unaufhaltsamen Verfall. Wie es sich aber an der Mutter sichtbar anklammert und festhält, so birgt es sich auch ins Bergende der Sorge; denn so sehr diese auch fröhlich die Mühsal und lächelnd alles Wissen um Gefahr und Not zu verbergen sucht, so trägt doch der liebende und erhellte Blick und das erheiterte Antlitz die Notspur der Lebenssorge. Aller Pflege aber gehen Unbehagen und Schmerz des Bedürfens und der andauernden Verwahrlosung voraus, die das Kind bedrängen. Von solchem Bedürfen her ist das Kind von der Angst seines Unvermögens bedrängt. Diese Bedrängnis stimmt das Kind aus seiner Hilflosigkeit in die Zuflucht. Wird sie stärker, so erweckt sie den Widerhall alles Gefährdend-Beengenden aus dem Werdegrund der Natur, das Urerbe einer verwundenen Angst des Lebens. Indem das Kind aus diesem Anhauch von Ängstigung in die Bergung und Fürsorge flüchtet, versteht es diese in ihrer besorgenden, entwindenden, wehrenden Macht. Das Leben wird ihm so zur dauernden Gabe und Gnade einer schenkenden Huld, wie es von deren Acht seine Achtung empfing. Indem es zuflüchtig in der Sorge sich gesichert weiß und deren fürsorgliches Walten versteht, sieht es der Mühsal der Liebe ins Herz und versteht die Schatten und Runzeln des Lebensernstes im Antlitz der Mutter. Je tiefer es diese gewahrt, umso mehr öffnet sich ihm auch das Verhängnis des Lebens. Sofern es selbst ihm nicht wehren kann, lebt es in der bergenden Entrückung zugleich ahnungsvoll über einem Abgrund, den es selbst nicht erstieg, und erfährt sich als anheim gegeben über dem Bedrohlich-Unheimlichen. Die Mutter kann dennoch dem nicht wehren, daß in allem Verbergen und Entwinden ihrer Sorge der Todesabgrund des zeitlichen Daseins sich entbirgt. Das Kind kann sie in ihrer liebenden Huld nur erkennen um den Preis einer Ängstigung, die freilich im Anheben wieder beschwichtigt wird und im Gütigen einer sich umso tiefer lichtenden und neigenden Liebe untergeht. Aber in der besorgten Entrückung über einem nicht erstiegenen Grund tut sich der Hellsicht des Kindes die Todestiefe des Lebens auf, so daß nun die Angst als befeuernder Anruf zur Zuflucht den Gefühlsgrund des Herzens umspielt und als „Ängstlichkeit“ das zarte Leben durchzittert. Von nun an lauert sie wie verdeckt in der Tiefe der Kindheit und kann um so plötzlicher und schreckhafter aufbrechen, je mehr die Verbergung der mütterlichen

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Huld zur verfälschenden Verharmlosung wird; die notwendig auch die erkräftigende Tiefe der des Lebens mächtigen Liebe verdeckt und dem Kinde die Mitsorge vorenthält. Die Grundbefindlichkeit der „Angst“ ist solchermaßen das gegenspielende Todesverhängnis gegen das reine Leben des Anfangs, dessen urständischen Lebensort sie umspielt. Sie wird aber nur dann zur durchstimmenden Nichtigung des Daseins, wann die Huld der Liebe versagt und sich dem Kinde versagt. Nur im Leeren eines „Versagens“ kann der „Ruf“ oder die „Stimme“ der Angst so vernehmlich werden, daß sie den Lebensgrund durchhallt und durchstimmt. Die Liebe, die die Angst des Todes überwindet, wird freilich noch kostbarer erfahren als das Leben selbst. Deshalb bricht, so die Liebe in Gefahr steht, auch notwendig die „Liebesangst des Herzens“ auf, die tiefer und schmerzlicher ist als die naturhafte Todesangst 1 .

2. Das Walten des Heiligen
Die Kindschaft aber ist nur wahrhaft verwahrt an der Ortschaft der Wahrheit, des Seins und Gottes, in deren Auftrag und Macht die Mütter walten. Ihre bergende Huld kann das Kind nicht am seligen Ort des Ursprungs halten, weil sie es dem Dasein und Gott schulden. Sie selber stehen unter der Last einer Schuld und Schuldigkeit. Darum schulden sie ihm auch nicht nur die verbergende Huld, sondern die Enthüllung der entringenden Tiefe der Liebe, die, vom Todeswerk des Lebens abgemüht, sich unverrechenbar tief schenkt. Diese schenkende Mühsal aller Sorge ist das opfernde Geopfertsein des Lebens. Sie macht an den Grenzen des immer nahen Verderbens durch wachsame Umsicht und Pflege das Leben dauernd heil und hält es im Heilen. Sofern sie dabei nur dem Anruf des Herzens und Gewissens folgt und ohne Gegengabe das eigene Leben verschwendet, wächst dies dem Kinde als reine Gnade zu aus der herzverpfändeten Tiefe des Gewissens der Eltern. In der urbildlichen Schaukraft entschleiert sich dem Kinde damit das Walten des Heiligen. In der heilmachenden Huld beauftragter Mutterschaft sieht das Kind am Ursprung seines Lebens das Heilige an, das reine Bild der Liebe, die sich, wiewohl mit Mühsal beladen, als Gnade umsonst schenkt, auch nicht geschreckt durch die Möglichkeit, daß sie für eine irdische Erfahrung sich umsonst vergäbe. Dieses „Heilige“ ist hier eine stellvertretende urtümliche Wesenheit von unbegrenzter Tiefe und Weite möglicher Erstreckung. In ihm ist in der Tat alles der Wurzel nach enthalten, was in der Dimension der analogen Transzendenz später das Dasein religiös auflichtet und überwaltet. Es enthält das UnfaßbarHohe und Vollkommene irreins mit der personalen Helle eines in Freiheit waltenden und deshalb undurchdringlichen Wesens. Zugleich erscheint es als unerschöpfliche Quelle des Lebens, das sich aus Freiheit ohne Grund schenkt. Je weniger das Kind von sich selbst weiß, je mehr es sich in hilfloser Armseligkeit erfährt, desto mehr erscheint diese Güte durch sich unbegrenzbar und ganz aus ihr „grundlos“ bewegt. Was es
1 Da die geängstigte Zu-flüchtigkeit dem kindlichen Dasein wesenhaft zugehört, so ist es ihm auch eigen, seine Hilflosigkeit vom Herzensgrunde her ungehemmt zu enthüllen und durch „Weinen“ und „Schreie der Not“ das gefühlte Erbeben des Herzens im Verströmen der Tränen anzuzeigen. Dieses naturhafte Vermögen zu herzbewegendem Notruf ist ohne Scham und Scheu, weil das Kind im Preisgegebensein auch um sein Anheimgegebensein weiß an eine Liebe, deren Wesen ist, um die kindhafte Schwäche zu wissen.

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aber erfährt, ist immer nur heilmachende, wohltuende Wärme und erquickendes Leben und die Freude einer Herzensbegegnung, die ihm ganz aus der Tiefe der mütterlichen Güte zuwächst. Die Majestät des Allmächtigen, des Unerschöpflichen ineins mit dem Mysterium der Freiheit des unerreichbaren Hohen und der schenkenden Güte, des weiteren die aufgelichtete Helle, die währt und waltet, ohne sich zu verzehren, die Macht des Heilens, des Stillens und Mehrens und schließlich die alle Grenzen der Nötigung und der menschlichen Schwäche aufhebende Opferbereitschaft, die im Selbsteinsatz der Liebe allem Bedrohenden wehrt und offenbar nichts für sich selbst an Lohn begehrt, auch das Nichtverstörbare und Unbeirrbare dieser Fürsorge - all dies ist eine Enthüllung für das Kind, die dem reinen Vernehmen durch ihre innere Unbegrenztheit eine urbildliche Wesensgestalt eröffnet, die im „Heiligen“ des Gottmenschen Christus sich erfüllt und vollendet, aber nicht von ihm verdrängt und abgetan wird. Das Exemplarische dieser Schau ist ein vordringliches Walten der intuitiven Ausgangserkenntnis des Seins und jener Ununterschiedenheit und grundständigen Tiefe, die der spekulativen Vernunft eigen ist. Für das Kind geht die Erscheinung der mütterlichen Person und Güte primordial herauf, als unableitbare Tatsächlichkeit, die sich aber durch sich selbst in ihrer Notwendigkeit und Seinsfülle darbietet. Solchermaßen enthält sie etwas von der absoluten Selbstgegebenheit des Seins und des Göttlichen, das durch sich selbst da und allein durch sich verständlich ist. Zugleich enthält sie in sich keinerlei Beschränkung ihrer Lebensmacht und Lebenstiefe und hebt sich nicht als „endlicher Hervorgang“ gegen einen Grund hin ab. Sie selber nimmt daher kraft ihrer Unbegrenztheit den Ort des „Grundes“ ein, wenn auch nicht in ausdrücklicher Betonung, sondern kraft einer ursprünglichen Ungeschiedenheit, in der das Negative des Noch-nicht-Geschiedenen den positiven Zug eines Allgemeinen enthält. Wie die erste Erfassung des Seins notwendig in der noch unentfalteten Dimension der Analogie mit dem unmittelbar Gegebenen zugleich den terminus des Grundes umspielt, so eröffnet sich auch dem kindlichen Vernehmen in der Einzigkeit der unendlich hohen Person der Mutter das Mysterium der Analogia personalitatis. Der erste Heraufgang eines Unbegrenzten und Unableitbaren, das zugleich ein sinnvoll Selbstverständliches und Notwendiges ist, die Ununterschiedenheit gegen den Grund, dessen Aseität es als Abbild repräsentiert, und schließlich der unendliche Abstand der Existenz des Kindes gegenüber dem Erfahrenen und die ekstatische Wonne der ersten Begegnung - all dies kennzeichnet die exemplarische Durchschau des primordialen persönlichen Vernehmens.

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3. Gut-heißen
Diese metaphysische Betrachtung läßt die Grundakte des Kindes sichtbar werden, die aus der noch innigen Tiefe der Kindschaft, aus der Mitte seines Herzens hervorgehen. Im Gelinden des Lebens ist es unendlich zu ihm gewillt. Das „Unendliche“ bedeutet hier keine Intensität oder Triebgewalt, sondern ein einfach Vollendetes, das in sich keine Schranke hat, um bei sich selbst zu sein. Sofern sich zugleich im Fühlen und Gestimmtsein die lockende Erscheinung der Huld vernehmbar macht, wird die Gewilltheit zu einem gutheißenden Bejahen. Dies alltägliche Wort hat hier metaphysische Aussagekraft. In der Grundgewilltheit des Lebens, in seiner unausgefalteten Allgemeinheit und Einfachheit kann im anschauenden Vernehmen Gutes, das sich zum Einvernehmen gibt, nur „als Gutes“ gefaßt und aus dem vage mitspielenden Ungenügen der Empfängnis (d. h. aus einer Verschiedenheit) urteilend angesprochen werden. Der Urspruch eines ins Dasein gerufenen Fühlens kann nur ein „Gutheißen“ und damit ein ja sagendes Einvernehmen sein, wodurch das Kind ins Dasein gerufen ist oder sich ins Dasein geschickt hat. Diese „Erscheinung der Huld“ ist das Wesen der „Spontaneität“ (sua-sponte), die nicht primär Freiwilligkeit, sondern „ Gespanntsein, Verlocktsein“ (vgl. Gespenst, wider-spenstig) durch eine himmlische Erscheinung besagt. Die negative Wortbedeutung (Gespenst) beruht offenbar auf einer „ Abwertung“ heidnischer Erfahrungen durch spätere christliche Umdeutung. Die reine Flamme des Herzens entzündet sich und brennt in einem ungeschwächten Licht. Unendliches Ja-sagen am Ursprung bedeutet also nur die ungeschwächte Reinheit der vernehmenden Neigung. Ist dieses Gute die antlitzhaft und gewährend aufgehellte Liebe der Eltern, die ebenfalls, sofern sie in der Welt waltet, als die Mehrerin des Lebens in ihrem Vermögen und Quellgrund für das Kind nicht „begrenzt“ ist, so bedeutet diese „Gutheißung“ in ihrer urbildlichen Tiefe zugleich die transzendentale Erweckung und Erstreckung des Gewissensgrundes auf Gott hin. Wenn das Gewissen als Synderesis als die Urneigung des geistigen Strebegrundes auf Grund einer intuitiven allgemeinen Erkenntnis des Guten als Guten bestimmt wird, so darf man nicht glauben, daß es die leeren Sätze sind: wie „das Gute ist das Erstrebenswerte an sich selbst“, oder „das Gute ist ein Wirkliches“, und „ein Allgemeines“, die die Ursprungserkenntnis als solche formen. Gewiß tut sich in solchen Sätzen ein Erstes und Höchstes kund, das die letzte metaphysische Erstreckung des Denkens „satzhaft“ d. h. in der Weise des fügenden Logos „wissenschaftlich“ zum Ausdruck bringt. Aber diese abstrakte Reflexion auf eine Grundstruktur des Seins oder des Guten bedeutet nicht die Weise ihrer ursprünglichen Offenbarkeit und Wahrheit, die im intuitiven Vernehmen der Kindheit sich ereignet. Wo anders, wenn nicht hier, sollten auch die Ursprünge des Seins und Daseins unverstellt ins Walten und in die Erscheinung kommen! Wenn daher das „Gute als Gutes“ in ungeschiedener Allgemeinheit das Streben am Ursprung auf Gott hin spannt, so daß er auf unentfaltete Weise in allen Wollungen mit gemeint ist, so ist eine solche Neigung nur dann wesenhaft begründet, wenn sie sich am höchsten Gleichnis Gottes entzündet. Dieses höchste Gleichnis aber ist das Sein im Modus seiner umfassenden

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Allgemeinheit und seiner höchsten Zusammenfassung und subsistenten Einigung. Für das menschliche Vernehmen aber ist dies am Ursprung die in der waltenden Liebe des Menschen gefügte und zu einer herrscherlichen Mitte hin gebundene Welt. Was später in „rationaler Systematik“ im Systemdenken der Philosophie mühsam und gegliedert aufgebaut wird, das waltet im intuitiven exemplarischen Vernehmen des Kindes als urständige Wahrheit. Diese ist es, die das Kindesherz in seinem Gewissensgrunde göttlich neigt und befeuert. Die Einstrahlung der „Ersten Wahrheit und Güte“ hat keinen Offenbarungsort als den des Seienden der geschaffenen Welt, so daß die sittliche, auf Gott hin gelebte Liebe der Eltern auch der ursprünglichste Ort einer sittlichen Erweckung des göttlichen Gewissensgrundes ist. Der „ Ruf des Gewissens“ ist als „ Ruf der Sorge“ immer auch zugleich ein Ruf, den Vater und Mutter dem Kind erteilen.

4. Zutrauendes Vertrauen
Dem Gutheißen entspringt der habituelle Grundakt des zutrauenden Vertrauens. Diese Worte drücken genau das Wesen der Empfängnis des Lebens aus, die sich in der verbergenden Bergung ereignet. Jedes Wachwerden im Verstehen ist Tag um Tag die frühe Kindheit hindurch ein Sich Aufhellen der Entrückung über dem Abgrund der Zeit, dessen Ersteigung das Kind nicht sich selbst, sondern der Sorge dankt. Wie das Kind traulich Heimat hat am Herzen und in der Wiege als dem Ort der Bergung, so vermählt es sich der Mutter in einem dauernden einschmiegenden Verinnern, in dem es durch das Walten der Liebe nur in dem Maße zu sich selbst kommt, als es sich anvertraut und liebend sich zurückgegeben wird. Erblickt es aber das Nichtige seines fortwährenden Ungenügens, so treibt es der Ruf der Angst in die Zuflucht, so wie es sich auf den Armen der Mutter nur um so inniger anklammert, je mehr ihm die Erhebung den möglichen Fall deutlich werden läßt. Das Kind kann sich jedoch in der Entbergung seiner Dürftigkeit nur dann unbeschwert und gesichert im Frieden der Entrückung halten, wenn es zugleich der Sorge die Macht der Entwindung und das unermüdliche heilige Opfer der Mühsal zutraut. Dieses Zutrauen ist ein antwortendes Entgegnen und ruft die urbildliche Heiligkeit und Hoheit der Liebe an. Sie bleibt nur dann infolge der eigenen Ohnmacht und Abhängigkeit frei von bannender Besetzung, wenn die Sorge das Kind aus zarter behutsamer Acht in die Achtung gestellt hat, in der es zugleich pflichtig d. h. im Gewissen einem Allgemeinen und Göttlichen verbunden wird, das die Eltern und das Kind als sittliche Fügung der Familie überwaltet. Diesem gutheißenden, zutrauenden Vertrauen entspringt in der dauernden Empfängnis des Lebens ein antwortendes geschuldetes Zurückgeben. Das Dasein steht in der Empfängnis der Kindheit ohne Maß in der Schuld der Liebe, der es sich selbst schuldet und schuldig bleibt; und zwar im Doppelsinn dieses Wortes: es ist zur Rückgabe verpflichtet, weil es zu maßloser Empfängnis sich anheimgegeben hat, und erfährt darin zugleich die völlige Unmöglichkeit einer Vergeltung als dauernde Verschuldung. Solches Verschuldetsein würde zur freiheitlosen Preisgabe, wenn die Huld des Ursprungs nicht außerhalb jeder Verrechnung stünde und sich selbst Gott schuldete. Sofern das Kind aus Gott hervorgeht und es

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selber die Gatten in seinem Kommen zur Mutter- und Vaterschaft erweckt, sind die Eltern zugleich mit ihm beauftragt und schulden ihm ihre Liebe. Aber dieser Anruf und Auftrag ergeht nicht nur an ihre Freiheit, sondern ist durch das Übermaß der Sorge und Mühsal immer bei guten Eltern im wirklichen Leben überstiegen, so daß die wesenhafte Mutterschaft des Herzens von keinem Gesetz her in Verpflichtung und Regelung gestellt zu werden braucht. Daher bleibt zwar das schuldende Kind im unverlierbaren Selbstbesitz eigenen Lebens, das ihm geschuldet bleibt; aber es weiß sich von Grund aus in einer Verschuldung, aus der es die Liebe allein immer wieder löst. In diesem Nachund Freilassen, das die Eltern dem Kinde wesenhaft gewähren, bleibt es, nun auch in seiner Freiheit, „verdankt“. Es kann fortan nicht seiner Kindschaft gedenken, ohne sie als Vermächtnis und Gabe der Huld zu erinnern. Dieses innerste Gedenken des Kindes ist aus seinem Verdanktsein der dauernde Dank des Lebens.

5. Lebensdank und Ehrfurcht
Der Lebensdank ist ein wesenhaftes Existential der Kindschaft; er ist eine unverlierbare Schuldigkeit, die ein Leben lang in der Liebe der Kinder zu den Eltern währt. Er ist kein Verhalten des sittlichen Wollens, zumindest nie dies allein, sondern entspringt der im Herzen erfahrenen Kindschaft als solcher. Wo er nicht besteht, weil die Huld nicht geschenkt wird, oder das Kind durch eine wurzellose Aktivität im gesellschaftlichen oder kollektivistischen Pflege- und Bildungsbetrieb „aus seinem Selbst ausgeht“, mißt sich das Kind früh das Leben selber zu, wobei es zugleich dem Antlitz- und Gottlosen menschlicher Organisationen und Gemächte aus-geliefert ist. Es versagt seinen metaphysischen Lebensgründen die Schuldigkeit, d. h. der Mensch wird in seinem Herzensgrunde anmaßend, er vergißt die urbildlich-wesenhaften und göttlichen Tiefen des Seins und Daseins und verfällt, dem Gewahrsam der Kindschaft entrückt, erinnerungslos und zuflüchtig den leben-versichernden Umtrieben einer substanzlosen Gesellschaft. Ohne den Lebensdank ist das Leben an der Wurzel „geworfen „ und „verfallen“, es ist seiner metaphysischen Erhellung und seiner auf Gott verwiesenen Schuldigkeit beraubt. Er wird in seinem Geschick kein lösendes Schick-sal mehr erfahren, weil er sein zutrauendes Vertrauen an etwas Fremdes und Un-holdes vergeben und Gottes Bild in seinem Herzen verdunkelt hat. Wer Vater und Mutter vergaß, wie könnte der noch Gottes gedenken, wenn ihn nicht eine übermächtige Gnade heim-holte zu neuer Kindschaft! Der Lebensdank aber trägt in seinem Grunde die Frucht der unerfüllbaren Schuldigkeit wie das Wissen um das Übermaß des Heiligen. Alle Kindschaft steht immer vor der Übermächtigung durch das Unfaßbare der sich neigenden Liebe und Fürsorge. Noch sind dem Kinde die Quellgründe der Natur verschlossen, aus deren Überfluß das mütterliche Herz überströmt und sich maß-los verschwendet. Aus demselben Grund erscheinen ihm Vermögen und Lebenstiefe der Eltern unbegrenzt. Je mehr es durch ihre achtsame Hut in die Achtung gestellt ist, gibt es dem Hohen, das es überwaltet, Achtung und Ehre zurück. Nur ehrfürchtig kann es innerlich die eigene Freiheit antreten, die ihm um so wunderbarer zuwächst, je

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mehr das Übermächtige der Lebensgründe sich als freigebende Liebe erweist und alle Furcht durch Huld in Ehrfurcht wandelt. Ehrfurcht ist ein Grundgehaben der Lebensempfängnis, die aus einem Überwaltenden und maßlos Hohen in die Freiheit gestellt und in die Schuldigkeit der Liebe gerufen wird.

6. Enthusiasmus und Innigkeit
Diese Grundexistentiale der Kindschaft erwecken die reine Lebensflamme des Ursprungs zu einem „Enthusiasmus der Liebe“, deren Tiefe und währende Kraft, deren Treue nicht auszumessen ist. Die nicht verstörte Kindschaft entfaltet sich als ein einziger Liebesakt. Maria Montessori spricht von einer „mystischen Liebe des Kindes zu den Erwachsenen“, dessen rührende Anhänglichkeit, Bedürftigkeit und Gebefreudigkeit das Herz des Erziehers bewegt. Diese Liebe begeistet als Vermächtnis jedes edle, hohe und treue Menschentum. Auch die spätere bräutliche Liebe lebt von der Mitgift und Macht einer wesenhaften Kindschaft, der der Mensch nur zu seinem Unheil entwächst. Wehe, wenn Erwachsensein solches Entwachsen und Vergessen bedeutet! Wer seine Kindschaft „verdrängt“, verstört die Wurzeltiefen des Lebens. Daher bedeutet die wesenhafte Lebensreife die Entfaltung des Daseins zur Gotteskindschaft; jeder andere Bildungsgang bedeutet den langsamen Abbruch eines Heiligtums oder seine Verschüttung und „eine unmerklich-allmähliche Einführung der gedemütigten Kinder in die Lüge“ (Franz Kafka). Aus dem vertrauenden Zutrauen, das die Angst zuflüchtig macht, erwächst die „Innigkeit“ der Bergung. Wie das Dunkel des Schlafes dem Nächtlich-Nichtigen verwandt und gegensätzlich zugleich ist, so ist die „Innigkeit“ dem Beengenden der Angst verwandt und entgegengesetzt zugleich. Ohne das zuflüchtige Geängstetsein gäbe es nur ein unmittelbares Eingehülltsein. In der Zuflucht aber hüllt und schmiegt sich das Kind aus innerem Herzensdrang selber ein und erfährt so die bergende Enge zugleich als Hut wie als einen nach innen hin abgeschirmten und gesicherten Ort um so wärmeren Lebens. Im „Innigen“ liegt im Engen zugleich ein Gegensätzlich-Lösendes und (von der Angst) Erlösendes. Es ist kein gleichgültiges Innsein, sondern hat etwas von einem begeistenden Überschwang, der sich der Liebe als schirmender Hut nur um so rückhaltloser hingibt und von dieser tröstend empfangen und umhalten wird. a) Das Haus als Grundgefüge des Daseins Die bergende Hut des Menschen aber ist das Haus (Hus-Hut), in das er sich selbst „in der Welt“ und gegen sie geborgen hat. Das Haus des Menschen ist Erzeugnis, Dar-stellung und Ausfaltung des sorgenden In-der-Welt-seins. Es ist nicht nur Bild und Gleichnis, sondern die ursprüngliche Ausfaltung des Daseins in allen seinen Bezügen. (Vgl. Siewerth: Das Haus des Menschen). In seinen Räumen, der „heiligen Herdstätte“, die Wärme, Licht und Nahrung gibt, den Schlaf- und Arbeitsräumen, den Werkstätten und Vorratskammern und schließlich den Wohnzimmern, hat sich der Mensch unter dem überschießen-

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den (=schützenden) Dach nicht nur gegen die sein Leben bedrohenden Unbilden der Gezeiten geschützt, nicht nur hat er den Überschuß des Jahres zum Schutz seines Lebens als Vorrat gesammelt, sondern zugleich sein Dasein in der Umfriedung in den Frieden wie in ein befreundetes Versammeltsein d. h. ins Wohnen gestellt. Hier hat er sich eingewohnt, hierher kehrt er zu sich selbst zurück ins Heimelige und Vertraute des Heimes und erlebt die wiederkehrenden Tage in dauernder Einkehr bei sich selbst. Hier hat er den Frieden der Ruhe, die abendliche Feierstunde und die Mahl-zeiten des Tages. Hier hebt sich die dauernde Wiederkehr des Lebens durch gesammeltes Innesein ins Dichte und Gesicherte tätiger Ruhe. Hier wird es vom Walten der Welt und ihrer Geschichte wie im fühlenden Herzraum erschüttert. Hier wird es heim-gesucht und erfährt die „Schickungen“, die am tiefsten im Herzraum gesammelter und behüteter Liebe, d. h. im Hause der Familie, empfangen werden. Durch das Haus des Menschen, durch die verinnerte Sammlung seines Wirkens und vertrauten Wohnens gehen Geburt und Tod, Abschied und Wiederkehr, die tiefe ungeschriebene wesenhafte Geschichte des Menschen, ohne welche die „große Weltgeschichte“ nur ein substanzloses Gemächte wäre. Hier erwaltet der Mensch aus den Herzkräften der Liebe die tragenden Ordnungen einer Werk- und Lebensgemeinschaft, die wir als „Familie“ bezeichnen. Nur in einem Hause übersteigt sich das Dasein ins Innige der bergenden Fürsorge, der zeugenden Liebe und der erweckenden Huld. In seinem behüteten Grund allein hat das Kind seine Stätte und seinen Anteil am Lebensraum und Lebensgeschehen der Eltern und Geschwister. Nur durch die Hausverfassung sind die Eltern zur Erzeuger-, Mehrer- und Wächterschaft ihrer Kinder ermächtigt und befähigt. Das Haus ist dem Walten der Welt abgerungen, gegen es erdacht und errichtet. Es bewahrt in sich die Erinnerung seiner Herkunft aus der hütenden Fürsorge. Es ist innerlich und innig, weil es Zuflucht, Hut und Huld zugleich in sich beschließt. Lebensangst und Schwermut können es freilich ins Enge und Dunkle verschließen, während ein weltmächtiger Wille des Hauses Frieden der vielfachen Bedrohung tätig entringt; in diesem Ringen erfährt er die Heimsuchungen und Schickungen nicht als überwältigende Nötigungen, sondern als notwendendes Schicksal und Geschick, so er sie von Gott empfängt. Wenn sie in seiner Gnade bestanden und im weisen Wort verwahrt und bekundet werden, wenn im Hause das Dasein sich in Freiheit in Fug und Fügung ereignet - ist die Wohnstatt des Menschen auch das „Ethos“ seines Daseins, wie die Griechen das ursprüngliche Wohnen nannten. Dann besitzt der Mensch im Heim den „heiligen Herd“, wie er im Gefüge seines gefugten Hauses und in der Ordnung seiner durchwohnten Räume und seiner Gewohnheiten über „Fug und Unfug“ entschieden hat. b) Fügsamkeit und Gehorsam Ein sittliches Gesetz ist stets eine schützende, verwehrende Grenze oder ein wegweisender Anruf des Guten. Wer sagt, daß man nicht stehlen soll, errichtet eine Grenze, die den zerstörerischen Einbruch in das Nicht-Gehörige und damit in die Ordnung der Gemeinschaft (unter Umständen bei Strafe) verwehrt; wer aber sagt, daß man Gutes tun oder Gott lieben solle, ruft Herz und Gewissen an, sich auf

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den Weg zum Guten und zu Gott zu begeben. In beiden Fällen wird deutlich, daß das Gesetz nicht das Gute ist; im ersten zeigt es nur eine Grenze an, bei deren Überschreitung das Gute erlischt oder zerstört wird, im zweiten ruft es zu ihm hin, ohne im einzelnen zum Ausdruck bringen zu können, was es je als dieses oder jenes ist; es zeigt Weg und Ziel dem Erkennen an, während es dem handelnden Wollen vorbehalten ist, den Weg zu beschreiten und das Gute tätig wirkend oder sich hingebend zu erfahren. Solchermaßen ist der Fug des Hauses als schützende Begrenzung wie als errichtete Ordnung für das Kind eine Einweisung und Zurecht-weisung; es ist eine verwehrende Eingrenzung, ein sichernder Halt und zugleich ein Anruf, sich einzufügen und der fügenden Sorge und Huld und ihrer mehrenden Güte teilhaft zu werden. Die Fügsamkeit ist daher ein Grundakt kindlichen Lebens. Das Kind ist von Grund aus und ohne Einschränkung fügsam, wie es im zuflüchtigen Vertrauen auf die Stimme der bergenden und geleitenden Sorge hören muß und gehorcht. Fügsamkeit und Gehorsam sind daher wie Vertrauen, Lebensdank und Ehrfurcht niemals durch erziehende Lehre einzupflanzen, sondern, wie Pestalozzi weise sagt, die Voraussetzung, der im voraus gesetzte Grund aller Erziehung und Unterweisung. Sie können daher nur „erinnert“ werden aus dem vielleicht verschütteten Grund sittlicher Geneigtheit, oder aber sie müssen in einem Akt liebender Neuverwurzelung und Beheimatung des Kindes aus seinem Herzen erweckt oder dem Kinde eingelebt werden, wenn sie nicht vorhanden scheinen. Werden sie durch Gewalt vom Kinde ertrotzt, so wird der Neigungs- und Liebesgrund des Lebens von einem fremden Willen eingenommen, das Kind in einen geheimen Lebensgroll oder in angstbesetzte, unpersönliche Minderwertigkeit und Achtungs-losigkeit, d. h. in die Unfreiheit gestoßen. Maria Montessori bestätigt dies mit den Worten: „Dem Erwachsenen gegenüber neigt das Kind zu einem Gehorsam, der bis an die Wurzeln des Geistes reicht.“ Es ist ja am Ursprung nichts als gequälte Hilflosigkeit an den Rändern einer dauernden, peinigenden und beschämenden Verwahrlosung, der die ordnende Sorge wehrt! Wie sollte es in ihrer Verwahrung sich nicht ins Helfende und Heilende ihrer Verfügungen fügen? Ist die Wiederkehr ihrer hallenden Schritte und der grüßenden Stimme nicht auch immer zugleich die Ein-leitung zu nährender, ordnender, reinigender Pflege und Wartung? Ist das Kind nicht immer schon horchend auf dieses besorgende Kommen gespannt, um sich seinem behutsamen Walten zu ergeben, d. h. zu gehorchen? Später wird es in Ordnung und Fug des Hauses erfahren, wie alles auf die Ermöglichung und Entfaltung seines Lebens hingerichtet ist. Sein Eingewöhnen ins Wohnen ist wesenhaft ein Sichrichten nach dem Grundgefüge einer sittlichen Lebens- und Herrschaftsordnung, d.h. es ist ein Akt des Gehorsams.

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c) Ordnung und Eingewöhnung Ein verständnisloses Erziehungsdenken und eine Praxis bequemer Gewalt sieht vielfach das „Gehorchen“ nur in einer blinden Unterordnung unter die „Autorität“ als solche verwirklicht. Die angstbesetzte Willenlosigkeit oder die klug berechnende Nachgiebigkeit gegenüber einem Übermächtigen verdeckt jedoch nur die wesenhafte Unsittlichkeit eines Verhaltens, in dem die Grundneigung der sinnvollen Einfügung erstickt ist. Gehorsam des Kindes ist als sittlicher Grundakt wesenhaft eine im Walten liebender Fürsorge erweckte, vertrauend zu-flüchtige Einfügung in Fug und Ordnung des bergenden Hauses, des weiteren die zutrauende Anerkennung der Fügungs- und Ordnungsmacht der Eltern und das Angerufensein zu verantwortlicher Mitverwaltung in ihren Anordnungen. Schließlich kann es auch die ehrfürchtige Beugung unter ihren zurecht-weisenden Anspruch sein, sofern er das Vermögen und Erkennen des Kindes übersteigt. Aber solche Beugung ist nur dann Gehorsam, wenn die „Autorität“ zugleich als Huld, als wehrende und mehrende Fürsorge und als Wächterschaft der kindlichen Freiheit und Würde sich erwies und dem Gewissensgrund sich selbst bezeugte und bekundete. Nur der liebende und sittlich waltende Mensch, der für das Kind einen exemplarischen Ort einnimmt, kann den Gehorsam erwecken. Dem Kind aber kann und braucht der Gehorsam nicht anerzogen zu werden. Er ist im Ursprung seiner Existenz in ihn verfügt, ja er ist im Gefälle seiner ängstigenden Verwahrlosung sogar eine Leidenschaft des Kindes. Zugleich ist zu beachten, daß es keine rechtliche Herrschaftsautorität für das Kind geben kann. Darum kann sich auch kein Erzieher auf sie berufen und aus ihrer Macht dem Kinde gegenüber handeln. Der Erzieher erfüllt seinen Auftrag in dem Maße, als er seine geistliche, staatliche, rechtliche „Autorität“ in seinem Wirken begründet. Wo der Mensch sein Amt nicht in seinem Walten vergegenwärtigt, kann er zwar unter Erwachsenen gültige und bindende Rechtsvollzüge stiften - erziehen kann er jedoch nicht, weil er das Gewissen der Kinder verwirrt und sein Amt nicht begründet, sondern durch sich selbst fragwürdig macht. Die Fügsamkeit ist ein Grundakt der Einwohnung und der Eingewöhnung. Auch diese muß dem Kinde nicht mühsam angetan werden, wenn das Kind im liebevoll und sittlich durchwalteten Haus der Sorge wohnt. Sie ist mit der zuflüchtigen Bergung ins Innere und seiner durchseelten Innigkeit identisch. Sie entspricht zugleich dem einfältigen, gesammelten Vernehmen und der ruhevollen Gelindheit des Lebensursprungs. Das ruhende einfältige (eingefaltete) Innesein des Kindes verschließt sich wesenhaft jeder Zerstreuung. Es kann nur das Gelinde, das Wiederkehrende und Geordnete vernehmen und mit ihm vertraut werden, denn alle Vertrautheit erwächst dem Grundakt des Vertrauens, der haltnehmend die Lebensruhe sichert. Nur das Geordnete, das Einfache und Bleibende gibt den Halt, in dem das hilflose Kind gehalten wird und sich hält. Da es sich selbst in seinem leiblichen Dasein und Vermögen erst im festhaltenden Gedächtnis zuwachsen muß, so ist ihm die umgebende Ordnung eigener und eigentlicher als seine Leiblichkeit. Diese kann sich vielmehr erst seiner Einbildung geben und einprägen, wenn der gefügte Urraum des Lebens, in den sich Leibliches erstrecken kann, aufgetan ist und das Kind in

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diesen Raum ausgreift. Nur die geführte Hand des Kindes kommt ins Handeln, in das es zugleich von der Liebe gerufen werden muß. Wenn wir aber bedenken, wie einig und rund der kleine Körper des Kindes in sich ruht, wie die in sich gesammelte Knospe des Lebens, wie das Kind ein aufgetanes fühlendes Herz und ein vernehmendes Auge ist, so ist auch der Urraum des Lebens für das vernehmende Kind ein einig-Inniges wie es selbst. Das Kind ist am Ursprung ein vertrautes, sich sammelndes Einwohnen, das das bergend Umhaltende des geordneten Hauses im Innig-Gelinden seines Fühlens ganz zu eigen hat. Wie tief dieses Einwohnen ist, das zeigt sich noch dem Erwachsenen, wenn er nach vielen Jahren in den Raum zurückkehrt, wo seine Wiege stand. Er begreift nicht mehr, wie das Gestänge oder die blaue (ihm nun ganz banal dünkende) Pappwand des Kinderbettchens sein Herz so selig durchstimmen konnte, wie die Farbe etwas Himmlisch-Inniges hatte, wie die einfachen Fenstervorhänge und das Lichterspiel, das durch ihre Musterung an den Wänden entstand, so liebevoll schimmerten in einem heimeligen Weben. Es wird noch lange ein inniges Genügen im älter werdenden Kind auslösen, wenn es sich irgendwo verschwiegen einducken und bergen kann. Wie in der Wiederkehr des Ähnlichen das Vernehmen zugleich Erinnerung ist, so bleibt das Vernommene durch die Erweckung des schon lange Eingebildeten und durch den Einklang, der die innig gestimmte Seelentiefe erregt, meist unauslöschlich dem Gedächtnis eingeprägt. Jeder möge dies an seiner eigenen Erinnerung nachprüfen. Mir ist jedes einzelne unbedeutende Ereignis dieser Art durch seine das Gefühl erregende Innigkeit lebendig geblieben. Nicht der großartige Blick von 80 Meter hohen Felsen ins Flußtal, wohl aber das Eingehülltsein zwischen Felsenwänden, Bäumen und Dickicht hat das Gedächtnis genau bewahrt. Ein von älteren Jungen errichtetes Mauergeviert, das mit Brettern und Holz bedeckt wurde, Zelte aus zusammengestellten Bohnenstangen, die mit Tannenästen verkleidet wurden, eine kleine verborgene, baumgeschützte Lichtung inmitten einer dicht bestandenen Eichenschonung, Schneehütten und tiefe schmale Schneewege, ein aus Stühlen erstelltes „Zimmer“, ein mit Brettern zugestellter Wagen, durch den hindurch man nach langem Kriechen in eine große Kiste gelangte, eine geduckte Unterführung unter einem Bahndamm, all dies, das zwischen dem 3. und 6. Lebensjahr erfahren wurde, ist nicht nur in anschaulicher Konkretheit, sondern in seiner Innigkeit lebendig geblieben, die das Gefühl einst durchstimmte und sanft bewegte. d) Einwohnen und Spontaneität Dieses Phänomen entspricht dem Grundakt des kindlichen Einwohnens, in dem das Kind am Ursprung sich ins Haus einfühlt und der Urraum des Lebens sich ihm eröffnet. Diese Einwohnung kann bei empfindsamen Kindern so stark werden, daß sie seelisch erkranken, wenn ihnen die eingewohnte Stätte entzogen wird (Vgl. M. Montessori, Kinder sind anders). Das Kind ist daher nicht von einer „ Selbstaktivität“ her zu verstehen, sondern allein aus der genügsamen, ruhevollen Einwohnung. Es ist wesenhaft dem Stillen, dem Sanftwaltenden, dem Sammelnd-Ordnenden, dem geordnet Wiederkeh-

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renden vom Herzensgrund her zugeneigt. Seine Freude am Wiederholen ist nicht eine vitale Funktionslust (wie eine biologistische Psychologie lehrt), sondern primär ein einvernehmendes Innesein und ein aneignendes sich Eingewöhnen in die Grundvollzüge des Daseins. Solange die Kindheit währt, hat die Erziehung diese Stille und eingewöhnende Sammlung des Kindes zu pflegen und alle Zerstreuung zu vermeiden. Nur in der gewöhnenden Einübung kommt' das Kind in den Lebensvollzug. Das Kind kommt um so früher ins verantwortliche Handeln, je mehr man es in eine Ordnung stellt, deren Aneignung und Mitvollzug es in die Achtung eines tätigen Gliedes einer Hausgemeinschaft bringt. Diese frühen Ordnungsleistungen, wie die Reinhaltung, das Ankleiden, das gesittete Essen werden mit der Geduld kindschaftlicher Ruhe, mit der innigen Freude eines Anteils am Trauten und Vertrauten und mit dem Ernst fast liturgisch-strengen Geschehens vollbracht, weil ja in ihnen das achtungsvolle hohe Werk der Mutter getan und zugleich ihre Mühe erleichtert wird. Das Eingewöhnen und Einfügen ins Haus ist solchermaßen die Begründung seines sittlichen Lebens, das in der ursprünglichen Scheidung zwischen Fug und Unfug, Ordnung und Unordnung in Entscheidung und Verantwortung gestellt wird. Je mehr Kind in der Hut und Acht steht, um so achtsamer nimmt es in der eingezeugten und sich mehrenden Achtung aus dem Akt des geschuldeten Dankes die Fürsorge für das eigene Dasein auf. Die Antwort seiner liebevollen Freigabe an die Ordnung des Hauses ist die einvernehmende Übernahme, in der es selbst das eigene Tun verantwortet. Alles Verantworten aber hat in der Übernahme eine Antwort gegeben auf einen Anruf und hält sich im Vollzug in der Antwort auf den Anspruch der das Haus verwaltenden Eltern. Nie ist das wesenhafte Handeln des Kindes auf eine sogenannte „Spontaneität“ zu gründen. Alles Sichbewegen erwächst aus dem Neigungsgrund seiner Seele, der nur in Selbstsein und Selbstbewegung kommen kann, wenn die metaphysischen Grundakte des Kindseins in der auszeugenden Huld der Liebe zur Entfaltung gekommen sind. Das Kind geht nicht aus sich selbst, sondern aus der auszeugenden Liebe hervor; es kann nur spontan sein, wenn es sich in eine Wohnung eingewohnt hat, aus der es hervorgehen und ausgehen kann. e) Erholung und Sammlung Das Einwohnen ist eine sammelnde Ruhe, die im Inneren inniger Bergung Vielfältiges versammelt. Wie oben dargetan wurde, ist das vernunftgemäße Vernehmen des Kindes immer im Ganzen des Seins und der Welt, so daß sich ihm in jeder Erkenntnis ein schon Vertrautes tiefer eröffnet. Diese sammelnde Ruhe, das Eingefaltete des Herzens umgreift das gesamte innere Sich-erkräftigen und Reifen, auch das, was man vegetative oder physische Regeneration nennt und als „unbewußtes Geschehen“ bezeichnet. Soweit nämlich in diesen Prozessen auch die seelischen Vermögen, ja das Leben im ganzen sich erkräftigt, ist mit ihnen notwendig eine Weise von Selbstgegenwart verknüpft, die allem Seelischen eigen ist. Man braucht doch nur sich zu vergegenwärtigen, wie wir wachend Ermüdung und Erholung an uns selbst erfahren, wie uns das Lastende der Müdigkeit quält, wie das Leben in sich selbst zurück-

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sinkt und sich im Gefühlsgrund jeder Erregung und Tätigkeit widersetzt. Die erholende Ruhe selbst aber wird als ein Behagen empfunden, das sich ins eigene Wohlgefühl einbettet und einschmiegt. Ebenso zeigt ein Wachwerden im tiefen Schlaf unmittelbar ein wohliges Eingesenktsein oder aber eine niederziehende, lähmende Schwere an, die das ganze Empfinden durchstimmt, der man sich nur in einem peinigenden Widerstreit entreißen kann. Das Erwachen und Sich-Erwecken aus schlaftrunkener Müdigkeit ist ein Sich-Entwinden aus einer dunkeln Schwere des Lebens, in die sich das Empfinden selbst begeben hat. Aber auch in dieser Loslösung verbleibt eine Weise gestimmter Selbstgegenwart, auf die man beim Erwachen unmittelbar aufmerken und sich Rechenschaft geben kann, daß man gut oder tief geschlafen hat. Das Nichtvermerkte und Unbeachtete oder das Schwerzubeachtende sollte man nicht einfachhin mit dem Ausdruck „unbewußt“ bezeichnen. Auch der wache Mensch beachtet nur wenig von dem, was in seinem Bewußtsein und in der Empfindung unmittelbar anwesend ist. Die nicht beachteten Wahrnehmungen der Sinne sind zahllos; fast nie aber reflektiert der Mensch aufmerksam auf das Empfinden und Gestimmtsein, mit dem sein Leib und seine Glieder für ihn da sind. Jedes einzelne Glied ist für ihn aber in einer empfindbaren Stimmung da, es ist mit ihm buchstäblich in Übereinstimmung. Diese Grundstimmung aber umhält und trägt den ganzen Lebens- und Daseinsakt. Die erholende, einholende Erkräftigung ist als gestimmte Sammlung des Lebens immer auch ein stilles Sichgenügetun, ein wärmendes Einstrahlen in sich selbst und ein ruhevolles Sicheinschmiegen. Man kann von ihm das aussagen, was Mörike vom Schönen sagt, und zwar in der Interpretation Heideggers: „ Selig scheint es in ihm selbst“, sofern es sich seiner Gelindheit in sammelndem Sich-Erholen dauernd mitteilt. Wie also das Dasein in der Grundstimmung des Herzens im Vernehmen ekstatisch ausgespannt ist, so ist es auch zugleich zu seiner Wurzel- und Lebenstiefe hin gesammelt. Beide Betrachtungsweisen aber fallen in eins zusammen in der einwohnenden Ruhe des Kindes. Denn der Mensch hat seinen Ruhegrund nicht nur in sich selbst, sondern auf der Erde, auf der er sich bettet - oder in der Ruhestatt des bergenden Hauses. Das ganze Haus ist solch ein Ort der bergenden Ruhe, wie zugleich der waltenden Erstreckung. Als solches ist es ein Ort der ordnenden Sammlung und Versammlung liebenden Lebens. In der Einwohnung und Einfügung ist also das Kind erschlossen und gesammelt zugleich und kann sein Leben in seiner inneren reifenden Erkräftigung in Ruhe zusammenhalten und zugleich ins Weite hin ausstrecken.

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IV. DAS KIND UND DAS BÖSE
„Der Mensch wird liebend eins mit dem, dem er anhängt, wie die Vernunft eins wird mit dem Gegenstand durch ihr Erkennen“ THOMAS VON AQUIN

Aus dieser ontologischen Entfaltung des Kindseins im Wohn- und Daseinsraum der Sorge, aus den habituellen Grundakten, aus denen die spontane Selbsttätigkeit erst hervorgeht, ergibt sich auch die Möglichkeit, das Verhältnis des Kindes zum Bösen aufzulichten. Auch diesem „Daseinsgeheimnis“ kann man sich nur aus einer metaphysischen (bzw. theologischen) Erhellung der wesentlichen Aussagen nähern. In diesem Zusammenhang müssen wir uns mit einer allgemeinen Umreißung der Phänomene begnügen. Was wir bisher kennzeichneten, war das Wesen des Kindseins, das im Walten der Liebe und des Heiligen gutheißend und im zutrauenden Vertrauen durch die Herzensakte des Dankes und der Ehrfurcht sich in exemplarischer Schaukraft einer liebenden Vernunft in den Fug eines sittlich geordneten und innig gesammelten Hauses einwohnt. Dieses Geschehen ist nicht möglich ohne die Macht der Sorge, ja es erwies sich, daß die Kindschaft eine einzige Entringung aus dem Elend der Hilflosigkeit und der Verwahrlosung, eine dauernde verbergende Bergung darstellt, in welcher das Kind mit der Ängstigung vor einem Unheimlichen das Heilmachend-Heilige der selbstlos schenkenden Sorge und mit dem Erhabenen des weltmächtigen, gütig waltenden Geistes das Bild Gottes erfährt. Im Grunde erfährt es das Allgemeine des Guten in der Konkretion einer einheitlich gefügten Ordnung und in personaler Erscheinung. Diesem Guten gegenüber befindet es sich in der Lage eines Geistes, der alle endlichen Möglichkeiten durchschritt und das allgemeine Gute in der Realität und Einzigkeit Gottes gefunden hat: d. h. die sittlichen Grundakte seines Herzens haben nichts von einer Entscheidung oder Wahl an sich, sondern geschehen aus der Notwendigkeit der Natur und eines diese adäquat erfüllenden Zieles. Das Kind ist daher am Ursprung wesenhaft dem Guten zugekehrt; es ist ein „heiliges Jasagen“, wie Nietzsche sagt; es ist „gutheißendes Vertrauen „und in der sublimen Innigkeit seiner Lebensstimmung eine von der Wurzel her begeistete Hingabe. Da es zugleich das, was es liebt, exemplarisch erfährt und Gott und Geschöpf, Urbild und Abbild im Sein nicht unterscheidet, so erfüllt sich in ihm das, was man metaphysisch „einen guten Willen“ nennt. Dieser Erkenntnis widerstreitet in nichts die Lehre von der Erbsünde. Der Aquinate lehrt unmißverständlich, daß weder in den ursprünglichen Vermögen der Geistnatur und ihren habituellen und ersten Akten eine „Neigung“ zur Sünde anzutreffen sei, noch kann ein unmittelbares Geneigtsein der sinnenhaften Natur in irgendeinem Sinne für sich selbst „böse“ genannt werden. Die Erbsünde besteht vielmehr neben der Ablösung (destitutio) von der heiligenden Gnade in einer inneren „Auflöung der Einheit“ der Natur. Dies bedeutet, daß die an sich dem Guten zugekehrten Neigungen von den zentralen ordnenden und leitenden Vermögen nicht zur Einheit eines Zieles gebunden werden können - oder aber, daß das Angebot endlicher Güter für einen von Gottes Liebe entfernten und nicht mehr belebten Geist ü-

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bermächtig ist. Des Kindes Streben kann daher in keinem Falle böse genannt werden, weil es sich endlichen Gütern zuneigt, sondern erst dann, wenn ihm die Kraft entzogen oder nicht geschenkt wird, das Erstrebte in einer vom Guten her und auf das Gute hin gefügten Ordnung zu halten. Eine bloß abwehrende, entziehende Pädagogik ist daher am Ursprung sinnlos, wenn sie nicht eine Erkräftigung der zentralen Herzenskräfte und des geistigen Strebens anzielt. Sofern diese zentralen Kräfte aber auf einer Erfüllung der Grundneigungen aufruhen, so ist die Aufgabe, diese nicht zu schwächen oder zu diffamieren, sondern sie zu erwecken und zu Dienern der Liebe zu machen und sie ihrem Walten zuzuordnen. Da die noch ungespaltene Natur des Kindes im Enthusiasmus der Liebe sich leicht sammelt und alle Neigungen im Herzensakt einwandelt, so gibt es keine Zeit im Leben des Menschen, die fruchtbarer zu seiner sittlichen Ordnung und Erkräftigung wäre als die frühe Kindheit. Denn hier ist am Ursprung Herz und Natur im gutheißenden Vertrauen zur Liebe gewillt, so sehr, daß alles Erfahrene als ein Ausstrom, eine Gabe und als ein Medium der Liebe vernommen wird. Es ist selbstverständlich, daß die „Gnade, die ein Kind in der Taufe erhält“, dieses ursprüngliche Vermögen der Natur verstärkt und das Herz noch geöffneter und williger macht, das Gute und Heilige zu vernehmen und an seinem Wesen und Walten teilzuhaben. In diesem Ja zu allen Wesen, und Gaben, mehr noch im gutheißenden Sich-Anvertrauen, im exemplarischen Vernehmen und schließlich in der Leidenschaft der sich einwohnenden Fügsamkeit, in der hingegebenen, unreflektierten Lebensempfängnis des Kindes liegt daher seine „Unschuld“ begründet. Was uns am Kinde rührt, ist die gesammelte Einfalt seines Wünschens und Strebens und das ungebrochene Ja zu einem Leben der Gerechtigkeit und der Liebe. Nach der Lehre des Aquinaten gibt es kein Böses schlechthin. Weil es seinshaft nichts ist als eine Ermangelung, so ist es metaphysisch nur vom Guten her ermöglicht1. Dies gilt sowohl im Hinblick auf das erstrebte Ziel, das stets als eine Weise des Seins und des Lebens etwas Gutes ist, als auch im Hinblick auf den strebenden, sich versiegelnden Geistakt, der seine Kraft aus dem bewegenden Guten als einem Göttlichen und Unübersteigbaren besitzt. Angesichts dieses Unwesens des Bösen entspringt eine doppelte Frage: Erstens, wie das Kind Böses erfährt und erkennt, und zweitens, wie es ihm verfallen kann.

1. Die Urerfahrung des Bösen aus dem Guten
Die erste Frage kann nur im aufgewiesenen Horizont des Kindseins beantwortet werden. Dabei scheint es zunächst, als sei der Weg zu einer Antwort durch die gutheißende Unschuld des Kindes versperrt. In der Tat liegt im Positiven des kindlichen Lebensaktes, solange er sich aus seinen Gründen im Walten der Liebe entfaltet, eine geheimnisvolle „Verständnislosigkeit“ vor für das, was man ein von Grund aus böses Tun nennt. Es gibt nicht nur eine Fülle von Lebensmöglichkeiten, die das gute Kind für unmöglich
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Vgl. Siewerth Gustav: Die menschliche Willensfreiheit nach Thomas von Aquin.

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hält, sondern auch das Wesen einer „bösen Handlung“ ist ihm verschlossen. So tritt es oft ein, daß aufgeweckte Kinder von den Lehren einer „absoluten Entscheidung“ im sittlichen Lebensvollzug und ihren unaufhebbaren Straffolgen tief beirrt sind und wie vor einem wesenswidrigen Abgrund stehen, der ihnen unzugänglich ist. Aus diesem Grunde neigen viele Kinder zu einem metaphysischen Mitleid mit allen „bösen Wesen“. Dieser Seite entspricht freilich auch eine entgegengesetzte Möglichkeit. Da dem Kinde die innere Motivation des Bösen verschlossen ist und es das Gute als das Selbstverständliche nimmt, so radikalisiert es jedes Versagen auf jenes Unbekannte und Unheimliche hin, das man das Böse nennt, und neigt oft zu einer rigoristischen, absoluten Verurteilung, die von grausamer Unerbittlichkeit sein kann. Diese Unerbittlichkeit nimmt ihren absoluten Maßgrund an der Weise, wie die Eltern und die Vertreter der sittlichen Ordnungen Böses verneinen und verabscheuen. Diese kindliche Entschiedenheit ist nur die Kehrseite eines emphatischen Willens zum Guten. Ein tieferes Eindringen enthüllt hier einen urtümlichen Zugang ins Geheimnis des Bösen, das auch das gute Kind ahnungshaft durchschüttert. Dieser Zugang liegt in seiner implikativen und exemplarischen Erkenntnis des Seins. Wie sich ihm nämlich in der entbergenden Verbergung der Todesabgrund des Lebens entschleiert und die Angst es ins zutrauende Vertrauen der Sorge entrückt, so steht es früh in einem geheimnistiefen Widerstreit zwischen dem Hohen und Mächtig-Erhabenen der elterlichen Liebe und der Tiefe und Unruhe ihrer Sorge. Diese Sorge steht ja nicht nur in der Wehr des Todes, sondern der Welt, deren Widerstreit der Mensch sich als wohnender im Hause entringt. Da, wo das Kind früh auf die Angst und den Ernst der Eltern stößt, erfährt es das „Feindliche“ als eine Unmacht gegen ein exemplarisch heiliges Walten. Dieser Widerstreit ist mehr als das Dunkel des namenlosen Todesverhängnisses, sondern hat etwas von einem „Grimm“, der das Heilige beunruhigt und versehrt. Dieser „Grimm der Welt“ ist die urtümliche Erfahrung des Bösen. Ist er einmal, das Haus der Kindheit umbrandend, erschienen, hat er sich im Antlitz und Wort der Eltern angezeigt, so ist alles Dunkle, alles Dräuende und Unheimliche des Daseins von ihm durchwittert. Dieser Grimm grollt in den Gewittern des Sommers, im Gebraus nächtlicher Stürme, im Unberechenbaren und Plötzlichen menschlicher Zornesausbrüche, in der Wut, der Grausamkeit und Wildheit von Tieren, er spinnt im Wuchern giftiger Pflanzen oder brandet heran im Unheilsgang von Seuchen, Kriegen und Naturkatastrophen. Je weniger das Kind diese Mächte abschätzend begrenzen kann, um so tiefer erfährt es das Heimliche und Bergende des Hauses und des nahen heimatlichen Raumes in seiner schützenden Wehr, weil hier das Walten der Eltern sich als bannende Macht und ihre ratgebende Sorge als Heil erweist. Diese Ausspannung des Daseins, das sich sorgend des Todes und des Grimms erwehrt und von daher im Ernst der Arbeit wie des Kampfes steht, bringt den exemplarischen Herzensblick des Kindes ins Verstehen. In diesem Verstehen wird die Sage - und mehr noch in den frühen Tagen das Märchen - zur auslegenden Deutung einer geahnten Tiefe des Lebens. Zugleich eröffnet sich der exemplarisch einige Seinshorizont der Frühe auf seine letzte Sicherung hin: Die Eltern können nämlich diesen Horizont des Grimms nur erscheinen lassen auf Kosten ihrer sichernden Auctoritas, oder aber sie müssen

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ihn dem Kinde verschleiern und das Leben verharmlosen. Da beides das kindliche Dasein schwächt oder verfälscht, so gibt es keine andere Möglichkeit, als daß die Eltern so früh wie möglich ihr Vertrauen, ihren Glauben und ihre Ergebung und darin die eigene Kindschaft vor einem himmlisch waltenden Vater bekunden. Damit sichern sie das Gute in einer höchsten, von keinem Grimm erreichbaren Güte und lassen das eigene Walten und die elterlichen Verfügungen als Dienst und pflichtigen Gehorsam erscheinen, indem sie sie im letzten Grunde des Seins verwurzeln. Indem dies geschieht, spiegelt sich in der unmittelbar erfahrenen Ordnung des Guten, im Fug der häuslichen Fügungen die höchste Ordnung des Seins, und das Kind erwächst durch die exemplierende Schaukraft seiner Liebe zur Wahrheit seines Gewissens. Jedes Gewissen wurzelt mit seiner urtümlichen Geneigtheit zum Guten, mit seiner feinsinnigen Ermessens- und Erhellungsmacht, schließlich mit seiner spontanen Warn- und Richtkraft in jenem Herzens- und Geistgrund des Daseins, in welchem in der Frühe der Kindheit eine Lebensordnung, die aus Huld und Liebe gefügt war, im Ernst einer letzten Herausforderung und Bereitschaft erfahren und in frommer Ergebung in Gottes Walten versiegelt und begründet wurde. Man kann deshalb sagen, daß die fromme, gewissensernste Frau Sorge, die das gutheißend vertrauende Kind früh in den eigenen Ernst ruft, immer gute und sittlich aufgehellte Kinder hat. Dabei kann niemand sagen, mit welcher Macht die frühsten, das ganze Dasein tragenden und richtenden Gewilltheiten und Versiegelungen des Kindes Herz durchwalten. Erfahrungen zeigen, daß drei- bis vierjährige Kinder nicht nur Erwachsene, sondern sogar Vater und Mutter in ein unerbittliches Gewissensgericht rufen können und nur durch Eingeständnis der Schuld, durch Reue, Wiedergutmachung und Besserung in ihrer Anklage beschwichtigt werden. Für die Mitteilung des göttlichen Lebens gibt es keine psychologisch fixierbare Schranke, wie keiner sagen kann, wie tief ein Kinderherz des Wesens der Dinge und des Seins innewerden kann. Daß das Kind sich daher nicht nur in die elterliche Sorge einbirgt, sondern sie im Gewissen überwächst, das gründet darin, daß das Kind exemplarisch denkt und im Ganzen des Seins Heimat hat. Wie könnte sonst ein zweijähriges Kind nach dem Besuch eines zoologischen Gartens die Mutter trösten, die ihm oft die Mär vom Wolf und den 7 Geißlein erzählt hatte, und zwar mit beschwichtigendem Ton und mit den Worten: „Du brauchst nun keine Angst mehr zu haben, Mutti; der böse Wolf kann nicht kommen, denn er ist gut eingesperrt.“ Wie es hier in seiner Fürsorge die mütterliche übersteigt, so überwächst es früh auch die konkreten sittlichen Verhältnisse ins Exemplarische und Gültig-Allgemeine. Bei dieser Betrachtung ist wesentlich, daß das Kind das „Böse“ vom Guten her erkennt. Je mehr das Gute waltet und das Kind zur Liebe erweckt ist, um so sicherer erfaßt es das Böse als Schwäche oder Verletzung der Liebe. Im Maße ihm die göttliche Ordnung als eine Fügung der Liebe erscheint, transzendiert es die unmittelbare Erfahrung des „Grimmes“ ins Mysterium iniquitatis, d. h. des sittlich und religiös Bösen. Dabei ist ihm die Ordnung der Liebe ein sicherer Maßstab. Kinder, die in ihr atmen und schauen, sind von feinsinnigster Urteilskraft. Sie vernehmen jede unpassende Nuance, fühlen jede Ungerechtigkeit und stehen im schmerzvollen Kampf gegen die Kompromisse, die Nachgiebigkeit und die Skepsis der Erwachsenen im Hinblick auf den „konkreten Lauf der Welt“. Angesichts der Unerbittlich-

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keit ihres sittlichen Urteils ist daher in einer Gemeinschaft von Kindern jede (psychologische) Sonderbehandlung einzelner irgendwie zu begründen und verständlich zu machen - und zwar immer vom Guten her, das sich nicht im Gesetz, sondern in der Liebe allein „erfüllen“ läßt. Jede Gewissensbildung muß daher den Weg beschreiten, die Gesetze als Schutzmacht und konkrete Handlungen als Ereignis liebenden Lebens zu erweisen. Alle Tugenden wie Wahrhaftigkeit, Mäßigkeit, Treue und Vertrauen, Tapferkeit gründen im Heil des Daseins, das sich nur durch sie im Ganzen gegen den Verfall und den Grimm des Bösen als Huld und Liebe bewahren kann. Wird dies versäumt, so kommt das Kind in Gefahr, daß es sich an den Grenzsetzungen allgemeiner Gebote verängstigt oder verengt und zu rigoristischer Strenge verhärtet. Auch gute, wohlmeinende Kinder können an der Erfahrung der Daseinsbedrohung hart und grausam werden.

2. Das Kind in der Preisgabe an das Böse
Aus dem Gesagten folgt, daß dem Kinde im selben Maße das metaphysische Wesen des Bösen sich verdunkelt, wie dieses unmittelbar in sein Leben tritt und die exemplarische Grundordnung des Daseins zerstört oder angetastet wird. Denn das Böse ist als Mangel ohne das Gute gar nicht erfaßbar. Deshalb bedeutet die sittliche Verwüstung des Familiengrundes ein gar nicht abzuschätzendes Ärgernis, weil das Böse um so weniger erkannt wird, je unmittelbarer es waltet und das Kind deshalb heillos überwaltet. Da das Kind am Ursprung aus Natur und Leidenschaft ein gutheißendes, sich anvertrauendes Jasagen ist, so wächst es mit der Energie seiner einfältig unzerspaltenen Gewilltheit dem zu, was ihm aus dem menschlichen Herzen seiner Eltern und Erzieher als Lebensnahrung geboten wird. Ist es die unbeherrschte Scheinliebe selbstischer Verliebtheit, die das Kind mit Gaben nach Maßgabe ihrer unerfüllten Lebensgier überhäuft, so transzendiert seine einfältige Naturkraft ins unpersönliche, bezuglose Genießen und erkaltet schnell in Habsucht und Gier sinnenhaften Behagens und Besitzens. Wird das Dasein verharmlost und flach humanisiert, gründet es sich nirgends ein ins Geheimnis der Gotteskindschaft, so erblindet das Kind gegenüber der wesenhaftesten Möglichkeit und Aufgabe des Lebens. Es schwärmt sich in eine scheinhafte Lebenssicherheit hinein, beargwöhnt und mißversteht den religiösen Ernst und hält sich im Harmlosen beruhigter und gesicherter Lebenskreise, an deren Grenzen sich ihm die Welt verschließt. Oder aber es radikalisiert in der einfältigen Neigungskraft seines Herzens seine befriedete Welt, die ihm „idealisch“ wird, deren Schwund es überall in schwermütige Trauer, zu Mißtrauen und skeptischer Verzweiflung bringt, wenn nicht eine Unruhe im Herzen aufbricht, die Welt über ihren Daseinsstand hinaus von Grund aus zu verwandeln und zu verkehren. Der frühe Verlust der vom Glauben an Gott erleuchteten Welterkenntnis führt das Kind daher in Schwermut oder legt den Grund zu einer Unruhe und Verstörung, die sich mit allem verbindet, was das Dasein aufstören und verwandeln will. Noch näher liegt eine andere Möglichkeit, daß das Kind unmittelbar in die Existenzweise der Eltern hineinwächst, daß es ihre Weise, sich im begrenzten Raum in einer gewissen Innigkeit sympatheti-

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schen Einvernehmens zu halten, übernimmt, aber außerhalb dieser Sphäre zu kühler Indifferenz oder gar zu abweisender, grausamer Herzenskälte kommt. Die substanzlose, bürgerliche Kleinfamilie unserer Zeit bringt vielfach solche Kinder hervor, die kontaktlos, lieblos und oft grausam nur zu ihrer eigenen Welt gewillt sind. Sie sind im Tiefsten ihres Wesens gewissenlos, weil die Grunderfahrung des Heiligen sich verfälschte und wesenswidrig begrenzte, so daß die Ordnung ihres Lebens der transzendentalen Tiefe und Weite entbehrt. Ihre Existenzweise ist daher vom Guten im eigentlichen Sinne abgelöst und unfähig, das Wesen des Bösen überhaupt zu erkennen, da es mit seiner Seinsermangelung im geheimen Einverständnis steht. Die Anerkennung legaler äußerer Ordnungen oder eine oberflächliche Fairness klug berechneten Auskommens mit dem Mitmenschen verbirgt oft den sittlichen Abgrund, dem solche Menschen von ihrer Gewissenswurzel her verfallen sind. Es erhellt, daß die wesenlosen Verfallsweisen der ursprünglichen Seinsordnung der Liebe so zahlreich sind, daß sie nicht alle nachgezeichnet werden können, wie der Verfall eines Hauses in seinen Möglichkeiten unbegrenzt ist, während es nur einen strengen, geordneten Weg zu seiner Errichtung gibt. Furchtbar ist es, wenn Herzenskälte, Rohheit und Verzwistung, Unbeherrschtheit an der Wiege des Kindes walten, wenn sie entweder die sittliche Herzensempfängnis des Kindes an der Wurzel vergiften und es in eine verwilderte Lebenswirrnis hineinreißen oder wenn sie in die aus göttlichen Maßen gebaute Welt der Liebe, der Hoffnung und des gutheißenden Vertrauens des Kindes einbrechen, wenn die tragende Ordnung in ihren zentralen Haltekräften wankt und erschüttert wird. Wie das Kind nur durch die bergende Wehr der Sorge sein Dasein hat und deshalb wehrlos preisgegeben und übermächtigt wird - bis in die tiefsten Lebensgründe hinein - wenn das Schicksal die Eltern fassungslos ängstet und zerrüttet, so kann es keiner ermessen, was eigentlich geschieht, wenn die heilmachende Huld der Mutter sich in abweisende Herzenskälte verkehrt oder die Majestas des Vaters Züge grausamer Tyrannei, unbeherrschter Roheit oder haltloser Schwäche annimmt. Hier bricht das Unheil ohne jede mögliche Gegenwehr in den empfänglichsten und maßlos geöffneten Herzraum des Daseins ein, um ihn an den Wurzeln zu verwüsten und zu verwunden. Diese existentialen Traumata sind immer krankmachende Versperrungen, erstickende Lähmungen, ängstigende Verengungen und forttreibende Verflüchtigungen des kindlichen Daseins. Oft verschließt sich der heilsgewillte Blick des Kindes und läßt das Erfahrene und mit ihm den tragenden Grundbereich seines Lebens ins Vergessen untergehen, um nun fortan, abgeriegelt von den Lebenswurzeln, ein in der Tiefe beirrtes und durchängstigtes Leben über versunkenen Abgründen in neuen, ober-flächlichen Bereichen zu leben - oder aber es verfällt in haltlose Schwächen, in eine flüchtige Unruhe, die schon mit 4 oder 6 Jahren jede Gelegenheit wahrnimmt, in eine andere Welt zu fliehen, wo es die verlorene Kindheit und Liebe sucht - es verfällt dem Fieber der Angst, die es kraftlos zerstreut, dem Brüten der Schwermut, aus der es zu keinem freudigen Ja mehr erwacht, - oder es sammelt seine empörte Zornkraft gegen den Grimm des Lebens, gegen seine Kälte und seine Lüge, zieht sich in einen Eigenbereich zurück, der ihm oft von den Erwachsenen aus Bequemlichkeit gewährt wird, und verschließt sich vertrotzt ins Karge und Bittere unzugänglicher, einsamer Daseinsräume. In

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diesen Verstecken verhärtet das Kind oft zu einer verbissenen Entschlossenheit, in der es sich hellsichtig Wege und Schleichwege bahnt in verwegenes, rachsüchtiges Wagen. So unheilvoll solche Grundverstörungen in der Entwicklung des Kindes sich entfalten können - bis zu völlig asozialer Kriminalität, so stehen sie in ihrer Grundgewilltheit alle jenseits von Gut und Böse, da sie dem einfältigen, sich naturhaft anvertrauenden Wollen des Kindes nicht entspringen, sondern ihm angetan und eingelebt worden sind. Sie sind stets Anklage und Gericht über das verfallene Dasein der Erzeuger und Erzieher, die Fehlfrucht ihres vergifteten und verrotteten Daseins. Was sich im transzendentalen Geistgrund in der Existenz solcher Kinder ereignet, bleibt ein undurchdringliches Mysterium. Nur das Übermaß heilsgewillter, heilmachender, geduldig waltender Liebe und die Einwohnung in eine ungestörte Lebensordnung vermöchten den Herzensring dieser Kinder wieder in zarter Pflege zu befruchten und ins lebensgewillte Erblühen zu bringen. Wuchert er ungepflegt weiter, so ist nicht zu sagen, wie sich in der Begegnung mit den geordneten, sittlichen Gestalten des Daseins solche Kinder entwickeln, wie sie von ihrem Anderssein und ihrer Verwilderung dauernd gedemütigt sind, wie sie traurig verbittern oder argwöhnisch das Gute umlauern, um seine Scheinhaftigkeit und Unechtheit, seine Schwächen und Niederlagen als eigene Bestätigung zu erfahren, wie sie es hassen als ein Anmaßend-Fremdes und Feindliches, wie sie es bekämpfen, um seine Ansprüche zu entkräften, wie sie schwanken zwischen Sehnsucht und Abwehr, zwischen kraftlosem Versuchen und resignierter Entschiedenheit ins Eigene des „Bösen“, wie sie zwischen ratloser Reue und grimmigem Einverständnis, zwischen trauervoller äußerer Ergebenheit und einem getarnten Aufbegehren schließlich in sittliche Entscheidungen, in religiöse Verneinungen hineinwachsen, deren Schuld und Schicksal kein Mensch und auch sie selbst nicht - ermißt. Wie im wesenhaften Reifen das Kind das Böse vom Guten her erkennt, so lichten sich hier verspätet die Lebensgewilltheiten auf. Solche Kinder erfahren Gutes nur, um zugleich die Schrecknis des eigenen Verfallenseins zu gewahren - wenn sie auch immer schon durch die Verkehrung ihrer Grundgestimmtheit und durch ihre exemplarisch dem Vollendeten des Daseins zugekehrten Schaukraft ahnungsvoll des Mißratenen und Verfallenen des eigenen Daseins innesind. Daß es dennoch so, wie sie es leben, ihr Wille und ihre Neigung ist, daß sie selbst dieses Leben sind, das ist wohl das Furchtbarste, das einem Menschen geschehen kann. An den heilsgewillten Grundneigungen des Kindes wird jedes sittliche Versagen zu einem schaudererregenden Unheil, an dem verständlich wird, daß Christus die furchtbarste Verfluchung über die ausspricht, die einem dieser Kleinen Ärgernis geben.

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3. Sittliches Versagen im Lebensbereich des Guten
Diese Verstörungen sind wohl zu unterscheiden von Schwächen, Unbesorgtheiten und Gesetzlosigkeiten, die sich in einem dem Guten hingegebenen und von der Liebe getragenen Dasein immer ereignen. Es ist selbstverständlich, daß jede Untugend, eine Lüge, ein Diebstahl, eine Grausamkeit, die ein Mensch begeht, dem das Kind sein Vertrauen schenkte, der ihm Repräsentant und Bürge einer guten Lebensordnung wurde, stets eine schwächende, eine beirrende, wenn nicht eine verführende Wirkung auf das Kind ausübt, was den Erzieher zu zuchtvoller Askese verpflichtet. Man muß bedenken, daß das Kind in seiner Grundgewilltheit wie in seiner ehrfürchtigen Verehrung stets das eigene Dasein in seinem Unvermögen und den vielfältig möglichen Unordnungen seiner Neigungen transzendiert, daß es nur durch lange Eingewöhnung in ein ständiges sittliches Lebensgefüge sich zu sittlicher Ordnung erkräftet. So lange es „auf dem Wege“ ist, so lange die sittliche Ordnung in ihrer Strenge und ihrem dem Guten dienenden Wesen nicht seinem Neigungsgrund habituell einbildete und ihm in Fleisch und Blut überging, schwächt jede Überschreitung, die es durch Menschen seines Vertrauens erfährt; jedenfalls ist der Gewissensernst, der am tiefsten aus einer wesenhaften und unverletzt bewahrten Gesetzesordnung und ihrer Versiegelung in einem absoluten Willen erwächst, durch solche Übertretungen beein-trächtigt. Die Lauterkeit eines heilsgewillten Lebens und seine Wahrhaftigkeit, die dem Vertrauensakt des Kindes korrespondiert, ist die grundfügende Baukraft des menschlichen Lebens. Je reiner sie sich enthüllt, um so leichter ist es möglich, mit der Tugend der Wahrhaftigkeit, die nichts unnötig verdeckt und beschönigt, die Warn- und Richtkraft des Gewissens zu stärken. Andererseits, ist ein sittliches Versagen - besonders der Mutter, die ihr Kind in opfernder Hingabe liebt in keinem Sinne verstörend. Meistens nimmt ein Kind solche Fehler gar nicht wahr, weil sie angesichts des erfahrenen Heiligen bedeutungslos sind oder gar als gerechtfertigt angesehen werden. Dies letzte hat allerdings die Gefahr bei sich, daß gutgewillte Kinder in läßliche Unsittlichkeiten, in die atmosphärischen Unzulänglichkeiten der Familie hineinwachsen und später nur durch eine energische Entschlossenheit diese oft peinlichen Gewohnheiten wieder verlieren. Es ist oft rührend, wie sie mit den Lügen, Aufschneidereien und Eitelkeiten der Eltern in einem deckenden Einvernehmen sind, ohne daß ihnen der Gedanke kommt, daß Würde und Wert der Eltern dadurch gemindert seien. Der Erzieher muß solchen Erscheinungen gegenüber sehr behutsam sein. Niemand hat das Recht - aus rigoristischer Gesetzesmoral - das Herzensverhältnis und das Urvertrauen des Kindes zu stören, weil er meistens mehr verdirbt als er aufbauen kann, wenn er das sittliche Ansehen der Eltern mindert. Man kann zudem sagen, daß das Verhältnis des Kindes zur Mutter, sofern in ihm die grundgebende Bergung und Daseinsempfängnis des Kindes wurzelt, irgendwie jenseits von Gut und Böse begründet ist. Im vielfältigen Schwanken des kindlichen Wollens, in seinem mannigfaltigen Versagen, in all seinen Wirrnissen bedarf es bis zu jener Reife, da es sein Dasein selbst verantwortet, der fraglosen Zuflucht einer bergenden Huld. Das sittliche Dasein ruft angesichts seiner Schwäche nicht nur nach göttlichem Erbarmen, sondern ist an seinem Wurzelgrund einer Liebe überantwortet, deren Maßlosigkeit - wird sie

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auch schmerzvoll beladen und enttäuscht - keine Wahl hat, als das Kind ihres Herzens zu lieben - bis ans Ende. Die Erfahrung sittlichen Versagens ist im übrigen, da sie der Verfassung des menschlichen Daseins entspricht, für das Kind auch ein wesentlicher Weg zu Reife und wachsamer Nüchternheit. Es wäre daher verhängnisvoll, wenn der Erzieher seine menschlichen Schwächen raffiniert tarnte, wenn er sie verharmloste oder gar „autoritativ“ in sittlich begründete Handlungen umzufälschen suchte. Diese Übertünchung des Daseins und seine erlogene, künstliche Vollkommenheit ist für das wachsame und hellsichtige Kind eine widerwärtige Maskierung, die es im tiefsten Herzen verabscheut. Nichts hingegen ist erhellender und tröstender, nichts bringt mehr ins Gute als eine Demut, die eigenes Versagen anerkennt, sich aber nicht in ihm beruhigt, sondern sichtbar macht, wie es zu überwinden sei und im Gewissensgrund dem verletzten Gut die ihm gebührende Ehre gibt. Den Eltern gegenüber erfährt das Kind durch ihre Schwächen früh jene heilsame „Verendlichung“ und „Vermenschlichung“ ihres Wesens, die der Wahrheit ihres Menschseins entspricht. Sofern es am Ursprung Urbild und Abbild nicht unterschied, bedeutet ihr Heraustreten freilich dann immer die Entschleierung eines Irrtums und die „Vertreibung des Kindes aus seinem paradiesischen Ursprungsort“, - wenn die Eltern nicht selbst das Exemplarisch-Heilige ihrer Vater- und Mutterschaft als ein sie bindendes und überwaltendes Vermächtnis an jenem Ort wahren, woher es Namen und Wesen hat, nämlich in Gott und seiner Gnade. Indem sie selbst ihre Schuld und Schuldigkeit bekennen, Gebet, Bekenntnis, Beichte, Buße und Besserung üben und bei allem Versagen den Ernst sittlicher Verpflichtung und Verantwortung nicht verleugnen, wird der exemplarische Ort des Ursprungs nicht nur in der Eröffnung der Lebenswirklichkeit bewahrt, sondern zugleich durch die Eltern bestätigt, die nun im Glanze abbildlichen Waltens nichts von ihrer Würde einbüßen, sondern die stärksten Träger und Wegweiser des kindlichen Daseins werden. Indem sie fortan in geschwisterlicher Weise neben es treten, machen sie durch die Menschenkindschaft den Weg frei in die Freiheit und das persönliche Geheimnis der Gotteskindschaft.

4. Die Bildung des Gewissens
Das Gewissen des Menschen ist nicht nur mit der Richt- und Neigungskraft des Guten begabt, sondern im eigentlichen Sinne eine „Erfahrungsweisheit des Herzens“, wie das konkrete, so vielfältig ungeregelte Dasein durch Wahl und Entscheidung zu bewältigen und dem Sittlich-Guten zuzuordnen sei. Diese Weisheit kann der Mensch niemals durch eine „Lehre“ gewinnen, deren allgemeine Sätze keine echte konkrete Handlung begründen (vgl. Siewerth: Die menschliche Freiheit nach Thomas von Aquin). Deshalb wird das Gewissen des Kindes nur in einer sittlich durchwalteten, menschlich erfüllten Lebensordnung gebildet. Wie daher die Eltern durch ihr Sein die exemplarische sittliche Schaukraft des kindlichen Geistes und Herzens wesenhaft und „ideal“ (im ursprünglichsten Vers-

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tande dieses Wortes) durchbildeten, so sind sie auch in ihrem sittlichen Walten die Pflanzer, die Mehrer und Hüter seiner sittlichen Gewissensklugheit und Lebenssicherheit. Diese „Führung“ und „Einweisung“ ist das eigentliche Wesen der „Erziehung“. Denn Er-ziehen besagt ursprünglich jenes ständige Einweisen des reifenden Daseins in sittlich geordnete Wege und in die Notwendigkeit zu eigener Wahl und Entscheidung gemäß dem Guten einer bewährten, aus der Liebe gestaltenden Ordnung. Je mehr das Kind in seinem gutheißenden Vertrauen ins Dasein ausgreift und spielend sich auf seine Angebote einläßt, um so mehr steht es in Gefahr, sich in seiner Wirrnis zu verlieren und in den Widerstreit der verschiedenen Weisen des Guten sich zu verstricken. Nie wieder ist der Mensch so sehr dem sittlichen Konflikt ausgeliefert wie in der emphatischen Hingabe der Kindheit. Deshalb bedarf es nicht nur jener fraglosen Zuflucht bei einer guten Mutter, sondern vorab der sichernden Absteckung der Lebenskreise, die seiner kindlichen Erfahrung und Urteilskraft angemessen sind; noch wesentlicher aber ist die einweisende und zurechtweisende Mahnung, die nicht richtend verurteilt und maßregelt, sondern mit intuitiver Versicherung über den guten Willen des Kindes das immer vorhandene Gute im Erstrebten anerkennt, seine Bejahung und den Mut des Strebens bestätigt, um dann erst die aufgetretene Wirrnis zu entschleiern, die Verletzung anderer wesenhafter Güter sichtbar zu machen und den Weg zu zeigen zur Lösung des Konfliktes. Geschieht dies nicht, so wird das Kind sittlich entmutigt und verängstigt oder es lebt sich trotz „guten Willens“ in gefährliche, habituelle Verhaltungsweisen hinein, die mit dem Schlechten unheilvoll im Bunde stehen. Nach Thomas ist dies der gewöhnliche Weg ins Lasterhafte, daß primär ein Gut angestrebt wird, mit dem „akzidentell“ zugleich ein Übel übernommen wird - was schließlich dazu führen kann, sich im Schlechten zu versiegeln, weil der Mensch in der Gewohnheit seines Handelns mit dem Erstrebten zu „einer Natur“ zusammenwächst.1 Auch diese Aufhellung der sittlichen Daseinsbegründung enthüllt uns die Kindschaft in ihrer wesenhaften Empfängnistiefe, in der das Kind durch das Walten einer von Gott her aufgelichteten und beauftragten Liebe zum Guten und zur Freiheit kommt. Wiederum zeigte sich, daß das Heil des Kindes und sein unverstörtes Reifen nur ermöglicht und gesichert ist, wenn es in seiner vertrauenden Hingabe von der Macht des reifen Lebens erweckt, geführt und mit dem waltenden Guten selbst begabt wird. Jede solche Begabung aber ist eine eingewöhnende Sammlung, eine Vermählung im Empfängnisgrund der Einbildungskraft, in welcher der Herzensgrund zum substantiellen „Reif und Ring“ des Daseins wird, in den es mit aller seiner Lebenskraft transzendiert, sich sammelt und erkräftigt und sich ausgreifend übersteigt zu immer neuen Lebensvollzügen2.

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Vgl. „Die menschliche Freiheit nach Thomas von Aquin“, vom Verfasser; S. 100f. Vgl. zu diesem Kapitel: „Von der Bildung des Gewissens“, vom Verfasser; Mitteilungsblatt des Aachener Bundes und der Päd. Akademie, Aachen, Nr. 16

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V. DAS REIFEN DES KINDES

1. „Der Reif und Ring des Herzens“
Wir stehen hier am geheimnisvollsten Ort des Ursprungs. Das Leben erkräftigt sich nur im Entwurf des Daseins, es kann nur so viel sammeln, wie in ihm vernehmend und liebend versammelt ist; und es kann um so länger und tiefer ruhen und sich zum Ausholen erkräftigen, je geordneter und störungsfreier die Welt ist, in die das Kind am Ursprung eingewohnt und eingelassen ist. Je störungsfreier und liebreicher der Lebenskreis ist, um so tiefer webt und wohnt das ruhende Leben sich ihm ein und neigt sich ihm noch im süßen Schlafe zu, um so mehr eratmet es sich in der Innigkeit zu ausholender Weite. Daher ist das Sicherkräftigen und Reifen keine „Aufladung mit Lebensenergie“ in und durch eine vegetative und animalische „Schicht“, sondern ereignet sich wesenhaft im wesenseinigen Akt des Menschseins. Die vegetativen und physiologischen Vorgänge sind umgriffen und dienend eingehüllt in das aufsteigende und ausruhend sich neigende Dasein selbst, das sich nur wesenhaft erkräftigen kann im durchwohnten Inneren eines vom Walten des Seins und der Liebe erfüllten Umkreises. Dieser innerste Kreis ist gedenkend eingebildet, also ein innerer Raum des Herzensgedächtnisses und zugleich eine Landschaft des Seins, in die hinein sich das transzendierende Dasein vernehmend ausstreckt. Man kann sagen, daß das Innerste der menschlichen Erinnerung zugleich ein Äußeres an Welt und besorgender Huld ist, ein „urständiges Dasein in der Offenbarkeit des Seins“, also in der Wahrheit. Alles Reifen ist ein Weben im inneren „Reif und Ring“ des Lebens, in dem es nur soweit „selig in sich selbst scheint“, als die holden Wesen und Gestalten des Ursprungs ihm erschienen, es mit ihrem Licht beschenkten und begabten und es zum Greifen und Ausgreifen verlockten. In diesem verlockenden Anruf der Liebe ist das Kind sich immer selbst vorweg, es reift nur im umhaltenden Reif der Bergung, es entspringt nur aus gesammelter Kraft, die nicht nur seine Natur, sondern die hegende Sorge für es im Hause der Kindheit verwahrend ansammelte. Es schläft am Herzen der Mutter und in der Wiege, die die Mutter bereitete. Aus diesem Grundverhalt ergibt sich, daß die Tiefe und die innere Erstreckung, das Ausmaß der erholenden Ansammlung von Lebenskraft von dem durchwohnten und belebend geöffneten innersten Lebenskreis des Herzens abhängig ist. Ein Mensch hat so viel Kraft und steigt gesammelt in sich selbst, als der liebevoll umsorgte Ursprung ihm an webender, in sich selbst befriedeter Ruhe gewährte. Der gewaltige Unterschied der Begabungen der Menschen beruht nicht in „Gehirn-Dispositionen“, sondern beruht in dem innersten Lebenskreis, in den das sich erholende Leben aufsteigt und in Sammlung sich verhält. Alles geniale Leben ruht kräftespeichernd im Inneren in weiten Räumen der Seele. Im Maße es dort in ursprünglichem schauendem Einvernehmen waltet, ermächtigt es sich zu strömendem Überschwang, der nie allein aus der kur-

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zen Ruhe der einzelnen Nächte, sondern aus dem durchgeruhten und ausgeweiteten Lebensgrund hervorgeht. Solchermaßen werden die Genien allesamt von den Müttern ihrer Zeit verwahrend geschenkt. Bloße vitale Kraft verbraucht sich im Rhythmus, wie sie sich erholt, während die mächtigen Ströme des Lebens aus den Herzkammern der Liebe und ihren sittlich gefügten und fromm durchwalteten Wohnräumen sich ergießen.

2. Natur und Lebensentwurf
Solchermaßen ist alles Reifen und Wachsen ein geistiges Geschehen des liebend gerufenen und liebend gewillten Daseins; es ereignet sich in dauernder Selbstbestimmung. Dieses Wort besagt ursprünglich nichts anderes als den Ruf, den das liebend gewillte Zentrum der Natur erteilt und sie stimmend durchhallt. Der Lebenswille stimmt die Natur in einem sich selbst verkostenden Vernehmen. Der Überschwang seiner Freude wie das Genügen seines gelinden Friedens steht im Einvernehmen mit allem, was aus den Wurzeltiefen aufsteigt, die sich strömend in Helle und Weite geben und sich der' Angst oder der Schwermut versagen. Das Untere des Lebens steht in dienendem Einvernehmen mit dem Wesensganzen, das seiner selbst im Lebensentwurf inne ist. Während die Glieder dem bewegenden Willen in passiver Will-fährigkeit gehorchen, muß der Kraft- und Lebensgrund der Natur dauernd erweckt und zum Köstlichen hin gerufen werden. Solchermaßen ist der Mensch in seiner tieferen Selbstbestimmung „ein Gespräch und Einvernehmen der Liebe“ (vgl.: Thomas von Aquin, Die menschliche Freiheit von G. Siewerth, S.77-87). Nur weil es diese vernehmende Einstimmung und Übereinstimmung gibt, kann es den Widerstreit, die fiebernde Entzündung, die sich versagende Hemmung, die unbewußte Fehlsteuerung, überhaupt die psychogene Störung und Erkrankung geben, die wesenhaft eine Verstörung der erkräftigenden Sammlung und Erholung aus den Neigungsgründen der Natur bedeutet. Der erkrankte und geschwächte Lebenswille kann schließlich unmittelbar in die auf ihn eingestimmte Naturschwäche und ihr wucherndes, dienstunwilliges, krankhaftes Eigenleben einwilligen und hysterisch die Krankheit hervorbringen, die ihm die gesuchte Schonung und Sorge oder das erwünschte Mitgefühl einbringt. Auf diesen Zusammenhang hat alle Erziehung acht zu haben. Sie muß wesenhaft eine anmutende Ermutigung des Daseins sein, was ohne fürsorgliche zeugende Liebe und ohne geduldige Wartung der reifenden Lebensruhe nicht möglich ist. Sie muß dem Kinde helfen, der eigenen Natur „zum Besten zu raten“.

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3. Generelle Reifestadien
Diese Einsicht in das Wesen des Reifens sollte behutsam machen gegenüber aller Psychologie der Reifestadien, die einem naturhaften Reifeprozeß abgelesen ist. Man kann gewisse Lebensentfaltungen, wie die sichere Bewegung der. Glieder, die Beherrschung der Sprache, den Gebrauch der Hände zum Schreiben, die verantwortliche Übernahme von schwierigen Aufgaben, aber auch körperliche Reifevorgänge wie das Zahnen oder die Geschlechtsreife zum Anlaß nehmen, den Reifeprozeß zu gliedern. Aber es muß doch vor aller psychologistischen Überbewertung dieser Erscheinungen gewarnt werden. Sie werden leicht in der Vorstellung zu naturhaften Ausformungsprozessen einer determinierten, von unten her sich aufbauenden Entelechie oder, wie in der Schule Steiners, zu Geburtsphasen neuer Seelengründe. Im allgemeinen ist die bestehende nivellierte Verfügung über das Leben der Grund für unsere Vorstellung von den Reifeperioden. Sie werden dem Kinde zwangshaft zugemutet, und seine Reife an den aufgegebenen Leistungen abgelesen. Sein Versagen auf einer willkürlich angenommenen Reifestufe wird als Begabungsmangel registriert und dem Kinde und den Eltern schriftlich ausgewiesen. In Wahrheit ist der hemmende und abstumpfende oder methodisch anpeitschende Schulbetrieb mit seiner erstaunlich schwankenden Leistungsstreuung, mit seinem Sitzenbleiben und seiner verspätenden Verödung ein einziger Beweis gegen diese generelle Ausdeutung des Reifens als phasenhafte, entelechiale Selbstausformung im naturhaften Wachstum. Ohne Zweifel gibt es elementare Lebensleistungen, die das Gemeinschaftsleben tragen und im Geschehen des Gemeinschaftslebens bei der Empfängnisbereitschaft des Kindes sich von selbst einstellen. Sie treten aber deshalb in einem gewissen zeitlichen Gleichmaß ein, weil das Kind von der Gemeinschaft oder von den Erziehern gemäß einem generellen Reifebild dazu hingerufen und eingefordert wird. Dieses geordnete Geleit des Reifens artikuliert seine Abstufung durch aufgegebene und zugemutete Entwicklungsschritte und ermöglicht die generelle Vorstellung von Jahres-lebensphasen mit einem entsprechenden Leistungsniveau. Es wird dabei aber übersehen, wiefern die Erziehungs- und Bildungsplanung ganz bestimmte Enthaltungsmöglichkeiten wie ein „Spielalter“ zuläßt und anregt und andere in rhythmischer Abfolge fordernd vorschreibt. Eine Strukturänderung der Bildungsordnung verändert daher auch jeweils ganz wesentlich die Leistungsreifestufung, die von Land zu Land, von Schulwesen zu Schulwesen ganz erheblich schwankt.

4. Die natürliche Ordnung des Reifens
Es ist kein Zweifel, daß es eine gewisse naturhafte Ordnung des Reifens gibt, da die echte wurzelhafte Lebenstiefe ja selber in wachsender Erkräftigung und dienender Zuordnung steht und in allmählich wachsendem Einvernehmen aus ihren Quellgründen heraufgeht; vor allem aber gilt es zugleich, dieser Natur und ihrer organischen Möglichkeiten selber mächtig zu werden, d. h. sie

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sich so zu verinnern, daß die quellende Kraft, die in den inneren Seelen- und Daseinsraum einströmt, den leiblichen Selbstbesitz erhöht und der Bewegungsmacht des Willens den äußeren Lebensraum ohne jede Mühsal und Hemmung in höchster Wirkbereitschaft und Will-fährigkeit zueignet. Diese Zueignung scheint sich im ursprünglichsten Vernehmen und gedenkenden Behalten des eigenen Lebens wie von selbst einzustellen, d. h. das Reifen ist am Ursprung Gabe und Macht des einfältig gesammelten Lebensgrundes, wofern er nicht durch eine Verstörung der Lebensgründe (durch debile Entartung) geschwächt und verwirrt ist. In der Reifekraft des Ursprungs scheint daher (wie in der Wahrheit und im Guten) jedes Kind von gleicher Begabung, weil durch diese Gabe den Kindern das Leben erst ermöglicht wird. Aber diese Darstellung auch der körperlichen Erkräftigung zeigt deutlich, daß es sich hier nicht wie beim Tier um eine entelechiale Ausformung handelt, die den Eltern die den Tieren unmögliche Auszeugung erspart und ihnen nur das instinktgeleitete, körperliche vollendetere Junge zu Ernährung, Schutz und Geleit anvertraut. Das Tier ist nicht nur geboren, sondern sich selbst in der körperlichen, instinktgeleiteten Bewegungsmacht eingeboren, welchen Vorzug es freilich mit dem Eingesenktsein in die Schranken der gattunghaften Natur erkauft. Beim Menschen aber ist alles, auch der Lebensursprung, in die Freiheit der schenkend waltenden Sorge wie der Selbstbestimmung oder Selbstübernahme gestellt, so daß ihm auch der leibliche Selbstbesitz durch seine vernehmende Gewilltheit zum Dasein und das behaltende und haltgebende Gedenken erst als Gabe zuwächst. Auch der körperliche Selbstbesitz ist im Wesen eine aneignende Urtat des Geist- und Herzensgrundes des Kindes. Das ganze Geschehen ist daher vom Biologischen her überhaupt nicht zu verstehen. Die Biologie hat es daher nur analogisch mit dem Menschen zu tun.

5. Verschiedenheit der Reifestufen
Reifen ist wesenhaft ein Akt des zum Sein gewillten, des vernehmend verinnernden Menschen, der im inneren Welt- und Seinsraum der Seele sich sammelt und aus ihm ausgreift. Es ist ermöglicht durch einwohnende Lebensruhe und die nur im innerlichen Sichsammeln geschehende Ausweitung des inneren Ruheraumes. Hier kann die Kraft „überschüssig“ werden, weil sie „gevorratet“ das Leben vor Erschöpfung schützt und es befähigt, ausgreifend (handelnd) oder vernehmend Fremdes sich zuzueignen und Bedrohliches sich dienlich zu machen. Der Überschuß des Lebens ist keine energetische Kraftaufladung, sondern, was das Wort ursprünglich sagt: ein übergreifender, sammelnder „Schutz“, wie ihn das Haus dem Menschen gewährt. Reifen geschieht daher nur durch versammelndes (gedenkendes) Einwohnen und aufbrechende Ermächtigung, die zu neuer Sammlung ruft und das Leben in seinen kraftspendenden Lebenswurzeln hin zu sich stimmt. Am Ursprung der Kindheit aber ist das Reifen wesenhaft durch die sublimierende Kraft der einfältigen Herzensneigung und ihres lauteren Feuers (in der sammelnden Innigkeit des geordneten Hauses

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und der besorgenden Liebe, im durchgeruhten Frieden des Inneseins), ein Vorgang, der in höchster Wirkbereitschaft des verinnernden Vernehmens und einer zum Äußersten will-fährigen Natur sich ereignet. Reifend eignet sich das Kind das eigene Dasein zu, und zwar in der Übernahme der eigenen Leiblichkeit, in der vertrauend zutrauenden Anheimgabe an die besorgende Huld, in der Einwohnung ins bergende Haus, in der Versammlung des Seins durch die Macht der anrufenden, verweisenden, fest und beweglich machenden Sprache, in der dankend-geschuldeten Mitbesorgung des Daseins, in der ehrfürchtigen Verehrung des Heiligen und im geschwisterlichen Einvernehmen mit den Dingen und Wesen der Welt. All dies aber geschieht immer in der gesammelten Einheit des Herzens zugleich. Daraus aber folgt notwendig: Die Reifestufen, der Reiferhythmus, die Reifegestimmtheit und die wachsende Erkräftigung, der innere Lebensraum, in den hinein sich das kindliche Leben sammelt und frohgemut von ihm ausgeht, die durchwohnte Sicherheit des Vernommenen und die lösende Kundgabe im Wort, der innere Reichtum an Daseinswelt und ausgreifender, ermutigter Lebensmacht, die sublimierende Beschwingtheit und durchgeruhte geistige Weite des Lebens, sein ahnungsvolles Erwarten und heiteres Begrüßen des Neuen, all dies ist in jedem Kinde von G rund aus (im wahren metaphysischen Sinn dieses Wortes) verschieden, so daß die Ansetzung einer generellen „Reifestufe“ für eine generelle Bildungsplanung eine Verstiegenheit unseres schematisierenden Zeitalters bedeutet. Maria Montessori hat als erste das Nivellierende und Vergewaltigende unseres Massenschulwesens gesehen und immer wieder die Kulturpolitiker in die Verantwortung gerufen, dafür Sorge zu tragen, daß die Kinder von ihren Massen- und Jahresklassen mit der ihnen wesenswidrigen Anpeitschung einerseits und der verstörenden Zeugnisverurteilung andererseits erlöst werden. Angesichts der unerhörten Differenzierung der Reifevorgänge ist in der Tat das Leistungsurteil der Erwachsenen entweder von grausamer „Sachlichkeit“ oder von dilettierender Unsicherheit. Welche Monstrosität ist es doch, das Zeichnen, Singen, Schreiben, das Sprechen und niederschreibende Erzählen von sieben- oder zehnjährigen Kindern auf Grund einer Zahlenskala, deren Maßstruktur willkürlich ist und über 3 Noten hin schwankt (eine 3 kann ebenso eine eins wie eine 5 bedeuten) (vgl. Erbe und Entscheidung, 1/1955), und im Hinblick auf einen Klassendurchschnitt oder ein staatlich verfügtes Leistungsmaß zu beurteilen und das eine mit „sehr gut“ auszustatten, das andere mit „ungenügend“ abzutun. Wer gibt denn eigentlich den Erziehern das Recht, mit ihrer dilettierenden Gerichtsbarkeit die Mögens- und Vermögenskräfte des Kindes (beides ist identisch) zu verriegeln und ein Kind im Hinblick auf andere zu verurteilen? Der Vorgang verliert dadurch nichts von seiner wesenhaften Unsittlichkeit, daß er eine weltweite Praxis ist und wie jedes menschliche Laster seine lange Geschichte hat.

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6. Empfängnisperioden
Maria Montessori hat ihre Methode, das Kind von den stillen, geordneten Dingen her zu der ihm gemäßen Zeit ins Lernen kommen zu lassen, auf die Lehre von den „Empfängnisperioden“ gegründet, was sie ihren biologistisch und psychologistisch denkenden Zeitgenossen dadurch zu begründen versucht, daß sie Empfängnisbereitschaften annimmt, die eine artgeprägte Natur von Stufe zu Stufe hervortreibt, so wie das Tier im Wachsen und Reifen von immer neuen Antrieben und Triebvorstellungen aus dem Innern seiner Natur her bewegt wird. Daß es solche Erbdeterminanten beim Menschen nicht geben kann, weil sie seiner Geistnatur widerstreiten, ist ihr entgangen. Wie sollten auch solche Bereitschaften gegenüber den „Techniken“ der modernen Zivilisation, wie Lesen und Schreiben, naturhaft begründet werden, wenn man nicht die unmögliche Annahme machte, daß der lehrende und schreibende Mensch in seinem Handeln zugleich seine Gene modifizierte und seine Kinder auf diese Weise mit Instinkten ausstattete und auf einem biologischen Wege belehrte. Was aber in ihren Erfahrungen sich bekundet, ist dies, daß einmal die bildsame Empfängnis des Daseins in Bewegung und Handeln einer urtümlichen Einübung der Organe bedarf, ohne die diese erschlaffen und ihre Bildsamkeit verlieren. Dieser Einübung sind bestimmte frühe Wachstumsphasen zugeordnet. Zum anderen enthält die Lehre die Wahrheit, daß dem intuitiven Vernehmen des Kindes eine originäre Erscheinungsweise des Seins entspricht, das, so es weise geordnet wird, mit einer beschenkenden Leuchtkraft heraufgeht und in den Herzraum durch die Schaukraft der Sinne einleuchtet. In dieser Weise, wie die Dinge für das Kind da sind und sich dem Verstehen und Gebrauchen darbieten, waltet nun eine metaphysische Ordnung, ein wesenhafter Begründungs- und Erhellungszusammenhang. Wird das Seiende diesen Ordnungsbezügen gemäß hergestellt, daß es in den schon durchwohnten Lebensraum des Kindes ohne Störung hineinragt, oder wird das Kind selbst in eine sinnvoll geordnete Wohnung versetzt, so schließt sich ihm von Stufe zu Stufe, von Ordnung zu Ordnung vieles von selber auf. Das Kind muß mit dem geordneten Sein zusammenwohnen, es muß sich eingewöhnen, damit es aus seinem Grundvernehmen ins „Finden“ kommt und schließlich ein findiger Lerner und Erfinder wird. Es gibt der Kostbarkeiten so viele, die Wege des fügenden Ordnens und Brauchens, des Bauens und Gestaltens, des Bekundens und Begegnens, des Erzählens und Lesens sind so mannigfaltig, daß das Kind ein dauernd begeisterter Lerner, ein geduldiger Über und verantwortungsvoll sorgender Hüter seines Hauses und seiner Ordnung wird; es ist alles dies aus seiner Geistes- und Herzensnatur. Freilich, die fruchtbaren Augenblicke einer anhebenden Neigung, eines einleuchtenden Zusammenhanges, einer eingewöhnenden Wiederholung, eines suchenden und versuchenden Neubeginnens, eines sinnenhaften Ertastens, eines helfenden Besorgens sind so viele und bei jedem Kinde seiner Reife gemäß zu anderer Stunde da, daß die Schule des wesenhaften Lernens ein von freundlichen mütterlichen und väterlichen Genien behütetes „Reich“ sein muß, dem das Kind findend die ganze Fülle seiner ihm gemäßen „Wahrheit“ entlocken kann. Frau Montessori hat mit mütterlichem Scharfblick ein solches Reich der stillen und klugen Dinge zu gestalten versucht.

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VI. ERFAHRUNGEN MARIA MONTESSORIS UND PÄDAGOGISCHE GRUNDFRAGEN

1. Sammlung und Bekehrung
Aus der Metaphysik der Kindheit ergeben sich alle Züge, die Maria Montessori für eine erstaunte Welt den Kindern abgelesen hat. Wenn das Kind aus sich selbst lernt, so geht es aus seinem liebend durchwohnten Innesein, aus der geborgenen Wohntiefe seines Daseins, aus seinem Lebens- und Seinsbesitz hervor, den es gedenkend erinnert. Angesichts der Einfalt und Herzenstiefe seines Vernehmens läßt es nur das ein, auf das es gestimmt und zu dem es aus dem Urwissen seines Herzens gerufen ist. Was aber von dieser Tiefe her verstehend vernommen wird, das schlägt wie ein Lichtstrahl in ein trauliches Gemach und bringt alles neu und lebendig in eine wundersame Bewegung. Darum ist das Kind im Gewahren gar nicht draußen, es hat nicht „acht zu geben“, sondern „nimmt in die Acht seines Herzens“; es ist, ekstatisch dem Seienden hingegeben, zugleich eingekehrt in die durchwohnten Räume seiner Seele, in denen es allein wirklich „vernimmt“ und „versteht“. Dort ist es in störungsloser Ruhe in seinem himmlischen Königsreich, in das kein Kaiser und kein König, kein Schulrat und Professor, und käme er in der anspruchsvollsten Würde, eintreten kann. Er steht immer nur am Rande und muß schon sehr artig und sanft sein, wenn ihm ein wenig Zugang gestattet wird. Hier im Gewohnten und sicheren Zuhause des Herzens ist im Glühen eines sanften Feuers aller Kummer vergessen und das Kind von einer edlen Unbekümmertheit, die an jene Sorglosigkeit gemahnt, die der Herr uns im Gleichnis der Vögel und Lilien als himmlische Weisheit empfiehlt. Die Furchtzeichen fordernden pädagogischen Autoritäten wittern freilich Entartung, weil sie spüren, daß diese Kinder sich nicht auf Befehl in die Joche ihrer Bildungsgänge einspannen ließen. Das ist das Phänomen der unstörbaren Sammlung, der inneren Eingekehrtheit, das man auch bei jedem ernsten Spiel der Kinder beobachten kann. Frau Montessori spricht des weiteren von der „Bekehrung“ aller Kinder, die aus Not- oder der Spielverwahrlosung ihres frühen Lebens, in ihre Schulen oder Kinderhäuser kamen. Diese Bekehrung ist eine Rückkehr aus der substanzlosen Welt seins- und wesenloser Phantastik, die von vielen für die kindliche „Innenwelt“ gehalten wird, oder aus den verdunkelten Kammern der Lebensnot mit ihren ängstigenden Gesichten, in einen innersten heimatlichen Ort, der von der Zerstreuung oder Verängstigung noch nicht verstört ist. Darum beginnt die „Bekehrung“ wieder bei ganz einfachen Dingen, die dem noch heilen Ursprung gemäß sind, um sich dann bei älteren und klugen Kindern schnell in wachsender Ordnung und Verantwortung zu bereichern.

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2. Liebe zur Wiederholung und schöpferische Begeisterung
Der Eingekehrtheit ins beruhigte Innesein entspricht ferner die Liebe zur Wiederholung. Diese ist keine vitale Rhythmik, sondern wesenhaft der geistige Vorgang einer vernehmenden und fühlenden Eingewöhnung. Arbeit und Lernen sind für das Kind am Ursprung echte Reifevorgänge. Daher wird eine Sache nicht nach neugieriger Kenntnisnahme erledigt und liegengelassen. Sie wird vielmehr wie ein Leibhaftes sich zugeeignet und durchfühlend verinnert. Erst in dieser Durchfühlung ist das Kind der Sache versichert, sie ist ihm „vertraut“ geworden, weil sie in seine Liebe oder in seine leibhafte Handlungs- und Bewegungsmacht einverleibt ist. Je nach der Form und Vielartigkeit des Anzueignenden währt daher die sammelnde, einübende und wiederholende Tätigkeit und Eingekehrtheit eine lange Zeit. Nicht nur die Mechaniker der Lernfabriken sehen in solcher Dauer freilich einen Zeitverlust, weil sie psychologistisch das Wesen der Be-gabung mißverstehen. Sie glauben vor festen „Anlagen.“ zu stehen, die in der Feinstruktur der Gehirnrinde begründet liegen und als ein mehr oder minder festgeprägter Leistungsorganismus den Kindern zu Fluch und Heil mit auf den Weg gegeben werden. Sie übersehen, daß alle Begabung aus der vernehmenden Einwohnung in Wesensbereiche entspringt. Die mögende Zuneigung zu den einfachen und tragenden Wesenheiten des Seins eröffnet im einwohnenden, einverleibenden, beherzigenden Grundakt des Daseins und im be-gabenden Ein-scheinen des Seins die Erkenntnis-, Liebes- und Leistungsmacht des Kindes. Es ist nicht durch eine subjektive Verfassung - wie das sich eingeborene Tier - begabt, sondern allein aus der Wesenstiefe des Seins, das sein vernehmendes Mögen erst zum Vermögen ermächtigt. Also bedeutet das sich einwohnende Wiederholen ein Einbringen ins Innerste des Herzens, auf daß dieses zu Reichtum komme und dadurch vermögend werde. Das Kind begabt sich im einwandelnden Kreisen seines vernehmenden und übenden Lebens. Laßt es doch im Schoßraum seines geistigen Werdens so in Ruhe, wie ihr es im Mutterschoß atmen und kreisen ließet! Des weiteren wird die jubelnde Freude des Neubeginns verstehbar, der schöpferische Aufbruch in ein eröffnendes Verstehen. Weil das Kind alles in geordneter Ruhe zusammenhält, ist es stets mit seiner ganzen Erinnerungskraft am Werk. Es kann überhaupt noch nicht vergessen, wenn es wahrhaft vernimmt, weil es noch in seinem Tiefenraum des Herzens sehend ist. Jedes gute Gedächtnis ist Gabe einer unverlorenen, verinnerten und erinnerten Kindschaft, in der der Mensch noch nichts verlieren kann, wenn es ihm nicht die eindringend-verdrängende Gewalt entreißt. Also ist das Kind stets mit allem, was es gesammelt weiß, zugegen, wie es sich auch körperlich mit allen Muskeln (auf einmal) bewegt, und bei jeder Mitteilung die ganze Ausdruckskraft seiner Vermögen ins Spiel bringt. Erkennt es also ein Neues, so leuchtet die durchwohnte Tiefe der Seele auf, aus der heraus es versteht; es entsteht ein schöpferischer Enthusiasmus, der den ganzen inneren Lebenskreis neu ordnen und verwandeln kann. Dies geschieht besonders dann, wenn das ihm lange Vertraute aber Unerschlossene sich auftat, wie zum Beispiel beim Erlernen des Lesens. In solchem gesammelten Enthusiasmus holt das Kind dann, wie von einem Genius geleitet, alles spielend nach, was es ausruhend scheinbar versäumte.

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Wer solche Aufbrüche bei Kindern erlebte und beobachtete, wird es nie mehr vergessen. Ein noch nicht zweijähriges Mädchen beschäftigt sich zum ersten Male mit dem Einfädeln von Perlen. Es erkennt, daß es die Gabe, schöne Kettlein selbst anzufertigen, nutzen kann, um sich zu schmücken und die Mutter mitsorgend zu beschenken. Bisher wurde der Vater jeden Abend sehnlich erwartet, weil er die Kleine auf einem Bären mit begleitendem, passendem Gesang durch die Wohnung fuhr. Aber diesmal erwartet ihn niemand. Als er das Kind fragt, ob es nicht fahren wollte, wird ihm eindringlich und vorwurfsvoll gesagt: „Aber Papa, ich muß doch Perlen machen!“ Die gesammelte Andacht dieses Tuns war durch nichts zu stören. Es ist schön, wie das Kind die innere Verpflichtung, die ihm durch die Notwendigkeit der zu fügenden Ordnung aufgegeben war, als ein verantwortliches Müssen bezeichnete. Dabei zeichnet sich die verwesentliche Kraft eines urtümlich bildenden Vorgangs ab. Die vom Faden vorgeschriebene Fügung zeichnet zugleich das zielhaft aufgefaßte Ganze dem Kinde als Entwurf und als Aufgabe vor, die dem sammelnd fügenden Logos seines Herzens und seiner Hände sowohl zur fordernden Notwendigkeit wie zum regelnden Maß- und Zielgrund wird. Daß es zugleich in Freiheit Farbe, Größe und Abfolge verschiedener Perlen bestimmen und das Ganze ins fürsorgliche Werk des Hauses stellen kann, macht es zu einem vernünftigen, einem rationalen, einem handwerklichen, künstlerischen, sittlichfürsorglichen Vorgang zugleich. Wo das Kind gesammelt bei sich eingekehrt ist, ist es stets im einfältigen Ganzen seines Menschseins.

3. Stille und geschwisterliches Einvernehmen
In diesem Eingekehrtsein ist das Kind durch das Gefüge des Seins, in dem der Logos auf ein Sinnvolles und Wesenhaftes hin fügt, wunderbar beschenkt. Eine Perlenschnur oder eine kreisrunde Kette ist nicht nur etwas Bleibendes, das in sich Dauer und Wesen hat und dem Durchwohnten entspricht, es ist zugleich ein leuchtendes Bild und geordnetes Gebilde, das im gegliederten Rund dem einwohnenden rhythmischen Kreisen des Lebens wahl-verwandt ist, so daß der Lebensgrund sich in ihm auflichtet und sich selbst im Sinn-bild entgegentritt. Der „Sinn“ ist schlechthin erfühltes, durchtastetes, verkostetes, durchlichtetes und durchhörtes Wesen, die Seinsbegabung der Empfängnis. Weil der „Sinn“ des Menschen schlechthin dem Seienden aufgetan ist und aus sich selbst nichts Inhaltliches besitzt, so ist sein eigentlicher Lebensakt immer Erscheinung, Verlautung, Drang, Widerstand oder das einschmiegende Sichgeben der Sache selbst. Deshalb ist das Wort „Sinn“ metaphysisch nicht verschieden, wenn es die Sinn- oder Empfängniskraft des Menschen aussagt oder das Wesen, die Bedeutung einer Sache oder einer Aufgabe. Alles unmittelbar Vernommene ist „Sinn“ und hat „Sinn“; die Wesen sind „sinnvoll“ und in sich selbst ein „Sinnbild“, der reine Zusammenschlag (symbolon) von Vernehmen und Erscheinen, worin eines sich ins andere gibt, eines das andere erhellt und schließlich eines das andere ist.

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Das Leben der Sinne geschieht daher als einbildendes Vernehmen und verstehendes Innewerden. Es ist im Wesen ein einbildendes Sammeln, das die Dinge der Welt im „Reif und Ring“ des Herzens einge-wöhnend versammelt und zu eigen gewinnt. Dabei ist der Sinn im Offenen seines Sinngrundes „sinnend“ gesammelt, das Auge im erwartungsvollen Dunkel seines Schauraums, das Ohr im Leisen des Herzensgehörs, das Getast (Geruch, Geschmack) im Gelinden unaufgerührten und unverstörten Lebens1. Da das Gehör die Mitte der Sinnkraft ist (wie das Getast ihre Wurzel und das Gesicht der Gipfel), so ist im Leisen und Stillen das Vernehmen aller Sinne nach innen ins Eigene gewiesen. Dies läßt erkennen, warum das Kind, wie Frau Montessori erfuhr, die Stille liebt, warum es die Übungen des Still- und Ruhigseins so vollendet erfüllt, weil es nur sein Eingekehrtsein ins vernehmende Sinnen selbst darstellt und bekundet. Es zeigt sich auch, daß alles Laute, auch das viele Reden der Erwachsenen, es dauernd aufstört in seiner „Besinnung“, die ja immer eine Erinnerung und eine Andacht des Leisen und Lauschenden ist. Das in sich selbst in seiner Stille einfältig wohnende Kind wird daher von eindringender Rhythmik einschmeichelnder und erregender Musik bis auf den Grund durchstimmt. Für die Eltern kann es erschreckend sein zu sehen, wie sich ihr Kind plötzlich ohne jede vorausgehende Einübung mit allen seinen Gliedern in ein ekstatisches Tanzen verwandelt. Es ist kein Zufall, daß das Wohnen in langer Stille wie in den Einsamkeiten Rußlands und Afrikas die Menschen zum entrückten Tanz begabt. Die lange Stille macht Gehör und Gefühl empfänglich für rhythmische Gliederungen und Taktfolgen, die dem modernen Europäer nicht mehr erfaßbar sind. Weil das Kind in seiner Stille nicht „hörig“ und übermächtigt wird, deshalb ist es auch nicht zu falscher Herrschaft verführt und zum Erwerb von Ansehen und Anerkennung. Es lebt in einem ehrgeizlosen Selbstgenügen und geizt nicht nach Lob und Anerkennung. Wie kann man denn das Innesein vernehmender Erkenntnis auch anerkennen?! Das hieße ja, ein Kind loben, weil es sehen kann oder etwas gesehen hat. Das in seinem Erkennen und Tun stille und gestillte Kind ist von Natur zum Frieden gestimmt und lebt in geschwisterlichem Einvernehmen. Solches Einvernehmen ist nur möglich, wo Kinder Gemeinsames an Ordnung, an durchwohnter und verwalteter Welt besitzen, in der sie sich sinnvoll bewegen und sich begegnen können. Dabei muß die Ordnung reich und gestuft sein, daß alle nach ihrer Reife ihre Lebensstätte haben, wo sie sie selbst sein können und doch immer wieder auf das Ganze hin verwiesen sind. Wo solche Ordnung nicht waltet, treffen Kinder im engen Raum „sinn“widrig aufeinander. Die verschiedenen Neigungen und Bekundungen stoßen plötzlich aufeinander, sie bedrängen einander mit Sinnlosigkeiten, sie quälen sich unausgesetzt. Aus der Qual, dem Unmut, der Zerstreuung erwächst Geschrei und Geplärr, in dem ein Kind das andere zu übertönen - oder erregtes Getue, wodurch eines das andere zu übermächtigen oder abzuwehren sucht. Das Unbehagen, die dauernden gegenseitigen Störungen erzeugen Streitigkeiten, Herrschsucht, Trotz, Grausamkeit. Das Verhalten wird albern und kindisch, die Sprache verwildert und die Vorstellungen werden verworren und chaotisch. In ungeordneten

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Vgl. „Die Sinne und das Wort“, vom Verfasser, ebenso: „ Der Mensch und sein Leib“.

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Familien, aber auch in Kinderschulen und Schulen, kann man diese Verwahrlosung, welche oft die Kindheit und den Lebensgrund verwüstet, mit Augen schauen. Dann freilich sehen Kinder wie sinnliche, primitive, verworrene und alberne, unerzogene Wesen aus, die durch die Zuchtmacht der Gewalt zu Menschen gemacht werden müssen. Die Pädagogik der körperlichen Strafzucht gründet weithin auf der Voraussetzung einer dem Kinde angetanen Verwahrlosung. In Waisenhäusern wurden und werden oft Zwei- oder Dreijährige in Gruppen zusammengesperrt und einer Aufsicht überantwortet, die dauernd nur den fiebrigen Auswüchsen wehrt, weil kein Kindesreich zu spielender persönlicher Beschäftigung errichtet ward. Wer mit sehenden Augen eine solche Schar beobachtete, wird den chaotischen fortgesetzten Kriegszustand ungezügelten, sich gegenseitig verstörenden Lebens nicht mehr vergessen. Die schwermütige Trauer oder das qualvolle Fiebern dieser Kinderaugen werden ihn ein Leben lang verfolgen. Ein Kind in solcher Umgebung verlernt manchmal sogar das Sprechen und macht seinen Erregungen durch wüstes Schreien und Lärmen Luft. Es ist nicht zu verwundern, daß solchen Kleinen Zucker und Schokolade den Himmel auf Erden bedeuten und daß sie gierig werden nach allem, was äußerlich Genügen bringt. Da die Kräfte nicht ins Reifen, sondern ins Wuchern kommen, so bleibt die untere Natur nicht in dienendem, eingestimmten Gleichgewicht. Wo die Freude des Herzens und des Geistes fehlt, kommt das Leben nicht ins Blühen, sondern kommt ins Faulen und Modern. „Faulheit“ gründet in solcher Entartung der Lebenswurzeln, wenn das Wort überhaupt eine sinnvolle Bedeutung hat. Meistens wird es gedankenlos und verständnislos gebraucht.

4. Fleiß und Unermüdlichkeit
Mit Recht weist Maria Montessori darauf hin, daß das Kind von Natur fleißig ist, daß es so, wie es körperlich aus dem Lebenswillen der Natur wächst, es auch mit allen Vermögen nichts so sehr verlangt, als erkennend und handelnd der Dinge mächtig und liebend seiner selbst innezuwerden, daß es in seinem Herzen vernünftig wie sittlich gesammelt und mühelos beherrscht ist, daß es eine schöne Flamme liebender Hingabe ist, wenn es weise und ehrfürchtig geliebt wird. Seine Arbeit ermüdet und verbraucht es nicht. Eingekehrtes, gesammeltes Tun ist erkräftigend. Es ruft alle reifenden und er-holenden Kräfte in die gestillte Mitte des Daseins, wo sie in dauernder Vermählung in der Begabung durch die wesentlichen Dinge erblühen. Wiederholendes Üben ist ein haltgebendes Einsenken bis in den vertrauten Grund des Lebens. Alles, mit dem man vertraut ist, macht reich und ermächtigt. Jedes Vernehmen ist Begabung und Erweckung aus der Helle und der Wesensordnung des Seins. Jedes fügende Tun sammelt verworrene Mannigfaltigkeit zu einem geordneten Ganzen und Einen. Alles gesammelte Stillesein ist lauschend auf die Tiefe des Lebens hin geöffnet, die nur in zartester Regung ins Gedeihen gerufen und gestimmt werden kann. Aus alledem ergibt sich, daß das sich überschüssig er-holende Kind sich in jeder echten Einkehr und vernehmenden Sammlung erkräftigt, weil es alle Kräfte in seine Mitte leitet, aus der sein Leben wachsend erblüht und in

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der es reifend kreist. Darum werden „vernehmend“ tätige Kinder nicht müde, sondern stehen erkräftigt vom Werke auf, wie ein Erwachsener beim langen Anblick einer Landschaft sich erholt.

5. Verfrühung und Verspätung
In der Pädagogik unserer nivellierten, der Kindesnatur in vielem so entgegengesetzten Schulen spielt das Problem der „Verfrühung und Verspätung“ eine große Rolle, dem man mit der grausamen und unsittlichen Praxis des Sitzenbleibens und (in wenigen Fällen) des fragwürdigen Überspringens gerecht zu werden sucht. Die zentralistische Lehr- und Erziehungsregelung entmutigt die gutgewillten und weisen Erzieher und verwandelt oft die Barbarei verantwortungslosen und lieblosen Verfügens über das Kind in „amtliche Pflichterfüllung“. Die ebenso unwahrhaftige wie herzlose dauernde Zeugnisschreiberei verwandelt die Lehrjahre vieler Kinder weite Lebensstrecken lang in trostlose Trauer bis zur verzagten Verzweiflung. Da alles Lernen wesenhaft ein vernehmendes Finden, ein einwohnendes Vertrautwerden, ein ordnendes Sammeln und übendes Erkräftigen ist, so ist Verfrühung in ihrem Wesen nichts anderes als eine innere und äußere Ferne zu den Dingen, die das Kind daher weder suchen noch finden kann; also kann es sie auch nicht vernehmen und mit ihnen vertraut werden. Statt einer ordnenden Sammlung gerät es in einen wirren Umtrieb im Leeren und Sinnlosen und verödet im Blödsinnigen, weil seine Sinnkraft sich nur im Finden schärft und scharfsinnig werden kann. Es gibt wesenhaft kein dummes Herz, keine dumme Vernunft und keinen dummen Sinn. Dummheit ist immer eine gemachte und einem Menschen angetane Verdumpfung seiner Sinn- und Vernehmungskräfte durch den Entzug einer vernehmbaren Welt und die Fehlleitung seiner Reifekräfte ins Verworrene und Sinnlose oder aber die verängstigte Absperrung seiner Herzensneigungen, so daß das Kind in ein ungewecktes Dösen kommt. Kommt der arme Döskopf in die Schule, dann wird er seiner inneren unvertrauten Ferne zu den Dingen wegen unter den Zwang des „Findens“ gesetzt, das er gar nicht vermag. Also schlägt auch oft das letzte Flämmchen seines Mögens ins Stickige und Enge der Angst um, er sperrt und riegelt sich ab und anerkennt schließlich das Zeugnisverdikt der Erwachsenen, daß er unvermögend sei. Ein Leben lang wird er dann, eingebannt in das Gefängnis dieser Verurteilung, dahinträumen, aus dem viele nicht mehr ausbrechen können, weil sie in der Schule vor allem dies gelernt haben, daß sie „nicht singen“, „nicht rechnen“, „nicht schreiben“ können. Die Verfrühung ist daher ein Vorgang, der auch bei begabten Kindern immer dann statt hat, wenn die Bildungsgänge ungemäß und wesenlos sind. Solche „Bildung“ kommt immer zu früh, weil sie ein qualvolles, überanstrengtes Zusammenraffen wesenlosen Stoffes ist, eine banausisch-lustlose, ehrgeizund angstbefeuerte Auswendig-lernerei, ohne inwendiges frohes und gelöstes Vernehmen aus der vertrauten Wesenstiefe der Dinge. Unser höheres Schulwesen, ist zu einem großen Teil durch seine Stoffüberlastung eine Treiberei in die Mühsal endloser Verfrühung. Der auswendig gelernte Prüfstoff wird

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daher auch wieder schnell und gründlich vergessen, wenn die Kinder endlich das Lern-joch abgeschüttelt haben. Wer nach einem halben Jahr der Schulentlassung Abiturienten befragt, kann Erstaunliches erfahren. Die Kinder selbst bezeichnen solches Lernen mit „Büffeln“ und „Ochsen“, wobei sie haargenau die entgeistigende Weise dieses Bildens zum Ausdruck bringen. Eine Verspätung bedeutet gegenüber der Verfrühung eine zugemutete Beschäftigung mit Dingen, mit denen das Kind schon lange vertraut ist. Sie liegt nicht in der Erneuerung sinnvoll geordneten Tuns und der Wiederkehr des Gehaltvollen und Wesenhaften. Im vertrauten gehaltvollen Leben gibt es keine verödende Verspätung. Auch gibt es keine Empfängnisdeterminanten, die das lernende Vernehmen auf bestimmte Zeitstufen festlegten. Das Lesenlernen könnte mit Eifer und Freude wie mit 6, so mit 10 oder 20 Jahren geschehen. Die Verödung hat daher andere Wurzeln. Warum stellt sich denn eine so tiefe Lustlosigkeit ein, wenn einmal oder mehrfach sitzengebliebene Kinder Lesen- und Rechnenlernen „nachholen“ sollen? Es liegt nicht in der Wiederkehr des gleichen, sondern in der eintretenden Miterinnerung der vergeblichen Mühsal, der beschämenden Demütigung des nachholenden Tuns, dem als solchem innerhalb der Lerngemeinschaft einer Schule ein bestimmtes Alter zugewiesen wird; vor allem aber darin, daß das nicht lernende Kind in seinem inneren Reifen sich inzwischen aus seiner nicht schul-gemäßen Begabung zu anderen Dingen entschlossen und aufgeschlossen hat. Oft sind es fragwürdige Neigungen und Fähigkeiten, die sich bei „Dummen“ bis zum Raffinement entwickeln, denen gegenüber das vorbelastete Nachholen eine öde Quälerei bedeutet. Hat das Kind aber an der inneren Ferne zu den aufgegebenen, ihm nicht vernehmbaren Dingen das Dösen gelernt in seiner trostlosen Isolierung innerhalb der Lerngemeinschaft, so wird es auch wiederholend weiterdösen und kann geistig verdumpfen und im Herzensgrund sich unheilbar vertrotzen. So mancher nicht zu bändigende Flegel ist das Produkt einer verfrühenden und verspätenden Schulbildung. Was viele Schulmeister beklagen, haben sie selbst hervorgebracht, in vielen Fällen buchstäblich erzüchtet und erzüchtigt. Im tiefsten Grunde sind also beide Phänomene identisch, da es Verspätung nur auf Grund einer verödenden Verfrühung und deren falscher Beurteilung geben kann. Wenn aufgeweckte Kinder am Bildungstrott der Schule und ihrer sprichwörtlichen Langeweile veröden, so liegt es darin, daß ihnen völlig Wesenloses ohne Rücksicht auf ihre Neigungen zugemutet wird. Müßte ein Kind, das schön zeichnen kann, seine Zeit mit Übungsstrichlein vertrödeln, eines, das des Lesens mächtig wäre, monatelang mitbuchstabieren, so liegt es in der Sinn-losigkeit der Sache, die das Kind in die Zerstreuung und in begabungslose Phantastik treibt. Es ist gar nicht so selten, daß ein auszeichnendes Vermögen den Grund für ein Versagen in der Schule darstellt, weil die erlernte Träumerei und Ungesammeltheit zum verstörenden Habitus werden kann, der nach einiger Zeit von allen Dingen weg in die Lust des Spintisierens treibt. Die moderne Pädagogik hat in der Volksschule (nicht freilich in den höheren) die Wege der auflockernden Gruppenarbeit und der Individualisierung der Aufgaben beschritten. Die Arbeit scheitert leider vielfach durch eine amtlich verfügte Praxis, die im nivellierten Plansoll, in der miserablen Ausstattung der

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Volksschulen, in der Größe der Klassen und schließlich in einem an der Planleistung orientierten Zeugnisurteil einer der Reife gemäßen Bildung der Kinder widerstreitet.

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VII. KINDSCHAFT UND MENSCHLICHES DASEIN

Der Gang der Erörterung verlangt eine Rückbesinnung. Die metaphysische Entfaltung eröffnete den Horizont der Kindschaft ohne jene Vereinseitigungen, die notwendig allem Betrachten anhafteten, das von den anthropologischen Spezialwissenschaften geführt wird. Sie erschloß die Lebensgründe des zeugenden Daseins, in deren geschichtlichem Walten die Empfängnis des Kindes sich in Freiheit ereignet. Die Kindheit ist in ihrem Wesen nicht aufhellbar, ohne daß die geheimnisreichen Tiefen des Seins und des Daseins in den Blick kommen: die Einheit von selbstbestimmender Freiheit und naturhafter Empfängnis, die Wesenseinigung des einfachen Geist- oder Seelengrundes mit einer besonderten und verleibten Natur, die Überwaltung aller naturhaften Notwendigkeit und des sittlichen Gesetzes durch die überschwengliche Spontaneität der Liebe, die wesenseinige Übersteigung der akt-potentiellen Scheidung des empfangenden Lebens in der Liebe, schließlich die Enthüllung der Liebe als des inneren Feuers der Natur und ihrer lauteren Sublimierungskraft, die in eins mit der geistigen Schaukraft das Wesen der kindhaften Einfalt bestimmt. Aus diesen Erkenntnissen konnte das metaphysisch Gegensätzliche einer ursprünglichen Naturvollendung und ihrer universalen substantiellen Empfänglichkeit ausgefaltet werden, die uneingeschränkte Herzensempfängnis des weltgeöffneten, zur Welt hin verleibten Lebens durch Einbildung und Gedächtnis, ferner die Vernehmungs- und Durchschaukraft der exemplarischen Vernunft und ihre Aktualisierung durch die sittlich waltende Sorge und Huld der Eltern. Wie das Kind „am Ort des urbildlich geprägten Seins“ erkennt, so ist der Heraufgang der Kindschaft ein göttlichmenschliches Ereignis von geheimnisreicher Tiefe. Die Liebe aber erschien als der erweckende, der zeugende und begabende Genius, der das Kind im exemplarischen Licht seines Vernehmens zu sich selbst heraufführt und ihm in der Acht der Sorge Wesen, Würde, Freiheit, Partnerschaft und Gliedschaft schenkt. Diese Mehrerschaft (Autorität) der elterlichen Liebe ist zugleich der bergende Grund des kindhaften Daseins. Das Kind aber steht in seiner Geborgenheit zugleich im Geschick der Zeit, deren Todesmacht es umbrandet. Deshalb erweist sich der bergende Liebesgrund am Ursprung als „verbergende Bergung“ wie als „fürsorgliche Entringung“, als eine einzige Ekstasis der Entwindung. Im Hinblick auf die exemplarische Tiefe des Geschehens eröffnet sich dem wesenhaft geborgenen Kinde mit der Gefahr des Lebens zugleich die ekstatische Tiefe der Liebe, die die innere Glut seines Lebens auf die heilige Huld ihres maßlosen Waltens hin entflammt und auflichtet. Nur aus diesem Gegensätzlichen von Bergung, Gefahr und Entwindung ergeben sich die ontologischen Existentiale, die das Wesen der Kindschaft kennzeichnen: das einvernehmende, zutrauende Vertrauen der geängstigten Zuflucht, das Gut-Heißen im exemplarischen Vernehmen des Heiligen und der Huld, Lebensdank, Ehrfurcht, Enthusiasmus und Innigkeit, Fügsamkeit und Gehorsam, das Einwohnen und die spontane Übernahme in Partnerschaft und Gliedschaft und schließlich die Erkenntnis des Bösen im Widerstreit und Grimm des Daseins.

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Diese Daseinsanalytik läßt die Subjektivismen der Psychologie und modernen Anthropologie in ihrer Verfälschung oder Verkürzung zutage treten, wie sie zugleich die Schlüssel enthält zur Deutung der von diesen Wissenschaften beigebrachten und systematisierten Phänomene. Zugleich weist sie das Kind an seinen wesenhaften Ursprungsort, ins Haus des Menschen, in dessen sittlicher Fügung es sein ursprüngliches „Ethos“ (Wohnstätte), seine Freiheit und den Ausgang seiner Spontaneität besitzt. Die Hausverfassung des Lebens ist seine urtümliche Innerlichkeit, sofern die Einwohnung sowohl die herzverwurzelte Einbildung wie das einbergende Sich-begeben zugleich bedeutet. In dieser gedoppelten Einhüllung sammelt sich das kindliche Dasein im spontanen (ausgehenden) Ausgreifen und im gehorsamen Sich-Einfügen immer auch im Innenraum des Herzensgedächtnisses, den wir als den „Reif und Ring des Herzens“ bezeichneten. Das wachsende und reifende Dasein ist in seiner ganzen Natur auf diese Lebensmitte hin gestimmt. Daher ist sie die innere Daseinsöffnung der wesenseinigen Menschennatur selbst, so daß das Reifen als substantieller Vorgang begriffen werden kann. Aus der Ausfaltung dieses Reifens ergab sich uns schließlich die metaphysische Begründung und Erhellung grundlegender Erfahrungen und methodischer Regeln der Montessori-Pädagogik sowie einiger zentraler Fragen der modernen Erziehungslehre. Dieser Rückblick enthüllt die innere Einheit der ontologischen Ausfaltung der Frage. In ihr erscheint die Kindschaft als der begründende Ausgang wie als wesenhafte Auszeichnung des menschlichen Daseins überhaupt. Ihre Erhellung lichtet den exemplarischen und ekstatischen Charakter des Daseins auf, in dem die sittliche wie die religiöse Existenz wurzelt. Darum ist die Kindschaft keine Phase, der man einfachhin entwachsen könnte. Ihre Empfänglichkeit, ihr liebender Enthusiasmus, Vertrauen, Lebensdank, Ehrfurcht, Fügsamkeit, einwohnende Innigkeit, die Lebenssammlung im Reif und Ring des Herzens sind der Wurzelgrund, aus dem das Dasein in die Blüte und Reife zeugenden Lebens heraufgeht und in erinnerter Kindschaft das Kind übernehmen und ins Heil rufen und führen kann. Es wäre die Aufgabe, im Fortgang zu zeigen, daß und wie alles Kindsein in der seinsbegründeten Kindschaft des Geschöpfes und in der Gliedschaft des Erlösten zu wesenhafter Vollendung kommt. Das Kindsein verstehen heißt, die Existenz des Menschen in ihrem religiösen Wesen enthüllen. An ihren Maßen entschleiert sich der moderne „Bildungs- und Erziehungsbetrieb“ in seiner zerstörerischen Heillosigkeit. Ist die Kindheit der währende Wesensgrund des Daseins, so kann man ihm nicht entwachsen, ohne von seiner fortwaltenden Wesensmacht, von der exemplierten Ekstasis des Ursprungs durchschüttert zu bleiben. Was die sogenannte moderne „Kultur“ in ihrer objektivierenden „Männlichkeit“ eigentlich ist, erscheint auf dem Grunde der Kindschaftsverleugnung und -verneinung als eine trostlose Barbarei und Verödung - als eine Verkehrung der exemplarischen Daseinserfahrung, seiner göttlichen Sinntiefe und exstatischen Innigkeit in einen ruhelosen Titanismus, in das kindische Treiben der Herzensunreife, in das zeugungslose Fiebern der aufgestörten Natur und das angstbesetzte, unpersönliche Sich-verlieren im Massenhaften und Gesellschaftlichen menschlich vereinzelter Arbeitsgesellen. Die Verdunkelung der exemplarischen Vernehmungskraft des Geistes zugunsten einer uferlosen Rechnerei läßt solche „Erwachsenen“ oft nur als verbost und raffiniert gewordene und meistens auch als verwilderte Kinder er-

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scheinen, die des Mitleids würdig wären, wären sie in ihrem geheimen Herzensverfall nicht in ekstatischer Lebensgier in götzenhafte Träume verstrickt, durch die sie nichts als unfruchtbares Verderben erzeugen. Die reine Flamme des Ursprungs ist nichts anderes als der appetitus infinitus, die „unendliche Sehnsucht“ des Menschenherzens, ohne die der Mensch in seiner Geschichte, in seinem Höchsten wie in seinem Verfall unverständlich bleibt. In dieser Metaphysik der Kindheit ist außer im Kapitel über das Böse wenig die Rede von jenen Tatsachen des Verfalls und der Erkrankung, die das heutige Schrifttum in tausend Abwandlungen füllen. Zugleich könnte es erscheinen, als würde das Leben „idealisiert“. Es legt sich der billige Einwand nahe, daß doch die Kindheit vieler Menschen ganz anders verlaufe und daß es darauf ankomme, realistisch das „psychologische Material“ aufzunehmen und von ihm her zu Erkenntnissen und Folgerungen zu kommen. Dieser Einwand übersieht, daß dieses „Material“ als solches uns nicht weise macht - weil man außerhalb einer metaphysischen Durchhellung des empfangenen und reifenden Lebens überhaupt nicht in der Lage ist, Vorgänge in ihrem Wesensgehalt zu erkennen und zu ordnen. Noch mehr wird verkannt, daß die Erkenntnis des Empfängnis-, des Auszeugungs-, Begabungs- und Reifevollzugs des menschlichen Daseins erst die Sicht freigibt in die erschreckende Dimension der Möglichkeit, die Entfaltung des Ursprungs zu hemmen, die Lebensflamme zu ersticken, den Empfängnisgrund zu überladen und zu vergiften und die gutheißende Gewilltheit zu verleiten. Nur das Wesen enthüllt die Unmacht des Un-wesens; nur das Wesens-gerechte trägt und ermöglicht Besinnung und hat die Vollmacht des Gerichtes. Unter dieser Sicht ist die Metaphysik der Kindheit ein einziger Gewissensanruf, das wahrhaft göttliche Vermächtnis der Mehrerschaft der zeugenden Liebe anzutreten, und eine beschwörende Warnung, die exemplarische und lautere Herzens-, Vernehmungs- und Reifekraft des Kindes nicht zu verstören oder mit dem Gemeinen, dem Verlorenen und Mißratenen unheiligen Lebens zu be-gaben. „Wer eines dieser Kleinen ärgert“-...... Die furchtbare Verfluchung unseres Herrn erscheint wie eine erschütternde Folgerung, die sich wie selbstverständlich für den ergibt, der dieses Buch mit Verständnis gelesen hat. Wesen und Heil des Kindes enthüllten sich nicht in der Aufzeichnung noch so reichen Materials kindlichen Lebens und Verderbens, sondern nur einer hellsichtigen Liebe, die es waltend in die sittlich gefügte Ordnung eines Hauses verwurzelt, die reine Flamme seines Wesens aus göttlichen Gründen nährt und es in fürsorglicher, opfernder Huld in die Freiheit gesammelter Herzensreife führt.

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